Erinnerung an Klaus Ringwald (Erwin Teufel)

Der Geschichts- und Heimatverein hält die Erinnerung an Klaus Ringwald wach. Unter der Leitung von Altdekan Kurt Müller besuchte der Verein auf einer Tagesfahrt mehrere Stätten mit Kunstwerken von Klaus Ringwald, unter anderen das Städtchen Kork bei Kehl mit dem „Stier von Kork“. Bei der Einweihung dieses Werkes am 8. August 2009 hielt unser Mitglied, Ministerpräsident a. D. Erwin Teufel, die Einweihungsrede, die wir nachstehend abdrucken.

Abb. 1: Prof. Klaus Ringwald.

 

Zuerst beglückwünsche ich Klaus Ringwald zu seinem 70. Geburtstag, den er vor zwei Tagen feiern konnte. Ich beglückwünsche Sie, lieber Herr Ringwald, zu Ihrem seitherigen Lebenswerk. Ich wünsche Ihnen Lebensfreude, Schaffenskraft und eine gute Gesundheit für die Zukunft.

Klaus Ringwald ist in Schonach im Schwarzwald geboren. Er ist ein Wälder, bodenständig, heimatverbunden, dickköpfig, mit eigener Meinung, nicht leicht davon abzubringen, keine Untertanenmentalität, skeptisch gegenüber jeder Obrigkeit.

Schonach liegt in eintausend Meter Höhe. Das schafft ihm einen Überblick, gibt ihm Weitblick. Auf die Landschaft am Rhein schaut er herunter.

Klaus Ringwald ist als Kind einfacher Leute geboren, von Menschen, die sich durchschlagen müssen gegen vielfältige Widrigkeiten der Natur, die Standfestigkeit zeigen müssen, wenn der Wind ins Gesicht bläst, in den Worten von Klaus Ringwald: „Es scheint, dass es in die Wiege gelegt ist, welchen Weg Gott für einen Menschen ausersehen hat.“

Klaus Ringwald hat vielfältige Talente und Begabungen mitbekommen. Er hat sie genutzt. Er hat Ideen, eine geistige Kraft, einen Willen zur Durchsetzung, eine Kunst zur Darstellung, eine große Gestaltungskraft. Das kann man nicht lernen, das ist einem geschenkt. „Was bist Du, das Du nicht empfangen hättest“, steht im Korintherbrief 4,7.

Das Werk

Das Werk eines Künstlers entsteht zunächst im Kopf. Es entspringt seiner Vorstellungskraft und Ausdruckskraft, seiner Beobachtungsgabe und Einordnung in ein Ganzes.

Die Aufnahme der Wesensmerkmale einer Person oder auch eines Stiers, wie hier, oder einer gegebenen Situation für die Wahrnehmung einer Gestaltungschance ist eine große Stärke von Klaus Ringwald. Das gilt für die Aufnahme der Lücke über dem Portal der Kathedrale von Canterbury, wie für die ausdrucksvollen Köpfe und Tiere. Eine Meisterleistung ist der porträtierte und in Bronze gegossene Charakterkopf von Carlo Schmid in der Residenz der deutschen Botschaft in Paris.

Abb. 2: Carlos Kopf II (Prof. Carlo Schmid).

 

Ein weiteres Beispiel sind die Figuren und Ereignisse auf den Bronzeportalen des Villinger Münsters und später auch des singulären Münsterbrunnens in Villingen. Seit den Portalen von Sant Zeno in Verona kenne ich nichts Vergleichbares bis zu den Münsterportalen in Villingen. All dieses Schaffen waren Stationen auf dem Weg zum Gipfel. Der Gipfel, der absolute Höhepunkt war der Auftrag an einen Deutschen zur Neuschaffung der großen Christus Auferstehungsfigur in der von den Deutschen im II. Weltkrieg bombardierten Stadt Canterbury. „In jedem steht ein Bild, des, was er werden soll: solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll“, sagt der Dichter Friedrich Rückert.

Wer es erreicht, für den entsteht der Kairos: für die Griechen die erfüllte Zeit, der große Augenblick, die Synthese von Wollen und Vollbringen.

Für Klaus Ringwald kam dieser Augenblick, als er mit 70 anderen Künstlern aufgefordert wurde, für das Portal der Kathedrale von Canterbury einen Vorschlag einzureichen und er den Gestaltungsauftrag erhielt.

Abb. 3: Christusfigur am Christ Church Gate in Canterbury.

 

Canterbury ist die Mitte der anglikanischen Kirche, Sitz des Erzbischofs und Kathedralkirche von England, Mutter aller britischen Kathedralen. 1643, in den Zeiten der Religionskriege, traten Ritterorden des Commonwealth in die Kathedrale ein und zerstörten sie. Zuerst holten sie die große Christusstatue des Pantokrates herunter, stürzten sie zu Boden und zerstörten sie. 347 Jahre war die Torfassung leer. Die Christuskirche war ohne ihre Hauptfigur.

Die letzten 50 Jahre stritt man, ob eine alte gotische Figur im alten Stil oder eine moderne Plastik an ihre Stelle treten solle, dann ob eine Steinfigur wie früher oder eine große Bronzeplastik.

Der interne Wettbewerb von 70 Künstlern verjüngte sich auf vier, zwei Briten, einen Franzosen und einen Deutschen: Prof. Klaus Ringwald.

Abb. 4: Der Stier von Kork.

Er bekam den Auftrag, weil er erkannte, dass in die Vertikale dieser großen gotischen Fassade eine Horizontale gehört. Er schuf einen großen Christus, der thront ohne Thron, der sitzt und dennoch in Bewegung ist, auf die Menschen zugeht mit weit geöffneten Armen und einer Gesichtshaltung, die nichts von einem Herrscher an sich hat, sondern einen Ausdruck von Güte und Liebe und Entgegenkommen. Jeder, der ihn sieht, denkt sofort an die Bibelstelle: „Kommt alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid. Ich werde euch aufatmen lassen.“ (Matth. 11,28).

Ein Jahrhundertauftrag für Klaus Ringwald, eine große Gestaltungsaufgabe, die Realisierung einer grandiosen Idee, das Sich-Versenken in die Person des Gott – Menschen Jesus Christus, unseres Erlösers.

Ein Auftrag, 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem deutsche Bomben auf die Stadt Canterbury fielen. Ein Symbol der Versöhnung von zwei Völkern, die sich als Feinde in vielen Kriegen gegenüberstanden.

Klaus Ringwald wurde mit einem Schlag ein Künstler und Bildhauer von internationalem Rang. Ich durfte ihn als Ministerpräsident aus Überzeugung zum Professor ernennen. Diesen Künstler von Rang haben Bürger von Kork für einen großen Auftrag gewonnen. Die Geschichte und Sage des Korker Stiers wurde geschildert und sie kennen sie besser als ich. Sie hat sich über Jahrhunderte gehalten und wurde zum Teil der Identität der Korker Bürgerschaft. Eine Gemeinde wie Kork, eine Stadt wie Kehl kann sich glücklich schätzen über solche aktive Bürger und Mäzene, über Kenntnis und Liebe zur Kunst und zur künstlerischen Gestaltung des öffentlichen Raumes und der Mitte einer Gemeinde. Ich möchte allen Förderern und Stiftern ein herzliches Wort der Anerkennung sagen.

Das Kunstwerk ist gelungen.

Der Stier, seit der Zeit der alten Sagen und Mythen der Völker Symbol der Kraft und der Stärke, wird diesem Ruf im Werk des Bildhauers Klaus Ringwald gerecht. Er strotzt vor Kraft, er hat die richtigen Proportionen, er ist auch als Guß hervorragend gelungen.

Nicht nur der Künstler, auch die Meister des Gießens und der Bronzekunst in München verdienen unsere ganze Anerkennung.

Der Stier ist aber auch Symbol für ein Tier, mit dem die Menschen seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden eng zusammenleben, den sie sich dienstbar gemacht haben, der seine Kraft den Menschen zur Verfügung stellte, der half, dass aus einer Urwald- und Naturlandschaft eine Kulturlandschaft wurde. Ein großer Tag für Kork, ein großer Tag für Prof. Klaus Ringwald.

Herzlichen Glückwunsch an den Künstler und an die Meister des Gießens und herzlichen Glückwunsch an alle Bürgerinnen und Bürger von Kork und von Kehl.

Anmerkung der Redaktion:

Die Bronzeskulptur ist inspiriert von der Korker Stierlaufsage, die in einer Urkunde von 1476 erwähnt wird. Ein blinder fünfjähriger Stierbulle sollte den strittigen Grenzverlauf im Korker Wald klären, um den es ständig Zwist gab. Sein Lauf sollte die Grenze künftig unanfechtbar darlegen. Vom „Korker Bühl“, dem heute mit Fachwerkgiebeln umsäumten Zentrum des Kehler Ortsteils, wurde er nach der Sage losgeschickt, dorthin kehrte er zurück und stieß sich sein eigenes Horn ins Herz. Die Blindheit, wie Helmut Schneider ( Historiker aus Kork) erläuterte, sei Symbol der Unbestechlichkeit – auch die Justitia hat verbundene Augen -, der Selbstmord Symbol für das Opfer, das der Allgemeinheit gebracht werde.

Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (6) Schülerleben in Villingen im 18. Jahrhundert (Michael Tocha)





 

 

 

 

 

 

Das Villinger Benediktinergymnasium war klein, selbst nach zeitgenössischen Maßstäben. Im Vertrag mit den Franziskanern 1670 war die Schülerzahl auf 12 beschränkt worden. Bei der feierlichen Grundsteinlegung der Kirche am 16. Mai 1688 konnten dann allerdings schon 16 „Jünglinge“ aufgeboten werden, die ein szenisches Spiel aufführten. Die Franziskaner hatten deutlich mehr Schüler; auch waren sie es und nicht die Benediktiner, die ab 1711 in Villingen einen philosophischen Kurs, also den Übergang zum Universitätsstudium, anboten. Bei der Vereinigung der beiden Gymnasien 1774 traten 39 von 42 Franziskanerschülern zu den Benediktinern über. Für das Jahr 1783 sind dann 55 Schüler im Benediktinerlyzeum nachweisbar, 42 in den Gymnasialklassen und 13 im philosophischen Kurs. Bis zur Aufhebung von Kloster und Gymnasium 1806 pendelte sich die jährliche Schülerzahl bei 50 – 70 ein. Das ergibt im Durchschnitt 8 – 12 Schüler pro Klasse – aus heutiger Sicht geradezu traumhafte Verhältnisse. 1 –

Zum Vergleich: Ehingen hatte im selben Zeitraum pro Jahr etwa 80 Schüler, 50 – 55 in den Gymnasialklassen, 25 – 30 in der Lyzeumsklasse. Auf das Jesuitengymnasium in Feldkirch gingen um die Mitte des 17. Jahrhunderts etwa 240 Schüler, zum Zeitpunkt der Aufhebung des Ordens 1773 allerdings nur noch 52. Am Jesuitenlyzeum in Konstanz, das auch für die Klerikerausbildung der Diözese zuständig war, gab es im 17. Jahrhundert 400 – 500 Studenten, im 18. Jh. noch 250 – 300. 2 Die sinkenden Schülerzahlen sind Folge der Politik Kaiserin Maria Theresias, Kinder aus niederen Ständen vom Gymnasium fernzuhalten.

Zwar hatten sich die Benediktiner, ebenso wie die Franziskaner, schon 1670 verpflichtet, Einheimische wie Auswärtige in ihre Schule aufzunehmen, aber in den ersten Jahrzehnten dürften so gut wie alle Schüler aus Villingen gekommen sein, und auch in späterer Zeit bildeten die Villinger die Mehrheit. In dem Maße jedoch, in dem sich das Benediktinergymnasium auch überregional einen Ruf erwarb, nahm die Zahl der auswärtigen Schüler zu, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vor allem nach der Verminderung der Zahl der Gymnasien in Vorderösterreich von 11 auf 6 im Jahre 1773. Ein Schülerverzeichnis von 1787 nennt außer Villingen die folgenden Herkunftsorte: Bräunlingen, Delkhofen, Donaueschingen, Freiburg, Heitersheim, Möhringen, Oberndorf, Riedlingen, Stühlingen, Überlingen, Weil und Weizen. 3 Es fällt auf, dass Schüler zwar aus dem Breisgau und Oberschwaben kamen, aber kein einziger aus den Nachbardörfern Schwenningen und Mönchweiler oder aus St. Georgen, dem Ursprungsort des Klosters. Die Konfessionsgrenze bestimmte auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch die Lebenswege, für einen württembergischen Protestanten war es nun einmal keine Option, bei katholischen Mönchen in die Schule zu gehen, und seien sie noch so gelehrt und aufgeklärt. Die Villinger Schüler wohnten zu Hause, die auswärtigen nahmen Kost und Logis bei Gastfamilien. Dort wurden sie oftmals wie eigene Söhne behandelt und fanden Ersatz für ihre ferne Familie, was naheliegt, wenn man bedenkt, dass sie in den unteren Klassen gerade einmal zehn oder zwölf Jahre alt waren. So entstand z.B. eine lebenslange Freundschaft zwischen Lukas Meyer, einem armen Bauernsohn aus Holzschlag bei Gündelwangen, später Pfarrer in der Bonndorfer Gegend, mit dem Sohn seiner Villinger Gastfamilie Schilling, der Amtmann in Waldshut wurde. 4

Der Unterricht war rezeptiv angelegt, er sollte die Schüler nicht zu eigenständiger Problemerkenntnis und kreativen Lösungen anregen, sondern ihnen einen kanonischen, über 200 Jahre hinweg kaum veränderten Bestand an Wissen und Fertigkeiten vermitteln. Entsprechend wurde vom Lehrer viel doziert, diktiert und abgehört, aber auch die Schüler waren an der Umwälzung des Lernstoffs aktiv beteiligt: sie hörten sich häufig gegenseitig ab und „zertierten“, d.h. zwei Schüler oder auch Klassenhälften wetteiferten mit einander, indem sie sich gegenseitig Fragen und Aufgaben stellten und dabei ein strenges Augenmerk auf die Fehler des anderen hatten. In der Rhetorikklasse gipfelten solche Interaktionsformen dann in formvollendeten scholastischen Disputationen. Das alles fand in relativ wenigen Unterrichtsstunden statt, nämlich vormittags und nachmittags jeweils zweieinhalb. Am Samstag wurden der Wochenstoff wiederholt und der Katechismus aufgesagt, die Woche schloss mit einer frommen Ermahnung. 5

Der Stundenplan lässt eine üppige Freizeit für die Schüler vermuten, doch die hatten sie in Wirklichkeit nicht, die Schule hatte sie auch außerhalb des Unterrichts fest im Griff. Zwar konnte es zwischen den Unterrichtsblöcken ausgedehnte

„Rekreations-“ oder Erholungsphasen geben, die jedoch von der Schule kontrolliert und mit Spielen, Leibesübungen, Spaziergängen und Ausflügen ausgefüllt wurden. 6 Die Disziplinarordnung Abt Cölestin Wahls von 1766 spricht mehrfach von Erholungstagen („dies recreationum“), an denen gleichwohl Hausaufgaben anzufertigen und die musikalische Unterweisung zu besuchen war. Die Hausaufgaben konnten umfangreich sein und bestanden in der Anfertigung von Exzerpten aus den lateinischen Schriftstellern und eigenen Aufsätzen, Auswendiglernen von Vorlesungsniederschriften sowie musikalischen Übungen. Der Mitwirkung der Schüler an der Kirchenmusik kommt historisch eine Schlüsselstellung zu, sie steht am Ursprung des klösterlichen Schulwesens: die Klöster benötigten Chorsänger und erteilten ihnen aus sachlicher Notwendigkeit und als Gegenleistung Unterricht in Gesang und Harmonielehre sowie in Latein. Dieser Zusammenhang bestand grundsätzlich auch im 18. Jahrhundert noch. Umfangreich waren auch die religiösen Pflichten, deren Erfüllung die Schule verlangte. Die Schüler mussten täglich die heilige Messe besuchen, üblicherweise nach dem Vormittagsunterricht, und in regelmäßigen Abständen beichten. Nach dem Willen Abt Cölestins sollten sich die Sänger und Musiker im Hochamt auf ihren Dienst konzentrieren und an Sonnund Festtagen zur größeren Sicherheit möglichst noch einen weiteren Gottesdienst mitfeiern. 7 Ein ganz besonders „großer Brocken“ war die alljährliche Aufführung des Schultheaters. Dafür musste wochenlang auswendig gelernt und geprobt werden, zu Lasten des regulären Unterrichts, wie zunehmend kritisiert wurde. Das war einer der Gründe, warum die österreichische Regierung das Schultheater 1764 einschränkte und 1768 gänzlich verbot.

Sofern bei diesem Schulprogramm überhaupt noch so etwas wie Freizeit übrig blieb, wurde diese vorsorglich ebenfalls streng reglementiert. In seiner Disziplinarordnung zählt Abt Cölestin allerlei unerwünschte Verhaltensweisen auf – Baden in der Brigach, Umgang mit Mädchen, Wirtshausbesuch, Herumstehen auf der Straße, Schulden machen und nennt auch gleich die Strafen dafür. Ob dergleichen in Wirklichkeit überhaupt vorkam, ist angesichts der Vereinnahmung der Schüler durch die Schule zu bezweifeln. Harmlos erscheint es allemal. Im Übrigen gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass jemand mit solchen Zuständen unzufrieden war. Der Besuch des Gymnasiums war ein Privileg; dass man seine Regeln und Anforderungen erfüllte, verstand sich dabei von selbst.

Verweise

1 Die Zahlen für Villingen sind aus folgenden Aufsätzen zusammengestellt: Christian Roder: Die Franziskaner in Villingen, in: FDA N.F. 5, 1904, S. 52 u. 267; ders.: Das Benediktinerkloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seinen Beziehungen zur Stadt Villingen, in: FDA NF. 6, 1905, S. 44 Anm. 1 u. S. 275; ders.:, Das Schulwesen im alten Villingen, in: ZGORh NF. 31, 1916, S. 244.

2 Vgl. http://www.bgfeldkirch.at/main/geschichte1.htm,
http://www.kloester-bw.de/klostertexte.php → Ort / → Ehingen a.d. Donau → Benediktinergymnasium Ehingen / → Konstanz

→ Jesuitenkolleg Konstanz (Aufruf 16. 1. 2015).

3 Vgl. GLAK 100, Nr. 726; Ute Schulze: Die Benediktiner von St. Georgen zu Villingen. Das Schicksal der Mönche vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis 1807, in: GHV XIII, 1999/2000 S. 82.

4 Vgl. Franz Hilger: Benediktinerpater Lukas Meyer, http://www. grafschafthauenstein. de/personen/lukas-meyer.htm (Aufruf 26. 1. 2015)

5 Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Anfang des Mittelalters bis zur Gegenwart, I, 1919, S. 425.

6 Vgl. Gerald Grimm: Die Schulreform Maria Theresias 1747 – 1775, Frankfurt/M. 1987, S. 253

7 Vgl. GLAK 184 Nr. 715, Abschnitte III, XIII f.

Jahresrückblick 2015 (Helga Echle)

Das Vereinsjahr des Geschichts- und Heimatvereins begann mit einer Führung in der Aluminiumgießerei Villingen.

Die früher umgangssprachlich einfach als Aluwerke bezeichnete Firma in der Villinger Goldenbühlstraße firmiert heute unter dem Namen Aluminium Werke GmbH Villingen.

Die große Schar interessierter Mitglieder bekam von den Geschäftsführern Hans Mack und Uwe Klier eine spannende Einführung in die wechselvolle Geschichte der Aluwerke.

Abb. 1: Die Teilnehmer bei der AGVS.

 

Während einer Führung an den einzelnen Produktionsschritten konnte die Herstellung von Alugussteilen von der Sandform bis zum fertigen Produkt eindrucksvoll besichtigt werden.

Im Februar hielt Michael Buhlmann den überaus interessanten Vortrag: „Das Konstanzer Konzil und Villingen“, die politischen Auseinandersetzungen zwischen Herzog Friedrich IV. von Österreich und König Sigismund“, der sich hervorragend an den Besuch des Konstanzer Konzils vom Vorjahr anschloss.

Bei der Jahreshauptversammlung im Hotel Diegner musste ein neuer Erster Vorsitzender gewählt werden, da Herr Günter Rath dieses Amt nach über 25 Jahren krankheitshalber aufgeben musste. Als Dank wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Durch Umstrukturierung in der Vorstandschaft, Herr Dr. Kury verzichtete auf sein Amt als 2. Vorsitzender, wurde Herr Werner Echle zum Vorsitzenden und Herr Andreas Flöß zum Vorsitzenden gewählt. Herr Rath und Herr Dr. Kury wurden zu Beiratsmitgliedern berufen, Herr Froese wurde in seinem Amt als Schatzmeister bestätigt.

Abb. 2: Der „neue“ Vorstand des GHV. v. l.: Werner Echle, Helga Echle, Hasko Froese, Andreas Flöß.

 

Die Öffentliche Tagung des Stadtarchivs, in Zusammenarbeit mit dem GHV, vom 12. bis 14. März „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen. Alemannien und das Reich in der Zeit Kaiser Ludwigs des Frommen“ war mit vielen hochkarätigen Vorträgen äußerst interessant und wurde gut angenommen.

Die erste Tagesfahrt führte unter der Leitung von Werner Echle in die Europastadt Breisach am Rhein und an den Kaiserstuhl.

In Breisach genossen die Teilnehmer eine eindrucksvolle Führung auf dem Münsterberg mit Gästeführerin Inge Gumpert. Sie informierte über die Geschichte der Stadt, die durch Ihre Lage am Rhein eine der bedeutendsten Städte am Oberrhein war. Erklärungen im Münster und im Radbrunnen rundeten diese Führung ab.

Im zweiten Teil besuchte die Gruppe das Weingut Köbelin in Eichstetten. Diesen Teil des Programms hat das Vereinsmitglied Uwe Lauinger vermittelt. Die junge Winzerfamilie Köbelin leitet diesen Familienbetrieb in der sonnenreichsten Gegend Deutschlands. Herr Köbelin hat nicht nur seine hervorragende Philosophie und den modernen Betrieb vorgestellt, sondern auch in imposanter Atmosphäre, sowohl im Betrieb als auch im Weinberg, seine Weine zur Verkostung ausgeschenkt. Seine Erklärungen über Geschichte, Tradition, Kulturlandschaft, Bodenqualität und die ökologischen Prinzipien seines Anbaus haben die Besucher sehr beeindruckt.

Abb. 3: Winzer Arndt Köbelin erklärt den Weinanbau.

 

In Zusammenarbeit von Stadtarchiv und GHV gab Herr Dr. Maulhardt einen eindrucksvollen Reisebericht in Bildern „Wie gedenkt die polnische Heimat des vor Villingen 1942 ermordeten Zwangsarbeiters Marian Lewicki“.

Auf den Spuren der Straßburger Kulturgeschichte wandelte eine große Teilnehmergruppe bei einer Tagesfahrt nach Straßburg. In einem zweistündigen Rundgang unter der Führung von Beiratsmitglied Michael Tocha erkundeten die Teilnehmer die französische und deutsche Architektur der Stadt. Die Besichtigung des denkmalgeschützten Jugendstil-Stadtbads von 1904 ließ erkennen, wie architektonischer Prunk, der in der Adelsgesellschaft nur wenigen vorbehalten war, im 20. Jahrhundert auch für Alltagsbedürfnisse zugänglich wurde.

Abb. 4: Herr Tocha erläutert die französische Architektur.

 

Für den Nachmittag hatte Beiratsmitglied Karl-Heinz Weisser den Besuch der Kirche Saint-Pierrele-Jeune organisiert. Gemeinsam mit einer elsässischen Gruppe wurde den Besuchern aus Villingen das mittelalterliche Bauwerk mit einem der ältesten Kreuzgänge nördlich der Alpen vom Gemeindepfarrer in französischer und deutscher Sprache erschlossen. Zum Abschluss erzählte Marc Schaefer, Professor am Straßburger Konservatorium und Mitinitiator der Orgelrekonstruktion in der Villinger Benediktinerkirche, die Geschichte der Silbermann-Orgel von Saint-Pierre-le-Jeune und brachte mit Werken von Bach, Couperin, Battmann und Böhm ihren Klangreichtum eindrücklich zu Gehör. Die Teilnehmer waren sich einig, dass sie auf dieser Reise neue und bisher unbekannte Seiten Straßburgs entdecken konnten.

Vom 12. – 19. Mai waren 35 Mitglieder des Geschichts-und Heimatvereins Villingen in Zypern. Unter der bewährten Führung von Klaus Weiss besichtigten sie zunächst die Republik Zypern und anschließend die Türkische Republik Nordzypern.

Die wechselvolle Geschichte Zyperns wird vor allem durch die Lage der Insel im östlichen Mittelmeer bestimmt. Bereits 8000 v. Chr. gab es Anzeichen menschlicher Existenz. Zypern wurde nacheinander von den Ägyptern, Persern, Griechen, Ptolemäern, Byzantinern, Kreuzrittern, Franken, Venezianern, Türken und Briten beherrscht. Jede dieser Kulturen hat ihre Spuren in Architektur, Lebensstil, Sprachen, Mentalität und kriegerischen Auseinandersetzungen hinterlassen.

Es wurden wunderschöne Kirchen und Klöster, Moscheen, römische Ausgrabungen mit Mosaiken, massive Stadtbefestigungen und schöne Bürgerhäuser besichtigt.

Abb. 5: Die Teilnehmergruppe im türkischen Nordteil der Insel Zypern.

 

„Moden. Schwarzwälder und andere Hüte“ war der Titel der Ausstellung im Franziskaner-Museum, die im Rahmen des Jahresprogramms des Franziskanermuseums besucht wurde. Frau Dr. Anita Auer führte die Mitglieder kompetent

Abb. 6: Frau Dr. Auer erläutert die Ausstellung.

 

und kurzweilig durch die Ausstellung. Sie erklärte leicht verständlich die 3 Kopfbedeckungen, die den Schwarzwald symbolisieren: Den Bollenhut, den Zylinder, den Schnotz. Von der Vielfalt der ausgestellten Hutarten und den Erklärungen über die Entstehung und Entwicklung des Strohgeflechts waren die Besucher sehr beeindruckt.

Im Juni machte sich eine Gruppe von 60 Teilnehmern auf zu einer Halbtagsfahrt zur Staatsbrauerei Rothaus in Grafenhausen. Das Unternehmen wurde als Klosterbrauerei des Benediktinerklosters St. Blasien im Jahr 1791 gegründet und fiel im Jahr 1806 im Rahmen der Säkularisierung an das Großherzogtum Baden. Den Besuchern imponierte besonders die großartige Brautechnik und die großen Abfüllanlagen.

Abb. 7: Die große Teilnehmergruppe vor der Staatsbrauerei Rothaus.

 

Die wechselvolle Geschichte des Saarlandes lernte eine tapfere Gruppe kennen, denn trotz tropischer

Abb. 8: Die Saarlandreisenden vor dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

 

Hitze bewältigten alle das abwechslungsreiche Programm. Sie lernten die Schönheiten des kleinen, weithin unbekannten Bundeslandes kennen.

Eine Stadtführung in der Landeshauptstadt Saarbrücken mit der wunderschönen barocken Ludwigskirche, das Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die Saarschleife, die Weltfirma Villeroy und Boch sowie die Besichtigung eines Steinkohle-Schaubergwerks beeindruckten sehr. Natürlich musste auch die spezielle Saarländische Küche probiert werden. Als begeisterte „Saarlandkenner“ kehrte die Gruppe nach Hause zurück.

Abb. 9: „Glück Auf“ – vor dem Schaubergwerk Grube Velsen.

 

Bei der Tagesexkursion mit Dekan Josef Fischer ins Markgräfler Land war der Andrang so groß, dass viele Interessierte zu Hause bleiben mussten. Die von ihm ausgesuchte Tour führte zunächst in „ein Pracht stück für Kunstliebhaber“, die katholische Barockund Wallfahrtskirche St. Ulrich bei Bollschweil.

Abb. 10: Dekan Josef Fischer erklärt die Barockkirche St. Ulrich bei Bollschweil.

Nächstes Ziel war die dem römischen Märtyrer St. Cyriak geweihte frühromanische evangelische Pfarrkirche St. Cyriak Sulzburg, die zu den ältesten Kirchen Deutschlands zählt. Am Nachmittag wurde die Gruppe durch Badenweilers wertvollstes Erbe, die Römische Therme, geführt.

Abb. 11: Die evangelische Pfarrkirche St.. Cyriak in Sulzburg.

 

Im August starteten 26 Mitglieder des GHV unter der Leitung von Hasko Froese ins Baltikum, um die Länder Estland, Litauen und Lettland kennen zu lernen. Sie waren beeindruckt von der Altstadt Tallins, der Hauptstadt Estlands. Es folgte ein Besuch in Lettland, u.a. im Gauja Nationalpark, dann ging es weiter nach Riga, das die Besucher regelrecht begeisterte, besonders die vielen wunderschönen Jugendstilbauten.

Abb. 12: Der Rathausplatz in Riga.

 

Im Dom gab es Gelegenheit, ein Orgelkonzert mit der zweitgrößten Orgel der Welt zu genießen. Auch in Litauen gab es bewegende Eindrücke z.B. am Berg der Kreuze, einem Zeugnis für litauische Frömmigkeit und den Widerstand gegen Unterdrückung oder in Vilnius, der Stadt der vielen Kirchen. Während der Exkursion lernten die Teilnehmer nicht nur die 3 unterschiedlichen baltischen Länder mit ihrer Geschichte, Kultur und ihren Menschen kennen, sondern sie erfuhren auch Beeindruckendes über die gemeinsame politische Vergangenheit.

Abb. 13: Die Gruppe vor dem Rathaus in Kauna (Litauen).

 

Am 24. September konnten Mitglieder des GHV die von der befreundeten Historischen Narrozunft Villingen in langer und aufwendiger und mit viel Eigenarbeit umgebauten Zehntscheuer besichtigen. Der Zunftmeister Joachim Wöhrle und der Ehrenratsherr Hansjörg Fehrenbach -der Bauleiter für dieses Projekt war führten die beiden Gruppen durch das „neue“ Haus. Sie gaben den Teilnehmern viel Informationen über Planungs- und Baudetails, die Finanzierung und die Nutzung dieses in Villingen wohl einmaligen Projekts, das auch vom GHV unterstützt wurde.

Die Mitglieder des GHV waren sehr beeindruckt von dem sanierten Gebäude und der großen Leistung der Historischen Narrozunft.

Unter der bewährten Führung von Pfarrer Kurt Müller begab sich eine Gruppe auf eine Tagesfahrt

Abb. 14: Kirche St. Jakob in Pfullendorf.

 

zum Besuch dreier wunderschöner Kirchen. Bereits im Bus gab er Einführungen über Geschichte und Ausstattung der Kirchen in Meßkirch, Kloster Wald und Pfullendorf. Dabei konnte er auch zahlreiche Bezüge zu Villingen herstellen (Palmesel-Christus, Nepomuk-Figur). Die gut erhaltenen Dachziegel der renovierten Kirche in Meßkirch wurden bei der Renovierung des Abt-Gaisser-Hauses verwendet. Die Klosterkirche von Kloster Wald beeindruckte die Teilnehmer durch eine sehr schöne Innenausstattung. Die Kirche in Pfullendorf bot abschließend eine Fülle an barocken Farben, Stuckelementen, Formen und Bildern.

Abb. 15: Pfarrer Müller erläutert die Kirche im Kloster Wald.

 

Die letzte Tagesexkursion des Vereinsjahres ging unter der Leitung von Eberhard Härle nach Calw und Hirsau. Beim Besuch des Hesse-Museums erfuhren die Besucher viel über das Leben, die Werke und die weltweite Bedeutung des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse. Wie wurde früher aus Fellen durch Rot-und Weißgerberei Leder hergestellt? Die Antwort erhielten die Besucher in dem durch private Initiative wieder hergestellten Gerberei-Museum. Ein Stadtrundgang durch Calw mit seinen 200 unter Denkmalschutz stehenden wunderschönen Fachwerkhäusern, durfte nicht fehlen.

Abb. 16: Marktplatz in Calw.

 

Von dem am Nachmittag besuchten Kloster Hirsau sind noch die spätgotische Marienkapelle, Reste des Kreuzgangs und der romanische Eulenturm erhalten.

Abb. 17: Kreuzgang und Marienkapelle Kloster Hirsau.

 

Im November war der GHV wieder im Franziskaner Museum zu Gast. Unter dem Thema „Bunt und prächtig. Glanzlichter in der stadtgeschichtlichen Abteilung des Museums“ führte uns Frau Dr. Anita Auer und Herr Dr. Michael Hütt kompetent und mit großem Fachwissen durch die Ausstellung.

Den Reigen der Veranstaltungen schloss – wie immer – der gut besuchte, in einem stimmungsvollen Rahmen stattfindende „Besinnliche Abend“ im Hotel Diegner, bei dem erfreulicherweise Günter Rath noch einmal die festliche Ansprache hielt.

Ehrungen für Günter Rath und Dr. Helmut Kury

Im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 11. März 2015 ehrte der Geschichts- und Heimatverein die ausscheidenden Vorstandsmitglieder Günter Rath und Dr. Helmut Kury für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement.

Günter Rath wurde zum Ehrenvorsitzenden und Dr. Helmut Kury zum Ehrenmitglied ernannt.

Günter Rath 23 Jahre lang von 1993 – 2015 erster Vorsitzender

Günter Rath musste zum Bedauern der Vereinsmitglieder nach 23 Jahren im Amt als erster Vorsitzender aus gesundheitlichen Gründen auf eine erneute Kandidatur verzichten.

Das war Anlass und Ehre für den neuen ersten Vorsitzenden Werner Echle, ihm zu danken und ihn zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Günter Rath, 1948 in München geboren, seit 1953 in Villingen, ist seit 1982 Mitglied im Geschichts- und Heimatverein. Er war bis 1991 Mitglied im Beirat und wurde 1991 zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Nach einem Jahr übernahm er, wegen Krankheit von Hubert Waldkircher, die Aufgabe des ersten Vorsitzenden. 1992 wählte ihn die Jahreshauptversammlung zum ersten Vorsitzenden. In diesem Amt wurde er weitere 10-mal für insgesamt 22 Jahre bis 2015 wiedergewählt.

In seiner Laudatio ging Werner Echle auf die vielen Leistungen von Günter Rath ein, die dazu führten, dass er einen erfolgreichen Verein mit 600 Mitgliedern und großem Ansehen in der Stadt übergeben konnte, der nach 47 Jahren seines Bestehens aus dem Stadtgeschehen nicht mehr wegzudenken ist. Er sprach von großem Glück für den Verein, dass Günter Rath diese Aufgabe so lange wahrnehmen konnte.

Beispielhaft sind zu nennen:

23 Jahreshefte und Jahresprogramme, viele weitere Veröffentlichungen wie Sonderausgabe zur 1000 Jahr-Feier, „Kreuze in der Feldflur“ und „Große und kleine Gotteshäuser“, großes Engagement für die Rekonstruktion der Silbermannorgel, Kunst- und Krippenausstellungen, Stele zum ehem. Stationenweg am Friedhof, Geschichts- und Naturlehrpfad, Teilnahmen am Weihnachtsmarkt, Einrichtung Geschäftsstelle im Münsterzentrum. Unterstützung Palliativzentrums, Theaterkulissen, Zehntscheuer, Historienbilder von Albert Säger.

Echle beendete seine Ansprache wie folgt:

„Lieber Günter,

Karl Simrock sagte: Was du nicht mit Geld bezahlen kannst, bezahle wenigstens mit Dank.

Da Deine Leistung für den Verein unbezahlbar ist, bleibt uns allen nur der Dank an Dich.

Ich möchte Dir im Namen der Vorstandschaft, des Beirats und der Vereinsmitglieder Dank sagen für alles, was Du als Vorsitzender dem Verein und uns allen gegeben hast. Du bist der erste Vorsitzende des GHV, der so lange in diesem Amt dem Verein auf Deine besondere Art und Weise gedient hat. Du hast in unserem Geschichts- und Heimatverein „Geschichte“ geschrieben.

Dafür möchte der Verein Dir etwas zurückgeben. Wir ernennen Dich zum Ehrenvorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins Villingen e. V. Wir dürfen Dir die Urkunde überreichen und ein Bild mit einem Motiv aus Villingen von dem Villinger Maler Max Roth übergeben.

Mit einem herzlichen Vergelt`s Gott wünschen wir Dir alles Gute und beste Gesundheit und freuen uns auf künftige Begegnungen im Beirat und bei Veranstaltungen des Vereins.“

Dr. Helmut Kury, 22 Jahre zweiter Vorsitzender Auf der Suche nach neuen Vorstandmitgliedern hat sich erfreulicherweise Andreas Flöß bereit erklärt, Verantwortung in der Vereinsführung als zweiter Vorsitzender zu übernehmen. Um dies zu ermöglichen, hat Herr Dr. Kury angeboten, seine Funktion als 2. Vorsitzender zur Verfügung zu stellen. Hasko Froese übernahm die Laudatio für Dr. Kury, der 1987 in den Verein eingetreten ist, anschließend einige Jahre im Beirat mitgearbeitet hat und 1993 erstmals zum zweiten Vorsitzenden gewählt wurde. In diesem Amt wurde er insgesamt 22 Jahre bestätigt.

Sein großes Wissen und seine Leidenschaft für die Kunst bildete die Grundlage für seine Schwerpunkte in der Vereinsarbeit. Mit Vorschlägen und der Organisation von Führungen in Galerien und Fahrten zu Kunstausstellungen hat er entscheidend den Stellenwert der Kunst in der Vereinsarbeit gefördert.

Dazu zählen auch verschiedene Berichte in den Jahresheften über Villinger Maler wie Richard Ackermann, Max Roth, Guido Schreiber und Oskar Wickert.

Froese dankte ihm ganz herzlich für die langjährige Mitarbeit im Vorstand, während der er den ersten Vorsitzenden loyal unterstützt und beraten hat und für die übergangsweise Übernahme der Funktion des ersten Vorsitzenden während dessen Krankheit im vergangenen Jahr bis zur Jahreshauptversammlung. Außerdem für seine Bereitschaft, seine Erfahrung und sein Wissen weiterhin als Mitglied im Beirat einzubringen.

Als Dank für diese Leistung wurde Herr Dr. Kury zum Ehrenmitglied ernannt. Dafür erhielt er eine Urkunde und einen Geschenkkorb.

300 Jahre Villinger Stadthof in Unterkirnach (Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt)

Feier am 19. September 2015

Grußwort der Stadt Villingen-Schwenningen

Sehr geehrte Familie Hug, sehr geehrter Herr Bürgermeister Braun, sehr geehrte Festgäste,

ich überbringe Ihnen die Grüße der Stadt Villingen-Schwenningen zum runden Jubiläum eines der traditionsreichsten Gebäude von Unterkirnach, mit dem nicht wenig Ortsgeschichte verbunden ist. Sie werden fragen, was verbindet die Stadt Villingen-Schwenningen mit diesem Jubiläum? Und hier meine Antwort: Der Namensbestandteil ,Stadt‘ des Stadthofes bezieht sich auf die Stadt Villingen, die sich im Jahre 1972 mit Schwenningen zusammenschloss.

Villingen hatte im Mittelalter eine städtische Entwicklung genommen. Ausgehend von der Marktrechtsurkunde im Jahre 999 kam es seit dem 12. Jahrhundert zu einer stürmischen Entwicklung zur Stadt mit all ihren Merkmalen: Bau der Stadtmauer mit Wall und Graben, Entstehung eines Zunftbürgertums, relative Unabhängigkeit vom Landesherrn Habsburg, Markt-, Münz- und Zollort.

Abb. 1: Stadthof Unterkirnach. Foto: Wolfgang Armbruster.

 

Was am Ende des Mittelalters noch fehlte war die Ausdehnung der Stadtherrschaft vor den städtischen Mauern. Ab dem 13. Jahrhundert kaufte Villingen systematisch 1 alle nahe der Stadt gelegenen Höfe und ab 1466 auch die Dörfer in der Nachbarschaft, beginnend mit der Herrschaft Warenburg sowie die Dörfer des Brigachtals, Rietheim, Marbach, Klengen, Überauchen, Grüningen und den Weiler Beckhofen. 1383 wurde die Burg Kirneck mit Teilen des Walddistrikts Langmoos erworben. 1510 kamen dann vom Kloster Tennenbach, das eine große Rolle im Mittelalter in Unterkirnach spielte, die Höfe „in der unteren Kirnach“, das heutige Unterkirnach, hinzu. Der Villinger Einflussbereich wurde abgerundet durch den Erwerb von Nordstetten, Pfaffenweiler sowie der Spitalund Heringshöfe. Am Ende der Einkaufstour vergrößerte sich die Stadtherrschaft um ca. 12.000 ha. Die nun von Villingen abhängigen Orte und Höfe hatten Zinsen zu leisten sowie Fuhrund Frondienste, Einquartierungen und militärische Dienste zu erdulden. Zu dem Tennenbacher Kauf gehörte auch der Roggenbacher Hof, ein Kernstück des Tennenbacher Klosterbesitzes in Unterkirnach. Wolfgang Armbruster bezeichnet den Hof in der vorliegenden Festschrift als den „historischen Mittelpunkt“ von Unterkirnach 2. 1680 gelangte der Hof endgültig in das Eigentum der Stadt. Er brannte 1714 ab. „Im selben Jahr entschließt sich Villingen, unter Verwendung der teilweise behauenen Sandsteine der Brandruine, ein neues Hofgebäude zu erstellen, jedoch etwa 200 m nördlicher(…).“ 3 Unser Jubiläum bezieht sich auf den bereits ein Jahr später fertiggestellten neuen Stadthof von 1715. Damals hieß er noch Roggenbacher Hof. Später änderte sich diese Bezeichnung in Stadthof. Den neuen Hof, in dem eine Gastwirtschaft betrieben werden durfte, verpachtete die Stadt unmittelbar nach der Fertigstellung. 4 Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert muss Villingen den Hof vollständig veräußert haben. Der Name Stadthof blieb trotz des Verkaufs bis zum heutigen Tag erhalten.

Der von der Stadt Villingen vor 300 Jahren gebaute Stadthof mit Gastwirtschaft war und ist ein Mittelpunkt von Unterkirnach, er zog auch viele Villinger an, die hier einkehrten, Feste feierten oder Versammlungen abhielten. Vor 20 Jahren hielt ich anlässlich eines Familientreffens der Sippe Blessing im Stadthof einen Vortrag zur Familiengeschichte. Es war nicht alles gut, was von Villingen aus für Unterkirnach bestimmt war, insbesondere in Kriegszeiten. Die etwa 300 Jahre dauernde Stadtherrschaft war für die Unterkirnacher zweifellos auch eine Last in Gestalt von Abgaben, Fron- und Militärdiensten. Der von Villingen errichtete Stadthof darf dagegen als Wohltat für Unterkirnach betrachtet werden.

Ich wünsche dem Stadthof und seinem Wirt Josef Hug im Namen der Stadt Villingen-Schwenningen alles Gute für die Zukunft. Möge der Stadthof auch in Zukunft ein geschätzter Ort für Freundschaften, Heimat, Dorfleben, Gastlichkeit und Begegnungen sein nicht zuletzt auch für Villinger und Schwenninger.

Anmerkung

1 Vgl. auch im Folgenden: Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen. Im Spiegel der Protokolle des 17. und 18. Jahrhunderts. 3. Auflage. Villingen-Schwenningen 1993 (1976), S. 12.

2 Wolfgang Armbruster: 300 Jahre Stadthof Unterkirnach. Herausgeber Verein für Heimatund Orchestriongeschichte Unterkirnach e. V. Unterkirnach 2015.

3 Armbruster, S. 4.

4 Vgl. Klaus Maiwald u. a.: Unterkirnach. Geschichte einer Schwarzwaldgemeinde. Unterkirnach 1994, S. 46 – 50.

Das andere Alphabet Das französische Militär in Villingen 1945 – 2015 Eine kleine Geschichte der französischen Präsenz in Villingen (Pascale Loreau)

Abb. 1: Villinger Kasernen im Winter 1971.

 

Die Idee dieses bescheidenen Artikels ist nicht, die Geschichte nochmal zu schreiben. Es wurde und wird schon reichlich getan, insbesondere anlässlich zahlreicher Jubiläen und historisch geprägten Zeremonien. Dieser Beitrag versteht sich mehr als ein Versuch, die Entwicklung der deutschfranzösischen Beziehungen in Villingen „unhistorisch“ vorzustellen mit Schwerpunkt auf die „kleine Geschichte“, alphabetisch dekliniert.

A

Anmarsch der französischen Truppen in Villingen. In den Abend- und Nachtstunden des 20.04.1945 drangen französische Kampfeinheiten in Villingen ein. Diese Truppen gehörten dem 27. französischen Infanterieregiment an.

B

Besetzung der Stadt Villingen bis 1955. Villingenals französische Garnison gehörte zur französischen 3. Panzerdivision und zum Stationierungsgebiet Süd, zusammen mit Achern, Breisach, Donaueschingen, Kehl, Freiburg, Friedrichshafen, Müllheim, Offenburg und Stetten. Nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO, nach dem Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag von 1963 sprach man von Stationierung. Das französische 19. Jägerregiment, die „Chasseurs“, zog in die Kasernen ein.

C

Casernes. Welvert-Kaserne, die damalige Boelcke-Kaserne, wurde vom französischen Militär in Caserne Welvert umbenannt. Der General Welvert (1884 – 1944) war ein französischer Offizier, der meistens in den französischen Kolonien stationiert war. 1967 wurde ein Grundstück von der Welvert-Kaserne abgegeben, um die Kirnacher Strasse zu erweitern. Bis in die 1990er Jahre wurde die Kaserne immer weiter nachgerüstet: Raketenrampen, Garagen, Hallen. 1997 wurde die Kaserne geräumt, im November 2001 definitiv abgegeben. Die Richthofenkaserne, an der Vöhrenbacher Strasse entlang, ist jetzt eher als Lyautey-Kaserne bekannt. In den 80er Jahren haben mehrere pazifistische Demonstrationen von der Innenstadt zu den Kasernen stattgefunden. Die letzte Aktion war Mitte 1995. Im August 1997 wurde die LyauteyKaserne zurückgegeben.

Die Mangin-Kaserne wurde ab 1998 gemein sam von der Bundeswehr und der französischen Armee benutzt, anlässlich einer Grundsanierung der Unterkünfte, zuerst in Immendingen, dann in Donaueschingen. Die Mangin-Kaserne wurde 2014 zurückgegeben. Cités. Die „Cités“ waren die Wohnsiedlungen des Zivil- und Militärpersonals und deren Familien. Es waren die Cité Erbsenlachen in der Schleicherstraße und die Cité Pictorius in der Dattenbergstraße, Förderestraße und Pictoriusstraße. Die Villa des Kommandeurs in der Trudpert-Neugartstraße wurde im Dezember 1953 vom Bund an die französischen Streitkräfte gegeben und im August 1998 zurückgegeben. Dazu kamen Wohngebäude in der Alban Doldstraße, in der Schertlestraße und in der Freiburger Straße. 2015 übergaben die französischen Streitkräfte 272 Wohnungen in Villingen und kündigten 31 Pachtwohnungen.

 

 

 

 

 

 

D

Deutsch-Französische Gesellschaft/Cercle Franco-Allemand. Die DFG in Villingen wurde im Jahre 1966 gegründet, mit dem Ziel, die Verhältnisse zwischen Garnison und Bevölkerung in Villingen zu verbessern. Sie fördert Veranstaltungen, bei denen sich Deutsche und Franzosen begegnen: Ausflüge, Stammtische, Besichtigungen, Wanderungen, usw. Der Anteil der Deutschen in der DFG betrug bis 6,5 % der Villinger Bevölkerung (1992). Es sind nicht nur militärische sondern auch zivile Personen. Fast 100 Franzosen arbeiten in Villinger Betrieben. Die ca. 1000 „militärischen“ Franzosen verließen Villlingen im Sommer 2015. Das deutsch-französische Leben geht aber weiter mit Gastronomie, Partnerschaften, Vereinen und Treffen.

E

Ecoles. Die Anwesenheit der französischen Soldaten hat dazu geführt, dass verschiedene Schulen eröffnet wurden. In Villingen waren zwei französischen Schulen: die Ecole élémentaire (Grundschule) Pierre de Ronsard in der Bärengasse, Klosterring 21, wurde am 02.11.1945 eröffnet und zog später in die Dattenbergstrasse 24, Ecole Romäus umgenannt; die Ecole Maternelle (etwa Kindergarten) P. Kergomard in der Schleicher-strasse. In der Elementarschule in der Dattenbergstraße wurde bis Juni 2014 unterrichtet.

F

Französische Streitkräfte. 1945 kamen die Franzosen nach Villingen als Besatzungstruppen. Ab dem 05.05.1955 wurden die Besatzungstruppen „Stationierungstruppen“ genannt.

G

Garnison. 1991 wurde die Deutsch-Französische Brigade gegründet. Die französischen Einheiten, sowie sie in Deutschland schon stationiert waren, lagen in den Baden-württembergischen Standorten Müllheim, Donaueschingen, Immendingen und Villingen.

H I

Infanterie. Das 110. Infanterie-Regiment war das letzte französische Regiment in der Garnison Donaueschingen-Villingen auf deutschem Boden, im Rahmen der Deutsch-Französischen Brigade. Die Auflösung des Regiments wurde offiziell am 30.10.2013 bekanntgegeben. Der Auflösungsapell fand am 24.06.2014 statt. Der Abschied von der Garnison Villingen fand einige Tage später statt.

J K

Kindergärten. 1953 besuchten 10 französische Kinder deutsche Kindergärten. Dagegen gingen 50 französische Kinder in französische Kindergarten. 30 deutsche Kinder besuchten damals französische Kindergärten. Der letzte französische Kindergarten in Villingen, La souris verte (die grüne Maus) Ecke Kirnacher Straße – Pontarlier Straße, schloss seine Türen im Mai 2014. Kirche. Das Villinger Münster wurde in den 50iger Jahren jeden Sonntag um 11.00 Uhr für die Franzosen reserviert. Der Gottesdienst wurde in Latein gesprochen, die Ministranten waren Deutsche.

Abb. 2: Französische Schule.

 

Kino. Ab 1952 wurde das Theater am Ring für die französischen Soldaten als Kino benutzt. Im Jahre 1955 wurde ein Grundstück in der damaligen Lessingstrasse (heute Pontarlierstrasse) beschlagnahmt, um ein Kino, ein Offizierskasino und eine Post zu bauen.

L

Logistik. Villingen war für die französische Armee ein Verbindungszentrum für militärische Transporte. Material und Güter wurden bis/von Tuttlingen, Reutlingen, Offenburg, Lindau transportiert. Die Hauptlinie war die Schwarzwaldlinie von Friedrichshafen nach Straßburg via Immendingen, Donaueschingen, Villingen, Offenburg, Kehl mit militärischen Zügen.

M

Mess de garnison und Maison de France. Le Mess de garnison wurde in der jetzigen Pontarlier Straße (damals Lessingstraße) 1955 neben dem ehemaligen französischen Kino gebaut, 1997 aufgelöst. Maison de France. Damals hießen die Maisons de France „Foyer du Soldat“ (Soldatenheim) und waren nur für die Truppe gedacht, meistens in der Nähe des Bahnhofs. Das erste Villinger Soldatenheim „Louis Jouvet“ befand sich in der Gerwigstraße, Baujahr 1953, und wurde im September 2002 übergegeben. Im Maison de France konnte man eine Boutique mit französischen Parfums, Kleidung, Getränke und Zigaretten, eine Bar und ein Restaurant finden. Das Maison de France ist seit dem Frühjahr 2007 geschlossen.

N

Nummer. Die privaten Autos des französischen Militärs haben ein Sonderkennzeichen, die blausilbernen Autonummern. Diese Nummern sind nicht mehr auf den Straßen der Stadt zu sehen. Seltener werden auch die normalen französischen Kennzeichnen, da Verwandte oder Freunde nicht mehr zu Besuch kommen werden.

O

Offene Tür. Einmal im Jahr wurde ein Tag der offenen Tür in den Kasernen veranstaltet. Drei Tage lang konnte die Bevölkerung in die Kaserne eintreten. Es waren Stände mit französischen Produkten, Spiele, Essen. Man konnte Brot und Wein kaufen.

Ordnung. Am Anfang der Besetzung sind französische Soldaten als Patrouille abends durch die Stadt gegangen, um für Ordnung zu sorgen. Manchmal waren die Einsätze heftig.

P

Pfaffenweiler. Bei Pfaffenweiler hatten die französischen Soldaten einen Übungsplatz mit Schießstand. Dieses Grundstück wurde genauso wie das Munitionslager Weißwald bei Überauchen zurückgegeben.

Q

R

Requisition. Im November 1945 wurden in Villingen 24 Häuser, 187 Wohnungen von 2 bis 7 Zimmern, 154 Schlafzimmer und 80 Schlafzimmer für Deportierte angefordert. Es waren 647 Familien und 80 Ledige. Die Stadt Villingen hatte damals 20 000 Einwohner. 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland proklamiert. Das war das Ende der Requisitionen.

S

Schwimmbad. Die französischen Streitkräfte in Villingen hatten im August 1952 ein Schwimmbad in der Waldstraße 43 von der Wehrmacht übernommen (jetziges Gebäude der Polizei). Im Jahre 1959 wurde dieses mittlerweile desolat gewordene Schwimmbad zurückgegeben. SABA. Im Oktober 1950 wollten die französischen Behörden ein Grundstück der Firma SABA beschlagnehmen. Nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Wohleb und der Firma SABA, bekamen die französischen Streitkräfte das Grundstück und die Firma SABA vom Land Baden ein Darlehen in Höhe von ca. 500.000 DM.

T

Truppen. Die französischen Truppen besetzten zuerst Wohnungen und die in Villingen seit 1936 existierenden Kasernen. Folgende Einheiten waren in den Kasernen untergebracht: 27. Infanterieregiment, 6. Marokkanisches Schützenregiment,

53. Artillerieregiment in der Welvert-Kaserne bis 1975 und das 19. Jägerregiment ab 1963 in die Lyautey-Kaserne. In den 70er Jahre betrug die Stärke der französischen Truppen in Villingen ca. 3.000 Mann, danach nur noch ca. 1.500. 1990 hatte der damalige französische Staatspräsident François Mitterand den Rückzug aller französischer Truppen aus der Bundesrepublik angekündigt. Das „19° GC“ blieb bis zu seiner Auflösung 1997 in Villingen. 1999 wurde in Frankreich die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft. Seit 2000 wurden die französischen Streitkräfte zur reinen Berufsarmee.

U

Urbanismus à la française. Als die französische Armee nach Deutschland kam, brauchte sie für Ihre Soldaten aber auch für das zahlreiche Zivilpersonal und die Familienangehörigen Unterkünfte. So entstehen diese mittlerweile typischen Wohngebäude, die übrigens auch in anderen französischen Garnisonen in Deutschland zu sehen sind, der sogenannte militärische Urbanismus, wie in der Kirnacher Straße oder in Erbenlachen. Das letzte Wohngebäude der französischen Streitkräfte Fördererstraße/Pictoriusstraße wurde im Sommer 2015 dem Bund zurückgegeben.

V

Villingen als französische Garnison. Es scheint, dass es weder ein politischer noch ein strategischer Plan für eine Ansiedlung der französischen Truppen im Voraus gewesen war. Tatsache ist, dass die beiden Länder Baden und Württemberg an Frankreich (Elsass) grenzen. Ziel des 1. französischen Armeekorps zwischen 15. April und 7. Mai 1945 war, von Frankreich aus in Richtung Österreich und Italien zu marschieren, um gegen das 18. SSAK zu kämpfen. 1945 war Villingen ein Rekrutierungszentrum für die Fremdenlegion. Die Légion étrangère hatte über 9.000 Mann im Krieg verloren und hat dann ehemalige deutsche Soldaten oder Kriegsgefangene rekrutiert.

Im Juni 1997 verließ das letzte französische Regiment, das 19. Jägerregiment, die Stadt Villingen. Es blieben nur noch Wohnungen als Ergänzung zur Garnison Donaueschingen, ein Kindergarten und ein Maison de France im ehemaligen Offizierskasino.

W

Weihnachten. Ab Weihnachten 1953 wurden französischen Soldaten in deutschen Familien, Vereinen bzw. Firmen zum Weihnachtsfest eingeladen. Diese Tradition hat sich jahrzehntelang fortgesetzt.

X

Y Z

Zahlen. 1992: 2.500 Franzosen in Villingen. 2007: die französischen Streitkräfte in Deutschland sind 3.730 Soldaten, 220 Zivilpersonal und 2.800 Familienangehörige stark, davon 1.000 in Villingen. 34.000 französischen Soldaten haben in Villingen ihren Militärdienst geleistet. 11% der französischen Soldaten haben eine deutsche Frau geheiratet. Die Deutschlandpolitik Frankreichs der frühen Nachkriegszeit galt als Streben nach Revanche und Repressalien. Die Villinger Bevölkerung hat es auch gespürt. Allmählich doch entwickelte sich eine zukunftsorientierte Politik, deren Ziel es war, das deutsch-französische Verhältnis auf neue Grundlagen zu stellen. Beide Länder haben sich bemüht, die deutsch-französische Verständigung anzustreben. Frankreich und Deutschland haben drei großen Kriege gebraucht (Deutsch-Französischer Krieg 1870 – 1871, Erster und Zweiter Weltkrieg), um die „deutsch-französische Erbfeindschaft“ überwinden zu können. Europa hat damit beigetragen, neue Kriege innerhalb ihrer Grenze für unnötig und unmöglich zu machen. Heute bezeichnet man Frankreich und Deutschland sogar als „deutsch-französischer Motor“ Europas. Villingen hat zwar seine „Kasernenfranzosen“ verloren, bleibt aber durch Schüleraustausche, Partnerschaften aller Art grenznah an Frankreich. Gerne möchte ich an dieser Stelle Dr. Berweck zitieren (2014): „Inzwischen ist aus dem zarten Pflänzlein Deutsch/Französischer Freundschaft ein starker Baum entstanden, in dessen Ästen sich Monsieur Hollande und Madame Merkel tummeln mögen und wenn die beiden sich auch nicht immer gut verstehen, ändert das nichts daran, dass Frankreich und Deutschland heute eine stabile Völkerfreundschaft verbindet.“

Bibliographie:

Archiv Verteidigungsministerium Frankreichs, Vincennes Archiv Auswärtiges Amt Frankreichs, Paris

Villingen 1945, Hermann Riedel Heft XVII, GHV

Heft XXII, GHV Heft XXXIII, GHV

Frankreichs „doppelte Deutschlandpolitik“, Dietmar Hüser Französische Besatzung in Deutschland, Rainer Hudemann

La présence militaire française en Allemagne de 1945 à 1993, Hélène Perrein-Engels

Direction de l’enseignement français en Allemagne, Pierre Grange Die Welvert-Kaserne, Bernd Schenkel

Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte, Karl-Heinz Rothenberger und Wolfgang Hentschel

Kinderarbeit in Südwestdeutschland (Thomas Schnabel)

Kinderlied

Der Morgen graut. Ein fahler Schein stiehlt sich ins dumpfe Kämmerlein als fühlt er ein menschlich Erbarmen Da sitzt bei der Lampe, die Augen rot

auf den hohlen Wangen den blassen Tod, das hüstelnde Kind des Armen

Es hat gewacht die ganze Nacht,

Spielsachen den Kindern der Reichen gemacht. O Gott! Wie schön ist’s auf Erden!

Und zitternd umspannt die magere Hand den buntbemalten Flitterstand.

Die Puppe muß fertig werden.

Die schöne Puppe muß zur Stadt, wo jedes Kind seine Puppe hat und Zeit mit ihr zu spielen!

O könnt‘ ich doch die Puppe sein!

Da ging ich spazieren im Sonnenschein und schliefe des Nachts im Kühlen!

Dieses Gedicht aus dem Jahre 1902 bezog sich auf die Reichstagsverhandlungen im selben Jahr, als der sachsen-meiningensche Minister einräumen musste, dass in der Spielwarenindustrie in Sonnenberg um die Weihnachtszeit kleine Kinder bis 3 und 4 Uhr nachts beschäftigt wurden. 1

30 Jahre später beschrieb Erich Kästner in ‚Pünktchen und Anton‘, einem der berühmtesten deutschen Kinderbücher, eine ganz ähnliche Situation, als Pünktchen zu Herrn Bremser, dem Lehrer von Anton, in die Schule ging, um ihn von einem Schreiben an dessen Mutter abzuhalten. Antons Leistungen waren schlecht geworden und er war sogar im Unterricht eingeschlafen. „‚Nun hören Sie mal gut zu‘, sagte sie. ‚Antons Mutter ist sehr krank. Sie war im Krankenhaus, dort hat man ihr eine Pflanze herausgeschnitten, nein, ein Gewächs, und nun liegt sie seit Wochen zu Haus im Bett und kann nicht arbeiten.‘ ‚Das wußte ich nicht‘, sagte Herr Bremser. ‚Nun liegt sie also im Bett und kann nicht kochen. Aber jemand muß doch kochen! Und wissen sie, wer kocht? Anton kocht. Ich kann Ihnen sagen, Salzkartoffeln, Rührei und solche Sachen, einfach großartig!‘ ‚Das wußte ich nicht‘, antwortete Herr Bremser. ‚Sie kann auch seit Wochen kein Geld verdienen. Aber jemand muß doch Geld verdienen. Und wissen Sie, wer das Geld verdient? Anton verdient das Geld. Das wußten Sie natürlich nicht.‘ Pünktchen wurde ärgerlich. ‚Was wissen Sie denn eigentlich?'“ 2

In den vor einigen Jahren erschienenen Erinnerungen von Maria Beig schildert sie einen bäuerlichen Kinder-Alltag in Oberschwaben, der auch noch lange Zeit das 20. Jahrhundert prägte. „Die drei ersten Töchter waren Knecht und Magd. Die eine konnte mit den Rössern ackern, mit der Sense mähen und große Wische Heu wie Garben gabeln. Die andere konnte melken, Kuh- und Schweineställe ausmisten, dazuhin kochen und backen, bald besser als die Mutter. Die dritte machte jeden Morgen alle die vielen Betten, wusch und putzte, auch die Schuhe, und spitzte den jungen Geschwistern die Griffel.“ 3

Literarisch, aber auch in den Erinnerungen alter Menschen war Kinderarbeit ganz selbstverständlich. Aber was heißt Kinderarbeit eigentlich? Normalerweise wurde im 19. und 20. Jahrhundert unter Kinderarbeit die berufliche Tätigkeit von schulpflichtigen Kindern unter 14 Jahren verstanden. Die Altersgruppe zwischen 14 und 16 Jahren zählte zu den jugendlichen Arbeitern. Konrad Agahd, einer der entschiedensten Kämpfer gegen die Kinderarbeit und Vorstandsmitglied des Deutschen Lehrervereins definierte in seiner grundlegenden Arbeit von 1902 die „erwerbsmäßige Kinderarbeit“ folgendermaßen:

“ 1. Arbeiten, welche bei einem fremden Arbeitgeber gegen Lohn (der in Geld, Kleidung, Wohnung etc. bestehen kann) ausgeführt werden;

Arbeiten im elterlichen Hause, welche

für fremde Rechnung

durch welche Gegenstände für den Verkauf gewerbsmäßig hergestellt werden,

für welche wegen ihrer langen Dauer, ihrer Schwere oder ihres sonst ungünstigen EinflussesunterordnungsmäßigenVerhältnissen eine besondere Hilfskraft notwendig wäre.“

Nicht berücksichtigt wurde die „gelegentliche Mithilfe bei der Erwerbsarbeit der Eltern sowie die Uebernahme solcher Arbeiten, die lediglich dem elterlichen Haushalte dienen, wie z. B. die Besorgung von hauswirtschaftlichen Pflichten.“ 4

Nun gab es Kinderarbeit schon in der Antike und das Schicksal der Kindersklaven gehört wohl zu den traurigsten Erscheinungen. Ebenso selbstverständlich war die Mithilfe der Kinder in der Landwirtschaft, ohne dass dies zu grundsätzlichen Diskussionen führte. Zwei Entwicklungen rückten dann das Problem der Kinderarbeit in den Fokus des öffentlichen und staatlichen Interesses. Zum einen die Einführung der Schulpflicht, die in den deutschen Staaten schon im 18. Jahrhundert durchgesetzt wurde und zum anderen die beginnende Industrialisierung, die ebenfalls im 18. Jahrhundert ihren Ausgang in England nahm. In Deutschland setzte die Industrialisierung vor allem in Sachsen und in Teilen Preußens ein. Demgegenüber gehörten Baden und Württemberg zu den industriellen Nachzüglern, die sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam vom Agrarzum Industriestaat zu wandeln begannen.

Gleichzeitig führten Bevölkerungswachstum und die geringen Erwerbsaussichten sowohl zu einer starken Auswanderung als auch zu einer Verarmung in weiten Kreisen der einfachen Bevölkerung, die deshalb auf die Mitarbeit aller Familienmitglieder angewiesen war, um das schlichte Überleben zu sichern. Da soziale Sicherungssysteme unbekannt waren, führte der häufig vorkommende Ausfall eines Elternteils durch Krankheit oder Tod zu einer weiteren Arbeitsbelastung der meist sehr zahlreichen Kinderschar, die auch durch externe Arbeit zum Familieneinkommen beitragen musste. In den 1845 in Leipzig erschienenen Dorfgesprächen wird die Fabrikarbeit der Kinder ausdrücklich verteidigt. „Die Kinder können hier Vieles recht gut verrichten, und besser als Erwachsene. Das bringt die Fabrikarbeit so mit sich, warum sollten also nicht auch die Kinder die Arbeit machen. Wenn sie arbeiten, so brauchen sie ja deshalb noch nicht über ihre Kräfte angestrengt zu werden, etwa durch zu lange Arbeit von dem frühesten Morgen bis zu den späten Abendstunden. Das ist der Hauptpunkt! Darauf kommt es an!“ 5 Ein vernünftiger Fabrikherr werde auch so handeln.

Allerdings hatte auch der Autor erhebliche Zweifel, ob dies mit Freiwilligkeit zu erreichen wäre und forderte deshalb eine staatliche Regelung.

„Deshalb müssen die Regierungen und die Volksvertreter auf den Landtagen mit allem Fleiß diesen Punkt ins Auge fassen. Den Fabriken muß, wenigstens für die Kinder, eine mäßige und billige Arbeitszeit durch Gesetz vorgeschrieben werden; damit der Willkür eigennütziger Fabrikherrn die nöthigen Grenzen gezogen werden, und durch’s Gesetz der arme Arbeiter Schutz findet. Den Kindern muß unter allen Umständen die Wohlthat des Schulunterrichts zu Theil werden.“ 6

Um Fabrikarbeit und Schulpflicht der Kin der vereinbaren zu können, da die gewöhnlichen Volksschulen zu den arbeitsfreien Zeiten der Kinder, nämlich am frühen Morgen und am späten Abend, geschlossen waren, mussten Abendund Sonntagsschulen eingerichtet werden. Da darin ausschließlich in der Fabrik arbeitende Kinder unterrichtet wurden, nannte man sie Fabrikschulen. Als Vorbild galt England, wo es bereits eine Vielzahl solcher Einrichtungen, aber noch keine generelle Schulpflicht gab.

Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt die Industrialisierung und die Fabrikarbeit generell noch umstritten. So warb der Autor Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts vehement für die Fabriken. „Was würde Sachsen ohne seine Fabriken sein?“ Ähnliches gelte für die außerordentlich gewerbefleißigen preußischen Rheinlande.

„Fabriken setzen Kräfte in Thätigkeit, die sonst ungenützt bleiben würden, und verbreiten überhaupt ein reges Leben ringsumher auf viele Meilen. Darum muß sich ihrer aber auch der Staat, zum Wohle der Arbeiter, und der Menschheit in einer weisen und freisinnigen Gesetzgebung annehmen. Nicht die Fabriken als gemeinsame Arbeitsstätten verschulden diejenigen Uebel, welche man ihnen gewöhnlich vorzuwerfen pflegt. Die Gemeinschaft in der Arbeit leistet mehr, als der Einzelne vermag; darum sind die Fabriken wohl nützlich. Sie müssen jedoch auch so gehandhabt werden, dass sie nicht blos Einem, sondern der Menschheit Segen bringen. Sie sollen nicht blos einzelne Reiche und eine Masse Arme und Hülflose schaffen! Das kann ihr Zweck nicht sein!“ 7

Zu diesem Zeitpunkt hatte der badische Staat bereits eingegriffen. In einer Verordnung vom 14. März 1840 regelte er den Schulunterricht der in den Fabriken beschäftigten Kinder. Da „in neuerer Zeit“ im Großherzogtum mehrere Fabriken entstanden waren, ergab sich ein zunehmender Regelungsbedarf, da sich Fabrikarbeit und Schulbesuch zunehmend gegenseitig behinderten. Zum einen sollte der Unterricht nicht vernachlässigt und die Kinder sollten nicht durch allzugroße Anstrengung geistig und körperlich verkümmern. Zum anderen sollte „dürftigen Familien der Erwerb in Fabriken so wenig als möglich entzogen“ werden. Damit ist das Spannungsverhältnis bezeichnet, in dem sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die staatlichen Gesetze und Verordnungen bewegten.

In den Fabrikschulen durften Kinder, die das 11. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, nicht unterrichtet werden. Da die Schulpflicht weiterhin bestand, konnten damit jüngere Kinder eigentlich in Fabriken nicht arbeiten. Ein Lehrer durfte nicht mehr als 70 Kinder in derselben Stunde unterrichten und musste sich an den allgemeinen Lehrplan im Großherzogtum halten. Er selbst musste über die Unterrichtsbefähigung an einer Volksschule verfügen und die Kinder sollten täglich mindestens zwei Stunden Unterricht, möglichst vormittags und nachmittags vor der Arbeit, haben.

„Die Arbeits- und Unterrichtsstunden zusammen dürfen bei Kindern, die das Schulentlassungsalter (…) noch nicht erreicht haben, nicht mehr als täglich zwölf Stunden betragen. Nur wo eine Beschäftigung der Kinder im Freien statt findet, darf mit Zustimmung des Physikats die Arbeitszeit auf zwölf Stunden erhöht werden.“ Die Beschäftigung der Kinder vor fünf Uhr morgens und nach neun Uhr abends war verboten. Vor- und nachmittags sollten die arbeitenden Kinder jeweils eine Viertelstunde und mittags eine ganze Stunde Ruhe haben, „und zwar jedesmal auch Bewegung in freier Luft“. Die Fabrikanten mussten genaue und vollständige Listen der bei ihnen beschäftigten Kinder führen und die Kosten für die Fabrikschulen übernehmen. Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnung wurden mit Strafen belegt, die im Wiederholungsfall verfünffacht wurden. Außerdem war die Erlaubnis zur Errichtung einer Fabrikschule „jederzeit widerruflich“. 8

Zu diesem Zeitpunkt war Kinderarbeit noch kein Thema, das breitere Resonanz erfuhr. So sucht man in den Lexika der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vergeblich nach einem entsprechenden Eintrag. Erst in der dritten, gänzlich umgearbeiteten Auflage von Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1875 findet sich ein Stichwort Kinderarbeit, das auf den Artikel Fabrikgesetzgebung verweist. Dort findet man einen sehr umfangreichen, mehrseitigen Beitrag zum Thema, der mehrere europäische Staaten und die USA behandelte. Während Baden mit seinem Erlass von 1839 bereits ein Jahr nach der ersten Verordnung in Preußen die Fabrikarbeit von Kindern geregelt hatte, hielt sich Württemberg sehr zurück.

Erst in der Neuen Gewerbeordnung vom 12. Februar 1862 regelte das Königreich Württemberg die Arbeit von Kindern mit folgenden, sehr allgemeinen Worten: „Die Verwendung von Schulkindern und jungen Leuten unter achtzehn Jahren in Fabriken darf nur in einer Weise stattfinden, bei welcher dieselben an dem geordneten Besuche des Gottesdienstes und der Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht nicht gehindert und wobei für ihre Gesundheit, ihre körperliche Entwicklung und ihre religiöse und sittliche Erziehung und Ausbildung keine Nachteile zu besorgen sind.“ 9

Erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde die preußische Gesetzgebung, die fortschrittlichste zu diesem Thema und zu diesem Zeitpunkt, für alle Staaten übernommen. „Jedoch wurde“, wie Jürgen Kuczynski in seinem politisch einseitigen, aber grundlegenden Werk über die Lage des arbeitenden Kindes in Deutschland ausführte, „auch diese Gesetzgebung nur dort ausgeführt, wo es den Unternehmern in ihre Technologie paßte.“ 10

Die Durchsetzung der Vorschriften hing ganz wesentlich von ihrer Kontrolle durch staatliche Inspektoren ab. Immerhin setzte in den siebziger Jahren eine lebhafte Debatte zu diesem Thema ein. Während z. B. sächsische Industrielle eine Abschwächung der Vorschriften forderten, traten Sozialreformer nicht nur für eine strikte Anwendung der Fabrikgesetzgebung ein, sondern strebten eine Verschärfung für die Kinder und eine Ausdehnung auf Frauen und Mädchen an.

Einer Koalition aus Sozialreformern, Lehrervereinen, Sozialdemokraten und Vertretern der katholischen Soziallehre, aber auch immer wieder engagierten Einzelnen gelang es in den drei Jahrzehnten nach der Reichsgründung, entscheidende Weichenstellungen gegen die Fabrikarbeit von Kindern zu erreichen. So kam es 1879 zu der Einführung der obligatorischen Gewerbeinspektion, 12 Jahre später, 1891, zum Verbot der Beschäftigung schulpflichtiger Kinder in Fabriken und 1903 zur Verabschiedung des Kinderschutzgesetzes. 11

Allerdings handelte es sich bei den in Fabriken beschäftigten Kindern zunächst um eine, bei aller Problematik der Erhebungen, relativ kleine Zahl. So waren 1852 1232 männliche und 2696 weibliche Kinder unter 14 Jahren in Fabriken beschäftigt. „Die Fabriken, in welchen Kinder unter 14 Jahren damals beschäftigt wurden, waren hauptsächlich Spinnereien, Gewebemanufakturen, Strohhut-, Tabakund Zündwarenfabriken.“ 12 In Baden waren nach offiziellen Angaben der Gewerbeaufsicht 1874 noch 2883 Kinder in Fabriken beschäftigt, knapp 30 Jahre später gerade noch 383. Im selben Zeitraum wuchs aber die Zahl der jugendlichen Arbeiter zwischen 14 und 16 Jahren von knapp 7000 auf über 15.500. 13

Mit zunehmender Industrialisierung gewann das Problem an Bedeutung. Die Kinderbeschäftigung in Baden war „absolut und im Vergleich zu anderen Industriebezirken sowie zum Reichsdurchschnitt sehr hoch. Verursachend für die hohe Kinderbeschäftigung war in erster Linie die Nachfrage der Zigarrenindustrie nach billigen Arbeitskräften. Sie beschäftigte alleine zwei Drittel aller Kinder. 1881 waren 92 % der Kinder in Zigarrenfabrikation und Textilindustrie (26 %) beschäftigt.“ 14 Insgesamt ging man 1898 von fast 550.000 erwerbstätigen Kindern im Deutschen Reich aus, von denen etwas mehr als 306.000 in der Industrie beschäftigt waren. Württemberg war mit über 19.000 Kindern beteiligt, während man im kleineren Baden fast die Hälfte mehr zählte, nämlich fast 29.000 Kinder. Hohenzollern fiel mit 843 erwerbstätigen Kindern kaum ins Gewicht. 15

Inzwischen war 1900 auch der Weltbestseller der Schwedin Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes, erschienen, der bei aller Problematik doch erstmals das Kind in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte. Sie forderte ein Verbot der industriellen und der Straßenarbeit der Kinder. „Und dann erst hat man siegreich den Grundsatz des Kinderschutzes durchgeführt, der auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten anfangs sowohl mit ökonomischen wie mit individualistischen Gründen bekämpft wurde, unter anderem mit dem ‚unbestreitbaren Rechte des Vaters, selbst über die Arbeit seines Kindes zu bestimmen!'“ 16

Ein Ergebnis dieser sich wandelnden Einstellung war das „Gesetz betr. Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben“ vom 30. März 1903. Erstmals wurden in diesem Gesetz auch verschiedene Beschäftigungsarten von eigenen Kindern verboten, d. h. der Staat griff in die Rechte der Familien ein, was bis dahin sehr umstritten war. So positiv dieses Gesetz beurteilt wurde, so eingeschränkt war seine Wirkung, worauf die Sozialdemokratin Käte Duncker bereits 1906 hinwies. Nach ihren durchaus glaubwürdigen Berechnungen gab es im Deutschen Reich zu diesem Zeitpunkt etwa 2 Millionen erwerbstätige Kinder. Von dem sogenannten Kinderschutzgesetz waren aber ‚nur‘ ca.

500.000 gewerblich tätige Kinder betroffen. „Die Kinderarbeit in Landwirtschaft und Gesindedienst wird leider nicht von ihm erfaßt. Der Ausdehnung des Gesetzes nach dieser Richtung riefen sowohl der Bundesrat als der rechte Flügel des Reichstags ihr ‚Unannehmbar‘ entgegen. Handelt es sich doch hier um Berufszweige, wo die Kinderarbeit durch uralte Gewohnheit geheiligt ist und heute am unentbehrlichsten scheint. Schon in grauer Vorzeit wurden die Kinder zu Feldarbeiten und zum Hüten des Viehes mit herangezogen.“ 17

Ganz wesentlich zur kritischen Auseinandersetzung mit der gewerblichen Kinderarbeit trugen verschiedene Erhebungen über deren Umfang bei, die einer erschreckten Öffentlichkeit den Umfang und die Missstände verdeutlichten. Um die Verhältnisse in der für die Kinderarbeit besonders wichtigen Landwirtschaft beurteilen zu können, beschloss der Reichstag in einer einstimmig angenommenen Entschließung vom 23. März 1903, „den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, zum Zwecke von Erhebungen über den Umfang und die Art von Lohnbeschäftigung von Kindern im Haushalt, sowie in der Landwirtschaft und deren Nebenbetrieben, ihre Gründe, ihre Vorzüge und Gefahren, insbesondere für Gesundheit und Sittlichkeit, sowie die Wege zweckmäßiger Bekämpfung dieser Gefahren mit den Landesregierungen in Verbindung zu treten und die Ergebnisse der vorgenommenen Erhebungen dem Reichstage mitzuteilen.“ 18 Die vom Reichsamt des Innern ausgearbeiteten Fragebögen gingen zwar an die Bundesstaaten „zur Beantwortung durch die Klassenlehrer in den verschiedenen Schulklassen am 15. November 1904“. Das Kaiserliche Statistische Amt fasste die Ergebnisse zusammen, aber die geforderte Mitteilung an den Reichstag unterblieb, d. h. der große Bereich der Kinderarbeit in Landwirtschaft und im Gesindewesen wurde während des Kaiserreiches öffentlich kaum thematisiert. Ob dahinter die starke Agrarlobby stand, die schon die Aufnahme dieser Bereiche in das Kinderschutzgesetz verhindert hatte, muss offenbleiben. Bei dieser Erhebung waren die eigenen Kinder ausgenommen.

Erst Mitte der zwanziger Jahre wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Insgesamt waren fast 1,8 Millionen von 9,3 Millionen Volksschülern landwirtschaftlich gegen Lohn tätig. Davon waren etwas mehr als 440.000 unter 10 Jahre und über 600.000 zwischen 10 und 12 Jahre alt. Die Altersklasse 12 14 Jahre umfasste über 717.000 landwirtschaftlich tätige Kinder. 19 „Die längsten Arbeitszeiten und Perioden finden sich in Baden. Es folgen Bayern, Sachsen, Württemberg…“ 20

Allerdings ergab die Erhebung auch, dass die jüngeren Kinder meist leichter und kürzer beschäftigt waren als die älteren Knaben. „Ein kleiner Teil der Kinder ist im Sommer und Winter beschäftigt, meist die kürzeste Zeit: unter drei Stunden täglich, unter drei Tagen wöchentlich, jeweilig bis zu vier Wochen. Für den größten Teil der Kinder“, so resümierte Helene Simon Mitte der zwanziger Jahre die statistische Erhebung, „hält sich die Arbeit somit in beiden Jahreszeiten in angemessenen Grenzen.“ 21 Allerdings gab es immerhin noch fast 450.000 Kinder, die außerhalb der Ferien über sechs Stunden täglich tätig waren. Am schlimmsten traf es knapp 40.000 Kinder, die innerhalb eines Kalenderjahres mehr als sechs Monate arbeiten mussten, auch am Sonntag.

1922, fast 20 Jahre nach der Erhebung des Statistischen Reichsamtes, startete der Deutsche Kinderschutz-Verband eine freiwillige Erhebung über die Kinderlandarbeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg. Allerdings war die Beteiligung württembergischer Stellen – Lehrer, Pfarrer, Behörden deutlich zurückhaltender als in Baden. Damit war die quantitative Zahlenbasis auch mit den Erhebungen nach der Jahrhundertwende nicht vergleichbar. Trotzdem sind die qualitativen Aussagen, also die verbale Beurteilung der Kinderlandarbeit, von Interesse. Dabei verteilten sich günstige und ungünstige Urteile über die Kinderlandarbeit ziemlich gleichmäßig, wobei sich klar herauskristallisierte, dass leichte Tätigkeiten begrüßt und schwere Arbeiten von allen abgelehnt wurden. Die Urteile reichten von „Günstiger Einfluß auf gesundheitliche und sittliche Entwicklung“ über „Die Kinder werden zäh, widerstandsfähig und arbeitsam“ bis zu „Die Bauernkinder, die im schulpflichtigen Alter zur Arbeit angehalten werden, sind nicht blos kräftiger, sondern auch geistig regsamer.“

Dagegen beklagten zahlreiche Berichterstatter den ungünstigen Einfluss der Arbeit auf die gesundheitliche und sittliche Entwicklung sowie den Schulerfolg der Kinder. Wachstumsstörungen, Schulversäumnisse, frühes Altern der Mädchen, aber auch größere gesundheitliche Schäden, vor allem bei Jungen, werden genannt. Dagegen wird immer wieder erwähnt, dass „maßvolle Beschäftigung“ wünschenswert sei. „Fast durchweg wird die Arbeit, sofern sie sich in angemessenen Grenzen hält, als geeignete Berufsvorbereitung bezeichnet. Auch wird sie mit wenigen Ausnahmen als unentbehrlich erklärt, ‚weil der Bauer allein nicht fertig wird und Tagelöhner nicht zu haben sind‘. – Oder:

‚weil alle Mann in der Erntezeit an Bord müssen‘.“ 22

In Baden war die Beteiligung an der Umfrage sehr viel besser als in Württemberg. Kritisiert wurde vor allem das Hüten von Vieh und die sogenannten Hirtenschulen, vor allem im Schwarzwald. So berichtete ein Lehrer, dass sich jeder Schwarzwaldbauer, „sofern er keine eigenen schulpflichtigen Kinder hat, oft aber auch neben seinen Kindern“, noch einen „schulpflichtigen Hirtenbuben zwischen 10 und 14 Jahren“ so wörtlich „hält“. Er „muß morgens 4-5 Uhr den Stall reinigen, dann bis 11 Uhr hüten, im Trab zur Schule, von 12-4 Uhr; da er meist zu müde ist, aufzupassen, benutzt er die Schulzeit zum Ausruhen; von 5-9 Uhr muß er wieder hüten.“ 23 Gleichzeitig wiesen die Berichterstatter aber auch darauf hin, dass die Kinder den Eltern eine erwachsene Arbeitskraft vollständig ersetzen; „muß auf die Hilfe verzichtet werden, so verteuert sich die Produktion; fremde Kinder leisten eine sehr bedeutende und wichtige Arbeit, besonders bei der Rübenund Kartoffelkultur.“ 24

Insgesamt fiel aber die Beurteilung der Kinderarbeit in Baden sehr viel ungünstiger aus als in allen anderen Bundesstaaten des Deutsches Reiches.

„Wohl wird auch hier, zum Teil aus Mangel an Arbeitskräften, zum Teil wegen der hohen Löhne, für Kleinbetriebe die Notwendigkeit der Mitarbeit allgemein anerkannt; indes werden z. T. außerordentlich scharfe Eingriffe gefordert“, so Helene Simon in ihrer Einschätzung der Umfrage. 25 Über die Ursachen für diese besonders kritische Haltung kann man nur spekulieren. Bildung spielte in Baden immer eine deutlich wichtigere Rolle als im benachbarten Württemberg. Gleichzeitig war die Tradition des liberalen, aber auch reglementierenden und sozial paternalistischen Staates im Großherzogtum besonders ausgeprägt. Dazu kam ein starkes, an der katholischen Soziallehre und den christlichen Gewerkschaften orientiertes Zentrum und eine reformistische Sozialdemokratie. Beide regierten das Land zusammen von 1918 bis 1932.

Allerdings kam es auch während der Weimarer Republik zu keiner gesetzlichen Regelung. Erst das Jugendarbeitsschutzgesetz von 1960 führte zu einer Änderung bei der landwirtschaftlichen Kinderarbeit und den städtischen häuslichen Diensten. 26 Damit wurde die Beschäftigung von Kindern bis zum Ende der Schulpflicht verboten. Ausgenommen waren gelegentliche Beschäftigungen von über 12-jährigen Kindern in der Landwirtschaft und bei den sogenannten Personensorgeberechtigten, also im Normalfall den Eltern. 27

Während es in der Landwirtschaft also über viele Jahrzehnte zu keiner gesetzlichen Regelung kam, versuchten die Behörden nach dem Erlass des Kinderschutzgesetzes von 1903 die gewerbliche und vor allem auch heimindustrielle Kinderarbeit in den Griff zu bekommen. Gerade letztere verursachte besondere Probleme, wie eine Bekanntmachung der großherzoglich-badischen Fabrikinspektion vom 6. Februar 1905 verdeutlichte. Dabei waren die Regelungen für heutige Vorstellungen unverständlich großzügig. Zum Knöpfeaufnähen und Perlenaufreihen durften eigene Kinder ab dem vollendeten 8. Lebensjahr herangezogen werden; zum Haftenmachen (Häkchen und Ösen machen) ab dem 10. Lebensjahr. Für Dritte konnten Kinder erst ab dem 12. Lebensjahr für hausindustrielle Arbeiten tätig werden und fremden Kindern war das Arbeiten in der Hausindustrie verboten.

Die Realität sah aber anders aus. „Nachdem Erhebungen ergeben haben, dass die Forderungen des Kinderschutzgesetzes nicht überall die gebührende Beachtung gefunden haben und dass in erschreckendem Umfang Kinder, die sich noch im Schutzalter befinden, ja solche, die noch nicht einmal das schulpflichtige Alter erreicht haben, von ihren Eltern zu hausindustrieller Tätigkeit mißbraucht werden, sehen wir uns veranlaßt, darauf aufmerksam zu machen, dass wir nunmehr wegen solcher Vergehungen rücksichtslos strafendes Einschreiten herbeiführen werden, wozu die Strafbestimmungen des Gesetzes betreffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben, vom 30. März 1903 genügend Handhabe bieten. Im Falle gewohnheitsmäßiger Zuwiderhandlung kann auf Gefängnisstrafe bzw. Haft erkannt werden.“ 28

Der Jahresbericht der Fabrikinspektion von Baden für das Jahr 1906 benannte die Missstände mit drastischen Worten. „Die möglichst frühe Nutzbarmachung der in der Familie vorhandenen Arbeitskräfte hat nicht selten zu schreienden Mißbräuchen geführt. Die Geschichte der Lahrer Kartonagenindustrie ist zugleich die Leidensgeschichte vieler Kinder, die allzufrüh ins Arbeitsjoch gespannt wurden. Auch in der Heimarbeit der Porzellanknopfindustrie war der Mißbrauch kindlicher Kräfte jahrzehntelang üblich.“ Kritisiert wurde von der Fabrikinspektion, dass ein Aushang der Vorschriften des Kinderschutzgesetzes nicht verlangt worden war. Damit fiel die Aufhellung der jeweiligen Tatbestände schwer. „Die aussagenden Kinder wurden von den Eltern zurechtgewiesen; letztere wußten nicht, was erlaubt oder verboten ist, und stritten alles ab.“ Es gab aber auch rühmliche Ausnahmen, die die Regelungen des Kinderschutzgesetzes sogar übertrafen. So hatte eine Anordnung der Rheinischen Gummi- und Zelluloidfabrik in Mannheim-Neckarau den Kindern sehr geholfen, indem sie „den Heimarbeitern die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder untersagt und bei Zuwiderhandlung die Arbeit vorübergehend oder ganz entzieht“. 29

Auch aus Württemberg wurde um diese Zeit von zahlreichen Verstößen berichtet. Die Gewerbeinspektions-Assistentinnen, denen man den Kinderschutz zugeteilt hatte, berichteten von wenig Verständnis unter den Eltern für die neuen gesetzlichen Regelungen, zumal diese meist auf den zusätzlichen Verdienst ihrer Kinder angewiesen waren. Man beließ es deshalb bei Ermahnungen. Es „muß der Zeit und der Belehrung durch die Schulbehörde überlassen werden, die Tätigkeit der Gewerbeaufsichtsbeamten im Sinne des Kinderschutzgesetzes fruchtbringender zu gestalten. Nach den bis jetzt gemachten Erfahrungen ist viel Aussicht auf freiwillige Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften, wenigstens bei eigenen Kindern, zunächst nicht vorhanden.“

Auf ein weiteres Problem wies der Bericht hin.

„Am wenigsten verstanden wird im Lande der Unterschied zwischen der Beschäftigung von eigenen Kindern und der Beschäftigung von eigenen Kindern für Dritte.“ Hier gab es sicherlich Konkretisierungsbedarf, der aber durch das Ende von Ausnahmebestimmungen verringert wurde. 30

Bei der Einführung des Kinderschutzgesetzes spielten die Lehrerverbände eine wichtige Rolle, wie z. B. die zahlreichen Veröffentlichungen von Konrad Agahd belegen. Aber auch bei der Durchsetzung des Gesetzes war der Gesetzgeber auf die Mithilfe der Lehrer angewiesen. Nur sie hatten täglich Kontakt mit den betroffenen Kindern und kannten die Verhältnisse. Allerdings war der Grad zwischen dem Schutz der Kinder und der Gefahr, zum Hilfspolizisten zu werden, für viele Pädagogen sehr schmal. Konrad Agahd sah dagegen in der Zusammenarbeit mit den Behörden keine Denunziation, sondern eine gesetzliche Pflicht. 1906 schrieb er in der Pädagogischen Zeitung:

„Lehrer wie Eltern werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Übertretungen des Kinderschutzgesetzes in Zukunft genauso behandelt werden wie Schulversäumnisse, deren Weitergabe an die Behörde wohl niemandem Gewissensbisse macht.“ 31

In der württembergischen Zweiten Kammer kam es 1909 zu einer lebhaften Debatte über diese Frage, die auch die wesentlichen Positionen sichtbar machte. In einem Erlass vom Dezember 1903 war den Lehrern zur Pflicht gemacht worden, Wahrnehmungen, die auf einen Verstoß gegen das Kinderschutzgesetz hindeuteten, den Gewerbeaufsichtsbeamten mitzuteilen. Allerdings verweigerte das Kultministerium die Zustimmung zu einer von den Gewerbesinspektionen gewünschten allgemeinen Umfrage bei den Schülerinnen und Schülern, ob sie gewerblich tätig seien. „Das Kultministerium habe sich dabei auf den Standpunkt gestellt, den auch die Lehrerschaft einnehme, dass diese nicht dazu da sei und nicht die Aufgabe habe, sozusagen die Handlanger der Polizei zu machen, dass sie vielmehr sich darauf beschränken müsse, eben das, was sie von sich aus wahrnehme, den Gewerbeinspektoren mitzuteilen, nicht aber die Kinder befragen, sie ausforschen dürfe, um dann auf eine solche Befragung eine Denunziation der Eltern zu gründen.“ 32 Letztlich war man sich im Parlament darüber weitgehend einig und erwartete auch von den Lehrern, bei jedem auftretenden Fall die Behörden einzuschalten.

Am Ende des Kaiserreichs gab es einen breiten gesellschaftlichen Konsens über das zu verwirklichende Ideal der arbeitsfreien Kindheit. Diesem hingen die bürgerlichen Sozialreformer ebenso an wie die Funktionäre der sozialdemokratischen Partei, die Volksschullehrer ebenso wie die Ministerialbeamten. Dieses Ideal prägte die Gutachten und Studien der Gewerbeaufsichtsbeamten und Sozialwissenschaftler und fand schließlich auch seinen Niederschlag in den Gesetzestexten. 33 Allerdings kam niemand auf die Idee, die betroffenen Kinder und Eltern zu befragen. Der Eifer für das Ideal bezog sich aber primär auf die gewerbliche Arbeit, während die landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Kinderarbeit weitgehend unberücksichtigt blieb.

Die Notlage nach dem Ersten Weltkrieg scheint zunächst zu keinem wesentlichen weiteren Abbau der Kinderarbeit geführt zu haben. Schließlich begannen aber die gesetzlichen Maßnahmen zu greifen. So sank die Zahl der statistisch erfassten hauptberuflich Erwerbstätigen unter 14 Jahren zwischen 1907 und 1925 um mehr als 20 % und bis 1933, bedingt durch die Weltwirtschaftskrise, nochmals um nahezu 50 %. Allerdings gab es 1933 immer noch über 115.000 dieser hauptberuflich erwerbstätigen Kinder. Von gesellschaftlichen und familiären Notlagen einmal abgesehen, ging die Kinderarbeit in den folgenden Jahrzehnten weiter zurück, ohne völlig zu verschwinden. Ganz wesentlich dazu beigetragen hat, neben der gesellschaftlichen Stigmatisierung und der Zunahme des Massenwohlstandes, vor allem die Mechanisierung der Landwirtschaft, das Verschwinden der Heimindustrie sowie generell der Rückgang einfacher, ungelernter Tätigkeiten. Dieser Bereich ist inzwischen in die unterentwickelten Länder ausgelagert worden, wo wir heute vielfach die Verhältnisse antreffen, die es bei uns noch vor 100 Jahren gab.

Schon in der Weimarer Republik begann sich bei uns der Inhalt des Begriffs Kinderarbeit zu ändern. Verstand man bisher darunter die Erwerbsarbeit von Kindern, so erschien 1930 in Stuttgart ein Buch mit dem Titel „Kinderspiel und Kinderarbeit. Briefe aus dem Kindergarten an eine Mutter“. 34 Darin ging es nun um die Arbeit mit Kindern. Vielleicht zeigt dieser Begriffswandel am deutlichsten, was sich seit der Frühindustrialisierung geändert hatte, ohne zu diesem Zeitpunkt schon alle Kinder auch in Deutschland zu umfassen.

Durch den Wechsel von der Selbstversorger zur Erwerbsarbeit im 18. und 19. Jahrhundert kam es zur Kinderarbeit bei fremden Arbeitgebern. Allerdings stand und steht sie immer in einem engen Zusammenhang mit den Löhnen der Erwachsenen, also der Eltern. Bereits 1909 schrieb der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch:

„Nicht in gutentlohnten Arbeiterschichten ist die Kinderarbeit üblich, sondern in denen, die von bitterster Not gedrückt, keine andere Möglichkeit der Verdienststeigerung mehr vor Augen sehen, als indem sie ihre Kinder dem Moloch Erwerbsarbeit zum Opfer bringen.“ 35 Deutsch sah die Lösung des Problems vor allem im Eingreifen des Staates, der als Vertreter des Gemeinwohls in erster Linie an einer Unterdrückung der Kinderarbeit interessiert sein müsste. Der Staat solle, so seine Forderung, den Eltern „die Sorge für die Erhaltung und Erziehung der Kinder bis zu einem gewissen Grade abnehmen“. Allerdings wies er auch auf die Konsequenzen dieser Politik hin. „Die Bekämpfung der Kinderarbeit führt so in letzter Linie zu sehr bedeutsamen Eingriffen des Staates in unser Familienleben.“ 36 Diese Fragen sind bis heute in weiten Teilen der Erde noch aktuell.

Verändert hat sich seit dem 19. Jahrhundert allerdings die Einstellung zur Kindheit als eigenem, bedeutendem Entwicklungsabschnitt im Leben eines Menschen. „Als Ergebnis des Kampfes um das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit in Europa sollte heute jedem Beteiligten weltweit bewusst sein, dass es Unrecht ist, Kindern eine zukunftszerstörende Erwerbsarbeit aufzuzwingen.“ 37 Hier ist jedoch leider noch sehr viel Überzeugungsarbeit einerseits zu leisten und andererseits müssen die Lebensbedingungen der Eltern verbessert werden. Ein Blick auf unsere eigene Geschichte zeigt, wie langwierig und mühselig, aber letztlich erfolgreich dieser Prozess war.

Anmerkungen

1 Kinderschaukel 2. Ein Lesebuch zur Geschichte der Kindheit in Deutschland 1860 1930. Herausgegeben und eingeleitet von Marie-Luise Könneker, Darmstadt und Neuwied 1976, S. 65/6. Das Thema der Schwabenkinder wird ausgeklammert, da es dazu bereits zahlreiche Veröffentlichungen gibt, und es sich um ein spezifisch oberschwäbisches Problem handelt.

2 Erich Kästner, Pünktchen und Anton, Berlin o.J., S. 85.

3 Maria Beig, Ein Lebensweg, Tübingen 2. Auflage 2009, S. 30.

4 Konrad Agahd, Kinderarbeit und Gesetz gegen die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft in Deutschland. (Unter Berücksichtigung der Gesetzgebung des Auslandes und der Beschäftigung der Kinder in der Landwirtschaft), Jena 1902, S. 1.

5 Volksbücher Nro. 51 Dorfgespräche, Leipzig o.J. (1845), S. 65.

6 Ebd., S. 66.

7 Ebd., S. 67.

8 Großherzoglich Badisches Staatsund Regierungsblatt Nro. VI vom 14. März 1840, S. 41 44.

9 Zit. nach Ruth Hoppe, Dokumente zur Geschichte der Lage des arbeitenden Kindes in Deutschland von 1700 bis zur Gegenwart, Berlin (Ost) 1969, S. 94.

10 Jürgen Kuczynski, Studien zur Geschichte der Lage des arbeitenden Kindes in Deutschland von 1700 bis zur Gegenwart, Berlin (Ost) 1968, S. 103.

11 Annika Boentert, Kinderarbeit im Kaiserreich 1871 1914, Paderborn 2007, S. 421/2.

12 Hugo Schäfer, Die württembergische Gewerbeinspektion. Ihre Entwicklung und ihre Aufgaben, Stuttgart 1906, S. 35.

13 Karl Bittmann, Die Badische Fabrikinspektion im ersten Vierteljahrhundert ihrer Tätigkeit 1879 bis 1903. Ein Rückblick auf die Entwicklung der Industrie, Arbeiterschaft, Arbeiterschutzgesetzgebung und Gewerbeaufsicht, Karlsruhe 1905, S. 150.

14 Wolfgang Bocks, Die badische Fabrikinspektion. Arbeiterschutz, Arbeiterverhältnisse und Arbeiterbewegung in Baden 1879 bis 1914, Freiburg/München 1978, S. 347/8.

15 Zit. nach Amalie Lauer, Gewerblicher Kinderschutz, Mönchengladbach 1908, S. 7.

16 Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes, Berlin 8. Auflage 1905, S. 364.

17 Käte Duncker, Die Kinderarbeit und ihre Bekämpfung, Stuttgart 1906, S. 51.

18 Helene Simon, Landwirtschaftliche Kinderarbeit. Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Kinderschutz-Verbandes über Kinderlandarbeit im Jahre 1922. Unter Zugrundelegung der staatlichen Erhebung über die Lohnbeschäftigung von Schulkindern in der Landwirtschaft vom 15. November 1904, Berlin o.J. (ca. 1925), S. 11.

19 Ebd., S. 15.

20 Ebd., S. 19.

21 Ebd., S. 30.

22 Ebd., S. 268/9.

23 Ebd., S. 276.

24 Ebd., S. 272.

25 Ebd., S. 274.

26 Sigrid Dauks, Kinderarbeit in Deutschland im Spiegel der Presse (1890-1920), Berlin 2003, S. 67.

27 Elke Stark-von der Haar/Heinrich von der Haar, Kinderarbeit in der Bundesrepublik und im Deutschen Reich. Eine Bestandsaufnahme über Ausmaß und Folgen der Beschäftigung von Kindern und über den gesetzlichen Kinderarbeitsschutz, Berlin 1980, S. 57.

28 Amtlicher Anzeiger für den Bezirk Engen 1905, S. 24.

29 Jahresbericht der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion für das Jahr 1906, Karlsruhe 1907, S. 110/1.

30 Jahresberichte der Gewerbe-Aufsichtsbeamten und Berg behörden für das Jahr 1904, Amtliche Ausgabe, Band II, 4. Württemberg, Berlin 1905, S. 143.

31 Zit. nach Dauks (wie Anm. 26), S. 91.

32 Württembergische Zweite Kammer, 200. Sitzung vom 24. Juni 1909, S. 5406.

33 So Boentert (wie Anm. 11), S. 436.

34 Nelly Wolffheim, Kinderspiel und Kinderarbeit. Briefe aus dem Kindergarten an eine Mutter, Stuttgart 1930.

35 Julius Deutsch, Kinderarbeit; in: Dokumente des Fortschritts 2/1909, S. 20.

36 Ebd., S. 23.

37 Jürgen Bönig, Zur Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland und Europa; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 43/2012, S. 9.

Aus dem Stadtarchiv: Der Bestand Stadtchronik (Dieter Baumann)

Ein im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen sehr häufig genutzter Bestand ist die „Stadtchronik“ (Abteilung 5 Sammlungen, Bestand 22 – kurz: Best. 5.22).

Abb. 1: Prospekte der Uhrenfirma Jauch & Schmid.

 

Die Stadtchronik geht zurück auf Dr. Rudolf Ströbel (Leiter des Schwenninger Heimatmuseums von 1949 bis 1972), der Anfang der 1950er Jahre für eine zu erstellende Ortschronik damit anfing, Informationen zur Schwenninger Ortsgeschichte zu sammeln.

Abb. 2: Informationen zu der Firma Kaiser Uhren, Villingen.

 

Diese Informationen ordnete er thematisch in einem Zehnersystem. Zur Abfassung der Schwenninger Ortsgeschichte durch Dr. Ströbel kam es nicht, erhalten geblieben sind uns aber die von ihm zusammengetragenen und geordneten Unterlagen.

Eine gute Beschreibung, was dieser Sammlungsbestand Stadtchronik darstellt und beinhaltet, stammt von Dr. Ströbels Nachfolger, Dr. Manfred Reinartz (Leiter des Heimatmuseums von 1973 bis 2000). – Zitat Dr. Reinartz:

„Die Stadtchronik von Villingen-Schwenningen ist eine über tausendbändige Sammlung, in der alle Informationen, die das öffentliche Leben der Stadt betreffen, laufend zusammengetragen werden. Sie ist ursprünglich als Chronik von Schwenningen am Neckar aufgebaut worden, wird jedoch seit dem 1. Januar 1972 als Chronik der Stadt Villingen-Schwenningen weitergeführt. Ein enormes Arbeitspensum musste bewältigt werden, um die Chronik zu dem zu machen, was sie heute ist: Eine leistungsfähige öffentliche Informationszentrale für jedermann.

Die Stadtchronik ist nach einem Zehnersystem übersichtlich geordnet, so dass alle Daten jederzeit und ohne Mühe greifbar sind. Das Ordnungssystem umfasst die folgenden Gebiete: 0 Überblicke z. B. Orts- und Raumlage, die Baar, Kreis, Region usw.; 1 Naturgeschichte: z. B. Bodenbeschaffenheit, Gewässer, Klima, Flora und Fauna usw.; 2 Vor- und Frühgeschichte: z. B. Steinzeiten, Hallstattzeit, Römerzeit usw.; 3 Ortsgeschichte: z. B. Urkunden, Heraldik, Namen usw.; 4 Volkskunde: z. B. Haus- und Wohnformen, Geräte, Trachten, Brauchtum, Mundart usw.; 5 Bevölkerung: z. B. Familienkunde, Auswanderer, Ehrenbürger usw.; 6 Siedlung: z. B. Straßen, Bauchronik, Denkmäler usw.; 7 Wirtschaft: z. B. Gewerbe, Handwerk, Versorgung, Industrie, Uhren, Handel und Geldwesen, Verkehrs- und Nachrichtenwesen, Arbeit, Gewerkschaften usw.; 8 Verwaltung: z. B. Kultur-, Sozial-, Bau-, Finanzverwaltung usw.; 9 Kultur und Gesundheit: z. B. Jugendund Sozialpflege, Gesundheitspflege, Sport, Kirchen, Friedhöfe, Schulen, Vereinswesen usw.

Abb. 3 bis 5: Blick in einen Teil der Regale, in denen die Chronikordner aufbewahrt werden.

 

Nachrichten über alle nur denkbaren Aspekte des öffentlichen Lebens sind hier beisammen und leicht zugänglich, zumal eine Fachkraft als Berater zur Verfügung steht, und auch für einen ruhigen Arbeitsplatz gesorgt ist. Die Stadtchronik ist eine Fundgrube, die eine Menge Material und Hilfen für die Museumsarbeit selbst, für Denkmalpflege und heimatkundliche Forschungen, für Schulen, Volkshochschule, Pädagogische Hochschulen, für andere Museen und für auswärtige Forscher, für Presse und Verwaltung, für jeden interessierten Bürger bietet. Neben den Berichten und Tabellen, dem Kartenund Fotomaterial der eigentlichen Chronik können tausende von Dias und Büchern benutzt und ausgewertet werden.

Das Unternehmen Stadtchronik ist auf lange Sicht angelegt. Deshalb wird mit Sorgfalt geprüft, welche der einlaufenden Informationen festgehalten und für die Zukunft aufbewahrt werden.

Längst haben die Firmen und Verbände der Stadt, die Vereine und sonstigen Institutionen des öffentlichen Lebens bemerkt, wie wichtig es ist, in der Stadtchronik in angemessener Weise vertreten zu sein. Mit Übersichten und Fotos, mit Jahresberichten, Katalogen und Werkszeitschriften tragen sie laufend zur Ergänzung des Dokumentationsmaterials bei, rufen aber auch umgekehrt immer wieder Informationen ab, die sie bei festlichen und anderen Gelegenheiten verwerten können.

Abb. 4

 

Niemand kann alles im Kopf behalten. Wie oft kommt es vor, dass man sich fragt: „Wie war das doch eigentlich damals?“ Wer sich an die Stadtchronik wendet, wird nicht lange im Ungewissen bleiben.“ Dr. Manfred Reinartz Zitatende.

Ergänzend zwei Beispiele, wie der zeitgeschichtliche Sammlungsbestand Stadtchronik laufend Zuwachs erhält:

Jubiläen: Sobald wir Kenntnis beispielsweise von einem Vereins-, Firmenoder Schuljubiläum erhalten, zu dem eine Festschrift erstellt wurde, fragen wir nach, ob das Stadtarchiv ein oder zwei Exemplare der betreffenden Festschrift bekommen könnte. Diese Chroniken werden dann entweder im Bestand Stadtchronik eingeordnet oder für die Archivbibliothek entsprechend katalogisiert.

Abb. 5

Wahlen: Vor Wahlen schreiben wir die Parteien an mit der Bitte, uns Unterlagen wie z. B. Parteiprogramme, Flyer, Plakate etc. zukommen zu lassen, soweit diese Unterlagen einen Bezug zu Villingen-Schwenningen oder dem Schwarzwald-Baar-Kreis haben. Dieses Werbematerial der Parteien wird dann in die Stadtchronik eingeordnet mit einer Ausnahme: Plakate werden unserem Bestand 5.11 Plakate zugeordnet.

Viele Leser des GHV-Jahresheftes, die bereits im Stadtarchiv geforscht haben, werden sich an Unterlagen aus der Stadtchronik erinnern. Häufig ist „die Chronik“ (so bei uns im Stadtarchiv die Kurzbezeichnung für die Stadtchronik) der Einstieg in ein Thema, bevor evtl. Akten, Amtsbücher, Urkunden, Zeitungen, Bilder, Filme oder andere Unterlagen dazukommen.

Anmerkungen:

Folgende Quellen aus dem Stadtarchiv Villingen-Schwenningen habe ich für meinen Beitrag genutzt: Bestand 1.17 (1994) Personalamt: Personalakte Dr. Rudolf Ströbel. Bestand 5.22 Stadtchronik, S alt und VS: 00 – 02.

Abbildungen:

Abb. 1 Einmal ein Bild aus einem Chronikordner, in dem Informationen zu Schwenninger Uhrenfabriken enthalten sind: In diesem Beispiel habe ich mich für bunte Prospekte der Uhrenfirma Jauch & Schmid entschieden.

Abb. 2 Zum anderen ein Bild aus einem Chronikordner, in dem Informationen zu Villinger Uhrenfabriken enthalten sind: Hier am Beispiel der Firma Kaiser Uhren, Villingen.

Abb. 3 Blick in einen Teil der Regale, in denen die Chronikbis ordner aufbewahrt werden. Die hier sichtbaren Regale Abb. 5 sind nicht alle „Chronik-Regale“.

Gemeinsam für die Kunst – Ein Lagebericht oder: ,Vom ‚eigenen Süppchen’ und dem Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst’ (Wendelin Renn)

Es war ‚Martins-Tag‘. Der Tag des Heiligen aus Tours. Am Abend des 11. November wurden, wie seit vielen Jahren, im Nach-Spiel vom ‚hohen Roß‘ herab in Stadt und Land viele ‚Mäntel zerteilt‘, in strahlenden Kinderaugen spiegelten sich Lampions und auch in der Neckar-Stadt sangen helle Stimmen laut „Laterne, Laterne…“. An diesem Abend 2009 kamen wir zum ersten Mal zusammen. Wir, das waren Astrid Ihle, Simone Jung, Heiderose Langer und ich. Wir saßen im Restaurant Ochsen und wir aßen traditionell Martins-Gans. Die drei Kolleginnen von der Sammlung Grässlin in St. Georgen, vom Museum Biedermann aus Donaueschingen und von der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil hatte ich nach Schwenningen eingeladen; zu einem Gespräch, ohne dass ich mein Vorhaben, was ich mit ihnen besprechen wollte, vorab kommuniziert hätte. Spannung lag also über der Runde und bei gutem Essen und Wasser und Wein löste ich den ‚Knoten‘, erzählte von meinen Überlegungen und war selbst auf die Reaktion meiner Gäste gespannt.

Wir, so führte ich aus, wir alle vermitteln Kunst. Jeder eigenständig in seinem Haus, mit unterschiedlichster Perspektive zwar, aber immer im Spiegel zur und aus der ‚Geschichte‘ der eigenen Sammlungstradition. In der Sammlung Grässlin mit Positionen des Kunstschaffens der 70er bis 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, oder in der Kunststiftung Erich Hauser im Bewahren und Vermitteln des skulpturalen Werks des international beachteten Bildhauers. Das im September diesen Jahres eröffnete Museum Biedermann stellt in wechselnden Ausstellungen Hauptwerke der privaten Kunstsammlung aus und wir präsentieren, gewachsen aus fast sieben Jahrzehnten Ausstellungstätigkeit der ‚Lovis-Presse‘, der ‚kleinen galerie‘, der Ausstellungsreihe von Dr. Hans und Margarete Willmann und der später so genannten ‚StädtischenGalerie’imWechselPositionenaktueller Kunst und thematisch konzipierte Ausstellungen mit Werken der Klassischen Moderne.

Diese Ausstellungen und Präsentationen in den jeweiligen Institutionen berücksichtigen dabei unterschiedliche Fragestellungen im Kunstschaffen und sind unbestritten ein lohnendes Ziel für alle Kunstfreunde in der Region. Wie aber kann es uns gelingen, so fragte ich in die Runde, den Kreis der Interessierten zu erweitern und zugleich den Radius zu vergrößern, aus dem unser Zielpublikum sich für unser Wirken für die Kunst interessiert? Denn wenn jeder sein ‚eigenes Süppchen‘ alleine kocht, formulierte ich provokant, bleibt der Kreis der Kunstfreunde trotz vieler Anstrengungen begrenzt. Im kollegialen Verbund aber könnten Potentiale gehoben werden, diese kulturell höchst aktive Region stärker in den Fokus des Feuilletons in den Medien zu bringen und damit in den Blick der Kulturinteressierten über unsere Region hinaus. Größere Aufmerksamkeit in der Welt der Kunst könnten wir erzielen, so führte ich aus, wenn wir uns im Rhythmus von zwei oder drei Jahren, zusammen für ein Projekt begeistern könnten und/oder uns zu einer Ausstellungsreihe zu einem gemeinsam reflektierten Thema, in einer‚ konzertierten Aktion‘, entschließen würden.

Astrid Ihle, Simone Jung und Heiderose Langer griffen meine Überlegungen konstruktiv auf und es entwickelte sich am runden Tisch eine lebhafte Diskussion. Möglichkeiten und Ziele eines synergetischen Wirkens bei gemeinsam entwickelten Werbemaßnahmen wurden überlegt und bald wurden auch konkrete Themenbereiche von Ausstellungsinhalten angedacht, die sich aus dem Gemeinsamen der jeweiligen konzeptuellen Schwerpunkte der vier ‚Orte der Kunst‘ rekrutierten. Im offenen ‚brainstorming‘ engagierten wir bereits gedanklich Fachbüros, die für unser Vorhaben zielgruppen orientierte Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit entwickeln könnten. Und auch die Einbindung von zeitgenössischer Musik, Film oder Tanz im Rahmenprogramm einer gemeinsam präsentierten Aktion sahen wir gattungsüberschreitend für geboten.

Meine Idee für ein gemeinsames Vorhaben wurde von den Kolleginnen engagiert aufgenommen und wir beschlossen über den Jahreswechsel eine Projektidee zu konkretisieren. Um das Werden des gemeinsamen Auftritts zu betonen vereinbarten wir zudem, dass alle Entscheidungen fürderhin im Konsens getroffen werden sollten. Zunächst galt es aber, unsere Überlegungen den drei Trägern der privaten Institutionen vorzustellen und deren Zustimmung anzufragen.

Am 17. Januar 2010 trafen wir uns zur zweiten Besprechung in gleicher Besetzung, jetzt im Restaurant Kippy’s in St. Georgen. Grundsätzliche Zustimmung zu unseren Überlegungen erfuhren wir von der Familie Grässlin. Margit Biedermann, Gründerin des privaten Museums, bekundete ihr Interesse und die Gremien der Kunststiftung Erich Hauser konnten über den Jahreswechsel noch nicht informiert werden. Gleichwohl ‚spannen wir den Faden‘ eines gemeinsamen Projektes weiter und diskutierten Fragen zum inhaltlichen Konzept, zur Struktur und zur Finanzierung des gemeinsamen Vorhabens. In diesem Stadium der Diskussion favorisierten wir eine von jeder Institution erarbeitete Ausstellung, deren inhaltliche Ausrichtung sich aus dem jeweiligen Sammlungskomplex ergibt und sich zugleich einem gemeinsamen Thema subsumieren ließe. Auch waren wir uns einig den Schwarzwald-Baar-Kreis und den Kreis Rottweil als ‚politische‘ Partner zu gewinnen, um unser ‚grenzüberschreitendes‘ Vorhaben auch durch die Einbindung der verschiedenen Verwaltungseinheiten zum Ausdruck zu bringen. Konsens war auch die Notwendigkeit, ein gemeinsames ‚Label‘ für unser Projekt zu finden.

In den folgenden Besprechungen zeigte sich jedoch bald, dass ein gemeinsames Ausstellungsvorhaben unsere personellen Kapazitäten überforderte. Auch wären die inhaltlichen und kuratorischen Vorbereitungen dafür zu zeitintensiv.

Geeigneter erschien uns jetzt ein Symposium in zweijährigem Rhythmus zu organisieren. Dabei sollten Fragen zum aktuellen Kunstdiskurs reflektiert werden, die zugleich die Aufgabenstellungen in unseren Institutionen tangieren. Mit Heiderose Langers Titelvorschlag >Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst'< war auch bald das ‚Label‘ unseres gemeinsamen Wirkens gefunden.

Abb. 1: Vorbereitung zum ersten Symposium im Skulpturenpark der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil: Heiderose Langer, Wendelin Renn und Astrid Ihle (vlnr).

 

Unsere inhaltlichen Diskussionen, die wir in regelmäßigen und zunächst vertraulichen Treffen in den folgenden Monaten führten, erreichten bald weitere Institutionen, die im regionalen Kunstbetrieb aktiv sind und weckten ‚Begehrlichkeiten‘: lokale Kunstvereine und auch andere kommunale Galerien ‚forderten‘ zu unserer Überraschung partout Partizipation bei unserer privaten Initiative. Dies entsprach aber nicht unserer Intension. Wir wollten als international vernetzte ‚Orte der Kunst‘ nicht in erster Linie das lokale Kunstgeschehen fördern, sondern den Diskurs über Kunst in unserer Region in ein überregionales Bewusstsein transferieren. So entschieden wir, bei der ersten Veranstaltung im >Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst'< im ‚kleinen Kreis‘ als Veranstalter aufzutreten – das gerade eröffnete Museum Biedermann hatte sich aus unserer Arbeitsgruppe mittlerweile zurückgezogen und wollte den Schwerpunkt seiner Arbeit verständlicher Weise auf den Aufbau des eigenen Hauses richten – und terminierten das erste Symposium in der Kunststiftung Erich Hauser für Herbst 2011.

Als Titel wählten wir ‚Von der Macht der Kunst – Strategien zur Unsterblichkeit‘ und renommierte Künstler, Kunstwissenschaftler, Journalisten und Galeristen, mit denen unsere Institutionen über die Jahre zusammen gearbeitet hatten, nahmen unsere Einladung, sich mit dem gewählten Thema auseinander zu setzen, gerne an. Am 4. und

5. November 2011 wurden im ersten Symposium Fragen zur Unsterblichkeitsidee im abendländischen Künstlerkult, das Künstlersein als bewusste (Selbst-)Inszenierung, aber auch die Methoden der Nachlassverwaltung, der posthumen Rekonstruktion und Präsentation von Kunstwerken und die Problematik zur Erhaltung digitaler Medienkunstwerke für die Nachwelt öffentlich erörtert.

Abb. 2 Heiderose Langer, Susanne Gaensheimer, Astrid Ihle und Susanne Kippenberger (vlnr) bei der Diskussion im Plenum.

 

So legte Florian Berktold, Direktor der Galerie Hauser & Wirth in Zürich, in seinem Vortrag den Fokus auf Überlegungen zur ‚Rekonstruktion von Kunstwerken als Relikt und Reliquie oder Neuinterpretation‘ und thematisierte das Problem des abwesenden Künstlerwillens und -blicks. Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt und 2011 Kommissarin des deutschen Pavillons auf der 54. Biennale in Venedig, berichtete über die Gestaltung des Pavillons mit Werken des 2010 verstorbenen Aktionskünstlers Christoph Schlingensief. Fragen zur Wiederherstellung und Neuinterpretation bzw. Neubewertung thematisierte die Berliner Künstlerin Nairy Baghramian, die im Rahmen der fünften Berlin-Biennale 2008 das Werk von Janette Laverrière, Altmeisterin der französischen Innenarchitektur (1909 – 2011), wieder in den Kunstkontext einführte. Zur Frage ‚Wie lange hält der Atem des Künstlers‘ nahmen der Konzeptkünstler Timm Ulrichs und die Journalistin Susanne Kippenberger Stellung. Timm Ulrichs, der schon vor Jahrzehnten in einer Grabinschrift den Kunstbetrachter dazu aufrief „Denken sie immer daran, mich zu vergessen“, sprach in seinem Beitrag über vergangene und zukünftige Unsterblichkeitsstrategien. Susanne Kippenberger, Schwester des Künstlers Martin Kippenberger und Autorin des Buches ‚Kippenberger. Der Künstler und seine Familien‘, erläuterte teils aus sehr persönlicher Sicht, die künstlerische Auseinandersetzung ihres Bruders mit dem Thema Tod und Unsterblichkeit sowie dessen posthume Wiederentdeckung bzw. Vereinnahmung vom Kunstbetrieb. Die Kunstwissenschaftlerin Ruth Wöbkemeier erörterte in ihrem Vortrag ‚Die andere Seite – Vom Verschwinden und Wiederauftauchen in der Moderne‘, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich verändernde Erinnerungsund Gedächtnismodelle mit dem allgemeinen Wandel von Körper-, Raum- und Zeitgefühl zusammenhängen – und zwar mit Blick auf eine sich verschiebende Kultur des Todes. Der Kunsthistoriker Hans Dieter Huber von der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart erläuterte Fragen zur sachgerechten Lagerung, Archivierung und Dokumentation digitaler Kunstwerke und setzte sich mit Strategien und ethischen Maximen für die Langzeiterhaltung des digitalen kulturellen Erbes auseinander.

Abb. 3: Performance ‚RAUMZWISCHENZEIT‘ von Ingrid Schorscher.

 

Lebhafte Diskussionen zwischen den Referenten und dem Publikum ergänzten die einzelnen Vorträge und ein hochkarätiges Rahmenprogramm mit Video-Präsentationen von Philippe Grammaticopoulos (‚Le Régulateur‘, 2004, und ‚Les Ventres‘, 2009), Björn Melhus & Yves Netzhammer (‚Die umgekehrte Rüstung‘, 2002) und Franziska Megert (‚Arachne-Vanitas‘, 1991 und ‚Die Stadt der Unsterblichen‘, 1998/2001), der Performance ‚RAUMZWISCHENZEIT‘ von Ingrid Schorscher und aktuelle Life-Musik von ‚Pixanfonax‘ mit Jürgen Palmtag und Emmerich Györy fanden großes Interesse.

Abb. 4: ‚Pixanfonax‘ mit Emmerich Györy und Jürgen Palmtag.

 

Der Erfolg des ersten Symposiums – Gäste aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, Österreich und dem Elsass konnten in Rottweil begrüßt werden – und die überregionale und fundierte Berichterstattung in Tageszeitungen und Fachmedien motivierte uns, das zweite Vorhaben in unserem >Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst'< zu realisieren. So luden wir – für Astrid Ihle, die als Kuratorin an das Wilhelm-Hack Museum in Ludwigshafen wechselte vertrat Claudia Schönfeld die Sammlung Grässlin – zwei Jahre später alle Kunstinteressierten am 12. Oktober 2013 zu einer Podiumsdiskussion in den spätexpressionistisch gestalteten Ratssaal des von Hans Herkommer 1928 geschaffenen Rathauses in Schwenningen ein. Unter dem Titel ‚Freiheitskrise? Zum Anspruch künstlerischer Autonomie in der Gegenwartskunst‘ moderierte Georg Imdahl, Kunstwissenschaftler an der Kunstakademie in Münster, ein kompetent besetztes Podium mit der Kunstkritikerin Adrienne Braun aus Stuttgart, der Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic´, der Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart Ulrike Groos und dem Künstler, Sammler und Direktor der Hallen für Kunst in Schaffhausen Urs Raussmüller.

Abb. 5: Über die ‚Freiheit‘ in der Kunst wird im Ratssaal im Rathaus Schwenningen diskutiert.

 

Ausgehend von Friedrich Schillers Postulat zur ‚Autonomie der Kunst‘ und Heinrich Bölls Aussage „Kunst ist Freiheit“ diskutierte die Expertenrunde zunächst unter sich und abschließend mit dem Plenum Fragen zur ‚Freiheit in der Kunst‘ im 21. Jahrhundert. Dabei berichtete Tamara Grci´c aus ihrer persönlichen Erfahrung von den Schwierigkeiten, eine „Balance zu finden zwischen der Freiheit im Kunstmachen und den vorgegebenen Konventionen“.

Abb. 6: Adrienne Braun, Ulrike Groos, Georg Imdahl und Heiderose Langer (vlnr) im ‚Nachgespräch‘.

 

Ähnlich argumentierte Ulrike Groos und erzählte von den Zwängen, die Museumsdirektoren heute zu meistern haben: „Wir sind zu Managern geworden, zu Virtuosen der Geldbeschaffung und zu ‚Salonlöwen‘. Die Zeit zur Forschung über Kunst und Künstler hat bei all dem verloren.“ Adrienne Braun vermisste „Foren, in denen ernst und kritisch über Kunst diskutiert wird.“ Kunst zu kritisieren, das sei ihrer Meinung nach leider „ein unausgesprochenes Tabu“ geworden. Pointiert reagierte der Schweizer Urs Raussmüller und konterte: „Ich höre hier nur von Problemen. Eigentlich gibt es doch gar keine. Denn entweder sie verzichten auf Freiheit, oder sie schaffen sich Freiheit“.

Im Rahmenprogramm konnten die Gäste am Vormittag bereits eine Führung zum Kunstschaffen von Günther Förg in der Sammlung Grässlin in St. Georgen erleben und am frühen Nachmittag den Skulpturenpark und die Ausstellung mit Arbeiten des Werkstattpreisträgers 2013 Benjamin Appel in der Kunststiftung Erich Hauser kennenlernen. Nach der Podiumsdiskussion waren alle Gäste und die Referenten zum Empfang im ‚Lovis-Kabinett‘ der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen geladen. Inmitten der Ausstellung ‚Bridget Riley – Prints 1962 – 2012′ konnten Meinungen und Positionen zum Tagungsthema ‚Freiheitskrise? Zum Anspruch künstlerischer Autonomie in der Gegenwartskunst‘ in anregender Atmosphäre der Bilderwelt der großen englischen Künstlerin weiter diskutiert werden.

Abb. 7: Jetzt zu viert: Heiderose Langer, Christina Korzen, Antonia von Weichs und Wendelin Renn (vlnr).

 

In Vorbereitung ist derzeit die dritte Veranstaltung zu dem das >Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst'< in das Rathaus in St. Georgen am 30. und 31. Oktober 2015 einlädt. Thema des Symposiums ist: ‚Kunst transformiert – Der Wert der Kunst im Wandel‘. War nach Claudia Schönfeld zunächst Cora von Pape unsere Ansprechpartnerin in der Sammlung Grässlin zur Vorbereitung der dritten Veranstaltung, verantwortet jetzt Christina Korzen als neue Sammlungsleiterin die Organisation in der Bergstadt. Auch ist mit ‚Fürstenberg Zeitgenössisch‘ aus Donaueschingen, vertreten durch die Kunsthistorikerin Antonia von Weichs, der Kreis der Veranstalter um einen vierten Partner gewachsen.

Beim Symposium in St. Georgen nähern sich die Referenten den Fragen zum ‚Wert‘ der Kunst aus verschiedensten Perspektiven. Christian Demand, Kulturphilosoph und Herausgeber des Merkur wird in das Thema einführen. Der Vortrag von Monika Wagner, langjährige Leiterin des Archivs zur Materialikonographie in der Kunst des 20. Jahrhunderts am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg, lautet ‚Vom Wert der Arbeit, des Materials und der Kunst‘. ‚Wer schafft den Wert der Kunst?‘ untersucht Katja Blomberg, Direktorin und künstlerische Leiterin im Berliner Haus am Waldsee. ‚Wie unser Gehirn Überraschung verarbeitet und was das mit Ästhetik zu tun hat‘ erläutert Lars Muckli vom Institute für Neurowissenschaft und Psychologie an der Universität Glasgow. ‚Vom unbekannten Künstler zum Art Branding in 8 Schritten‘ erklärt Dirk Boll, der am Institut für Kultur- und Medienmanagement in Hamburg lehrt und zugleich Managing Director bei Christie’s Continental Europe in London ist. Anne-Marie Bonnet vom Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Bonn berichtet über ‚Wertschöpfungsketten der Gegenwart – wozu Kunstgeschichte?‘. Und aus der Sicht der Kunstschaffenden erläutern die Künstler Daniel Bräg, Marko Luli´c, Tobias Rehberger und Claus Richter ‚Was ist meine Kunst wert?‘ Die abschließende Podiumsdiskussion mit den Referent-Innen und den Gästen moderiert Stefan Koldehoff von der Kulturredaktion Deutschlandfunk.

Unser >Projektnetzwerk ‚Reden über Kunst'< hat sich m. E. in den vergangen sechs Jahren etabliert und viele Kunstinteressierte aus nah und fern erhielten bei unseren Veranstaltungen spannende Antworten aber auch neue Fragen im Diskurs zur Kunst in unserer Zeit. Dem Ziel, unsere Arbeit für die Kunst in einen überregionalen Kontext zu stellen, sind wir näher gekommen, und es gilt, dies weiter zu entwickeln. Dass dies gelingt, davon bin ich überzeugt, sind doch der konstruktive Austausch und die intensiven Gespräche über Künstler und deren Kunst wie auch zu Positionen in der Kunstwissenschaft mit den Verantwortlichen der beteiligten Institutionen für alle ein Gewinn.

Abbildungen

Abb. 1 Vorbereitung zum ersten Symposium im Skulpturenpark der Kunststiftung Erich Hauser in Rottweil: Heiderose Langer, Wendelin Renn und Astrid Ihle (vlnr). Foto Städtische Galerie

Abb. 2 Heiderose Langer, Susanne Gaensheimer, Astrid Ihle und Susanne Kippenberger (vlnr) bei der Diskussion im Plenum. Foto Robert Hak

Abb. 3 Eine Schwarzwälder Kirschtorte ist Requisit bei der Performance ‚RAUMZWISCHENZEIT‘ von Ingrid Schorscher. Foto Robert Hak

Abb. 4 ‚Pixanfonax‘ mit Emmerich Györy und Jürgen Palmtag erzeugen ‚phantastische‘ Klänge. Foto Robert Hak

Abb. 5 Im farbenprächtigen Ratssaal im Rathaus Schwenningen wird über die ‚Freiheit‘ in der Kunst diskutiert. Foto Horst W Kurschat

Abb. 6 Adrienne Braun, Ulrike Groos, Georg Imdahl und Heiderose Langer (vlnr) im ‚Nachgespräch‘ in der Ausstellung ‚Bridget Riley – Prints 1962 – 2012′ im ‚Lovis-Kabinett‘. Foto Horst W Kurschat

Abb. 7 Jetzt zu viert: Heiderose Langer, Christina Korzen, Antonia von Weichs und Wendelin Renn (vlnr). Foto Städtische Galerie

Moden”. Eine Ausstellung und mehr (Anita Auer)

Die Ausstellung „Moden. Schwarzwälder und andere Hüte“, welche die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts einer breiten Öffentlichkeit vermittelte, wurde 2015 vier Monate lang, von April bis August, im Franziskanermuseum Villingen gezeigt. Insgesamt haben 3334 Besucherinnen und Besucher die Ausstellung gesehen. Ein breit gefächertes Begleitprogramm beleuchtete zusätzliche Aspekte. Besonders gelobt wurden die anhaltende Präsenz des Themas in den Medien, die professionelle, ästhetisch ansprechende Gestaltung der Ausstellung und der Werbemedien, das gute Marketing und die interessante und vergnügliche Umsetzung der Inhalte. Der Riesenbollenhut auf dem Osianderplatz war ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen und wurde gern als Fotokulisse genutzt. Die Ausstellung so zum Tagesgespräch zu machen, wie es in diesem Fall geschehen ist, war eine der Visionen der Macherinnen. Damit ist eine wesentliche Aufgabe eines kulturgeschichtlichen Regionalmuseums erfüllt: den Menschen vor Ort ihre eigene Kultur wieder zugänglich zu machen.

Lange hatte sich das Ausstellungsteam überlegt, welcher Teil der Schwarzwaldsammlung Oskar Spiegelhalders (1864 – 1925) sich für die abschliessende Präsentation besonders eignet. Schließlich einigte man sich auf die Strohflechterei und deren Produkte, die Schwarzwälder Strohhüte. Denn der Schwarzwälder Bollenhut ist das am meisten verbreitete Symbol für die Region. Die Entstehung dieser Bilder und Klischees und die Rolle der Museen und deren Sammlungen dabei war Thema des Forschungsprojekts, das von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde.

Mit Vorurteilen hatte die Ausstellung zunächst selbst zu kämpfen. So wurde bezweifelt, dass das Thema Hüte aktuell ist, da Hüte seit den 60er Jahren immer weniger getragen werden. Außerdem wurde geunkt, die Ausstellung würde nur die Hälfte der Bevölkerung erreichen, da kein Mann sich in eine Modeausstellung verirre. Die wissenschaftlichen Aspekte seien zu abstrakt, um sie populär zu vermitteln.

Abb. 1: Tanz mit dem Hanagasa

 

All diese Einwände erwiesen sich als unbegründet: Das SWR-Fernsehen kam für die Sendung „Kunscht“ bereits zur Eröffnung und filmte den Auftritt von vier Japanerinnen aus Stuttgart, die den Tanz mit dem Hanagasa vorführten (Abb. 1). Dieser japanische Blütenhut sieht dem Bollenhut verblüffend ähnlich. Zahlreiche Trachtenträger und Besucher mit teils skurrilen Kopfbedeckungen (Abb. 2) boten zudem einen reizvollen Anblick. Die Schwarzwald Tourismus GmbH, die den Bollenhut im Logo führt, bewarb die Ausstellung von Anfang an auf ihrer Homepage und via Facebook. Die Verbindung von Mode und Tracht bzw. Heimat erwies sich insgesamt als „en vogue“. „Artwood“ ein Künstlerduo aus Gütenbach irritierte und begeisterte mit seinen großformatigen Fotos im Foyer des Franziskaners (Abb. 3). Auch männliche Besucher gab es von Anfang an. Die meisten Teilnehmer an Führungen waren überrascht, wie viel das Thema Hüte „hergab“. Sie interessierten sich für die wissenschaftlichen Inhalte und die kulturgeschichtlichen Querbezüge, nutzten aber auch begeistert die Probier- und Selfiestation.

Abb. 2: Besucher mit skurrilen Kopfbedeckungen

Die Ausstellung stellte den Besuchern zunächst die Frage nach ihrer Identität, denn es gab zwei Eintrittskarten für zwei verschiedene Eingänge: einen für „Schwarzwälder“ und einen für „Andere“.

Der grüne Vorhang, der den Schwarzwald darstellen sollte, trennte die beiden Zielgruppen. Die „Schwarzwälder“ betraten die Ausstellung durch eine Holztüre. Die „Anderen“ wurden von einem Videoclip angezogen und traten über einen roten Teppich in die Glitzerwelt der Haute Couture mit 53 Hüten ein. Neben dieser „Hutversammlung“ gab es drei weitere Abteilungen in der Ausstellung: die drei Schwarzwaldhüte – Bollenhut, Zylinder und Schnotz – wurden vor- und in ihren jeweiligen kulturgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Die Strohflechterei wurde anhand der Sammlungsobjekte der Spiegelhaldersammlung erläutert. Die Person Oskar Spiegelhalders, des Menschen hinter dieser Sammlung, wurde in einem eigenen Part dargestellt.

Abb. 3: Artwood – Großformatige Fotos im Foyer des Franziskaners

 

Wurde mit dem Gutacher Bollenhut begonnen, lernte der Besucher, dass dieser nicht etwa im ganzen Schwarzwald, sondern nur in den drei protestantischen Gemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach getragen wurde. Die Anordnung und Anzahl der Bollen sowie die Entwicklung von 1800 bis um 1900 wurden erläutert, auch, dass die roten Bollen eigentlich Rosen symbolisierten. Rosenhüte ähnlicher Form gab es überall im Schwarzwald, in Sankt Georgen, Lehengericht und sogar in der benachbarten Schweiz. Während der Bollenhut der berühmteste Hut aus dem Schwarzwald ist, stellt der Zylinder den am weitesten verbreiteten dar. Im Gegensatz zu den beiden anderen Schwarzwälder Strohhüten wird er nicht in reiner Handarbeit hergestellt, sondern arbeitsteilig und halbindustriell. Von den 30.000 Strohhüten, die der Schwarzwald in den besten Zeiten produzierte, war sicherlich der größere Teil Zylinder. Die höheren Stückzahlen, mit denen er hergestellt werden konnte, führten dazu, dass die Obrigkeit den Trachtenträgerinnen eine solche Kopfbedeckung „nahelegte“. Fast zu jeder Tracht im Schwarzwald konnte ein Strohzylinder, ob naturbelassen, gelb oder orange gefärbt, getragen werden. Am unbekanntesten ist sicher der Schnotz (Abb. 4).

Abb. 4: Der Schnotz, Kopfbedeckung aus dem Hauensteiner Land

 

Sein Name soll sich etymologisch auf „Schnauze“ oder „Schnorre“ zurückführen lassen. Der Hut zeigt eine auffällige Form mit seiner vierfach stark aufgebogenen Krempe, deren Einzelform einer Tierschnauze ähnelt. Er ist die älteste Hutform der drei und wurde ursprünglich in der Grafschaft Hauenstein getragen. Ihre Bewohner, die Hotzenwälder, galten im 18. Jahrhundert als die Schwarzwälder. Ihr Engagement für eine demokratische Selbstverwaltung, die sie auch gegen die jeweiligen Landesherrn durchsetzten, brachte ihnen den Ruf von wortkargen Eigenbrötlern ein, welche Eigenschaft in der Folge auf alle Bewohner des Schwarzwaldes übertragen wurde. Ihre eigenwillige Kleidung trugen sie mit Stolz und als Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Der Schnotz galt einst als der Schwarzwaldhut schlechthin.

In der Abteilung zur Strohflechterei waren nicht nur die von Oskar Spiegelhalder gesammelten Werkzeuge und Produkte dieser Handwerkskunst zu bestaunen, sondern auch Strohflechtproben zum Anfassen. Barbara Ruf aus Schonach, welche die alte Handwerkstechnik wieder eingeübt hat, fertigte sie eigens für die Ausstellung. Der Lenzkircher Uhrenfabrikant Spiegelhalder war im Bereich der Volkskunde ein begabter Autodidakt. Angeregt von den neu entstandenen Volkskundemuseen in den europäischen Großstädten, die er auf seinen Handlungsreisen besuchte, sammelte er als einer der ersten im Schwarzwald Trachten, Möbel und Zeugnisse ländlichen Arbeitens. Durch ein erfolgreiches System von Zuträgern aus dem bäuerlichen Milieu, von Anund Verkäufen, gelang es ihm drei Sammlungen ähnlichen Zuschnitts für Freiburg, Karlsruhe und Villingen zusammenzustellen. Nachlässe kaufte er günstig als Konvolut, wusste aber beim Wiederverkauf durchaus, was seine „Ware“ wert war. Spätestens dann, kam jenen, die ihn vorher für etwas verrückt gehalten hatten, die Einsicht, welch cleveren Geschäftsmann sie vor sich hatten. Zu seinen persönlichen Eigenheiten zählte, dass er akribisch dokumentierte, nicht nur sein Sammlungsgut und das Sammeln selbst, sondern auch seine Reisen, Kontakte zu zeitgenössischen Sammlern etc. Der Nachlass, der diese Informationen enthält, befindet sich heute im Besitz des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen. Viele Dokumente daraus wurden erstmals in der Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Schön leserlich geschrieben vermitteln sie dem heutigen Betrachter das Bild eines wissbegierigen, gut vernetzten Sammlers, der auch notierte, welche geselligen Formen er mit seinen Sammlerkollegen, z.B. Dr. Kling in Frankfurt, pflegte: „Thee, Abendbrot bei ihm“.

Abb. 5: Die Hutversammlung

 

In der „Hutversammlung“ (Abb. 5), der letzten (bzw. für die „anderen“ Besucher ersten) Abteilung, wurden Varianten der drei Hutformen des Schwarzwalds – Bollenhut, Zylinder, Schnotz – in der Haute Couture und in anderen Kulturen gezeigt. Hier fanden auch ein Morion, eine Helmform des 16. Jahrhunderts, als Variante des Hutes mit stark gebogener Krempe Eingang oder der Schuttig, eine fastnächtliche Kopfbedeckung aus Elzach, die einen Dreispitz aus Stroh als Grundform und drei dicke rote Pompons an seinen Spitzen aufweist. Eine wahrhafte Farben- und Formenpracht bot sich dem Auge, so dass den Erstbesuchern beim Betreten des Raumes meist ein erstauntes „Oh, wie schön“ über die Lippen kam. Die Hutversammlung machte auch deutlich, dass sich Mode immer Inspirationen aus der Vergangenheit holt, und in einem ewigen Kreislauf Formen und Materialien wieder aufgenommen oder an die Gegenwart und neue Bedürfnisse angepasst werden. Andererseits wurde bei den historischen Kopfbeckungen der Tracht klar, wie sehr diese in modische Entwicklungen eingebunden waren und nicht etwa starr und festgeschrieben.

Viele Nebenthemen wurden in der Ausstellung mit behandelt, etwa warum es heutzutage keinen Schnotz mehr gibt oder wie der Strohhut, ursprünglich ein Arbeitshut, in Mode (Schäferspiele) kam und dann wieder in der Tracht aufgenommen wurde oder was Mode und Tracht verbindet. Beide Kleidungsformen gründen in der adligen Kultur des Rokoko mit ihrer Farbenund Dekorfreude, mit aufwändigen Stoffen und Herstellungstechniken. Dass die Strohflechterei nicht aus dem Schwarzwald kommt, sondern eine von der Obrigkeit verordnete Maßnahme zur Armutsbekämpfung war und dass viele Abbildungen der Strohflechterei eine romantische Idylle, nicht die Wirklichkeit darstellen, war manchem Besucher neu. Die Hinterfragbarkeit der „Bilder“, ob nun tatsächliche oder im Kopf, konnte vermittelt werden, ebenso dass Kleidung ein Kommunikationssystem darstellt, das sich vielfältig einsetzen lässt, z.B. innerhalb der Brautwerbung (roter und schwarzer Bollen = unverheiratet und verheiratet).

Die Ausstellung war jedoch nur ein Ergebnis des Forschungsprojekts. Im Fokus stand die weitere Erforschung der Spiegelhaldersammlungen in Villingen, aber auch in Freiburg und Karlsruhe. Dabei wurden über 300 Objekte nachinventarisiert, die Uhrenkataloge der Spiegelhalderbibliothek digitalisiert und online gestellt, der Nachlass des Sammlers auf seine Kontakte zur zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde hin neu ausgewertet, eine Dissertation zum Thema Schneflerei angeregt und diverse Verkäufe Spiegelhalders an weitere Museen in Berlin, Nürnberg und München nachrecherchiert. So entdeckte das Deutsche Museum in München jetzt erst wieder, dass seine Schwarzwälder Uhrmacherwerkstatt größtenteils aus Spiegelhalders Hand stammt. Manche Erkenntnisse waren auch schmerzlich, so jene, dass die „ältest datierbaren Schwarzwalduhren“ in der Villinger Spiegelhaldersammlung aus der Schweiz stammen und jünger sind. Der Kunsthandel stellte offenbar zur Verfügung, was gesucht wurde. Andere Entdeckungen blieben rätselhaft: Wie kam eine Filzkappe osmanischen Ursprungs zur Uracher Tracht in der Spiegelhaldersammlung des Badischen Landesmuseums?

Abb. 6: Strohzylinderträgerin vor Vitrine Strohflechterei

 

Verblüffend war auch die Lücke, die Spiegelhalder mit seiner Rettung des Nachlasses der letzten Schonacher Geflechtlehrerin Bertha Nock (Abb. 6) in die Lokalgeschichte riss: Keine andere Spur ist bis heute von dieser Strohflechtschule übrig geblieben. Diese und weitere Ergebnisse sind im Band „Die Leidenschaften des Sammlers. Oskar Spiegelhalder als Wissenschaftsamateur“ publiziert, der zur Ausstellung erschien und noch immer zu erwerben ist (20,00 ¡). Eine Kollegin aus Berlin bezeichnete den aufwändig gestalteten Katalog im Rückblick als „eines der schönsten Bücher, die in den letzten Monaten im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin angekommen“ sind.

Viele Kontakte zu den Museen der Umgebung wurden durch das Forschungsprojekt oder bei der Leihgabenrecherche für die Ausstellung neu geknüpft oder intensiviert, sei es der zum Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen oder zum Basler Museum der Kulturen. Die Zusammenarbeit mit der TU Dortmund, Kooperationspartner im Forschungsprojekt, mündete nicht nur in konkrete Beiträge zu Katalog und Ausstellung, wie die „Hutsteckbriefe“ im Begleitprogramm oder die Filmschleife in der Ausstellung. Die Kooperation vernetzte das Franziskanermuseum mit Wissenschaftler-Innen in Berlin, Nürnberg und Wien, und ermöglichte neue Perspektiven auf den Forschungsgegenstand. Die Studierenden aus Dortmund bekamen im Gegenzug Einblick in die hiesige Museumsarbeit. Ihre Beschäftigung mit den Schwarzwaldhüten war möglicherweise von ähnlichen Fremdheitserfahrungen geprägt wie im 19. Jahrhundert die des Malers Wilhelm Hasemann, der dem Bollenhut zu seiner ersten Popularität verhalf. Hasemann stammte auch nicht aus dem Schwarzwald, sondern aus Mühlberg an der Elbe. Für die Besucher der Dauerausstellung sind die Ergebnisse des Forschungsprojekts nicht nur im Katalog nachvollziehbar. Anfang August wurde der Audioguide zur Schwarzwaldsammlung der Öffentlichkeit vorgestellt, der mit neuen Informationen die Dauerausstellung aktualisiert. Das neue Medium wird in Deutsch und Englisch angeboten und erzählt in 30 Stationen Wissenswertes über die Exponate, das bisher nicht vermittelt wurde. Die Schwarzwälder Streichinstrumente werden hörbar gemacht und zuletzt kommt sogar der Sammler Spiegelhalder selbst zu Wort.

Abbildungen:

Abb. 1: Tanz mit dem Hanagasa, Japanische Tanzgruppe aus Stuttgart bei der Eröffnung (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 2: Besucher mit skurrilen Kopfbedeckungen, Leihgeber aus Basel Dominik Wunderlin und Frau (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 3: Artwood – Großformatige Fotos von Sebastian Wehrle und Jochen Scherzinger (Bildnachweis: Michael Kienzler)

Abb. 4: Der Schnotz, eine Kopfbedeckung aus dem Hauensteiner Land (Bildnachweis: visual artwork – Lutz Hugel)

Abb. 5: Die Hutversammlung (Bildnachweis: visual artwork – Lutz Hugel)

Abb. 6: Strohzylinderträgerin vor Vitrine Strohflechterei (Bildnachweis: Michael Kienzler)