Der Marktplatz zu Villingen (Walter K. F. Haas)

1000 Jahre Marktrecht Villingen.

Villingen-Schwenningen feiert.

Das Jahr 1999 steht in Villingen-Schwenningen ganz im Zeichen dieser Feier. Doch wir wollen nicht nur feiern, sondern auch Erinnerungen wachrufen an vergangene Jahrhunderte. Das Recht, einen Markt zu betreiben, erforderte schon immer einen bestimmten Platz. Von diesem Marktplatz also und seiner unmittelbaren Umgebung soll nachstehend die Rede sein.

Der historische Marktplatz

In der Marktrechtsurkunde vom 29. März 999 ist davon die Rede, daß kraft kaiserlichen Befehls der Markt mit aller öffentlichen Handlung gesetzlich sei, und zwar „mit der Rechtsbestimmung, daß alle, welche den schon genannten Markt zu besuchen wünschen, unbehelligt und in aller Ruhe und Friedlichkeit hin- und zurückgehen und ohne jegliche ungerechte Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreiben alles dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann.“ Bei Verletzung oder Störung dieser kaiserlichen Anordnung wurde bestimmt, daß eine „staatliche Buße zu erlegen sei“. Den alten guten Ruf des Marktes zu wahren, betrachtete der Magistrat als eine wichtige Obliegenheit. So wurde 1608 Veit Schwer wegen Schlägerei auf dem Jahrmarkt mit 10 Pfund bestraft, weil er die „Jahrmarktfreiheit“ gebrochen hatte. Für Ruhe und Ordnung und den Schutz des Marktfriedens sorgten drei Stadtknechte, welche alljährlich im Juni für ein Jahr gewählt wurden. Die Formulierung in der Urkunde von 999 und die Rechtsauslegung des Magistrats zeigen deutlich, daß man seit jeher großen Wert legte auf einen friedlichen und harmonischen Ablauf der Marktgeschäfte. Darüber war man sich stets einig: Zufriedenheit unter den Marktbesuchern kann nur entstehen bei ausgeglichenen Beziehungen. Das gilt auch heute noch. Über den Markt im alten Dorf Vilingun wissen wir so gut wie gar nichts. Erst nach der Verlegung auf das rechte Brigachufer und der Stadtgründung sind nähere Einzelheiten über den Villingen Markt bekannt geworden.

Als Folge des großen Stadtbrandes von 1271 hat der Magistrat die Erbauung einer Wasserleitung beschlossen. 1364 waren die Bauarbeiten abgeschlossen. Mit Weitsicht wurde darauf geachtet, daß die Fläche südlich vom Marktbrunnen bis zur Einmündung der heutigen Brunnenstraße trocken blieb, also nicht vom Stadtbach durchflossen wurde. Hier konnten ohne Behinderung durch den Wasserlauf die Marktstände aufgestellt werden. Es ist urkundlich nachweisbar, daß schon vor 230 Jahren die Benennung „Marktplatz“ eine amtliche Bezeichnung war und diesem Platz sieben Häuser zugeordnet waren. Die bereits erwähnte südlich des Marktbrunnens trug die Bezeichnung „Auf dem Markt“, ihr wurden 22 Anwesen zugeordnet. Rund um den Marktbrunnen wurde der Fischmarkt abgehalten. Dieser hatte wegen der vielen benachbarten Weiher und strengen Einhaltung der Fasttage eine sehr große Bedeutung. Der Getreidemarkt wurde im Kornhaus abgewickelt, während die Metzig für den Fleischmarkt zuständig war. Der Markt, einst eine wichtige Voraussetzung der Stadtgründung, war ein Mittelpunkt des städtischen Lebens. Die Marktbesucher verkauften nicht nur ihre Waren, sondern deckten auch ihren Bedarf beim Handwerk oder Krämer. Wenn man bedenkt, daß in der Nähe des Marktplatzes sich die Gasthäuser „Sonne-Post“, „Schwert“, „Wilder Mann“, „Löwen“, „Raben“, „Blume“, „Adler“ und „Lilie“ befanden, dann darf man ruhig sagen, daß sich dort schon recht früh ein reges Geschäftszentrum gebildet hat. Von auswärts kommende Kaufleute und Bauern brachten Neuigkeiten mit und die Wirte hatten ihren großen Tag. Auch fahrendes Volk verkehrte in den Wirtschaften und brachte durch sein buntes Treiben Abwechslung in den grauen Alltag. So war im Jahre 1566 in der Tanzlaube zum ‚Wilden Mann“ eine schwarze, lebende Kalbin zu sehen mit sechs Füßen. Wer sie hat sehen wollen mußte einen Fünfer geben.

Der Marktbrunnen und die Stadtbäche

Bis 1554 stand auf dem Marktplatz, dem Kreuzungspunkt der Hauptstraßen, ein hölzerner Brunnen. Er besaß zwei Ausflußröhren und war geschmückt mit der Statue des Heiligen Christophorus. Bei der Neuaufstellung wurde der hölzerne Brunnentrog durch ein achteckiges steinernes Bassin ersetzt. Hierzu ist zu bemerken, daß auch die Grundrisse der Münstertürme jeweils ein Oktogon bilden. Der neue Brunnentrog war eine etwa sechs Meter hohe korinthische Säule mit vier Ausflußröhren in Richtung Hauptstraßen. Die Säule trug eine lebensgroße Statue von Kaiser Ferdinand I. (1503 — 1564) zu Erinnerung daran, daß dieser als Erzherzog auf dem Augsburger Reichstag 1530 bei Kaiser Karl V., seinem Bruder, die Verleihung des neuen Villinger Wappens erwirkte. Im Jahre 1799 soll ein Lang-holzfuhrwerk die Statue heruntergestürzt und zerbrochen haben. Der Säule hat man dann später eine Urne mit einer Aloe aus grünbemaltem Blech aufgesetzt. Der Abbruch des Marktbrunnens im Jahre 1868 hängt mittelbar zusammen mit dem Umbau der Kanäle.

Eine besondere Geschichte haben die offenen Stadtbäche und deren Abzweigungen in die Gassen. Ihre Entstehung führt zurück auf den Stadtbrand im Jahre 1271, dem fast die ganze Stadt zum Opfer fiel. Der Magistrat beschloß 1294 den Bau einer Wasserleitung, und in den Jahren 1313 bis 1364 wurden die Bauarbeiten auch tatsächlich ausgeführt. Die Stadtbäche und deren Abzweigungen wurden als offene Kanäle so angelegt, daß bei etwaigen Bränden durch entsprechende Abriegelungen mit Hilfe von Stellfallen alles Wasser der Kanäle zur Brandstelle geleitet werden konnte. Bei einem Kostenaufwand von 148 000 Gulden (1 Gulden = 1,71 DM) wurden die Kanäle in den Jahren 1865 bis 1873 in übermauerte Dolen umgebaut. Diese unterirdische Wasserleitung spielt heute noch im Feuerlöschwesen eine bedeutende Rolle.

Die Stadt-Metzig (Schlachthaus)

Die Metzig stand einst ca. 75 Meter westlich des Marktbrunnens als zweistöckiges Gebäude mit der HsNr. 537 in der Mitte der Rietstraße und wurde mit 500 Gulden bewertet. In der über dem Stadtbach stehenden Metzig war auch die Zunftstube der Metzger untergebracht. 1783 erfolgte der Abbruch. Ein mit 1000 Gulden bewerteter Neubau wurde 1790 in der Färberstraße erstellt (HsNr. 582, heute Färberstraße Nr. 37). Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erkannte man die Notwendigkeit, die Metzig aus der Innenstadt zu entfernen. Doch erst im März 1908 war es soweit. Im Süden der Stadt wurde das neue Schlachthaus eröffnet, das bis Dezember 1976 als städtische Einrichtung betrieben wurde. Weitere Einzelheiten über die frühere Metzig beim Marktplatz sind aus den Ratsprotokollen zu erfahren: Vor 200 Jahren waren die Metzger in zwei Gruppen gegliedert. Die sechs Rindfleisch-Metzger durften nur Mastvieh schlachten, während die sieben Bratfleisch-Metzger sich auf Kälber und Schafe zu beschränken hatten. Für die Schweinehaltung fehlte als Futter noch die Kartoffel. Es war Friedrich der Große, der den Kartoffelanbau durchsetzte. Zwar war die Kartoffel um 1765 in ganz Deutschland bekannt, aber erst Ende des Jahrhunderts begann der Anbau als Volksnahrungsmittel. Die Verwendung der Kartoffelknolle als Viehfutter setzte sich erst zu Beginn des Jahrhunderts durch. Zuvor wurden von den Bürgern nur einzelne Schweine für den Eigenbedarf gehalten und wurden in Hausschlachtungen verarbeitet.

Der Rat verfügte, daß das Schlachtvieh bei den städtischen Viehhaltern und in den eigenen Depen-denzorten eingekauft werden sollte. So gehörten z. B. die Orte Mönchweiler, Sankt Georgen, Schwenningen, Donaueschingen, Vöhrenbach u. a. nicht zum Villinger Gebiet und galten somit als „Ausland“. 1750 versuchten Lorenz Herrmann und die lateinische Schulmeisterin von auswärts stammendes totes Fleisch in die Stadt hereinzutragen. Der Erstgenannte mußte 1 Pfund Strafe, die Schulmeisterin hingegen wegen ihrem gebrauchten bösen Maul 2 Pfund Strafe erlegen. Erst dann wurden sie aus der Festnahme entlassen. Auch aus dem Ratsprotokoll von 1796 ergibt sich, wie streng darauf geachtet wurde, daß kein Fleisch aus der Fremde in die Stadt gelangte. Zwei Villinger Metzger, welche versuchten, zwei geschlachtete Kühe von Schwenningen in die Stadt einzuschmuggeln, wurden vom Torhüter erwischt. Der Magistrat bestrafte die beiden mit je 30 Tage Landstraßenarbeit oder aber zur Zahlung von je 15 Gulden Strafe sowie zur Konfiskation des Fleisches. Das Vieh mußte in der öffentlichen Stadtmetzig geschlachtet und ausgehauen werden. Daselbst mußte das Fleisch auch öffentlich verkauft werden. Das Schlachten im eigenen Hof der Metzger wurde 1768 mit 10 Gulden bestraft. Kühlkammern gab es damals noch nicht. Um das Fleisch vor dem Verderben zu bewahren, war auch die Menge des Schlachtviehs reglementiert. Von drei amtlichen Fleischschätzern wurde mehrmals im Jahr das Fleisch bewertet und der Preis festgelegt. Zu bemerken ist noch, daß ein Großteil der Bevölkerung zu arm war, um sich an Wochentagen Fleisch leisten zu können.

Das Kornhaus (Kaufhaus) von 1573

Das Kornhaus (auch Kaufhaus, Tanzlaube und Gerichtslaube genannt) stand einst ca. 25 Meter nördlich des Marktbrunnens als Anwesen Nr. 535 in der Mitte der Oberen Straße und wurde mit 800 Gulden bewertet. Auf einem Erdgeschoß aus festem Mauerwerk ruhte ein breiterer Überbau, die sogenannte Laube. Der Zugang erfolgte durch zwei Tore an der Süd- und Nordseite und zwei Türen an den gegenüberliegenden Seiten. An der Ostseite führte eine Treppe hoch zur Laube. Zwei große Uhren im Giebel verkündeten der Niederen und Oberen Straße die Zeit.

 

 

 

 

 

 

Der Marktplatz von Villingen in einer Skizze nach dem Gumppschen-Plan aus dem Jahre 1692. Erkennbar sind der Marktbrunnen, das Kaufhaus in der Oberen Straße, die Metzig in der Rietstraße und der offene Stadtbach, der durch die Riet- und Bickenstraße floß

Das Kornhaus wurde 1827 als Verkehrshindernis abgebrochen und die Kaufhausgeschäfte in das leerstehende Spitalgebäude verlegt (heute „Altes Kaufhaus“ Buchhandlung Hügle). Das Kaufhaus in der Oberen Straße hatte im Wesentlichen drei Funktionen:

1. Kornhaus: Die Müller kauften das Korn von den Bauern oder im Kaufhaus, zumal dort ein reger Kornhandel betrieben wurde. Um zu Festpreisen zu kommen erfolgte in Notzeiten eine Monopolisierung des gesamten Getreidehandels. Aus den Ratsprotokollen ergibt sich, daß alle Bauern das Korn auf dem Kaufhaus abzuliefern hatten und nicht mehr unmittelbar an die Müller verkaufen durften. 1793 hat der Rat erneut angeordnet, daß alle Früchte im Kaufhaus gelagert werden müssen. Jedem Privatmann war es unter Androhung des Verlustes der Früchte und Nullität des Verkaufs untersagt, Früchte in Privathäuser zu verkaufen. Gegenüber auswärtigen Kaufinteressenten hatten die Müller den Vorzug, vor 11 Uhr einkaufen zu können. Erst danach waren die Auswärtigen zugelassen. Ab 1676 mußten die Stadtknechte auf Anordnung des Rats streng darauf achten, daß die Müller an den Wochenmärkten ihre Karren vor dem Kaufhaus wegfahren. Dies ist das erste nachgewiesene Parkverbot im alten Villingen.

2. Tanzlaube: Bei festlichen Gelegenheiten wurde die sogenannte „Laube“ als Tanzboden benutzt. Bei Jahrmärkten durften die Tuchmacher, Wollweber, Stricker und Gerber hier ihre Verkaufsstände aufstellen. Immer wieder mußte der Magistrat erleben, daß bei erlaubten Tänzen durch die ganze Nacht das Tanzen fortgetrieben und mithin „alle Unehrbarkeiten, Volltrinken und andere Unanständigkeiten“ begangen wurden. Der Rat und die Geistlichkeit sahen deshalb die Fasnacht nur ungern, die so gar nicht in den Rahmen des Ordnungsprinzips paßte. Nach einem Ratsprotokoll von 1768 sollen deshalb in Zukunft die Tänze im Sommer um 11 Uhr und im Winter um 10 Uhr beendet sein.

3. Gerichtslaube: Von der Kanzel über dem Haupteingang wurden die Gerichtsurteile verkündet. Von hier aus wurden die Delinquenten auf den Richtplatz abgeführt unter dem Läuten des Malefizglöckchens, das in einem eisernen Gestänge den Voluten bekrönte.

Das Nepomuk-Denkmal auf dem Marktplatz

Der Heilige Johannes von Nepomuk wurde um 1340 in Nepomuk / Böhmen geboren. Auf Befehl König Wenzels IV. wurde er am 20. März 1393 in der Moldau ertränkt, weil er als Generalvikar des Bistums Prag in die Auseinandersetzungen zwischen König und Bischof geriet. St. Nepomuk wird oft als Brückenheiliger dargestellt. Er ist der Schutzpatron Böhmens, Patron der Beichtväter, Patron gegen Wassergefahr und schuldlose Verdächtigung. Franz Ehrenreich Graf von Trauttmansdorf (1661 — 1719), österreichischer Gesandter in der Schweiz, ein Freund der Stadt und Verehrer des Heiligen, teilt 1710 der Stadt mit, daß er ein Standbild von St. Nepomuk stiften wolle. Die Fertigung der Statue wurde dem Villinger Bildhauer Johann Schupp übertragen. Damit sollte an die Wasserbelagerung 1634 der Württemberger und Schweden erinnert werden und an die Rettung der Stadt aus Wassergefahr. Etwa 40 Schritte südlich des Marktbrunnens wurde das Standbild aufgestellt. Nach einer mündlichen Überlieferung sei bis dahin das vom Schwedendamm aufgestaute Wasser gedrungen. Ein Ölbild im Museum, gemalt von Johann Anton Schilling im Jahre 1717, zeigt die Wasserbelagerung von 1634. Auf diesem Bild ist das Wasser bis zur damaligen Pulverlins Mühle (Schaller-Mühle) gestiegen, wo 1907 / 08 das Schlachthaus erbaut wurde. Einerseits stimmt das durchaus mit den heutigen Erkenntnissen überein. Andererseits wäre bei ausreichender Dauer der Belagerung — also ohne den vorzeitigen Abbruch — das Wasser bis etwa 30 Meter unterhalb des Marktplatzes geflossen. Und genau hier wurde die Nepomuk-Statue aufgestellt, weil es wenig sinnvoll erschien, das Denkmal im Süden der Stadt — also auf der grünen Wiese — bei der Pulverlins Mühle zu errichten. Heute steht dieses Denkmal in der Nepomukstraße, am Brückle über dem sogenannten Sägebach.

Die Marktverlegung auf den Münsterplatz

Eine neue Ära begann im Juli 1898 mit der Verlegung des Wochenmarktes vom Marktplatz auf den Münsterplatz. Zunächst fand diese Verlegung bei manchen Käufern und Händlern wenig Anklang. Schon damals hatten die Leute gegen alles Neue einen Widerwillen. Doch nach und nach hat man eingesehen, daß die Marktverlegung für die Einwohnerschaft auch angenehme Seiten hatte. Bei der sommerlichen Hitze war es angenehm, im Schatten der Kastanienbäume seine Einkäufe zu machen ohne Störung durch den stetigen Fuhrwerksverkehr. Auch die Händler fanden den Münsterplatz geeigneter für die staubfreie Auslegung der Verkaufsartikel.

 

Stadtplan von Martin Blessing 1806

 

Zu erkennen sind das Kornhaus (K), der Marktbrunnen (P) und die nicht vom Stadtbach durchflossene Marktflüche südlich davon mit dem Nepomuk-Denkmal (R)

Blick in die Zukunft

Bei künftigen baulichen Veränderungen rund um den Marktplatz ist zu bedenken, daß am Straßenkreuz schon immer senkrechte und waagerechte Linien vorherrschten. Auch heute noch tritt beim Fernblick auf die drei Stadttore die Vertikale stark in Erscheinung. Auch Brunnentrog mit zentraler Säule des früheren Marktbrunnens waren danach ausgerichtet. Vor 20 Jahren wurde mit dem Ziel, daß der Marktplatz als Zierde wieder einen Brunnen erhalten soll, ein Brunnenwettbewerb ausgeschrieben. Allerdings hat sich keiner der sieben Entwürfe als brauchbar erwiesen. Dem damaligen Wunsch des Geschichts- und Heimatvereins, bei der Gestaltung eines künftigen Brunnens „historischen Vorbildern“ zu folgen, kann auch heute noch voll beigepflichtet werden. Man dachte an einen Marktbrunnen „ohne Schnörkel und Firlefanz“, der auch noch nach Jahrzehnten akzeptabel ist. Doch in Anbetracht der derzeitigen Finanzsituation wird heute niemand einen Marktbrunnen für realisierbar halten.

„Latschariplatz“ ist ein Diffamierung

Ein gewisser Personenkreis versucht seit einigen Jahren, den Namen „Marktplatz“ auszulöschen und zu ersetzen durch die diffamierende Bezeichnung „Latschariplatz“. Und es hat nicht an Versuchen gefehlt, diese Namensgebung sogar zu einer amtlichen Bezeichnung zu erheben.

Der langjährige Leiter des Städt. Vermessungsamts, Obervermessungsrat Hans Maier, hat in seinem Flurnamenbuch (Seite 83 der Ausgabe von 1962) den Begriff Latschariplatz wie folgt erklärt: „Spottname für den einstigen Marktplatz an der Kreuzung der vier Hauptstraßen der Innenstadt. Diese Bezeichnung ist da und dort für Plätze in Städten anzutreffen, wo tölpische, einfältige Menschen, im Volksmund „Latschari“ benannt, herumlungern“.

Ich stelle fest: Die Bezeichnung „Latschariplatz“ für den historischen Marktplatz, der zentrale Mittelpunkt, das Herz der Altstadt, ist eine Verunglimpfung der Würde und der Kultur der Stadt und ihrer Bewohner! Ich bin davon überzeugt, daß viele Leute das gar nicht wissen, wenn sie lautstark den Begriff „Latschariplatz“ verherrlichen. Manche halten sich sogar für besonders humorvoll, wenn sie dem Villinger Marktplatz eine diffamierende Bezeichnung geben. Dabei ist es sehr unklug die Stadt, ihre Bürger und sich selbst auf diese Weise zu verhohnepiepeln.

Fazit: Marktplatz bleibt Marktplatz, denn alle anderen Bezeichnungen sind völlig fehl am Platze!

Die Ausstellung „Menschen, Mächte, Märkte“

(Schwaben vor 1000 Jahren und das Villinger Marktrecht) im Franziskanermuseum vom 14. März — 1. August 1999

Zu den wertvollsten Stücken der Ausstellung gehört die Handschrift „Gesta Witigowonis“ des Klosters Reichenau. In ihr werden die Taten des Reichenauer Abtes Witigowo geschildert. In dem Widmungsbild wirft sich der Verfasser der Vita, Mönch Purchart, zu Füßen der Muttergottes, des Klostergründers Pirmin und des Abtes Witigowo. Den Rahmen bilden Kirchenbauten, deren Last „Augia“, die Reichenau, trägt. (Bad. Landesbibliothek Karlsruhe. Cod. Aug. 205, fol. 72r)

Bekannt ist die „Villinger Chronik“ des Ratsherrn Heinrich Hug. Seine Aufzeichnungen beginnen im Jahre 1495 und enden 1533. Seine Bedeutung erlangte die Chronik durch die zeitgenössische Darstellung der kriegerischen Ereignisse der damaligen Epoche. Auch die Geschichte von Romäus Mans wird darin geschildert. Die ersten Seiten fehlen. Schon früh    wurden Abschriften gefertigt. Dieses Exponat konnte aus konservatorischen Gründen nur einige Wochen in der Ausstellung gezeigt werden.

(Fürstlich Waldburg-Zeilsches Gesamtarchiv, ZAMs 40)

 

Die Benediktiner von St. Georgen zu Villingen (Ute Schulze)

Das Schicksal der Mönche vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis 1807

Im 18. Jahrhundert ergaben sich durch die staatskirchenpolitischen Entscheidungen der Habsburger Monarchie weitreichende Änderungen für alle Ordensgemeinschaften. Besonders Joseph II. griff stark in die geistlichen Belange ein. Er regierte ganz im Sinne der Aufklärung und war strikt gegen eine Einmischung seitens der römischen Kurie ausgerichtet. In der Rückschau erscheint seine Politik teilweise als Vorwegnahme der Säkularisation und diente dieser teilweise zur Legitimation. Viele Klöster wurden aufgehoben. Dieser Prozeß begann schon unter Maria Theresia mit der Auflösung des Jesuitenordens und erfaßte dann unter ihrem Sohn Joseph II. alle kontemplativen Gemeinschaften. Es blieben nur diejenigen übrig, die dem Gemeinwohl dienten z. B. durch Krankenpflege, Unterricht etc.

Der staatliche Eingriff erstreckte sich auf weite Teile des klösterlichen Lebens. So wurde 1771 zum Beispiel das Profeßalter staatlich festgelegt. Es wurde bestimmt, daß die Novizen das 24. Lebensjahr vollendet haben mußten, um die Gelübde abzulegen. Für eine Verkürzung der Frist auf das 21. Lebensjahr bedurfte es eines Dispenses, also einer Sondergenehmigung im Einzelfall. In Villingen sahen sich darüber hinaus Franziskaner und Benediktiner in eine Konkurrenz gestellt, da die Regierungsbehörden 1774 verfügten, daß von nun an nur noch ein Gymnasium in Villingen existieren sollte, welches von den Benediktinern zu betreuen sei. Die Franziskaner sollten nur noch für die Normalschule zuständig sein. Gemeinsam mit dem Stadtmagistrat verfolgten die Franziskaner das Ziel, ihr Gymnasium beizubehalten. Die Frage wurde jedoch endgültig zugunsten des Benediktinerklosters entschieden. Aufgrund einer kaiserlichen Entschließung vom 19. Januar 1777 durfte man den Titel „Lyceum“ führen, gehörte also zu den Schulen, die philosophische und theologische Kurse anboten und somit auf ein Universitätsstudium vorbereiteten. Der Mathematikunterricht wurde auch ausdrücklich gefordert. Das Villinger Gymnasium war eines der sechs Institute, die seit dem 23. Mai 1777 in ganz Vorderösterreich von den ehemals 11 Anstalten übrig blieben. Eine von Christian Roder zitierte Quelle betrachtet die ganze Angelegenheit der Zusammenlegung sehr von der benediktinischen Warte aus. Bei dem Berichterstatter handelte es sich nämlich um den Benediktinerprior Benedikt Lenz.° Festzuhalten bleibt aber auf jeden Fall, daß der Verlust des Franziskanergymnasiums nicht nur für die Brüder sondern auch für die Stadt Villingen eine Einbuße bedeutete, weshalb die Anstrengungen, die Anstalt beizubehalten, als Versuche der Gesichts- und Bedeutungswahrung verstanden werden können.

Neben der Lehre spielte die Seelsorge eine große Rolle im Leben der Priestermönche. Die Gemeinschaft von St. Georgen zu Villingen betreute, wie auch die Franziskaner, Pfarrgemeinden außerhalb der Stadt. Diejenigen in Pfaffenweiler und Furt-wangen gehörten dem Benediktinerkloster selbst. Die Villinger Filialgemeinde Unterkirnach wurde ebenfalls versehen. Aufgrund des seit 1774 erhöhten Aufwands für die Lehrtätigkeit am Gymnasium wurde letztere Pfarrei 1775 aufgegeben. Die Begründung hierfür war die angespannte Personalsituation. Als Beichtväter betreuten die Patres die Frauenorden auch außerhalb der Stadt Villingen.

Wer nun waren die Männer, die in der Zeit des Umbruchs ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit großen Neuerungen konfrontiert wurden und diese umsetzen mußten? Zunächst zeigt sich, daß die Konventsstärke, also die reine Anzahl der Personen, die im Kloster St. Georgen zu Villingen lebte, von 1782 bis 1806/07 relativ konstant war. Auch in den so schwierigen Jahren 1805 und 1806 legten sogar noch Novizen ihre Profeß ab. 1805 waren es sechs und 1806 immerhin noch ein junger Mann, die sich zu den ewigen Gelübden entschlossen.

Neben den Priestermönchen lebten im Kloster St. Georgen zu Villingen auch Laienbrüder. Zunächst waren es im Betrachtungszeitraum zwei Männer. Udalricus Fendrich versah das Klosteramt des Porturs (Pförtner) und ist bis 1799 in den Quellen belegt. Er war, wie der zweite Laie, Mein-rad Straub, Schneider von Beruf. Straub war der Sakristan (Kirchendiener) des Klosters. Er starb 1821.2)

Personalentwicklung im Benediktinerkloster 3)

Jahr Gesamtzahl Mönche Novizen Laien
1782 23 21 2
1790 27 20 5 2
1797 25 20 3 2
1798 23 19 2 2
1799 23 19 2 2
1806 26 25 1

Die Altersstruktur der Gemeinschaft von St. Georgen in Villingen gestaltete sich zwischen 1782 und 1807 wie folgt. Die Gruppe der 40- bis 49jährigen war zwischen 1790 und 1799 die stärkste. 1790 wurde sie dabei von den 30- bis 39jährigen flankiert. 1782 führte diese Altersstufe an, welche 1807 gemeinsam mit den 20- bis 29jährigen gleichauf an der Spitze lag.

1806 dominierten die 20- bis 29jährigen. Aber bereits ein Jahr später gehörten 50 Prozent von ihnen, das heißt fünf von zehn, dem Konvent nicht mehr an.

Während die Zahl der bis 49 Jahre alten Benediktiner von 1782 bis 1807 von 18 auf 9 zurückging, sich also halbierte, stieg die der ab 50jährigen von 5 auf 10, verdoppelte sich also.

Die reinen Zahlen sagen jedoch noch nicht viel aus. Neben dem Alter der einzelnen Mönche ist vor allem interessant, welche Voraussetzungen sie mitbrachten, die neu gestellten Aufgaben zu erfüllen.

Man hatte zwar schon vor 1774 ein Gymnasium unterhalten, jedoch wurden nun Fächerkanon und Unterricht vorgeschrieben. Man hatte die „äußere und innere Form“ des Unterrichtsbetriebes anzuzeigen und die Vorgaben zu erfüllen.4) Außerdem war zunächst dafür zu sorgen, daß die „Studenten“ sich am Chor der Franziskaner beteiligten, letzteres war eine Forderung von seiten jenes Konvents gewesen. Abt Cölestin Wahl erreichte aber bereits zu Beginn des Jahres 1775, daß dies nicht mehr geschehen sollte, wenn die Gottesdienste in die Schulstunden fielen. Die Aufnahme von Religiosen (zum Ordensleben bestimmte Schüler) und weltlichen Studenten wurde den Benediktinern gestattet.5)

Aus einer Personalliste des Jahres 1790 erfahren wir näheres über die wissenschaftlichen Grundlagen der Benediktiner.6) Neben der Theologie gehörten geistliche Rechte und Philosophie bei den meisten zum Bildungskanon. Auch Griechisch beherrschten die meisten. Neben Prior Gottfried Lumper und Subprior Martin Bayr verfügten auch Theoger Rombach und Maurus Seelos über Kenntnisse der Hebräischen Sprache. Besonders vielsprachig war Cölestin Spegele, von dem noch die Rede sein wird. Er konnte neben Griechisch und „orientalischen“ Sprachen auch Französisch und Italienisch.

Aber trotz dieser guten Voraussetzungen waren nicht alle Konventualen in die Lehrtätigkeit am Gymnasium eingebunden. Philipp Jakob Motsch unterrichtete Griechisch, Gregor Maurer Theologie und kanonisches Recht. Cölestin Spegele unterwies die beiden unteren Klassen und besorgte daneben noch Bibliothek und Archiv. Maurus Seelos war für die drei oberen Klassen zuständig. Von Prior Gottfried Lumper berichtet uns die Quelle außerdem: „hat auch einige Bücher in Truck befördert“.

Benedikt Neurieder verfügte als Ökonom des Klosters natürlich über besondere Wirtschaftskenntnis. Gregor Steinheibl versah excurrendo (d. h. vom Kloster aus) die Pfarrei Pfaffenweiler als Vikar. Der Novizenmeister Sebastian Möst war Beichtvater der Ursulinen, Theoger Rombach Pfarrer in Grüningen, Johann Baptist Schönstein Pfarrvikar zu Furtwangen. Joseph Straub war Prior und Beichtvater des Frauenklosters Urspring. Theodor Mayer war als Klosterpfleger in Ingoldingen, Placidus Engesser war Prior zu Rippoldsau und Laurentius Bechtiger Prior und Beichtvater zu Amtenhausen.

Es zeigt sich also, daß eine ganze Reihe der Mönche gar nicht im Kloster in Villingen selbst weilte, sondern Aufgaben an anderen Orten erfüllte. Gregor Steinheibl war zumindest zeitweilig abwesend. Wie wir sehen, waren 1790 von den 20 Priestermönchen nur vier mit Lehraufgaben betraut.

Eine Schülerliste von 1786 nennt die Schüler, die einzelnen Fächer und Klassen, welche das erste Semester der humanistischen Studien erfolgreich hinter sich gebracht hatten: 7)

Poesie 1. Klasse

Michael Koch aus Weil der Stadt

Poesie 2. Klasse

Christian Bach aus Delkhofen

Georg Anton Söll aus „Schwaben“

Rhetorik 1. Klasse

Joseph Bertsche aus Möhringen

Franz. Anton Preis aus Heitersheim

Suprema Grammatica 1. Klasse

Joseph Rahm aus Oberndorf

Johann Baptist Willmann aus Bräunlingen

Suprema Grammatica 2. Klasse

Leonard von Bandel aus Überlingen

Suprema Grammatica 3. Klasse

Johann Nepomuk von Gagg aus Stühlingen

Meinrad Knoll aus Villingen

Grammatica media 1. Klasse

Joseph Anton Winterhalter aus Villingen

Aloys Wölfle aus Villingen

Franz Xaver Kürner aus Villingen

Grammatica media 2. Klasse

Joseph Magon aus Freiburg

Johann Baptist Reichert aus Weizen (Allgäu)

Grammatica infima 1 Klasse

Mattheus Koch aus Weil der Stadt

Joseph Anton Reichert aus Weizen (Allgäu)

Grammatica infima 2. Klasse

Johann Nepomuk Hafner aus Riedlingen

Amabilis Hafner aus Riedlingen

Franz Xaver Weiss aus Delkhofen

Studium der Griechischen Sprache in Poesie und Rhetorik 1. Klasse

Michael Koch aus Weil der Stadt

Studium der Griechischen Sprache in Poesie und Rhetorik 2. Klasse

Joseph Bertsche aus Möhringen

Franz Anton Preis aus Heitersheim

Im Fach „Grammatik“ wurde die lateinische Sprache und Literatur gelehrt. Dies geschah, wie die Aufstellung zeigt in drei Stufen, in der obersten („suprema“), mittleren („media“) und untersten („infima“). Rhetorik beschränkte sich nicht nur auf die Redekunst allein. Sie vermittelte Stilkunde im weiteren Sinn. Auch die „Poesie“ umfaßte nicht nur die Beschäftigung mit Gedichten. Ebenso gehörten mythologische Literatur, Heimatgeschichte („Historia Patriae“) der Kathechismus und anderes mehr in diesen Bereich.8)

Insgesamt besuchten nach dem Verzeichnis 20 Studierende das Villinger Gymnasium. Das Verhältnis Lehrer – Schüler mutet gegenüber heute sehr gut an. Weitere Quellen belegen, daß teilweise Einzelunterricht erteilt wurde. Im Zeitraum 1. November 1787 bis 30. Juni 1788 war der größte Kurs der der „infima Grammatica“, also der Einführungskurs, mit 13 Schülern. Diese wurden von Maurus Seelos unterrichtet.9)

Der Einzugsbereich des Villinger Gymnasiums war recht groß, was die Herkunftsorte, die die Tabelle nennt, belegen. Auch scheint Villingen für einige Familien ein so guter Studienort gewesen zu sein, daß sie gleich mehrere Söhne hierher‘ schickten. Ein aus dem Jahr 1793 überliefertes Verzeichnis des Philosophiestudenten führt als Herkunftsorte wiederum einen größeren Umkreis um Villingen an. Ein Schüler, Joseph Krachenfels wird als „Suevus Wilanus“ bezeichnet. Er kam aus Weil der Stadt. Joseph Dürr, wird als „Polonos Cracovensis“, also als Pole aus Krakau genannt.10)

Aus dem Jahr 1807 stammt ein „Tabellarischer Ausweis über den Personalstand des ehrwürdigen Klosters St. Georgen zu Villingen“, der Auskunft über Alter und Eignung der einzelnen Mönche gibt.11) Insgesamt nennt die Aufstellung 25 Männer. Einer von ihnen, der bereits genannte Mein-rad Straub, war Laienbruder und somit weder als Priester noch als Gymnasialprofessor einsetzbar. Der 79jährige Senior des Klosters, Abt Anselm Schababerle, wird als „durch Krankheit in der Jugend und das hohe Alter geschwächt“ charakterisiert. Weitere vier Mönche, unter ihnen Subprior Joseph Straub werden als nur noch bedingt oder gar nicht mehr einsatzfähig geschildert. Über Gregor Steinheibl steht zu lesen „bei ziemlich gesundem Körper blödsinnig“. Er fiel also für ein Amt im Kloster aus.

Die übrigen Konventualen werden dann mit ihren jeweiligen „Anlagen“, ihrem „Fleiß“ und ihren „Vorlieben“ vorgestellt. Dabei wird u. a. Benedikt Neurieder besondere Eignung für die „schönen Wissenschaften“ und besonders die Dichtkunst bescheinigt.

Cölestin Spegeles Qualitäten in Literatur und Bücherkenntnis werden hervorgehoben. Die Aussage über den 46jährigen Spegele wird durch die Beschreibung, welche bei Roder von ihm gegeben wird, bestätigt. Danach wurde der Professor für Hebräische Sprache und alttestamentliche Exegese 1812 erster Rektor der neu gegründeten katholisch-theologischen Universität Ellwangen. 12)

Aber der Abriß von 1807 verrät uns noch mehr. So hat danach der 24jährige Beda Waldvogel um „Rücktritt in der Laienstand angesucht“. Ildephons Steinheibl, 22 Jahre alt, „gesund und mit guten Anlagen für die Wissenschaft“, war „nach Spital in Österreich ausgewandert“. Vielversprechende Talente gingen verloren. Sie hatten aber unter den Zeitumständen kaum eine Wahl. Die (ehemaligen) Ordensgeistlichen mußten sehen, wo sie blieben. Die Benediktinergemeinschaft von St. Georgen in Villingen wurde in alle Winde zerstreut. Am weitesten fort scheint es Ildephons Steinheibl „geweht“ zu haben. Er soll nach einer Notiz des ehemaligen Bürgermeisters Vetter „im größten Elend in Polen als vertreibener Hofmeister der Königin Hortensia“ gestorben sein.13)

1) Christian Roder: Das Benediktinerkloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seiner Beziehung zur Stadt Villin-gen, in: Freiburger Diözesanarchiv NF 6 (1905), [künftig: Roder: Benediktinerkloster St. Georgen], S. 50-54.

2) Quellen: GLAK Abt. 100 (Akten St. Georgen. Kloster, Amt und Ort) Nr. 325; Roder: Benediktinerkloster St. Georgen, S. 76.

3) Quellen: GLAK Abt. 100 Nr. 325, Jahre 1790-1799; Nr. 491, Jahr 1782; GLAK Abt. 184 Nr. 674 und Roder: Benediktinerkloster St. Georgen, S. 73-76.

4) vgl. dazu GLAK Abt. 184 Nr. 719-722.

5) GLAK Abt. 184 Nr. 720.

6) GLAK Abt. 100 Nr. 325.

7) GLAK Abt. 184 Nr. 726.

8) Vgl. dazu GLAK Abt. 184 Nr. 723. Diese Akte umfaßt zwar die Jahre 1807-1809, jedoch dürfte sich der Sprachgebrauch nicht stark verändert haben.

9) GLAK Abt. 184 Nr. 726.

10) GLAK Abt. 184 Nr. 727.

11) GLAK Abt. 184 Nr. 730.

12) Roder: Benediktinerkloster St. Georgen, S. 75.

13) Rod1er: Benediktinerkloster St. Georgen, S. 75.

Übersicht über Zu- und Abgänge des Benediktinerklosters St. Georgen in Villingen

1782, 1790, 1797-1799, 1806, 1807    (x = Eintrag vorhanden)

Familien-, Klostername Banhart, Hermann 1.5.1782/231) x 1790/27 1797/25 1798/23 1799/23 1806/26 [180712)
Bayer, Martin
Bayer, Romanus
x
x
x x x
Bechtiger, Laurentius x x x x x x/673) x/69
Blessing, Werner x / 23
Blösch, Romuald
Engesser, Placidus
x x
x
x x x x/ 37 x/ 38
Fendrich (Laie), Ulrich x x x x
Forenschon, Maurus
Hächle, Bonifacius
x x / 25
Heiss, Bernhard x / 21
Heiss, Placidus
Kessel, Bernhard
x x x x x/34 x/ 36
Klammer, Rupert
Koch, Pirmin
x
x
x
x
x x x/35 x/37
Krüg, Hieronymus
Lang, Nepomuk
x x/ 25 x/ 27
Lenz, Bernhard
Lumper, Gottfried x x x x x
Maurer, Gregor
Mayer, Michael
x x
x
x x x
Mayer, Theodor
Möst, Sebastian
x
x
x
x
x x x x/ 70 x/72
Motsch, Philipp Jakob x x x x x x/ 58 x/ 60
Neininger, Augustin x x x x/ 29 x/ 31
Neurieder, Benedikt Reichert, Beda x
x
x x x x x/49 x/ 51
Rombach, Theoger x x x x x x/ 56 x/ 58
Schababerle, Anselm Scherzinger, Hieronymus x x
x
x x x x/75 x/ 78
Schmid, Gregor x / 22 x / 24
Schneider, Nikolaus x x x x x x/59 x/61
Schönstein, Johann Bapt. x x x x x x /52 x/ 54
Schump, Anselm x/ 23 x/ 24
Schupp, Wilhelm x x x x x x/60
Seelos, Maurus x x x x x
Spegele, Coelestin x x x x x/ 45 x/46
Steinheibl, Gregor x x x x x x/ 54 x/ 56
Steinheibl, Ildephons x / 21
Straub (Laie), Meinrad x x x x x/ 52
Straub, Joseph x x x x x x/ 73 x/794)
Waldvogel, Beda
Widmer, Michael
x x / 23
Wocheler, Franz Sales x x/ 27 x/ 29

1) Jahr/ Anzahl der Personen. / 2) Angaben aus GLAK 184 Nr. 730. / 3) x/ Alter am 26. März 1806.

4) Altersangabe ist falsch, da Straub 1832 geboren ist (Roder: Das Benediktinerkloster St. Georgen …, in: FDA NF 6 [1905], 5. 73)

 

Villingen wird 1000 Jahre alt … (Klaus Walz)

Der Verfasser ist langjähriges Mitglied unseres Vereins und aktiver Hobbymaler, er hat bei der Ausstellungs-Eröffnung der sogenannten „Mittwochsmaler“ in der Villinger Volksbank im April 1999 seine Gedanken zum Stadt-Jubiläum in Versform aufbereitet, die wir auszugsweise wiedergeben.

Ihr wißt, daß unsere schöne Stadt

ein großes Jubiläum hat

im Jahre 19 hundertneunundneunzig

und Alt und Jung und alle freu’n sich.

Bedeutsam ist der Sachverhalt:

Villingen wird 1000 Jahre alt!

Und feierlich wie ein Tedeum

begeh’n wir dieses Jubiläum.

Die Heimischen und Zugereisten

woll’n so ihren Beitrag leisten

zum Wohl und Wehe dieser Stadt —

Vivat! Crescat! Floreat!

Kurz ein paar Sätze, die vernommen,

wie es zur Stadtgründung gekommen. —

Einst war ’ne Siedlung an der Stelle,

wo heut noch fließt die Altstadtquelle.

Filingo hieß das Sippenhaupt.

Daraus entstand dann,

wie man glaubt der Name Villingen als Stadt,

der Name, den sie heut noch hat.

Um das Jahr 1000 war, als Richtungsweiser,

Otto der Dritte deutscher Kaiser.

Im Welschland tobte der Progrom.

Drum zog er mit dem Heer nach Rom,

um dort im Kampf mit den Rebellen

die Ordnung wieder herzustellen.

In Ottos Heer — und das ist wahr —

zog mit Graf Berthold von der Baar.

Nicht, daß ich diesen Grafen lobe,

er war vielmehr ein Mann für’n Grobe;

jedoch in Rom und den Abruzzen

war er dem Kaiser sehr von Nutzen.

Drum hat der Kaiser, wie gewohnt,

für seine Taten ihn belohnt.

Er hat dem Berthold für sein Müh’n

das Markt-, Münz-, Zollrecht gar verlieh’n

für unsere Stadt am Rand der Baar,

was neunhundertneunundneunzig war,

wovon das Dokument uns kündet,

das leider sich in Karlsruh‘ findet.

Nun durch des Kaiser Wohlverhalten,

konnte sich die Stadt recht entfalten,

nachdem man rechts der Brigach sie verlegt.

Man hat zunächst das Sumpfgebiet entwässert,

das Fundament zum Bau der Stadt verbessert,

dann mit dem Wehrbau richtig losgelegt.

Damit das, was man baut, auch bleibt von Dauer,

baut ringsherum man erst mal eine Mauer,

zum Schutz der Bürger gegen Aggressoren,

die heut nocht gut erhalten, mit 4 Toren,

mit Wehrgang, Graben und mit weiteren Türmen —

kein böser Feind konnt‘ je die Stadt erstürmen!

Man baut das Münster, Kirchen und Kapellen

— Anreiz zu vielen von den Aquarellen — wie auch

manch Kloster und manch schön‘ Gebäude

als Zierde unserer Stadt und uns zur Freude!

Motive gibt’s gar viele in der Stadt,

die viele malenswerte Winkel hat;

Häuser, die krumm und schief und ja nicht glatt,

weil dann der Maler Freude hat!

So können wir das Malen nur empfehlen. Mitbürger,

laßt vom Malen euch beseelen, werft euch als Hobby auf die Malerei!

Wer malt, dem winken „Ehre, Geld und Ruhm…“

doch leidergottes meistens erst posthum.

— Die Bilder, jetzt noch gar nicht teuer,

steigen dereinst mal ungeheuer

im Preis, wie sich die Geschichte lehrt;

doch manchmal ist’s auch umgekehrt!

 

„Freudig tret ich in deinen jungen Staat Badenia!” (Dr. Annemarie Conradt-Mach)

Geschichtsbewußtsein und bürgerliches Selbstverständnis im 19. Jahrhundert am Beispiel der badischen Stadt Villingen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb das Schaffhauser Intelligenzblatt über Villingen: „Diese Stadt besitzt Charakter und Rasse. … Und wenn man durch die stillen Straßen auf und ab geht, das schöne romanische Münster … den Renaissancebau des Rathauses betrachtet, dann denkt man unwillkürlich an die vielbewegte Geschichte dieser Schwarzwaldstadt. Im Jahr 999 durch den sächsischen Kaiser Otto III. zur Stadt erhoben … blieb Villingen, später neben Freiburg einer der wichtigsten Plätze der vorderösterreichischen Lande, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts mit unverbrüchlicher Treue bei Österreich. Glänzend zeigte sich die Tapferkeit der Villinger im 30jährigen Krieg und noch mehr im spanischen Erbfolgekrieg. Im napoleonischen Zeitalter … mußte Villingen seinen Herrn wechseln; Unter badischer Herrschaft hat sich nun Villingen im Laufe eines Jahrhunderts prächtig entwickelt.1)

Und der internationale Verkehrsanzeiger schwärmte damals: „Mit ihren rund 10 000 Einwohnern ist sie (die Stadt Villingen) das größte Gemeinwesen im Herzen des badischen Schwarzwaldes … Eine rastlos aufstrebende Industrie … trägt viel zum Wohlstand der Stadt bei. … Villingen scheint ja die reinste Florenze des Schwarzwalds zu sein. In der Tat überrascht der Reichtum der Anlagen, die sämtliche wohlgepflegt sind und sofort erkennen lassen … es dürfte im Deutschen Reich nicht viele Städte von gleicher Größe geben, die Gleiches aufzuweisen haben. Und wie prächtig sich die trotzigen Türme mit den mächtigen Überresten der Stadtmauer in das Bild einreihen — altersgrau und hoffnungsgrün … Ja ihr Türme, ihr werdet in eurem Leben noch viele Wunder schauen; ihr werdet sehen, wie die Stadt, deren Abschluß ihr früher gebildet habt, die Grenzen, die sich heute schon bedeutend erweitert haben, immer mehr ausdehnt; der Verkehr, der jetzt wie in alten Zeiten schon, durch eure Tore geht, wird immer mehr anwachsen, den elektrisch betriebenen Uhren werden noch andere elektrische Triebwerke folgen, man wird Drähte, das sind die Nerven des 20. Jahrhunderts, eurem alten Leib zuführen, man wird euch mit allen Mitteln zu erhalten suchen und schließlich müßt ihr den Anforderungen des modernen Verkehrs weichen. 2)

Eine glanzvolle Geschichte steigerte in den Berichten der Jahrhundertwende die glanzvolle Gegenwart der Stadt Villingen und ließen den Leser des Jahres 1907 eine noch glanzvollere Zukunft erwarten.

Schwierigkeiten im Umgang mit vergangener historischer Größe haben Tradition in Villingen und anderswo. Seit dem Anschluß an Baden 1806 und dem damit verbundenen Abstieg zur badischen Provinzstadt gab es viele Versuche, die alte Größe Villingens zu erneuern, städtisches Selbstbewußtsein zu heben, neue städtische Funktionen zu erhalten. Die alte Stadtkultur wurde durch die industrielle Revolution verändert, teilweise sogar zerstört. Die Auswirkungen der Industrialisierung krempelten unsere Städte um, änderten ihre Bedeutung für das Umland. Dies hatte Auswirkungen auf die bürgerliche Selbsteinschätzung.

Der Umgang mit der eigenen Geschichte gibt Auskunft über den eigenen Standort, über Selbsteinschätzung und politische Kultur einer Gesellschaft. Geschichtsschreibung ist immer auch Selbstdarstellung. Welche Fragen an die eigene Geschichte im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Villingen gestellt wurden und zu welchen Antworten man kam, das soll im folgenden untersucht werden. Grundlage der Untersuchung sind Bürgerfeste und zwar die Festlichkeiten zur Grundsteinlegung für das Bezirksstrafgerichtsgebäude 1847, die 900-Jahr-Feier 1899 und die Centenar-Feier 1906.

Fest der Grundsteinlegung für das Bezirksstrafgerichtsgebäude 1847

Villingen wurde 1806 badisch nach einem kurzen württembergischen Interregnum. Bis zum Frieden von Preßburg erlebte die Stadt eine lange selbständige Phase im Besitz vieler „Bürgerfreiheiten“ unter der Herrschaft des Hauses Österreich. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlor Villingen seine alte Autonomie und fand sich wieder als „entrechtete Amtsstadt“ in der badischen Provinz.

„Am 11. November 1806 bemerkten Bürgermeister, Schultheiß und Rat der Stadt Villingen in einer Eingabe an den Großherzog: Es sei ein unschätzbares Glück, daß Villingen, die erste Stadt im Breisgau nach Freiburg, wieder unter einen mit ausgezeichneten Regententugenden geschmückten ,Abstämmling‘ der berühmte Grafen und nachmaligen Herzöge von Zähringen gelange.“ Man bat um Bestätigung der „althergebrachten Freiheiten“. Am 24. November 1807 aber wurde dem Magistrat von seiner königlichen Hoheit eröffnet, „bezüglich der Bitte der Stadt Villingen um Bestätigung ihrer Rechte und Freiheiten und um Belassung ihrer bisherigen Grundherrschaft über sieben Dependenzorte eine abschlägige Resolution zu fassen.“ 3)

Am 16. Juli 1809 mußte die „schöne auf Schweinsleder geschriebene sehr gut erhaltene“ Verfassungsurkunde aus dem Jahr 999 an die großherzogliche Regierung des Oberrheinkreises zu Freiburg, „in Originali“ abgeliefert werden. „Sie kam nicht wieder zurück, und gepflogene Nachforschungen blieben erfolglos.“ 4)

Für Villingen war damit der Verlust der alten Selbständigkeit und weitgehenden Unabhängigkeit endgültig besiegelt. Es verwundert deshalb nicht, daß damals einige Villinger die österreichische Herrschaft nicht vergessen konnten. In seinen Lebenserinnerungen schrieb Heinrich Dold um die Jahrhundertwende, die badische Regierung habe „streng und eifersüchtig“ alle Lobsprüche auf das Kaiserhaus verpönt. „Als 1825 der Held von Aspern Erzherzog Karl nochmals mit s. Frau Gemahlin Villingen besuchte u. die Honoratioren Villingens ihm auf der Post (Sonne) ihre Aufwartung machten, soll er den Herren und Damen gesagt haben: Jo Villingen is kloans Stadtl aber a schöns Stadtl! Das soll den Villingern so wohl gethan haben, daß sie im Donaueschinger Wochenblatt einen Artikel über den Besuch des berühmten Mitgliedes aus dem Kaiserhaus erscheinen ließen mit dem Citat des Dichters endigend: Das Auge sieht den Himmel offen, es schwelgt die Brust in Seligkeit. Ein allzu pflichteifriger höherer Beamter soll deßhalb eine Untersuchung in Villingen haben pflegen lassen.“ 5) Am 30. Oktober 1846 hatte das Staatsministerium „die Stadt Villingen als den Sitz des zweiten Bezirksstrafgerichts im Seekreis definitiv bestimmt.“ Am 25. Juli 1847 wurde in Villingen der Grundstein für das Bezirksstrafgerichtsgebäude gelegt. In Villingen schien es, als ob die Periode des städtischen Niedergangs endlich zu Ende sei. Man sah die „Morgensonne für eine neue Periode der Rechts- und Gerechtigkeitspflege in unserem Vaterland verkündet.“ und hoffte auf die Wiedereinsetzung der alten Bürgerfreiheiten. „Die hiesigen Bürger hatten die Absicht, diesem Feste einen hohen edlen Charakter beizulegen — dasselbe über eine gewöhnliche Stadtfeier zu erheben.“ 6)

„Badens Volk hat alle Ursachen sich zu freuen … über die nahe Verwirklichung eines zeitgemäßen Fortschrittes in einem der wichtigsten Theile seiner Gesetzgebung. — Viele Mühe — viele Kämpfe kostete die Erringung diese im deutschen Vaterlande noch selten Schutzes!“ 7)

Die Liebe des Großherzogs erwies sich gerade dadurch, daß er „sein Volk“ wieder in seine alten Rechte einsetzte. Obwohl die Wahl auf Villingen als Sitz für das Bezirksstrafgericht nicht „Ohne Kampf und Nebenbuhler“ stattfand. Verwundert nicht, „daß solche allerhöchste Entscheidung mit lautestem Jubel von der hiesigen Bürgerschaft begrüßt worden, (es) ist um so erklärlicher, als Villingen seit vielen Jahren einer besseren Zukunft harrte.“ 8) Die habsburgische Epoche galt in Villingen als glückliche Zeit. Die zweite Epoche der Villinger Geschichte, die nachhabsburgische, wurde als weniger ruhmreich beurteilt. „Im Jahre 1819 war Villingen auf den Stand einer gewöhnlichen Landstadt gestellt, auf dem selbes bis zur Zeit verblieben ist; nun aber einer erfreulichen Zukunft entgegen zu gehen, die Aussicht hat.“ 9)

Seine Rede anläßlich der Feier zur Grundsteinlegung endete der Villinger Kaplan Diez mit folgenden Worten: „Öffentlichkeit und Mündlichkeit in Gerichtsverfahren sei ein Herd der Unschuld und humaner Ernst der Schuld. Dieß sey zugleich ein Sinnbild, daß Staat und Bürgerthum unzertrennlich Eins ausmachen, und daß sie nur dann glücklich bestehe, wenn der Bürger die Verfassung liebt, und durch die That ihr Achtung erweißt.“ Die in den Grundstein eingebetteten Münzen würden, „zum fröhlich verheißenden Zeichen, daß Badens Wohlstand mehr und mehr blühen werde, wenn seine Bürger unter weiser Mäßigkeit und pflichtgetreuer Anstrengung nie vergessen, daß sich keiner der öffentlichen Landestheilnahme entschlagen dürfe, ohne selbst darunter zu leiden, und ohne sich am Ganzen zu versündigen.“ Die Rede endete: „Aller Herzen (möchten) von dieser Stunde an kräftiger und heiliger glühen fürs Rechte und Wahre, für Gott, Tugend, Fürst und Vaterland zum allgemeinen Bürgerwohl.“ 10)

Die Grundsteinlegung für das Bezirksgericht wurde zum Symbol der Wiederherstellung der verlorenen bürgerlichen „Verfassungsrechte“, zur Aussöhnung mit der neuen großherzoglichen Herrschaft. Deutlich wurde dies auch im Trinkspruch des Gemeinderats Schmid aus Villingen: „Es gilt das Fest, das wir heute feiern nicht blos dem Hause, das in kurzer Zeit prachtvoll vor unseren Augen erstehen wird, … es gilt der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Strafverfahren. Allein unsere weise Regierung erkannte, daß wir ein solches Institut, das schon vor tausend Jahren ein heiliges Eigenthum unserer Urväter war, im Geiste unserer voranschreitenden Zeit im Bedürfnis liege, zur Erfüllung der heißesten Wünsche des Volkes.“ 11) Aus Anlaß des Festes wurde die Stadt prächtig geschmückt und ein Festzug veranstaltet. Die Wappen und Porträts des Großherzogs Leopold, der Großherzogin Sophie „und der sonstigen Mitglieder des Großherzoglichen Hauses“, sowie die Namenschiffren aus Blumen gestaltet „des Großherzogs Königliche Hoheit“ schmückten die Stadt. Außerdem wurden aber auch Bilder des Staatsrats Nebenius und des Staatsrats Beck ausgehängt. „Bildnisse der Abgeordneten des Volkes, Inschriften sich beziehend auf die Wichtigkeit des Festes — auf Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichtspflege“ wiesen die Villinger auf die Bedeutung der Feier hin.

Überall wehten Wimpel und Fahnen in den Landes- aber auch in den Stadtfarben. Der Festtag, der 25. Juli 1847, begann mit 50 Böllerschüssen und Tagreveille der „bürgerlichen Cavallerie“. Dem Festzug voraus gingen Musikkapellen und die Schuljugend. Die für den Grundstein bestimmten „Denkzeichen“ wurden von einer weiß-gekleideten Jungfrau getragen, welche von zwölf weiteren Jungfrauen mit Bändern in den Stadtfarben begleitet wurde. Anschließend folgten zwölf Jünglinge mit Schärpen in den Stadtfarben; der Zug wurde fortgesetzt von den großherzoglichen Staatsbeamten, den Beamten der Gemeindebehörden, anschließend folgten die Bürger mit ihren Zunftfahnen, den Schluß bildete das übrige Publikum. Ein festliches Mittagessen, abends ein brillantes Feuerwerk und die „Beleuchtung des Marktbrunnens“ waren weitere Höhepunkte.

Das Bezirksgericht, in dem der Chronist des Jahres 1847 die Morgensonne einer besseren, d. h. autonomeren Zukunft für seine Stadt zu erkennen glaubte, hielt jedoch nicht, was man sich davon versprach. „Nach wenigen Jahren fiel (das Bezirksstrafgericht) der Neuordnung des Gerichtswesens 1864 wieder zum Opfer“. 12)

Die 900-Jahr-Feier am 13. August 1899

Ca. 50 Jahre später, im August 1899 feierte die Stadt Villingen ihre 900-Jahr-Feier.

„Wohl 25000 Fremde (!) aus ganz Baden, Württemberg und der Schweiz“ hatten sich zusammengefunden „in dem Bewußtsein, daß ihnen etwas ganz außerordentliches geboten werde“. Zumindest berichtete dies die Schwarzwälder Bürgerzeitung vom 15.8. 1899. Die Vorbereitungen und die Ausschmückung der Stadt war überwältigend. „Fast alle Häuser, durch deren Straßen der Festzug“ zog, wurden „neu angestrichen“. In den Straßen wurden Tannenbäume aufgestellt, „die durch Girlanden miteinander verbunden wurden“. Gegenüber dem Gasthaus zur Post war die Tribüne für die „fürstl. Gäste aufgeschlagen.“ 13) Die „Perle der Baar präsentierte sich äußerst gefällig“ den Besuchern.14) Villingen bot für dieses Fest die perfekte historische Kulisse.

„Es hat etwas außerordentlich gemüthliches, durch die Straßen eines solchen Ortes zu schlendern und Hunderte von Szenen des Kleinlebens in sich aufzunehmen. Und ein solch behagliches Gefühl bemächtigte sich des Betrachters.“ 15) Die Stadt wurde zur Theaterbühne, in der Realität und historisches Abbild miteinander verschmolz, zumindest in den Augen der Betrachter. „Man blickt noch einmal prüfenden Augs auf das Gethane, rückt den Stuhl vor die Haustür und hält mit dem Nachbarn sein freundlich Zwiegespräch. Und alles wirkt auf den Beschauer wie ein Ausschnitt aus Goethes, Hermann und Dorothea‘.“ 16)

Kunst und Wirklichkeit wurde eins. Und wenn die Realität mit der Illusion nicht zusammenfand, so wurde sie auch schon mal passend gemacht, wenn’s ins schöne Bild von der heilen historischen Welt paßte. Wie anders läßt sich sonst die Einleitung des Zeitungsschreibers erklären? „Die Fassade des alten, von anno 1428 (?) stammenden Villinger Rathauses schmückt nebst anmutigem Bildwerk das Sprüchlein: Am guten Alten in Treue halten. Wiewohl der Hauptort der Baar mehr als einmal von hochentwickeltem Sinn Zeugniß abgelegt hat, so ist doch jener Spruch nie in solchem Maß zur Ehre gekommen wie in diesen Tagen.“ 17)

Was der Autor nicht wissen wollte, die Bemalung des alten Rathauses wurde von Karl Eydt im Jahre 1895 angefertigt, vielleicht in Anbetracht der vier Jahre später erfolgenden großen historischen Feier. Die Fassade trug Bildnisse aller bedeutenden Fürsten, die mit der Geschichte der Stadt verknüpft waren, nämlich Otto III., Kaiser Rudolph und Kaiser Maximilian, sowie Bertold III, der Gründer der Stadt Villingen und Egino von Fürstenberg. Über den beiden Eingängen befand sich ein Portraitfries mit Bildnissen von Matthäus Hummel, Georgius Pictorius, Hans Kraut und P. Trudpert Neugart. Letzterer lebte von 1742 bis 1825.18)

Da die geschichtlichen Originale bei Leibe nicht so prächtig waren, wie sie dem dekorativen Zeitgefühl entsprachen, mußten sich viele deutsche Baudenkmäler in der Zeit des Historismus eine solche Verschönerung gefallen lassen.19) Zusätzlich zur Fassadenmalerei wurde der Staffelgiebel des Rathauses erhöht, um ihm ein imposanteres Aussehen zu geben. Die geschönte Stadtrealität bot die Kulisse für einen der glanzvollsten historischen Umzüge, die Baden je gesehen hatte. Er machte „in seiner geschmackvollen Anordnung einen vornehmen künstlerischen Eindruck; er entrollte Fülle, Charakter, Schönheit … Die Hauptereignisse der Villinger Lokalgeschichte waren so in farbenreichen Bildern festgehalten.“ 20) Die aufsehenerregende Ausstattung des Zuges wurde von der Münchner Firma Diringer, Costum-Fabrik u. Verleih-Anstalt, zur Verfügung gestellt. Diese Firma hatte Erfahrung in der Gestaltung prunkvoller Historischer Umzüge. Sie hatte u. a. den Zug zur Hans-Sachs-Feier in Nürnberg (1894) ausgestattet und durfte sich wegen ihrer Dekorationsleistungen bei ähnlichen Festzügen in Stuttgart und Karlsruhe als königlicher und großherzoglicher Hoflieferant bezeichnen. Sie hatte einen reichsweit guten Ruf, auch die Kostüme für das Deutsche Turnfest in Hamburg kamen aus München. Die Wagen „nach historischem Werk angefertigt und geliefert waren je der betreffenden Zeit angepaßt selbst künstlerisch und schön hergestellt und machten einen ganz unvergeßlich pompösen Eindruck.“ Wie die Schwarzwälder Bürgerzeitung bemerkte. 21)

Höhepunkt der Feier und des Umzuges war die Anwesenheit des Großherzogpaares. „In musterhafter Ordnung bewegte sich der denkwürdige historische Festzug durch die reich beflaggte, geschmackvoll mit Tannen und Reisgirlanden gezierte Stadt, gegenüber dem Gasthof zur Post (Blume) wo die Königl. Hoheiten der Großherzog von Baden und dessen hohe Gemahlin Absteigequartier genommen, befand sich ein Baldachin zeltartig hergestellt.“ 22) An der Ehrentribüne zog der Festzug insgesamt vier Mal vorbei.

„An der Tribüne machten die einzelnen Gruppen allemal einen kurzen Halt.“ Der Großherzog „nahm die Huldigung des Festzuges entgegen“, wie die Breisgauer Zeitung schrieb. Die Hauptpersonen der Gruppen wurden jeweils zum Großherzog gebeten und von demselben „auf das huldreichste empfangen“. Der Aufbau des Festzuges lief chronologisch geordnet ab. Nach den Fanfarenbläsern und dem Herold begannen die Festwagen mit der Darstellung der Verleihung des Marktrechts durch Otto III. an Berthold von Zähringen. Den letzten historischen Schauwagen vor den Trachtengruppen bildete die Huldigungs-gruppe Wagen Nr. 21 „Villingen kommt an Baden — 1806“. Dieser Wagen wurde allgemein als Krönung des Umzuges angesehen, quasi das Endziel einer 900-jährigen Geschichte. Überhöht allein dadurch, daß die Ehrenjungfrauen einem echten (?) Zähringer auf der Tribüne huldigen durften, als Glanz- und Gipfelpunkt der Historie! Die Darstellung des Wagens Nr. 21 zeigte nach der Breisgauer Zeitung folgendes: „An den Übertritt in badische Herrschaft (1806) ward durch eine poetische Allegorie erinnert: Genien in klassischer Gewandung huldigten, Palmen schwingend, vor dem badischen Wappen; das ganze ein überaus anmutiges Bild.“

Dem Wagen voraus schritten vier Tubabläser. Die Instrumente waren so monströs, daß eigens zu jedem Bläser ein Helfer die Tuba tragen half. Fräulein Stern, die Tochter des Orchestrionfabrikanten Stern, hatte die hohe Ehre als palmenschwingende Genie aus der Gruppe herauszutreten und die „Huldigungsanspache an den Großherzog und die Großherzogin“ zu richten, der eigentliche Glanzpunkt der Villinger 900-Jahr-Feier.

„Durchlauchtigster Großherzog, allergnädigster Herr! Durchlauchtigste, allergnädigste Großherzogin und Herrin!

Monatelang hat die Hauptstadt des Schwarzwaldes sich vorbereitet zu dem größten der Feste, die je in ihren Mauern gefeiert worden sind, und heute ist der Tag erschienen, auf den sie sich so lange gefreut hat. In alle Welt hinaus ist der Ruf gedrungen von dem, was auf den Höhen des Schwarzwaldes sich bereitet, und in hellen Scharen sind die Menschen herbeigeströmt, um die Geschichte unserer Vaterstadt, ein großes Stück Weltgeschichte in buntem Gedränge vorbeiziehen zu sehen.

Herrlich erhob sich der Morgen, hell glänzt die Sonne am heiteren Himmel, die Glocken tönen feierlicher als sonst, in vollen Akkorden rauscht die Musik, die Herzen schlagen höher. Aber die volle Freude, den höchsten Glanz, die rechte Weihe gibt dem Feste die Anwesenheit unseres durchlauchtigsten, geliebtesten Fürstenpaares, das herbeigeeilt ist von der goldenen Mainau in unsere Jubelstadt.

Gruß und Heil ruft ihm entgegen die in Festes-schmuck prangende Stadt, Gruß und Heil wehen die Fahnen, tönen die Festesklänge, Gruß und Heil aus tausend und tausend Herzen in brausendem Begeisterungsstrom und heiliger Kraft dem Zähringer Herzog, dem königlichen Herrn, dem deutschen Mann und Seiner erhabenen Gemahlin, der hohen, gütigen Frau.

Neun Jahrhunderte der Geschichte unserer Vaterstadt, neun Jahrhunderte der deutschen Geschichte ziehen an Euer königlichen Hoheiten Auge vorüber. Die Vergangenheit belebt sich wieder: Kaiser, Könige, Herzöge, Ritter, Bürger, Soldaten schreiten vorbei, ein farbenreiches, buntes Gedränge, und mit sich bringen sie vor das geistige Auge die alte Zeit. Wie Traumgestalten ziehen sie dahin, blicken sie herüber aus der Romantik des Mittelalters in die helle Gegenwart. Noch scheint die Sonne wie damals, noch singen die Vögel in gleichen Lauten, die Menschen freuen sich und trauern, jauchzen und weinen wie damals, aber die Welt ist heute eine andere, neue. Wie würden sie staunen, wenn sie in Wirklichkeit wieder kämen, die Gestalten, die vorübergezogen! Wie würden Sie staunen über die heutige Welt, über das in tausend Formen und Gestalten sich bewegende, riesengroße Weltgetriebe der modernen Zeit!

Wie würden sie verwundert sein über die Veränderungen der Staaten im Innern und Äußern! Wie würden sie staunend stehen vor dem stolzen Bau des deutschen Reiches, den deutsche Thatkraft nach langer Ohnmacht und Schmach aufgerichtet! Wenn aber die Zähringer Herzöge, Kaiser und Könige fragten: Wer ist jene hohe Fürstengestalt im Silberhaar, voll königlicher Würde, voll Milde und Güte? Und neben dem königlichen Herrn die königliche Frau? So würden wir sagen: Das ist unser Zähringerherzog, der Herr unseres gesegneten Badnerlandes, vom Bodensee bis an den Main zieht es sich hin, ein von Gott gesegnetes Land; und jene Frau ist unsere allezeit hilfsbereite, Not und Elend lindernde, gütige Mutter unserer Landeskinder, das ist unser Herr und Vater, dem nahe zu sein für Badens Kinder, Söhne und Töchter, das größte Glück ist. Wir dürfen ihm schauen in’s milde, menschenfreundliche Antlitz, wie Kinder in’s Auge ihres Vaters; wir stehen vor ihm nicht in Furcht und Zagen, mit Ehrfurcht und vertrauensvoller Liebe begegnen wir seinem Vaterblick, dürfen zu ihm sprechen. Seine Kinder und hören seine väterlichen Worte; das ist der deutsche Mann, der als einer der ersten deutschen Fürsten und Männer mitgeholfen, den Bau des deutschen Reiches aufzurichten, eine feste Burg, hoch in die Wolken ragen ihre Zinnen; das ist der Mann, der zurückdrängend alle kleinen Rücksichten auf’s große Ganze den Blick gerichtet hält: Ihm laßt uns huldigen, Ihm Treue schwören auf’s Neue mit Herz und mit Hand! Und bringt ihr Grüße herüber aus der Vergangenheit Taten, wir bringen die Liebe und Treue. Mit diesen Gesinnungen ist unsere Zähringerstadt, seit sie zum Badnerlande gehörte, allzeit dem Banner gefolgt, der Herzöge von Zähringen, und ihm zu folgen in Zukunft, in Treu und Liebe schwört sie heute mit feierlichem, heiligen Schwur. Treu zu Fürst und Vaterland! So soll es auch in Zukunft sein. Gegrüßt noch einmal, durchlauchtigstes Fürstenpaar! Gegrüßt herrliches Badnerland, gegrüßt deutsches Vaterland, unser Schutz und Hort in alle Zeit!“ 23)

Die Verehrung des Großherzoges von einem bürgerlichen Publikum entgegengebracht nahm nahezu mystisch-religiöse Züge an. Zumindest in der Terminologie, bei den Formeln drängen sich die religiösen Vorbilder geradezu auf. Aus dem Motto „Mit Gott für König und Vaterland“ entstand allmählich „Unser Gott ist König und Vaterland!“ Der spezifisch deutsche Nationalismus wurde immer mehr zur Ersatzreligion. Die beschriebene Huldigung fand vor den Augen von 25 000 Teilnehmern statt. Eine mystische Einheit von „Volksmenge“ und „Fürst“!

Der Fürst trotz fortgeschrittenen Alters, trotz Mittagshitze zeigte sich als wahrer Deutscher.

„Die rastlose, unermüdliche Pflichttreue, mit der unser so innig verehrter Landesherr in staunen-erregender Rüstigkeit auch den Anforderungen der Repräsentation genügt, trat am gestrigen Tage wieder so recht deutlich in die Erscheinung. Während der ganzen Dauer des Festzuges verweilte der hohe Herr stehend im Waffenrock seines Leib-Dragoner-Regiments das Haupt mit dem Helm bedeckt, auf der Tribüne.“ 24)

Die „harrende Volksmenge“ jubelte ihm zu, wie die Zeitungen einheitlich schrieben. Sonderzüge hatten die Menschenmassen nach Villingen gebracht, aus den umliegenden Orten waren alle gekommen, um an dem Fest teilzunehmen, was die Neckarquelle Schiller zitieren ließ:

„,Es war, als wenn die Menschheit auf der Wanderung wäre‘ denn vom Orte Schwenningen bewegte sich so eine Menschenmenge auf beiden Wegen wie wir noch gar nie gesehen haben: in der Fest- und Jubelstadt war daselbst ein Wogen von Festteilnehmern zu sehen, wie ein solches Villingen wohl ebenfalls noch nie zu sehen bekommen hat.“ 25)

„Unaufhörlich strömten die Volksmassen, welche der Bahnzug von nah und fern gebracht, zu den Thoren herein.“ 26)

Mittelalterliche Romantik unter den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft! Der Gipfel und Höhepunkt der Geschichte war erreicht! Oder wie ein Journalist schrieb: „Eine seltene Fülle historischer Ereignisse scheint jetzt, neun Jahrhunderte nach der Städtegründung, zu schönem Ring geschlossen.“ 27)

So schön hatten es die Altvorderen wahrhaftig nicht in Szene setzen können! Während des großen Volksfests am Nachmittag des Festtages konnten sich die Besucher an der Vermischung von alt und neu erfreuen und das bunte, historisch-moderne Treiben bewundern.

Der Fürst und sein Volk, sie fanden vor der malerischen Kulisse der altehrwürdigen Zähringerstadt zusammen als lebendes Bild einer Verschmelzung der Zeitalter und einer harmonischen idealen deutschen Gesellschaft. Wie hatten sich die Zeiten seit 1847 in Villingen geändert!

Die 900-Jahr-Feier inspirierte auch die Künstler. So schrieb die Berufslyrikerin und gebürtige Villingerin Frau Prof. Bertha Weber geb. Fricker ein „Preislied“ zu dem hohen Ereignis. Das der Stadt zugesandte Gedicht, war auf Geschäftspapier geschrieben, auf dem der Wahlspruch der dichtenden Muse neben anderer Eigenwerbung aufgedruckt war: „Nicht Vielen, nur den Besten möchte ich gefallen!“

Die Bekanntschaft der Dame mit Justinus Kerner und eine Ehe mit Prof. Weber sowie ihre nachgewiesene Liebe für das „Erhabene“ und „Schöne“ bürgten anscheinend für Qualität, zumindest beim zeitgenössischen Publikum.

Über vierzehn Strophen im braven Kreuzreim und dreihebigen Versen sang die Dichterin ihr Jubelfeierlied. Dem Zwang der Strophenform fiel manchmal die Sprachlogik zum Opfer, und selbst der „erhabene“ Sprachstil, die „Helden“ mit ihrer „Treue“, „die Mannen“ „stolz wie Tannen“ wirken heute eher dilettantisch-komisch als festlich-gehoben. Die Mühsal des Dichtens wird gar zu offensichtlich. Das Publikum der Jahrhundertwende schien daran keinen Anstoß zu nehmen. Unreflektierte Verherrlichung und Selbstbespiegelung im historischen Gewand war Mode. Schiller- und Goetheverse konnten völlig mühelos in solche Art Dichtkunst integriert werden. Die Qualitätsunterschiede beunruhigten niemand. Die Werke der Klassiker, eher gemeint als idealer Gegenentwurf zu einer wenig idealen Welt, wurden für die Kunstwelt der Jahrhundertwende zur idealen Wirklichkeit, sie dienten der Selbstdarstellung. Die Zitate der Zeitungsschreiber zur 900-Jahr-Feier machen es immer wieder deutlich.

In „treuer Heldenhaftigkeit“ und „inniger, kindlicher Liebe“ zum Fürsten bewältigte man die „Stürme“ des Lebens.

Armut, Not, Unterdrückung, Angst und Ohnmachtsgefühle hatten in der begeisterten Festwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinen Platz. Die Kulturbedürfnisse der Bürger verlangten eine erhabene Innerlichkeit, die Flucht in eine von der Realität komplett abgehobene Welt.

Den gesellschaftlichen Machtträgern allerdings dienten die in der bürgerlichen Festwelt konservierten feudal-harmonischen Ordnungsvorstellungen zur Festigung ihrer Position. Die Herrscher ließen sich feiern mit den Bildern, die einer Kunstwelt entnommen wurden, und wurden so zu idealen Fürsten einer idealen Gesellschaft.

Wer anderer Meinung war, der galt dann als Demokrat oder noch schlimmer als Sozialdemokrat!

Die Centenar-Feier der Stadt Villingen 1906

Zur Centenar-Feier 1906 widmete Jos. Moder der „alten und ehrwürdigen Stadt Villingen“ ein Gedicht von insgesamt 241 Strophen.

Er besang darin vor allem die jüngste 100-jährige, badische Geschichte. In Strophen den 72 bis 78 gedenkt der Dichter des Villinger Kriegerdenkmals vor dem Bezirksamt.

„Vor dem Kriegerdenkmal

Ich seh im Geist Germania

Stolz vor der Pyramide stehen

,Sind meine Kinder! ein Hurrah!‘

Sagt sie, soll diesen Stein umwehn‘

,Ihr Lebenden, kommt aufgeschaut!

Im wilden heißen Schlachtgetöse,

War’n sie’s, die’s neue Reich erbaut

Und ihm gegeben seine Größe.“

1871 wurde das Deutsche Reich gegründet nach einem siegreichen Feldzug gegen Frankreich. Den „Opfern“ des Feldzuges und dem neuen Patriotismus wurden überall im neuen Deutschen Reich Denkmale gewidmet. Das Villinger Kriegerdenkmal wurde am 2. September 1875 eingeweiht. Das Monument war als Obelisk gestaltet und ehrte die sechs Villinger, die im Krieg 1870/71 gefallen waren. Im wesentlichen hat es den Lauf der Zeit überstanden und kann heute noch am gleichen Platz besichtigt werden, an dem es einmal aufgestellt wurde. Die Aufgabe des Standbilds war einmal die Erinnerung an die Taten wachzuhalten, vor allem aber den Reichsgedanken im badischen Villingen zu festigen. Davon zeugen auch die Inschriften: ,Wehr den Tod im heiligen Kampfe fand, Ruht auch in fremder Erde im Vaterland.“ sowie „Mit Gott für Kaiser und Reich!“

Der Obelisk, ein Zeichen für Totenehrung aber auch Symbol für Herrscherruhm, war vergleichsweise unumstritten, wenn man bedenkt, daß das junge deutsche Reich in einer wahren Denkmalflut seine Ideen und Wertvorstellungen den Reichsbürgern zu übermitteln versuchte. So wurde im gleichen Jahr auch das berühmte Hermannsdenkmal eingeweiht. Daß das Standbild eine Möglichkeit vor allem der politischen „Bildung“ der sog. unteren Volksklassen darstellte, drückte Schopenhauer mit folgenden Worten aus: „Für die unterste Klasse, der die Verdienste eines großen Geistes ganz unzugänglich sind, ist am Ende bloß das Monument, als welches in ihr, durch einen sinnlichen Eindruck, eine dumpfe Ahnung davon erregt.“ 28) Die nötige Distanz zwischen Betrachter und Denkmal, vielleicht auch Schutz vor Beschädigungen und Angriffen, stellte ein eiserner Zaun und eine Blumenrabatte her. Die Ruhmessymbole heischten respektgebietenden Abstand. Der Staat forderte Ehrfurcht. Diese Tabuisierung erstickte dann auch jegliche Denkmalskritik im Keim. Der Vaterländische Gehalt bzw. der „rechte“ politische Anspruch einer Sache entzog diese im allgemeinen jeglicher öffentlichen Kritik.

Das zweite politische Denkmal Villingens wurde aus Anlaß der hundertjährigen Zugehörigkeit Villingens zu Baden errichtet. Leider fehlen entsprechende Hinweise in den Akten. Die entscheidenden Zeitungsberichte sind ebenfalls verloren gegangen. Auf Bildern aus dem Jahre 1908 sieht man das heute eher unauffällig beim Gesundheitsamt untergebrachte Monument an exponierter Stelle vor dem damaligen Finanzamt (heute Gesundheitsamt) zwischen und auf Granitblöcken aufgestellt. 29) Die recht auffällige Anlage war ebenfalls von einem Gartenzaun umgeben. Betreten verboten! Eine Sitzbank jenseits des Gartenzauns lud zum Betrachten und Ausruhen ein.

Heute steht Berthold — „der Gründer der Stadt“ —auf einem eher bescheidenen Sockel, fast versteckt in den Anlagen, wohl auch deshalb weil die heutige Zeit von politischen Denkmälern der wilhelminischen Epoche eher distanziert gegenübertritt. Ohne die Erhöhung durch den Granithügel und den Gartenzaun hat der Stadtgründer auch viel von seiner ehemaligen Größe eingebüßt.

In kriegerischem Aufzug, mit Helm, gestützt auf seinen Schild, das blanke Schwert in eher gespannter, unnatürlicher Pose zwischen sich und den Betrachter haltend, ein Monument badischen Herrschaftsanspruchs um die Jahrhundertwende. Für den Betrachter des Jahres 1907 sandte der Stadtgründer die Botschaft einer nun über 900jährigen Herrschaft des zähringisch-badischen Hauses aus und ließ so die Erinnerung an eine eher eigenständige und recht unabhängige Villinger Geschichte verblassen.

„Um die Jahrhundertwende versuchte auch die Historiographie mit Schläue und Fleiß aus dem Großherzog von Baden einen Zähringer zu machen“, um damit seinen legitimen Anspruch auf die vormals vorderösterreichischen Gebiete auch wissenschaftlich abzusichern. 30)

Der Betrachter des Berthold-Standbilds wurde eingeladen sich mit der machtbeanspruchenden Pose zu identifizieren, einen Abglanz dieser Größe zu übernehmen. Auch heute noch berichtet das Bertholdsdenkmal den Villingern von ihrer verlorenen Glanz- und Ruhmeszeit.

„Es gab gute Gründe, Herzog Berthold III von Zähringen in Villingen eine Gedenkplastik zu erstellen. Heinrich Hug, Ratsherr und erster Stadtchronist sagt 1496: Die Stadt Villingen ist 1119 durch Herzog Berthold III ‚erbauen‘ worden. Villingen darf sich deshalb aufgrund der früher Markt-, Münz-, Zoll- und Gerichtsverleihung 999 durch Kaiser Otto III als älteste Zähringerstadt fühlen. Es bestand keine Veranlassung, den Namen Berthold III vom Sockel zu entfernen, als das Standbild an den Eingang der Ringanlage … verbannt wurde.“ 31)

Zu den Feierlichkeiten der hundertjährigen Zugehörigkeit Villingens zu Baden schrieb der Villinger Lehrer Otto Stemmler ein Theaterstück „Ein Ruhmestag aus Altvillingens Heldenzeit“ mit allegorischem Nachspiel. Inhalt der vier dramatischen Bilder war die sog. Wasserbelagerung vom 8. und 9. September 1634, eine Thematik der Geschichte, die um die Jahrhundertwende sehr populär war, was andere Bürgerfeste, die an diese Ereignisse des 30jährigen Krieges erinnerten, beweisen.

Stemmler schildert, wie das von einem übermächtigen Feind, nämlich den Württembergern und den Schweden, belagerte Villingen sich allein durch den Mut und die Tapferkeit seiner Bürger und Bürgerinnen befreien kann. Nach bestandener Gefahr erhalten die treuen Untertanen ein kaiserliches Sendschreiben mit folgendem Inhalt: „Es blieb der kaiserlichen Majestät

Verborgen nicht, wie seine gute Stadt

Getreu dem Beispiel ihrer tapfern Ahnen

So vieler Feinde Drohungen zum Trotz

In diesen schweren Zeiten zu ihm hielt

Es sei die Stadt zu jeder Zeit sich des Bewußt, daß sie ob ihrer alten und Der neubewiesnen Treu in sondrer Gunst beim Kaiser steh!“

Die Bürger sind sich keineswegs von Anfang an darin einig, die Stadt vor den Feinden um jeden Preis zu verteidigen. Der Gegenspieler des Bürgermeisters im Stück, bezeichnenderweise der Wirt zum Wilden Mann, äußert dazu folgende Ansicht: „Um solcher Händel willen soll der Bürger die Haut zu Markte tragen? Nein! sag‘ ich jetzt ist’s genug! Der Bürger hat es satt,

Nur als Kanonenfutter Euch zu dienen.“ Allerdings wird diese Haltung von vornherein degradiert. Eine eigene Meinung braucht sich der Zuschauer nicht zu bilden, er erfährt sogleich durch den Autor des Stücks, was er hiervon zu halten hat:

„Man weiß, woher bei seiner Winkelschenk

Der Zulauf kommt. Der wilde Mann führt gern

Auch wilde Red‘ im Mund, versteht sich auf’s

Geschäft, wie einer! Wenn er seinen Gästen

Sein Evangeli von der Tyrannei

Des Rats und von der Bürgerfreiheit kündet,

So redet er sie in’nen wahren Rausch

Hinein, und sind dann ihre Köpfe heiß,

So meinen sie, die Gimpel, %sei vom Wein!

Doch Ehre und Treue siegen gegen solche defäti-

stischen Anschauungen. Die Meinung des Bürger-

meisters setzt sich durch.

„…Wie kann eine Stadt, die durch

So alte Bande an das Kaiserhaus

Gekettet ist, die soviel Treue schon

In schwerer Zeit dem Kaiser hat bezeigt,

Die soviel Gnad’beweise seiner Huld

Sichtbarlich trägt, wie könnte die jetzt wanken?

Er beschließt seine Rede:

„Und wenn zuletzt auch alles fehl sollt‘ geh’n,

Und wenn uns Untergang beschieden wär‘.

So lassen wir als Ehrenmänner, die

Im Dienst der alten Treue nie erlahmen,

In Gottes Namen und bei diesen Mauern,

Die uns geheiligt sind, vom Feind begraben,

Mit uns hinunternehmend unsre Ehr‘

Und unsrer langgehegten Treue Namen!“

Diese Worte scheinen dann auch alle Bürger im Stück zu beschämen und stellen die notwendige Einigkeit her. Die Treue zu Kaiser und Vaterland versöhnt die Kontrahenten im eigenen Lager. Unter solch pathetischen Reden verstummt alle Kritik. Die Treue zum Kaiser im Mittelalter, der mittelalterliche Reichsgedanken wird parallel gesetzt mit der Treue zum neuen Deutschen Reich, und das neue badische Herzogtum knüpft an die alte Zähringergeschichte an. Der badische Großherzog wird zum Urenkel der alten Zähringer! Villinger Geschichte damit zu einem Musterbeispiel badischer Tradition. So äußert der Bürgermeister in Otto Stemmlers Stück während der Wasserbelagerung den Zweifelnden und Kleinmütigen gegenüber:

„Wär’s noch der bad’sche Markgraf Wilhelm, der

Des Kaisers Freund, an seiner Statt der Land-

Vogtei im Breisgau waltet, wollte den

Der Kaiser setzen uns zum Herrn, da wär’s

Ein anderes! Der hat, auf uns bedacht,

Durch manchen Dienst uns schon verbunden,

Es steht im besten Angedenken noch

Der Zähringer Geschlecht beim ganzen Volk.“

Die Geschichte diente dazu die Gegenwart zu rechtfertigen, die Bürger mit der Gegenwart auszusöhnen. Die Gleichsetzungen von Gegenwart und Historie wurden verstanden. In den Auseinandersetzungen der Bürger in Stemmlers Stück, ihren Diskussionen, ihrer Kritik an Rat und Bürgermeister, in den Anmerkungen über die katholische Geistlichkeit mag mancher seinen Zeitgenossen um 1900 wiederentdeckt haben. Durch die Probleme der Bürger des 30jährigen Krieges schimmerten die Konflikte des Villingen um 1900 hindurch. Die Treue zu Kaiser und Reich, so die Botschaft des Stücks, würde die ersehnte Harmonie bringen.

Am meisten Beachtung fand das Ende des Theaterstücks. Die „Huldigung der allegorischen Figuren Villingia, Friburgia und Badenia vor der Büste Großherzog Karl Friedrichs“.

Villingia trauert über ihr Geschick:

„Losgerissen von dem alten Herrscherhaus,

Das ein volles Halbjahrtausend mich

Hielt in treuer, vatergleicher Hut,

Weiß ich kaum mehr, wem ich dienen muß;

Gegen Neigung, gegen die Geschichte Klar und deutlich ausgesprochnen Sinn Sprach man mich dem Württemberger zu!“

Die Schwester Friburgia tröstet:

„Herrlich, wenn auch spät, erfüllt sich so der Alten Zähringerherzöge Ziel,

An des Reichs Südwestmark wollten Sie Dorten gegen Welschland hin als mächtig

Bollwerk sich erheben lassen ein

Starkgefügtes, großes Herzogtum, Dessen Herzog dann der größte wäre Aller die des Reichs Gebäude stützten. —Herrlich ist, was diesen Bertholdingern Nicht vergönnt ward von der Zeitungunst, Heut dem späten Sprossen ihrer Vettern, Markgraf Friedrich Karl gelungen, der ein Großherzogtum schuf in diesen Tagen, Der als Badens erster Großherzog in Der Geschichte Büchern wird fortan mit Ruhm genannt.“

Villingia läßt sich überzeugen:

„Freudig, froher Zukunftshoffnung voll, tret‘ Ich in deinen jungen Staat, Badenia!“

Die Allegorische Darstellung endet mit einer Huldigung an den Fürsten:

„Meine Huldigung, erhabener Fürst, Nimm sie huldvoll hin von deiner jüngsten Stadt, die doch altvertraut ist deinem Hause

Lang regier und glorreich Badens erster Großherzog, es blühe in die fernste Zukunft, als Juwel der deutschen Lande, Friedrichs Werk, das Großherzogtum Baden.“

Die Uraufführung in der Tonhalle sahen immerhin 1000 Menschen. Die Kunst stellte sich ganz unverhüllt und schamlos in den Dienst von Kaiser, Reich und Großherzog. Der pädagogische Wert schien unumstritten. Einziger Mißklang blieb die Tatsache, daß der Dichter Otto Stemmler seine literarische Leistung anders als die Stadtväter einschätzte und das Honorar von 50 Reichsmark ablehnte, weil sich seine Dichtung nicht in Geldeswert bemessen lasse. Der Bürgermeister der Stadt Villingen entschuldigte sich damit, er habe den Dichter mit dem Honorar keineswegs beleidigen wollen.

Zweck der künstlerischen Darbietungen durch Theater und Denkmalskunst war eine Uminterpretation der Geschichte zur Stützung der badischen und der Reichspolitik. Die historischen Themen lieferten Inhalte und Formen für moderne politische Propaganda. Ihre aufklärerische Funktion hatte die Geschichtsschreibung längst verloren. Zu der Centenar-Feier übernahm der Historiker Prof. Dr. Roder im Auftrag des Bürgermeisters Braunagel die Recherchen zu dem Thema: Anschluß Villingens an Baden. Roder beurteilte die Feiern folgendermaßen: „Ob die Stadt Villg. einen eigentlichen Festakt begehen wird, wird doch zu überlegen sein. Andernorts ging und geht man still über jene Ereignisse hinweg; höchstens, daß man daran erinnerte in dieser oder jener Form. Im Grunde genommen sind jene nur territorialen Umwälzungen, so notwendig und folgenschwer sie auch waren, doch für immer eine Schmach in der deutschen Reichsgeschichte, weil die Fürsten in offener Auflehnung gegen den Kaiser standen u. ihre Länder lediglich von Napoleons Gnaden erhalten haben, dessen Vertreter bei allen Verhandlungen die erste Rolle spielten.“ 32)

Die Einschätzung Roders dürfte die Situation Villingens um 1806 ohne Beschönigung wiedergeben. Die Stadt Villingen war 1806 zum Spielball der Fürsten geworden, sie hatte damit ihre Selbständigkeit erst einmal weitgehend verloren. Der Gewaltakt des französischen resp. welschen Erzfeindes, mit dem die süddeutschen Fürsten gegen den alten Reichsgedanken paktierten, wurde hundert Jahre später in der Villinger Tonhalle umgedeutet als Vollendung der alten Zähringerherrschaft bzw. eines ominösen Zähringer-Imperiums gegen die Franzosen, und Carl Friedrich Großherzog von Napoleons Gnaden fand sich in den Geschichtsbüchern wieder als Vollender des Siegs gegen die Franzosen und Vollender des Reichsgedankens! Die Geschichtsbetrachtungen des beginnenden 20 Jahrhunderts wurden immer mehr zur platten Geschichtsfälschung.

Illusion und Wirklichkeit

Ein Vergleich der historischen Darstellungen aus der ersten und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt zu folgenden Ergebnissen: 1847, ein Jahr vor der 48er-Revolution, empfanden die Villinger Bürger den Verlust ihrer städtischen Autonomie immer noch als einen Verlust an bürgerlicher Freiheit.

Um 1900 galt „Bürgerfreiheit“ eher als Stammtischparole, als demagogischer Terminus aus dem Vokabular „demokratischer“ oder sogar „sozialdemokratischer“ Kreise, denen es an Nationalstolz und Liebe zum Vaterland fehlte. Gleichzeitig verlor die historische Rückbesinnung ihren aufklärerischen Aspekt, sie diente nur noch dem Glanz der Fürsten und der Zurschaustellung eines hierarchisch abgestuften harmonischen Gesellschaftsbildes. Die Bürger suchten „Geborgenheit im obrigkeitlichen Schutz“. Ihr Denken bestimmte „der feige Wille zur Ohnmacht“, urteilte Max Weber. 33)

Die politischen Inhalte der historischen Ereignisse wurden unbedeutend. Entscheidend wurde die Form ihrer Darstellung, die künstlerisch überhöhte Pose, konkret die geschönten „originalen“ Pracht- und Prunkkostüme. Der Historisch-politische Inhalt reduzierte sich auf ein banales: Sieg – Heil – Hurra! Auch heute nimmt uns der Glanz der Gründerzeit immer noch gefangen. Die Bilder aus der sprichwörtlich gewordenen „guten, alten Zeit“, die prächtigen Staatsempfänge, die huldvoll lächelnden Großherzoge und -Herzoginnen haben selbst auf inzwischen überzeugte Republikaner ihre Wirkung. Unsere Möbelhäuser orientieren ihre Vorstellung von Gemütlichkeit wieder an Zimmerpalmen, an Schabracken, Bordüren, gerafften Vorhängen und Stuckornamenten. Dekorative Theaterszenen verfehlen ihre Wirkung nicht, wenn man die Wirklichkeit nicht wahrnehmen will. Auch heute vermag Illusion Realität zu ersetzen!

Zwischen 1847 und 1906 änderten sich durch die industrielle Revolution die Bedingungen der städtischen Gesellschaft von Grund auf.

1862 mit der Einführung der Gewerbefreiheit in Baden wurde der Einfluß der Zünfte abgeschafft und damit auch ein Teil der Werte des alten Handwerks aufgegeben. An die Stelle der zum Schluß der zünftigen Periode nur noch mühsam aufrecht gehaltenen Traditionen traten Konkurrenzdruck und Marktdynamik. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage bestimmten weitgehend ohne soziale Regulative das Leben des einzelnen. Die veränderten Märkte, vor allem durch die Reichsgründung verursacht, trieben Firmen in den Konkurs, riefen neue Firmengründungen hervor. Die Geschäftsnachrichten der Lokalpresse geben ein beredtes Bild davon. Selbst große und scheinbar sehr erfolgreiche Firmen gerieten unversehens in Konkurs, weil sie die Marktbedingungen falsch einschätzten. Wer heute noch ein bedeutender Industriekapitän war, konnte morgen schon seine Position verloren haben. Die Zeit wurde als unstet und voller Unsicherheit erlebt. Die ständig drohende Gefahr des wirtschaftlichen Ruins vor Augen nahm man Zuflucht zu unseriösen Geschäftspraktiken. Ängste betäubte man durch verschwenderischen Luxus. Zumindest interpretierte eine Zuschrift im Villinger Schwarzwälder die Zeiterscheinungen so.

„Es ist dieses Bankrottmachen, wie es heute zu Tage tritt nicht bloß ein Zeichen der materiellen und geschäftlichen Not, sondern auch der sittlichen Korruption des Volkes. Die unterwühlten Kreditverhältnisse in Deutschland sind seit einigen Jahren zur höchst bedenklichen und sehr beunruhigenden Tatsache geworden. Die Handelsganten (Konkurse) häufen sich in unglaublicher Weise. Es herrscht in allen Kreisen das Gefühl, daß es nicht so weiter gehen kann, wenn nicht eine schlimme Katastrophe noch einbrechen soll … Der Ursachen dieser unterwühlten Zustände sind viele, Überproduktion, lange Kredittermine, leichtfertiger Kredit … Bei größeren Geschäften ruiniert die Leute jetzt häufiger die Sucht und Mode, elegante Läden und Schaufenster herzustellen … Dazu kommt noch, daß auch die Käufer zum Teil durch die letztverwichenen Schwindeljahre und durch vermehrten Luxus in ihren Vermögensverhältnissen gestört sind.“ 34)

Konsequenz der allgemein empfundenen Unsicherheit in allen Bevölkerungskreisen war ein gigantisches Aufblühen der Versicherungswirtschaft. So zählte das Adressbuch von 1912 ca. zwanzig unterschiedliche Versicherungsagenturen, die sich in Villingen niedergelassen hatten. Vielleicht erklärt auch diese allgemein empfundene wirtschaftliche Bedrohung, die Beliebtheit solcher historischen Themen, wie sie z. B. die Wasserbelagerung des 30-jährigen Krieges darstellt. Thema: Wie sich die Villinger trotz aussichtsloser Situation vor dem Feinde retten konnten. Über die Akzeptanz der politischen Machtträger wurde dann die entbehrte Sicherheit und Geborgenheit versprochen.

Mit den beiden größten Arbeitgebern am Platz, der Uhrenfabrik Werner, 1907 etwa 450 Arbeitsplätze, und der Uhrenfabrik Villingen AG, 1907 etwa 200 Arbeitsplätze, mußten die Villinger leidvolle Erfahrungen machen. Die Dauerkrise der Uhrenfabrik in der Bleiche beschäftigte die Zeitungen über Jahrzehnte, die größte Uhrenfabrik mußte 1912/13 Konkurs anmelden, konnte aber glücklicherweise von der Schwenninger Firma Kienzle übernommen werden.

Die feinmechanische Industrie in Villingen, die Orchestrionindustrie sowie die Uhrenindustrie, waren vor allem von der Konjunktur des Weltmarktes und Auslandsaufträgen abhängig.

Dem Konkurrenzdruck versuchte man vor allem durch Automatisierung d.h. Lohnkostensenkung zu begegnen. Der Druck auf die Preise wurde soweit es möglich war auf die Löhne der Arbeiter weitergegeben, das schwächste Glied in dieser Produktionskette. Hinter den Fassaden der Villinger Altstadt, die bei der 900-Jahr-Feier einen so malerischen Hintergrund bot, fanden sich die Wohnungen der Villinger Industriearbeiter. Der „neue Anstrich“ zur großen Feier kaschierte die teilweise erbärmlichen Unterkünfte perfekt. Gerade in der Niederen Straße, durch die auch der Festzug zog, befanden sich besonders schlimme Fälle. In den dunklen, feuchten Erdgeschoßwohnungen der Villinger Altstadt mangelte es an Hygiene, Licht und frischer Luft. Die Arbeiterwohnungssituation war so schlimm, daß sie selbst den Landeskommissär in Konstanz und den badischen Gewerbeinspektor beschäftigte.35) Der Glanz der Gründerzeit hatte seinen Preis. Der industrielle Fortschritt wurde allerdings allgemein begrüßt. Das historische Dekor behinderte eine positiv, naiv-fortschrittsgläubige Einstellung keineswegs. Eher das Gegenteil war der Fall! Die Geschichte hatte geradezu die Funktion, die Errungenschaften der modernen Technik vor dem Hintergrund historischer Romantik besonders positiv herauszustellen. Sie bildete quasi die Folie, die den Fortschritt besonders hell zum Leuchten brachte. So dichtete Jos. Moder zur Centenar-Feier:

„Ein mannhaft Volk, verstand die Zeit, Es hatte Fortschritt angenommen; Verstand, daß nur mit so Geleit

Es möglich wäre durchzukommen Welch Bild zeigt heute doch die Stadt! Denkt auch zurück um fünfzig Jahre! Wer dieses noch erlebet hat

Der geb ein Stoß in die Fanfare! …

Wasserleitung, Gaslicht und Eisenbahn hatten das Leben bequemer, komfortabler gemacht. So daß der Dichter zu dem Schluß kommt:

,Wenn heut‘ das Früh’re wieder käm‘

Da möchte ich die Augen sehen!

Wie’s ist wär‘ nicht für sie bequem,

Sie würden fast vor Schreck vergehen.

Elektrik, Dampf, Automobil

Verdunkeln jetzt die alten Zeiten,

Was früher war, ist Kinderspiel

Luft, Licht und schön auf allen Seiten.“

Moder schildert das Villingen um 1906 als eine

Einkaufsmetropole, in deren Hauptstraßen die

Geschäfte alles anbieten, was das Herz begehrt.

Ganz Villingen ein Bazar, ein Kaufhaus!

„So manche Stadt mit Bazar glänzt

Hier wird gemeinsam es ergänzt;

Denn kommt man durch das Tor herein,

So schauet man verwundert drein,

Wie’s rechts und links in seltner Pracht

Dem fremden Aug‘ entgegen lacht.

Farben, Wichse, schöne Schwämme,
Hornpokale, Schirm‘ und Kämme;
Schaukelpferde, zahm und willig,
Samt dem Sattel auch noch billig.
Alles ist für jedermännig,

Kostet manchmal nur zehn Pfennig Manches kann man, kaum zu glauben Für ein Nickel sich erlauben.“

124 Verse opfert das große Gedicht zur Centenar-Feier dem Villinger Warenangebot; es war so riesig, daß

„Keine Großstadt kann es wagen

Selber mehr von sich zu sagen.“

Der Villinger Einzelhandel wurde zum Träger der wichtigsten städtischen Funktion: nämlich Einkaufsparadies des Umlandes zu sein, Schaufenster für den Wohlstand und Luxus der neuen Zeit.

Feierlichkeit, Kunst und Kommerz ließen sich ganz hervorragend miteinander verbinden. Städtische Kultur wurde jetzt zur Warenhaus- und Konsumkultur, ihre Vorreiter-Funktion in den Bereichen der politischen Kultur hatten die Städte im Laufe des 19. Jahrhunderts eingebüßt. Wenn man in Villingen schon nicht mit der Pracht einer großstädtisch-bürgerlichen Warenhaus-Szenerie aufwarten konnte, so konnte hier die ganze Stadt zum Warenhaus werden, und das Angebot war wenigstens im Gedicht überwältigend. Festlich-herrschaftliche Pracht verlockte zum Kaufen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Warum sollte die Pracht der 900-Jahr-Feier, die anmutige Gestalt einer mittelalterlichen Stadt nicht für solche Zwecke eingesetzt werden?

So empfand es jedenfalls der Villinger Einzelhandel, der den Gemeinderat aufforderte, zum Stadtfest keinen fremden Händler zuzulassen und auf das positive Vorbild der Schwenninger Kollegen verwies, die bei großen Feierlichkeiten ebenso verführen. Nicht nur Fortschritt und Handel, auch die Fabriken werden bei Moder besungen.

„Gar vielerlei ist der Betrieb
in so gar mancherlei Fabriken;
Wie zauberhaft, wie’s Manchem lieb,
Sieht man das Schwere überbrücken!
Die Riemen ziehn, die Räder geh’n,
Und hundertfältig sind die Zwecke
Doch das geheimnisvolle Dreh’n
Hilft allen glücklich um die Ecke.“

Fabriken verwandeln sich in diesen Versen in geradezu schwerelose Zauberreiche, in denen sich die modernen Wunder mit Hilfe von „Riemen“ und „Rädern“ vollziehen. Die ca. 800 Arbeiter, die in diesen „Zaubergebilden“ ihren 10-Stunden-Tag verbrachten, werden mit keiner Silbe erwähnt, ganz zu schweigen von den harten Arbeitsbedingungen, unter denen hier gearbeitet werden mußte. In diesem Wunderland würden sie wohl nur unpassend wirken. Die Fabrikanten sind die Könige dieser Zauberbereiche, welche sie mit Genie und Fleiß aufbauten, wie z. B. ‚Werner Karl I“, gemeint ist der Firmengründer der Uhrenfabrik Werner, der im Gedicht königsgleich auftritt.

Trotz allen Fortschritts in Handel und Gewerbe scheint das Handwerk immer noch in alter Blüte zu bestehen.

Jed Handwerk golden Boden hat,

Wo’s ist, ist eine Ehrenstelle;

Wenn emsige Hände nimmer matt,

Dann schafft auch im Getrieb die Welle.

Dann bringt die Arbeit viel hervor.“

Die Probleme, unter denen Teile des Handwerks leiden, die Konkurrenz durch die moderne Industrie, die Situation der häufig zugewanderten Industriearbeiter, die Wohnungsnot, all das wird ausgeblendet. Zünftige Werte und mittelalterliche Sozialidylle beherrschen immer noch die offiziellen Festbilder. Die Symbolfigur bleibt Hans Kraut mit seinen Gesellen, gefolgt von den Villinger Zünften, wie es bei der 900-Jahr-Feier noch einmal so überzeugend vor aller Augen demonstriert wurde. Ein buntes geschäftiges Treiben! Vor den Schattenseiten schloß man in Festesstimmung beharrlich die Augen. Armut fand nicht statt!

Für uns heute drängt sich bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts fast der Eindruck auf, als handle es sich bei der Welt der Bürger und der Welt der Arbeiter um zwei vollständig getrennte Bereiche, die nichts miteinander zu tun hatten.

1847 bei der Grundsteinlegung des Bezirksstrafgerichts wurde in den Grundstein neben einer geschichtlichen Darstellung auch eine statistische Beschreibung der augenblicklichen Situation eingemauert. Die wirtschaftliche Lage der Stadt war eher schlecht; es fehlte an ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten sowie an genügend Nahrungsmitteln. Der Chronist berichtete darüber:

Seit 32 Jahren genießen wir nun die goldenen Früchte des Friedens. Einzig das Hunger- und Theuerungsjahr 1817, dem auch das heurige nachzuahmen drohte, steht uns noch in abschreckendem Andenken. Tausende werden nun dem Leben erhalten, die sonst der Hand der grimmigen verfallen sein würden. Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe und Handel sind in zeitgemäßen Erblühen, wenn gleichwohl für geraume Periode ein Stocken derselben fühlbar ist. Eine Chemische-, eine Tuch-, eine Mehlfabrik, eine Fabrikation von … Essig sind seit etwa 10 Jahren dahier entstanden.

Einen Haupthebel des künftigen Wohlstandes suchen wir in der bevorstehenden Wirksamkeit des Bezirksstrafgerichtes, dem wir hoffen auch in nicht allzuweiter Ferne ein Kollegialgericht für bürgerliche Rechtspflege folgen wird.

Zu dem sind unsere Augen gerichtet auf den bevorstehenden Bau einer Eisenbahn von Offenburg bis Konstanz über hier, dessen Beginn aber durch den gegenwärtig vorherrschenden ungünstigen Geldmarkt zur Zeit nicht erfolgen konnte. Euch wird es vergönnt sein diesen Schienenweg in seinen großen Wirkungen zu bewundern; Ihr werdet Dank wissen der Generation, die solchen Bau erstrebte.“ 36)

Wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Fortschritt war 1847 noch untrennbar. Von der gerade aufblühenden Industrie erhoffte man sich eine Verbesserung für alle!

Wertewandel des 19. Jahrhunderts:

Von der Bürgerfreiheit zur industriellen Konsumkultur. 37)

Über seine deutschen Zeitgenossen äußerte sich Friedrich Nietzsche um 1900: „Sie sind von vor-gestern und übermorgen — sie haben noch kein Heute.“ 38)

Die Flucht in die Vergangenheit war überall gegenwärtig, man schwelgte geradezu in der Rückbesinnung.

Den Entbehrungen der Gegenwart wurde eine harmonische Vergangenheit entgegengesetzt. Den Widersprüchen der Aktualität wich man aus, indem man die Gegenwart unkritisch als das Ende und den Vollzug eines heroischen Mittelalters setzte. Geschichte wurde zur Bestätigung der eigenen Größe, eine ideale Überhöhung der konfliktgeladenen Gegenwart.

Die bürgerliche Öffentlichkeit, ihre Wünsche, ihre Ängste artikulierten sich nur bedingt. Das gigantische Fest, die ideologische Verknüpfung der mittelalterlichen Stadt mit dem badischen Herrscherhaus, die Macht des Fürsten ersetzten eigene Macht, eigene Größe, traten an die Stelle der eigenen Ohnmacht.

Die Künstler stellten sich in den Dienst dieser Vorhaben.

Welche Verdrängung bürgerlicher Autonomiewünsche, welche Aufgabe eigener bürgerlicher Identität geleistet werden mußte, davon überliefern die Quellen nur wenig.

Die Zeit nach 1850, im Schwarzwald die Zeit der Industrialisierung, in der das traditionelle Handwerk teilweise in schwere Bedrängnis kam, offenbart in den offiziellen Texten nur wenig von ihrer wirtschaftlich-sozialen Wirklichkeit.

Erhalten hat sich in Villingen dagegen ein besonders ausgeprägtes Interesse an den Zähringern, sowie eine betont badische Selbsteinschätzung. Zeiten, in denen die Geschichtsschreibung Mode ist, die Heimatvereine ihren Zulauf haben, sind immer auch Zeiten, in denen wir uns von einer ins Wanken geratenen Umwelt bedroht fühlen. Insoweit diese Rückbesinnung Verständnis für das Gewordene bietet, insoweit sie einen positiv kritischen Gegenentwurf für heutiges liefert, mag es wohl berechtigt sein, über das Vergangene nachzudenken. Selbstverwaltung, Bürgersinn, Solidarität und Nachbarschaft sind Werte, die uns die mittelalterliche Stadtgeschichte überliefert. Der Versuch, diese Werte in das 19. Jahrhundert hinüberzuretten, in den bürgerlichen Grund- und Menschenrechten aufgehen zu lassen, mißlang erst einmal. An die Stelle der Herrschaft durch das Volk trat die Herrschaft der Fürsten des neuen Deutschen Reiches. Die Geschichte legitimierte nun nicht mehr wie noch vor 1848 die Freiheitsansprüche des Volkes, sondern über eine Kette von adligen Ahnen die Macht des Herrschers. Bürgerrechte wurden auf fürstliche Gnadenakte reduziert. Die Formen der Machtdarstellung durch die Fürsten und den Adel wurde von den neuen Industrieführern, denen Deutschland nicht zuletzt seine neue Größe zu verdanken hatte, kopiert. Die Fabrikanten traten an die Stelle der alten Handwerker- und Patriziersippen.

Gefolgschaft und bedingungslose Treue wurden als sogenannte überlieferte, spezifisch deutsche Tugenden propagiert. Diese Werte schienen auch besser geeignet, den allgegenwärtigen Fortschritt durchzusetzen, ohne ihn den Reibungsverlusten der städtischen Kontrolle, bzw. der Kontrolle einer gewachsenen bürgerlichen Gesellschaft zu unterwerfen.

Was häufig als bürgerliche Engstirnigkeit verkannt wird, als „spießbürgerliche soziale Kontrolle“ karikiert wurde, zeigte auch den Willen einer Stadtgesellschaft, ihren Bürgern, d. h. auch den armen Schichten angemessene Sicherheit zu bieten.

„Das berufliche Leben des Bürgers spielte sich in sehr engen Grenzen ab, die sich die Zünfte seit dem Mittelalter gesetzt hatten und an deren Ordnung man zäh festhielt. Alles war bis ins kleinste spezialisiert und reglementiert. Für jeden war zwar ein Lebensraum im Rahmen der allgemein sehr bescheidenen Umstände abgesteckt, aber keiner durfte sich darüber hinaus freimachen oder sich einen Vorteil auf Kosten des anderen verschaffen. Der Neid war ein scharfes Auge … Das enge Zusammenleben innerhalb der Mauern ließ aber unter den damaligen primitiven Verhältnissen keine andere Wahl.“ 39)

Solidarität und Wettbewerb, Fortschritt und Menschlichkeit können oft in einem Spannungsverhältnis stehen. Die Entscheidung für die eine Seite führt manchmal zum Nachteil der anderen. Es ist sicher gerade heute — bei immer engerwerdenden Finanzierungsspielräumen – wieder sinnvoll, sich an die alten Überlebenstugenden zurückzuerinnern.

Die Symbiose zwischen Industrie und Demokratie – 1846 noch ein denkbares Modell, sollte damals nicht gelingen. Die Industrie brauchte die Macht der Nationalstaaten, um ihre Interessen durchzusetzen. Da die Erfolge nicht ausblieben, erschien der neue deutsche Weg als gut und richtig.

Literatur:

Conradt-Mach, Annemarie: Feinwerktechnik – Arbeitswelt – Arbeiterkultur. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Villingens und Schwenningens vor 1914. Villingen-Schwenningen 1985. Glaser, Hermann: Maschinenwelt und Alltagsleben. Reutlingen 1981. Hartmann, Andreas: Freiburg 1900. Waldkirch 1985, S. 199. Ebenso Schadek, Hans und Schmid, Karl (Hrsg.): Die Zähringer. Anstoß und Wirkung. Veröffentlichungen zur Zähringer-Ausstellung II. Sigmaringen 1986.

Nietsche, Friedrich: Werke. Frankfurt 1976 Bd. 3.

Revellio, Paul: Das alte Rathaus S. 179 – 188 In. Ders.: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964.

Rodenwaldt, Ulrich: Das Leben im alten Villingen. 2. Aufl. Villingen-Schwenningen 1983.

Schadek, Hans und Schmid, Karl (Hrsg.): Die Zähringer. Anstoß und Wirkung. Veröffentlichungen zur Zähringer-Ausstellung II. Sigmaringen 1986.

Schreiner, Klaus: Die Stadt des Mittelalters als Faktor bürgerlicher Identitätsbildung. Zur Gegenwärtigkeit des mittelalterlichen Stadtbürgertums im historisch-politischen Bewußtsein des 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. S. 517-541 In: Meckseper, Cord: Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650. Stuttgart 1985 (Landesausstellung Niedersachsen 1985, Ausstellungskatalog Bd. 4).

Schroff, H. u. Bühler, H.: Villinger Bilddokumente. Villingen-Schwenningen 1983.

Schwineköper, Berent: Die heutige Stadt Villingen – eine Gründung Herzog Bertolds V. von Zähringen (1186-1218) S. 75-100. In: Schmid, Karl (Hrsg.): Die Zähringer. Eine Tradition und ihre Erforschung. Veröffentlichungen zur Zähringer-Ausstellung I. Sigmaringen 1986.

Stadt Villingen-Schwenningen (Hrsg.): Feldforschung in Villingen-Schwenningen. Ein Beitrag zur Diskussion über die Kultur in der Doppelstadt. Villingen-Schwenningen 1991.

Anmerkungen:

1) Zur Industrie- und Gewerbeausstellung 1907, SAVS, Bestand 2.2.

2) Stadtarchiv VS Gewerbe- und Industrieausstellung 1907, Zei­tungsberichte, SAVS, Bestand 2.2.

3) (Emil Braunagel, Villingen im Jahre 1806. In: Das Badener Land

4) v. 16.12.1906), SAVS, Bestand 2.2, XI 3.46.

5) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.46.

6) Elterliche und eigene Erinnerungen, geschrieben von Heinrich Dold in den Jahren 1898-1900. Eine Kopie des Originals wurde mir von Uta Baumann überlassen.

7) Alle Zitate aus: SAVS, Bestand 2.2, XI 3.46. (a.a.O.) Der ehemalige Bürgermeister und Abgeordnete der II. Kammer Vetter in seinem Gedenkbrief der Stadt Villingen:

8) 9) 10) 11)(a.a.O.)

12) Revellio, Paul: Villingens Übergang an die Rheinbundstaaten Württemberg und Baden. S. 86-90 In. Ders.: Beiträge zur Ge­schichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 90.

13) (Breisgauer Zeitung v. 13.8.1899) Zeitungsausschnitte zur 900-Jahr-Feier. SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

14) (Breisgauer Zeitung v. 15.8.1899) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

15) 16) 17) (a.a.O.)

18) Revellio, Paul: Das alte Rathaus S. 179 – 188 In. Ders.: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964 S. 180 und 187 außerdem S. 105 Aquarell der Rathausfassade des Holländers Pieter Francis Peters v. 1849.

19) Hartmann, Andreas: Freiburg 1900. Waldkirch 1985. Darin besonders das Kapitel: Die Auftürmung der Stadttore. S. 184-192 Man denke hier nur an die Kaiserpfalz in Goslar, an die Burg in Braunschweig oder auch an die Freiburger Stadttortürme.

20) (Breisgauer Zeitung v. 15.8.1899) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

21) Zeitungsausschnitte zur 900-Jahr-Feier, SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

22) (a.a.O.)

23) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

24) (Donaueschinger Wochenblatt v. 15.8.1899) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

25) (Die Neckarquelle) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

26) (Breisgauer Zeitung) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

27) (Breisgauer Zeitung) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.47.

28) Vgl. dazu Das Kapitel 5 „Zähringer verewigt: Brunnen und Denkmäler. S. 365-374. In: Schadek, Hans und Schmid, Karl (Hrsg.): Die Zähringer. Anstoß und Wirkung. Veröffentlichungen zur Zähringer-Ausstellung II. Sigmaringen 1986.

29) Vgl. dazu Schroff, H. u. Bühler, H.: Villinger Bilddokumente.Villingen-Schwenningen 1983, S. 77.

30) (Vgl. Hartmann, Andreas: Freiburg 1900. Waldkirch 1985, S. 199. Ebenso Schadek, Hans und Schmid, Karl (Hrsg.): Die Zähringer. Anstoß und Wirkung. Veröffentlichungen zur Zähringer-Ausstellung II. Sigmaringen 1986. S. 401 f .

31) Schroff, H. u. Bühler, H.: Villinger Bilddokumente. Villingen-Schwenningen 1983, S. 77.

32) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.46.

33) zitiert nach: Schreiner, Klaus: Die Stadt des Mittelalters als Fak­tor bürgerlicher Identitätsbildung. Zur Gegenwärtigkeit des mittel­alterlichen Stadtbürgertums im historisch-politischen Bewußtsein des 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. S. 517-541 In Meckseper, Cord: Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürger­tums in Norddeutschland 1150-1650. Stuttgart 1985 ( Landesaus­stellung Niedersachsen 1985, Ausstellungskatalog Bd. 4) S. 530.

34) (1870, zitiert nach Josef Honold).

35) Conradt-Mach, Annemarie: Feinwerktechnik – Arbeitswelt ­Arbeiterkultur. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Villingens und Schwenningens vor 1914. Villingen-Schwenningen 1985. S. 103 f.

36) SAVS, Bestand 2.2, XI 3.46.

37) Vgl. Glaser, Hermann: Maschinenwelt und Alltagsleben. Reut­lingen 1981 (Darin besonders das Kapitel : Machtgeschützte Fest­lichkeit S. 137-144.

38) Nietsche, Friedrich: Werke. Frankfurt 1976 Bd. 3 S. 706.

39) Rodenwaldt Ulrich: Das Leben im alten Villingen. 2. Aufl. Villingen-Schwenningen 1983 S. 43.

Zurück zu den Wurzeln

Die Beziehungen der Universität Freiburg zu Villingen

 

 

 

 

 

Am 15. und 16 April 1999 präsentierte sich die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit öffentlichen Vorträgen, Studienberatung, einer Ausstellung in der Hauptstelle der Sparkasse und einem Konzert des Akademischen Orchesters. Der Rektor der Universität Freiburg, Prof Dr. Wolfgang Jäger sprach zur Einführung im Franziskaner-Konzerthaus über die Beziehungen der Universität zu Villingen.

Den Schlußpunkt der Universitätstage setzte ein vom Geschichts- und Heimatverein organisierter Abend, der ganz im Zeichen von Heimat- und Regionalforschung stand. Nachstehend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede von Professor Jäger, die wir der Pressemitteilung der Stadt Villingen-Schwenningen entnommen haben.

Die Universitätstage in Villingen sind mehr als eine Referenz zum Jubiläum „1000 Jahre Markt-, Münz- und Zollrecht Villingen“. Denn im Villinger Kloster der Franziskaner, so schreibt die Geschichte, seien die Ursprünge der ehrwürdigen Freiburger Universität zu suchen. Dort nämlich trafen sich im Juni des Jahres 1455 Erzherzog Albrecht und Matthäus Hummel, ein Mann aus altem Villinger Geschlecht, um über die Errichtung einer Universität zu disputieren. Mit Bedacht hatte der Herrscher sein Augenmerk auf den dreifachen Doktor der freien Künste, des Kirchenrechts und der Medizin gerichtet, denn im Alter von gerade 30 Jahren war dieser Mann bereits ein erstrangiger Gelehrter, ein vielgepriesener Magister und Erster Rat seines erzherzoglichen Landesherrn. Matthäus Hummel erhielt den Auftrag zur Errichtung der „Albertina“ und wurde mit dem 30. April 1460 erster Rektor der Freiburger Universität. „Die Weisheit hat sich ein Haus erbaut“ begann er an jenem Tag seine denkwürdige Eröffnungsrede, die er mit der Ermahnung schloß: „Die Hochschule hat nur einem Ziel zu dienen: der Wahrheit.“ Auch nach dem Gründungsrektor, der zweiundfünfzigjährig in Freiburg verstarb,

blieben die Verbindungen zwischen der noch jungen Universität und Villingen im Bildungswesen sehr eng. Auf Matthäus Hummel folgte als Rektor der Villinger Bürgersohn Ulrich Rotpletz, Professor des Kirchenrechts, der sich mit Eröffnung der Universität als Student immatrikuliert hatte, und auch dessen Nachfolger, Jakob Streit, war als Professor der Pandekten (ein Jurist) sechsmaliger Rektor der Freiburger Alma Mater. Als ordentlicher Professor lehrte dort auch der Villinger Sigismund Wittumb Villingamus und der Ordinarius des Zivilrechts Wolfgang Streit. Auch Trudpert Neugart, 1742 in Villingen geboren, ist in seiner Heimatstadt und in der Chronik der Freiburger Universität unvergessen. Zunächst Lehrer der Theologie in St. Blasien und Seelsorger in Orten des südlichen Schwarzwaldes, kam er als Professor für orientalische Sprachen nach Freiburg und schrieb dort sein Werk „Einführung der biblischen Sprachen in das Theologiestudium an der Universität Freiburg“. Nicht nur an der Spitze der Universität gaben sich die Gelehrten aus Villingen buchstäblich die Klinke in die Hand, auch die Studierenden nutzten die Nähe zur Freiburger Universität und ihren schon damals ausgezeichneten Ruf.

Siebenmal Zuflucht vor der Pest in Villingen

Es war eine schlimme Zeit, in die die „Albertina“ hineingeboren wurde. Schwere Pestepidemien rafften in Europa die Menschen dahin, und auch die Raumschaft Freiburg blieb von der „bösen Luft“ nicht verschont, was wiederum direkt Auswirkungen auf die Partnerschaft zu Villingen zur Folge hatte. Verstorbene Professoren und ein dramatischer Rückgang der Immatrikulationen, Geldmangel und Abwanderung der Gelehrten und Magister zwangen zum Handeln. So schickte man den Magister Johannes Bollanus, ausgerüstet mit einem Kredenzschreiben und einer Abschrift des Maximilianischen Freiheitsbriefes gen Villingen, um den Rat der Stadt „um ehrfürchtige und angemessene Aufnahme“ zu bitten. Was bedeutete, daß zunächst einzelne Zweige und schließlich eine ganze Fakultät vom pestbedrohten Freiburg nach Villingen umsiedelten, wobei Kaiser Maximilian verfügte, daß die Lehrenden und Studierenden an ihrem Fluchtort die gleichen Rechte und Freiheiten genießen sollten wie in Freiburg selbst.

Die Rektoren der Universität mögen sich dabei den Rat des Freiburger Theologieprofessors Dr. Joachim Landolt zu eigen gemacht haben, als sie darangingen, ihren Lehrbetrieb vorübergehend in das Villinger Kloster der Minoriten, vornehmlich aber auch in das Franziskanerkloster zu verlegen. Der Stadtpfarrer schreibt nämlich in seiner „Christlichen Antwort von der Flucht zur Zeit regierender Pestilenz“: „Drei Dinge sind, dadurch jedermann der der Pestilenz entfliehen kann. Fleuch bald, zeuch weit von solcher Gränz, darin regiert die Pestilenz. Komm langsam wieder in die Stadt, da solche Sucht regieret hat.“

Insgesamt siebenmal erfolgten in Zeiten der Pest Verlegungen der Universität Freiburg nach Villingen. Die seit dem frühen Mittelalter bestehende Verkehrsanbindung über das Wagensteigtal den Schwarzwald hinauf, die gesunde Höhenluft, vor allem aber die fürsorgliche Aufnahme durch die Menschen in den Klöstern und auch den Bürgerhäusern mögen der Grund dafür gewesen sein, daß Villingen immer wieder Ziel der Pestflucht wurde — in Niederschriften ist allerdings auch nachzulesen, daß der Zufluchtsort Villingen nicht wegen der günstigen Lage, „sondern wegen des aus dem Zehnten dort zufallenden Getreides als der günstigere aller Orte“ ausgewählt wurde. Wie auch immer, das Raumangebot im Franziskanerkloster jedenfalls genügte den gelehrten Herren und ihren Studierenden, man hatte ausreichend Hörsäle für die einzelnen Fakultäten, zufriedenstellende Unterkünfte für Schlafräume und Lagerstätten und sogar einen Karzer für jene jungen Wilden, die statt sich der klösterlichen Ruhe hinzugeben zur Nachtzeit mit frechem Geschrei durch die Gassen gelaufen seien und anschließend außerhalb der Stadttore noch eine Gans gefangen hätten.

Die vor der Pest geflüchteten Gäste aus Freiburi nahmen die Gastfreundschaft nicht als Selbstverständlichkeit. Es gab viel Lob und Dank und sogar kostbare Geschenke. So schrieb im September de: Jahres 1594 der Rektor der Senatsversammlung daß „die Freundlichkeit der Villinger derart ist daß wir sie mit recht preisen müssen …“. Schor Jahre zuvor erhielten die Minoriten für ihr erwiesenes Wohlwollen ein kunstvoll gebundenes unc mit Silber reich verziertes Meßbuch. Eine Ehr (ganz anderer Art wurde ebenfalls 1594 den Franziskanern zuteil: Für sie veranstaltete die Universität ein Festmahl und eine „comedia“, an der de: Rektor, der Graf von Fürstenberg, die Adligen de: Stadt, der Abt von St. Georgen, der Ratsschreiber der Komtur der Johanniter und alle Franziskaner pater teilnahmen. Als Dreingabe spendeten dit Gäste 27 Gulden, die zur Restaurierung eine: Kirchenfensters genutzt werden sollten.

 

Bickentor im Visier (Hermann Colli)

Gerhard Ächtners Torturm-Modell findet große Beachtung

Zum Jubiläumsjahr wollte Gerhard Ächtner sich selbst und der Stadt ein besonderes Geschenk machen und das ist ihm voll und ganz gelungen: Der tüchtige Handwerksmeister baute das Bickentor mit angrenzendem Kloster als Modell nach.

In mehr als drei Jahren und rund tausend Arbeitsstunden — passend zum Jubiläum! — schuf er ein Meisterwerk der Modellbaukunst. Im Maßstab 1:50 präsentierte er am 5. März 1999 in einer kleinen Feier im Münsterzentrum sein Werk.

Bis ins kleinste Detail hat der Hobby-Modellbauer das historische Bauwerk originalgetreu nachgebaut. Da fehlt kein einziger Stein im Mauerwerk. Rund 4800 winzige Biberschwänze decken das Dach, jeder einzeln gefertigt und montiert. Glockentürmchen, Uhr, Fenstergitter, Stuckornamente und Brunnen vor der Kapellentür, alles ist da und haargenau nachgebildet. Klar, daß die Uhr auch richtig geht und das kleine Glöckchen im Turm bimmelt. Kurzum: Es ist eine Freude das Prachtstück zu betrachten.

Das fanden auch die Besucher beim Präsentationsabend, der zu einem richtigen kleinen Villinger Fest wurde. Dabei gab es aber nicht nur viel Lob für den Erbauer und seinen Freund Lambert Hermle, mit dem zusammen er schon vor einigen Jahren den Aussichtsturm als Modell nachgebaut hatte und der ihn auch wieder mit Rat und Tat unterstützte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte.

Unser Ehrenmitglied Werner Huger referierte über die Villinger Tortürme und nahm dabei besonders das Bickentor, das, praktisch als Anschauungsobjekt, neben dem Rednerpult stand, ins Visier. Auf ihre liebenswürdige Art und Weise rückten die Spittelsänger die heimischen Tore und Türme in den Blickpunkt. Sie besangen auch das Kloster St. Ursula und seine Bewohner.

Es war ein rundherum gelungener Abend!

Da fehlt kein einziger Ziegel! Rund 4800 Biberschwänze decken Klosterdach und Turmhelm.

 

 

Die alten Hausnummern der Villinger Innenstadt (Helmut Schofer)

Vom Münsterplatz in Villingen führt beim Alten Rathaus eine vielbegangene Passage in die Rietstraße. In dem alten Mauerstein über deren Eingang steht eine Hausnummer, die gar nicht in unser heutiges Nummernsystem paßt.

Diese alten Hausnummern wurden im Juli 1786 eingeführt. 1) 593 Gebäude wurden damals in der Innenstadt gezählt. Bis 1904 erhöhte sich die Zahl auf 599. Grundlage war die Volks- und Häuserzählung des Jahres 1786, die unter anderem dazu dienen sollte, die Einquartierung von Truppen gerechter und exakter durchzuführen. 2) „Bei der Einquartierung begann man mit der Hausnummer „eins“ und quartierte solange ein, bis alle versorgt waren, bei der nächsten begann man dort, wo die letzte aufgehört hatte.3) Es mußte also eine Numerierung gefunden werden, die fortlaufend alle einzeln stehenden Gebäude der Stadt erfaßte. Man begann am Riettor beim Torstüble mit Nr. 1 bis Nr. 6, dann in der Schulgasse weiter mit Nr. 7, immer den Pfeilen des Plans folgend bis zum Ende der Innenstadtnumerierung wieder am Riettor. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts genügte diese Numerierung nicht mehr den modernen Anforderungen. Es war schwierig Neubaugebiete zu erfassen und die Nummern waren viel zu hoch. So wurde am 22. Dezember 1904 beschlossen4), die alten Nummern umzuändern und die heute noch gültige Nummernsystematik einzuführen, bei der jede Straße für sich zählt, die ungeraden Nummern links und die geraden Nummern rechts stehen5). Im Adreßbuch von 19056) kann man alte und neue Hausnummern gleichzeitig finden.

Grafik aus „Villingen, die alte Stadt“ von Paul Revellio, Überarbeitung Mareike Tritschler.

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis:

1) Protokollbuch der Villinger Franziskaner, Villinger Volksblatt 1886, schaffnei edition

2) Ingeborg Kottmann, Ute Schulze, Villingen auf dem Weg von Vorderösterreich nach Baden 1740 — 1806, in Villingen und Schwenningen, Geschichte und Kultur, Hermann Kuhn Verlag

3) ebenda, S.298/299.

4) Ratsprotokoll vom 22. 12. 1904, Bestandsnr. 2.2.VI.1, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

5) Adreßbuch der Großherzoglich Badischen Kreishauptstadt Villingen 1905.

 

Neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte (Dr. Michael Raub)

Anmerkungen zum Band 15 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen

Möglichkeiten und Anliegen des Buches

Villingen-Schwenningen ist außerhalb Südwestdeutschlands, obwohl Oberzentrum, im Gegensatz zu Städten wie etwa Freiburg nicht besonders bekannt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Doppelstadt in geschichtlicher Hinsicht Außerordentliches zu bieten hat, was eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung auf jeden Fall lohnt. Auf ihrer Gemarkung findet sich mit dem Magdalenenberg immerhin der größte Grabhügel der frühkeltischen Hallstattkultur mit entsprechend reichen Funden. Blendet man diese Vorgeschichte sinnvollerweise aus, da sie keinen Zusammenhang mit der späteren Geschichte Villingen-Schwenningens hat, weisen beide Teilstädte eine bis in die alemannische Landnahme zurückgehende Besiedlung auf, werden gemeinsam bereits 817 in einer Urkunde Ludwigs des Frommen erwähnt, nehmen dann als Dorf und Stadt jahrhundertelang typisch verschiedene Entwicklungen. Villingen stellt, lange vor Freiburg, eine der ersten Markt- und damit auch indirekt Stadtgründungen im Südwesten dar. Reichs- und Territorialpolitik, mittelalterliche Stadtfreiheit und Zunftwesen, Reformation und 30-jähriger Krieg, industrielle Revolution und Arbeiterbewegung, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, schließlich die Gebietsreform der 60er und 70er Jahre sind Themen, die sich in der Geschichte der heutigen Doppelstadt vor allem deshalb gut widerspiegeln, weil Villingen und Schwenningen in sozialer, ökonomischer, politischer, religiöser, kultureller und auch mentaler Hinsicht teilweise ganz unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Nicht weniger als dieser geschichtliche Reichtum lädt die günstige Forschungslage zur weiteren Aufarbeitung der Geschichte und Kultur ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie viele deutsche Städte können schon wie Villingen trotz aller Wirrnisse und Kriege eine weitgehend unversehrte Bausubstanz aufweisen, die zum Teil noch aus dem Hochmittelalter stammt und etwa der modernen Archäologie vieles bisher Unbekanntes aus früheren Zeiten verrät? Ebenso günstig ist die Quellenlage: Villingen-Schwenningen besitzt ein reichhaltiges Stadtarchiv, dem Historiker erschließt sich eine Fülle von Dokumenten. Diese hervorragenden Rahmenbedingungen Villingen-Schwenningens sind für die lokale Historiographie ein Glück, darüber hinaus freilich auch eine enorme Herausforderung; sie wecken entsprechend hohe Erwartungen an die Ergebnisse.

Die Geschichtsschreibung über Villingen und Schwenningen ist beileibe kein Neuland, die Tradition reicht von Heinrich Hugs Chronik vom Beginn des 16. Jahrhunderts über Autoren wie Christian Roder, Paul Revellio und Otto Benzing bis hin zu neueren Forschern.

An diesen Rahmenbedingungen muß sich ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch messen lassen, das zum 1000-jährigen Marktjubiläum Villingens erscheint. Es handelt sich um den Band 15 der, Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen“, erschienen unter dem Titel ,Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Herausgegeben von der Stadt Villingen-Schwenningen aus Anlaß des Jubiläums 1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht.“ (Hermann Kuhn Verlag, Villingen-Schwenningen 1998) Die redaktionelle Leitung hatte Stadtarchivar und Museumsleiter Heinrich Maulhardt. Das leinengebundene Buch im stabilen Einband und mit gelegentlichen, teils farbigen Abbildungen enthält auf 532 Seiten 23 Aufsätze von 23 Autorinnen und Autoren, die teilweise in Teams gearbeitet haben. 10 der Verfasserinnen und Verfasser konnten von auswärts gewonnen werden.

Der Sammelband stellt sich laut Einleitung die Aufgabe, „neue Forschungsergebnisse zusammenzufassen“, nicht jedoch eine systematische Darstellung der Stadtgeschichte zu leisten. Es bleibe bei einer „Überarbeitung und Ergänzung von »Meilensteinen« der Geschichtsschreibung der Vergangenheit. Dabei soll eine Forschungsbilanz der 90er Jahre gezogen werden; Forschung und Geschichtsschreibung gelten als nicht abgeschlossen. Verzichtet wird auch auf „Neuaufgüsse vorhandener Arbeiten, wenn keine neuen Forschungsergebnisse“ vorhanden waren oder Autoren fehlten. In wissenschaftsmethodischer Hinsicht wird eine „interdisziplinäre Kooperation verschiedener Forschungsrichtungen“ angestrebt, die „historisch-vergleichende Methode“, hier bezogen auf Villingen und Schwenningen, soll „Leitfaden des Gesamtprojekts“ sein. Folglich ist es auch Anliegen des Buches, „[…] Einblicke in die Grundlagenforschung zu geben, die aus Einzelprojekten in den Bereichen Archäologie, Museum, Archiv und Hochschulforschung hervorgingen.“

Zu Themen und Methoden der Aufsätze:

Eine Übersicht

Wie bei Einzelaufsätzen ohnehin schwer möglich und wie angekündigt, finden sich weder durchgängige chronologische Darstellungen noch umfassende Behandlungen einzelner Epochen. In der mittelalterlichen Geschichte geht es im Zusammenhang mit der 1000-Jahr-Feier natürlich um die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts und deren Hintergründe, dargestellt von dem Freiburger Historiker Thomas Zotz, in weiteren Artikeln von Werner Huger, dem Archäologen Bertram Jenisch vom Landesdenkmalamt, dem Freiburger Historiker Karl Weber, dem Bollschweiler Historiker Casimir Bumiller um die Entwicklung zur Stadt, um die Wirtschafts-, Rechts-, Verfassungs- und Sozialgeschichte unter Zähringern, Fürstenbergern und schließlich Habsburgern. Ulrich Klein vom Württembergischen Landes-museum in Stuttgart präsentiert alte Münzen aus Villingen. Wegen der Spärlichkeit der überlieferten Quellen bis ins 14. Jahrhundert kommt der Archäologie in der Frühphase der Stadt eine besondere Bedeutung zu. Hier werden die Stadtwerdung sowie die mittelalterlichen Sakral- und Profan-bauten untersucht, was wiederum manche Einblicke in das damalige Alltagsleben ermöglicht. Einen Bogen vom Mittelalter in die Neuzeit spannt Edith Boewe-Koob in einem Artikel über die Klarissen, der Einblicke in den Geist und die Stimmung mystisch-kontemplativen Villinger Klosterlebens gibt. Das heute — weil lange vernachlässigt — sehr aktuelle Thema „Frauen“ greift Annemarie Walz in ihrem Beitrag über die Villinger Hexenverfolgungen auf, die immerhin mindestens 46 Personen — allerdings nicht ausschließlich Frauen — das Leben kosteten. Michael Tocha, Geschichtslehrer im Gymnasialdienst, widmet sich der Reformation, einem für die Geschichte der Doppelstadt besonders wichtigen Thema, da in dieser Zeit die bis heute fortwirkenden Ressentiments zwischen Villingen und Schwenningen entstanden. Nach diesen drei Arbeiten in herkömmlicher Geschichtsschreibung, die Fakten und Zusammenhänge aufarbeiten, wird anhand der Romäusbilder und Stadtansichten eine kultursoziologische Fragestellung auf dem Hintergrund der politischen und militärischen Geschichte der frühen Neuzeit entwickelt: Anita Auer und Michael Hütt, beide Kunsthistoriker am Villinger Franziskanermuseum, fragen, welche Funktion die Romäusdarstellungen bzw. die monumentalen Stadtansichten für das Villinger Selbstverständnis erfüllten und welchen Funktionswandel die veränderten Darstellungen des gleichen Sujets widerspiegeln. Dem sozialgeschichtlich sehr wichtigen Thema der Armut und des Armenwesens in Villingen — hier sind die Ursprünge unseres modernen Sozialstaats zu suchen — wendet sich die Tübinger Historikerin Ute Ströbele zu. Bedingt durch die Quellenlage, beschränkt sie das Thema weitgehend auf die frühe Neuzeit. Zusammen mit Ingeborg Kottmann vom Stadtarchiv Villingen-Schwenningen stellt sie im folgenden Artikel über den Weg Villingens “ [..] von Vorderösterreich nach Baden 1740-1806″ zunächst kirchliche und staatliche Modernisierungsschübe unter den Habsburgern dar, dann die enormen Belastungen durch Kriege und Einquartierungen für Villingen um 1800, schließlich den Anschluß an Baden nach dem modenesischen und württembergischen Zwischenspiel.

Die weiteren Artikel über das 19. und 20. Jahrhundert rücken Schwenningen deutlicher ins Blickfeld, das sich nun 700 Jahre nach Villingen ebenfalls zur Stadt entwickelt. Eine weitere Arbeit von Ingeborg Kottmann berichtet über die Ereignisse der 1848er Revolution in Villingen und Schwenningen. Von der Sache her liegt der Schwerpunkt wiederum auf Villingen. Die ehemalige Schuldirektorin Marianne Kriesche referiert über die Entwicklung des Schulwesens durch die Jahrhunderte in beiden Städten, es ist die einzige diachrone Darstellung in dem Buch, die ein Thema von den Anfängen bis zur Gegenwart behandelt. Annemarie Conradt-Mach, Lehrerin an der Schwenninger Feintechnikschule, befaßt sich mit der Gewerkschaftsbewegung in der Doppelstadt und vermittelt dabei einen notwendigen Überblick über die Industrialisierung und deren Unterschiede in den beiden Städten. Michael J. H. Zimmermann verfaßte den einzigen Artikel, der sich nur auf Schwenningen bezieht: Er referiert über das dortige Pressewesen von „Die Biene“ aus dem Jahr 1841 bis hin zur letzten Gründung einer Zeitschrift im Jahre 1989, der „VS-international. Zeitung von Ausländern für Ausländer und Deutsche“, die allerdings nur eine Ausgabe erlebte. Drei Artikel beziehen sich auf die Zeit des Nationalsozialismus: Um Kommunal-, Arbeits- und Wirtschaftspolitik sowie die soziale Lage der Arbeiter in dieser Zeit geht es Annemarie Conradt-Mach und Ingeborg Kottmann unter dem Titel „Einstimmung des Volkes auf den Krieg“, es schließt sich eine Arbeit der Villinger Geschichtslehrer Ekkehard Hausen und Hartmut Danneck über ‚Widerstand und Verweigerung“ an. Dem bisher in der Forschung wenig beachteten Thema der Fremdarbeiter — ob freiwillig oder gezwungen —gilt ein Aufsatz des St. Georgener Historikers Stefan Alexander Aßfalg. Zwei abschließende Arbeiten befassen sich mit dem wichtigsten Ereignis der Nachkriegszeit, der Gründung der Doppelstadt einschließlich der entsprechenden Eingemeindungen. Die beiden Artikel des Heidelberger Geographen Paul Reuber und des ehemaligen Schwenninger, dann gesamtstädtischen Oberbürgermeisters Gerhard Gebauer haben das gleiche Thema, gehen es aber von unterschiedlicher Perspektive heran: Reuber recherchiert vornehmlich in Sitzungsprotokollen und Zeitungsarchiven, Gebauer als Zeitzeuge und treibender Kraft des Fusionsprozesses schreibt eine viel persönlicher gefärbte Darstellung aus der Erinnerung, sein Artikel enthält als einziger keine Fußnoten, Quellenoder Literaturangaben. Die anderen Artikel über das 19. und 20. Jahrhundert sind historische Forschungsarbeiten, die sich auf Sekundärliteratur und in der Regel auch auf Quellen beziehen. Meist werden auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede in bezug auf beide Städte bzw. Stadtbezirke herausgearbeitet.

Zum Inhalt und zu wissenschaftlichen Ergebnissen des Buches:

Villingen und Schwenningen auf dem Hintergrund der allgemeinen Geschichte

Eine Aufsatzsammlung wie die vorliegende hat zwangsläufig keinen thematischen roten Faden außer den Bezugsorten Villingen und Schwenningen und dem zeitlichen Bezugsrahmen des vergangenen Jahrtausends, geschweige denn eine griffige These, die sich herausfiltern ließe. Die Autorinnen und Autoren haben ihre jeweiligen Forschungsschwerpunkte, ihr Erkenntnisinteresse, ihre Fragestellungen und ihre Vorlieben in die Artikel eingebracht, teilweise zeichnet sich auch ein persönlicher und weltanschaulicher Hintergrund ab. Den Aufsätzen liegt weder ein inhaltliches noch ein methodisches Gesamtkonzept zugrunde — was übrigens kein Nachteil sein muß. So würde es den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen, wollte man auch nur das Wesentliche des Inhalts präsentieren — zu groß ist die Fülle des Materials in dem über 500 Seiten starken Buch. Stattdessen soll hier eine zwangsläufig subjektive Auswahl einiger Ergebnisse der Artikel vorgestellt werden, die dem Rezensenten interessant oder bedeutsam erscheinen. Die im Folgenden aufgeführten lokalen Ereignisse und Zustände sind ausnahmslos dem Buch entnommen, bei der Darstellung der allgemeinen Geschichte, in die diese eingebettet sind, werden bisweilen einige Ergänzungen hinzugefügt. Ebenso kommen bei der Bewertung und Einordnung der Geschichte von Villingen und Schwenningen eigene Aspekte des Rezensenten hinzu.

Die später so katholische, allen reformatorisch-protestantischen Versuchungen und Anfeindungen trotzende Stadt Villingen verdankt ihr 1999 ausgiebig gefeiertes Markt-, Münz- und Zolljubiläum Umständen, die wohl kaum als christlich bezeichnet werden können, geschweige denn im Sinne und Interesse der römischen Kirche waren. Der jugendliche Kaiser Otto III. verfolgte die Politik der Renovatio Imperii Romanorum („Erneuerung des Reiches der Römer“) und wollte die Christenheit in diesem Sinne von Rom aus regieren, wo er in den wenigen Jahren seiner Regentschaft in ständige Auseinandersetzungen mit dem ortsansässigen Adel geriet. Ein von ihm eingesetzter Papst, der ihn im Gegenzug 996 zum Kaiser krönte, wurde nach Ottos Abzug aus Rom vom Stadtadel vertrieben und durch einen ihm gemäßen Vertrauten ersetzt. Otto kehrte zurück und schlug die Revolte nieder; der römische Adelsanführer Crecentuis wurde umgebracht und sein Leichnam öffentlich aufgehängt. Dem Gegenpapst ging es nicht viel besser: Den Kaiserlichen gelang es unter dem Kommando eines gewissen Birchtilo, den Geflohenen in ihre Gewalt zu bekommen; Augen, Ohren, Nase, Zunge wurden ihm ausgestochen bzw. abgeschnitten, dann wurde dem grausam Gequälten ein Schauprozeß gemacht, wonach er rücklings auf einem Esel reitend in einer Spottprozession durch Rom geführt wurde. Birchtilo dagegen erbat und bekam seinen Lohn: Am 27. März 999 verbriefte ihm Otto in Rom das Recht, „[..] an einem bestimmten Ort, seinem Flecken Villingen nämlich, einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten.“ (S. 21 f.) Die Forschung ist nämlich überzeugt, daß Birchtilo mit dem Grafen Berthold, einem Vorfahr der Zähringer, identisch ist. Diese Herzöge von Zähringen, eines der bedeutendsten Herrschergeschlechter ihrer Zeit, waren bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1218 die Herren von Villingen. Die Stadt galt lange als planmäßige Neugründung ihrer Herren neben dem alten Dorf, das sich im Bereich der heutigen Altstadtkirche befand. Wie Bertram Jenisch in seinem Beitrag „Stadtentwicklung und Alltagsgeschichte im Mittelalter […]“ darlegt, ist dies wie bei anderen „Zähringerstädten“ ein Mythos: Die archäologische Forschung hat ergeben, daß um ein altes zähringisches Herrengut im jetzigen Münstervier-tel eine lockere Besiedlung entstand. Sie war begrenzt durch zwei kleine Burgen, sog. Motten, und strukturiert durch vorhandene Wege, die sich bereits auf dem gegenwärtigen Osianderplatz kreuzten. Daraus entwickelte sich erst seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die eigentliche Stadt mit ihrem noch bestehenden Straßen-bzw. Wegenetz. Stadtmauer und -graben ließen sich wie der zweite, nun erheblich vergrößerte Münsterbau auf den Beginn des 13. Jahrhunderts datieren. Die dafür erforderliche gewaltige Arbeitsleistung verweist auf die Bedeutung, welche Villingen nun gehabt haben muß. Die Stadtentwicklung erstreckte sich also über einen Zeitraum von rund 200 Jahren. — Interessantes hat die Archäologie auch über das Alltagsleben zu berichten. Verschiedene Sorten von Fleisch, Getreide, Gemüse, Nüssen, Gewürzen und Obst — einschließlich importierten Feigen, Trauben und Aprikosen — wurden nachgewiesen. „Die städtische Ernährung im Mittelalter war durch eine Vielfalt geprägt, die es mit unserer durchaus aufnehmen kann, sie teilweise sogar übertrifft.“ (S. 69) Die Vielzahl solcher Funde deutet darauf hin, daß davon nicht nur eine Oberschicht, sondern breite Kreise profitierten. Im 13. Jahrhundert, nach dem Ende der Zähringer, geriet Villingen in den für die deutsche mittelalterliche Geschichte typischen Streit zwischen Kaiser einerseits sowie Papsttum und Adel andererseits. Casimir Bumiller greift die gängige Meinung auf, wonach Villingen von 1218 bis 1251 bzw. 1283 „Reichsstadt“ gewesen sei, also etwa wie Rottweil nur dem Kaiser unterstanden habe. Sein Artikel verdeutlicht dann die Verworrenheit mittelalterlicher Rechtsverhältnisse: Villingen war ab 1218 Reichsstadt, aber gleichzeitig erhoben die Grafen von Urach, die späteren Fürstenberger, Anspruch auf das zähringische Erbe und damit auch auf Villingen. Das Reich vergab die Stadt bereits 1219 den Urachern als Lehen. Der in Palermo residierende Stauferkaiser Friedrich II., zeitlebens in Streitigkeiten und Kriege verwickelt, ließ seinen Sohn Heinrich zum König von Sizilien und Rom wählen, dieser empörte sich aber später gegen den Vater. Egino von Urach, Stadtherr von Villingen, unterstützte den Gegenkönig. Der Kaiser konnte den Aufstand jedoch niederwerfen und zog um 1236 die Stadt wieder an sich. 1245 wurde Friedrich vom Papst gebannt, und die Grafen von Urach sahen erneut ihre Stunde gekommen und stellten sich wieder hinter einen Gegenkönig, während Villingen zum Kaiser hielt. Die Stadt verfiel 1248 ebenfalls dem Kirchenbann. Mit dem mysteriösen Tod des Kaisers 1250 — noch 1998 sollte eine erneute Autopsie des Leichnams klären, ob er vergiftet wurde —, nutzte Heinrich v. Fürstenberg — so nannte sich nun eine Linie der Uracher — das Machtvakuum und brachte die Stadt unter seine Herrschaft, die er zu seinem Herrschaftsmittelpunkt machte. Nach langen Wirren kam 1273 mit Rudolf I. der erste Habsburger auf den Königsthron, er gab seinen Versuch, Villingen wieder an sich ziehen, jedoch auf, da er, ebenfalls durch Kriege in Bedrängnis geraten, sich mit seinem Getreuen Heinrich nicht überwerfen wollte. 1278, vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen Widersacher Ottokar v. Böhmen, sprach er Heinrich Villingen zu, und fünf Jahre später wurde eine endgültige Regelung formuliert, wonach die Reichsstadt Villingen den Fürstenbergern als ewiges Lehen überlassen wurde. Nach Heinrichs Tod im folgenden Jahr, 1284, wurde zwischen seinen vier Söhnen und der Stadt Villingen ein Vertrag ausgehandelt, welcher der Stadt weitgehende Rechte zusicherte. Hier wurden alte, wahrscheinlich noch aus der Zähringerzeit stammende Rechte erneut verbrieft, wonach der Schultheiß, also der Vertreter des Stadtherrn, nicht von diesem einfach eingesetzt werden durfte, sondern aus den Reihen des Villinger Rats stammen mußte. Dieser hatte, wiederum im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten, auch die alleinige Gerichtsbarkeit in Villingen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte konnte die Stadt ihre Rechte gegenüber ihrem Herrn deutlich erweitern, bis sie schließlich eine reichsstadtähnliche Stellung erlangte. So wurden ungefähr von 1300 an Bürgermeister als neuer Ratsvorsitzender und Schultheiß, der nun nur noch die Funktion eines Gerichtsvorsitzenden innehatte, vom Villinger Rat gestellt.

Die Einschränkung der Rechte des adeligen Herrn — das hört sich modern und nach „Demokratie“ an. Bis in die 80er Jahre des 13. Jahrhunderts wurde die Stadt jedoch ausschließlich von Patriziern geleitet, also von einer kleinen adelsähnlichen Schicht reicher Bürger. Die 24 „ehrbaren Müßiggänger“ im alten Rat bildeten die zentrale politische und juristische Entscheidungsinstanz, die —ganz selbstverständlich für diese Zeit — mit Gewaltenteilung oder politischer Mitbestimmung anderer Teile der Bevölkerung, vor allem der vielen Handwerker in der aufstrebenden Stadt, nichts im Sinn hatte. Mit dem Aufschwung der Städte nahmen Zahl und Bedeutung der Handwerker in ihren Mauern enorm zu, sie bildeten schließlich eine neue Schicht, die sich in Zünften organisierte und zur Teilhabe an der politischen Macht drängte. In vielen Städten kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem adeligen Patriziat, in denen die „bürgerlichen“ Zünfte schließlich die Oberhand gewannen. Von solchen sonst typischen Kämpfen innerhalb der Bürgerschaft Villingens ist allerdings nichts überliefert, wohl aber von dauernden gewalttätigen Auseinandersetzungen der äußerst streitbaren Villinger mit den Herren von Fürstenberg, die schließlich zum völligen Zerwürfnis und zum Herrschaftswechsel unter die Habsburger im Jahr 1326 führte. Zwei Jahre zuvor entstand eine berühmt gewordene Zunftverfassungsurkunde, in der vom „neuen Rat“ die Rede ist, der als Vertretungsorgan der Handwerkerschaft an der politischen Macht Teil hat. (Diese Ratserweiterung, die der juristischen Festschreibung einige Jahrzehnte vorausgegangen war, widerspiegelt sich im Ausbau des Rathauses im Jahr 1288.) Casimir Bumiller zieht die Schlußfolgerung, daß die ständigen, teils blutigen externen Auseinandersetzungen mit den Stadtherren die Patrizier und Zünfte zu einer Solidarisierung zwangen —damit verhinderten sie einen internen Klassenkampf. Zu einer einschneidenden Machtverschiebung hin zu den Zünften führte die Ratserweiterung übrigens nicht: In die Spitzenpositionen von Schultheiß- und Bürgermeisteramt wurden bis zum Ende des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich Patrizier gewählt. Soziale Spannungen zwischen diesen Schichten scheinen recht verbreitet gewesen zu sein: Bumiller interpretiert eine Reihe von privaten Auseinandersetzungen, die in den Akten überliefert sind, als „sozialen Gegensatz zweier gesellschaftlicher Schichten“.

Das Buch läßt am Beispiel Villingens zwei Aspekte mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtlebens deutlich werden, die heute weitgehend verschwunden sind: Geistlichkeit und Armut. Bertram Jenisch und Karl Weber weisen immerhin 20 kirchliche und klösterliche Liegenschaften in Villingen nach, nach Michael Tocha ist zur Reformationszeit etwa jeder 30. Einwohner geistlichen Standes. Das geistliche Leben war mit weltlichen Interessen vielfältig verquickt: Im Gegensatz zu den erwähnten städtischen Freiheiten der Stadt lag das Villinger Patronatsrecht bei den jeweiligen Stadtherren; Zähringer, Fürstenberger und Habsburger bestimmten also, wer Pfarrer war und entsprechende Einkünfte erhielt. Ein solches Recht war weiter übertragbar und wurde auch als Lehen vergeben, z. B. an die Herren von Lupfen. Der geistliche Dienstleistungsbereich entwickelte einen wirtschaftlich effizienten, hohen Grad des „Outsourcing“. Zahlreiche Kapellen- und Altarstiftungen reicher und armer, teils in Bruderschaften zusammengeschlossener Bürger, die auf ihr Seelenheil bedacht waren, führten zu einem erheblichen Anwachsen des mit dem Lesen von Messen betrauten geistlichen Personals. Diese hatten für ihre Stellen oft nur eine kärgliche Bezahlung, entsprechend unseren heutigen „geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen“, und mußten mehrere Stellen gleichzeitig annehmen, so daß man von einem „geistlichen Proletariat“ (Michael Tocha) sprechen kann. Solche kirchlichen Zustände waren ein Grund für die späteren kirchlichen Erneuerungen der Reformation und „Gegenreformation“. (Auf die Problematik dieses populären Begriffs, den der Beitrag zu Recht vermeidet, kann hier nicht näher eingegangen werden. Es geht bei der „Gegenreformation“ ebenfalls um eine Erneuerung im Sinne der Beseitigung kirchlicher Mißstände, hier allerdings für die römisch-katholische Kirche.) Aus dieser Zeit der konfessionellen Trennung und Auseinandersetzung stammt auch, wie Michael Tocha zeigt, der bis heute „in den Köpfen“ wirkende Gegensatz zwischen Villingen und Schwenningen. Wie in allen damaligen Städten spielten Klöster bzw. deren Niederlassungen eine wichtige Rolle. Neben vier Klöstern gab es in Villingen eine Reihe von Verwaltungs- und Wirtschaftsniederlassungen auswärtiger Klöster, sogenannter Pfleghöfe. Einen Einblick in Geist und Stimmung des Klosterlebens gibt Edith Boewe-Koob: Der Leser ihres Artikels, der zahlreiche Fakten zur Geschichte des Sankt Klara Klosters vom Mittelalter bis zu seiner Aufhebung durch den österreichischen „aufgeklärten“ Absolutismus aneinanderreiht, spürt zwischen den Zeilen noch etwas von mittelalterlicher Frömmigkeit und christlicher Mystik, einer Welt, die aus unserer aufgeklärten Welt fast völlig verschwunden ist.

Wie heute hatte die Kirche damals wichtige soziale Funktionen, womit das Thema Armut angeschnitten ist. Heute ist Bettelei aus den Städten durch Sozialstaatlichkeit einerseits und Verbote andererseits weitgehend verschwunden. Wo sie vereinzelt noch — oder wieder — „auftritt, wird sie als Ärgernis und Belästigung empfunden. Ute Ströbele stellt die völlig andere Lage im Mittelalter dar: „Im Mittelalter bedeutete Armut primär nichts Negatives, existierte doch neben der ungewollten auch eine gewollte, religiös motivierte Armut. Die Bedürftigen waren integrierte Mitglieder der mittelalterlichen Gesellschaft, und Betteln stellte eine legitime Form des Lebensunterhaltes dar.“ (S. 267) Armut hatte ihren Platz im göttlichen Heilsgeschehen, der Reiche sollte sich sittlich bewähren — und sich dadurch seinen Platz im Himmel sichern —, daß er dem Armen Almosen spendete. Dies setzte die Fortdauer der Armut voraus, das moderne sozialpolitische Bemühen um Abschaffung der Armut wäre dem göttlichen Heilsplan zuwidergelaufen. Genaue Angaben über den Umfang der Armut in Villingen gibt es nicht, man schätzt aber, daß ca. 1/5 der Einwohner damaliger Großstädte Bettler waren, wobei etwa 1/10 der Bewohner durch ständigen Hunger existentiell bedroht waren. Wie in allen mitteleuropäischen Städten machten diese Zustände auch in Villingen ein ausgeprägtes Sozialwesen notwendig. Hier sind das noch auf das 13. Jahrhundert zurückgehende Heilig-Geist-Spital, das als Spitalfond bis heute fortbesteht, das Gutleuthaus und die Elendjahrzeitpflege zu nennen, die sich der geschlossenen Sozialfürsorge, Lebensmittellieferungen und öffentlichen Armenspeisungen annahmen. Interessant und für uns unvorstellbar sind gewisse Details damaliger Hygiene: Es galt schon als Bevorzugung, daß den Spitalbewohnern das Recht auf eine zweimalige Kleiderwäsche im Jahr zustand. Das Armenwesen wurde schließlich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. In Villingen waren bereits im 14. Jahrhundert 1/8 der Häuser und 1/3 der Gärten zinspflichtig, bis ins 20. Jahrhundert waren eigene landwirtschaftliche Betriebe wichtige Einnahmequelle, und seit dem 16. Jahrhundert entwickelten sich Kapitalgeschäfte zur Haupteinnahmequelle. Dementsprechend groß waren die Sozialleistungen: Bei Speisungen an wichtigen Feiertagen wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts jeweils etwa 500 kg Fleisch ausgegeben, womit etwa 1000 —2000 Bedürftige verköstigt werden konnten. Die alten Rechnungsbücher belegen aber auch, daß es das, was wir heute Veruntreuung nennen, damals in viel größerem Umfang gab, seinerzeit aber als völlig normal galt: Fast die Hälfte (!) der Ausgaben für die Armenspeisungen entfielen ganz legal auf Delikatessen, an denen sich die Organisatoren gütlich taten. Daß „die gute alte Zeit“ nicht so gut und intakt war, wie man uns manchmal glauben lassen will, zeigt der Umfang des Sozialwesens ohnehin: Viele Menschen lebten eben nicht, wie man heute manchmal meint, in stabilen Familienverhältnissen, in denen sie z. B. bei Krankheit oder im Alter hätten versorgt werden können.

Die allgemeinen Krisenerscheinungen des Spätmittelalters widerspiegeln sich anschaulich in der Villinger Geschichte. Wirtschaftlich wohl schon stark angeschlagen, weil sie eine horrende Lösegeldsumme für 150 von den Fürstenbergern als Geiseln genommene Villinger Bürger aufbringen mußte — solche Methoden der Finanzmittelbeschaffung waren im Mittelalter durchaus üblich —, mußte die Stadt 1348 auch noch die überall wütende Pest ertragen. Nach vorsichtigen Schätzungen Bumillers dürfte sie über 1000 der vormals etwa 3000 Einwohner das Leben gekostet haben. Jedenfalls mußte die Stadt im 15. Jahrhundert den Antrag stellen, die Ratsstellen von 72 auf 40 zu reduzieren, da die Stellen nicht mehr zu besetzen seien. Die gemeineuropäischen Judenprogrome im Gefolge der Pestepidemie von 1348 scheinen auch in Villingen stattgefunden zu haben. 1510 wurden die Juden von Kaiser Maximilian (hier in seiner Funktion als Landesherr) aus Villingen definitiv ausgewiesen.

Zu diesem Thema der Verfolgung von Minderheiten gehört das Thema Hexenverfolgung, was entgegen einem verbreiteten Vorurteil weniger ins Mittelalter als in die frühe Neuzeit gehört. Die Hexenprozesse erreichten ihren Höhepunkt in Deutschland im 17. Jahrhundert und wurden dann übrigens nicht von der vielgeschmähten Inquisition, sondern von weltlicher Justiz durchgeführt. Als in der Fürstabtei Kempten 1775 der letzte Scheiterhaufen auf deutschem Boden brannte, waren den Verfolgungen ungefähr 20.000 — 30.000 Menschen zum Opfer gefallen, davon ca. 80% Frauen. Die Forschung hat gezeigt, daß die Zunahme solcher Prozesse mit Krisenerscheinungen wie Krieg, Seuchen und Mißernten einherging, ein Phänomen, das sich bekanntlich auch für Judenverfolgungen nachweisen läßt. Diesem Trend folgte auch Villingen, in dem zwischen 1501 und 1662 mindestens 46 Menschen hingerichtet wurden, dabei gab es ab 1617 keine Verbrennungen bei lebendigem Leibe mehr. Die von feministischer Seite häufig vertretene These, daß diese Verfolgung vor allem heilkundigen und „weisen“ Frauen gegolten habe, läßt sich für Villingen — wie auch vielfach für andere Orte —nicht belegen. Es wird auch nicht deutlich, daß bestimmte soziale Gruppen besonders betroffen gewesen wären. Unter den Opfern waren auch Kinder, Jugendliche und alte Menschen.

Obwohl Villingen im Spätmittelalter seine innerstädtische Autonomie immer weiter ausbauen konnte, geriet die Stadt doch stärker in den Sog spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Territorialbildung. Das Haus Habsburg war ständig in Konflikte mit anderen deutschen und ausländischen Mächten verwickelt, Villingen mußte Waffendienst leisten oder wurde als österreichische und katholische Stadt auch wiederholt angegriffen, belagert und seit Ende des 18. Jahrhunderts auch besetzt. Die Aufsätze, die dieses Thema berühren, vermitteln einen Eindruck davon, was die Bewohner durch die Jahrhunderte in den endlosen kriegerischen Auseinandersetzungen erlitten haben müssen, obwohl ihre Stadt glücklicherweise nie zerstört wurde. Eher am Rande wird deutlich, daß umliegende Dörfer — einschließlich Schwenningen, das 1633 von den Villingern eingeäschert wurde —manches Mal von Villingen heimgesucht wurden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangte die Stadt in den napoleonischen Wirren von Österreich über Modena und Württemberg, mit der Gründung des Rheinbundes 1806 schließlich nach Baden. Neben politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Themen greift das Buch kunstsoziologische auf. Anita Auer beschäftigt sich mit dem Wandel der Darstellung des Villinger Lokalhelden Romäus Mans, einem Landsknecht in Kaiser Maximilians Diensten, gefallen 1513 in der Schlacht von Navarra. Jedes Gemeinwesen braucht Mythen, die ihren Mitgliedern Identifikationen ermöglichen und die Gemeinschaft festigen. So fungierte Romäus in früheren Darstellungen und Sagen als furchteinflößender Kriegsheld, als Verkörperung von Kampfesmut und Stärke. Sein Bild war, auch zur Abschreckung von Feinden, im 16. Jahrhundert auf die äußere Stadtmauer neben das obere Tor gemalt. Mit dem Abriß dieser seit langem nutzlosen Mauer 1840 wurde auch das Bild zerstört, aber schon 1856 durch ein neues am Romäusturm ersetzt, diese Darstellung fungiert in der Niedergangszeit des 19. Jahrhunderts nun als „Selbstvergewisserung und der Demonstration historischer Größe“ (S. 225). In den Illustrationen des Romäus von Richard Ackermann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln sich die Erfahrungen der Weltkriege: Hier mutiert die mythische Figur vom waffenstarrenden Kriegshelden zum Mahner ohne Waffen. Die 1981 auf dem Turm erneuerte und durch Spenden finanzierte Darstellung greift dagegen wieder den kriegerischen, draufgängerischen Romäus auf. Michael Hütt untersucht parallel dazu die erhaltenen monumentalen Stadtansichten, in denen Selbstdarstellungen und Selbstwahrnehmungen der Stadt sichtbar werden. Die überstandenen Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg und andere Ereignisse führten zu immer grandioseren Stilisierungen der Stadt, die im Votivbild von 1715, das sich in Triberg befindet, gipfeln: Hier wird die Villinger Geschichte als Teil christlicher Heilsgeschichte gedeutet, Villingen wird, von Feinden wie vom Protestantismus unberührt, in die unmittelbare Nähe der jungfräulichen Mutter Gottes gerückt. Das Gemälde identifiziert die in der damaligen Realität immer unbedeutendere Kleinstadt schließlich mit dem himmlischen Jerusalem — schon damals hat Villingen nicht an mangelndem Selbstbewußtsein gelitten.

Für die Wirtschaftsgeschichte der Baar ist ein Artikel von Andreas Nutz zu den Frühkapitalisten Michael und Johann Schwert beachtenswert. Relativ unbekannt und von der Forschung bislang wenig beachtet ist die Tatsache, daß der Schwarzwald bis ins 18. Jahrhundert ein bedeutendes Bergbaugebiet mit rund 200 Erz- und Mineralvorkommen war. Die beiden Brüder, die aus Schwenningen stammten, dann Villinger Bürger wurden und von dort als Inhaber verschiedener metallverarbeitender Handwerksbetriebe und Pächter des fürstenbergischen Bergwerks in Eisenbach auch sozial aufstiegen, wurden bisher als Ausnahmen und Einzelpersonen gesehen. Nutz will in seiner Darstellung mehr auf strukturelle Gemeinsamkeiten mit frühneuzeitlicher Metallgewinnung und Verarbeitung eingehen. Michael Schwert kam mit den Klöstern St. Georgen und Friedenweiler in Konflikt, weil er in deren Wäldern das damals knappe Holz fällte, das er für seine Betriebe, die Verkohlung und den Weiterverkauf benötigte. Das trug ihm in der bisherigen Forschung das Urteil rücksichtsloser Ausbeutung der Schwachen ein. Es fällt auf, daß die weltlichen Schutzherren, hier der Villinger Rat und die Fürstenberger, ihren Klöstern nicht zu Hilfe kamen. Nutz stellt diesen Umstand in einen größeren Zusammenhang: Die Territorialherrn waren am Florieren des Bergbaus sehr interessiert und stellten dafür ihre eigenen Waldungen, aber auch die ihrer Untertanen und nachgeordneten Ständen gern zur Verfügung. Die Motive waren fiskalischer wie wirtschaftspolitischer Art: Der Landesherr bekam das Zehnteisen, also 10% des geförderten Eisens, und er war, so können wir im Sinne des Artikels ergänzen, im Rahmen physiokratischer und merkantilistischer Wirtschaftstheorie auf Förderung der Grundindustrien bedacht. Die Monopolisierung der Gewaltsamkeit im eigenen Territorium, also die Grundlegung der modernen Staatsbildung, sowie die Behauptung gegenüber Konkurrenten erforderten Geld, Rohstoffe und die für die damals modernen Waffen nötigen veredelten Metalle. Hier schließt sich der Kreis zur politischen Geschichte: Die Herren der sich langsam zu moderneren Staatsformen entwickelnden Territorien in der frühen Neuzeit trieben eine aktive Wirtschaftspolitik, oft genug auf Kosten ihrer Untertanen. „Michael Schwert war eine Unternehmerpersönlichkeit, die die vorhandenen Kapazitäten in seinen Hammerwerken in der Villinger Dependenz zusammenfaßte und organisierte, z. B. durch Umnutzungen und Arbeitsteilung, möglicherweise sogar durch Innovationen im Umland wie der Mechanisierung des Schleifens oder der Einführung von effektiveren Zahnhämmern. Schwert hat dabei »grenzüberschreitend« agiert und dabei wohlwollende Förderung durch die Obrigkeit erfahren […]“ (S.168). Wieder aufgegriffen wird das Thema Wirtschaft in Annemarie Conradt-Machs Artikel über die Gewerkschaftsbewegung in Schwenningen und Villingen. Die ungleich günstigere Quellenlage aus der Zeit des vorigen Jahrhunderts ermöglicht nun viel differenziertere Aussagen über Wirtschaft und Gesellschaft. Bekanntlich war die Uhrenherstellung der Motor der Schwenninger Industrialisierung — dennoch hat sie in Villingen die längere Tradition. Dort herrschte aber eine katholisch-konservative Handwerkerschaft in zünftiger Tradition vor, die sich später dem industriellen Strukturwandel weniger anpassen konnte. Auch in Schwenningen entstanden die ersten eigentlichen Uhrenfabriken mit Haller und Mauthe erst Ende der 80er Jahre, sie fertigten die billigeren, in Villingen verpönten „Amerikaneruhren“, die zwar hochentwickelte Fertigungsmaschinen, aber weniger qualifizierte Uhrmacher erforderte. Im Gegensatz zu Villingen fehlte es an anderem produzierenden Gewerbe, was in wirtschaftlicher Hinsicht eine größere Konjunktur- und Krisenanfälligkeit und in sozialer Hinsicht zur Bildung einer relativ homogenen, niedrig entlohnten Arbeiterschaft führte. Wegen des Überangebots an Arbeitskräften und dem verarmten württembergischen Umland kam es hier auch für längere Zeit zu keinen effektiven Lohnsteigerungen, die Arbeiter waren durchweg auf Nebeneinkünfte angewiesen. Villingen profitierte eher von seiner Zentrumsfunktion für das Umland und wies eine differenziertere Gesellschaft auf.

Auf das 19. Jahrhundert bezieht sich auch ein material- und detailreicher Beitrag von Ingeborg Kottmann über die 1848er Revolution in Villingen und Schwenningen. Eine gesamteuropäische Agrarkrise, verbunden mit wachsendem Bevölkerungsdruck, führten zu Lebensmittelknappheit, drastischen Verteuerungen, schließlich zu Aufständen. Als Reaktion versuchten die Landesregierungen in merkantilistischer Tradition mit Getreideausfuhrverboten die Ernährungslage zu verbessern. Im Mai 1847 geschah in Villingen ein Vorfall, bei dem ein auswärtiger Getreidehändler von der wütenden Menge fast gelyncht worden wäre, als er Korn kaufen und aus der Stadt schaffen wollte. Hier zeigt sich der konservative Charakter solcher Unruhen, die sich gegen eine Modernisierung der Wirtschaft, hier den Freihandel, richteten und dem Bild von den fortschrittlichen Ideen der Revolution dieser Jahre widerspricht. Dieser ganz konservative, keinesfalls „revolutionäre“ oder „fortschrittliche“ Charakter von Revolten läßt sich vielerorts bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Die Beteiligung an der Revolution in Villingen und Schwenningen hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen, anschließend war auch hier die Unterdrückung durch neue Polizeistaatlichkeit die Folge. Um Widerstand gegen Mißstände und Unrecht geht es in dem bereits erwähnten Artikel über die entstehende Gewerkschaftsbewegung. In Schwenningen dauerte es eine gewisse Zeit, bis die meist aus Bauernfamilien stammenden Arbeiter ein solidarisierendes Bewußtsein entwickeln konnten. Hinzu kam, daß die Uhren nur zur Hälfte in der Fabrik, zur anderen Hälfte in Heimarbeit, d. h. im traditionellen Verlagssystem, gefertigt wurden, was einen Zusammenschluß zur gemeinsamen Interessenvertretung weiter erschwerte. 1907 kam es in Schwenningen zum ersten großen Arbeitskampf, der äußerlich als Niederlage endete, für Frau Conradt-Mach aber immerhin zu einer Solidarisierung führte. Erst unter Kriegsbedingungen, 1917, wurde in Schwenningen ein Tarifvertrag abgeschlossen, zwei Jahre später für den ganzen Schwarzwald. Es ist bekannt, daß sich die Lage der Arbeiter in den nächsten Jahrzehnten nicht wesentlich besserte. Vor allem in Schwenningen radikalisierte sich die Arbeiterschaft, denn in der Industriestadt schlugen die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik viel stärker durch als in der differenzierteren und stärker an traditionelle Werte gebundenen Gesellschaft in Villingen. So zeigte sich Schwenningen auch für den Nationalsozialismus anfälliger als Villingen. Bei Hitlers Machtantritt seien die Gewerkschaften durch die wirtschaftliche Entwicklung bereits so geschwächt gewesen, daß selbst ein organisierter Widerstand kaum Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.

Auf das Versagen der Opposition, dem Aufstieg der Nationalsozialisten entgegenzutreten, gehen auch Ekkehard Hausen und Hartmut Danneck ein. Wie auch sonst überall zeigte sich in beiden Städten die selbstzerstörerische Zerstrittenheit zwischen den Gegnern des neuen Regimes. Nicht einmal Sozialdemokraten und Kommunisten konnten sich einigen, von kirchlichen Kreisen ganz zu schweigen: Solange die Repressionen einen selbst nicht trafen, sympathisierte man teils offenkundig mit dem Vorgehen gegen die gottlosen Kommunisten. Die Lokalgeschichte verdeutlicht, wie die erste wirkliche Demokratie auf deutschem Boden an mangelnder Konsensfähigkeit und Kompromißbereitschaft zugrunde gegangen ist.

Der Widerstand scheiterte auch wegen der offensichtlichen Erfolge des Regimes. Die Geschichte bis in die 30er Jahre war von Wirtschaftskrisen, Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit der Arbeiterschaft und anderer breiter Schichten geprägt. Mit Adolf Hitler schien sich aber alles zu bessern. Wie ein weiterer Artikel von Annemarie Conradt-Mach und Ingeborg Kottmann zeigt, verbesserten sich die Verhältnisse der Arbeiter ab 1933 deutlich. Die feintechnische Industrie produzierte High-tech-Produkte der damaligen Zeit, die für die beginnende Aufrüstung von großer Bedeutung waren und die Staatsaufträge sicherten. Bereits 1934 beantragte SABA Überstunden, 1939 herrschte in der Geschichte beider Städte erstmalig Vollbeschäftigung, und auch sonst hatte sich die soziale Lage erheblich verbessert. Angesichts des einsetzenden Arbeitskräftemangels hatten die Arbeiter — so paradox es auch klingen mag — nun eine stärkere Position als in der Zeit der Gewerkschaftsbewegung. Angesichts solcher wirtschaftlichen, sozialen und politischen Stabilität wurden die Schattenseiten des Regimes nur zu oft in Kauf genommen, wer politisch nicht negativ auffiel, hatte zunächst ja auch wenig zu befürchten. So hatte der Widerstand kaum eine Chance und erschöpfte sich in mutigen, aber lebensgefährlichen und letztlich symbolischen Einzelaktionen.

Wie reibungslos und effizient das NS-System funktionierte, zeigt auch ein Artikel über die Fremdarbeiter in Villingen. Mit Krieg und Einberufungen vergrößerte sich der Arbeitskräftemangel schlagartig. Entgegen der herrschenden Ideologie mußte man nun wohl oder übel auf ausländische Arbeiter zurückgreifen, die doch, vor allem, wenn sie Osteuropäer waren, als „arbeitsscheu“, „minderwertig“ oder gar als „Untermenschen“ galten. Gegen Kriegsende gab es in Deutschland ca. 9 Millionen „Fremdarbeiter“, für Villingen schätzt Stefan Aßfalg die Zahl auf 3500 Kriegsgefangene, aber auch freiwillige Zivilarbeiter, was immerhin über 15% der Bevölkerung ausmachte. Interessant ist die Beobachtung, daß diese Ausländer trotz relativ schlechter Bezahlung und Behandlung — die Überlieferungen hierüber sind recht unterschiedlich —gut und zuverlässig gearbeitet haben, obwohl sie doch vorwiegend Kriegswaffen herstellten, die gegen ihre Heimatländer verwendet wurden. Direkte Überwachung, heimliche Bespitzelung und demütigende Kennzeichnung nennt der Autor als die drei Säulen des NS-Arbeitszwangsystems es scheint bestens funktioniert zu haben, obwohl gegen Kriegsende zum Teil nur noch Kinder und Jugendliche für die Bewachung zur Verfügung gestanden haben.

Eine Art Ausblick bilden die beiden Artikel über die Vereinigung von Villingen und Schwenningen zur Doppelstadt. Erstaunlich ist die Schnelligkeit, mit der die Fusion vonstatten ging, einschließlich der informellen Vorgespräche dauerte sie gerade einmal drei Jahre. Dabei gab es bisher kaum Kontakte, Gerhard Gebauer betont, daß er seinen Vil-linger Kollegen Severin Kern vorher nur auf auswärtigen Städtetagen getroffen habe. Aus beiden Artikeln geht hervor, daß es wohl das aus Stuttgart zu erwartende Geld war, das Villinger und Schwenninger zumindest für kurze Zeit vergessen ließ, welch unterschiedliche Entwicklung die beiden benachbarten Orte in den vergangenen tausend Jahren eingeschlagen haben, woraus sich dann auch unterschiedliche Mentalitäten bis hin zu Aversionen entwickelt haben, die auch nach 25 Jahren Doppelstadt noch nicht ganz überwunden sind.

Kritische Würdigung des Buches

Der Überblick über Themen, Fragestellungen, Ergebnisse und Methoden, die in den Sammelband über Villingen und Schwenningen eingeflossen sind, zeigt, daß es sich es zweifellos um ein gelungenes, für den historisch Interessierten lesenswertes Buch handelt. Nachdem zwischenzeitlich verschiedene Einzeldarstellungen zur Lokalgeschichte erschienen sind, liegt nun seit Paul Revellios Sammelband aus den 60er Jahren erstmals wieder eine Art Gesamtdarstellung vor, die ihre Vorgängerin in vielem ergänzt, in manchem auch korrigiert. Ein Werk, das von so vielen Fachleuten geschrieben wurde wie das vorliegende, ist zwangsläufig gründlicher als das Buch eines einzelnen —eine Aussage, die Revellios Einzelleistung keineswegs schmälern soll. Ferner stehen heute ganz andere Forschungsmethoden, z. B. im Bereich der Archäologie, zur Verfügung als noch vor einigen Jahrzehnten, und diese sind in das vorliegende Buch eingeflossen.

Kommen wir nochmals auf Heinrich Maulharts Eingangsbemerkungen zurück und prüfen, ob die eigenen Ansprüche eingehalten worden sind: Die „Meilensteine“ und die wesentlichen Entwicklungen des vergangenen Jahrtausends sind in dem Buch ausführlich behandelt, soweit die Quellen-und Fundlage eine Aufarbeitung überhaupt zuläßt. Die angekündigte „Forschungsbilanz“ ist auf jeden Fall gezogen worden, allerdings sind nicht alle Artikel Forschungsarbeiten. Ein Beitrag gibt einen guten Überblick über die Entwicklung des Schulwesens, ohne jedoch Eigenes und Neues beizutragen. Gerhard Gebauers Darstellung der Fusion ist auch kein wissenschaftlicher Beitrag im strengen Sinne, eher eine Quelle, welche die persönliche Sichtweise eines Akteurs dieser Vereinigung dokumentiert, was aber kein Nachteil ist. Der sehr hohe Anspruch der interdisziplinären Kooperation konnte teilweise eingelöst werden, so bei der Einbeziehung von Archäologie und Kunstgeschichte. Bisweilen liegt es an der Sache selbst, daß Kunstwerke über das Selbstverständnis der Bewohner einer Stadt nicht immer so viel aussagen, wie man sich vielleicht erhofft hätte. So mußte einiges Beschreibung bleiben, was jedoch nicht den Autoren anzulasten ist.

In den meisten Artikeln wird eine klare Fragestellung entwickelt und konsequent weiterverfolgt, andere Arbeiten präsentieren sehr viel Material und zahlreiche Details, aus denen der Leser dann selbst ein Fazit ziehen muß. Der wissenschaftlichen Gründlichkeit ist, soweit dies aus der Perspektive eines Außenstehenden gesagt werden kann, Genüge getan. Die Ansprüche an die Leser sind unterschiedlich. Laut Geleitwort des Oberbürgermeisters stellt sich das Buch die „Aufgabe, neuere Forschungsergebnisse zusammenzufassen und einem größeren Publikum zugänglich zu machen.“ Eine Reihe von Artikeln kann von einer breiteren Leserschaft ohne weiteres verstanden werden, manchmal sind, vor allem vom Vokabular her, eher Fachhistoriker die Adressaten. Der interessierte Laie ist hier hin und wieder Mal genötigt, ein gutes historisches Wörterbuch zu Rate zu ziehen, wenn er alle Einzelheiten genau nachvollziehen will. Auch enthält das Buch einige unübersetzte lateinische Ausdrücke und Zitate, die zu verstehen nicht jedermanns Sache ist. In ihrem Kern sind aber auch die schwierigeren Aufsätze verständlich, und ein Buch wie dieses ist ohnehin für intellektuelle Leser geschrieben.

In der Gesamtkonzeption zeigt sich eine kleine Unstimmigkeit: Anlaß des Sammelbandes ist das 1000-jährige Marktjubiläum Villingens. Sicher aus politischen Gründen, um die in mancher Hinsicht immer noch unvollendete Einheit der Doppelstadt zu betonen, hat man den Forschungsgegenstand auf Schwenningen ausgeweitet. Warum wurden dann im Buchtitel und auch in fast allen Kapiteln die ebenfalls zu Villingen-Schwenningen gehörenden Ortsbezirke, im Volksmund bisweilen halb scherzhaft als „unterworfene Dörfer“ bezeichnet, (fast) nicht mit einbezogen? Ferner fällt auf, daß Schwenningens Geschichte bis ins 19. Jahrhundert unterrepräsentiert bleibt. Vielleicht rechtfertigt das 1000jährige Jubiläum die Konzentration auf Villingen, dann hätte man aber den Titel anders wählen können. Sicherlich ist die Geschichte der alten Zähringerstadt reicher als die eines benachbarten Dorfes, aber wie Otto Benzing gezeigt hat, ist der Ort am Neckarursprung auch der Geschichtsschreibung wert.

Am Schluß dieser Besprechung soll aber nichts Negatives stehen, das hätte das Buch nicht verdient. Kritik an Einzelheiten läßt sich immer üben, vor allem bei einem Buch mit solcher Autoren- und Themenvielfalt. Insgesamt aber läßt sich festhalten, daß der Band seinen Anspruch eingelöst hat. Die Erforschung der Historie der Doppelstadt ist hier ein gehöriges Stück vorangekommen und gut zusammengefaßt dargestellt. Man möchte dem Buch viele Leser wünschen, nicht nur in Villingen-Schwenningen.

 

Das mittelalterliche Sühnekreuz von Obereschach (Werner Huge)

Auf der Wiese des Franz Karl Storz im Gewann Unter Öschle steht die Birlis-Kapelle. Sie hat ihren Namen von einem Hof im Dorf. Das kleine Gotteshaus war in seiner heutigen Gestalt 1834 vom Birlishof-Bauer Benedikt Rottler und dessen Ehefrau Maria errichtet worden. Davon berichtet ein bündig mit der Mauer in die Wand eingelassenes Stifterkreuz. Seither hatte die Kapelle unter dem Zahn der Zeit gelitten. Um die Mitte der 1990er-Jahre machten sich der jetzige Birlishof-Besitzer Martin Blum und F. K. Storz daran, sie umfassend zu sanieren und ihr Inneres zu restaurieren. Dazu wurde u. a. entlang der äußeren Ostwand mit dem Bagger ein Drainagegraben angelegt. Das Aus-hubmaterial wurde daneben auf einem Haufen gelagert. In der Folgezeit wurde es mehrfach vom Regen überspült und ausgewaschen. Eines Tages entdeckte Franz Karl Storz einen zum Vorschein gekommenen größeren Sandstein. Das wäre an sich nichts besonderes gewesen, weil hier ohnehin die geologische Schicht des Oberen Buntsandsteins ansteht. Merkwürdig war für Storz nur, daß er wie ein Kreuz aussah. Tatsächlich handelte es sich um ein roh und unregelmäßig behauenes Steinkreuz. Der mit der Neufassung des Altars beschäftigte Restaurator sagte ihm, es handle sich um ein sogenanntes Sühnekreuz. Als später der Verfasser dieses Beitrags davon erfuhr, zeigte ihm Storz das in seinem Keller verwahrte Kreuz, und auch dieser erkannte es nach seiner besonderen Form als ein Sühnekreuz. Solche Kreuze haben eine jahrhundertelange Tradition, und man findet sie vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Sie heißen deswegen so, weil sie als Folge der gewaltsamen Tötung eines Menschen in Erfüllung der Bedingungen eines Sühnevertrages errichtet wurden. Davon wird noch zu sprechen sein. Nur einmal ist auf Villinger Markung ein derartiges Kreuz zum Vorschein gekommen. Die Landstraße 181 zwischen Villingen und Pfaffenweiler wurde in der Jahren 1973 bis 1976 ausgebaut und verbreiten Am Rande des Gewanns Kiebitzmoos, wo der Geistmoosweg abzweigt, nahe Km 2,2, stand ein Sühnekreuz, das sich künftig auf der Trasse befunden hätte, also wurde es entfernt und gelangte den Besitz des Museums der Stadt.

Sich der Funktion dieser Kreuze erinnernd, ist de Geschichts- und Heimatverein Villingen der Anregung seines Mitglieds, Forstdirektor Hockenjos. gefolgt und hat in einer symbolischen Wiederholung ein Sühnekreuz gesetzt. Es steht im Gewann Tannhörnle vor der Eiche, wo im Zweiten Welt krieg, März 1942, der polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki, wegen der Liebesbeziehung zu einem deutschen Mädchen als Opfer des Ungeistes dieser Zeit gehängt wurde. Es wurde 1988 von einem deutschen sowie einem polnischen Priester geweiht.

Das Obereschacher Kreuz hat folgende Ausmessungen: Länge des Vertikalbalkens 54 cm, waagerechter Balken 50 cm, Balkenquerschnitt rund 15 x 20 cm.

Auf der Oberfläche des Querbalkens befindet sich sowohl auf dem linken als auch auf dem rechten Arm die Kerbung eines kleinen Kreuzes eingemeißelt, mit gleichlangen Ritzungen von rund acht Zentimeter. Auf einer der Vorderseiten ist in Kreuzmittelpunkt ebenfalls eine deutlich erkennbare Kerbzeichnung eingebracht. Kreuze haben fraglos einen spirituellen Sinn. Die Bedeutung eingemeißelter Symbole, seien sie christlich oder profan, sind wissenschaftlich nicht zu klären Selbstverständlich haben sie einen Bezug zur Ereignis. Es kann sich um Zeichen mystische Wechselwirkung zwischen begangener Tat und der Sühne und dem Kreuz als Mittler handeln.

Ebenso könnte die Kerbzeichnung auf der Vorderseite etwas mit der Todesart oder dem Grund für den Totschlag des Menschen, für dessen Seele das Kreuz gesetzt wurde, zu tun haben; möglicherweise ist es auch nur ein Hinweis auf den Beruf des Getöteten.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts verlieren die Sühnekreuze an Bedeutung, nachdem Kaiser Karl V. in seiner „Carolina“ das erste allgemeine Strafgesetz mit Strafprozeßordnung erlassen hatte. Das Regelwerk war 1532 auf dem Reichstag zu Regensburg zum Reichsgesetz erhoben worden. Sie dauern dort an, wo außerhalb der zivilrechtlichen Anspruchsgrundlage der religiöse Bezug im Gebet erhalten blieb.

Was war nun das Wesen, der Zweck und die Funktion solcher Kreuze im Rahmen einstiger Rechtspflege? Das Mittelalter kennt, wie angedeutet, keine allgemeinen und rechtsverbindlichen Gesetze. Strafrechtlich bedeutsame Verbrechen, z. B. an Leib und Leben, wurden je nach Land- oder Stadtrecht vom jeweiligen Herren der Hochgerichtsbarkeit (auch: Blut-, Hals- oder Malefizgerichtsbarkeit) ähnlich aber doch unterschiedlich behandelt. Heutige Aufgaben und Tätigkeiten der Polizei, der Staatsanwaltschaft sowie der unabhängigen Staatsgewalt der Richter sind dem Mittelalter fremd, es gab sie nicht. Grundsätzlich galten aber Mord und Totschlag als Verbrechen und waren über die Hochgerichtsbarkeit abzuurteilen. Der Inhaber dieser Gerichtsbarkeit, für Obereschach vor allem das fürstenbergische Landgericht, das Gericht der Johanniter oder der Stadt Villingen, im 15. und 16. Jahrhundert aber auch das Pirschgericht der Stadt Rottweil, gingen hier zur Sache. Besonders der durch die Heimtücke gekennzeichnete Mord war ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Auf den Täter wartete die schimpfliche Todesstrafe des Räderns. Der Tatbestand des Totschlags war als Verbrechen mit der „ehrlichen“ Strafe der Enthauptung bedroht. 1) Dennoch war im Falle des Totschlags das Interesse der Obrigkeit, den Straftäter zu verfolgen, gering. Wie schnell doch konnten nachbarliche Reibereien, Klatsch und Tratsch ausarten, konnten zwei Hitzköpfe aneinander geraten und die Wut zu Handgreiflichkeiten führen, die am Ende den Tod eines Beteiligten zur Folge hatten.

 

 

 

 

 

Totschlag galt als „ehrenhaftes“ Verbrechen. Verzichtete der Gerichtsherr auf die Hinrichtung und begnügte er sich bei der Strafverfolgung mit einem angemessenen Sühnegeld, was sehr modern anmutet, so tat er es vor allem, um dem Täter und den Familiensippen die Möglichkeit einzuräumen, sich zu vergleichen. Die Angehörigen des Opfers sowie der Täter und dessen Sippe setzten sich dann an einen Tisch. Unter der Leitung einer zur Schlichtung berufenen Vertrauensperson (Adliger, Vogt, angesehener Stadtbürger, Abt usw.) bewerteten sie je nach Stand oder der Arbeitskraft des Getöteten den Schaden. Danach wurden der Schadensersatz, die Buße und sonstige Auflagen vereinbart. Es ließ sich also mit dem Totschläger ein Vertrag schließen, dessen Inhalt die Hinterbliebenen wenigstens materiell so stellte, daß ein Folgeschaden abgewendet wurde. Gleichzeitig sollte nach Erfüllung der Bedingungen der Frieden zwischen den Sippen und im Dorf wieder hergestellt werden, der ansonsten durch eine dauernde Fehde mit weiterem Schaden bedroht gewesen wäre. Im Vertrag wurde deshalb auch niedergelegt, daß die Sippe des Getöteten nichts mehr rächend gegen den Täter unternimmt. Dieser mußte aber der geschädigten Sippe künftig bei öffentlichen Anlässen, z. B. dem Kirchgang u. a., aus dem Wege gehen. Die Vereinbarungen waren von den Parteien zu beschwören, man nannte das Urfehde schwören. Diese Form der Versöhnung bedeutete Sühne, die Vereinbarung hieß Sühnevertrag und die darüber ausgefertigte Urkunde Sühnebrief. Neben der materiellen und friedenstiftenden Wirkung eines solchen Vertrages gab es weitere Vertragspflichten, die auch für Obereschach über die Existenz des Sühnekreuzes dokumentiert sind. So wurden dem Täter allgemein Bußbedingungen auferlegt. Er mußte zwei, drei oder vier Wallfahrten unternehmen und sich zu Seelmessen, Jahr-tags- und Kerzenstiftungen verpflichten. Vor allem war er stets dazu verpflichtet, ein Sühnekreuz zu setzen. Der Vertrag hatte also eine religiöse Komponente, die nebenbei mit abergläubischen Elementen befrachtet war. Im christlichen Sinne sollte das Kreuz den Vorübergehenden anhalten, ein Gebet für den Getöteten zu sprechen und so seine Seele helfen, die ewige Ruhe zu erhalten. Im Sühnekreuz lebt allerdings auch ein bis auf die vorchristliche Zeit zurückreichender mystischer Glaube weiter, wonach der Tote erst durch die Errichtung eines steinernen Zeichens zur Ruhe kommt. Im Volksglauben ging die Angst um, daß die Seele eines Menschen, der eines unnatürlichen Todes gestorben war, ruhelos umhergeistert und Unheil anrichtet. Sagen erzählen davon, daß die Seelen der Getöteten nachts als schwirrende Lichter zu sehen seien. Das christliche Kreuz sollte der irrenden Seele einen Ruheplatz geben.

 

 

 

 

 

Es wurde regelmäßig an der Stelle errichtet, wo das Opfer zu Tode kam, gelegentlich auch an benachbarten Wegen oder sogar im bewohnten Bereich.

Das Sühnekreuz von Obereschach und sein einstiger Standort unmittelbar bei der Birlis-Kapelle ist in diesem inhaltlichen Zusammenhang zu sehen. Wir werten das einstige Kreuzsymbol auch als weisendes Zeichen für den Bauplatz einer später errichteten Kapelle, in der die Menschen für die unerlösten Seelen insgesamt beten. Gleichzeitig hebt das christliche Gotteshaus für den Vorübergehenden die magisch-unheimliche Bedrückung des Ortes auf. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß die heutige Kapelle von 1834 an derselben Stelle bereits eine Vorgängerin hatte.

Auch das Obereschacher Sühnekreuz ist als kultischer Gegenstand ein stummer Zeuge, der seine Geschichte verschweigt, nachdem wir keinen Sühnevertrag besitzen. Vielleicht erlaubt uns dennoch eine einzige Urkunde von 1479, die durch ein Strafurteil des Rottweiler Pirschgerichts ergänzt wird, das Geheimnis zu lüften. Es handelt sich zunächst um ein Johanniterurteil. Wir entnehmen der Handschrift2), daß Hans Kirchhuser, Vogt zu Dürrheim, im Namen und anstelle des ehrwürdigen geistlichen Herrn Betz von Lichtenberg, Komtur des Hauses St. Johann Ordens zu Villin-gen, seines gnädigen Herrn zu Obereschach, im Dorf an der freien Königsstraße öffentlich zu Gericht gesessen hat. Zum Banngericht (Anm. = Hochgericht) gehörten weitere sieben Männer. Es klagte Hans Stunder vom Weilersbach gegen Hans und Martin Stunder aus Obereschach, diese hätten seinen Sohn Martin Stunder getötet. Es erfolgte durch die Richter in Anwesenheit des Fürsprechs eine Inaugenscheinnahme des Tatortes und des Leichnams. Das Urteil sprach die beiden beschuldigten Stunder „aus dem Frieden in den Unfrieden“, d. h. im Sinne heutiger Rechtsprechung zunächst lediglich schuldig. Durch dieses Urteil luden sich die Friedensbrecher die rechtlich sanktionierte Feindschaft (Fehde) der Sippe des Getöteten auf, die die Grundlage für erlaubte Rachehandlungen, d. h. Vergeltung innerhalb bestimmter Grenzen, bildete. Diese zu den sogenannten gemeinen Friedbrüchen zählende Fehde hatte hier privaten Charakter. Die straflose rächende Selbsthilfe der Sippe gegenüber dem Täter bzw. dessen Sippe konnte nur durch die Totschlagsühne beendet werden. Diese wurde mit ihren Bedingungen im außergerichtlichen Sühnevertrag niedergelegt, nach dessen Erfüllung der Befehdete, wie schon oben ausgeführt, aus der Sphäre des „Unfriedens“ in die Sphäre des „Friedens“ zurückgeführt wurde. Da es in Obereschach ein Sühnekreuz gibt, hat ein Vorgang wie der geschilderte auf alle Fälle stattgefunden. Ob „unser“ Sühnekreuz zu dem geschilderten Fall gehört, wissen wir nicht. Nachdem allerdings kein anderer Fall aus dem Mittelalter urkundlich erfaßt ist, darf zumindest die Vermutung geäußert werden, es könnte sich um die Sache Hans und Martin Stunder gehandelt haben.

Zur Tatzeit übte in örtlicher Zuständigkeit zumindest für die Raumschaft das Pirschgericht in Rottweil die Hochgerichtsbarkeit für einschlägige Materien aus. Dazu gehörte der Totschlag, der als Sonderverbrechen Teil der sachlichen Zuständigkeit war. Vor diesem Pirschgericht, als Ausfluß des Königsgerichts, wurde der Fall Stunder im Jahr darauf, 1840, erneut verhandelt. Am 28. August wurde per Urteil strafrechtlich entschieden. Das Gericht war an einem Urteil „Bahre gegen Bahre“, also Getöteter gegen Enthauptung der Täter, weil offensichtlich sozial unsinnig, nicht interessiert gewesen. Es verhängte als öffentliche Buße ein Sühnegeld. Hans und Martin Stunder bedauerten im Wortlaut der Urteilsurkunde 3) die Tat und versicherten jeweils, die stattliche Summe in Heller Rottweiler Währung zu den angegebenen Terminen zahlen zu wollen, andernfalls sie wegen Meineides gerichtlich abgestraft werden sollen.

Kehren wir abschließend noch einmal zu der Bedeutung des Obereschacher Sühnekreuzes zurück:

Einst respektierten und fürchteten die Menschen das steinerne Kreuz, waren zugewandt im Glauben, aber auch eingeschüchtert durch Aberglauben und mystische Erzählungen. Dieses Steinkreuz von der Birlis-Kapelle gehört als Sühnekreuz zu den Zeugnissen der alten Rechtspflege und Rechtsprechung; es ist ein steinernes Rechtsdenkmal aus der Geschichte des Dorfes und der Landschaft.

Anmerkung, Literatur und Quellen:

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte in der „Ortschronik Obereschach“, 1997, Herausgeber Stadt Villingen-Schweningen. Für die vorliegende Publikation wurde das Manuskript ergänzt und erweitert.

Das Obereschacher Sühnekreuz ist in dem Standardwerk Steinkreuze in Baden-Württemberg von Bernhard Losch, in: Forschungen und Berichte zur Volkskunde in Baden-Württemberg, Band 4, Stuttgart 1981, (noch) nicht registriert.

Als überprüfenswerte rechtliche Frage erweist sich der Sachverhalt, wonach als Hochgericht das Rottweiler Pirschgericht zuständig war. Liegt der Grund darin, daß die Tat „außer Etters“ geschah, d. h. der Ort außerhalb des mit einem Zaun als Rechtsgrenze markierten inneren Dorfraums lag? Anders gefragt: Wäre eventuell das fürstenbergische Landgericht der Baar zuständig gewesen, wenn die Tötung im inneren Dorfraum geschehen wäre?

  1. Vgl. hier und im folgenden Rud. Maier, Das Strafrecht der Stadt Villingen, Diss. Freiburg 1913, S. 80 ff. sowie S.15 ff, als weitere Literaturquellen wurden benutzt:

    Hans Jänichen, Schwäbische Totschlagsühnen im 15. und 16. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, XIX Jahrgang, 1960, 1. Heft, S. 128 ff.;

    Felix Heidinger, Galgenplatz und Sühnekreuz — Rechtsbräuche, wissenschaftl. Beratung Reinhard Heydenreuter, in: Bayrischer Rundfunk, Fernsehen 3. Progr., 1996;

    Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Walter de Gruyter —Berlin, New York, 1987, Band 1, Spalte 1303 (Bildstock). Karl Siegfried Bader, Das mittelalterliche Dorf als Friedens- und Rechtsbereich, Böhlau Verlag Köln, Wien 1981, Seite 135 f., Fußnote 8: Sühnekreuz-Standorte sowie weitere Literaturquellen zum Thema Steinkreuze / Sühnekreuze.

  2. Generallandesarchiv Karlsruhe, Abtlg. 20, Nr. 1759 (alte Nr. 1622), Konv. 126, 5. Oktober 1479.
  3. Manfred Reinartz, Herausgeber i. Auftr. d. Stadt VS, Verlag Hermann Kuhn, Villingen-Schwenningen, Lehensgüter in Obereschach 1292 — 1811, Seite 34, 1480 August 28., (HSTA Stgt. B 203, Urkunde 403) Urkundentext.