„Glockenspiel für Villingen“ (Dieter Ehnes)

Initiative – Planung – Durchführung – Alltägliche Freude – Weitere Ziele

Spektakulärer Auftakt

Es war schon ein ganz besonderer Höhepunkt als Abschluss des Festjahres der 1000-Jahr-Feier zur Verleihung des Markt- und Münzrechts an Villingen: Am 25. September 1999 wurde mit einem spektakulären Guss mehrerer Bronzeglocken auf dem Münsterplatz der über 375 Jahre in Villingen wirkenden Glockengießerdynastie Reble/ Grüninger die angemessene Referenz erwiesen.

Glockengießerdynastie Reble/Grüninger

1580 gründete der 1552 in Villingen geborene Hans Reble (auch Rebele oder Raeblin) eine Glockengießerei. Er goss 1601 die einst berühmte große Glocke des Münsters zur Erinnerung an die über 2.000 Pest-Toten des Jahres 1592. Leider wurde sie 1908/09 zum Umguss für ein neues Geläut eingeschmolzen. Der 1624 geborene Johann Joachim Grieninger, Sohn des Hammerschmieds Veit Grieninger, heiratete 1645 die verwitwete Tochter seines Meisters Christoph Reble, von dem er im gleichen Jahr die Gießerei übernahm, die er dann 1676 seinem Sohn Matthäus Grieninger übergab. Die Glockengießerei war ununterbrochen im     Besitz     der     Familie     Grieninger     (später Grüninger), bis sie 1948 von Villingen nach Strass bei Neu-Ulm umsiedelte. Grund war wohl die mangelnde Unterstützung der Stadt bei der Suche nach einem geeigneten neuen Standort außerhalb der Innenstadt. Somit hatte die Gießerei Grüninger keine Chance, den Auftrag für ein neues Münstergeläut in Villingen, dem historischen Standort der Firma, zu erhalten. 1954 wurde das heutige Geläut der Gießerei Schilling aus Heidelberg geweiht. Nahezu gleichzeitig ging die traditionsreiche Gießerei Grüninger nach vielen, mehrere Jahre langen Schwierigkeiten endgültig in Konkurs.

Auch wenn von einem riesigen Oeuvre der Gießerei Grüninger mit insgesamt ca. 2.000 Glocken nur ein kleiner Teil erhalten ist, bewundern die Fachleute noch heute die kontinuierliche Qualität des Klanges und der künstlerischen Gestaltung der vorhandenen Glocken. Sie betonen besonders deren große Verbreitung über den gesamten süddeutschen Raum und darüber hinaus bis nach Amerika.

 

Es ist wohl selbstverständlich, dass früher einmal die beiden wichtigsten Geläute in Villingen von Meistern der Gießerei Grüninger geschaffen wurden: 1767 goss Franz Joseph Benjamin Grieninger die neun Glocken des Geläuts der Benediktinerkirche, davon bildeten sieben ein Glockenspiel. 1909 errichteten die Gebrüder Georg Adalbert und Josef Benjamin Grüninger ein neues Geläut in der oberen Glockenstube des südlichen Münsterturms, dessen dreigeschossiges Oktogon wegen Einsturzgefahr in den Jahren 1907-1909 vollständig rekonstruiert werden musste.

 

Abb. 1 Grüninger-Glocke von 1909.

 

 

Abb. 2 Grüninger-Glocke von 1660.

 

 

Beide Geläute gingen als Folgen einschneidender geschichtlicher Entwicklungen verloren. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803 wurde das bis dahin vorderösterreichische Villingen zuerst württembergisch, dann Teil des Herzogtums Modena und letztendlich badisch. Der durch Napoleons Gnaden vom Markgrafen zum Großherzog erhobene Karl Friedrich I. ließ hemmungslos viele bedeutende Kunst- und Kulturgüter aus den in Baden eingegliederten Besitzungen in seine Residenzstadt Karlsruhe überführen. So ließ er im Jahre 1809 zunächst „unauffällig“ die Besitztümer der Villinger Benediktiner inspizieren und befahl dann den Abtransport der klangreichen Silbermann-Orgel und des Grüninger-Geläuts samt Glockenspiel mit Uhr, einem Werk von Franz Xaver Liebherr aus Immenstadt. Orgel und Geläut wurden in die gerade fertig gestellte evangelische Stadtkirche in Karlsruhe eingebaut; beide haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden, wobei die Orgel schon vor dem Aufbau in Karlsruhe beträchtliche Veränderungen über sich ergehen lassen musste und ihren Silbermannschen Charakter verloren hatte.

Nicht anders erging es dem Grüninger-Geläut des Münsters: Es musste für Kanonen eingeschmolzen werden. Nur eine einzige Glocke, die herrliche cis“-Franciscus-Seraphinus-Glocke (Abb. 1) hat auf wundersame Weise beide Weltkriege überstanden; sie kam auf verschlungenen Wegen nach Villingen zurück und wurde eines schönen Tages im Keller des Archivs wieder entdeckt.

Zwei weitere Grüninger-Glocken befinden sich noch in Villingen. Die kleinere stammt aus der Villinger Schleifenkapelle beim Schleifenhof im Warenbachtal und wurde 1857 in der Zeit des Benedikt Benjamin Grüninger gegossen. Die andere ist ein wahres Juwel, obwohl sie aufgrund eines Risses nicht mehr geläutet werden kann. Sie wurde 1660 von dem bereits anfangs genannten Johann Joachim Grieninger gefertigt; er war auch der eigentliche Namensgeber der traditionsreichen Villinger Glockengießerei. Es gibt zweifelsfreie Hinweise, dass diese Glocke einst für die St. Cyriakus-Kirche in Fischbach am Schluchsee gegossen wurde (Abb. 2).

Initiator Hubert Waldkircher

Zurück zum Schauguss des Jahres 1999 und dessen eigentlichem Anlass. Hubert Waldkircher, seinerzeit Leiter des Villinger Standesamtes und Vorsitzender des Pfarrgemeinderats der Münsterpfarrei, Sohn einer alteingesessenen Familie, profunder Kenner der Geschichte seiner Heimatstadt und engagierter Förderer aller für die Erhaltung und Pflege des historischen Stadtbildes erforderlichen Maßnahmen, entwickelte die großartige Idee, mit einem neuen großen Glockenspiel (das alte Glockenspiel der Stadt in der Benediktinerkirche war, wie schon erwähnt, der Säkularisation zum Opfer gefallen) an die Jahrhunderte alte Tradition Villingens als Stadt der Glockengießerei Grüninger zu erinnern, und zwar an einem Standort, der die bedeutende sakrale Architektur und das lebendige profane Leben im Herzen der historischen Innenstadt in idealer Weise miteinander verbinden kann. Waldkircher begeisterte sich für den Südturm des Münsters (Abb. 3), dieser ragt auf über dem südlichen Münsterplatz als Zentrum des Marktes mit der anschließenden Passage des „Alten Kaufhauses“ zur Rietstraße, dem städtebaulich lebendigsten Teil des „Zähringer Kreuzes“.

Eine Bemerkung am Rande:

Diese Passage mit den beiden markanten Bögen – ein wichtiger städtebaulicher Beitrag des Vorarlberger Barockbaumeisters Jodokus Beer – wurde trotz der Proteste einer engagierten Bürgerschaft und gegen die mit großer Mehrheit in der Jahreshauptversammlung des Geschichts- und Heimatvereins gefasste Resolution im Jahre 2004 und kurzvor dem Bau des neuen Glockenspiels geschlossen. Gerade aus heutiger Sicht ist das für das Erlebnis des Glockenspiels im historisch-urbanen Umfeld ein großer Verlust, zumal damals sinnvolle Alternativen vorgeschlagen wurden.

Hubert Waldkircher heckte den Plan für den Schauguss als wirksamste Werbung für die Idee des zukünftigen Glockenspiels gemeinsam mit seinem wichtigen Berater aus: Dipl.-Ing. Kurt Kramer, ausgebildeter Architekt, Glockeninspektor des Erzbistums Freiburg und Vorsitzender des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen.

Abb. 3 Südturm des Münsters.

 

 

 

 

Hinzu kam der glückliche Umstand, dass der junge Glockengießer Rudolf Perner aus Passau mit einem interessanten Angebot das Vorhaben erleichterte. Er erinnerte sich wohl daran, dass sein Großvater 1919 in der Grüninger-Gießerei als Praktikant gearbeitet hatte. Perner sicherte zu, im Falle des Auftrags für das gesamte Glockenspiel auf die Kosten für den Schauguss zu verzichten. Als damaliger Geschäftsführer auch der Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei führte er mit deren Mannschaft 1999 den spektakulären Schauguss durch, der mit Video-Kamera live auf eine Großleinwand projiziert wurde. Zusammen mit einem umfangreichen Begleitprogramm wie Präsentation des Münster-Hauptgeläutes, dessen Zusammenspiel mit der Münsterorgel und vielerlei Einzelaktionen wurde die Veranstaltung trotz heftigen Dauerregens zu einem riesigen Erfolg mit landesweiter Resonanz.

Die erste Etappe einer langen Strecke war geglückt. Das Ziel, ein Glockenspiel für Villingen zu errichten, fand viel bürgerschaftliche Aufmerksamkeit und Zustimmung, negative Reaktionen waren nicht zu vernehmen. Hubert Waldkircher als eigentlicher Initiator und Organisator konnte sofort mit den nächsten, wichtigsten Schritten beginnen.

Priorität hatte die Finanzierung des Projektes. Das Glockenspiel wurde von Beginn an als Instrument der Bürgerschaft konzipiert, und sehr bald wurde das untere Geschoss des Südturm- Oktogons des Münsters als besonders geeigneter Standort angesehen. Die Münsterpfarrei als Hausherr stimmte grundsätzlich dem Projekt zu und war bereit, nach dem Bau und der Übernahme des Instrumentes dieses bei entsprechend eigenverantwortlicher Unterhaltung für den bürgerschaftlichen Einsatz zur Verfügung zu stellen. Dies‘ setzte voraus, dass das Glockenspiel allein mit Spenden der Bürger, vorrangig in Form von Patenschaften für die Glocken, finanziert werden konnte. Um den erforderlichen Kostenrahmen rechtzeitig genau genug bestimmen zu können, holte Hubert Waldkircher in engem Kontakt mit dem Glockeninspektor Kurt Kramer Konstruktionsvorschläge und entsprechende Kostenangebote bei mehreren Gießereien ein und, um es an dieser Stelle vorwegzunehmen, dieser Kostenrahmen wurde auch nach der Abrechnung im Jahre 2006 eingehalten.

Einige Spenden gingen recht bald ein, größere Spenden wurden für den Zeitpunkt einer gesicherten Realisierung des Projektes zugesagt. Trotzdem verlangsamten sich die Aktivitäten. Das hatte einen sehr traurigen Grund: Der hoch motivierte Initiator Hubert Waldkircher erkrankte schwer. Über eine lange Zeit äußerte er sich selbst gegenüber seinen ihm nahe stehenden Freunden nicht über die Schwere seines Leidens, vielmehr versprach er wiederholt, sich nach der kurz bevorstehenden Versetzung in den Ruhestand mit umso stärkerer Kraft für das Glockenspiel einzusetzen. Man möchte hoffen, dass er bis zuletzt daran glauben konnte, vielleicht auch daran, dass andere sein begonnenes Werk ganz in seinem Sinne zu Ende führen würden. Im Oktober 2004 verstarb Hubert Waldkircher. Sein Vermächtnis war Verpflichtung für alle, die zu ihm und seiner Idee standen. Und so geschah es auch!

Nachfolger Ulrich Kolberg

Dank Ulrich Kolberg erfuhr das Projekt „Glockenspiel für Villingen“ gegen Ende des Jahres 2005 einen rasanten Neustart. Wen wundert’s? Niemanden! Gilt er doch als der entscheidende Initiator, Manager und Organisator des nach Kosten mehr als zwölf Mal größeren Projektes „Die Rekonstruktion der Johann-Andreas-Silbermann-Orgel“ in der Villinger Benediktinerkirche (Fertigstellung und Festwoche im September 2002). Auf Wunsch des Pfarrgemeinderates war Ulrich Kolberg bereit, auch dieses Projekt zu betreuen und zwar zusammen mit den Villinger Architekten Franz Blaser und Dieter Ehnes. Zunächst musste sich dieses Team mit den bisherigen Abläufen und Unterlagen vertraut machen sowie Kontakte mit bisherigen Spendern und mit möglichen neuen aufnehmen, wobei die diesbezüglichen Erfahrungen von Ulrich Kolberg besonders hilfreich waren.

Frau Waldkircher hatte Dieter Ehnes bereits die Akten des Projektes anvertraut. Blaser und Ehnes kümmerten sich vor allem um die technischen, planerischen und gestalterischen Fragen.

Der Gesamttenor zum Projekt war Anfang 2006 in den Gremien keineswegs optimistisch. Der vorhandene Spendenstock war noch zu gering, die Gesamtkostenschätzung war dagegen zu hoch und vor allem nicht gesichert. Orgelinspektor Kurt Kramer wurde gebeten, nochmals ein Leistungsverzeichnis über die Gesamtleistung Glocken, Glockenstuhl, Spieleinrichtung einschließlich kompletter Lieferung und betriebsfertiger Montage zu erstellen und von drei Gießereien die entsprechenden Angebote einzuholen. Das Submissionsergebnis ließ befürchten, dass trotz des recht günstigen Angebotes des späteren Auftragnehmers, der Gießerei Perner aus Passau, das Glockenspiel in mindestens drei Abschnitte hätte unterteilt werden müssen; eine problematische Lösung, da sich aufgrund der inzwischen eingetretenen drastischen Erhöhung der Materialpreise, der Verdoppelung der Nebenkosten für Umbau des Glockenstuhls, Kraneinsatz etc. die Gesamtkosten wesentlich verteuert hatten. Noch Ende März 2006 wurde daher im Stiftungsrat der Münsterpfarrei zunächst eine abschnittsweise Realisierung beschlossen.

 

Abb. 4 Glockenguss Gießerei Perner/Passau.

 

 

Abb. 5 Rudolf Perner, Ulrich Kolberg.

 

Spendenfluss, Detailplanung, Glockenguss 

Das war gut so, denn unterdessen hatte Ulrich Kolberg mit bewundernswerter Kreativität, Überzeugungskraft und Begeisterung für das Projekt beachtliche Spendeneingänge bzw. -zusagen erreicht, mit der Folge: Bereits Anfang April 2006 konnte Glockeninspektor Kramer dem erzbischöflichen Bauamt in Freiburg mitteilen, dass das Projekt komplett finanziell abgesichert sei und realisiert werden sollte! Wenige Tage später stimmte das Bauamt zu, und gegen Ende April 2006 erhielt die Gießerei den verbindlichen Gesamt-Auftrag, allerdings mit der Auflage, diverse technische Details noch bis zur Auftragsbestätigung zu klären. Zur gleichen Zeit wurde der Bauantrag für das Glockenspiel bei der Unteren Denkmalschutzbehörde (Amt für Stadtentwicklung der Stadt VS) gestellt, die Genehmigung erfolgte Ende Juli 2006. Und bereits im Juli konnten Spender und Initiatoren den Guss einiger Glocken in der Passauer Gießerei mit viel Freude erleben (Abb.4+5).

Viele funktionelle, technische und terminliche Details mussten mit der Glockengießerei, den zusätzlich am Projekt beteiligten Firmen und Helfern sowie den zuständigen Ämtern abgesprochen und festgelegt werden. Hierzu gehörten die endgültige Konzeption des Glockenstuhls, dessen statische Auflagerung in der historischen Bausubstanz einschließlich der erforderlichen Maurerarbeiten, Fragen des Glocken- und Materialtransportes außerhalb und vor allem innerhalb des Turmes und die damit zusammenhängenden Leistungen wie Öffnen eines Maßwerkfensters und des Bodens im Geschoss des Hauptgeläutes, die komplette Stark- und Schwachstromausrüstung einschließlich der langen Leitungszuführungen usw.

Auslieferung und Montage

Alle erforderlichen Vorarbeiten vor Ort und in der Gießerei gingen zügig voran. Am Dienstag, den 12. September 2006 war es dann soweit: Das gesamte Glockenspiel konnte angeliefert werden. Gegen 7.00 Uhr ging ein Autokran zwischen dem südlichen Münster-Turm und der Bäckerei „Kutmühle“ in Position, knapp eine halbe Stundespäter wurde der mit den Glocken und allem Zubehör beladene Transporter aus Passau per Funk ab Autobahnabfahrt zum Münsterplatz geleitet. Ein langer Sattelschlepper rangierte vor das Südportal des Münsters. Die Planen wurden hochgeschlagen und den früh erschienenen Beobachtern offenbarte sich das prächtige Bild in der Sonne blinkender Bronzeglocken. Sofort wurde mit dem Abladen begonnen. Fast hatte man den Eindruck, als sei die Aufstellung der Einzelteile des Glockenstuhls, der Glocken selbst und der übrigen Materialien und Geräte geradezu generalstabsmäßig vorbereitet gewesen, jedenfalls entwickelte sich bei strahlendem Wetter ein imponierendes, unvergessliches Gesamtbild auf dem südlichen Münsterplatz. Bisweilen mehrere Gruppen interessierter Bürger, darunter natürlich auch zufriedene Spender, beobachteten den ganzen Tag über das spannende, inter-

 

Abb. 6 Kinder packen kleine Glocken aus.

 

 

Abb. 7 Dekan Kurt Müller, Ulrich Kolberg.

 

Bisweilen mehrere Gruppen interessierter Bürger, darunter natürlich auch zufriedene Spender, beobachteten den ganzen Tag über das spannende, interessante Geschehen, das auch in allen Medien (Presse, Rundfunk und Fernsehen) weit über die Region hinaus einen lebhaften Nachhall fand. An liebevolle Einzelszenen erinnert man sich gerne immer wieder: Mit strahlenden Augen wühlten Kinder in den Holzkisten und befreiten kleinere bis kleinste Glocken von Stroh und Papier (Abb. 6+7). Die größeren Glocken wurden vor dem Hochziehen – über dem Boden schwebend – kräftig angeschlagen, jeder anwesende Spender konnte mit Freude seine Glocke erkennen und ihren Ton zum ersten Mal und dabei ganz nahe und deutlich hören.

Langsam und zentimetergenau ließ der erfahrene Kranführer jede einzelne Glocke und jeden einzelnen Träger des Glockenstuhls zum östlichen Maßwerkfenster der Glockenstube des Hauptgeläuts hinauf schweben (Abb. 8), ohne dass dabei auch nur ein einziges Mal die Engelsfigur über dem Wimperg des darunter liegenden Maßwerkfensters berührt, geschweige denn beschädigt worden wäre.

Was sich beim Transport aller Teile im Inneren des Turmes abspielte, war von außen nur zu erahnen, denn in der drangvollen Enge bot die Perner- Mannschaft erneut eine wahre Glanzleistung, die deshalb genauer beschrieben werden muss.

Standort des Glockenspiels ist das erste Oktogongeschoss im Südturm (Plan 1). In diesem Geschoss können jedoch keine breiteren Teile, somit auch nicht die größeren Glocken, durch eines der Fenster eingeführt werden. Bereits beim Wiederaufbau des Turms vor 1909 wurde auf der Höhe des Hauptgeläuts die Mittelstütze des oberen östlichen Maßwerkfensters als demontierbares Steckelement ausgebildet, um bereits seinerzeit alle Teile und Glocken des Grüninger-Geläuts durch dieses Fenster einführen zu können. Der Vorgang wiederholte sich 1954 beim Einbau des Schilling- Geläuts, dessen Christkönigsglocke als größte Glocke 5,4 to wiegt. Um einen Eingriff in historische Bausubstanz zu vermeiden, dachte man sofort an dieses Fenster, nur, es liegt im Geschoss über dem Glockenspiel.

Abb. 8 Aufzug einer Glocke.

 

 

Plan 1 Münster Ostansicht (Bestandsplan).

 

Die clevere Perner-Mannschaft erdachte eine grandiose Lösung des Problems: Rechtzeitig vor der Anlieferung des Glockenspiels wurde erst einmal das Hauptgeläute stillgelegt. Die großen Glocken in der Mittelachse des Hauptgeläutes einschließlich der Christkönigsglocke wurden mit Flaschenzügen jeweils in der Jochachse um 180° nach oben gedreht und sicher verankert. Anschließend musste der Boden unter dem Hauptgeläute geöffnet werden. Nachdem schließlich die Schallbretter und die besagte Mittelstütze des Maßwerkfensters demontiert waren, konnten am 12. September 2006 alle Teile einschließlich der Glocken und schweren Träger für den Glockenstuhl durch dieses Fenster in den Turm eingeführt und danach sorgfältig mit Flaschenzügen durch die Bodenöffnung auf die zwei Ebenen des Glockenspielbereiches herabgelassen sowie dort sinnvoll entsprechend dem Montageablauf gelagert werden. Um 20.00 Uhr des gleichen Tages fuhr der Kranfahrer den Ausleger ein. Es war schon erstaunlich, in gerade einmal zwölf Stunden war das gesamte Glockenspiel montagebereit eingebracht. Auf gut bayerisch hörte man wiederholt: „Des basst scho!“

Feinarbeiten, Festvorbereitungen

Zudem: schneller als geplant waren bereits zwei Wochen nach der Anlieferung die gesamte Montage des Glockenspiels einschließlich der Wieder-Ingangsetzung des Hauptgeläuts abgeschlossen. Jetzt konnten die vielen Feinarbeiten in Angriff genommen werden. Hierzu gehörten u. a. die Zuleitungen und die Einstellungen der Magnet-Schlaghämmer sowie vor allem das Einstimmen der Glocken. Glockeninspektor Kurt Kramer war zweimal aus Karlsruhe zur Prüfung und Abnahme des Glockenspiels angereist Er attestierte der neuen Villinger Attraktion ein einzigartiges homogenes Klangbild. Auch die übrigen am Projekt beteiligten Firmen und Helfer waren mit ihren entsprechenden Abschlussleistungen fleißig befasst.

Intensiv liefen nun schon die Vorbereitungen für die feierliche Einweihung. Bezirkskantor Christian Schmitt und sein Assistent Andreas Rütschlin spielten für das geplante täglich dreimalige Glockenspiel viele Melodien auf dem Keyboard in den Speicher ein. 99 Melodien können insgesamt gespeichert werden.

Einweihungsfeier

Am 2. Dezember 2006 fanden sich um die 2000 Bürgerinnen und Bürger bei Abenddämmerung und frostigen Temperaturen auf dem Münsterplatz ein. Die zu dieser Feststunde eingeladene Villinger Stadt- und Bürgerwehrmusik spielte abwechselnd mit dem Glockenspiel und umrahmte die Festansprachen von Oberbürgermeister Dr. Kubon, Münsterpfarrer und Dekan Kurt Müller und Organisator Ulrich Kolberg. Glockengießer Rudolf Perner erläuterte das Glockenspiel. Alle freuten sich, dass Villingen, die Stadt der traditionsreichen Glockengießerei Grüninger, nach 200 Jahren wieder ein Glockenspiel hatte. Man betonte besonders, dass es ein Glockenspiel von Villingern für Villingen sei, und man gedachte Hubert Waldkirchers als des ursprünglichen Initiators des Glockenspiels.

Aufstieg zum Glockenspiel

Auf der Ostseite des Südturms erreicht man über eine Außentreppe die vollständig erhaltene enge, mittelalterliche Wendeltreppe, deren Stufen über die Jahrhunderte teilweise beachtlich ausgetreten sind. Der erste Austritt führt in die ehemalige Läutestube. Diese liegt über der in den Turm integrierten Kapelle des südlichen Seitenschiffs. In der Holzdecke der Läutestube entdeckt man mehrere Durchführungen aus gegossenem Glas für die früheren Glockenseile. Über der Holzdecke ist eine besondere bautechnische Rarität versteckt: eine massive Kragkuppel mit sog. falscher Wölbung, d.h. horizontale Ringschichten wurden auskragend gemauert. An der Westwand steht ein hoher Schrank vermutlich aus der Zeit der frühen Renaissance, er wurde an anderer Stelle möglicherweise als Paramentenschrank genutzt. Auf der rechten Seite des Schranks führt eine steile Differenztreppe durch die mächtige Turmwand zum Dachraum des südlichen Seitenschiffes. In dieser ehemaligen Läutestube steht jetzt das Keyboard des Glockenspiels, und an der Nordwand wurde die Spiel- und Steuereinrichtung des Glockenspiels befestigt.

 

Beim weiteren Aufstieg passiert man die Abzweigung zu den baugeschichtlich bedeutenden mittelalterlichen Dachstühlen über dem Chor und dem Mittelschiff. Auch der Nordturm kann von hier aus erreicht werden. Die Wendeltreppe endet auf der mittleren, massiven Ebene des Turmoktogons.

Glockenspielraum, Glockenstuhl

Bis unter den Boden des Hauptgeläuts öffnet sich ein ca. 11,0 m hoher, achteckiger Raum mit nur zwei schmalen Lanzettfenstern im unteren Bereich, dagegen mit sieben großen Maßwerkfenstern in der oberen Zone. Ein achtes südwestliches Fenster ist lediglich mit Leibungen und Spitzbogen angedeutet, anstelle eines Maßwerkes ist hier das Zifferblatt der Uhr befestigt. Alle Fenster sind mit Butzenscheiben verglast. Bezogen auf die Architektur, die Höhenlage, die Lichtführung und die städtebauliche Situation zum Münsterplatz kann man sich keinen schöneren, idealeren Raum für dieses hochwertige Instrument eines Glockenspiels vorstellen. Zwei Bauelemente mussten bei der Planung des Glockenspiels erhalten bleiben: Eine einläufige Holztreppe zu einem Zwischenpodest und eine steile Stahlwendeltreppe zum Hauptgeläut. Das Podest und die Wendeltreppe werden von zwei quer durch den Raum gespannten Stahlträgern gestützt. Der achteckige Raum und der zylindrische Glockenstuhl mit einem Außendurchmesser von 2,60 m und einer Gesamthöhe von ca. 6,00 m haben den gleichen Mittelpunkt, wobei die fünf horizontalen, kreisförmig gebogenen Glockenträger im Bereich der Wendeltreppe unterbrochen sind und somit optisch diese in ein räumliches Spannungsfeld einbeziehen (Abb. 9 + 10). Ein besonderes Erlebnis ist der Blick von der Wendeltreppe aus unterschiedlichen Höhen in das Glockenspiel hinein, wobei sogar die einzelnen Beschriftungen der Glocken gelesen werden können, die jeder Glocken-Pate nach dem Gießen seiner Glocke aufbringen lassen konnte: Namen oder Sprüche. Alle tragenden und verzinkten Teile des Glockenstuhls sind aus breitflanschigen Doppel-T- Stahlträgern hergestellt.

Abb. 9 Glockenspiel von unten nach oben.

 

Wegen der bereits beschriebenen Transportproblematik mussten lange Elemente vor Ort aus Einzelteilen verschraubt werden. Die jeweiligen Dimensionierungen erfolgten entsprechend den unterschiedlichen Belastungen. Das gesamte Glockenspiel einschließlich Glocken ruht auf zwei Trägern mit dem Querschnitt 240 x 240 mm. Deren vier Betonauflager sind jeweils wandbündig in das historische Mauerwerk des Turms eingelassen. Die Gesamtlast des Glockenstuhls einschließlich Glocken und Schlagtechnik beträgt über 5,0 to. Die Glocken sind fest verschraubt, folglich mussten bei der statischen Bemessung des Glockenstuhls keine dynamischen Kräfte wie bei schwingenden Läuteglocken berücksichtigt werden.

Glocken

Abb. 10 Glockenspiel von oben nach unten.

 

Das 51-stimmige Glockenspiel hat im neuen Glockenstuhl 46 neue Glocken und eine historische Glocke, die bereits erwähnte herrliche cis“- Franciscus-Seraphinus-Glocke, die einzige noch erhaltene Glocke des 1909 von den Gebrüdern Georg Adalbert und Josef Benjamin Grüninger gegossenen Geläuts.

Stimmlich in das Glockenspiel integriert wurden zudem vier Glocken des 1954 gegossenen Hauptgeläuts der Gießerei Schilling in Heidelberg, es sind dies: Die St. Josef Glocke (es‘, die tiefste Stimme im Glockenspiel, 1.389 kg), die St. Petrus und Paulus Glocke (as‘, 617 kg), die Bruder Klaus Glocke (b‘, 508 kg) und die St. Pius Glocke (c“, 336 kg). Diese vier Glocken des Schilling-Geläuts werden somit dreifach geläutet: einmal als schwingende Glocken des Gesamtgeläuts, ferner als Glocken für den Schlag der Uhrzeiten und nunmehr als Stimmen des Glockenspiels. Der tiefste Ton der neuen Glocken ist a‘ und der höchste a““‘. Das Villinger Glockenspiel stellt somit eine wohl einzigartige Glocken-Kombination dar.

Der Glockenguss erfolgte im traditionellen

Lehmformverfahren, in Handarbeit und mit der Metallmischung 78 % Kupfer und 22 % Zinn. Die Stimmung des Glockenspiels wurde auf 435 Hz – 3/16-stel festgelegt, um es mit den integrierten Glocken des Schilling-Geläutes und der Glocke von 1909 zu harmonisieren. Die Beschriftungen und Zeichen der Glocken sind nicht erhaben wie vielfach üblich, sondern sie wurden nach dem Guss in die erkalteten Glocken eingraviert. Die 46 neuen Glocken sowie die alte Glocke von 1909 sind in der Reihenfolge ihrer Größe in den fünf Etagen des Glockenstuhls jeweils an der Unterseite der gebogenen Stahlträger angeschraubt. Zwischen dem Flansch und der Glockenoberplatte befindet sich jeweils eine Schalldämpfungsplatte, um die Körperschallübertragung auf die Stahlkonstruktion zu reduzieren. Nur die historische Grüningerglocke von 1909 hat eine Krone und ist dementsprechend befestigt. Das Gesamtgewicht der Glocken im neuen stählernen Glockenstuhl einschließlich der Grüninger-Glocke jedoch ohne die Schlagwerkstechnik beträgt ca. 3.040 kg.

Die Glocken im Einzelnen, beginnend mit den größten Glocken in der unteren Etage (technische Angaben: Durchmesser/Gewicht – ca. cm/kg):

1. Etage 5 Glocken: a‘ (95/450) – h‘ (85/293) – cis“ (Grüninger-Glocke – 78/230) – d“ (73/180) – dis“ (69/150).

2. Etage 6 Glocken: e“ (63/135) – f “ (60/98) – fis“ (58/94) – g“ (52/88) – as“ (52/84) – a“ (52/65).

3. Etage 9 Glocken: b“ (46/55) – h“ (46/48) – c“‘ (41/47) – cis“‘ (41/45) – d“‘ (39/42) – dis“‘ (39/40) – e“‘ (37/38) – f “‘ (36/37) – fis“‘ (36/35).

4. Etage 12 Glocken: g“‘ (33/32) – as“‘ (33/31) – a“‘ (32/30) – b“‘ (32/29) – h“‘ (29/29) – c““ (29/28) – cis““ (29/28) – d““ (29/26) – dis““ (26/25) –.e““ (26/24) – f ““ (25/24) – fis““ (25/24).

5. Etage 15 Glocken: g““ (25/23) – as““ (25/23) – a““ (25/22) – b““ (24/22) – h““ (24/20) – c““‘ (24/19) – cis““‘ (22/17) – d““‘ (22/14) – dis““‘ (22/12) – e““‘ (22/10) – f ““‘ (22/10) – fis““‘ (22/10) – g““‘ (22/10) – gis““‘ (22/9) – a““‘ (22/8).

Schlagtechnik

Alle Glocken des Glockenspiels, auch die vier in das Spiel integrierten Schilling-Glocken des Hauptgeläuts, sind mit elektromagnetischen Schlaghämmern ausgerüstet, wobei diese bei den größeren Glocken auf der Glockeninnenseite anschlagen und bei den kleineren Glocken (ab der Glocke c“‘, 3. Glocke der 3. Etage) auf der Außenseite, da die kleineren Glocken für diese Technik innen zu eng wären (Pläne 2+3). Die Anschlagstärke wird bei jeder Glocke dauerhaft eingestellt, variierende Stärken während des Spiels sind nicht möglich. Aus diesem Grunde ist der spätere Einbau von manuellen Klöppeln für ein sog. „Stokkenklavier“ (aus dem Niederländischen) bereits technisch vorbereitet.

Elektronische Ausstattung

Für die Glockenspielsteuerung wurden eingebaut: Ein Glockenspielcomputer Typ Apollo II Midi und ein Keyboard (beide im ehemaligen Läuteraum) sowie ein Schaltschrank im Eingangsbereich des Glockenspielraumes mit der erforderlichen Anzahl an Leitungssteckplatinen für die Ansteuerung der Schlagwerkshämmer, Sicherungen, Verteilungen und sonstigen Installationen.

 

Plan 2, Schnitt: Alle Glocken von a‘ bis h“ mit innerem Magnethammer, später nachgerüstet mit manuellem Klöppel (1) Runde Stahlplatte an der die Mittelschraube, angeschweißt die beiden Gelenklaschen (2) des manuell spielbaren Klöppels und die Flachstahlschiene (3) für die Befestigung des Magnethammers. An der Schiene (3) bei Nachrüstung ebenfalls Befestigung der Rückholfeder des manuellen Klöppels (4).

 

 

Plan 3, Schnitt: Die Glocken ab c“‘ und kleiner mit äußerem Magnethammer. Spätere Nachrüstung mit manuellem Klöppel, dieser bei den kleinsten Glocken der 5. Etage voraussichtlich außen auf separatem Gestänge einschließlich Rückholfeder montiert. (1) eckige Stahlplatte, (2) Klemmsteg aus Flachstahl Beide Schnitte und Textangaben: Glockengießerei Perner/Passau.

 

Tägliche Spielzeiten des Glockenspiels 

Das Glockenspiel erklingt jeweils mit mehreren Melodien und fünf Minuten nach dem Stundenschlag zu den folgenden Zeiten: 10.05 Uhr – 12.05 Uhr – 15.05 Uhr – 18.05 Uhr

(Änderungen vorbehalten)

Ein Wunschtraum für die Zukunft: „Vom Glockenspiel zum Carillon!“

Die im Inneren aller Glocken eingebauten Klöppel wären durch Drahtzüge über ein Wellenbrett und Winkeleisen mit der Klaviatur, dem Stokkenklavier, verbunden. Federn würden die Klöppel zurückziehen (modernste Anlagen verwenden statt Drahtzügen nahezu geräuschlose Kunststoffzüge). Vom Stockkenklavier aus würden die Glocken ohne elektronische Hilfe nur durch die Kraft des Carillonneurs – die korrekte Berufsbezeichnung des Spielers – zum Erklingen gebracht werden. Die Klaviatur des Stokkenklaviers bestünde aus zwei Reihen abgerundeter Holzhebel und einer Pedalklaviatur.

In Villingen würde das Stokkenklavier genau im Zentrum des Raumes, unterhalb des Instrumentes und in der Achse des Zugangs von der steinernen Wendeltreppe stehen. Nach wenigen baulichen Veränderungen (Ausbau der Holztreppe und des Podestes und Verlängern der Stahl-Wendeltreppe) ergäbe sich mit überwältigender Wirkung die künstlerische Einheit von historischem Raum und modernem Instrument.

Darüber hinaus könnte mit dieser zusätzlich eingebauten Technik die künstlerische Qualität und Attraktivität des „Villinger Carillons“ erheblich gesteigert werden. Entsprechend ausgebildete und geübte Carillonneure könnten die Stärke jedes einzelnen Anschlages selbst bestimmen, die Möglichkeiten differenzierter Dynamik und individueller Interpretationen auch und gerade zahlreich vorhandener spezieller historischer und moderner Musikliteratur wären bei der Größe dieses Instrumentes mit 5 Oktaven eine außerordentlich spannende Perspektive. Mit diesem Artikel soll deshalb ein großer Kreis interessierter Bürgerinnen und Bürger auch auf die zusätzlichen Möglichkeiten des Glockenspiels aufmerksam gemacht werden. Als Carillon könnte es eine überregionale Bedeutung erreichen, auch und gerade im Kontext mit der allseits geschätzten und gern besuchten historischen Villinger Innenstadt. Der Gedanke an eine ergänzende Spendenaktion im kleineren Maßstab ist nahe liegend.

Hingewiesen sei bei dieser Gelegenheit auf ein ausgezeichnetes Beispiel in nicht allzu großer Entfernung von Villingen:

In Eppingen im Kraichgau wurde 1986 im Dachraum über dem Paradies (Haupteingang) der katholischen Pfarrkirche „Unsere Liebe Frau“ ein fast gleich großes Carillon mit 49 Glocken und Stokkenklavier errichtet. Die Bronzeglocken wurden in der Glockengießerei Metz in Karlsruhe gegossen, Vorbild waren Konstruktion und Rippenform des bedeutenden Glockengießers Friedrich Wilhelm Schilling (Heidelberg). Die technische Konzeption und der Klangumfang sind dem Villinger Instrument sehr ähnlich. Wesentlich vorteilhafter sind in Villingen die innenräumliche Situation und der städtebauliche Zusammenhang.

Häufige Carillonkonzerte finden in Eppingen großen Anklang. Regelmäßig spielen auch international renommierte Gast-Carillonneure. Andreas Schmid, Kantor und Carillonneur in Eppingen, wurde speziell an der belgischen Glockenspielerschule in Mechelen ausgebildet. Eine zweite, international bekannte Ausbildungsstätte gibt es im niederländischen Amersfoort.

Glockenmuseum

In erster Linie ist darunter die geeignete Präsentation der vorhandenen und bereits eingangs genannten drei Grüninger-Glocken zu verstehen, wobei jene von 1660 und 1857 von der Stadt als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt wurden. Ein Museum auf Zuwachs ist nur in geringem Maße denkbar, die räumlichen Möglichkeiten wären schnell erschöpft und wegen der geschilderten Transportprobleme kämen allenfalls kleine Glocken in Frage.

Die zwei Grüninger-Glocken von 1660 und 1857 hängen in der Eingangsebene des Glockenspielraumes, die cis“-Glocke von 1909 ist in das Glockenspiel integriert, ihr Originalklöppel hängt darunter. Ebenfalls im Eingangsbereich befindet sich eine gegossene Wandtafel zur Erinnerung an die Glockengießerei Grüninger und an Hubert Waldkircher als Initiator des Glockenspiels. Ferner sind die Namen aller Paten und Spender aufgeführt. An der gegenüberliegenden Wandfläche hängt ein Ölgemälde des bekannten Villinger Kunstmalers Albert Säger mit dem Titel: „Die Glockengießerei Grüninger“. Das Bild wurde von Gerhard und Hanni Hirt zur Verfügung gestellt.

Albert Säger war der Großonkel von Frau Hirt.

Paten und Spender

Aluminium-Werke GmbH Villingen – Gerlinde und Dr. Walter Angele – Anonym – Traudel Arnold – Hermann Bachert – Karin und Prof. Wolfgang Bauer – J.B. – Ingrid und Dr. Wolfgang Berweck – Dr. Friedrich Bettecken – J. & E. Bisswurm GmbH – Anna Bode – Christa und Bruno Broghammer – Maria-Luise Brunner-Schwer – Bucher Stahlhandel GmbH – Gerd Bunjes – Margret Busch – Thea und Hermann Colli – Cordes & Simon GmbH – Ursula und Fritz Dätwyler – Katharina und Eckart Dehmel – Deutsche Bank AG Villingen – Martin Dürrhammer – Dres Elsbeth und Klaus Dumkow – Hanne und Dieter Ehnes – Pfarrer Bernhard Eichkorn – Walter und Rita Faller – Münster-Firmanden 2006 – Ursula Flamm – Konrad Flöß – Elfriede Fromm – Else Gerlach – J. Grießhaber KG – Brigitte und Siegfried Güntert – Brunhilde Güntert – Hermann Güntert – Hermann Güntert und Gäste – Rudolf Haberstroh – Elli Häsler – Haller Industriebau GmbH – Frieda Heinzmann – Luitgard und Thomas Herzog-Singer – Hezel GmbH – Hanni und Gerhard Hirt – Ingrid und Werner Hock – Claudia Hoffmann und Gerhard Hauser – Werner Huger – Jahrgang 1946/47 – Hartmut Jung – Else Kaiser – Maria und Adolf Ketterer – Thomas Ketterer – Elisabeth und Paul Klemens – Dr. Rudolf Köberle – Maria Kofler – Relindis und Ulrich Kolberg – Gertrud und Dr. August Kroneisen – Rönnaug und Prof. Dr. Klaus Lang – Johanna und Helmut Link – LIONS- Club Villingen – Willibald Ludwig – Dr. Gisela Meinke-Wenzel – Ursula und Manfred Merz – Elfriede Meyer – Andrea Müller-Janson und Karsten Keudel – Manfred Müller – Elisabeth Neugart – Dr. Albrecht Neumann – Marta Obergfell – Marianne und Siegbert Reinsch – Ernst Revellio – Grit und Fritz Revellio – Gabi und Herbert Riegger – Hannelore und Dr. Werner Riegger – Julia und Franz Riegger – Viktor Riegger GmbH – Edith Riesterer – Maria Saier – Regina und Christian Schienle – Lotte Schmitt – Susanne Schneider – Margareta Smykala – Sparkasse Schwarzwald-Baar – Ingrid, Martina und Ralf Spendel – Dr. Christel Stahlberg – Irmgard Stenzel – Spomenka und Dr. Karsten Stern – Renate und Klaus Stetter – Gesine und Hanspeter Stoll – Christine und Harald The Losen – Andreas Turner – Turner St. Konrad – Volksbank eG Villingen – Sibylle Waldkircher – Helga Weidenhammer – Franz Wiebelt – Claudia und Dietmar Wildi – Brigitte und Heinrich-Josef Winker – Gisela Wittmer – Familie Zampolli-Lucchetta.

Freude über das gelungene Werk ist diesen Herren anzusehen. Sie alle haben mitgewirkt, das Glockenspiel im Münsterturm zu realisieren. Von links: Glockengießermeister Rudolf Perner, Ulrich Kolberg, Dieter Ehnes, Franz Blaser, Altdekan Kurt Müller und der Freiburger Glockeninspektor Kurt Kramer.

 

 

 

Vom Aberglauben: Kreuzweg und Höllenhund (Werner Huger)

Glaube und Aberglaube sind dem Menschen wesenhaft und was den Aberglauben betrifft, eine verborgene Erscheinung die man nicht zu Markte trägt. Aufklärerische Vernunft und moderne elektronische Kommunikation wie Fernsehen und Internet vermochten wenig zu ändern. So ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage1, dass eine Mehrheit von Frauen und Männern in Deutschland an übersinnliche Kräfte und Erscheinungen glaubt, zu denen auch Geisterkontakte gehören. Wir entfernen uns also nicht aus der Zeit, wenn wir die schicksalsträchtigen Legenden, Mythen und düstere Phantasien als realen Teil des Volksglaubens zur Kenntnis nehmen. Auch heute noch gibt es Bevölkerungskreise die sich als Eingeweihte in vermeintliche Geheimlehren verstehen.

Das Spezifische des Aberglaubens ist vor allem sein pseudoreligiöser Bezug, bei dem neben bösen Geistern, wie dem leibhaftigen Teufel und Hexen, manchmal auch göttliche Wesen, wie Engel, aber auch Fluch und Segen eine Rolle spielen. In Verbindung mit dem christlichen Glauben hat der Aberglaube offiziell als überholt zu gelten oder er widerspricht der kirchlichen Lehrmeinung. Mögen die Grenzen auch fließend sein, es ändert sich nichts an der Festgefügtheit des Aberglaubens, wie uns beispielhaft schon die Akten der Villinger Hexenprozesse lehren. Das zehnbändige „Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens“ liefert uns davon eine unübersehbare Fülle. So heißt es hier u. a. vom Kreuzweg „Unter den Orten, an denen nach dem Volksglauben das Übernatürliche am mächtigsten wirkt und die daher zu allerhand schützendem oder aber bösem Zauber geeignet sind, stehen die Kreuzwege in besonderem Ansehen. Zu ihnen gehören nicht nur die Stellen, wo sich zwei oder mehrere Wege kreuzen2 (Wegkreuzungen) sondern auch Weggabelungen (Wegscheiden)“. Als Aufenthaltsort der Geister sind sie magische Orte, wo unter bestimmten Bedingungen, z. B. um Mitternacht oder nach beschwörenden Ritualen, der Zauber obwaltet, sei es, dass man hier durch Belauschen der Geister Verborgenes oder Zukünftiges erkennt, Glück und Liebe erlangt oder Unglück und Tod erfährt oder den Geistern Verstorbener begegnet. Andererseits findet man hier Heilung von Krankheiten, Schutz vor Gefahren die Mensch und Tier drohen oder von diesen ausgehen und man vermag übernatürliche Kräfte zu gewinnen.

Die Bücher mit Sagen, Legenden und die vom Volksleben, bis hin zur spätmittelalterlichen Chronik der Grafen von Zimmerns von kulturgeschichtlichem Rang, sind gespickt mit derartigen Geschichten. Gleiches gilt bis heute von mündlich weiter gegebenen Erzählungen, seien sie ernstgemeint oder sarkastisch. Um konkret zu werden: Eines Tages stand ich mit einem Arbeiter aus dem Steinbruch im Groppertal beim Gasthof „Forelle“ auf heimatlicher Flur am Straßenrand. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf die gegenüberliegende Höhe, Richtung Breitbrunnen/Unterkirnach, wo sich der Stadtwald ausbreitet, und sagte den mir unvergessenen Satz: „Dort droben, auf ‚m Kreuzweg, nachts um Zwölfe, no kommt ER und no muscht unterschreibe, mit Blut“. Er meinte damit, man müsse dem Teufel Leib und Seele verschreiben.

Wir wollen in der Heimat verbleiben, auch wenn wir uns „ins Tal“ entfernen, d. h. hinunter nach Haslach, wo einst der Volksschriftsteller Pfarrer Hansjakob in seinen „Schneeballen“ dem

„Wendel auf der Schanz“ auf dem hochgelegenen Fehrenbacher Hof ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Einst soll im alten Haus des Fehrenbacher Hofes (vor 1888) ein böser Geist, der „Höllenhund“, umgegangen sein. Als das Haus um 1890 abbrannte erstand es an einstiger Stelle neu und war zeitweilig ein Gasthof. Heute steht es leer und wird nur zeitweilig bewohnt.

 

Wenngleich es in der nachstehend geschilderten Geschichte vom Kreuzweg bzw. „Höllenhund“ zu Verwechslungen der Familiengeschichte von Vater und Sohn und einigen Ungereimtheiten kommt, ist in ihr nichtsdestoweniger der Aberglaube erhalten geblieben, der bei der Gründung der närrischen „Höllenhundzunft Hofstetten e.V.3“ Pate stand. Und so erzählt die „Höllenhundzunft“ die Geschichte: Die Sage vom Höllenhund in Hofstetten.

Oberhalb vom Fehrenbacher Hof, an der Gemarkungsgrenze zwischen Hofstetten (Anm.: Ortsteil von Haslach) und Welschensteinach, der sogenannten Teufelsküche, erhebt sich das Fehrenbacher Kreuz, welches 1872 von Wendelin und Genoveva Fehrenbacher gestiftet wurde. Unweit des Kreuzes (Anm.: nördlich davon bei der gegenüber liegenden Wegseite) soll ein „Höllenhund“ begraben sein, der einst auf dem Fehrenbacher Hof sein Unwesen getrieben habe. Nach dem Tode des als Prozesskrämer verschrieenen ehemaligen Bürgermeisters von Hofstetten und Besitzer des Fehrenbacher Hofes, Josef Fehrenbacher, im Jahr 1863, soll auf dem Hof ein böser Geist in Gestalt eines abscheulichen schwarzen Hundes umgegangen sein. Eines Abends hatten sich die Bewohner der umliegenden Höfe auf dem Fehrenbacher Hof zu einem Lichtergang zusammengefunden. Plötzlich klopfte es an die Tür. Nichts Gutes ahnend öffnete die Bäuerin und rief: „Rie was rie mueß!“. Da sprang unter die erschrockenen Gäste ein furchterregender schwarzer Hund.

Vom Fehrenbacher Hof geht der Blick hinab ins Altersbacher Tal bei Hofstetten/Haslach und hinüber zu den östlichen Schwarzwaldhöhen beim Farrenkopf (789 m).

 

Seit jenem Abend ließ er sich nicht mehr aus dem Haus vertreiben. Der Sage nach nahm das Gespenst mitunter verschiedene Gestalten an. Einmal soll es eine Maus, das andere Mal eine Schlange gewesen sein, die sich um den Ofen herumwand und bis zum Fenster reichte. Die Bewohner des Fehrenbacher Hofes und mit ihnen viele Hofstetter Bürger waren durch den Geist in Angst und Schrecken versetzt. In der Not holte der damalige Hofbesitzer, Wendelin Fehrenbacher, wiederholt den Eigentümer und gehört heute einer Berliner Familie, die es nur zeitweilig bewohnt. Der übrige Grundbesitz geriet in eine Erbteilung und ist für die Besitzer mehr Last als Nutzen. Vom Haus führt ein ansteigender befestigter Weg rund 150

Meter zum Höhenrücken im Norden. Am Scheitelpunkt treffen sich der von Haslach heraufziehende sowie der von Nordwesten aus dem Welschensteinacher Tal ansteigende und der südwestlich aus 720 Meter vom Hesseneck herabführende Weg. Wo die Scheidewege aufeinander treffen, an ihrem Schnittpunkt, ist der magische Ort, der sich mit dem Begriff „Kreuzweg“ verbindet. Hier soll, wie man mir aus der Bevölkerung berichtet hat, der vom Kapuziner unter einen Sautrog gebannte Höllenhund verborgen sein. Wenige (Anm.: der Sohn des oben genannten Josef F.) einen Haslacher Kapuziner, der den hartnäckig im Haus herumspukenden Hund bannen sollte. Auf die Frage des Kapuziners, wer er denn sei, antwortete der Hund, er sei der böse Geist des verstorbenen Josef Fehrenbacher, der zur Strafe für sein ständiges Prozessieren und seine andauernden Streitigkeiten keine Ruhe finde und nun als „Höllenhund“ umherirre. Der Geist bat den Kapuziner, ihn nicht ins Freie zu bannen, wo er den Unbilden der Witterung ausgesetzt wäre. Um dieser Bitte zu entsprechen, bannte der Kapuziner den Höllenhund unter einem Sautrog und ließ ihn oberhalb des Fehrenbacher Hofes auf einer Wiese begraben. Wenige Meter daneben errichtete einige Jahre später Wendelin Fehrenbacher ein schönes Steinkreuz mit dem Bildnis des gekreuzigten Heilands, in der Hoffnung, dass der „Höllenhund“ für immer von seinem Hof verbannt sein und die arme Seele seines Vaters endlich die Ewige Ruhe finden möge.

Das alte Haus des Fehrenbacher Hofs brannte vor mehr als hundert Jahren ab.

Der Wendelin und seine Genoveva waren davor schon in den wirtschaftlichen Ruin geraten und lebten damals armselig in einer Behausung der Stadt Haslach. Man hat ihn zunächst sogar der Brandstiftung verdächtigt. An der Stelle des alten Hofgebäudes wurde das heutige Haus gebaut, das zeitweilig auch als Gasthaus diente.

An der nördlichen Hofgrenze steht das Fehrenbacher Kreuz. Seine Inschrift lautet: Gestiftet von Wendelin Fehrenbacher und dessen Ehefrau Genovefa anno 1872.

 

Ein magischer Ort: Der Kreuzweg nördlich oberhalb des Fehrenbacher Hofes. Auf der dem Hofkreuz diagonal gegenüber liegenden Ecke (links) soll der Höllenhund gebannt sein.

Es wechselte Meter gegenüber, dort wo man den Privatweg zum Fehrenbacher Hof betritt, steht am Wiesenrand auf dem Hofgrund das erwähnte Sandsteinkreuz des Wendelin Fehrenbacher und seiner Ehefrau Genoveva aus dem Jahr 1872.

Frömmigkeitsgeschichtlich ist, neben anderen religiösen Funktionen, das Kreuz zunächst ein Zeichen des lebendigen Gottes und wird als Auferstehungssymbol zum Heilszeichen. So ist sein Standort stets ein geheiligter Ort. Das Kreuz bietet sowohl Schutz als auch Segen und mahnt gleichzeitig zur Andacht. Im Volksglauben (Herrgottswinkel, Wegkreuz) „werden ans christliche Symbol oft magische Erwartungen geknüpft“4.

In diesem Zusammenhang ist das Feldkreuz des Wendelin und der Genoveva Fehrenbacher zu sehen. Es steht an keinem zufälligen Standort. Es ist exakt auf den Schnittpunkt des Kreuzweges bzw. der Scheidewege ausgerichtet und es steht am Rande des Fehrenbacher Grundbesitzes, ja es liegt genau der Stelle gegenüber, wo dem Aberglauben nach der Höllenhund verborgen liegt. Auf diese Weise wird man in dem Flurkreuz auch ein Bannungszeichen sehen dürfen, das die bösen Geister, die Höllenmächte, nicht zuletzt den Höllenhund, von Haus und Hof fernhalten soll.

Als 1872 das Kreuz vom Wendelin und seiner Genoveva errichtet wurde, lebte man in dieser Weltabgeschiedenheit noch ganz mit den magischen Zeichen der Natur, die vermeintlich bestimmend ihren Zugriff auf den Menschen ausübten und ihn, verbunden mit dem Glauben und dem Aberglauben, beherrschten.

Literatur und Quellen:

Meyer Elard Hugo, Badisches Volksleben im 19. Jahrhundert, 1990 Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Gruyter Verlag, Berlin 1986, Band 5, Spalte 516 ff.

1 Forsa-Umfrage für „Die Woche“, April 1997.

2 Handwörterbuch d. D. A., a.a.O., Bd. 5, Spalte 516.

3 Computerausdruck aus der Homepage der „Höllenhundzunft Hofstetten e.V.“

4 Lurker Manfred, Wörterbuch der Symbolik, Kröner Verlag Stuttgart, 1991, S. 406, Stichwort: Kreuz.

 

Der Kreuzfahrer Conrad von Schwarzenberg (Andreas Haasis-Berner )

Unweit des heutigen Villingen befinden sich als geschütztes Denkmal die Reste der Niederungsburg Runstal. Im frühen 13. Jahrhundert wird diese Burg von ihren Besitzern und mutmaßlichen Erbauern, den Herren von Schwarzenberg, Vögte des Reichsklosters St. Margarethen bei Waldkirch, an das Kloster Salem verkauft, was zu einer erstaunlichen Reihe von Urkunden führt. Anhand dieser Urkunden lassen sich eine Vielzahl von Entwicklungen und Entscheidungen ablesen, die nicht nur regional-, sondern auch reichspolitische Bedeutung haben. Da sich dieser Verkauf in den Zusammenhang mit den Kreuzzügen fügt, und Conrad von Schwarzenberg einer der wenigen süddeutschen Adeligen ist, von dessen drei Orientfahrten etwas mehr bekannt ist, muss dem besseren Verständnis wegen auch auf diese eingegangen werden.

Die früh- und hochmittelalterliche Besiedlung der Villinger Gemarkung aufgrund archäologischer und historischer Befunde. Merowingerzeitliche Fundstellen sind mit einem Balken markiert, das Jahr der ersten urkundlichen Nennung der Siedlungen ist in Klammern angegeben: 1 Altstadt (817), 2 Nordstetten (762), 3 Waldhausen (769), 4 Kapf, 5 Vockenhausen (1138), 6 Runstal (1111), 7 Volkertsweiler (1091), 8 Affenberg (1274 als Wüstung), 9 Hochmittelalterliche Stadt Villingen. M 1:25.000 (Kartengrundlage OHL 7916 Villingen-Schwenningen). Quelle: Bertram Jenisch: Die Entstehung der Stadt Villingen. Stuttgart 1999, S. 34.

Die Kreuzzüge stehen als historisches Phänomen weitgehend einzigartig in der Geschichte Europas da. Von dem Ende des 11. Jahrhunderts bis ans Ende des 13. Jahrhunderts zogen bewaffnete und unbewaffnete Gruppen, aber auch Einzelpersonen, in das Heilige Land, um die christlichen Stätten – vornehmlich Jerusalem – von den Muslimen zu „befreien“. Diese Züge konnten ihr Ziel nur in den seltensten Fällen erreichen. Sie scheiterten an der miserablen Moral der Teilnehmer, an der mangelnden Organisation, an dem Mißbrauch ihrer Inbrunst oder schlicht auch an ihrer Naivität. In der älteren Literatur überwiegt ein positives, christenfreundliches Bild dieser Züge. Vom Ansatz her lauter, in der Durchführung gerecht und in den Zielen häufig erfolgreich. Doch bei immer besserer Kenntnis wird deutlich, dass es sich um ein sehr vielschichtiges und häufig zutiefst unmoralisches und letztlich erfolgloses Unterfangen handelte. Allein schon die Vorstellung, dass Christen den Glauben mit dem Schwert verteidigen oder verbreiten könnten, widerspricht an sich der christlichen Lehre. Die Vorstellung der Heidenmission geht auf Augustinus zurück, der die Verteidigung als Grund für einen gerechten Krieg ansah. Von hier war es nur ein kleiner Schritt, den Krieg gegen Heiden zur Mission als gerechtfertigt anzusehen, wie die Sachsenfeldzüge Karls des Großen erstmals zeigten und den Grundstein für eine Denkweise legte, unter der noch heute zahllose Menschen zu leiden haben. Die Ermordung von Juden, um mit ihrem Vermögen den Kreuzzug finanzieren zu können, die Eroberung und Plünderung des christlichen Konstantinopel oder die Exkommunikation Friedrich II. durch den Papst, weil er das Ziel, die „Befreiung“ Jerusalems erreicht hatte, sind nur Stichworte, die den Wahnsinn und die unsägliche Inkonsequenz in diesen Unternehmen und dem Versuch ihrer Rechtfertigung erahnen lassen.

Unter welchem Gesichtspunkt der im Folgenden maßgeblich erwähnte Conrad von Schwarzenberg, der Besitzer des Gutes Runstal bei Villingen, zu betrachten ist, muss mangels Quellen unbeantwortet bleiben. Wo der Historiker mangels Quellen aufhören muss, kann der Leser mittels Phantasie weitere Überlegungen anstellen.

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stehen die Schwarzenberger eindeutig auf der Seite der Staufer und in Opposition zu den Zähringern.

Der letzte Vertreter der älteren Linie der Schwarzenberger tritt uns ab 1189 in der schriftlichen Überlieferung als treuer Anhänger von Friedrich Barbarossa (1152 –1190), Heinrich VI. (1190 –1197) und Philipp II. (1197–1198) entgegen. Sein Geburtsdatum ist, wie zu dieser Zeit üblich, nicht bekannt. Unter der Annahme, dass er 1289 mindestens Mitte Zwanzig war, dürfte er etwa 1165 geboren worden und 1212/1213 im Alter von etwa 48 Jahren gestorben sein. Seine Motive dürften inbrünstige Frömmigkeit und der Wunsch nach Vergebung der Sünden durch fromme Taten, wie die Befreiung des Heiligen Landes durch die Eigenschaft als Ritter, gewesen sein. Sie führen dazu, dass er innerhalb von 18 Jahren drei-viermal das Kreuz nimmt.

Teilnahme am dritten Kreuzzug (1189 –1991)

Nachdem im Herbst 1187 Saladin von Ägypten ausgehend Jerusalem und die meisten christlichen Städte und Burgen des Königreiches Jerusalem wieder erobert hatte, entschloss sich Friedrich Barbarossa im Herbst 1288 dazu, einen neuen Kreuzzug zusammenzustellen. Der Aufbruchstermin in Regensburg wurde auf April 1189 festgelegt. Gleichzeitig zogen auch französische und englische Ritter nach Outremer, wie die Kreuzfahrerstaaten zu dieser Zeit genannt werden.

Bei dem Aufruf an alle Ritter seines Reiches, ihm ins Heilige Land zu folgen, berücksichtigt Friedrich Barbarossa die beim zweiten Kreuzzug (1147–49) seinem Onkel Konrad III. unterlaufenen Fehler.

Die teilnehmenden Ritter haben die Pflicht, genügend Geld mitzunehmen, um sich und ihr Pferd zwei Jahre lang zu versorgen. Mittellose und Pilger dürfen nicht mitziehen. Im Frühjahr 1189 hält sich Friedrich Barbarossa noch im Elsaß (Straßburg, Hagenau) auf und zieht dann eilig nach Regensburg. Es dürfte sehr wahrscheinlich sein, dass einige der später erwähnten breisgauischen Adeligen sich schon jetzt dem Kaiser angeschlossen haben, um ihn nach Regensburg zu begleiten. Das Heer in Regensburg besteht aus etwa 3000 Rittern, was enttäuschend wenig war. Es handelt sich hier um einen rein militärischen Heereszug und keine Kriminellen und mittellosen Rittern unternommen wurde.

Kaiser Friedrich I. (Barbarossa)

 

Einige der teilnehmenden Ritter (de nobilibus meliores aus Suevia et Alsatia) werden namentlich genannt: Bischof Rudolf von Lüttich aus dem Hause Zähringen, Markgraf Hermann IV. von Baden, Vogt Conrad von Schwarzenberg, Graf Berthold von Nimburg.1 Der Zug beginnt am 11. Mai in Regensburg und folgt der Donau bis Belgrad. Bei Nisch im heutigen Serbien wird das Heer neu aufgestellt und in fünf Haufen aufgeteilt. Der erste Haufen wird von Herzog Friedrich V. von Schwaben befehligt, die Fahne darf als besondere Auszeichnung Berthold III. von Nimburg tragen.2

Höchstwahrscheinlich befindet sich Conrad von Schwarzenberg auch in diesem Haufen. Stellenweise müssen sich die Ritter den Weg freikämpfen. Seuchen und Hitze setzen ihnen schwer zu. In Thrazien ist aufgrund zäher Verhandlungen dem oströmischen Kaiser abzusehen, dass sie hier überwintern müssen. Chronisten berichten von der Not der Teilnehmer, die vor Hunger ihre Saumtiere schlachten und essen und teilweise das mitgebrachte hölzerne Belagerungsgerät verfeuern. Erst Ende März 1190 kann das Kreuzfahrerheer über den Hellespont übersetzen. Nun beginnt der schwierige Teil des Zuges, da bald das seldschukische Reich betreten wurde. Kurz vor Seleukia springt der 68jährige Kaiser am 10. Juni 1190 trotz der Warnungen seiner Getreuen in den kalten Saleph, versinkt und wird später tot aus dem Wasser gezogen. Der Schwung der Deutschen erlahmt sichtlich. Ein größerer Teil der Ritter kehrt nun um und zieht in die Heimat zurück. Die übrigen Ritter ziehen trotz zahlreicher Widrigkeiten unter der Führung von Herzog Friedrich V. weiter nach Süden. Viele von ihnen fallen einer Seuche zum Opfer. Das im Oktober 1190 in Akkon ankommende Heer ist gerade noch einige Hundert Mann stark und stark geschwächt. Hier stirbt am 20. Januar 1191 auch Friedrich V. von Schwaben.

Akkon ist eine Weltstadt am Mittelmeer mit vielen Tausend Einwohnern. Sie war nach ihrer Eroberung einer der wichtigsten Stützpunkte der Kreuzritter im Heiligen Land und gewissermaßen die Hauptstadt von Outremer. Hier ließen sich viele von ihnen nieder und kamen so in den Kontakt mit der arabischen Welt. Es gibt Viertel der Genuesen, der Venezianer und der Pisaner. Akkon bleibt für viele Jahre die einzige Stellung der Christen in Palästina.

Man muss sich die Verhältnisse vor Augen führen: Von April 1189 bis zum Herbst 1190 sitzen die deutschen Ritter im Sattel ihrer Pferde, kämpfen sich die Hälfte der Strecke den Weg frei, widerstehen Hitze und Kälte, Staub, Unwettern und Krankheiten. Die Nächte verbringen sie in Zelten. Essen gibt es aus der Feldküche – wenn die Versorgung klappt. Sie dürften nur selten ein festes Haus betreten haben. Diese Entbehrungen, Stunden der Angst und Verzweiflung hält sie nicht davon ab, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Die Befreiung der Heiligen Stätten.

Vor Akkon hatten sich Franzosen und Engländer verschanzt, um die Stadt zu erobern, was ihnen aber noch nicht gelungen war. Im April 1191 erreichen fünf Schiffe mit Rittern und Ausrüstung unter der Führung von König Philipp von Frankreich die Hafenstadt. Anfang Juni dieses Jahres landet König Richard Löwenherz mit fünfundzwanzig Schiffen, auf denen sich etwa 1000 Ritter und ebenso viele Fußsoldaten befinden. Nun brechen die auch in Europa vorhandenen Zwistigkeiten zwischen Franzosen und Engländern deutlich hervor. Da der Nachschub für die in Akkon eingeschlossenen muslimischen Verteidiger abgeschnitten wird, geben sie schließlich am 12. Juli 1191 auf.

Da die Versorgung der Kranken und Verletzten nicht ausreichend geregelt ist, und sich die Johanniter weigern, die Deutschen zu behandeln, schließen sich Bremer und Lübecker Kaufleute zu einer Gemeinschaft zusammen, um den Kranken zu helfen. Hier, am Strand vor Akkon, liegt der Ursprung des Deutschen Ordens, der einer der größten Ritterorden des Mittelalters werden sollte und durch die Missionierung und Eroberung großer Teile Osteuropas deutliche Spuren hinterlassen hat.

Vor Akkon stirbt trotz dieser karitativen Organisationen der Ministeriale des Berthold von Nimburg Nibelung (oder Wolfram) von Köndringen. Sein Bruder war schon im November 1189 im Kampf umgekommen. Sie verfügt eine Schenkung an das Kloster Tennenbach, die von Berthold III., der somit ebenfalls hier in Akkon ist, nach seiner Rückkehr bestätigt wird.3 Sie sind unter den wenigen, die nach dem Tod Barbarossas trotzdem weiter ins Heilige Land gezogen sind. Unter diesem Gesichtspunkt kann man vermuten, daß auch Conrad von Schwarzenberg an der Eroberung Akkons teilgenommen hat und anschließend zusammen mit Berthold III. von Nimburg (1292/1293?) in den Breisgau zurückgekehrt ist. Quellen gibt es hierfür allerdings nicht.

Auf seinem Heimweg wird Richard Löwenherz gefangengenommen und muss sich für 150.000 Mark Silber von dem deutschen König Heinrich VI. freikaufen. Dieser finanziert mit diesem Geld seinen Kreuzzug.

Teilnahme am Kreuzzug Heinrich VI. (1197)

Conrad von Schwarzenberg scheint 1195/96 alle seine Güter – und dazu gehörte auch Runstal, wie aus einer jüngeren Urkunde hervorgeht, dem König Heinrich VI. abgegeben zu haben, um von ihm als Lehen wieder zurückzuerhalten.4 Welche Beweggründe hinter dieser Handlung standen, ist derzeit nicht zu erhellen. Es spricht allerdings einiges dafür, wie bei Berthold III. von Nimburg, die Kreuzzugspläne von Heinrich VI. mit diesem Schritt in Verbindung zu bringen. Etwa zur gleichen Zeit (1195/96 ?, sicher vor Mai 1198) übergibt Conrad von Schwarzenberg Berthold III. von Nimburg ein Gut in Mundingen.5 Weshalb Conrad von Schwarzenberg das Gut, das wenig später für immerhin 150 Mark den Besitzer wechselt, Berthold III. schenkt, geht aus den Quellen leider nicht hervor. Möglicherweise hat Berthold III. Conrad auf dem Kreuzzug finanziell geholfen und erhält seine Auslagen auf diesem Wege wieder zurück. Ebenso ist unbekannt, weshalb Berthold III. dieses Gut den Johannitern übergibt. Allerdings kommt hier ein erneuter Bezug zum Kreuzzug zum Tragen, sind doch die Johanniter einer der großen Ritterorden, die im Verlauf der Kreuzzüge entstanden sind. Die Johanniter wiederum haben das Gut um 150 Mark an das Kloster Tennenbach verkauft. Dem stolzen Kaufpreis zufolge muss es sich um ein ansehnliches Gut gehandelt haben. Die Johanniter hatten zu dieser Zeit noch keine Niederlassung im Breisgau.

Deshalb wird sich der Orden schnell von dem Besitz wieder getrennt haben. Diese Übertragung dürfte eine der ersten Besitzübertragungen an diesen Orden im Breisgau sein. Als Grund Bertold III. für die Übertragung des Gutes an den Ritterorden wird „für sein und der Seinen Seelenheil“ genannt. Wir können vermuten, dass sich die Johanniter um Bertold III. im Heiligen Land verdient gemacht haben, und dass er somit seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte.

Wenn sich Conrad von Schwarzenberg tatsächlich dem Kreuzzug von Heinrich VI. angeschlossen hat – und dies ist mangels Quellen reine Spekugebrochen sein. Dass er tatsächlich auf diesem Zug dabei war, könnte durch die spätere Beziehung zu Otto von Botenlauben bestätigt werden, der sicher bei diesem Kreuzzug teilgenommen hat.6 Dieser entstammt der mächtigen fränkisch-thüringischen Familie von Henneberg und nennt sich ab dem frühen 13. Jahrhundert nach der bei Bad Kissingen erbauten Burg. Er gehört zum engeren Beraterkreis Heinrich VI. und ist am 9. Juli 1197 als Zeuge in Linaria (Sizilien) erwähnt.7 Im August/September schiffen sich die Ritter in Richtung Akkon ein. Sie erobern Sidon und Beirut und sichern die Küste für die Kreuzfahrer. Die Eroberung Jerusalems scheitert jedoch schon im Vorfeld an der Festung Toron. Dauerhafter Erfolg des Unternehmens ist der Friedensschluss bis Februar 1204 und die Institutionalisierung des Deutschen Ordens am 5. März 1198. Heinrich VI. erlebt den Erfolg seines Kreuzzuges allerdings nicht mehr. Er stirbt an den Folgen der Malaria am 28. September 1197 in Messina und wird in Palermo beigesetzt. Trotz der beachtlichen militärischen Erfolge wird dieser Zug in der offiziellen Zählung der Kreuzzüge nicht mitgezählt.

Teilnahme am vierten Kreuzzug (1202 –1204)

Die nächste Erwähnung von Conrad zeigt, dass er sich 1201 im Breisgau befindet.8 Denn in diesem Jahr predigt der Abt Martin von Pairis den Kreuzzug.9 Eine seiner wichtigen Predigten findet in der Marienkirche in Basel statt.10 Angeblich soll Abt Martin von Kardinal Petrus Capuanus die Führerschaft des deutschen Teils des Kreuzfahrerheeres übertragen bekommen haben. Den Rittern, die das Kreuz nehmen und ein Jahr lang zur Eroberung des Heiligen Landes beitragen, war schon 1199 vom Papst die Vergebung aller gebeichteten Sünden versprochen worden. Dieser Aufruf trifft vor allem in Frankreich auf offene Ohren, aber auch ein weiteres deutsches Ritterheer sammelt sich, um ins Heilige Land zu ziehen.

Allerdings führt sie der Weg dieses Mal nicht über den Balkan, sondern über Venedig, wo sich die meisten Ritter einschiffen. Abt Martin von Pairis ist im Juni/Juli 1202 in Verona, wo sich zur gleichen Zeit der byzantinische Thronprätendent Alexios IV. aufhält und von hier aus Kontakt mit den Kreuzfahrern in Venedig aufnimmt. Er bittet sie, ihm bei der Erlangung der oströmischen Kaiserkrone zu helfen.11

Der Termin der Abfahrt des Kreuzfahrerheeres war auf den April 1202 festgelegt worden. Conrad von Schwarzenberg (und Abt Martin?) dürften somit im März 1202 im Breisgau/Elsaß aufgebrochen sein, um im April 1202 in Venedig anzukommen.

Die Venezianer hatten im Vorfeld des Kreuzzuges versprochen, den Transport der Ritter und ihrem Gefolge gegen die Zahlung von 85.000 Mark zu übernehmen. Nachdem allenfalls ein Drittel der erwarteten Zahl dem Ruf gefolgt war, die Venezianer auf die Zahlung der gesamten Summe bestanden, und das Geld trotz heftiger Bemühungen nicht aufgebracht werden konnte, zwingen die Venezianer die Ritter dazu, die ehemals zur Lagunenstadt gehörende Stadt Zara in Dalmatien zu erobern. Diese Belagerung beginnt am 11. November 1202 und endet nach drei Tagen mit der Kapitulation der Stadt. Sie wird geplündert und hälftig zwischen den Venezianern und den Kreuzfahrern aufgeteilt. Es folgen blutige Kämpfe zwischen beiden Parteien. Abt Martin ist unter den wenigen, die gegen die Eroberung der Stadt opponieren.12

Der Papst verhängt über die Kreuzritter die Exkommunikation, da sie gegen Christen Krieg geführt haben. Dies wird wenig später aufgehoben. Eine Weiterreise verschiebt sich nicht zuletzt durch den Einfluss der Venezianer. Es wird deutlich, dass nicht Jerusalem das Ziel des Zuges sein soll, sondern eine andere Stadt. Schließlich wird der Beschluss gefasst, Konstantinopel zu erobern. Daraufhin verlassen zahlreiche Kreuzfahrer das Heer – u. a. Abt Martin – und machen sich auf den Weg nach Hause oder segeln nach Akkon.

„Am Ostermontag (7. April) waren alle Schiffe beladen“, so berichtet Gotfried von Villehardouin, einer der Chronisten des Zuges.13 Im Juni 1203 sind sie vor Konstantinopel, das Ende Juli eingenommen wird. Doch auch nun wird von dem neuen Kaiser Alexios, der die Kreuzfahrer zu der Eroberung eingespannt hatte, die Weiterfahrt ins Heilige Land erneut verzögert. Bald schlägt der alte Kaiser zurück, vertreibt die Kreuzfahrer aus der Stadt, verhaftet Alexios und erwürgt ihn schließlich (Februar 1204). Am 9. April 1204 beginnt die erneute Belagerung der Stadt. Diese wird drei Tage darauf erobert und geplündert.

Abt Martin hatte sich am Karfreitag (4. April) des Jahres 1203 dazu entschlossen, das Kreuzfahrerheer zu verlassen und direkt ins Heilige Land zu segeln.14 Er konnte oder wollte sich nicht an der Fahrt nach Konstantinopel beteiligen. Dies dürfte auch für Conrad von Schwarzenberg gelten. Sie kamen Ende April in Akkon an.15 Hier werden sie Zeuge einer verheerenden Seuche. Zudem steht das Ende des 1197 geschlossenen Waffenstillstandes bevor (Februar 1204).16 Am Ende des Jahres 1203 wird beschlossen, eine Delegation zu dem Kreuzfahrerheer nach Konstantinopel zu schicken um sie zur Eile zu drängen. Dort treffen sie am 1. Januar 1204 ein. Doch sie treffen auf ein Heer, das sich anschickt, Konstantinopel zum zweiten Male zu erobern. Ob Conrad von Schwarzenberg an der Eroberung und Plünderung der Stadt teilgenommen hat, ist nicht bekannt. Es dürfte jedoch sehr wahrscheinlich sein, dass er sich tatsächlich beteiligt hat. Denn wenn einer Skrupel gehabt hätte, die christliche Metropole am Goldenen Horn zu schänden, so müsste das auf seinen Begleiter Martin von Pairis zugetroffen haben. Doch von ihm berichtet die Chronik:

„Als die Sieger voll Begierde die Stadt plünderten, begab sich Abt Martin in eine Kirche, der große Verehrung entgegengebracht wurde. Hier fand er einen alten Mann. Der Abt schrie ihn laut an: „Nun, verruchter alter Mann, komme und zeige mir, wo du die wirkkräftigsten Reliquien aufbewahrst, oder sei dir gewiß, dass du sonst unverzüglich mit dem Tode bestraft wirst“. Der alte Mann öffnete einen eisernen Kasten. Als der Abt dies sah, griff er schnell und gierig mit beiden Händen hinein. Er und der Kaplan schürzten flink ihre Kutten auf und füllten sie mit dem heiligen Kirchengut. Als er zu seinem Schiff zurückeilte, wurde er von Männern gesehen, die ihn kannten. Sie fragten ihn freudig, ob er etwas wegtrage. Er antwortete wie gewöhnlich mit einem Lächeln und den fröhlichen Worten: „Gut haben wir getan“.

Sie antworteten: „Dank sei Gott“.17

Damit war der Kreuzzug beendet.

Luftbild der Motte Runstal, Gemarkung Villingen, 1983, Foto: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, L 7916/13.

 

Conrad dürfte nach diesem Erlebnis wieder in den Breisgau gezogen sein. Sollte er zusammen mit Martin von Pairis wieder zurückgekehrt sein, wird seine Ankunft in den Sommer des Jahres 1205 fallen, da Abt Martin sein Kloster Pairis am 24. Juni 1205 wiedersah. Dessen Reise verlief von Konstantinopel aus über Palästina nach Venedig und Basel schließlich nach Pairis.18 Doch mit dem schändlichen Ende des Kreuzzuges in Konstantinopel ist für Conrad von Schwarzenberg der dritte Versuch gescheitert, an der erhofften Befreiung Jerusalems teilnehmen zu können.

Abgesehen von den Eindrücken bei der Eroberung von Konstantinopel wird der Kontakt mit dem Zisterzienserabt Conrad von Schwarzenberg tief geprägt haben. Denn die beiden Verkäufe seiner Güter Vörstetten und Runstal gehen beide ebenfalls an Zisterzienserklöster (Tennenbach und Salem). Hier wird man auch eine religiöse Prägung durch und eine Hinwendung zum Zisterzienserorden wahrnehmen dürfen.19

Verkauf von Runstal und endgültiger Wegzug ins Heilige Land 1207

Conrad von Schwarzenberg wird nun die kommenden 11/2 Jahre dazu genutzt haben, seine Angelegenheiten zu regeln und Besitz zu veräußern, um sich den erneuten Kreuzzug ins Heilige Land leisten zu können. In diesem Zusammenhang wird nun auch das Gut Runstal erwähnt. Dieses Gut dürfte eines der ältesten Besitzungen der Schwarzenberger gewesen sein.

Am 28. Mai 1207 bestätigt König Philipp II. dem Kloster Tennenbach, Güter zu tauschen und von seinen Dienstmannen Schenkungen anzunehmen.20 Diese Urkunde wurde in Salem vorgefertigt und dem König zur Unterzeichnung vorgelegt. Wo dies geschah, ist nicht vermerkt. Da jedoch eine große Anzahl breisgauischer Adeliger – u. a. Conrad von Schwarzenberg – als Zeugen aufgeführt werden, dürfte dies am Oberrhein, wahrscheinlich im Elsaß erfolgt sein. Zu diesem Zeitpunkt weilte er offenbar noch im Breisgau.

Im selben Jahr verkaufen Conrad und seine Frau Mathilde21 das Gut in Vörstetten um 60 Mark an das Kloster Tennenbach und im selben Jahr auch das große Gut Runstal bei Villingen mit allem Zubehör für 200 Mark an das Kloster Salem, dem Mutterkloster von Tennenbach.22 Der Verkauf des Gutes in Vörstetten wird am 6. Dezember 1207 in Augsburg durch König Philipp II. bestätigt.23 Die Übertragung des Gutes war offenbar nicht unumstritten, wenn das Kloster Tennenbach sich derart beeilt, eine königliche Bestätigung einzuholen. Denn durch den Verkauf seiner Güter an Tennenbach und Salem wurden sie dem Zugriff der Zähringer entzogen und die Stellung der königstreuen Klöster gegen den Zähringer Berthold V. gestärkt.

Unter den zahlreichen Zeugen in der Urkunde vom 6. Dezember 1207 fehlt der Name Conrads. Wahrscheinlich darf man dies als Hinweis seines bereits erfolgten Zuges ins Heilige Land bewerten. Daraus kann geschlossen werden, dass er die Güter im Hinblick auf seinen endgültigen Zug ins Heilige Land veräußert hat.24 Warum der Verkauf von Runstal zu diesem Zeitpunkt nicht ebenfalls bestätigt wird, sondern erst zwei Monate später am 6. Februar 1208 durch Philipp II. in Straßburg, ist unbekannt.25

Noch ungewöhnlich viele Bestätigungen durch Friedrich II. folgen. Dazu kam es wie folgt: Wohl schon im Sommer oder Herbst 1209 hatte sich eine Delegation von Salemer Mönchen auf den 1300 km langen Weg nach Sizilien gemacht, um einen noch nicht zum deutschen König gewählten, gerade erst mündig gewordenen Jüngling als Herzog von Schwaben um die Bestätigung dieses Verkaufes zu bitten.26 Die erste wurde von dem erst 15-jährigen Friedrich, König von Sizilien, im Januar 1210 in Catania (Sizilien) ausgestellt. Friedrich II. war zwar schon als Zweijähriger auf Betreiben seines Vaters Heinrich VI. zum König gewählt worden, doch als Heinrich VI. verstarb ist er noch zu jung, um das Amt anzutreten. Aus diesem Grunde wird der Staufer Philipp II. zum König gewählt. Dies führt zu jahrelangen Thronstreitigkeiten, die mit dem Tod von Philipp II. im Jahre 1208 enden. Friedrich II. wurde erst im September 1211 von den deutschen Fürsten zum König gewählt.

Diese Besitzbestätigung macht in mehrfacher Hinsicht stutzig. Denn es handelt sich 1210 nicht nur um die ersten Urkunden, die Friedrich für Angelegenheiten im Deutschen Reich ausstellt. Auch die rechtliche Bedeutung dieser Besitzbestätigung ist zu diesem Zeitpunkt mehr als fraglich. Die drei 1210 für die Gesandtschaft ausgestellten Urkunden betreffen das Gut Mundingen, das aus dem Besitz von Conrad von Schwarzenberg über Berthold III. von Nimburg auf die Johanniter und schließlich an das Kloster Tennenbach gekommen ist, sowie das Gut in Vörstetten, das Conrad von Schwarzenberg dem Kloster Tennenbach direkt verkauft hat. Die dritte Urkunde behandelte das Gut Runstal. Es ist schon erstaunlich, dass es sich bei diesen Bestätigungen nur um die aus der Hand von Conrad von Schwarzenberg gekommenen Güter handelt. War die Güterübertragung des Conrad von Schwarzenberg an Heinrich VI. so umstritten gewesen (vom Herzog von Zähringen?), dass eine derart aufwendige Aktion durchgeführt werden musste? Was waren die Hintergründe für diese Aktion? Offenbar bestand eine Opposition gegen den Welfen Otto IV. als potentiellen Gegenkönig, die ihr Sprachrohr in dem schon immer stauferfreundlichen Abt Eberhard von Salem hatte. Mit der Aktion sollte offenbar dem jungen Staufer in Sizilien gezeigt werden, dass sie seinen erblichen Anspruch auf die Nachfolge Philipp II. als deutscher König anerkennen. Und der Aufhänger für diese Loyalitätsbekundung sind die von Conrad von Schwarzenberg verkauften Güter. Möglicherweise gingen die Überlegungen in folgende Richtung: Conrad von Schwarzenberg hat 1195/96 dem König Heinrich VI. seine Güter übertragen, als Lehen zurückerhalten und nun verkauft. Und trotz der Bestätigung durch Philipp II. soll nun auch die des zukünftigen Königs – was zu diesem Zeitpunkt alles andere als sicher war – eingeholt werden.

Die durch die Delegation angeknüpften Verbindungen richten sich nicht nur gegen den Welfen Otto IV., sondern auch gegen Bertold V. von Zähringen, der einerseits vom Papst gebeten wurde, Otto IV. zu unterstützen und andererseits des öfteren gegen die Zisterzienser – nicht zuletzt auch im Umfeld von Villingen – restriktiv vorgegangen war. Schließlich wird der Erwerb von Runstal durch das Kloster Salem von Friedrich II. am 31. März 1213 in Konstanz erneut bestätigt.27 Conrad von Schwarzenberg wird in dieser Urkunde als verstorben erwähnt.28

Abgesehen von diesen reichspolitisch bedeutsamen Vorgängen, gibt es auch noch regionale Aspekte. Denn das Gut Runstal, das aus der Niederungsburg und einem Dorf, sowie aus Besitz in Herzogenweiler, Überauchen, Rietheim und Dürrheim bestand, umfasst somit Besitz im unmittelbaren Umfeld von Villingen. Dem Kloster steht als Besitzer von Runstal wie den Bürgern von Villingen das Recht zu, im Gemeindewald Holz zu schlagen.29

Die Entwicklung von Villingen zur Stadt ist im 12. Jahrhundert durch die Zähringer massiv gefördert worden. 1209 begann die Errichtung der Stadtmauer, womit der Prozess der Stadtwerdung sichtbar zu einem Abschluss kommt. Durch diese Maßnahme fühlen sich die Zisterzienser von Salem in ihren Besitzungen in und um Villingen bedrängt. Das Gut Runstal hat für das Kloster Salem auch eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. Dies ist schon aus dem Kaufpreis von 200 Mark abzulesen. Die Konflikte zwischen den Zähringern und den Zisterziensern sind natürlich nicht erst mit dem Verkauf von Runstal aufgebrochen, sondern bestanden schon zuvor. Dieser Sachverhalt muss auch dem Conrad von Schwarzenberg wohl bekannt gewesen sein. Er wird den Verkauf an Salem in dem Bewusstsein durchgeführt haben, um dem Zähringer Bertold V. zu schaden. Denn hiermit wurde nicht nur die Stellung des Klosters im Umfeld der aufstrebenden Stadt Villingen massiv gestärkt, sondern auch die Möglichkeit der Stadt zur Expansion eingeschränkt. Nicht zuletzt gehen dem Stadtherren Bertold V. auch die Einkünfte des Gutes Runstal verloren. Denn dass dieser das Gut selbst gerne erworben hätte, steht außer Frage und geht aus den jüngeren Urkunden auch deutlich hervor. Die weitere Geschichte des Besitzes Runstal braucht in diesem Zusammenhang nicht weiter verfolgt zu werden.

Conrad scheint sich nun 1207/08 – mit gefülltem Portemonnaie und geregelter Nachfolge – endgültig auf den Weg ins Gelobte Land aufgemacht zu haben. Wenn man liest, dass der Verkauf des Hauses in Akkon wenige Jahre später 400 Mark Silber erbringt, kann man erahnen, wie stark die Reisekasse gefüllt war. Wenn man davon ausgeht, dass Conrad bei seinem ersten Kreuzzug 1289 Mitte 20 war, wird er jetzt etwa 42 Jahre sein. Wenn man weiter davon ausgeht, dass seine Frau etwa gleich alt ist, dürfte sich die Hoffnung auf Kinder und somit auf Nachfolger in der Zwischenzeit zerschlagen haben.

In Akkon (1207/08 –1213)

Im Oktober 1208 tritt uns Conrad von Schwarzenberg, wie oben schon erwähnt, als Zeuge für Otto IV. von Botenlauben und dessen Frau Beatrix von Courtenay, Alleinerbin des Joscelin III. von Courtenay in Akkon bei einem Verkauf des Casal Blanc an das Hospital in Jerusalem entgegen. Die Familie de Courtenay hatte es verstanden, aus der Eroberung des Heiligen Landes Gewinn zu schlagen und hatte sich eine große Seigneurie aufgebaut.30 Otto von Botenlauben hat Beatrix von Courtenay wahrscheinlich im Zuge des Kreuzzuges Heinrich VI. (1197) kennen- und liebengelernt. Seit dieser Zeit müssen engere Beziehungen zwischen den Schwarzenbergern und den von Courtenay sowie den Hennebergern bestanden haben. Beatrix von Courtenay ist somit eine der reichsten Erbinnen von Outremer. Die Tatsache der Erwähnung von Conrad von Schwarzenberg geht hier wie bei der Urkunde von 1215 darauf zurück, dass der Deutsche Orden sein Archiv bis in die jüngste Zeit hinein retten konnte.

Graf Otto von Botenlauben, Quelle: Manesse-Handschrift

 

Conrad von Schwarzenberg hat zu einem unbekannten Zeitpunkt – vermutlich 1207/1208 – von Beatrix von Courtenay ein stattliches Haus in Akkon erworben. Wo sich dieses Haus befand, ist nicht bekannt. Möglicherweise lag es im französischen Viertel.

Da seine Frau Mathilde am 9. April 1215 in Akkon über ihr gemeinsames Haus urkundet, wird sie ihn mit Sicherheit begleitet haben. In dieser Urkunde wird Conrad als verstorben erwähnt. Offenbar ist er schon vor dem März 1213 verstorben.31 Sie verkauft das von Joscelinus III. erworbene Stadthaus dem Großmeister des Deutschen Ordens, Heinrich von Salza, der ihr verspricht, dafür 14 Tage nach Pfingsten 1216 in Straßburg 400 Mark Silber auszuzahlen. Für diese Summe wollte sie ein Gut bei Straßburg erwerben.32 Auch hier wird wieder die Organisation der Ritterorden genutzt, um große Summen sicher zwischen dem Heiligen Land und der deutschen Heimat zu transferieren.

Das Haus ist der erste Teil der Seigneurie des Joscelin von Courtenay, die auf den Deutschen Orden übergeht. 1220 erwirbt der Orden von Beatrix von Botenlauben im Namen ihres Mannes, der sich seit 1217 wieder in Franken befindet, den gesamten Rest der riesigen Herrschaft für 7.000 Mark Silber und 5.250 Byzantiner. Der Orden selbst hat dieses Geld im Jahr zuvor von Herzog Leopold VI. von Österreich erhalten. Daraus kann gefolgert werden, dass Otto von Botenlauben und seine Frau das Geschäft zwischen Mathilde von Schwarzenberg und Heinrich von Salza eingefädelt hatten, um den Orden zu fördern. Daraus kann man – wie schon aufgrund der Schenkung von einem Haus in Saphet mit 100 Hektar Land – auf eine große Sympathie zwischen Otto von Botenlauben und dem Deutschen Orden schließen – eine Sympathie, die mit großer Wahrscheinlichkeit von Conrad von Schwarzenberg geteilt wurde.33

Conrad von Schwarzenberg wird mit Sicherheit in Akkon bestattet worden sein und ruht somit in der Heiligen Erde, in der er das Jüngste Gericht erwarten wollte. Akkon wurde 1291 endgültig wieder von den Muslim erobert.

Somit spannt sich der Bogen von einer heute unscheinbaren Burgruine in der Nähe Villingens bis an die Levanteküste und Runstal erweist sich als Ort, an dem lokal- aber auch reichspolitische Interessen zusammentrafen.

Anmerkungen

1 HISTORIA DE EXPEDITIONE FRIDERICI IMPERATORIS MGH NS 5, S. 18, 19, 22.

2 ULRICH PARLOW, Die Grafen von Nimburg. – In: P. SCHMIDT (Hrsg.) Teningen. Ein Heimatbuch (1990), S. 45-74, 54 f.

3 PARLOW (1990), wie Anm. 2, S. 55.

4 VOLKHARD HUTH, Kaiser Friedrich II. und Villingen. Beobachtungen zur Rolle der Stadt in reichs- und territorialpolitischen Konflikten der spätstaufischen Zeit, in: HEINRICH MAULHARDT / THOMAS ZOTZ (Hrsg.), Villingen 999-1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich (Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen Band 27, zugleich Veröffentlichung des Alemannisches Instituts Freiburg i. Br. Nr. 70, 2003), S. 199-234, bes. S. 218, Anm. 58. – MAX WETZEL (1912), Waldkirch im Elztal Band 1, S. 69. – PARLOW (1990) wie Anm.2, S. 57.

5 PARLOW (1990), wie Anm. 2, S. 56. – Aus der Urkunde von 1207 geht hervor, dass Kloster Tennenbach das Gut seit über 8 Jahren besitzt. Das heißt, der Erwerb von den Johannitern muss vor dem 28. Mai 1198 stattgefunden haben. Wann diese es von Bertold II. bekommen haben ist ebenso unbekannt, wie die Übertragung des Gutes von Conrad von Schwarzenberg an Bertold II.

6 Graf Otto von Henneberg ist identisch mit dem Minnesänger Otto von Botenlauben: BECHSTEIN (1845), Geschichte und Gedichte des Minnesängers Otto von Botenlauben, Nr. 2. – PETER WEIDISCH, Otto von Botenlauben. Minnesänger-Kreuzfahrer-Klostergründer. – In: DERS. (Hrsg., 1994), Otto von Botenlauben. Minnesänger-Kreuzfahrer-Klostergründer. (Bad Kissinger Archiv-Schriften Bd. 1), S. 17-56.

7 BERND-ULRICH HUCKER, Regesten des Grafen Otto von Botenlauben 1197-1244, in: PETER WEIDISCH (1994, Hrsg.), wie Anm. 6, S. 471-498, Nr. 2.

8 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), Pr. 10, 25 ff. – Werkmann 1868 (wie Anm. 1), 161 f.

9 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 9 und Anm. 18-21, 81 f, 10 Sp. 26. Zur Predigttätigkeit von Martin: ebd. 82, bes. Anm. 20.

10 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 110.

11 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 86, Anm. 14.

12 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 77, 92.

13 PETER MILGER (1988), Die Kreuzzüge. Krieg im Namen Gottes, S. 288.

14 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 87, Anm. 15.

15 Conrad von Schwarzenberg ist nicht namentlich erwähnt, da die Begleiter (sociis) nur summarisch aufgezählt werden. Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 131.

16 BERND-ULRICH HUCKER, Otto Graf von Henneberg-Botenlauben und die imperiale Politik in Europa und Outremer (1196-1244), in: WEIDISCH (1994, Hrsg.), wie Anm. 6, 89-116, bes. 90.

17 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 158-160. – Zitiert nach: JONATHAN RILEY-SMITH (1992, Hrsg.), Großer Bildatlas der Kreuzzüge, S. 84.

18 Gunther von Pairis 1994 (wie Anm. 1), 90.

19 Diese Hinwendung zu den Zisterziensern dürfte auch schon bei seinem Vater Conrad und seinem Onkel Werner vorhanden gewesen sein, die unter den Begründern des Zisterzienserklosters Tennenbach aufgeführt werden. Die anderen Adeligen waren u.a. Markgraf Hermann III. von Baden, Graf Berthold von Nimburg, Burchard von Üsenberg, ferner die von Falkenstein, Werner von Roggenbach, Gottfried von Staufen und der herzogliche Marschall Bertold von Schopfheim bei Lahr.: BERENT SCHWINEKÖPER, Das Zisterzienserkloster Tennenbach und die Herzöge von Zähringen, in: HEINRICH LEHMANN, WILLI THOMA (1983, Hrsg.), Forschen und Bewahren, Festschrift Hermann Rambach, S. 95-157, 123 ff.

20 BÖHNER, Reg. Imp. Band V, 1, Nr. 147. – SCHWINEKÖPER (1983), wie Anm. 19, 129 f., Anm. 162.

21 ALLGEIER (2000), wie Anm. 1, 119. Der Ansicht von R. Allgeier, Mathilde habe nach Conrads Tod den Bruder von Otto von Botenlauben, den Burggrafen von Würzburg Bertold II. geheiratet, kann nicht gefolgt werden. Denn dieser ist nachweislich im Jahre 1212 verstorben. Zu diesem Zeitpunkt wird Conrad noch gelebt haben. Auf jeden Fall ist Mathilde ab 1207/08 im Heiligen Land, während Bertold II. dort nicht nachweisbar ist. Ein Kontakt zwischen den beiden ist demnach kaum wahrscheinlich. – WEIDISCH (1994, Hrsg.), wie Anm. 6, Stammtafel der Grafen von Henneberg. – HEINRICH WAGNER, Genealogie der Grafen von Henneberg bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: WEIDISCH (1994, Hrsg.), wie Anm. 6, S. 401-470, bes. 445 f.

22 WERKMANN (1868), wie Anm. 1, 162. – WETZEL (1912), wie Anm. 4, 70.

23 UB FÜRSTENBERG, Bd. 1, Nr. 112b, S. 345.

24 „Die Kreuzfahrer vertrauten daher dem Orden ihre Besitzungen bis zu ihrer Heimkehr an. Wo es die finanzielle Lage der Klöster zuließ, nahm man sogar Kredite von ihnen für die kostspielige Reise auf.“ SCHWINEKÖPER (1983), wie Anm. 19, 111 f.

25 HUTH (2003), wie Anm. 4, 217 .

26 HUTH (2003), wie Anm. 4, 199-234, 204 ff.

27 UB SALEM, Bd. 1, Nr. 86, S. 124.

28 Gunther von Pairis (1994), wie Anm. 1, 9.

29 HUTH (2003), wie Anm. 4, 218.

30 HANS EBERHARD MAYER (1980), Die Seigneurie de Joscelin und der Deutsche Orden. – In: Die geistlichen Ritterorden Europas, hrsg. JOSEF FLECKENSTEIN und MANFRED HELLMANN (Vorträge und Forschungen XXVI), S. 171-216.

31 Angeblich soll er noch 1213 als Zeuge aufgetreten sein: HUTH (2003), wie Anm. 4, 221, Anm. 69, was allerdings nicht stimmt.

32 WETZEL (1912), wie Anm. 4, 70. – ALLGEIER (2000), wie Anm. 1, 118 f. Allerdings kann sie nicht identisch sein mit der Frau des Sohnes von Otto von Botenlauben, da dieser – Bertold II. mit Namen – 1212 schon verstorben ist, als Conrad von Schwarzenberg höchstwahrscheinlich noch lebt: Heinrich Wagner, Genealogie der Grafen von Henneberg bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: WEIDISCH (1994, Hrsg.), wie Anm. 6, S. 401-470, 445-447.

33 ENNO BÜNZ, Der Besitz Ottos von Botenlauben im Königreich Jerusalem. – In: WEIDISCH (1994, Hrsg), wie Anm. 6, S. 71-88, bes. 73 f.

 

800 Jahre Herzogenweiler (Bertram Jenisch)

Festvortrag vom 25. Juli 2008

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Kubon, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete und Stadträte, liebe Herzogenweiler und Gäste!

Als mich Herr Dr. Maulhardt vor etwa einem Jahr fragte, ob ich an einer geplanten Ortschronik Herzogenweiler mitwirken würde, habe ich aus zwei Gründen spontan zugesagt. Zum einen wegen meiner seit vielen Jahren engen Verbundenheit zur Stadt Villingen-Schwenningen – ich habe allein 8

Jahre in Villingen ausgegraben, darüber meine Doktorarbeit verfasst und auch bei der Neueinrichtung des Franziskanermuseums mitgewirkt. Dabei entstanden natürlich auch enge persönliche Bindungen. Zum anderen reizte mich die Aufgabe, auch weil sie gleich zwei meiner Forschungsschwerpunkte berührt: die Erforschung der Siedlungsentwicklung im Mittelalter und die Geschichte der Schwarzwälder Glashütten.

Mit Herzogenweiler habe ich mich daher schon seit 1995 immer wieder wissenschaftlich befasst, freilich nicht in der Tiefenschärfe, die jetzt durch die gemeinsame Arbeit erreicht wurde. Für mich war während der Zeit der Vorbereitung auf das heutige Ereignis besonders die Begegnung mit Herrn Wekenmann wichtig, den ich zuvor nicht kannte. 30 Jahre seiner Freizeit widmete er dem Sammeln von Schwarzwälder Glas mit einem Schwerpunkt Herzogenweiler. Man darf wohl sagen, dass er eine mehr als bemerkenswerte Sammlung zusammengetragen hat. Bei der Beschäftigung mit diesem faszinierenden Produkt der Region hat er sich eine Kenntnis erworben, die weit über die des Amateurs, des Laienforschers hinausgeht. Seine Erkenntnisse flossen in die Ortschronik ein und er bestreitet auch einen Großteil der Ausstellung, die ab morgen im Rathaus und später im Franziskanermuseum zu sehen sein wird. Für seine offene Zusammenarbeit und dafür, dass er bereitwillig seine Sammlungsstücke zur Verfügung stellt, gebührt ihm unser aller Dank.

 

Das Wappen von Herzogenweiler zeigt einen … Kelch…. In der Homepage der Stadt Villingen-Schwenningen heißt es über den Stadbezirk: „Von Wäldern umschlossene, kleine bäuerliche Wohnsieglung, südwestlich von Villingen.1208 zum erstenmal urkundlich erwähnt. Bis ins 12. Jahrhundert wurde die Gemarkung zusammen mit Pfaffenweiler „Wiler“ genannt. Wie der Name sagt, Weiler der Herzöge von Zähringen. Später zur Fürstenbergischen Landgrafschaft Baar gehörend. Am 1. April 1972 freiwillige Eingliederung in die Stadt Villingen-Schwenningen.

 

Der Siedlungsbeginn von Herzogenweiler ist bislang nicht bekannt. Nicht einmal dessen genaue Lage und Größe ist uns überliefert. Bei den ersten urkundlichen Erwähnungen 1208 und 1221 ist eine Marktgemeinschaft mit dem unweit östlich gelegenen, älteren Ort Pfaffenweiler belegt. Die beiden benachbarten Weiler-Orte bildeten bereits selbständige Kirchorte des späten 12. Jahrhunderts, deren Entstehung eng mit den Zähringern verbunden ist. Die Pfarrei Herzogenweiler trägt den Namen des Herzogs (von Zähringen) zur Unterscheidung von Pfaffenweiler, das der klösterlichen Grundherrschaft von Salem unterstand. Der Namenszusatz „Weiler“ kennzeichnet beide Ansiedlungen als Orte des mittelalterlichen Landesausbaus.

Das mittelalterliche Herzogenweiler lag nicht an der Stelle des heutigen Dorfes, sondern etwa 1 km nordöstlich davon. Die archäologische Überlieferung weist auf eine Lage des alten Ortes am Rand der westlich des Bregtals liegenden Hochfläche im Waldbezirk Schlossberg/Pfeifer. Nordwestlich des Wolfbachbrunnens finden sich dort Hinweise auf die hochmittelalterliche Siedlungswüstung Herzogenweiler. Unweit dieser Siedlung lag am Abstieg in das Bregtal, im Gewann Schlossermatte, eine schon früh abgegangene mittelalterliche Burg. Von der einstigen Anlage hat sich lediglich die mächtige Aufschüttung des Burghügels mit dem darum führenden, weitgehend verfüllten Graben erhalten. Aufgrund der Form ist die Burg dem im 11. und 12. Jahrhundert weit verbreiteten Burgentyp der Turmhügelburg/Motte zuzurechnen. Zur Struktur dieses abgegangenen Dorfes Herzogenweiler kann kaum etwas gesagt werden. Es wurde wohl im Zusammenhang mit der Gründung von Vöhrenbach im 14. Jahrhundert verlassen.

Das Dorf wurde aber nicht ganz verlassen, der ehemalige herrschaftliche Maierhof blieb weiter bestehen. Dass wir dies mit Funden belegen können, verdanken wir wiederum Herrn Wekenmann. Dieser später den Fürstenbergern gehörende Hof war Anknüpfungspunkt für die zweite Gründung des Ortes.

Am 31. Oktober 1721 schloss Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg mit den sechs Glasmachermeistern Philipp Mahler, Hans Georg Mahler, Hans Michael Eckmann, Balthasar Krieger, Peter Sigwarth und Christian Steinhardt einen Vertrag, der es ihnen gestattete, 51 Jahre lang auf der Gemarkung Herzogenweiler am Wolfbach eine Glashütte zu errichten und zu betreiben.

Es sind nicht zufällig sechs Glasmacher, die als Gruppe Vertragspartner des Fürstenbergers wurden. Diese Zahl begegnet uns immer wieder in Verträgen mit Glasmachern und ist darauf zurückzuführen, dass die in unserer Region üblichen Glasöfen sechs Arbeitsöffnungen aufwiesen, somit eine volle Ausnutzung der Anlage möglich war. Die Gründer der Glashütte sind auch keine Unbekannten – über die gesamte Neuzeit wird das Gewerbe der Glasmacher im Schwarzwald und Schweizer Jura von den Familien Mahler, Sigwart und Greiner geprägt. Es hat sogar den Anschein, dass man innerhalb der vielfach durch Heirat verbundenen Sippen die Rezepturen und Technologien zur Herstellung von Glas als Betriebsgeheimnis hütete und nicht weitergab.

Die genannten Glasmacher von der Glashütte Rotwasser bei Lenzkirch gründeten 1723 das Dorf Herzogenweiler. Bei der Gründung ließ sich auch der Glasschneider, Maler und Schraubenmacher Andreas Thoma in Herzogenweiler nieder. Nach einer Einwohnerliste von 1772, als die Pacht in eine Erbleihe umgewandelt wurde, wuchs der Ort rasch auf zwanzig Haushalte mit 138 Einwohnern. Sie betätigten sich neben der Glasbläserei und Nebenerwerbslandwirtschaft als Glasträger. Die Meister bildeten ab 1818 eine Genossenschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte man in der Hütte nur noch einige Monate im Jahr Glas her. Die Hütte wurde zuletzt von Josef Faller als Teilhaber der Firma Josef Faller & Cie. Lenzkirch geleitet. Nach deren Auflösung 1880 stellte man die Produktion ein. Die 1723 gegründete Glashütte Herzogenweiler wurde insgesamt 157 Jahre lang an einem Ort betrieben und gehörte somit zu den am längsten an einem Ort arbeitenden Hütten im Schwarzwald.

Nach diesem Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Ortes stellt sich natürlich die Frage, warum sich die Glaser ausgerechnet in Herzogenweiler niederlassen wollten.

Zur Herstellung von Glas in vorindustrieller Zeit wurde in einem Schmelzhafen ein Gemenge von (Quarz-) Sand und Asche erhitzt. Reiner Quarzsand würde erst bei 1600° C schmelzen, durch die Zugabe eines sogenannten Flussmittels schmilzt das Gemenge bei etwa 1200° C zu Glas, das dann zwischen 800 und 550° C noch verformbar ist. Als Flussmittel wurde bis in das 19. Jahrhundert Holzasche, insbesondere die gereinigte Pottasche, verwendet. Später ersetzte man sie durch chemische Zuschlagstoffe, u. a. das Mineralsalz Soda (Natriumcarbonat).

Der wichtigste Rohstoff für die traditionellen Glasmacher war daher das Holz. Nicht nur für den Betrieb der Öfen wurde es als Brennmaterial benötigt, sondern vor allem zur Gewinnung der Holzasche wurden große Waldflächen in Anspruch genommen. Um 100 kg Glas herzustellen benötigt man etwa 10 t (20 Ster) Holz. Das Gewerbe entwickelte sich daher vor allem in den abgelegenen Tälern, aus denen das Holz nicht durch Flößerei, Verarbeitung vor Ort oder den Bedarf von Bergwerken einer anderweitigen Verwendung zugeführt werden konnte. Herzogenweiler war demzufolge für die Glasmacher nahezu ideal.

In Herzogenweiler finden sich an verschiedenen Stellen Hinweise auf die Wohn- und Produktionsstätten der Glasmacher, die man auf unterschiedlichen Wegen lokalisieren kann. Die Werkstätten selbst sind nicht mehr, oder zumindest nur in geringen Resten im Untergrund vorhanden. Teilweise lassen sie sich aufgrund historischer Karten, Abbildungen, Schriftquellen und archäologischer Spuren lokalisieren und beschreiben.

Die eigentliche Glashütte, im 19. Jahrhundert als Glasfabrik bezeichnet, bestand ursprünglich inmitten des Dorfes. Das heute abgegangene Gebäude ist in Lageplänen des 19. Jahrhunderts südlich des heutigen Anwesens Greiner am Mattenweg 4 zu lokalisieren und wird heute als Streuobstwiese genutzt.

Auf der Gemarkung Herzogenweiler finden sich immer wieder markante Ansammlungen von Produktionsabfällen, die unmittelbar auf die ehemalige Glashütte hinweisen und uns Auskunft über deren Produktionsverfahren geben. Auf den Halden unweit der ehemaligen Glasöfen finden sich zahllose Bruchstücke verschiedener Formen und Farben, welche die ganze Produktpalette des Wirtschaftsbetriebs wiederspiegeln. In der Ausstellung können Sie sich von diesen faszinierenden kunsthandwerklichen Objekten bezaubern lassen.

Sie fragen sich vielleicht, warum ausgerechnet der Herr Wekenmann kommen musste, um diese Dinge zu finden, haben sich die Wissenschaftler dafür vorher nicht interessiert? Doch sie haben, aber wir – mich eingeschlossen – haben immer an der falschen Stelle gesucht! Wir schauten immer um den ehemaligen Standort der Glasfabrik und fanden so gut wie nichts. Herr Wekenmann lief aber die gesamte Gemarkung ab und fand die Abfallhalden in den Feldfluren. Vermutlich hat man die Kehrwoche in Herzogenweiler bereits früher eingeführt wie andernorts.

Wenn man sich einige Zeit mit einer Sache intensiv befasst, kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Was ist hier anders als sonst, was ist hier besonders?

Zum einen ist es mehr als ungewöhnlich, dass ein Ort gleich zwei mal gegründet wurde: im Fall von Herzogenweiler zum ersten mal im 12. Jahrhundert und dann erneut 1721.

Herzogenweiler ist aber auch der seltene Beleg einer in der frühen Neuzeit gegründeten, spezialisierten Gewerbesiedlung. Die aus archäologischer Sicht gute Erhaltung von Produktions- und Wohnplätzen macht den Ort zu einem herausragenden Beispiel der frühen Wirtschaftsgeschichte unseres Landes.

 

Der Arbeitskreis Frauengeschichte(n) Villingen-Schwenningen (Ute Schulze, Christel Pache †)

Der Arbeitskreis entstand im Frühjahr 2000 auf Anregung von Frauen aus dem Schwenninger Heimatverein (Frau Mutschler, Frau Krüger) in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule (Frau Dr. Pache) und dem Stadtarchiv (damals noch Frau Kottmann) mit dem Ziel, Frauengeschichte(n) aus Schwenningen und Villingen zu sammeln, zu dokumentieren und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Das Selbstverständnis des Arbeitskreises als Geschichtswerkstatt wurde bei den ersten Zusammenkünften mehrfach diskutiert und am 17.10. 2000 so zusammengefasst:

„Der Arbeitskreis soll und will:

– Material sammeln für evtl. Benennung von künftigen Straßen, Plätzen etc.

– den Erfahrungsaustausch ermöglichen und Informationen darüber bieten, wer sich womit beschäftigt, sowie gegenseitige Hilfe durch Hinweise auf Personen, auf Materialien bieten

– Stadtführung unter dem Gesichtspunkt ‚Frauen‘ für Villingen und Schwenningen fördern und beratend begleiten

– Kooperation (eigenen Interessen nachgehen; gemeinsam arbeiten; sich gegenseitig den Rücken stärken; Spaß am Ausprobieren)

– Austausch von Erfahrungen und Überlegungen in einem vertrauten Kreis

– Publikations- und Umsetzungsmöglichkeiten, fachliche und organisatorische Unterstützung durch Stadtarchiv, VHS, Heimatverein.“

Der Arbeitskreis ist kein geschlossener Club. Mitmachen können alle an regionaler Frauengeschichte interessierte Frauen. Es gibt einen ‚harten Kern‘ von derzeit ca. zehn Frauen. Manch andere kommen, wenn das in der Presse angekündigte Thema sie besonders interessiert, oder wenn sie selbst einschlägige Fragen haben. Die Frauen kommen aus verschiedenen Stadtbezirken und aus Unterkirnach und Bad Dürrheim. Aus dem Kreis der ursprünglich drei Trägereinrichtungen des Arbeitskreises: Stadtarchiv, Volkshochschule und Schwenninger Heimatverein sind die beiden ersten geblieben. Das Stadtarchiv (Lantwattenstraße 4 im Stadtbezirk Villingen) bietet den Raum für die Treffen, einen Handapparat zum Thema ‚Frauengeschichte(n)‘, Materialien und Hilfsmittel für Forschungsarbeiten; die Volkshochschule veröffentlicht Termine und Themen im VHS-Programm.

In der Regel kommen die Frauen einmal im Monat zusammen. Themen und Termine werden gemeinsam festgelegt. Neben allgemeinem Erfahrungsaustausch mit Hinweis auf interessante Veranstaltungen und Publikationen beschäftigt sich der Arbeitskreis u. a. mit dem, was das Stadtarchiv bietet (Bestände; Verzeichnisse; Unterstützung beim Suchen und Finden; Hilfsmittel; Reproduktions- und Arbeitsmöglichkeiten). Es werden konkrete Projekte vorgestellt und besprochen. Wichtig ist auch der Gedanken- und Meinungsaustausch auf der Suche nach interessanten neuen Themen. Auch Exkursionen z. B. eine Frauenführung in Rottweil, die zusammen mit der VHS organisiert wurde, oder Museumsbesuche werden durchgeführt. Am 6. Mai 2008 nahm eine Anzahl Mitglieder der Gruppe am Rundgang „Erinnerung an jüdisches Leben in Villingen“ mit Dr. Heinz Lörcher teil. Das zeitliche Spektrum reicht dabei vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Es entstanden und entstehen immer wieder Veröffentlichungen1, eine ‚Frauenführung‘ durch die Villinger Innenstadt, eine Materialsammlung im Archiv zum Thema „Frauengeschichte“ auch über den lokalen Bezug hinaus, eine Ausstellung zur Schwenninger Charlottenpflege in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Uhrenmuseum.

Vorträge und Werkstattberichte bilden den Schwerpunkt. Hier kann nur eine Auswahl aus dem reichen Fundus der bereits besprochenen Themen aus allen Zeiten geboten werden. Lisa Bührlen berichtete z. B. spannend über ihre Ausbildungszeit und Berufstätigkeit im Lebensmittelgroßhandel. Dr. Annemarie Conradt-Mach gab einen Einblick in ihre Forschungen, die zwar nicht nur auf Frauen zielen, diese jedoch immer auch mit in den Blick nehmen. Karin Schinke nahm u. a. das Thema „Älter werden“ in den Blick und berichtete aus ihrer beruflichen Tätigkeit als Inhaberin einer Werbeagentur. Die Schwenninger Künstlerin Elfi Schmidt stellte ihr Projekt „Badeszenen“ vor, das in den Hallenbädern in Schwenningen und Villingen sowie im Schwenninger Rathaus zu sehen war. Gesine Bammert informierte uns über ihre Gespräche mit Paula Straub, deren Ergebnisse in einem Almanach- Artikel im Druck vorliegen.2 Monika Dold geht den Spuren Uta Baumanns, ehemalige Stadträtin und Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins nach, worüber sie auch berichtete. Helga Heinichen beschäftigte sich mit ihren Großeltern und trug uns Auszüge aus ihrem Buch vor.3 Immer wieder eingestreut sind auch Berichte aus dem Archiv, z. B. wenn Unterlagen neu entdeckt oder für die Benutzung erschlossen wurden. Auch die Präsentation von Originalen gehört dazu. Dr. Edith Boewe-Koob berichtete schon einige Male über ihre intensiven Arbeiten zu den Villinger Klosterfrauen und ihren verschiedenen Gemeinschaften, so z. B. über Xaveria Ditz (1806 –1899), die als Superiorin 49 Jahre lang dem Ursulinenkonvent in Villingen vorstand oder den Chronikbericht Juliane Ernstins (seit 1637 Priorin, ab 1658 Äbtissin des Villinger Klarissenklosters) aus dem 30-jährigen Krieg.4 Auch Annemarie Walz sprach schon mehrfach im Kreis u. a. über die Erinnerungen der Diakonieschwester Frida Reiniger über deren Arbeit in der Wilhelmspflege von 1956 –1980. Auslandserfahrungen gaben Beate Müller-Uhlending über ihre Zeit in England und Ellen Nübel über ihre Aufenthalte in Genf und England wieder. Dr. Marianne Kriesche gab einen Überblick über die Mädchenbildung in Villingen und Schwenningen und stellte Zittauer Frauen vor.

Am 8. März 2006 präsentierte die Gruppe sich und ihre Arbeiten im Café des Kulturzentrums Franziskaner bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Frauenwoche einer breiteren Öffentlichkeit.

Veröffentlichungen

Bammert, Gesine: Paula Straub. Eine engagierte Pädagogin und bekannte Kommunalpolitikerin in Villingen, in: Der Almanach 2007. Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreis, S. 64–66.

Boewe-Koob, Edith: Juliana Ernstin. Äbtissin des Klosters St. Klara in Villingen von 1655 bis 1665 (Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen 2/2001).

Boewe-Koob, Edith: Die Vettersammlung in Villingen. Unter Berücksichtigung der Konvente, die der Augustiner-Regel unterstellt waren, in: Schriften der Baar 47 (2004), S. 28 –50.

Boewe-Koob, Edith, Ute Schulze: „Allen, die diesen Brief lesen und hören lesen, tue ich kund …“. Urkunden Villinger Frauen aus dem 13. Und 14. Jahrhundert, Villingen-Schwenningen 2005 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Bd. 31).

Boewe-Koob, Edith: Juliana Ernstin: Eine Chronik aus dem 30-jährigen Krieg. Priorin 1637–1655, Äbtissin 1655 –1665, in: Villingen im Wandel der Zeit. Geschichts- und Heimatverein Villingen – Jahrgang XXXI / 2008, S. 40 –52.

Heinichen, Helga: Gedeutete Bilder – s‘ Soalers vum Oberdoaf, Selbstverlag, 2007.

Kriesche, Marianne: Von Suomi in den Schwarzwald – Finnische Frauen im Schwarzwald-Baar-Kreis, in: Almanach 2003. Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, S. 218 –223.

Walz, Annemarie: Emma Rauber (1913 –1977) genannt Tante Emma. Versuch einer Lebensbeschreibung, in: Das Heimatblättle. Eine Schwenninger Monatsschrift für Heimat und Volksleben 50. Jg. 2002, Heft 5, S. 3 –7, Heft 6, S. 3 – 6.

Walz, Annemarie: 90 Jahre Charlottenpflege, Villingen-Schwenningen 2002.

1 s. Veröffentlichungsliste.

2 s. ebd    3 s. ebd.    4 s. ebd.

 

Wohlfahrtspflege in Villingen (Lambert Hermle)

Das Gutleuthaus

Das Gutleuthaus oder Leprosorium war südöstlich vor der Stadt über dem linken Brigachufer erbaut worden.

 

Das Haus ist auch als „die Siechen am Feld“ in der Zeit um 1322 erstmals genannt. In dem „Leprosorio“ oder Krankenspital wurden Aussätzige beiderlei Geschlechts ganz verpflegt. Nach dem Erlöschen des Aussatzes im Jahre 1480 wurde das Leprosorium weiterhin für Kranke benützt.

Für Aussätzige waren im Mittelalter, wegen der Langwierigkeit und Ansteckungsgefahr ihrer Krankheiten, vor den Toren der Stadt Spitäler und Gutleuthöfe erbaut worden. Von Zeit zu Zeit durften die Kranken in die Stadt, um Almosen zu sammeln. Laut einem Bericht im Buch: „Villingen, ein Führer durch die Stadt“ von Karl Kretz war ihnen später der Zutritt jedoch nur einmal während des Jahres gestattet, meist am Karfreitag.

Ein Bericht aus dem Jahre 1785 (Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Seite 440) bekundet, dass damals „13 Köpf, beiderlei Geschlechts ganz verpflegt mit Abreichung von Mehl, Brot, Salz und Schmalz, 3 Köpf und weitere Personen mit Mehl und Geldalmosen, je nach Bedürfnis“. Dazu kommen noch weitere zum Teil bestimmte, teils unbestimmte Almosenauslagen.

 

Das Gutleuthaus stand einst westlich der heutigen Shell-Tankstelle „Am Bahnhof“ im Gewann Lantwatten.

 

 

 

 

Am 27. Dezember 1944 wurde das Gutleuthaus samt der Kapelle durch einen Bombenangriff zerstört.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Gutleuthaus 1633 abgebrochen und aus Sicherheitsgründen in die Stadt verlegt. Man fand für diese Stiftung ein Haus, an dessen Stelle errichtete man das Kapuzinerkloster. Das Siechenhaus wurde 1665 dann in die Färbergasse (Glunkenhaus) verlegt und erst nach dem „Spanischen Erbfolgekrieg“ 1718 an alter Stelle, draußen vor der Stadt, neu errichtet zusammen mit der St.-Vitus-Kapelle, dessen Altarbild Johann Anton Schilling gemalt hatte.

Im Adressbuch von 1882 ist geschrieben: Leprosorium Anstalt für Kranke, welche mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, sowie für arme durchreisende Kranke.

Anstaltsarzt: Dr. Heinrich Würtenau, Bezirksarzt

Krankenwärter: Gustav Görlacher

150 Jahre Treue zum Werk Kolpings (Hermann Colli)

Kolpingsfamilie, einer der ältesten Villinger Vereine

Mitglieder des Vorstandes und des Organisationsteams des Jubiläumsvereins im Kolpingzimmer des Münsterzentrum mit der Büste Adolph Kolpings: (von links) Dieter Fischerkeller, Johann Buchholz, Barbara Weiss, Clemens Lang, Harry Meßmer, Clemens Colli, Christoph Müller und Roswitha Käfer. Nicht im Bild sind Präses Werner Neugart und Clemens Müller.

 

Einer der ältesten Verein Villingens feierte 2008 sein 150jähriges Bestehen: Die Kolpingsfamilie, die bei ihrer Gründung noch Katholischer Gesellenverein hieß. Das war Anlass ein zünftiges Jubiläumsfest zu feiern. Das ging am 13. und 14. September in sehr harmonischer Weise über die Bühne. Höhepunkte des Jubiläums war der Festgottesdienst im Münster mit Altdekan Kurt Müller als Hauptzelebrant und Festprediger und ein Festakt im Münsterzentrum bei dem der langjährige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, eine beeindruckende Festrede hielt. Erwin Teufel ist selbst seit Jahrzehnten Kolpingmitglied, er hält seit seiner ersten Kandidatur für den Landtag Baden-Württemberg eine enge Verbindung zu den Villinger Kolpingsbrüdern und Kolpingschwestern. Das Jubiläum ist Anlass, einen Blick in die Geschichte des Vereins zu werfen und den Gründer des großen internationalen Sozialwerkes, Adolph Kolping, in den Blickpunkt zu rücken.

Zum Festgottesdienst im Münster zogen auswärtige Vereine mit ihren Bannern in das vollbesetzte Gotteshaus ein.

 

 

Erwin Teufel, langjähriger Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg war Festredner beim 150jährigen Jubiläum der Kolpingsfamilie Villingen.

 

„Anfangen ist oft das Schwerste – Treu bleiben aber das Beste“. Diese Worte Adolph Kolpings (1813 bis 1865) sind für das Jubiläum der Villinger Kolpingsfamilie wie geschaffen. Sie könnten als Motto über der Geschichte des Jubiläumsverein stehen. Wer in die Historie dieser Bewegung hineinschaut weiß, wie Recht der „Gesellenvater“ hatte als er diese Worte seinen „Söhnen“ ins Stammbuch schrieb.

1858, noch zu Lebzeiten Adolph Kolpings, rief der damalige Vorstand der höheren Bürgerschule, Kaplan Reich, in Villingen den Katholischen Gesellenverein – so hieß die Kolpingsfamilie bis 1933 – ins Leben. Ihm stand als Senior ein junger Mann namens Wieder zur Seite. 26 Mitglieder zählte der Verein im Gründungsjahr. Doch das Villinger Kolpingschiff kam nicht so richtig in Fahrt. Als der Präses andere berufliche Verpflichtungen übernehmen musste, und der Senior heiratete, kam die Vereinstätigkeit zum Erliegen. Auch einem Neuanfang 1867 war kein großer Erfolg beschieden. Erst als 1882 Kaplan Josef Scherer den dritten Versuch wagte, kam die Wende. Josef Scherer, der später Stadtpfarrer in Villingen war und hier 1912 starb, lenkte das Vereinsschiff ins richtige Fahrwasser. Ihm stand ein Gerbergeselle, dessen Name nicht mehr bekannt ist, als Senior zur Seite. Die 18 Mitglieder trafen sich im Vereinslokal „Lilie“. Die Mitgliederzahl wuchs schnell. 42 Aktive und 40 Passive standen 1889 in der Liste. In dem Jahr bekamen die Kolpingbrüder ein eigenes Vereinshaus.

Das Gasthaus „Engel“ vor dem Riettor war einst das Vereinshaus des Katholischen Gesellenvereins, der sich später in Kolpingsfamilie umbenannte. 1917 wurde das Gebäude für 85.000 Mark an die Deutsche Hollerith Maschinen GmbH verkauft. Heute ist – nach einem umfassenden Umbau – die Dresdner Bank hier zu Hause. Die Kolpingsfamilie führte im großen Saal zahlreiche Theaterstücke auf. Die Villinger nutzen die Räumlichkeiten für Familien- und Vereinsfeste.

 

Anton Faller hatte für 14.500 Mark den „Engel“ gekauft. Dort entwickelte sich ein reges Vereinsleben mit vielen Höhe und Tiefen. Im Weltkrieg 1914/18 erloschen die Aktivitäten fast völlig. Viele Mitglieder, die als Soldaten an der Front waren, kehrten nicht in ihre Heimat zurück. Im Kriegsjahr 1917 war der Mitgliederstand auf acht Kolpingsöhne geschrumpft.

Ein Ereignis von weittragender Bedeutung war der Verkauf des Vereinshauses „Engel“ an die „Deutsche Hollerith-Maschinen GmbH“ in Berlin für 85.000 Mark. Der Chronist Ignaz Wiel, der die ersten hundert Jahre des Vereins, in dem er selbst äußerst aktiv war, detailliert aufgezeichnet hat, schreibt dazu: „Dieser unglückselige Beschluss wirbelte viel Staub auf, die Nachricht traf die Gesellen, welche als Soldat im Felde standen, wie ein Keulenschlag, denn sie hatten ihre Heimat verloren …“

Auf eine beachtliche Zahl an Mitgliedern war die Kolpingsfamilie, die damals noch „Katholischer Gesellenverein“ hieß, Anfang der Zwanziger Jahre angewachsen. Im Ersten Weltkrieg war ihre Zahl auf knapp ein Dutzend geschrumpft. Vor dem „Alkoholfreien Restaurant“ von Karl Wacker im Romäusring 18 (gegenüber vom Gefängnis), stellten sich die Mitglieder von Gesellenverein und Lehrlingsverein dem Fotografen. Hier hatten sie, nachdem ihr Vereinshaus „Engel“ in der Vöhrenbacherstraße verkauft worden war, ein neues Zuhause gefunden.

 

 

Erinnerung an das Jubiläum zum hundertjährigen Bestehen der Kolpingsfamilie Villingen im Jahr 1958: Ein großartiger Festzug mit zahlreichen Wagen, die an die alten Handwerkerzünfte erinnerten, oder in Motivwagen das Werk Kolpings würdigten, zogen mit rund 800 Kolpingern und fast hundert Fahnen und Bannern durch die festlich geschmückte Zähringerstadt. Hier präsentieren die Schmiede ihr Handwerk.

 

Im neu angemieteten Nebenzimmer des Hauses von Karl Wacker, der im Romäusring 18 ein Lokal mit einem „Alkoholfreien Restaurant“ betrieb, erlebte der Verein einen enormen Aufschwung, der über Jahrzehnte hinweg anhielt und das soziale, gesellschaftspolitische, kulturelle und religiöse Leben Villingens wesentlich beeinflusste. Mitglieder des Katholischen Gesellenvereins besetzten zahlreiche führende Positionen des Öffentlichen Lebens. Einen enormen Bruch brachte der Nationalsozialismus, der die Arbeit der Kolpingsfamilie fast völlig zum Erliegen brachte. Im Zweiten Weltkrieg waren aus der Reihe der Mitglieder, die fast alle als Soldaten eingezogen worden waren, sehr viele Opfer zu beklagen.

Einen Neuanfang gab es am 26. Oktober 1946. Im Gemeindehaus an der Waldstraße fand die erste Generalversammlung seit 1934 statt. Ein Jahr später etablierte sich in der Südstadtpfarrei St. Fidelis eine eigene Kolpingsfamilie, die aber mit der bisherigen, die sich jetzt „Kolpingsfamilie Münster“ nannte, im Sinne des Vereinsgründers, zusammenarbeitete. In beiden Gemeinschaften entwickelte sich ein sehr lebendiges Vereinsgeschehen. Das „Hundertjährige“ wurde am 19. und 20 Juli 1958 mit einem großen Festprogramm gemeinsam gefeiert. Im Juni 1970 schlossen sich die beiden Vereine wieder zur „Kolpingsfamilie Villingen“ zusammen. Sie bilden seither eine lebendige Gemeinschaft, die im Sinne Adolph Kolpings versucht, dessen immer noch aktuelles Gedankengut in unsere Zeit zu tragen. Mitte der 70er Jahre öffnete sich die Gemeinschaft, die bis dahin nur männlichen Mitglieder vorbehalten war, auch für Frauen, die seither sehr aktiv im Kolpingwerk mitarbeiten. Drei Namen seien hier stellvertretend für die zahlreichen engagierten Kolpingmitglieder genannt, die sich auf lokal- und landespoltischer Ebene für das Wohl der Allgemeinheit besonders einsetzten: Der langjährige Landtagsabgeordnete Karl Brachat sowie Hans Heuft und Ehrenbürger Ewald Merkle, die viele Jahre die Geschicke der Stadt im Gemeinderat mitbestimmten.

Zur Kolpingsfamilie Schwenningen besteht ein sehr enger und herzlicher Kontakt und zahlreiche Veranstaltungen werden gemeinsam durchgeführt. Und das nicht erst seit dem Städtezusammenschluss 1972. Im Protokollbuch der Villinger ist vermerkt, dass sie im Jahre 1894 am ersten Stiftungsfest des Brudervereins Schwenningen teilnahmen. „Der Verein wohnte mit Fahne der Vesper bei und nachher ging’s zum Bankett in den Württemberger Hof …“ hat der Chronist notiert.

Gesellenvater und Sozialreformer

Das Jubiläum der Kolpingsfamilie Villingen ist sicherlich ein Grund, den Gründer dieser katholischen Organisation, die sich inzwischen zum international anerkannten Sozialverband und zur geschätzten Bildungseinrichtung entwickelt hat, in den Blickpunkt zu rücken. Adolph Kolping kommt 8. Dezember 1813 in Kerpen bei Köln als Sohn eines Schäfers zur Welt.

Er wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Seinen Wunsch, Priester zu werden, kann er sich nicht erfüllen, weil seine Familie das Geld für Schule und Studium nicht aufbringen kann. Er macht eine Lehre als Schuhmacher und lernt in zehn Jahren als Geselle die Not der Handwerksgesellen zu Beginn des Industriezeitalters hautnah kennen. Das weckt umso mehr seinen Wunsch, jungen Menschen als Seelsorger zu helfen. Mit einer enormen Energieleistung schafft er Gymnasium und Studium. Am 13. April 1845 empfängt er die Priesterweihe in der Minoritenkirche in Köln.

Als Kaplan in Wuppertal-Elberfeld lernt er den dort von Johann Georg Breuer neugegründeten Gesellenverein kennen, der sich besonders der jungen Menschen annimmt, die durch die aufstrebende Industriegesellschaft und den Zusammenbruch des Zunftwesens „heimatlos“ geworden sind.

 

Diesen Menschen zu helfen wird für ihn zur Lebensaufgabe. Er lässt sich als Domvikar nach Köln versetzen und gründet dort am 6. Mai 1849 mit sieben Gesellen in der Kolumbaschule den Kölner Gesellenverein. Das war die Keimzelle für ein weltumspannendes Sozialwerk. Er wird für die jungen Menschen, denen er durch ein breites Angebot an Bildung und sozialer Hilfeleistung zu einer persönlichen Lebensgestaltung verhelfen will, zum verehrten „Gesellenvater“. In den Gesellenhäusern (später Kolpinghäusern) schafft er ihnen ein Dach über den Kopf und eine Stätte, wo sie Gemeinschaft und Solidarität erleben. Diese Idee breitet sich rasch aus. In ganz Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern, entstehen Gesellenvereine und Häuser, die jungen Menschen Heimat und Bildung bieten. Durch sein Wirken wird Adolph Kolping zum Mitbegründer der katholischen Sozialbewegung und zugleich Wegbereiter der katholischen Soziallehre. Er stirbt am 4. Dezember 1865 in Köln und findet in der Minoritenkirche seine letzte Ruhestätte. Generationen von Kolpingsöhnen und Kolpingschwestern erfüllen an dieser Stätte ihrem Gesellenvater und Vereinsgründer seinen letzten bescheidenen Wunsch:

„Ich bitte um das Almosen des Gebetes.“

Am 27. Oktober 1991 wird Adolph Kolping, dessen Lebenswerk sich inzwischen in mehr als 50 Ländern auf allen Kontinenten verbreitet hat, in Rom durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Eine große Delegation der Kolpingsfamilie Villingen nimmt an diesem Ereignis teil.

Die Zittauer Fastentücher (Marianne Kriesche-Karuth)

Zittau, unsere Partnerstadt in der Oberlausitz, hat manche Gemeinsamkeiten mit Villingen- Schwenningen, besonders die, dass beide in einem Dreiländereck liegen.

Für Zittau ist es heute das Dreieck Deutschland, Polen, Tschechien, das viele historische Verbindungen der früheren Regionen Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen bewahrt hat.

Die gesamte Region ist nicht nur landschaftlich äußerst reizvoll, sondern besitzt auch durch ihre historischen Bauten und Kunstwerke eine herausragende Bedeutung und eine besondere touristische Attraktivität.

Eine rund 550 km lange ringförmige Route – zugleich Symbol für das Verbindende zwischen den drei aneinander grenzenden Ländern – führt zu den einzelnen Stationen der sg. „Via Sacra“, die insgesamt 16 großartige Zeugnisse gemeinsamer Kultur- und Glaubensgeschichte enthält, Kirchen, Klöster und sakrale Kunstwerke.

Für den Gast, der einzelne Stationen besuchen möchte, ist Zittau ein idealer Startpunkt, da man von dort aus sternförmig alle Stationen in den drei Ländern erreichen kann. Dabei ist sich Zittau durchaus seiner historischen Rolle als Brücke zwischen Ost und West bewusst.

Zittau sollte auch deswegen der Ausgangspunkt für die Reise auf der „Via Sacra“ sein, da es zwei Zeugnisse sakraler Kunst bietet, die einzigartig sind: die beiden Fastenstücher.

Mit dem Großen Fastentuch aus dem Jahre 1472 und dem Kleinen Fastentuch von 1573 besitzt die Stadt Schätze von europäischer Bedeutung. Fachleute betrachten das Große Fastentuch neben dem Teppich von Bayeux als eines der ein druckvollsten Textilwerke der europäischen Überlieferung.

Das Kleine Fastentuch steht dem großen Tuch in seinem kulturgeschichtlichen Rang nicht nach, ist es doch ein Kunstwerk, das in seiner Gestaltung einmalig in Deutschland ist.

Der liturgische Gebrauch von Fasten- oder Hungertüchern in der christlichen Kirche des westlichen Abendlandes war im Mittelalter üblich und weit verbreitet. Erste Belege dafür finden sich um das Jahr 1000.

Das Fastentuch, in seiner lateinischen Bezeichnung „velum quadragesimale“, wurde in England und Frankreich, aber auch in den deutschen Landen, insbesondere im Alpenraum, während der vierzigtägigen Fastenzeit verwendet.

Der Gedanke war, dass zur körperlichen Buße des Fastens eine seelische treten sollte: auch das Auge hatte zu fasten. Daher wurden die Altäre mit Tüchern verhängt und damit dem Blick der Gläubigen entzogen. Vom Aschermittwoch oder spätestens vom ersten Fastensonntag an schieden die Vela den Altarraum vom übrigen Kirchenraum und verhinderten damit auch das Schauen der Messe.

Da sie bis zu 100 qm groß waren, konnten sie in der Tat den gesamtem Chorraum verhüllen. Im 11. Jh. und frühen 12. Jh. waren die aus Leinen gefertigten Tücher zunächst schmucklos und einfarbig. Ab der Mitte des 12. Jh. wurden die Tücher dann bestickt oder mit volkstümlichen Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament bemalt. So konnten sie einen weiteren Zweck erfüllen, nämlich die Gemeindemitglieder, die damals nicht lesen oder schreiben konnten, im Glauben zu unterweisen.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Tücher zu wahren Bilderbibeln. Von hunderten solcher Zeugnisse volkstümlicher Frömmigkeit sind heute nur noch wenige erhalten. Zittau besitzt mit seinen Fastentüchern, die beide in Tempera auf Leinen gemalt sind, die einzigen überlieferten Exemplare ihrer Art in Deutschland und mit die bedeutendsten überhaupt.

Großes Zittauer Fastentuch (1472), Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Das Große Fastentuch wurde in dem bereits genannten Jahr 1472 von dem Gewürzhändler Jacob Gürteler der Zittauer Hauptkirche gestiftet und diente 200 Jahre lang seinem ursprünglichen Zweck.

1573 schaffte man sogar noch ein zweites Fastentuch an, wohl, um einen 1566 angefertigten zweiflügeligen Schnitzaltar damit zu verhüllen. Bei einer Größe von rund 15 Quadratmetern kann es nur im Vergleich zum Großen Fastentuch von 56 Quadratmetern berechtigterweise das „Kleine Fastentuch“ genannt werden.

Erstaunlich ist, dass beide Tücher in der inzwischen längst evangelischen Kirche bis zum letzten Drittel des 17. Jh. in Gebrauch blieben, obwohl sich Luther gegen diese Tradition der Sakralkunst als „Gaukelwerk“ ausgesprochen hatte. Dies zeigt, dass in der Oberlausitz, also auch in Zittau, der Prozess der Kirchenreform nicht mit Bildersturm verbunden war, sondern tolerant vor sich ging. Eine Erklärung für die Weiterverwendung der Fastenstücher liegt sicher auch darin, dass in Zittau nach der Einführung der Reformation verstärkt Wert auf eine nur der Hl. Schrift gemäße Christenlehre gelegt wurde. Dafür konnte besonders das bilderreiche Große Fastentuch als Lehrmittel dienen. Mit einer Höhe von 8,20 m und einer Breite von 6,80 m stellt dieses Velum das drittgrößte erhaltene Fastentuch seines Typs überhaupt und das einzige in Deutschland dar. Von seiner Art, d. h. dem Feldertyp gibt es nur noch 18 Exemplare weltweit. Wie das Guiness Buch der Rekorde belegt, wird unser Tuch in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Zittau in der größten Museumsvitrine der Welt aufbewahrt.

Man ordnet es dem Feldertyp zu, da auf 90 Feldern das Alte Testament wie das Neue Testament mit je 45 Bildern gleichgewichtig dargestellt werden. Der Bogen spannt sich von der Schöpfungsgeschichte und dem Sündenfall, den Folgen der Sünde, dem Leben der Patriarchen und den Mosesgeschichten bis zur Kindheit Jesu, seinem öffentlichen Wirken, dem Leiden und Tod Christi bis zur Vollendung der Zeit im Jüngsten Gericht.

Großes Zittauer Fastentuch, Bild IX/3, „Seht da, Pilatus lässt ihn geißeln!“, Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Erläuterungen des Dargestellten sind in schlichten mittelhochdeutschen bzw. frühneuhochdeutschen Reimversen in gotischer Minuskel unter die Szenen geschrieben. So erscheint das Tuch als eine Einheit von Text und Bild.

Der Zittauer Chronist und Geschichtsschreiber Benedict Carpzov stellt den Gebrauch des Tuches und seine Gestalt, wie folgt dar: „Hierbey kan denen Liebhabern der Antiquitäten nicht unvermeldet bleiben, dass vormals nach Päpstischen Gebrauch das so genannte Hunger Tuch in der Kirchen zu sehen gewesen, welches anno 1472 Jacob Gürteler ein Gewürz Krämer verfertigen lassen und in die Kirche verehret. Es war ein großes auf Leinwandt gemahltes Gemählde, worauf 90 Biblische Geschichte alten und neuen Testamentes entworffen … Dieses Tuch ward alle Jahre in der Fastnacht aufgehenckt, und mitten in dem großen Gang der Kirchen, bis oben hinauff gezogen, von einem Pfeiler die quer bis zum anderen, allwo es bis auf den guten Freytag hengen bliebe. Nachdem es 200 Jahre gehangen hatte, wurde es anno 1672 abgeschafft …“

Kleines Zittauer Fastentuch (1573), Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Städtische Museen Zittau.

 

Zum kleinen Tuch bemerkt der gleiche Autor: „Inngleichen ward in der Fasten vor das Altar ein Tuch aufgehänget, worauf Christus am Creutz nebst einem Engel, in der Hand einen Becher haltend, abgebildet; unterm Creutze stund Maria, oben und unten aber waren alle Instrumenta passionis Christi nebst des Verräthers Juda Kopff und Beutel zu sehen. Dieses Tuch ist ao. 1573 gemacht und nachdem es ao. 1684 zu letzt gehangen, abgeschafft worden.“

Dieser Beschreibung hinzuzufügen wäre noch, dass am Himmel Gottvater dem Gekreuzigten seine rechte Hand entgegengestreckt und dieser seine linke dafür öffnet. Neben Maria blicken Johannes und die kniende Maria Magdalena zu dem Sterbenden auf. Außer dem erwähnten Judaskopf umrahmen mehr als 40 Passionssymbole die Darstellung u. a. Ruten, Dornenkrone, Schweißtuch der Veronika, Nägel, Lanze, Essigschwamm. Damit vertritt das Werk eines unbekannten Künstlers den sogenannten Arma Christi Typ der Fastentücher. Arma Christi, lat. Waffen Christi, wird als Bezeichnung für die Passionswerkzeuge gebraucht, die im Zusammenhang mit dem Leidensweg Christi stehen. In das Kunstwerk wurden Motive großer zeitgenössischer Künstler wie Dürer, Grünewald und Michelangelo aufgenommen. So erinnert z. B. die o. g. Gottvaterszene an das berühmte Motiv der „Erschaffung des Adam“ in der Sixtinischen Kapelle.

Außer dem kleinen Zittauer Fastentuch sind außerhalb Deutschlands nur noch sechs weitere Exemplare des Arma Christi Typs überliefert. Daher rührt seine besondere kulturhistorische Bedeutung. Die Geschichte seines Fortbestandes ist weit weniger dramatisch als die des Großen Fastentuches.

Nach der Einstellung seines gottesdienstlichen Gebrauches ging das Kleine Tuch in den Bestand des Stadtmuseums über und wurde bis in die 60er Jahre des 20. Jh. dauerhaft und später nur noch zu besonderen Anlässen gezeigt. Das ältere Tuch befand sich, wie man annimmt, bis etwa 1700 unbenutzt in der Johanniskirche. Glücklicherweise muss es noch vor dem großen Stadtbrand von 1757, der diese zerstörte, in das Gebäude der Ratsbibliothek, dem heutigen Hefterbau, gebracht worden sein. Lange Zeit lag es dort unbeachtet, bis man die große Tuchrolle 1840 wieder entdeckte. Von 1842 bis 1876 lieh man das Tuch dem Königlich Sächsischen Altertumsverein in Dresden, der es in seinem Museum ausstellte.

Weil im Zittauer Museum Platz für eine ständige Ausstellung fehlte, wurde das Große Tuch bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges nur siebenmal im Rahmen von Sonderausstellungen gezeigt. Dagegen befand sich Kleine Tuch ab 1937 in dem als Museumsgebäude umgebauten Ostflügel des ehemaligen Fransziskanerklosters und war Bestandteil der Ausstellung. Das Große Fastentuch wurde kurz vor Kriegsende 1945 mit anderen kostbaren Stücken der Zittauer Sammlungen in das Museum auf dem Berg Oybin ausgelagert. Hier fiel es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es in 4 Teile zerschnitten und es zwei Wochen lang als Badestubenverkleidung benutzten. Dann ließen sie es im Wald zurück, wo es ein Oybiner Holzsammler fand und dem Museum zurückgab. Jahrelang blieb es dann zerrissen und verschmutzt im Museumsdepot. Im Jahre 1974 begann man mit Konservierungsarbeiten, in deren Verlauf man das Tuch für die chemische Reinigung noch zusätzlich den Originalnähten nach in insgesamt 17 Teile zertrennte. Zu den Verlusten in der Malerei durch die Witterungseinflüsse kamen auch noch jene, die die Reinigung verursachte. So ist die Malerei im Mittelteil heute stellenweise bis zur Unkenntlichkeit verblasst.

Seit dem Jahr der Wende 1989 bemühte man sich – zunächst allerdings vergeblich – um eine Restaurierung. Die Kosten dafür waren unerschwinglich. Glücklicherweise kam aber dann ein Kontakt zur Abegg-Stiftung in Riggisberg/Schweiz zustande, die in der Textilrestaurierung weltweit anerkannt ist. Dort wurden die beiden Zittauer Fastentücher 1994/95 als „hervorragende Kunstwerke“ unentgeltlich konserviert bzw. gereinigt und 1995 in der Sonderausstellung „Meisterwerke der Textilkunst“ gezeigt. 1996 wurden beide Tücher in Sankt Peter zu Köln nicht nur ausgestellt, sondern im ursprünglichen liturgischen Gebrauch während der Messfeiern in der Fastenzeit verwendet.

Ebenfalls im Jahre 1996 gründete man das Kuratorium „Zittauer Fastentücher“, das das Ziel hatte, würdige Ausstellungsräume zu schaffen, um die beiden textilen Kunstwerke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dies gelang. Seit 1999 haben Kunstfreunde aus aller Welt nun die Möglichkeit, das Große Fastentuch in einer ständigen Ausstellung zu bewundern. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Bundesregierung, des Freistaates Sachsen und zahlreicher privater Spender wurde ein geeigneter Ausstellungsort geschaffen: die säkularisierte und zu einem Museum umgebaute Kirche zum Heiligen Kreuz. Selbst ein Baudenkmal böhmisch beeinflusster gotischer Architektur mit ihrem Ursprung um 1410 erhält sie ihren besonderen Reiz durch ihre Konstruktion als Einstützenkirche. Ein einziger, mitten im fast quadratischen Langschiff stehender Pfeiler trägt das gesamte Kirchengewölbe. Die frühbarocke Ausstattung im Innern fügt sich harmonisch in das gotische Mauerwerk ein.

Das Große Zittauer Fastentuch (1472) im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz. Foto: René Egmont Pech, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Durch die Restaurierung dieser Kirche und des sie umgebenden Friedhofareals mit den prunkvollen Gruftbauten einst reicher Zittauer Bürger wurde es möglich, das große Tuch nun in einem klimatisierten Raum in einer schützenden Vitrine dauerhaft auszustellen.

Die Restaurierungsarbeiten in der Kirche sowie im Bereich des Friedhofes müssen freilich noch fortgesetzt werden.

Parallel zur Restaurierung des großen Tuches war das Kleine Fastentuch von der Abegg-Stiftung nur gereinigt worden. Die textile Konservierung stand noch aus. Sie erfolgte durch ein internationales Team unter Leitung der Schweizer Spezialistin Dr. Mechthild Flury-Lemberg im Jahr 2001. Die Restaurierungsarbeiten schlossen ab mit Farbretuschen am oberen Bildteil, die im Sommer 2005 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden vorgenommen wurden.

Nach dem Vorbild des Großen Fastentuches wurde auch für das Kleine Fastentuch ein eigenständiger Ausstellungsraum benötigt. Dazu konnte man im Kulturhistorischen Museum Franzikanerkloster Zittau eine bauliche Lösung schaffen, die die musealen und denkmalpflegerischen Ansprüche voll berücksichtigt. In einem schlichten Raum im nördlichen Anbau des Klosters kommt das Tuch hinter einer hängenden Verglasung von 35 qm voll zur Geltung. Inzwischen haben beide Ausstellungen bereits mehrere hunderttausend Besucher aus dem In- und Ausland angezogen.

In einer Zeit verstärkter Sinnsuche der Menschen bieten sie durch ihre Ausstrahlung dem Betrachter die Möglichkeit, zu Ruhe, Besinnung und innerer Einkehr zu finden.

Die Tradition des Fasten- oder Hungertuches wurde durch die Aktion „Misereor“ 1976 wieder belebt und im deutschen Sprachraum in die Pfarreien getragen. Besonders ideenreich gestaltete Fastentücher, die von zeitgenössischen Künstlern oder von Schülern und Jugendlichen geschaffen wurden, finden sich in Oberösterreich, Kärnten, der Steiermark und Wien ebenso wie in Bernau bei Berlin und im Bonner Münster und werden dort in der Fastenzeit verwandt.

Diese Entwicklung zeigt, dass durch die Neuentdeckung des Fastentuches und seine Wiederverwendung im Gottesdienst Frömmigkeit und religiöses Brauchtum weiter hineingetragen wurden bis in das 21. Jahrhundert.

Literatur:

1. Carpzov Benedikt, Analecta fastorum Zittaviensium, Zittau 1716, Bd. 1 Kap. 1, §, S. 63-65

2. Das Kleine Zittauer Fastentuch (1573), Hg. Kuratorium „Kleines Zittauer Fastentuch“ Verlag Günter Oettel, Görlitz/Zittau 2004 3. 525 Jahre Großes Zittauer Fastentuch – und wie weiter? Mitteilungen des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins, Bd. 27, 1997

4. „Kreuzkirche und Fastentuch“, Zittauer Geschichtsblätter, Sonderheft 1, Verlag Günter Oettel, 2002

5. http://de.wikipedia.org/wiki/Fastentuch 30.8.2008

Die sog. Peterzeller Fresken im Franziskanermuseum in Villingen (Barbara Eichholtz )

Seit einigen Jahren schon entwickelt sich der Chorraum der ehemaligen Franziskanerkirche in Villingen zu einem eigenständigen Ausstellungsraum, in dem großformatige Exponate ihren Platz finden: Die Kreuzigungsgruppe aus der Vorhalle der Altstadtkirche fand hier eine wettergeschützte Bleibe, vor wenigen Jahren folgten die Passionskulissen vom Frühmessaltar des Münsters, und seit Anfang 2008 haben auch die Fragmente der sog. Fresken aus der alten Kirche von Peterzell dort einen Platz gefunden. „Sogenannt“ müssen sie korrekt bezeichnet werden, weil nur die rotbraunen und schwarzen Linien in Freskotechnik, d. h. auf den nassen Putz gemalt wurden, wo sie sich mit diesem unlöslich verbanden. Die Binnenmalerei und -konturierung dagegen ist in einer Mischtechnik, besonders der Seccotechnik, d. h. auf den schon ganz oder nahezu trockenen Putz ausgeführt worden1. Diese Malweise ist wesentlich empfindlicher und die mehrfache Übertünchung und Wiederaufdeckung führte dazu, dass Teile der Darstellungen verblasst, nicht mehr vorhanden oder durch den späteren Einbau einer Empore zerstört wurden, sodass großräumig Fehlstellen zu beklagen sind2.

Abb. 1 Gesamtansicht der sog. Peterzeller Fresken heute im Chor der ehem. Franziskanerkirche in Villingen. Foto: Hermann Colli, 2008.

 

 

Abb. 2 Nordwand der alten Peterzeller Kirche 1904. Foto: Fritz Schultheiß. Aus: Klepper, Dieter: Es war einmal ein Riese. Hrsg. Verein f. Heimatgeschichte St. Georgen, 2000.

 

Nach der letzten aufwändigen Restaurierung, die nötig wurde, weil die Fragmente an der Ostwand des Foyers, wo sie zuvor angebracht waren, einen Klimaschaden3 durch die sich bei Sonneneinstrahlung aufheizenden Glasscheiben erlitten hatten, hängen sie nun wieder in ihrer ursprünglichen Anordnung. In eine metallene, schützende Rahmenkonstruktion eingepasst, oben an einer hohen Wand im lichtdurchfluteten Chor angebracht wirken sie etwas verloren wie unzusammenhängende Einzelbilder, was das Verständnis erschwert. Ein Zeitungsbericht4 über die Restaurierung und anschließende Neuanbringung brachte den Fragmenten kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit, doch inzwischen werden sie wieder, wie schon all die Jahre zuvor, kaum beachtet, was der teilweise hohen Qualität der Darstellungen nicht gerecht wird. Es ist das Anliegen des Artikels, dies zu ändern.

Die vier Fragmente zeigen die „Anbetung der Könige“, „Christus in der Vorhölle“, den „Hl. Christophorus“ sowie ein Stück Rahmenornament mit Kreuz. Sie müssen zu einem wohl flächendekkenden doppelreihigen Bilderzyklus gehört haben, wie man es heute noch in der Mauritius-Kirche in Grüningen betrachten kann, einreihig in Mistelbrunn und wahrscheinlich ehemals auch in der St. Martinskirche in Kirchdorf im Brigachtal. 1904 wurden diese Fragmente beim Abbruch des Mittelschiffes an der Nordwand entdeckt und wegen ihres ruinösen Zustandes nur partiell ausgeschnitten, ein unersetzlicher Verlust. Heute wäre es möglich, aufgrund verbesserter technischer Möglichkeiten, jeden Farbpartikel zu fixieren.

Abb. 3 Anbetung der Hl. Drei Könige. Foto: Bernd Schultheiß. Aus: Dieter Klepper: Es war einmal ein Riese. Hrsg. Verein f. Heimatgeschichte St. Georgen, 2000.

 

Auch für den Laien ist die Darstellung unten links leicht als „Anbetung des Jesuskindes durch die Hl. Drei Könige“ zu identifizieren. Als Teil der Weihnachtsgeschichte und durch unzählige Darstellungen in der Kunst ist sie ihm wohlvertraut. Sie alle fußen auf dem Bericht des Evangelisten Matthäus, wie es in Kapitel 2, Vers 1–12 zu lesen ist. Aber seit den ersten Verbildlichungen in der frühchristlichen Katakombenmalerei war die Art und Weise, wie das Geschehen dargestellt wurde, einem großen Wandel unterworfen. Aus den „Weisen aus dem Morgenland“ wurden im 10. Jahrhundert in der westlichen Kunst Könige, und aus der Dreizahl der Gaben Weihrauch, Myrrhe und Gold schloss man schon von Anfang an auf die Dreizahl der Gabenbringer5. Maria, auf einer kostbaren Bank thronend, eine variierte Übernahme des byzantinischen Marientypus der sog. Hodegetria, wurde zur „Himmelskönigin“, zur „Rose ohne Dornen“, worauf die stilisierte Blume in ihrer linken Hand hinweist. Mit ihrer Rechten umfasst sie das so gar nicht kleinkindhaft wirkende bekleidete Jesuskind, das einerseits seine Hände auf den geöffneten Pokal des ersten, knienden Königs zu legen scheint, andererseits seine Mutter anschaut, was nur durch eine starke Torsion des Körpers möglich ist. Die Beschädigungen lassen leider keine exakte Klärung der Situation zu. Die Köpfe von Mutter und Kind sind jeweils von einem Nimbus bzw. Kreuznimbus umgeben, der auf Jesu spätere Passion hinweist. Die Drei Könige sind in der Weise dargestellt, die im 13. Jahrhundert üblich wurde6: Der erste König kniet, und der zweite zeigt dem dritten zurückschauend den Stern. Während man beim mittleren König noch gut die sog. Lilienkrone, die auch Maria trägt, erkennen kann, scheint der erste König seine Krone vor dem Jesuskind abgelegt zu haben, was wegen des schadhaften Erhaltungszustandes nicht mehr genau zu sehen ist. Die Form seines Bartes weist ihn als betagt aus. Da der mittlere König als „in den besten Mannesjahren“ stehend gemalt ist, kann man davon ausgehen, dass der letzte König, der leider an der Stelle des Kopfes eine Fehlstelle zeigt, als jugendlich dargestellt war, sodass die drei Könige zugleich drei Lebensalter repräsentieren, wie es seit dem Frühmittelalter üblich war. Der heute bläuliche Hintergrund ist nicht mehr näher zu charakterisieren, auch muss die Frage offen bleiben, ob hinter Maria ursprünglich Joseph zu sehen war. Zwingend ist dies nicht, nimmt Joseph im Weihnachtsgeschehen doch eine äußerst nachgeordnete Funktion ein. Die Darstellung ist auf das Wesentliche reduziert, sie gibt ein höfisches, elegantes Milieu wieder, was sich sowohl in der Kleidung widerspiegelt als auch in den, soweit noch erkennbar, vornehmen Gesichtern und der Haltung der Protagonisten: Maria mit Christus ist in sitzender Haltung, einem Privileg, wie es nur Herrschern zukam, gezeigt, sie wirkt gleichermaßen hoheitsvoll und geziert, doch nicht unnahbar, denn ihre leichte Kopfneigung und Körperwendung in Richtung auf das Christuskind hin deutet zart eine Emotion an. Man könnte sie sich auch als Einzelwerk einer thronenden Madonna mit Kind vorstellen, die drei Könige sind ihr eher attributiv zugeordnet. Die Szene ist der byzantinischen Triumphalkunst entlehnt und entspricht dem Barbarentribut an den Kaiser7. Sich selbst erniedrigend vollzieht der erste König demutsvoll die sog. Proskynese, den Kniefall vor dem König aller Könige. Der letzte König offeriert seine Gabe, den Deckelpokal, mit verhüllten Händen, wie es das byzantinische Zeremoniell vorschrieb. Man sieht die Inszenierung eines höfischen Rituals mit symbolischen Handlungen. Durch die Fülle der Gesten und Gebärden und der Kontaktaufnahme der Figuren zueinander wird der Darstellung aber jede Steifheit genommen, die mit einem solchen Ritual gemeinhin verbunden ist.

Weniger leicht zu erkennen ist das Thema der darüber angebrachten Darstellung: Die sog. Anastasis oder „Christus in der Vorhölle“. Nur andeutungsweise ist davon in der Bibel die Rede, z. B. bei Matthäus in Kapitel 12, Vers 40. Ausführlich jedoch berichten hiervon die Legenda aurea, eine mittelalterliche Legendensammlung, und die Apokryphen, das sind von der Kirche nicht anerkannte religiöse Schriften. Danach soll Christus unmittelbar nach seinem Tod eine Höllenfahrt unternommen haben, um die Voreltern und andere Gerechte des Alten Testamentes zu erlösen, indem er sie aus der Hölle führte. Die Peterzeller Darstellung, deren oberer Teil vor dem Abbruch noch leidlich gut erhalten war, aber nicht mit ausgeschnitten wurde, zeigt heute nur noch rechts und unten Teile der Rahmung bzw. Abgrenzung zum Nachbarbild: ein Zickzackband mit eingefügten Blüten. Die Darstellung ist nicht einheitlich: Rechts sieht man Christus mit dem Kreuznimbus, er hält den Kreuzstab mit der Siegesfahne zum Zeichen dafür, dass nicht nur er den Tod besiegt hat, sondern alle Menschen durch ihn die Aussicht haben, dereinst den Tod zu überwinden. In diesem kleinen Malereifragment ist damit die Heilsgewissheit des Christentums enthalten. Entsprechend seiner Bedeutung ist Christus wesentlich größer dargestellt als die drei Menschen, die er aus dem Rachen des Höllentieres gezogen hat und die ihm folgen, ihre Schrittstellung zeigt die Bewegung. Zwei von ihnen werden wohl Adam und Eva sein. Doch wer ist der dritte? Abraham? David? Unklar ist auch, wie Christus, der sich mit kaum merklicher Neigung seines Kopfes den ihm nachfolgenden Menschen zuwendet und ihre Handgelenke mit seiner Rechten umfasst, den Kreuzstab mit seiner linken Hand von vorn hält, was der Logik widerspricht.

Links von dem senkrechten Balken hinter den drei Menschen sieht man in den glutroten Höllenraum, der nahezu flächendeckend von einem äußerst bedrohlich wirkenden, übergroßen Ungeheuer mit aufgerissenem Maul und langen spitzen Zähnen eingenommen wird. In diesem Maul sitzt, geradezu rührend anzuschauen, ein kleiner Mensch mit angewinkelt nach oben gestreckten Armen, der sich von Christus abwendet. Der spitze Hut auf seinem Kopf charakterisiert ihn als Juden: Er nimmt nicht am Erlösungswerk Christi teil, er muss im Rachen der Hölle bleiben. Davor folgt ein eigenartig ungeschlacht geformtes Wesen, demütig die Hände vor der Brust gekreuzt, den drei Menschen. Ist es ein bekehrter Teufel?

Zeigt der rechte Teil eine ernsthafte Szene, die von der ruhig überragenden Christusfigur dominiert wird, so wirkt die Höllenszene kindlich naiv und grotesk, aber gerade hierdurch unglaublich lebendig. Sie erinnert noch an die Bestiarien der romanischen Kunst und ist wohl einem älteren Vorbild verpflichtet.

Abb. 4 Christus in der Vorhölle. Foto: Bernd Schultheiß. Aus: Dieter Klepper: Es war einmal ein Riese. Hrsg. Verein f. Heimatgeschichte St. Georgen, 2000.

 

Das Thema der Anastasis, des Aufstiegs Christi aus der Hölle, wurde erstmals in der Ostkirche dargestellt. Dort gehörte es zu den drei Hauptbildern, bestehend aus Kreuzigung, Anastasis und Himmelfahrt, die wiederum zum vielteiligen Festbildzyklus gehörten. Dieser war fester Bestandteil der Kirchendekoration8.

Von der seitlich rechten Darstellung ist leider nur noch das obere Drittel, und auch dieses nur sehr beschädigt, erhalten: Aus der ehemals wandhohen Darstellung des Hl. Christophorus ist durch das Herausschneiden ein Brustbild geworden. Im Westen wird der Heilige seit dem 12. Jahrhundert als Riese gekennzeichnet, der mit seiner rechten Hand einen blättertreibenden Stab hält und nahe seinem Herzen auf dem linken Arm das Christuskind trägt. Christophorus und Christus sind beide nimbiert, bei Christus ist wieder die Form eines Kreuznimbus anzunehmen, was sich jedoch nicht mehr feststellen lässt. Immerhin sieht man noch die Konturen recht deutlich und das mit einem Rhombenmuster versehene Gewand des Heiligen, das eine Brosche bzw. Fibel schmückt. Dieter Klepper weist darauf hin, dass sie derjenigen ähnelt, die der Christophorus auf dem Wandbild im Vorchor des Reichenauer Münsters trägt. Dies verwundert nicht, gehörte Peterzell bis 1369 doch zum Kloster Reichenau9.

Auf die umfangund variationsreiche Geschichte und Legende des Christophorus einzugehen, einem Heiligen der Ostkirche, der für viele Bereiche zuständig war, ist hier nicht der Platz. Erwähnt werden soll aber, dass dieser Heilige 1969 aus dem liturgischen Kalender gestrichen wurde, nachdem er schon im Tridentinischen Konzil, das die Gegenreformation einleitete, degradiert wurde, denn seine Existenz war nicht glaubhaft nachzuweisen. Der sprechende Name Christophorus, das ist „Christusträger“, galt ursprünglich einer symbolischen Figur, die verdeutlichen sollte, dass jeder, der an der Eucharistie teilnimmt, hierdurch zu einem „Christusträger“ wird, zu einem, der Christus in seinem Herzen trägt. Das Lexikon der christlichen Ikonographie bemerkt hierzu10: „Im 12. Jahrhundert entsteht … im Südalpengebiet der Typ des Christusträgers, der die neue Legende hervorruft. Christophorus … trägt … den Christus- Kyrios [griech. Kyrios = Herr], frontal, mit Segensgestus und Buch … Die Gotterfülltheit des Heiligen wird durch christusähnliche Züge und Barttracht ausgedrückt“. Genau diesem Typ entspricht der Peterzeller Christophorus, allerdings in einer Weiterentwicklung, in der Christophorus und Christus sich leicht einander zuwenden, d. h. eine emotionale Affektion ausdrücken. Im 13. Jahrhundert wandelt sich allmählich die Darstellung des Heiligen von einer symbolischen, hieratischen zu einer zunehmend volkstümlichen Gestalt. Allein sein Anblick galt als Schutz vor einem unvorhergesehenen Tod, d. h. einem Tod ohne vorherige Möglichkeit der Erlangung des Sterbesakraments. Welche Bedeutung dies für die in großer Furcht vor dem Fegefeuer und der ewigen Verdammnis lebenden Menschen damals bedeutete, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Diese Furcht führte zu einer Hochblüte im Kult und in der Darstellung des Heiligen, sodass überall in den Kirchen, an deren Außenwänden, aber auch auf Marktplätzen, Stadttoren und anderen häufig frequentierten Orten ein Christophorusgemälde oder eine -statue angebracht war. Davon ist die Peterzeller Darstellung noch weit entfernt, wenngleich nicht auszuschließen ist, dass die Funktion der Darstellung bereits die eben beschriebene einnahm. Der ihm attributiv beigefügte jugendliche, aber nicht kindliche Christus mit einem langen Gewand hält in seiner Linken ein Buch, das nicht, wie fälschlich oft behauptet wird, das „Buch des Lebens“ ist, was immer man darunter versteht. Es weist hingegen darauf hin, dass Christus der „fleischgewordene logos im Sinne des Johannesprologs (Joh. 1,1–18)“ ist11, die Inkarnation des christlichen Evangeliums.

Abb. 5 Hl. Christophorus. Foto: Bernd Schultheiß. Aus: Dieter Klepper: Es war einmal ein Riese. Hrsg. Verein f. Heimatgeschichte St. Georgen, 2000.

 

 

Abb. 6 Kleines Fragment mit Kreuz. Foto: Bernd Schultheiß. Aus: Dieter Klepper: Es war einmal ein Riese. Hrsg. Verein f. Heimatgeschichte St. Georgen, 2000.

 

Drei Finger seiner rechten Hand sind zum sog. Segensgestus erhoben. Dieser entstammt der römischen Antike, in der der Kaiser oder siegreiche Feldherr seine Hand in ebendiesem Gestus erhob, wenn er seine Ansprache an die Soldaten, die adlocutio, hielt. Dieser, von den Christen adaptierte Herrschergestus „zeichnet Christus in seiner Machtfülle aus“12.

Betrachtet man das vierte kleine Fragment, so ist darauf wenig mehr als ein Stück rahmenden Frieses zu erkennen, der ein gegenüber dem Höllenbild variierendes Motiv zeigt. Rechts unten ist ein Kreuz zu identifizieren, das demjenigen des Kreuzstabes auf der Darstellung „Christus in der Vorhölle“ gleicht, die kleine längliche Farbfläche daneben könnte Teil einer Siegesfahne sein.

Die vier Fragmente mit der „Anbetung der Könige“, „Christus in der Vorhölle“, „Hl. Christophorus“ und das kleine Fragment mit dem Kreuz stehen scheinbar beziehungslos nebeneinander. Es ist zu vermuten, dass sie, wie schon oben erwähnt, Teile eines doppelreihigen Bilderzyklus waren, wofür auch ihre stilistische Ähnlichkeit spricht und die noch teilweise erhaltene Rahmung, die auf die Bemalung in sog. Registern spricht. Ähnliches kann man zum Beispiel noch ganz in unserer Nähe in der St. Mauritius-Kirche in Grüningen sehen. Die Peterzeller Fresken gehörten wohl zu einem Zyklus mit Bildern aus dem Leben Jesu, unten vielleicht zur Kindheit, oben die Passion bis zur Himmelfahrt betreffend. Das kleine Kreuzfragment würde dann zum Kreuzstab mit Siegesfahne gehören, den Christus wie bei der „Anastasis“, so auch bei der anschließenden Auferstehung in der Hand hält.

Warum aber wurde diese Folge durch eine Monumentaldarstellung des Hl. Christophorus unterbrochen? Es wurde schon gesagt, dass im Mittelalter die Vorstellung aufkam, der bloße Anblick einer Darstellung dieses Heiligen schütze für den jeweiligen Tag vor einem jähen Tod. Ihm kam damit eine apotropäische, d. h. unheilabwehrende, Funktion zu, und es kam darauf an, ihn möglichst prominent und gut sichtbar den Gläubigen zu präsentieren. Ganz andere Aufgaben hingegen hatten die Szenen mit Darstellungen aus dem Leben Christi zu erfüllen: Sie waren eine Art Bilderbibel für ein leseunkundiges Publikum, und der Pfarrer konnte bei Bedarf seine Predigt oder Ausführungen durch Hinweise auf die Darstellungen verdeutlichen. Auch für diese Situation bietet sich der Vergleich mit Grüningen an, denn in der dortigen Kirche unterbricht ebenfalls eine die ganze Wand einnehmende Christophorusdarstellung eine Szenenfolge, in diesem Fall die Schöpfungsgeschichte. Durch einen späteren Fenstereinbau ist diese Darstellung leider weitgehend zerstört13.

In welcher Weise und ob die übrigen Wände der Peterzeller Kirche dekoriert waren, muss Spekulation bleiben, doch ist anzunehmen, dass sie ebenfalls ursprünglich mit figürlichen und szenischen Darstellungen dekoriert waren. Denn die sog. Fresken, als Rest einer ehemals angebrachten Bilderfolge, in Registern, durch Ornamentbänder gerahmt und separiert, stehen in einer langen Tradition, deren berühmtestes Beispiel nördlich der Alpen der romanische Bilderzyklus in St. Georg auf der Reichenau sein dürfte.

Selbst in ihrem schadhaften und nur noch rudimentären Erhaltungszustand erstaunen sie durch die großenteils hohe Qualität der künstlerischen Ausführung, die an höfische (französische?) Vorbilder in der Figurengestaltung denken lässt. Im allgemeinen auf das 2. Viertel des 14. Jahrhunderts datiert14 oder, um mit Michler zu sprechen, in die Nachfolge der Manessezeit15, stellen sie ein bedeutendes künstlerisches Zeugnis dar.

Die Komplexität der einzelnen Bilder, z. B. im Hinblick auf das gewählte Thema, seine bildliche Umsetzung und Tradition, seinen Stil und Zusammenhang mit anderen Bildern, konnte hier aus Platzgründen nur ansatzweise berücksichtigt werden, ebenso wenig der Zusammenhang mit Bilderhandschriften, Kirchenportalen oder liturgischen Spielen und ähnlichem. Eine intensivere Auseinandersetzung, vor allem im Vergleich mit weiteren mittelalterlichen Wandmalereiresten der hiesigen Gegend wäre wünschenswert.

Quellen

1 Tel. Auskunft der Restauratorin Juliane Weigele.

2 Klepper, Dieter: Es war einmal ein Riese. Hrsg. vom Verein für Heimatgeschichte e.V. St. Georgen im Schwarzwald im Dezember 2000.

3 Auskunft Dr. Michael Hütt, Franziskanermuseum.

4 Südkurier vom 18.01.2008.

5 Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI). Begr. Von Engelbert Kirschbaum, hrsg. von Wolfgang Braunfels. Rom u. a. 1973, Bd. 1, Sp. 541.

6 LCI, Bd. 1, Sp. 543.

7 LCI, Bd. 1, Sp. 542.

8 LCI, Bd. 2, Sp. 29.

9 Klepper 2000, 25 f und 4.

10 LCI, Bd. 5, Sp. 499 f.

11 Schlink, Wilhelm: Der Beau-Dieu von Amiens. Frankfurt a. M./Leipzig 1991, 39.

12 Ebd. 39.

13 Christoph, Gertrud: Die Pfarrkirche St. Mauritius zu Donaueschingen-Grüningen (= Sonderdruck aus Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen, Heft 30, 1974.)

14 Klepper, 2000, 22.

15 Michler, Jürgen: Gotische Wandmalerei am Bodensee. Friedrichshafen 1992.

 

Erstmals „Lioba-Darstellungen“ in St. Lioba (Alfons Weißer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ST. LIOBA, eine Verwandte des hl. Bischofs Bonifatius, des Apostels Deutschlands, wurde um 710 in Angelsachsen geboren. Als Benediktinerin des Klosters Wimborne folgte sie dem Ruf des hl. Bonifatius, der Lioba zur ersten Äbtissin des von ihm gegründeten Klosters in Tauberbischofsheim bestellte. Ihre Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und ihre Liebe zu ihren Schülerinnen strahlte – wie eine wohltönende Glocke – weit über ihr Kloster und über ihre Zeit hinaus. Lioba starb am 28. September 782. Ihre Reliquien werden auf dem Petersberg bei Fulda verehrt.

Die Benediktinerinnen von der hl. Lioba, 1927 in Freiburg gegründet, verwirklichen heute das BETE UND ARBEITE.

Im Jahr 2007 konnte das Altenheim ST. LIOBA sein fünfzigjähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass schuf Bildhauer Leonhard Eder aus Rheinfelden zwei Reliefs, die Herkunft und Wirken der heiligen Lioba schildern: das quadratische Relief für das Altenheim, das runde für das im Jahr 2004 eröffnete Betreute Wohnen. Leonhard Eder arbeitet in Bronze und Stein: Das Gedenkkreuz an der Stelle der zerstörten Bickenkapelle hat er 1976 geschaffen, ebenso den Narrenbrunnen in Unterkirnach und viele Brunnen und in unseren Kirchen viele Altäre.

Da in Rheinfelden Aluminium verarbeitet wird, arbeitet der Künstler auch mit diesem Material: so sind die beiden Darstellungen von ST. LIOBA Aluminium-Reliefs (Unikate).

Fotos: Tobias Eder