Jahresrückblick 2013 (Helga Echle)

Im vergangenen Jahr können wir auf interessante Vorträge und attraktive Exkursionen zurückblicken.

Der Weihnachtsmarkt am Ende des Jahres 2012 war wieder ein großer Erfolg. Neben dem Verkauf unseres Jahresheftes durften wir das neu heraus- gegebene Buch von Pfarrer Kurt Müller „Große und kleine Gotteshäuser beider Konfessionen in Villingen-Schwenningen“ anbieten.

Der Erlös wurde, wie im vorigen Jahr, für das Palliativzentrum verwendet. Aufgrund der großen Resonanz im vergangenen Jahr wiederholte die amtierende Oberjungfer Margot Schaumann ihren Vortrag „Alte Jungfere im Wandel der Zeit“. Auch im dieses Mal vollbesetzten Saal erzählte sie die Geschichte der Entstehung der Alte Jungfere, gespickt mit humorvollen Anekdoten und angereichert mit alten und neueren Fotos. Auch durfte vor dem kleinen Sektempfang ihre glanzvolle Darbietung aus dem Programm der Alte Jungfere nicht fehlen. Die Besucher dankten es, so dass sogar noch eine Spende an die Alte Jungfere überwiesen werden konnte. Zur fastnächtlichen Zeit passte auch der Besuch im Narrenschopf in Bad Dürrheim mit der Schemausstellung von Manfred Merz. Eine große Teilnehmerzahl erlebte eine beeindruckende Schau der Fastnachtskultur im alemannischen Sprachgebiet.

Verschiedene Exponate reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert. Der philosophische und kulturgeschichtliche Hintergrund des Brauchtums wurde durch die Führungen sehr gut dargelegt. Zu sehen waren auch die hochwertigen Schemen von Manfred Merz. Er führte die Besucher selbst durch seine Stiftung, erzählte über sein jahrzehntelanges Schaffen als Schnitzer und erklärte ausführlich die Beweggründe für die Vergabe der Stiftung nach Bad Dürrheim.

Manfred Merz bei der Führung durch die Schemenausstellung.

 

Eine große Besuchergruppe fand sich im Februar in der neu renovierten Johanneskirche in Villingen ein. Unser Beiratsmitglied Architekt Andreas Flöß, der die Renovierungsarbeiten leitete, und Kirchengemeinderatsmitglied Willi Gut erläuterten den Gästen anschaulich den Restaurierungsablauf.

Alle Besucher, darunter auch eine Gruppe des Geschichts- und Heimatvereins Buchenberg, zeig- ten sich begeistert von dem Ergebnis, der Helligkeit und Freundlichkeit des Kirchenraumes und der neuen farblichen Aussagekraft der Deckenornamente.

Im März fand die jährliche Mitgliederversammlung statt mit dem Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden und dem Kassenbericht des Schatzmeisters. Gewählt wurden für jeweils 2 weitere Jahre: der Erste Vorsitzende Günter Rath und der Schatzmeister Hasko Froese. Vorgestellt wurde auch der neu ernannte Pressebeauftragte Michael Tocha, der die Arbeit des langjährigen Pressevertreters Hermann Colli übernommen hat. Der GHV konnte auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2012 zurückblicken und eine insgesamt positive Bilanz vorlegen. Die Theaterkulissenfunde – ein historischer Kultur-Krimi aus Villingen. Über den ersten Teil dieses „Krimis“ erzählte uns in einem interessanten Vortrag die Diplom-Restauratorin Ina Sahl. In einem Fotovortrag demonstrierte sie einem großen interessierten Publikum den Fortschritt der Restaurierungsarbeiten an den in einem Haus (bei der Familie Beitz) in der Kanzleigasse gefundenen Brettern. Sie berichtete von den Schwierigkeiten, die Farbigkeit wieder herzustellen und, da die Bretter zersägt waren, sie mühsam zusammen zu puzzeln. so dass aus 159 der 175 gefundenen Bretter sechs Bühnenbilder entstanden. Die Bretter bestehen aus Tannen-, Kiefern- und Fichtenholz und wurden wohl um 1721 zum ersten Mal verwendet für klösterliches Schultheater der Franziskaner oder Benediktiner.

Eine außerordentlich gut besuchte Tagesfahrt führte zur Basilika nach Weingarten und nach Ravensburg (Humpis-Quartier). Bereits im Bus stimmte Herr Pfarrer Kurt Müller die Reisenden fachkundig auf die Geschichte der Basilika in Weingarten, dem „oberschwäbischen Petersdom“, ein. Sie verdankt ihren Ruhm dem Blutritt am Blutfreitag, der auf das Fest Christi Himmelfahrt folgt. Geschichtlich bezeugt ist der Brauch im Jahr 1490, weil auf der damals gegossenen Hosannaglocke das Relief eines geistlichen Heilig-Blut-Reiters abgebildet ist. Die Heilig-Blut-Reliquie wurde am

12. März 1248 in einer bleiernen Lade in Mantua gefunden und ruht heute im vor dem Chorgitter aufgestellten Heiligblutaltar. Die Kirche ist mit einer Kuppelhöhe von 67 Metern und einer Länge von 102 Metern eines der größten barocken Kirchenbauwerke in Deutschland. Abt Hyller wählte bewusst für den Neubau der Kirche nahezu die hälftigen Ausmaße von St. Peter in Rom. Die Kirche besitzt eine der bedeutendsten Orgeln(Gabler- Orgel) überhaupt.

Nach der Besichtigung der Basilika beeindruckte bei einer Stadtführung durch Ravensburg das gut erhaltene historische Stadtbild.

Innenraum der Basilika in Weingarten.

 

Ravensburg nennt sich, der vielen mittelalterlichen Türme und Tore und der noch streckenweise erhaltenen historischen Stadtmauer (mit Resten alter Befestigungsanlagen) wegen, auch Stadt der Türme und Tore. Der Mehlsack und der Blaserturm sind dabei besonders hervorzuheben. Die Führung durch das Humpis-Quartier, das größte und besterhaltene spätmittelalterliche Wohnquartier in Südwestdeutschland, das aus sieben Gebäuden besteht, in denen heute reichsstädtische Geschichte und Kultur authentisch präsentiert wird, gefiel besonders.

Bei der Stadtführung in Ravensburg.

 

Die Sonderexkursion nach Südengland und London war schnell ausgebucht.

Unser kundiger Reiseleiter Klaus Weiß verkürzte die lange Busreise auf die Insel unterhaltsam mit Wissenswertem über die spannende, wechselvolle Geschichte des Königreiches. Wolkenverhangen, mystisch, so empfing der berühmteste Steinkreis der Welt „Stonehenge“ die Besucher auf der Insel. Danach beeindruckte die Salisbury Cathedral mit ihrem in Vollendung erbauten „Early English Style“, ebenso wie die typischen Englischen Gärten von Stourhaed und Lanhydrock.

Herrenhaus und Garten von Lanhydrock (ursprünglich Augustinerabtei).

 

Rosamunde Pilcher ließ grüßen, denn das Fischerstädtchen Polperro an Cornwalls Südküste diente schon oft als Kulisse für diese Filme. Tief auf Kopfsteinpflaster hinabsteigen mussten die Englandreisenden beim Besuch des im Privatbesitz befindlichen pittoresken Fischerdörfchens Clovelly, bevor es dann in Tintagel an einem von der Brandung umtosten Felsvorsprung steil hinaufging zur Burg, auf der angeblich der legendäre König Artus geboren wurde. Hier, hoch oben in den Ruinen der von Richard, dem Earl of Cornwall (einem Bruder Henry III) 1233 gebauten Burg spürte man ein ganz besonderes Stück englischer Geschichte.

Zwei weitere Höhepunkte erwarteten die Geschichtsfreunde. Zuerst die keltisch-christliche Pilgerstätte Glastonburry-Abbey, einst das größte Gotteshaus, das die Insel je gesehen hatte, mit dem angeblichen Grab von König Artus und seiner Frau Guinevere. Danach ging es nach Bath, der Stadt der Römer und des Klassizismus mit seiner riesigen, römischen Thermal-Badeanlage.

Der letzte Tag war der Hauptstadt London vorbehalten. Nach einer Stadtrundfahrt und der Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu Fuß, kehrten die Mitglieder des GHV mit very British Eindrücken und mit vielem Wissen um die Verknüpfung von Britanniens Geschichte mit unserer eigenen in die Heimat zurück.

Stonehenge im Süden von England.

 

Auch in diesem Jahr engagierte sich der Geschichts- und Heimatverein wieder bei der Pilgerwanderung auf den Dreifaltigkeitsberg am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag. Die Führung übernahm dieses Mal unser Mitglied Matthias Wöhrle. Im Gottesdienst auf dem Berg wurde an Adolf Schleicher erinnert, der die Idee zur Wiedereinführung dieser traditionellen Fuß- wallfahrt auf den Berg hatte und sie 20 Jahre organisierte und führte.

An einem schönen Juniabend erlebten Mitglieder des GHV eine denkwürdige Stadtführung.

„Remigius Mans, genannt Romäus, gefallen vor 500 Jahren bei Novarra“. Aus Anlass des 500-jährigenTodestages von Remigius Mans begaben sie sich auf Spurensuche des Villinger Lokalhelden. Gunther Schwarz, Lambert Hermle und Klaus Richter, im GHV auch bekannt durch ihre theatralischen Stadtführungen, bescherten dem Publikum eine exklusive Geschichtslektion mit Geschichten und Gedichten z.T. im Villinger Dialekt. Verschiedene Stationen waren z.B. ein altes Ölgemälde in der ehemaligen Weinhandlung Roth, beim Oberen Tor, auf dem man sieht, dass die Figur des Romäus als Landsknecht auf der äußeren Stadtmauer (die nicht mehr existiert) aufgemalt war. Weiter wurde das Haus Kanzleigasse 9, in dem Remigius Mans wahrscheinlich in einer Weberfamilie aufwuchs, besucht. In der Gerberstraße, in der heutigen Johanneskirche, war früher der Johanniterorden zu Hause und Romäus fand dort nach seiner Flucht aus dem Turm Asyl. In der Gerberstraße soll Romäus auch mit seiner Frau Luzia und seinen Kindern gewohnt haben.

Gunther Schwarz, Lambert Hermle, Klaus Richter bei der Stadtführung vor dem Romäusturm Foto: Jochen Hahne.

 

In der Rietgasse, wo früher das Fahrradgeschäft Fleig war, gab es bis 1902 die „Badstube“, ein Gasthaus, das Romäus ab 1486 bewirtschaftet hat. Den Abschluss bildete der „Diebsturm“ an der Stadtmauer, aus dem Romäus 1498 auf abenteuerliche Weise ausgebrochen war. Gunther Schwarz sprach zum Abschluss als Romäus von der Balustrade am Eingang des Turms über seine Einkerkerung.

In Erinnerung an einen großen, in Villingen sehr bekannten Künstler wandelte eine Gruppe „Auf den Spuren von Klaus Ringwald“. Bei einer Tagesfahrt unter der kundigen Leitung von Pfarrer Kurt Müller wurden berühmte Werke von Klaus Ringwald besucht. So bestaunten die Mitglieder die Bronzeskulptur „Der Korker Stier“, die inspiriert ist von der Korker Stierlaufsage, die in einer Urkunde von 1476 erwähnt wird. Zu den meist beachteten Werken gehört der „Marienbrunnen“ vor dem Rathaus in Waghäusel zur Erinnerung an die Erhebung Waghäusels zur Stadt im Jahre 1984. Höhepunkt der Reise war sicher die Besichtigung der Jesuitenkirche in Mannheim. Nach der Rekonstruktion des prachtvollen Hochaltars schuf Klaus Ringwald einen imposanten Zelebrationsaltar aus Silber und Bronze, den Herr Pfarrer Müller umfassend erklärte.

Erläuterungen von Herrn Pfarrer Müller in der Mannheimer Jesuitenkirche.

 

Überaus große Resonanz erfuhr die zusätzlich ins Programm aufgenommene Fahrt zur Chagall- Ausstellung in der Kunsthalle Messmer in Riegel. Unter dem Motto „Poesie & Traum“ zeigten die Führerinnen der Kunsthalle Messmer einem neugierigen Publikum neben dem Ölgemälde „Die Nacht“ eine große Zahl ausgewählter Arbeiten auf Papier, handkolorierte Radierungen und Farblithographien, welche die enorme Schaffenskraft Chagalls offenbaren.

Ein Teil der Besuchergruppe wanderte anschließend mit Dekan Pfarrer Josef Fischer über Alt Vogtsburg nach Oberbergen, während der andere Teil noch das kleine St.Romanus Kirchlein in Alt- Vogtsburg besichtigte. Das dem heiligen Romanus geweihte Kirchlein birgt einen wahren Schatz an ornamentalen Wand- und Deckenmalereien, gefassten Schnitzskulpturen und einen golden akzentuierten Hochaltar.

Das Romanus-Kirchlein Alt-Vogsburg.

 

Die Kleine Jahresexkursion führte nach Metz, Nancy, Toul und Saint Nicolas de Port. Rund 40 Mitglieder besuchten drei Tage geschichtlich und architektonisch hochinteressante Städte. Die römische, mittelalterliche, klassizistische und wilhelminische Stadtgeschichte hat in Metz deutli- che Spuren hinterlassen. Nach einer wechselvollen Geschichte Lothringens knüpfte Metz nach dem 2. Weltkrieg wieder an seine Tradition als Handelsstadt an und wurde in den 1970er Jah- ren zur Hauptstadt der Region ernannt. Einer der Höhepunkte der Reise war sicher der Besuch der Kathedrale Saint-Etienne (Stephansdom) von Metz, die als eine der schönsten und größten goti- schen Kirchengebäude Frankreichs gilt. Besonders begeisterte die wichtigste Sammlung von Kirchenfenstern (6.500 m²) und hier vor allem die Fenster von Marc Chagall. Nancy, die Hauptstadt der Herzöge von Lothringen, bezauberte durch ihr architektonisches Ensemble aus dem 18. Jahrhundert, mit einer Fülle schöner Gebäude, teils aus Mittelalter und Renaissance, hat aber auch ein lebendiges, junges Stadtviertel mit Geschäften und guten Restaurants. Der berühmte Place Stanislas besticht das ganze Jahr über durch seine Pracht und gastliche Atmosphäre, die dieser „Schönheit des Ostens“ ein italienisches Ambiente verleihen.

Nancy: Blick auf „La Place Stanislas“.

 

Die 15.000 Einwohner zählende Stadt Toul bildete mit ihrer deutlich sichtbaren Armut den krassen Gegensatz zum heiteren Nancy. Sehenswert war jedoch die Kathedrale, mit deren Chor bereits im 13. Jh. begonnen wurde, die aber erst im 16. Jh. fertiggestellt wurde, mit ihrem 30 m hohen Mittelschiff und einem weitläufigen Kreuzgang (einer der größten Frankreichs).

Der kleine Ort Saint Nicolas de Port wird beherrscht von einer imposanten spätgotischen Basilika. Sie verfügt über beeindruckende Ausmaße: das Kirchenschiff hat eine Höhe von 32 m, die Säulen sind mit 28 m die höchsten in Frankreich, die Türme erheben sich 85 beziehungsweise 87 m in die Höhe. Die Basilika beherbergt eine Reliquie des heiligen Nikolaus von Myra und war im Mittelalter ein bedeutendes Wallfahrtsziel. Eine Sonderfahrt unter Begleitung von Pfarrer i.R. Alfons Weißer führte nach Konstanz und Schloss Langensteinbach zur Ellenrieder-Ausstellung.

Kathedrale Saint. Nicolas de Port.

 

Die Konstanzerin Marie Ellenrieder war eine der bedeutendsten Malerinnen des 19. Jahrhunderts und eine Pionierin: Sie war die erste Frau an einer deutschen Kunstakademie und die erste, die Altarbilder für eine katholische Kirche in Deutschland malte. Der Hochadel und aufgeklärte Bürgerliche ließen sich von ihr porträtieren; sie wurde sogar badische Hofmalerin. Später schuf sie vor allem Bilder mit religiösen Motiven im Stil der Nazarener. Nachdem die Teilnehmer die Bilder der Ausstellung des Rosgarten-Museums bewundert hatten, schloss sich eine Führung durch Kreisarchivar i.R. Dr. Götz in der Schlosskapelle von Schloss Langenstein an, in der sich ebenfalls ein Bild der Künstlerin befindet.

Im Spätsommer erkundeten etwa 40 Teilnehmer die historisch interessante Region Piemont und das Aostatal. Der den Villingern gut bekannte Reiseleiter Klaus Weiß hatte ein äußerst umfangreiches Programm zusammengestellt. So beeindruckte zunächst die im piemontesischen Barock erbaute Basilika Superga oberhalb Turins, dann Turin selbst. Das römische Castrum mit seinen rechtwinklig sich kreuzenden Lagerstraßen legte schon in der römischen Antike den Grund zu einem der geschlossensten und damit eindrucks- vollsten Gebilde des abendländischen Städtebaus. Ein weiteres Ausflugsziel war das Städtchen Torre Pellice, das zur Heimat der Waldenser wurde und heute eine wichtige Stimme des Protestantismus in Italien geworden ist. Die Geschichte der Waldenser wurde bei einem Museumsbesuch vorgestellt.

Es folgten Besuche des Heiligtums Sagra di San Michele, dessen Ursprung in die Zeit Kaiser Otto III. fällt, der heutige Bau auf das 12. und 13. Jahr- hundert zurückgeht, sowie des Städtchens Susa, dessen Bedeutung in den zahlreichen gut erhaltenen altrömischen Denkmälern liegt. Überrascht waren die Teilnehmer vom eleganten Baustil der Häuser in Asti und vor allem von dem Dom, einem Hauptwerk der piemontesischen Gotik. Informationen über den Weinanbau, Tagesausflüge nach Mondovi, das antike Pollentia, Alba und Barolo sowie ein Besuch in Aosta mit Kathedrale, Kloster und römischem Theater rundeten das hervorragende und geschichtlich vielseitige Programm ab.

Die Gruppe der Piemontfahrer vor dem Castello die Pollenzo.

 

Zu einer Fahrt zur Kalchreuter Sammlung in Bonndorf-Glashütte und Bummel auf dem Philosophenweg begleitete uns unser Beiratsmitglied Eberhard Härle.

Eberhard Härle erläutert die Trophäen von Professor Kalchreuter.

 

Schon im Bus berichtete er über das Leben und Wirken seines ehemaligen Studienkollegen und Freundes Professor Dr. Heribert Kalchreuter, genannt Kuno. Professor Kalchreuter hatte einen Teil seines Hauses als Museum ausgebaut und hier seine Trophäen gesammelt und ausgestellt. Es sind Jagdtrophäen aus allen Kontinenten der Welt, die alle von ihm selbst erlegt wurden. Jahrzehntelang hat sich der Wildbiologe Kalchreuter mit der Biologie der verschiedensten Tierarten befasst, hat alle Kontinente bereist, mit Eingeborenen gelebt und mit ihnen gejagt.

Kalchreuter verstarb 2010 und eine Stiftung Naturkundemuseum, in der sich auch Herr Här- le engagiert, kümmert sich um die Ausstellung. Zwischen Eisbär, Polarbüffel, Leopard und Narwal, zwischen Wolf, Löwe, Braunbär, unzähligen Vögeln und anderen Trophäen kamen die Besucher aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf dem nachmittäglichen Spaziergang auf dem Philosophenweg fanden die Tafeln mit den Sinnsprüchen viel Anklang.

Ernst Reiser erzählt über Nordstetten und seine Höfe.

 

Nordstetten, seine Geschichte und seine Höfe.

Zu einem besonderen Genuss kamen etwa 30 Mitglieder, denn unser Mitglied Ernst Reiser hat die Führung, die er aus Anlass des Jubiläums „1250 Jahre Nordstetten“ gehalten hatte, für uns wiederholt. Er erklärte, dass die ursprüngliche Siedlung des heutigen Nordstetten – zumindest was die Ersterwähnung anbelangt – zu den ältesten Orten gehört, die es in unserer Gegend sowie auf der gesamten Baar nachweislich überhaupt gibt. Umfassend und kompetent informierte er über jeden einzelnen Hof, seine Entstehung, seine Geschichte seine früheren und jetzigen Bewohner und hatte manche Geschichte dazu zu erzählen. An seiner Begeisterung spürte man, dass er die geschichtliche Erforschung Nordstettens zu seinem Hobby gemacht hat.

Zu einer Führung im Stadtarchiv fand sich eine aufmerksame Gruppe bei unserem Beiratsmitglied Frau Ute Schulze ein, die sach- und fachkundig einen Einblick in das „Gedächtnis unserer Stadt“ gewährte. Sie erklärte den interessierten Zuhörern, dass im Archiv die Überlieferung zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, der Städte Villingen und Schwenningen sowie der kleineren Stadtbezirke bis 1972 bewahrt und betreut werden. Es werden Unterlagen, die im Bereich der Stadtverwaltung entstanden sind, übernommen. Es sind dies: Akten, Amtsbücher, EDV-Daten, Fotos, Kar- ten, Pläne, Druckschriften, Ton- und Bildträger. Die ältesten Urkunden reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück.

Gesammelt werden auch Privat- und Firmennachlässe zur Ergänzung der Bestände. Im November fanden die Gedenkgottesdienste für die verstorbenen Mitglieder am 5. November im Münster und am 24. November in den evangelischen Kirchen statt.

Im Dezember erlebte ein gespanntes Publikum „Die Theaterkulissenfunde – ein historischer Kulturkrimi aus Villingen“. Frau Diplom-Restauratorin Ina Sahl und Herr Dr. Michael Hütt führten durch die spannende Ausstellung, an der sich der Geschichts-und Heimatverein mit einer Spende von 3.000 E beteiligt hat. Die Teilnehmer konnten bei diesem „Krimi“ die Ermittlungsarbeit aufnehmen und auf Spurensuche gehen.

Mit dem wie immer in vorweihnachtlich-festlicher Atmosphäre stattfindenden Besinnlichen Abend klang ein ereignisreiches Vereinsjahr 2013 aus.

Eine begnadete Mystikerin: Ursula Haider vor 600 Jahren geboren (Edith Boewe-Koob)

 

Gemälde der Ursula Haider im Konvent von St. Ursula Quelle: Internetseite St. Ursula

 

Ursula Haider wurde 1413 in Leutkirch geboren und kam als neunjährige Vollwaise in die Klause der 1420 verstorbenen Elisabeth von Reute, einer oberschwäbischen Mystikerin. Obwohl Elisabeth bereits gestorben war, wurde Ursula Haider ganz im Sinne der „Guten Beth“ erzogen. Die Schwestern betrachteten das Leiden des Erlösers mit großer Intensität unter dem geistlichen Einf luss ihres Beichtvaters. In dieser Klause wuchs Ursula Haider heran. Ihre Passionsmystik ist bis zu einem bestimmten Punkt auf ihre Erziehung zurückzuführen, obwohl ihre Offenbarungen stark von Heinrich Seuse OP beeinf lusst waren. Sie trat 1431 in das Klarissenkloster in Valduna ein und wurde mit 36 Jahren zur Äbtissin gewählt. Dieses Amt übte Ursula Haider 13 Jahre aus, und es gelang ihr, das Kloster zu einem vorbildlichen Ort der Frömmigkeit zu gestalten.

Auf Initiative des Franziskaner Provinzials Heinrich Karrer kam Ursula Haider mit sieben Mitschwestern als Äbtissin nach Villingen, um die dortige Sammlung zu reformieren und sie dem Klarissenorden zu unterstellen. Die Äbtissin machte das Villinger Klarissenkloster zum Zentrum eines mystisch-religiösen Lebens.

Ursula Haider war die erste und bedeutendste Äbtissin des Villinger Klarissenklosters. Sie war nicht nur eine begnadete Mystikerin, sondern auch eine hervorragende Baumeisterin, die das Klarissenkloster (heute St. Ursula) in kurzer Zeit zu einem relativ wohnlichen Haus umgestalten ließ. Sie starb nach langer Krankheit im Jahr 1498 und wurde in der Ölbergkapelle begraben. Die Translatio in die Klosterkirche fand 1702 statt.

Eine Würdigung ihres Lebens soll 2014 in einem Vortrag dargestellt werden, und ebenso wird in der Jahresbroschüre des GHV ein ausführlicher Bericht erscheinen.

Quellen:

Klosterarchiv

Trauer um Ehrenmitglied Gerhard Hirt (Günter Rath)

 

Gerhard Hirt starb im Alter von 83 Jahren Foto: Hirt

 

Nach Redaktionsschluss unseres letzten Jahresheftes ist unser Ehrenmitglied Gerhard Hirt kurz nach seinem 83. Geburtstag plötzlich und unerwartet verstorben. Mit seinem Engagement für den Geschichts- und Heimatverein hat sich Gerhard Hirt bleibende Verdienste erworben. Er hat nicht nur zahlreiche eigene Beiträge zu den Jahresheften geschrieben, Fotos und Informationen zur Stadtgeschichte beigetragen und als inoffizieller Geschäftsführer über Jahre den Vorstand unterstützt, er war immer da, wenn man seinen Rat und seine Hilfe brauchte. Gerhard Hirt gehörte zu den Menschen, die nicht fragten, was der Verein für ihn tut, sondern, was er für den Geschichts- und Heimatverein tun konnte.

Sein Verständnis, seine Zuvorkommenheit und seine Hilfsbereitschaft waren von unschätzbarem Wert und machten ihn zu einem wahren „väterlichen Freund“. Der Geschichts- und Heimatverein wird seiner stets ehrend gedenken.

Soziale Marktwirtschaft und Ethik (Georges-Henry Benoit)

Landesfachkommission

Diesen interessanten Beitrag erhielten wir von unserem lang jährigen Mitglied Georges-Henry Benoit.

Weckruf und Mahnung zugleich

In diesem bescheidenen Beitrag geht es um die Soziale Marktwirtschaft. Wir müssen die Soziale Marktwirtschaft verteidigen, denn nur wenn wir sie gestärkt haben, werden wir in der Lage sein, welcher Krise auch immer widerstehen zu können. Die jüngsten Entwicklungen und Ereignisse (Versagen der Politik, Abwesenheit des Staates, Schuldenkrise, Eurokrise) haben die Geister erregt und bei der Öffentlichkeit Fragen aufgeworfen. Dies sind Fragen bezüglich der Fähigkeit des Staates, der Wirtschaft Grenzen zu setzen, sei es als Schiedsrichter oder als Regulator, oder bezüglich der Fähigkeit des Staates, den Verbraucher zu schützen, und auch bezüglich der Bedeutung und Zweckmäßigkeit der Sozialen Marktwirtschaft, angesichts des Verhaltens mehrerer Unternehmen, die dem ehrbaren Kaufmann keinen Platz mehr lassen.

Dieser Beitrag soll Anlass geben, diesen Fragen nachzugehen, und ist zugleich eine Mahnung und eine Botschaft an die unterschiedlichen Akteure der Politik, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Die soziale Marktwirtschaft hat nichts an Bedeutung verloren und beinhaltet noch die Komponenten, die auf die aktuellen jetzigen Fragen eine Antwort geben können. Sie ist eine ständige Neu-Erfindung und bedarf deswegen ständig neuer Anpassungen unter Berücksichtigung der Orientierung der Wirtschaft. Diese Botschaft richtet sich an die Politik, die Wirtschaft, die Kirchen und die Zivilgesellschaft. Sie ist Weckruf und Mahnung zugleich. Weckruf, um uns daran zu erinnern, dass die Apokalypse vor der Tür steht und dass die Apokalyptiker nur einen Anlass suchen, um das Schlimmste vorauszusehen. Mahnung, um uns vor den Auswüchsen des Kapitalismus zu warnen. Es ist nicht die Aufgabe der so genannten „Occupied Bewegungen“, unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass die Finanzwelt und die Banken den Kapitalismus pervertieren, anstatt der Realwirtschaft zu dienen.

Diese Botschaft betrifft alle diejenigen, die jeden Tag Stellung beziehen müssen. Dazu gehören neben der Politik und der Wirtschaft auch die Kirchen und die Zivilgesellschaft. In diesem Zusammenhang sind Maßnahmen erforderlich. Wenn diese Maßnahmen nicht sofort getroffen werden, dann besteht die Gefahr, dass die „Occupied Bewegungen“ ernst zu nehmende Bewegungen werden und dass sich andere Gruppen der Gesellschaft dieser Bewegung anschließen. Die vorher genannten Fragen sind klar genug, was die von der Politik zu treffenden Maßnahmen angeht. Die Politik muss alles tun, um den Eindruck ihrer Kooptation durch die Wirtschaft zu vermeiden.

„Sie muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen“ (Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag am 22. September 2011).

Von der Wirtschaft kann man einerseits erwarten, dass sie die „unternehmerische Integrität wiederherstellt“, dass sie ferner die corporate Governance ständig erneuert und dass sie Freiheit und Verantwortung nicht voneinander trennt. Andererseits ist es wünschenswert, dass die Unternehmen mehr soziale Verantwortung übernehmen und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Dieses verrückte Rennen nach dem Gewinn muss gestoppt werden. Nur so kann die Kluft zwischen den Reichen und den Armen minimiert und auch die drohende Amerikanisierung Deutschlands vermieden werden. Neben der Wirtschaft und der Politik ist die Kirche ein anderer Adressat dieser Botschaft. Die soziale Marktwirtschaft hat Wohlstand und Reichtum geschaffen. Dies entspricht dem, was Gott für seine Kinder wünscht. Die Kirche soll daran teilnehmen, die Tugenden der Sozialen Marktwirtschaft zu propagieren, um das verlorene Vertrauen der Bevölkerung in die Soziale Marktwirtschaft wiederherzustellen.

Letztlich sind die Bürger auch ein Glied in der Verantwortungskette. Auch von ihnen kann erwartet werden, dass sie mehr Verantwortung übernehmen und als Anleger gründlichere Fragen stellen, was die geplante Investition Ihrer Anlage anbelangt. So können sie dazu beitragen, die Finanzgeschäfte nachhaltiger zu machen.

Dies ist ein bescheidener Beitrag zum Erhalt der Sozialen Marktwirtschaft.

Geschichts- und Naturlehrpfad Villingen-Schwenningen (Eberhard Härle)

– Wege und Stationen

 

Geschichts- und Naturlehrpfad Villingen-Schwenningen– Wege und Stationen

 

Autoren der Wegbeschreibung sind Dr. Hans Georg Enzenroß, Eberhard Härle und Siegfried Heinzmann.

Wir danken allen, die sich bei der Planung und Umsetzung dieses Projekts verdient gemacht haben.

Pressebild (Schwarzwälder Bote) mit OB, Vorsitzende der Vereine, Härle, Heinzmann vor dem Münster, Titel: Sie freuen sich über den neuen Wanderführer. Von links nach rechts: Günter Rath, Eberhard Härle, Sieg fried Heinzmann, Dr. Annemarie Conradt-Mach und OB Dr. Rupert Kubon.

 

Auszug aus dem Grußwort von OB Dr. Rupert Kubon:

Der Geschichts- und Naturlehrpfad Villingen- Schwenningen verbindet Spaß am Wandern mit Informationen zur Geschichte, Heimatkunde sowie Flora und Fauna und lädt so zu einem herrlichen Erlebnis in einer einzigartigen Naturlandschaft ein. Deshalb freut es mich besonders, dass es den beiden Heimat- und Geschichtsvereinen unserer Stadt gelungen ist, gemeinsamen einen Wanderführer herauszugeben, der den rund 52 Kilometer langen Lehrpfad informativ und kompakt in einem Werk aufbereitet. Dieser handliche Wanderführer eröffnet auf vierzig Seiten sicherlich ganz neue Blickwinkel auf den Geschichts- und Naturlehrpfad und macht Lust aufs Wandern in unserer herrlichen Region. Wer diesen unverzichtbaren Ratgeber liest und danach mit offenen Augen wandert, wird erstaunt sein, was er bisher alles am Wegesrand nicht entdeckt hat.

Die Wanderkarten und das umfangreiche Bildmaterial unterstützen die detaillierten Beschreibungen der Wegstrecken und werden dem geschichts- und naturbegeisterten Wanderer eine gute Hilfe sein – sei es bei der Planung oder wenn er unterwegs ist.

Vielleicht begegnen wir uns dabei.

Arbeitsgruppe vor der Tafel Tannhörnle. Von links nach rechts: Eberhard Härle, Ute Schulze, Hansjörg Fehrenbach, Werner Echle, Dr, Hans-Georg Enzenroß

 

Die Spender der Tafeln sind jeweils auf diesen vermerkt.

Wir danken allen Helfern und Spendern für ihre Unterstützung. Durch diese Hilfen konnte der Pfad ohne zusätzliche Vereinsmittel finanziert werden. Nur für den Druck der vorliegenden Broschüre musste die Clubkasse herhalten.

Die Broschüre einschließlich der Karten kann bei allen Buchhandlungen, bei der Tourist-Info und bei der Geschäftsstelle für 4.- Euro erworben werden.

Die Wegeführung wird beim Villinger wie beim Schwenninger Geschichts- und Naturlehrpfad mittels weißer Täfelchen im Format 10 x 15 cm angezeigt. Den Weg um Villingen kennzeichnet das alte blau-weiße Villinger Stadtwappen, das bis 1530 Geltung hatte, den Weg um Schwenningen ein stilisierter Grenzstein mit den schwarzen Hirschstangen Württembergs im gelb ausgelegten Wappenschild. Beide Wahrzeichen symbolisieren die Geschichte der beiden Stadtbezirke. Der stilisierte Baum, der sich auf beiden Wegeanzeigern wiederfindet, steht für die Natur.

 

Sponsoren und Spender für den Villinger Pfad

Firmen und Institutionen:

Städtisches     Forstamt     Villingen-Schwenningen; Erhard Bürk-Kauffmann GmbH; Belenus GmbH Blech-, Schweiß- und Montagetechnik; promowatch GmbH; Peter Schmid, Technischer Bedarf; Gregor Braun, Architekturbüro; Gartenbau Walter Frommer OHG; Jörg Schlenker, Grafik, Design; SÜDWESTPRESSE / Die Neckarquelle; Sparkasse Schwarzwald-Baar;     Volksbank     Donau-Neckar; Baden-Württembergische Bank; SV-Versicherungen Gudermuth; Schwenninger Krankenkasse; Werbegemeinschaft City-Rondell; Rotary-Club Villingen-Schwenningen, Scheurenbrand, Blechverarbeitung

Einzelpersonen:

Dr. Eberhard Haller, Alexander Haller, Margot Hamacher,     Siegfried     Heinzmann,     Irmgard Leschke, Rosl Schlenker, Jürgen Schlenker, Edgar Schurr, Lotte Sütterlin

… mit Stolz und Würde der Katzenmusik Zierde … (D. Schaaf)

Die Katzenmusik Villingen im Wandel der Zeit

Wenn man sich heute den Umzug der Katzenmusik am Fasnet-Mentig-Morge als Zuschauer betrachtet, ist es kaum noch vorstellbar, dass sich der Verein aus heimkehrenden Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 gegründet hat.

Sie als Soldaten hatten die Welt gesehen und waren durch dick und dünn gegangen. Jetzt galt es, die Erlebnisse, auf die Fasnet bezogen, in den kleinen heimischen Bereich umzusetzen. Spiel, Spaß an der Freud und vieles mehr waren dominierend; ebenso nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, also nach den Zeiten der Entbehrungen. Nach den durchgemachten Strapazen hatten die Heimkehrer einfach den Wunsch, die Welt mal anders zu sehen und zu erleben.

Maler der Meier’schen Uhrenschildmalerei waren 1872 die ersten Katzenmusiker. Sie zogen musizierend und singend durch das Städtle. Zogen von Wirtshaus zu Wirtshaus. Wie nicht anders zu erwarten, schloss sich den Musikanten schnell die Jugend an. Nach ihrem ersten Auftreten vereinigten sie sich mit ihren Freunden zu einer Musikkapelle. Die Proben hielten sie in der eigenen Werkstatt, der Meier’schen Uhrenschild-Malerei gegenüber der Tonhalle, ab. Der Volksmund gab diesem Zusammenschluss den Namen „Langsche Kapelle“, da der Dirigent Lang hieß.

Die neue Jugendfigur der Katzenmusik de Katzerolli Bild: Foto Singer

Die Kapelle spielte aber nicht nur an Fasnet sondern auch bei Hochzeiten und gelegentlichen Tänzen, wie an Pfingsten und zur Kirchweih. Zu dieser Zeit entstanden auch die „Hutata Tänze“, welche als Abschluss auf dem Marktplatz stattfanden und der noch heutig gültige Katzenmusikmarsch.

In den Folgejahren zog die Lang’sche Kapelle in den frühen Morgenstunden des Fasnet-Mentig mit umgedrehten Kitteln, Frauenröcken, gefärbten und geschwärzten Gesichtern, selbstgefertigten Larven, Frauenhüten und Kappen, ja mit allen erdenklichen närrischen Kopf bedeckungen und Attributen in die närrische Stadt. Als Stammlokal diente die Wirtschaft „Zum Ochsenfuß“ in der Berholdstraße. Dadurch wurde man dem Wunsch vieler, auch an den hohen Tagen einmal etwas zu gelten, gerecht. Schließlich wollte seit Jahren auch der kleine Mann an den Freuden der Fasnet teilnehmen. Der Narro im Mittelpunkt des Treibens stehend, konnte schon aus Kostengründen nur aus gut betuchten Kreisen kommen.

So zog also dieser bunte närrische Haufen schon vor dem Morgengrauen am Fasnet-Mentig, durch Erzeugen eines „Mords-Spektakels“ unter Zuhilfenahme von allerlei Lärminstrumenten wie Blechbüchsen, Kochhafendeckel, Blechtrommeln und vielem mehr zum Wecken in die Stadt.

Am folgenden Umzug nahmen dann immer mehr Gruppen teil, die die örtlichen und persönlichen Begebenheiten in satirisch-scherzhafter aber humorvoller Weise, auch vor den Häusern der Betroffenen, glossierten.

An der Spitze dieser Vereinigung standen Ende der 1870er Jahre hauptsächlich zwei Männer, welche die Sache dirigierten: es waren dies Müller Rudolf, Uhrmacher und Breig Gottfried, Eisendreher; zu ihnen gesellte sich zu Mitte der 1880er Jahre noch ein biederer Schreiner, Christian Wolber, der stadtbekannt wurde durch seine vielen, von ihm verfassten Gedichte. Mehrere Jahre war er auch Herausgeber einer etwas phantastisch ausgestalteten Fasnachtszeitung.

Diese Vereinigung, schon 1882 als Katzenmusik fest etabliert, erhielt bereits 15 Jahre nach Ihrem Bestehen von Jungfrauen und Frauen der Stadt eine Fahne gestiftet. Von da an wurde der Umzug von einem Tambour-Major angeführt. Trommler und Pfeifer sowie die „Kuner’sche Kapelle“ folgten. Der Zug bewegte sich durch die Straßen und Gassen, wobei zwischendurch ausreichend Einkehr gehalten wurde. Der Abschluss erfolgte jeweils zur Mittagszeit auf dem Marktplatz, der sogenannte und noch heute gültige Schlussappell.

Der Katzesome in den 30ernUm die Entwicklung haben sich in den ersten Jahrzehnten besonders der Hohlmurer mit Beinamen „Ebenhe“, der Maler Julius Oberle, der untere Herter Mauch, Uhrmacher Rudolf Müller, der viele Jahre als Generalfeldmarschall voranritt, Schildmaler Albert Bode, Metzger Emil Neininger, genannt „Wurster Emil“, Schildmaler Gottfried Breig, Schneckenwirt und Schreiner Christian Wolber als „Hobeloffizier“, wie er sich selbst nannte, verdient gemacht.

Gegen Ende des Jahrhunderts nahm sich der „Fröhlichkeitsverein“ der Leitung der Katzenmusik an. Dieser hatte in der Wirtschaft „Bad“, Rietgasse 5, sein Stammlokal.

Von diesem bekam die Katzenmusik im Jahre 1900 eine neue Fahne gestiftet. Doch dieser Zusammenschluss hielt nicht lange und so stelltensich die Katzen wieder auf eigene Beine.

Unter Führung von Schuhmachermeister Christian Kleinhans wurden die Vorbereitungen für die Umzüge getroffen und ein Ausschuss gebildet. Dieser traf sich mit den Zugteilnehmern an den drei der Fasnet vorangehenden Sonntagen. Auch diesem Brauch ist sich der heutige Katzenmusikverein treu geblieben.

Um die Organisation des Umzuges machte sich in den Jahren vor 1914 Norbert Mauch besonders verdient. Anfänglich marschierte er als Tambour Major voraus, und später ritt er als Generalfeldmarschall an der Spitze. Damals war der anführende Generalfeldmarschall nicht gleichzeitig 1.

Vorstand. Von Jahr zu Jahr wurde neu gewählt.

Die Kriegsjahre hinterließen auch bei den Katzenmusikern Spuren. Sieben verdiente Katzenmusiker kamen aus dem Krieg 1914 – 1918 nicht mehr zurück.

Auf Anregung eines um die Jahreswende 1919/1920 gebildeten Ausschusses, bestehend aus Norbert Mauch, August Marinoni, Andreas Heizmann, Johann Baptist Mauch, Wilhelm Axtmann, August Axtmann, Karl Seemann und dem „Rindviehkarle“ Karl Rinderspacher, fand die erste Versammlung am Sonntag, den 1. Februar 1920 im damaligen Gasthaus „Zur Schnecke“ in der Niederen Straße 13 statt.

Die Teilnehmer waren sich einig, die Katzenmusik wieder auf leben zu lassen und zwar mit dem offiziellen Beinamen „Miau“. In dieser Versammlung schuf man die Vereinssatzung.

Die Vorstandschaft in den 20er Jahren

 

1947 erfuhr die Satzung eine Änderung. Nach dem politischen Zusammenbruch und der erfolgten Besatzung im Jahre 1945 galten sämtliche Vereine, selbst die Feuerwehr, als aufgelöst. So musste sich der Verein neu bilden.

In dieser Satzung wurde nun auch der Zusammenschluss des Generalfeldmarschalls und des ersten Vorstandes festgelegt. Ihm zur Seite stellte man zwei Stellvertreter.

Seit 1920 hatte die Katzenmusik 10 Generäle:

Norbert Mauch             1920 – 1922

Wilhelm Heinzmann   1922 – 1927

August Marinoni          1927 – 1935

Ludwig Rapp                  1935 – 1952

Hermann Ummenhofer 1952 – 1968

Karl Strittmatter            1968 – 1972

Heinz Glunz                    1972 – 1980

Alfons Moser                   1980 – 1991

Heinz Gabriel                 1991 – 2005

Heinz Klingele                2005 – 2013

Seit Hermann Ummenhofer 1952 General wurde, reitet der Generalfeldmarschall nicht mehr an den Umzügen voraus, sondern hat hierfür einen Umzugswagen für sich und seine beiden Vertreter bekommen. Interessant ist auch die Tatsache, dass es von 1952 – 1966 erstmals und letztmals eine „Katzemotter“ gegeben hat, der Jägerhauswirtin Maria Zschoche.

1953 schuf sich der Verein seine Symbolfigur, den „Kater Miau“. Angelehnt an den gezeichneten Zeitungskopf der eigenen Katzenmusikzeitung von Karl Kaiser führt der schwarze Kater, der sein Domizil im Romäusturm hat, seither die Umzüge an. Seither befreien die Katzen ihren Kater jedes Jahr am Fasnet-Sunntig zusammen mit den Rietvögeln aus dem Turm.

Der Verein hat sich seit seiner Gründung stetig weiterentwickelt. Den anfänglichen Musikgruppen schlossen sich immer mehr Fuß- und Wagengruppen an. Wurden die Umzugswagen anfangs noch von Ochsen gezogen und mit einfachsten Mitteln dekoriert, so sind es heute teilweise Tieflader, die mit großen Traktoren durch die Stadt fahren. Für den aufwendigen Wagenbau bekam man 1972/1973 eine Wagenhalle am unteren Dammweg. Hier entstehen in monatelanger Arbeit jedes Jahr aufs neue Motivwagen und auch die Ballkulissen durch viele fleißige Hände.

Seit 1924 bietet man den Mitgliedern eine Fasnetunterhaltung in Form eines Balles. In den ersten Jahren reichte noch der Saal des „Löwen“, dann brauchte man schon bald das „Waldschlössle“. Auch dieses wurde bald zu klein und wurde 1962 durch die alte Tonhalle ersetzt. Nun fand der Ball auch an zwei Abenden statt.

Die Bälle steigerten sich von Jahr zu Jahr in ihrer Beliebtheit. Glanzvolle Bälle wurden unter der Regie von Werner Jörres, Walther Rieger, Alfons Moser, Eberhardt Zimmermann, Andreas Erdel und Thomas Moser auf die alten Bretter der Tonhalle gezaubert.

Seit dem Abriss der alten Tonhalle ist man nun mit dem Ball in der neuen Tonhalle und kämpft, wie alle anderen Fasnetvereine, mit den Tücken des neuen Baues.

Wenn schon ein Generalfeldmarschall an der Spitze des Vereines steht, ist es nicht verwunderlich, dass es bei der Gefolgschaft militärisch zugeht. So hat die Katzenmusik ihre eigene Bekleidungs- und Gerätekammer. Dort werden die verschiedenen Utensilien auf bewahrt. So wie beim „Kummis“ erfolgt die Verwaltung über einen „Kammerbullen“. 1966 gelang es, das schon vorhandene ansehnliche Kostümlager durch einen Nachlass um ein Vielfaches zu vermehren. Auch durch Ankäufe aus verschiedenen Theatern kann der Verein heute einen stattlichen Kostümfundus zum Verleih anbieten. Die Kammer, die ursprünglich im Dachgeschoss der Karl-Brachart-Realschule untergebracht war und heute in der Wagenhalle untergebracht ist, erfreut sich in der Vorfasnetzeit großer Beliebtheit.

„Kater Miau“ bei der Befreiung aus dem Romäusturm. Bild: Foto Singer

 

Seit den 50er Jahren wurde auch die Jugendarbeit stetig ausgebaut. 1953 wurden die ersten Häser für die Kinder angeschafft und man gab ihnen in verschiedenen Gruppen wie Katzenkindergarten, Katzenjugend oder Girly Ballett eine Heimat. Um aber auch den Jugendlichen ab 14Jahre aufwärts eine interessante Bleibe im Verein zu schaffen, beschloss die Vorstandschaft 2010 eine neue Jugendfigur, „de Katzerolli“, zu kreieren. Nach alten Vorlagen des Kunstmalers und Katzenmusikers Karl Friedrich Kaiser wurde nun auch erstmals eine Figur geschaffen, zu welcher eine handgeschnitzte Scheme getragen wird. Um nun auch jungen Familien die Möglichkeit zu geben, gemeinsam Fasnet zu machen, wurden der Jugendfigur noch eine erwachsene Katze und ein Kater hinzugegeben.

Seit 1950 gibt es eine Katzenmusik-Musik, für die sich die Stadtharmonie Villingen über die Fasnettage zur Verfügung hält. Der Verein schaffte dafür 1964 neue Uniformen an, um der Kapelle ein repräsentatives Aussehen zu geben. Aber nach nun fast 50 Fasnetjahren hat diese Uniform ihre besten Zeiten hinter sich. Und so hat die Stadtharmonie beschlossen, sich eine neue Uniform zu gönnen, die sich an vorhandenen Uniformen der Katzenmusik orientieren wird, man wird sie das erste Mal an der Fasnet 2014 auf der Straße sehen. Die geistigen Väter der Katzenmusik hätten garantiert ihre Freude, wenn sie sich heute den Umzug am Mentig oder Dienschtig anschauen könnten. Ein gigantischer närrischer Lindwurm zieht hier durch die alten Straßen und Gässle der Zähringerstadt.

Vieles gäbe es noch über den ältesten eingetragenen Fasnetverein zu schreiben, aber dies würde den Rahmen sprengen. So bleibt der Verein hoffentlich noch eine lange Zeit mit Stolz und Würde, der Katzenmusik Zierde, wie es schon im Katzenmusikmarsch heißt!

Das Niedere Tor ist wieder da! (Dietmar Kempf)

Leider nur das Modell

Jetzt sind sie wieder komplett, die vier Villinger Stadttore. Dietmar Kempf, Modellbauer und Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen, hat das historische, 1847 leider abgebrochene Niedere Tor in liebevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut und damit ein weiteres Mal ein Stück Villinger Stadtgeschichte als Modell sichtbar gemacht. Wir stellen hier das Werk – wie schon die vielen anderen Modelle, die er geschaffen hat – vor. Dazu hat er eine umfassende Dokumentation über das einstige Stadttor verfasst, die wir hier in Auszügen veröffentlichen.

Vorwort

Über die Stadtbefestigung Villingens sind von vielen Autoren schon Aufsätze und Veröffentlichungen in Zeitschriften, wissenschaftlichen Büchern oder anderen Medien erschienen. Der Modellbauer hat versucht, aus diesen unterschiedlichen Quellen eine möglichst aussagefähige und fundierte Basis für den Bau seines Modells zu finden.

Malerisches altes Villingen – Partie am Niederen Tor

 

Alles ließ sich trotz intensivem Suchen leider nicht bis zur letzten Sicherheit klären, so dass das Modell die absolute historische Treue nicht erfüllen kann.

Zeittafel Niederes Tor

Neubau der Stadt westlich der Brigach     ab 1199

Baubeginn:

Innere Stadtmauer und Graben     ca. 1200

Tortürme (Bicken-, Oberes, Niederes und Riettor)     1230–1260

Äußerer Mauerring mit Fülle und äußerem Graben     ab Mitte 15. Jh.

Niederes-Tor-Erker     1721

Abbruch:

Äußere Mauer und Fülle,

Verfüllung des Grabens     ab 1825

Niederes-Tor-Erker     1844

Niederes Tor     1847

Die Toranlage am südlichen Stadtausgang

Von der Feldseite her gesehen:

„Ansicht gesehen vom Niedern Tor oder von der Straße von Bräunlingen her“, gezeichnet von Johann Baptist Gumpp 1692.

 

Die Toranlage von der Niederen Straße her gesehen.

Zeichnung von Paul Bär sen. (aus GHV-Jahresheft 2001, Seite 41).

 

Die Befestigungsanlagen des südlichen Stadtausganges

Plan Befestigungsanlagen.

 

Das Niedere Tor mit den zugehörigen Anlagen bildete den südlichen Zu- bzw. Ausgang der Stadt. Von hier aus war die Straße durch das Brigachtal nach Hüfingen, Bräunlingen und als Fernziel Konstanz und Schaff hausen zu erreichen. Die Feldungen der Gewanne Schützenwiesen, Lantwatten, Niedere Angel, Linden, Kreuzwasen und Niederwiesen waren ebenfalls durch Feldwege an den Stadtausgang angeschlossen (siehe hierzu „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar“, Heft XVII-1928, „Die Flurnamen der Gemarkung Villingen im Schwarzwald“ von Hans Maier 1927).

Die Toranlage

Sie bestand aus dem Niederen Tor selbst und den beidseitig angebauten Häusern. (Die anschließend weiterführende innere Stadtmauer gehörte ebenso zur Befestigungsanlage, wird aber erst später abgehandelt).

Toranlage, feldseitige Ansicht.

 

Das Niedere Tor 

Der Bau der vier Stadttore lässt sich aufgrund bauhistorischer Datierungen auf Anfang bis Mitte 13. Jh. eingrenzen. Die erste schriftliche Erwähnung eines Tores erfolgte in einer Urkunde aus dem Jahre 1290. Leider hatte das Niedere Tor nur bis Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand, 1847 erfolgte der Abriss. Der Grund hierfür war u.a. anscheinend in der maroden Bausubstanz und den daraus resultierenden Reparatur- und Unterhaltungskosten zu suchen.

Außerdem war das Gelände südlich des Tores von der damaligen Kreisbauinspektion für eine verbesserte und erweiterte Anbindung der Niederen Straße nach Donaueschingen usw. vorgesehen. In dieser Planung dürfte der Abbruch des Turmes und die Auffüllung der beiden Stadtgräben vor dem Tor schon vorgesehen gewesen sein.

Schon früher, im Jahre 1683, war in einem Ratsprotokoll auf den schlechten Zustand des Niederen Tores hingewiesen worden: „Der Niedereturm ist ganz schadhaft und zerspalten, dahero diesen Winter hindurch die erforderlichen Stein und Materialia beigeschafft, alsdann gegen den Frühling die notwendige Raparation vorgenommen werden soll“.

 

Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind weitgehend unbekannt. Die drei anderen, noch erhaltenen Tortürme (Riet-, Oberes und Bickentor) haben jedoch alle einen Grundriss von ca. 11 m Tiefe und 8,5 m Breite, die Höhe ist unterschiedlich zwischen 19 – 23 m.

Ausschnitt aus der Planskizze „Bezirksstrafgerichtsgebäude mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ aus 1847.

 

Das äußere Bild ist bei allen diesen Türmen annähernd gleich, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auch das Niedere Tor in diesen Rahmen passte.

Der Standort ist bei Kanalisationsarbeiten 1988 am Südende der Niederen Straße gefunden und eingemessen worden. In einer Planskizze zum Neubau des „Bezirksstrafgerichtsgebäudes mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ des Großherzoglichen Justizministeriums vom 20. Febr. 1874 ist das Niedere Tor mit einer Grundf läche von 9 x 9 m eingezeichnet. Da die anderen Tortürme jedoch alle eine rechteckige Form aufweisen, hat der Modellbauer die Fläche auf 9 x 10,5 m erweitert. Die Höhe des Turmes am Modell beträgt bis zur Dachunterkante ca. 24 m. Diese Höhe ergab sich beim zeichnerischen Aufriss des Turmes, ist historisch jedoch nicht belegt.

Vom inneren Ausbau des Niederen Tores wissen wir wenig. In der Hug’schen Chronik von 1495 – 1533 sind jedoch einige Texte enthalten, die auf ein Gefängnis im Turm hinweisen. Nachfolgend sind diese Textstellen wiedergegeben:

Zitat Seite 56 aus 1514:

(…) Do ward man zu raut und let den lantschriber in das Nider-keffid. (…)

(Da ging man zu Rate und legte den Landschreiber in das Niederetorgefängnis).

Zitat Seite 93 aus 1522:

(…) Das tetten sy, und hie 4 legen sy in das Bickenkefid, 4 in das Oberkeffid und 4 in das Niderkefid.

(…)

(Das taten sie, und je 4 legen sie in das Bickentor gefängnis, 4 in das Obertorgefängnis und 4 in das Niedertorgefängnis).

Zitat Seite 147 aus 1525:

(…) Uff den helgen krutz auben (13. Sept.) lies man den kilchhern von Brullingen wider us dem Niderkeffid, was och 4 wochen gefangen gelegen (…)

(Auf den Heiligenkreuz Abend ließ man den Kirchherren von Bräunlingen wieder aus dem Niederen Torgefängnis, war auch 4 Wochen gefangen gelegen).

Dieses Gefängnis ist in seinem Auf bau sicher denen der anderen Türme gleichzusetzen. Als Beispiel kann das „Keffid“ im Oberen Tor dienen.

Das Niedere Tor – Keffid.

 

Zugang zum Turm 

Zur Versorgung der Gefangenen im „Keffid“ muss ein gut begehbarer Zugang vorhanden gewesen sein. Angeboten hätte sich hierfür ein Durchgang aus dem rechts angebauten Haus vom 1. Obergeschoss in das 1. Stockwerk des Turmes über dem Torbogen. Eine Treppe außen am Turm (wie beim Bicken- und Riettor) wäre für den Zugang z.B. der Turmbesatzung in Kriegszeiten vorteilhaft gewesen.

Interessant ist auch zu wissen, dass an den Tortürmen vor Mitte des 19. Jh. schon Uhren vorhanden waren. Ob diese beidseitig (Stadt- und Grabenseite) die Zeit anzeigten, lässt sich aber nicht feststellen. In einem Ratsprotokoll aus 1842 ist folgender Eintrag zu lesen:

„Erlaß der Grh. Straßenbauinspektion dahier, den Abbruch der Oberen und Unteren Tortürme betr. (…) Die darauf befindlichen Uhren werden vorbehalten. Der Abbruch des Niederen Tores soll auf Rechnung der Stadt geschehen.“

An den Turm angrenzende Gebäude

Anmerkung: Die Lagebezeichnung „rechts“ oder „links“ ist immer von der Stadtmitte aus zu sehen. Die beiden rechts und links angebauten Gebäude waren anscheinend in das Gesamtkonzept der Verteidigungsanlagen eingebunden. Im Ortskernatlas 3.2 BW wird darauf hingewiesen: (…) Der Rücksprung der Türme hinter die Mauerflucht übertrifft die Mauerstärke deutlich, zu den Türmen gehören daher die jeweils beidseitig anschließenden Gebäude (…).

(…) Da die Toröffnungen selbst weder Anschläge noch Aufzugsvorrichtungen für eine Zugbrücke erkennen lassen, sind diese turmflankierenden Häuser als Sicherungssystem zu werten, zu dem die abgegangenen Vortore im Bereich der äußeren Mauer gehört haben.“

Das Gebäude links vom Turm

Besitzer dieses Hauses war laut Ratsprotokoll vom 1.4.1847 ein gewisser Josef Link. „Die wiederholte Steigerung des Abbruches des Niederen-Tor-Turmes wird genehmigt. Erlös f 306 durch Gregor Ummenhofer. (…) den Niederen-Tor-Turm abzubrechen und das Haus des Josef Link zu aquirieren.

An dieses Haus grenzte links unmittelbar die innere Stadtmauer an.

Die Mauer besaß einen Wehrgang und verlief rund um die gesamte Stadt. Der Wehrgang selbst war über Außentreppen (siehe oben) oder aus Hauszugängen zu erreichen.

„Erlaß der Grh. Straßenbauinspektion dahier, den Abbruch der Oberen und Unteren Tortürme betr. (…) Die darauf befindlichen Uhren werden vorbehalten. Der Abbruch des Niederen Tores soll auf Rechnung der Stadt geschehen.“

Die Gebäude rechts vom Niederen Tor

Das Haus mit einem angebauten Ökonomieteil war Eigentum des Dr. Martin Hummel. Da das Gelände, auf dem das Gebäude stand, im Oktober


1846 für eine andere Nutzung vorgesehen war, fand ein Besitzerwechsel statt. Revellio schreibt:

„Für dieses Bezirksstrafgericht kaufte die Stadt im Oktober 1846 das auf der rechten Seite des Niederen Tores stehende Haus mit Scheuer und Stallung an der Ringmauer, das Eigentum des Physikus Dr. Martin Hummel war (…)“

Die südlichen, äußeren Gebäudemauern von Haus und Scheuer waren zugleich Stadtmauer. Diese setzte sich westlich in Richtung Romäusturm fort (im Bild rechts außen).

Innenstadtbereich

Erwähnenswert ist der am Modell zu sehende Stadtbach. Villingen hatte seit dem frühen 14. Jh. ein Stadtbachsystem.

Im Ortskernatlas BW beschreibt das Dr. Peter Findeisen so: (…) während die Bäche im Riet, vielfach verzweigt, schließlich durch den südlichen Haupstraßenarm, die Niedere Straße und das Niedere Tor aus der Stadt strömten (…)

Einmündung des Stadtbaches in einen Kanal rechts des Niederen Tores. Kanal leitet das Wasser in den inneren Graben.

 

Im Stadtplan von Martin Blessing ist der weitere Verlauf dieser Rinne deutlich zu sehen. In Höhe der damaligen „Gerbergasse“ vereinigten sich die beiden Bäche aus der Gerbergasse und der Niederen Straße und trieben danach gemeinsam die Niedergrabenmühle an, bevor sie in die Brigach abgeleitet worden sind.

Zusammenfluß der beiden Stadtbäche, mit Niedergrabenmühle und Abflusskanal in die Brigach.

 

Die innere Stadtmauer 

Diese Mauer ist der älteste Teil der Anlage. Sie war in Höhe des Laufniveaus (Innenstadtbereich) gemessen 1,5 – 2 m dick und 9 m hoch. Am stadtseitigen Fuß war durch Ablagerung von Aushubmaterial eine kleine Anböschung entstanden. Dieser Geländestreifen war nicht bebaut und musste für einen eventuellen Verteidigungsfall frei bleiben. Der Anbau von Häusern an die Stadtmauer von innen unterlag strengen Auf lagen. So durften z.B. Fenster (Lichter), die nach außen öffneten nicht unter der Stadtmauerhöhe liegen.

Der innere Stadtgraben

Dieser vorgelagerte Graben war etwa 2,5 m tief und ca. 15 m breit. Die innere Mauer saß direkt auf der Grabensohle auf. Bis in Höhe des Innenstadt-Niveaus war die Mauer aus großen, behauenen Sandsteinquadern errichtet und auf der äußeren Seite (Jenisch sagt „Schauseite“) nicht verputzt. Erst die über diese Höhe aufsteigende, jetzt aus Bruchsteinen weitergebaute Mauer erhielt einen stabilisierenden und glättenden Verputz.

Innerer Graben mit Stadtmauer (rechts) und Futtermauer der Fülle. Mittig der Sohlgraben zur Niedergrabenmühle, links das Vortor.

Der Graben ist nicht als „Wassergraben“ angelegt gewesen. Er war in Friedenszeiten trocken, die Bürger benutzten die freien Flächen teilweise zum Anlegen von Gemüsegärten. Lediglich in Gefahrenzeiten ist der Graben geflutet und über Schleusen mit Brigachwasser gefüllt worden (siehe nachfolgenden Bericht der Äbtissin Juliana Ernstin aus 1632 des St. Clara Klosters, heute St. Ursula). Im Graben selbst verlief noch ein Sohlgraben, der den am Niederen Tor einmündenden Stadtbach weiterleitete (siehe hierzu Kapitel Innenstadtbereich).

Zum oben erwähnten „Wassergraben“: Wie schon beschrieben bestanden die Fundamente der inneren Stadtmauer, zu der auch die Außenmauern angebauter Gebäude gehörten, aus großen, behauenen Sandsteinquadern. Diese Steine sind anscheinend nicht wasserdicht vermauert worden, denn in einem Tagebucheintrag der Äbtissin Juliana Ernstin beschreibt sie, welche Auswirkung das Fluten des inneren Stadtgrabens hatte.

Es war damals die Zeit des 30-jährigen Krieges und Villingen wurde 1632 / 1633 von den mit den Schweden verbündeten Württembergern belagert. Die Angst der im Kloster St. Clara lebenden Clarissinen war groß. Man hörte überall her schreckliche Dinge, welche von den Schweden und Württembergern bei Eroberungen von Städten oder Dörfern begangen worden sind. Um die wenigen Habseligkeiten der Klosterfrauen bei einem eventuellen Eindringen der Feinde ins Kloster zu schützen, versteckten sie die wertvolleren sakralen Gegenstände und einigen privaten Besitz im Keller des Klosters.

In dem Tagebucheintrag heisst es: „Daraufhin ließ unsere Mutter im Krugkeller ein Gewölbe ausbauen. Das Wasser ist damals noch nicht im Graben, auch nicht im Keller gewesen (…).

(…) Der Kommandant hat die Tore geschlossen und nur das Obere und Untere Tor offen gelaßen, die Brücken aufgezogen und das Wasser auch in den inneren Graben gelassen (…).

(…) Als man aber das Wasser in den inneren Graben läßt, kommt dieses auch in den Keller (…).

(…) Das Wasser war überall so tief, daß es den Knechten, die mit Wasserstiefeln hineingewatet waren, bis unter die Arme gegangen ist (…).

(…) Keller und Graben standen zwei Jahre unter Wasser (…).“

Zur Überquerung des inneren Grabens dienten hölzerne Brücken vor jedem Stadttor, die jeweils an den zugehörenden Erkern endeten. In den Jahren 1787 – 1800 hat man diese Brücken beim Abriss der Vortore durch steinerne Bogenbrücken ersetzt. Den Abschluss des inneren Grabens bildete eine einschalige Futtermauer, welche ebenso wie die innere Stadtmauer auf der Grabensohle aufsaß und eine Höhe von ca. 2,5 m aufwies. Die Mauerdicke war etwas geringer wie die der Stadtmauer, die Struktur jedoch entsprach dem unteren Teil der inneren Mauer. Im Bereich der Vortore stieg die Mauer beidseitig auf das Niveau der Wächterstuben an. Ab 1789 ist der innere Wall (Fülle) mit Bäumen bepflanzt worden.

Die äußere Stadtmauer

Der zunehmende Einsatz von Feuerwaffen, insbesondere der schweren Belagerungsartillerie, machte eine Verstärkung der „in die Jahre gekommenen“ alten Stadtmauer notwendig. Der Rat der Stadt beschloss deshalb, vor den vorhandenen Mauerring mit dem vorgelagerten Graben eine weitere Verteidigungslinie zu errichten, um die innere Stadtmauer zu entlasten. Dazu begann man ab ca. Mitte des 15. Jh. mit dem Bau eines zweiten Mauerrings und einem davorliegenden äußeren Graben, welcher immer Wasser führte. Da der innere Graben erhalten bleiben sollte, setzte man parallel zu dessen abschließender Futtermauer im Abstand von ca. 6 – 7 m eine zweite Mauer und füllte den entstandenen Zwischenraum mit Aushubmaterial auf. So entstand die sogenannte „Fülle“, die als Rundweg rings um die ganze Stadt verlief. Die Mauer selbst war von der Grabensohle gemessen ca. 7 m hoch und damit deutlich niedriger als die innere Stadtmauer, überragte aber die Fülle-Ebene um ca. 3 – 3,5 m („doppelte Mannshöhe“). Somit war für die Verteidiger und eventuell aufgestellte Geschütze ausreichend Schutz und Bewegungsfreiheit gegeben. Den Abschluss der Anlagen bildete die Futtermauer des äußeren Grabens, die der des inneren Grabens glich. Auf die äußere Stadtmauer setzte man in Abständen noch kleine, nach innen offene Wachtürmchen, die jeweils nur einen Ausguckposten aufnehmen konnten. Erreichbar waren diese Türmchen von der Fülle aus über hölzerne Leitern.

Vortor (Erker)

Zu der erweiterten Wehranlage gehörten auch die sogen. Vortore (Erker), die vor den Stadteingängen jeweils direkt auf der Fülle errichtet worden sind. Das Niedere Tor erhielt seinen Erker im Jahre 1721, abgerissen wurde er 1844. Über das Aussehen der Vortore, speziell des Niedere-Tor-Erkers, gibt es unterschiedliche Aussagen. Revellio z.B. zitiert aus einer Zusammenstellung zeitgenössischer     Aufzeichnungen     verschiedener Autoren aus den Jahren 1769 – 1847 Folgendes: „1844. Im Sommer diesen Jahres wurde der Niedertorerker, welcher von lauter gehauenen Quadersteinen aufgeführt war, abgebrochen. Die Steine wurden verkauft (…).“

Bertram Jenisch dagegen schreibt im Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 3/1994:

„Den Tortürmen waren die in der Mauerflucht eingefügten Vortore, auch Erkertore genannt, vorgelagert. Sie waren nur halb so hoch wie die alten Tore und aus Bruchsteinen aufgeführt, die Ecken waren aus Quadern gesetzt.“

Das sind bauhistorisch gesehen recht konträre Aussagen, welche den Modellbauer in einen Zwiespalt stürzten.

Letztendlich fiel die Entscheidung aber zu Gunsten der Revellio-Aufzeichnung aus, weil die damaligen Chronisten näher am Geschehen waren und die Situation eventuell besser kannten.

Übergang des Fülle-Rundwegs über die Tordurchgänge der Vortore

Ausschnitt aus einem Bild im Rodenwaldt-Buch, Seite 59. Darstellung: Riettor, Vortor, äußere Stadtmauer. Deutlich zusehen ist, wie die äußere Ringmauer über das Niveau des Erker-Tores ansteigt (linke Seite).

 

 

Um einen reibungslosen Übergang von einer auf die andere Seite der Vortore zu ermöglichen, ist der innere Wall beidseitig auf das Niveau der Wächterstuben über die Torhöhe angehoben worden. Die beiden nachfolgenden Bilder zeigen diese Situation deutlich. Vortor zum Bickentor. Auch hier ist der Anstieg der Fülle über die Torhöhe des Erkers deutlich zu sehen. Dieses Bild dürfte authentisch sein, da Ackermann diese Situation noch zu seinen Lebzeiten sehen konnte.

Bild von Dominik Ackermann d.J. (1824 – 1880) Umschlagseite GHV-Jahrbuch 2004.

 

 

Die Vortore waren funktional alle ähnlich aufgebaut und hatten jeweils eine Zugbrücke über den äußeren Graben, Wächterstube und starke Tore. Ob an den Toren zusätzlich zu den Zugbrücken noch Fallgatter vorhanden waren, ließ sich nicht ermitteln, weshalb der Modellbauer auf eine solche Vorrichtung verzichtet hat. Die Feldseite des Niederen-Tor-Erkers war mit einem großen Sandsteinrelief geschmückt, welches das sogenannte „Allianzwappen“ zeigte. Dieses Relief exisitiert noch heute und ist im Alten Rathaus vor dem Eingang in die große Ratsstube in die Wand eingelassen und dauerhaft gesichert.

Das Allianzwappen ist dreiteilig gegliedert.

Äußerer Wall (Rempart)

Der Wall, der aus dem Aushubmaterial des äußeren Grabens aufgeschüttet worden ist, erreichte eine Breite von 7 – 11 m. Auf dem Wall führte ein sogenannter „Rondenweg“ um die ganze Stadt, er diente der Überwachung des Vorfeldes. Wachhaus Zur weiteren Sicherung des Stadtzuganges war innerhalb der Palisaden auf dem äußeren Wall ein Wachhaus vorhanden. Alle Personen, welche die Stadt betreten wollten, mussten diese Stelle passieren und konnten nach entsprechender Kontrolle eingelassen oder abgewiesen werden. Außerdem ist von den Torwärtern auch das sogenannte „Wegegeld“ von durchreisenden Kaufleuten usw. eingezogen worden. In seiner Funktion glich dieses Wachhaus einer heutigen Zollstelle.

Der Zugang zu den Feldungen in den Gewannen Schützenwiesen, Kreuzwasen, Lantwatten, Linden usw. führte auch an dieser Kontrollstelle vorbei und war deshalb stets unter städtischer Aufsicht.

Soweit die kurze Beschreibung der Niederen- Tor-Anlage. Der Modellbauer und Autor hat zum Modell eine ausführliche Dokumentation erstellt, welche aus Platzgründen hier nur in Kurzform wiedergegeben werden kann. In dieser Dokumentation sind alle bezogenen Autoren aufgelistet.

Es sei an dieser Stelle vorab schon auf die Aufsätze und Darstellungen zu diesem Thema von Dr. Peter Findeisen, Werner Huger, Dr. Bertram Jenisch, Dr. Franz Xaver Kraus, Dr. Paul Revellio, Dr. Ulrich Rodenwaldt und Dr. Johann Nepomuk Häßler hingewiesen.

Reichswappen mit Doppeladler und Kaiserkrone (Habsburg)

 

 

Gedenken. (Werner Huger)

Unser Mitglied Patrick Weigert gedenkt mit einem Kranzgebinde der rund 494 Toten, die einst im Münsterboden bestattet waren.

 

Die Gebeine wurden bei einer archäologischen Grabung 1978 / 79 geborgen und anthropologischen sowie paläopathologisch untersucht. In 26 roh-gezimmerten Kisten verfrachtet, verlor sich im Laufe der nächsten dreißig Jahre deren Spur, bis die sterblichen Überreste einstiger Bürger Stadt nah auf zwei Bauernhöfen auftauchten, deren Inhaber im Ungewissen geblieben waren.

Die Anregungen des Geschichts- und Heimatvereins griff dankenswerterweise das städtische Garten- und Friedhofsamt auf und legte am Ostrand des Villinger Friedhofs, in der Abteilung K 5a, ein mehr als 25 Quadratmeter großes Sammelgrab mit den gestapelten Kisten an.

Dort segnete Münsterpfarrer und Dekan Josef Fischer im Januar 2009 die Gebeine im Sinne einer Sekundärbestattung ein weiteres Mal ein. 2010 wurde dann der vom Geschichtsverein initiierte Grabstein als eine bleibende Erinnerung gesetzt.

 

Aus nach 162 Jahren (Cornelia Spitz)

Für die christliche Buchhandlung in der Bickenstraße bricht das letzte Kapitel an

Kruzifixe und Rosenkränze an den Wänden, christliche Literatur im Regal, so kennen die Villinger das Traditionsgeschäft seit 162 Jahren. Jetzt endet für die Buchhandlung und Einzelhandelskauffrau Barbara Müller eine Ära. Generationen von Kommunionskindern gingen hier ein und aus. Fotos: Spitz

 

 

Generationen von Eltern kauften hier Tauf- und Kommunionskerzen, nun erlischt das Licht in der christlichen Buchhandlung Hermann Weisser in der Bickenstraße erst einmal: Villingens älteste Buchhandlung steht vor dem Ende.

Wer als Erwachsener durch die Ladentür tritt, fühlt sich augenblicklich in seine Kindheit zurück versetzt, an jenen spannenden Tag, als man an der Hand der Mutter hier hinein ging, um den Rosenkranz und die Kerze für die Heilige Erstkommunion und vielleicht sogar das erste eigene „Gotteslob“ für den künftigen Kirchgang zu kaufen. Kruzifixe und Rosenkränze schmücken die Wände noch immer. Jesusbildchen und Engelfigürchen, in der christlichen Buchhandlung, die schon 162 Jahre alt ist, gibt es sie noch. Aber nachdem die letzte Inhaberin aus der Kaufmannsfamilie Heinzmann, Gertrud Heinzmann, im Sommer verstorben ist und eine Erbengemeinschaft sich unter anwaltlicher Beratung von Gerhard Ruby mit dem Nachlass beschäftigt hat, ließ der Testamentsvollstrecker mitteilen, „dass sich die Erbengemeinschaft leider gezwungen sieht, die christliche Buchhandlung als solche aufzugeben.“ Schon etwa seit den letzten zehn Jahren „fährt der Laden Verluste ein“, erläuterte Miterbe Rolf Heinzmann.

Nun geht also eine Ära zu Ende. Nicht nur für Barbara Müller, die hier als heute 54-Jährige täglich hinter dem Ladentisch steht, seit 36 Jahren.

Der Buchbinder Fleck soll die Buchhandlung 1850 gegründet haben, auf ihn folgte Hermann Weisser, ebenfalls Buchbinder, der auch Schreibwaren und christliche Literatur verkaufte. Das Ehepaar Weisser blieb kinderlos, hörte altershalber auf.

Zum 4. August 1951 übernahmen die Geschwister Heinzmann, Gertrud und Hildegard, das Geschäft. Als Hildegard Heinzmann 1980 starb, standen Gertrud Heinzmann ihr Bruder Karl und ihre Schwester Frieda zur Seite. Die Heinzmanns waren eine eingefleischte Kaufmannsfamilie. Sie betrieben neben der Buchhandlung auch ein Lebensmittelgeschäft in der Rietstraße, aus dem Anfang der 70er Jahre ein Kunstmarkt wurde. Der bereicherte bis 2006 die Geschäftswelt. Dann aber war es der damals 98-jährigen Frieda Heinzmann nicht mehr möglich, im Laden zu stehen – zwei Jahre später starb sie hundertjährig. Mit Gertrud ist nun auch die Letzte im Bunde gestorben, sie wurde 90 Jahre alt und war eine Institution.

„Es hat sich nicht viel verändert im Laden“, erzählt Barbara Müller. Gertrud Heinzmann sei sehr gläubig gewesen, habe an dem Sortiment christlicher Literatur festgehalten, das von den Jungen oft verpönt werde, was wiederum dem kleinen Geschäft das Leben schwer mache. Trotzdem hat sich das Einzelhandelsjuwel bis heute gehalten.

Und das ist auch der Heimatliebe von Gertrud Heinzmann zu verdanken: Viel, auch seltene Literatur rund um ihr geliebtes Villingen steht neben religiösen Werken und Schreibwaren im Regal. Sie ließ sogar Radierungen von Villingen anfertigen und verkaufte sie.

„Den Leuten hat das Ambiente hier gefallen“, weiß Barbara Müller – die auch nach 36 Jahren nicht als zum Inventar gehörig bezeichnet werden will. Für viele Villinger ist sie aber doch auch eines: das Herz, der kleinen christlichen Buchhandlung, das bis heute, auch nach dem Tod von Gertrud Heinzmann noch ein bisschen weiter schlug – auch für die christliche Literatur und die „Villinger Spezialitäten“, die nun ab dem 26. November in den Räumungsverkauf gehen.

 

 


Ein Haus mit unterschiedlichen Bauphasen (Andreas Flöß)

Abb. 1: Bickenstraße Nr. 5, eingerahmt mit den Häuser Nr. 3 links und Nr. 7 rechts.

 

Bei dem Gebäude Bickenstraße 5 in Villingen handelt es sich um ein sehr schmales, viergeschossiges Gebäude, welches fluchtend in die traufständige Bebauung der Bickenstraße eingebunden ist.

Das Haus hat wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels keinen eingetieften Keller.

Über der Fassade des 19. Jahrhunderts mit ihren glatt geschnittenen Fensterrahmen und dem Ladeneinbau im Erdgeschoß befindet sich mittig auf dem Satteldach eine Aufzugsgaupe.

Aufgrund seiner Aussagekraft für die Architektur- und Stadtbaugeschichte Villingens ist das Haus aus wissenschaftlichen und vor allem aus baugeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal:

„Gemäß § 2 DSchG und seiner Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes im öffentlichen Interesse.“ 1

Im Vorfeld der geplanten Modernisierung wurde die innere Baustruktur durch Burghard Lohrum bauhistorisch untersucht und zeitlich eingeordnet. Demnach ergeben sich vier Hauptbauphasen, wobei das älteste erkannte Bauteil, der zu Haus Nr. 3 gehörige Massivgiebel, dessen aufgehende Baustruktur mit abschließendem Satteldachprofil bis in den Dachraum ablesbar ist.

Abb. 2: Giebelscheibe aus dem 13. Jahrhundert mit noch partiell vorhandener Ziegeleindeckung.

 

Dieser Kernbau wird in das 13. Jahrhundert datiert. An die alte, mit Eckverband abschließende Giebelwand ist ein östlich angrenzender (Vorgängerbau des jetzigen Hauses Nr. 5) Nachbar zu vermuten, wobei dessen Ausdehnung zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher bestimmbar ist. Das im Giebeldreieck vorhandene Balkenloch mit Putzabdruck ist möglicherweise der Rest der zugehörigen Dachkonstruktion. Die Giebelscheibe steht vor der Flucht der westlichen Brandwand und hat auf der rückwärtigen Ortgangneigung noch Reste der alten Ziegeleindeckung erhalten.

Diese Giebelscheibe ist in Abb. 3 graphisch mit roter Linie nachgezeichnet. Daran schließt sich wohl zeitgleich der straßenseitige Kernbau des Hauses Bickenstraße Nr. 5 an.

Spätestens im 14. Jahrhundert wird dieser Kernbau in den rückwärtigen Parzellenbereich verlängert und stellt damit die 2. Bauphase dar. Die zugehörige Rücktraufe ist allerdings heute nicht mehr erhalten, aber deren Verlauf ist noch deutlich fixierbar. Der Massivbau, wohl mit ehemaligem Pultdachprofil, ist im Unterbau über die Höhe von vier Nutzungsebenen nachvollziehbar und ebenfalls in Abb. 3 graphisch mit blauer Linie nachgezeichnet.

In Anlehnung daran, dass die Brandwand nicht verputzt ist und sich im rückwärtigen Dachbereich eine zur rückwärtigen Traufe geneigte Putzbraue abzeichnet, ist davon auszugehen, dass sich zeitgleich mit der Brandwandverlängerung des Hauses Bickenstraße Nr. 3, ebenfalls auf dem Grundstück der Bickenstraße Nr. 5, ein älterer Bau weit nach Norden entwickelte. Während dieser größten Gebäudeausdehnung in der Süd-Nord-Achse, hatte das Haus beinahe eine Gebäudetiefe von 25 Metern.

Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem nach Norden überstehenden Brandmauerrest um die alte Ausdehnung dieses Gebäudes handelte.

Abb. 3: Grundriss und Schnitt von B. Lohrum/ rote Baulinie zeigt die Bauphase des 13. Jahrhundert, die blaue Baulinie die des 14. Jahrhunderts, die gelbe Baulinie vermutlich die des 15./16. Jahrhunderts und die orangene Bauline die Kubatur ab 1706 bis heute.

 

Die Ausbruchspuren der zugehörigen Traufwand sind im Erdgeschoss noch heute ablesbar. Auch in der gegenüberliegenden Brandwand haben sich

Befunde für einen älteren Vorgängerbau auf dem Grundstück des Hauses Nr. 5 erhalten. Bei diesen Belegen handelt es sich um eingemauerte Rähmreste, die im 1. Dachstock, in Anlehnung an die äußeren Stuhlständer des bestehen den Daches erhalten sind und neben demAbdruck des ehemaligen Kehlbalkens auch die zugehörige Dachneigung erkennen lassen. Diese 3. Bauphase, ist in Abb. 3 mit gelber Baulinie nachgezeichnet.

Wohl nach einem Brand um das Jahr 1706 wird der Bau umfassend erneuert und in der Tiefe auf seine heutige Ausdehnung reduziert. In Abb. 3 graphisch mit orange nachgezeichnet. Dies stellt bis zum heutigen Zeitpunkt die letzte Veränderung in Bezug auf das Gebäudevolumen dar. Auf dem viergeschossigen Massivbau ist ein zur Bickenstraße traufständig ausgerichtetes Satteldach abgezimmert. Aus dieser Zeit stammen das Dachwerk und wohl alle Gebälklagen. Gut sichtbar sind die unterschiedlichen Trauf höhen, einerseits an der Traufe zur Bickenstraße als auch an der Traufe hofseitig.

Abb. 4: Baualtersstruktur nach B. Lohrum.

 

Nach den entnommenen Bohrproben aus dem Dachwerk und aus dem rückwärtigen Decken-gebälk über dem Erdgeschoss ist der aufgehende Bestand in die Jahre um 1706 (d) zu datieren. Dieser Zeitebene ist auch der zur Bickenstraße ausgerichtete Ladegiebel zuzuordnen.

Abb. 4 zeigt nochmals deutlich in allen vier Grundrissen den ursprünglichen Kernbau der 2. Bauphase aus dem 13./14. Jahrhundert (rote Farbgebung), wobei die straßenbegrenzende Außenwand zur Bickenstraße, im 18. Jahrhundert (grüne Farbgebung) erneuert wurde. Zugleich zeigen die einzelnen Grundrisse auch den besondere Zuschnitt der einzelnen Etagen. Dies setzt sich in den drei Dachgeschossen ebenfalls fort.

Ausblick

Nach der bauhistorischen Untersuchung wurde eine aufwendige Bestandsplanung mit anschließender Genehmigungsplanung erarbeitet.

Nach erlangter Baugenehmigung im April 2013 soll bis zum Sommer 2014 das Haus wieder mit Leben gefüllt werden. Das Erdgeschoss wird dann Platz für eine kleine Gewerbeeinheit bieten. Die restlichen Etagen werden zu einer großen Wohnung über sechs Etagen ausgebaut. Die teilweise schon dramatisch engen Raum- und Belichtungsverhältnisse stellen eine ganz besondere Anforderung an die Architektursprache dar. Es werden auf allen Ebenen spannende Räume und Details entstehen; unter Verwendung der vorhandenen Bausubstanzen. Es erscheint mir besonders wichtig, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen und Raumstrukturen, das Haus in der Villinger Innenstadt wieder zu beleben. Es ist mitunter ein wichtiger Baustein für eine lebendige und funktionierende Innenstadt, wenn möglichst viele Menschen darin wohnen. Eine städtebauliche Nachverdichtung ist zudem, auch unter ökologischen Gesichtspunkten, nachhaltiger als „Flächenversiegelung auf der grünen Wiese.“

Anmerkung:

1 Stadt Villingen-Schwenningen, Untere Denkmalschutzbehörde