Vom Schwarzwaldhof zur Bildhauerwerkstatt (Werner Huger)

Die europäische Wasserscheide über den Schwarzwald unmittelbar südlich, eingekerbt zwischen dem Mosenberg im Osten sowie dem Mühlenberg im Westen, mit deren Höhengrenze um 1000 Meter, nimmt von der hochgelegenen Quelle aus der Prisenbach seinen nördlichen Weg nach Triberg zur Gutach hinunter. Von ihm leitet sich der Name des Zinkens „Prisen“ ab. Komunalpolitisch gehört der Winkel zu Schönwald, obwohl die wirtschaftliche Anbindung vorwiegend bergabwärts nach Triberg führt.

Neun Gehöfte säumen talwärts die kurvenreiche Straße, einst ein befestigter Weg, vom Wald durchs Grün der Hänge mit ihren eiszeitlichen Findlingsblöcken und wieder in den Wald. Nur fünf sind es noch die mit ihrer steilen Topografie und den kargen schwarzwälder Bodenverhältnissen landwirtschaftlich betrieben werden. In den Steillagen dominiert die Weide, während die Felderwirtschaft im Wettbewerb des europäischen Agrarraums kaum mehr Chancen hat.

Mosenberg, 1000 m über dem Meer.

 

Als einer der Bauernhöfe hat sich vor rund 25 Jahren auch der kleine Fallerhof am unteren Talende von seiner agrarischen Funktion verabschiedet. Man wird ihn wohl stets als einen Nebenerwerbsbetrieb sehen müssen.

Der Fallerhof im Prisen.

 

 

56 Jahre lang, so berichtet der Enkel Frank Faller, ging der Großvater täglich, bei Wind und Wetter sowie winterlicher Kälte mit Glätte und Schnee durch den Wald ins Tal, mit deren ersten Naturbobbahn Deutschlands, in die Uhrenfabrik Schatz nach Triberg. Es mögen vier Kilometer gewesen sein: eine Stunde abwärts, abends zwei Stunden bergwärts zurück. Derweil besorgte die Großmutter das Haus mit all den großen und kleinen Tieren, den Garten und das Feld. Die Obstbäume, der Apfel- und Birnbaum mit den Blüten weiß und außen rosa, von den Rosengewächsen der Kirschbaum, das Weiß des Holunders, der nahe Lindenbaum, auf dem sich mit ihrem Schwarz und Weiß des Gefieders eine Elster niedergelassen hatte, sie alle bildeten mit dem Bunt des Hausgartens hinter dem Milchhäusle den farbigen Kranz sommerlichen Schmucks.

Dennoch, ein karges Leben aber eingebettet in Gottvertrauen. So fehlt auch nicht an der äußeren Hauswand sichtbar das Kreuz, das sich als „Siegeszeichen des heilbringenden Leides“ versteht. An einem Haus angebracht wird es für dieses zu einem Weihezeichen, d.h. einem Zeichen des Segens. Auf zwei Sparren des Dachgebälks sind Worte eingebrannt. Die einen lauten „Das Haus steht in Gottes Hand …“.

Das Segenszeichen an der Hauswand

 

 

Sparren des Dachgebälks mit eingebrannter Weihinschrift.

 

Das Haus vergleicht sich nicht mit den gewaltigen Baumassen jener Bauernhäuser, die für würdig befunden wurden in irgendeinem Freilichtmuseum ein totes Dasein zu fristen. Es ist vielmehr die schlichte Ausführung des Schwarzwälder Typs „Gutacher Haus“. Gewiss, wenn die spätmittelalterlichen Bauordnungen noch lehmgetränkte Strohdächer verlangten, so ist doch längst das Ziegeldach an deren Stelle getreten. Anderes ist geblieben. Als Typ Gutacher Haus besitzt es kein Sockelgeschoß sondern ist lediglich „unterfahren mit drei Schuh hohem Mauerwerk“, hinter dem sich Kellerräume verbergen.

Betritt man über die seitliche Erschließung den Hausgang so führt dieser in dem dreiraumbreiten Haustyp von einer Langseite des Hauses querfirstig zur anderen. Die Grundrissaufteilung des Gutacher Hauses bleibt mit späteren Ergänzungen gewahrt. (s. Foto) Der mittäglichen Sonne zugewandt betritt man als erstes gleich links die „vordere Stube“, noch heute die Seele des Hauses. Dann folgt, wie stets, die Küche, deren höhere Deckenlage auf die frühere Rauchkammer verweist. Am anderen Ende des Ganges liegt die „hintere Stube“, die inzwischen als Schlafraum dient. Zurück zur vorderen Stube. Vor dem dreigeteilten südlichen Fenster liegt das Milchhäusle und der Platz, wo die Hausfrau die Wäsche aufhängt.

In früheren Zeiten war unter anderem im Obergeschoß über der „vorderen Stube“ die Schlafkammer der Bauersleute. In der Decke, über dem Kachelofen der Stube befand sich eine Bodenklappe über die die Warmluft der Stube in die Schlafkammer aufsteigen konnte. Was all den Räumen dieses Haustyps gemeinsam ist, sind die für heutige Verhältnisse niedrigen Raumhöhen. Manches „Opfer“ des heutigen Längenwachstums müsste den Kopf einziehen, aber man sollte nicht übersehen, dass die der Sonne zugewandten niedrigen Räume im klimatisch rauen Schwarzwald einst eine wichtige Wärmefunktion besaßen.

… wo die Hausfrau die Wäsche aufhängt.

 

Der mittlere Teil des rechteckigen Erdgeschosses war einmal der Stall. Darüber lag die Heubühne.

Über die Hocheinfahrt zur Werkstatt.

 

 

Sie war vom Weg, der jetzigen Straße, über eine Hocheinfahrt erreichbar. Inzwischen grüßt vor dem Einfahrtstor zum Dachraum das Schild „Holzbildhauerei“ den Vorübergehenden und kündet davon, dass auch dieses Gutacher Haus eine große Lebenskraft besitzt.

Mit dem Enkel ist es der noch junge Könner seines Faches, Frank Faller, der in das Domizil eingezogen ist. Über einen Meisterbrief der Handwerkskammer Freiburg i. Br. ist er als Holzbildhauer ausgewiesen. Immer wieder sind es die vorübergehenden Wanderer, die sich von seiner Kunstfertigkeit überzeugen lassen und mancher Auftrag bleibt zurück.

Frank Faller, ein Meister seines Fach’s.

 

Nichtsdestoweniger hat die moderne Zeit Einzug gehalten. Das Internet wird zum Fenster zur Welt. Es ist nicht nur der weltbekannte Schraubenhersteller, der eine Palette Holzpokale bestellt, es ist nicht nur der Umsatz über Symposien und Ausstellungen, nein selbst aus Paris, England, ja sogar von Australien sind Aufträge in der Werkstatt eingegangen.

Wanderer mit Kunstverstand.

 

Das einzig Beständige, sagt man, sei der Wandel. Gewiss, er vermag aber auch zu bewahren. So ist in der Person des Frank Faller, dem Enkel, eine neue Zeit eingekehrt.

Möge das Kreuz an der Hauswand und der Segensspruch im Dachgebälk ebenfalls bewahrend beitragen: „Das Haus steht in Gottes Hand“.

abstrakt …

 

… und gegenständlich.

 

 

 

Gedenken an Hans Hauser (Edgar Hermann Tritschler)

Der Villinger Mundartdichter wurde vor 100 Jahren geboren 

Über den alemannischen Mundartdichter Hans Hauser wurde schon zu seinen Lebezeiten geschrieben; Ehrungen für sein Schaffen durfte er in vielfältiger Weise persönlich entgegen nehmen. Seine Dichtkunst erlangte aber erst eine gewisse Popularität als Hans Brüstle, ein seinerzeit bekannter Villinger Lehrer, über ihn im Ekkhart- Jahrbuch1 von 1968 schrieb und ihn in einen größeren Kontext alemannischer Mundartdichtung hineinstellte. Brüstle erkannte in seinem Aufsatz eine „Villinger Stadtsprache“, deren Charakteristik sich im wesentlichen bis heute erhalten hat und die etwas Abgeschlossenes, Eigenwüchsiges hat. Diese Sprache – so Brüstle – sei die Muttersprache Hans Hausers, denn aus seinen Gedichten spreche die Sprache seiner Mutter, die ihr Leben lang die städtische Mundart gesprochen habe. „Und nur im Umgang mit der Mutter, deren Vorfahren seit einigen Jahrhunderten in der Stadt ansässig waren, konnten sich Ohr und Zunge in der zuverlässigsten Weise an das heimische Idiom und in seinen sprachlichen Schöpfungen Klang und Gestalt finden.“ Die persönlichen und sprachlichen Wurzeln von Hans Hauser werden Gegenstand der weiteren Betrachtungen in diesem Aufsatz sein.

Als Hans Hauser sein bis dahin vorliegendes Œuvre mit dem Bändchen „Dief i de Nacht“2

publizierte, war der aktuelle Stand seines Schaffens dokumentiert. Dennoch konnte diese Veröffentlichung weder sein Gesamtwerk enthalten, noch seine Persönlichkeit widerspiegeln, was auch nicht seiner Absicht entsprach. Denn ohne das Drängen von Hans Brüstle wäre der Gedichtband im Jahr 1970 noch nicht erschienen, denn – wie er rückblickend feststellte – hätte er an dem einen oder anderen Gedicht gerne noch „gefeilt“ und weitere Gedanken, die er mit sich herumtrug, in Versmaß gebracht.

Gedichtband „Dief i de Nacht“ (1970 erschienen).

 

In den seit 1973 erscheinenden Jahresheften des Geschichts- und Heimatvereins Villingen sind die Gedichte Hans Hausers regelmäßig erschienen, sie bildeten oft sinnfällige Brücken zu den vielfältigen Themen in dieser für die Villinger Stadtgeschichte und -kultur bedeutenden Publikationsreihe.

Den Aufgaben und Zielen des Geschichts- und Heimatvereins war Hans Hauser als langjähriges Vorstandsmitglied besonders verbunden. Aus Anlass seines 75. Geburtstages, am 11. Juni 1982, wurde er im Rahmen eines würdigen Festaktes im Foyer des „Theater am Ring“ zum Ehrenmitglied ernannt.3 Mit der Zuerkennung der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1983 erfuhr Hans Hauser eine weitere hohe Ehrung für sein Lebenswerk.4

Als Hans Hauser am 4. März 1991 im 83. Lebensjahr verstorben war, widmete ihm der Geschichts- und Heimatverein einen ehrenden Nachruf 5 und der „Südkurier“ einen ausführlichen Bildbericht.6

Das Werk Hausers auf Tonträger

Der Verfasser dieser Zeilen berichtete 1995 in der „Badischen Heimat“7 über den Festakt, der anlässlich des 4. Todestages von Hans Hauser am 4. März 1995 im St. Georgs-Saal des Münsterzentrums in Villingen begangen wurde und hielt fest: „… Vier Jahre nach seinem Tode war es aber seltener geworden, dass seine Gedichte noch zu lesen oder zu hören waren. Die eigentlich schmerzliche Lücke bestand aber darin, dass die von Hauser geschriebene Dichtung in baaremer Mundart kaum mehr in Reinform zu hören war, ja, dass sie in der Gefahr stand, allmählich in den Fluten der Verhochdeutschung der heimischen Sprache unterzugehen. Die Mundart in den archaischen Formen der Hauserschen Dichtersprache würde allenfalls noch verstanden, wohl aber bald nicht mehr gesprochen und zu hören sein. Darum war es an der Zeit, die Medien, die an der Nivellierung der Regionalsprachen mitwirkten, auch für deren Erhalt einzusetzen. Die Idee, die Hausersche Dichtung auf Tonträger lebendig zu erhalten, lag damit nahe.

Hans Hauser.

 

 

Programm zum Festakt

 

Der Verfasser dieses Aufsatzes lernte Hans Hauser durch seinen Onkel Hermann Tritschler schon als Jugendlicher kennen, der über 30 Jahre lang Hausers Freund und beruflicher Wegbegleiter war. Er wusste, dass kaum jemand wie Hermann Tritschler die Gedichte Hausers so authentisch vortragen kann, war er doch in all den Jahren, in denen ein Großteil des Werks entstanden ist, Ohrenzeuge. Ja er war tagtäglich um Hans Hauser herum und hörte oft als erster, was in Wochen, Monaten und teils in Jahren an Dichtkunst entstanden ist. Oft war er derjenige, der nach produktiven Phasen Hausers der erste war, der hören sollte, wie neu gefundene Zeilen auf andere wirken.

… Nachdem es dem Autor mit Unterstützung der Familie von Hans Hauser gelungen war, Lebensweg und -werk zu recherchieren, folgten konzeptionelle und produktive Projektschritte, die zum 4. März 1995, dem 4. Todestag Hans Hausers, ihren Abschluss finden sollten: alemannisches Gesamtwerk und Biographie Hausers auf CD und MC.

Hermann Tritschler kam der Bitte, als Sprecher der alemannischen Gedichte zu wirken, mit Freude nach. Vor dem Hintergrund der dargestellten engen persönlichen Verbindung zu Hauser wirkt sein Beitrag gerade deswegen, weil er als nichtprofessioneller Sprecher mit der Begeisterung des am Werk passiv Beteiligten die dichterischen Arbeiten seines Freundes rezitiert, besonders authentisch. Er verkörpert in vielleicht idealer Weise die Villinger Mundart, da auch er fast sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt verbracht hat und mit dieser ebenfalls durch tiefe familiäre Wurzeln verbunden ist. Vor allem aber war der 73jährige Hermann Tritschler8 in der Lage, das archaische Idiom der Hauserschen Dichtung oder – anders ausgedrückt – die alemannische oder baaremer Mundart noch so zu sprechen, wie sie als Ackerbauernsprache vielleicht um die Jahrhundertwende auf den Villinger Gassen gesprochen wurde.

 

Gedenktafel am Haus Kanzleigasse 9.

 

… Besonders eindrucksvoll war für die abendliche Festgesellschaft die posthume Ehrung des Dichters Hans Hauser durch den Oberbürgermeister der Stadt. Er führte aus: „Im Namen der Stadt Villingen-Schwenningen widme ich dem Haus Kanzleigasse 9, dem Lebens- und Wirkungsort des Dichters Hans Hauser, eine Gedenktafel. Diese Tafel, die von dem Villinger Kunstschmied Klaus Walz gefertigt wurde, soll an das dichterische Lebenswerk Hans Hausers auf Dauer erinnern, dem ich auch für die Zukunft den gebührenden Platz in der Heimat- und Literaturgeschichte wünsche.“

Hans Hauser und seine Mutter

Auf die persönlichen und sprachlichen Wurzeln von Hans Hauser war bereits oben hinzuweisen. Dr. M. Maier wies in seinem Nachwort zum Gedichtband „Dief i de Nacht“ darauf hin, dass „der Autor (Hans Hauser) … mit vollem Bedacht als Ausklang seiner Gedichtfolge das von der ‚Mottersproch‘ gewählt hat.“

Mi Mottersprooch

Mi Mottersprooch hockt, alt und schii,

im Spittelhof und sunnet si.

Wer kennt si noh? Wer frait si drab?

Si brosemet wie d’Ringmuur ab,

si tricknet mit de Brünne n ii,

machts nimme lang, so mantes mi.

Mengmol, wenn i nint z’triibe hau,

bliib i e Wiili binere stau,

si woest, daß i si liide ma

und lacht mi us de Stockzaih a:

 

Di Riet im Obedsunneschii, wa isch des für e Hoemet gsi!

Vum Törli unne bis zu iis

hond Kinder ballet dotzedwiis,

hond d’Bure ’s Veah a d’Brünne glau

und Heu verzettlet, Mischt und Strauh.

Und elli Kriizstöck, wie mers denkt,

sind volle rote Nägili ghängt.

 

Din Turn, i Dine Buebejohr

e langi Ziit e n earnsti Gfohr.

Woesch noh, wies sellmol gange n isch,

wo de dra uffi klimmet bisch?

De bisch z’mols obe n abe keit

und hesch der ’s Muul und d’Nas verheit.

So, het es ghoese, jetz hesch Rueh,

worsch’s welleweag moern nimme due.

 

Guck dert im Ahoern überm Tor sing überluut wie närrsch en Stoor.

Dert hesch di mengmol umme druckt und dief in bruuni Äugli guckt.

I Mon, wenn si Di gnomme het, si hets bi Dir nit schleachter ghet;

’s kunnt anneweag nit wie mers denkt, wem mer sich an e Mannsbild hängt.

 

Jetz isches still ums Obedrot.

Koe Kindergschroe, kon Brunne goht,

es fliegt koe Schwälmli meh ums Huus,

es nachtet, und Di Spiil isch us.

I hör Di Motter wie im Troom:

„Es liitet Bättziit, kumm jetz hom!“

 

Maier schreibt weiter: „Das Ende kehrt zum Anfang zurück, zu den ‚Müttern‘, zu der Mutter. Sie ist, wie er (Hans Hauser) einmal sagte, der tiefere Ursprung seiner Bindung und Bildung gewesen. Nicht nur ihre Mundart, auch der Umkreis ihrer Welt ist ihm in mehr als sechzig Jahren zuinnerst zugewachsen. Diesen Kreis hat Hans Hauser in schicksalhaft hingenommener Selbstbeschränkung auch als Künstler nicht verlassen. Was an Bild und Sinnbild in der Mundartdichtung des Autors lebt, hier hat es seinen Ursprung, in den Mauern der alten Stadt Villingen, über der das Münster steht, gefügt aus schweren, bräunlichroten Quadern voll innerer Leuchtkraft.“

Hans Hauser hob anlässlich der erwähnten Ehrung im Jahr 1982 hervor, wie sehr sein Elternhaus für sein ganzes späteres Leben prägend war. Es entsprach seiner tiefen Bescheidenheit, wenn er zu seinem dichterischen Schaffen meinte, „er wisse nicht, ob das Geschaffene eine Leistung war.“ Er hielt das Erzählen in Reimen, das Dichten über seine geliebte Stadt „für ein Spiel, das uns die Mütter in die Wiege gelegt haben.“ Das Spiel des Dichtens sei „die ersten zwölf Jahre seines Lebens von seiner Mutter gelenkt worden.“ Er führte dankbar aus: „Sie war eine unermüdliche Erzählerin, deren Geschichten aber keine Könige, keine Prinzessinnen und keine Zauberer gekannt haben. Es waren die Legenden zum eigenen Geschlecht; es waren die Anekdoten um unsere Großväter und Großmütter bis in’s 16. Jahrhundert zurück. Sie alle– die einen mehr, die anderen weniger – haben mitgewoben und mitgeknüpft am Teppich unserer Stadt.“

 

Agatha Hauser geb. Grüninger.

 

Seine Mutter habe alles, was an Bräuchen und Sitten noch in der Erinnerung war, mit ihren Kindern9 durchgespielt und damit lebendig erhalten. So sei er gleichsam spielend über seine eigene Familiengeschichte zur Stadtgeschichte und zur Geschichte und Sprache des süddeutschen Raumes gekommen. Da Hans Hausers Vater bereits in seinem fünften Lebensjahr starb, trug seine Mutter die ganze Last einer zehnköpfigen Familie. Sie sei eine sehr starke Frau gewesen, betonte Hauser immer, wenn er von seiner von ihm stets hochverehrten Mutter sprach. Sie habe ihr Schicksal mit unerschütterlichem Gleichmut und natürlicher Einfachheit gemeistert und trotz der täglichen Mühsal Zeit und Muße gefunden, ihren Kindern eben jene geistige Zuwendung angedeihen zu lassen, aus der er die grundlegende Inspiration für sein späteres dichterisches Schaffen bezog.

Hans Hauser wurde am 16. Oktober 1907 in Villingen geboren; er wuchs als jüngstes von neun Kindern seiner Eltern in der Villinger Rietgasse auf. Das dortige Haus Nr. 8 war ihm Heimat und Mittelpunkt seiner Kindheit und Jugend. Die überschaubare, vertraute Welt dieser Gasse, die – innerhalb der historischen Stadtmauern gelegen – ein zentraler Ort über tausendjähriger Stadtgeschichte ist, war für ihn der Platz, an dem seine persönliche und dichterische Entwicklung die stärksten Wurzeln hatte.

Seine Mutter erscheint in mehreren Werken: In dem Zwiegespräch „Motter

Bue:     Motter, i sell Känsterli, moni, ghört e Helgli nii.

Motter: Sell kost Geld und ich hau koes, hesch je Farbe, mool der oes. …“

kommen persönliche Kindheitserinnerungen zum Vorschein.

Ob er sich im Gedicht „s’Büebli

„Motter, ’s Büebli isch verwacht …“ etwa an eine seiner Schwestern erinnert?

Im Gedicht De Herter lässt er seine Mutter sagen, was er in Kindertagen beim Zubettgehen sicher oft selbst gehört hat.

Wenn er das Gedicht Ab de Liechtmeß, Ostere zue im letzten Vers mit einer Aufwachszene enden lässt, schließt er an die heimelige Kleinkinderwelt gedanklich an. Wenn er dieses Gedicht mit

„Es Agetli löscht d‘ Lampe n us, …“

beginnen lässt, so schließt er mit der Nennung des Vornamens seiner Mutter an die häuslichen Gepflogenheiten an.

Im Schnaiker sinniert er

„Jedi ischere Motter Kind, …“

und rundet sein Werk Mi Mottersproch mit einer

Hommage an seine Mutter ab und hört sie sagen

„Es liitet Bättziit, kum jetz hom!“

Über Hans Hauser ist kaum bekannt, dass er bereits im „Frühling 1928“ seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. Der Gedichtband „Das erste Lied – Sturm und Stille“10 aus der Feder des gerade Zwanzigjährigen enthält 27 Gedichte, die zwischen Überschwang und tiefer Depression, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und her irren und in leidenschaftsvoller Poesie von lauten Klagen bis hin zu ganz leisen und offenbar persönlich adressierten Liebesversen reichen.

Dieses bemerkenswerte Zeugnis des dichterischen Frühwerks von Hans Hauser war auch in Villingen wohl ebenso in Vergessenheit geraten wie die Tatsache, dass der alemannische Mundartdichter seine ersten und auch spätere Arbeiten in hochdeutsch verfasst hatte. Schon in einem dieser Frühwerke lesen wir:

Du warst vor tausend Jahren schon, mein Kind, erdacht …

und wieder tausend Jahre sind

mit dir erwacht.

Du weißt,

was Deine Ahnen schon gewußt,

denn tausendjähriges Schicksal ruht

in deiner Brust.

Und was vor dir, vor deinen Ahnen war,

gleicht dem nach tausend Jahren auf ein Haar.

 

So fügst als Glied du dich der Kette an

und schließest tausend Glieder selbst daran.

Und alles was du nach und vor der Zeit

im Wahne tuest und getan du nennst es Ewigkeit.

 

Wenn auch der Schluss dieses Gedichts etwas kryptisch anmutet, so schließt dieses Jugendgedicht Hausers in weiten Passagen an die oben erwähnte Feststellung an, dass seine Mutter nicht von Königen, Prinzessinnen und Zauberern erzählte, sondern „die Legenden zum eigenen Geschlecht und die Anekdoten um unsere Großväter und Großmütter bis in’s 16. Jahrhundert zurück. Sie alle– die einen mehr, die anderen weniger – haben mitgewoben und mitgeknüpft am Teppich unserer (tausendjährigen) Stadt.“ Die in diesem Gedicht erwähnten Ahnen wurden also bewusst tradiert und Hans Hauser wusste schon früh, dass er über seine Mutter mit einem berühmten Villinger Geschlecht nah verwandt war:

Hans Hauser, ca. 1927.

 

 

Diese Übersicht konzentriert sich aus den dargelegten Gründen hauptsächlich auf die mütterlichen Vorfahren von Hans Hauser. Sie stellen einen vorläufigen Stand der Erkenntnisse dar und könnte Grundlage für eine systematische genealogische Erforschung sein. Die väterliche Linie endet hier (aus Gründen der Übersichtlichkeit) bei Hans Hausers Großeltern in Dauchingen. Bekannt sind als weitere Vorfahren: Christian Hauser und Gertrud Weisshaar als Eltern von Johann Nepomuk Hauser.11 Die Eltern von Christian Hauser sind Dominikus Hauser und Priska Hirth, die Eltern von Gertrud Weisshaar sind Michael Weisshaar aus Gunningen (Oberamt Tuttlingen) und Emerentia Kupferschmid aus Oberflacht. Die Eltern von Hans Hausers Großmutter väterlicherseits, Prisca Emminger, sind Johann Emminger und Scholastika Hirth. In dieser weiteren Vorfahrenreihe sind Mathias Emminger, Franziska Schneckenburger aus Deisslingen sowie Josef Hirth und Maria Stern zu nennen.

Über die Glockengießerei und Familien Grüninger ist in der Villinger Literatur schon Vieles veröffentlicht worden. Michael Hütt hat im neuesten Heft des Geschichts- und Heimatvereins einen Beitrag zur Villinger Glockengeschichte12 mit einer umfangreichen Bibliographie vorgelegt. Zahlreiche weitere Aufsätze beziehen sich auf die verschiedenen Produktionsstandorte innerhalb der Villinger Stadtmauern sowie auf wirtschafts- und familiengeschichtliche Zusammenhänge. So ging Kurt Kramer, Orgelinspektor der Erzdiözese Freiburg, in seinem Aufsatz über „Die Glockenlandschaft der Baar“ ausführlich auf die „Glockengießerdynastie der Grüninger“ ein.13 Auch in den beiden Jahresbänden „Das Leben im alten Villingen“14 finden sich zahlreiche Hinweise auf Verwaltungsvorgänge, die sich mit dem Unternehmen befassen. Eine neuere Arbeit15 geht auf einen Neubau der Glockengießerei unter der Leitung des Villinger Architekten Karl Naegele ein.

Mit dieser familiengeschichtlichen Betrachtung schließt sich der Kreis zum dichterischen Lebenswerk von Hans Hauser, das vielfältige Bezüge zu seinen familiären und lokalen Wurzeln aufweist. Seines einhundertsten Geburtstages als Dichter baaremer Mundart zu gedenken, bedeutet auch, seine besonders im Gedicht „Mi Mottersprooch“ formulierten Sorge aufzugreifen:

„Mi Mottersprooch hockt, alt und schii, im Spittelhof und sunnet si.

Wer kennt si noh? Wer frait si drab? Si brosemet wie d’Ringmuur ab,

si tricknet mit de Brünne n ii, machts nimme lang, so mantes mi.“

Stellvertretend für ihn fragen wir also heute: „Wer kennt si noh? Wer frait si drab?“ Die Antwort darauf ist nicht einfach. Schon die Diktion der heutigen Mundartdichter unterscheidet sich nicht nur regional. Wie schreibt und spricht man eigentlich richtiges „Alemannisch“ oder „Baaremerisch“ oder „Villingerisch“? Wer setzt die Normen, setzt sie überhaupt jemand oder gilt die regulative Kraft des Faktischen, indem als richtig gilt, was irgendje mand sagt oder schreibt? Der Autor dieser Zeilendarf sich nicht anmaßen, zu urteilen; er meint nur, vor dem Hintergrund der Kenntnis der in Jahrzehnten gewachsenen Intentionen und Leidenschaften des Dichters diese Fragen aufwerfen zu sollen.

Diese Fragen stellen sich heute anders als noch vor 20 oder 30 Jahren; die Stichworte Europäisierung, Internationalisierung und Globalisierung mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass auch unsere Hochsprache einem rasanten Wandel unterworfen ist. Diesen aufhalten zu wollen, wäre Unfug und von der Zielsetzung her zum Scheitern verurteilt. Denn: Welche Fragen stellen sich für die sprachliche Regionalkultur, wenn Menschen in den Unternehmen der „Hoamet“ nicht mehr nur kein Villingerisch mehr reden, geschweige denn schreiben können, sondern ihnen von Konzernvorständen aufoktroyiert wird, selbst im Kollegenkreis nur noch in Englisch zu kommunizieren.

 

 

 

 

 

Eine einzige Antwort darauf finden zu wollen, wäre zu einfach, zu kurz gegriffen. Denn, zu der aus der Sicht von Regionaldialekten zu erkennenden Metaebene des Hochdeutschen wird ja schon heftig genug „die verkaufte Sprache“ beklagt. Selbst das Hochdeutsche verschwindet allmählich in einer „Hybridsprache, die nicht nur Fluten fremder Wörter aufgenommen hat, sondern auch in der Grammatik mehrfach überformt wurde“. Daraus folgt, dass „eine Sprache … sich nur dort tradieren lässt, wo ein allgemeiner Konsens über die Inhalte eines weithin unbekannten Regelwerks besteht.“16

Denn Dialekt setzt voraus, dass es eine allgemein akzeptierte Hochsprache gibt, von der er sich abgrenzt, zu der er im Kontrast steht und zu dem die Menschen einen Zugang über ihre Mütter haben. Wenn Hochsprache sich verflüchtigt, kennt auch der Dialekt seine Leitplanken nicht mehr.

Mit der Erinnerung an den einhundertsten Geburtstag Hans Hausers soll er posthum als ein großer Villinger Dichter geehrt werden. Sein hinterlassenes Werk steht uns zur Verfügung, um es zu benutzen, zu bewahren und weiterzugeben. Es ist ein fortwährender Gruß an die Mundartdichter, die nach ihm Villinger Stadtgeschichte und -geschehen poetisch verarbeiten und damit zum Nachdenken anregen. Es ist aber auch ein fortwährender Auftrag, mit der Muttersprache, gleichermaßen als Hochsprache wie als Mundart, pfleglich umzugehen.

Die 1995 vertonten Gedichte Hans Hausers sind für die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen über die Geschäftsstelle als CD oder als MC kostenlos erhältlich (solange Vorrat reicht).

Anmerkungen

1 Brüstle, Hans: „Hans Hauser, ein Villinger Mundartdichter“, in: Badische Heimat, Ekkhart Jahrbuch für das Badner Land 1968, S. 86 ff.

2 Hauser, Hans: „Dief i de Nacht, Alemannische Gedichte“, Verlag H. Müller, Villingen, 1. Auflage 1970.

3 Vgl. Jahresheft VII (1982) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 38 ff.

4 Vgl. Jahresheft VIII (1983/84) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 59.

5 Vgl. Jahresheft XVI (1991/92) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 68 f.

6 Vgl. „Südkurier“ Nr. 54 v. 5. März 1991, S. 19.

7 Vgl. „Badische Heimat“, Zeitschrift für Landes-, und Volkskunde, Natur-, Umwelt- und Denkmalschutz, 75. Jahrgang, Heft 4, Dezember 1995, S. 611 ff.

8 Hermann Tritschler (* 20.10.1921, † 02.06.2001).

9 Adolf (gef. 1914), Wilhelmine (verh. Elsäßer), Karl, Berta, Sophie (verh. Essig), Albertine (verh. Staudacher), Anna, Johann Nepomuk und Johann Baptist (Hans).

10 erschienen im Selbstverlag, hergestellt durch Buchdruckerei Wilhelm Engelberg, Inh. Karl Friedrich Wolber, Haslach i.K.

11 Vgl. Sturm, Joachim: „Dauchingen. Ein Gang durch die Geschichte“, Gemeinde Dauchingen (Hrsg.), 1994, S. 162; dort wird Johann Hauser für die Zeit vom 19.08.1870 bis 06.11.1888 als Bürgermeister genannt.

12 Hütt, Michael: „Zum Beispiel Glocken. Schätze aus den Museen“, in: Villingen im Wandel der Zeit, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrgang XXX / 2007, S. 43 ff.

13 Kramer, Kurt: „Die Glockenlandschaft der Baar; die Glockengießerdynastie der Grüninger“, in: Almanach 1993 Schwarzwald- Baar-Kreis, S. 241 ff.

14 Rodenwaldt, Ulrich: „Das Leben im alten Villingen im Spiegel der Ratsprotokolle des 17. und 18. Jahrhunderts“, Villingen, 1976 und Rodenwaldt, Ulrich: „Das Leben im alten Villingen, Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. Und 20. Jahrhunderts“, Villingen, 1990/1991.

15 Jehle, Gerhard: Stätten der Arbeit, Stätten der Verwaltung, Wohnstätten: Die Industriearchitektur in Villingen und Schwenningen bis 1945 (Hochbauten), Diss., Freiburg, 2001, S. 32.

16 Vgl. Jessen, Jens: „Die verkaufte Sprache“ und Zimmer, Dieter E.: Alles eine Sache des Geschmacks? Von wegen!, in: DIE ZEIT Nr. 31 v. 26. Juli 2007, S. 41 ff.

 

Von der Bockelhaube zur Radhaube (Jürgen Hohl)

Die Entwicklung der Villinger Trachtenhaube im Stilwandel der Zeit (1750 – 1850)

1. Die Entwicklung der Ständegesellschaft

Zur ständischen Festkleidung, der sogenannten „Tracht“ wie wir heute sagen, gehörte auch in der ehemaligen Reichsstadt Villingen bei höheren Ständen sowie bei Bürger- und Bauersfrauen die entsprechende Kopfbedeckung. Das Bedecken des weiblichen Kopfes gehörte seit altersher zum Normverhalten des weiblichen Geschlechtes, eingeführt von den Männern zur optischen Verschließung der Frau. Schreibt doch schon der Apostel Paulus im Brief an die Korinther (11/5–7): „… jede Frau dagegen, die betet oder aus Eingebung redet mit unverhülltem Haupt, entehrt ihr Haupt …, denn wenn eine Frau sich nicht verhüllt, so lasse sie sich auch das Haar abschneiden …, denn der Mann ist das Abbild und Abglanz Gottes, die Frau ist aber der Abglanz des Mannes.“ Aus diesem Tuch, der den Kopf bedeckte, entwickelte sich im Laufe der Zeit der mittelalterliche „Schlayer“, aus diesem wiederum eine gebundene Form, die „Gebende“, wie sie uns auf Bildwerken und Statuen (Uta v. Naumburg) überliefert ist.

Ab dem 13. Jh. wurde die immer mehr wachsende Bevölkerung von der Obrigkeit in Stände eingeteilt. Meistens waren es in den Reichsstädten 6 Stände, vom Patrizier bis zum Seldnerbauer. Diese Stände erhielten eine Moral- und Kleiderordnung. Gerade in der Kleiderordnung wurde Wert darauf gelegt, dass der Stand jedes Untertanen schon an der Kleidung zu erkennen war. „Schuster bleib bei deinen Leisten“ ist ein geflügeltes Wort, das sich bis heute erhalten hat. In diesen Ordnungen wurde bis aufs kleinste Detail geregelt, was ein Untertan für Stoffe und Zutaten – wie Borten und Spitzen –, sowie welche Farben die Kleidung haben durfte. Es wurde streng geachtet, dass sich jeder Stand nicht über seine Verhältnisse kleidete, auch wenn diese rigorosen Vorschriften dem Wandel der Zeit, Religion und Mode angepasst wurden.

Amts- und handwerkliche Zunftkleidung wurde durch die jeweiligen Gruppen selbst festgelegt. Juden-, Dirnen- und Henkerskleidung wurden durch den Rat bestimmt. Diese Ordnungen wurden alljährlich durch Stadt- und Gemeindediener an den Plätzen der Stadt vorgelesen. Es wurde dabei an den Gehorsam und die Einsicht der Bürger und Untertanen appelliert. Zuwiderhandlungen wurden streng geahndet. Vor allem die Weiblichkeit stand wegen der Vergehen öfters am Pranger (einer Aussparung am Rathaus – ein gutes Beispiel ist in Munderkingen heute noch erhalten) und wurde von Geschlechtsgenossinnen der unteren Schicht mit faulen Eiern und Äpfeln beworfen. Auch in den Akten der ehemaligen Reichsstadt Villingen finden sich solche Vorkommnisse. Über mehr als 400 Jahre erstreckten sich diese Ordnungen und überdauerten Reformation, Glaubenskriege und die Zeit des Feudalismus. Sie endeten erst im Umfeld der französischen Revolution und ab der 48er Revolution war es mit den Ständeordnungen endgültig vorbei.

2. „Unter die Haube kommen“

Auch heute hört man immer wieder den Spruch: „Jetzt isch se endlich untr d’Hauba komma“. Seit Jahrhunderten ist die Frauenhaube Teil der weiblichen Kleidung und kündet von Ver- und Gebot, Diskriminierung und Unterdrückung. Dazu gehören auch die Haare, offen in der Jugend, gescheitelt und geknotet als verheiratete Frau. Ein Verhaltensbüchlein aus dem 15. Jh. schreibt: „Die Frau treit darum ein Gebende auf ihrem Haupte, dass man erkenne, dass sie dem Mann soll undertenig sein“. Bei Ehebruch durfte die Frau fortan die Haube ihres Standes nicht mehr tragen. Sie bekam die Haare geschoren und musste fortan barhäuptig gehen wie eine Dirne. So geschehen noch 1943–45, wenn deutsche Mädchen mit englischen oder französischen Kriegsgefangenen „erwischt“ wurden. Sie wurden auf öffentlichen Plätzen „bloßgestellt“, d.h. gebrandmarkt und geschoren. Dies war immer noch die uralte Vorstellung, dass die Ehre einer Frau in den Haaren liegt. Nur Klosterfrauen haben ihre Haare freiwillig an der ewigen Profess auf einem silbernen Tablett geopfert, als Zeichen ihrer entsagenden Weiblichkeit.

Die Stellung zur Frau wurde dadurch dokumentiert, dass man der Braut am Hochzeitsabend die Brautkrone, durch die eigene Mutter, heruntergenommen und durch die Frauenhaube ersetzte; dadurch war sie nun offiziell eine verheiratete Frau und ihre Anrede änderte sich von Fräulein zu Frau.

3. Die Frauenhaube in ihrer Entwicklung

Für die Entwicklung speziell der Villinger Haube ist es wichtig bei einem gewissen Zeitpunkt der Haubenentwicklung einzusetzen und zwar in der Mitte des 18. Jhr. Grundkopfbedeckung war damals für alle Altersstufen eine weiße Zughaube, die sogenannte Dousette (Abb. 1). Sie wurde von Kindern und Erwachsenen getragen und bildete den Grundstock der verschiedenen Hauben. Aus dem mittelalterlichen „Schlayer“ hatte sie sich durch die Zeit hindurch entwickelt. 1740–50 hatte man als Modefrisur den Kohlkopf, „gebrannte“ Locken rund um den Kopf, mal seitlich länger oder als Knoten am Hinterkopf oder seitlich gesteckt. Darauf saß nun die Dousette und auf diese wiederum kam nun die Haube der verheirateten Frau: die „Pockel- oder Bockelhaube, genannt nach den Haarbuckeln seitlich und am Hinterkopf (Abb. 2). Sie war je nach Stand aus verschiedenen Materialien, bei älteren Frauen aus schwarzem Gimpen, bei jungen Frauen aus der sogenannten Hohlspitze in Gold und Silber gefertigt. Gold für die Hochfeste, silber für normale Sonntage lautet eine der Erklärungen für die Farbunterscheidung zu bestimmten Zeiten. Diese vormals dem höchsten Stand vorbehaltene Haube wanderte ab 1740 bis 1820 auf Grund von Modeeinstellungen bis in die unterste Schichten.

Abb. 1: Dousette um 1800; Trachtensammlung Hohl, Kürnbach (TSH).

 

Abb. 2: silberne Bockelhaube; TSH.

 

Abb. 3: Portrait der Flaschenwirtin; Maler Peregrin Beck; um 1790 – Franziskanermuseum Villingen (FMV).

 

Abb. 4: Portrait einer Villinger Bürgerin; Maler Peregrin Beck; um 1810 – FMV; Inv.-Nr. 2993B.

 

Mit dem Ende der Rokokozeit – um 1750–70 wandelte sich nun diese hirnschalenartige „Calotte“ zur kantigen Form „a la grec“: Durch das große Stilbuch von Johann Joachim Winkelmann über die Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum wandelt sich die runde, rokokoartike Formen zu römisch nachempfundenen, kannelierten, gradlinigen Form.

In der Haubenentwicklung spricht man hier von der „Bodenhaube“ (Abb. 3), d.h. der runde Haarsack der Bockelhaube bildet sich zum hufeisenartigen Boden oder Bödele aus.

Unter dem Einfluss der französischen Mode der Directoirzeit wächst nun am Umfang des Bödele ein 2 cm breiter Spitzenrand, der ehemals runde Haubenkörper wird nun kantig und bildet sich zum Steg von Ohr zu Ohr. Nun hat die Haube die Form eines Trinkgefässes, daher die Bezeichnung „Becherhaube“ (Abb. 4).

Für ältere Frauen und für Witwen sind die Becherhauben in schwarzem Chenille (raupenartiges Florschnürchen) mit Posamentenspitzen gefertigt worden (Abb. 5).

Einzigartig ist der Haubenportraitbestand des Franziskanermuseums in Villingen. An diesen Bildern kann die Entwicklung der Villinger Hauben genau verfolgt werden.

Nur das Portrait einer Bockelhaubendame ist bis jetzt nicht aufgetaucht, aber vielleicht besitzt eine alte Familie noch ein Gemälde mit dieser Haube aus der Reichsstadtzeit und lässt dem Villinger Museum wenigstens ein Farbfoto zukommen.

Und nun geht es rasant weiter. Zwischen 1820–45 bildet sich nun die heutige Villinger Haube heraus und zwar nach folgendem Rezept: der Steg wird etwas kürzer, das Rad weitet sich bis zu 30 cm Durchmesser aus (Abb. 6 + Abb. 7). Der Steg kann aber nun durch die Biegung des Rades nach hinten nicht schmäler werden, da sonst die Befestigung am Haarknoten nicht mehr gewährleistet ist, d.h., die Haube rutscht nach hinten ab.

Abb. 5: Frau des Küsters Jäger; – FMV; Inv.-Nr. 1093.

 

 

Abb. 6: Portrait einer Villinger Bürgerin; Ölbild auf Metall; Signiert: N. Ummenhofer 1841 – FMV; Inv.-Nr. zzzz.

 

Diese Stellung des nach hinten gebogenen Rades unterscheidet sich von den steil und glatt aufgestellten Räder der Radhaubengebiete Oberschwaben, Vorarlberg, St. Gallen, Fürsterland und dem Thurgau. Nur an der Bodenseehaube z.B. von Überlingen/Konstanz ist die Verwandtschaft zur Villinger Haube erkennbar.

Der Trachtenabgang bescherte auch Villingen langsam ab 1850–60 die Hinwendung zur Modekleidung. Aber nun kommt in den 80er Jahren das Auffangbecken Fasnet – Fastnacht – Fasent, wie in anderen Trachtengebieten auch. In Villingen erfüllt die Frauentracht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, eben das verklärte Reichsstadtdenken. Das hat Villingen mit anderen Reichsstädten gemein. Als Beispiel sei nur Ulm genannt. Das Fischerstechen mit freier Kostümierung war ursprünglich ein Fasnachtsvergnügen, trotz Reformation wurde es bis 1840–50 an der Fasnacht abgehalten, dann wanderte es als das – alle 4 Jahre abgehaltene – Ulmer Volksfest in den Sommer, im Stellenwert gleich nach Weihnachten und Ostern, also ein Hochfest.

Abb. 7: Agatha Riegger, geb. Singer (Herrenmühle); 1835c.

Die barocken Reichsstadttrachten mit Bockelhaube, Schnürmieder und Ulmer Schmuck sind fester Bestandteil der honorigen Ulmerinnen aus alten Reichsstadtfamilien: den „Räsen“. Das honorige „Wir sind wer“ ist bei allen ehemaligen Reichsstädten gleich, es fördert den Zusammenhalt, das Gemeinschaftsdenken und die Festfreude, dargelegt an Festzügen, Aufführungen und Darstellungen der historischen Stadtgeschichte.

4. Das Material der Villinger Radhauben

Wenn man die Reichsstadtbockelhaube als „Urgroßmutter“ der Radhaube nimmt, stellt man fest, dass zu allen Zeiten es zwei Arten von Materialverwendungen gab: die Haube in Hohlspitze und in geklöppelter Spitze. Die Hohlspitze – auch Schlauch- oder Windungsspitze genannt – ist eine sehr intensive Handarbeitstechnik, bei der über 2 Seelenfäden Plätt oder Lahn geschlungen wird. Damit die einzelnen Lahnumwicklungen nicht verrutschen, werden diese mit Gespinstfäden in Klöppelmanie verknotet (Abb. 8).

Diese Technik kommt aus dem jüdischen Sprachraum/Galizien und wurde dort in großem Stil hergestellt. Man verwendet sie als Saumbesatz an Gebetstüchern (Atarot) und als Kappen (Kipa) der Schriftgelehrten, sowie an verschiedenen textilen Gebrauchsgegenständen (Abb. 9).

Abb. 8: Hohlspitzenplatte.

 

Abb. 9: jüdischer Schriftgelehrter.

Zum ersten Mal taucht diese Spitze im katholischen Kult z.B. an Prager Jesuleinkleidern (München), auch Rocksäumen der Katakombenheiligen (Edelstetten) und Fahnen (Bad Waldsee) auf. Bald wandert sie in die Haubenentwicklung ein. In Ulm wurden die Bockelhauben als Judenhauben bezeichnet, entweder lieferten jüdische Händler fertige Hauben, oder nur den vorgefertigten Behang. Mit einem Art Webstuhl konnte nämlich jede Art von laufenden Metern oder fertige Plafonds (Platten) produziert werden. Diese Hohlspitze hielt sich in Veränderung der Haubenart bis 1850–60. Zum Schluss taucht sie dann noch 1870–90 bei den Reginahauben des Allgäus auf. Die zweite Technik sind die Klöppelspitzen in Fächer-, Muschel- oder Palmettenart. Mit etlichen Klöppeln (12–16 Paar) wurde aus Gespinst und Lahn diese Allerweltsspitze von Hand hergestellt und von der Bockelhaube an bis zur Radhaube verarbeitet (Abb. 10). Diese Technik war auch für mittleres Bürgertum finanziell erschwinglich.

Abb. 10: Villingerinnen um 1930.

 

Eine weitere Art der Haubengestaltung hängt mit der Altersstufe der Trägerinnen und mit der Tagesbestimmung zusammen: ältere Frauen trugen die schwarze Flor- und Chenillehaube auch am Sonntag (Abb. 11). Genau wie die goldene und silberne Muschelspitze kam auch das Florbesticken (Tüll) und der Chenillefaden aus den Klosterwerkstätten. Es gibt z.B. im Kloster Weingarten noch Messgewänder in bunter Chenilleanlegetechnik. Die katholische Kirche war eh in der Gegenreformation der große Ideengeber in Sachen Farbe, Gestaltung und Material.

5. Die Villinger Haube im 19.–21. Jh.

Durch das Einwandern der Frauentracht zu Ende des 19. Jh. in die Fastnacht ging die Erinnerung an die alte Kleidform der Stände nicht verloren und es wurden – auf Grund des Bedarfs – laufend neue Hauben gearbeitet. Waren es zum Teil Modistinnen oder Schneiderbetriebe, so setzt ab den 50er Jahren des 20. Jhr. ein „Do it yourself“- Programm ein. Alles was sich zum Hauben- Machen eignete wurde als Rad- und Stegbehang verwendet: Paramentenborten von Messgewändern, mit Bronzelack vergoldete Spitzenbesätze von Modekleidern und Fabrikmeterwarenspitze, denn das Wissen um die alte Hohlspitzentechnik war nicht mehr vorhanden.

Erst im Laufe der 70er Jahre wurde zuerst in Oberschwaben konzentrierte Grundlagenforschung betrieben. Es wurden Konferenzaufsätze der württembergischen Schulgremien durchforstet (Bohneberger), Portraitbilder in den Museen fotographiert und dadurch Erkenntnisse gewonnen, sowie Votivbilder nach Trachtenabbildungen durchsucht. Diese Erkenntnisse gaben so nach und nach ein anderes Bild der Tracht, vornehmlich der verschiedenen Hauben.

Abb. 11: Schwester der Großmutter Bichweilers mit Chenilleradhaube – FMV; Inv.-Nr. 2066.

 

Abb. 12

 

Abb. 13

Auch in Villingen kam es zu neuem Aufschwung. Frau Jutta Grothaus – von Norddeutschland nach Villingen gezogen – nahm sich in vorbildlicher Weise der Hohlspitzenhaube an und vermittelte in Kursen diese Technik weiter (Abb. 12 und Abb. 13).

Bis zu 400 Std. braucht eine Villinger Gold- oder Silberradhaube und fordert die oder den Arbeitenden auf durchzuhalten und ein wesentliches Utensil der „guten, alten Zeit“ zur Freude der heimatverbundenen Villinger und Gäste zu bewahren. Seit langem ist die alte Ständeordnung überwunden und machte einer demokratischen Gesellschaft Platz, deren Verbundenheit mit der Geschichte einer Stadt sich gerade im Tragen der Tracht ausdrückt. Auch wenn in Villingen die

Tracht in großer Stärke in der Fasnacht am Umzug teilnimmt ist sie doch kein „Narrenhäs“, sondern ein Relikt der vormals üblichen Kleiderordnung. Es ist durchaus legitim, einer „antiken“ Sache einen neuen Stellenwert zu geben, wenn es zur Verstärkung des Geschichtsbewusstseins und natürlich zur Freude am Tun dient.

Bildnachweis:

Atelier Jürgen Hohl, Weingarten: Abbildungen 1/2/8/9

Jutta Grothaus, Villingen: Abbildungen 3/4/5/6/7/10/11/12/13

Kleine Mäschgerle erzählen Geschichte(n) (Redaktion)

Da taucht plötzlich so ein Bild auf von längst vergangener Zeit. Es erzählt eine Geschichte von damals. Wann war das wohl? So ganz neu ist es sicher nicht! Aber woher die beiden Mäschgerle kommen ist unverkennbar. Der kleine Narro und die kleine Altvillingerin sind in den Mauern der Zähringerstadt zu Hause. Und wenn man die beiden kennt, dann kann man auch das Alter des Fotos bestimmen. Ende der Vierziger Jahre ist es entstanden.

Der Krieg, in dem die Villinger keine Fasnet machen durften, war noch nicht lange zu Ende.

Und den Erwachsenen stand auch nicht der Sinn nach Fröhlichkeit und Narretei. Aber den Kindern wollte man die Freude an „Villingens höchsten Feiertagen“ nicht verderben und so wurden auch in den Kriegsjahren die Truhen geöffnet und Häs und Tracht hervorgeholt. Wenigstens die Kinder sollten die alte Villinger Tradition hochhalten dürfen. Und so wurde in den eigenen vier Wänden das Narri-Narro angestimmt. Schon 1947 gab’s dann in Villingen wieder die „kleine Fasnet“. Die Kinder durften einen Umzug machen.

Mäschgerle. Die Bilder sind aus dem Archiv der Hist. Narrozunft Villingen, von Hansjörg Fehrenbach und Joachim Wöhrle, Villingen.

 

Diese Beiden dürften dabei gewesen sein. Die Zahnlücken lassen vermuten, dass sie wohl sechs bis sieben Jahre alt sind, also in dem Alter, in dem sie in die Schule kamen. Sie sind Cousine und Cousin, hören auf den Namen Gramlich. Mit Brigachwasser getauft – das Maidle in Villingen der Bue in St. Georgen – und Narrenblut in den Adern, wuchsen sie auf. Sie wohnt auch heute noch hier und ist, wie damals, an der Fasnet nicht zu bremsen. Nicht nur Narretei steckt ihr im Blut, auch Brauchtumspflege liegt ihr sehr am Herzen. Sie hieß damals Elke Gramlich. Heute hört sie auf den Namen Elke Fischer und ist die Frau des Ehrenzunftmeisters Karl-Heinz Fischer, der auch Beiratsmitglied im Geschichts- und Heimatverein ist. Der junge Mann ist Wolfdieter Gramlich, er wohnt in St. Georgen, ist aber der Villinger Fasnet von Kindsbeinen an eng verbunden. Seit über 50 Jahren ist er Mitglied der Narrozunft. Auch in der Mitgliederliste des Geschichts- und Heimatverein steht sein Name.

Mit Geschichte und Brauchtum beschäftigt er sich seit frühester Jugend. Schon mit 13 Jahren fing er an, alles zu sammeln, was mit heimischer Historie zu tun hat. Sein privates Archiv beherbergt wahre Schätze an historischen Urkunden, Bildern und Unterlagen, um die ihn wohl manches Heimatmuseum beneidet. Mit seinem 1984 herausgegebenen „St. Georgener Heimatbuch“ (250 Seiten mit Beiträgen und Bildern über 900 Jahre Stadt- und Klostergeschichte) wie auch durch zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und Broschüren zu lokalhistorischen Themen hat er sich als Chronist einen guten Namen gemacht.

Nicht nur zwischen diesen beiden Mäschgerle besteht eine enge Partnerschaft, sondern auch zwischen dem GHV Villingen und dem 1972 gegründeten „Verein für Heimatgeschichte St. Georgen“.

„Die Villinger waren praktisch Geburtshelfer unseres Vereins“, lobt Gramlich die gute Unterstützung, welche die Bergstädter bei der Gründung erfahren haben.

Geschichte und Geschichten verbinden eben!

 

125 Jahre Historische Narrozunft Villingen (Karl-Heinz Fischer)

– Gegründet 1882 –

Eine Fasnet, die schon Jahrhunderte alt ist, der Verein aber erst 125 Jahre besteht. Warum diese Divergenz?

Es ist nachgewiesen, dass die Villinger Fasnet bis ins Jahr 1494 zurückreicht. Damals hielt am 13. Februar Franziskanerpater Johannes Pauli vor den Nonnen des Bickenklosters eine Predigt, die niedergeschrieben ist und somit auch der Nachwelt erhalten blieb. Darin taucht zum ersten Mal für Villingen das Wort Fasnet auf und das gleich mehrfach! Diese Originalaufzeichnungen befinden sich heute in der Berliner Staatsbibliothek.

Es dauerte also fast 400 Jahre, bis die Villinger Bürger die Organisation und den Ablauf ihrer „höchsten Tage“ einem Verein übertrugen. Man vermutet, dass zuvor über lange Zeit ein großes Interesse an einem geordneten Fasnachtsspektakel bestand, zumal nicht nur in Villingen, sondern auch in vielen anderen Städten alles strengen Vorschriften und auch Verboten durch die Obrigkeit unterworfen war. Ungefähr ab Mitte des 19. Jahrhunderts finden sich in den Aufzeichnungen erstmals Ansätze organisierter Fasnacht. Immer wieder wird von Komitees berichtet, die große und aufwendige Umzüge auf die Beine stellten. Sie standen z.B. unter folgendem Motto: „Die Eröffnung des Suezkanals“, „Wallensteins Lager“, „Der Einzug des Schahs von Persien“, „Die Reisen des Prinz von Wales in Indien“, usw.

Die eigentliche Geburtsstunde der Narrozunft schlug dann an einem Fasnachtssamstag, 18. Februar 1882. Im Verkündigungsblatt „Schwarzwälder Boten“ erschien folgende Anzeige: „Narro-Versammlung im „Felsen“ Sonntag Abend punkt halb sieben!! Daß Alles klappt, dass ja Nichts fehlt, Auf pünktliches Erscheinen zählt. Die Narro-Zunft und Villingen.“

 

Anzeige im „Der Schwarzwälder“ aus dem Gründungsjahr 1882.

 

Damit ist auch zum ersten Mal der Name Narrozunft schriftlich erwähnt. Am folgenden Fasnachtsmontag wurde in einer feierlichen Ansprache und mit der Enthüllung der neuen Narro-Fahne auf dem Marktplatz die Gründung untermauert. Albert Fischer, (1874–1952) langjähriger Zunftmeister und Historiker der Narrozunft, hielt in seiner Broschüre mit dem Titel: „Villinger Fastnacht von einst und heute“, erschienen 1922, dazu fest:

„In beträchtlicher Zahl hatten sie sich eingefunden, all‘ die Narros jener Tage, und mit dem zu Pferde paradierenden Narrovater an der Spitze, bewegte sich unter allgemeinem Glockengeläut (Rollen schütteln) der Zug durch die Niedere Straße nach dem Marktplatz, wo zunächst der humorvolle Obernarro jener Tage, Fabrikant August Bracher, nach einer der Würde des Tages entsprechenden Ansprache dem Narrovater (Singer, gen. „Nagler-Xaveri“) das neue Zunftbanner übergab. Auf seinem blinden Schimmel reitend, trug der Narrovater das neue Banner der Zunft an der Spitze der Narros durch die Straßen der Stadt und Groß und Klein freute sich, dass durch die Gründung der Zunft der Fortbestand des altersher beliebten Villinger Narro gesichert war“.

Josef Ummenhofer, 1813–1891, genannt „Bregl“, Gründungsmitglied und bekannter Schemenschnitzer.

 

Diese erste Narrofahne ist heute noch erhalten und befindet sich als Dauerleihgabe in der Fasnachtsabteilung des Villinger Franziskaner- Museums. Zu den Gründungsmitgliedern der Narrozunft gehörten:

August Bracher, Fabrikant und Obernarro, Xaver Singer, Landwirt und Narrovater, Josef Ummenhofer (gen. Bregl) – Steinbildhauer und Wirt des Gasthaus Felsen, Schwämmle (Vornamen nicht bekannt) – Bäcker, Valentin Fleck – Metzger, August Fleig – Schuhmacher, Norbert Mauch – Schreiner, Gustav Fischer – Maler, Emil Sieber – Steinhauer, Franz Sieber – Uhrmacher, Valentin Kaiser – Zimmermann und Martin Hey – Ausläufer.

Nach der Gründung 1882 fand dann alljährlich am Morgen des Fasnachtsmontag ein Narroumzug statt, der allerdings durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges für 6 Jahre ausfiel. Nachdem ab 1920 die Narrozunft erneut Umzüge organisierte und durchführte, machten ihr schon Anfang der 30-er Jahre die Auswirkungen der neuen NS-Regierung zu schaffen. Der für lange Jahre letzte Umzug im Jahre 1939 stand unter dem Motto: „Die Welt im Narrenspiegel“. Die Zunft erinnerte damit an das Fasnachtsverbot von 1849. Einige Narros hängten sich Fensterflügel um und zeigten damit, wie 1849 das Fasnachtsverbot umgangen wurde.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte dann am 11. Januar 1947 die Wiedergründung der Narrozunft im Gasthaus „Hirschen“. Man versuchte, „das Kind wieder auf die Beine zu bringen“ wie aus dem Bericht von Albert Fischer hervorgeht. Noch im selben Jahr gab es mit dem Kinderumzug eine „kleine Fasnacht“. Im Jahr darauf, also 1948, feierte Villingen erstmals wieder eine richtige Fasnacht mit Umzug. Aus Dankbarkeit für diese Möglichkeit übergab Zunftmeister Albert Fischer dem damaligen französischen Gouverneur der Stadt auf dem Münsterplatz ein Präsent.

Letzter Umzug vor dem Krieg 1939 mit dem Verweis auf das Fasnachtsverbot von 1849.

 

Mit dem Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre erlebte die Fasnacht einen wahren Boom, der nicht nur zum Vorteil gereichte. Immer wieder drohte eine Verwässerung des Brauchtums, bedingt durch eine neue große Zahl von Hobbyschnitzern und Häsmalern, die „auf den Markt drängten“ und sich nicht exakt an die vorgegebenen Fakten hielten. Darin sah und sieht die Narrozunft eine ihrer Hauptaufgaben, womit sich auch der aus Ratsherren gegründete Brauchtumsausschuß vehement auseinandersetzt. Durch Gespräche und Aufklärung ist zwischenzeitlich wieder eine Trendwende eingetreten, sonst hätte kaum die Chance bestanden, das jahrhundertealte Brauchtum in der bisherigen, bekannten Form unseren Nachfahren zu übergeben. Die Gründungsväter der Narrozunft brauchten sich im 19. Jahrhundert noch nicht mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, dafür wollten sie der Willkür der Obrigkeit in Form vieler Vor schriften und auch Fasnachtsverboten geschlossen entgegentreten. Insofern liegt in der relativ späten Gründung der Narrozunft seit Bestehen der jahrhundertealten Fasnacht keine Divergenz, sondern eine zeitgerechte und sinnvolle Organisation zum Wohle unserer historischen Fasnacht.

Ein Jubiläumsjahr mit vielen Höhepunkten

Als erstes ist hier das neue, große Buch mit dem Titel „masquera“ zu nennen. Ein hervorragendes Nachschlagewerk über die Geschichte der Narrozunft und der Deutung unserer Fasnacht. Im Vorwort schreibt Dieter Wacker hierzu u.a.:

„… Dieses Buch über die historische Villinger Fasnet verfolgt die Fasnachtsspur zurück bis in das 15. Jahrhundert, es beschreibt einen langen und auch steinigen Weg bis in die Neuzeit und es zeigt aktuelle Bilder, die lebendiger nicht sein könnten“. Die letzte Chronik der Historischen Narrozunft erschien 1984 zum Jubiläum „400 Jahre Villinger Narro“ und bedurfte jetzt einer Neuauflage. Dies nahmen die Verantwortlichen der Zunft zum Anlass, insbesondere die Geschichte des Vereins aufzuarbeiten, was dem Zunftarchivar Hansjörg Fehrenbach trefflich gelungen ist. Er hat seine neuen Erkenntnisse in einem ausführlichen Artikel in diesem Buch festgehalten. Wenn es um die Deutung der Fasnacht in Villingen und allgemein geht, gibt es keinen profunderen Kenner als Prof. Dr. Werner Mezger. In seinem Artikel zeigt er das Ergebnis seiner aktuellen Fasnachtsforschung auf, wozu er auch noch mit einem Vortrag im Franziskaner-Konzertsaal Gelegenheit hatte, auf den noch eingegangen wird. Daneben werden in weiteren Abhandlungen verschiedene Fakten der Villinger Fasnet beschrieben.

Dieses neue Buch „masquera“ fand nicht nur in der Presse, sondern auch über die Grenzen der Stadt hinaus große Beachtung und stieß auf reges Interesse. Vor genau 5 Jahren konzipierte die Narrozunft eine Ausstellung mit dem Titel „Häser, Kleidle, Rollen, Gschell“ mit allen „Weißnarrenzünften“ im schwäbisch-alemannischen Raum. Was lag also im Jubiläumsjahr näher, als eine Fortsetzung mit den selben Vereinen, aber jetzt mit alten und neuen Masken. Sie stand unter dem Motto: „Schemen, Masken, Larven“ und war vom 12. Januar 2007 bis 25. Februar 2007 im Franziskanermuseum zu sehen. Die Ausstellung war Mittelpunkt der Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr und ist als Kooperation zwischen Narrozunft und Franziskanermuseum entstanden. Um die 240 Masken von 16 Fasnachtsvereinen zeigten einen Querschnitt vom 17. Jahrhundert bis zur Neuzeit.

Das ist die älteste Villinger Scheme. Schnitzer vermutlich Anton Josef Schupp.

 

Das älteste Exemplar war eine Villinger Narro-Scheme aus dem frühen 18. Jahrhundert, die im Besitz der Narrozunft und als Dauerleihgabe im Franziskanermuseum zu sehen ist.

Die Ausstellung war in zwei Bereiche gegliedert. Zum einen waren die Masken – Schemen in zwei Räumen zu bestaunen und zum anderen beherbergte das Refektorium die Vereinsgeschichte.

Ein außergewöhnlicher Blickfang war der 20 m lange „Zeitstrahl“. An dieser Wand reihten sich die Anfänge der Masken- und Schemenkunst bis hin zur Neuzeit und dies nicht für jeden ausstellenden Verein separat, sondern quer durch die Landschaft, nur dem Zeitpunkt der Entstehung zugeordnet. Viele alte Schemen aus Villinger Privatbesitz waren auf diese Weise erstmals öffentlich zu sehen und gaben der Ausstellung einen besonderen Reiz. Das zeigte sich auch in der Zahl der Besucher, die bei weit über 7000 lag. Regen Zuspruch fand sie auch bei den Villinger Schulen. Passend zu dieser Masken- und Schemenpräsentation erstellte die Zunft einen Ausstellungskatalog, der auf die Anfänge der Schnitzkunst bis zur heutigen Zeit eingeht. Gezeigt und beschrieben wird darin eine Großzahl der ausgestellten Exponate, angereichert mit zahlreichen Farbbildern.

Wie erwähnt, wurde die Geschichte der Narrozunft im Refektorium, beginnend mit der Gründung, durch zahlreiche Exponate und Aufzeichnungen den Besuchern vermittelt. Abgerundet wurde sie durch die Vorführung verschiedener alter und neuer Fasnachtsfilme.

Ein weiterer Höhepunkt war der Vortrag „Schemen und Geschichte der Fasnet“ von Prof. Dr. Werner Mezger. Vor rund 500 interessierten Zuhörern im Franziskaner-Konzertsaal bot Deutschlands populärster Fasnachtsexperte im ersten Teil einen ideen- und kulturgeschichtlichen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Villinger Fasnacht, skizzierte die Entwicklungs linien der Maskierung und zog seine Zuhörer mit faszinierenden Bildern aus halb Europa in seinen Bann. Prof. Mezger ging in seinem historischen Rückblick zurück bis in die griechische und römische Antike. Dort gab es schon die ersten Maskierungen in den Schauspielen. Der Fund eines Reliefs aus der Frankenzeit im 9. Jahrhundert scheint nach seinen Worten darauf hinzuweisen, dass im frühen Mittelalter die antike Maskentradition durchaus vorhanden war.

Zeitstrahl, Schemen aus dem frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

 

Sehr ausführlich ging er auf die Entstehungsgeschichte der Fasnacht als das große Fest vor der 40tägigen Fastenzeit, ein, bei dem die Menschen alle Vorräte verzehrten und kräftig feierten.

Um das Jahr 1500 muß es nach seiner Meinung auch die ersten Glattmasken gegeben haben, eine Tradition, in der auch die Villinger Scheme steht. Dies konnte er anhand von alten Gemälden belegen.

Nach der Historie widmete sich Prof. Mezger im zweiten Teil dem räumlichen Bezug. Mit Lichtbildern und Filmausschnitten, von Belgien bis Bulgarien und von Sardinien bis in die Tschechei zeigte er eine verblüffende Übereinstimmung närrischer Brauchtumsformen. „Es sei ein Irrtum, wer glaubt, die schwäbisch-alemannische Fasnet sei singulär“.

Zu einem zweiten, ebenfalls interessanten Vortrag lud die Narrozunft am 8. 2. 2007 ein. Manfred Merz, Meister der Maskenkunst, ging in seinem Diavortrag auf die Villinger Narroschemen ein. Beginnend mit den Anfängen aus dem 15. Jahrhundert, über die bewaffnete Fasnetsrebellion 1717, als rund 40 Burschen ihres Brauches wegen in die Wehr stunden bis hin zu des Volkes Widerstand gegen obrigkeitliche Verbote, spannte er den Bogen bis zur Geschichte und Entstehung verschiedener Schemenformen. Villingens älteste Scheme mit renaissancehaftem Lächeln datiert Manfred Merz um 1650. Vermutlich ein Frühwerk Johann Schupps. Ins Schwärmen gerät er bei den Barocklarven. Aber auch portraithafte, wie z.B. der Narrovater, Schloßbur oder Weberigel waren Bestandteil des Vortrages. Jede Scheme sei ein Genuß, „wie Weinseligkeit ihn schenkt“. Einen breiten Raum nahm auch das Kopierfräsen mit der Folge von Massenerzeugnissen ein, das nicht nur er, sondern auch die Narrozunft absolut nicht duldet.

Im Verlauf seines Vortrages zeigte er auch Bilder von namhaften Schnitzern, wie Josef Ummenhofer, Wilhelm und Emil Sieber, Josef Leute, Eugen Wiedel, Friedrich Moser und zuletzt auch seine eigenen Exponate.

Den Auftakt der eigentlichen Fasnachtstage bildete, zum ersten Mal überhaupt, eine Narrenmesse in „St. Fidelis“. Die Kirche fasste kaum alle Hästräger, obwohl der ökum. Gottesdienst schon vor dem Montagumzug um 7.30 Uhr begann.

Narrenmesse. Blick von der Orgel auf die Narren.

 

Dekan Kurt Müller verstand es in seiner Predigt meisterhaft auf den eigentlichen Sinn dieser Narrenmesse einzugehen. Musikalisch umrahmt wurde die Messe nicht nur von der Orgel, sondern auch von einer Abordnung der Stadt- und Bürgerwehrmusik. Als krönender Abschluß bleibt sicherlich jedem der Narromarsch in Erinnerung, der von der Orgel und den Musikern gespielt wurde.

Der Maschgerelauf am Montagnachmittag war ein Augenschmaus für Schemenkenner. Nach einem Aufruf der Narrozunft entschlossen sich ca. 40 Narros, mit ihren alten Schemen, die sonst nicht mehr getragen werden, den Zug anzuführen.

Beim Anblick dieser schönen, alten Schemen schlägt das Herz eines jeden Narren höher.

 

Ein imposantes Bild, wie auch die Fotos belegen, das einmalig in der Geschichte der Fasnacht und der Zunft war.

Schlussbetrachtung

Die Narrozunft Villingen hat in ihrem Jubiläumsjahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt, welchen Stellenwert die historische Fasnet und der Verein selbst mit seinen rd. 3700 Mitgliedern in der Stadt hat. Mit motivierten und sachkundigen Ratsherren wird sie sich auch künftig mit aller Kraft für den Erhalt des altüberlieferten Brauchtums einsetzen. Die vielfältigen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr sprechen für sich und legen ein beweisbares Zeugnis ab.

Postkarte von 1902, Aquarell von Albert Säger.

 

Ausschnitt aus dem Fasnachtsfilm von 1925.

 

Narrogruppe mit Mäschgerle.

 

 

Geschichte und Natur erleben: Ein besonderer Wanderweg in Schwenningen (Tobias Kühn)

In das letzte Jahrtausend, genauer in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts reichten die Pläne, getragen vom Schwenninger Heimatverein e.V., mit einem Wanderweg die Geschichte Schwenningens zu erschließen. Da ein Großteil der ur- und frühgeschichtlichen Fundorte in den Wäldern westlich und südlich des ehemaligen Schwenninger Markungsbereiches liegen, war eine Zusammenarbeit mit dem Forstamt Villingen-Schwenningen, damals noch unter Amtsleiter Eberhard Härle, naheliegend.

Der Orkan „Lothar“ vom 26. 12. 1999 verzögerte die Umsetzung. Die Mitarbeiter des Forstamts waren durch die Aufarbeitung des Sturmholzes und die Wiederaufforstung mehr als ausgelastet. Nach dem Wechsel in der Forstamtsleitung von Eberhard Härle auf Dr. Tobias Kühn und der Aufarbeitung aller Sturmfolgeschäden kam das Thema wieder auf den Tisch.

Siegfried Heinzmann, 2. Vorsitzender des Schwenninger Heimatvereins, konnte im Jahr 2005 auf das 1999 erarbeitete, fundierte Konzept zurückgreifen. Das Forstamt reicherte die vorgesehene Wanderstrecke mit Hinweistafeln zu Wald und Natur an, so dass Geschichte und Naturkunde eng miteinander verknüpft vorgestellt werden konnten.

Der Schwenninger Forstrevierleiter Bruno Allgaier, Mitglieder aus den Schwenninger Ortsgruppen des Schwäbischen Albvereins und des Schwarzwaldvereins und eine ordentliche Anzahl von weiteren Helfern des Schwenninger Heimatvereins und des „Arbeitskreises Moos“ packten mit an.

Bevor Hinweistafeln aufgestellt werden konnten, mussten die Texte und Skizzen sowie die Finanzierung besorgt werden. Siegfried Heinzmann erwies sich als äußerst erfolgreicher „Verkäufer“ von Hinweistafeln an Bürger, Unternehmen und Institutionen. Eine größere Spende kam vom Rotary Club Villingen-Schwenningen; Weitere wichtige Spender sind auf der Eingangstafel am Startpunkt beim Gasthaus „Wildpark“ in Schwenningen aufgeführt.

Den Geschichtslehrpfad allein auf den Stadtbezirk Schwenningen zu beschränken, wäre angesichts des historischen Reichtums des Stadtbezirks Villingen nur eine halbe Sache. Daher liegt es nahe, den Geschichtslehrpfad in dieser Richtung weiterzuführen, beispielsweise über die Bertoldshöfe, den Aussichtsturm und über den Blutrain in den Nachbarstadtbezirk. Der Waldlehrpfad beim Kapf Richtung Unterkirnach, ohnehin ein archäologischer Schwerpunkt, bietet im Westen Villingens bereits einen Kristallisationspunkt.

Der Wunsch, einen gesamtstädtischen Geschichts- und naturkundlichen Wanderweg zu schaffen, genießt Sympathie auch bei der Rathausspitze. Oberbürgermeister Dr. Kubon, als Historiker diesem Thema gegenüber ohnehin aufgeschlossen, äußerte bei der Einweihung des Schwenninger Geschichts- und Naturlehrpfades am 14. Oktober 2006 die Hoffnung, dass ein Gesamt-Projekt für die Stadt Villingen-Schwenningen daraus werden möge.

Inzwischen hat Siegfried Heinzmann, Projektleiter des noch auf Schwenningen beschränkten Pfades, dem Vorstand des Villinger Geschichts- und Heimatvereins einen Einblick in den Ablauf, die Organisation und die Finanzierung gegeben, die zur Entstehung des Schwenninger Geschichts- und Naturlehrpfades führten. Im September 2007 erfolgte eine gemeinsame Begehung des Schwenninger Weges. Es liegt nun am Villinger Geschichts- und Heimatverein, Ideen zu entwikkeln, wie dieser geschichtliche Lehrpfad in Richtung des Stadtbezirks Villingen weitergeführt werden kann.

 

Lautlos (Simon Kühn)

Gestern stand sie das erste Mal allein, ganz ohne Hilfe auf eigenen Beinen. In ein paar Tagen werden wir ihren ersten Geburtstag feiern.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie gern sie am Klavier steht, sich mit einer Hand hält und mit der anderen spielt. Es geht sogar zweihändig, und mit ein paar Schritten an der Tastatur hangelnd entlang, auch in andere Tonbereiche. Oft singt sie dabei.

Schön, wie ich auf diese Weise mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde.

Dieses Klavier, glockenähnlich im verstimmten Klang, Ludwig van Beethoven hätte die letzen drei Jahre seines Lebens noch darauf spielen können, hat mich in frühesten Jahren auch so unglaublich interessiert. Gerade dann, wenn mein Vater Beethoven-Sonaten spielte, musste ich oft mein Ohr ans Holz drücken. Ich kann mich sogar noch ein wenig daran erinnern, wie toll ich es fand, den und den nächsten Ton ständig voraushören zu können.

Schon in frühester Zeit kannte ich alle Sinfonien von Brahms, Beethoven und Schubert, die natürlich mein Hören bis heute geprägt haben. Das Klavierspiel habe ich mir mit Unterstützung meines Vaters selbst angeeignet und als wir dann von Karlsruhe nach Villingen-Schwenningen zogen, kam das Cello hinzu.

Die Musik hat sich also mehr und mehr herauskristallisiert. 1990, im Duo mit Sebastian Berweck, gewann ich den 2. Karel-Kunc-Musikpreis beim 6. Südwestdeutschen Kammermusikwettbewerb. Durch die Wettbewerbe „Schüler komponieren“ der Jeunesses Musicales und den mehrfachen Einladungen auf Schloss Weikersheim lernte ich Isang Yun, Hans-Jürgen von Bose und The Brandmüller kennen.

Das Komponieren wurde immer wichtiger und hat meinen Bezug zur Chemie überholt. Von der Chemie zur Klangchemie.

Erste große Aufführungen in der Musikhochschule Lübeck, vor dem Deutschen Musikrat.

1991 begann ich mein Kompositionsstudium bei Prof. Nicolaus A. Huber an der Folkwang- Hochschule in Essen. Seit 1993 forsche und experimentiere ich mit Niederfrequenzen, es entstehen erste Kompositionen mit Low-Frequency Information. Im selben Jahr wurde mein Stück „vorsitzender männlicher figur – mit schwarzer tableta“ in der Alten Abtei in Werden uraufgeführt.

Seit 1996 arbeite ich freischaffend.

1997 war ich Teilnehmer des Meisterkurses für Komposition der internationalen Musikprojekte Bremen unter der Leitung von Prof. Klaus Huber und im folgenden Jahr Stipendiat des Instituts für Neue Musik Darmstadt für die 39. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik und Teilnehmer des Kompositionsseminars Prof. Helmut Lachenmann. 1999 bekan ich das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg verbunden mit einem zweijährigen Aufenthalt im Haus der Kunststiftung in Stuttgart. Gaststipendium der Akademie Solitude und Uraufführung des Theaterstücks „unendlichkeit angesichts des unheimlichen ichs“ nach Eugène Savitzkaya von Stefan Ludmilla Wieszner auf Schloss Solitude.

Erste Klanginstallation zum Kunst(t)ritt 2001, der langen Nacht der Museen Stuttgart, „installation – korbinian“.

Seit 2001 lebe ich in Berlin-Friedrichshain.

2002 wurde ich Stipendiat des Experimentalstudios der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestrundfunks und im selben Jahr wurde „atmenderäume – 23 Stufen zum Garten“ für Orchester mit einem Bewegungsschauspieler im Theaterhaus Stuttgart uraufgeführt. Ein Auftragswerk des Südwestrundfunks     mit dem  Radiosinfonieorchester des SWR, Leitung Johannes Debus, Inszenierung Aniara     Amos     (Achim     Freyer-Ensemble Berlin), Bewegungsschauspiel Florian Klellner (Achim-Freyer-ensemble Berlin), Lichtinstallation Olaf Volk, und Digital Masters Stuttgart. 2004 wurde im Auftrag der Stuttgarter Staatsoper mein Stück „les yeux engourdis – audiphonie à Piérre“ für Film und Sechskanaltonspur im Römerkastell Forum Neues Musiktheater aufgeführt, eine Reise in die Tiefe der Erde und der menschlichen Innenwelt, eine apokalyptische Stimmung in eine Zukunft reflektiert, in der die Zivilisation die Natur vernichtet hat und die menschliche Seele angegriffen ist.

Seit einigen Monaten arbeite ich an einem Streichquartett, „sul fondale del paesaggio“ im Grund der Landschaft. Mit Pick-ups, Körperschall und Tonträger.

Ich interessiere mich für die direkten Wirkungsweisen von Musik, den Archetypen von Musik … Wie oft habe ich in den letzten Jahren von der Archaik gesprochen, die mich so fasziniert, von der Entstehung und Herkunft der Musik, von der Existenzberechtigung, von den vielen Abläufen und Dingen, die wir im einzelnen nicht verstehen können, von den Klängen im Grund der Landschaft, dem Grundschwingen großer Städte, von den magischen Kraft- und Klangfeldern. Wie gern wäre ich einmal im Herbst in Venedig, wenn Nebel ist und die Glocken unentwegt auf die Inseln hinweisen, oder die Lichtspiegelungen des Wassers, die die Bäume und Mauern dynamisch verändern. Der weite Raum, diese Unendlichkeit und die Stille, … der vom Wind verwehte Klang, … suspended music.

Ein wichtiger Polarisator in meinen Arbeiten sind all die körpereigenen Klanglichkeiten, die Ausweitung des Frequenzbandes hinaus über die spieltechnischen Möglichkeiten. Im schalltoten Raum, in tiefster Ruhe, in der Einsamkeit, in manch introspektivem Moment, in körperlichen Extremsituationen ist manchmal der eigene Kreislauf und der Herzschlag zu hören. Auf Frequenzberiche unter 16 Hz und über 20 kHz wirkt unsere Wahrnehmung reizunempfindlicher, da wir sonst einer ständigen Reizfortleitung ausgesetzt wären. Diese Frequenzbereiche von Außen auf den Körper reagieren, bewirken eine Vielzahl musikalischer Phänomene. In der Nacht geht alles leichter, das Atmen, Zuhören, Sprechen, das Vorausdenken in die Zukunft und das Erinnern, die Zärtlichkeit kommt wieder, die Hände sind ruhig, nachts wird das Gehör viel weniger beansprucht, wird das Auge nicht gereizt. Der Tag ist anonym, die Nacht ist privat.

Das Theater am Turm/ Villinger Sommertheater, ein Kleinod der Villinger Kulturszene (Andreas Erdel)

Wer am Samschdigmorgê uf dê Märd ins Schdädle got, isch immer ufêm neuschdê Schdand. „Bisch du au scho dêrd gsi, do muêsch na, des muês mo g’sehe han; spitze sag i dir“.

Des isch Villinge. Die beste Werbung für unser Theater ist unser eigenes Publikum. Vorankündigungen, Programme, Plakate und Presse können die Menschen nicht annähernd so inspirieren, was die Mund zu Mundpropaganda erreicht. Und wenn die Leute sagen: „Jetzt hond si scho widder ufg’hört …, die kinnê doch voelängerê“, dann lässt das das Herz eines jeden Amateurschauspielers höher schlagen.

Eigentlich fing alles eher betrüblich an. So emotional man vom Publikum in den Himmel gehoben wird, so vernichtend wird das Urteil gefällt, wenn die Vorführung nicht den Geschmack desselben getroffen hat.

Der Katzenmusikball 1987 „Die Schwarzwaldklinik“ verfehlte die närrischen Vorstellungen der Katzenschar gänzlich. „Des häd doch ninnt me mit dê Fasnêt z’due“. In der Tat waren die Ballmacher Eberhard Zimmermann, Andreas Erdel und Thomas Moser übers Ziel hinausgeschossen. Das Positive daran war, dass dieser Ball das Sprungbrett zur Gründung des Villinger Sommertheaters wurde. Eberhard Zimmermann griff die Idee von Kulturamtsleiter Dr. Walter Eichner auf, den Monat Juli durch Theaterveranstaltungen kulturell aus der Region zu beleben. Mit einem kleinen Haufen Schauspieler traten wir im Innenhof der Karl Brachat Realschule an.

Die meisten von uns hatten ja Spielerfahrung bei den Fasnachtsbällen erworben, nur Eberhard Zimmermann war uns voraus, der bereits im Zimmertheater Rottweil zu glänzen wusste.

Insgesamt 300 jubelnde Zuschauer sahen das erste ,Villinger Sommertheater‘ „Die deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue.

Wir hatten einen Riesenspaß und befreiende Spiellaune. Eberhard Zimmermann war Motor und Leiter dieser Truppe und kaum zu bremsen. Er spielte und inszenierte, setzte Ideen um, wie sie bisher in Villingen noch nicht zu sehen waren. So nutzen wir 1988 die Gunst der Stunde, als die „Lebenshilfe“ ihren Sitz in der wunderschönen Junghansvilla am arenbach aufgab und das Gebäude leer stand. Zur Aufführung gelangte die tolle Inszenierung „Der Talisman“ von Johann Nestroy. Teuerste Investition war die Klavieraufzeichnung auf Tonband eines Pianisten von der Musikhochschule Trossingen mit ca. 300 DM. Lifemusik hätte damals den Bankrott bedeutet. Beflügelt von der Anerkennung der Zuschauer folgten weitere Sommertheaterstücke im Kur- und im Komödiengarten am Franziskanerkloster. 1990 wollten wir wieder etwas Neues ausprobieren. In diesem Jahr gab es die große Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218 und es war Fußballeuropameisterschaft. Wir gingen tatsächlich das Wagnis ein, das Thema ,Abtreibung‘ als Sommer theater aufzunehmen. Uns wurde nach wenigen Vorstellungen klar, wo die Interessen bei wem lagen. Das Drama von Friedrich Wolf, in dessen Inhalt es um die vielen illegalen Abtreibungen mit Cyankali in den 20er und 30er Jahren ging, wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die Frauen besuchten den Komödiengarten und widmeten sich dem Drama, und die Männer vor dem Fernseher dem Fußball.

Hin und wieder mischten sich doch noch einzelne folgsame Ehemänner unter das Frauenpublikum im Verhältnis 100 :3. Das war eine klare Botschaft der Männer: „näschd Jôôr schbillêd do widder êbs luschdigs, no kummê mer au widder“. Der Zufall bestimmte im darauf folgenden Jahr das weitere Schicksal des Theaters.

Aus dem ‚Villinger Sommertheater‘ wurde im November 1991 das sesshafte ,Theater am Turm‘ (TaT) an der Stadtmauer neben dem Kaiserturm. Jürgen (Schorsch) Hess, unser früherer Präsident, hatte das Probelokal der Guggenmusik in der hiesigen ehemaligen Buchdruckerei Müller in der Schaffneigasse aufgegeben und Hans-Peter Müller, kurz „Müller-Dick“, hatte Eberhard diese Räumlichkeiten als Theater kostengünstig angeboten.

Mit 30 000,00 DM je ein Drittel Stadt-, Land und Theater selbst wurde bis auf die elektrische Anlage der Umbau in Eigenleistung federführend durch Edgar Riehle und Martin Müller vollzogen.

Und so wurde das Unglaubliche wahr! Villingen hatte von nun an ein Kleinkunsttheater. Das Eröffnungsgastspiel präsentierte das Zimmertheater Rottweil mit „Love Letters“, gefolgt von der ersten Eigenproduktion „Es war die Lerche“ von Ephraim Kishon. Idealismus und Enthusiasmus prägten weiterhin das Ensemble des TaT. Erfolgreich aufgeführte Stücke reihten sich aneinander. Das Geheimrezept lag vermutlich in der Unbefangenheit gepaart mit Professionalität, ein großes Spektrum aus allen Bereichen des Theatergenre anzubieten. Vom Kindertheater über Komödien, Tragödien, Kriminalstücke, sozialkritische Schauspiele, Podiumsdiskussionen, Hörspiele, bis zu den kabarettistischen Festspielen zur 1000 Jahrfeier der Stadt Villingen wurde alles gespielt.

Gemeinschaftsproduktionen mit dem ,Zimmertheater Rottweil‘, „Virginia Wolf“ und „Antigone“, die „Dreigroschenoper“ mit dem Theater am Ring- Ensemble um Kulturamtsleiter Herbert Müller signalisierten die Offenheit nach allen Seiten. Sowohl professionelle Schauspieler wie Marc Cevio aus Rottweil in „Jedermann“ oder als „Hauptmann von Köpenick“ einerseits, als auch unsere jungen Talente, unsere Nobodies wie Dorothe Gieseler in „Anne Frank“, Tobias Hess in „Kein Platz für Idioten auf Villingerisch“ oder „Amadeus Mozart“ und Daniel Gissel im „Regenmacher“ brillierten auf der Bühne und waren Beispiele für die große Flexibilität. Es werden keine Unterschiede zwischen Profis, Leihen und Amateuren gemacht. Die Integration der verschiedenen Qualitäten schauspielerischen Könnens war stets eine Herausforderung. Allerdings blieb der eine oder andere nach einmaligem Versuch, sich auf der Bühne zu profilieren, auf der Strecke.

Sandra Sorgatz, Andreas Erdel in „Außer Kontrolle“ im Sommertheater 2007

 

2001 sorgten wir für viel Bewegung in der Presse. Noch nie konnte man in den hiesigen Zeitungen so viele unzensierte Leserbriefe und seitenlange Kolumnen mit Diskussionen, Kritiken, unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen über das Theaterstück „Krach im Hause Gott“ von Mittermeier lesen. Auch in der Öffentlichkeit wurde das Thema Religion, Glaube, Katholizismus, Christentum und die provozierende Darstellung der Dreifaltigkeit und des Teufels in der Inszenierung von Eberhard Zimmermann erbittert diskutiert. Es demonstrierten sogar einzelne Überzeugte vor dem Theater gegen die weitere Aufführung.

Zwei weitere Ereignisse gehen in den Annalen des Theater am Turm ein.

2003 fanden im Theater an 6 Veranstaltungen die ,Highlights der Villinger Kneipenfasnacht‘ statt. Es vereinigten sich auf Initiative von Gunther Schwarz und Henry Greif die Gruppen, die sonst immer am „Fasnêtssamschdig in dê Kneipe un in dê Stüble aufgetreten sind. An einem Samstag gegen 10.00 Uhr sollte der Kartenvorverkauf beginnen. Die ersten waren Katzenmusiker und Glonkiwieber, die bereits morgens gegen 6.00 Uhr die wartende Schlange eröffneten, die sich bis kurz vor 11.00 Uhr auf eine Länge von 150 m ausdehnte. Und dann geschah, was es wohl nur in Villingen gibt: nach 45 Minuten waren alle Blechkarten weg.

Ein Jahr später kündigte ein riesiges Plakat am Kaiserturm die Komödie „Ein seltsames Paar“ von Neil Simon an. Für uns unfassbar waren 2 Wochen vor der Premiere alle 12 Aufführungen ausverkauft. Es war ein erhebendes Gefühl. Nun wird man sich fragen, wo steht das Theater am Turm heute nach 20 Jahren? Das Theater hat 95 Sitzplätze, bewirtet werden unsere Gäste vom ,Müller-Dick‘, es finden jährlich 90 –100 Aufführungen statt und 3/4 davon sind eigene Produktionen. Seit fast 5 Jahren wird das Theater von mir geleitet, und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dieses nette kleine Theater im Sinne meiner Vorgänger Eberhard Zimmermann, Christa Paul und Henry Greif als Kleinod für unsere Stadt zu bewahren.

Die Kraft schöpfen wir aus dem gemeinsamen Spaß, Theater zu spielen, dem Rückhalt der Sponsoren und der Gunst unserer Zuschauer.

Es wird weiterhin Balsam für unsere Seele sein, wenn das Publikum unser Engagement mit dem Satz krönt: „Scheen honers g’macht“.

 

Der Villinger Markt bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (Heinrich Maulhardt)

Der Markt und seine Begründung 

In dem Privileg Kaiser Ottos III. vom 29. März 999 erhielt Graf Berthold das Recht, die allerhöchste Erlaubnis und die Gewalt für seinen Ort Villingen einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten1. Der hier verliehene öffentliche Markt hatte im Mittelalter mehrere Bedeutungen. Markt bedeutet in dieser Zeit eine rechtliche Institution, eine Erscheinung des Wirtschaftslebens, es meint aber auch konkret den Platz, auf dem der Markt stattfindet.2 Es handelte sich im Falle Villingens um einen privilegierten Markt, denn es wurden neben dem Marktrecht auch das Münz- und Zollrecht verliehen. Das Münzrecht war besonders wichtig, da Münzen den Handel beförderten, den Tausch der Waren auf dem Markt beschleunigten bzw. den Warentausch überhaupt erst ermöglichten. In Verbindung mit dem Zoll‚ machte diese Marktform den Markthandel zwar abgabepflichtig, beaufsichtigte ihn jedoch, ordnete die erforderlichen Zahlungsmittel und stellte sie für alle Handelstreibenden in akzeptabler Form bereit. Sie zwang die Händler allerdings auch zur ausschließlichen Verwendung der jeweiligen örtlichen Währung am Marktort.

„Marktbesucher und Marktort traten unter königlichen Schutz, der Marktfriede wurde garantiert.“3 Die Entwicklung Villingens zur Stadt war ohne das vorstehende Marktprivileg undenkbar, denn dieses ermöglichte den Einwohnern die materiellen Voraussetzungen für eine städtische Entwicklung zu schaffen. Der Markt war eine Bedingung für das Entstehen und die Entwicklung des städtischen Handwerkerstandes, des Zunftbürgertums und des Warenaustausches von Stadt und Land.

 

 

Abb. 1: Rottweil Kapellenturm und Marktlaube, in: Karl Gruber, Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 67.

 

Die Entwicklung des Marktes 

Anhaltspunkte für die Entwicklung eines Marktes nach der Verleihung des Marktprivilegs sind Villinger Münzen, die im 11. Jahrhundert hergestellt wurden4. Es blieb also nicht nur bei der Pergamenturkunde mit ihren Rechtsinhalten, sondern die Bewohner des Ortes Villingens betrieben im 11. Jahrhundert tatsächlich einen Markt auf der linken Seite der Brigach. Der Villinger Markt wird jedoch erst im 13. Jahrhundert auf der rechten Brigachseite greifbar und schlägt sich in der schriftlichen Überlieferung nieder. Bertram Jenisch gibt in seiner Dissertation einen Überblick: „Die Wochenmärkte wurden dienstags5 auf den Hauptstraßen abgehalten, wobei ein eigentlicher Marktbereich abgegrenzt war, der sich noch in der Brandversicherungsliste von 1766 abzeichnet6. Mit dem beginnenden 14. Jahrhundert wird eine räumliche Einteilung in Einzelmärkte fassbar: Kornmarkt, Rossmarkt, Obst-, Käse-, Anken- (Butter-) und Fischmarkt. Seit derselben Zeit finden immer häufiger Lauben, auf den Straßen freistehende Marktbauten, Erwähnung, die jedoch erheblich älter sein dürften. Seit 1344 begegnet die alte Tuchlaube7, nördlich des Straßenkreuzes in der Oberen Straße. Sie ist gleichzusetzen mit dem Kaufhaus, das Sitz des Marktgerichts und Aufbewahrungsort der Eichmaße war. Der Bau wurde offenbar im 15. Jahrhundert durch die „Neue Laube“ ersetzt8. Ab dem 17. Jahrhundert diente das Gebäude auch als Getreidespeicher. In der Rietstraße stand die Korn- oder Brotlaube, bei der die Bäcker der Stadt auf Brotbänken das Brot anboten. Man muss sich diese Laube als leichtes Gebäude vorstellen, das mitten auf der Rietstraße errichtet war (…) Bei der Brotlaube wurde 1314 eine Brücke über den Stadtbach gebaut, auf der die Bäcker ihr Brot verkaufen durften. Die Bänke mussten jedoch abends entfernt werden, was ihre Leichtbauweise belegt. Wenig östlich davon war über dem Stadtbach die seit 1364 erwähnte Obere Metzig errichtet. In der Niederen Straße, wohl südlich der Einmündung der Brunnengasse, stand ebenso über einem Stadtbach die seit 1361 genannte Untere Metzig. Bei den Stadtmetzigen waren die Fleischbänke der Metzger aufgebaut. Das Kornhaus und die Fleischbänke bestanden bis in das 18. Jahrhundert (…) Neben dem Wochenmarkt gab es zunächst auch zwei Jahrmärkte, die „sant Walpurge mes“ (1. und 2. Mai) 9 und die Herbstmesse am St. Mattäus- und St. Mauritiustag (21. und 22. September)10. Später trat noch die Messe am St.Thomastag (21. Dezember) hinzu. An jedem dieser Termine galt drei Tage vor- und nachher ein besonderer Friedensschutz für die Marktbesucher11.“12

 

Abb. 2: Stadtansicht Villingen 1666 – 86 mit Kaufhaus, Kornlaube und Metzig im Zentrum, Ausschnitt, Generallandesarchiv Karlsruhe H-BS-IV/4.

 

 

 

 

Den ältesten Marktbezirk bildeten die Obere Straße und die Rietstraße. In diesem Bereich dürfte sich schon früh das Marktgericht befunden haben, das in der Urkunde von 999 erwähnt wird. Die Gestalt dieses Gebäudes hat sich wahrscheinlich den ältesten Marktgebäuden angepasst, welche die Gestalt einer Laube haben.13 Dabei handelt es sich um ein ursprünglich aus Holz bestehendes Gebäude mit leichter Bedachung.

Die Bezeichnung „Laube“ blieb auch bestehen, als die Holzbauten durch Fachwerk oder sogar Steinbauten ersetzt wurden. Einen Eindruck von einer spätmittelalterlichen Laube gibt Karl Gruber am Beispiel Rottweil (Abb. 1).14 Die Villinger Marktgerichtslaube dürfte den Standort wie in Freiburg gehabt haben15: Sie befand sich mitten in der Stadt, am Straßenkreuz und ähnelte einer Marktlaube.

 

 

Abb. 3: Stadtgrundriss Villingen, in: Karl Gruber: Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 67, mit Ergänzung von Casimir Bumiller, Untersuchungen zur Geschichte des Alten Rathaus in Villingen, 1995, Manuskript. 4 Rathaus; 5 Kaufhaus; 6a Korn- und Brodlaube; b Obere Metzig; 7 Niedere Metzig

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1439 wird zum ersten Mal das „koufhus“ erwähnt. Im Kaufhaus wurde offensichtlich mit mehreren Produkten gehandelt: Pelze, Leder, Tuche. Darin befand sich die Waage und es hatte die Funktion des städtischen Salzlagers. Das Kaufhaus hatte offensichtlich auch Gerichtsfunktionen16. Die historische Federzeichnung aus dem 17. Jahrhundert (Abb. 2) bildet das Villinger Marktgeschehen ab17: das Kaufhaus in der Oberen Straße, das Kornhaus und die Obere Metzig in der Rietstraße, der Marktbrunnen mit der Säule, auf der Kaiser Ferdinand I. zu sehen ist. Das 1573 errichtete multifunktionale Kaufhaus blieb bis zum Jahre 1827 bestehen, als es abgebrochen wurde. Die im Kaufhaus getätigten Geschäfte wurden in das leerstehende Spitalgebäude an der Rietstraße verlegt.

Der Villinger Markt hatte im Mittelalter einen regionalen Charakter. Hier wurden keine Fernhandelsgeschäfte abgeschlossen wie in den Städten der Hanse. Er diente vor allem dem Warentausch von Stadt und Land, dem Verkauf städtischer Erzeugnisse des Handwerks und dem Verkauf des landwirtschaftlichen Mehrproduktes der Stadt und des vorgelagerten Landes.

Der Ort, die räumliche Gestalt und die Bezeichnung des Marktes

Den Ort des Villinger Marktes haben wir beschrieben: das Straßenkreuz, Teile der unmittelbar anschließenden Riet-, Oberen- und Niederen Straße mit den Gebäuden im Straßenraum. Dieser Bereich war im Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts der Villinger Markt. Als „Markt“ wird dieser Bezirk in den mittelalterlichen Quellen bezeichnet.

Von „Marktplatz“ ist die Rede, als Graf Franz Ehrenreich von Trautmansdorf 1710 die Statue des heiligen Nepomuk der Stadt Villingen schenkte:

„bildnuss des heyligen Joannis Nepomuceni auf einem fein- und guetten weissen stain, wohl verfertiget auf die hierzu gemachte Säuhl glücklichst gestelt 26 Schuech hoch und in Mitte dess allhiesigen Marktplatz aufgerichtet“.18 Der Aufstellungsort der Statue des hl. Nepomuk ist auf dem Stadtplan von Martin Blessing aus dem Jahre 1806 zu sehen (Abb. 4, Buchstabe R).

Als Marktbereich abgegrenzt begegnet er noch in der Brandversicherungsliste von 1766.19 Darin werden folgende Straßenbezeichnungen aufgeführt, die auf den Markt hindeuten: „bey der Mezig“, „auff dem Markt“ und „Marktplatz“. Es werden immerhin drei verschiedene Marktlokalitäten genannt, was ein Beleg dafür ist, dass es sich im Falle Villingens nicht um einen runden Platz oder einen freigebliebenen Wohnblock handelte, sondern um einen Marktplatz mit einer etwas komplexeren Struktur, der sich über mehrere Straßen (-teile) erstreckte.

Das Wort „Platz“ leitet sich von platea = öffentliche Straße her20. In Villingen ist die einfachste Platzform anzutreffen: die verbreiterte Straße mit dem Straßenkreuz als Bestandteil.21 Klaus Humpert hat die bogenförmig verbreiterte Straße im Bereich der Niederen und Oberen Straße durch präzise Messungen festgestellt.22 Auf diesen verbreiterten Straßen standen die Marktlauben. Plätze zur Nutzung als Markt oder Versammlungsort waren als unbebaute Wohnparzellen im ursprünglichen Stadtgrundriß Villingens nicht vorgesehen.23

 

Abb. 4: Stadtplan von Martin Blessing 1806 mit Hinweis auf den Standort der Statue des heiligen Nepomuk, des Marktbrunnens und des Kaufhauses, in: Paul Revellio. Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 68.

 

Zusammenfassung 

Die Villinger beließen es nicht bei dem Text der Urkunde von 999. Sie ergriffen die Initiative und entwickelten das Marktgeschehen, insbesondere als die Besiedlung auf der rechten Brigachseite seit dem 12. Jahrhundert voranschritt. Der Aufschwung des Marktes hat wesentlich zum Prozess der Stadtwerdung beigetragen. Es handelte sich um einen regionalen Markt, bei dem städtische Erzeugnisse des Handwerks gegen das landwirtschaftliche Mehrprodukt ausgetauscht wurden. Der im Mittelalter entstandene Markt hat sich mit seinen Einrichtungen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fast unverändert erhalten. Dies trifft auch auf den Marktplatz, den Ort des Marktgeschehens zu, den die vom Straßenkreuz ausgehenden Straßen bildeten. Dazu gehörten die im Straßenraum stehenden Marktlauben, der Marktbrunnen und das Kaufhaus.

Anmerkungen

1 Thomas Zotz: Die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto III. an Graf Berthold für seinen Ort Villingen, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 21. f.

2 Artikel „Markt und Stadt“, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, III. Band, Berlin 1984, S. 330.

3 Walter Schlesinger, in: siehe Anmerkung 2.

4 Vgl. Ulrich Klein: Die Villinger Münzprägung, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 26–59.

5 Christian Roder, Oberrheinische Stadtrechte, Villingen, Heidelberg 1905, S. 10.: Zollordnung von 1296.

6 Findeisen, Villingen, S. 12, wie Anm. 19.

7 Pfründ-Archiv Villingen. Hrsg. Josef Fuchs, Villingen-Schwenningen 1982, S. 53, E 3 (1401, Mai 6).

8 Pfründ-Archiv Villingen, S. 54, E 8 (1481, März 15): nuwen louben.

9 FUB I 591.: 1284.- FUB II, 18: 1308.

10 FUB II, 51.:1310.

11 Josef Fuchs: Die Ratsverfassung der Stadt Villingen. Villingen 1972, S. 50–55.

12 Bertram Jenisch: Die Entstehung der Stadt Villingen. Stuttgart 1999, S. 67.

13 Casimir Bumiller, Untersuchungen zur Geschichte des Alten Rathaus in Villingen, 1995, Manuskript, S. 19, nach Schwineköper.

14 Karl Gruber: Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 64.

15 vgl. Bumiller, S. 19.

16 Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 188 f.; Bumiller, S. 20.

17 Stadtansicht Villingen 1666–86 mit Kaufhaus, Kornlaube und Metzig im Zentrum Generallandesarchiv Karlsruhe H-BS-IV/4.

18 Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Villingen 1970, Nr. 2402 (YY5). Eine systematische Durchsicht der Bestände nach „Marktplatz“ konnte nicht geleistet werden.

19 Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band II, Villingen 1971, Nr. 3193. Vgl. Peter Findeisen: Ortskernatlas Baden-Württemberg. Stadt Villingen-Schwenningen Schwarzwald-Baar-Kreis. Stuttgart 1991, S. 12.

20 Artikel „Platz“, in: Lexikon des Mittelalters, München 1995, Band VII, Sp. 16.

21 Vgl. Jenisch, S. 164.

22 Klaus Humpert/Martin Schenk: Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der „gewachsenen Stadt“. Stuttgart 2001, S. 88 f.

23 Vgl. Jenisch, S. 165.

 

Die Welvert-Kaserne (Bernd Schenkel)

on der militärischen Nutzung zum attraktiven Wohngebiet

Zur Orientierung

Dieses Luftbild, das der Südkurier am 8. August 2007 veröffentlicht hat, eignet sich gut zur Orientierung. Der folgende Beitrag beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung der Welvert-Kaserne, die 1935/36 als Boelcke-Kaserne gebaut wurde – im Luftbild mit „1“ bezeichnet. Das Gelände mit der „2“ ist die heutige Lyautey-Kaserne, die 1913/1914 erbaut wurde und in den 1920er Jahren den Namen Richthofen-Kaserne erhielt. Die Hauptgebäude stehen heute unter Denkmalschutz. In den Jahrzehnten, in denen die Kasernen gebaut wurden, entstand und entwickelte sich die Firma Saba – das Gelände „3“ auf dem Luftbild. Zwischen der Welvert- und der Lyautey-Kaserne ist deutlich die Kirnacher Straße zu erkennen. Auch die Kreuzung der Kirnacher Straße mit der Dattenberg- und Richthofenstraße ist gut erkennbar. Am oberen Bildrand sieht man die große Kreuzung Kirnacher/Peterzeller Straße.

Soldaten, aber keine Kasernen

Bewaffnete hat es in Villingen seit Gründung der Stadt im Hohen Mittelalter gegeben. Jeder Bürger war, wenn die Stadt verteidigt werden musste, auch Soldat und hatte zusammen mit seinen Zunftgenossen einen bestimmten Mauerabschnitt zu verteidigen. Dass Villingen auch Bewaffnete für den jeweiligen Stadtherrn zur Verfügung stellen musste, ist bekannt. Zahlen finden wir etwa beim ‚Haslacher Anschlag‘ von 1326, als die Villinger mit 150 bewaffneten und berittenen Männern ihren fürstenbergischen Stadtherren nach Haslach folgten – in eine Falle, wie sich herausstellen sollte. Auch in späteren Jahrhunderten stellte die Stadt dem nun habsburgischen Landesherrn ein Aufgebot. 1599 etwa verzeichnete die Musterungsliste 435 Mann. In den europäischen Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts – vor allem im Dreißigjährigen Krieg (1618–48) und dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701–14) – genügte es nicht mehr, den Bürgern die Verteidigung der Stadt zu überlassen. Es waren Truppen des habsburgischen Landesherrn in der Stadt stationiert. Etwa bei der Sommerbelagerung des Jahres 1633 war es eine in der Stadt stationierte Reitertruppe, die am 17. September mit einem Ausfall den Belagerungsring der Württemberger sprengte und entscheidend zum Ende der Bela gerung beitrug. Kasernen für die Landsknechte gab es damals nicht. Sie waren in den Bürgerhäusern einquartiert. Auch bei der Tallard’schen Belagerung von 1704 hat neben der Bürgerschaft der Artillerie Kommandeur Baron von Wilstorf mit seinen Truppen die Verteidigung der Stadt bewerkstelligt.

Als 1744 im Österreichischen Erbfolgekrieg die Franzosen wieder vor Villingen erschienen, hatte Habsburg die Stadt ohne Besatzung gelassen. Villingen musste seine Tore kampflos öffnen. Nachdem die Franzosen auch Geschütze und Munition mitgenommen hatten, war die Stadt keine Festung mehr. Das heißt aber nicht, dass die Stadt keine Soldaten mehr gesehen hätte. Während der Französischen Revolutionskriege und der Napoleonischen Kriege waren in Villingen ständig Soldaten einquartiert. Es begann 1791 mit österreichischen Truppen. Die Einquartierung war für die Villinger Bürger zunächst durchaus lohnend: Für jeden Soldaten wurden 12 Kreuzer pro Tag bezahlt. Im Jahr darauf waren es vor allem französische Emigranten, die Truppen anwarben. Im Jahr 1794 waren es dann wieder kaiserliche Truppen, darunter Regimenter aus Kroatien. Der Name ‚Krawatzi‘ für die südliche Gerberstraße – dort hatten sie ihre Quartiere – ist bis heute geblieben. Immerhin, das Kost und Quartiergeld wurde weiterhin bezahlt, sodass die Einquartierungen sowohl für die Bürger als auch für die Stadt als ganzes eine beträchtliche Einnahmequelle darstellten.

Ganz anders wurden die Einquartierungen in Napoleonischer Zeit gehandhabt. Im Jahre 1801 mussten französische Soldaten auf Kosten der Bürgerschaft untergebracht und versorgt werden. Und selbst als die Soldaten Ende des Jahres nach Freiburg in neu errichtete Kasernen verlegt wurden, musste die Stadt weiterhin 2.500 Gulden monatlich für sie aufbringen. Im Winter 1813 zogen dann auch noch russische Kosaken durch Villingen. Erst der Wiener Kongress 1814/15 schloss diese für Villingen bitteren Jahre ab.

(Fast) Keine Soldaten und keine Kasernen

In den Kriegsjahren hatte sich auch der Übergang von der vorderösterreichischen Landstadt zur badischen Provinzstadt vollzogen. Als die Truppen abgezogen waren, war Villingen um vieles ärmer geworden – politisch, vor allem aber auch materiell. Auch kulturell war Villingen verarmt – man denke nur an die Ausplünderung der Klöster durch württembergische und dann durch badische Truppen. Gab es nun, nachdem 1814/15 wieder Friede eingekehrt war, wirklich keine Soldaten mehr in Villingen? Badische Truppen gab es nicht. Villingen war keine Garnisonsstadt. Aber es gab eine Tradition, die alle Verwerfungen überdauert hatte. Nach 1744 war die Stadt ‚wehrlos‘ geworden und das Bürgeraufgebot hatte seine bisherige Aufgabe – die Verteidigung der Stadt – verloren. Auch die militärische Ausbildung der angehenden Bürger wurde nicht weitergeführt. Das Bürgeraufgebot bestand aber weiter, zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit – etwa durch nächtliche Wachen und Streifen. Wichtig war das Bürgermilitär, wie es im 19. Jahrhundert meist genannt wurde, bei festlichen Anlässen. So wurde der Vertreter des neuen württembergischen Landesherrn am 28. Mai 1806 mit dem Bürgermilitär empfangen. Wenige Monate später, am 11. September 1806 – Villingen war inzwischen badisch geworden – wurde der badische Kommissar, Baron von Drais, von Magistrat und Bürgermilitär am Oberen Tor empfangen. Auch in den folgenden Friedenszeiten blieb das Bürgermilitär erhalten und gliederte sich nach der Bürgermilitärordnung von 1818 in ein Kavalleriekorps, ein Grenadier und ein Musikkorps. Das Bürgermilitär bestand bis zur Märzrevolution 1848. Waffen und Musikinstrumente wurden der neu gebildeten revolutionären Bürgerwehr übergeben. Als Traditionsverein hat die Historische Bürgerwehr noch heute einen hohen Stellenwert im städtischen Vereinsleben.

Nach dem Ende der Revolution 1848/49 begannen für Villingen Jahre des Aufschwungs. Der wirtschaftliche Aufschwung zeigte sich in der Gründung des Gewerbevereins, der ersten großen Gewerbe-Ausstellung, dem Bau der Schwarzwaldbahn. Politisch hatte Villingen sich in Baden arrangiert. Wie sehr man sich inzwischen als Badener fühlte, zeigt die große Begeisterung, mit welcher der Landesherr und Mitglieder der großherzoglichen Familie in Villingen immer wieder begrüßt und bejubelt wurden. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahmen 125 Villinger als Teil der Badischen Division teil. Und natürlich haben sie sich heldenhaft geschlagen, damals, am 15. Januar 1871 bei Belfort – gegen eine mehrfache französische Übermacht.

Es wundert deshalb nicht, wenn die Stadtverwaltung darauf sann, das Ansehen Villingens aufzuwerten – durch eine Garnison. Ein erster Hinweis findet sich bei Rodenwaldt (S. 290):

Zugleich bat die Stadt in Karlsruhe um Belegung mit einer badischen Truppe, vermutlich um dadurch eine preußische Besatzungstruppe vermeiden zu können.

„1. 10. 1849: Mündlicher Vortrag über die wiederholte Bewerbung beim Grh. Kriegsministerium zu Karlsruhe um Zuteilung einer Garnison mit Beantragung der Abtretung des Benediktinerklosters als Kaserne.

1. Es solle eine wiederholte Vorstellung an Grh. Kriegsministerium um Zuteilung einer Garnison mit Anerbieten des Benediktinerklosters eingereicht werden.

2. Zur Unterbringung der Schüler wird vorläufig eine Kommission, bestehend aus Gemeinderat Konstanzer, Gemeinderat Engelbrecht Blessing, Xaver Riegger, Schreiner, und Gewerbelehrer Schleicher ernannt.“

Mit der badischen Garnison klappte es damals nicht. Es wurden jedoch preußische Truppen in die Stadt gelegt. Soll man sie als „Besatzungstruppen“ bezeichnen? Schließlich hatten sie die demokratisch-republikanische Revolution in Baden niedergeworfen, die auch in Villingen viele Anhänger und Sympathisanten hatte. Das Verhältnis der Villinger und der Preußen war offenbar leidlich. Am 25. Oktober 1850 wurde Prinz Wilhelm von Preußen, der ‚Kartätschen-Prinzen‘, der zwanzig Jahre später deutscher Kaiser werden sollte, mit großem Pomp empfangen – „ohne rächtet der kärglichen Verhältnisse der Finanzen.“ Im Jahre 1852 war dieses Zwischenspiel beendet. Die preußischen Truppen zogen ab.

Im Jahre 1872 bot sich erneut die Möglichkeit, eine militärische Einrichtung in die Stadt zu holen. In Baden sollte auf Wunsch des preußischen Kriegsministeriums ein Remontehof eingerichtet werden. Auf einem solchen Hof wurden junge, dreijährige Pferde innerhalb eines Jahres auf ihre Militärtauglichkeit vorbereitet und dann an die Truppe abgegeben. Das Badische Handelsministerium hatte Villingen als Standort vorgeschlagen und fand bei der Stadtverwaltung große Unterstützung. Immerhin war mit einer Pacht von 14.000 Gulden jährlich zu rechnen und dazu noch mit Aufträgen für die heimische Bauwirtschaft. (Irgendwie erinnern diese Überlegungen von damals an die Argumente bei der Ansiedlung von XXXLutz 135 Jahre später!)

Unter der Bürgerschaft wurde die Frage auch heftig diskutiert. Der Remontehof sollte auf einem Teil der bisherigen Allmende angesiedelt werden. Die Allmende wurde von den Ackerbürgern der Stadt vor allem als Viehweide genutzt. Eine Abstimmung unter den nutzungsberechtigten Bürgern ergab eine Ablehnung des Projekts mit 286 : 351 Stimmen. Hinter der Ablehnung standen auch anti-preußische Ressentiments. Schließlich hatten preußische Truppen die badische Revolution niedergeworfen, die in Villingen viele Anhänger hatte. Und das Badische Wiegenlied (1849) von Ludwig Pfau (1821–1894) war sicher vielen Bürgern noch im Ohr:

Badisches Wiegenlied

Von Ludwig Pfau

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Deinen Vater hat er umgebracht,

Deine Mutter hat er arm gemacht,

Und wer nicht schläft in guter Ruh‘,

Dem drückt der Preuss‘ die Augen zu.

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Der Preuß‘ hat eine blut’ge Hand,

Die streckt er über’s badische Land,

Und alle müssen stille sein

Als wie dein Vater unterm Stein

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Zu Rastatt auf der Schanz‘,

Da spielt er auf zum Tanz,

Da spielt er auf mit Pulver und Blei,

So macht er alle Badener frei.

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Gott aber weiß, wie lang er geht,

Bis daß die Freiheit aufersteht,

Und wo dein Vater liegt, mein Schatz,

Da hat noch mancher Preuße Platz.

Schrei, mein Kindlein, schrei’s:

Dort draußen liegt der Preuß!

 

 

 

 

 

Auf der anderen Seite wurden die Siege im deutsch-französischen Krieg gebührend gefeiert. Am Sedantag (2. September) – er erinnert an den Sieg der preußischen Truppen über Kaiser Napoleon III. – wurde 1875 das Kriegerdenkmal vor dem Bezirksamt aufgestellt, wo es noch heute in den Ringanlagen steht. Wir sehen also, die Einstellung zu Preußen und den preußischen Militäreinrichtungen war durchaus ambivalent.

Einen weiteren Anlauf, eine militärische Einrichtung nach Villingen zu holen, unternahm die Stadtverwaltung in den Jahren 1876/77. Sie hatte die Hoffnung, dass das Landeswehrbezirkskommando von Donaueschingen nach Villingen verlegt würde. Die Hoffnungen wurden letztlich enttäuscht. Offensichtlich hatte Donaueschingen über den Fürsten von Fürstenberg die besseren Drähte nach Berlin.

Kasernen und Soldaten

Seit 1886 betrieb die Stadt – zäh und mit sehr langem Atem – die Einrichtung einer Garnison. Dahinter standen praktische wirtschaftliche Überlegungen: Der Einzelhandel sollte belebt werden und die Auftragslage des Bauhandwerks sollte verbessert werden. Jahrzehntelang wurden alle Eingaben an die badische Regierung und das Kriegsministerium in Berlin abschlägig beschieden. Erst 1913 stellte sich der Erfolg ein. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs kam es zu einer Vergrößerung des Heeres, und Villingen bekam seine Garnison. Das 8. Badische Infanterie-Regiment 169 wurde um ein Bataillon vergrößert. Das neue Bataillon umfasste 21 Offiziere und 804 Mann. Am 25. September 1913 trat der Bataillonsstab zusammen. Bataillonskommandeur war Major von Lilienhoff-Zwowitzky. Am 1. Oktober wurde das III. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 169 feierlich in Villingen begrüßt. Mit einer Parade auf dem Münsterplatz und mit einem Festessen in der „Blume-Post“ wurde das Ereignis gebührend gefeiert.

Villingen war endlich Garnisonsstadt geworden.

Weitere Informationen über die Geschichte dieses Bataillons finden sich in einem Artikel des ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 24. September 1938: „Das Villinger Heldenbataillon III.169 feiert seinen 25. Gründungstag“. Die Kaserne für die Garnison sollte nördlich der Kirnacher Straße gebaut werden. Gelände wurde angekauft, unter anderem auch 60 Ar vom Spital für 2.200 Mark.

 

 

 

 

 

Erst nach Kriegsbeginn wurde die Kaserne fertig gestellt. Für die vorläufige Unterbringung der Garnison wurden südlich der Kirnacher Straße Baracken gebaut – also auf dem Gelände der heutigen Welvertkaserne. Nach dem Umzug der deutschen Soldaten in die Kaserne, die spätere Richthofenkaserne, wurden die Baracken als Offiziers-Gefangenenlager genutzt. Die Postkarte aus dem Stadtarchiv gibt einen Eindruck von diesem ‚Barackenlager‘.

Der Name ‚Richthofenkaserne‘ taucht zum ersten Mal in den von Rodenwaldt zitierten Ratsprotokollen für das Jahr 1920 auf. Dort findet sich die Notiz;

„Für den Fall, daß die hiesige Kaserne die Bezeichnung Richthofenkaserne erhält, wird in Erwägung gezogen, eine nach der Kaserne führende Straße Richthofenstraße zu benennen.“ (Rodenwaldt, S. 305)

Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags (1919) musste ein Streifen 50 km östlich des Rheins entmilitarisiert werden. Villingen lag knapp außerhalb dieser Zone, konnte also seine Garnison behalten. Da das deutsche Heer auf 100.000 Mann reduziert werden musste, blieb Villingen nur eine kleine Garnison – die 16. Ausbaukompanie des Infanterieregiments 14.

Die Kurze Geschichte der Boelcke-Kaserne (1936–1945)

Eine Erweiterung erhielt das Kasernengelände im „Dritten Reich“. In den Jahren 1934 und 1935 kaufte die Stadt im Bereich der Richthofenkaserne 6,8 Hektar Gelände auf und überließ dem Deutschen Reich insgesamt 10,9 Hektar – unentgeltlich. Als es in den letzten Jahren um die Konversion der Flächen ging, stellte sich natürlich auch die Frage: Muss die Bundesrepublik bei der Preisgestaltung für das Gelände nicht berücksichtigen, dass Villingen die Flächen dem Deutschen Reich damals geschenkt hat?

Eine Anfrage beim Amt für Stadtentwicklung wurde wie folgt beantwortet:

„Die Überlassung des Grundstückes der Stadt an das Deutsche Reich hat heute keine Auswirkungen auf den Kaufpreis. Die Stadt VS hat seinerzeit auf die Weiterverfolgung des Rückübertragungsanspruches aufgrund der Einschätzung des Juristischen Dienstes verzichtet. Die Kaufpreisfindung für die Welvert- Kaserne ist frei verhandelbar zwischen dem Bund (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) und einem Erwerber.“ (5.7.2007)

Im Stadtarchiv, in der ,Villinger Jahreschronik 1924–44′, findet sich eine „Darstellung der Lasten, die der Stadt aus Anlaß der Standorterweiterung erwachsen“. Auf vier Seiten wurden die Grundstückskosten, die Entschädigungen, die Ausgaben für die Straßen und die Vermessungskosten zusammengestellt. Die Endsumme betrug „RM 823.452,50“. Das Schriftstück trägt das Datum vom 13. Mai 1935. Seit Mai 1934 hatte die Stadt mit der Reichsheeresverwaltung über die Flächen verhandelt. Zunächst wurde eine Fläche von sieben Hektar für eine ‚Kraftfahrerkaserne‘ angefordert – endgültig wurden es dann über 11,5 Hektar. Eine so große Fläche hatte Villingen nicht im Eigenbesitz. Die Stadt musste weitere private Flächen dazukaufen. In zähen Verhandlungen hat die Verwaltung erreicht, dass die zusätzlichen 4,5 Hektar bezahlt wurden – mit 84 Pfennig pro Quadratmeter, was den Betrag von 38.555,– Reichsmark ergab. Aber die Stadt hatte an private Grundstückseigner mehr bezahlt und versuchte in Nachverhandlungen etwa 110.000,– RM zu erlösen. Damit war der Bogen offensichtlich überspannt. Immerhin einigten sich Stadtverwaltung und Wehrmacht auf 58.818,13 RM, und am 14. 12. 1936 konnte die Kreiswehrverwaltung V dem Villinger Bürgermeister Schneider mitteilen, die zusätzlichen 20.236,– RM würden angewiesen.

In einem Schreiben der Stadt an das Badische Bezirksamt vom 29. April 1936 wird auch ein Rückfallrecht für das unentgeltlich zur Verfügung gestellte Gelände erwähnt. Offensichtlich konnte sich die Stadt hier nicht durchsetzen, wie der letzte Satz des Schreibens andeutet: „Bei der Frage des Rückfallrechts, das der Reichsfiskus der Stadt einräumen muss, wäre zu berücksichtigen, dass seitens der Wehrmacht Gebäude im Wert von einigen Millionen auf dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände erstellt wurden, zu denen der Grundstückswert in keinem Verhältnis steht.“

In einer anderen für Villingen wichtigen Sache hatte die Stadtverwaltung in der Vereinbarung vom 23. Mai 1934 ihre Interessen deutlich formuliert:

“ 5. Verpflichtung der Heeresverwaltung Die Heeresverwaltung wird im Rahmen der für sie geltenden Bestimmungen dafür Sorge tragen, dass bei den Vergebungen der Bauarbeiten das ortsansässige Handwerk bevorzugt berücksichtigt wird und sämtlichen Unternehmern die Verpflichtung auferlegt wird, einheimische Arbeitskräfte einzustellen, unter in Inanspruchnahme des Arbeitsamts und Fürsorgeamts. Die Stadt legt Wert darauf, das wie bisher auch bei der stärkeren Belegung die Belieferung der Truppenküche durch Geschäfte am Platz erfolgt.“

Auf der andern Seite war die Stadt der Garnison entgegengekommen und hatte die kostenlose Mitbenutzung von Sportplatz und Schwimmbad zugestanden und für die Beschaffung von Familienwohnungen für „Offiziere, Beamte, Unteroffiziere und Mannschaften“ Bauplätze „kosten- und lastenfrei“ zur Verfügung gestellt. Für die Handwerker und Geschäfte der Stadt war die vergrößerte Garnison ein noch wichtigerer Wirtschaftsfaktor geworden. Allein die Bauinvestitionen wurden im Mai 1934 auf 1,8 Millionen Reichsmark geschätzt.

Die Postkarte mit Erläuterung „Reichswehrkaserne Villingen, Flugzeugaufnahme“ stammt vermutlich noch aus den 20er Jahren – der ‚Saba- Hochbau‘ von 1933 steht noch nicht. Das Bild zeigt die Richthofen-Kaserne und davor die Fläche, auf der die Boelcke-Kaserne gebaut wurde. Das Gelände war damals offensichtlich in Gärten und Felder aufgeteilt.

Die von der Stadt erworbenen Flächen wurden für zwei Erweiterungen genutzt. Der Ausbau der Kaserne erfolgte 1935/36: Eine weitere Infanteriekaserne wurde östlich der Richthofenkaserne auf dem ehemaligen städtischen Fest- und Messeplatz der Stadt gebaut. Sie erhielt den Namen ‚Neue Richthofenkaserne‘ – heute ,Quartier Mangin‘. Südlich der Kirnacher Straße entstand eine ‚Kraftfahrerkaserne‘. Diese Kaserne erhielt den Namen Boelcke-Kaserne – heute Welvert-Kaserne. In Villingen wurden somit die Namen der drei erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt:

Manfred Freiherr von Richthofen (1892–1918), erfolgreichster deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg; Oswald Boelcke (1891–1916) gilt neben Max Immelmann als „Senior“ der deutschen Jagdflieger und Max Immelmann (1890 –1916) selbst. Immelmann wurde Namensgeber des Villinger Realgymnasiums, das seit 1938 Immelmann-Schule hieß.

 

 

 

 

 

Wie schon bei der Garnison 1913 waren auch für die Boelcke-Kaserne die Soldaten in Villingen eingetroffen bevor die Kasernengebäude fertiggestellt waren. Das ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 16. Gilbhard 1936 (die Zeitung gebrauchte also den germanisch klingenden Monatsnamen ‚Gilbhard‘ statt ‚Oktober‘ mit seinen lateinischen Wurzeln) berichtete ganzseitig vom Empfang der ‚Panzer- Abwehr-Abteilung‘ in Villingen. Hier ein paar Kostproben aus dem Text:

„Villingen. Der 15. Oktober reiht sich würdig so manchem großen Tag in der ruhmreichen Geschichte unserer Stadt an. Villingen hat sein festlichstes Kleid angelegt. Golden färbt sich das Laub vor den Toren und das herbstliche Leuchten der Baar-Landschaft mit den schwarzen Tannen im Hintergrund, ließ allein schon die Herzen der Kameraden höher schlagen, die von Würzburg in weitem Landmarsch herkommend, sich ihrer neuen Garnison näherten. Eine große Ehrenpforte in der Schwenninger Straße entbot den ersten Willkommgruß der neuen Garnison. In drei geteilten Kolonnen fuhren die Abteilungen mit ihren Fahrzeugen durch das Bickentor, das Riettor und durch die mit frischem Tannengrün bekleidete Ehrenpforte in der Niederenstraße. So hielt die neue Truppe von drei Seiten her pünktlich zur festgesetzten Zeit ihren Einzug in unserer alten Stadt. Mit Girlanden und Kränzen, mit dem Wappen der Stadt Villingen waren die Stadttore reich geschmückt. Die Formationen der Bewegung, die gesamte Bevölkerung, sämtliche Schulklassen, alt und jung, bildeten Spalier und alle Herzen schlugen lauten, frohen Schlag. Jubelnd klangen die Glocken von allen Türmen, und die feierliche Ergriffenheit bemächtigte sich aller, nachdem die festliche Parade-Aufstellung der neuen Truppen auf dem Marktplatz beendet war. Das war ein herrliches, eindrucksvolles Bild; wie wir es auf einer unserer Aufnahmen festhalten.

Hier auf dem Marktplatze ging nun auch die offizielle Begrüßung vor sich. – Bürgermeister und Kreisleiter, Pg. Schneider, sowie der Ortsgruppenleiter, Pg. Reichert hatten die Panzer-Abwehr-Abteilung 5, schon vorher den Willkommensgruß entboten, indem Beide der Abteilung auf dem Wege nach Schwenningen entgegenfuhren, um sie in ihre neue Garnison zu geleiten.

SA., SS., Politische Leiter, Hitler-Jugend, Bund deutscher Mädel, Jungvolk und Jungmädel, RLB., Kriegskameradschaft, Freiw. Feuerwehr usw. hatten das festliche Spalier gebildet, durch das die Abteilung ihren Einzug hielt. …“

Und der Kernsatz aus der Rede von Bürgermeister Schneider lautete: „Die Bevölkerung der Stadt Villingen ist stolz auf ihre Soldaten, weil sie soldatisch empfindet.“

Mit den Rekruten des Jahrgangs 1914, die am 30. Oktober 1935 in Villingen eintrafen, wuchs die Panzer-Abwehr-Abteilung 5 auf immerhin 6.000 Mann an.

Faksimile aus ‚Der Schwarzwälder‘ vom 17. April 1936; Seite 7

 

Nachdem die Soldaten zunächst in der Richthofen-Kaserne untergebracht wurden, war es im April 1936 so weit: Die neue Kaserne war fertiggestellt und erhielt den Namen Boelcke-Kaserne.

‚Der Schwarzwälder‘ berichtete in seiner Ausgabe vom 17. April 1936 darüber. Normalerweise wurden lokale Ereignisse, welche die Garnison betrafen, groß aufgemacht. Der Bericht über die Fertigstellung der neuen Kaserne ist erstaunlich schlicht. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Panzerjäger, die nun die Kaserne bezogen, schon seit 1935 in Villingen untergebracht waren.

Beim Namensgeber der Kaserne herrschte im ‚Schwarzwälder‘ eine gewisse Unsicherheit. Einmal wurde er ‚Oswald Bölke‘ und dann ‚Oskar Bölke‘ genannt – Namensgeber war aber zweifellos der Jagdflieger Oswald Boelcke. Auch die 40 erwähnten Abschüsse waren wohl übertrieben. ‚Wikipedia‘ spricht von 20 Abschüssen und 40 Luftsiegen.

Die fünf Gebäude – ihr heutiges Aussehen dürfte dem von 1936 noch weitgehend entsprechen – werden bei Till E. Kohler (S. 55) wie folgt beschrieben:

„Die drei Mannschaftsgebäude an der Ostgrenze des Geländes entstanden 1936. Sie sind voll unterkellert und verfügen jeweils über drei Vollgeschosse und ein Dachgeschoß. In den Untergeschossen befinden sich Lager- und Abstellräume, die Erdgeschosse weisen je zwei Küchen, einen Waschraum, drei WC-Räume sowie einen Unterrichtsraum und Mannschaftsunterkünfte auf. In den Obergeschossen existieren jeweils ein Waschraum, drei WC-Räume sowie mehrere Mannschaftsunterkünfte. Die Gebäude sind jeweils über zwei Treppenhäuser und Mittelgänge erschlossen.

Das längs zur Kirnacher Straße orientierte Wirtschaftsgebäude wurde ebenfalls 1936 erbaut. Es ist unterkellert und hat zwei Vollgeschosse sowie ein Dachgeschoß. Das Untergeschoß weist Lager- und Abstellräume auf, im Erdgeschoß existiert eine Küche mit Nebenräumen ein Speisesaal mit Nebenraum, ein Verkaufsraum mit Vorratsräumen und ein WC-Raum.

… Das Wirtschaftsgebäude ist über Treppenhäuser von drei Seiten erschlossen. Deshalb und auf Grund der großen Räume sind die mittig angeordneten Gänge eher kurz.“

Das Stabsgebäude, das den Kasernenplatz im Westen abschließt, wurde der Franzosen- Zeit nach 1945 zugeordnet. Friedrich-Otto Blumers schreibt in seinem Gutachten von 1999: „Stabsgebäude Nr. 1; 1949 massiv in Ortbauweise errichtetes, voll unterkellertes Stabsgebäude mit drei Vollgeschossen …“ Auch Till E. Kohler schreibt in seiner Diplomarbeit von 2001: „Das Stabsgebäude westlich des baumbestandenen Platzes wurde erst 1949 in seiner jetzigen Form errichtet.“ Diese zeitliche Zuordnung lässt sich nicht aufrechterhalten. Dieser Teil der Kasernenanlage ist ebenfalls 1935/36 errichtet worden. Dafür sprechen nicht nur das Erscheinungsbild und die Bauweise, die bei allen fünf Kasernengebäuden identisch ist. Es existiert beim Staatlichen Vermessungsamt ein Luftbild von Villingen, auf dem das Kasernengelände klar zu erkennen ist – auch das Stabsgebäude ist deutlich auszumachen. Das Luftbild findet sich bei Till E. Kohler auf Seite 164. Auch im Stadtplan, der den Hinweis „Bearbeitung: Städtisches Vermessungsamt 1935“ enthält, zeigt das Kasernengelände schon mit den fünf großen Gebäuden. Der Stadtplan ist im Archiv unter 5.22 Chronik V 614 eingestellt. Hier ein Ausschnitt aus dem Stadtplan:

Ausschnitt aus dem Stadtplan: 1 = Richthofen Kaserne, 2 = Neuer Richthofen Kaserne, 3 = Boelcke Kaserne, a = Stabsgebäude, b = Wirtschaftsgebäude, c, d, e = Mannschaftsgebäude, f = ‚Exerzierhaus‘ (Turnhalle), g = Kraftfahrzeugwerkstätte, h = Kraftfahrzeughallen

 

Unter 5.22 Chronik V814 findet sich im Archiv eine undatierte, vergrößerte Postkarte, die einen guten Eindruck der neue errichteten Kaserne vermittelt. Im Vordergrund sind die drei Mannschaftsgebäude zu sehen, die das Kasernengelände nach Osten abschließen. Das Stabsgebäude an der Westseite des Platzes ist ebenfalls gut erkennbar. Da die Sporthalle am linken Rand des Bildes noch teilweise eingerüstet ist, wurde die Postkarte vermutlich noch 1936, dem Jahr der Fertigstellung der Kasernengebäude, aufgenommen.

Diese Fotos vom Sommer 2007 können zusätzlich einen Eindruck vermitteln, wie die Kaserne 1936 ausgesehen hat: Mit drei Kasernen spielte die Garnison in Villingen eine zunehmend wichtige Rolle. Wenn man den Villinger Lokalteil der Tageszeitung „Der Schwarzwälder“ durchblättert, verstärkt sich der Eindruck, dass die Garnison für Villingen eine Einrichtung geworden war, die im Leben der Stadt eine bedeutsame Rolle spielte. Über das Einrücken neuer Rekruten etwa wurde im Oktober 1936 an mehreren Tagen ausführlich berichtet. Hier ein Beispiel:

Das Wirtschaftsgebäude, das entlang der Kirnacher Straße steht – vom Innenhof her aufgenommen.

 

Die drei Mannschaftsgebäude an der Ostseite des Kasernenareals – Blick von Westen.

 

Das Eingangstor dürfte Original sein. Das Hakenkreuz im Kranz unter dem Reichsadler wurde 1945 entfernt.

„Villingen, 14. Okt. Mit klingendem Spiel zur Kaserne

Der Haupttransport der neuen Rekruten für die Truppen unseres Standorts traf gestern Nachmittag mit den fahrplanmäßigen Zügen aus Richtung Konstanz, Freiburg, Offenburg und Rottweil ein. Je ein Ehrenzug ‚alter Leute‘ der Infanterie und der Panzerabwehr sowie der Bataillonskapelle hatten sich zum Empfang am Bahnhof eingefunden. Auch die Bevölkerung war zahlreich vertreten, um ‚ihre‘ neuen Soldaten, die jetzt 2 Jahre hier in Villingen verbringen werden, zu begrüßen. …

Ausführlich beschreibt der Bericht den Weg durch die Stadt, den Empfang in der Kaserne, die Verteilung der Spinde bis zur Einkleidung!“

Anmerkung: ‚Alte Leute‘ sind die Soldaten des vorhergehenden Jahrgangs. Die Wehrpflicht betrug damals zwei Jahre.

Noch ausführlicher fällt der Bericht vom 22. 10. 1936 unter der Schlagzeile „Rekruten leisten den Fahneneid“ aus. Besonders präsent war die Garnison in den Tagen vor Weihnachten. Ein Erlass von Reichspropagandaminister Goebbels hatte in den Wochen zwischen dem 15. Dezember und dem 15. Januar öffentliche Veranstaltungen untersagt – außer natürlich von Partei und staatlichen Einrichtungen. Der Zeitungsleser musste in den 10 Tagen vor Weihnachten den Eindruck bekommen, nur die Gliederungen der Partei und die Wehrmacht veranstalteten Weihnachtsfeiern. Am 17.12. erschien ein großer Bericht über die Weihnachtsfeier der 3. Kompanie des Infanterie-Regiments 75 im „Schwarzwälder“. Am 18.12. folgte der Bericht über die Weihnachtsfeier der 2. Kompanie – beide Male wurde in der Tonhalle gefeiert. Hier ein kurzes Zitat aus diesem Artikel: „Hauptmann v. Grambusch hob außerdem die vorbildliche Verbundenheit zwischen Wehrmacht und Zivilbevölkerung, wie sie hier in Villingen bestehe, hervor und schloß mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer.“ – Es folgte das Singen von ‚Stille Nacht‘.

Am 19.12. schließlich zwei Berichte über die Panzer-Abwehr-Abteilung 5, die in der neuen Boelcke-Kaserne untergebracht war. „Soldaten machen den Weihnachtmann“ berichtete, wie die Soldaten ‚aus eigenen Mitteln Kinder bedürftiger Volksgenossen‘ beschenkten. Der zweite Bericht zur eigentlichen Weihnachtsfeier soll auszugsweise zitiert werden:

Villingen 19. Dez.

Weihnachten der 1 Komp. PAA-5

Im freundlichen Mannschaftsraum der Boelckekaserne hat gestern abend die 1. Kompanie der Panzer-Abwehr-Abteilung 5 im ‚engsten Familienkreis‘, dem sich noch einige Zivilfreunde der Kompanie angeschlossen hatten, ihre Kompanie- Weihnachtsfeier veranstaltet, die in solch schöner, kameradschaftlicher Harmonie verlief, wie dies eben nur im ‚engsten Familienkreise‘ möglich ist. Ein mit Kerzen und Silber geschmückter Tannenbaum und an jedem Platz ein reich ausgestatteter Weinachtsteller mit Christstollen, Gebäck, Äpfeln, Nüssen und Schokolade sorgten schon äußerlich für die weihnachtliche Stimmung, während ein gemeinsames Abendessen die Grundlage schaffte für all das, was in so reicher Folge und Mannigfaltigkeit im Verlaufe des Abends geboten wurde. Der Kompaniechef, Hauptmann Dr. Allmendinger, erinnerte in seiner Ansprache an die Kompanie besonders die älteren Kompanieangehörigen an die vorhergegangenen Weihnachtsfeiern, die 1934 noch in Münsingen und im letzten Jahr dann als neu eingerückte Truppe bereits hier in Villingen stattgefunden hatten. Die Rekruten, die nun die erste und härteste Zeit der militärischen Ausbildung hinter sich hätten, gemahnte er daran, dass der gute Wille bei allem ausschlaggebend sei, und dass mit gutem Willen die Militärzeit für jeden zu dem werde, woran er sich später einmal mit Freude und Stolz zurückblicken könne. Der gute Wille auch sei es, der unser Vaterland zu einer Insel des Aufbaus und Friedens im Durcheinander der Welt werden ließ. Darauf dürfen wir stolz sein. …

Auch nach Kriegbeginn wurden die Beziehungen zwischen den Truppen im Feld und der Bevölkerung im Heimatstandort gepflegt. Im ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 22.9.1939 findet sich folgender Beitrag, der vollständig wiedergegeben werden soll.

„Feldpostbrief von Villinger Bataillon

Von dem Kommandeur des Villinger Bataillons geht uns nachfolgender, an die Bevölkerung des Heimatstandorts gerichteter Feldpostbrief zu, den wir hiermit gerne bekannt geben. Er lautet: „Der Villinger Bürgermeister und der Kreisleiter haben das Villinger Bataillon vor einigen Tagen im Einsatzgebiet besucht und Grüße aus der Heimat überbracht. Die Villinger Soldaten waren darüber sehr erfreut und haben bei diesem Anlaß die Bitte ausgesprochen, von der Saba-Stadt einige Rundfunks-Empfangsgeräte zu erhalten, um auch in vorderster Linie die ruhmvollen Ereignisse der Gegenwart mithören und miterleben zu können.

Frau Schwer, als Ehrenbürgerin Villingens, und die Stadtverwaltung selbst haben uns in so hochherziger Weise mit Radioapparaten und weiteren Liebegaben erfreut, das alle Villinger Soldaten – Offizier, Unteroffizier und Mann – ihren Dank hiermit öffentlich und herzlich zum Ausdruck bringen. Wir sehen in diesem Gruß und Geschenk der Heimat einen Beweis, dass Front und Heimat, Bürger und Soldat im Dritten Reich eine unverbrüchliche Gemeinschaft und Kameradschaft bilden werden.

Es wird uns Frontsoldaten unvergesslich bleiben, dass wir mit Hilfe der durch Bürgermeister Berckmüller heute überbrachten Empfangsgeräte als erstes die weltgeschichtliche Ansprache unseres Führers aus der befreiten Stadt Danzig hören durften. Wir stehen zwar nicht an entscheidender Front, aber die Worte des Führers und obersten Befehlshabers haben uns aufs neue unser Ziel gezeigt: ‚Die deutsche Infanterie steht unerreicht, und Deutschland wird nie wieder kapitulieren!‘

In kameradschaftlicher Dankbarkeit grüßen wir die Volksgenossen in unserer Heimatgarnison.

Heil Hitler!“

Die ganze Bevölkerung ist sicher über diese Grüße und die ausgezeichnete Stimmung unserer Feldgrauen hocherfreut. Sie weiß sich durchaus eins mit ihnen und hofft und wünscht, dass ihnen die Radioapparate stets nur die besten Nachrichten von Front und Heimat übermitteln und ihnen viele schöne Stunden bereiten.“ Das Letzte, was von den Kasernen zur Zeit des ‚Dritten Reichs‘ zu berichten ist: Am 20. April 1945, die Franzosen rückten schon nach Villingen vor, wurde die Lagerhalle der Garnison von der Bevölkerung geplündert. Allerdings war die Lagerhalle nicht auf dem Gelände der Boelcke-Kaserne, sondern in der ‚Neuen Richthofen-Kaserne‘. Auf dem Kasernengelände gleich hinter dem Eckgebäude Kirnacher-/Pontarlierstraße mit der breiten Hofzufahrt an der Pontarlierstraße steht noch heute das hohe Depotgebäude mit den zwei großen hölzernen Toren zur Hofseite hin, wo die Fülle der Versorgungsgüter (Mehl, Reis, Teigwaren, Zucker, Süß- sowie Tabakwaren usw.) gelagert waren. Herrmann Riedel gab in seinem Buch (S. 159/160) die ‚Bestände des Heerverpflegungslagers in Villingen‘ wieder. Ob diese riesigen Mengen alle in der Lessingstraße gelagert waren, oder ob es auch in der Boelcke- und Richthofen-Kaserne noch Vorratslager gab, war nicht festzustellen.

Die Welvert-Kaserne

Mit dem Einmarsch der Franzosen in Villingen am 20./21. April 1945 war die Geschichte der Boelcke-Kaserne schon zu Ende, und für über 50 Jahre wird die Kaserne von französischen Truppen genutzt. Der neue Namensgeber, Marie-Josef-Edmond Welvert (1884–1944), war französischer Offizier und meist in den Kolonien stationiert. 1940 wurde er General und kommandierte eine Division in Tunesien. Dort ist er 1944 gefallen. Über den Einmarsch der Franzosen berichtet Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945“. Die Truppen, die Villingen besetzten, gehörten zum 27. französischen Infanterieregiment, das zur 4. Marokkanischen Division gehörte. Die Offiziere kamen überwiegend aus der französischen ‚Résistance‘. Riedel berichtet, dass die Offiziere und Unteroffiziere meist in Privatwohnungen einquartiert wurden. Ob die Soldaten sofort die Kasernen bezogen, ist nicht festgehalten. Riedel weist darauf hin, dass Truppen in Villingen blieben – Villingen also weiterhin Garnisonsstadt war. Daneben seien auch verschiedene militärische Dienststellen in Villingen eingerichtet worden – z.B. das ‚Centre de Récupération‘ (Stelle zur Rückführung französischen Eigentums) in der Richthofenkaserne. Wie sehr damals das Verhältnis zwischen Besatzungsarmee und Zivilbevölkerung von tiefem Misstrauen geprägt war, zeigt eine Verhaltensanweisung an Französische Soldaten, die bei Riedel zitiert wird:

„Französischer Soldat, misstraue:

… dem Deutschen der behauptet, dein Freund zu sein,

… der deutschen Frau, die dir zulächelt.

Sie betreiben vielleicht dein Verderb …

Auf jeden Fall, sie sinnen auf Rache.

Bedenke, dass du im Feindesland bist.

Französischer Soldat!

Du hast den Krieg gewonnen, du musst den Frieden gewinnen.

Von deinem jetzigen Verhalten hängt das Schicksal deiner Kinder ab.

Jeder Deutsche, jeden Alters, jeden Geschlechts, ist dein Feind, dem alle Mittel recht sind.

Kind, Frau und Greis, die um dein Mitleid flehen, sind Naziagenten. …

Misstraue dem Boden, auf den du deinen Fuß setzt, dem Wasser das du trinkst, der Frau, die dir zulächelt, dem Ausländer, der vorgibt, dein Freund zu sein. Er ist ein Naziagent.

Deshalb ist dir jeder Kontakt mit einem Deutschen untersagt. …

Dein Hass und deine Überlegenheit als Sieger sollen aus deiner Haltung hervorgehen, nicht aber zu Ausschreitungen oder Gewalttätigkeiten führen; Plünderungen und Vergewaltigungen sind schwere militärische Vergehen, die mit dem Tode bestraft werden. … “

Auch nachdem sich die Spannung der ersten Nachkriegsmonate gelegt hatte, kam es zwischen französischer Garnison und Stadt bestenfalls zu einem korrekten Nebeneinander. Erst in den 1960er Jahren trat ein fühlbarer Wandel ein. Vorbereitet wurde dies in der ‚Großen Politik‘ durch den Beitritt der Bundesrepublik zur Nato (1955), durch das Stationierungsabkommen von 1960 und vor allem durch den Deutsch- Französischen Freundschaftsvertrag von 1963. Auf der lokalen Ebene wurde dieser Wandel deutlich, als Villingen und Pontarlier 1964 Partnerstädte wurden. Mit dem Ziel, das Verhältnis zwischen Garnison und Bevölkerung in Villingen zu verbessern, wurde 1966 die Deutsch-Französische Gesellschaft gegründet.

1963 hatte sich auch in der Garnison ein Wechsel vollzogen. Das 6. Marokkanische Schützenregiment wurde aufgelöst und das 19. Jägerregiment, die ‚Chasseurs‘, zogen nun in die Kasernen ein.

Ein kurzer Beitrag von Wolfgang Meinhardt zu diesem Thema findet sich in dem von der Stadt herausgegebenen Buch „1939/1949 – Fünfzig Jahre Kriegsausbruch – Vierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland“.

Die „19ième Groupe de Chasseurs“ – also das 19. Jägerregiment – blieb bis zu seiner Auflösung 1997 in Villingen. Es wurde tatsächlich aufgelöst und nicht nach Frankreich zurückverlegt. Die französische Armee war damals in einer tiefgreifenden Umstrukturierung. Die Allgemeine Wehrpflicht wurde abgeschafft. Die französischen Streitkräfte wurden im Jahr 2000 zur reinen Berufsarmee. Das 19. Jägerregiment wurde überwiegend in der Lyautey-Kaserne untergebracht. In der Welvert- Kaserne war bis 1975 das 53. Artillerie-Regiment stationiert. Danach wurde die Welvert-Kaserne von der 12. Ausbildungskompanie belegt, die den ‚Chasseurs‘ zugeordnet war. Die Rekruten dieser Kompanie wurden für spezielle Aufgaben im technischen Bereich oder im Bereich des Service ausgebildet. Die Gesamtstärke der Garnison betrug bis Ende der 70er Jahre etwa 3.000 Mann. Danach gehörten noch ungefähr 1.500 Militärangehörige zur Garnison.

Wenn ein junger Rekrut in die Villinger Garnison kam, verbrachte er in der Regel seinen gesamten Wehrdienst in unserer Stadt. Bis in die 1970er Jahre waren das 18 Monate, die schließlich auf 12 Monate verkürzt wurden. In den 1990er Jahren betrug die Dienstzeit nur noch 10 Monate. Viele der Rekruten kamen aus dem Elsass, sodass für sie ein Wochenendurlaub zu Hause kein Problem war.

Die Ausrüstung der französischen Truppen war in den 80er und 90er Jahren immer wieder Anlass für Teile der Bevölkerung, sich kritisch mit der französischen Garnison auseinander zu setzen. Zur Ausrüstung gehörten auch Raketenwerfer mit den dazugehörigen Raketen – darunter auch Atomraketen. Vier Rampen mit den entsprechenden Fahrzeugen waren in Villingen stationiert. Ende der 80er Jahre wurden die Rampen verschrottet, die Fahrzeuge verkauft und die Raketen abgezogen. In den 80er Jahren kam es zu ersten Demonstrationszügen von der Innenstadt zu den Kasernen. Die letzte Aktion am 11. September 1995 richtete sich gegen die französischen Atombombentests auf dem Mururoa-Atoll. Aufgerufen hatte die ‚Internationale Vereinigung der Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW)‘. Unterstützt wurde die Demonstration von verschiedenen politischen Gruppen und Vertretern der Kirchen. Wie schon bei früheren Demonstrationen hielt sich die Standortkommandantur völlig zurück. Selbst die Wachmannschaften, so berichtete der ‚Schwarzwälder Bote‘ am 12.9.2007, hätten sich zurückgezogen.

Bautätigkeit hat es in den Jahren der Nutzung durch französische Einheiten immer wieder gegeben. Die Zahl der Garagen wurde vergrößert, und an der Westseite des Geländes entstanden große, nach Osten offene Hallen. Die Sporthalle wurde noch in den 90er Jahren renoviert.

In den 1980/1990er Jahren sah der Lageplan und die Gebäudenutzung der Welvert-Kaserne folgendermaßen aus:

 

 

 

Aus: Kohler, Anhang 9: Die Nutzung der Gebäude: 1 = Büros, Arrestzellen, Heizungszentrale, 2 = Unterrichts- und Schulungsräume; Büros der Offiziere, 3–5 = Unterkünfte für die Kompanie, Küchen und Essräume im Erdgeschoss, z.T. 1. OG, 6 = Sporthalle, 7 = „Le Mât des Couleurs“ – also der Flaggenmast auf dem Appellplatz, 8 = Die langgestreckten, einstöckigen Gebäude waren meist Garagen, an der Westseite auch große offenen Hallen, dazu eine Kfz-Werkstatt. Die schmalen Gebäude dienten auch als Kleiderkammern.

 

Heute – im Jahre 2007 – stehen alle Gebäude noch; 2008 sollen die einstöckigen Gebäude abgetragen werden – deshalb noch ein Blick auf einige dieser Gebäude:

 

 

Eine der zahlreichen Garagenzeilen.
Le Mât de Couleurs – der Flaggenmast.

 

Die Sporthalle an der Südseite des Geländes.

 

Einer der riesigen Hangars an der Westseite.

 

 

Kfz-Werkstatt.

 

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Ganz im Westen dringt die Natur wieder vor.

 

Kasernen, aber keine Soldaten mehr

Ab 1995 wurde die Welvert-Kaserne geräumt. Es wurde dann noch abgeräumt und ausgeräumt, aber mit dem Jahre 1997 war die militärische Nutzung der Kaserne endgültig zu Ende. Die Lyautey-Kaserne erlebte nochmals eine kurze Renaissance, als von 1998 bis zum Jahr 2000 200 Soldaten der Panzerkompanie     550     aus     Immendingen     in Villingen untergebracht waren. Am 28. Juni 2000 war auch dieses Zwischenspiel beendet. Die Bundeswehr hatte schon zuvor deutlich gemacht, dass eine weitere Nutzung nicht in Frage komme. Damit war die 87-jährige Geschichte der Villinger Garnison zu Ende.

In der Welvert-Kaserne erinnerte noch ein Panzer im Eingangsbereich eine Weile an die militärische Vergangenheit dieses Geländes. Es war ein Panzer, aus Jura-Sandstein gemeißelt. Bei einer Besprechung des Landesdenkmalamts vom 24. 01. 2002 wird dieser Panzer folgendermaßen beschrieben:

„Das auf einer hohen Stele mit rechteckigem Querschnitt an der Einfahrt der Kaserne aufgestellte Steinmodell eines Panzers entspricht fast detailgenau dem Panzer-Kampfwagen I in der Ausführung A, wie er ab dem Jahr 1934 bis 1936 von den Firmen Henschel und MAN gebaut wurde. Dementsprechend kann das Modell frühestens 1934/35 entstanden sein, wohl auch nicht später als 1937. Der Panzer datiert somit aus der Erbauungszeit der Welvert-Kaserne. Sie entstand in den 30er Jahren als Kraftfahrzeug- Kaserne.“

Schon am 18.9.2001 hatte sich der ‚Verein der Freunde und Förderer des Panzermuseums Munster‘ an das Bundesvermögensamt in Freiburg gewandt, mit der Bitte um Überlassung des Panzers. Die Stadt Munster in der Lüneburger Heide betreibt zusammen mit der Panzertruppenschule der Bundeswehr ein Panzermuseum. Da der Panzer im Rahmen der Konversion abgebaut werden sollte, stimmte das Bundesvermögensamt dem Abbau des mehrere Tonnen schweren Steinpanzers zu. Denkmalschutz bestand für diese ‚Kunst am Bau‘ nicht.

Für die beiden Gebäude an der Einfahrt – das Stabsgebäude und das Wirtschaftsgebäude – begann nun eine rege und vielfältige Zwischennutzung, die auch 2007 andauert. Vor allem Vereine aus ganz Villingen-Schwenningen fanden hier für viele Jahre eine Bleibe.

Was sollte mit den beiden ehemaligen Kasernen geschehen? Besitzer war die Bundesrepublik Deutschland, und verwaltet wurde dieser Besitz von der Bundesvermögensverwaltung – heute der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Schon beim Abzug der letzten Truppen nach Immendingen hatte die Stadt klar gemacht, dass sie nicht in der Lage sei, die beiden Kasernenkomplexe zu erwerben. In dem Bericht „Kaserne endgültig verwaist“ im ‚Südkurier‘ vom 29.6.2000 findet sich der Hinweis: „Nach Hochrechnungen würden Erwerb und Umnutzung allerdings rund 58 Millionen Mark kosten. … Knackpunkt ist dabei die Schadstoffbelastung.“

Auch wenn die Stadt nicht Eigentümerin des Geländes werden wollte, musste sie doch Vorstellungen entwickeln, wie die ehemaligen Kasernen genutzt werden sollten. Die Planungshoheit liegt bei der Stadt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Diplomarbeit im Prüfungsfach Städtebau, die an der Technischen Universität München erstellt wurde. Till Eric Kohler beschäftige sich in dieser Diplomarbeit mit dem Thema „Städtebauliches und freiraumplanerisches Entwicklungskonzept für den Bereich der Kasernenstandorte Villingen“. Erarbeitet hat Herr Kohler das Entwicklungskonzept im Jahre 2000 – am 11. März wurde die Arbeit eingereicht.

Till E. Kohler will durch seine Nutzungskonzeption für das Kasernengelände – wobei er auch das Gebiet der ehemaligen Saba und das Quartier Mangin mit einbezieht – einen Beitrag zur Stärkung des Oberzentrums leisten. Nach einem historischen Rückblick und einer umfassenden Bestandsaufnahme – die Arbeit ist 180 Seiten stark – unterbreitet er seine Vorstellungen: Eine ideale Nutzung für die Lyautey-Kaserne wäre eine Hochschule, etwa 2000 Studenten könnten bei Erhaltung der denkmalgeschützten Gebäude und mit einigen zusätzlichen Neubauten unterrichtet werden. Über die Zukunft der Welvert-Kaserne schreibt Till E. Kohler in seiner Schlusszusammenfassung:

„Das Quartier Welvert wird zu einem Wohngebiet entwickelt. Dabei sollten die Mannschaftsgebäude sowie das Stabs- und Wirtschaftsgebäude im Osten des Areals saniert und für Wohnzwecke umgenutzt werden. Darüber hinaus sind auf dem Gelände umfassende Neubaumaßnahmen geplant.

Innerhalb des Entwicklungskonzepts werden zusätzliche städtische Freiräume mit Grün- und Wegeverbindungen geschaffen, um das Freiraumpotential des Gebietes zu optimieren und eine gute Erreichbarkeit der erholungsrelevanten Bereiche im Westen der Stadt sowie des Stadtzentrums zu gewährleisten.“ (S. 147)

Till E. Kohler ging davon aus, dass auf dem Areal der Quartier Welvert 566 Wohnungen entstehen könnten.

Auch die Gremien des Gemeinderats befassten sich mehrfach mit der Zukunft der Kasernengelände. Schon am 16. Dezember 1997 fasste der Gemeinderat einen „Beschluss über die Durchführung von vorbereitenden Untersuchungen und über die Einleitung städtebaulicher Entwicklungsmaßnahmen“. Im März 1998 wurde die Landes-Entwicklungs-Gesellschaft (LEG) beauftragt, eine Machbarkeitsstudie zur Konversion der Kasernenareale zu erstellen. Im Jahre 2003 lag diese Studie vor und wurde im Technischen Ausschuss (17.6.2003) und im Gemeinderat (25.6.2003) erörtert. In der Sitzungsdrucksache 1309 vom 19.5.2003 sind die Ergebnisse zusammengefasst. Es ging dabei um die Altlasten im Boden, um die Gebäude und vor allem um die Kosten einer Konversion – also der Rückentwicklung des militärisch genutzten Geländes in ein normales ziviles Baugebiet. Die Voraussetzung für eine Konversion war ein Schreiben der Bundesvermögensabteilung Freiburg vom 2. Juli 2001 an die Stadtverwaltung über die endgültige Aufgabe der militärischen Nutzung. Die beiden Kasernenareale waren damit entwidmet und konnten einer zivilen Nutzung zugeführt werden.

Die Altlasten im Boden der Welvert-Kaserne waren nicht ganz so gravierend wie befürchtet. Ein großräumiger Bereich um die ehemalige Tankstelle war stark mit Kohlenwasserstoffen und CKW verunreinigt. Schädliche Bodenverunreinigung fand sich auch unterhalb des Stabsgebäudes, in dessen Keller die Heizzentrale untergebracht war. Daneben wurden noch sechs kleinere belastete Bereiche festgestellt.

Radikal war die Beurteilung der Gebäude im Bereich der Welvert-Kaserne. Fast alle einstöckigen Gebäude wurden als ‚abbruchreif ‚ eingestuft. Auch über die fünf großen Mannschafts- und Verwaltungsgebäuden wurde der Stab gebrochen. Wegen der „nicht vorhandenen Nachfrage und der Unwirtschaftlichkeit einer Umnutzung“ müssten sie abgebrochen werden.

Vom Kasernen-Areal zum Wohngebiet

Bei der zukünftigen Nutzung zeichnete sich damals folgendes ab, und Bürgermeister Fußhoeller bestätigte das in der Sitzung des Technischen Ausschusses: Die Welvert-Kaserne sollte zu einem reinen Wohngebiet entwickelt werden. Das Areal der Lyautey-Kaserne sollte in ein Gewerbe- und Mischgebiet umgestaltet werden. Die Frage war, ob die Stadt die Kasernen von der Bundesrepublik erwerben solle. Die Stadt hätte dann die Konversionskosten zu tragen gehabt, hätte dann aber das Gelände anschließend selbst vermarkten können.

Die Zahlen des LEG-Gutachtens sprachen hier eine deutliche Sprache. Die Gesamtausgaben für die Sanierungsmaßnahmen des Welvert-Areals würden 17,5 Millionen betragen. Da die Stadt diese Kosten über Kredite hätte finanzieren müssen, wären Vorfinanzierungskosten von 5,3 Millionen dazugekommen. Die anschließenden Einnahmen wurden von der LEG auf 16,3 Millionen geschätzt. Die Stadt hätte also einen Verlust von etwa 6,5 Millionen Euro erlitten. Damit war klar, dass Sanierung und Entwicklung der Kasernen-Areale nur mit privaten Investoren möglich sein würde.

Im Beschluss des Gemeinderats, der mit nur einer Gegenstimme gefasst wurde, lauten die entscheidenden Sätze:

„Die Verwaltung wird beauftragt, die mit dem Bundesvermögensamt Freiburg und privaten Investoren begonnenen Gespräche weiterzuführen. … In Abhängigkeit der Gesprächsergebnisse mit dem Bundesvermögensamt Freiburg bzw. mit privaten Investoren sind die weiteren Verfahrensschritte festzulegen.“

Bürgermeister Rolf Fußhoeller führte die Gespräche mit dem Bundesvermögensamt und privaten Interessenten. Es war damals, im wirtschaftlich schwachen Jahr 2003, keineswegs so, dass die Investoren Schlange standen. Gespräche mit Investoren von außerhalb führten zu keinen konkreten Ergebnissen. Die Stadt setzte eher auf örtliche Träger der Wohnungswirtschaft. Rolf Fußhoeller sah einen Vorteil der Bauträger und Wohnungsbaugesellschaften aus der Stadt in ihrer genauen Marktkenntnis und ihrem Bekanntheitsgrad. Sie könnten, so meinte er, den Verkauf leichter in Gang bringen als Firmen von außerhalb. Im Laufe der Verhandlungen gelang es auch, die zunächst unrealistisch hohen Preisvorstellungen der Bundesvermögensverwaltung auf ein akzeptables Maß zurückzuführen. Das Problem für die örtlichen Bauträger war jedoch die Größe des Baugebiets.

Der Investor, der schließlich den Zuschlag erhielt, war zunächst noch nicht unter den Interessenten. Gregor Braun, bekannter Architekt des Oberzentrums, entwickelte erst im Sommer 2004 seine erste Vision, wie das Welvert-Gelände einmal aussehen könnte. Gregor Braun ist kein Neuling in dem Geschäft, nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Wohnviertel zu planen. Mit den erfolgreichen Wohngebieten ‚Steinkirch‘ und ‚Strangen‘ haben er und seine Kollegen Erfahrungen gesammelt, die jetzt dem ‚Welvert-Projekt‘ zu Gute kommen. Ein erstes offizielles Gespräch über seine Visionen und Ideen führte der Architekt am 21. September 2004 mit Bürgermeister Fußhoeller. Nach einer ersten Planungsphase, in der ein städtebauliches Leitbild für die Nutzung und Bebauung des Welvert-Geländes erstellt wurde, gab der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 25. Oktober 2006 Grünes Licht für die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens. Im September 2007 beschloss der Gemeinderat die Offenlage des Bebauungsplans und im Dezember 2007 wird der Satzungsbeschluss erfolgen. Dann erst kann die praktische Umsetzung der Pläne beginnen. Im Januar 2008 werden die Bagger anrücken, um die Fahrzeughallen und Garagen abzureißen und die Altlasten zu beseitigen.

Als die Kaserne 1935/36 gebaut wurde, lag sie außerhalb der Stadt. In den folgenden 70 Jahren wurde sie allmählich durch neue Baugebiete der Stadt umschlossen. Das Wohngebiet Erbsenlachen und die Hammerhalde entstanden, nördlich der Kasernen entwickelten sich Gewerbegebiete, vor allem die ‚Saba‘, und die Sebastian-Kneipp-Straße wurde bebaut. Die Kasernen dazwischen wurden zu Fremdkörpern. Die Umwandlung des Welvert- Areals ist für unsere Stadt ein Glücksfall. Hier kann ein Baugebiet entstehen, das wieder viel innen- stadtnäher ist als alle Neubaugebiete der letzten Jahrzehnte. So ist es auch verständlich, dass das Interesse an diesem Wohngebiet groß ist und der Architekt wöchentlich einige Anfragen erhält: „Wir haben Interesse. – Wann geht es denn los?“ Der Vorentwurf vom 29. März 2007 nennt die Vorteile dieser Neuplanung:

„Vermeidung von Wohnbauflächen ,auf der grünen Wiese‘ (Bodenschutzklausel) § 1a Abs. 2 Punkt 1 BauGB mit den Aspekten:

• Innenentwicklung vor Außenentwicklung

• Wiedernutzbarmachung von Flächen

• sparsamer Umgang mit Grund und Boden

• Reduzierungen der Aufwendungen für Erschließungen

• Nutzungsauslastung bestehender infrastruktureller Einrichtungen

• geringe Umweltbelastung

• Reduzierung des motorisierten Verkehrs durch „kurze Wege“;

l> Stärkung des Stadtbezirkes Villingen als Wohn und Arbeitsstandort mit der positiven Folge der Kaufkraftbindung in der Kernstadt;

l> Reduzierung von Verkehrsbewegungen durch räumliche Nähe von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeitnutzungen, soziale Infrastrukturen;

l> Deckung des Wohnbauflächenbedarfs für Villingen-Schwenningen;

l> Schaffung eines integrierten lebendigen Wohn- und Dienstleistungsangebotes für den Stadtbezirk Villingen, um

• Abwanderungen insbesondere von einkommensstärkeren Haushalten ins Umland / Mantelgemeinden entgegen zu wirken,

• eine am Bedarf orientierte Entwicklung zu fördern,

• eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung für diesen Teilbereich des Stbz. Villingen sicherzustellen.

l> Mit der Beseitigung dieser Stadtbrache werden auch positive Ausstrahlungseffekte auf die Entwicklung der Umgebungsbebauung und -nutzungen erwartet.“ Aus: Städtebauliches Konzept Bebauungsplan „Wohngebiet Welvert“ S. 3

Gerade gegen den Grundsatz „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ ist in unserer Stadt in den letzten Jahren zu oft verstoßen worden. Manche der kleinen Stadtbezirke sind hemmungslos in die Felder hinaus gewuchert, und auch in den großen Stadtbezirken geht man etwa mit dem Baugebiet ‚Hankenberg‘ oder dem neuen Klinikstandort den falschen Weg. Hier bietet ‚Welvert‘ ein positives Gegenbeispiel, eine gute Alternative: urbanes Wohnen. Dieses Baugebiet kommt auch dem Trend der letzten Jahre entgegen, dass junge Familien wie auch ältere Menschen wieder von der ländlichen Wohnlage zurück in die Stadt streben.

Wie soll nun die 11,4 Hektar große Kasernenfläche in Zukunft aussehen?

Auch Gregor Braun ging zunächst davon aus, dass alle Gebäude abgerissen werden müssten.

Inzwischen arbeitet er an einer Lösung, welche die fünf großen Kasernengebäude in eine moderne Nutzung mit einbezieht. Dabei sind für diese Gebäude neben Wohnnutzung auch Dienstleistungen, Gastronomie, Verwaltungseinrichtungen und Seniorenwohnungen vorgesehen. Im Bereich der Kirnacher Straße sind ein ‚Nahversorger‘, ein Bürgertreff und ein großer Spielplatz geplant. Die große übrige Fläche wird reines Wohngebiet und soll möglichst viele Bevölkerungsgruppen ansprechen – Familien, Alleinstehende, alte oder behinderte Menschen, Wohngemeinschaften. Es werden Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser und Einzelhäuser entstehen. Es wird unterschiedliche Eigentumsformen geben: Miete, Einzeleigentum, Teileigentum und genossenschaftliches Eigentum. Architekt Gregor Braun und sein Kollege Gerhard Janasik, der für den städtebaulichen Entwurf verantwortlich zeichnet, wollen möglichst vielen individuellen Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner gerecht werden.

Die Planung von 2007 geht von etwa 600 Wohnungen aus. Im Wohngebiet werden etwa 1.500 Menschen wohnen. Damit die Menschen ruhig wohnen können, ist zur Kirnacher und Peterzeller Straße ein Lärmschutzwall vorgesehen. Ökologisch könnte das Wohngebiet Welvert ein Vorzeigeprojekt werden. Das Regenwasser wird in offenen Rinnen zu einem kleinen See geführt und soll dort versickern. Die Energieversorgung übernimmt ein Blockheizkraftwerk, das Holzhackschnitzel verbrennt. In unserer Gegend ist das eine ideale Energieversorgung. Der Energieträger Holz kommt aus der näheren Umgebung, die Verbrennung ist CO2-neutral und ein modernes Filtersystem reduziert die Feinstaubemission auf ein Minimum. Das Blockheizkraftwerk versorgt über ein Nahwärmenetz die Häuser nicht nur mit Heizungswärme und warmem Wasser, sondern erzeugt auch einen Großteil des Stroms für das Wohngebiet.

Das Gebiet, das auf den alten Gewannkarten als ‚Untere und Obere Erbsenlachen‘ bezeichnet wird, hat eine interessante Entwicklung durchgemacht. Über viele Jahrhunderte gehörte es zur Allmende,wurde also als Weide für das Vieh aus der Stadt genutzt, dann waren Gärten und Felder angelegt, 1913 entstanden hier Baracken – zunächst als provisorische Unterkunft für die erste Garnison in Villingen, dann für Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs genutzt. Sie wurden wieder entfernt.

1935/36 entstand auf dieser Fläche die Boelcke- Kaserne, die nach 1945 von den Franzosen unter dem Namen ‚Quartier Welvert‘ weiter genutzt wurde. Es folgte eine zehnjährige Zwischenphase

1997–2007. In zwei Kasernengebäude zogen vor allem Vereine und kleine Gewerbebetriebe ein. Auch die Garagengebäude waren teilweise vermietet. Und nun, Ende 2007/Anfang 2008 spricht alles dafür, dass hier ein attraktives, modernes und ökologisch durchdachtes Wohngebiet entsteht.

Die folgenden Entwürfe, die von Gregor Braun zur Verfügung gestellt wurden, geben ein plastisches Bild des zukünftigen „Wohngebiet Welvert“.

Dies ist eine Fotografie der Modells des ‚Wohngebiet Welvert‘. Zur besseren Orientierung sind die Straßen und wichtigen Gebäude bezeichnet: 1 = Kirnacher Straße; 2 = Dattenbergstraße; 3 = Peterzeller Straße; a, b, c, d, e = die ehemaligen fünf Kasernengebäude; f = ‚Nahversorgung‘ (Supermarkt)

 

So etwa könnte der Eingangsbereich aussehen. Links das ehemalige Wirtschaftsgebäude (im oberen Modell ‚b‘); rechts eines der drei ehemaligen Mannschaftsgebäude (im Modell ‚c‘)

Literaturverzeichnis

Revellio, Paul: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen; Villingen 1964 Villingen, Faszination einer Zeitreise; Villingen 1998

Rodenwaldt, Ulrich: Leben im alten Villingen; Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrbuch XV 1990/91

Riedel, Hermann: Villingen 1945; Villingen 1968 Stadt Villingen-Schwenningen (Hrsg.): 1939/1949 – Fünfzig Jahre Kriegausbruch Vierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland; Villingen-Schwenningen o.J. (1989)

Kohler, Till Eric: Städtebauliches und freiraumplanerisches Entwicklungskonzept für den Bereich der Kasernenstandorte Villingen; Diplomarbeit; Freising-Weihenstephan 2001

Blumers, Friedrich-Otto: Gutachten zur Ermittlung des Verkehrswertes der Gebäude der Welvert-Kaserne; Stuttgart 1999

KommunalPlan: ‚Wohngebiet Welvert‘, Städtebauliches Konzept, Vorentwurf; 29.03.2007 Sitzungsdrucksache 1309: Machbarkeitsstudie zur Konversion der Kasernenareale Lyautey und Welvert; 19.05.2003 „Der Schwarzwälder“ (‚Villinger Tageblatt‘), vor allem der Jg. 1936 Materialien des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen – vor allem die Villinger Jahreschronik 1924–1944

 

Hier der Plan des ‚Wohngebiets Welvert‘, auf dem die unterschiedlichen Haus- und Wohnformen zu erkennen sind.

 

Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Heinrich Maulhardt, bei Frau Ute Schulze und Herrn Dieter Baumann vom Stadtarchiv für ihre Unterstützung und ihre Hinweise.

Zusätzliche Informationen erhielt ich von Herrn Pierre de Surmont, Herrn Hansjörg Fehrenbach, Herrn Werner Huger. Besten Dank.

Ein Beitrag zu diesem Thema ist nie richtig abgeschlossen. Es leben noch viele Bürgerinnen und Bürger in Villingen-Schwenningen, die als Zeitzeugen manche Information geben und auch manches richtig stellen können. Ich freue mich, wenn ich auf diese Weise mehr über das Thema Boelcke/Welvert-Kaserne erfahren kann.