Einerlei Forst, zweierlei Amt (Wolf Hockenjos)

Zum Fortbestehen des Staatlichen Forstamts Villingen-Schwenningen

Reformen haben möglichst geräuscharm über die Bühne zu gehen. Und weil Bürgerproteste angesichts zweier Forstämter in einer Stadt, eines städtischen und eines staatlichen, nicht zu erwarten waren, hätte die Auflösung des staatlichen Amtes den Reformern womöglich sogar in den Kram gepaßt. Gänzlich unbegründet waren die Sorgenfalten der staatlichen Forstbediensteten jedenfalls nicht in den zurückliegenden Monaten. Gemäß Ministerratsbeschluß waren im Land zwei Forstdirektionen, 27 Forstämter und 180 Forstreviere zu schließen. Wahrscheinlich war den Bürgern der Zähringerstadt ohnehin nie so recht begreiflich zu machen, weshalb neben dem städtischen Forstdirektor in der Waldstraße auch noch ein staatlicher im Kaiserring seines Amtes waltet. Ansprechpartner des Bürgers in Sachen Wald und Holz waren nun einmal seit dem Jahr 1834 städtische und nicht staatliche Förster. Und was den Herrn Großherzog im Zuge seiner Reformbemühungen einmal dazu bewogen haben könnte, der Einrichtung eines zweiten, eines städtischen Forstamtes zuzustimmen, war im Nebel der Geschichte längst nicht mehr auszumachen.

Das staatliche Forstamt hat die jüngste Organisationsreform überlebt: Gerupft zwar und beschnitten um den (an das Forstamt Triberg abgegebenen) Staatswalddistrikt „Röhlinwald“ im Norden des Bezirks sowie um seine im Osten, jenseits der Kreisgrenze liegenden Waldungen zwischen Tros-singen und Talheim. Für die Verluste entschädigt wurde es mit den Wäldern um Bad Dürrheim und Brigachtal, auch um den Staatswalddistrikt Neißwald“ im Süden zwischen Tannheim und Überauchen, bis 1975 zum alten Villinger Forstbezirk gehörend. Seine jetzt abzugebenden „Ostgebiete“ waren dem Amt anläßlich der letzten Forstamts-reform im Jahr 1975 zugeschlagen worden, denn damals war es das erklärte Ziel der Reformer, die beiden Landesteile auch behördlich miteinander zu verschmelzen und zu verklammern. Diesmal war vorrangig dem Prinzip der Einräumigkeit der Verwaltung Rechnung zu tragen, und so endet der Forstbezirk jetzt an der Ostgrenze des Schwarz-wald-Baar-Kreises.

Der eher bescheidene innerstädtische Bekanntheitsgrad des staatlichen Amtes hatte zweifellos schon immer mit der Lage des staatlichen Forstbezirks zu tun. Doch das Mauerblümchendasein, welches das Amt am Kaiserturm in den Augen der Doppelstädter fristete, war nicht nur die Folge einer stadtferneren Geographie. Der Straßenname in Villingens bestem Viertel deutet es an: stadtbekannten Persönlichkeiten vom Schlag eines Oberförsters Hubert Ganter, Städtischer Forstamtslei-ter von 1876 bis 1895, dem die Stadt sogar einen Gedenkstein gewidmet hat, war staatlicherseits, wie die Ausgangslage nun einmal war, wenig entgegenzusetzen. Erwin Gayer, städtischer Dienstvorstand von 1926 bis 1951, oder dessen ebenso geschichtsbewußter wie schreibgewandter Nachfolger Dr. Ulrich Rodenwaldt, Forstamtschef von 1951 bis 1972, standen Ganter in ihrer Popularität nur wenig nach. Noch hatten Forstamtsleiter in den Haushaltsberatungen der Kommunen ein gewichtiges Wort mitzureden. Den legendären Städtischen Bezirksförster Friedrich Hubbauer hatte man deswegen sogar für fünf Jahre (1852 1857) zum Bürgermeister gewählt.

Um es in der Bürgerschaft zu vergleichbarem Ansehen zu bringen, hätten die staatlichen Forstamtsleiter schon die Christbäume auf dem Münsterplatz gratis abgeben müssen – recht viel genutzt hätten ihnen auch solche Kopfstände nicht. Beliebt hatten sich die Großherzoglich badischen Forstbeamten von Anfang an schon deshalb nicht gemacht, weil sie nach 1806 die Forstaufsicht auch über den Stadtwald weitaus energischer wahrzunehmen bemüht waren als man es von den orderösterreichischen Kameralförstern bis dato gewohnt war. Ein weiteres Handicap der Staatlichen lag auch in ihrer dienstlichen Verweildauer: Während die städtischen Kollegen im langjährigen Durchschnitt nur alle 28(!) Jahre wechselten, Trachten es die insgesamt 17 staatlichen Forstamtsleiter im Schnitt nur eben auf eine neuneinhalbjährige Dienstzeit. Zu Großherzogs Zeiten waren es gar nur sechs Jahre, denn dessen Forstverwaltung war militärisch zugeschnitten, und personeller Wechsel galt dort stets als probates Mittel gegen seßhafte Bequemlichkeit. Nicht selten waren es überdies ältere Beamte, die nach Villingen versetzt wurden, zuallermeist Unterländer, denen man die Beschwerlichkeiten der gebirgigen Schwarzwaldbezirke nicht mehr zumuten wollte. Und manch einer nutzte die erstbeste Gelegenheit, sich aus dem rauen Klima der Baar wieder davonzumachen.

Ein staatliches Forstamt (bis 1899 Bezirksforstei geheißen) war spätestens 1810 erforderlich geworden. Durch den Wiener Vertrag war es zu zahlreichen Gebietsabtretungen von Württemberg an Baden gekommen, so daß nicht mehr nur die Oberaufsicht über den Villinger Wald zu führen war. Eines Amtes bedurfte es zur Bewirtschaftung des säkularisierten Klosterwalds von St. Georgen ebenso wie zur Sicherstellung der Brennholzversorgung der Großherzoglich badischen Saline in Bad Dürrheim, derentwegen das Land in großem Stil landwirtschaftliche Grenzertragsstandorte aufkaufte und sodann aufforstete. Zu zwei Dritteln besteht der Villinger Staatswald seitdem aus neuem Wald, aus fichtenreichen Beständen, deren Umbau zu stabilerem Mischwald bis auf den heurigen Tag noch längst nicht abgeschlossen ist.

Jacob von Stengel, Sohn eines vormals kurpfälzischen Hof-, sodann badischen Oberhofgerichts-rats aus Mannheim, erscheint als erster in der Ahnengalerie staatlicher Forstamtsleiter. 1827 wurde er Großherzogl. badischer Revierförster in Villingen, wo er alsbald die Bürgerstochter Anna Jörger ehelichte. 1834 anläßlich der allerersten Neuorganisation der Forstverwaltung wurde von Stengel bei einem Gehalt von 800 fl. zum Bezirksförster ernannt; das reichte nicht eben üppig für den Familienunterhalt, weshalb ihm sein Dienstherr als Zubrot ein „Deputatwildbret“ von 2 Rehböcken, 15 Hasen und 15 Rebhühnern zugestand. Von Stengel war der erste wissenschaftlich ausgebildete Forstmann in Villingen. Von seinen Vorgesetzten wurde er gelobt als einer der tüchtigsten des Berufsstandes; als Botaniker sei er gar „der ausgezeichnetste“. Freilich bediene er sich zu wenig seiner wohlgenährten Pferde, da er seiner botanischen Liebhaberei wegen lieber zu Fuß gehe, wie es nicht ganz frei von Tadel in seinen Dienerakten heißt. Bereits nach drei Jahren verließ er Villingen, um Forstmeister in Stockach zu werden, wohl auch, um am See noch besser botanisieren zu können.

Vom Bodensee nach Villingen verschlug es ein halbes Jahrhundert später einen weiteren adligen Forstamtsleiter, den Freiherrn Richard von Bodmann, der 1882 bis 1890 staatlicher Oberförster war, ehe auch er sich nach einer milderen Gegend umsah und die Bezirksforstei Ichenheim mit Wohnsitz in Lahr übertragen bekam. Ihm folgte, nach diversen Vertretungen, 1893 der Forstassistent Friedrich Roth von Zwingenberg, der zeitgleich mit dem Einzug ins neuerbaute Amt im Kaiserring zum Oberförster befördert worden war. Mit Roth sollte sich endlich auch ein staatlicher Forstamtschef in der Villinger Vereinsgeschichte verewigen: Zwar war schon 1881 auf Betreiben des städtischen Kollegen Hubert Ganter der Villinger Verschönerungsverein gegründet worden, der seit 1888 auch Korporativmitglied des Freiburger Schwarzwaldvereins war. Doch der eigentliche Gründungsakt einer selbständigen Villinger Schwarzwaldvereins-sektion wurde 1899 „durch die tatkräftigen Bemühungen und unter der Leitung des Oberförsters Roth“ vollzogen. Die Gründungsversammlung fand am 12. September 1899 im Hotel „Deutscher Kaiser“ (nachmals Hotel „Ketterer“) statt. Mit dem Vereinsvorsitz klappte es dennoch nicht: Kaum vierzehn Tage später wurde Roth das Forstamt Weinheim im badischen Unterland übertragen. Auch er scheint das Weinbauklima der Bergstraße der rauen Baar vorgezogen zu haben. Immerhin sorgte er noch dafür, daß sein Amtsnachfolger, der aus Boxberg nach Villingen versetzte Oberförster Wilhelm Bauer, im Jahr 1900 zum 1. Vorsitzenden der Schwarzwaldvereins-Ortsgruppe gewählt wurde, ehe auch er sich, kaum drei Jahre später, erfolgreich um das Forstamt Überlingen bewarb. Die Liebe zur Baar pflegte erstaunlich rasch zu erkalten.

Bleiben wir trotzdem noch eine Weile bei Friedrich Roth. Ihm verdanken wir einen besonders intimen Einblick in die Dienstgeschäfte eines Forstamtsleiters um die letzte Jahrhundertwende, hat er uns doch sein schweinsledernes Dienstbüchlein hinterlassen. In ihm findet sich nahezu alles, was seiner Zeit ein Forstamtsleiter über seinen Betrieb wissen mußte, zusammengedrängt auf Taschenformat, ein forstliches Vademecum in filigraner Schönschrift, mit dessen Hilfe der Chef damals durch nichts und niemanden aufs Glatteis zu führen war: In Miniaturausgabe das gesamte Forsteinrichtungswerk des Villinger Staatswalds, die 10-Jahresplanung des Jahres 1890, die Beschreibung der einzelnen Waldbestände, Behandlungsvorschriften sowie die Vollzugsspalte, daneben das komplette Kartenwerk, in welches der Chef in winzigen Bleistift-Notizen Auffälligkeiten aller Art einzutragen pflegte. Er stellt uns damit auch seine allgegenwärtige Präsenz im Wald unter Beweis: Kein Waldort, an dem es nicht etwas zu entdecken und festzuhalten gegeben hätte, seien es Wegebauprojekte, Wachstumsunterschiede, Sturmanrisse oder auch einmal (mit Kreuzchen und Datum) der Erlegungsort eines in der Brunft herbeigeblatteten Rehbocks.

Mit Bleistift fein säuberlich eingezeichnet hat Roth auch die denkwürdigste Entdeckung seiner sechs Villinger Dienstjahre: das Römerbad im Staatswalddistrikt Bubenholz bei Fischbach, dessen Erstausgrabung er selbst durchgeführt hat. Außerhalb des Waldes – nicht minder akkurat eingemessen – finden sich die Grundmauern der Villa rustica dargestellt, die dann ein Jahrhundert später durch das Landesdenkmalsamt ausgegraben und restauriert werden sollten. Von den Hauer-lohntarifen über Kubierungstabellen, Jagdstrecken, von den Fahrplänen bis zu den jüngsten Wahlergebnissen in den Gemeinden seines Forstbezirks – alles hatte Platz in der Manteltasche gefunden. Heute füllt es Aktenschränke und den Speicher des Forstamtscomputers. Wann jeweils wo in den Jahren zwischen 1893 und 1899 der erste Kuckucksruf erschallte, wann die Störche kamen und wieder wegzogen, mag Roths phonologische Aufschriebe für uns Heutige nicht unbedingt mehr als nachlesenswert erscheinen lassen. Doch allein die Tatsache, daß der Kuckuck rief und daß auf den Kirchtürmen der Baar noch allerorten die Störche brüteten, allein dies schon besitzt dokumentarischen Wert.

Öffentlichkeitsarbeit zählte damals noch nicht zu den Aufgaben eines Behördenleiters. Und so dürfte es der Aufmerksamkeit der Bürger auch entgangen sein, daß sich das staatliche Forstamt einmal für eine kleine Weile wenigstens – fast wie der Nabel der forstlichen Welt vorkommen durfte. Zu danken war der unverhoffte Ruhm einem Waldbausystem, dessen Erwähnung noch heute in keinem Waldbau-Lehrbuch fehlen darf: dem sog. „Keilschirmschlag“. Der Miterfinder dieses Systems, der Chef der Badischen Forstverwaltung, Landesforstmeister Emil Kurz, war 1933 von den Nazis zum gemeinen Oberforstrat degradiert und nach Villingen in die badisch-sibirische Verbannung geschickt worden. Kurz hat den Keilschirm-schlag in den Waldungen seines Forstbezirks nach Kräften zur Anwendung gebracht, ehe er dann rehabilitiert und 1952 zum ersten baden-württembergischen Forstpräsidenten ernannt wurde.

In den Nachkriegsjahren haben sich im Kaiserring die hochkarätigsten Exkursionen aus aller Herren Länder die Forstamtstür gegenseitig in die Hand gegeben. Dankschreiben und Ergebenheitsbekundungen der forstlichen Großgeister jener Zeit rissen nicht ab. Alle scheint Emil Kurz für sein System gewonnen und begeistert zu haben, auch wenn böse Zungen behaupten, der Zulauf habe seine Ursache eher darin gehabt, daß man aus Entnazifizierungsgründen keine bessere Adresse gehabt habe, wo Exkursionen internationaler Kapazitäten unbesehen hingeschickt werden konnten. Das schmälert keineswegs den wirklich staunenswerten Erfolg Kurzscher Überzeugungsarbeit. Am erfolgreichsten war er beim städtischen Kollegen nebenan, wo der Keilschirmschlag – in Abwandlung – bis auf den heutigen Tag praktiziert wird. Nicht so im Staatswald und in den vom staatlichen Forstamt im Verbund bewirtschafteten Gemeindewaldungen. Die „Zwangsjacke des Keilschirmschlags“, dieses zwar wohldurchdachten, doch allzu doktrinär verordneten Waldbausystems der Zwanzigerjahre, war schon bald nach Ende der Ära Kurz abgestreift worden. Der jetzt geübte „freie Stil des Waldbaus“ wurde, versehen mit dem Segen von Forstdirektion und Ministerium, weiterentwickelt. Er kehrt unterdessen zurück zur archaischsten Form der Waldnutzung, zur Plenter-oder Femelwaldwirtschaft, wie sie 1833 durch das Badische Forstgesetz verboten worden war. Durch dasselbe Gesetz, dem die beiden Forstämter ihre Entstehung zu verdanken haben. Das novellierte Landeswaldgesetz von 1995, das von den Grundsätzen naturnaher Waldwirtschaft getragen wird, bietet einstweilen die Gewähr, daß der jetzt praktizierte naturnahe Waldbau mehr ist und bleiben wird als eine Marotte des Amtsvorstands.

Nicht das waldbauliche Ziel, allenfalls die Wege dahin unterscheiden die beiden Villinger Ämter: Hin zu einem möglichst leistungsfähigen, stabilen und vitalen, hin auch zu einem schönen Wald. Und so nimmt es denn auch niemanden wunder, wenn dieselbe Exkursion wissensdurstiger Forststudenten, die vormittags den Stadtwald besucht, um dem Keilschirmschlag die Referenz zu erweisen, sich nachmittags im Staatsforst nicht minder aufmerksam dem Thema „Plenterüberführung“ widmet. Für den Waldbesucher unterm Strich: fast einerlei

 

Keilschirmschlagsystem

Ein Wortungetüm aus dem Waldbaulehrbuch, mit dem der nichtforstliche Laie wenig anzufangen weiß. Es handelt sich dabei um ein Verfahren zur Verjüngung von Nadelwaldbeständen, das durch eine strenge, räumliche Ordnung Schäden durch Sturm und Holzernte minimieren soll.

Nachdem der Altholzschirm zunächst großflächig aufgelockert wird, damit sich darunter junge Tannen ansamen können, erfolgt die weitere Holzernte dann gegen die Hauptsturmrichtung von Ost nach West längs einer gezackten Keilfront, bis das Altholz schließlich vollends abgeräumt, der Jungwuchs auf die Freifläche entlassen wird. Fischgrätenartig werden die Stämme von der Keilmitte gegen die Rückegassen hin gefällt.

Das Keilschirmschlag-System wurde in den Zwanzigerjahren von Karl Philipp und Emil Kurz erfunden und in Baden sodann verbindlich vorgeschrieben. Bei allen Vorzügen hinsichtlich seiner Pfleglichkeit hat es, schablonenhaft angewandt, auch gravierende Nachteile.

Da die Waldverjüngung häufig zu hastig vorangetrieben worden ist, hat das System vielerorts zum Verlust der Weißtanne und zu gleichaltrigen, strukturarmen und daher krisenanfälligen Waldbeständen geführt.

 

 

Der „Riese“ Romäus – Wirklichkeit, Legende und Deutung (Werner Huger)

Vor 500 Jahren: 1497 /98 Romäus im Turm gefangen

Als man zählt 1498 Jahr

Hat hier gelebt, glaubt fürwahr,

Ein Wundermann, Romeyas genannt,

Im ganzen Land gar wohl bekannt.

Nachdem er ritterliche Thaten vollbracht,

Sein Stärke ihn verführet hat,

Fing an seine Obrigkeit zu schelten,

Dessen mußt er im Thurm entgelten.

Broch wunderlich mit List daraus

Und floh in Sanct Johanniser Haus,

Allda noch ein Balken zu finden,

Welchen Romeyas dahin tragen konnte;

Wagt sich hernach über d‘ Mauern n’aus

Belagert Kusenberg, das feste Haus,

Das er in wenig Zeit eingenommen,

Daher wiederum Gnad bekommen,

Daß im Spital bis an das Grab

Die Herren-Pfrund ihm geben ward,

Endigt also in Ruh sein Leben.

Gott woll‘ uns allen den Frieden geben!

(Der ältesten Abbildung auf der Mauer angeblich beigefügte Text.)

So stellte sich der Zeichner 1872 die Flucht des Romäus aus dem damaligen Diebturm im Jahre 1498 vor. Die inzwischen ermittelten Daten und geprüften Hinweise geben ihm recht. (Vgl. nachfolgenden Text)

 

Romäus, der spätunittelalterliche Villinger Lokalheld, ist keine abgehobene mythologische Figur, die sich in einem sagenhaften Dunkel verliert. Er lebt zu seiner Zeit als Bürger unter Bürgern der kleinen Stadt, ist einer der ihren. Er wird aber als Mensch in seinem sozialen Umfeld durch sein Verhalten zur auffälligen Person, die Erstaunen, Bewunderung oder gar Furcht erregt. Für uns sind es die Andeutungen und überlieferten Geschichten von verwegenen Taten aber auch von seiner trotzigen Haltung gegenüber der städtischen Obrigkeit. In der sozialen Hierarchie einer Ober-, Mittel- und Unterschicht gehört er bezeichnenderweise zur bürgerlichen Mittelschicht im Umkreis der Handwerker und Gewerbetreibenden. Seine kraftmeierischen, manchmal schelmischen und oppositionellen Auffälligkeiten machen ihn zum Sympathieträger des solidarischen Bürgers, in dessen zunächst nur mündlich weitergegebenen Erzählungen die reale Person in das verklärende Licht der Legende oder Sage taucht. Noch über drei Jahrhunderte nach dem Tode des historischen Romäus sammelten und vereinigten sich über seine Gestalt zeitaktuelle Geschichten, die sich kompromittierend mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verbinden.

So ist er auf uns Heutige überkommen, ein „ewiger Romäus“ gewissermaßen. Wie bei der Beugung des Lichts umgibt seine Person der farbige Kranz einer Aureole. In diesem Licht verliert er seine reale Dimension und wird Figur. Als solche bleibt er zwischen Wirklichkeit und Legende angesiedelt, bleibt Träger von Eigenschaften, die sich vom Bild eines gewöhnlichen Sterblichen lösen. Es sind äußerliche Merkmale. Da ist seine angeblich gewaltige Kraft, sind sein unbeschreiblicher Appetit und die riesige Körpergröße. Von ihnen und seinem Mut handeln die Ausführungen jedes Gästeführers, der Fremde durch die Geschichte der Stadt geleitet und das Besondere kolportiert. Diesem „Riesen Romäus“ wollen wir auf die Spur kommen. Wir wollen ergründen, welche Ursachen bestimmend waren, daß aus einem Mann ein Kerl und aus diesem die Vergegenwärtigung „einer erzählerischen und letztlich glaubensmäßigen Gestalt“ wurde.

II. Geschichtliche Fakten

1. Der Name

a) Vorname

Der heute für den Lokalhelden gebräuchliche Name ist Romäus. In früherer Zeit gab es weitere Spielarten: Romey, Romeias, Romius, Romias oder Romeius. Es sind Gebrauchs- bzw. Rufnamen, und sie sind Vornamen. Bis in unser Jahrhundert blieb es Sitte, gleiche Ruf- oder Vornamen in der Familiensippe zu wiederholen. Als Ausfluß der Heiligenverehrung war sein korrekter Name, der so ins Taufbuch eingetragen wurde, Remigius, ein im Mittelalter häufig vorkommender Name. Er bezieht sich auf den heiligen Remigius, Bischof von Reims im 5. Jahrhundert, den Namenspatron, „dessen mächtigen Schutzes man einen zu Benennenden anvertrauen wollte“. Es findet sich wiederholt auch die Schreibweise Romigius, aus der die Verkürzung Romeius usw. oder Romäus herzuleiten ist.

b) Nachname

Der Familienname war „Manns“. Auch hier gibt es mehrere abgewandelte Formen. Die um 1500 noch ungefestigte Schreibweise von Familiennamen führte in den historischen Quellen zu Abweichungen wie: Man, Mans, Manns, Manß, Mann, Manz, Mancz, Manzz und Mantz. Sowohl die Verwendung gleicher Rufnamen, wenn auch modifiziert, sowie unterschiedliche Schreibweisen des Familiennamens erschweren u. a. die Zuordnung an eine bestimmte Person. Das geschichtliche Quellenmaterial ist ohnehin begrenzt und sagt in unserem Falle wenig aus.

2. Romäus in den geschichtlichen Quellen

Wie steht es um diese Quellen? Versiegt sind die der Ratsprotokolle und ihrer Begleitakten. Das Material ist für die Zeit vor 1549 (1540) nicht mehr vorhanden. Damit ist vor allem die prozessuale Seite des Fadles Romäus (Turmhaft) nicht mehr aktenbezogen rekonstruierbar.

Die gleiche Quellennot ergibt sich bei den wichtigen Pfarrbüchern. Auch sie reichen nicht mehr in jene Zeit zurück 1). Nach den im Villinger Stadtarchiv noch vorhandenen Urkunden erscheint, fürs Erste ohne nähere Differenzierung, für die in Frage kommende Zeit dreimal ein Remigius und einmal ein Hans Manns, wie zuvor schon verdeutlicht in abgewandelter Schreibweise 2). Ebenfalls im Stadtarchiv befindet sich das Bürgerbuch ab 1401 mit drei Hinweisen auf einen Remigius Manns 3). Einen Hinweis auf Remigius Mans gibt es in den Aufzeichnungen der Sankt Leonhard- und Sankt Josenpfründe 4). Schließlich bleibt noch das Jahrzeitbuch des ehemaligen Franziskanerklosters mit der Erwähnung eines Remigius Mans 5).

Zunächst ohne Möglichkeit einer genealogischen Einordnung, lassen sich die urkundlichen Notizen wie folgt auflisten:

1467 Remigius Manns und andere schwören Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1480 Hanns Manns, genannt Hessli, …schwört Schulth., Bgm. u. Rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1481 Hans Brulinger, ist burger an sinem halben huse, in hüffinger gassen, was Remigius Manns, an dem tail wider Vailingen huse… (Anmerkung 3).

1483 Maister Michel Wichen, der kessler, ist burger ab sinem huse in hüffinger gassen, ab dem teil gegen Remigius Manns huse (Anmerkung 3).

1483 Remigius Manns, der gebütel, ist burger ab sinem huse, gegen der frowen in der samlung huse in hüffinger gassen… (Anmerkung 3).

1486 Romigius Manns, der wirdt zu Villingen, schwört Bgm. und rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1494 Remigius Man zu Villingen bestätigt, von Schulth., Bgm. und Rat von Villingen die Erlaubnis zum Bau eines Hauses „uff brayten brunnen“ bekommen zu haben, als Erblehen… (Anmerkung 2).

1508 Hans Müller, genannt Allgöwer, in der Niedergrabenmühle zu Villingen, verkauft sein Haus an der Bickenstraße samt der Scheuer dahinter um 28 fl. Villinger Währung an den ehrbaren Remigius Mans und dessen Nachkommen zu Villingen (Anmerkung 4).

1510 „Es wirt jorzit am suntag zuo vesper mit Vigil und mendag frue mit sel meß for lucye remigius mans sin fatters und muoter und zweyer siner husfrowen und aller siner vorderen und siner kinden het geben ein hus im Ried mit ein garten giltet jerlich 1 lib. VIII ß, anno XV°X°.“ (Anmerkung 5).

Die obige Reihung der einzig vorhandenen „amt-ichen“ Jahreszahlen grenzt den zeitlichen Bereich :in, in dem wir die historische Person des Romäus ui suchen haben. Sowohl J. N. Schleicher als auch 2hristian Roder (a. a. 0.) unternahmen den Ver-;uch, die genannten Personen in einen familiären Zusammenhang zu bringen und sich dem legendären Romäus zu nähern. Während Schleicher zu ;ehr im Spekulativen bleibt, glaubt Roder (Romeias a. a. 0., S. 201 ff.), daß „höchst wahrscheinlich“ jener Remigius Manns von 1467 (Urfehde) der Vater von Hanns Manns (Urfehde 1480) und des „Remigius Manns, der gebütel“ sei. Er schreibt, „Letzterer, – unser Romeias, er war Büttel oder Gerichtsdiener – war laut Bürgerbuch seit Weihnachten 1483 Bürger auf seinem Haus in der Hüfinger Gasse (jetzt Gerbergasse)“.

Für Christian Roder sind Remigius Manns (1483) und Romigius (Urfehde 1486) dieselbe Person, wenn er schreibt, „Aber auch dessen Bruder (Anm.: Bruder des Hanns Manns) Romigius (sic!) Mans – er ist nun Wirt – war bald, nämlich 1486, in ähnliche ,merkliche Händel‘ verwickelt“.

Nichtsdestoweniger sind auch Roders Gedanken ungesicherte Überlegungen. Roder bezeichnet nämlich Remigius Manns, den Büttel, mit dem Datum von 1483, und Romigius Manns, den Wirt, von 1486 als, wie erwähnt, dieselbe Person, ohne den Beweis zu führen. Aus dem Urfehde-brief von 1486 ist er, außer dem Namen und der Berufsangabe, nicht näher identifizierbar, und wir erfahren nur, daß er „in allen ehrbaren Dingen wieder gehorsam und gewärtig“ sein wolle (Schleicher, S. 89). Die Person des Romäus ist folglich weder aus dem obigen zeitlichen Katalog zu identifizieren, noch ergibt der Wortlaut des Urfehde-briefs oder sonstiger Urkunden, einen unmittelbaren Hinweis. Alle Kombinationen haben nur mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit für sich. Dazu gehören auch fiktive Altersrechnungen. Danach dürfte – entgegen der Meinung J. N. Schleichers (a. a. 0.) – der Remigius Manns von 1467 ausscheiden, wäre er doch zum Zeitpunkt der nachfolgend zu schildernden Einkerkerung 1497 und der Flucht 1498 bereits um die fünfzig und bei der Schlacht von Novara, 1513, mindestens sechzig Jahre alt gewesen.

Anders steht es um Romigius Manns, den Wirt, aus dessen Urfehdebrief von 1486 zu entnehmen ist, daß er ein „eelich wyb“ und „klaine unerzogene kind“ besitzt (Vgl. Schleicher, S. 89). Ihm für das Jahr 1486 ein fiktives Alter von 25 Jahren zuzuweisen, würde für alle nachfolgenden geschichtlichen Daten Sinn machen.

Dennoch: Die Gestalt aus Fleisch und Blut, die Person, bleibt im Verborgenen, ihr Bild unbestimmt und schemenhaft. So bleibt sie Stoff, aus dem die Legenden sind. Das gilt ebenso für jene Gestalt, die uns im Bericht des Villinger Ratsherrn Heinrich Hug, einem Zeitgenossen des Romäus, handelnd entgegentritt. Hug hat uns seine Tagebuchaufzeichnungen für die Jahre 1495 – 1533 hinterlassen, in denen er als Zeitzeuge Nachrichten aus dem Leben des Romiaß Manß übermittelt 6). Formal, inhaltlich und aus rechtshistorischer Sicht der deutschen Sprache unserer Tage angepaßt, lauten die Schilderungen Hugs wie folgt:

Im Jahre 1497, um Maria Empfängnis (Anm.: auch: Mariä Erwählung) (nach Roder: 8. Dezember), wurde einer gefangen genommen. Er hieß Romiaß Manß. Er wurde im Diebturm (Anm: Sankt Michaelsturm) eingesperrt, weil er angeblich den Stadtschreiber und den Hansen von Frankfurt, der hier Schultheiß war, verunglimpft hatte. Er lag zunächst bis nach der Weihnachtszeit gefangen (Anm.: damals vom 25. Dezember bis Sonntag nach dem 6. Januar). Dann hat man einen Boten ausgeschickt, der mit der Glocke den Rat zusammenrief. Dieser kam mit mehrheitlichem Beschluß zu dem Urteil, ihn lebenslänglich im Turm einzusperren. Aus dem Spital solle man ihm täglich ein Stück Brot und einen Krug mit Wasser geben, sofern allerdings seine Freunde (Anm: auch Verwandte) der wohlgesonnene Gönner ihm aus Barmherzigkeit Zuwendungen machten, wäre man damit einverstanden. Es gab Freunde und Gönner, von denen jeweils einer ihn einen Tag in der Woche im Turm verköstigte. In der städtischen Bevölkerung hatte man mit ihm großes Mitleid, aber es gab keine Hilfe. Während der Fastenzeit kam auf seinem Ritt nach Hochburgund Herzog Jörg von Bayern in die Stadt. Den Grafen und Rittern seines Gefolges trugen ehrbare Leute den Sachverhalt vor, weshalb er eingekerkert sei und welche Gründe dafür bestimmend waren. Daraufhin setzten sich drei Grafen und sieben Ritter und Freiherren bittend für ihn ein.

So müßte die Holzpritsche für Romäus ausgesehen haben. Als sein Zeitgenosse berichtet der Villinger Ratsherr Heinrich Hug ..Und macht im ain ratt ain brugk uß flecklin…“ (Bildvorlage: Aufnahme der ehemaligen Gefängniszelle im Wasserschloß Glatt, Kreis Hechingen, 1985)

 

Aber alles war vergebens. Der Rat wies das Ansinnen mit dem Hinweis zurück, daß er, entsprechend des begründeten Urteils, bis zu seinem Tode im Turm verbleiben müsse. Der Rat ließ ihm eine hölzerne Pritsche aus Bohlenbrettern anfertigen und versorgte ihn nach seiner Meinung entgegenkommend, dennoch konnte ihm niemand helfen. Da rief er die Heiligen an und überlegte, was ihm nützen könnte. Er erhielt in den Turm ein fingerlanges Messer zugesteckt. Damit brachte er es mit Gottes Hilfe zuwege, daß er eine Sprosse nach der anderen in die Mauer einbrachte, bis er oben an die Decke des Kerkers gelangte. Dort hatte er erhebliche Schwierigkeiten, weil er auf große Eichenklötze (Anm.: Stockwerksbalken) stieß. Er arbeitete nun nachts und trieb es „so lang bis an unßers heren fronlichnams abend“ (Anm.: = 2. Donnerstag nach Pfingsten nach Roder 13. Juni 1498) um die „11 stund im tag“ 7) (Anm.: nach 18 oder nach 19 Uhr). Da war er auf das Stockwerk gelangt und versorgte sich mit den Seilen die hier lagen. Und als es Nacht war zwischen 10 und 11 8) (Anm.: drei und 3.45 Uhr morgens), seilte er sich über eine Öffnung nach außen ab, bis auf das Dächlein vor dem Turm (Anm.: über dem hochgelegenen Eingang in etwa acht Meter Höhe). Seine Hände verloren den Halt am Seil, und er fiel auf Bretter hinunter, die dort lagen. Zuvor hatte er große Klötze, die er ausgegraben hatte, hinuntergeworfen. Die trug er mit als er hinüber zur Johanniter-Kommende flüchtete. Der eine befindet sich noch an der Säule im Chor. Den andern trug er mit nach St. Wolfgang im Bayernland. Sobald er zu den Johannitern kam und es morgendlicher Tag war, wurde es zum allergrößten Wunder, das man je gehört hatte, daß einer einem solchen Gefängnis entkommen konnte. Die Menschen strömten ihm zu und priesen Gott an ihm. Vom Rat war keiner darunter. Viele wurden verhaftet. Der für den Diebturm zuständige Werkmeister wurde festgenommen und in die Arrestzelle im Bickentor eingesperrt. Aber auch er brach aus und flüchtete ebenfalls ins Asyl zu den Johannitern. Wollte er allerdings freikommen, mußte er dem Rat zwanzig Gulden zahlen. Auch der Turmwächter wurde festgenommen. Es war jedoch von niemandem zu erfahren, wer ihm den Ausbruch aus dem Turm ermöglicht hatte. Mit großem Aufwand versuchte der Rat seiner habhaft zu werden. Am Sankt Verenatag (nach Roder: 31. August; richtiger: 1. September) gab es ein großes Unwetter. Da floh er über die Mauer, entkam und verlangte Gerechtigkeit. Es gab ein Wiederaufnahmeverfahren, der Rat hob sein Urteil auf und zahlte ihm eine Abfindung 9). Man gewährte ihm den freien Abzug, auf daß er ziehe, wohin er wolle. Er war ein ganz ungewöhnlicher, unbegreiflicher Mensch, so daß die Ereignisse um ihn nicht zu beschreiben sind; zumal er von Jugend an ein Kriegsmann war, der während seiner Tage große Dinge getan hat.

 

Die Küssaburg (670 m) bei Waldshut, seit 1634 Ruine. Heinrich Hug über das Geschehen auf der Burg im Schweizeroder Schwabenkrieg 1499: “ .do hielt er (Romäus) sich so redlich, das im der king (König Maximilian 1.) hie (in Villingen) ain Pfrund gab in der ober stuben. ..“

 

Danach im Jahre 99, wie du später noch hören wirst, fing der Schweizerkrieg an. Da befand er sich auf dem Schloß Küssaburg bei Waldshut. Hier bewährte er sich so rechtschaffen, daß ihm der König (Anm.: Maximilian I.) hier (Anm.: in Villingen) eine Pfründe in der oberen Stube des Spitals stiftete. Die war ihm lieber als die „Pfründ“ im Diebturm, zu der sie ihn verurteilt hatten. Es ist unmöglich, all das Außergewöhnliche um ihn zu beschreiben.

Soweit die Übertragung dieses Teils des Tagebuchtextes von Heinrich Hug für die Jahre 1497 / 98. Aus der Zeit des Schweizerkrieges (auch: Schwabenkrieg) 1499 entnehmen wir bei Hug auszugsweise folgende Schilderungen: 10)

Item am 4. Donnerstag nach Ostern (nach Roder: 25. April) schlossen sich die Schweizer zusammen und zogen heraus vor ein Städtlein, namens Tiengen … machten große Beute und verbrannten die Stadt. … Das war unsererseits eine Schande und verbreitete großen Schrecken … Item in diesen Tagen kam der Römische König (Anm.: Maximilian I.) nach Freiburg … Item von Tiengen zogen die Schweizer nach Stühlingen und belagerten Schloß und Städtlein … sie verbrannten Schloß und Städtlein „butzen und stil“. Item von Stühlingen zogen die Schweizer vor ein Schloß namens Küs-saburg. Auf diesem Schloß waren 25 starke Männer und war Romias Manss ein Büchsenmeister (Anm.: Befehlender über Feuerwaffen). Als die Schweizer vor das Schloß kamen, wollte die Mannschaft den Büchsenmeister nicht schießen lassen. Der Schloßhauptmann stellte sich vor sie und sagte: ,Wer mit mir das Schloß verteidigen will, stelle sich auf meine Seite“. Nur vier Mann stellten sich auf seine Seite. Zwanzig wollten das Schloß aufgeben und ergaben sich ohne alle Not. Man ließ sie abziehen, doch als sie nach Waldshut kamen, wurden sie gefangen genommen. Den Anstiftern ließ der Landvogt den Kopf abhauen, weil sie Verräter waren, nur fünf ließ man leben…. Item am Donnerstag nach dem St. Georgstag (nach Roder: 25. April) kam der König nach Villingen 11). Zu seineun Empfang zogen ihm einhundert Vertreter der Stadt entgegen. Denen schenkte der König sechs Gulden, die wir in geselliger Runde verzehrten. Freitagfrüh um zehn Uhr ritt dann der gesamte Zug mit dem König und achthundert Pferden nach Konstanz….

1509 vermerkt Heinrich Hug: 12)

Item im Jahr 1509 erhob sich der Krieg zwischen dem Papst und dem Römischen König und dem König von Frankreich gegen die von Venedig…. Der König hatte 80000 Mann vor Padua liegen, aber er konnte die Stadt nicht einnehmen. Aus der Stadt heraus wurden 1000 Mann erschossen, zwei Büchsenmeister aus dieser Stadt (Anm.: Villingen): einer war Michel Wer(k)maister und der „jung Romius Mans“

Die Ansprüche des französischen Königs Ludwigs XII. auf das Herzogtum Mailand führten am 6. Juni (nach Roder) 1513 zur Schlacht bei Novara, etwa 30 km westlich Mailands in der Poebene. Nach Heinrich Hug kämpfte auf französischer Seite ein Kontingent von dreieinhalbtausend Landsknechten. Ein letztesmal berichtet Hug von „Romyas“:

Item wir hatten von Villingen wohl achtzig bei der Schlacht 13) … Item am Vorabend Mariä Geburt in der Haferernte (nach Roder: 7. Sept.) war hier in Villingen ein großes Jammern. Man gedachte, wie es hier Sitte und Gewohnheit ist, mit dem Läuten der großen Glocke des Begräbnisses all der frommen Knechte, die von hier kamen und die in der Schlacht bei Mailand von den Schweizern erschlagen worden waren. Es waren 21 Mann, die zu Villingen gehörten, aber nicht mehr als zehn tapfere Männer, die in der Stadt steuer- und dienstpflichtig waren, mit Namen: Romyas Mans, von dem ich weiter vorne viel geschrieben habe, er war ein Büchsenmeister, …

3. Die Auslegung der Hugschen Berichte

a) Die Turmhaft

Dem Romäus war vorgehalten worden, er habe sich verleumderisch oder mit übler Nachrede gegen den Stadtschreiber und den Schultheißen vergangen. Der Straftatbestand, der sich im modernen Recht als Beleidigung erweist, wird auf die Ebene des Verbrechens gehoben und mit lebenslanger Turmhaft abgestraft. Nach den Spuren, die sich im ehemaligen Diebturm noch heute vorfinden, sowie den Schilderungen Hugs lag Romäus im Verlies, d. h. auf der Sohle des Turms, hinter zweieinhalb Meter dicken Mauern, fast neun Meter unterhalb des Turmeingangs.

Zur Verbüßung der Strafe wurde also nicht die urkundlich nachgewiesene Arrestzelle, das für Diebe vorgesehene „keffit“, auf Höhe des ersten Stockwerks über dem Turmeinstieg verwendet. Eine solche schwere Kerkerhaft ist dennoch nicht ungewöhnlich, wenngleich sie bisher nur noch einmal als lebenslange Strafe, wenn auch nicht als Dunkelhaft, bekannt geworden ist 14).

Für den heutigen Menschen ist die schwere Strafe schon deshalb kaum verständlich, weil der Tatbestand der Beleidigung als rechtswidriger Angriff auf die Ehre zwar strafbar ist, aber in der vorliegenden Form auch nach Antrag des subjektiv Verletzten wahrscheinlich auf den Privatklageweg verwiesen würde, wo die Grenzen u. U. weit gesteckt sind. Was noch vor hundert Jahren im Rahmen des Ehrenkodex zu einem Verfahren und Urteil geführt hätte, qualifiziert sich heutzutage nicht selten als freie Meinungsäußerung. Das Mittelalter war hier rigoros. Die Beleidigung in Form der Üblen Nachrede oder Verleumdung wurde als Angriff auf die Ehre als hohem Rechtsgut über die sogenannte Blut-, Hals-, Malefiz- oder Hochgerichtsbarkeit geahndet. Die Ehre ist im Mittelalter das höchste Gut des Bürgers. Nur wer im Vollbesitz seiner bürgerlichen Ehre war, konnte zum Richter (Rat) gewählt werden oder ein städtisches Amt bekleiden. Besonders schwer wog deshalb in der Einschätzung der Angriff auf die Ehre eines Ratsmitglieds, eines Schultheißen, Bürgermeisters, Obristzunftmeisters oder des Stadtschreibers. Das wird aus den Villinger Stadtrechtsregelungen deutlich, und nur so erklärt es sich, daß die angeblichen Äußerungen des Romäus über das Hochgericht abgeurteilt wurden, wo es nach dem Verbrechenskatalog an Hals und Hand ging, d.h. es regelmäßig zur Todes- oder schweren Leibesstrafe kam.

Weder die städtische Mittelschicht noch die in der Stadt eingetroffenen adligen Gäste vermochten den Rat umzustimmen. Lediglich eine geringe Hafterleichterung und etwas Zubrot wurden gewährt. Das erklärt den Zwang zum gewagten Ausbruch des Remigius. Die heute noch sichtbaren Hinweise im Turm erlauben eine wirklichkeitsnahe Rekonstruktion der Flucht 15). Danach kratzte Romäus mit einem Gegenstand („fingerlanges Messer“) den Kalkmörtel aus den Stoßfugen der Bruchsteine an der inneren Nordwand. In diesen Löchern („spris“ = Sprosse oder Stufe) konnte er dann ohne nennenswerte Anstrengung bis zu einer Höhe von 4,60 Meter emporsteigen. Die restlichen 3,4 m bis zum untersten hölzernen Stock-werksboden, für ihn die Decke des Verlieses, mußten über die Mauervorsprünge der Wand erklettert werden. Ein entsprechender Versuch wurde von uns vor Jahren unternommen und damit als Ausbruchsmöglichkeit nachgewiesen. Größere Schwierigkeiten bereiteten Romäus dann allerdings die Balken und die aufliegenden Bohlen, die es zu durchdringen galt. Anschließend benutzte er das damals bereits vorhandene heutige hölzerne Innengerüst (Vgl. Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XIX, 1994/95, S.48 f.) und gelangte über dessen Treppenstufen in das 2. Stockwerk über dem Turmeingang, wo er sich mittels vorgefundener Stricke aus der ersten breiten Luke in der Ostwand zur Stadt hin abseilte. Für den engen Erlebnis- und Erfahrungshorizont der Menschen dieser kleinen mittelalterlichen Stadt muß der Ausbruch aus diesem mächtigsten aller Türme etwas Unfaßliches gewesen sein. Es hat, wie die Erzählung weiß, entscheidend zur Bildung der Romäuslegende beigetragen.

Der Grund für die Flucht zu den Johannitern auf die andere Stadtseite hinüber ist vor allem in deren Asylrecht zu suchen. Zu den 1378 durch Kaiser Karl IV. erneuerten Rechten und Freiheiten des St. Johann Ordens gehörte auch: „Es sollen alle ihre Heuser in Teutschen Landen, und dazu alle, die mit ihr Leib und Guet darein fliehen, frey und sicher sein, also das niemand ihr Leib noch Guet darauß Frevenlichen noch mit Gewalt mit nehmen solle, in kaine weise“. (Archivakten) 16) Das Asylrecht galt im Mittelalter grundsätzlich auch für Klöster.

Die Fugenlöcher im Mörtel der inneren Nordwand des Romäusturmes ab der Sohle, die offensichtlich herausgearbeitet wurden, verraten einen Bereich, innerhalb dessen ein Aufstieg bis zur Höhe von etwa 4,60 m ohne große Anstrengung möglich (gewesen) wäre. Im Bild die Zone zwischen Höhenmeter 2 ab Sohle bis 4 Meter.

 

Rekonstruktionsversuch des Ausbruchs durch den Geschichts- und Heimatverein Villingen: Im Jahre 1971 erkletterte Werkmeister Thierer von der Stadtverwaltung den wahrscheinlichen Fluchtweg des Romäus über die innere Nordwand bis zur einstigen Decke des Verlieses, dem untersten Boden im Turm, hinter dem Eingang, etwa acht Meter über der Sohle.

Ein Ausweichen des Romäus auf das unmittelbar benachbarte Franziskanerkloster hätte allerdings nur scheinbaren Erfolg versprochen. Im Gegensatz zu den politisch einflußreichen und begüterten Johannitern waren die Franziskaner als Bettelorden zu sehr von der städtischen Obrigkeit abhängig und damit erpreßbar, zumal auch noch das erneuerte Stadtrecht von 1371 verfügte, daß gegenüber Flüchtigen zu den Franziskanern ein Verfolgungsrecht besteht. Das dürfte Romäus gewußt haben. Die Wiedereinsetzung des Verfahrens, die Aufhebung des Urteils und die gezahlte Haftentschädigung machten Romäus ausdrücklich zu einem freien Mann, dem damit die erneute Niederlassung in der Stadt grundsätzlich ermöglicht wurde. Nur so wird verständlich, weshalb König Maximilian I. ihm zehn Monate später in der oberen Stube des Spitals zu Villingen eine Pfründe stiften konnte, die ihm sogar eine bevorzugte Versorgung versprach. Er hatte auch für den König als unbescholtener Untertan der Landesherrschaft Habsburg-Österreich zu gelten. Welche Hintergründe für das Pfründprivileg bestimmend waren, wird noch darzustellen sein.

b) Die Belagerung und Einnahme des Schlosses Küssaburg

Die stattliche Küssaburg, als Ruine heute noch weit ins Land schauend, liegt etwa sieben km östlich der Stadt Tiengen am Hochrhein, heute kommunalpolitisch mit Waldshut vereinigt, nördlich des Rheins und unweit der Bundesstraße 34, die eine Ost-West-Verbindung über die grüne Grenze hinweg durch den Kanton Schaffhausen über Singen hinaus, an den Bodensee herstellt. Folgt man den Ausführungen Heinrich Hugs, versammelten sich die Schweizer am vierten Donnerstag nach Ostern (nach Roder: 25. April 1499) und zogen vor das Städtchen Tiengen.

Die aus Holz gezimmerten Stockwerke mit den Treppenläufen im Romäusturm, wo auch diese mächtige Aufzugswelle zu finden ist, wurden im Ausbruchsbereich von unten nach oben in den Jahren 1357, 1390 und 1430 eingebaut. Aus dieser Luke konnte sich Romäus auf waghalsige Weise nach außen abseilen.

 

Nach dessen Einnahme führte der Weg von Tiengen etwa 23 km ins nordöstlich gelegene Stühlingen. Als dieses zerstört war, ging es angeblich zur Küssaburg, die wieder rund 20 km südlich liegt. Am selben 25. April sei der König nach Villingen gekommen. Wie konnte er zu diesem Zeitpunkt etwas vom tapferen Verhalten des Romias Manss wissen? An der Schilderung dieser kriegerischen Ereignisse wird einmal mehr deutlich, daß Heinrich Hug dort, wo er nicht unmittelbarer Erlebniszeuge war, auch hörensagend auf Nachrichten angewiesen war, die sich rückblickend widersprechen konnten, obwohl er die Vorgänge grundsätzlich richtig wiedergibt. Im konkreten Falle müssen wir deshalb die zeitliche Abfolge des Geschehens und die taktischen Verläufe überprüfen. Über den zweiten Zug der Schweizer in den nördlich gelegenen Hegau vom 16. April bis 1. Mai während des Schweizerkriegs (Schwabenkrieg) 1499 erfahren wir aus anderer Quelle einen modifizierten Verlauf 17).

Danach überschritten die Schweizer am 16. April etwa neun Kilometer südöstlich der Küssaburg bei Kaiserstuhl (mittelalterlicher Rheinbrückenüber-gang mit Burg Röteln) den Fluß. Ihr Vorstoß in den Klettgau erfolgte nach Norden und Nordwesten. Es seien 4000 Berner gewesen. Die von Luzern, Fryburg und Zürich belagerten Tiengen. Von den Bernern erhielten sie Verstärkung und zählten nun 4000 Mann. … Nach der Besetzung der Küssaburg seien die Eidgenossen vor Stühlingen gezogen. Tags darauf habe sich das oberhalb liegende Schloß Hohenlupfen ergeben. Dann marschierten sie am 27. April weiter nach Norden bis Watterdingen, wo sie einen Tag ruhten …

Nach dieser Darstellung dürfte die Küssaburg entweder am 16. April oder kurz danach eingenommen worden sein. Das heißt, Romias Manss konnte schon einige Tage vor Ankunft des Königs in Villingen am 25. April in der Stadt eingetroffen sein. Nur so läßt sich zeitlich die Pfründverleihung erklären. Über den Beweggrund gilt es zu spekulieren. Villingen war eine habsburg-vorderösterreichische Stadt und der König in Personalunion gleichzeitig der Landesherr. Die Bürger waren als Untertanen auf Seiten des Königs in den Schweizerkrieg einbezogen, ergänzend als Koalitionspartner des Schwäbischen Bundes. Die Allianz galt umso mehr, nachdem Maximilian I. am 22. April 1499 den Eidgenossen als Angehörige des Reiches den Reichskrieg erklärt hatte.

Der Auszug eines städtischen Heerbanns in das Schaffhauser Gebiet nach Schleitheim und Hallau wurde zu einem erfolglosen Unternehmen 18). Dagegen konnte man in der Person des Romias Manss einen wagemutigen Mann nach dessen unmittelbar zurückliegender „Feindberührung“ vorzeigen und ihn dem König vorstellen. Dieser hatte sich ja schon beim Empfang spendabel gezeigt, so daß auch hier eine Anerkennung der kriegerischen Verdienste des Romias Manss in Form einer Pfründe naheliegt. Sach- und Rechtszuwendungen als Belohnung für kriegerische Verdienste waren zu allen Zeiten üblich.

c) Tod des „jung Romius Mans“ in der Schlacht von Padua 1509

Das von Heinrich Hug verwendete Eigenschaftswort „jung“ grenzt die Person ein. Danach kann es sich mit Sicherheit nicht um „unseren“ Romäus gehandelt haben. Wie weiter vorne erwähnt, ist dem Urfehdebrief von 1486 zu entnehmen, daß Romigius Manns „klaine unerzogene kind“ besaß. Unterstellt, dieser Romigius Manns, der Wirt, sei unser Romäus gewesen, dann kann man Christian Roder zustimmen, wenn er meint, der „jung Ro-mius“ sei „wahrscheinlich ein Sohn unseres Ro-meius Manns“ gewesen 19). Der Ausdruck „jung“ ließe sich mit einer realistischen Altersschätzung um 25 Jahre verbinden.

d) Tod des „Romyas Mans“ in der Schlacht bei Novara 1513

Diesem Ereignis ist die Notiz voran zu stellen, wonach „remigius mans“ 1510 dem Franziskanerklo-ster ein Haus im Riet als Jahrzeitstiftung zum Seelenheil seiner (verstorbenen) Eltern, seiner zwei Frauen, seiner Vorderen und seiner Kinder vermachte 20). Diese Mitteilung, für sich allein betrachtet, gibt keine Auskunft, ob es sich bei diesem Stifter „remigius mans“ um Romäus gehandelt hat. Wir werden aber noch sehen, daß sich über die familiären Querverbindungen eine heiße Spur und eine Lösung entdecken läßt.

Eine sichere Verbindung zum historischen Romäus stellt zunächst die Bemerkung Heinrich Hugs dar, wenn er die in der Schlacht bei Novara am 6. Juni 1513 in französischem Sold gefallenen Villinger namentlich erwähnt und u. a. schreibt: „… Romyas Mans, von dem ich da forna ful geschriben hon, was ain büchsenmaister…“.

Anthropologische Skelettuntersuchungen, auch in Villingen, belegen im Mittelalter, anhand zweien hier zu zitierenden statistischen Stichproben, ein mittleres Sterbealter für Männer von 42,6 bzw 34,0 und für Frauen von 38,7 bzw. 27,7 Jahren 21) Bei der Häufugkeitsverteilung ist die Sterberate in der maturen Altersgruppe (41 bis 60 Jahre) den Männer allgemein sehr hoch und mit der Kindersterblichkeit vergleichbar. Der Anteil einer Stichprobe beträgt bei sicher zuweisbaren 259 (vor 494) Individuen aus dem Villinger Münster, entsprechend der Skelettbefunde, 35 % 22). Es läßt sich abschließend sagen, daß der historisch( Romäus im Jahre 1513, bei seinem gewaltsamer Tode, ein für seine Zeit hohes Alter erreicht hatte und aus der Sicht seiner Mitstreiter ein alte Mann gewesen sein dürfte.

Erläuterungen:    Josua Maler hat seine Selbstbiografie von 1593 bis 1596 verfaßt, und zwar den Teil aus dem sich die obige Aufstellung ergibt. Er war Geistlicher sowie Schulmann und zu dieser Zeit als Schweizer in Elgg, von wo er eine zweite Reise in das „Vaterland“ seines Vaters, Villingen, unternahm. Das Geschlecht ist im Mannesstamme 1656 ausgestorben. (Vgl. SVG a. a. 0., S. 74 bis 95 u. 109)

Die jeweils 2. Ehe der Witwe des Balthasar Maler alt und des Remigius Mans mußte spätestens 1510 geschlossen worden sein. Bereits vom 9. Dezember 1510 stammt der Eintrag im Jahrzeitbuch der Franziskaner (siehe weiter vorne), wo Remigius Mans seine Grundbesitzschenkung, unter anderem für „zweyer siner husfrowen“ dokumentieren ließ (Vgl. J. N. Schleicher, Romeius Manns a. a. 0., S. 92).

Wie schon bei Heinrich Hug, so wird auch durch Josua Maler über die Erzählungen seines Vaters Balthasar Maler deutlich, daß der tapfere Romäus wegen seiner kriegerischen Kühnheit für die Leute ein auffälliger herausgehobener Mann war. Gleichzeitig bietet uns die Mitteilung des Josua Maler die Gewähr, daß es sich bei dem Gemälde auf der Ringmauer nicht um einen x-beliebigen Landsknecht mit symbolischer Bedeutung sondern um Remigius Mans, den legendären Romäus, gehandelt hat, wenngleich nicht als Portrait. Dazu kamen auf dem Bild, laut Roder (S. 199) „von einem offenbar neueren Poetaster“, die in der Einleitung unseres Beitrags wiedergegebenen Verse. Das Bild verschwand endgültig beim Abbruch der äußeren Maueranlage „in den 1840er Jahren“. Eine „genaue Kopie vom alten Bilde“ fertigen zu lassen „habe man“, so Roder, „leider vergessen“.

III. Die Legenden im Bild und schriftlicher Überlieferung

Alles was man nicht genau kennt regt die Phanta sie an. Das muß man schon Heinrich Hug, den Zeitgenossen des Romäus, zubilligen, wenn er wie eingangs ausgeführt, schreibt: „Er was ein wunderbarlichast mensch, das sine sachen nit chribend sind, dan er ain kriegsman waß von jugend uff und hat groß sachen geton sin tag“. Das Wort „kriegsmann“ verweist auf einen militärischen Haudegen und tapferen Kerl, ansonsten )leiben „sine sachen“ verborgen. So wird Hug be-egbar der erste, der in der Überlieferung an der -egende Romäus strickt.

1. Die Bildberichte

a) Der Müller zu Niedereschach

Etwa zeitgleich, 1520, schwört Hainrich Gebhart, ler Müller zu Niedereschach, Urfehde, nachdem er zuvor Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Villingen verleumdet hatte. In seinen unsachlichen Vorwürfen erwähnt er das gemalte Bild des Romäus, das die Villinger an der äußeren Ringmauer beim Oberen Tor angebracht hatten, mit den Worten „… sy malen lütt für die statt an die muren, umb das man sy fürchten söll“ 23).

b) Josua Maler und seine Familie

Im Frühjahr 1569 besuchte Josua Maler mit seinem Sohn Balthasar von der Schweiz aus seine Verwandten in Villingen. Er schreibt darüber, daß sie „auch andere Kirchen und namhafte Orte der Stadt“ besichtigten und fährt wörtlich fort „wie auch usserhalb der statt an der ringmuren nebent einem thor ein alt gemäll und abcontrafeyung Re-migius Mansen sel., so by sinen zyten ouch von wägen siner unverzagten frävenheit (Verwegenheit) und das in mencklich entsessen ist (und gefürchteten Tapferkeit) Remigius Tüfel genennt worden, von dem mir oft und vil min lieber vatter sel. (Anm.: der Exmönch Balthasar Maler, siehe Skizze) selzamer sachen erzelt, dann er ist sin Stiefvater gsin, ist entlich in der Schlacht zu Nauarren (Novara) umgangen (gefallen), und wirt naach-mals von denen von Villingen sin biltniss von wegen siner kriegrischen, dapferen art, irem und dem östrychischen Wappen und eerenzeichen zu-gemalt. … Es ist aber diss alt gemäll mines Stiefgrossvaters seligen gar naache (beinahe) verblichen, und wirt daran die uralt landsknechtisch kleydung ordentlich gesehen“ 24). Die gezeichnete Darstellung der Abstammungsreihe ergibt in der Altersschätzung der Personen, daß die weiter oben aufgeführten Remigius Mans der Jahre 1483 und 1486 (bzw. 1494) entweder identisch sind oder es sich bei einem von ihnen (dem Wirt?) um den historischen Romäus handelt.

c) 19. Jahrhundert: Das Bild am Turm

Als romantische Rückbesinnung erlebte das Bild im 19. Jahrhundert eine Auferstehung in der Historienmalerei. Der neue Ort wurde die Nordfassade des inzwischen nach unserem Volkshelden benannten Romäusturms. Romäus erhielt wieder das Aussehen eines Landsknechts, diesmal mit eisernem Helm, die Hellebarde zur Rechten gestellt. Als weiteres Attribut kam der Torflügel der Rottweiler Legende hinzu. Ferner wurde das einstige Gedicht modifiziert wiedergegeben. Auch dieses Bild wurde vom Zahn der Zeit zernagt und war nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf die Fläche des abgeblätterten Untergrunds verschwunden. Im weiterhin gefragten Historismus gestaltete der Villinger Künstler Manfred Hettich das Bild unserer Tage. Im Oktober 1981 war es eingeweiht worden.

Doch zurück zum spätmittelalterlichen Bild auf der Ringmauer, wie es von Josua Maler erwähnt wurde. Durch glückliche Umstände läßt sich sein Aussehen bis heute vermitteln.

d) Die Rottweiler Pirschgerichtskarte

In der Rottweiler Pirschgerichtskarte des David Röttlin von 1564 tritt uns Romäus überlebensgroß als ein Riese gegenüber. Mit gespreizten Beinen steht er im Landsknechtswams da, den breiten Federhut auf dem Kopf, die Hellebarde geschultert. Die Aufbringung dieses Bildes an der äußeren Ringmauer, unmittelbar westlich des Oberen Tores, ist sicher nicht zufällig gewählt worden. Schon der größte aller Tortürme verrät die Absicht zu imponieren, nachdem die wehrtechnische Ausführung der Schießscharten im Inneren keine Entsprechung findet 25). Die Abbildung der martialischen Landsknechtsfigur auf der Mauer ist nicht künstlerischer Selbstzweck.

 

Rottweiler Pirschgerichtskarte des David Röttlin von 1564: Der Ausschnitt zeigt das Romäusbild auf der äußeren Ringmauer, westlich des Oberen Tores. Josua Mahler besuchte 1569 die Stadt seiner Ahnen, besichtigte die Abbildung und bemerkte, „…diss alt gemäll mines stiefgrossvaters seligen…“ (Anmerkung: des Romäus)

 

Sie hat zumindest ikonographische Bedeutung und signalisiert die wehrhafte Kraft der Stadt gegenüber all denen, die sich auf der wichtigen Straßenachse von Norden (öffentliche Landstraße, Königsstraße) dem Tor näherten. Aus der Sicht des heutigen Menschen mag diese Überlegung so richtig sein. Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen wird von anderen Vorstellungen geprägt. Glaube und Aberglaube spielen eine vorherrschende Rolle. Deshalb erlaubt das einstige Bild an der äußeren Stadtmauer auch eine andere Aussage. Der inzwischen nicht mehr lebende Romäus läßt sich durch Malen seines Bildes zurückholen. Das Bild stellt nicht nur den Kriegsmann dar, er ist es selber. (Vgl. z. B. den Ikonenkult der Ostkirche oder den noch heute gebräuchlichen Talisman als vermeintlich schützender Gegenstand.) Über das Medium Bild, das hier die Person des Romäus darstellt, entsteht ein Analogiezauber bzw. Analogie-handlungszauber. Dieses magische Kraftfeld wird nun zum Beschützer der Stadt gegen all jene, die sich ihr feindlich nähern 25a).

Noch wird Romäus nicht Gegenstand des volkstümlichen Schrifttums. Sein Bild wandert stofflich – abenteuerlich in den Erzählungen der Villinger durch die Jahrhunderte. Entsprechend den Volksbüchern, wie sie im 15. und 16. Jahrhundert entstanden sind, wird der Held zum Träger von Anekdoten, werden ihm Eigenschaften zugesprochen, die als sagenhafte unglaubwürdige Geschichten sein Bild der Wirklichkeit entfernen und wie alle Mythen und Legenden das klare Denken beschweren.

Als romantische Rückbesinnung erlebte das Romäusbild im 19. Jahrhundert eine Auferstehung in der Historienmalerei. 4b der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Gemälde vollständig verwittert, der Untergrund abgeblättert. An Stelle des alten Gemäldes am Romäusturm schuf der Villinger Künstler Manfred Hettich ein neues Bild. Es wurde 1981 eingeweiht; ein Verdienst der Historischen Narrozunft Villingen.

Es ist eine Zeit, die reich ist in Erzähltem, genährt aus den Feierabendgeschichten der häuslichen Stube oder dem Wirtshaus der bäuerlichbürgerlichen Welt. Unbeschwert von einer heutigen Überfrachtung durch eine rationale phantasieraubende Medienwelt, die Sekundenbilder in den entferntesten Winkel rund um die Uhr liefert, bleibt der Rahmen der erfahrbaren äußeren Welt begrenzt. Umso mehr ließen sich die Ereignisse phantasiereich vermitteln und die Vorstellungskraft beflügeln. Daraus entstand die ungesicherte Tradition sich verändernder mündlicher Überlieferung.

Wie sehr das Volk selbst zum Erfinder charakteristischer Begebenheiten wird, berichtet noch im 19. Jahrhundert J. N. Schleicher, wenn er schreibt, „Die weiteren Gerüchte über Romeius, die den Touristen zum Nachtisch noch vorgesetzt worden, sind hier beseitigt, weil sie offenbar Persönlichkeiten der jüngsten Vergangenheit angehören“ 26). Bis heute ist Romäus in erster Linie ein „erzählter“ und nicht ein „gelesener“ Held.

2. Die schriftlichen Legenden

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wird Romäus erstmals zum Gegenstand literarischer Bearbeitung. Es ist bezeichnenderweise die Zeit der späten Romantik. In ihr wendet sich die Literatur „voller Entdeckerfreude und liebevoll deutend dem deutschen Mittelalter und der deutschen Frühzeit zu“. So sind es vor allem Wilhelm und Jacob Grimm, die, dem Volksgeist auf der Spur, in ihrem umfangreichen tiefen Werk den Deutschen, treu das Überkommene wahrend, unter anderem die Kinder- und Hausmärchen und, aus gleichem Geist geboren, die gesammelten Deutschen Sagen (1816 – 18) schenkten. In einer regionalen Anthologie jener Zeit erschien 1846, herausgegeben von August Schnezler, das „Badische Sagen – Buch, eine Sammlung von Sagen, Geschichten, Märchen und Legenden“. Soweit er hier die Geschichten über Romäus wiedergibt, bezieht er seine Kenntnisse, wie er sagt, über eine „güthige briefliche Originalmittheilung des Herrn Chorregent Dürr zu Villingen“. Sein Beitrag lautet:

 

Romeias, der Villinger Simson

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts lebte zu Villingen ein Mann, Namens Romeias Mann, der von beinahe riesenhafter Gestalt und Gliederstärke war. Als Lieblingsgeschäft trieb er die Jägerei, beschränkte sich aber nicht auf die Gemeindewaldungen, sondern holte sich auch aus den entlegeneren Forsten der Umgegend reiche Beute an Schwarz- und Edelwild, weßhalb ihn die Nachbarn, als einen verheerenden Wilderer, gar gerne gefangen und in Verwahrung und Strafe genommen hätten, wär‘ ihm nur etwas leichter beizukommen gewesen. Unser Held stund in Villingen wegen seiner herkulischen Eigenschaften in hohem Ansehen und war, wenn auch von dieser Seite nicht wenig gefürchtet, doch von Seite seines geraden offenen Gemüths, seines mannlichen Charakters und leutseligen Wesens, bei Alt und Jung im Volke sehr beliebt. In Folge des noch nicht ganz abgeschafften Faustrechts und der Villinger kriegsständiger Einrichtung waren die hiesigen Bürget in Rotten und Fähnlein eingetheilt. Anführer eines solchen Fähnleins war auch Romeias geworden und, dasselbe stets in kriegerischer Uebung zu er alten, unternahm er mit ihm bald da, bald dorthin, bald als Freund, bald als Feind, Streifzüge in die benachbarten Orte, je nachdem sie mit den Villingern auf friedlichem oder feindlichem Fuße standen. Die anderen Rottenmeister trieben es nicht viel besser, doch war Keiner so gefürchtet auf weit und breit, wie unser Held. So bekriegten sie die Städte Haslach, Hornberg, Rottweil und nahmen an Beute weg, was ihnen gefiel, wenn sie den Sieg errungen hatten.

In einem solchen Strauße mit der benachbarten Stadt Rottweil zeichnete sich nun Romeias durch ein Kraftstück aus, das ihm den Ehrennamen „der Villinger Simson“ auf ewige Zeiten erworben hat. Bei nächtlicher Weile schlich er sich, von der Dunkelheit begünstigt, durch den Graben watend, dicht an das Stadtthor, schlug mit einigen Streichen die Wachen nieder, mit ein Paar anderen das Thor ein, hob den einen schweren hölzernen Flügel desselben aus, lud ihn auf seine Schultern und trug ihn, ohne nur einmal auszuruhen, im Triumphe bis auf den Stumpen, einen zwischen Villingen und Rottweil gelegenen Berg, wo er ihn als Siegesdenkmal aufstellte.

Auf solchen Zügen wurde geraubt und gebrandschatzt, daß es oft ein Greuel war; zugleich verschmähten diese Rotten nicht, das edle Handwerk der Wegelagerei zu treiben, das sie den Rittern trefflich abgelernt hatten. Eine schöne Glocke auf einem der Thürme des Villinger Münsters ist die Beutefrucht eines derartigen Zuges nach Düningen, einem drei Stunden von da gelegenen Württembergischen Dorfe.

Bei der unbeschränkten Freiheitsliebe und Streitlust, die Romeias‘ ganzes Wesen erfüllte, konnt‘ es nicht fehlen, daß er bald in arge Händel nicht nur mit der Nachbarschaft, sondern auch mit dem Villinger Stadtrathe selbst gerieth, der ihm nichts echt nach Sinnen machte; besonders erboßt war er auf eine der ersten Rathspersonen, auf den Stadtschreiber und Schultheißen, Hans von Frankfurt genannt, der ihn einmal ziemlich hart zur Strafe gezogen. Er suchte seine Rache an ihm durch solche Stachelreden und thätliche Beschimpfungen auszulassen, daß sich zuletzt der Magistrat genöthigt sah, diesen unruhigen Kopf wo möglich unschädlich zu machen. Am Tage Mariä Empfängniß, im Jahr 1498, ward Romeias auf Befehl des Stadtraths unversehens gefangen genommen und in das Verließ des Michaels-Festungsthurmes, den sogenannten Diebsthurm, gesperrt. In diesem Thurme sieht man noch, 30 Schuh über dem Fundamente, in der Mitte des dicken Holzbodens ein Loch, durch welches unser Held hinuntergelassen wurde und durch welches er auch seine Nahrung, wie es heißt, ein ganzes gebratenes Kalb täglich, erhalten haben soll. Romei-as aber machte sich die abgenagten Knochen trefflich zu Nutze; er sammelte sich binnen kurzer Zeit einen solchen Vorrath davon, daß er sich eine Art von Stiege, die er in die Mauerritzen und gebohrten Löcher seiner Kerkermauer einkeilte, verfertigen und darauf bis zur Decke klettern konnte. Allein da das erwähnte Loch in der Mitte derselben, durch welches ihm seine Kost herabgelassen wurde, noch ohngefähr 12 Schuhe vom Saume der Mauer entfernt war, gelang es ihm doch nicht, auf diese Weise zu entkommen. Dazu verhalf ihm hingegen glücklicherweise sein eigener Gefängniswärter, den er durch Versprechung reichlichen Lohnes zu bestechen wußte. Dieser steckte ihm die nöthigen Instrumente zu, um den Bohlenboden, welcher die Decke seines Verließes bildete, zu durchbrechen. Aus dem Thurme, der an der Stadtmauer steht, entfloh nun Romeias, auf dem sogenannten Umlauf an der Ringmauer, nach St. Johann, einer ehemaligen Commende des Teutschherren-Ordens, in die sogenannte Freiheit. (Ort, in welchem Verfolgte freies Asylrecht genossen.) Da ihm dort der Stadtrath nichts anhaben konnte, beschloß er, mit ihm zu kapituliren. Wirklich fügte sich Romeias den gestellten Bedingungen, schwor sein unordentliches Leben ab und erhielt bis auf seinen Tod den Genuß der sogenannten weißen Pfründe im heiligen Geist-Spitale, in dessen Kirchlein, wo heut zu Tage das Kornhaus steht, er auch begraben wurde.

In einer weiteren Sammlung „Sagen und Schwänke vom Schwarzwald“ funden sich noch andere legendäre Geschichten um Romäus: 28)

Vom Riesen Romeias

In der alten Zähringerstadt Villingen lebte vor mehr als 500 Jahren der Riese Romeias. Obwohl seine Eltern klein von Wuchs waren, war doch ihr Sohn so groß geraten, daß er den Leuten im zweiten Stock in die Zimmer schauen und sich mit den Händen die Ziegel von den Dächern holen konnte, ja, daß er sogar seinen Durst aus der Dachtraufe zu stillen vermochte. Wenn er durch das hohe Stadttor schritt, mußte er den Kopf tüchtig einziehen, sollten nicht die Federn, die an seinem Hute wippten, abbrechen. Groß wie seine Gestalt war auch sein Hunger. Die reifen Äpfel holte er sich von den höchsten Bäumen herunter, wie man sonst Stachelbeeren pflückt, und da und dort setzte er sich ungebeten an einen Tisch und aß auf, was für eine zehnköpfuge Familie hätte ausreichen sollen. Dennoch wurde er beileibe nicht satt, sondern schob sich zum Nachtisch noch ein paar Laibe Brot in die Taschen, als seien es kleine Wecken. Der gewaltige Esser hatte auch eine ungeheure Kraft. Als er eines Tages einen Wagen mit schweren Baumstämmen beladen hatte und vier Ochsen das Gefährt nicht von der Stelle brachten, spannte er einfach die Zugtiere aus, legte sie zu den Stämmen auf den Wagen und zog diesen, als sei’s ein leichter Handkarren, mitsamt seiner Last seelenruhig nach Hause. Kein Wunder, daß die Villinger diesen Mordskerl, der bald den Namen „Villinger Simson“ erhielt, zum Anführer ihrer Bürgerwehr machten. Hier war er am richtigen Platz. Bei den vielen Streitigkeiten, die seine Vaterstadt mit Hornberg und Rottweil auszutragen hatte, kam ihm seine Riesenstärke gut zustatten. Ein ganz besonderes Kraftstück vollbrachte er anläßlich einer Auseinandersetzung mit den Rottweilern. Mit seinen hohen Stiefeln durchwatete er eines Nachts den tiefen Stadtgraben, als sei’s ein flaches Rinnsal, schwang sich über die Stadtmauer wie über einen niedern Gartenzaun, und stand plötzlich mitten auf dem Rottweiler Marktplatz.

Der Wächter blies in seiner Angst Alarm, und alsbald stürzten die verschlafenen Bürger mit Spießen und Schwertern bewaffnet aus ihren Häusern. Nun würden sie endlich den verhaßten Romeias in ihre Gewalt bekommen. Der Riese aber bog ihre Lanzen zur Seite, als seien es harmlose Stecken, und schritt seelenruhig auf das sorgsam verschlossene Stadttor zu, hob dessen beide Flügel — mir nichts, dir nichts — aus den Angeln, nahm den einen auf die Schulter, den andern an den kleinen Finger und schritt gemächlich seiner Vaterstadt Villingen zu. Dreiviertel Stunden hinter Rottweil schaute er nach seinen Feinden aus und zwar auf einem Hügel, der seit diesem Tage „Guggenbühl“ heißt. Niemand hatte es gewagt dem Riesen zu folgen. So brachte er unbehelligt die beiden Torflügel nach Villingen, wo sie als Siegesbeute an dem neuerbauten „Oberen Tor“ angebracht wurden. Seine Erfolge stiegen dem Riesen schließlich so zu Kopfe, daß er sich mit einem Achselzucken über die Anordnungen seiner Obrigkeit hinwegsetzte und diese sogar offen verhöhnte. Das konnten die Villinger nicht dulden. Wie sollte man dem Riesen beikommen? Da verfiel der Rat der Stadt auf eine List. Romeias sollte eine mit Gold und Silber gefüllte Truhe gegen hohe Belohnung aus dem Verlies des Diebsturmes herausschaffen. „Nichts leichter als das“, meinte der Riese, der die Klugheit wahrlich nicht mit Löffeln gegessen hatte. Während er drunten im [erlies vergeblich nach der Schatztruhe suchte, zogen die Stadtknechte rasch die Leiter, auf der er hinabgestiegen war, zurück, so daß der Turm, der später Romeiasturm genannt wurde, dem ungeschlachten Riesen zum Gefängnis ward. So sehr dieser auch tobte und gegen die Mauern schlug, hielten sie doch stand. Täglich brachte man dem

Gefangenen ein Kalb, ein Schwein oder ein Schaf, die er mit Haut und Haaren verzehrte. Nur die Knochen sammelte er vorsorglich, steckte sie in die Mauerritzen und erbaute sich so nach und nach im Turminnern eine Art Treppe. Als diese hoch genug geworden war, stieg er eines Tages auf ihr empor, hob die Balkendecke unter dem Turmdach und flocht sich aus dem Stroh, das er auf dem Dachboden fand, ein Seil. An diesem ließ er sich während der Nacht auf die Ringmauer hinab und entkam so aus der Stadt. Um sich bei den Villingern wieder beliebt zu machen, belagerte er ganz allein das feste Schloß Kusenberg und eroberte es. Als ruhmgekrönter Held ward er von den Villingern wieder aufgenommen und bekam sogar, als er alt geworden war, in ihrem Spital eine gute Pfründe. Sein Bild prangte lange Zeit in Lebensgröße als Wahrzeichen an der nun abgebrochenen Mauer am oberen Tor.

V. Der Riese Romäus – Auslegung der Legenden

Die urkundlichen Belege wissen nichts über Gestalt und konkretes Wesen des Romäus. Die zeitgenössischen Schilderungen des Heinrich Hug und Balthasar Maler, von seinem Sohn vermittelt, erschöpfen sich in unbestimmten Andeutungen über Taten und Wesen des Remigius Mans, und auch hier kein Wort über seine Gestalt.

Der Volksglauben geht dagegen eigene Wege und entrückt seinen Helden einer wirklichkeitsnahen Betrachtung. Die Legenden oder Sagen bilden sich nach dessen Vorstellungen. Die Menschen bewahren die Gestalt in einem abgeschirmten Behältnis, zu dem kein Schlüssel des Geschichtsanalytikers passen will. Aus dem Dunst des Übernatürlichen formt sich die Gestalt von enormer physischer Kraft und gewaltiger Körpergröße, entsteigt dem Zauberreich der Phantasie.

Die Welt der Riesen ist so vielfältig wie die Motivverbindungen. Die Riesen spielen eine nicht wegzudenkende Rolle in der Mythologie aller Völker, z. B. in den germanischen und griechischen Göttersagen. Wir finden sie ebenso im sakralen Bereich als Prozessionsfiguren 29), aber auch als Einzelfugur etwa in der Christopheruslegende, wo wir vermutlich auf eine Konversions-form aus der heidnisch – teuflischen Sphäre hin zum christlichen Bereich treffen 30). Im profanen Umkreis sind es vor allem die Sagen und Märchen, in denen uns Riesen unterschiedlicher Herkunft und Bezugs begegnen. Auch in weltlichen Umzügen, nicht zuletzt an der Fastnacht, sind sie als Umgangsriesen, von ihrer Funktion her gesehen, „darstellerisches Mittel zur Vergegenwärtigung einer erzählerischen und letztlich glaubensmäßigen Gestalt“ 31). Auf diese Weise begegnet uns Romäus Jahr für Jahr auf einem eigenen „Romäuswagen“ im Fastnachtsumzug der Historischen Narrozunft, obwohl er sich hier als Gestalt auf die Dimension eines kräftigen Mannsbildes reduziert. Nahe Verwandte der weltlichen Riesen sind die Waldgeister oder Waldleute, zu deren Vielfalt, ohne daß eine genauere Abgrenzung möglich wäre, die Wilden Leute und Riesen zählen. „Je mehr die Waldleute … einzeln erscheinen…, desto größere Berührung haben … die Männer mit riesenmäßigen Waldungeheuern“ 32). Darauf wird später im Zusaunmenhang mit dem Begriff „Teufel“ zurück zu kommen sein.

Die Systematik der von Leander Petzoldt herausgegebenen Sagen 33) berücksichtigt ein Kapitel „Volkshelden und starke Leute“. Erläuternd führt er aus, „Historische Sagen vermitteln ein Bild des Menschen in seiner sozialen Interaktion (Anm.: Wechselwirkung) und seiner Auseinandersetzung mit der Macht, gleichviel ob sie geistlich oder weltlich legitimiert … Der Stellenwert historischen Erzählguts ist durch die Neigung des Erzählers bestimmt, Geschehen gleich welcher Art zu mythisieren, Persönlichkeiten zu überhöhen und aus der Masse heraus zu heben“.

Romäus als die Vergegenwärtigung einer erzählerischen Gestalt:

 

… im historischen Festzug 1899 zu Feier des neunhundertjährigen Jubiläums der Verleihung des Markt-, Münz, Zoll- und Bannrechts an den Grafen Berthold für seinen Ort Villingen

 

So enthalten die Texte des obigen Kapitels immer wieder Erzählungen von Riesen, die sich durch die Geschichten um Romäus ergänzen ließen. Da ist der Riese Eishere, der mehrere Feinde gleichzeitig auf seine Lanze aufspießte „wie die Vögelchen“. Ein anderer, der Riese Miligedo, schlug von zwanzig Feinden gleich 15 zu Boden. Der Riese Haymon, im 9. Jahrhundert in Diensten Kaiser Ludwigs, erschlägt u. a. einen großen Drachen. Als er im Jahr Christi 878 stirbt, wird sein Leib „zu der gerechten Hand des hohen Altars im Chor begraben.“ „Sein Bildnis“, so schließt die Sage aus Tirol, „wird über viel Jahr in Holz geschnitten und noch heutig Tags gewiesen“. Man ist versucht hinzuzufügen, „wie es mit dem Bild des Romäus ebenfalls-war“. Überdies ließe sich eine ganze Reihe von „Riesen“ mit Eigennamen auflisten. Viele dieser Riesen „tragen deutliche Züge vergangener Gewaltmenschen und Raufbolde an sich, welche die Erinnerung ins Mythische erhoben hat“ 33a).

Allen diesen Erzählungen, einschließlich derer vom Romäus, ist der geschichtliche Hintergrund gemeinsam. In das reale Bild wird die irreale Gestalt des Riesen eingefügt, die im Falle des Romäus als historische Person belegbar ist.

Der Mythos Romäus, entstanden aus der anonyunen Weitergabe der Begebenheiten und, wie bei Heinrich Hug und Josua Maler berichtet wird, den „nicht zu schildernden Taten“, verbindet sich in der örtlich gebundenen Welt der Villinger mit der Vorstellung von einer übermenschlichen Gestalt, und diese wird zu deren Gemeinschaftshelden.

… im jährlichen Fastnachtsumzug der Historischen Narrozunft Villingen

 

Ein weiteres Zitat mag die obigen Ausführungen abrunden: „Als solche wird sie (die Gestalt), entsprechend der in primitiver Vorstellung wurzelnden Gleichung: übermenschlich = riesenhaft, mit Körperzügen ausgestattet, die über das Normale Maß hinausragen, die riesig sind“. 34) Diese substanzielle Verschiebung von der realen Person hin zu einem sagenhaften, mythologischen Wesen ist für Romäus schon früh erkennbar. Es ist die Bemerkung des Josua Maler, anläßlich der Besichtigung des Mauerbildes im Jahr 1569 (siehe vorne), wenn er schreibt, daß man Romäus „by sirren zyten ouch von wägen siner unverzagten Frävenheit (Verwegenheit) und das in mencklich entsessen ist (und gefürchteten Tapferkeit) Remigius Tüfel genennt…“.

Nun könnte man vorschnell das Wort „Tüfel“ in das heute gebräuchliche „Teufelskerl“ übersetzen. Für den mittelalterlichen Volks- und Aberglauben ist das so nicht ohne weiteres zulässig. Zumindest muß eine andere Begriffsauslegung gewagt werden. Der Wortsinn des mittelhochdeutschen Ausdrucks „tiuvel, tivel“, abgewandelt „tüfel“, bedeutet nicht nur „Teufel“ als „Superlativ alles Bösen“ und Widersacher Gottes. „die tiuvel“ sind auch die bereits erwähnten Waldleute, also die Waldgeister und deren Modifikation die Riesen 35). Trotz unterschiedlicher Qualität handelt es sich bei allen dreien zunächst um eine „Unheilsgemeinschaft“ (Werner Mezger), um Wesen, vor denen man sich fürchtet. Demnach könnte schon Josua Maler mit „Remigius Tüfel“ den „Riesen Romäus“ gemeint haben, wobei durch seine Informanten die christliche Umstilisierung vom Teufel zum Riesen unterbleibt und die alte sinnverwandte Bedeutung beibehalten wird.

Aufschlußreich ist der mündlich überlieferte Ausdruck „Romeias, der Villinger Simson“, wie ihn der „Chorregent Dürr zu Villingen“ dem August Schnezler für sein Badisches Sagenbuch mitteilt 36). Obwohl unser „Riese Romäus“ keinen religiösen Bezug hat, wird doch eine Verbindung zu einer Gestalt des Alten Testaments hergestellt, die wegen ihrer außergewöhnlichen Leibeskräfte berüchtigt und gefürchtet war. Im A.T., Richter 16. Kapitel, erfahren wir, daß Simson (in der Vulgata: Samson) sich nach Gaza in die Stadt der feindlichen Philister begab. Diese lauerten ihm nachts auf, wollten ihn bei Tagesanbruch fangen und töten. „Simson aber schlief bis Mitternacht. Dann stand er um Mitternacht auf, ergriff die Flügel des Stadttores samt den beiden Pfosten und hob sie zusammen auf den Gipfel des Berges, der vor Hebron liegt“. Die Übertragung eines biblischen Motivs auf das Spannungsfeld zwischen den Städten Rottweil und Villingen und die daraus resultierenden Folgen sind bis ins Detail offenkundig und nachvollziehbar.

Das Villinger Simson-Motiv ist keineswegs einzigartig. In den Habsburgerlanden, zu deren Kulturbereich die vorderösterreichische Stadt Villingen ja bis Februar 1803 gehörte, gab und gibt es bis heute im Salzburgischen und in der Steiermark nachgewiesenermaßen neunmal das Simson/Samson-Motiv in Form von Umgangsriesen 37).

Lassen wir es damit bewenden. Mythen, Sagen und Legenden halten sich oft länger als Fakten. So ist der Villinger Volksheld auf uns überkommen und bleibt in den Herzen, ein „ewiger Romäus“.

Literatur und Quellen:

Baum Wilhelm, Die Besuche der Habsburger in Villingen im Mittelalter, in: Geschichts- u. H.verein Villingen, Jahresh. XIV, 89/90 S.25 ff. Beitl Klaus, Die Umgangsriesen, Verlag Notring der wissenschaftlichen Verbände Österreichs, Wien 1961

Bürgerbuch ab 1401 im Stadtarchiv Villingen (Liber civium…), dort: Zwei Bearbeitungen

Nutz, numerierte Erfassung, Nr. 3368, 3905 u. 3906 (1995)

Walzer Gustav, handschr. Personenkartei, Archiv-Sign. 2.42.4 Buhmann Dieter, Das Leben und Leiden der Villinger Bürger im ausgehenden Mittelalter, in Geschichts- u. H.verein Villingen, Jah-resh. VIII, 1983/84

Grotefund Hermann, Taschenbuch der Zeitrechnung, Hahnsche Buchhandlung Hannover, 13. Auflage, S. 22 ff.

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Verlag Walter de Gryter, Berlin – New York, 1987, Bde. 1 und 9

Herrmann Bernd, Herausgeber, Mensch und Umwelt im Mittelalter, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1986

Huger Werner, Flucht aus dem Diebturm, Geschichts- u. H.verein Villingen Jahresheft II, 1975 S. 47 ff.

ders. Zur Geschichte der Villinger Mauer- u. Tortürme, in: Jahresheft XIX, 1994/95, Seite 47 ff.

Jahrzeitbuch der Franziskaner, zitiert nach J. N. Schleicher a. a. 0./ S. 92

Lexers Matthias, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. Hirzel Verlag Stuttgart, 36. Auflage, 1981, Stichwort: tiuvel Maier Rudolf, Das Strafrecht der Stadt Villingen…, Diss., Frbg.1913

Mezger Werner, Narrenidee und Fastnachtsbrauch, Uni.Verl. Konstanz/1991

Narrozunft Villingen, Herausgeber, ROMÄUS Romeias Mans, Schrift anläßl. d. Renov. d. Romäusbildes, Okt. 1981, enth. u. a. „Flucht aus d. Diebturm“

Petzoldt Leander, Herausgeber, Historische Sagen, Band I und II, Verlag C. H. Beck München, 1976 und 1977

Pfründarchiv Villingen, Herausgeber J. Fuchs, 1982, Lit. D 20, lfd. Nr. 132

Remplin Heinz, Die seelische Entwicklung des Menschen im Kindes- und Jugendalter, E. Reinhardt Verlag, München / Basel, 1963 Revellio Paul, Beiträge z. Gesch. d. Stadt Vllg., Ring Verlag Vllg./ 1964

Rieple Max, Sagen u. Schwänke v. Schwarzw., Rosgartenverl. Konstanz/1965

Roder Christian, Der geschichtl. Romeias v. Villingen, in: Jahrbuch

d. Scheffelbundes für 1893, Verlag Adolf Bonz & Co., Stgt. 1893, 5.198 ff.

ders., Herausgeber, Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 1533, Bibliothek d. Literarischen Vereins in Stgt., CLXIV., Tübingen 1883

Röhrich Lutz, Lexikon d. sprichwörtl. Redensarten, Herder Verl. Frbg. 1994

Rothfelder Hubert, Der Schwabenkrieg und Tengen 1499, in: He-gau, Zeitschrift f. Geschichte …, Singen, Heft 2 (4) 1957, S. 97 ff. Schleicher Johann Nepomuk, Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen… 1854, in: Hofbuchhdlg. L. Schmidt, Donaueschingen, Anhang S. 81-96: Romeius Manns

Schnezler August, Herausgeber, Badisches Sagen-Buch, Karlsruhe 1846 SVG – Schriften des Vereins f. Gesch. u. Naturgeschichte d. Baar…, in Donaueschingen, V. Heft 1885, Tübingen 1885, S. 74-95 u. S. 109 Stadt um 1300, in: Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch, Herausgeber Landesdenkmalamt Bd./Wttbg. u. a., K. Theiss-Verlag Stuttgart, 1993

Wollasch Hans Josef, Invent. d. Bestände des Stadtarchivs Vllg., Ring-Verlag Villingen, 2 Bde., Bd. I Nr. 507, 611, 653 u. 720

Anmerkungen:

1) Schleicher J. N., Romeius Manns, a. a. 0., Seite 91, Fußnote 16

2) Wollasch a. a. 0. – Zum Begriff Urfehde: Sie ist ein eidliches Versprechen, im Sinne eines beschworenen Sühnevertrags, aufgrund der Umwandlung einer verwirkten Strafe, eventuell auch einer Begnadigung, die im Urfehdebrief (Urkunde) auferlegten Bedingungen zu erfüllen und sich darüber hinaus an niemanden zu rächen. Urfehdebruch war mit schwersten Strafen, vor allem der Todesstrafe, bedroht.

3) Bürgerbuch a. a. 0., bearbeitet von Nutz

4) Pfründarchiv a. a. O.

5) Jahrzeitbuch der Franziskaner a.a.O., zitiert nach J.N. Schleicher

6) Roder Christian, Heinrich Hugs Chronik, a.a.O., Seite 3 ff.

7) Grotefund, Zeitrechnung a.a.O., S. 22 ff.: Die römische Zeiteinteilung von Tag und Nacht nach den Erscheinungen der Natur und den darauf beruhenden Lebensäußerungen … hat auch das Mittelalter auf seinen vollen Tag übertragen. (Auch im kanonischen Recht der mit Sonnenaufgang beginnende Tag.) Die Teile des lichten Tages vom Aufgang zum Untergang der Sonne …

Unsere heutige astronomische Stundenzählung beginnt um Mitternacht und beträgt 24 Stunden zu je 60 Minuten.

Im Mittelalter gab es zwar ebenfalls 24 Stunden, aber sie wurden als 2 x 12 Teile gezählt, und zwar jeweils für den „lichten Tag“ und für die Nacht. Da der lichte Tag aber von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte, waren die Stunden jahreszeitlich unterschiedlich lang, d. h. kürzer oder länger als 60 Minuten, verteilt auf 12 rechnerische Stunden. Zur Sommersonnenwende (21. Juni) betrug die Stunde „im Tag“ etwa 75, die Nachtstunde rund 45 Minuten. Die ungleichen Stunden der Römer, wie sie auch im Mittelalter zur Anwendung kamen, waren nur zu Zeiten der Nachtgleichen, wie unsere heutigen Stunden, 60 Minuten lang. Eine Gemeinsamkeit gab es allerdings: Während des ganzen Jahres fiel das Ende der 6. Stunde auf die Mittagszeit (12 Uhr unserer Zeit). Das Anwachsen oder Schwinden betrug monatlich etwa 10 Minuten. Da Romäus im Monat der Sommersonnenwende (Juni, nach Roder 13.) aus dem Turm ausbrach, können wir die wenigen Minuten stundenzeitlicher Differenz rechnerisch vernachlässigen.

Es gibt zwei Berechnungsgrundlagen zur Ermittlung der Ausbruchszeit, die hier nicht detailiert dargelegt werden können. Die erste beruht auf der Umrechnungstabelle zur römischen Stundenzählung (Vgl. Anhang bei Christoff Neumeister, Das antike Rom, Verlag C. H. Beck, München 1991). Hier wird für die Zeit der Sommersonnenwende (21. Juni) der Sonnenaufgang mit 4 Uhr 27′, der -untergang mit 19 Uhr 33′ angegeben. Der zweiten Berechnungsgrundlage liegt das Kalendarium vom 13. Juni 1997 aus der Tagespresse Südkurier zugrunde.

Laut Zeitgenosse Heinrich Hug ist Romäus „bis an unßers heren fronlichnams abend umb die 11 stund im tag“ mit dem Ausbruch beschäftigt gewesen; das wäre demnach der 2. Donnerstag nach Pfingsten. Unterstellt man die Aussage Christian Roders als richtig, es sei dies der 13. Juni 1498 gewesen (es kommt eventuell ein früheres Datum in Frage), ergeben sich im Vergleich mit der zweiten Berechnungsgrundlage (Südkurier, Kalendarium 13. 06. 97) folgende Werte: Sonnenaufgang: 4 Uhr 25′, -untergang: 20 Uhr 23′ (die 1997 geltende Sommerzeit, mit der um eine Stunde vorgestellten Uhr, wurde wieder auf die astronomische Zeit zurückgeführt). Lediglich für den Sonnenuntergang, und damit für die Länge des „lichten“ Tages besteht zwischen den beiden Stundenangaben der Berechnungsgrundlagen ein beachtenswerter Unterschied von 50 Minuten. Danach kann nur alternativ gesagt werden, Romäus sei mit seiner „Rüstzeit“ entweder kurz nach 18 oder kurz nach 19 Uhr fertig gewesen, jedenfalls noch bei Tage.

Dagegen stimmt der Zeitpunkt des Abseilens, also des eigentlichen Ausbruchs aus dem Turm, bei beiden Berechnungsgrundlagen nahezu überein. Auf unsere heutige Stundenzählung übertragen, ergibt die Aussage „do es nacht ward zwischen 10 und 11“ die Zeit zwischen drei Uhr und 3 Uhr 45 Minuten morgens, also noch vor Sonnenaufgang. Man wird notwendigerweise von etwas Taghelle ausgehen müssen und deshalb annehmen dürfen, daß die technische Vorbereitung und der Abseilvorgang mit beginnender Dämmerung und noch vor Erwachen des Lebens in der Stadt erfolgten. Der Verfasser hat deshalb am 13.06. 1997 dafür die Zeit ab 3 Uhr 25′ empirisch ermittelt (Sommerzeit korrigiert).

8) wie Fußnote 7

9) Bei Heinrich Hug (Roder, S. 5) heißt es nach der Flucht des Remigius „und begert rechts“. Es war offensichtlich nicht Rechtseigensinn, Rechthaberei oder gar ein Kampf mit allen Mitteln um das vermeintlich bessere eigene Recht, das den Romäus bewegte, sondern das Verlangen nach Gerechtigkeit. Dieses Begehren läuft im modernen Recht auf ein Rechtsmittel hinaus. Als solches zählen die Berufung und die Revision.

Romäus wünscht nicht, wie bei einer Berufung, die erneute beweiswürdigende Verhandlung sondern die Nachprüfung, ob richtig entschieden worden sei (Revision). Grundsätzlich ist das nur vor der Rechtskraft eines Urteils oder gar der Vollstreckung möglich. In besonders begründeten Fällen wäre im modernen Prozeß-recht nur die Wiederaufnahme des Verfahrens möglich. Der Rat (die Richter) im mittelalterlichen Villingen verfuhr hier analog. Aus rechtshistorischer Sicht erlaubt der Teilsatz“… und gab im ain ratt all sin ferschribung hin…“ nur die Auslegung, daß das Urteil nachträglich vollinhaltlich aufgehoben worden war. (mhd. „verschriben“ bedeutet u. a. auch „sich lossagen von…“ vgl. Lexers a. a. 0.) Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens wurde nunmehr zugunsten des Romäus entschieden, wobei wir nicht wissen, ob er als Verurteilter an der erneuten Verhandlung teilgenommen hat. Nachdem die Vollstreckung bereits eingeleitet worden war, mußte der Rat die nunmehr ungerechtfertigte Strafverfolgung finanziell entschädigen, wie es aus dem historischen Sachverhalt tatsächlich erkennbar ist. Daß Romäus, wie Roder (S. 206 f.) meint, „wohl eine angedrohte oder wirklich vollzogene Berufung an die höhere Stelle des vorderösterreichischen Landgerichts zu Ensisheim (Elsaß) vorgenommen hat“, ist aus der Hug-schen Überlieferung zwar nicht erkennbar aber möglich. Viel eher dürfte allerdings die Verunsicherung des Rates durch den ungewohnten öffentlichen Druck eine Rolle bei der Aufhebung des Urteils gespielt haben.

10) Vgl. Roder, Villinger Chronik a.a.O., S. 11 ff.

11) Vgl. auch Baum Wilhelm a.a.O., S. 34

12) Vgl. Roder, Villinger Chronik a.a.O., S. 38

13) derselbe S. 48 ff.

14) Vgl. Maier Rudolf a.a.O., S. 60

15) Vgl. Huger Werner, Jahreshefte GHV II und XIX a.a.O.

16) zitiert nach J.N. Schleicher a.a.O., S. 87, Fußnote 12 Die Rechte und Freiheiten des Johanniter-Ordens in „Teutschenlannden“ dauerten auch zur Zeit der Zuflucht des Romäus an. Sie wurden noch im Jahr 1540 von Kaiser Karl V. bestätigt; vgl. Wollasch a.a.O, Bd. I, S. 258, Nr. 1369

17) Rothfelder Hubert a.a.O., S. 97

18) Vgl. Revellio Paul a.a.O., S. 474

19) Roder Chr., Der geschichtl. Romeias von Villingen a.a.O., S. 208

20) wie Anmerkung 5; damals Seelgerät genannt; heute meist Meßstiftung

21) Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch a.a.O. Seite 481 sowie bei Herrmann B., Mensch u. Umwelt im Mittelalter a.a.O. S. 481

22) Buhmann Dieter, Das Leben und Leiden… a.a.O., S. 131

23) Wollasch a.a.O., 5.207 Nr. 1045 Urkunde J J 183, v. 2. August 1520, zitiert nach Roder, Der geschichtl. Romaias v. V. a.a.O., S.210

24a)Vgl. Roder wie Anmerkung 23, zitiert aus SVG – Donaueschinger Vereinsschriften V., 1885, a.a.O., S. 91

24b)Walzer, Bürgerbuch mit Kommentar, zum Datum 9. X. 1510, a.a.O.

25) Vgl. Huger Werner, Jahresheft XIX, a.a.O., S. 39 ff.

25a) Lexikon Redensarten a.a.O., Bd. 5, Stichw. „Teufel“, S.1611 Handwörterbuch Aberglauben a. a. 0., Bd. 1/Sp. 1293/Sp. 389 u.394

26) Schleicher J. N. Romeius Manns a.a.O., S. 82, Fußnote 2

27) Schnezler A., Bad. Sagen-Buch a.a.O. S. 447 ff. u. Fußn., 5.450

28) Rieple Max a.a.O. S. 65 f.

29) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O.

30) Mezger Werner, Narrenidee… a.a.O., S. 112

31) Beitl Klaus, a.a.O., S. 5

32) Handbuch Aberglauben a.a.O., Bd. 9, Sp. 55 f.

33) Petzoldt Leander, Sagen a.a.O., Bd. 2, 5.132 ff. u. Vorwort 334) Handwörterbuch Aberglauben a.a.O., Bd 9, Sp.1122

34) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O., S. 124 Im übrigen hat schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, „dem Gedanken Bahn gebrochen, daß das Märchen wie der Mythos allgemeinmenschliche Situationen in bildhaft-sinnbildlicher Weise veranschauliche“. (Remplin, a. a. 0. S. 280)

35) Lexers, mhd. Wörterbuch a.a.O., S.227 und Handwörterbuch Aberglauben a.a.O., Bd. 9, Sp. 55

36) Schnezler, Badisches Sagen-Buch a.a.O.

37) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O., S. 22 ff.

 


 

Von der Bäcker- und Müllerzunft (Prof. Paul Revellio)

Nachstehender Beitrag stammt aus der Feder des im Jahre 1966 verstorbenen Professors und Ehrenbürgers der Stadt Villingen, Paul Revellio. Er hat diese Chronik im Jahre 1956 auf Veranlassung und Unterstützung des damaligen Kreishandwerks- und heutigen Ehren-Landesinnungsmeisters Karl Hoch für die Bäckerinnung geschrieben. Paul Revellio hat diesen Beitrag im Jahre 1964 auch in sein Buch „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ aufgenommen. Leider ist dieses längst vergriffen.

Wir haben unser langjähriges Mitglied Karl Hoch gebeten, uns diese Bäcker-Chronik zur Veröffentlichung zu überlassen. Es ist beabsichtigt, in den Folgejahren auch über andere Zünfte unserer Stadt zu berichten.

Die älteste Urkunde dieser Zunft ist die Urkunde vom 23. Januar 1324, in der Graf Gebhard zu Fürstenberg, Domherr von Konstanz und Pfarrherr zu Villingen die Stiftung des Altars der hl. Maria, der hl. Katharina und aller Heiligen und einer Pfründe genehmigt, die die Bäcker- und Müllerzunft zu Villingen in seiner Pfarrkirche in der Alten Stadt neben dem Chor auf der linken Seite errichtet hatte.

Die Zunft bestimmt drei Lichtpfleger, die sich selbst ergänzen und die Aufgabe übernehmen, bei Freiwerden die Pfründe innerhalb einen Monats einem neuen Priester zu übertragen, der die Verpflichtung übernimmt, täglich eine hl. Messe an dem Altar zu lesen.

Die gestiftete Pfründe wird in der folgenden Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts durch weitere Stiftungen von Häusern und Gütern, die an sie Zinsen zu zahlen haben, ergänzt.

Die Mehrzahl der erhaltenen Pergamenturkunden beschäftigt sich mit solchen Schenkungen und Erwerbungen für diese Pfründe.

An diesem Altar brannten, so erfahren wir aus einer Urkunde vom 14. Februar 1470, dauernd zwei ewige Lichter in zwei Ampeln und ein ewig Licht mit Wachs und Kerzen bei den hl. Messen, die auf dem Altar gefeiert wurden.

Wie die Schmiedknechte (1425) und die Schuhknechte (1426), so begründeten auch die Müller-und Bäckerknechte an St. Johanni 1433 mit Zustimmung des Rats und des Zunftmeisters eine Bruderschaft. Sie lassen eine Kerze brennen in der Altstadtkirche vor dem Brotbeckenaltar, und jeder Geselle gibt dazu zwei Schillinge, ferner alle 14 Tage zwei Heller und an allen Fronfasten (alle Vierteljahre) zwei Villinger Pfennige. Läßt sich ein Brotbecken- oder Müllersknecht nicht in die Ordnung einschreiben, so muß er alle vier Wochen einen Heller in die Büchs geben. Ein Lehrknecht soll in zwei Jahren 9 guter Pfennige geben in die Büchs und zu der Kerze den Seelen zum Trost in jener Welt. Wer gestorben ist aus dieser Gesellschaft und Ordnung, soll bestattet werden in der Alten Stadt, und soll man dabei Kerzen brennen. In dieser Ordnung soll niemand sein als Becken- und Müllersknechte. Machen sie etwas, es sei Meßgewand oder andere Gezierd daran, so soll nur das Brotbecken- und Müllerzeichen angehängt werden.

Dem der krank wird, soll man aus der Büchs leihen 5 Schilling Pfennig. Ist er länger krank, so soll man ihm nötigenfalls so viel leihen, als in der Büchs ist, und dasselbe nicht eher abtun als nach Verfluß eines Jahres. Die genannten Handwerker soll niemand in diese Gesellschaft und Ordnung zwingen. Der Kirchherr zu Villingen oder seine Helfer sollen jährlich in der Altstadt eine Messe singen auf den Tag nach St. Johann und am nächsten Montag nach Fronfasten (Vierteljahrsbeginn). Wir sehen, mit der religiösen Aufgabe verbindet sich hier die soziale Fürsorge für die kranken Bäckergesellen.

Als 1684 über mehr als Menschengedenken von dem gestifteten Einkommen nichts mehr übrig geblieben war als 12 Gulden jährlichen Zins von 4 Mannsmahd Wiesen und auch der Gottesdienst in Abgang gekommen, sonderlich durch die langen Kriegstrubel und auch manchesmal aus Mangel an Priestern, wurde der Gottesdienst, soviel wie tunlich und möglich durch eine Vereinbarung zwischen den Kaplänen, Helfern und der Bäckerzunft wieder aufgerichtet und die Gottesdienste von neuem festgelegt. Dabei wurden die Apostelmessen, weil alle Gottesdienste auf besonderes Anhalten der Stadt wegen vieler beweglichen Ursachen in das Münster transferiert waren, fortan im Münster abgehalten.

Außer an den Gottesdiensten am Beckenaltar – es waren anfangs des 19. Jahrhunderts Jahrtagsmessen am Agathentag ( 5. Februar) und am Katharinentag (25. November) – beteiligten sich die Bäcker, ihre Gesellen und Lehrjungen auch an der Fronleichnamsprozession. Sie erschienen zusammen mit den Schuhmachern in der Johanniterkirche, um dort die Reliquien, Kreuz und Fahnen und Mandelkerzen abzuholen, die sie in der Prozession um die Stadt herumtrugen, wobei sie jedesmal in der Komturei mit einem Imbißmahl erfrischt wurden. Als im Dreißigjährigen Krieg 1636 in Zeit des leidigen Kriegswesens und fast allgemeiner Landsverderbnis das Mahl einmal unterlassen wurde, erschienen die Bäcker und Schuster am 20. Juni 1637 in der Komturei und erreichten die Wiederaufnahme dieses Mahles für die folgenden Jahre. Da es für 1637 zu spät war, so wurden sie mit 8 Gulden Gelds, zwei Schweizer Käsen und 4 Sester Vesen entschädigt.

Es entsprach dem religiösen Geist des Mittelalters, daß es alle wichtigen Geschehnisse des Lebens mit Gottesdienst begleitete. Und die Zunft hatte im mittelalterlichen Leben eine ganz andere Bedeutung als heute. Bei der unfertigen politischen Organisation des Mittelalters hatte die Zunft zahlreiche Aufgaben und Funktionen zu erfüllen, die heute dem Staate zukommen.

Die opferreichste, die ihr zukam, war die Verteidigung der Stadt. In diesem Zusammenhang begegnet uns die Bezeichnung „Zunft“ zuerst in der städtischen Auszugsordnung von 1294, die das Aufgebot des städtischen Heerbanns bei Feindalarm regelt. Gestützt auf diese wichtige Aufgabe, erzwangen sich die Zünfte gegen die Geschlechter den Zutritt zum Rat und damit zum Stadtregiment durch den Zunftbrief von 1324, der Grundlage der demokratischen Freiheit im alten Villingen.

Zur Verteidigung waren den Zünften einzelne Abschnitte der Ringmauer mit den davorgelegenen Gräben zugewiesen. Die Bäckerzunft hatte einen Abschnitt zwischen dem Oberen- und Bickentor zu besetzen. Ihr Abschnitt grenzte oben an den der Herrenstube und unten an den der Wirtszunft. Diese Verteidigungsabschnitte waren im Verlaufe der Jahre in den Privatbesitz der Zünfte übergegangen. Noch um 1820 besaß die Bäckerzunft ihren Grabenanteil. Als die Stadt 1863/64 die Fülle niederlegte, mußte sie erst die Grabenstücke von den Zünften zurückkaufen, soweit sie nicht schon in ihrem Besitz waren.

Wie spät das Bewußtsein von ihrer militärischen Bedeutung noch in den Zünften lebendig war, auch bei der Bäckerzunft, zeigen die sogenannten Zunft-täfele, die jeder Zunftgenosse beim Eintritt in die Zunft für das Zunftlokal stiften mußte. Sie zeigen den Bäckermeister in seiner militärischen Ausrüstung mit Muskete und Säbel, dem Zunftwappen und dem Jahr, in dem er in die Zunft eintrat.

 

Zunftelchen aus der Zeit 1729 bis 1794.

In den städtischen Sammlungen sind noch 22 solcher Täfele vorhanden aus den Jahren 1729 – 1794. Von dem inneren Leben der Zunft erfahren wir nur weniges, da die alten Zunftbücher – im Gegensatz zu den anderen Zünften – nicht erhalten geblieben sind. Zwei Urkunden von 1314 und 1331 erzählen, daß die Bäcker dereinst ihr Brot feilboten auf Bänken unter der Brotlauben. Es war ein leichtes Gebäude, das, ähnlich wie in Rottweil und anderen alten Städten hier inmitten der Riet-straße gegen das Riettor zu errichtet war. Diese Bänke waren ursprünglich im Besitze der Stadt, wurden von dieser aber als Lehen weiter vergeben. Sie kamen noch vor 1349 in den Besitz des Brotbeckenaltars 1314, den 22. April, beurkundet die Stadt, daß sie eine Brücke bei der Brotlaube über den Bach – die Stadtbäche waren damals offen gemacht habe, und daß die Brotbecken auf dieser Brücke Brot feilbieten durften. Jedoch soll die eine der Brotbänke jeden Abend fortgenommen werden.

Es war das Ziel der mittelalterlichen Stadtwirtschaft, jedem Zunftgenossen eine selbständige Existenz zu ermöglichen. Darum mußte sie die Genossen gegen Übervorteilung durch andere schützen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn am 23. August 1481 die Zunft verbietet, daß ein Hausbrotbeck, d. h. ein solcher, der für Kunden das ihm überbrachte Mehl backt, dem andern die Kunden abtreibt und daß keiner einem Kunden backen darf, wenn der frühere Bäcker erklärt, er sei von dem Kunden noch nicht bezahlt. Auf die gleiche Absicht, für alle ungefähr gleiche Arbeitsbedingungen zu schaffen, und nicht nur auf religiöse Motive ist es zurückzuführen, wenn eine Verordnung der Zunft vom 5. November 1497 den Weiß- oder Hausbeck mit Strafe bedroht, der an einem Samstagabend oder an einem Aposteltag oder an geschützten Tagen (Feiertagen) nach Feierabend noch Feuer eintut oder backt, ebenso den Müller, der zu dieser Zeit noch arbeitet.

Eine wichtige Aufgabe der Zunft war auch die Pflege der Geselligkeit unter den Zunftgenossen. Schon vor 1418, so erfahren wir aus einer Ratsverordnung, besaß jede Zunft eine Trinkstube. Nun haben die Bäcker kurz vor dem 11. Februar 1470 eine eigene Zunftherberge gekauft und darüber Hauspfleger, Stubenmeister und Zeltpfleger gesetzt. (Zeltpfleger für die Besorgungen des Zeltes bei kriegerischem Auszug.) Jedes Jahr versammeln sich nun die Zunftgenossen zum Weihnachtsfest oder im nächsten Monat hernach, wie es der Zunftmeister befiehlt. Jeder ist zum Erscheinen verpflichtet zur Verhörung über Dotation des Altarstiftsbriefes, der Pfründrödel, der Schriften der Gülten, Einnahmen und Ausgaben. Ebenso findet Neuwahl der Licht- und Hauspfleger, Stubenmeister und Zeltmeister statt, und zwar jeweils zwei von den Becken und einer von den Müllern. An dieser Urkunde hängt schon das schöne Zunftsiegel, dessen Stempel 1876, wo der Begründer der Städt. Sammlungen davon einen Abdruck nahm, noch vorhanden war. Es zeigt unter drei gotischen Wimpergen rechts eine Brezel, in der Mitte eine Backschaufel und links ein Mühlrad. Die Umschrift lautet in gotischer Minuskel: s. brotbecken und Müller zu Villingen. Es ist gleichzeitig entstanden mit den Siegeln der Schmiede und Färber, die in den Städtischen Sammlungen noch erhalten sind. Die Zunftherberge stand am südlichen Münsterplatz.

Einen Einblick, wie die Zunft verwaltet wurde, gibt der sog. Zwölferbrief vom 9. April 1390. Er ist von Schultheiß, Bürgermeister und Rat erlassen und wurde auch für die anderen Zünfte gegeben. Er bestimmt, daß in jeder Zunft zu einem Zunftmeister noch 12 sein sollen. Die sollen Recht sprechen, und die Zunft soll ihnen gehorsam sein. Geht einer ab, so soll in einem Monat ein neuer gewählt werden. Die Taxen für den Einkauf in eine Zunft sollen in allen Zünften gleich sein. Für eine ganze Zunft sollen gezahlt werden 10 Schillinge = 120 Bisger, d.h. Breisgauer Pfennige, dem Zunftaltar 12 Pfennige, dem Zunftmeister 6 Bisger Pfennige und Wachs für die Zunftkerzen, 5 Schilling Stäbler (Pfennige) an der Zunft Gezelt. Die sollen weder vertrunken noch sonst vertan werden. Wird eines Meisters Sohn Meister, so soll er der Zunft 1 Pfund Wachs geben; wird ein Knecht Meister, so soll er den anderen Halbteil der Zunft auch kaufen. Die eine Hälfte hatte er bereits als Geselle bezahlt bei der Ledigsprechung. Wer von einer Zunft in die andere fahren will, soll auch eine halbe Zunft kaufen. Die Wahl des Zunftmeisters findet an Johanni statt (24. Juni) mit Einwilligung des Rates. Johanni war auch der Tag der Ratserneuerung.

Während in der Blütezeit des Zunftwesens im 14. Jahrhundert die Zünfte sich ihre Ordnungen selbst schufen, beobachten wir seit dem 15. Jahrhundert eine steigende Mitwirkung des Rates der Stadt, namentlich seit man Stadtschreiber mit juristischer Bildung hatte. So geht wohl die bei mehreren Zünften gleichzeitige Anlage von Zunftbüchern um 1490, in die die wichtigsten Zunftbestimmungen eingetragen werden mußten, auf ein Verlangen des Rates zurück, ebenso wie die Anfertigung der schönen Zunftsiegel. Gegen diese wachsenden Eingriffe des Rats wandten sich die Müller – 14 Meister und Knechte – durch ihren berühmt gewordenen Auszug nach Hüfingen am 6. Oktober 1522, weil sie sich durch eine Verordnung des Rates, der im Interesse der Kunden eine Einschränkung ihrer Vieh- und Geflügelhaltung verlangte. Der Chronist Hug schildert uns anschaulich den Verlauf dieses Müllerstreikes. Da der Rat die vier Müller aus Oberndorf kommen ließ als Streikbrecher, so mußten sich die Müller unterwerfen. Sie wurden eingesperrt und mußten in 2 Jahren die ansehnliche Summe von 200 fl bezahlen. Daß der Rat nicht mit sich spaßen ließ, zeigen die im Stadtarchiv noch erhaltenen Urfehdebriefe der Müller.

Anstelle der freien Vereinbarung innerhalb der Zunft trat immer mehr die Verordnung des Rates. Die Lebensmittelpolitik der Stadt, die Sorge für billiges und gutes Brot führte zu immer neuen Verordnungen. Wir besitzen eine ganze Reihe Ton Brotordnungen, die den immer wieder veränderten Lebensverhältnissen Rechnung tragen mußten. Die älteste erhaltene ist vom 31. Oktober 1585, ihr folgten weitere 1607, 1624, 1660, 1685, 1700, 1714. Eine große Rolle spielte die von 1771, die gedruckt wurde und noch bis 1826 n Geltung war. 1770 war ein Hungerjahr gewesen. Das Ratsprotokoll berichtet über die Umstände, unter denen der Tarif von 1771 zustande kam, unterm 19. August 1771: „Dieweilen die Becken, ohnerachtet dem Höchsten zum Dank die Früchte im Preis fallen, das Brot dennoch ring und so dein als ehevor machen, sollen die Brotwäger ieimlicherweis Brot einkaufen, abwägen, die Anzeige dazu machen, um so dann die Bürger zu Straf ziehen zu können.“

Es ist schwierig, die einzelnen Tarife in ihrem Wert miteinander zu vergleichen, da wir weder den Kaufwert des Geldes in den einzelnen Jahren, noch die Gewichte genau kennen. Aber interessant sind die Grundsätze der Preisgestaltung.

Das Brotgewicht richtete sich nach dem höchsten Preis, den das Malter Korn jeweils im Kaufhaus erzielte. Stieg der Preis des Getreides, so wurde nicht der Brotpreis erhöht, sondern das Brotgewicht verringert und im entgegengesetzten Fall vermehrt. Die Preise blieben also die gleichen, und die Tarife geben jeweils an, um wieviel das Brotgewicht der einzelnen Brotsorten verringert oder vermehrt werden durfte oder mußte. Die Kontrolle hatten die Brotschätzer, vom Rat ernannt, die jede Woche einmal umgehen mußten. Die Strafe für jedes fehlende Lot betrug 6 Kreuzer. Verbacken wurde Korn und Roggen. Die Ordnung von 1585 zählt folgende Brotsorten auf:

Vierpfenniglaib, Zweipfenniglaib, Einpfenniglaib, das Kiechlin (Küchlein) und die Mutschel (kleines Weißbrot).

Die Brotordnung von 1771 unterschied drei Hauptsorten: Weißruckenbrot, Schwarzrucken-brot und Semmelbrot.

Vom Weißruckenbrot gab es Einbatzenbrot, Zweigroschenbrot, Zweibatzenbrot, Vierbatzen-brot. Das Schwarzruckenbrot kannte den Zwei-groschenlaib (5 Pfund), den Zweibatzenlaib, den Zehnkreuzerlaib und den Dreibatzenlaib (10 Pfund).

Diese weitgehende Differenzierung von Brotsorten ist nur verständlich, wenn man weiß, daß es in Villingen von Alters her zwei Klassen von Bäckern gab, die Weißbrot- und die Schwarzbrotbecken. ,Weißbrotbecken“ sind diejenigen, welche nur kleines oder mittleres weißes Ladenbrot verbacken, „Schwarzbrotbecken“ aber diejenigen, die für die Bürger ihr Brot – kein Bürger durfte in Villingen für sich selbst backen – und mittleres Weißbrot und alle Sorten schwarzes verbacken dürfen. So stellten die Bäcker die Sache in einer Eingabe an den König von Württemberg, der damals ihr Landesherr war, am 7. Juli 1806 dar. Die Teilung galt jeweils nur ein Jahr, wer sich verändern wollte, mußte es bis zum Thomastag (21. Dezember) der Zunft melden. Nach dieser Darstellung geht die Teilung bis ins Mittelalter zurück. Schon das heute längst nicht mehr vorhandenes Zunftbuch von 1440, ebenso die Magistratsbeschlüsse von 1700 haben sie enthalten. Die Beckenordnung von 1700 ist noch vorhanden und bestätigt diese Angabe. Ebenso die oben erwähnte Zunfturkunde von 1497, die die Teilung auch kannte.

Es gab eben ursprünglich Weißbrotbecken, die für den Verkauf auf den Brotbänken bucken und Hausbrotbecken, die nur Lohnbäcker waren. Die Bäcker von 1806 begründen die Teilung damit, daß sie notwendig geworden sei durch die zu große Zahl von Bäckern in Villingen (33 Bäcker bei 600 Bürgern). Nur dadurch hätten alle Bäcker beschäftigt werden können. Nach den Koalitionskriegen seit 1792, wo die Teilung wegen der Einquartierung nicht aufrecht erhalten werden konnte, wurde sie 1808 endgültig aufgehoben.

Im Zeitalter des Absolutismus, wo der Staat mit seinen Reglements immer stärker in alle Verhältnisse des Lebens eingriff, wurde die Bevormundung der Zunft durch Stadt und Staat immer größer.

Gegen Ende des Zeitalters gewannen über die österreichische Regierung auch physiokratische Ideen Einfluß auf die Behandlung der Zünfte. Diese sahen in den Zunftschranken Hemmungen der wirtschaftlichen Entwicklung und verlangten wirtschaftliche Freiheit. So mußte am 2. August 1776 der Stadtrat die Landstände um Belassung der Zunftrechte bitten.

Mit dem Übergang der Stadt an das Großherzogtum Baden (Juli 1806) trat eine neue Entwicklung ein. Der neue Herr lehnte am 24. November 1807 die Bitte der Stadt Villingen ab, ihre Rechte und Freiheiten zu bestätigen und ihr die Grundherrschaft über die sieben Dependenzorte zu belassen. Das badische Obervogteiamt will fortan im Stadtrat präsidieren, und es behält sich auch das Recht vor, in den Zunftversammlungen den Vorsitz zu führen.

Die Vorrechte der mittelalterlichen Stadt hörten auf, damit auch das mittelalterliche Institut der Bannmeile, das die Niederlassung von Handwerkern auf dem Lande verbot oder beschränkte. An die Stelle des Stadtrats trat nun der großherzogliche Beamte, das Obervogteiamt, später Bezirks Amt, das einfach verfügte. So wurde 1808 dem Josef Neininger gestattet, in Unterkirnach eine Bäckerei aufzumachen, da er ein gelernter Bäcker sei, das nötige Vermögen dazu habe und als Staatsbürger das Recht habe, ein erlerntes Gewerbe zu betreiben. Im Juli 1809 verlangte das Obervogteiamt, daß die Ortshandwerker in die Villinger Zünfte aufgenommen werden. 1848 gab es in der Bäckerzunft 60 Landmeister.

Die Not der Biedermeierzeit zwang den jungen badischen Staat sich auch des Brottarifs wieder anzunehmen. Die armen Leute klagten über zu teures Brot, die Bäcker darüber, daß der Brottarif von 1770 den gesteigerten Kosten für Holz, Salz, Licht und Hopfen nicht mehr entspräche. Das Bezirksamt genehmigte schließlich eine Modifizierung des Tarifs. Aber der Widerstand gegen den veralteten Brottarif hörte nicht auf. Hatte man bisher einen Tarif mit ständigem Preis und wandelbarem Gewicht, so wurde jetzt seit 1831 namentlich von Oberbürgermeister Vetter ein Tarif mit ständigem Gewicht und wandelbarem Preis vorgeschlagen. Er konnte sich dabei vor allem auf das Beispiel von Freiburg berufen. Schließlich gab auch das Bezirksamt nach und trat dem Vorschlag Vetters bei (10. Juli 1834). Die endgültige Bereinigung kann nach den Akten nicht mehr festgestellt werden. Jedenfalls wurde seit 1847 der Brotpreis vierzehntägig vom Bezirksamt festgesetzt, indem für die 1 – 3 Kreuzerwecken das Gewicht, für die Laibe (1 Pfund Weißbrot, 1 Pfund Halbweißbrot und 2 Pfund Schwarzkernenbrot) der Preis bestimmt wurde.

Ein kleinliches Polizeiregiment griff immer mehr Platz, nicht ohne Schuld der Zünfte selbst, die statt bei Meinungsverschiedenheiten sich zu einigen, das Amt anriefen. Es hängt wohl mit der Not der Biedermeierzeit zusammen, daß im November 1820 die jungen Meister sich weigern, das Zunftgeld von 11 Gulden und 15 Kreuzer zu bezahlen mit der Begründung, früher habe man von dem angehenden Meister nur 3 Gulden und 10 oder 20 Kreuzer verlangt. Das seit 36 Jahren erhöhte Zunftgeld werde nur zu Zechen bei der Zunft verwendet. Vor 36 Jahren, entgegnete die Zunft, habe man das Zunftgeld auf die jetzige Höhe gebracht, aber nur, um den jungen Meistern größere Ausgaben zu ersparen, denn damals habe jeder bei seinem Eintritt in die Zunft für jeden Zunftgenossen noch Käse und Brot anschaffen müssen, was für jeden eine Ausgabe von 20 – 22 Gulden bedeutet habe. Die Zunftgelder würden zur Deckung der jährlichen Ausgaben der Zunft, die 80 – 90 Gulden betragen, benutzt. Der Überschuß würde jedes Jahr verteilt. Es treffe auf jeden Zünftigen 10-, 12-, 15 Kreuzer, die er auf der Zunftherberge verzehren müsse, um dem Herbergsvater eine gewisse Entlohnung zu verschaffen für die Mühe, die er mit den durchreisenden Bäckerburschen habe. Es wurden nämlich jedem durchreisenden fremden Bäckerburschen 6 – 8 Kreuzer gegeben, die er in der Zunftherberge verzehren durfte. Es war jetzt der „Ochsen“, seitdem das Zunfthaus auf dem Münsterplatz verkauft war.

Die ganze Auseinandersetzung hatte nur den einen Erfolg, daß das Bezirksamt sich die Rechnungsführung der Bäckerzunft noch genauer ansah und verlangte, daß kein Lehrling oder junger Meister etwas zum Verzehren für die Meisterschaft bezahlen durfte, und daß dem Amt jede Neuaufnahme gemeldet werden mußte und auch für die jeweiligen Aufnahmegebühren für den Trunk, den die Zunft am Katharinenfest stiftete – es waren durchschnittlich 15 Kreuzer – 45 Pfennige für den einzelnen – mußte man ebenfalls die Dekretur des Amtes einholen. Aber man wußte sich zu helfen. Man feierte jetzt auch Großherzogsgeburtstag, seine Vermählung, die Erinnerung an die Thronreffe auf der Zunftstube. Man wußte, daß man die Dekretur der Ausgaben für diese „patriotischen Feste“ unschwer vom Großherzoglichen Oberamtmann bekommen konnte. Die Mittel dazu Terschaffte man sich dadurch, daß man einen Teil der Unterstützungsgelder für die wandernden Handwerksgesellen für die Zechen verwendete. Das veranlaßte den Revisionsbeamten zu der bissigen Bemerkung, es scheine, daß im Zeitraum vom enner 1852 bis Ende Mai 1854 sämtliche in Deutschland befindlichen Müller- und Bäckergesellen über Villingen gewandert sein müssen, denn die Zahl der angeblich ausbezahlten Zehrungen für die Weiterreise habe in dem genannten Zeitraum 1640 (!) betragen.

Da auch das Recht, den Meistertitel zu verleihen, an das Bezirksamt übergegangen war, so war von der mittelalterlichen Selbstherrlichkeit der Zünfte fast nichts mehr übrig geblieben, als durch das Gesetz über die Einführung der Gewerbefreiheit vom 20. 9. 1862 der Zunftzwang aufgehoben und die alten Zünfte aufgelöst wurden. Während die Gerber-, die Sattler-, die Bauleute- und die Schmiedezunft sich endgültig auflösten und ihre Vermögen der Stadt für die Provencesche Lehrgelderstiftung übergaben, konstituierte sich die Bäcker- und Müllerzunft zu einer Bäcker- und Müllergenossenschaft am 19. Februar 1865. Der Grund war wohl, das bedeutende Vermögen der ehemaligen Bäcker- und Müllerzunft den Bäckern und Müllern zu erhalten. Als Zweck wurde angegeben: Beförderung der gewerblichen Angelegenheiten, Verwaltung des Genossenschaftsvermögens, Unterhaltung der gewerblichen Institute. Damit hatte die ehrwürdige Bäcker- und Müllerzunft nach rund 350-jährigem Bestehen ihr Ende erreicht.

Als Vermögen wurde folgendes angegeben: Das älteste Grundbuch verzeichnet:

1. Die Zunftstuben auf dem Münsterplatz; vornen auf die Almend stoßend, d. h. den Münsterplatz, hinten an Martin Schrenk. Das Haus war dreistöckig, und wurde am 11. Mai 1836 an Martin Schrenk verkauft um 870 Gulden. Es hatte einen Wappenstein mit dem Zunftwappen. Dieser Stein wurde beim Abbruch des Hauses von Apotheker Salzer erworben, aber 1870 nach Aufhebung der Zunft „als wertlos“ von Berthold Häsler zum Privatgebrauch verwendet. Das Haus stand im jetzigen Hof der Stadtapotheke.

2. Das Grabenstück zwischen dem Oberen und dem Bickentor, oben an die Wirtezunft, unten an die Schuhmacherzunft grenzend.

An Mobilien wurden von Georg Häsler, dem gewesenen Zunftvorsteher, im Juli 1865 an die Handwerksgenossenschaft übergeben:

1. ein Kirchenfahnen

2. ein Fahnen mit dem Bilde von St. Katharina, noch neu, „und ward derselbe vor wenigen Jahren geweiht am Altar während des hl. Meßopfers in der Altstadtkirche“. Es durfte wohl die heute noch in der Städt. Sammlung aufbewahrte Fahne sein. Die Zunftrechnungen führen drei Fahnen auf: Am 29. November 1856 wurde von Dominik Ackermann eine neue Zunftfahne bezogen mit Bildnis der hl. Katharina und Goldschrift 53 fl. Welche Bewandtnis es mit dem in Goldbuchstaben aufgemalten Datum: 25-26. November 1529 hat, ist nicht mehr zu ermitteln, da die alten Zunftbücher der Zunft leider nicht mehr vorhanden sind. Eine weitere Fahne malte Gustav Fischer, Maler, im Mai 1883, eine dritte lieferte W. Schilling am 9. Juni 1909.

3. Ein neues und ein älteres Zunftsiegel

4. Ein Zunftbuch und zwei ältere Zunftbücher. Es ist heute nur noch das Zunftbuch von 1828 vorhanden. Am Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man sich noch auf ein Zunftbuch von 1444 berufen.

5. Zwei alte Zunftladen mit Inhalt der alten Zunftdokumente, zum größten Teil unleserliche Briefe auf Pergament. Die Pergamenturkunden sind seit langem dem Stadtarchiv einverleibt. Vorhanden ist noch eine Zunftlade mit roher eingelegter Arbeit und rohem eisernen Beschlage. Eine zweite mit erneuerter Bemalung in den Stadtfarben und oben und an den Seiten aufgemaltem Beschlagwerk. Die Lade zeigt in der Mitte der Vorderseite auf blauem Grund das Bäckerwappen, eine Brezel, darüber zwei runde Brote, darunter ein Spitz-wecken. Über dem Wappen die Buchstaben: BHL (Bäckerherbergslade ) unten 1767. Wappenhalter sind zwei Löwen. Links ein rotes Schild darauf: H. Joanes Schump Z:M: (Zunftmeister). Rechts ebenfalls ein rotes Schild, darauf: Joseph Glaißer, Demmeteri Meyer B: H: M: (Bäckerherbergsmeister). Auf der Rückseite: ein blaues Wappenschild mit zwei gekreuzten Backschaufeln. Auf der Siegelstempellade im Innern ist eingeschnitten: Joseph Glaißer. In Tinte darunter geschrieben: Stadt Villingen Herberg Gasthaus zum Ochsen. Auf der Innenseite des Deckels steht mit Tinte: Georg Häsler Zunftmeister 1840 und Vorstand der Gewerbsgenosserschaft d. J. 1867. Eine dritte Lade hat die Städt. Sammlung, die Zunftlade von 1791.

6. Sind aufgeführt als übergebenes Zunfteigentum verschiedene Impressen, darunter Meister- und Lehrbriefe, ältere Akten und Zunftrechnungen.

7. Der oben schon behandelte Wappenstein von der Zunftherberge. Nach der ältesten noch erhaltenen Rechnung betrug das Vermögen am 27. Januar 1852 3267 fl 12 Kr. Es war damals in Kapitalien angelegt, die gegen Zins ausgeliehen waren.

Die Verehrung der hl. Katharina, erstmals in einer Urkunde aus dem Jahre 1324 genannt, Schutzpatronin der Bäcker und Müller, hat auch heute noch für die Angehörigen der Bäckerinnung einen großen Stellenwert. So wird z. B. wie eh und je um den 25. November eines jeden Jahres in unserem Münster zum dankbaren Gedenken an die Schutzpatronin eine hl. Messe gelesen (in diesem Jahr am 15. November). Daß dabei im Anschluß auch die Geselligkeit (bis vor wenigen Jahrzehnten war es der „Katharinenball) nicht zu kurz kommt, entspricht ebenfalls alter Tradition. Allerdings wird ein solches Beisammensein nicht mehr, wie in früheren Jahrhunderten, aus der „Hefekasse“ bezahlt.

Daß der Brauch zur Verehrung der hl. Katharina —ein Relikt des früheren Zunftwesens — auch heute noch aktiv gepflegt wird, zeigt die besondere Verbundenheit dieses Berufsstandes zum Althergebrachten.

 

Das Villinger Münster (Barbara Eichholtz)

Aspekte der baulichen Gestaltung und Ausstattung

I

Der nachfolgende Beitrag ist der für die schriftliche Fassung modifizierte Teil einer Führung vom Frühjahr 1997. Schwerpunkt war nicht eine Erläuterung der zum Villinger Münster bekannten Daten und Fakten, sondern vielmehr wurden einzelne Aspekte der baulichen Gestaltung und Ausstattung, die, obwohl sie ins Auge fallen, doch meist „unhinterfragt hingenommen“ werden, herausgegriffen, interpretiert und in einen überörtlichen Zusammenhang gestellt.

II

Das Münster ist das dominierende Gebäude im nach ihm benannten Viertel, das das älteste und größte 1) der durch die sich kreuzenden Hauptstraßen Riet-, Bicken-, Obere und Niedere Straße gebildeten vier Quartiere ist. Zusätzlich herausgehoben ist es durch seine allseits freie Lage auf einem Platz, wie es bei Pfarr- im Gegensatz zu Bischofskirchen die Regel war. Dieser Kirchhof, der zugleich den Immunitätsbereich darstellte, diente andernorts bis ins 18., teilweise bis ins 19. Jahrhundert als Friedhof 2). Dann verlegte man, als Folge aufklärerischen Gedankengutes und daraus resultierendem Gespür für die teilweise sehr unhygienischen Verhältnisse, die Friedhöfe außerhalb der Städte. In manchen Städten, so z. B. in Freiburg 3), geschah dies auch schon früher als Konsequenz der grassierenden Seuchen wie der Pest. Da in Villingen jedoch bis ins 16. Jahrhundert hinein die Altstadtkirche Pfarrkirche mit Begräbnisrecht blieb und auch danach die Villinger traditionsgemäß ihre Toten weiterhin dort bestatteten, der ursprüngliche Friedhof auch später den Forderungen nach einem Begräbnisplatz außerhalb der Stadt gerecht wurde, blieb er dort bis zum heutigen Tage. Die Notwendigkeit der Nutzung das Münsterplatzes als Friedhof war daher zu keiner Zeit gegeben. Ob dennoch einzelne Bestattungen dort stattfanden, kann, solange der Platz nicht flächendeckend archäologisch untersucht ist, nicht beantwortet werden. Die Anlage eines Kirchhofs, auf dem keine Bestattungen stattfanden, ist also mit der speziellen Villinger Situation zu erklären. Wurde von Anfang an damit gerechnet, daß das Münster die Altstadtkirche als Pfarrkirche ablösen würde ? Sehr wahrscheinlich war es als Bestattungsort für die Zähringer geplant, so wie es später in Freiburg 4) realisiert wurde.

Bei der planmäßigen Anlage der Stadt seit dem Ende des 11. Jahrhunderts scheint ein Hof, der zur Versorgung schon bestehender Verteidigungsbauten diente, aufgelassen worden zu sein, um Platz für die Kirche zu schaffen. 5)

III

Das heutige spätromanische Münster ist bereits der dritte Bau an dieser Stelle, ist von seinem Alter her jedoch nicht eindeutig zu bestimmen. 6) In der Angabe seines Alters herrscht auffallende Zurückhaltung, da vieles (noch?) zu unsicher ist. Die archäologischen Grabungen 1979 und 1980 ergaben, daß schon das Langhaus des ersten Baues vom Ende des 11. Jahrhunderts nahezu ebenso lang war wie das des jetzigen. 7) Dieser für den Umfang der Stadt von Anfang an auffallend große Bau führte schon im 14. Jahrhundert zu der Bezeichnung „Münster“ 8), der vom lateinischen monasterium, Kloster, herkommt und später vor allem auf Bischofskirchen übertragen wurde (z. B. in Straßburg, Basel, Konstanz), u. U. auch auf besonders große Pfarrkirchen (Freiburg, Ulm, Rottweil). Eine solch herausgehobene Bezeichnung für eine Filialkirche zeugt von einem hohen Anspruch.

Die umliegenden Gebäude hat man sich bis etwa ins 13. Jahrhundert hinein relativ niedrig und aus -Holz gebaut vorzustellen, Sakralbauten als in der Hierarchie am höchsten stehende Bauten waren die frühesten in Stein errichteten Gebäude und hatten auch aus diesem Grunde eine wörtlich zu Lehmende herausragende Stellung im Stadtgefüge. Noch heute stehen an der West- und Nordseite les Münsters repräsentative öffentliche Gebäude, wobei besonders das Alte Rathaus durch seine für Villingen untypische Giebelseite zum Platz hin auffällt. Dies wirkt wie ein stolzes Sich-Behaupten weltlicher gegenüber der geistlichen Macht. Eigenartig ist die Ungleichwertigkeit der Nord- gegenüber der Südseite des Münsterplatzes: Während das Münster gerade zu dieser Stadtseite hin ein prächtiges Portal hat, sieht man von dort nur auf die Rückseite der Rietstraßenbebauung, man vergleiche dagegen den Freiburger Münsterplatz!

Das Münster hat die Form einer dreischiffigen querhauslosen Basilika, d. h. einem hohen Mittelschiff mit sog. Obergadenfenstern ist beidseitig ein niedrigeres Seitenschiff angefügt, wie es schon der Vorgängerbau gehabt hatte, nicht jedoch der erste Bau, der nur die einfache Form einer Saalkirche gehabt zu haben scheint, wie sie die meinten Dorfkirchen bis in unser Jahrhundert hinein aufweisen. Die Basilikaform galt als anspruchsvolle Kirchenform, leitet sie sich doch von der griechisch-lateinischen Königshalle bzw. Markt- und Gerichtshalle der Antike ab, deren spätestes Beispiel auf dem Forum Romanum in Rom mit den Ruinen der Basilika des Kaisers Konstantin zu bewundern ist. Das Christentum übernahm, wie so vieles andere aus der heidnischen Antike, mit dem Namen auch die Form, das erhöhte halbrunde Podium für den Sessel des Kaisers wurde zur christlichen Apsis für den Bischofsstuhl, den Klerus und den Hochaltar.

IV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben der Größe und der Basilikaform bedeutet die Erstellung des Baues aus Quadern, im Vergleich etwa zu Bruchsteinmauerwerk wie bei der Franziskanerkirche, ein weiteres Merkmal eines anspruchsvollen 9) Bauwerks. Der rote Sandstein kommt aus der hiesigen Gegend, wahrscheinlich aus dem Gebiet in Richtung Unterkirnach. Es gibt mittelalterliche Berichte über die Suche nach einer für den Bau einer Kirche geeigneten Steinlage, die zu finden u. U. recht schwierig war. Denn der Stein durfte weder zu spröde oder hart für die Bearbeitung, aber auch nicht zu bröselig sein und sollte zudem in größtmöglicher Nähe zum Bauvorhaben liegen, denn die Strapazen, die der Transport der gebrochenen Steine mit zwei- oder vierrädrigen Ochsenkarren auf ungepflasterten unebenen Wegen kostete, waren ungeheuer groß. Der Bau dieser Eigenkirchen, d. h. Kirchen, die einem Grundherrn bzw. Herrscher gehörten, der auch, die von ihm abhängigen Geistlichen bestimmte, wie es im frühen Mittelalter in ganz Europa die Regel war, geschah zu einem großen Anteil mit Frondiensten. Erst in späterer Zeit, als auch Kommunen als Bauherren auftraten, änderte sich dies.

Neben Maurern, Mörtelmischern usw. erforderte die Erstellung eines Quaderbaues Steinmetze, die vorwiegend in der schlechten Jahreszeit im Schutze von zeltartigen Hütten die grob behauenen Steine sorgfältig zurichteten. So wurde ein Quadervorrat geschaffen, den man in der wärmeren Jahreszeit verbauen konnte.

Der Umriß, eventuell auch grob die Einzelheiten des zu erstellenden Baues wurden in den Erdbolden eingeritzt, abgesteckt oder mit Schnüren gelegt. Gebaut wurde nach tradierten Erfahrungswerten, die ein großes Wissen und Können voraussetzten. Davon daß dies auch fehlschlagen konnte, zeugen mehrere mittelalterliche Berichte über Einstürze, von denen der über den Einsturz der Kathedrale von Beauvais der berühmteste sein dürfte. Der Wandaufbau des Münsters erfolgte im für Quaderbauten üblichen sog. Hausteinmantel-verfahren, d. h., daß die Quader innen und außen eine Hülle bilden, die mit einer reichlichen Füllung aus Bruchstein und Mörtel versehen wurde. Betrachtet man die Quader aus der Nähe, so fällt an einer Reihe von ihnen die punktförmige Vertiefung auf. Sie rührt vom Einsatz der sog. Zange her, die an zwei einander gegenüberliegenden Längsseiten des Quaders angesetzt wurde und, mit einem Seilzug verbunden, zum Aufzug der Steine diente 10). Im süddeutschen Raum ist der Einsatz der Zange besonders früh festzustellen, ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Es finden sich am Münster jedoch auch Zangenlöcher an Quadern, die relativ dicht über dem Bodenniveau plaziert sind und wo der Einsatz eines Seilzuges mit Steinzange wenig sinnvoll gewesen wäre. Hier ist an die Wiederverwendung der Quader bei Anlund Umbauten zu denken. Berücksichtigt man, daß ein größerer Quader etwa drei Tage bis zu seiner Fertigstellung benötigte und stellt ebenso die Arbeit des Steinbruchs und des Transportes in Rechnung, so ist dies verständlich.

V

Beim näheren Betrachten der Quader bemerkt man auch, daß die „Außenhaut“ des Münsters keineswegs so homogen ist wie es auf den ersten Blick scheint: Quader unterschiedlichster Größe wirken an einigen Stellen wie unordentlich „zusammengestoppelt“. Hier sind ältere Flickstellen, die von Ausbesserungen und Umbauten herrühren, neue Flickstellen aus diesem Jahrhundert dagegen sind auffallend gleichmäßig, fast wie maschinell genormt und verarbeitet.

Am ganzen Bau findet man diese Störungen im Steinverband, besonders an der Westfassade. Dort ist die sog. Baunaht deutlich zu erkennen, die den ursprünglichen Verlauf der Dachneigung der Seitenschiffe zeigt, ehe sie erhöht und verbreitert wurden. Im Mittelteil hingegen sehen die Steine so frisch aus, daß sie in neuerer Zeit, in welcher Form auch immer, einen entscheidenden Eingriff erfahren haben müssen. Ganz anders sieht es dalgegen im Obergaden aus: Dort sieht man erstaunt, daß die Mauer einen Verputz mit Quader-bemalung erhalten hat. Dies geschah im Zusammenhang mit der letzten Restaurierung 1983/84, da die Steinsubstanz hier so unansehnlich geworden war, daß anders kein ästhetisch befriedigendes Ergebnis zu erzielen war 11). Das ist insofern bemerkenswert, da davon auszugehen ist, daß das Münster, wie zahllose andere romanische Quader-bauten auch, ursprünglich mit einer farbigen Schlämme überzogen war, die Fehlstellen kaschierte und die Steine schützte. Im vorigen Jahrlhundert kam jedoch das Ideal der angeblich „materialgerechten Steinsichtigkeit“ auf, man sah in den farbigen Putzen und Schlämmen romanischer Bauten eine Zutat späterer Jahrhunderte, die es möglichst radikal zu entfernen galt, um den massigen Bauten ihre trutzige Würde (Kirche als Gottes“burg“) wiederzugeben. So sieht man an vielen romanischen Bauten, vom Villinger Münster bis zum Wormser Dom, unbarmherzig jede Fehlstelle und Unregelmäßigkeit, was andererseits dem an der Baugeschichte Interessierten zustatten kommt. Inzwischen hat jedoch eine Umorientierung stattgefunden und landauf, landab fängt man am Ende des 20. Jahrhunderts wieder an, über eine Neuverputzung bzw. -schlämme nachzudenken. Das 19. Jahrhundert hat hier aber großenteils so gründliche Arbeit geleistet, daß Kaum noch ursprüngliche Farbreste, die zur Orientierung dienen könnten, vorhanden sind. Das Spektakulärste Beispiel neuerer Zeit dürfte der Limburger Dom sein, dessen Neuverputzung such zu einer Neuinterpretation das Baukörpers zwingt.

VI

Doch nicht nur durch Um- und Anbauten veränderte sich das Aussehen des Münsters, wozu ebenso die extrem steile Dachneigung gehört, die stilistisch nicht zu einem romanischen Bau paßt, sondern auch durch die später veränderten Fenster. Hier fallen besonders diejenigen der mittleren Westfassade und die barocken Fenster und Türen des Langschiffes auf. Die Barockisierung beschränkte sich jedoch weder auf die Fenster des Münsters, der Johanniter- und der Franziskanerkirche erging es ebenso, noch auf Villingen. Es spiegelt sich darin einerseits ein Geschmackswandel wieder, vor allem aber ein verändertes Glaubensverständnis, das den Kirchenraum als lichtdurchfluteten Raum erforderte und einen starken Appell an das sinnliche Erleben einschloß. Auslöser hierfür war die Gegenreformation, die in den Beschlüssen des Tridentinischen Konzils u. a. die bildliche Darstellung der Glaubensinhalte neu Formulierte und auch Veränderungen in der Liturgie beinhaltete. So sind Barockisierungen mittelalterlicher Kirchen, wozu auch der Ersatz von Chorschranken und Lettner 12) durch aufwendige Gitter gehörte, vor allem in katholischen Gegenden zu finden. Auch der Lettner des Villinger Münsters wurde damals abgerissen und durch ein heute ebenfalls verschwundenes Gitter ersetzt.

VII

Verglichen mit den einschneidenden Eingriffen an der Bausubstanz des Langhauses zeichnet sich der gotische Langchor mit Polygonalabschluß durch große Einheitlichkeit aus, auch wenn er nicht ohne Eingriffe die Vergangenheit überdauert hat. Es fällt der geringe Freiraum zwischen Chorablschluß und gegenüberliegender Bebauung auf, der ursprüngliche romanische Chorabschluß war wesentlich kürzer. Dieser Chorneubau, von Heinrich von Fürstenberg initiiert und in Zusammenhang mit dem einzigen Stadtbrand Villingens 1271 zu sehen, war wohl von Anfang an als prächtiges Gehäuse für die fürstliche Grabstätte geplant 13) eine solche Grabstätte im Sanktuarium der Kirche findet sich häufig. Die Strebepfeiler weisen auf die Rippenwölbung im Innern hin. Wo romanische Bauten durch die Dicke ihrer Mauern mit kleinen Fensteröffnungen statische Sicherheit erreichten, wurde dies in der Gotik durch ein System der Kräfteableitung lastender Elemente auf stützende Pfeiler erreicht und erlaubte die weitgehende Auflösung der Wand durch Fenster mit bunt-leuchtenden Glasscheiben, die durch ihren edelsteinartigen Charakter das Kircheninnere in geheimnisvolles Licht tauchten. Bei genauem Hinsehen, besser noch vom Innenraum her festzustellen, sieht man eine leichte Abknickung des Chors gegenüber dem Langhaus. Dieses Phänomen, häufiger und in markanterer Ausprägung anzutreffen, ist bisher nicht sicher zu deuten. Zwangen ganz pragmatische Gründe, z. B. Grundstückslgrenzen hierzu? War es das Bemühen um eine exakte Ostjustierung 14) ? Denn wenn nicht zwingende Gründe dagegen standen (z. B. Rom, Peters-grab; Villingen, Raumprobleme bei Franziskaner-und Benediktinerkirche) wurden Kirchen geostet, hier wieder einer uralten Tradition heidnischer Kultstätten folgend, derzufolge ex oriente lux, von der Seite des aufgehenden Lichtes her, das Gute, hier das christliche Heil in Gott, zu erwarten war. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß in dem abgeknickten Chorhaupt häufig ein Symbol für den Kopf des toten Christus gesehen wird, so wie auch der überaus häufige Übergang viereckiger Turmunterbauten in ein Vieleck, wie es auch am Münster zu sehen ist, mit Mariensym-bolik in Verbindung gebracht wird. Auffallend ist die Vorliebe der Gotik für vieleckige, spitzkantige Formen, wie sie sich auch im polygonalen Chorlabschluß im Gegensatz zu den halbrunden oder rechteckigen bzw. quadratischen der Romanik zeigt.

VIII

Für Laien verwunderlich ist die an den meisten Kirchturmspaaren anzutreffende unterschiedliche Gestaltung vor allem der oberen Teile, so auch bei den zum größten Teil gotischen Türmen des Münsters, wo zudem eine Wächterstube im Südturm, wie sie vielerorts üblich war, der rechtzeitilgen Warnung der Bewohner, vor allem nachts, vor Feinden, Feuer usw. diente. Äußere Übereinstimmung war jedoch besonders in der Spätgotik kein angestrebtes Ideal. Bei einem Baumeisterwechsel, wie er angesichts der oft langen Bauzeiten und wesentlich kürzeren Lebenserwartung als heute häufig war, kamen veränderte Vorstellungen zur Ausführung. Die einander genau entsprechende Ausführung eines gotischen Turmpaares läßt eher die Vermutung aufkommen, daß dies ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist, wie z. B. beim Kölner Dom. Hohe Türme sind immer eine architektonische Auszeichnungsform und demonstrieren einen Machtanspruch. Beim Münster ist die Positilon als Chorflankentürme eine Betonung und Auslzeichnung des Allerheiligsten, des Chores. Sie entspricht der Position der Hahnentürme des Freiburger Münsters, das aber mit seinem spätelren Westturm einen gewaltigen Kontrapunkt hierzu setzt als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewußtseins, denn das Freiburger Münster war inzwischen in den Besitz der Stadt übergewechselt. Bezeichnenderweise baute man aber eine Ein-turmfassade, der Anspruch einer Zweiturmfassade wäre zu groß gewesen für eine städtische Pfarrkirche. In Villingen blieb es bei den auf romanischen Fundamenten ruhenden Chorflankentürmen, die allerdings dadurch, daß sie durch das im Vergleich zu Freiburg niedrigere Langhaus weitgehend freistehen und recht hoch sind, wesentlich markanter ins Auge fallen als die Freiburger Hahnentürme Vielleicht wäre das romanische Langhaus des Münsters, wenn die Fürstenberger länger die Herrschaft über Villingen innegehabt hätten, doch noch einem gotischen gewichen? So waren nach dem Loskauf der Stadt Villingen von der Für-stenberger Herrschaft, 1326, wahrscheinlich weder das Interesse noch die nötigen Gelder vorhanden.

Hingewiesen sei noch auf eine kaum fünfzehn Jahre alt markante Neuerung am Außenbau: die Bronzetüren von Klaus Ringwald. Sie zeigen Stationen aus dem Leben der beiden Patrone des Münsters: Johannes des Täufers (Südportal) und Marias (Westportal). Das Marienpatrozinium ist das jüngere, zahlreiche Kirchen widmeten ab dem späteren 13. Jahrhundert, als die Marienverlehrung stark zunahm, das ursprüngliche Patro-zinium zugunsten eines für Maria um, so z. B. auch Freiburg das ursprüngliche Nikolauspatrozinium. Ringwald greift mit Material und Fellderung der Türen auf alte romanische Traditionen zurück, verwiesen sei hier als Beispiel auf die Bernwardstür des Hildesheimer Domes. Ebenso entspricht die typologische Darstellung, d. h. die Gegenüberstellung eines im Neuen Testament geschilderten Ereignisses mit einem solchen aus dem Alten Testament als Präfiguration einer christlichen heilsgeschichtlichen Erfüllung Dieser Tradition, z. B. die Verbindung von Maria als neuer Eva, die im Gegensatz zur alttestamentarischen Vorgängerin nicht „sündig“ ist, sondern als Got-tesgebärerin der Welt das Heil brachte. Typologische Darstellungen finden sich im übrigen auch auf vielen mittelalterlichen Glasfenstern und sind ein Charakteristikum bestimmter bebilderter Bilbeltypen, z. B. der biblia pauperum. Am Südportal findet sich eine Variante dieser typologischen Darstellungen; Stationen aus dem Leben Johannes des Täufers werden mit solchen seines jüngeren Namensvetters Johannes des Evangelisten in Beziehung gesetzt. Auch der Formenkanon, den Ringwald benutzt, ist eher traditionell als modern, jedoch nicht epigonal und fügt sich gut dem historischen Bau ein. Damit ordnet er sein Werk dem Gesamtcharakter des Außenbaues unter. Insgesamt wirkt der Anblick des Münsters, obwohl die Originalsubstanz nur noch zu einem relativ geringen Teil erhalten ist, durchaus mittelalterlich.

X

Umso überraschter ist man beim Anblick des Inneren: Man betritt das Münster in Erwartung eines dem Äußeren entsprechenden Raumeindrucks und sieht sich einer Gestaltung gegenüber, bei der nahezu alle Jahrhunderte seit der Erbauung sowie die unterschiedlichsten künstlerischen Techniken koexistieren. Da stehen z. B. inmitten der gedrungenen spitzbogigen Pfeilerarkaden zwei wuchtige monolithische romanische Säulen. Ein Stück weiter vorn hat man die qualitätvolle spätgotische steinerne Kanzel, ursprünglich weiter westlich plaziert, angebracht. Die Apostel darüber auf Konsolen an den Längswänden, von der Hand des Villinger Künstlers Joseph Anton Schupp, sind eindeutig barock, die Zwischenräume füllen barockisierende Gemälde mit den Freuden und Leiden Mariä. Ist das Mittelschiff bis zum Gesims über den Arkaden sandsteinsichtig, so erstrahlt der Raum darüber einschließlich der Decke und der Seitenschiffe pastellfarbig, reich mit teils barockem, teils klassizistischem weißem Stuck versehen. Die im Verhältnis zur Breite auffallende Höhe des Mittelschiffes, Folge einer nachträglichen Erhöhung 15), mit seiner barocken Flachldecke, die anstelle einer wohl ornamentierten Holztonne eingesetzt wurde und zusätzlich die Raumauffassung empfindlich veränderte, verleiht dem Raum einen kastenartigen klassizistischen Charakter, der durch den die Rechteckform des Raumes betonenden Rosettenfries und den klötzchenartigen Fries, der die Decke ringsum säumt, betont wird. Filigran wie zarte Gespinste hängen Leuchter herab. Stilistisch schwer einzuordnen, würde man sie eher in das vorige Jahrhundert einreihen, ebenso die Scheiben der Seitenschiffenster, wüßte man nicht, daß sie erst anläßlich der letzten Restaurierung in den 80er Jahren für das Münster angefertigt wurden.

XI

Paradox ist die Umkehrung der authentischen Lichtführung: Das romanische Langhaus wirkt trotz der wuchtigen Sandsteinarkaden luftig, leicht und hell gegenüber dem gotischen Chor mit seiner, gemessen an der Raumgröße, riesigen Fensterfläche. Das liegt an den vergrößerten Fenstern des Langschiffes, im Obergaden aus Klarglas und in den Seitenschiffen auch kaum farbig zu nennen, zudem an der hohen lichten Decke, der zarten Farbgebung und den zerbrechlich wirkenden Leuchtern. Im gotischen Chor hingegen schlucken die dunkel bemalten Wände, die kräftigfarbigen (nicht originalen) Scheiben, die zudem noch teilweise von dem üppigen großen neugotischen Altar verdeckt werden, einen Großteil des Lichtes. Zur Neuausstattung der letzten Jahre gehören auch die, wie die Bronzeportale, von Ringwald geschaffene Mensa und der Ambo. Wurde mit der Aufstellung eines Altars in neugotilschem Stil, 1908 von einer Villinger Familie gestiftet 16), die Absicht verbunden, das Werk dem Stil des Aufstellungsortes anzugleichen, so verleugnen Mensa und Ambo Ringwalds ihre Entstehung im 20. Jahrhundert nicht, modern im Sinne von progressiv sind sie jedoch keineswegs, man vergleiche dagegen etwa Mensa und Ambo von Ulrich Rücklriem in der Kirche St. Paul in Esslingen. Es ist heutzutage überaus schwer, eine überzeugende moderne Form für eine derart traditionelle Aufgabe, wie sie die Kirchenausstattung darstellt, zu schaffen, was nicht an der Unfähigkeit der Künstler, sondern an der „unzeitgemäßen“ Aufgabenstelltung in einem durch und durch profanen Zeitalter liegt.

XII

Am reinsten ist der mittelalterliche Charakter noch in den beiden Turmkapellen erhalten, die ungefähr an der Stelle der Nebenapsiden der Vorgängerbauten liegen. Die nördliche Kapelle wird heute als Andachtskapelle mit dem schon seit Jahrhunderten als Heiltum verehrten, aber erst später ins Münster gelangten, Nägelinskreuz genutzt, die südliche seit 1982 17) als Taufkapelle. Die niedrigen engen Räulme verraten noch etwas von der Wucht mittelalterlicher Baumassen, zumal der Zugang zu ihnen nur durch die gewaltigen neobarocken Seitenaltäre hinldurch möglich ist, sodaß die stilistischen Gegensätze hart aufeinander prallen.

XIII

Mancher Besucher mag sich angesichts dieser Vielfalt der Stile, Farben, Formen und Materialien fragen, ob man nicht bei der letzten Restaurierung in den achtziger Jahren auf einen mehr einheitlichen Charakter hätte achten sollen, schließlich gibt es genug Beispiele einer Reromanisierung barock und historistisch überformter Kirchen, als Beispiele in der Nähe seien Hattstadt im Elsaß oder Gengenbach genannt. Diese Rückführungen in den „ursprünglichen“ Zustand geschahen am Ende des vorigen oder im ersten Viertel unseres Jahrhunderts, als man, positivistisch denkend, vom Fortschritt der eigenen Zeit überzeugt, genau zu wissen glaubte, wie mittelalterliche Kirchen ursprünglich aussahen. In bestem Glauben schlug man Putz und Farbe ab, um die Form, das Material „rein“, ohne „störende Zusätze“ wirken zu laslsen, die Begriffe „Materialgerechtigkeit“ und „Stein-sichtigkeit“ hatten Hochkonjunktur. Umgekehrt war man nicht zimperlich darin, Verblaßtes kräftig „aufzufrischen“ oder, wo nichts mehr war, zu rekonstruieren. Auch heute noch herrscht in manchen Kreisen, deren geschmackliche Bildung durch die Maximen des Bauhauses geprägt wurde, die Vorstellung, „richtig“ und „schlicht“ seien identisch, demzufolge seien spätere Veränderunlgen qualitätsmindernd, störend und darum zu entfernen, auch wenn dann nur noch ein kahler Torso übrigbleibt 18). Die moderne Denkmalpflege ist sich der Problematik jeden Eingriffes inzwischen deutlich bewußt geworden, sie weiß, wie leicht die Befürwortung einer bestimmten restau-ratorischen Maßnahme Gefahr läuft, vom persönlichen Geschmack dessen, der sie befürwortet, beeinflußt zu sein, oberste Denkmalpfleger nicht ausgenommen. Deshalb fordert sie zum einen, daß das Prinzip der Reversibilität gewahrt bleibt, d. h. daß restauratorische Maßnahmen ohne weitere schwerwiegende Eingriffe in die historische Substanz auch wieder rückgängig gemacht werden können, falls neuere Erkenntnisse dies erfordern, zum andern, daß die Geschichte eines historischen Gebäudes ablesbar bleiben soll und nicht durch die zeitbedingte Bevorzugung eines bestimmten Zustandes das Gebäude auf den Zustand dieser Epoche hin zu „trimmen“ unternommen wird. Die Baul und Ausstattungszustände unterschiedlicher Epochen sind also prinzipiell gleichberechtigt, erhalten zu bleiben, da sie Teil der individuellen Geschichte des jeweiligen Gebäudes sind. Dies gilt für eine spätgotische Kanzel ebenso wie für die heute eher im pejorativen Sinne dem Historismus zugeordneten Werke. Dieser letztgenannten Forderung entsprach die jüngste Restaurierung 1983/84 in vielem. Auch Denkmalpflege unterliegt Modeströmungen, und so kann es sein, daß bei der nächsten Restaurierung des Münsters ganz andere Schwerpunkte gesetzt werden…

Anmerkungen:

1) vor der Erweiterung der südlichen Stadtviertel.

2) Auf dem Lande ist dies bis heute vielerorts erhalten geblieben.

3) Uni Mißverständnissen vorzubeugen: Freiburg löste erst 1827 Konstanz als Bischofssitz ab.

4) Auf die näheren Umstände der Zähringer-Grablegen soll hier nicht eingegangen werden. Daß es in Freiburg bei nur einer Zähringerbestattung im Münster blieb, lag am Aussterben dieses Geschlechtes.

5) Casimir Bumiller: Untersuchungen zur Geschichte und Baugeschichte des ehemaligen St. Georgener Pfleghofs in Villingen. Masch. Skript 1997.

6) Vgl. Josef Fuchs: Villingen. Münster unserer lieben Frau. Regensburg 1996, 8. Aufl., S. 4.

7) Grundrisse der drei Bauten in: Fuchs: ebda., S. 4.

8) Landesdenkmalamt und Landesvermessungsamt Baden-Württemberg (Hg.): Stadt Villingen-Schwenningen 1991, bearbeitet von Peter Findeisen. Ortskernatlas. Stuttgart 1991, S. 11.

9) Die genannten Auszeichnungen, wozu auch die mächtigen unteren Turmgeschosse zählen, können alle als Indiz einer geplanten Funktion der Kirche als herrschaftliche Grablege gelten.

10) Siehe Abbildung, aus Günther Binding: Mittelalterlicher Baubetrieb, Darmstadt 1993, Abb. 22.

11) Mündliche Auskunft Dr. Fuchs, Herr Ehnes.

12) Chorschranke: romanische, Lettner: gotische Scheidewand zwischen Chor und Mittelschiff.

13) Vgl. hierzu weiter oben die Bemerkungen zum Bau der ersten zähringischen Kirche.

14) Anregung von Herrn Ehnes.

15) Paul Revellio: Beiträge, zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 106.

16) Mitteilung einer Teilnehmerin der Führung.

17) Josef Fuchs, ebda. S. 14.

18) Eine puristische Auffassung, die im 19. Jahrhundert auch schon zeitweise vertreten wurde.

 

 

Wenn Steine reden könnten… einige Villinger Gebäude und ihre Geschichte (Ute Schulze)

Wenn Steine reden könnten, könnten sie viel Heiteres, aber auch viel Tragisches erzählen. Als stumme Zeugen vermitteln uns Häuser dennoch vieles. Ihre ganz individuellen Geschichten stehen im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen und Ereignissen.

Alte Gebäude für neue Zwecke zu nutzen, kann läufig ihre Erhaltung retten. Laut Gemeinderatsbeschluß vom 16. Oktober 1991 steht die gesamte Villinger Innenstadt innerhalb des Mauerrings Inter Denkmalschutz.

Die Gestaltung der Bauten drückt auch immer eilen Zeitgeschmack aus. Ob nun Gotik, Barock, Gründerzeitformen oder Jugendstil, alle haben in Villingen ihre Spuren hinterlassen. Bei Neubau nach Abriß ging zwar einiges verloren, aber dennoch ist noch vieles zu entdecken und seien es nur Bauteile wie Erker, die es in Villingen reichlich gibt.

Wenn man durch die Villinger Innenstadt geht, sieht man gerade an den Haupt-Straßenachsen Schaufenster, Reklame und Warenstände, kurz das, was die moderne „City“ überall bietet. Schaut man jedoch nur eine Etage höher, so kommen ganz andere Dinge ins Blickfeld. Da gibt es Erker, Fassadenbemalungen und Gestaltungselemente Früherer Baustile. Dabei reicht die Palette von romanischen Teilen, wie an der Rabenscheuer am Münsterplatz, über barocke Formen, wie sie etwa in der Bickenstraße das St. Ursula aufweist, bis zu Gründerzeit und Jugendstil. So zum Beispiel das sehr schöne im Stil der Neorenaissance 1853 errichtete Gebäude der Bäckerei Hoch in der Rietstraße, dessen Fassade von 1887 reich geschmückt ist mit Figuren und Ornamenten. Sehr interessant ist auch das Gebäude Rietstraße Ecke Schulgasse, das Elternhaus des Malers Albert Säger (1866-1924). Die Fassadengestaltung stammte ursprünglich von ihm und wurde 1985 nach einer Vorlage von 1898 erneuert. Dies sind nur zwei Beispiele, die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Im Folgenden sollen nun einige wenige Gebäude näher betrachtet werden, die im Laufe ihrer Geschichte einige Veränderungen erlebten, an denen sich historische Ereignisse aber auch Behördengeschichten festmachen lassen. Dabei liegt der Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert, wenn auch die Ursprünge der Bauten häufig deutlich früher anzusetzen sind. Der Nutzungswandel für Gebäude in den verschiedenen Zeiten verblüfft heute manchmal (etwa der weltliche Umgang mit Kirchenbauten im 19. Jahrhundert).

Einige zunächst groß gefeierte Bauten verloren im Laufe der Zeit ihren Stellenwert für die Bevölkerung (Beispiel Bahnhof). Der Erhalt alter Bausubstanz geht immer wieder auch auf private Initiative zurück, dafür werden an dieser Stelle Beispiele aufgezeigt. Manchmal bleibt trotz aller Bemühungen jedoch nur noch ein Stück Fassade übrig (Beispiel Hollerith-Gebäude).

Altes Heilig-Geist-Spital/ Kaufhaus

Die Spitäler des Mittelalters widmeten sich der Sorge um Arme und Kranke. Das Heilig-Geist-Spital in Villingen geht auf eine Stiftung der Gräfin Agnes v. Fürstenberg zurück und sollte die genannten Aufgaben erfüllen. Das Spital existierte wohl schon um 1270. 1) Ein Ablaßbrief von 1286 stellt die erste völlig sichere Nennung dar.

Das Gebäude in der Rietstraße, also in bevorzugter Lage an einer der Hauptstraßen der Stadt, war seit 1286 im Bau. Es wurde 1288 (vermutlich nach einer Zerstörung) wiederhergestellt. Im Jahre 1727 erfolgte eine Erneuerung durch den Vorarlberger Barockmeister Jodocus Beer. 1825 zog das Spital, dessen soziale Aufgaben sich im Laufe der Zeit erweitert hatten, in das ehemalige Franziskanerkloster um, in dem es bis zum Neubau in der Schertlestraße 1978 untergebracht blieb.

Das Haus in der Rietstraße wurde zum Kaufhaus umgewandelt. Seit dem 19. Jahrhundert befand es sich in städtischem Besitz. Es wird seither als städtisches Dienstgebäude von verschiedenen Ämtern und Dienststellen genutzt.

Ab 1838 wurden im ersten und zweiten Stockwerk je eine Wohnung gebaut. Im Dezember 1840 waren die Arbeiten dazu weitgehend abgeschlossen.

1850 hatte im obersten Stock der Amtsrevisor (Prüfungsbeamter der Bezirksverwaltung) eine Wohnung bestehend aus: 5 ineinanderlaufenden Zimmern und einem weiteren Zimmer „gegen die Wohnung von Wendelin Nestor“, dem hinteren Zimmer gegen den Münsterplatz, der Hälfte des Kellers neben dem Büro der Kaufhausverwaltung und dem Platz auf dem ersten Speicher zur Aufbewahrung des Brennholzes und zum Trocknen der Wäsche. Auch das Büro befand sich im Kaufhaus. 1853 wurden Büro und Wohnung des Amtsrevisors ins Kreisgerichtsgebäude verlegt.

1920 erfolgte der Einbau einer Aufzugsgaupe im Hof (noch vorhanden). 1921 wurde ein Raum für Feuerwehrgeräte hergerichtet (jetzt Buchhandlung Hügle). 1924 wurde provisorisch eine Wohnung im zweiten Obergeschoß (jetzige Hausmeisterwohnung) erstellt.

1936 wurde das Kaufhaus zum „Braunen Haus“. Es entstanden nämlich Büroräume für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt im ersten und für die Hitlerjugend im zweiten Obergeschoß.

1951 wurde eine öffentliche WC-Anlage, 1962 ein Versammlungs- und Probelokal (jetzt Büro Buchhandlung Hügle) und 1964 das Grundbucharchiv eingebaut. 2)

Benediktinerkloster

Das Kloster der Benediktiner von St. Georgen umfaßt ein ganzes Ensemble von Gebäuden. Es erstreckt sich vom Abt-Gaisser-Haus (Schulgasse 23) bis zur Benediktinerkirche (Schulgasse 19). Der Benediktinerkonvent in Villingen hatte seinen Ursprung in St. Georgen im Schwarzwald. Die Mönche richteten sich nach ihrer Vertreibung im Zuge der Reformation durch den Herzog von Württemberg 1538 zunächst vorübergehend bis 1548, ab 1566 endgültig in ihrem Pfleghof („Alte Prälatur“) in Villingen ein. Um 1600 wurden weitere Klostergebäude errichtet. So entstand unter anderem neben der alten Prälatur der Konvents-bau mit Bibliothek. Dabei wurde die Kapelle einbezogen. Diese Neubauten wurden, nachdem sie durch einen Brand 1637 zerstört worden waren, 1666 wieder aufgebaut.

Die „Alte Prälatur“ 3) war ursprünglich Pfleghof des Klosters St. Georgen. Die Stadtmauer ist seine älteste erkannte Bausubstanz. Um 1233/34 erfolgte der Anbau eines dreigeschossigen Massivbaus. Aus den Jahren 1371/72 sind erste sicher datierte Umbauten belegt. Von 1398/99 stammt die erste gesicherte Grundrißkonzeption. Um 1536 ist eine umfassende Modernisierung der Grundrißgliederung geschehen. Um 1538/39 wurde der Kernbau nach Osten erweitert und im 19. Jahrhundert umfassend erneuert. Der Wappenstein des Abtes Georg Gais-ser II. (* 1595, t 1655) wurde an der Fassade angebracht und so zum Wahrzeichen des Gebäudes, das auch „Abt-Gaisser-Haus“ genannt wird.

Das Benediktinerkloster in seiner heutigen Bausubstanz entstand im wesentlichen unter Abt Georg III. Gaisser, dessen Amtszeit von 1685 bis 1690 dauerte. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die beiden Hauptklostertrakte mit der Kirche errichtet sowie das neue Gymnasialgebäude (1747-1749). Die Stukkaturen im Mittelbau, die 1730 von Gaspare (Caspar) Mola geschaffen wurden, sind erhalten geblieben.

Das 18. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen für alle geistlichen Gemeinschaften. Joseph II. setzte mit seinen Reformen die staatliche Vormachtstellung gegenüber den kirchlichen Institutionen durch. Seit 1774 betrieben daher die Benediktiner allein ein Gymnasium, welches 1806 aufgelöst wurde. Die Franziskaner hatten ab 1775 für den Knaben-Normalschulunterricht zu sorgen. Seit 1826 wurde der ehemalige Benediktiner-Konventsbau wieder als Schule genutzt.

Türm der Benediktinerkirche und die alte Turnhalle.

 

Die Benediktinerkirche ist eine barocke Wandpfeilerbasilika. 1688 im Mai wurde der Grundstein gelegt. Die Pläne stammten von dem bekannten Vorarlberger Baumeister Michael Thumb. 1719 war der Rohbau – ohne Chor und Turm – vollendet. Den Hochaltar hatte Anton Josef Schupp geschaffen und sein Sohn Ignatius ausgeführt. Das Altarblatt hatte der Bruder des Abtes, Johann Georg Glückher aus Rottweil, gemalt. 4) 1725 wurde die Kirche geweiht. Ab 1728 erweiterte man den Chor, der Hochaltar mußte abgebrochen werden. 1729 fertigte Heinrich Schilling (aus der bekannten Villinger Malerfamilie) den Riß für den neuen Altar und malte das Altarblatt. 1730 übernahm Gaspare Mola die Stukkatur-Ausstattung. Er arbeitete auch für die Klöster Ottobeuren, Ochsenhausen und Wiblingen. 5) 1755 bis 1756 wurde der Turm gebaut.

1806 erfolgte die Säkularisation des Gotteshauses. Die Silbermann-Orgel von 1752 wurde 1809 vom badischen Staat nach Karlsruhe transportiert. Ihre Reste wurden dort im 2. Weltkrieg zerstört. In der Folgezeit war die Benediktinerkirche u. a. Salzlager der Saline Dürrheim (1823) und Schauplatz der Schwarzwälder Industrieausstellung (1876). Seit 1903 bereits wieder durch die Münsterpfarrei genutzt, ging die Kirche 1924 im Tausch gegen das Pfarrhaus am Münsterplatz (heute Rathaus) wieder in deren Eigentum über. Eine Instandsetzung des Gotteshauses tat Not. Ende 1983 wurden die umfangreichen Maßnahmen begonnen. 1995 gründete sich der „Förderverein Renovierung Benediktinerkirche“. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mittel, welche durch staatliche und kirchliche Fördermittel nicht aufgebracht werden, durch Spenden zusammen zu bringen. Dies soll sein Beitrag zur 1000-Jahrfeier im Jahr 1999 sein. Ein weiteres ehrgeiziges Projekt ist die Rekonstruktion der bereits erwähnten Silbermann-Orgel.

Johanniterkommende

Die Kommende, also die Niederlassung der Johanniter bestand insgesamt aus der Kirche (Gerberstraße 11), dem Amtshaus (an der Bickenstraße, später Glockengießerei Grüninger), dem Ritterhaus, der Kaplanei, dem Pfarrvikarshaus und der alten Schaffnei.

1253 wurden die Johanniter durch den damaligen Stadtherrn, Heinrich von Fürstenberg, nach Villingen gerufen. 1257 wurde der Ritterorden von allen Lasten, Dienstbarkeiten sowie der Wehrund Schutzpflicht befreit und sollte bevorzugte Behandlung vor dem Stadtgericht genießen.

Das Haus Gerberstraße 13 war ehemals Meßnerhaus. Der Massivbau stammt von 1844 mit älteren Mauerteilen.

An der Gerberstraße 15 weisen Wappen und In-schriftstein von 1630 auf die Bautätigkeit des Komturs Rollmann von Dattenberg hin. Er wurde in der Johanniterkirche beigesetzt, wie die dort gefundenen Grabsteinfragmente belegen.

1811 wurde das Ritterhaus, das direkt an der Stadtmauer (im Bereich des Kaiserrings) gestanden hatte, abgerissen. Später stand dort das Bezirks-bzw. Landratsamt, an dessen Stelle seit kurzem eine Seniorenwohnanlage entsteht.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wechselte das ehemalige Amtshaus in der Bickenstraße, das 1868 schließlich abgerissen wurde, mehrfach den Besitzer. Zwischen ihm und dem Landratsamt stand auch einmal die Glockengießerei Grüninger, bevor deren Betrieb auf den Goldenen Bühl verlegt wurde.

Evangelische Johanneskirche, 1913.

Die Johanniterkirche ist eine vierjochige Saalkirche. Sie wurde am Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut. Erstmals schriftlich erwähnt wurde sie 1336 und diente seit dem 16. Jahrhundert als Grablege der Komture. Das wahrscheinlich bekannteste Kunstwerk im Zusammenhang mit den Villinger Johannitern ist das von Hans Kraut 1576 geschaffene Grabmal des Komturs Wolfgang von Masmünster. Die Vorlage des Künstlers war die 1496 in Ulm erschienene Beschreibung der ersten Belagerung von Rhodos (1480). Masmünster hatte an der Schlacht teilgenommen. Kraut verband verschiedene Holzschnittszenen des genannten Buches zu einer Gesamtkonzeption 6). 1711 war eine Erneuerung der Kirche notwendig.

1806 wurde das Gotteshaus vom Großherzogtum Baden in Besitz genommen und bereits ein Jahr später für den Gottesdienst geschlossen. In den 1840er Jahren diente die Johanniterkirche sogar als Amtsgefängnis. Freischärler der 48er Revolution saßen hier ein.

1859 kaufte die evangelische Gemeinde das Bauwerk, das seither wieder als Kirche genutzt wird. 1924 wurden Bauarbeiten am Chor und die Erweiterung der Westempore durchgeführt. Die 1838 von Schildtknecht & Bergmann geschaffene Orgel wurde 1980 angeschafft und steht unter Denkmalschutz.

Zehntscheuer, Bärengasse Ecke Hans-Kraut-Gasse 11

Die ehemalige Zehntscheuer ist ein Barockbau, der im Scheitel des Portals mit 1690 datiert ist. Sie gehörte ursprünglich zum gegenüberliegenden Dominikanerkloster und diente als Bauernhaus und Scheuer. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Werkstatt eingcbaut.

Die durchgreifende Renovierung durch den neuen Besitzer Adalbert Briegel in den 1970er Jahren stellte vor allem den erhalten gebliebenen barocken Fachwerkgiebel wieder her. Eine vorherige Dachstuhluntersuchung hatte ergeben, daß dieser von Grund auf erneuert werden mußte. Einzelne Teile waren aber noch so gut erhalten, daß sie wiederverwendet werden konnten.

Auch das Mauerwerk war marode, ein Einsturz hatte nur durch den Einbau eines Stützkorsetts verhindert werden können. Die bauliche Herstellung erfolgte insgesamt unter der Devise, von der historischen Substanz zu erhalten, was möglich war. So wurde auch die alte Blockstufentreppe wieder ihrer ursprünglichen Funktion zugeführt. Die im ersten Stockwerk eingezogene Betondecke wurde entfernt. Auch der Wetterhahn wurde wieder auf das Dach gesetzt.

Aufgrund der kulturhistorischen Bedeutung des Hauses beteiligte sich das Landesdenkmalamt an den Sanierungskosten. Das Haus ist auch unter dem Namen „Zehndersches Anwesen“ bekannt nach seinem ehemaligen Besitzer.

Hollerithgebäude

(ehem. Gasthaus „Engel“, Vereinshaus des katholischen Gesellenvereins)

Der Gründerzeitbau, von dem heute nur noch die denkmalgeschützte Fassade mit Jugendstilelementen erhalten ist, hatte mehrere Vorgängerbauten (z. B. Ansicht von 1840).

Schon 1509 ist der ehemalige Besitzer der Wirtschalt vor dem Riettor, Michael Werkmeister, erwähnt. 7) Im Ratsprotokoll wird zum 1. Dezember 1726 eine Schlägerei vermerkt, in die der Engelwirt Josef Vetter verwickelt war. 8) Das Brandversicherungskataster von 1766 taxiert die Württschaft zum Engel“ als „dreistöckiges steinernes Haus“ 9). Das Wirtshaus wechselte mehrfach den Besitzer. 1847 erwarb es Anton Faller. Der es 1890 dem katholischen Gesellenverein verkaufte. Letzterer bildete eine „Aktiengesellschaft catholisches Vereinshaus“.

1905 wurde ein Neubau nach Plänen des Architekten Nägele erstellt, bei dem ein Saalbau angefügt wurde. Dort fanden unter anderem Theaterveranstaltungen der katholischen Vereine statt. Im Wirtschaftraum stand zur musikalischen Unterhaltung der Gäste ein Orchestrion. Am 1. November 1917 erlosch die Wirtschaft. 10)

1918 bis zum Ende der 1920er Jahre war hier der Sitz der Deutschen Hollerith, von der die heute üblicherweise noch gebrauchte Benennung herrührt. Diese Firma ist die Vorgängerin der IBM-Deutschland. Sie schloß 1929 ihre Pforten in Villingen.

Seit den 1930er Jahren gehörte das Gebäude der Stadt Villingen, die städtische Dienststellen (u. a. las Bauamt) dort unterbrachte. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Haus Sitz der Verwaltung des Reichsarbeitsdienstes. Nach dem Krieg wurde es Unterkunft für nordafrikanische Truppenteile der französischen Besatzungsmacht. 1985 wurde der Komplex an die Firma Top-Bau verkauft. Bis 1988 erfolgte der Umbau in Bürohaus mit Laden, Arztpraxen und Bank. Dabei mußten die unter Denkmalschutz gestellten Baueile integiert werden.

Amsgericht

Für die Bedeutung einer Stadt im badischen Staat var das Vorhandensein staatlicher Behörden und Institutionen sehr wichtig. So bemühten sich die Stadtväter intensiv darum, Villingen zum Gerichtsort werden zu lassen. So ist auch die ständige 3esorgnis zu erklären, das Gericht könnte wieder aus Villingen abgezogen werden.

Amtsgericht. Ansicht der gesamten Fassade an der Niederen Straße, vor 1988.

 

Das „Bezirksstrafgericht“ mit angeschlossenem Gefängnis war das erste größere Bauvorhaben, seit die Stadt Villingen 1806 an Baden gefallen war. Zunächst war das Gebäude gemeinsam mit einem Bahnhof am Riettor geplant gewesen. Schließlich wurde der Bauplatz am südlichen Stadtausgang gewählt, weil er anders als die östlichen und nördlichen Innenstadtbereiche nicht im damals noch unkanalisierten Brigachgelände lag.

Am 15.12.1846 wurde ein Vertrag zwischen dem badischen Justizministerium und der Stadt Villingen über die Bauplatzabtretung geschlossen, nachdem das Niedere Tor abgerissen war.

Am 25. Juli 1847 fand dann die feierliche Grundsteinlegung statt, für deren Organisation ein eigens einberufenes Komitee verantwortlich zeichnete. Bereits am Vorabend begannen die Feierlichkeiten um 17.00 Uhr mit Geläut der Münsterglocken, Zapfenstreich der Bürgermilitärmusik um 20.00 Uhr und durch Freudenfeuer auf „einigen der höchsten Punkte“ gegen 21.00 Uhr. Der eigentliche Festtag wurde bei Tagesanbruch mit 50 Böllerschüssen begonnen. Nach musikalischer Einstimmung bewegte sich ein Festzug ab 9 Uhr vom Bezirksamtsgebäude zum Münster, in dem ein feierlicher Gottesdienst abgehalten wurde. Anschließend zog man von der Oberen Straße her zum Bauplatz. Dort wurde ein Festvortrag auf einer eigens errichteten Tribüne gehalten. Es folgte die eigentliche Grundsteinlegung unter Geläut aller Glocken und Abfeuern von Geschützen. Nach einem „Lebehoch“ für den Landesherrn wurde abschließend vom Villinger Männergesangverein ein „vaterländisches Lied“ zu Gehör gebracht. Der Festzug setzte sich wieder in Bewegung und marschierte zum Gasthof „Post“ in der Rietstraße, wo er sich auflöste. Dort fand um 12 Uhr ein Festessen statt. In seinem Trinkspruch betonte Stadtrat Schmid die Bedeutung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Strafverfahren, die nun wieder Einzug hielten. Der Tag klang mit einem Feuerwerk und Beleuchtung des Marktbrunnens aus. Alle Bürger waren gehalten, die Stadt festlich zu schmücken. 11)

Mit dem neuen Gericht verband man auch die Hoffnung auf eine Neugestaltung der Verfahren. Die bereits genannte Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Verhandlungen kam im 19. Jahrhundert durch den napoleonischen Einfluß von Frankreich nach Deutschland. Vorher war die Beweisführung schriftlich erfolgt und dem Gericht zur Entscheidung vorgelegt worden 12).

Die Bauarbeiten gerieten dann aber ins Stocken, kein Wunder in der bewegten Zeit der 48er Revolution. Erst 1857 wurde das neue Gebäude vom Amtsgericht bezogen, nachdem der große Saal zwischenzeitlich von der evangelischen Kirchengemeinde alle 14 Tage zu Gottesdienstzwecken genutzt worden war. Am 1. Oktober wurde wiederum mit einer großen Feier der Einzug des Kreisgerichts begrüßt.

Altes Finanzamt

Seit dem Jahr 1898 sind Verhandlungen zwischen dem Amtsbezirk und der Stadt Villingen belegt, in denen es um die Bereitstellung eines geeigneten Bauplatzes für die Errichtung eines Finanzamtes ging. Es kristallisierte sich das Areal gegenüber dem neuen Amtsgericht heraus. Am 20. Januar 1901 schloß der badische Landesfiskus einen Vertrag mit der Stadt Villingen, mit dem die Kommune das ehemalige „Schuppsche Anwesen“, Grundstück mit dreistöckigem Wohnhaus mit zwei Balkenkellern, Scheuer und Stall an der Goldgrubengasse sowie ein Stück der daran angrenzenden Anlage. 13) Die Bauarbeiten dauerten bis 1904. Das im Stil der Neorenaissance errichtete Gebäude lag im Übergangsbereich von der In-

Altes Finanzamt. Ansicht von der Bertholdstraße, vor 1988.

Diese hatte generell im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt, weshalb die Hauptfassade des Finanzamts zum Ring lag. Trotzdem gelang es dem Architekten, „mit der Nebenfront zur innerstädtischen Bebauung der Niederen Straße hin zu vermitteln und zugleich diese Lage zu akzentuieren, um diesen Neubau gegenüber der größeren Baumasse des Bezirksgerichts zu behaupten.“ 14)

Der Raumbedarf der Finanzverwaltung nahm im Lauf der Zeit zu. Zunächst wurden Räume zusätzlich angemietet. 1956 wurde dann ein Wettbewerb für einen Neubau ausgeschrieben, der seit 1957 an der Schwenninger Straße entstand. Im November 1959 konnte das neue Gebäude bezogen werden. Es erwies sich jedoch schon bald als zu klein. Daher wurde das ehemalige Fabrikgebäude von Kaiser-Uhren in der Weiherstraße 7 umgebaut. Im Oktober 1985 wurde das neue Finanzamt eröffnet.

Im Haus an der Niederen Straße fand das staatliche Gesundheitsamt zunächst seine Bleibe. Die Mitarbeiter mußten dann aber 1981 in das frei gewordene Gebäude an der Schwenninger Straße umziehen. Dem „alten Finanzamt“ drohte der Abriß. Die Commerzbank jedoch, die einen Neubau plante und seit 1985 Interesse an dem alten Gemäuer bekundete, setzte von Anfang an auf Renovierung und Sanierung. Am 4. August 1988 fand der erste Spatenstich statt. Das alte Finanzamt wurde in den Neubau integriert. Die Fassade erstrahlte in neuem Glanz. Auf der Wiesenfläche vor dem Bankkomplex hat ja kürzlich das durch Privatinitiative restaurierte Bertholddenkmal seine Heimat gefunden.

Bahnhofsgebäude

Mit der Eisenbahn begann ein neues Zeitalter. Die Entfernungen ließen sich zunehmend schneller überwinden. In Villingen bemühte man sich schon seit den 1840er Jahren um einen Bahnan-schluß.

Am 6. Juli 1869 war es endlich soweit. Nach langem, zähen Ringen rollte die erste Lokomotive auf der Linie Villingen – Konstanz in der Stadt ein. Am 15. August folgte die Verbindung Singen -Villingen, durch die Fertigstellung des Abschnitts von Donaueschingen bis Villingen. Am 26. August des gleichen Jahres folgte die Strecke Villingen – Schwenningen – Rottweil. Am 1. November 1873 konnte die gesamte Schwarzwaldbahn eröffnet werden. Kriegsbedingt waren die Arbeiten zwischen Hausach und Villingen 1870/71 unterbrochen gewesen.

Der 15. August 1869 war ein Großereignis in Villingen. Bereits am Vorabend gab es einen großen Zapfenstreich der Musik des Großherzoglich Badischen 5. Infanterieregiments. Der eigentliche Festtag wurde mit Geschützsalven begonnen. Von 10.30 bis 11.30 Uhr spielte die Militär-Musik auf dem Marktplatz auf. Um 12.30 Uhr versammelte man sich „auf dem Rathaussaale“, um anschließend in einem Festzug zum Bahnhof zu ziehen. Um 13.30 Uhr sollte der Eisenbahnzug aus Donaueschingen kommend einfahren. Dann fand – wieder auf dem Marktplatz – die kurze Begrüßung der Festgäste statt. Ab 16.00 Uhr wurde ein Festbankett veranstaltet „in der hierzu festlich verzierten Güterhalle, auf dem Bahnhofe, mit Produktion der Militär-Musik und Gesangsvor-trägen des hiesigen Sängerbundes.“ 15)

Man „errichtete in Villingen einen eigenen Bahnhof mit Bahninspection, Güterexpedition, Loco-motivremise und zugehörigen Dienst- und Wohngebäuden auf der Nordseite des heutigen Villinger Bahnhofsgeländes zwischen Marbacher Brücke und Arbeitsamt. Erst später ging die Bahnhofsin-spection in dem badischen Stationsgebäude auf; die eigene Güterabfertigung blieb noch bis zum 1. Juli 1905 bestehen“. 16) Die Lokomotivstation, die seit dem 1. November 1869 existierte, wurde am 1. November 1873 zur Betriebswerkstätte erhoben und bestand bis zum 1. Oktober 1977.

 

Villinger Bahnhofsgebäude, 1913.

Das erste Bahnhofsgebäude reichte schon bald nicht mehr aus. Er wurde 1889/90 durch einen steinernen Neubau ersetzt, der in Teilen bis heute existiert. Schon 1887 wurde das Betriebsamt gebaut. 17) Das alte Aufnahmegebäude wurde zum Magazin umgebaut. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde an den Bahnanlagen und -baulichkeiten in Villingen viel erneuert, erweitert und umgestaltet. 18) Der zunächst eingleisige Betrieb wurde bald um ein zweites Gleis erweitert. Dies brachte Probleme mit sich, deren Lösung sich von 1908 bis 1927 hinzog. Im Jahre 1907 erhielt das Gleis I eine Platzierung und Überdachung. Für die Reisenden war aber der Übergang zum Gleis II mit einigen Gefahren verbunden, führte er doch direkt über den Schienenkörper. Erschwerend kam hinzu, daß der zweite Bahnsteig zunächst überhaupt nicht und dann nicht in ausreichendem Maße überdacht war. Im Jahre 1912 beschäftigte sich die zweite Kammer der badischen Ständeversammlung mit den Fragen einer Fußgängerüberführung und einer „Schirmhalle“. 19) 1912 sollte im Rahmen von Umbauten „eine Überdachung des Bahnsteiges II“ „auf eine genügende Länge“ vorgenommen werden. 20) Die Korrespondenz zwischen dem Gemeinderat Villingen und der Großherzoglichen Generaldirektion der Badischen Staatsbahnen (Betriebsinspektion Villingen) zeigt in einer Aktennotiz vom 1. Januar 1918 ein erstes Ergebnis: „Die Bahnsteigüberdachung ist erstellt worden.“ 21) Da sie jedoch zu kurz war, setzte sich der Schriftverkehr fort. Aus ihm wird auch deutlich, daß die Fußwege, die zur Überquerung des Bahngeländes nötig waren, sehr lang waren. Auch die lokale Presse vermeldete schlechte „Verkehrswege auf dem hiesigen Bahnhof“ und außerhalb des Gebäudes selbst. Dort herrschte drangvolle Enge beim Durchgang. 22)

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Bahnhof im Gespräch. Seit den 1950er Jahren bemühten sich die Villinger bei der Bahndirektion in Karlsruhe um eine Erneuerung des Gebäudes. Wieder einmal schleppte sich das Verfahren dahin. So wurde erst 1964 mit dem Bau der neuen Schalterhalle begonnen. Am 15. November 1966 wurde diese in Betrieb genommen. Für sie wurde der alte Mittelteil abgerissen. Die übrigen alten Backsteinreste blieben erhalten.

Die Bemühungen um die Gestaltung des Bahnhofsplatzes, 1936 schon einmal angedacht, keimten immer wieder einmal auf und sind zur Zeit gerade wieder in der aktuellen Diskussion.

Quellenangaben:

1) Zur Geschichte des Spitals s. v. a.: Wolfgang Berweck: Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald von der Gründung bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Verfassung und Verwaltung, Villingen 1963 (= Schriftenreihe der Stadt Villingen 3). s. auch: Wolfgang Berweck: Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald. Erinnerungen und Erkenntnisse, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahresheft XX (1995/96), S. 31-37, und in: Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahresheft XXI (1996/97), S. 45-51.

2) Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (künftig: Stadtarchiv), Best. 2.2, IV 36.26.

3) s. Casimir Bumiller: Untersuchungen zur Baugeschichte des ehemaligen St. Georgener Pfleghofs in Villingen (sog. Abt-Gaisser-Haus alias Alte Prälatur, Schulgasse 23), masch., Bollschweil 1996.

4) Paul Revellio: Baugeschichte des Benediktinerstiftes St. Georgen in Villingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Heft )0(111/1954, S. 77.

5) Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, begr. v. Ulrich Thieme und Felix Becker, hg. v. Hans Vollmer, 25. Bd., Leipzig, S. 27.

6) Winfried Hecht: Die Johanniterkommende Villingen, in: Wolfgang Müller (Hg.): Villingen und die Westbaar, Bühl/Baden 1972 (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Nr. 32), S. 147.

7) Stadtarchiv, Best. 2.1, L 9.

8) Stadtarchiv, Best. 2.1, AAAb/9.

9) Stadtarchiv, Best. 2.2, Bücher IV. 1, Blatt 44, Nr. 568.

10) Stadtarchiv, Best. 2.2, V 2b. 23.

11) Stadtarchiv, Best. 2.2, XI 3.45 und 46.

12) Gerichtsverfahren, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, hg. v. Adalbert Erler und Ekkehard Kaufmann, Bd. I., Berlin 1971, Sp. 1551-1564, v. a. Sp. 1560-1562.

13) Stadtarchiv, Best. 2.2, XIII 4.6.

14) Peter Findeisen: Anmerkungen zur Idee, in Villingen ein neues Stadttor zu bauen, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes Heft 3/1994, S. 119-120.

15) Festprogramm, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/2.

16) Hans-Wolfgang Scharf: Die Schwarzwaldbahn und das Bahnbetriebswerk Villingen, Freiburg i. Br. (1980), S. 91.

17) Stadtarchiv, Best. 4.8, Feuerversicherungsbuch.

18) vgl. dazu: H.-W. Scharf (wie Anm. 16), S. 69-74.

19) Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Bad. Ständeversammlung, Nr. 89, 76. Sitzung (4.6. 1912), Karlsruhe 1912, Sp. 3600, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/1.

20) Schreiben der Großherzogl. Generaldirektion der Bad. Staatseisenbahnen an den Gemeinderat Villingen vom 4. Juni 1912, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/1.

21) ebd.

22) z. B.: Der Schwarzwälder, 27.3. 1925, Villinger Volksblatt, 26.3., 27.3., 25.6. 1925 und 27.10. 1927, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972)773/1.

 

92

 

Die Erbhuldigung und ein Besuch Kaiser Maximilians in Villingen (Dr. Dieter Speck)

oder wie ein alter Villinger der vorderösterreichischen Regierung aus der Klemme half

Ton Kaiser Maximilian, der Erbhuldigung und der vorderösterreichischen Regierung zu sprechen, scheint zunächst einmal nicht zusammenzupassen. Die Zusammenhänge sind auch in der Tat etwas verwirrend und nicht ganz einfach zu verstehen. Die Erbhuldigung auf Maximilian fand 1490 statt und zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine vorderösterreichische Regierung. Einen Einstieg in las Thema bietet auch nicht Kaiser Maximilian selbst, sondern überraschenderweise sein Urenkel, Erzherzog Ferdinand II., der Anlaß für die hier zu schildernde Episode wurde. Kaiser Maximilian tilgte nicht sein Sohn Philipp auf dem Thron lach, sondern unmittelbar sein Enkel Karl V., über dessen Reich die Sonne niemals unterging und der über Amerika, Spanien und das Deutsche Reich herrschte. Nach nur vier Jahren folgte diesem sein Bruder Ferdinand I., der 41 Jahre lang vorderösterreichischer Landesfürst war. Als Ferdinand I. 1564 starb, teilte er seinen Herrschaftsbereich unter seinen drei Söhnen auf und einer dieser Söhne, Ferdinand II., wurde Landesfürst in Tirol und in den vorderösterreichischen Landen (1564[595). Erst nach dieser sehr langen Regentschaft Ferdinands I. erfolgte also ein neuer Thronwechsel und eine neue Erbhuldigung. Dieser Regierungsantritt und diese Erbhuldigung sind die zentralen Ereignisse für den Bericht des Villinger Bürgers, der für die vorderösterreichischen Lande so wichtig wurde und der Ausgangspunkt dieses Beitrages ist. Ja bei den habsburgischen Herrschern die Erbhuldigung ein ganz besonderer, staatsrechtlich bedeutender Akt war, der von Landesfürst, Regierung, Ständen und Untertanen sehr genau beachtet wurde, ist es notwendig, zunächst einmal zu erläutern, was eine Erbhuldigung ist.!) Danach wird auf die Situation einzugehen sein, wieso der Vorgang der Erbhuldigung beim Thronwechsel zu Erzherzog Ferdinand II. nicht mehr bekannt war. Bei der Lösung dieses Problems spielte ein alter Villinger und sein anschaulicher Bericht über Kaiser Maximilian und dessen Besuch in Villingen eine große Rolle. Diese Schilderung war schließlich eine Grundlage für die Durchführung der Erbhuldigung in Verbindung mit dem großen Landtag in Freiburg, auf den ebenso wie auf den Einzug des Erzherzogs in seinen vorderösterreichischen Landen und die Umsetzung der Huldigung einzugehen ist.

Schon im frühen Mittelalter gab es verschiedene Formen der Huldigung und der Huldigungseide. Als die Reichsgewalt und die Macht des Königtums sank, wuchs in den aufsteigenden Territorialstaaten die Bedeutung der Huldigung. Das Grundverhältnis zwischen Territorialherr und Landesbewohnern wurde durch einen Treueeid begründet. Bei einem Regentenwechsel wurde er neu begründet und neu durchgeführt. Der typische Fall ist der Tod des Landesfürsten und die Thronbesteigung des Sohnes im Rahmen der Erbfolge, was im österreichischen Raum als Erbhuldigung bezeichnet wird. Der Erbhuldigungsakt erscheint dabei öffentlich als ein Vertragsverhältnis zwischen Herr und den Landständen, die das Land repräsentierten. Meist wurde den Landständen sogar das Recht eingeräumt, diese Erbhuldigung nur unter bestimmten Bedingungen und der Erfüllung von Forderungen durch den Landesfürsten leisten zu müssen.

Die Erbhuldigung bezeichnete in den habsburgischen Erblanden speziell den bedeutenden Rechts-und Staatsakt beim Regentenwechsel, der dementsprechend mit großem Zeremoniell durchgeführt wurde. Davon zu unterscheiden ist die jährliche Bekräftigung der Untertanentreue, die ebenfalls Huldigung genannt wurde. In jedem einzelnen der österreichischen Länder, Tirol, Kärnten, Krain, Nieder- und Oberösterreich wurde die Erbhuldigung in eigenständigen Festakten durchgeführt. In der territorialen Verschiedenartigkeit wurde die jeweilige Eigenständigkeit der einzelnen Länder gegenüber ihrem Landesfürsten zum Ausdruck gebracht. Mit der Erbhuldigung wurde wie in einer Art Grundgesetz das Verhältnis zwischen Landesherrn und Landleuten, das auf gegenseitiger Treuepflicht beruhte, gegründet. Die Landstände versicherten im Rahmen ihrer alten Verpflichtungen, dem Landesfürsten ihre Loyalität. Der Landesfürst seinerseits wiederum bestätigte die alten landständischen Rechte und beschwor, seine Landleute und ihre Rechte zu schützen und zu schirmen. Obwohl die Bedeutung der Erbhuldigung im 18. Jahrhundert sank und fast nur noch ein formaler Akt war, wurde sie weiterhin praktiziert. Letztmals wurde eine solche Zeremonie im österreichischen Kaiserreich im Jahr 1835 zelebriert.2)

Im Grunde war die Huldigung ein herrschaftskonstituierender Akt, der idealtypischerweise auf einem Geben und Nehmen von Untertanen und Landesfürst beruhte. Auf diesem Vertragscharakter der Erbhuldigung basiert auch die Theorie, daß es ein Widerstandsrecht gibt und dieses angewendet werden dürfe, sofern die Vertragsbedingungen nicht eingehalten würden. In der Realität wurden daher in den vorderösterreichischen Ländern, d.h. im engeren Sinne Elsaß, Sundgau, Breisgau und Schwarzwald, von den Landständen Beschwerden über Mißstände vorgetragen, die sogenannten Gravamina. Die Beschwerden hatte der Landesfürst entgegenzunehmen und als Voraussetzung für die Durchführung der Huldigung ihre Prüfung und gegebenenfalls auch ihre Abstellung zu versichern. Im Anschluß daran versprachen die Landstände die Huldigung.

Die drei konstitutiven Elemente der Erbhuldigung in den vorderösterreichischen Landen waren der Empfang des Landesfürsten, der Landtag und der Huldigungsumritt. Der Empfang des ankommenden Landesfürsten und seine Aufnahme durch die Landesbewohner war besonders wichtig, da er in der Regel in Tirol residierte und die vorderösterreichischen Lande nur noch zeitweise besuchte. Der Huldigungslandtag in Anwesenheit des Fürsten mit der Erbhuldigung der Landstände war das Aushandeln und Feilschen um die Leistung der Huldigung und unter welchen Bedingungen diese erfolgt. Der Umritt des Landesherren beziehungsweise seiner bevollmächtigten Kommissare mit der Entgegennahme des Huldigungseides aller Untertanen war der Abschluß des gesamten Erbhuldigungsvorganges.

Doch nun konkret zu den vorderösterreichischen Landen, den ursprünglich habsburgischen Stammlanden. Die Ursprünge der habsburgischen Dynastie lagen bekanntlich in der Gegend um die Habsburg bei Baden im Aargau und bei dem elsässischen Ottmarsheim. Noch zu Lebzeiten Ferdinands I. hatte dieser die Regelung getroffen, daß sein Sohn Ferdinand II. Landesfürst in Tirol und den vorderösterreichischen Landen werden sollte. Der kaiserliche Rat Lazarus von Schwendi, Herr von Kirchhofen, Triberg, von Hohenlandsberg und Kaisersberg im Elsaß usw., Verfasser zahlreicher bedeutender Denkschriften, Vordenker einer allgemeinen Wehrpflicht und der konfessionellen Toleranz, meldete sich wegen der bevorstehenden Erbhuldigung eindringlich zu Wort. Schwendi forderte im Juni 1563 den designierten Thronfolger Ferdinand II. auf, sich noch zu Lebzeiten seines Vaters der komplizierten Vorgänge der Erbhuldigung zu widmen. Für besonders wichtig erachtete Schwendi, daß der Erzherzog selbst in die vorderösterreichischen Lande kommen müßte, um so die Sympathien der Landesbewohner zu gewinnen. Speziell vor der mächtigen vorderösterreichischen Ritterschaft, der Schwendi selbst angehörte, und deren großem Einfluß warnte er den Erzherzog. Ein Besuch Ferdinands blieb aber dennoch aus. Als sein Vater Ferdinand I. am 25. Juli 1564 starb, wurden bei der kurz darauf erfolgten Testamentseröffnung erwartungsgemäß Erzherzog Ferdinand II. Tirol und die vorderösterreichischen Länder zugesprochen. Am 11. August 1564 wurde der Tod des alten und die Verkündigung des neuen Landesfürsten unter Glockengeläut den Untertanen publik gemacht. Langsam wurde die Antrittsreise des neuen Erzherzogs am Oberrhein vorbereitet, doch der Besuch verzögerte sich noch bis Herbst 1567.

Wie verlief nun eine solche Erbhuldigung? Die vorderösterreichische Regierung wußte es selbst nicht und versuchte es behutsam zu erkunden. Grund für die Probleme und das Wissensdefizit über den Ablauf der Erbhuldigung war die lange Regentschaft Ferdinands I. Die letzte Erbhuldigung lag 41 Jahre zurück und wurde 1523 auf Ferdinand geleistet. Über das ,Wie“ der Erbhuldigung hatte auch die vorderösterreichische Regierung in Ensisheim keinerlei klare Vorstellungen. Die Regierung hatte sich gegenüber ihrer vorgesetzten oberösterreichischen Regierung in Innsbruck und dem Hof entschuldigt, daß in ihrem Archiv aus der Zeit vor 1537 keinerlei Urbare, Saalbücher, Protokolle oder sonstige Akten vorhanden seien, woraus man den Vorgang der Erbhuldigung ersehen könnte. Sie hätten „…hie in der Cantzley und schlossgewelb etliche tag lanng mit ernstlichem Vleiß Nachsuechung gethan, aber die Erb- und Landtshuldigung betreffendt nicht anderst befunden…“ Dieser Sachverhalt ist dadurch erklärlich, daß erst Ferdinand den systematischen Aufbau einer Verwaltung und Regierung für die vorderösterreichischen Lande seit 1523 vorantrieb und in Ensisheim erst 1537 eine ordentliche Registratur aufgebaut wurde. Aus der Zeit davor war daher kaum etwas über die Erbhuldigung und ihren Verlauf herauszufinden.

Im Februar 1567 konnte die Ensisheimer Regierung der oberösterreichischen Regierung in Innsbruck aber dennoch eine kleine Erfolgsnachricht vermelden. In einem Villinger Bürger hatten der vorderösterreichische Regimentsrat Simon von Pfirdt und der Kanzler Dr. Wendel Arzt einen Zeugen der Erbhuldigung zur Zeit Kaiser Maximilians gefunden. Die Ensisheimer Räte legten daher sofort eine kurze Zusammenfassung des Augenzeugenberichtes ihrem Schreiben nach Innsbruck bei. Der Bericht schilderte einen Besuch Maximilians sowie das Empfangs- und Huldigungszere-moniell, das Modellcharakter für die späteren Erbhuldigungen in den vorderösterreichischen Landen erhalten sollte.3) Bei dem Zeugen aus Villingen handelte es sich laut Bericht um einen Bürger mit Namen Betz. Er war 86 Jahre alt und etwa 1481 geboren worden. Da er über 60 Jahre lang im Rat der Stadt Villingen gesessen hatte, war er auch für die Ensisheimer Regierung eine respektable Persönlichkeit und genoß hohe Glaubwürdigkeit. Wer war dieser Villinger namens Betz? Gemeint ist wohl Junker Jakob Betz, der Regierungsbericht selbst nennt ihn einen Villinger Patrizier. Seine Familie oder sogar noch er selbst stammte aus Überfingen am Bodensee. 1503 wird seine Herkunft „aus Überlingen“ im Zusammenhang mit Besitz in der Villinger Brunnengasse angegeben, 1509 wurde er im Bürgerbuch der Stadt geführt. Etwa 1503 hatte Jakob Betz, ungefähr im Alter von 22 Jahren, eine Tochter des Hans Keller geheiratet und schon fünf Jahre später war er Schultheiß der Stadt Villingen. Drei weitere Jahre später, im Jahre 1512, wird Betz als Besitzer einer halben Scheuer im Barfüßergässlein belegt. 1514, 1515, 1516 wurde Betz mehrmals als Alt-Schultheiß, d.h. als ehemaliger Schultheiß, und im Dezember 1516, 1518 und 1519 als Schultheiß genannt. Er saß aber nicht nur im Rat der Stadt, sondern die Urkunden und Akten nennen Betz 1523 Altbürgermeister, 1524 und 1525, also zur Zeit der Bauernkrieges, und zwischen 1526 und 1549 mindestens achtmal als Bürgermeister. Demnach war Jakob Betz etwa im Alter zwischen 48 und 68 Jahren die meiste Zeit Bürgermeister von Villingen.

Schon im Alter von etwa 32 Jahren (1513/1514) muß Jakob Betz ungewöhnlich vermögend gewesen sein, da er mehrfach als Stifter belegt ist, so beispielsweise als Stifter für das Siechenspital und dessen Spitalskaplan, eines weiteren Villinger Spitals einschließlich dessen Kaplan, einer Stiftung am St. Josefsaltar im Münster und an einer Kalaneistiftung der Brotbäcker. Mindestens zwischen 1529 und 1541 war er Pfleger und Finanzverwalter des Villinger St. Clara-Klosters und 1529 auch des Franziskanerklosters. Auch seine Nachbarschaft scheint auf vornehme und begüterte Bürger schließen zu lassen. Einer dieser Nachbarn war Lutz von Landau, dessen Bruder Georg von Landau kaiserlicher Rat Karls V. und Pfandherr von Freienstatt und Triberg im Schwarzwald war. Betzens Garten und wohl auch sein Haus stieß an das Landausche Grundstück, das ganz in der Nähe des Rietturmes und der Rietstraße lag. 1544 wurde Betz auch in der Steuerliste für den Türkenkrieg genannt.

Für Jakob Betz war vom kaiserlichen Hofgericht in Rottweil 1516 ein Geleitbrief auf Bitten verschiedener hochrangiger Persönlichkeiten der Stadt ausgestellt worden, was bedeutet, daß Betz offenbar auch in offuzieller Mission für Villingen mit Reisen und Gesandtschaften tätig war. Hierzu paßt auch, daß Betz als Schiedsrichter neben anderen niederen Adligen in einem Streitfall zwischen Friedrich Graf von Fürstenberg und zwei Villinger Bürgern schlichten sollte. Im Bauernkrieg hatte Betz zudem die nicht einfache Aufgabe, mit Georg Truchsess von Waldburg, dem sogenannten Bauernjörg, Christoph Fuchs von Fuchsberg und Dr. Frankfurter einerseits und den aufständischen Bauern andererseits zu verhandeln. Ziel war es, die Bauern zu einem Rechtsstreit vor einem ordentlichen Gericht zu bewegen. Bei solch herausgehobener Position, ist es nicht ungewöhnlich, daß Betz selbst auch mehrfach in Streitereien verwickelt war, beleidigt und beschuldigt wurde. In einem Fall wurde er sogar bezichtigt, die Markungssteine des Friedhofes versetzt zu haben. 1530 hatte Jakob Betz sogar die ehrenvolle Aufgabe auf dem Reichstag zu Augsburg den von König Ferdinand I. ausgestellten Wappenbrief für Villingen entgegennehmen zu dürfen und ihn nach Villingen zu bringen.4)

Doch nun zurück zum Huldigungsbericht des Jakob Betz. Der Villinger Rat Betz hatte aus seiner Erinnerung von der Ankunft und dem Einritt der österreichischen Landesherren und der Durchführung der Erbhuldigung erzählt. Als acht- oder neunjähriger Junge habe er zum ersten Mal den Einritt von Kaiser Maximilian in Villingen miterlebt, insgesamt sei Maximilian drei mal in der Stadt gewesen. Maximilians erster Besuch fand 1490 statt, als er die tiroler und vorderösterreichischen Lande von seinem Vetter Sigmund von Tirol übernommen hatte. Sigmund hatte einen glücklosen, kostspieligen und verlustreichen Feldzug gegen die Stadt Venedig geführt und hatte seine Landstände als erbitterte Gegner. Schon 1487 hatten diese Sigmund eine Art ständische Vormundschaftsregierung aufgezwungen und drei Jahre später hatten sie ihn sogar ganz abgesetzt. Friedrich III. und sein Sohn Maximilian waren nicht nur die Nutznießer der Absetzung Sigmunds, sondern hatten auch handfest mitgeholfen und zusammen mit den Landständen intrigiert. Einer der Drahtzieher war Dr. Conrad Stürtzel von Buchheim, einer der ersten Professoren der Freiburger Universität, dann Tiroler Kanzler Sigmunds, dann Kanzler Maximilians und schließlich sogar als Reichsvizekanzler einer der mächtigsten Männer der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Maximilian konnte also auf vorderösterreichische Helfer und Wegbereiter bauen, als er 1490 zur Huldigung in seinen Vorlanden einritt. Diese Machtübernahme hatte Betz als kleiner Bub in Villingen miterlebt. Anläßlich der Huldigung war Maximilian am 31. Mai 1490 in Freiburg eingezogen, was auf seinen Besuch in Villingen kurz zuvor schließen läßt, da die übliche Reiseroute über Villingen nach Freiburg führte und die Reisezeit für diese Strecke normalerweise ein bis zwei Tage betrug. Später sei Maximilian noch zwei mal in Villingen gewesen. Einmal wisse er, Betz, es nicht mehr so genau, wann es gewesen sei. Das dritte Mal sei es im Schweizerkrieg 1499 gewesen, als Maximilian mit elf Fürsten und Churfürsten in der Stadt eingeritten sei.

Zum Reichstag in Freiburg, der 1497/98 stattfand, kam Maximilian nochmals in die Vorlande und traf am 18. Juni abends in Freiburg ein und blieb dort bis Ende Juni. Auf dem Hin- und Rückweg könnte Maximilian wiederum in Villingen gewesen sein. Die andere Möglichkeit, sofern es Betz nicht verwechselte, war im Juli 1499. Der Kaiser war im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen am 22. April 1499 nach Freiburg gekommen, zeitweise in Ensisheim gewesen und reiste Mitte Juli über Villingen nach Konstanz weiter. Betz berichtet zwar, daß der Kaiser während des Schweizerkrieges in Villingen war, doch seine Begleitung von Chur- und Reichsfürsten macht auch einen Zusammenhang mit dem kurz zuvor abgehaltenen Reichstag möglich. Eine Verschmelzung beider, nicht einmal ein ganzes Jahr auseinanderliegender Ereignisse, wäre durchaus möglich und Betz nachzusehen. 1492 und 1510 hielt sich Maximilian nochmals am Oberrhein auf, wobei unklar ist, ob er auch in Villingen war.5)

Wie lief aber der Besuch Maximilians bei der Erbhuldigung im Jahr 1490 ab? Als Maximilian nach Villingen kam, sei ihm die Stadt, worunter man eine offizielle Delegation, bestehend aus Stadtoberhäuptern und Magistrat zu verstehen hat, entgegengegangen, berichtet Betz. Man wird sich vorstellen können, daß dieses Ereignis von einer großen Menge Schaulustiger verfolgt wurde. Schließlich kamen bis dahin nur sehr selten Kaiser oder habsburgische Landesfürsten nach Villingen. nebenbei erfährt man auch, daß Betz damals ein Schüler war, was durchaus nicht ganz selbstverständlich war in einer Zeit, als eben nicht alle Kinder den Schulbesuch genießen konnten. Man darf daraus schließen, daß wohl der vornehme Stand und das Familienvermögen dem kleinen Jakob eine Ausbildung, vermutlich an einer Lateinschule, ermöglicht hatten.

Als sich Kaiser Maximilian, wie Betz berichtete, 1490 der Stadt näherte und er die Delegation der Stadt Villingen erblickt hatte, lief der Empfang ganz dem üblichen Ritual entsprechend ab. Der Kaiser stieg vom Pferd, kniete nieder und hielt ein kurzes Gebet. Das schwarze Pferd des Kaisers und dessen Samtkleidung, ein knielanger Rock, auf dem Kopf ein großer Hut mit weißen Federn, wie ihn eben nur hoher Adel zu tragen berechtigt war, hatten Betz derart beeindruckt, daß ihm das noch fast siebzig Jahre später im Gedächtnis haftete. Nach dem Gebet erhob sich der Kaiser und ging zu Fuß dem Sakramentskästlein entgegen, das ihm Michael von Reischach, der Pfarrherr des Villinger Münsters, entgegengetragen hatte. Dann kniete Maximilian vor dem Sakrament ein zweitesmal nieder und ging anschließend Seite an Seite mit Michael von Reischach in das Villinger Münster. Als Gastgeschenk erhielt der Kaiser von der Stadt einen Wagen mit Wein und einen zweiten Wagen mit Hafer.

Vom Bericht des Jakob Betz, wie ihn der vorderösterreichische Regierungsrat Simon von Pfirdt niederschrieb, sind also nur einige wichtige Kernpunkte der Huldigung bekannt, nicht jedoch der gesamte Ablauf. Aus den Bruchstücken der maximilianischen Huldigung, aus den problematischen Verhandlungen um die Erbhuldigung der Jahre 1520 und 1523, das reichhaltige Programm und die Nachrichten von der Durchführung aus dem Jahr 1567 bzw. 1569 läßt sich der Vorgang jedoch gut rekonstruieren. Der Bericht des Jakob Betz ist aber nicht nur eine Erinnerung eines alten Mannes, sondern auch die Grundlage für die Durchführung der Erbhuldigung Ferdinands II. im Jahre 1567, also für einen Staatsakt. Der Bericht des Jakob Betz wurde somit zu einem Leitfaden für den ersten Besuch des Erzherzoges in seinen vorderösterreichischen Landen und für die Durchführung der Erbhuldigung.

Über die Ankunft Erzherzog Ferdinands in Villingen schreibt Veltin Ringlin in seiner Chronik lapidar die Sätze: „In dem 1567. jar ist fürseiche] D[urchlaucht ertzherzog Ferdinandus von Österreich] alhie eyngeritten auf samstag vor Simon und Judä (25. Oktober – wobei der Chronist sich gegenüber dem Reiseplan wohl um einen Tag geirrt hat) mit 400 pferden, ist zue St. Johanni gelegen. Freytag darnach (31. Oktober) wider alhie zu Villingen eingeritten. „6) Der Erzherzog war am 15. Oktober 1567 von Innsbruck aus aufgebrochen und traf am 26. Oktober in Freiburg ein, wo der Erbhuldi-gungslandtag stattfand. Außer der Tatsache, daß Ferdinand in Villingen Zwischenstation einlegte und hier übernachtete, sind keine Quellen über die Villinger Ereignisse bekannt. Es ist anzunehmen, daß er damals wegen der Größe und des Komforts das Franziskanerkloster als Unterkunft gewählt hat. Wie man sich den Ablauf seiner Ankunft und den Aufwand vorzustellen hat, wird aus den Berichten über den Besuch Maximilians 1490 und über den Aufenthalt Ferdinands II. in Freiburg vorstellbar. Vor seiner Reise hatte der Innsbrucker Hof die Beschaffenheiten der oberrheinischen Lande sondiert und es wurden die Orte taxiert, welche für einen Zwischenaufenthalt oder eine mehrtägige Residenz geeignet waren. Der Bericht kam im Grunde zu einem niederschmetternden Urteil: Es gäbe zwar viele und meist landschaftlich reizvoll gelegene, aber nur sehr kleine Städte am Rhein, die Hauptstadt Ensisheim sei für eine Residenz völlig ungeeignet. Aber, bemerkt der Innsbrucker Bericht, „… Villingen ist ain schöne statt auf dem Schwarzwald … Es hat um dise revier gar kain gelegenhait, das ain landtsfürst ainige ordinari residenz oder hofhaltung alda suechen und gebrauchen möchte; allein wann ir durchlaucht aus dem landt zu Schwaben über den Schwarzwald in das Elsaß und Preysgew raisen würden, so möchte ir durchlaucht Villingen haimbsuechen und alda ir durchlaucht leger nehmen, und darinnen stattlichen und wol underkomen.“ Beste Möglichkeit für einen Aufenthalt sei aber Freiburg. „Die statt Freyburg im Preyßgew ist ein zimbliche, schöne, wolerpawne Statt, alda auch in diser Statt ain Universität oder Hohe Schuel ist. Daselbs möcht ain Landsfürst wol je zu Zeiten sein Residenz halten…“7)

Die Reise eines Fürsten war immer auch ein Organisations- und Logistikproblem. Der Hofstaat Ferdinands umfaßte mehr als 200 Personen, auf Reisen bestand er sogar aus einem Gefolge von mehr als 500 Menschen. Achtzig Jahre früher kam Maximilian I. einmal sogar mit einem Troß von 700 Personen nach Freiburg. Lange im Voraus schon planten die Behörden deshalb die Reiseroute, die Quartiere und die Versorgung. Die Reiseroute mußte sich nicht nur an den Straßen und Unterkünften orientieren, sondern war auch darauf bedacht, allen Epidemien und sterbenden Läufen, wie man die Pest nannte, aus dem Wege zu gehen, um den Landesfürsten nicht zu gefährden. Aus diesem Grunde wurde 1567 der ursprüngliche Reiseweg entlang des Bodensees gemieden. Schließlich wurde die fast klassische Route von Innsbruck über Telfs, Reute, Leermoos, Vils, Nes-selwang, Leutkirch nach Waldsee, Wangen, Meßkirch, Tuttlingen, Villingen, Waldkirch nach Freiburg gewählt. Die Reise dauerte elf Tage, der Aufenthalt in Freiburg eine Woche.

Der Hofquartiermeister war dem Erzherzog vorausgereist und nahm den Ort in Augenschein, wo sein Fürst Quartier nehmen sollte und wo die Pferde und Kutschen unterzubringen waren. Als Quartier diente Ferdinand II. in Freiburg das Haus zum Walfusch. Für weitere vornehme Gäste wurden die Häuser des Adels herangezogen, namentlich wird mehrfach als Herberge der Basler Hof, das Stürzelsche Stadtpalais und heutige Regierungspräsidium genannt. Für andere angesehene Gäste waren die Freiburger Wirtshäuser, namentlich der Wilde Mann, Storch, Schnecken, Span-hart, Kiel, Salmen, Ochsen, Bären, Schwert, Löwen und Schnabel eingeplant.

Doch nicht nur der Erzherzog mit seinem Gefolge war unterzubringen, sondern auch die Ensishei-mer Regierung und die Stände, die zum Huldi-gungslandtag nach Freiburg kamen. Dazu zählten etwa 30 Städte und Landschaften mit ihren Deputierten, etwa 60 Prälaten und annähernd 200 Rit-terstandsglieder. Zwar erschienen zu gewöhnlichen Landtagen oft nur die Hälfte der Ständevertreter, doch war bei einem Huldigungslandtag mit wesentlich mehr Teilnehmern zu rechnen. Neben dem Erzherzog, seinem Hofstaat, den Landständen und deren Begleitern waren zusätzlich noch deren Gesinde, Diener, Pferde und Kutschen zu versorgen. Vom Adel hatten die Grafen von Tübingen und die Herren von Rappoltstein mehr als ein Dutzend Begleiter, die anderen Adligen meist drei oder vier Begleiter jeweils samt Diener, Mägden und Pferden, so daß man von einer Menschenmenge von über 1.000 Personen ausgehen kann, die sich zusätzlich in der Stadt aufhielten. Für den Reisezug Ferdinands waren meist mehr als 500 Pferde und mehr als 50 Kutschen und Wagen im Einsatz. Es wundert daher nicht, daß die ganzen Straßen Freiburgs mit Unterkünften und Stallungen vollgestopft waren und sich kaum noch jemand in der Stadt bewegen konnte. Die Gäste entsprachen etwa 15 bis 20 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung. Wie sich die Menschenmassen des Hofstaates über das wesentlich kleinere Villingen ergossen haben, kann man sich nur in den buntesten Farben ausmalen.

 

Das große höfische Schauspiel in der Provinz, die kaum einmal einen Landesfürsten zu Gesicht bekam und der große Huldigungslandtag in Freiburg waren ein Spektakel ohne gleichen. Überall in den Straßen waren Ställe und Buden aufgebaut, drängten sich die Menschenmassen, waren Berge von Mist und Exkrementen. „Die Stadt ist zimblich groß, aber wegen der Stallung gar eng, dermassen, daß das Hesind mueß mit schlechtem fur guet nemben.“ Ferdinands II Vater, Kaiser Ferdinand, var fünf Jahre zuvor ein gedeckter Gang vom weiten Stock des Hauses zum Walfusch nach St. Martin errichtet worden, so daß er ungestört und unbemerkt die Kirche besuchen konnte, ohne durch den Mist waten zu müssen.

Auch die Versorgung dieser großen Menschenmenge war ein Problem. Auf den überlieferten Speiseplänen standen Rind- und Schweinefleisch, (Kalb, Kuchen, Pomeranzen, Safran, Pfeffer, Rosinen, Bratfisch, Stockfisch, Heringe, Spanferkel, Hühner, Kapaunen, Wildbret, riesige Mengen Schwarz- und Weißbrote, Speck, Weine und immer wieder Kuchen, Kuchen, Kuchen und ;üßspeisen. Der Speiseplan Ferdinands sah schon um Frühstück Hühner- und Fleischbrühen mit Eierspeisen vor, tagsüber dominierte der Fleischkonsum mit großen Mengen Wein, es gab oft 5 bis Mahlzeiten. Täglich verzehrte allein der Hofstaat vier- bis fünfhundert Pfund Fleisch. Damit verbunden waren natürlich immense logistische Probleme, da die Lebensmittel aus einem Umkreis an mehr als 50 km herantransportiert werden mußten, um Preisanstiege und Inflation wenigtens etwas zu dämpfen. Ein Streitpunkt zwischen Ensisheimer Regierung und den vorderösterreichischen Landständen, bestehend aus den Korpora der Prälaten, des Adels und dem dritten Stand aus Städten und Landchaften, war der Verlauf der Erbhuldigung wegen [er man Jakob Betz so eindringlich befragt hatte. )Die Innsbrucker Hofbehörden wünschten zunächst einen Empfang des Landesfürsten an der Landesgrenze, wie es in Tirol üblich sei. Die vorderösterreichischen Stände lehnten einen Vergleich mit Tirol aber entschieden ab und beharrten auf ihren eigenständigen Traditionen. Schließlich wurde eine Kompromissformel gefunden. Eine Abordnung aus den Landständen zog dem Erzherzog einen Tagesmarsch entgegen und empfing ihn bei Waldkirch im Elztal, einen Tag nachdem er in Villlingen Station gemacht hatte. Die Ritterschaft stellte für das Empfangskomitee schließlich schon allein eine Deputation von 50 Reitern, zusammen mit der Regierung und anderen waren es etwa 110 Berittene. Anführer waren die ranghöchsten Ritterstandsglieder Konrad Graf von Tübingen als Sprecher der drei Stände, begleitet von Egenolf von Rappoltstein und Vertretern der Familien Mörsperg, Hattstatt, Andlau, Landeck, Schönau, Schauenburg u.v.a. Doch wollte der Hof nichts dem Zufall überlassen und verlangte, den Text der Reden schon vorher vorgelegt zu bekommen und so vor unliebsamen Überraschungen geschützt zu sein. Die Ritterstandsglieder begleiteten den Erzherzog bis vor die Stadt, wo er vor den Toren von allen Prälaten und Klerikern der Stadt, einschließlich des Basler Domstifts und der Universität empfangen und unter Glockengeläut ins Münster geleitet wurde. Dieser Zug sollte genauso durchgeführt werden wie eine Fronleichnamsprozession. Nach dem Absteigen von seinem Pferd, trat der Erzherzog auf einen von zwei Bürgern ausgebreiteten Teppich. Dann erhielt er vom Empfangskomitee erneut Geschenke, darunter auch eine „Verehrung“ aus Wein von der Universität. Unter einem Baddachin konnte er in die Stadt gehen. Wie bei seinem Vater dürfte vom Freiburger Schloßberg aus Salut geschossen worden sein.

Johann Ulrich Zasius, Propst zu Oelenberg im Elsaß und Sohn des berühmten Humanisten und Rechtsgelehrten Ulrich Zasius, hielt im Namen der Prälaten die Reverenzrede, während der Abt von St. Blasien als ranghöchster Prälat dem Fürsten ein Kreuz zum Kuß entgegenhielt. Im Anschluß daran formierte sich die Prozession und zog unter lateinischen Gesängen ins Münster, die Stadttore wurden geschlossen und Glocken läuteten. Beim Betreten des Münsters gingen die Kleriker voraus und stellten sich im Chor als Spalier auf, durch das Ferdinand zu seinem erhöhten Stuhl neben dem Altar hindurchschritt und Platz nahm. Danach stimmte der Abt von St. Blasien das Te Deum laudamus an, die Orgel antwortete mit dem Te Deum confitemur und die vollständige Liturgie eines Festgottesdienstes folgte. Man kann sich so auch den Empfang Maximilians vor Villingen und dessen Gang ins Villinger Münster plastisch vorstellen, wie ihn auch Jakob Betz berichtete.

In Freiburg begann am darauf folgenden Tag der eigentliche Landtag mit dem Vortrag der Proposition des Erzherzogs, d.h. seinen den Vorgaben und den Tagesordnungspunkten. In der Regel trug diese der Hofkanzler vor, während der Landesfürst in seinem Sessel saß und die Stände stehend zuhörten. Anschließend traten die Ausschüsse zusammen, berieten und verhandelten, teilweise zusammen, teilweise nach Ständen getrennt. Auf dem Landtag, bei dem es nicht nur um die Huldigung ging, forderte der Erzherzog auch Steuerzusagen und die Übernahme seiner Schulden. Vor einer finanziellen Zusage machten die Stände aber die Abstellung ihrer Beschwerden zur Bedingung der Erbhuldigung. Schließlich bewilligten sie mit einer Steuersumme von 200.000 Gulden und einer Schuldenübernahme von weiteren 400.000 Gulden nur etwa die Hälfte der geforderten Summe. Die Stände versprachen dem Erzherzog auf dem Freiburger Landtag auch eine Zulage von 20.000 Gulden für seinen Hofstaat. Dennoch kritisierten sie heftig seine aufwendige Hofhaltung. So nützten ihre Steuerbewilligungen und Schuldenübernahmen wenig, wenn er nicht dafür sorge, daß die Ursachen für seine Verschuldung und seine Finanznöte abgestellt würden. Dazu sei es unbedingt erforderlich „… namblich die unordentlich und überflüssig Hufhaltung, Pracht und anders Verhietung thäte…“. Da jedoch Ritterschaft und Prälaten „…den Fuchs nit beissen noch der Sau die Schellen anhenken…“ wollten, wie das Landtagsprotokoll vermerkt, gab der dritte Stand schließlich resignierend nach. Letztendlich waren auch die Stände von der Notwendigkeit eines repräsentativen Auftretens ihres Landesfürsten Ferdinand überzeugt. Wie berechtigt die Kritik der Stände an den Hof-haltungskosten waren, zeigen die Unkosten der Reise Ferdinands zum Landtag, die mit 100.000 Gulden dem gesamten vorderösterreichischen Steueraufkommen von zweieinhalb Jahren entsprachen. Ein wahrhaft fürstlicher Besuch. Erzherzog Ferdinand war den Vorderösterreichern nicht nur lieb, sondern auch sehr teuer.

Die Stände versicherten auf dem Landtag aber auch ihre Treue zum Haus Österreich durch ihre Huldigung. Die landesfürstlichen Kommissare versuchten vergeblich, die Stände zum gleichen Huldigungszeremoniell wie in Tirol zu drängen. Die vorderösterreichischen Prälaten und die Ritterschaft lehnten das aber ab und betonten, daß sie als Stand gerade keine Huldigung, weder Eid noch Gelübde, noch in anderer Form leisten mußten. Die Prädaten, die als erster und vornehmster Stand galten, legten als landständisches Korpus keinen Huldigungseid ab, sondern nur jeder einzelne Prälat erbrachte für sich selbst bei Antritt seines Amtes eine Verpflichtung. Dabei legte er die Hand auf das Evangelium und schwor für sich selbst, bei Notlagen des Landes oder im Kriegsfalle zu Hilfen bereit zu sein und diese Verpflichtung schriftlich niederzulegen. Auch die Ritterschaft schwor als Stand keinen Huldigungseid, sondern jedes Glied ging nur für sich als Amtmann, Diener oder Lehensmann des Hauses Habsburg bestimmte Verpflichtungen ein und leistete dafür einen entsprechenden Amts- oder Treueeid. Die Ensisheimer Chronik beschrieb dies so, daß vom Ritterstand die Räte als Räte, die Pfandherren gemäß ihrem Pfandbrief, die Lehensleute ihrem Lehensherrn, die Amtleute als Amtleute und die ohne Lehen als Landsassen geschworen hätten. Diejenigen ritterständischen Glieder ohne unmittelbare Dienst oder Lehensverbindungen verpflichteten sich also ohne Eid nur dazu, ihren guten Willen gegenüber dem Landesfürsten zu zeigen und ihn als ihren Landesfürsten anzuerkennen.

Prälaten und Ritterschaft leisteten also als landständische Korpora keinen Erbhuldigungseid, was für sie nach Ausbildung der Reichsritterschaft umso bedeutender war, da ihnen auf diese Weise der Zugang zu Ritterorden und zahlreichen Stiften erhalten blieb. Durch diesen Status war die vorderösterreichische Ritterschaft protokollarisch der freien Reichsritterschaft gleichgestellt. Der Adel konnte daher mit Fug und Recht behaupten, daß sie sich dem Hause Habsburg nur freiwillig unterstellt hätten und daher zu nichts verpflichtet seien. Das heißt auch, daß die Habsburger kein Recht hätten, Ansprüche an sie zu stellen, sondern sie die vorderösterreichische Ritterschaft nur bitten dürften.

Beim dritten Stand der Städte und Landschaften gab es keine Diskussion über die Huldigung an sich, da für alle Beteiligten der Huldigungsakt nie in Frage stand. Dennoch wurde auf dem Landtag eingeräumt, daß die Städte, Ämter und Landschaften auf sehr unterschiedliche Art und Weise von Österreich erworben worden waren und daher unterschiedliche Huldigungsarten und -modalitäten üblich seien. Aus diesem Grund wurde die Huldigung eben nicht zentral an einem Ort vollzogen, sondern mußte nach den individuellen Gegebenheiten abgestimmt und durchgeführt werden. Es wurden Kommissare ernannt, die durch die Lande reisten und von jeder Stadt und Landschaft die Huldigung in der alten, gewohnten Form entgegennehmen sollten. Dennoch gab es für den dritten Stand allgemein verbindliche Formen der Huldigung. Die wichtigste ist die Formel, die beim Huldigungsumritt zu leisten war und die im 6. Jahrhundert standardisiert gewesen zu sein scheint. Dieses Paradoxon – unterschiedliche Erbhuldigung, aber weitgehend einheitliche Eidesformel – steht symbolisch für den Stand der Entwicklung Vorderösterreichs, das einerseits als ein Territorialstaat erscheint, andererseits aber als Torso .einer Territorialstaatsbildung wirkt.

Im Anschluß an den Landtag im Oktober und November 1567 sollten Hans Melchior Heggezer und Melchior von Schönau auf dem rechtsrheinischen Gestade, d.h. im Breisgau und auf dem Schwarzwald, den Erbhuldigungsumritt führen. Doch tatsächlich fand der Umritt erst zwi-chen dem 19. Juni und dem 12. Juli 1569 statt. Es hatte offensichtlich längeren Klärungsbedarf und zahlreicher Instruktionen aus Innsbruck bekifft, bis der Umritt mit 20 monatiger Verspätung umgesetzt wurde. Nachdem die Kommissare ihre Ankunft angekündigt hatten, mußte „…die oberkeith und alle ihre burger, hindersassen und haußheblich inwohner, auch deren sun und knaben, so dz 16 jahr ihres alters erricht, uff bestümpte, angesetzte Zeith an hier zue gelegnen und genugsamben orth beyeinander versambt vor uns erscheinen und ihrer fürstlichen Durchlaucht etc. unser ferner erfordern und fürhalten die erbhuldigung, wie sich gebührt und zuthun schuldig, erstatten.“8) Die Kommissare begannen den Erbhuldigungsumritt am 19. Juni 1569 in Waldshut, nahmen die Huldigung im Hochschwarzwald und dem Hochrhein entlang entgegen, zogen dann von Süden nach Norden durch den Breisgau, schließlich über Freiburg, das Elztal und Triberg nach Villingen. In Villingen fand der Huldigungsakt am 10. Juli 1569, morgens um 6 Uhr in der Barfüßerkirche statt. Tags darauf fand die letzte Station in Bräunlingen statt, das kurz zuvor ein heftiges Gewitter heimgesucht hatte und in dem über zwanzig Stadthäuser niedergebrannt waren.

Grundsätzlich kann man sagen, daß zur Huldigung alle männlichen Einwohner über 16 Jahre, was gleichbedeutend mit der Gesamtzahl aller Wehrfähigen ist, verpflichtet waren. Fremde und Dienstboten wurden zur Vermeidung von Unruhen bei solchen Versammlungen nicht zugelassen, sondern gesondert in die Pflicht genommen. Ausnahmen, die keine Erbhuldigung leisten mußten, waren die Hintersassen von Ritterstandsgliedern oder Prälaten, die nicht als unmittelbar österreichische Hintersassen galten. Die Uhrzeit richtete sich nach den Gegebenheiten, jedoch war die Wahl eines Ortes mit sakraler Bedeutung, wie z.B. in Villingen im Franziskanerkloster, sicherlich nicht zufällig. Daneben stand der pragmatische Gesichtspunkt im Zentrum, daß der Rechtsakt meist im Rathaus, für die benachbarten Herrschaften oft unmittelbar vor den Stadtmauern oder auf den Burgmatten stattfand. Selbst bei einer derart minutiös geplanten Unternehmung dauerte der Umritt noch etwa drei Wochen.

Im Zusammenhang mit der Eidesleistung hatten die Kommissare die alten Rechte zu bestätigen und die einzelnen Orte hatten das Recht, Bittschriften zu übergeben, damit beispielsweise bestimmte Beschwerdepunkte beseitigt würden. Die Form der Eidesleistung geschah mit aufgereckten Fingern oder Händen. Damit entsprach der Huldigungseid der häufug verbreiteten Art der Eidesleistung auf Reliquien oder geweihte Gegenstände, die entweder direkt mit der erhobenen Hand berührt wurden oder dennoch zumindest symbolisch diesen Gehalt hatten. Unterstützt wurde der Sachverhalt durch die Bekräftigung der eidesinhärenten Formel auf Gott und die Heiligen, manchmal sogar unter Glockengeläut. Man muß sich also vorstellen, daß sich an diesem 10. Juli 1569 alle männlichen Einwohner Villingens über 16 Jahre morgens um 6 Uhr in der Barfüßerkirche und davor versammelt hatten, um ihren Huldigungseid zu schwören. Der Wortlaut dürfte dem Villinger Bürgereid sehr ähnlich gewesen sein: „… und will laisten alle die recht, die ain burger von rechts wegen laisten soll, meiner gnädigsten herrsche von Österreich alls getrew und alls hold zu sein alls ander ire burger one alle gevärde. Das bitt ich mir got zu helfen und alle hailigen.“9)

Der Villinger Jakob Betz hat somit der Ensisheimer Regierung alle die Teile der Erbhuldigung, an denen er teilnahm, berichten und den Regimentsräten aus der Klemme völliger Unkenntnis helfen können: Beim Ablauf des Fürstenempfangs vor der Stadt mit dem Sakrament, der Gang zur Kirche und das Te Deum. Den Landtag hatte der kleine Betz nicht erwähnt, da er ihn nicht besucht hatte. Den Eid der Bevölkerung konnte der Bub Betz auch nicht kennen, da er noch unter 16 Jahre alt war und nicht daran hatte teilnehmen dürfen. Doch Betz wußte sehr wohl, daß auch die letzte Huldigung unter den Kommissaren Christoph Fuchs und dem Abt von Salem am Ende ihres Huldigungsumrittes 1523 im Barfüßerkloster durchgeführt worden war.

Der Bericht des Jakob Betz war also eine große Hilfe für die Ensisheimer Regierung für die Organisation und die Planung der geschilderten Erbhuldigung Erzherzogs Ferdinand, die offensichtlich ebenso wie zur Zeit Maximilians ablief. Darüber hinaus ist noch eine kleine Schlußbemerkung aus dem Bericht des Jakob Betz im Zusammenhang mit seinem Bedauern nachzutragen, daß Erzherzog Ferdinand keinen längeren Zwischenaufenthalt in Villingen genossen habe: Maximilian habe sich bei seinem Aufenthalt 1490 in Villingen und Umgebung noch entspannt und sich sehr wohl gefühlt. Der Jagdfreund Maximilian sei damals seiner Leidenschaft der Beizjagd mit Greifvögeln entlang der Donau und der Brigach nachgegangen. Schließlich habe er sogar noch den Schützen etwas Geld gegeben, weil sie die Enten nicht selbst geschossen hatten und diese ihm so für sein Jagdvergnügen geblieben waren.

Literaturhinweise:

1) Grundlegender Beitrag und Basis mit weiterführenden Archivalien- und Sekundärliteraturhinweisen ist: Dieter Speck, Die vorderösterreichischen Landstände. Entstehung, Entwicklung und Ausbildung bis 1595/1602, 2 Bände, Freiburg 1994, insbesondere die Kapitel S.189-217 und S. 300-324.

2) F. Klein-Bruckschwaiger, Erbhuldigung, in: Handwörterbuch der Rechtsgeschichte Bd. 1, 1971, Sp. 965-966.

3) Generallandesarchiv Karlsruhe 79/1691

4) Hans Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band I – Urkunden, Band II – Akten und Bücher, Villingen 1970-1971, insbesondere die Nrn. 850 (1503 Dez. 24), 895 (1508 Juli 5), 896 (1508 Aug. 14), 958 (1514 Febr. 9), 975 (1515 Nov. 5), 978 (1516 März 3), 990 (1516 Dez. 6), 1018 (1518 Nov. 18), 1055 (1521 Febr. 14), 1107 (1525 Febr. 3), 1185 (1529 Jan. 13), 1196 (1529 Juni 10), 1308 (1535 Apr. 23), 1347 (1538 Juli 24), 1381 (1541 Juni 23), 1449 (1548 Aug. 1), 1452 (1549 Apr. 2), 1976 (1514 Nov. 2), 1978 (1516 März 24 – 1517 Apr. 23), 2946 (1509). Julius Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch, Heidelberg 1898 Bd. 1, S. 70 f. Darüber hinaus danke ich dem Stadtarchiv Villingen, insbesondere Dr. Maulhardt, für die freundliche Unterstützung und für die Auskünfte aus dem Nachlaß Gustav Wahrer.

5) Paul Revellio, Villingen, Bräunlingen und die Herrschaft Triberg, In: Friedrich Metz (Hrsg.), Vorderösterreich. Eine geschichtliche Landeskunde, Freiburg 1967, 5.467-489, insbes. 5.470 geht sogar von sechs Besuchen des Kaisers in Villingen aus, ohne daß jedoch seine Quellenbelege nachvollziehbar wären.

6) Franz Josef Mone, Villinger Chronik, in: Quellensammlung der Badischen Landesgeschichte Bd. II, Karlsruhe 1854, S. 80-118.

7) Otto Stolz, Geschichtliche Beschreibung der ober- und vorderösterreichischen Lande, Karlsruhe 1943, bes. S. 154E

8) Stadtarchiv Freiburg C 1 Landstände 10.

9) Christian Roder, Villingen, in: Oberrheinische Stadtrechte, zweite Abteilung: schwäbische Rechte, erstes Heft, hrsg. von der Badischen Historischen Kommission, Heidelberg 1905, S. 136.

 

34

 

125 Jahre metrische Maße in Baden (Walter K. F. Haas)

Bis zur Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems im ehemaligen Baden durch das Gesetz vom 24. November 1869, das am 1. Januar 1872 als Gesetzesnorm in Kraft trat, war es ein weiter Weg zur Vereinheitlichung. Dieser begann im Jahr 1795 in Frankreich, das zuvor auch viele lokale Maßgrößen kannte, mit der Einführung des metrischen Systems. Die Grundeinheiten waren das Meter als Einheit des Längenmaßes und das Kilogramm als Maßeinheit des Gewichtes. Alle übrigen Längenmaße und Gewichte sowie alle Flächen- und Körpermaße ließen sich auf dieses einheitlich geregelte System zurückführen. Nach der ursprünglichen Definition der französischen Nationalversammlung war ein Meter der 10 000 000ste Teil desjenigen Erdmeridianquadranten, der durch Paris läuft. Im Laufe der Zeit wurde das Meter in immer verfeinerter Form definiert. Seit dem Jahr 1960 lautet diese: ein Meter = 1 650 763,73 Wellenlängen der Orangelinie des Kryptonisotops KR 86 im Vakuum. Für einen Laien, der täglich mit dem Zollstock umgeht, sicherlich „böhmische Dörfer“.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren in den deutschen Landen noch eine Vielzahl von Maß- und Gewichteinheiten in Gebrauch, die zudem regional außerordentlich voneinander abwichen. So gab es die Bezeichnungen Zoll, Fuß, Elle, Rute, Meile, Quadratrute, Morgen, Schoppen, Seidel, Quart, Ohm, Fuder, Maß, Sester, Scheffel, Malter, Unze, Lot und viele mehr. Diese unterschiedlichen Maßeinheiten zeigen deutlich welche Schwierigkeiten der Handel zu überwinden hatte, wenn er über die Grenzen des eigenen Landes hinausgehen wollte.

Ablösung der alten Maße

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die ehemaligen Villinger Flächenmaße. Nach der Einführung des metrischen Systems wurden die alten Feldmaße wie folgt umgerechnet: 1 Rute = 12,17 qm, 1 Vierling = 8,03 Ar, 1. Jauchert 32,12 Ar und als Wiesenmaß das Mannsmatt = 48,18 Ar. Villingen hatte auch das Wiener Maß (1 Rute = 10,03 qm) und das Badische Maß, mit dem der Villinger Geometer Wehrle seit 1833 alles eingemessen hat. 1 badischer Quadratfuß = ),09 qm, 1 Quadratrute = 9 qm, 1 Viertel = 9 Ar, Morgen = 36 Ar.

Wenn man bedenkt, daß allein im ehemaligen Großherzogtum Baden im Jahr 1871 zur Umrechnung der örtlich sehr verschiedenen alten Maße in las metrische System mehr als 140 verschiedene Umrechnungstabellen für Feld- und Wiesenmaße erschienen sind, dann wird man verstehen, wie notwendig eine Vereinheitlichung auf diesem Gebiet war.

In Deutschland wurde das metrische Maß- und Gewichtsystem durch die Maß- und Gewichtordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868 eingeführt. Das Großherzogtum Baden folgte mit dem bereits genannten Gesetz vom 24. November 1869, das am 1. Januar 1872, also vor genau hundert Jahren in Kraft trat. Als Urmaß wurde derjenige Platinstab bestimmt, der im Kaiserlichen Archiv zu Paris aufbewahrt und bei der Temperatur des schmelzenden Eises gleich 1,00000301 Meter befunden worden ist. Als Längenmaße wurden Millimeter, Zentimeter, Meter und Kilometer, als Flächenmaße Quadratmeter, und Hektar eingeführt. Zur Grundlage der Körpermaße wurde das Kubikmeter. Der tausendste Teil des Kubikmeters wurde Liter genannt oder euch Kanne, V2 Liter = Schoppen, 100 Liter = Hektoliter oder das Faß, 50 Liter = Scheffel. Die Meile = 7500 Meter diente als Entfernungsmaß. Als Urgewicht wurde dasjenige Platinkilogramm bestimmt, das im Kaiserlichen Archiv zu Paris aufbewahrt und 0,999999842 Kilogramm befunden worden ist, wobei ein Kilogramm das Gewicht eines Liters destillierten Wassers bei plus vier Grad Celsius ist. Ergänzt wurde die Einheit Kilogramm durch 10 Gramm = Dekagramm, 1/10 Gramm = Dezigramm, 1/100 Gramm = Zentigramm, 1/100 Gramm = Milligramm, 500 Gramm = Pfund, 50 Kilogramm = Zentner und 1000 Kilogramm = Tonne. Durch das Gesetz von 1869 wurde bestimmt, daß das Geschäft der Eichung und Sternpelung ausschließlich durch Eichungsämter ausgeübt wird.

Meterkonvention in Paris

Am 20. Mai 1875 haben 18 Kulturstaaten in Paris die Meterkonvention abgeschlossen. Die Mitgliedsstaaten unterhalten auf gemeinsame Kosten das „Bureau International des Poids et Mesures“ in Paris als ständiges Institut, das Kopien (Prototypen) der dort aufbewahrten Urmaße herstellt und an die Vertragsstaaten abgibt. In der Bundesrepublik Deutschland werden Kopien des Urmeters und des Urkilogramms bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig aufbewahrt.

Das metrische System, das 1871/72 im ganzen Deutschen Reich eingeführt wurde, fand seine Ergänzung durch offizielle Abkürzungen der gesetzlichen Längen-, Flächen- und Körpermaße, welche durch eine Verordnung des Bundesrates vom 8. Oktober 1877 vorgeschrieben wurden. Nach und nach verschwand auch in Deutschland die lästige Vielfalt an Maßen und Gewichten, wenn auch bei der Landbevölkerung einige dieser alten Maße bis heute erhalten geblieben sind, so beispielsweise der „Morgen“, wobei jedoch ein wesentlicher Größenunterschied besteht zwischen einem badischen, einem württembergischen oder einem preußischen Morgen. Auch das Ackermaß Jauchen“ oder Juchert“, die Bezeichnung für eine Fläche, die man mit einem Joch Ochsen an einem Tag pflügen kann, ist im südwestdeutschen Raum noch nicht völlig vorn metrischen System verdrängt worden.

 

Liturgische Kostbarkeiten (Dr. Edith Boewe-Koob)

Fragmente aus den Villinger Archiven

COLLIGERE FRAGMENTA, NE PEREANT. Dieser Satz wurde aus Johannes 6,12 abgeleitet: „Colligite quae superaverunt fragmenta, ne per-eant“. („Sammelt die Stücke, die übriggeblieben sind, damit sie nicht verloren gehen“). Es war der Wahlspruch des aus Villingen stammenden Beuroner Benediktinerpaters DDr. Alban Dold, der sich international nicht nur durch seine Palimpsestforschung, sondern auch durch Fragmenten- und Sakramentarforschung einen Namen gemacht hat 1). Seine Forschung wurde fortgesetzt und so bekommen jetzt die bisher unbeachteten Fragmente Villingens einen gebührenden Stellenwert.

Für die alten Handschriften wurde ausschließlich Pergament verwendet, da dieses Material geschmeidig und besonders haltbar ist. Zur aufwendigen Herstellung wurde nur die zarte Haut von Ziegen, Schafen und Kälbern benutzt. Dadurch war jedes Blatt so wertvoll, daß es wiederverwendet wurde, wenn eine Handschrift inhaltlich veraltet oder durch starke Benutzung unansehnlich geworden war. Die alte Schrift wurde abgeschabt und das Blatt neu beschrieben. Als im Verlauf des 13. Jahrhunderts das Papier als ursprünglich chinesische Erfindung auch in das Abendland gelangte, wurde das Pergament im Laufe der Jahrhunderte verdrängt. Dieses wurde jetzt nicht mehr zur erneuten Beschriftung abgeschabt, sondern die obsolet gewordenen Handschriften wurden zerstückelt und beim Buchbinder zur Verstärkung oder als Umschlag für Urkunden, Listen und Schreiben verwendet. Es war eine Unsitte, die nicht mehr gebrauchten Handschriften zu zerschneiden, obwohl es nicht anzunehmen ist, daß heute noch etwas von diesen liturgischen Büchern vorhanden wäre, weil durch Reformation, Dreißigjährigen Krieg und die im Josephinismus stattfindende Auflösung aller kontemplativen Klöster sehr viele unersetzliche Handschriften vernichtet wurden. Nur die prachtvoll ausgestatteten Codices überlebten diese Zerstörung und landeten in den Bibliotheken oder Privatsammlungen der Herrschenden.

Dies alles fordert dazu heraus, sich mit den „übriggebliebenen Stücken“ intensiv zu beschäftigen. Wie in vielen Archiven, wurden die Fragmente auch in Villingen nicht beachtet. Nur durch Zufall wurden sie entdeckt, untersucht und eingeordnet 2). Alle Fragmente stammen aus liturgischen Handschriften, und durch ihre Erforschung können sie vieles über den Inhalt der ehemaligen Handschriften vermitteln. Durch Text- und Schriftvergleiche konnten Beziehungen zu bedeutenden Skriptorien des Südwestens von Deutschland festgestellt werden. Ihre Zuordnung ist unter anderem für die Liturgie der Stadt, der Diözese (damals Konstanz) und auch des Landes von großer Wichtigkeit 3). Da die Fragmente als eigene Quelle in den Regesten nicht erfaßt wurden, ist es an der Zeit, diese zu ordnen und zu untersuchen, zumal in Villingen keine kompletten liturgischen Handschriften des Mittelalters erhalten geblieben sind. Bei dem Verlust in Villingen muß man für jedes Fragment alter Handschriften dankbar sein. Sie sind die einzigen vorhandenen liturgischen Dokumente des Mittelalters, die einen Teil der vielfältigen liturgischen Vergangenheit zeigen. Durch ihre Untersuchung ist es möglich, die mittelalterliche Liturgiegeschichte Villingens aufzuhellen.

Nach den vorliegenden Ergebnissen stammen die Fragmente der Villinger Archive aus Handschriften des späten 10. bis 16. Jahrhunderts, deren Inhalt größtenteils Verbindungen zu den Klöstern Reichenau, Rheinau und St. Gallen aufweisen. Die ältesten Fragmente sind Dokumente einer Zeit, in der die Urkunde des Marktrechts von Villingen geschrieben wurde. Insgesamt sind 44 Fragmente in den drei Archiven vorhanden, von denen sich im Stadtarchiv 24, im Pfründarchiv 7 und im Spital-archiv 13 befinden. Sie alle dienen als Einbände von Missivenbüchern 4) oder Rodel 5). In einigen Fragmenten sind die Gesänge mit Notationen versehen, teils in einer deutschen, adiastematischen 6) Neumenschrift, teils in Quadrat- und Hufnagel-notation. Es sind Fragmente aus mehreren Antiphonarien, Voll-Brevieren, Missalien, Brevieren, aus einem Lektionar, Evangeliar, Kollektar, Graduale, Psalterium und Kalendarium.

Die Textschriften wurden teils in spätkarolingischer Minuskel hauptsächlich aber in gotischer Schrift ausgeführt. Die karolingische Schrift bildete sich ungefähr um das Jahr 800 und es wird angenommen, daß sie in den Skriptorien zwischen Rhein und Loire, also mitten im karolingischen Reich, entwickelt wurde. Die lokalen Eigenheiten der Schriften wurden verdrängt und die neue Schrift begann sich in Europa durchzusetzen 7). Durch die Schul- und Liturgiereform Karls des Großen und Alkuins wurden zahlreiche bischöfliche und monastische Schulen im ganzen Reich gegründet. Mit der Förderung von Lehre und Kult, der Einführung der römischen anstelle der gallikanischen Liturgie, der Revision der Bücher (789) und des sich daraus ergebenden wachsenden Bücherbestandes, trug Karl der Große auch zur Reform der Schrift bei. Die karolingische Minus-kel ist eine gut lesbare Schrift, die sich bis ins 12. Jahrhundert vorrangig behauptete. Kleine Buchstaben in gleicher Höhe, mit Balken und Rundungen, mit wenig Ligaturen und oft deutlicher Trennung der einzelnen Wörter sind Kennzeichen dieser Schrift. Bei der karolingischen Minuskel herrscht der horizontale Schriftzug vor. Einige Fragmente aus Villingen wurden in einer spätkarolingischen Minuskel geschrieben.

Für den Hauptteil der Villinger Fragmente wurde jedoch die gotische Buchschrift benutzt.

Eine entscheidende Wende brachte die im 13. Jahrhundert einsetzende Gotik. Jetzt waren nicht mehr die Klöster die einzigen Zentren der Schreib- und Buchkunst, sondern es beteiligten sich Universitäten, Städte und Fürstenhöfe. Neben den sakralen Texten wurden Epen, Lieder, Romane und höfische Literatur aufgeschrieben und illustriert. Das war eine Neuerung, da im frühen und hohen Mittelalter zum größten Teil die Klöster die Vermittler der christlichen Kunst und der Schrift waren. Mittelalterliche Kunst war auch in der Ikonographie in erster Linie sakral. Die wichtigsten Merkmale der gotischen Schrift, die sich schon im späten 11. Jahrhundert in Belgien und Nordfrankreich ankündigte, sind die Streckung und Aufrichtung aller Schäfte. Es ist eine vertikal betonte Schrift mit eng aneinandergestellten Buchstaben 8).

Von den 44 Fragmenten werden in dieser Abhandlung nur einige vorgestellt, da eine vollständige Darlegung aller gefundenen Fragmente diesen Rahmen sprengen würde. Es sei aber darauf hingewiesen, daß eine Publikation sämtlicher Villinger Fragmente vorgesehen ist.

Die hier berücksichtigten Fragmente sollen in erster Linie einen Querschnitt durch die verschiedenen Epochen geben. Außerdem zeichnen sie sich entweder durch ihr Alter oder durch ihre Originalität besonders aus. Neben den Textschriften ist besonders die Aufzeichnung der Gesänge, ein Großteil wurde in Neumen notiert, von Wichtigkeit.

Die älteste Form der musikalischen Aufzeichnung im Mittelalter wird Neumen genannt. Es sind Tonzeichen der liturgischen Notenschrift, die vom 9. bis ins späte 13. Jahrhundert zur Aufzeichnung von Melodien dienten (in St. Gallen neumierte man bis ins späte 14. Jh.). Aufgabe der Neumenschrift war, den Kantoren und Sängern als Gedächtnisstütze zu dienen, und den Vortrag des liturgischen Gesangs dadurch zu erleichtern. Die Tonschrift setzte voraus, daß die Sänger die Melodien mit ihren Intervallen aus der mündlichen Tradition lernten und beherrschten. Die Neumenschrift entstand aus den Handzeichen frühchristlicher Musiker und den Akzenten der spätantiken Grammatiker. So war z. B. die Gravis \ der Akzent für einen tiefen fallenden Ton, der in der Neumenschrift dem Punctum entspricht. Der Acutus / war der Akzent für einen steigenden Ton, der in der Neumenschrift das Zeichen für die Virga ist.

SAVS 2.1, E13 a

Die Eigenart der linienlosen Neumen war, daß zwar die Bewegung der Melodien in etwa wiedergegeben werden konnte, nicht aber der Abstand der Töne (adiastematische Aufzeichnung). Durch die diastematische 9) Neumenschrift wurde eine Änderung angestrebt, die jedoch nicht ausreichte, die genaue Tonfolge zu bestimmen. Sie führte aber zur Einführung von Linien und dann zu der Benutzung von Schlüsseln durch Guido von Arezzo um 1025. Guido übertrug die Neumen auf Linien und gestaltete die c- und f-Linie farbig. Die Choralnotation auf Linien entwickelte sich im späten Mittelalter in zwei Formen. In Deutschland wurde die gotische Choralnotation (Hufnagelno-tation) eingesetzt und in den romanischen Ländern die römische Quadratnotenschrift, die auch heute noch verwendet wird.

Die neumierten Fragmente aus Villingen wurden alle mit einer adiastematischen, deutschen Neu-mierung versehen, die trotz einiger eigenständiger Tonzeichen, Beziehungen zur St. Galler-Neumenschrift aufweist.

Fragment als Einband eines Vertrags mit der Signatur E13 a aus dem Stadtarchiv

Das Fragment mit der Signatur E 13a 10), das als Verstärkung des Einbandes eines Vertrags zwischen dem Haus Fürstenberg und der Stadt Villingen dient, wurde entsprechend zusammengeschnitten. Dadurch konnte nur „das Fragment eines Fragments“ untersucht werden. Da sich auf diesem Fragment eine Federzeichnung befindet, wird der Inhalt vorgestellt.

Der abgebildete Löwe, der eine Schlange im Rachen hält, wurde mehrfarbig ausgeschmückt. Die Schlange windet sich um den Körper des Löwen. Die Darstellung des Löwen als Wächter des Grabes war schon in vorchristlicher Kunst anzutreffen und lebte im Christentum weiter 11). Der Löwe wurde in der Handschrift als Zeichen der Auferstehung Christi eingesetzt. „Der Löwe aus Juda“ aus Gen. 49,9 wird auf Christus bezogen (Apc. 5,5) „…siehe, der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, hat gesiegt…“. Christus gilt als Löwe aus dem Stamm Juda, „…weil er in seiner, von Juda stammenden Menschheit als der wahre, von Alters her verheißene Messias siegreich gestritten hat…“ 12). Die Schlange symbolisiert Unheil, das den Tod bringt „…Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft: sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen…“ (Gen. 3,15). Es wurde so der Triumph Christi über die Dämonen der Finsternis dargestellt. Da diese Federzeichnung genau neben den liturgischen Meßgesängen an dem Rand eingesetzt wurde, bekommt sie eine eindeutige Beziehung zur Auferstehung. Es sind zwar nur einzelne Wörter und Neumen erhalten, die aber als Gesänge der Ostermesse identifiziert werden konnten:

Graduale    Hec dies <quam fecit Dominus exulte>mus <et letemur in ea>

Vers    Confitemini Domino, quoniam <bonus>, quoniam in se <culum misericor>dia <eius>

<Vers>    Pascha nostrum <immolatus est

Christus>

< > Text wurde ergänzt

Verwendete Neumen im Fragment

Virga    1     Hochton

Pes    2     Töne, aufsteigend

Clivis    4    2 Töne, absteigend

Die Notation gehört zu einer adiastematischen, deutschen Neumenschrift. Sie kommt in ihrer Ausführung dem St. Galler Vorbild nahe.

Die erkennbaren Buchstaben wurden in einer spätkarolingischen Minuskel geschrieben, die allerdings schon Brechungen in den Schäften aufweisen. Die Buchstaben signalisieren eine exakte und ausgewogene Handschrift. Das Fragment gehörte zu einem Missale, das nach der Jahrtausendwende geschrieben wurde. Die Federzeichnung wurde farbig ausgeführt und besitzt Symbolcharakter, der in dieser Form für Villingen einmalig ist.

Zwei Fragmente einer liturgischen Handschrift aus dem Stadtarchiv Villingen mit den Signaturen S 12a und PP 51a

Im Stadtarchiv befinden sich zwei Pergament-Fragmente, die eindeutig aus der gleichen Handschrift stammen. Sie gehörten zu einem Vollbrevier, in dem die Gesänge mit Neumen versehen wurden. Sie dienen als Einband eines Rodels und eines Zunftbuches mit den Signaturen S 12a 13) und PP 51 a 14). Durch Schrift- und Neumenanalysen, sowie durch Schriftspiegel und Größe konnte die Zusammengehörigkeit beider Fragmente nachgewiesen werden.

Das Fragment S 12a ist zweispaltig und wurde auf der Recto- und der Versoseite beschrieben. Zwischen den Texten wurden die neumierten Gesänge mit kleinerer Schrift eingesetzt. Um das Fragment als Einband des Rodels benutzen zu können, wurde das Blatt an allen Kanten eingeschlagen. Der liturgische Text des Fragments besteht aus Homilien 15), Responsorien und einer Antiphon. Anhand der Texte konnte festgestellt werden, daß es sich um Gesänge und Homilien der Matutin 16), d. h. der II. und III. Nokturn des Palmsonntags (Dominica in Palmis), handelt. Die beiden ersten Homilien, davon die erste fragmentarisch, sind Ausschnitte einer längeren Predigt über Auslegungen einiger Bibelstellen aus dem Werk von Maximus Taurinensis 17). Seine Homilien zur Fastenzeit, zu denen auch die vorliegenden Texte gehören, sind für die Liturgiegeschichte von Bedeutung 18). In der III. Nokturn sind ebenfalls, neben dem Evangelium, zwei Homilien (Versoseite) und ein Res-ponsorium überliefert. Es wurden keine Lesungen angegeben, obwohl normalerweise in jeder Nokturn drei Lesungen vorhanden sind. (Diese gehören zu den ältesten Bestandteilen der Offizien, und ihre Texte sind in erster Linie der Heiligen Schrift, aber auch den Homilien und Sermones 19) der Väter, den Passionen und Viten der Heiligen entnommen. Seit der Karolingerzeit wurden die Lesungen auf die drei Nokturnen verteilt 20).

Anschließend wurden, unterbrochen von einem Responsorium, zwei Homilien von Beda Venerabilis 21) aufgezeichnet.

SAVS 2.1, S12a, I. Seite des Fragments (recto)

 

Die Textschrift des Fragments zeichnet sich durch sorgfältige und deutliche Schreibweise aus. Sie wurde in braun-schwarzer Tinte ausgeführt. Obwohl keine gezogenen oder geritzten Linien zu erkennen sind, ist der Text, wie auch die neumierten Gesänge, in gerader übersichtlicher Form aufgeschrieben worden. Die Geläufigkeit der Schrift läßt einen geübten Schreiber erkennen. Die Initialen der Homilien sind besonders sorgsam gestaltet und gehen über zwei bis fünf Linien hinaus. Sie wurden fast spiegelbildlich gezeichnet und, wie die Angaben des Gesänge, mit roter Tinte geschrieben:

 

 

Für die Interpunktion wurden hauptsächlich folgende Zeichen verwendet 22):

Kleine Pause

Große Pause

Fragezeichen

Responsorium: Dominus mecum est (1. Seite des Fragments)

 

Das Responsorium steht zwischen zwei Homilien und wurde, wie das ganze Fragment, in einer spätkarolingischen Minuskel und einer deutschen Neumierung geschrieben. Die Neumenschrift entspricht einer süddeutschen Schrift, die starke Beziehungen zu den Neumenschriften St. Gallens und Rheinau aufweist. So stehen alle auf dem Fragment vorhandenen Gesänge auch in der Handschrift 28 aus Rheinau. Die Gesänge wurden linienlos und adiastematisch aufgezeichnet.

Vergleich einiger Neumen des Fragments mit Neumenschriften von St. Gallen (SG), Codex 389, Stiftsbibliothek, 13. Jh.; Rheinau 28 (Rh.), Zentralbibliothek Zürich, 13. Jh.:

SAV12a SG Rh. Töne

Virga        1 Hochton

Pes    J    2 aufsteigend

Clivis    /7    2 absteigend

Scandicus    3 aufsteigend

Climacus    3 absteigend

Ein weiteres Fragment des Stadtarchivs konnte der gleichen Handschrift zugeordnet werden. Dieses wurde als Verstärkung des Zunftbuches PP 51a benutzt. Die Größe des Schriftspiegels und die Breite der zwei Spalten sind mit den Maßen des Fragments 5 12a identisch. Bei PP 51 a wurden ca. 0,5 cm von der Blattgröße abgeschnitten, um die für den Rodel benötigte Breite zu erhalten.

Der Inhalt dieses Fragments besteht aus einem unvollständigen Responsorium, einer Homilia und sieben Responsorien mit Versen. Die Texte der Responsorien gehören zum Alten Testament und stammen aus den Büchern von Judith und Esther. Diese Gesänge stehen in den alten Antiphonarien immer am Ende des Kirchenjahres. Sie wurden in der Zeit von Ende Juli bis Advent eingesetzt.

Schrift und Notation entsprechen sich in beiden Fragmenten. Zwar wurden bei dem zweiten Fragment die Texte der Homilien etwas kleiner geschrieben, aber eine Arbeitsteilung der Schreiber war keine Seltenheit. Schrift und Neumierung beider Fragmente sind identisch, so daß davon ausgegangen werden kann, daß beide Fragmente zu einem Vollbrevier gehörten 23).

Ein Vergleich der neumierten Gesänge soll diese „hese unterstützen:

Responsorium: Noli esse mihi Domine (S12a)

 

Responsorium: Nos alium Deum (PP51a)

 

Beim Vergleich der beiden Responsorien kann Festgestellt werden, daß es sich um das gleiche Skriptorium und denselben Schreiber für Text und Neumierung handelt. Es besteht eine Übereintimmung:

1. Gleiche Schrift in Text und Neumierung 2.

2. Identischer Schriftspiegel

3. Beide Fragmente gehören zu einem Vollbrevier

4. Identische Initialen in Ausführung und Verzierung

5. L als besondere Initiale in beiden Fragmenten

Beide Fragmente wurden in einer spätkarolingischen Minuskel geschrieben, stammen aus dem Frühen 12. Jahrhundert und gehörten zu einem Vollbrevier. Die Neumierung wurde in einer adiatematischen, deutschen Neumenschrift ausgeführt. Die Texte und die Auswahl der Gesänge zeigen deutliche Verbindung zu den Klöstern in der Diözese Konstanz.

Fragment als Einband eines Rechnungsbuches mit der Signatur EE 37b aus dem Stadtarchiv

Ein Rechnungsbuch der „Fraw muotter Apptiyssin Ursula Labelinssin“ 24) für das Kloster St. Clara in Villingen wurde in ein Pergament-Doppelblatt, das nicht zusammengeklebt wurde, eingebunden. Die Vorderseite des Einbandes beinhaltet fortlaufende Lesungen des Epheserbriefes, beginnend mit dem 4. Wochentag der 3. Woche nach Epiphanie (Feria quarta infra Hebdomadam III post Epipha-niam). In den sechs letzten Zeilen der zweiten Spalte dieses Blattes wurden in deutscher Sprache Anmerkungen zur Gottesdienstordnung an Maria Lichtmeß und dem Sonntag Septuagesima aufgezeichnet. Der als Rückseite benutzte Fragmentteil besitzt Lesungen mit anschließenden Responsorien und Versen. Es handelt sich hierbei um Lesungen aus dem Buch Genesis 12, 7-13, die am Sonntag Quinquagesima in der II. und III. Nokturn gebetet werden. Die Genesis-Lesungen über Abraham beginnen im Brevier mit 12, 1 am Sonntag Quinquagesima. Diese Einteilung macht deutlich, daß dieses Fragment zu einem Brevier gehörte. Auf dem ersten Blatt wurden die Lesungen zusammengefaßt, so daß die zwischen den einzelnen Lesungen eingesetzten Responsorien fehlen. Das Blatt ist, wie die meisten in Villingen gefundenen Fragmente, zweispaltig. Die Schrift ist senkrecht ausgerichtet und die einzelnen Wörter sind meistens deutlich getrennt. Das kleine i besitzt gelegentlich einen feinen Querstrich (ab 14. Jh. wurde der Punkt verwendet), das kleine t wurde noch ohne Zierstrich geschrieben. Am Ende eines Wortes wurde das runde s eingesetzt. Die Schrift der Res-ponsorien und Verse wurde, wie üblich, kleiner ausgeführt.

SAVS 2.1, EE 37b

 

 

Die Initialen sind in blau und rot ausgeziert und alle Textangaben und Stundenbezeichnungen wurden mit roter Farbe deutlich gemacht. Beide Blätter wurden mit brauner Tinte liniert. Am Zeilenende wurde die Silbentrennung durch Querstriche angezeigt. Diese Art der Silbentrennung wurde ab dem 11. Jh. praktiziert. Daneben wurde die Präposition „in“ mit dem folgenden Wort zusammengeschrieben z. B. inorationibus, infilios, inomnibus,bwohl bereits seit dem 12 Jh. eine deutliche Trennung der Wörter existierte. 25) Diese Feststellung zeigt, daß die deutliche Trennung der einzelnen Wörter noch nicht ganz vollzogen war. Andererseits wurde kein e-caudata 26) mehr eingesetzt, sondern nur das e für die Diphtonge benutzt. Hinweiszeichen wurden mit # gekennzeichnet.

Das Besondere an diesem Fragment ist die deutsche Gottesdienstanweisung innerhalb des liturgischen Textes, die, um die Wichtigkeit hervorzuheben, rot unterstrichen wurde.

Da das Brevier in einer gotischen Schrift um 1300 ;eschrieben wurde, ist diese deutsche Eintragung eine Seltenheit, zumal die Schrift nicht viel später eingefügt wurde.

Werke: beget man die hohzit d’lieht mis an dem amztage vor d’septuagesima. so beget man die gehügede von dem sonnintage in d‘ andern vesper nah d‘ collecte der hohzites.

 

Die Anordnung: „Begeht man das hohe kirchliche Fest von Maria Lichtmeß (2. Februar) am Samstag vor Septuagesima, so begeht man das Gedächtnis des Sonntags in der 2. Vesper nach der Collecta von Maria Lichtmeß“, ist dann zu beachten, wenn der Sonntag Septuagesima auf den 3. Februar fällt. Diese Konstellation ist sehr selten, sie trat im 20. Jahrhundert nur in den Jahren 1901 und 1980 auf. Der Sonntag Septuagesima besitzt, wie Maria Lichtmeß, zwei Vespern. Die eine am Vorabend, die zweite am Abend des Festes.

Es sind neben den aus der gotischen Buchschrift übernommenen Buchstaben und Zeichen besonders auch deutliche Hinweise auf die Gotische Textura vorhanden. Das Brevier, aus dem das Fragment stammt, wurde um 1300 geschrieben und ist durch die deutsche Eintragung für diese Zeit eine große Seltenheit.

Fragment eines Kalendariums als Einband eines Missivenbuches mit der Signatur Z 6 aus dem Spitalarchiv

Das Fragment eines Kalendariums dient als Einband eines Buches mit der Signatur Z 6 27), das zum Spitalarchiv gehört. Ein Kalendarium war einem liturgischen Buch (z.B. Missale, Graduale, Antiphonar, Vollbrevier, Brevier) vorgesetzt. Nicht immer stimmen die Eintragungen der Heiligenfeste im Kalendarium und dem folgenden liturgischen Buch überein.

Auf dem Villinger Fragment sind vom Kalendarium nur die Monate Juli, August, September und Oktober erhalten. Trotzdem konnten anhand von Vergleichen mit den 21 St. Galler- und den 34 Kölner Kalendarien Beziehungen hergestellt werden. So sind die meisten Gedenktage der Heiligen auch in St. Galler Kalendarien vorhanden. Die Heiligen, wie Gebhardus, Pelargius, Pantalus, Aurelia und Januarius zeigen, daß eine örtliche Eigenständigkeit in der Heiligenverehrung bewahrt wurde, und die Heiligenfeste der Nachbardiözesen einbezogen wurden. Die im Volk verwurzelte Heiligenverehrung der einheimischen Heiligen fand im Laufe der Zeit auch in den Nachbardiözesen Widerhall. Neben den vielen römischen Heiligen, die in jedem Kalendarium stehen, sind auch in diesem fragmentarischen Kalendarium Heilige des Bodenseegebietes und der Nachbardiözesen angegeben:

Udalricus 28) (um 830-973), Fest am 4. Juli, war vor 910 Mönch in St. Gallen, später Bischof von Augsburg. Er wurde 993 kanonisiert.

Heinrich II (973-1024), Fest am 13. Juli, Kaiser (1002-1024), letzter Sachse, verwandt mit Otto I. – III., wird im Fragment, wie in Bamberg, am 13. Juli angegeben. In den übrigen Kalendarien wurde sein Gedenken am 15. Juli begangen.

 

Kalendarium SAVS 2.3, Z 6 (Juli/ August)

 

 

Kalendarium SAVS 2.3, Z 6 (September/ Oktober)

Heinrich förderte das Bistum Basel, wurde dort verehrt und kann damit als Heiliger einer Nachbardiözese gelten. Nach seiner Kanonisation, die im Jahr 1146 stattfand, setzte die kultische Verehrung ein.

Arborgastus    Jh.), Fest am 20. Juli, Bischof von
Straßburg, ist der Hauptpatron seiner Diözese. Afra (* um 304), Fest am 7. August, Märtyrerin wird in Augsburg, einer Nachbardiözese von Konstanz verehrt.

Theodolus (4./5. Jh.), Fest am 16. August, war der erste Bischof des Bistums Sitten, das unter anderem den Kanton Wallis umfaßt.

Gebhardus (949-995), Fest am 27. August, Bischof von Konstanz, Gründer des Klosters Petershau-sen. Kanonisiert 1134. Eigenfest in Konstanz und St. Gallen.

Pelargius (+282, 284?), Fest am 28. August, Patron von Konstanz und Rottweil. Eventuelle Translatio nach Konstanz vor 851.

Verena (+Mitte 4. Jh.), Fest am 1. September. Soll zur Thebaischen Legion gehört haben. Lebte in Zurzach (ehemals Diözese Konstanz), und wird in der Schweiz hochverehrt.

Magnus (699? – 772?), Fest am 6. September, zuerst Mönch in St. Gallen (ehemals Diözese Konstanz), dann Missionar im oberen Lechtal. Baute in Füssen Zellen und Kirche. Eigenfest in St. Gallen 29). Leodegarius (+ 678?), Fest am 2. Oktober, Bischof von Autun, Patron von Murbach, wurde in St. Gallen hochverehrt.

Constantinus und Alexander, Fest am 5. Oktober, beide Märtyrer aus Trier. Translatio 1107 oder 1124 nach Schaffhausen, das zur Diözese Konstanz gehörte.

Fides (+ 287), Fest am 6. Oktober, deren Translatio im Jahr 1015 nach St. Gallen stattgefunden hatte. Pantalus, Fest 12. Oktober, erster Bischof von Basel, wird in der ehemaligen Nachbardiözese Basel verehrt. Soll die hl. Ursula nach Köln begleitet und dort das Martyrium erlitten haben. Vor Mitte des 12. Jahrhunderts keinerlei Zeugnisse über Pantalus. Aurelia, Fest am 15. Oktober, wurde im Mittelalter in Straßburg, Regensburg und am Bodensee gefeiert. Nach der Straßburger Legende war Aurelia eine Gefährtin der hl. Ursula.

Gallus (+ 627, 645?), Fest am 16. Oktober, Confessor, Apostel der Schweiz, wurde in St. Gallen hochverehrt, das zur Diözese Konstanz gehörte. Januarius (+305), Fest am 19. Oktober, in Rheinau und auf der Reichenau hochverehrt. Das Fest findet in anderen deutschen Gegenden und Italien am 19. September statt. In Neapel, seinem Haupt-verehrungsort, wird das Fest ebenfalls am 19. September gefeiert. Reliquien des hl. Januarius kamen 838 oder 871 auf die Reichenau. Der erste konkrete Hinweis für ein liturgisches Fest steht in der Vita im Reichenauer Lektionar des 10. Jahrhunderts 30). Wolfgangus, (+994), Fest hier am 30. Oktober, sonst am 31. Oktober. Mönch von Einsiedeln, dann Bischof von Regensburg. Kanonisation 1052. Neben diesen Heiligengedenken wurden in dem fragmentarischen Kalendarium noch andere Feste aufgezeichnet, von denen stellvertretend die beiden folgenden Gedenktage aufgeführt werden. Das Marienfest Visitatio Sanctae Mariae, das am 2. Juli im Kalendarium steht, wurde bereits im Jahr 1263 von den Franziskanern eingeführt, bevor es 1389 auf die ganze Kirche ausgedehnt wurde.

Der Annakult ist im Orient seit dem 6. Jahrhundert, im Abendland seit dem 8. Jahrhundert nachweisbar (26. Juli). Ab dem 12. Jahrhundert wurde die Verehrung der heiligen Anna intensiver und ab 1350 im ganzen Abendland gefeiert 31).

Oft wurden die Gedenktage der Heiligen schon vor ihrer Kanonisation in die Kalendarien aufgenommen.

Durch die Untersuchung verschiedener Kalendarien kann ein eindeutiger Bezug des fragmentarischen Kalendariums zum Bodenseegebiet hergestellt werden. Bei dieser Aufstellung zeigt sich deutlich die Verbindung zur damaligen Diözese Konstanz und ihren Nachbardiözesen. Auf der Rückseite des Kalendariums befinden sich einige Meßgesänge, die auf einem Vierliniensystem eingetragen wurden. Es handelt sich um Gesänge für die Ferialtage nach Pfingsten. Diese Eintragungen zeigen, daß das Fragment aus einem Graduale stammt, dem ein Kalendarium vorgebunden war. Eine spätere Hand hat sogenannte „Taktstriche“ ziemlich wahllos eingesetzt. Das Kalendarium und das Graduale wurden von zwei Schreibern ausgeführt, wobei beide Schriften der selben Zeit zuzurechnen sind. Der ehemalige Codex, der als Graduale einzuordnen ist, mit dem vorgebundenen Kalendarium wurde in einer gotischen Textura im frühen 15. Jahrhundert geschrieben. Das Kalendarium zeigt eindeutige Beziehungen zum Bodenseeraum, durch die Verehrung und das seltene Datum des Januariusfestes (19. Oktober), besteht eine enge Verbindung zur Reichenau 32) wie schon in anderen Fragmenten deutlich wurde.

Nachdem der größte Teil der Villinger Fragmente, auch aus den verschiedenen Archiven, Übereinstimmung in Textauswahl und Neumenschrift mit dem ehemaligen Skriptorium Rheinaus aufweist, kann von einem Einfluß des Klosters Rheinau auf die liturgischen Bücher in Villingen gesprochen werden, das wiederum starke Bindungen zum Kloster Reichenau hatte. Die ehemaligen Handschriften wurden im Bodenseeraum geschrieben. Konstanz war im frühen Mittelalter die größte Diözese Deutschlands. Es ist allerdings nicht nachweisbar, 1 die Stadt vor dem 11. Jahrhundert eine Domaule besaß. Trotzdem wird davon ausgegangen, daß in Konstanz, das zwar kein ausgebildetes Skriptorium hatte, doch der eine oder andere Codex geschrieben wurde 33). Da bis ins 10. Jahrhundert die Konstanzer Bischöfe oft auch Äbte von dem Kloster der Reichenau oder St. Gallen oder beider Klöster waren, ist es verständlich, daß die Meisten Handschriften für Konstanz dort geschrieben oder den dortigen Bibliotheken entnommen wurden. Über Konstanz könnten die Codices dann nach Villingen gekommen sein. Es war der Verdienst der Klöster und deren Institutionen, daß die bereits in der Antike entwickelte Kultur der Schrift über das Mittelalter hinweg überliefert wurde. Auch die zahlreichen nicht liturgischen Schriften können nicht darüber wegtäuschen, daß sie alle aus kirchlichen Institutionen stammen und der Laie daran kaum Anteil hatte. Der interessierte Laie des frühen Mittelalters lebte von der Sprache und hatte zu dem geschriebenen Wort wenig Beziehung. Erst im späten Mittelalter, als Universitäten ;egründet wurden, genügte die Kultur der Sprache nicht mehr, und die Schriftkultur fand Eingang in das geistige Leben auch der Laien. 34) Der Prozeß dauerte einige Jahrhunderte bis dann das gedruckte Buch langsam zum Gemeingut wurde.

Es war möglich, die Texte und Gesänge aller Fragmente zu entziffern und einzuordnen. Dadurch konnten Einblicke in die Gestaltung der Gottesdienste in den Villinger Klöstern und Kirchen aufgezeigt werden. So hat jedes Fragment, egal welchen Inhalts, seinen bestimmten kulturellen und liturgischen Aussagewert. Aus diesem Grund müssen diese „Bruchstücke“ einst vollständiger Codices in Erinnerung gebracht werden und als bedeutsames Kulturgut einer ganzen Epoche unserer Stadtgeschichte erfaßt und erhalten bleiben. Die Fragmente sind mittelalterliche Zeugen aus einer mittelalterlichen Stadt, in der viele Klöster ansäßig waren, die mit einer Ausnahme, nicht mehr vorhanden sind. Sie haben aber das religiöse Leben und die Kultur in der Stadt Villingen für viele Jahrhunderte geprägt und es ist wichtig, daran zu erinnern.

Anmerkungen:

1) COLLIGERE FRAGMENTA: Festschrift Alban Dold zum 70. Geburtstag am 7. 7. 1952, hrsg. Bonifatius Fischer / Virgil Fiala. Beuron: Beuroner-Kunstverlag 1952, Einleitung.

2) Herr Dr. Maulhardt machte mich auf ein Fragment aufmerksam, das dann die gesamte Untersuchung auslöste. Herzlichen Dank!

3) MAZAL, OTTO: Schatzkammer der Buchkunst, Pflegestätte der Wissenschaft. Die Handschriften- und Inkunabelsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Graz: Akademische Druck-u. Verlagsanstalt 1980, S. 13. In der Folge: Mazal, Otto: Schatzkammer der Buchkunst.

4) Missivenbuch kommt von dem lateinischen Begriff missilis carta = Sendschreiben. Missilis bedeutet auch = zum Werfen bestimmt.

5) Rodel kommt von dem lateinischen Wort rotula = Rolle. Der Inhalt eines Rodels besteht vorwiegend aus Verzeichnissen und Listen.

6) Adiastematie = ohne Abstand (griech.). Bei der Neumierung wurden keine Intervalle angegeben.

7) MAZAL, OTTO: Schatzkammer der Buchkunst, S. 34.

8) CROUS, ERNST / KIRCHNER, JOACHIM: Die gotischen Schriftarten, Leipzig: Klinkhart & Biermann 1928, S.9 f.

9) Diastematie = Abstand (griech.). Sichtbarmachung der Melodie durch Hoch- und Tiefsetzung der Tonzeichen, allerdings ohne genaue Intervallangabe.

10) SAVS 2.1, E 13a.

11) Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), hg. von Engelbert Kirschbaum SJ, Bd. 3. Rom, Freiburg, Basel, Wien: Herder 1968. Sonderausgabe von 1994, Sp. 112-119.

12) ARNDT, AUGUSTIN: Biblia Sacra, Tomus III. Ratisbonae MCMIII. Editio secunda, p. 952.

13) SAVS 2.1, S 12a.

14) SAVS 2.1, PP 51a.

15) Homilia = Betrachtung einer Bibelstelle in Form einer Predigt.

16) Matutin = 1. Hore des röm. Stundengebets

17) Maximus Taurinensis ist der erste namentlich bekannte Bischof von Turin. Er starb wahrscheinlich im Jahr 420. MAXIMUS, EPISCOPUS TAURINENSIS: PL Tomus 57. Opera omnia. Turnholti, Sp. 329-330.

18) CAMELOT, PIERRE-THOMAS: Maximus, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), hrsg. Josef Höfer / Karl Rahner, Bd. 7. Freiburg: Herder 1962, Sp. 212-213.

19) Sermo = Predigt.

20) KURZEJA, ADALBERT: Der älteste Liber Ordinarius der Trierer Domkirche. Ein Beitrag zur Liturgiegeschichte der Ortskirchen. Münster: Aschendorff 1970 (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen, begr. Dr. P. Kunibert Mohlberg, Benediktiner der Abtei Maria Laach), 52, S. 356.

21) BEDA VENERABILIS: Corpus Christianorum. Series Latina CXXII. Pars III. Opera homiletica et rhythmica, Homiliarum Evangelii. Libri II, cura et studio D. Hurst. Turnholti: MCMLV. p. 200.

22) BISCHOFF, BERNHARD: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, in: Grundlagen der Germanistik, hg. Hugo Moser/Hartmut Steinecke. Mitbegründet von Wolfgang Stammler, Bd. 24. 2. überarb. Aufl. Berlin: Erich Schmidt 1968, S. 224. In der Folge: Bischoff, Bernhard: Paläographie.

23) Vollbrevier = Aufzeichnung aller Stundengebete, in denen die dazugehörenden Gesänge mit Notationen versehen sind.

24) Ursula Labelis war Äbtissin des Klarissenklosters von 1624- 1635. Sie starb im Kloster Paradies bei Schaffhausen und wurde dort begraben. Signatur des Rechnungsbuches: SAVS 2.1, EE 37b.

25) BISCHOFF, BERNHARD: Paläographie, S. 229.

26) e-caudata steht für ae, oe.

27) SAVS 2.3, Z 6.

28) Die Daten von Udalricus, Heinrich, Afra, Gebhardus, Pelargius, Leodegarius, Constantinus und Alexander, Fides, Aurelia, Gallus, Januarius, Verena, Magnus und Wolfgang wurden mit: MUNDING, EMMANUEL: Die Kalendarien von St. Gallen, Untersuchungen, Beuron: Beuroner-Kunstverlag 1951, verglichen.

29) Dank der technischen Hilfe durch die Grafischen Betriebe Revellio konnte der Monat September sichtbar gemacht werden.

30) Karlsruhe. Landesbibliothek, Aug. XCI, f . 109-116.

31) HOFMANN, KONRAD: Anna. LThK, Bd. 1. Sp. 570-571.

32) Auch hier zeigt sich die Verbindung Reichenau-Rheinau. Auf der Reichenau und in Rheinau wurde, wie auch auf dem Fragment angegeben, das Fest am 19. 10. gefeiert, während in Neapel und in anderen Teilen Italiens und Deutschlands der Gedenktag am 19. 9. stattfindet.

33) AUTENRIETH, JOHANNE: Die Domschule von Konstanz zur Zeit des Investiturstreits. Die wissenschaftliche Arbeitsweise Bernolds von Konstanz und zweier Kleriker, dargestellt auf Grund von Handschriftenstudien, in: Forschungen zur Kirchen-und Geistesgeschichte. Neue Folge, Bd. III, Stuttgart: Kohlhammer 1962, S. 9 und 17.

34) SCHMIDT, WIELAND: Lesen und Schreiben vor Gutenberg, in: Gutenberg-Bibel. Geschichtliche Bücher des Alten Testaments. 6. Aufl. Berlin: Elsnerdruck 1977, S. 295.

Literaturverzeichnis:

Arndt, Augustin: Biblia Sacra, Tomus III, Ratisbonae MCMIII, Edi-tio secunda, p. 952.

Autenrieth, Johanne: Die Domschule von Konstanz zur Zeit des In-vestiturstreits. Die wissenschaftliche Arbeitsweise Bernolds von Konstanz und zweier Kleriker, dargestellt auf Grund von Handschriftenstudien, in: Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte, Neue Folge, Band III. Stuttgart: Kohlhammer 1962.

Beda Venerabilis: Corpus Christianorum. Series Latina CXXII. Pars III. Opera homiletica et rhythmica, Homiliarum Evangelii. Libri II, cura et studio D. Hurst. Turnholti: MCMLV.

Bischoff, Bernhard: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, in: Grundlagen der Germanistik, hg. Hugo Moser / Hartmut Steinecke. Mitbegründet von Wolfgang Stammler. Bd. 24. 2. überarb. Aufl. Berlin: Erich Schmidt 1986.

Camelot, Pierre-Thomas: Maximus, in: LThK, Bd. 7, hrsg. Josef Höfer / Karl Rahner. Freiburg: Herder 1962, Sp. 212-213.

Corbin, Solange: Die Neumen, in: Palaeographie der Musik, Bd I. Faszikel 3. Köln: Volk-Verlag 1977.

Crous, Ernst / Kirchner, Joachim: Die gotischen Schriftarten. Leipzig: Klinkhardt & Biermann 1928.

Hofmann, Konrad: Anna, LThK, Bd. 1. hrsg. Josef Höfer / Karl Rahner. Freiburg: Herder 1957, Sp. 570-571.

Kurzeja, Adalbert: Der älteste Liber Ordinarius der Trierer Domkirche (LO). Ein Beitrag zur Liturgiegeschichte der Ortskirchen. (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen, begr. Dr. P. Kunibert Mohlberg, Benediktiner der Abtei Maria Laach), 52, Münster: Aschendorff 1970.

Mazal, Otto: Schatzkammer der Buchkunst, Pflegestätte der Wissenschaft. Die Handschriften- und Inkunabelsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1980.

Schmidt, Wieland: Lesen und Schreiben vor Gutenberg, in: Gutenberg-Bibel, Geschichtliche Bücher des Alten Testaments, 6. Aufl. Berlin: Elsnerdruck 1977.

Abkürzungen:

LCI    Lexikon für christliche Ikonographie

LThK    Lexikon für Theologie und Kirche

Quellen:

SAVS 2.1    Stadtarchiv, Villingen-Schwenningen

SAVS 2.3    Spitalarchiv, Villingen-Schwenningen

Aug. XCI    Karlsruhe, Landesbibliothek

Bildnachweis:

Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

 

 

 

Marschall Tallard (Siegfried Steinbrück)

Die Belagerung Villingens im Jahre 1704 von der anderen Seite aus gesehen

Wir alle kennen wohl die Belagerung Villingens im Jahre 1704 aus der Schrift von Dr. Johann Nepomuk Hässler. Auch über Prinz Eugen von Savoyen gibt es genügend Literatur.

Der Herzog von Marlborough ist uns Heutigen iahe gebracht durch das vierbändige Werk seines Nachkommen Winston Churchill, der dafür 1953 len Literatur-Nobelpreis erhielt.

Was aber den für die Villinger Lokalgeschichte wichtigen Tallard angeht, so kennen wir die Belagerung und seine Niederlage bei Höchstädt. Tallard hieß er aber erst seit 1703. In diesem Jahr wurde er in den Herzogsstand erhoben.

Er hieß vorher Camille d’Hostun.

Zuvor muss ich ein wenig Geografie aus Frankreich einflechten: Im Departement Dröme, das ist die Gegend von Valence im Rhonetal gibt es einen Ort Hostun. Da ich von dort keine Antwort auf meine Bitte um Auskunft bekam, weiß ich nichts über seine Jugend zu berichten.

Tallard stammt aus einer adeligen Familie aus der Dauphine. Das ist die Gegend südlich Grenoble. ‚Unser Tallard“ ist in Lyon geboren, wo die Familie ein Stadthaus besaß.

Tallard ist auch ein historischer Ort in Südost-Frankreich, an der sogenannten „Route Napoleon“ wischen Gap und Sisteron im Departement Hautes Alpes. Geschichtlich erwähnt wird, daß sich im Jahre 404 der armenische Bischof Gregor Ion niederließ. In der Burgkapelle gibt es ein anachronistisches Gemälde. Es zeigt den Bischof des 5. Jahrhunderts im Gewand des 17. Jahrhunderts bei der Segnung von Tallards Eltern.

Im 13. Jahrhundert gehörte der Ort dem Johanniter-Orden, der die Burg anlegte.

Im 16. Jahrhundert war die Familie „Bonne 1′ Auriac“ dort seßhaft, deren Erbtochter Ca-lehne die Frau von Roger d‘ Hostun wurde, dem Vater von Camille d’Hostun.

Nach mehreren Adelsfamilien war von 1897 bis 1926 ein Archäologe namens Roman Besitzer der Burg. Er betrieb eine systematische Renovierung. Seit 1957 ist sie im Eigentum der Gemeinde.

Foix und Carcasonne liegen im Südwesten Frankreichs südlich von Toulouse.

Tallard’s Sohn und Enkel trugen die erblichen Titel „Herzog von Tallard“. Der Enkel starb 1739, der Sohn 1755. Der Name Tallard war erloschen. Die militärische Karriere Tallards wurde durch seilnen Cousin, den Marschall de Villeroy, entscheidend gefördert.

Auszug des Posteingangsregisters der Königl. Regierung, die Kaiserlichen betreffend.

Juli 1704

Herr de Chamillard an Herrn de Tallard: Seine Majestät hat dem 1. Bürgermeister von Alt-Breisach eine Prämie von 1000 Gulden ausgesetzt.

Juli 1704

Herr de Tallard schreibt an Seine Majestät aus dem Feldlager bei Villingen. Der Brief betrifft den Bruch des Bayernherzogs mit dem Kaiser. Bericht an die Majestät der Vorschläge, die dem Kurfürsten gemacht wurden. Zwei Dinge wurden vorgeschlagen, wenn er nichts unternimmt bis zum Ende des Feldzuges.

Seine Gedanken über die Belagerung Villingens. Allgemeine Gedanken für den Fortgang das Feldzuges.

Juli 1704

Herr de Tallard im Lager bei Villingen, um Herrn da Chamillard über seinen Brief an den König zu unterrichten und daß er die Berge überschritten hat. Nachrichten vom Feind. Eine Abschrift des Briefes über das, was bei Rottweil passiert ist.

Anmerkung:

Was ereignete sich bei Rottweil ?

Hier habe ich Herrn Dr. Hecht, Stadtarchivar in Rottweil, zu danken.

Eine Armee unter Feldmarschall HanslKarl von Thüngen nämlich hatte ein großes Feldlager bei Böhringen. Prinz Eugen selber war häufig unterwegs zwischen Rastatt, Herrenberg und Ulm. Er war mehrmals Gast der Freien Reichsstadt Rottweil. Prinz Eugen und auch von Thüngen waren im Gasthof „Armbrust“ untergebracht (heutiges Postamt).

Auszug aus der Liste der Marschälle von Frankreich

De Tallard (Camille d’Hostun, Herzog), getauft am 4. Februar 1652.

Verstorben am 30. März 1728.

Bisher bekannt unter dem Namen Graf von Tallard. Fähnrich der „Englischen Gendarmen“ durch Erlaß vom 29. November 1667.

Diente in 1668 bei der Eroberung der Franche-Comte, bei der Einnahme von Besancon am 7. Februar, von Dôle am 14., von Gray am 19. Quartiermeister und Leutnant im Königlichen Kroaten-Regiment nach der Verabschiedung des Grafen von Vivonne laut Erlaß vom 13. Januar 1669.

Er diente in Holland unter „Monsieur“ und Graf von Turenne in 1672, bei der Belagerung von Buric, das sich am 3. Juni ergab, bei der Einnahme von Rees am 8.6., bei Arnheim am 15.6., bei der Festung Skenk am 19.6., bei Nimwegen am 9. Juli, der Insel und Stadt Bommel am 26. September.

In Flandern unter „Monsieur“ in 1673, bei der Belagerung und Einnahme von Maastricht am 29. Juni, bei der Entsetzung von Woerden; dort wurde beim Eindringen in die Schanze sein Fuß durchbohrt. Der Feind wurde geworfen.

Im Sept. 1679 demissionierte er aus dem Kroaten-Regiment.

Durch Erlaß vom 8. März 1682 hob er sowohl eine Kavalleriel-Kompanie des Bligny-Regiments aus als auch ein Kavallerie-Regiment seines eigelnen Namens (heute la Rochefoucaud) durch Erlaß vom 1. Oktober. Er zeichnete sich aus bei der Belagerung von Cour-tray, das sich am 5. November 1683 ergab, sowie vor Dixmuiden, das am 10. genommen wurde. Tallard war bei der Belagerung von Luxemburg, das der König am 4. Juni 1684 nahm.

Er diente im Lager der Saöne unter dem Marquis de Trousse in 1685. Am 24. August 1688 wurde er Quartiermeister in Flandern unter dem Grafen Broglie. Im Dezember verließ er sein Regiment. Durch Dekret vom 31. Oktober wurde er unter dem Marschall de Lorges in Deutschland eingelsetzt. Kein Feldzug. Im Winter war er im Elsaß. Unter „Monsieur“ und dem Marschall de Lorges besorgte er in Deutschland die Rückendeckung dieser Grenze. Er überquerte den zugefrorenen Rhein und brandschatzte die Bergstraße und den Rheingau.

In Flandern unter seiner Hoheit dem Prinzen kämpfte er 1674 am 11. August bei Seneff. Ein Pferd wurde unter ihm getötet, ein zweites verwundet.

Er befehligte die Angriffstreitmacht am 29. Dezember bei Mülhausen.

Dasselbe Kommando hatte er inne im Gefecht bei Türckheim am 5. Januar 1675.

Er wurde Generalleutnant bei der Dauphiné-Regierung nach dem Tode das Marquis de Ragny durch Erlaß vom 10. April. Er diente in Flandern; bei der Belagerung von Limburg, das sich am 21. Juni ergab.

1676 war er bei der Einnahme von Condé am 26. April, am 11. Mai bei Bouchain, von Aire am 30. Juni.

Am 25. Febr. 1677 zum Kavallerie-Brigadier ernannt, diente er in der Flandern-Armee bei der Belagerung und Einnahme von Valenciennes am 17. März, von Cambray am 5. April.

Dann bei der Belagerung von Gent, das sich am 9. März 1678 dem König ergab; das Schloß kapitulierte am 12. 3.; Ypern wurde am 25.3. vom König eingenommen. Beim Angriff auf die Brücke von Rheinsfeld wurde er von einem Musketenge-schoß verwundet.

1691 hatte er unter Marschall de Lorges Defensivaufgaben während dessen Winters an der Saar.

1692 stand er in Deutschland, war beteiligt an der Niederlage der Deutschen bei Pforzheim am 17. September. Ebenso beim Entsatz der Belagerung von Ebernburg durch den Landgrafen von Hessen-Kassel am 8. Oktober.

Im Winter befehligte er an der Saar. Am 30. März 1693 wurde er zum Generalleutnant der Königlichen Armee ernannt.

Unter „Monsieur“ war er bei der Einnahme von Heidelberg am 21. Mai und am 23. Mai bei der Einnahme und Zerstörung des Schlosses.

Durch Dekret vom 29. Oktober befehligte er im Winter an der Saar und in der Pfalz.

1694 diente er in Deutschland unter den Marschällen de Lorges und Joyeuse ohne Feindseligkeiten. Im Winter wieder an der Saar.

1695 unter denselben Generälen in Deutschland wurde nichts unternommen. Im Winter wieder an der Saar.

Unter Marschall de Boufflers in der Maas-Armee in 1696. Im Winter an der Saar.

1697 dasselbe.

Und jetzt wurde der Friede zu Ryswijk geschlossen, bei dem er mitwirkte.

1698 zum außerordentlichen Botschafter in England ernannt, am 11. März vom König verabschiedet.

Nach dem Tode des Marquis de Mirepoix wird er am 25. April 1701 Gouverneur und Generalleutnant der Grafschaft von Foix, von Stadt und Schloß Foix, Burgherr von Carcassone.

Nach Rückkehr aus England erhält er am 15. Mai den Königl. Verdienstorden.

Ab 21. Juni dient er wieder in Deutschland unter dem Herzog von Burgund.

Im Febr. 1702 verlässt er Foix und dient in Flandern unter dem Herzog von Burgund.

Am 21. April hat er ein selbständiges Korps. Er eilt zu Hilfe nach Kaiserswerth. Er trägt dazu bei, die Holländer aus ihrem Lager bei Mülheim zu vertreiben. Am 6. November nimmt er Stadt und Schloß Trarbach.

Am 14. Januar 1703 wird er zum Marschall von Frankreich ernannt.

Am selben Tag legt er den Eid ab.

Am 25. Februar entsetzt er Trarbach. Unter Oberbefehl des Herzogs von Burgund kommandiert er ab 24. Mai die Armee in Deutschland.

Er belagert Breisach, das nach 13 Tagen Grabenkämpfen am 6. Dezember kapituliert.

Während der Belagerung von Landau verlässt er mit der Armee seine Positionen und eilt dem Prinzen von Hessen-Kassel entgegen, der Landau zu Hilfe kommen will. Bei Speyer treffen sie aufeinander. Nach Zurückwerfen der gegnerischen Kavallerie auf dem linken Flügel wird die Infanterie vernichtend geschlagen. Der Prinz verliert 4000 Mann auf dem Schlachtfeld, 3000 Gefangene, 30 Kanonen und einen Teil seines Trosses. Die Verluste Marschall Tallards waren unbedeutend. Er erbeutete nämlich mehr Truppenfahnen als er Leute verlor.

Nach dem Sieg kehrte er nach Landau zurück, forderte vom dortigen Befehlshaber die Übergabe, die am folgenden Tag erfolgte.

Als Befehlshaber der Rhein-Armee ab 28. März 1704 schickte er dem Bayern-Herzog eine bedeutende Unterstützung (Truppen) im Mai. Er selbst marschierte mit der Hauptmacht trotz feindlicher Wachsamkeit und Bedrohung auf schwierigsten Wegen über Hindernisse, die als unüberwindbar galten. Er belagerte ohne Erfolg Villingen. Dann marschierte er weiter nach Osten. Am 13. August wird er bei Höchstädt geschlagen, verwundet, gefangen genommen und nach England gebracht. In Abwesenheit wird er am 14. Oktober Gouverneur der Franche-Comté und von Besançon nach dem Tod des Marschall Duras.

Im November 1711 kehrt er aus England zurück, versehen mit einem Geleitbrief der Königin von England.

Durch Erhebung der Grafschaft Baume d’Hostun in ein Herzogtum ist er ab März 1712 Herzog, vom Parlament bestätigt am 14. April.

Im März 1714 wird er in den Stand eines Pair von Frankreich erhoben, bestätigt durch das Parlament am 25. Juli 1715.

Er wird Berater der Regierung, Mitglied des Regentschafts-Rates und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

1719 verlässt er die Dauphiné-Verwaltung und wird am 25. September 1726 Staatsminister.

Wie schon eingangs erwähnt, starb er 1728.

Aus dem Feldlager bei Villingen: Marschall de Tallard schreibt an seinen König: Sire

Gestern erhielt ich einen Brief das Herrn Marlschall de Marcin. M. de Massenbach kam hier an begleitet von 200 Reitern und einem Vierzehner (vermutlich ein 14-Pfünder).

Euer Majestät finden in der Anlage die zwei Vorschläge, die ich hier nicht wiederhole. Ich beschränke mich darauf, hinzuzufügen, was mir Herr von Massenbach mündlich vom Marschall de Marcin ausrichtete.

Die letzte Post, Sire, erhielt ich am 13. in Ulm (nicht Ulm/Donau).

Der Kurfürst verhandelte mit dem Kaiser. Als sie erfuhren, daß ich über das Gebirge hinweg sei, verlangte er von dem Gesandten, sich zurückzuziehen. Die Feinde boten ihm die Grafschaft Burgau und die Pfalz von Neuburg an. Sie waren mit den Bewegungen der Armee Ihrer Majestät nicht einverstanden. Sie verlangten, daß der Kurfürst auf seine eigenen Streitkräfte verzichten solle. Er war damit nicht einverstanden. Er hatte eine Begegnung mit dem Grafen Watislau vorgeschlagen. Aber der Marschall de Marcin konnte ihn umdrelhen, nicht hinzugehen: man würde ihn ergreifen, Lösegeld verlangen, sein Gepäck und Equipagen verbrennen. Dies hielt ihn ab und mein Brief kam bei ihm an. Es scheint, er ist begeistert zu seinem früheren Gedanken zurückgekehrt und zu seinen Vorhaben. Man sagt, er habe den Kaiserlichen Gesandten schimpflich verabschiedet. Die Kurfürstin kam und versuchte dringendst, ihn von den Interessen Ihrer Majestät abzubringen. Er schickte sie weg. Das ist erledigt.

Der Graf Daves und Monastérol sind unverbrüchllich auf Ihrer Majestät Seite. Das muss Sie, Sire, zum Nachdenken anregen.

Zwei Möglichkeiten gibt es von heute an bis zum Ende des Feldzuges. Bis jetzt hat sich nichts Entscheidendes getan, um das Vorgesehene zu ändern.

Gegen Ende September müsste man Offenburg nehmen und es so herrichten, daß es eine große Garnison aufnehmen kann. Möglichst viele Truppen sollten ihr Winterquartier im Elsaß haben. Von dort könnte dann eine Armee wieder hervorbrechen, das Kinzigtal besetzen sowie die Täler der Gebirgseingänge und auf Villingen vorrücken. Wenn wir es haben oder wenn er es besetzt und wir haben es nicht, müssten alle Kräfte Ihrer Majestät die ganze Gegend zwischen Ulm und Villingen sowie zwischen Donau und Bodensee vom Feind säubern, wie schon in diesem Jahr geschehen. Das wäre die Aufgabe der aus dem Elsaß kommenden Armee. Und das Ganze wäre zu befelstigen.

Ohne sein Land sehr zu entblößen, hatte der Kurlfürst sein Winterquartier in diesen Gegenden und konnte zwischen Ulm und Straßburg verkehren. Unter dieser furchtbaren Bedrohung, Sire, und ohne Armee könnte Ihre Majestät keine Verbindung unter den Truppenteilen herstellen, denn über die Schweiz ist es nur für Offiziere möglich und im Winter ist es ganz unmöglich.

Ihre Majestät könnte die Armee des Marschall de Villeroy nach Bayern schicken und zudem die, die ich die Ehre habe zu befehligen.

Aber weder die eine noch die andere hat genügend Nachschub.

Im Frühjahr wären die Folgen fatal: es mangelt an allem. Die Feinde wären um uns herum, hätten überall hin Verbindungen und können aus dem Kaiserreich (gemeint ist Habsburg) Verstärkung heranführen. Es bestünde immer die Gefahr, die Streitkräfte in diesem Gebiet zu verlieren.

Wenn die eine Möglichkeit Ihrer Majestät nicht gefällt, nehme ich mir gehorsamst die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß es noch eine andere gibt.

Dies wäre, die Truppen Ihrer Majestät links und rechts das Rheins in die Winterquartiere zu verlegen. Dann könnte man sie eines schönen morgens zusammenfassen. Wenn der Kurfürst Ihre Majestät täuschen würde und wieder mit dem Kaiser verhandelt, könnte man aufs Pferd steigen und wäre schnell vor Ort. Dieser letzte Vorschlag ist nicht ohne Besorgnis, je nachdem, was Ihre Majestät mit dem Kurfürsten vorhat. Aber in dem .kommenden Feldzug riskieren Euer Majestät, alle Truppen zu verlieren.

Nach dem ersten Plan könnte man im Winter im Kaiserreich den Schlag führen, den sie in diesem Sommer gegen den Kurfürsten führen wollten. Besonders wenn Herr von Marlborough nach London abgereist ist, seine Engländer in Holland sind und der Prinz Eugen nach Wien zurückgeehrt ist.

Für den zweiten Plan, Eure Majestät, erinnere ich an die unbesiegbaren Armeen in unserem Land und verberge meine Beunruhigung, die erst enden wird, wenn Sie eine Entscheidung in dieser Hinsicht getroffen haben.

Von den Leuten, die aus diesem Landstrich kommen, erfahre ich, daß es dort an allem fehlt. Geld und alles andere. Es wurde so wenig requiriert, daß man davon fast nicht reden kann als Nachschub. Auch mit den „Lettres de Change“ kann nur wenig auf einmal beigebracht werden. Deshalb muss man jetzt beginnen, bevor alle Quellen erschöpft sind und wir plötzlich ohne etwas dastehen.

Vorgestern hatte ich die Ehre, Ihrer Majestät zu Derichten, daß die vom Marschall de Marcin erhaltenen Berichte meine Pläne über den Haufen geworfen haben, nämlich daß der Kurfürst den Pakt erneuert hat. Meine Pläne waren, zuerst Rottweil und Villingen einzunehmen, dann mich nach Tübingen hin auszubreiten und nach Urach, las nur einige Meilen von Ulm entfernt ist. Dann Könnte man nach und nach durch das Kinzigtal von Straßburg aus erreicht werden. Das wäre keine Dauerlösung, wenn die Feinde ernsthaft agieren würden.

Aber es wäre eine Ablenkung, auf die sie eingehen könnten. Und wenn sie uns gewähren ließen, würde es uns unserem Ziel näher bringen.

Stattdessen fühle ich mich verpflichtet, Villingen einzunehmen und dort einen Halt zu machen, bevor ich zur Donau weitermarschiere. Vor allem, wenn der Kurfürst sich mit dem Kaiser einlässt, am die Armee Ihrer Majestät zum Rückzug zu bewegen. Dann könnte ich ihm doch bei seiner Rückkehr Unterstützung geben.

Und ich fühle mich noch mehr irregeführt, daß angeblich dem Kurfürsten die Belagerung Villingens gar nicht gefällt. Besonders, wenn dieser kleine Ort, der übrigens besser ist, als man uns sagte, zwei oder drei Tage länger hält, als vorausgesehen. Denn der Prinz Eugen befindet sich mit einem großen Infanterie-Detachement in Württemberg. Der Herr von Tüngen, obwohl verwundet, ist mit beträchtlicher Streitkraft zu ihm gestoßen.

Ihre Majestät sehen also schon durch die Nachricht vom Marschall de Marcin, daß dies im ganzen eine beachtliche Armee ist. Und wenn diese sich vor mir um Riedlingen festsetzen würde, hätte ich große Mühe, den Kurfürsten zu erreilchen. Also müsste ich durch die Sumpfgegend von Pfullendorf. Sonst hätte der Kurfürst, anstatt durch meine Ankunft erleichtert zu sein, alles gegen sich, was der Prinz Eugen zusammengefasst hat an Kampftruppen. Letzterer hätte dann noch das besetzt, was ich eigentlich wollte. Der Kurfürst wäre dann in Reichweite der württembergischen Kanonen und wenn ich angreifen wollte, wäre er zwischen dem Prinzen und mir.

Diese Überlegungen, Sire, haben mich zur Überzeugung gebracht, daß wir vor ihnen handeln müssen, damit sie sich zwischen der Armee Ihrer Majestät und Herrn von Bayern befinden.

Danach, egal ob der Herr von Baden mit seinen Einheiten den Prinzen Eugen erreicht oder auch nicht, müsste der Marschall de Villeroy eine Ablenkung versuchen, damit sie Truppen in diese Gegend entsenden. Oder er müsste mit seiner Armee die Berge überqueren und sich in dieser Gelgend festsetzen.

Ohne dies, Sire, wäre der Prinz Eugen immer noch mit seiner Armee handlungsfähig und die Armee des Marschall de Villeroy wäre unnütz.

Daraus folgt: sie haben eine handlungsfähigere Armee als wir.

Es liegt in der Natur der Sache und es ist sicher, daß es kein Heilmittel gegen einen Nachteil gibt, ohne einen anderen Nachteil zu haben. Und weil jetzt alle Anstrengungen begonnen haben, muss man damit fortfahren, zumindest für diesen Feldzug. Und wegen der sehr guten Verbindungen zwischen Donau und Rhein, erlauben Sie mir bitte, Majestät, daß ich mir die Freiheit nahm, auf all dies einzugehen.

Die Feinde machen ein großes Aufhebens davon und von den Vorteilen einer freien Nachrichtenverbindung, daß zu befürchten ist, früher oder später könnten Zwischenfälle auftreten. Besonders, Sire, ist es fast unmöglich, irgendetwas über ihre Bewegungen zu erfahren. Nach Anordnung des Herrn von Baden sind manche Gegenden fast entvölkert und man findet kaum Führer (Pfadfinder).

Villingen ist viel besser als in allen Abhandlungen erwähnt. Der Gouverneur verteidigt sich hervorragend und er hält mich länger hin, als ich dachte. Trotzdem hoffe ich, Sire, in zwei Tagen die Sache zu beenden. Die bisher verlorene Zeit zählt dann ab morgen.

Der Rest meines Trosszuges ist erst gestern angekommen und ich habe die Wagen aus dem Elsaß nach dem Abladen erst gestern zurückschicken können.

Zusätzlich, Sire, gab es bei allem unvermeidbare Widerwärtigkeiten. Nach den Befehlen Ihrer Majestät marschierte ich mit allen notwendigen Gerätschaften, um in Württembergischen Landen eine Versorgungsniederlassung zu errichten, was erstens meinen Vormarsch behinderte und jetzt meinen weiteren Marsch verzögert. Es sei denn, es sei nicht mehr so dringend nötig nach dem, was in Bayern passiert ist. Aber es ist keine Frage, dem Kurfürsten helfen zu müssen, der es eilig hat und dessen Truppen, die die Höhen bei Donauwörth verteidigt haben, in ganz Bayern zerstreut sind und noch dazu ohne Waffen, denn auf ihrem Rückzug haben die Soldaten die Waffen weggeworfen.

Eine weitere Schwierigkeit war die Notwendigkeit, Villingen angreifen zu müssen; das ist zweifellos notwendig. Denn als ich aus dem Elsaß aufbrach, Sire, war die Sache bei Donauwörth nicht vorauszusehen. Auch nicht, wo die Armee des Marschall de Marcin sich aufhalten würde. Drei Tage haben wir nichts von ihr gehört. Besonders nach dem Rückzug das Kurfürsten und den letzten Ereignissen. Jede dieser Voraussetzungen macht bestimmte Maßnahmen notwendig. Jeder muss sein Bestes geben.

Herr de Legall und Herr de Masback versichern mir, daß die Feinde uns zuvorkommen können und sich zwischen den Kurfürsten und mich setzen. Und ich kann das nicht billigen.

Villingen wird hier überhaupt in Betracht gezogen gegenüber den anderen Interessen. Aber es müssen schon ganz gewichtige Gründe sein, um mich von einer einmal begonnenen Sache abzubringen.

Ich habe die Ehre, mit dem tiefsten Respekt, den ich Ihnen schulde, Ihre Befehle zu erwarten.

Der Brief des Herrn de Mostang, Sire, den Sie morgen erhalten werden, setzt Ihre Majestät in Kenntnis, daß er 1. die Feinde geschlagen hat und 2. daß der Prinz Eugen den Herrn von Tüngen erwartet, um ihre Truppen zusammen zu führen. Sire

Euer Majestät sehr ergebener, sehr gehorsamer und sehr treuer Untertan

Marschall de Tallard

Höchstädt

Ein Landpfarrer aus Tallard namens Alexandre Dubois hat in seinem Tagebuch aus dem Jahr 1704 festgehalten:

Am 13. August hatte das Glück den Herzog von Tallard verlassen. Es war bei Höchstädt in Bayern. Die franz. Armee war trotz mancher Schwierigkeiten durch den Schwarzwald dort hin gelangt und hatte sich mit dem Herzog von Bayern vereinigt. Die Koalitions-Armee — das waren Deutsche, Österreicher, Engländer und Holländer — erwartete sie da, wo Max Emanuel, der Bayernherzog, die Reichstruppen im selben Jahr schon einmal geschlagen hatte: am Schellenberg bei Donauwörth.

Marschall de Tallard

Unter dem Oberbefehl Eugens von Savoyen kommandierten der Herzog von Marlborough und Ludwig von Baden.

Marschall de Tallard ließ angreifen.

Dreimal schien er den Sieg errungen zu haben. Aber beim vierten franz. Angriff gingen die Verbündeten mit solchem Mut vor und zum Gegenangriff über – denn Marlborough hatte seine Reserven eingesetzt – daß die französische Rheinarmee in die Flucht geschlagen wurde.

In der Regierungszeit Ludwig XIV war niemals eine solche Katastrophe geschehen.

Tallard und seine 40 Kommandeure wurden gefangen genommen. Ganze Bataillone und Schwadronen gerieten in Gefangenschaft.

10 000 Mann waren gefallen.

Tallards Kriegskasse erhielt Marlborough. Das Geld verwendete er zum Bau von Schloß Blenheim.

Bayern war als Verbündeter verloren.

1692

In Tallard wird aus dem Jahre 1692 berichtet:

In Schulbüchern wird Ludwig XIV immer als Louis le Grand, der große König, gefeiert. Ebenso wie seine Politik der Größe.

Man vergisst dabei, das schwierige Leben des kleinen Mannes.

Diese Politik der Größe stieß nämlich an ihre Grenzen. Europa war beunruhigt durch Besetzungen und Annektionen ohne Kriegserklärungen. Bei uns in den Alpen verwüstete der Herzog von Savoyen Städte und Dörfer mit seinen deutschen Söldnern. Er nahm Embrun und Gap, und Tallard war keine Ausnahme. Es war bekannt, daß Herr von Tallard, dem damals dieser Ort gehörte, auf Befehl von Louvois die Pfalz verwüstet hatte. Die deutschen Söldner in Savoyer Diensten ergriffen hier die Gelegenheit zur Rache. Tallard ging in Flammen auf.

Anmerkungen:

Weil ich wörtlich übersetzt habe, hier einige Erläuterungen:

DIE FEINDE.    Das sind natürlich die Kaiserlichen, alsodie Habsburger.

DER KAISER.    Leopold I, 1640 – 1705, Kaiser seit 1658.

HERR VON BADEN. Ludwig Wilhelm I, der „Türkenlouis“ 1655 – 1707.

DER KÖNIG.    Ludwig XIV, 1638 – 1715, König seit 1643.

„MONSIEUR“.    Bruder Ludwig XIV, Philippe d’Orleans, Ehemann von Liselotte von der Pfalz, „Madame“.

TURENNE.    Vicomte de la Tour d’Auvergne. Lehrmeister vieler Feldherren, auch von Marlborough. Gestorben bei Sasbach 1675. (Ehrenmal an der B 3, Areal durch Frankreich erworben).

LOUVOIS.    1641 – 1691. Ab 1668 Kriegsminister.

DER KURFÜRST.    Max II Emanuel von Bayern. 1662 – 1726. Kurfürst seit 1679.

PAIR.    Höchste verliehene Adelswürde (vergl. Peer, Englands Oberhaus).

UNTER.    Hier ist der jeweilige Oberbefehlshaber gemeint, manchmal der König selbst. Sind wir jetzt enttäuscht, daß Villingen in diesem Briefe Tallards so wenig erwähnt wird? Zu bemerken habe ich, daß sich eine Militärperson aus einem schon damals zentralistisch regierten Land nur vorstellen kann, eine Stadt wird von einem Stadtkommandanten befehligt und verteidigt.

Es entgeht der Überlegung Tallards, daß die Bevölkerung die Hauptlast der Verteidigung zu tragen hatte. Er rechnete damit, Villingen in zwei Tagen einzunehmen.

Es ist erstaunlich, daß Tallard die Niederlage bei Höchstädt verziehen wurde, weil er sein Möglichstes getan hatte, wie ich gelesen habe. Aus dem militärischen Lebenslauf Tallards kann man die Eroberungen und Annektionen durch Ludwig XIV gut ablesen. Wo Tallard kämpfte, das sind heute meist rein französische Gebiete und Städte.

 

Die 900-Jahr-Feier in Villingen 1899 (Wolfgang Bräun)

Im Jahre 1899 war es für die Alt-Vorderen „eine Ehrensache, das 900-jährige Bestehen Villingens als Stadt würdig zu feiern“.

So liest es sich in zeitgenössischen Berichten jener Tage, als im ersten Halbjahr 1899 ein Fest-Comité die Vorbereitungen für das Festwochenende leitete, zu dem auch der Großherzog Friedrich und dessen Gemahlin Luise erwartet wurden.

Was ein „Historischer Festzug“ am 13. August 1899 an Planung und Organisation verursachte und was einst „Der Schwarzwälder“ – Anzeiger und politisches Wochenblatt für den Schwarzwald und die Baar – darüber berichtete, hat Wolfgang Bräun in mehreren Folgen nacherzählt.

Sein Text und die Abbildungen aus dem „Festalbum“ von damals sollen im kommenden Jahr 1998 zu einem Nachdruck verbunden werden.

Einen Auszug daraus hat der Autor dem Geschichts- und Heimatverein für das Jahresheft 1997 als Kostprobe zusammengestellt.

Heinrich Osiander war Bürgermeister der Stadt, als die Vorbereitungen für den historischen Festzug bis in den Juli 1899 herzhaft diskutiert wurden. Im „Fest-Comite“ hatte Osiander den Vorsitz und den Oberamtmann Behr zu seiner Seite, als man in der Folge einer Bürgerausschußsitzung am 22. Juli „nach langen Verhandlungen und vielfachen Schwierigkeiten“ schließlich doch noch volles Einverständnis erzielte und das gute Gelingen des Festzuges sichern konnte. Die „bewilligten Mittel zur Verausgabung“ waren über einen unklaren Zeitungsbericht zum Streitpunkt geworden, nachdem Osiander ein Mißverständnis geschaffen hatte. Er ließ den Redakteur korrigieren, daß er als Bürgermeister wohl falsch verstanden worden sei. Er habe eine finanzielle Nachforderung für den Festzug nicht ausgeschlossen, doch falls diese nötig sei, müssten zusätzliche Mittel nicht durch ihn sondern auch durch Bürgerausschuß und Gemeinderat genehmigt werden.

Es steckte eine leidenschaftliche, historisierende Überzeugung hinter allem Handeln, daß man der jetzt lebenden Generation die ruhmreichen Taten der Verteidiger in schwerer Zeit in Erinnerung zu bringen habe, indem man nachstelle und zeige, was ein einiger, mutiger Bürgerstand allen Bedrohungen gegenüber zu leisten vermochte.

Nach der feierlichen Einweihung und Eröffnung des Aussichtsturmes auf der Wannenhöhe im Jahre 1888 durch den örtlichen „Verschönerungsverein“ war der geplante Historische Festzug elf Jahre später wohl ein noch größeres Fest, das die Villinger sich vorgenommen hatten.

Aus der Vergangenheit solle man für die Zukunft lernen, so die Veranstalter in Anbetracht des hohen Besuchs, der zu erwarten war.

Kein geringerer als „unser edler Landesherr, Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden“ wurde avisiert. Und weil dieser sich dabei der für sein Alter großen Mühe unterzieht und durch seine Hierherkunft sein Interesse am historischen Umzug bekunde, müsse man mit doppeltem Eifer ein gutes Gelingen vorbereiten. So unterstellte man dem Landesvater auch den Wunsch, die Hauptgestalten aus den entschwundenen Jahrhunderten Villingens in getreuer Nachahmung vor seinen Augen vorüberziehen zu sehen.

„Die Teilnehmer am Festzug haben sich möglichst durch die Nebenstraßen zum Aufstellungsplatz zu begeben, und zwar ohne alles Aufsehen zu erregen. Das Umherreiten in der Stadt zu anderen Zwecken, als um den Aufstellungsplatz zu erreichen, ist verboten ! Reiter dürfen weder Hengste noch Schläger mitbringen.

 

Personen und Pferde sind gegen Unfall versichert bis der Zug auf dem Festplatz angekommen ist“.

Auf ein zweites Fanfarensignale möge der Zug losmarschieren – dem Charakter des Zuges entsprechend möge man sich ruhig und ernst verhalten, vor allem ist das Rauchen verboten – so eine weitere Vorschrift und zugleich eine Sorge der Organisatoren.

Und schließlich rechnete man noch mit Tausenden von Fremden, die bei ihrem Besuch zum Festzug auch sähen, was Villingen in den letzten Jahren alles geleistet hat – mögliche Wahrnehmungen als Maßstab der geschäftlichen Tätigkeit der örtlichen Bevölkerung.

„Freudig und mit innigster Liebe schlagen unsere Herzen unserm allverehrten Großherzog und seiner erhabenen Gemahlin entgegen, die huldvoll die Stadt ihrer Ahnen mit ihrem hohen Besuche beehren werden“. Ein solcher „Festgruß“ auf dem Titelblatt des „Schwarzwälder“ am Samstag, den 12. August – einen Tage vor dem allergrößten Jubiläumsfest, das die Villinger je zu begehen hatten – machte der Öffentlichkeit noch einmal deutlich, worauf sie sich eingelassen hatten.

Eine Empfehlung galt schließlich allen Wirten: ihnen sei dringend angeraten, sich mit reichlich Vorräten zu versorgen, um schließlich auch rasch bewirten zu können.

Nicht eine reichliche Tafel sei nötig – wenige Gänge, gut zubereitet und reichlich bei zivilen Preisen, gute Getränke und saubere Gläser sind es, die das Renommée der Wirte bei einer außerordentlichen schwierigen Aufgabe beweisen werden.

Hoffnung auf ein gutes Geschäft machten sich schon in den Tagen vor dem Festtag des 13. August 1899 verschiedene Händler und Krämer der Stadt, wenn auch ein Streitpunkt die Kaufleute entzweite: Sind nun die Läden während des Umzuges offen zu halten oder sollen sie geschlossen bleiben ?

Mit Pathos und in Verklärung, in Historismus und mit Patriotismus schwangen derweil der Redakteur des „Schwarzwälder“ und ein Gelegenheitsdichter mit Kürzel „Rbst.“ ihre Feder, als die beiden 24 Stunden vor dem allergrößten Fest, das Villingen je erleben sollte, auf dem Titelblatt ihrer Zeitung lyrisch und emphatisch wurden.

Zum Jubiläumsfeste !

1.

Auf zum bedeutungsvollen Feste!

Villingen trägt sein Schmuckgewand.

Kein Wunder, wenn so viele Gäste

der Schwarzwaldstadt sich zugewandt,

die in vielen wechselvollen Jahren,

wie sie die Weltgeschichte nennt,

so manches Schicksal hat erfahren,

aus dem man ihre Treue kennt.

Und alle, die heut‘ zu ihr kommen

in hohen Schwarzwalds Tannenduft,

gar herrlich sind sie ihr willkommen,

wo sie zum Ehrenfeste ruft.

V

Hochedler Fürst! Was wir hier bieten

ist treuer Dankbarkeit geweiht.

Es ist ein Bild von Krieg und Frieden,

das brachte die Vergangenheit.

Es wird bei uns für alle Zeiten,

der Geist besteh’n, der stets gelebt,

zur Fürstentreue soll er leiten,

die nach den schönsten Taten strebt.

Hochedler Fürstin segreich Walten

spricht man von Mund zu Munde aus.

Im Segen möge Gott erhalten

Badens geliebtes Herrscherhaus!

 

Jahr 999. — Kaiser Otto HI verleiht Villingen das Markt-, Münz- und Zollrecht und Obergerichtsbarkeit. Kaiser Otto IH, Graf Berthold gen. Bezelin, Herzog Herimann u. U.

 

Festgruß

Wir stehen am Vorabende unserer Jubelfeier. Wochen und Monate lang sind fleißige Hände tätig gewesen, die Vorbereitungen für den festlichen Tag zu treffen und emsig und rührig wurde allenthalben gearbeitet, um das Fest würdig zu gestalten. Schon prangt unsere Stadt im Festgewande und frisch wie eine Maid schmückt sie sich mit Blumen und bunten, hellen Farben zur fröhlichen heiteren Feier.

Sei gegrüßt, Du alte ehrwürdige Zähringerstadt! Umrauscht von dunklen Schwarzwaldtannen stehst Du mit Deinen festen Mauern und hochragenden Türmen als ein Zeuge alter, starker Zeit; Du hast geglänzt in Macht und Stärke und hast reichen Ruhm geerntet in den weiten Landen; Du hast mit ungebrochenem Mute Not und Elend getragen in den Tagen des Unglücks, Deine Bürger haben standgehalten in deutscher Treue und Tapferkeit, als Kriegsgefahr Deine Mauern umdräute. Wo immer edler Mut und Treue und Gottvertrauen gefeiert werden, da soll auch Villingen mit Ehren genannt sein.

Freudig und mit innigster Liebe aber schlagen unsere Herzen unserm allverehrten Großherzog und seiner erhabenen Gemahlin entgegen, die huldvoll die Stadt ihrer Ahnen mit ihrem hohen Besuche beehren werden. Freud und Leid teilt unser aller geliebtes Herrscherpaar mit seinem Volke, und wo immer in unserem schönen Heimatland ein Fest gefeiert wird, da weilt es gern und erhöht die Freude durch seine Gegenwart.

Es waren zunächst die „Fremden in der Stadt“, die tagsüber eine lebhafte und festliche Atmosphäre schufen: unter ihnen gebürtige Villinger, die draußen in der Welt ihre Existenz haben und zum Jahrhundertereignis ihre Stadt wiedersehen wollten.

Schon am Samstag prangte die Stadt in Festschmuck: in den vier Hauptstraßen waren schlanke Tannenbäume aufgestellt worden und Girlanden wanden sich von Baum zu Baum. Ein buntes Bild boten die wehenden Fahnen in den Farben des Deutschen Reiches, des badischen Hauses, in den Farben der Stadt und in denen der Fürstenberger.

Die dekorativen Eingangspforten an den Stadttoren hatte man komplett aus Tannenreis und kleinen Tännchen gestaltet, und weil in den Hauptstraßen die meisten Gebäude frisch verputzt waren, machte die Stadt mit ihren schönen breiten Straßen und den neuen Asphalt-Trottoires einen unbeschreiblich schönen Eindruck.

Am Samstagabend um halb neun versammelten sich die Bürger zum Fest-Bankett in der überfüllten Tonhalle.

Die offizielle Festrede hielt Professor Dr. Ulrich Roder, Vorstand der höheren Bürgerschule in

Überlingen, der zur damaligen Zeit als bester Kenner der Villinger Geschichte galt.

Der Vortrag Roders endete mit einem enthusiastischen Hoch auf Großherzog Friedrich, und mit „nicht enden wollendem Beifall“ wurde der Festredner belohnt.

Heitere Verse zur Stadtgeschichte, wohl ebenfalls von „Rbst.“, erhöhten die allgemeine Festfreude auf das Angenehmste:

Dem jungen Kaiser Otto war

in Rom zu groß die Hitze.

Er klagte darob immerdar:

»Ach seht doch, wie ich schwitze!“

Graf Berthold sagte: „Zwar ich wüßt

ein Plätzchen, gut zu rasten.

Allein, weil dort kein Marktrecht ist

so müßtest Du dort fasten!“

Worauf gehorsam Berthold spricht:

„Mein Fürst, es ist Villingen.“

„Ruf mir den Kanzler her, er soll

urkundlich den Getreuen

das Markt- und Münzrecht und den Zoll

und ein Gericht verleihen.“

Das alles brachte uns das Jahr

neunhundertneunundneunzig,

und wie es dazumal schon war,

ist man auch heut‘ noch koinzi g!

Das Modell des Münsters: Getragen von Bauleuten, denen der würdige Bauherr voranschreitet— durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Aufgabe — zeigt den Beginn des Münsterbaus im Jahre 1119.

 

Nicht allzu lange konnte man in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1899 die Ruhe pflegen: Um fünf Uhr morgens verkündeten Böllerschüsse den Beginn des sehnlichst erwarteten Jubeltages, und um 6 Uhr patrouillierte und paradierte die Stadtmusik die „Tagreveille“, den morgendlichen Weckruf.

Am Bahnhof wurde das Leben hektisch – die Frühzüge brachten aus allen Richtungen Tausende von Festgästen.

Das Fest in Villingen galt als solcherlei Attraktion, daß eine ungeheure Menschenmenge die Stadt bevölkerte. Alle Kurs- und Extra-Züge waren überfüllt. Zu Fuß, mit Fuhrwerk und Rad kamen Tausende von Festgästen an. Viele, die früher hier beruflich tätig waren und sich seit Jahren anderswo aufhielten, kamen nach dem liebgewonnenen Villingen, um so manchen alten Bekannten begrüßen zu können.

Aus Richtung Konstanz traf der Kurszug um neun Uhr 47 mit dem Herrscherpaar und dessen Gefolge hier ein, herzlich und untertänigst begrüßt von den Spitzen der Behörden.

Das weitere Protokoll sah vor, daß die allerhöchsten Herrschaften danach unter Führung des Herrn Bürgermeister Osiander das Kloster St. Ursula besichtigen, wo „allerhöchst-dieselben“ lange in der Ausstellung verweilten, die mit einer Lotterie zugunsten der Renovierung der Klosterkirche verbunden war.

Nach einer Reihe von Vorstellungen hochstehender Bürger der Stadt begaben sich die allerhöchsten Herrschaften und deren vor Ort eingesetzter Großherzogliche Oberamtmann Bitzel in das Hotel „zur Blume“, um ein von der Stadt angebotenes Gabelfrühstück einzunehmen, bestehend aus 16 Gedecken.

Während von elf Uhr an und auch während des Festessens mehrere Musikkapellen auf verschiedenen Plätzen ihre Platzkonzerte gaben, hielt die Anziehungskraft des bevorstehenden Festzuges weiter an.

Gegen zwei Uhr drängte sich die Volksmasse gegen die Tribüne, um das geliebte Großherzogpaar zu sehen.

Der Besuch des Festzuges durch die Fürstlich Fürstenbergischen Herrschaften aus Donaueschingen unterblieb – ein „liebenswürdigstes Schreiben“ des Hauses Fürstenberg hatte den Bürgermeister noch vor dem Samstagbankett erreicht. Nach Angabe des Hofes, plagte den Fürsten ein Unwohlsein. Gleich nach dem Mittag hatte sich der historische Festzug nach genauem Plan vor dem Niederen Tore aufgestellt.

Jahr 1499. — Kaiser Maximilian 1. Einzug in Villingen. Kaiser Maximilian 1. mit Gemahlin Maria Blanka, Herzog von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, Markgraf von Baden, Fürst von Brandenburg, die Grafen von Hohenlohe und Mansfeld und mehrere Edeldamen und Herren.

Bemerkenswert war die fast militärische Pünktlichkeit, mit der die Aufstellung erfolgte und bei der die Teilnehmer den Anordnungen bereitwillig folgten.

Um zwei Uhr ertönte das Signal der Fanfarenbläser – Zeichen dafür, daß Ihre Königlichen Hoheiten nebst Gefolge auf der Tribüne am Marktplatz eingetroffen waren und Platz genommen hatten.

Schließlich erreichte die Spitze des Zuges zum ersten Mal die Tribüne an der Werner’schen Ecke, wo Bürgermeister Osiander anhand des Festalbums den hohen Herrschaften Erläuterungen über jede Gruppe des Zuges gab, der von den hohen Gästen mit allergrößtem und immer mehr wachsendem Interesse verfolgt wurde.

Höhepunkt im gesamten Zug war ganz sicher der „Huldigungswagen“, der den Zeitpunkt 1806 darstellt: Villingen geht wieder an das Haus Zähringen über, nachdem es seit 1218 im Besitz der Fürstenberger und der Österreicher gewesen war – „Fürwahr ein ergreifender und geschichtlich ganz bedeutsamer Vorgang, mit dem wohl keine Stadt und kein Fürstenhaus wird rechnen können“, so der Redakteur des „Schwarzwälder“.

Jahr 1530. — Villinger Geschlechter mit dem neuen Wappen in der Standarte.

 

Die Huldigungsgruppe hielt vor der Tribüne und Fräulein Lina Stern, Tochter des Gemeinderat Stern, trug vor, was aus der Feder des Direktor Weis stammte, was dem Herzogspaare galt und von höchstdenselben „allergnädigst entgegengenommen wurde“.

Durchlauchtigster Großherzog,

allergnädigster Herr!

Durchlauchtigste, allergnädigste

Großherzogin und Herrin!

Monatelang hat die Hauptstadt des Schwarzwaldes sich vorbereitet zu dem größten Feste, das je in diesen Mauern gefeiert worden ist. In alle Welt hinaus ist der Ruf gedrungen … und in hellen Scharen sind die Menschen herbeigeströmt, um die Geschichte unserer Vaterstadt, ein große Stück Weltgeschichte in buntem Gepränge an sich vorbeiziehen zu sehen.

Der Großherzog Friedrich 1905 in Villingen.

Gruß und Heil ruft die Stadt ihm entgegen, Gruß und Heil wehen die Fahnen, tönen die Festesklän-ge, Gruß und Heil aus tausend und tausend Herzen in brausendem Begeisterungssturm und heilige Kraft dem Zähringer Herzog, dem Königlichen Herrn, dem deutschen Manne und seiner erhabenen Gemahlin, der hohen gütigen Frau.

Auf ein Signal setzte sich der Zug wieder in Bewegung und nicht weniger als vier Mal ließen die hohen Herrschaften den Zug an sich vorbeiziehen. der Zug bewegte sich programmgemäß vom Amtsgericht durch die Niedere Straße und die Obere Straße, entlang der Josefsgasse und über die Schulgasse auf die Rietstraße und auf der Bickentraße zum dortigen Tor hinaus.

Weiter ging’s über die Brigachstraße, vorbei an der „Tonhalle“, durch die Gerberstraße hinauf wieder in die Bickenstraße in Richtung Marktplatz und dann über ein kurzes Stück der Rietstraße in die Färberstraße und wieder zum Amtsgericht – und das ganze schließlich vier Mal!

Aus heimischer Nachbarschaft und unter dem Beinamen „Su Brosi“ im ganzen Bezirk jedem Kind als Unterkirnacher Original bekannt, war der 81-jährige Ambros Duffner mit seiner zweiten Frau auf dem Wagen der Gruppe 21 „Trachten an Villingen, Nordstetten und Unterkirnach“ mit von der Fest-Partie.

Beide hatten zwei Jahre zuvor die Goldene Hochzeit gefeiert, und da sich Duffner geistig und körperlich noch ungemein rüstig fühlte und „’s Muhl besser goht als minne Fiäß“, ließ sich der Kirnach-er, der im „Dischkeriere“ immer eher einen Trumpf parat gehabt haben soll als sein Gegenüber, die Teilnahme im Trachten-Häs nicht nehmen.

Trachten von Villingen und Umgebung.

 

Als schließlich beim letzten Vorbeizug an der Ehrentribüne Großherzog Friedrich die Gnade hatte und die Gruppenführer zu sich bat, beschied er „jedem einzelnen derselben seine über alle Erwartungen hohe Befriedigung über das Großartige, was geboten war“.

Auf der „Amtmannwiese“ nahe dem Oberen Tor setzte sich nach dem Festzug das fröhliche Treiben fort. Bude an Bude war aufgestellt, und die Schießhallen, die Caroussells, der Circus und die ambulanten Photographen sorgten für Unterhaltung des zahlreichen Publikums und erinnerten stark an das Canstatter Volksfest, wobei eine Reihe von Wirtschaften für das leibliche Wohl der Menschenmengen sorgten.

Nochmals erschienen die allerhöchsten Herrschaften daselbst, um auch hier das Leben und Treiben des Festes zu sehen und sich zu verabschieden. Begleitet von den segensreichen Wünschen der Einwohnerschaft kehrten die hohen Herrschaften schließlich mit dem 5-Uhr-Zug nach der Mainau zurück, ihrem Sommersitze im lieblichen Bodensee.

Die Festplatzbesucher aus Villingen besahen sich derweil noch einmal die großartig angelegten Festwagen.

Die Stadtmusik, die Offenburger Militärkapelle und die Kurmärker ließen hierzu ihre besten Weisen erklingen.

Um acht Uhr abends begann schließlich das Festbankett für die Zugsteilnehmer und deren Angehörige: „Tonhalle“, „Engel“ und „Löwen“ nahmen die Gäste auf. Ein herzlicher, gemütlicher Ton in den Gesellschaften und heiteres Treiben herrschte allenthalben.

Am darauffolgenden Montag zogen Kinder, Schüler und Lehrer, geschmückt mit Bändern, Tannenzweigen und Eichenlaub vom Sammelplatz zum Kinderfest auf dem Festplatz. Voran die bewährte Stadtmusik.

Wer sich am Montag nach Festjubel und Festfreude Ruhe gönnen wollte, der fand solchen unter den Kastanien im Mädchenschulhaus, wo den Laien und den Fachmann eine lauschig angelegte Bienenausstellung erwartete. „Bienen-Wohnungen“ in Dzierzon-Stöcken, in Strohkörben oder Klotzbeuten zeigten deutsche, italienische und Krainer Bastardbienen. Gerätschaften der Imker und Honig in verschiedenen Arten und Verpackungen bewiesen den Nutzen und den Erfolg dieser Tierhaltung.

Für sein vorzügliches Wirken um die Ausstellung sprach man Pfarrer Schweizer schließlich die silberne Taschenuhr zu, die von I. K. H. Großherzogin als Ehrenpreis gestiftet worden war.

Mit einer großzügigen Geste zum Abschluß der 900-Jahr-Feier zeichnete sich schließlich am Dienstagmittag ein weiteres Mal auch Fabrikant Carl Heinrich Werner aus. Er hatte ein Mittagessen für Arbeiter organisiert, für das 500 Karten ausgegeben wurden und wofür in mehreren Lokalen gekocht und serviert worden war: Schlössle, Schnecke, Schützen, Tonhalle, Germania, Adler, Raben, Brauerei Faller und Brauerei Schilling.

 

Größte Gruppe beim 900-Jahr-Festzug waren die Zünfte: Voran Hans Kraut mit einem Ofen, dann die Träger der Zunftfahnen und Zunftladen, Zunftmeister, mit Gesellen und Lehrlingen. Vertreten beim Umzug waren Bierbrauer und Wirte, Metzger, Barbiere, Seifensieder und Seiler, Bäcker und Müller, Schuhmacher, Gerber und Sattler, Schmiede, Glockengießer,Schlosser, Maurer und Ziegler, Krämer, Schneider, Kürschner, Buchbinder, Maler und Bildhauer, Tucher, Weber und Färber, Bauleute, Zimmerleute, Schreiner, Wagner, Orgelbauer, Drechsler und Ackerbauer. Allesamt trugen die Handwerker Werkzeuge oder Erzeugnisse ihrer Zunft mit sich.

Auf dem Speiseplan standen Suppe mit Rindfleisch, Schweine- oder Kalbfleisch mit Kartoffelbrei oder Bohnen, Salat, sowie je ein Glas Bier.

Kaufmann Schleicher oblag es abschließend, all jene zu loben, die nur am Rande der Ereignisse oder im Hintergrund beteiligt waren.

Dazu zählte auch die Sanitätskolonne, der Service des Radfahrclubs von 1868 sowie der Polizei und der Gendarmerie.

Die örtliche Gastronomie hatte ebenfalls erfolgreich bewirtet: allein in der „Blume“ wurden am Sonntagmittag von 11 bis ein Uhr 400 Essen serviert und abends wieder so viele.

Vom ganz dicken Lob las man im „Schwarzwälder“ allerdings erst am Samstag der folgenden Woche:

Herzlichen Dank den Veranstaltern eines Festes, das Glanz und Stärke unserer Stadt in früheren Jahrhunderten und die Tapferkeit unserer Vorfahren der Vergessenheit entrissen haben und der ganzen Welt in Erinnerung brachten. So waren zum Gelingen alle nötig: Kaiser und Pagen, Künstler und Pferdeführer.

Kommende Generationen werden noch mit Freude und Stolz von einem großartigen Fest der Stadt Villingen reden, dessen Tage die größten waren, die ihre Mauern je gesehen hatten.

Unserer alten Zähringerstadt rufen wir zu:

Du hast Deinen alten, guten Ruf auf Neue gefestigt. Tausende und Abertausende haben sich Deiner oft bewährten Gastfreundschaft erfreut. Du hast all die großen Erwartungen übertroffen.

Blühe fort und gedeihe bis in die fernsten Zeiten und mit Dir der gesunde Bürgersinn der Einwohner und ihre Einigkeit, auf daß wir würdig der glorreichen Vergangenheit unserer Vorfahren einer freundlichen und schönen Zukunft entgegengehen.

Die Illustrationen im vorstehenden Bericht stammen aus dem Original-Programmheft zur 900-Jahr-Feier. Von dieser Broschüre hat die Buchhandlung F K Wiebelt lobenswerterweise eine Reprint-Ausgabe herstellen lassen, die Interessenten dort zum Preis von DM 11,80 erwerben können.