Jahresrückblick 2012 (Helga Echle)

Der Weihnachtsmarkt am Ende des Jahres 2011 war wieder ein großer Erfolg. Neben dem Verkauf unserer Schriften wurde viel „Selbstgemachtes“ angeboten. Der Erlös wurde, wie im vorigen Jahr, für das geplante Palliativzentrum gespendet (Abb 1).

Abb. 1: Spendenübergabe des Geschichts- und Heimatvereins im Villinger Klinikum an den Verein „Palliativ-Zentrum-VS e.V.“. Von links: GHV-Schatzmeister Hasko Froese, Palliativ-Schatzmeisterin Juliane Tritschler, GHV-Vorsitzender Günter Rath, Chefsekretärin Sonja Gutzeit, GHV-Beiratsmitglied Hermann Schuhbauer und Professor Dr. Wolfram Brugger.

 

Mit einem Auftakt nach Maß begann die Veranstaltungsreihe des Geschichts- und Heimatvereins im Jahre 2012.

Den Anfang machte Margot Schaumann mit ihrem Vortrag „Alte Jungfere im Wandel der Zeit“. Die amtierende „Oberjungfer“ verstand es, vor über 200 Gästen humorvoll und anschaulich die Geschichte und Entwicklung der „Alten Jungfere“ zu beschreiben. Begleitet wurde ihre Erzählung von z.T. alten Fotos, auf denen sich manche der anwesenden Frauen selbst oder ihre Mutter, Großmutter oder Bekannte wieder erkannte. Bevor der GHV zu einem kleinen Sektempfang einlud, glänzte Margot Schaumann noch mit einer vortrefflichen Darbietung als „Es Burewieb us de Schone“, die alle Lachmuskeln strapazierte.

Dass der Geschichts- und Heimatverein Kunst und Kultur der Stadt unterstützt und Stadtgeschichte transparent und erfahrbar macht, unterstrich der Vorstand deutlich, indem er dem Museum 3000 € für die Restaurierung eines Historienbildes spendete, das Albert Säger 1901 malte. Dieses Bild ist in einem schlechten Zustand, aber unbedingt erhaltenswert. Es ist 3,30 m breit und 1,80 m hoch und zeigt den Einzug von Kaiser Maximilian in Villingen im Jahre 1499. Es hing einst im Bürgerlichen Brauhaus „Maierhof“ und nach der Restaurierung kann dieses großflächige Gemälde in der renovierten Zehntscheuer wieder bewundert werden (siehe Bericht Seite 8 und Titelbild).

Am 9. Februar sprach Michael Buhlmann voraufmerksamen Zuhörern über „Geistliche Gemeinschaften im mittelalterlichen Villingen“. Er zeigte auf, wie seit dem 13. Jh. bis zur Säkularisation um 1800 die Klöster wichtige Aufgaben in Seelsorge und Schule wahrnahmen. Zugleich unterhielten Klöster der näheren Umgebung Verbindung zur Stadt. Manche besaßen Pfleghöfe, von denen aus sie ihren Grundbesitz bei Villingen verwalteten. Michael Buhlmann machte deutlich, dass geistliche Gemeinschaften einen wichtigen Bestandteil des Lebens im alten Villingen darstellten.

Abb. 2: Gruppenbild am Gewandhaus in Leipzig.

Sigried Fiehn vom Amt für Stadtentwicklung der Stadt Villingen-Schwenningen referierte im März über „Die untere Denkmalbehörde und ihre Aufgaben“. Denkmalschutz und Denkmalpflege haben in unserer Stadt einen hohen Stellenwert. Anhand praktischer Beispiele aus der Stadt ging sie auf die Aufgaben der Unteren Denkmalbehörde ein. Einen weiteren Raum nahmen rechtliche und praktische Fragen des Denkmalschutzes, die Rechte und Pflichten eines Kulturdenkmaleigentümers und mögliche denkmalverträgliche Lösungen für die verschiedenen Arten von Kulturdenkmalen in ihrem Referat ein.

Abb. 3: Gruppenbild am Lutherhaus in Wittenberg (mit „Frau Käthe Luther“).

 

Ebenfalls im März fand die jährliche Mitgliederversammlung statt mit dem Bericht des Vorsitzen- den und dem Kassenbericht des Schatzmeisters. In ihren Ämtern für jeweils 2 weitere Jahre wurden der 2. Vorsitzende Helmut Kury und die Schriftführerin Helga Echle einstimmig bestätigt. Der GHV konnte auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2011 zurückblicken und eine insgesamt positive Bilanz vorlegen.

Gemeinsam mit dem Stadtarchiv lud der GHV zu einer außergewöhnlichen Veranstaltung ein mit dem Thema „Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki (1908 –1942) und seine Ermordung vor 70 Jahren“. Es war ein emotional berührendes Treffen, da auch Verwandte von Marian Lewicki anwesend waren und aus ihrer Sicht berichteten.

Von der Großen Jahresexkursion nach Leipzig unter der Leitung von Hasko Froese kehrten die Mitglieder mit beeindruckenden Erlebnissen zurück. In der alten Messestadt erlebten sie ein vielfältiges Programm, das von der Stadtrundfahrt und Stadtrundgängen bis zum Besuch des berühmten Auerbach-Kellers reichte. Bestiegen wurde das Völkerschlachtdenkmal und eine große Anziehungskraft übte die Altstadt mit ihren schmucken, renovierten Häusern aus. Besichtigt wurden natürlich auch die beiden berühmten Kirchen Nikolai- und Thomaskirche. Ein Höhepunkt der Leipzig- Reise war eine Führung im Gewandhaus (Abb. 2) in dem vor allem die Deckenmalereien und der große Konzertsaal bestaunt wurden. Ein Tagesausflug in die Lutherstadt Wittenberg, wo Stadt- und Lutherkirche und das Lutherhaus (Abb. 3) besichtigt wurden, rundete das Programm ab.

Unterhaltsam und spannend führte uns Werner Mezger in „Zwei europäische Regionen und ihre Kulturkontakte – Tirol und Südwestdeutschland“ ein. Er führte aus, dass Tirol als eine Kernregion Europas und als traditioneller Kontakt zwischen Nord und Süd gilt. Es übt durch seine alpine und gleichzeitig mediterrane Prägung gerade für Besucher aus Südwestdeutschland eine magische Anziehungskraft aus. In seinem reich bebilderten Vortrag nahm Mezger die Zuhörer mit auf eine Reise in die Geschichte Tirols. Er erzählte über die ehemalige Zugehörigkeit zu Vorderösterreich, über Arbeitsmigration, natürlich über den Freiheitskampf und Andreas Hofer. Weitere „Berühmtheiten“ wie „Ötzi“, Luis Trenker und Reinhold Messner wurden ebenso angesprochen wie zuletzt – wie kann es anders sein – die Parallelen zur Fasnacht zwischen Tirol und Süddeutschland.

Abb. 4: Pfarrer Weisser mit der Besuchergruppe in Beuron.

 

Abb. 5: Die St.-Maurus-Kapelle in Beuron.

 

Unter der erprobten und zuverlässigen Führung von Pfarrer Alfons Weisser machte sich eine aufmerksame Gruppe zu einer Halbtagesfahrt nach Beuron auf (Abb. 4). Bereits im Bus erzählte Pfarrer Weisser, dass die Erzabtei St. Martin im Jahre 1077 als Augustiner Chorherrenstift gegründet wurde und nach einer wechselvollen Geschichte seit 1863 wieder besiedelt wurde. Bei der unterhaltsamen Führung in der barocken Abteikirche St. Martinus durch Bruder Lukas konnten die Teilnehmer den herrlichen Chor und die Gnadenkapelle mit einem Bild aus dem 15. Jh. bewundern. Besucht wurde auch die unweit der Abtei liegende St.-Maurus- Kapelle (Abb. 5) mit ihrer symbolhaft einfachen, an frühchristlichen Vorbildern orientierten Ausschmückung.

Im Juni folgte eine gespannte Gruppe unserem Mitglied und Stadtführerin Wiltraud Natschinski einer „kleinen Stadtführung“ Rund um Bächle und Brunnen. In kurzweiliger Art wusste sie viel Wissenswertes zu Brunnen und Quellen und zur Wasserversorgung im mittelalterlichen Villingen zu erzählen.

Abb. 6: Die Klosterkirche Ottobeuren.

 

Mehr als 60 Mitglieder besuchten im Juli unter der Leitung von Dekan i. R. Kurt Müller und Günter Rath eine der größten Klosteranlagen Deutschlands, die Benediktinerabtei Ottobeuren (Abb. 6 und 7) und die Kartause in Buxheim. Bereits auf der Hinfahrt machte Pfarrer Müller die Teilnehmer in der gewohnt sachkundigen und den- noch kurzweiligen Art mit der Geschichte der Benediktinerabtei Ottobeuren vertraut. Er berichtete von der Gründung und der Entwicklung des Ordens der Benediktiner, gab allgemeine Erklärungen zum Klosterleben, schilderte die Bauphasen des Klosters und der Kirche und beschrieb vorab einige Sehenswürdigkeiten im Innern der Kirche.

Abb. 7: Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins vor der Basilika in Ottobeuren.

 

Abb. 8: Chorgestühl in der Kartause Buxheim.

 

Die Teilnehmer waren beeindruckt von der Pracht und der Weite der Basilika, in deren Zentrum das über 700 Jahre alte romanische Gnadenkreuz steht. Für die Villinger besonders interessant: das Chorgestühl, das von dem Villinger Kunstschreiner Martin Hermann gefertigt wurde, der unter anderem auch in der Benediktinerkirche in Villingen gewirkt hat. Auf der anschließenden Fahrt nach Buxheim führte Pfarrer Müller in die Entstehung des Ordens und das Leben der Kartäusermönche ein. Bei einem Rundgang dort beeindruckten die Anna-Kapelle und der fast 400 m lange Kreuzgang, beide von Dominikus Zimmermann gestaltet. Überwältigt waren die Besucher von dem Chorgestühl (Abb. 8), einem Kunstwerk von europäischem Rang, das eine bewegte Geschichte hat.

Die zweite Jahresexkursion befasste sich diesmal mit den Spuren der Ostkirche und ihrer Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, sowie mit den Resten des Osmanischen Reiches in der ehemaligen Hauptstadt Bursa.

Abb. 9: Die Blaue Moschee in Istanbul.

 

Unter der Leitung von Klaus Weiss und Hasko Froese beeindruckte in Istanbul vor allem die Hagia Sofia, die unter Kaiser Konstantin erbaut wurde und als das wichtigste Bauwerk der Stadt und ein Zeugnis der byzantinischen Kunst gilt. Weitere Besichtigungsschwerpunkte waren die Sultan-Ahmed-Moschee, der Topkapi-Palast (Abb. 10), die Süleymaniye-Moschee sowie die Erlöserkirche des Choraklosters mit den beeindruckenden Mosaiken, aber auch die sichtbaren Unterschiede vom europäischen zum asiatischen Teil von Istanbul.

Eine Fahrt mit dem Schiff über das Marmara- Meer brachte die Reisenden nach Bursa, einer typisch anatolischen Stadt, in der man sehr gut das Wesen der osmanischen Kunst erkennen kann. Besichtigt wurden u. a. das Grabmal von Osman, dem Begründer der Dynastie und seiner Nachfolger, die Ulu-Moschee, aber auch ein Gang über den Seidenbazar gehörte zum Programm.

Abb. 10: Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatverein vor dem „Tor der Begrüßung“ am Topkapi-Palast in Istanbul.

 

Abb. 11: Eine interessierte Zuhörerschar im Campus Schwenningen.

 

Nach den Sommerferien traf sich eine Gruppe in Schwenningen auf dem Campus der Hochschule Furtwangen (Abb. 11). Unser Mitglied, der Rektor der Hochschule Professor Dr. Rolf Schofer erzählte anschaulich und engagiert von der Entstehung der Hochschule, die 1850 als Großherzogliche Badische Uhrmacherschule Furtwangen gegründet wurde, 1925 Badische Uhrmacherschule, Staatliche Höhere Fachschule für Groß und Taschenuhrmacherei, Feinmechanik und Elektromechanik wurde, 1947 Staatl. Ingenieurschule und 1971

Abb. 12: Hasko Froese bedankt sich im Namen der Besucher bei Professor Schofer für die Führung.

 

Fachhochschule wurde. Das ehemalige Areal der Uhrenfabrik Kienzle in Schwenningen wurde 1988 umgewandelt zu einer Abteilung der FH Furtwangen. Die seit 1997 den Titel Hochschule für Technik und Wirtschaft tragende Anstalt hat insgesamt über 5000 Studenten. Sie schneidet hervorragend im internationalen Wettbewerb ab. Unter den deutschen Hochschulen liegt sie auf Platz 1.

Rektor Schofer (Abb. 12) zeigte den aufmerksamen Besuchern die Gebäude und einige Forschungsgeräte, darunter eine spezielle Herz- Lungen-Maschine. Abschließend bestaunten die Gäste die neuen Seminarräume im „Neckar-Tower“ und hatten von dort einen herrlichen Blick auf das abendlich beleuchtete Schwenningen.

Durch die Initiative des GHV Villingen fand im September eine Benefizveranstaltung in der Zehntscheuer zugunsten ihrer Renovierung durch die Narrozunft Villingen statt. An dem unterhaltsamen Abend strapazierten die „Hills-Angels“ und die „Alte Jungfere“, die beide kostenlos auftraten, die Lachmuskeln der Besucher. Die Zehntscheuer ist eines der ältesten bekannten Gebäude in Villingen und erhaltenswert, weshalb der GHV die Sanierung als förderungswürdig unterstützt. Zusätzlich zu dem Erlös des Abends überreichte der Verein eine Spende.

Der Besuch des legendären, über die Landesgrenzen hinaus bekannten HGBS-Studios glich einer Zeitreise in die 1960er Jahre. Damals wurden hier für die Label SABA und MPS viele hochkarätige analoge Tonaufnahmen gemacht. Auch heute sind wieder digitale und analoge Produktionen möglich. Das Studio wurde vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg mit dem Titel „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ bedacht.

Ein gespanntes, begeistertes Publikum folgte den Erzählungen von Mathias Brunner-Schwer sowie der Zeitzeugin und Ehefrau des Begründers Marlies Brunner-Schwer.

Zum Abschluss spielten sowohl der Gastgeber als auch einer der Besucher auf dem „Herzstück“ des Studios, dem Bösendorfer Grand-Imperial- Flügel.

Zusätzlich in das Jahresprogramm aufgenommen war eine Fahrt nach Mainz unter der Leitung von Günter Rath. Die Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz ist ein alter Kurfürsten- und Erzbischofssitz mit geschichtsträchtiger Vergangenheit.

Abb. 13: Der Dom zu Mainz (von der Seite aus gesehen).

 

Bei einer ausgezeichneten Stadtführung erlebten die Besucher Kultur und Geschichte des vom Barockstil geprägten Stadtbildes und folgten den Spuren berühmter Persönlichkeiten. So wurde z.B. das Gutenberg-Museum besucht, das eines der ältesten Druckmuseen ist und zum 500. Geburtstag von Johannes Gutenberg im Jahr 1900 gegründet wurde. Die Besichtigung des 1000jährigen Doms, der als eines unserer bedeutendsten und größten romanischen Bauwerke gilt, beeindruckte mit seinem Ostchor, den bronzenen Türflügeln des Marktportals sowie dem Reichtum an sehenswerten Grabmälern (Abb. 13). Ein weiterer Höhe- punkt war der Besuch der gotischen Hallenkirche St. Stephan. Die 9 Glasfenster im Chor, geschaffen von Marc Chagall, in wunderbaren nuancenreichen Blautönen, riefen bei der Besuchergruppe große Bewunderung hervor (Abb. 14).

Gottesdienstbesuche am Sonntag in den zuvor besichtigten Kirchen rundeten diese geschichtlich lohnende Fahrt ab.

Als starker Besuchermagnet erwies sich die Fahrt zum Museum Frieder Burda in Baden-Baden, das der New Yorker Architekt Richard Maier geplant hat. Die Mitglieder des GHV waren beeindruckt sowohl von der attraktiven Architektur als auch von dem Ausstellungsprogramm des jungen Museumshauses. Bei einer Führung erhielten sie einen Eindruck von der z. Zt. stattfindenden Ausstellung „Tête-à Tête“ mit den Künstlern Fernand Leger und Henry Laurens.

Abb. 14: Die Fenster von Marc Chagall in der Kirche St. Stephan in Mainz.

 

Durch eine Stadtführung in Baden-Baden lernten die Besucher ein „Weltbad mit Vergangenheit“ kennen. Während des Rundgangs wurden sie mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten der Stadt vertraut gemacht, so z. B. mit der Altstadt mit ihren romantischen Gassen, dem Bäderviertel und dem Kurviertel.

Im Gedenkgottesdienst am 6. November 2012 im Münster wurde der verstorbenen Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins gedacht.

Im Dezember nahm der Geschichts- und Heimatverein wieder mit einem eigenen Stand und verschiedenen Angeboten am bisher erfolgreichen Villinger Weihnachtsmarkt teil. Druckfrisch wurde das von Kurt Müller verfasste Buch über Kapellen ausgelegt und empfohlen.

Mit dem vorweihnachtlichen, stimmungsvollen Besinnlichen Abend verabschiedete sich ein vielfältiges, gelungenes Vereinsjahr 2012.

Beim Hauck kaufte schon die Oma ein (Marga Schubert)

Traditionsgeschäft am Oberen Tor / Lebendige Familiengeschichte

In der Oberen Straße in Villingen, direkt am Oberen Tor, steht das Haus der Firma Hauck.

 

„Wo isch au d’Katz?“ fragen die Kunden seit Wochen verdutzt, bevor sie sich ihren geplanten Einkäufen im Fachgeschäft Hauck beim Oberen Tor zuwenden. Komische Frage, wenn man eigentlich einen Pulli oder einen Schlafanzug kaufen will. Nun ja, der Kater Ramses war eben der Liebling aller Kunden und fristete ein fröhliches Dasein zwischen Hemden, Schürzen und Unterwäsche. Nun ist er leider im gesegneten Katzen-Alter von 13 Jahren gestorben. Doch das Textil-Fachgeschäft Hauck, Obere Straße 35, in dem der Kater Ramses zum Inventar gehörte, das „lebt“ nun bereits seit fast 80 Jahren und ist auch so lange im Familienbesitz. Werner Hauck führt das Geschäft mit einem derart breiten Angebot, wie es das ansonsten kaum noch so konzentriert gibt, bereits seit 50 Jahren in der dritten Generation.

Es gibt sie also noch, die traditionsreichen Einzelhandelsgeschäfte zwischen all den zahlreichen Filialen der großen Supermärkte und Einkaufszentren. Und sie sind, wie Hauck, unverzichtbar. Denn wie oft hört man den guten Rat von Freunden, wenn man etwas spezielles in der Vielzahl von Geschäften einfach nicht findet:

„Guck doch mal bei Hauck am Oberen Tor“. Denn wo gibt es bitteschön zum Beispiel noch die guten alten Kittelschürzen für die Küchenarbeit, die manch ältere Hausfrau einfach nicht missen will.

 

Oder die Hosenträger für den Opa mit Knöpfen statt mit „dem neumodischen Zeugs“, den Clips, oder Stofftaschentücher, Ärmelhalter, rote Kniebundhosenstrümpfe zum Wandern, Wäscheetiketten mit besticktem Namen, die Schüler im Internat oder Senioren im Altenheim zur Kennzeichnung ihrer Wäsche benötigen. Oder mitten im Sommer Schnurrbart und Zylinder für eine Theateraufführung, oder 40 fastnächtliche Ringelhemden für einen Verein, der seine Mitglieder einheitlich zum Sommerfest damit ausstaffieren will. „Was nicht vorrätig ist, wird besorgt“, lacht Werner Hauck. Er kennt die Hersteller und Vertriebsfirmen, wo er die diversen Wünsche seiner Kunden erfüllen kann.

Doch das gilt natürlich nicht nur für das Raritäten-Kabinett. Denn das Hauptsortiment bei Hauck liegt im Qualitätsangebot für den „Kunden 50 +“, in Markenwaren namhafter Hersteller, von Unterwäsche, Socken, Pullovern, Freizeitkleidung oder Reha-Ausstattung für die Kur für Damen und Herren. Das läuft immer gut, freut sich Werner Hauck und lacht: „Bei mir kaufen halt keine Teenies und Modefreaks“ – wobei das Angebot durchaus alles andere als „altbacken“ gilt, sondern eben für die Altersklasse „50 +“ der Mode angepasst ist.

Und wohl einzigartig im Umkreis und ein wichtiges Standbein des Sortiments ist das Hauck- Angebot an Berufskleidung – und das komplett von der Ausstattung für Köche, Ärzte, medizinisches Fachpersonal in Labors oder Massagepraxen in Weiß, genauso wie Overalls für Müllfahrer und Werkshofmitarbeiter in leuchtendem Orange, oder für Schornsteinfeger die schwarze Dienstkleidung. Nicht zu vergessen den „blauen Anton“ in allen Variationen für alle Arbeitenden und Hobbyhandwerker. Zum Koch gehört natürlich die passende Kochmütze, zum Ober der Geldbeutel zum Kassieren, für Arbeiter selbstverständlich Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. Hauck stattet die arbeitenden Menschen komplett aus.

Der gute Rat: „Guck doch mal bei Hauck“ ist meistens erfolgversprechend. Und das auch ganz besonders in der fünften Villinger Jahreszeit, der Fasnacht. Denn da ist Hauck eine Top-Adresse. Werner Hauck selbst war selbstverständlich in jüngeren Jahren, wie es sich für einen alteingesessenen Villinger gehört, im Narro-Häs.

„Natürlich haben wir uns im Laufe der Jahrzehnte den Kundenwünschen angepasst“, meint der Geschäftsmann. Auch bei Hauck geht man bei Bekleidung selbstverständlich in Farbe und Form mit der Mode – nur etwas dezenter – und nur dass es eben die Raritäten vergangener Zeiten als Randsortimente auch noch gibt.

Eine Neuheit, die bei den Kunden sehr gut ankommt: Geschenke aus Frotteetüchern gebastelt. Statt Blumen werden diese kleinen Kunstwerke immer beliebter. Da gibt es Hochzeitstorten mit goldenen Ringen, rosa Schnecken mit Schnuller zur Geburt, Männergeschenke aus Frottee mit einem echten Fläschchen Tannenzäpfle oder Kirschwasser garniert und vieles mehr. Gerne macht die kreative Mitarbeiterin Anita Forkel, die diese Frottee-Geschenke fertigt, auf Wunsch auch Sonderanfertigungen.

Nun ist der Firmeninhaber Werner Hauck zwischenzeitlich selbst 71 Jahre alt, hat keine Nachkommen. „Wenn ich aufhöre, wird das Geschäft vermutlich nicht weiterbestehen“, meint er. Denn ein derartiges Geschäft kann man nur mit viel Herzblut und dem Verzicht auf viel Freizeit führen. Wenigstens hat Werner Hauck, solange seine Eltern noch lebten, seine Chancen genützt und war auf Reisen in der ganzen Welt unterwegs – in Brasilien, Singapur, Peru, Thailand, usw. Davon kann Werner Hauck heute noch zehren und träumen, denn später war das nicht mehr möglich. Doch das Fernweh treibt den 71-Jährigen immer noch um. „Ich will schon noch mal fort“, meint er zuversichtlich.

Familiengeschichte ist auch Stadtgeschichte

Das Haus Obere Straße 35 ist über 250 Jahre alt.

Es wurde zwischen 1750 und 1800 als landwirtschaftliches Anwesen mit Stallungen gebaut. Viel später war hier ein Kolonialwarengeschäft Thoma angesiedelt. Seit 1934 ist das Haus im Hauck’schen Familienbesitz und Emma Hauck, die Großmutter väterlicherseits des heutigen Geschäftsführers Werner Hauck, betrieb ein Kurz- und Wollwarengeschäft.

 

Werner Hauck in seinem Geschäft.

 

Später übernahmen in zweiter Generation Ernst und Frida Hauck das kleine Lädele, das 1967 umgebaut und 1984 wesentlich erweitert wurde. Im Hinterhof wurden Wände durchbrochen und das Gebäude „um die Ecke“, Josefsgasse 2, in dem damals das Hutgeschäft Schweiner eine gute Adresse für Kopfbedeckungen war, mit in die Geschäftsräume von Hauck integriert. Heute ist dieser Teil die Abteilung für Arbeitsbekleidung als wichtiges Standbein im Sortiment. Seit 50 Jahren führt Sohn Werner Hauck das Geschäft, das nicht nur gute Zeiten erlebt hat und in zwei Jahren 80 Jahre alt wird. In Kriegszeiten total ausgeplündert musste Vater Ernst Hauck, um wieder einen Warenbestand zu bekommen, in die Fabriken fahren und alles, was noch aufzutreiben war, einkaufen. Die Menschen hatten nach dem Krieg ja nichts mehr. Erstes Gebot bei Hauck blieb all die Jahrzehnte der Anspruch auf Qualität. Und so entwickelte sich bis Ende der 60er Jahre eine „goldene Zeit“ für Hauck, die großen aufstrebenden Firmen kauften für ihre Mitarbeiter Arbeitskleidung en gros, die Menschen verdienten wieder Geld. Das Geschäft wurde immer mehr den veränderten Einkaufsgewohnheiten der Kunden angepasst.

Flagge zeigen bei der Wallfahrt (Hermann Colli)

Mit neuem Banner zum Dreifaltigkeitsberg

Eine Fahne für die Gruppe der Fußwallfahrer nahm Konrad Flöß (rechts) aus den Händen des Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins, Günter Rath, entgegen.

 

Was Pfarrer Kurt Müller und der Geschichts- und Heimatverein Villingen (GHV) 1994 anregten, ist zu einer echten und lebendigen Tradition geworden: Die Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen, die jeweils am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag stattfindet.

Die Villinger pilgern bereits seit 1764, als eine schwere Viehseuche im Land herrschte, zum Heiligtum auf dem 983 Meter hohen Spaichinger Hausberg. In den letzen Jahrzehnten wohl hauptsächlich per Auto, Bus oder Fahrrad. Nur Einzelne machten sich zu Fuß auf den über 30 Kilometer langen Gewaltmarsch, den die Vorfahren vor 248Jahren zum ersten Mal auf sich nahmen, um aus Dankbarkeit für die Hilfe während der Viehseuche ein Votivbild zu stiften. Sie legten das Gelübde ab, jedes Jahr hierher zu kommen.

An dieses Ereignis erinnerte Pfarrer Kurt Müller 1994, damals noch Münsterpfarrer und Dekan, in einem Vortrag des Geschichts- und Heimatvereins zum Thema „Votivbilder und Votivgaben“ (GHV Jahresheft XIX 1993/94). In der Diskussion wurde angeregt, die Fußwallfahrt mit Unterstützung des GHV wieder zu beleben.

Mit dem Beiratsmitglied und engagierten Wanderführer Adolf Schleicher fanden die Geschichtsfreunde auch gleich den Mann, der den Gedanken aufnahm und engagiert in die Tat umsetzte. (Siehe auch Beitrag in diesem Heft:

„Adolf Schleichers letzte Pilgerfahrt“). 18 Jahre lang organisierte er den Marsch durch die Nacht vom Bickenkreuz in Villingen zur Wallfahrtskirche auf den Dreifaltigkeitsberg. Bei der ersten Tour waren es 18 Teilnehmer, ihre größte Zahl war 78.

Bei Wind und Wetter führte Adolf Schleicher die Pilgerinnen und Pilger sicher und fachkundig zum Ziel.

Mit dabei von Anfang an ist Konrad Flöß, der jetzt mit Unterstützung des GHV für die Fußwallfahrer ein Banner erstellen ließ. „Wir wollen im wahrsten Sinn des Wortes Flagge zeigen und zu erkennen geben, wer wir sind und was wir tun“, begründet er die Anschaffung der Fahne. Sie soll auch an Adolf Schleicher erinnern, der als „Vater“ dieser beliebten Pilgergruppe bezeichnet werden kann. Günter Rath, Vorsitzender des GHV: „Diese Fahne soll auch ein Zeichen dafür sein, dass wir bemüht sind, heimische Traditionen wach zu halten und diesbezügliche Aktionen zu unterstützen“.

Zum ersten Mal war die neue Fahne der Fußwallfahrer beim nächtlichen Marsch auf den Dreifaltigkeitsberg dabei.

 

2012 waren die Fußwallfahrer zum ersten Mal mit dem neuen Banner unterwegs. Nach langem Marsch, bei widrigem nasskaltem Wetter, zog die Gruppe, die inzwischen zu einer echten Gemeinschaft zusammengewachsen ist, feierlich in die Dreifaltigkeitskirche ein, wo Dekan und Münsterpfarrer Josef Fischer die Fahne im Festgottesdienst weihte.

Die Pilgergruppe aus Villingen beim Einzug in die Dreifaltigkeitskirche.

 

 

Dekan und Münsterpfarrer Josef Fischer weihte die Fahne im Festgottesdienst.

 

 

 

Adolf Schleichers letzte Pilgerfahrt (Hermann Colli)

Nachruf auf engagierten Bürger und Geschichtsfreund

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein halbes Jahr vor seinem Tod führte Adolf Schleicher noch eine große Pilgerschar von Villingen aus zur Wallfahrtskirche auf den Dreifaltigkeitsberg. Jetzt hat er selbst seine letzte große Pilgerfahrt angetreten. Er starb im Alter von 75 Jahren. Um ihn trauern neben seiner Frau Helga und den Angehörigen der Familie auch die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen.

Er hatte die traditionelle Fußwallfahrt auf Initiative des Geschichts- und Heimatvereins (GHV) vor 19 Jahren wieder ins Leben gerufen und in dieser Zeit hunderte von Fußwanderern über den rund 30 Kilometer langen Nachtmarsch zum Spaichinger Hausberg geführt, wo einem Gelübde von 1763 gemäß, die Villinger alljährlich Dank sagen für Rettung aus einer schweren Viehseuche.

Adolf Schleicher ist ein waschechter Villinger: Hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, begann er eine Lehre bei Binder Magnete. In 44 Jahren arbeitete er sich als Techniker hoch bis zum angesehenen Abteilungsleier mit Handlungsvollmacht. 1994 trat er in den Ruhestand.

Für den umtriebigen Villinger hieß das aber nicht, die Hände in den Schoß legen. Er engagierte sich auf vielen Gebieten für die Allgemeinheit. Ministerpräsident Erwin Teufel zeichnete Schleicher für sein Engagement mit der Landes- Ehrennadel aus.

Er war aktiv in mehreren Vereinen. Als Jugendlicher in der Stadtmusik spielte er Klarinette. Bei Kolping war er aktiv, besonders in der Nikolausaktion. Er war Mitglied im Katholisch Kaufmännischen Verein (KKV). Im Geschichts- und Heimatverein gehörte er viele Jahre dem Beirat an.

Adolf Schleicher an einem Ort seiner Heimatstadt, den er besonders liebte: Vor der Sandsteinplastik „Jakobus krönt zwei Pilger“ im Villinger Münster Unserer Lieben Frau.

Ein Vierteljahrhundert wirkte er im Pfarrgemeinderat von Heilig Kreuz. Dort gründete er die Heilig- Kreuz-Wandergruppe mit der er rund 30 Jahre lang jeden Monat unterwegs war. Dass ein solcher „Berufswanderer“ auch den internationalen Pilgerweg zum Grab des heiligen Jakobus im spanischen Santiago de Compostela unter die Füße nahm, ist fast eine Selbstverständlichkeit.

Bei allen Aktivitäten war seine Kamera dabei, mit der er viele meisterhafte Fotos schoss, die er bei zahlreichen Diavorträgen vorführte.

Bei seiner Beerdigung am 15. November 2010 auf dem Villinger Friedhof würdigte der Erste Vorsitzende des GHV, Günter Rath, vor einer großen Trauergemeinde die Verdienste des Verstorbenen.

„Nichts anderes fällt uns im Leben so schwer, wie das Abschiednehmen von einem lieben Menschen, den wir kennen und schätzen gelernt haben, mit dem wir ein Stück des Lebens gemeinsam gegangen sind,“ sagte der Vorsitzende. „Adolf Schleicher war für den Geschichts- und Heimatverein immer da, wenn dieser ihn gerufen hat. Über 15 Jahre hat er im Beirat des Vereins mitgearbeitet, uns mit seinen Ideen bereichert und mit seiner Tatkraft freundschaftlich und stets loyal unterstützt. Er hat die Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg angeregt und gemeinsam mit dem Geschichts- und Heimatverein und der Münsterpfarrei wieder ins Leben gerufen. Diese ganzen Jahre hat er sie auch vorbereitet, geleitet und geführt. Als Stadtführer war er einer der ersten, der vielen Menschen die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte seiner Heimatstadt Villingen gezeigt und nahe gebracht hat. Seine Erfahrung als Wanderführer war uns bei der Errichtung des Geschichts- und Naturlehrpfads auf Villinger Gemarkung überaus hilfreich“.

Der Geschichts- und Heimatverein nimmt in Trauer Abschied von Adolf Schleicher. Mit Respekt und Liebe verneigen wir uns vor ihm und denken bei aller Trauer auch mit Dankbarkeit daran, dass ihm langes Leiden erspart blieb, so Günter Rath.

Tradition und Modernität (Dr. Marianne Kriesche)

Das Gymnasium am Hoptbühl kann im Jahr 2012 auf sein vierzigjähriges Bestehen zurückblicken;

denn am 16. September 1972 wurde der Neubau seiner Bestimmung übergeben.

Vierzig Jahre also ist es her, dass das traditionsreiche mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium Villingen in einen neu errichteten Bau auf dem Hoptbühl umzog, während das bisher benutzte innerstädtische Gebäude am Romäusring von dem neu gegründeten neusprachlichen Gymnasium mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig übernommen wurde.

Aus historischer Sicht ließe sich freilich der Bogen für die Feier eines Jubiläums viel weiter spannen; etwa bis zur Höheren Lateinschule der Franziskaner im 15. Jahrhundert, dem 1650 errichteten Gymnasium der Franziskaner oder dem Benediktiner-Gymnasium im 17. und 18. Jahrhundert, das mit der Aufhebung des Klosters 1806 seine Arbeit einstellen musste. Aus der geistlichen Aufsicht ging die Schulausbildung in die staatliche über. Es gibt also eine weitere Version:

Ist man gewillt, die Traditionslinie des staatlichen Gymnasiums am Hoptbühl ins 19. Jahrhundert, bis in das Jahr 1837 zurückzuführen, so könnte die Schule jetzt ihr 175-jähriges Jubiläum feiern. Sie ist die Rechtsnachfolgerin des ursprünglichen Gymnasiums Villingen, das sich auf die Höhere Bürgerschule in Villingen zurückverfolgen lässt, die 1837 etabliert und danach als „Realgymnasium“ weitergeführt wurde.

Aber bleiben wir bei den 40 Jahren.

Seit jeher maßen die Städte der Förderung und Entfaltung des Schulwesens eine besondere Bedeutung zu. Auch unsere Stadt leistet hohe Beiträge zur Unterhaltung der öffentlichen Schulen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten nur wenige Schüler das Gymnasium. Dann bedingte das Bevölkerungswachstum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch ein Ansteigen der Schülerzahlen und einen steigenden Bildungsbedarf. So wurde das damals benutzte Gebäude, die heutige Karl-Brachat-Schule, zu eng, und das Realgymnasium zog 1909 in ein neu erbautes Haus am Romäusring um. Auch in der Folgezeit stiegen die Schülerzahlen weiter, und besonders nach dem 2. Weltkrieg und den Jahren des Aufbaus Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre verdoppelten sich die Zahlen, und die Raumnot wurde unerträglich.

Daher begannen sich Schulleitung und Stadt seit 1967 einerseits um einen Neubau und anderseits um die Errichtung eines zweiten, selbständigen Gymnasiums zu bemühen. Für die Planung des neuen Schulgebäudes wählte der Stadtrat das Gelände am Hoptbühl aus und nahm für den Bau den preisgekrönten Entwurf des Architekten Kaufmann an. Der Baubeginn erfolgte 1969, die Fertigstellung 1971/72. Bereits 1971 wurde auch die Errichtung eines zweiten Gymnasiums durch das Kultusministerium genehmigt. Mit Beginn des Schuljahres 1972/73 konnte der Unterricht an beiden Schulen aufgenommen werden.

Der Gemeinderat, der die Schulnamen in eine einheitliche Form bringen wollte, legte noch 1972 die Bezeichnungen „Gymnasium am Hoptbühl“ und „Gymnasium am Romäusring“ für die Schulen in Villingen und „Gymnasium am Deutenberg“ für das Gymnasium in Schwenningen fest.

Die Leitung des Gymnasiums am Hoptbühl übernahm Ulrich Stratmann, die des Gymnasiums am Romäusring Dr. Werner Herz.

Die Unterrichtsarbeit am Hoptbühl begann das Kollegium mit großer Euphorie. Mit neuem Namen und in einem neuen Gebäude konnte die Schule in den Folgejahren auf ihrer bewährten Tradition aufbauen. Schwerpunkte bildeten wie zuvor die Naturwissenschaften einerseits und die Sprachen anderseits, angefangen von Latein bis zu den modernen Fremdsprachen.

Schulhof in Richtung Haupteingang.

 

Nach dem frühen Tod des beliebten Schulleiters Stratmann übernahm 1978 Dr. Marianne Kriesche die Leitung der Schule mit neuen Aufgaben. Die Gestaltung der Unterrichtsarbeit hier wie an den anderen Gymnasien wurde seit 1977/78 maßgeblich bestimmt durch die „Reformen zur neugestalteten Oberstufe“ und 1986 durch die „Reform der Reform“.

In den Folgejahren trugen die neuen Bildungspläne weiteren Entwicklungen Rechnung. Mit der „Informationstechnischen Grundbildung“ wurden den Schülern die nötigen Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit dem Computer vermittelt. Im Fremdsprachenunterricht legte man den Schwerpunkt auf die Kommunikationsfähigkeit, und hier wie in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wurde der europäische Einigungsprozess in die didaktische Zielstellung mit einbezogen. Der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sollte ein ganzheitliches Erleben der Welt fördern. Die Anforderungen unserer Zeit machen es nötig, dass der Abschluss am Gymnasium den Absolventen einerseits alle Möglichkeiten einer beruflichen Ausbildung und anderseits die uneingeschränkte Studierfähigkeit bietet. Daher sind Kontakte zur heimischen Wirtschaft unabdingbar.

Unternehmensbesichtigungen, Fachvorträge und kurze Berufspraktika am Ende der Mittelstufe dienen als Entscheidungshilfen für die Kurswahl in der Oberstufe und die spätere berufliche Laufbahn. Die berufsorientierten Unternehmungen in den Klassenstufen 10 und 11 und die Studieninformationen der Oberstufenschüler gehen zurück auf die neuen Bildungspläne, die 1994 für die Klassenstufen 5 –11 und 1995/96 für die Stufen 12 und 13 eingeführt wurden. Sie brachten Veränderungen in allen Lebensund Wissensbereichen und eine stärkere pädagogische Ausrichtung der Schule. Die Anforderungen trafen bei unserer Schule auf eine bereits vorhandene Zielsetzung, nicht nur Wissen sondern auch Werte zu vermitteln: Eigenverantwortung, Sozialverhalten und Toleranz.

Die Südseite im Umbau.

 

Dies wird unterstützt durch das reiche Unterrichtsangebot der Schule, das neben den Pflichtfächern auch zahlreiche Arbeitsgemeinschaften enthält: Sprach-, Sport-, Musik und Theater-AGs, die den Gemeinschaftsgeist stärken, Erfolge bieten und sich daher bei den Schülern großer Beliebtheit erfreuen. Die pädagogische Arbeit wird außerdem unterstützt durch zahlreiche außerunterrichtliche Veranstaltungen wie Landschulaufenthalte, Exkursionen, Studienfahrten und Austauschprogramme, welche die Schüler schon nach Frankreich, England, Italien, Russland, die U.S.A. und Australien geführt haben, um ihnen dort neue Welten zu erschließen.

Eine weitere Tradition aus den 80er Jahren entwickelte sich geradezu zum Markenzeichen des Gymnasiums am Hoptbühl, die „Schulhausverschönerung“ der Abiturienten, die sie mit ihren Abiturstreichen schufen. Sie verewigten sich mit Malerei und Plastik u.a. großen Gipsreliefs, dem Trabbi, dem Lebkuchenhaus, dem Smiley und dem „Hundertwasserportal“ in einem Gebäude, das aus grauem Sichtbeton errichtet war, bewiesen Kreativität, Gemeinschaftssinn und Dankbarkeit für die Schule, an der sie sich einmal wohlfühlten. Als Dr. Marianne Kriesche 1996 in den Ruhestand trat, übernahm Dr. Wilhelm Seiler die Schulleitung, die er bis 2011 innehatte. Auch während seiner Amtszeit setzte sich die Reihe von Neuerungen und Veränderungen fort. So wurde Ende der 90er Jahre die Profilbildung eingeführt, die neben den herkömmlichen Hauptfächern den Schülern weitere Schwerpunktfächer zur Wahl stellt.

Seither werden am Gymnasium am Hoptbühl neben dem Fach Naturwissenschaft und Technik, Italienisch und speziell und einzig in der Region Bildende Kunst angeboten. Besonders letzteres Fach findet bei den Schülern großen Anklang. Die nächsten Gymnasien mit Kunstprofil befinden sich erst wieder in den Universitätsstädten Freiburg, Konstanz und Tübingen.

Die wiederhergestellte Südseite.

 

Das neue Jahrhundert begann für die Schule mit einem Paukenschlag, als Mitte 2001 bei einer Materialuntersuchung der Schadstoff PBC im Schulgebäude nachgewiesen wurde. Dieser Befund führte zu größter Unruhe und Aufregung in der Schule. Es bildete sich eine Elterninitiative „Gesunde Schule“, die weitere Schadstoffuntersuchungen und Raumluftmessungen forderte. In zahlreichen Diskussionsrunden mit den städtischen Behörden wurde die Alternative Neubau oder Sanierung der Schule erörtert. Schließlich endschied sich die Stadt für die noch etwas kostengünstigere Generalsanierung für 11 Millionen Euro, was bedeutete, dass das gesamte Gebäude bis auf das Betonskelett ausgekernt werden musste. Das war nicht möglich, ohne die Schule zu räumen und mit der ganzen Einrichtung umzuziehen. Als Ausweichquartier fand man schließlich das Brigach-Business-Center in der Forsthausstraße. Um Geld zu sparen, wurde der Umzug von Schülern, Lehrern und Eltern übernommen, eine großartige Gemeinschaftsleistung. Danach musste zwei Jahre unter Lärmbelästigung und räumlicher Enge unterrichtet werden, bis Mitte 2005 die Sanierungsarbeiten, wie geplant, abgeschlossen waren. Nun konnte die Schule in das wiederhergestellte Gebäude zurückkehren. Wiederum übernahm die Schulgemeinschaft den Umzug. Man kam in ein neugestaltetes Gebäude. Es besitzt einen gläsernen Dachaufbau im 2. Obergeschoss, in den das Lehrerzimmer einbezogen wurde, ein Sekretariat mit Innenhof, raumhohen Verglasungen in den Klassenzimmern, ein neukonzipiertes Erdgeschoss und rote Linoleumfußböden. Ein Haus, das höchsten schulischen Ansprüchen genügt und darüber hinaus dringenden Notwendigkeiten entspricht, spornt an, hier gerne und erfolgreich zu lehren und zu lernen. So waren bald eine neue Ordnung und ein neues Engagement spürbar. Sie wurden erforderlich für eine weitere Herausforderung, die Einführung des achtjährigen Gymnasiums G 8, dessen erste Stufe 12 neben dem letzten G 9 Jahrgang im Schuljahr 2011/12 das Abitur ablegte.

Das Klassenzimmer der Klasse 5d. Fotos: Gymnasium am Hoptbühl

Die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr bedingt verstärkten Nachmittagsunterricht, für den auch eine ganztägige Betreuung der Schüler bereits ab der Unterstufe erforderlich ist. So hat sich das Gymnasium am Hoptbühl auf den Weg zur Ganztagsschule begeben, die allerdings noch nicht genehmigt ist. Es besteht aber bereits ein Ganztagsangebot: kostenlose Hausaufgabenbetreuung für die Unterstufe und die Ausgabe eines warmen Mittagessens, das in Ermangelung einer Mensa im Aufenthaltsbereich der neuen Aula eingenommen werden kann.

Seit dem Sommer 2011 übernahm die neue Schulleiterin Simone Duelli-Messmer die Gestaltungsaufgaben der Schule. Sogleich wurde sie mit einer weiteren Veränderung konfrontiert: dem Wegfall der Grundschulempfehlung ab dem jetzt begonnen Schuljahr, einer Maßnahme, für die noch Erfahrungen gesammelt werden müssen.

Die Geschichte des Gymnasiums am Hoptbühl während der letzten vierzig Jahre ist geprägt von der Polarität zwischen Theorie und Leben, zwischen Geistesund Wirklichkeitsorientierung.

Neben der kontinuierlichen Vermittlung elementarer Grundkenntnisse, Grundfertigkeiten und Werteinstellungen wurden den Fächern immer neue Aufgaben zugeteilt. Jedoch dürfen Reformen und Neuerungen, die der derzeitige technologische, soziale und gesellschaftliche Wandel erforderlich macht, nicht das ausgewogene Verhältnis zwischen Beharren und Verändern stören. Auch im zeitgemäßen Unterricht bleibt das bereits in der Vergangenheit bewährte Ziel bestehen: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben zu lernen.“

Ausgewählte Literatur:

Roder, Christian: „Das Schulwesen im alten Villingen“ (beruhend auf den Akten des Stadtarchives Villingen Lit 007), Villingen 1892.

Glunk, M.: Überblick über das Schulwesen in Villingen von den Anfängen bis zur Schulrenovation (1800), in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen-Schwenningen, Villingen-Schwenningen 1973. Fuchs, J.: Übersicht über die neuere Schulgeschichte, in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen-Schwenningen, Villingen-Schwenningen 1973.

Kriesche, M.: Das Schulwesen in Villingen-Schwenningen, in: Villingen und Schwenningen Geschichte und Kultur, VillingenSchwenningen 1998.

Kollmann, M.: Beispielhafte Generalsanierung, in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen Schwenningen, Villingen-Schwenningen 2007.

Villingen als Keimzelle des globalen Marktes (Claudia Hoffmann)

Dr. Wilhelm Binder würde staunen, wenn er sehen könnte, welch herausragende Bedeutung das von seinem Vater gegründete Unternehmen heute weltweit hat, es hätte ihm gefallen, mit welcher Innovationskraft Produkte entwickelt und am Markt etabliert werden und mit wie viel Teamgeist die Mitarbeiter weltweit dazu beitragen, die Stellung des Konzerns zu festigen und weiter auszubauen. 2011 hat Kendrion Binder Magnete sein glanzvolles 100-jähriges Jubiläum gefeiert und des Firmengründers Wilhelm Binder und seines Sohnes Dr. Wilhelm Binder gedacht, der durch seine bahnbrechenden Erfindungen und Patente die Basis für das stetige Wachstum gelegt hat. Die Firma, eines der traditionsreichsten Unternehmen in der Doppelstadt, hat den Sprung zum weltweit agierenden Konzern geschafft, es hat viele Krisen überstanden, zuletzt die große Finanzkrise 2009. Diese hatte den Umsatz drastisch einbrechen lassen, aber die Innovationskraft von Kendrion und das starke Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter haben sich ausgezahlt, und der Konzern setzte in den Jahren nach der Krise zu einem wahren Höhenflug an. „Wir spüren zwar, dass die Weltwirtschaft wieder etwas schwächelt, aber wir sind mit vielen neuen Ideen und Produkten gerüstet für die Zukunft“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Piet Veenema.

Als Keimzelle für das internationale Wachstum auf der ganzen Welt gilt das Werk in Villingen, in das der Konzern in den vergangenen Jahren Millionenbeträge investiert hat. Auch wenn künftig der Namen Binder Magnete als Zusatz zu Kendrion wegfällt, genießt Dr. Wilhelm Binder ein enorm hohes Ansehen in dem Unternehmen. Wie wichtig für den Konzern seine Wurzeln sind, zeigt der Antrag auf eine Änderung des Straßennamens: Der Gemeinderat der Doppelstadt stimmte mehrheitlich zu, dass die Forsthausstraße jetzt Wilhelm-Binder-Straße heißt und Kendrion als Adresse den Firmengründer vorweisen kann. Um das weltweite einheitliche Auftreten des Konzerns zu stärken, heißen alle Firmen nur noch Kendrion – mit dem jeweiligen Standort als Zusatz, also Kendrion (Villingen) beispielsweise.

Im Villinger Werk mit den Abteilungen Passenger Car Systems und Industrial Drive Systems forschen und entwickeln Ingenieure immer neue Produkte – im Automobilbereich geht es vor allem um die Zielsetzung, Komponenten zu liefern, mit denen ein Motor immer noch effizienter arbeitet und weniger Sprit verbraucht. „Auch die Verringerung des CO2 und NOx Ausstoßes spielt eine immer wichtigere Rolle“, erklärt Dr. Bernd Gundelsweiler, der bei Kendrion weltweit für den Automotiv-Bereich zuständig ist. In Villingen sind mit Millionen-Investitionen die Voraussetzungen dafür geschaffen worden, dass solche High-Tech-Ventile für die Diesel Common Rail Technik im Hochdruck- und Niederdruckbereich entwickelt und produziert werden können.

Im Keller des von Dr. Wilhelm Binder errichteten Firmengebäudes sind hochmoderne Labor- und Testräume entstanden, wo die Komponenten auf Herz und Nieren überprüft werden. Im klimatisierten Vibrationsprüfstand simulieren die Fachleute schlechte Straßenverhältnisse, das Ventil wird ordentlich durchgerüttelt und das viele Tage rund um die Uhr nonstop. „Da diese Analysen sehr laut sind, haben wir den Keller gewählt, um Lärmbelästigungen zu vermeiden“, erklärt Dr. Bernd Gundelsweiler. Natürlich sind die Räume auch schallisoliert. Nach dem Rütteltest wird das Ventil im Dauerlaufprüfstand mehrere Millionen Schaltzyklen gefahren und abschließend im Salzsprühnebeltest auf Korrosionsbeständigkeit überprüft. Die Testergebnisse werden dokumentiert und ausgewertet.

Reinraummontage- und Prüfanlage im Werk USA.

 

Erst wenn das Teil alle Qualitätstests bestanden hat, wird in Serienproduktion gefertigt. In den aktuell auch deutlich ausgebauten Reinräumen werden elektromagnetische Hochdruck- und Niederdruckventile montiert. „Schon ein Haar oder ein Staubkorn würde das Ventil im System unbrauchbar machen“, erläutert Bernd Gundelsweiler die Notwendigkeit der Reinräume, von denen sogar ein weiterer Ausbau in Planung ist.

Während die aufwändigen Laborräume sozusagen versteckt unter der Erde liegen, hat das Unternehmen aber etwas für die Kosmetik des in die Jahre gekommenen Gebäudes getan. Mit der Verlegung des gesamten Eingangsbereichs von der Mönchweilerstraße in die Wilhelm-Binder-Straße hat sich das Unternehmen im Jahr nach dem 100. Geburtstag ein neues Entrée geschenkt, von dem Dr. Gudrun Becker-Binder, die nach ihrem Vater die Firma Binder in der dritten Generation geführt hat, sagt: „Stilvoll, elegant und überhaupt nicht protzig, das passt zu dem Unternehmen.“ Die Umwandlung der alten Schweißerei in eine moderne Eingangshalle hat der Villinger Architekt Herbert Pleithner mit großem Erfolg geplant und umgesetzt. Aber Kendrion ist noch einen Schritt weitergegangen und hat außer der neuen Eingangshalle einen komplett neuen Materialfluss im Firmengebäude realisiert. Die Warenanlieferung und Ablieferung kann jetzt über eine Rampe auf einer Ebene, ohne die Verwendung von Aufzügen, erfolgen.

Die beiden Produktionsbereiche in Villingen haben unterschiedliche Logistikketten etabliert und verteilen damit den LKW-Verkehr gleichmäßig auf die Mönchweilerstraße und die Wilhelm- Binder-Straße. Dadurch wird eine übermäßige Belastung der Anwohner vermieden und die Abläufe in der Firma sind deutlich effizienter und schneller geworden. Die alte Pforte an der Mönchweilerstraße und der lange gläserne Gang werden abgerissen. Dort sollen weitere Parkplätze für die Mitarbeiter entstehen und auch eine schöne Außenfläche gestaltet werden.

Reinraumfertigung im Werk Österreich.

 

Von den in Villingen entwickelten Produkten profitieren auch andere Standorte, beispielsweise in Österreich. „Da findet eine Art Wissenstransfert statt, wir liefern das Know-How und die Kollegen modifizieren das Ventil für die angepassten Marktbedürfnisse und produzieren es“, erläutert Bernd Gundelsweiler die Synergieeffekte. So ist aus einem Werk, das bis dato ein reiner Hubmagnetebauer war, ein elektromagnetischer Ventillieferant geworden.

Ähnliches funktioniert auch weltweit: So haben die Mitarbeiter der Sparte Commercial Vehicle Systems in Markdorf mit großem Erfolg Kupplungen konstruiert und gebaut. Diese Kupplung wurde dann in das Werk in Indien weitergegeben, dem dortigen Markt angepasst und mittlerweile fertigen die Kendrion-Mitarbeiter in Indien die in Markdorf entwickelte Kupplung in riesigen Stückzahlen. „Nur so können wir uns auf dem Markt behaupten, eine Produktion hier in Deutschland und dann der lange Transport der fertigen Teile nach Indien wäre komplett unwirtschaftlich und nicht machbar“, so Bernd Gundels-weiler. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der weltweiten Vernetzung, dem Wissenstransfer und der Kooperation der Mitarbeiter weltweit.

Mittlerweile ist allen bei Kendrion Beschäftigten klar, dass ein Standort in Indien oder China die Arbeitsplätze in Deutschland nicht gefährdet, sondern sogar sichert und langfristig erhält. Die Rechnung ist einfach: Kendrion ist durch die Standorte in Asien und auch Amerika flexibler, kann schneller auf Kundenwünsche reagieren und erwirtschaftet einen höheren Umsatz. So können Investitionen eben auch in Villingen finanziert werden.

Globale Netzwerkstruktur bei Kendrion.

 

Früher, als klassisches Familienunternehmen, wusste jeder Beschäftigte, dass sein Kollege auch aus Villingen oder vielleicht noch der näheren Umgebung kommt. Heute arbeiten 1800 Menschen an 19 Standorten in 12 Ländern für Kendrion und trotz der weltweiten Ausdehnung gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ganz aktuell hat Kendrion eine Firma in North Carolina, USA, gekauft. „Das war eine strategische Entscheidung“, so Bernd Gundesweiler. Der Aufbau einer eigenen Firma dauert Zeit und kostet viel Geld. So konnte Kendrion eine namhafte Firma übernehmen und hat sich so den Zugang zu dem wichtigen amerikanischen Markt gesichert.

Ventil für die Benzin-Hochdruckeinspritzung.

 

Die Konzernführung legt großen Wert auf den Austausch und so können deutsche Mitarbeiter ganz selbstverständlich in Amerika arbeiten, die indischen Kollegen kommen nach Engelswies oder Villingen und auch die Mitarbeiter in China oder Brasilien sind an dem weltweiten Austausch    beteiligt. So weiß jeder, wie der andere arbeitet, wie die Werke strukturiert sind und wo die Stärken und Schwächen des jeweiligen Standortes sind.

So kommt es zu einem ganz intensiven Austausch, von dem alle Kendrion-Mitarbeiter profitieren. Sogar firmeneigene Preise werden vergeben, so gelang es der Abteilung Passenger Car Systems in Villingen für ein Hochdruckventil die Auszeichnung „Most innovative Company 2011“ zu erringen. Fast 13000 Entwicklungsstunden stecken in dem Ventil, mit dem ein Großkunde auf dem amerikanischen Markt beliefert wird.

So gehen vom Standort in Villingen Impulse in die ganze Welt und im Wissen um die 100-jährige Geschichte präsentiert sich Kendrion heute als innovatives, modernes und global agierendes Unternehmen.

Infos:

Kendrion ist ein Anbieter von Lösungen, der innovative, qualitativ hochwertige elektromagnetische Systeme und Komponenten für Kunden in aller Welt entwickelt, fertigt und vermarktet. Die Geschäftstätigkeit von Kendrion gliedert sich in die vier Geschäftsbereiche Industrial Magnetic Systems, Industrial Drive Systems, Passenger Car Systems und Commercial Vehicle Systems, die sich jeweils auf eigene Zielmärkte konzentrieren. Die Bereiche Passenger Car Systems und Commercial Vehicle Systems wurden jetzt zum Bereich Automotive zusammengefasst. Hier ist Bernd Gundelsweiler für die weltweiten Aktivitäten verantwortlich. Heinz Freitag ist für das gesamte operative Geschäft der Kendrion-Gruppe verantwortlich. Als Vorstand führt Piet Veenema das Unternehmen, Finanzvorstand ist Eiko Ris.

In einer Reihe von Marktnischen ist Kendrion marktführend. Der Hauptabsatzmarkt von Kendrion ist Deutschland, doch auch andere Länder gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Kendrion entwickelt hochmoderne elektromagnetische Lösungen für industrielle Anwendungen. Diese werden von Kunden weltweit in Systemen wie Aufzügen, Türverriegelungssystemen, Industrierobotern, Medizingeräten, elektrischen Schaltanlagen, Dieselmotoren, Klimaanlagen, Motorkühlsystemen und Getränkeanlagen eingesetzt. Zu den grössten Kunden von Kendrion Ventil für die Benzin- Hochdruckeinspritzung.

Nutzung der ehemaligen Zehntscheuer der Universität Freiburg in Villingen (Joachim Wöhrle, Hansjörg Fehrenbach )

Foto der Zehntscheuer um 1968

 

Die Zehntscheuer in der Rietgasse 11/1 ist ein Kulturdenkmal nach § 2 des Denkmalschutzgesetzes. Demnach sind Kulturdenkmale Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht. Das Landesdenkmalamts Baden-Württemberg begründet die Ausweisung der Zehntscheuer als Denkmal wie folgt:

„Dreigeschossiges, mächtiges Eckgebäude zur Turmgasse, fluchtend angebunden an die traufständige Bebauung der Rietgasse auf deren Ostseite; wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels kein eingetiefter Keller; im Erdgeschoß zur Turmgasse hin zwei große, rundbogige Einfahrten; blockhafter Baukörper, zur Rietgasse durch kleine Fenster mit mittelalterlich gekehlten Gewänden gegliedert, dort im Erdgeschoß neben hochrechteckigem Eingang zum heutigen Treppenhaus rundbogiger älterer Eingang.

Das große Gebäude diente seit dem 16. Jahrhundert der Universität Freiburg als Zehntscheuer; vermutlich wurde zu diesem Zweck das Gebäude errichtet und ein an dieser Stelle bereits bestehender turmartiger Wohnbau in den Neubau integriert. Dieser vielleicht noch aus dem 13./14. Jahrhundert stammende Kernbau läßt sich auch heute noch leicht als etwa das Nordwest-Viertel des Gebäudes sowohl von außen wie von innen identifizieren, ein annähernd quadratischer Grundriß, mit auffällig dicken Mauern und mit Rundbogen-Eingängen, einer von der Rietgasse aus und einer im Inneren des Gebäudes.

Auch an der äußeren Fassade der Rietgasse ist der ältere Wohnbau von der Erweiterung zur Zehntscheuer sowohl in der Wandstruktur wie auch in der Fenstergliederung unterscheidbar, die Trennlinie verläuft genau zwischen dem Rundbogeneingang und dem Zugang zum Treppenhaus. Im Inneren lassen sich diese beiden Bauphasen ähnlich gut ablesen, die erhaltene Hausstruktur läßt dies trotz moderner Umnutzungen immer noch zu. Beschädigungen in Kriegswirren führten wohl zu einer Erneuerung des riesigen Dachstuhls im 18. Jahrhundert.

Wegen seiner vielfältigen architektur- und stadtbaugeschichtlichen, aber auch wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Bedeutung ist der Bau aus wissenschaftlichen Gründen ein Kulturdenkmal; seine Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes im Interesse der Öffentlichkeit.“

Nachdem im Jahre 1847 die Abgabe des Zehnten an die Universität Freiburg in Villingen abgelöst wurde, entfiel auch die Nutzung der Zehntscheuer. Das große Gebäude im Villinger Rietviertel wurde versteigert und kam in private Hand. Die Zugehörigkeit des Gebäudes zur Freiburger Universität ist durch ein Ratsprotokoll vom 26. April 1759 aus dem Bestand des Stadtarchivs belegt. Darin ersucht der Schaffner der Freiburger Universität Carl Schuhe den Villinger Stadtrat um 14 Stamm Holz für die Reparatur der Zehntscheuer.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte das Gebäude mehrfach den Eigentümer. So soll das Anwesen 1892 von Waldburga Dold, Witwe des Posthalters Johann Baptist Dold durch Versteigerung an den Schmied Meder übergegangen sein. Auch in den folgenden Jahren folgten noch mehrere Besitzer, sei es durch Verkauf oder auch Erbschaft.

Foto von 1937 bei den Tordurchbrucharbeiten.

 

Eine wirtschaftliche Nutzung des Gebäudes war zweifelsohne problematisch, da der mächtige Baukörper von über 4500 Kubikmeter umbauter Raum nur für Lagerzwecke, wie ursprünglich auch geplant, verwendet werden konnte. Eine Wohnnutzung und die damit verbundenen Einnahmemöglichkeiten waren nicht möglich, der dazu notwendige Ausbau der Lagerräume fehlte.

So kann der Bauakte entnommen werden, dass 1927 in dem Gebäude ein Eiskeller zur Bierabfüllung und Lagerung von Fassbier sowie ein Flaschenputzraum eingerichtet wurden. Im Jahre 1934 erfolgte eine weitere Umnutzung durch den Einbau eines Kraftfahrzeug-Einstellraumes, wie es damals genannt wurde. Heute würde man kurz LKW-Garage sagen.

Bereits 1937, nachdem das Gebäude von Anton Müller erworben wurde, kam eine weitere Großgarage hinzu. Dazu war jedoch ein größerer Eingriff in die vorhandene Bausubstanz notwendig.

Die Zehntscheuer im jetzigen Zustand.

 

Von der Turmgasse aus wurde eine weitere Einfahrt geschaffen indem der linke Tordurchbruch mit einem Korbbogen ausgeführt wurde.

Erst 1940 erfolgte der erste Wohnungseinbau von der Rietgasse her. Ersichtlich ist dies durch die zwei großen Fenster im linken Gebäudeteil. Es wurde eine kleine Wohnung über 2 Stockwerke geschaffen. Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Einbau einer Gaststätte angedacht, eine Planung wurde erstellt, die Ausführung geschah jedoch nicht.

Nach Auszug der Spedition Müller wurde im Jahr 1981 im Gebäude ein größerer Umbau gemacht. Über zwei Stockwerke wurde ein Atelier für Inneneinrichtungen eingebaut. Bereits sechs Jahre später erfolgte eine weitere Umnutzung. Das Bildungszentrum Turmgasse, ursprünglich nur auf der gegenüberliegenden Seite der Turmgasse beheimatet, zog in die ehemalige Universitätszehntscheuer ein. Es wurden über vier Stockwerke Ausbildungs- und Büroräume geschaffen. Als auch diese Ausbildungsstätte zu Beginn dieses Jahrhundert auszog, war ein jahrelanger Leerstand.

Im September 2007 beschloss die Historische Narrozunft Villingen den Erwerb der Zehntscheuer. Mit dem Umbau der Zehntscheuer wurde am 8. April 2008 begonnen; bis heute wurden rund 20.000 Arbeitsstunden durch ehrenamtliche Kräfte erbracht – ein einmaliger Kraftakt in der Vereinsgeschichte der Narrozunft. Für das außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement wurde das „Zehntscheuer-Projekt“ der Narrozunft von einer Fachjury im landesweiten Wettbewerb „Echt gut – Ehrenamt in Baden-Württemberg“ in der Rubrik Sport und Kultur unter rund 300 Bewerbungen zum Sieger gekürt. Eine Leistung, auf die wir stolz sein dürfen.

Nach einer grundlegenden Komplettsanierung wird das Gebäude ab 2013 als Zunfthaus nicht nur den über 4.000 Mitgliedern eine Heimstätte bieten, sondern für vielfältige kulturelle und sonstige Begegnungen allen Menschen in Stadt und Land offen stehen.

Mit dem Kauf der Zehntscheuer in Villingen bekennt sich die historische Narrozunft einerseits zu ihrer Verbundenheit mit der Stadt Villingen, andererseits aber auch zu ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Anspruch. Die Villinger Narrozunft versteht sich in diesem Sinne als Kulturträger, dessen Aufgabe es ist, auch in die Zukunft zu blikken und ein Gebäude wie die Zehntscheuer einer modernen, zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.

 

Der Johanniterkomtur Dietrich Rollmann von Dattenberg, gest. 1632 (Wilfried Steinhart)

Kirchenrenorvierung der Johanneskirche 1924-26

Dietrich Rollmann von Dattenberg war von 1624 bis 1632 Johanniterkomtur zu Villingen, Trier und Niederwesel. Er war einer der bedeutendsten Komturen in Villingen.

Mitten im 30jährigen Krieg gab er für die Erhaltung und Ausstattung der Kirche 30.000 Gulden. Der Betrag reichte nicht nur für die Kirche und deren Ausstattung, sondern erhöhte sich durch Zinsen bis 1805 auf 35.000 Gulden. Auch war er ein vortrefflicher Verwalter seiner großen Einkünfte, die sowohl aus seinem Familienbesitz als auch aus dem Orden stammten. So hat er die Kirche der Kommende renoviert, sie mit Bildern, Paramenten und einer Orgel neu ausgestattet.

Abb. 1: Dietrich Rollmann von Dattenberg († 1632). Foto: Franziskanermuseum

 

Paul Revellio schreibt über die Kirchenrenovierung 1924– 26 folgendes: „Die beiden Grabsteine Enzbergs und Rollmanns von Dattenberg wurden bei den diesjährigen Bauarbeiten wieder gefunden. Beide Grabsteine sind einander sehr ähnlich und zeigen das kombinierte Ordens- und Familienwappen der beiden Komture, das Enzbergs einen Fingerring mit Stein und das Rollmanns einen Adler. An dem linken Rand sind die kaum noch erkennbaren Ahnenproben verwandter Geschlechter. Beide Platten sind ziemlich abgeschliffen, waren also im Boden eingelassen“ ….

Abb. 2: Deckengemälde mit dem Wappen Rollmann vonDattenbergs.

 

Abb. 3: Grabmal Rollman von Dattenbergs, Größe 1370 x 90 x 25 cm, (Originalaufnahme von Paul Revellio 1926).

 

„Einem der Bestatteten, man möchte am liebsten an den reichen Rollmann denken, hat auch das massiv goldene Ordenskreuz mit weißer Emaileinlage gehört, das in diesem Jahr, als der Boden des Chors in der Mitte aufgegraben wurde, zusammen mit einem Skelett gefunden wurde. Es befindet sich im Besitze der evangelischen Gemeinde“.

Dieses massiv goldene Kreuz gilt seit ca. 35 Jahren, nach einer Leihgabe der ev. Kirchengemeinde an das städtische Museum, auf dubiose Weise als verschollen. Aus schriftlichen Unterlagen ergibt sich, dass das Kreuz 1933/34 von der evangelischen Kirchengemeinde unter Eigentumsvorbehalt den Städtischen Sammlungen zur Verfügung gestellt wurde.

Auch das Rollmann-Grabmal galt als verschollen, wurde aber von mir im VS-Museums-Depot Lantwattenstraße wieder entdeckt.

Ein Ölbild Rollmanns (Abb. 1) von 1630 befindet sich im Franziskaner-Museum in Villingen. In der Johanneskirche ist ein Deckengemälde mit seinem Wappen zu sehen (Adler im Wappen) (Abb. 2).

Abb. 4: Jetziger Zustand des Grabmals in der Johanneskirche.

 

Es wäre möglich, dass das Grabmal des Rollmann von Dattenberg (Abb. 3) von der Nachfolgewerkstatt des Hans Amann angefertigt wurde. Zeitlich ist es wahrscheinlich. Dies kann aber durch den schlechten Zustand des Grabmals nicht mehr festgestellt werden (Abb. 4).

Nach der Renovation wurde das Grabmal vermutlich, wie auf dem Foto (Abb. 3) ersichtlich, an der äußeren Kirchenmauer angebracht. Um es vor weiterem Verfall zu bewahren, gelangte es dann in das Depot des städtischen Museums.

Am 28. September 2012 wurde das Grabmal des Dietrich Rollmann von Dattenberg, der am 26. April 1632 im Alter von 66 Jahren verstorben ist, durch das freundliche Entgegenkommen des städtischen Museums wieder in den Chorraum der Johanneskirche zurückgebracht.

Das zweite 1926 von Paul Revellio erwähnte Grabmal des Enzberg befindet sich laut Auskunft von Museumsleiter Michael Hütt nicht im Villinger Museumsdepot.

Literatur:

Paul Revellio: „Schriften der Baar 1926“, Heft XVI, S. 183–198.

Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, 1964.

 

Steinmetzzeichen von Hans Amann in der Johanniskirche entdeckt. (Wilfried Steinhart )

Die Besucher der jüngst restaurierten Johanneskirche an der Gerberstraße haben vermutlich dem Grabmal, das bis zur Kirchen-Renovation 2012 auf der rechten Seite nahe der Kanzel angebracht war, bisher wenig Beachtung geschenkt.

Die Kirche wurde spätestens 1336 erstmals erwähnt, 1711 begegnet sie uns als barockisierte Kirche zu St. Johann, seit 1859 ist sie die evangelische Johanneskirche. Zu ihr gehörte seit langer Zeit der historisch bisher nicht untersuchte Gedenkstein. Davon wird zu reden sein.

Das Grabmal (Abb. 1) wurde wahrscheinlich anlässlich der Renovierung der Johanniskirche 1924–1926 im Boden des Kirchenschiffs zusammen mit anderen Grabplatten gefunden. Grabungsunterlagen sind im Archiv VS keine vorhanden.

Abb. 1: Mässlin Grabmal, 53 cm breit und 65 cm hoch.

 

Zu dem Begriff Grabmal bzw. Epitaph ist Folgendes zu sagen: Würde es sich bei dem einst wandseitig angebrachten Stein um ein Epitaph handeln, wäre das – begrifflich erklärt – ein „Denkmal in dichterischer Form zum Andenken an einen Verstorbenen“, das als „steinerne Tafel dem Grabmal beigefügt“ wurde, d. h. es wäre eine „vom Grab unabhängige Gedächtnistafel“.1

Diese Auslegung ist nach den anzunehmenden Fundumständen auszuschließen. Der ergrabene Stein muss vielmehr in seiner plastischen Gestaltung und inhaltlich ohne epigrafische Würdigung als ein Grabmal, konkret als die Grabplatte gesehen werden, die nach der Beisetzung in der Kirche das Grab der Toten deckte, wie das auch heute noch gelegentlich auf den Friedhöfen geschieht.

H

 

 

 

 

 

 

 

A Abb. 2: Bildausschnitte vom unteren Bereich des Grabmals.

 

Auf diesem Grabmal entdeckte ich im April 2010 ein Steinmetzzeichen sowie links und rechts davon die Buchstaben H und A. (Abb. 2).

Durch die Beschäftigung mit Epitaphien und Steinmetzzeichen wurde mir schnell bewusst, wem dieses Steinmetzzeichen zuzuordnen ist, nämlich keinem geringeren als dem aus Ulm stammenden Hans Amann, der seit 1597 in Villingen sesshaft und tätig war.

In Villingen hat er Bedeutendes geschaffen: 1598 die Wappentafel des Benediktinerabtes Michael Gaisser (Kopie am sogenannten Abt- Gaisser-Haus, Original im Franziskanermuseum), die Zunftlade der Bauleute (Franziskanermuseum), Kuchenbackmodel für das Kloster der Clarissen 1613 (im Kloster St. Ursula noch teilweise erhalten), Wappentafel am ehemaligen Pfleghof des Benediktinerinnenklosters Amtenhausen 1614 in der Gerberstraße 27 („Stiftskeller“). Auch im Villinger Münster in der nördlichen Turmkapelle rechts des Nägelinkreuzes, dem sogenannten „finsteren Chörle“, befindet sich ein herausragendes Werk Amanns. Dies ist das noch einzige erhaltene Epitaph im Villinger Münster. Es erinnert an die Grablege des Villinger Junkers Johann Christoph Wiedmann, von Mühringen stammend. Er ist am 28. März 1621 gestorben. Dessen Schwester Barbara war seit 1587 mit dem Villinger Bürger Andreas II. Ifflinger von Granegg verheiratet. Seine Ehefrau, die adlige Anna von Dettingen (Kreis Freudenstadt), stammt aus dem Ort, der auch die frühere Heimat des Verfassers ist. In den Jahresheften von 2008, S. 13 –15 und 2010, S. 19–22 des Geschichts- und Heimatverein Villingen wird darüber berichtet.

Nun zur Person der bis jetzt unbekannten Frau auf dem Grabmal in der Johanneskirche, das leider erheblich beschädigt ist.

Zu sehen ist eine liegende Frau mit einem Rosenkranz vor der Brust. Unten befinden sich auf dem Grabmal zwei Wappen, von denen aber nur noch das linke zuzuordnen ist. Nach dem Oberbadischen Geschlechterbuch von Kindler & Knobloch handelt es sich um das Wappen der Mässlin von Granegg (Abb. 3 u. 4). Die dem Wappen zuzuordnende Person ist mit Sicherheit der Vater. Das Wappenschild ist geteilt. In der oberen Hälfte ist ein nach links zeigender Pfeil. Da der gesamte obere Teil des Grabmals abgebrochen ist, sind keine Schriftzeichen mehr vorhanden. Somit ist nur das Geschlecht, jedoch nichts darüber hinaus bekannt.

Mässlin ist ein altes Geschlecht der Stadt Rottweil. In dem „Patriziat der Stadt Rottweil“ von Ruth Elben steht u. a. Folgendes: Konrad Mässlin war 1382 Bürger der Stadt Rottweil. In nachfolgenden Generationen waren es die Geschwister Konrad (Priester) und Hans (Bürger in Rottweil,

Abb. 3: Wappen des Mässlin von Granegg am Grabmal.

 

 

Abb. 4: Wappen des Mässlin von Granegg im Wappenbuch.

 

1415 Bürgermeister in Rottweil), die am 25. August 1405 von Ek. Hans Pfuser und dessen Gattin Else die „Veste Granegg“ nebst dem naheliegenden Dorf Niedereschach um 1700 Gulden kauften. Er, Hans Mässlin v. Granegg und sein Bruder Eberhard verkauften die „Veste“ Granegg am 30. Oktober 1453 an das Benediktinerkloster Gengenbach und dieses am 11. August 1460 weiter an das Kloster St. Georgen. Ab 3. Februar 1465 bis ca. 1505 war Frh. Conrad Yfflinger der Besitzer. Dieser war schon 1480 Satzbürger in Villingen.

Zum Begriff Satzbürger: Es war ein Bürger mit Lebensmittelpunkt außerhalb der Stadt, der nur zeitweise in der Stadt wohnte, von den allgemeinen städtischen Lasten befreit war und „Satzgeld“ zahlte. Dies waren oft Adlige, Klosterangehörige und andere mit Haus- oder Grundbesitz in der Stadt.

In Rottweil waren Angehörige der Familie Mässlin u. a. als Richter, Ratsherren, bzw. Bürgermeister und Schultheissen tätig. In den Villinger Taufbüchern der Münsterpfarrei taucht der Name Mösserlin, Messerlin, Mäserlin in den Jahren um 1600 öfters auf, ohne hier genealogische Verbindungen prüfen zu wollen.

Da das Grabmal in der Johanneskirche an der Gerberstraße, also der ehemaligen Eigenkirche der Johanniter, einem nach der Ordensregel halb-weltlichen Ritterorden, aufgefunden wurde, muss es einen persönlichen Bezug der abgebildeten Frauensperson gegeben haben, den es in Zukunft noch zu erforschen gilt.

Vielleicht handelt es sich um eine Ordensschwester, d.h. eine der „Frouen ze sant Johan“ die es zumindest im Mittelalter bei den Johannitern gegeben hat. Es könnte aber auch eine adlige Stifterin aus dem Umland oder eine mit ihrem Wohlwollen finanziell zugetane Frau bzw. deren Familie aus der gehobenen Villinger Bürgerschaft gewesen sein.

An dieser Stelle darf ich Herrn Werner Huger, Ehrenmitglied des GHV, für seine Unterstützung herzlich danken.

Literatur bzw. Quellen:

1 Vgl. Dr. Edith Boewe-Koob, Jahresbroschüre des GHV XXXI/2008, Seite 10.

Manfred Reinartz: „Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Niedereschach“ Band 1.

Ruht Elben: „Das Patriziat der Reichstadt Rottweil“, 1964.

Julius Kindler & Knobloch: „Oberbadisches Geschlechterbuch“. Taufbuch der Münsterpfarrei Villingen.

 

De Bott vu Villinge (Lambert Hermle)

Ich bin de Villinger Bott

Und sag dr nu: „Grüeß Gott“

I druck dr d’Hand und frog wie’s goht,

Halt di nit uf, bis z’Obed spoht;

und wer no ebis bruche ma,

Dem zoag i, wo n er’s kaufe ka.

 

Ich bin de Villinger Bott

und kon Husierer Spott,

vor dem di Sach verschließe moscht,

Der nimmi goht, bis de bigoscht

no bschdellscht, wo gar nit nötig ischt

und au no woascht, daß bschisse bischt.

 

Ich bin de Villinger Bott:

en Krämer wie n er sott;

I guck nit schäps bloß a dr rum

und werf dr au ko Holzbieg um,

nu, well de saischt, de bruchscht ko Ding:

es goht au uhni Schletterling.

 

Ich bin de Villinger Bott

und guck nit wischt und hott.

Verlang en Preis, der ehrli giht,

verkauf defür kon Lumpezieg,

und wer jetzt no im Zweifel ischt,

dem gunn i s, wenn er Krom verwischt.

Gedicht von Josef Liebermann, Bahnarbeiter, Villingen, aus der Zinsergasse 468 (laut Adressbuch von 1902), gefunden von L. Hermle.

Veröffentlicht in „Der Villinger Bott“, Blatt für Wirtschaft, Verkehr und Heimatkunde im Bereich des östlichen Schwarzwaldes, Villingen, Oktober 1928.