Villinger Sagen und Legenden (Bearbeitet von Werner Huger)

Fortsetzungsreihe 1

Herausgegeben wurden die Texte vom verstorbenen und ersten Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hans Brüstle, Verlag Rombach &- Co GmbH, Freiburg i. Br., 1977, unter dem Titel: Das wilde Heer — Die Sagen Baden-Württembergs. Das Buch ist vergriffen.

Heu und Häckerling in Geld verwandelt

Eines Abends sah ein Mann, der mit einem leeren Sack in die Mühle wollte, am Warenberg bei Villingen Heu und Häckerling liegen. In der Meinung, es habe da jemand Vieh gefüttert, füllte er den Fund in den Sack, der davon ganz voll wurde. Nachdem der Mann ihn eine Strecke weit getragen hatte, läutete die Betglocke, und alsbald wurde der Sack so schwer, daß er ihn abwerfen mußte. Da klingelte es wie von Geld. Er öffnete den Sack und fand ihn, statt mit Heu und Stroh, mit blanken Silbermünzen gefüllt.

Rettung aus Wassernot

An die sogenannte Schwedenbelagerung der Stadt Villingen im Jahre 1634 knüpft sich folgende Sage: Mit Hilfe der Brigachschleusen setzten die Schweden die Straßen unter Wasser, das mit der Zeit langsam anstieg. Der Plan, die Stadt zu überschwemmen, sollte aber nicht gelingen, denn die List eines Raubmörders von der Burg Salvest verhinderte es. Der zum Tode Verurteilte verlangte, als das Wasser höher und höher stieg, vor den Stadtrat geführt zu werden. Er gab dort an, Villingen vom Untergang retten zu können, wenn man ihm die Freiheit schenke. Das wurde ihm versprochen. Da fuhr er in einem Nachen, in dem er zwei Fässer stehen hatte, den Schleusen zu, wo die Vorposten der Schweden standen. In dem einen Fäßchen befand sich Branntwein. Daraus gab er den Soldaten zu trinken, bis sie einen Rausch bekamen und herumlagen. Dann öffnete er das andere Faß, das mit Quecksilber gefüllt war. Infolge seiner Schwere drang das Quecksilber durch die aus Erde und Holz bestehenden Schleusen und schuf dem Wasser einen Abfluß. Villingen war gerettet. Die Schweden zogen ab, dem Verbrecher aber schenkte man die Freiheit und eine Summe Geldes.

Zum Thema Wasserbelagerung 1643 hat das Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hermann Preiser, wissenschaftliche Untersuchungen angestellt. Sie liefern den Beweis, daß das Unternehmen der mit den Schweden verbündeten Württemberger mangels ausreichenden Wasserzu-flußes der Brigach während der betreffenden Jahreszeit und der Dauer der Belagerung von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Vgl. hierzu Hermann Preiser, in: Jahresheft H 1975, des Geschichts- und Heimatvereins, Seite 22 ff.

Das Nägelinskreuz bewirkt ein Wunder

Als im Schwedenkrieg anno 1633 die Württemberger Villingen angriffen, wurde die Bickenkapelle zerstört, das Nägelinskreuz aber rettete man in die Stadt. Und das war gut so, denn schon wenige Monate später kamen die Schweden selbst vor Villingen, um die Stadt zu beschießen. Die Ringmauern waren schon ein ganzes Stück weit niedergelegt, und die Feinde hätten leicht hier durchbrechen können, wenn nicht schleunigst die Lücken mit Palisaden und mit Bäumen ausgefüllt worden wären. Die Gefahr war aber immer noch sehr groß, denn es wurden bereits Feuerkugeln in die Stadt geschossen, und alsbald brach Feuer aus, das nur mühsam durch feuchte Tierhäute gelöscht werden konnte. In dieser Not trug man das Nägelinskreuz täglich in der Stadt umher. Als aber der Sturm am heftigsten war, brachte ein Franziska-nerpater das Nägelinskreuz auf den Rietturm, steckte es auf einen Schanzkorb, gerade dem Feind entgegen. Da flog eine glühende Kugel aus dem Lager der Feinde auf das Kreuz zu, prallte ab, flog ins feindliche Lager zurück und zündete einige Tonnen Pulver an, wodurch die Feinde großen Schaden erlitten. Am 5. Tag im Wonnemond wurde dann die Belagerung aufgehoben.

Über den Ursprung des wundertätigen Nägelinkreuzes berichtet in einer Legende vor allem der Villinger Stadtpfarrer Johann Jakob Riegger in seinem sogenannten Nägelinsbüchlein, gedruckt 1735 zu Rottweil.

Eine breiter angelegte Schilderung findet sich bei August Baumhauer, Villingen, „Das Villinger Nägelinskreuz Verlag unbekannt, erschienen etwa in den 1930er Jahren. Das Kreuz mit der Holzskulptur des leidenden Heilands befand sich ursprünglich in der Bickenkapelle, wo es während des Zweiten Weltkriegs geborgen wurde. Die Kapelle wurde am 20. Februar 1945 durch einen Bombenvolltreffer zerstört. (Seit 1. Mai 1976 befindet sich dort eine Gedenkstätte mit einem mächtigen Steinkreuz, nahe der Straße nach Schwenningen und bei den Bahngleisen.)

Das Nägelinkreuz befindet sich heute in der Andachtskapelle des nördlichen Münsterturms.

Pater Ungelehrt

Johann Ludwig Ungelehrt, aus Pfullendorf stammend, hatte im Dreißigjährigen Krieg als Franzis-kanerpater in Villingen gelebt. Von ihm wird folgende Geschichte erzählt:

Der Pater, nicht nur in der Theologie, sondern auch in anderen Wissenschaften, besonders in der Physik und Magie wohl bewandert, hatte sich ein künstliches Pferdchen gebaut, das in allem einem wirklichen Pferde glich, nur Hafer fressen konnte es nicht. Ein Jude, der an dem Kunstwerk Gefallen gefunden hatte, überredete den Pater, ihm das Pferdchen gegen gutes Geld zu verkaufen. Dieser überließ dem Juden das Pferd unter der Bedingung, daß er mit dem Pferd nicht durch einen Bach oder Fluß reiten dürfe. Als der Jude nun zur Stadt hinausritt und ins Bregtal kam, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auf seinem künstlichen Tier durch die Breg zu reiten, um die Wirkung des Wassers auf das Pferd zu beobachten. Allein, wer beschreibt sein Erschrecken, als das Pferd in der Mitte des Flusses plötzlich unter ihm verschwand und er sich auf einem Büschel Stroh sitzen sah, das mit ihm gemächlich talabwärts schwamm. Der Jude rettete sich ans Ufer und eilte voller Zorn in das Franziskanerkloster zurück, um den Pater zur Rede zu stellen und sein Geld zurückzufordern. Pater Ungelehrt, der das alles wohl vorausgesehen hatte, lag in seiner Zelle im Bett und stellte sich schlafend, während er einen Fuß unter der Decke hervorstreckte. Der Jude versuchte den Pater zu wecken. Als ihm das nicht gelang, packte er den herausgestreckten Fuß und zog aus Leibeskräften daran. Da blieb ihm der Fuß in den Händen hängen. Von Entsetzen gepackt, ließ er ihn fallen und rannte davon, ohne jemals wiederzukehren.

 

Die Gründung des Volksbildungswerkes der Stadt (Dr. Edith Boewe-Koob)

Villingen vor 50 Jahren

Das Leben der Villinger Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg war, wie in vielen Städten, die nicht allzu schwer vom Krieg heimgesucht wurden, hauptsächlich durch Alltagssorgen bestimmt. Zwar war die Erleichterung über das Ende des Krieges überall zu spüren, doch die lebensnotwendigen Dinge und der Versuch ihrer Beschaffung wurden für die meisten Einwohner zum großen Problem 1). Außerdem herrschte in Villingen ein erheblicher Mangel an Wohnraum durch den Zustrom von Evakuierten und Vertriebenen. Andrerseits wurde die Sehnsucht nach einer freien Entfaltung der Persönlichkeit deutlich, die jahrelang unter dem NS-Regime reglementiert und in den Grundwerten zerstört war.

Für viele Menschen war eine Neuorientierung in Religion und Kunst notwendig. Es hatten nicht alle die Stärke und Festigkeit, sich in der NS-Zeit zu ihrem Glauben zu bekennen, und zur bildenden und ausübenden, bisher verbotenen Kunst mußte erst wieder eine innere Beziehung hergestellt werden, was im Nachkriegschaos, auch in Villingen, am Anfang sehr mühsam war.

Nach dem Krieg mußten, wie die öffentliche Bekanntmachung zeigt, neben Waffen, Feldstecher, Kompasse und Fotoapparate, auch alle Rundfunkgeräte laut Erlaß der französischen Besatzung abgeliefert werden, unter Androhung: „Nichtbeachtung der Befehle kann bis zur Todesstrafe für Jedermann führen 2). Der Erfolg war, daß von 3765 bei der Post angemeldeten Geräten 3327 Geräte abgegeben wurden 3). Die Differenz war vermutlich bereits durch Kriegseinwirkungen und Plünderungen abhanden gekommen. Dadurch war die im Krieg wichtigste Informationsquelle der Bevölkerung ausgefallen und das für mehrere Jahre. „Die einheimische Firma Saba erhielt erst zum Jahresende 1947 die Genehmigung zur Herstellung von Radiogeräten aber nur für die Angehörigen der französischen Besatzungsarmee 4). Ihr Verkauf an deutsche Privatpersonen blieb ausdrücklich untersagt, und hätte strenge Strafen nach sich gezogen 5). Erst 1949 begann bei der Firma Saba eine nennenswerte Radioproduktion 6).

Da die Bevölkerung nach dem Krieg ohne Nachrichten blieb und ihre Informationen nur durch die Bekanntmachungen an den Anschlagstafeln erhielt, war das erstmalige Erscheinen des SÜDKURIER am 8. September 1945, auf einem Blatt DIN A 3, ein wichtiges Ereignis für die Region. Obwohl der SÜDKURIER am Anfang nur zweimal wöchentlich 7) erscheinen konnte, war das Interesse der Bevölkerung an den Mitteilungen groß. Der erste Bericht aus Villingen erschien in der Ausgabe vom 21. September 1945, darin wird die baldige Wiederaufnahme des Unterrichts an Volksschulen angekündigt. Der SÜDKURIER berichtete als erste Zeitung aus dem Leben der einzelnen Gemeinden 8).

Zumindest der Jugend, die in dieser Zeit größtenteils desorientiert war, kam die Initiative des am 28. April 1945 für die Verwaltung des Kreises Villingen eingesetzten, französischen Gouverneurs Pierre Robert zustatten. Der Franzose zeigte sich unter anderem für die Erziehung der Jugend sehr aufgeschlossen, auch weil er befürchtete, daß das Ideengut des Dritten Reiches einem Teil der Jugendlichen noch anhaftete 9). Auf Veranlassung Roberts bemühten sich zunächst Landrat Bien-zeisler und Dr. Gustav Heinzmann um eine Bildungsstätte 10). So wurde am 16. März 1946 das Waldschlößle als „Haus der Jugend“ eingesetzt. In diesem Haus wurde am 5. Juni 1946 offiziell im Rahmen einer Feierstunde das Volksbildungswerk gegründet.

Der französische Gouverneur bemühte sich auch, den Villinger Schulbetrieb wieder in Gang zu bringen, und unterstützte außerdem die Bildung eines „Villinger Stadttheaters 11), dessen Veranstaltungen einige Jahre gut von der Villinger Bevölkerung angenommen wurden, obwohl „die Aufführungen selten über das Provinzielle hinausgingen 12). Aber die Schauspiel- und Sängergemeinschaft konnte mit ihren Aufführungen die Besucher mit ihren Darbietungen von ihren Alltagssorgen für kurze Zeit ablenken.

Pierre Robert hatte durch seine Initiativen die Möglichkeit geschaffen, daß in dieser Zeit des Hungers, der Bezugsscheine und des Laissez-passer, des Torfstechens, um Heizmaterial für den Winter zu bekommen, sich aktive Männer entschließen konnten, dank der vorausgehenden Aktivität Dr. Heinzmanns, die Bevölkerung durch Vorträge und Konzerte von ihren täglichen Nöten abzulenken, und ihr so die Gelegenheit zur kulturellen Weiterbildung gaben.

Bei der Gründungsfeier des Jugend- und Volksbildungswerkes am 5. Juni 1946 fand neben Ansprachen des Landrats, des Bürgermeisters, der Gewerkschaften und Parteien auch ein Vortrag von Dr. Gustav Heinzmann über „Volk und Bildung“ statt 13). Die Veranstaltung wurde von Mitgliedern des Städt. Kammerorchesters musikalisch umrahmt. Unter Leitung von Studienrat Josef Maichle wurde am 7. Juni das erste Orchester-Konzert durchgeführt. Hierbei hatten einheimische Künstler die Möglichkeit, durch ihre Darbietungen dem Publikum neue Eindrücke zu vermitteln.

Eine Festwoche vom 30. Juni bis 6. Juli 1946 konnte in den Räumlichkeiten des „Waldschlößle“ zum 200. Geburtstag von Heinrich Pestalozzi durchgeführt werden, deren Leitung und Organisation Theo Koob übernommen hatte. Mittelpunkt war eine Ausstellung zu Ehren des Pädagogen aus der Schweiz, verbunden mit Konzerten und Vorträgen. Es war die erste Schweizer Ausstellung, die vom „Pestalozzianum“ in Zürich nach dem Krieg veranstaltet wurde. Die Schirmherrschaft dieser Festwoche hatte die Firma Hohner Trossingen übernommen, da bei der Stadt Villingen keinerlei Mittel zur Durchführung dieser Veranstaltungen vorhanden waren. Der Initiative der Firma Hohner ist es zu verdanken, daß diese wichtige Begegnung deutsch-schweizerischen Geistesaustausches stattfinden konnte, deren Pestalozzi-Ausstellung in Trossingen ebenfalls gezeigt wurde 14). Um auch in Villingen diese Ausstellung durchführen zu können, waren zahlreiche Genehmigungen vom Gouvernement Militaire und anderen Behörden nötig, und es war nicht immer einfach, diese Anträge bewilligt zu bekommen. Die Konzerte und Vorträge innerhalb der Festwoche wurden alle bei freiem Eintritt durchgeführt und fanden einen enormen Anklang. Durch gute Koordination und dankenswertem Engagement der Lehrer, konnte unter der Leitung von Studienrat Josef Maichle eine Schulfeier aller Villinger Schulen stattfinden. Gedichte wechselten mit Ge-sangsvorträgen und ein Schulchor unter der Stabführung von Rektor Franz Wunderlich umrahmte die Feier, deren Mittelpunkt ein Vortrag von Prof. Dr. Karl Schilling war, der über „Pestalozzi und die Gegenwart“ referierte 15). Insgesamt fanden in dieser Festwoche 8 Veranstaltungen statt mit ca. 6000 Besuchern 16).

Aus Anlaß dieser Festwoche wurde im Schulhof der Knabenvolksschule ein Gedenkstein für Pestalozzi aufgestellt. Dieser Granitfindling aus dem Schwarzwald diente im Dritten Reich als Gedenkstein an die „Arbeitsschlacht“ und war auf seiner Vorderseite mit dem Symbol des Reichsarbeitsdienstes, einem Spaten, gekennzeichnet. Laut Zeitzeugen stand der Stein an der Einmündung der Oberen Waldstraße in die Schwarzwaldstraße, und ist in der Karte der Kreishauptstadt Villingen als Denkmal (Dkm.) eingetragen 17). Unter schwierigsten Umständen wurde der Granit von Arbeitern des Werkhofes in den Schulhof transportiert. Die Plakette mit dem Portrait Pestalozzis wurde aus dem Abfall der Messingstimmzungen, die zur Herstellung der Mundharmonika (Hohner) unerlässlich sind, gegossen, und in Schwenningen, nach einer Vorgabe aus Zürich, hergestellt. Außerdem wurde die Inschrift:

 

Joh. Heinr. Pestalozzi 12. 1. 1746 — 17. 2. 1827 „Die Villinger Schuljugend 1946“ angebracht.

 

(Heute steht der Gedenkstein verwahrlost in einer Ecke des Schulhofes. Name und Daten Pestalozzis sind teilweise zerstört). Die Schule erhielt unter Edwin Nägele, dem ersten, nach dem 2. Weltkrieg, am 15. 9.1946 frei gewählten Bürgermeister der Stadt Villingen, den Namen Pestalozzi-Schule. Dieser Name wurde aber von der Bevölkerung nicht angenommen 18). Später wurde die Schule in Karl-Brachat-Schule umbenannt, zu Ehren des Rektors und CDU-Landtagsabgeordneten Karl Brachat (1952 — 1971) für den Wahlkreis Villingen 19).

Vom 30. Juli bis 5. August wurde im „Haus der Jugend“ eine Ausstellung der französischen Jugend angeboten. Nachdem Capitaine Robert am 20. Juli versetzt wurde, trat an seine Stelle Sous-Préfet De Felix. Auch er hatte, wie der französische Schuloffizier, großes Verständnis für die Belange des Volksbildungswerkes und unterstützte sie wie sein Vorgänger. Am 30. Oktober 1946 wurde Dr. Heinzmann nach Meersburg versetzt. An seine Stelle trat Dr. Rappenecker, Direktor der Handelsschule. Kurz darauf, am 29. November 1946, wurde im Haus Ackermann die Weltschau“ eingerichtet. Dort wurden vom Volksbildungswerk

Ausstellungen von Villinger und auswärtigen Künstlern veranstaltet. Alle Ausstellungen waren sehr gut besucht 20). Die von Dr. Gustav Heinz-mann geplante und vorbereitete Kunstausstellung im September/Oktober 1946 „Maler des Schwarzwaldes und der Baar“ brachte für die Besucher neue Aspekte. Diese Ausstellung faßte die Arbeiten der bildenden Künstler der genannten Regionen zusammen und viele Besucher wurden erstmals nach dem Krieg auch mit Malern moderner Stilrichtungen konfrontiert. Es war die erste Ausstellung dieser Art nach dem Krieg und „sie reichte von den älteren Naturromantikern Hans Thoma, Wilhelm Hasemann, Curt Liebich, um einige zu nennen, bis zu verstorbenen und noch lebenden Modernen 21). Auch die Villinger Maler Waldemar Flaig und Richard Ackermann waren in der Ausstellung vertreten, wobei dem Schaffen Ackermanns eine eigene Abteilung gewidmet war. In der Öffentlichkeit hatte die Ausstellung eine starke Resonanz gefunden, und besonders die Jugend war von den expressionistischen Gemälden, die lange Zeit verboten und vorenthalten waren, sehr beeindruckt 22).

Landrat Bienzeisler wurde im Februar 1947 von Dr. Diele abgelöst. In dieser Zeit zeigte neben der Stadt Villingen auch der Kreis erhöhtes Interesse an den Veranstaltungen des Volksbildungswerkes und der Vorstand setzte sich nun aus Landrat Dr. Diele, Bürgermeister Nägele und Dr. Rappen-ecker zusammen. Kurz darauf wurde Buchhändler Erwin Schick in den Vorstand aufgenommen. Als Dr. Rappenecker nach Offenburg versetzt wurde, übernahm Prof. Dr. Karl Schilling die Leitung des Volksbildungswerkes. Ab Oktober 1947 setzte sich der geschäftsführende Vorstand aus Prof. Dr. Karl Schilling, Buchhändler Erwin Schick und Musikschriftsteller Theo Koob zusammen. Ferner waren im erweiterten Vorstand Landrat Dr. Diele, der 1948 von Dr. Astfäller abgelöst wurde, und Bürgermeister Nägele tätig. Die Aufgabe des Volksbildungswerkes war die Weiterbildung und Aufklärung der Bevölkerung 23).

Erwin Schick – Buchhändler/ Geschäftsführer des VBW; Prof: Dr. Karl Schilling – Oberstudiendirektor i. R/Leiter des VBW; Theo Koob – Musikschriftsteller/Musikreferent des VBW

 

Fräulein Boos vom Städtischen Verkehrsamt führte die Listen der Mitglieder und der Kurse, sie erhob die Beiträge und verkaufte Eintrittskarten. Durch ihren selbstlosen Einsatz erwarb sich Fräulein Boos große Verdienste um das Volksbildungswerk. Seit dieser Zeit war der Träger des Volksbildungswerkes die Stadt Villingen 24).

Die Zusammenarbeit mit den maßgeblichen Offizieren der französischen Besatzung war auch unter den Nachfolgern von De Felix ausgesprochen gut, woran auch Herr Bollinger von der französischen Delegation in Villingen wesentlichen Anteil hatte 25). Die Franzosen nahmen regen Anteil an den Aktivitäten des Volksbildungswerkes.

Aus diesen Anfängen, der Bevölkerung in einer heute kaum noch vorstellbaren Zeit Kultur zu vermitteln, entwickelte sich das Volksbildungswerk unter seinem Vorstand weiter. In jedem Arbeitsjahr wurden neben den Vorträgen auch Opern, Operetten und Schauspiele angeboten 26).

Das Programm des Volksbildungswerkes enthielt ein breitgefächertes Angebot. Schon im Februar 1948, noch vor der Währungsreform, konnte das Reutlinger Symphonie-Orchester unter Leitung seines Dirigenten Hans Grischkat verpflichtet werden. Konzerte mit dem Südwestfunkorchester, Kammermusikabende und Solistenkonzerte, um nur einen Teil zu nennen, konnten alle eine hohe Besucherzahl verzeichnen. Sie zeugen von dem starken Bedürfnis der Bevölkerung, neben den Sorgen um das tägliche Brot und andere lebensnotwendige Dinge, sich mit Kultur und Kunst auseinanderzusetzen. Wie stark die Anteilnahme der Villinger Bürger an den Veranstaltungen war, zeigt sich in einem Aufruf des Volksbildungswerkes, Übernachtungsmöglichkeiten für die auswärtigen Künstler zur Verfügung zu stellen, was auch von der Bevölkerung, unabhängig von der großen Wohnungsnot, angenommen wurde. Trotzdem hatten auch einheimische Künstler weiterhin die Möglichkeit, sich in Konzerten und Ausstellungen zu profilieren. Das wurde in den ersten Jahren nach dem Krieg nicht nur aus Ersparnisgründen von den Verantwortlichen gefördert, sondern auch um die Kontakte der Bevölkerung untereinander, auch die der Künstler, zu intensivieren.

Bereits im Jahr 1948 hatte das Volksbildungswerk 1000 Mitglieder, die trotz, oder wegen der schweren Zeiten zahlreich an den kulturellen Veranstaltungen teilnahmen. Daneben wurden in Vorträgen den Interessierten neue Eindrücke vermittelt (z. B. von Richard Ackermann „Wesen und Sinn künstlerischen Schaffens“) 27), wie auch fremde Länder und Kulturen durch Lichtbildervorträge dem Publikum nahe gebracht wurden. Im Veranstaltungsplan des Volksbildungswerks für das Jahr 1950/51 erfolgte ein Rückblick auf das Arbeitsjahr 1949/50. Demnach fanden in diesem Jahr insgesamt statt:

14 Vorträge

(Sozialpolitik, Staatsbürgerkunde, Medizin, Literatur, Heimatkunde, Technik)

7 Farblichtbildervorträge

(Kunst, Erdkunde, Expeditionen, Natur- und Heimatkunde)

6 Konzerte

(Beethoven: IX. Symphonie, 2 weitere Sym-phoniekonzerte, 1 Kammerkonzert, 1 Schüler-und 1 Chorkonzert)

2 Theater-Gastspiele des Tübinger Städtetheaters

2 Jugend-Diskussionsabende (Jugendforum)

1 Fahrt zur Rembrandtausstellung nach Schaffhausen

24 Unterrichtskurse

(Französisch, Englisch I/II, Buchführung I/II, Spanisch, Esperanto, Kurzschrift I/II, Photographie, Plakat- und Kunstschrift, Literaturkunde, Philosophie und Hauswirtschaft)

Die Gesamtzahl der Hörer und Besucher betrug in diesem Jahr annähernd 11.000 Personen 28). Das war für die damalige Zeit eine enorme Leistung. Kaum jemand hatte genügend Geld, und die niedrigen Eintrittspreise wurden oft vom Mund abgespart. Aber der Hunger nach lang entbehrten, kulturellen Veranstaltungen war so groß, daß damals die Konzerte und die Vorträge nicht aus Prestige, wie es heute häufig der Fall ist, sondern aus innerem Bedürfnis, besucht wurden.

In den folgenden Jahren wurde das Angebot des Volksbildungswerkes erweitert. Ein Titelblatt der ersten Jahre und Veranstaltungspläne des Volksbildungswerkes sollen die ansprechende Gestaltung der Programmhefte wiedergeben, die in Villinger Druckereien hergestellt wurden, und heimatliche Motive zeigen.

 

Eine Seite aus dem Jahresheft 1964/65

 

 

Es ist bewundernswert, daß die Gründer des Volksbildungswerkes in der ersten Nachkriegszeit den Mut und die Kraft aufbrachten, diese Institution ins Leben zu rufen. Alle Vorstandsmitglieder arbeiteten ehrenamtlich neben ihrem Beruf oft bis in die Nacht. Ich habe als Kind miterlebt, wie mein Vater oft nächtelang auf einer Vorkriegsschreibmaschine die Angebote der Künstler bearbeitete, denn es war nicht immer leicht, qualitativ hochstehende Veranstaltungen zu günstigen Preisen dem Publikum anzubieten.

Dieser Rückblick zeigt, daß es auch in schwierigster Zeit möglich war, durch den Idealismus der Verantwortlichen, dem Villinger Publikum Kultur zu vermitteln. Zur Erinnerung hieran ist es der Stadt vielleicht möglich, den Pestalozzi-Stein an einen würdigeren Platz zu stellen (eventuell in die nahen Ringanlagen), denn er ist auch im jetzigen Zustand ein Stück Villinger Geschichte.

Vom Vorschußverein zur Regionalbank (Wilfried Heupel)

Villinger Volksbank seit 129 Jahren vor Ort

Von 69 Bürgern gegründet

Die Gründung einer Bank schoben die Villinger nicht auf die lange Bank. Also machten sich 69 Bürger ans Werk und hoben am 19. März 1867 einen genossenschaftlichen Vorschußverein aus der Taufe. Das war zugleich die Geburtsstunde der Villinger Volksbank, die sich demzufolge jetzt im 129. Jahr ihres Bestehens befindet.

Natürlich war der Villinger Vorschußverein ein Kind seiner Zeit. Nichts steht für sich allein, alles hingegen im Zusammenhang. Die Volksbank ist nicht denkbar ohne die gesellschaftspolitischen Einflüsse und Herausforderungen zur Zeit ihrer Gründung, so auch der entwickelten und schließlich in die Tat umgesetzten genossenschaftlichen Ideen. Sie ist nicht denkbar ohne die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Und sie ist nicht denkbar ohne den begreiflichen Wunsch nach einer finanziellen Basis all jener, die entschlossen waren, die Chancen, die ihnen die gesellschaftliche Veränderung bot, privatwirtschaftlich zu nutzen.

Was für die Gründungszeit gilt, trifft ebenso für die gesamte Folgezeit zu: Entwicklung bedeutet Veränderung; entwickeln kann sich demzufolge nur, was sich verändert. Die Entwicklung der Villinger Volksbank zur größten Kreditgenossenschaft in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ist die Folge der organischen Veränderung, die es ermöglicht, stets die aktuellen Aufgaben zu meistern. Für den Bestand eines Unternehmens ist die Gründung Voraussetzung, aber eine Gründung ist nicht die Garantie für den Bestand. Auch an der fast 130jährigen Geschichte der Volksbank wird deutlich, daß alles zu seiner Zeit ein Teil der Entwicklung ist: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Teilhaber, die Kundschaft, die Bevölkerung, die Stadt, das wirtschaftliche Umfeld, die sozialen Gegebenheiten. Kurz: Das Zusammenwirken aller internen und externen Kräfte.

Die Idee, einen Vorschußverein in Villingen zu gründen, stammt von Bürgern dieser Stadt. Sie wurde also nicht von außen in die Stadt hineingetragen, sondern entstand in der Mitte des Gewerbevereins aus der Notwendigkeit, eine vor Ort ansässige Genossenschaftsbank zu etablieren. Deutlich war zu diesem Zeitpunkt, daß es im damaligen mittelständischen Gewerbe an allen Ecken und Enden an Investitionskapital mangelte. Zur Finanzierung unbedingt vorzunehmender Anschaffungen waren keine Mittel vorhanden. Hilfe von „außen“ war nach abschlägigen Bescheiden im Jahre 1865 durch den badischen Handelstag in Karlsruhe, in Villingen eine Filiale der unter staatlicher Aufsicht stehenden Badischen Bank anzusiedeln, nicht zu erwarten. Da kam den Villinger Gewerbetreibenden das in diesen Jahren ganz hoch im Kurs stehende genossenschaftliche Gedankengut des Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen wie gerufen: Hilfe durch Selbsthilfe!

Die 69 Gründungsmitglieder des Villinger Vorschußvereins, dem Vorläufer der Volksbank, sind namentlich bekannt. Diese Namensliste macht schnell klar, daß sich der hiesige Gewerbeverein voll und ganz in diesen Vorschußverein einbringt. Da ist der Kaufmann Ferdinand Stocker, der Vorsitzende des Gewerbevereins, der dann im Vorschußverein das Amt des Kontrolleurs übernimmt. Da sind ebenso Franz Josef Dold und Joseph Ignaz Ummenhofer, die der Kommission des Gewerbevereins zur Filial-Ansiedlung der Badischen Bank angehörten, die allerdings mit ihrem Anliegen auf wenig Gegenliebe stieß. Es sind angesehene Bürger aus Villingen und Umgebung, die die Gründung vornehmen.

Rückblickend auf das, was am 19. März 1867 geschah, wird 1917 zum 50jährigen Bestehen des Vorschußvereins schriftlich vermerkt: „Die damals schon beginnende Entwicklung der Großindustrie in Verbindung mit den sich immer mehr sammelnden und in den Dienst der Großindustrie stellenden Kapitalkräfte drückten immer schwerer auf den Mittelstand in Deutschland, auf Handel und Gewerbe, so daß nur durch den Zusammenschluß größerer Verbände und Schaffung gemeinsamer Betriebsmittel der notwendige Ausgleich und zugleich damit das kräftig wirkende Gegengewicht geschaffen werden konnte.“ 1)

Verarmung des Mittelstandes

Die Gefahr, die sich damals auch im Schwarzwald abzuzeichnen begann, nachdem sie bereits die östlichen, nördlichen und westlichen Landesteile Deutschlands weitgehend erfaßt hatte, war eindeutig und nicht zu übersehen: Verarmung und daraus resultierende Beseitigung des Mittelstandes. „Nachdem die Zünfte als veraltet in Verfall geraten und an ihre Stelle die Gewerbefreiheit mit ihren Licht- und Schattenseiten getreten war, nachdem Dampfkraft und andere Errungenschaften der Wissenschaften, die unaufhaltsamen Fortschritte auf dem Gebiet des Maschinenwesens eine vollständige Änderung im Erwerbs- und Wirtschaftsleben hervorgerufen hatten, trat die soziale Frage in den Vordergrund“, heißt es 1917 zu den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. 1) In Baden wurde 1862 die Gewerbefreiheit eingeführt. Bei allen heutigen Nachforschungen kristallisiert sich letztlich eine Frage als besonders bemerkenswert heraus: Warum entschlossen sich die führenden Mitglieder des Gewerbevereins damals dazu, statt an dem Ziel festzuhalten, eine staatliche Filial-Bank nach Villingen zu holen, nun selbst einen genossenschaftlichen Vorschußverein zu gründen? Sie übernahmen nämlich damit eine Vorreiterrolle im Schwarzwald, worüber sie sich bestimmt sehr wohl im klaren waren. Warum verabschiedeten sie sich also innerhalb von nur zwei Jahren von der Aktiengesellschaft und begeisterten sich für die Genossenschaft?

Zwei Ursachen waren aller Wahrscheinlichkeit nach ausschlaggebend. Zum einen gab es zu diesem Zeitpunkt bereits gute Genossenschafts-Bei-spiele in Preußen, Sachsen, Thüringen — und ebenso in Baden. Man konnte sich also ausreichend informieren und hat das auch sehr ausgiebig getan. Zum andern hatte die genossenschaftliche Struktur einen ganz entscheidenden Vorteil, der dem Naturell der Gewerbetreibenden entgegenkam: Der Vorschußverein war selbständig und demzufolge frei von jeglicher staatlicher oder wie auch immer gearteter Gängelei. Gerade dieser Punkt —der wirklichen und nicht etwa verkappten privaten Hilfe durch Selbsthilfe — mag den initiativen und engagierten Mitgliedern des Gewerbevereins in besonderer Weise entsprochen haben. Er kam dem Wunsch nach Eigenständigkeit am stärksten entgegen. Und: Eine solche Einstellung zeugt ebenso vom großen Mut zum Risiko, das sich aus einer solchen Unternehmung damals ebenfalls ergab. Der Vorteil war indes nicht zu übersehen, weil eine solche Bankeinrichtung prompt verwirklicht werden konnte und man nicht nochmals beim badischen Handelstag in Karlsruhe anklopfen und betteln mußte. Denn Eingaben zur Errichtung einer Filial-Bank und die Ablehnung einer solchen Bitte hinterließen verständlicherweise bei den heimischen Gewerbetreibenden den Eindruck, in den Augen der „Carlsruher“ nicht kreditwürdig zu sein.

Der Weg der genossenschaftlichen Selbsthilfe bestand denn auch vor allem in der nicht zu unterschätzenden psychologischen Wirkung, vom Kreditunwürdigen zum Kreditwürdigen zu führen. Mit der Genossenschaft wurde dem Bürger nicht nur Kredit gegeben, sondern ebenso ein hohes Maß an Selbstachtung, Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl. Ein selbstbewußtes Bürgertum, das sich zu einem wesentlichen Teil aus dem gewerbetreibenden Mittelstand rekrutierte und das in dieser Zeit Verarmung und Schmach durch industrielle Umwälzungen hatte erdulden müssen, reagierte aus verständlichen Gründen auf ablehnende Bescheide besonders sensibel.

 

Das Geschäftslokal des Vorschußvereins in der Rietstraße 20-22. Ab 1896 befand sich hier die Hauptstelle des Vorschußvereins —der Volksbank — bis Ende 1984. Am Gebäudeteil Rietstraße 20 weist noch heute ein Wappenschild auf die früheren Besitzer hin, die „Zunft der ehrsamen Müßiggänger“. Gemälde von Albert Säger 1917 / 18.

 

Die damals aktuelle Notwendigkeit dafür, sich rasch und unverzüglich mit der Etablierung des Vorschußvereins zu beschäftigen, ergab sich sicherlich aus dem sich endlich abzeichnenden Bau der Eisenbahn. Nach fast 30jährigen Bemühungen war es gelungen, die zuständigen Instanzen für die Anbindung Villingens zu begeistern. „Einen ständigen und zähen Befürworter fand die Stadt in dem zuständigen Landtagsabgeordneten, dem Donaueschinger Apotheker Ludwig Kirsner, der sich unermüdlich für die Belange der Verkehrserschließung der Baar einsetzte. Sein Name wäre heute vergessen, hätte die Stadt Donaueschingen nicht eine Straße nach ihm benannt.“ 2)

Eine erfreuliche Erscheinung

Nur wenige Monate nach Gründung des Vorschußvereins erschien am 13. Juni 1867 ein Bericht im „Der Schwarzwälder“, der die Funktion des Vereins bestens beschrieb und gleichzeitig ein gutes Stück Öffentlichkeitsarbeit beweist: „Eine der erfreulichsten Erscheinungen unserer Zeit bildet das segensreiche Gedeihen der vielen, seit 13 Jahren in Deutschland entstandenen Vor-schußvereine, welche nach dem Plane von Schul-ze-Delitzsch dem kleinen und mittleren Handwerksbetriebe das Kapital verschaffen … Es bestanden wohl früher und bestehen zum Teil daneben noch Anleihe- und Sparkassen; allein deren Wesen und Verhältnis ist ganz anderer Art wie jenes der Vorschußvereine. Während bei ersteren der Geldsuchende nur Schuldner ist, ist er bei letzteren auch zugleich Mitaktionär, Mitteilhaber des Unternehmens, Mitglied des darleihenden Vereins. Die Vorschußvereine sind die Selbsthilfe gegen das große Kapital und gegen Wucherzinsen; sie beruhen auf gesunden volkswirtschaftlichen Grundsätzen und dienen ebenso den Gewerbetreibenden wie den kleinen Landwirten.

 

Das Hauptgeschäft der Volksbank eG Villingen am Riettor. Das Bankgebäude wurde im Januar 1985 bezogen, nachdem das ehemalige Zentralkaufhaus (ZK) von Grund auf umgebaut und neu gestaltet worden war.

 

Die Lichthof-Galerie in der Volksbank: Seit mehr als zehn Jahren Ort der Begegnung bei monatlich wechselnden Ausstellungen überwiegend heimischer Künstler.

 

Die Mitglieder der Vorschußvereine haben zur Bildung und Verstärkung des Betriebskapitals je monatlich einen Beitrag von 12 — 18 Kreuzern zu entrichten, alle Mitglieder haften außerdem für etwa von dem Vereine selbst bei dritten aufgenommene Darlehen; Vorschüsse werden nur an Mitglieder des Vereins, und zwar nur an solche Mitglieder geleistet, die weder mit einem früheren Vorschuß noch mit einem Beitrage im Rückstand sind und deren Person die nötige Sicherheit für die Rückzahlung bietet. — Ob insbesondere Letzteres der Fall ist, darüber entscheidet der von der Generalversammlung gewählte Ausschuß. Der durch den meist fünfprozentigen Zinsertrag der geleisteten Vorschüsse erzielte Reingewinn wird — nach einem Abzuge für einen Reservefond — als Dividende den Mitgliedern nach der Größe ihrer Beträge gutgeschrieben.“ 3)

Der Vorschußverein begann in sehr bescheidenen Verhältnissen. Das eigentliche Kapital, worüberer verfügte, war die Ehrlichkeit der Mitglieder und die Pünktlichkeit, mit der die Beiträge eingezahlt wurden. „Das Jahr 1867 brachte dem Verein bereits erhebliche Eingänge an Kapital, das ihm anvertraut wurde, so daß es schon in diesem Jahre möglich war, Vorschüsse im Betrage von fl. 9.405, an die Mitglieder abzugeben und gewünschte Kapitalrückzahlungen in größeren Beträgen zu machen. Die Mitgliederzahl betrug Ende des Jahres 1868 83, der Gesamtumsatz war fl. 36.769,10.“ 1)

Aller Anfang ist schwer — das gilt auch für den Vorschußverein. Begünstigt wurden die Anfänge durch die positive Konjunkturperiode zwischen 1868 bis 1874, bei der die 1871 vollzogene Reichsgründung Bismarcks sicherlich keine untergeordnete Rolle spielte. Doch schon in den Jahren 1874/75 bahnt sich eine Wirtschaftskrise größeren Ausmaßes an, die vor allem eine Folge der vorausgegangenen sogenannten Gründerzeit mit ihrem rigorosen Wirtschaftsliberalismus war und rund zwei Jahrzehnte andauerte.

Kein Zuckerschlecken

Auch die Zeit danach bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges war kein Zuckerschlecken, diente aber in einer Phase der wirtschaftlichen Ruhe der bankinternen Konsolidierung. Ihre eigentliche Bewährungsprobe hatte die Bank indes in den Jahren zwischen 1914 und 1918 zu bestehen. Von Einlegern und Mitgliedern wurden außergewöhnliche Liquiditätsansprüche an sie gestellt. Die Entscheidungen der früheren Jahre, die Reserven des Vorschußvereins soweit wie möglich zu stärken, erwiesen sich indes jetzt als segensreiche Maßnahme. Alle Zahlungen konnten geleistet werden. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß man sich vom Krieg und seinen Folgen nur sehr langsam erholen konnte. Erst 1929 wird im Einlagenbereich und bei den Ausleihungen nominell wieder der Stand von 1911 erreicht.

Im Jubiläumsjahr 1917 stand ein Mann bereits 23 Jahre lang an der Spitze des Vorschußvereins Vil-lingen, der nicht nur seiner Amtsjahre wegen eine herausragende Persönlichkeit war: Direktor Joseph Schleicher. Außer Hauptlehrer Raimund Burger — Amtszeit von 1880 bis 1891 — waren alle Direktoren höchstens drei Jahre, meistens aber nur ein Jahr im Amt gewesen. Das lag sicherlich daran, daß diese Funktion bis zum Zeitpunkt von Schleichers Eintritt lediglich ehrenamtlich besetzt wurde. Mit Schleicher übernahm ein Mann das Vorstandsamt, der sich als Mann der Genossenschaft vom Scheitel bis zur Sohle verstand.

Der verdienstvolle langjährige Direktor Joseph Schleicher (1895-1925) mit Gattin. Fotografie vom 21. 10. 1917

 

Gerade zum Ende des vorigen Jahrhunderts und auch noch zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten sich die Kreditgenossenschaften etlicher Annäherungsversuche zu erwehren, die in den Bestrebungen bestanden, die Kreditgenossenschaften den ortsansässigen Sparkassen oder Bank-Aktiengesellschaften zuzuschlagen. Daran waren die zuständigen Regierungsstellen nicht ganz unbeteiligt. Das mag daran gelegen haben, daß die Genossenschaften nicht wenigen Politikern ein Dorn im Auge waren, weil jede Neuorientierung des gemeinschaftlichen und demokratischen Zusammengehens zunächst einmal auf erhebliches Mißtrauen stieß. Kreditgenossenschaften sind von Beginn ihres Bestehens an demokratisch strukturiert. Derartige Strukturen waren damals nicht jedermanns Sache.

Joseph Schleicher machte — salopp formuliert —aus dem Bänkle eine Bank, formte den Vor-schußverein zu einer Institution, sprach auch erstmals von einem Unternehmen und verlieh den Aktivitäten bankeigene Professionalität.

Entwicklung vollzieht sich nicht linear, sie besteht aus Umwegen, aus Versuchen, aus der ständigen Lernfähigkeit, aus der permanenten Suche nach dem besten Weg. Überaus zahlreiche Personen und Persönlichkeiten wirken in den einzelnen Epochen an der Entwicklung mit. Daß der Weg das eigentliche Ziel ist, ergibt sich aus dem Anfang: Alles beruht auf dem Vergangenen und ist demzufolge die Grundlage für das Gegenwärtige. Die Zukunft selbst, also der weitere Weg, ist völlig offen. Und genau darin liegt die große Chance. So entstand auch die Volksbank, die die Höhen und Tiefen der 20er Jahre überstand und beispielsweise 1923 eine Inflationsbilanz von 74.124.546.823.000.000 Mark auswies. Darin zeigt sich letztlich, daß selbst absolute Zahlen immer relativierbar sind. Denn zwei Jahre später bilanzierte die Bank — nach vollzogener Währungsumstellung — gerade mal noch 1.011.541 Reichsmark.

Vorstand und Aufsichtsrat (AR) des Vorschußvereins Villingen am 17. März 1918: (sitzend v. 1. n. r.) Fr. Jos. Schmid AR, Schloß AR, Direktor Joseph Schleicher, AR-Vorsitzender M Oberle, 1. Görlacher AR, G. Schönstein AR, (stehend v. n. r.) Nägele AR, Kontrolleur E. Steinwede, Kassierer E. Minnich, C. Beha AR.

Das gleiche Bild zeigte sich dann zwei Jahrzehnte später, als 1945 die Bilanz den Betrag von 20.900.000 Reichsmark aufwies, während 1949 nach der Währungsreform nur noch ein Zehntel dieser Summe zu registrieren war. Diesmal allerdings in D-Mark, die sich in den folgenden Jahrzehnten zur europäischen Leitwährung mauserte und an der sich auch die Nachkriegsgeschichte der Volksbank mit ihrer steilen Aufwärtsentwicklung ablesen läßt.

Rasante Entwicklung

Ein Unternehmen zieht Kreise, was sich ebenso von der Volksbank behaupten läßt. Ausgehend von Villingen, wird sie zunehmend Teil des Schwarzwaldes und der Baar. Zum Jahresbeginn 1927 war auf Wunsch und Betreiben der dortigen Geschäftswelt in St. Georgen eine Filiale gegründet worden. Im Jahr des 100jährigen Bestehens —also 1967 — kam die Volksbank Donaueschingen, die 1926 als Gewerbebank gegründet worden war, zur Villinger Volksbank. Bereits am 1. April 1963 war die Filiale Blumberg eröffnet worden. Die Bank war also schon vor der Kreis- und Gemeindereform im Jahre 1972 in den damals noch selbständigen Landkreisen Villingen und Donau-eschingen präsent. Sie ist tatsächlich im Schwarzwald und auf der Baar daheim! Und am „Vorabend“ des 125jährigen Bestehens kam es dann 1991 zur Verschmelzung der Villinger Volksbank mit der Spar- und Kreditbank Donaueschingen/Villingen. Die Verbindung zwischen diesen beiden Städten hatte sich zudem am 19. Dezember 1938 ergeben, als die Spar- und Kreditbank mit der gleichnamigen Bank in der Zähringer-Stadt fusionierte. Heute lautet der offizielle Name „Volksbank eG, mit Sitz Villingen-Schwenningen“. Im allgemeinen heimischen Sprachgebrauch ist und bleibt sie indes die Villinger Volksbank, zumal sie — wie bestimmt vielen älteren Bürgerinnen und Bürgern erinnerlich — von 1920 bis 1944 die noch lokalere Bezeichnung „Villinger Bank“ trug. Der Name „Vorschußverein“ hatte immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert lang Bestand. Die Namensgebung ist — wenngleich man sie nicht überbewerten darf — ein Indiz für die Entwicklung, die schließlich zur heutigen Regionalbank führte. Sie setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein und intensivierte sich ab den 60er Jahren. 1960 lag die Bilanzsumme bei rund 25 Millionen DM, 1995 betrug sie 1,6 Milliarden DM. Sie hat sich also um mehr als das Sechzigfache vergrößert. Daß in dieser Zeit sämtliche modernen elektronischen Bankeinrichtungen mit Riesenschritten in der Volksbank Einzug hielten, läßt sich allein schon daran ermessen, daß der Personalbestand keineswegs diese Steigerungsrate vorzuweisen hat, was schon wegen der Unterbringung gar nicht möglich wäre. Wohl aber war auch hier ein kräftiger Zuwachs zu verzeichnen. Die gegenwärtige Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beträgt rund 320 — sie hat sich stabilisiert. Nahm also in dreieinhalb Jahrzehnten die Bilanzsumme um mehr als das Sechzigfache zu, so der Personalbestand lediglich um das Vierfache. Ohne eine hochmoderne technische Ausstattung, die ständig ergänzt oder erneuert wird, wäre die umfassende Dienstleistung nicht zu erbringen. Genauer: Die Technik schafft personelle Kapazitäten für die persönliche Beratung und Betreuung der Kunden, für die professionelle Ausrichtung im Markt.

Die Expansion der Volksbank verdeutlicht sich ebenso eindringlich wie anschaulich an weiteren zwei Punkten: An der hohen Mitgliederzahl, also an der Zahl der Bankteilhaber, und an den Gebäuden.

28.000 Mitglieder

Es waren 69 Mitglieder, die den genossenschaftlichen Vorschußverein als gleichzeitige Teilhaber im Jahre 1867 gründeten. 50 Jahre später zählte der Bankverein rund 600, beim 100jährigen Jubiläum schließlich 8.000. Bis 1990 verdoppelte sich diese Zahl — und heute sind es sage und schreibe 28.000 Volksbank-Mitglieder. An Kunden zählt die Bank rund 100.000.

Beteiligungs-Erklärung— die Volksbank-Mitglieder sind Teilhaber; das wird durch die Zeichnung des Geschäftsanteils dokumentiert. Die Volksbank hieß von 1920 bis 1944 „Villinger Bank«.

Was die Gebäude angeht, stand die Wiege der Volksbank wechselweise in den Privatwohnungen der jeweiligen Kassierer Ernst Dold und Gustav Killy. Danach mietete der Verein ein kleines Geschäftslokal im Haus von Ernst Schönecker, wo die Geschäfte von 1874 bis 1896 betrieben wurden. „Nunmehr erwies sich der bescheidene Raum als zu klein, wir mieteten im ehemals C. H. Wernerschen Haus das untere Stockwerk mit drei Räumen, womit wir uns behelfen mußten, bis es uns gelang, dieses für uns sehr günstig gelegene Gebäude käuflich zu erwerben.

 

Die Vorstandssprecher und Bankdirektoren Dr. Volker Lindner (links) und Siegfried Wolber (rechts) mit Ministerpräsident Erwin Teufel anläßlich des Festaktes zum 125jährigen Volksbank-Bestehen im Villinger Franziskaner-Konzerthaus.

 

Doch auch diese Räume wurden bald zu eng, und somit schritten wir im Jahr 1906 zu einem umfassenden gründlichen Umbau, dem wir einen einstöckigen Anbau anfügten …“ 1) Es handelt sich um das Haus Riet-straße 22, das — gemeinsam mit dem Gebäude Rietstraße 20 — bis Ende 1984 Heimat der Volksbank war. Alles unter einem Dach zu haben und damit eine höhere Arbeitseffizienz zu erzielen, war die Absicht, als das ehemalige Zentralkaufhaus am Benediktinerring erworben und dann vollständig umgestaltet wurde. Im Januar 1985 zog die Bank von der Rietstraße vor das Riettor — die Adresse: „Am Riettor 1“. Neu- und Umgestaltungen der Bankgebäude erfolgten ebenso in St. Georgen, Donaueschingen, Blumberg und Geisingen.

Die Volksbank in St. Georgen am Bärenplatz. Im Jahre 1927 wurde auf Wunsch zahlreicher Gewerbetreibender in der Bergstadt eine Filiale der Villinger Volksbank eröffnet. In Donaueschingen wurde die genossenschaftliche Spar- und Kreditbank im Jahre 1870 gegründet, also vor immerhin 126 Jahren. 1991 erfolgte die Fusion mit der Villinger Volksbank, die schon seit 1926— ursprünglich mit der Bezeichnung „Gewerbebank“— dort ansässig war.

 

Kein anonymes Gebilde

Die Volksbank eG ist kein anonymes Gebilde, keine namenlose Einrichtung. Von der Gründung bis heute verbinden sich mit ihr bekannte Personen, durch die letztlich die Bank „persönlich“ wird. Die Fülle erlaubt nur einen Auszug bei den Vorstandsmitgliedern: Oberamtmann Karl Heinrich Baader und Ernst Dold, Ferdinand Stocker und Ignaz Joseph Ummenhofer, Notar Ludwig Bauer und Gustav Killy in den Anfangsjahren. Dann die Zeit des eigentlichen Aufbruchs mit Joseph Schleicher, Ernst Minnich, Erich Steinwede und Carl Baumann. Und schließlich die rasante Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg bis hinein in die 60er Jahre mit Johannes Isslei, Fritz Minnich, Christian Trautwein, Josef Huger und Josef Schmidt. Dann die neue Etappe mit Beginn des „elektronischen Zeitalters“ und dem Weg zur Regionalbank mit Christian Burgbacher, Siegfried Wolber und Dr. Volker Lindner, der bis 1983 tatkräftiger Finanz-Bürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen gewesen war. Auch daran wird deutlich, wie tiefgreifend die Verbindungen zwischen Stadt und Land, Bevölkerung und Volksbank sind.

Die Volksbank steht in ihrer fast 130jährigen Geschichte für Kontinuität, sie ist Teil dieser Region. Von Personen des Mittelstandes gegründet, hat sie sich den mittelständischen Anliegen im Verlauf ihres Bestehens stets geöffnet. Als Genossenschaftsbank auf privatwirtschaftlicher Basis ist sie zu einem modernen Unternehmen für Finanzdienstleistungen geworden: bürgernah, kundenorientiert, wirtschaftsfördernd!

Quellenangaben:

Joseph Schleicher: Vorschuss-Verein Villingen e. G. m. u. H. Villingen. 1867 —1917: Jubiläums-Denkschrift.

Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen. Band 2: Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. und 20. Jahrhunderts. Hrsg. Geschichts- und Heimatverein Villingen e. V.

Joseph Schleicher: Vorschuss-Verein Villingen e. G. m. u. H. Villingen (1917);

Wilfried Heupel: Villinger Volksbank. Ihre Bank. Hrsg. Villinger Volksbank eG. (1985).

 

Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald (Wolfgang Berweck)

Erinnerungen und Erkenntnisse

Zweiter Teil

Das Spital und seine Insassen

Die Fürsorge für die Armen und Kranken in der Stadt war die ursprüngliche und eigentliche Aufgabe des Spitals. In den Gründungsjahren kam es insbesondere darauf an, die wirtschaftlichen Verhältnisse des Spitals so zu stärken, daß es schließlich die Last der städtischen Fürsorge selbständig tragen konnte.

Später nahm das Spital auch solche Personen auf, die auf Fürsorgeleistungen nicht angewiesen waren, weil sie selbst vermögend waren. Diese wollten durch entsprechende Zuwendungen an Grundstücken und später auch Zahlung von Geld sich im Spital gegen alle Zufälligkeiten des Lebens sichern. Zwar hat das Spital immer auch seine fürsorgerische Aufgabe für die Armen und Kranken erfüllt, aber für die Spitalwirtschaft wurde die Aufnahme wohlhabender Pfründner von immer größerer, wirtschaftlicher Bedeutung. In anderen Orten, wie zum Beispiel in Freiburg, hat dies gar dazu geführt, daß die Spitäler in ein sogenanntes Bürgerspital und in ein Armenspital aufgeteilt wurden. So war es in Villingen nicht. Im alten Spitalgebäude — um es zu wiederholen, das heutige Alte Kaufhaus — waren alle Spitalinsassen untergebracht, allerdings in verschiedenen Räumen. Da es zunächst an solchen wohlhabenden Pfründnern fehlte, war das Spital in hohem Maße auf die Mildtätigkeit begüterter Bürger angewiesen. Diese haben dann im Glauben an die rechtfertigende Kraft von Almosen in großem Umfang zum Teil sehr reiche Schenkungen zugunsten des Spitals gemacht, die sein Vermögen bald beträchtlich anwachsen ließen. Nicht selten haben solche Stifter versucht, durch ihre Stiftung über ihren Tod hinaus den Spitalinsassen eine unmittalbare, praktische Verbesserung ihrer Lebensumstände zu verschaffen, etwa indem die Stiftung mit der Auflage versehen wurde, daß man den Stiftungsertrag für Essen und Trinken verwenden solle, und zwar solle man das kaufen, was die armen Leute im Spital an liebsten hätten.

Andere Stifter ordneten an, daß mit ihrer Stiftung die Kleidung der Spitalinsassen gewaschen werden solle. Wiederum andere bestimmten, daß ihre Stiftung nicht etwa zum Ankauf von Liegenschaften, sondern zur Zubereitung besonderer Speisen für die Spitälinge verwendet werden müßten, die von der üblichen Ernährung nicht gut leben könnten. Wieder andere Stifter verfügten, daß mit ihrer Stiftung in der unteren Stube des Spitals ein Licht zur Nachtzeit unterhalten werde.

Schon bald aber, beginnend mit einer ersten Urkunde aus dem Jahre 1316, wurde der Abschluß von Leibrenten und Pfründverträgen für das Spital eine wichtige Einnahmequelle.

Die Verträge waren sehr vielfältig ausgestaltet, etwa daß in Form eines Nießbrauches die Früchte von übereigneten Grundstücken dem Pfründner überlassen werden mußten, solange er bzw. seine Frau lebte, daß gegen Hingabe von Geld oder Grundstücken das Spital sich verpflichtete, wöchentlich einen oder mehrere Brotlaibe zu liefern. Während die Berechtigten aus solchen Verträgen in der Regel nur eine lockere Bindung zum Spital eingingen, war dies bei den eigentlichen Pfründnern ganz anders. Diese unterlagen einer recht straff gehandhabten Anstaltsordnung, von der Ausnahme und individuelle Sonderbehandlung zwar möglich, aber nur gegen entsprechende Bezahlung zugestanden wurden. Leider sind von diesen Pfründverträgen nur noch eine verhältnismäßig geringe Anzahl bei den Spitalurkunden vorhanden. Ich nehme an, daß sie beim Tod des Pfründners aussortiert wurden. Wenn Verträge in einem Urbar — und hier ist eines von 1379 von besonderer Bedeutung — zitiert sind, fanden sich die entsprechenden Vereinbarungen durchgestrichen und mit dem Vermerk „ist todt“ versehen. Nur wichtige Pfründverträge oder solche, die vielleicht als Muster dienten, wurden länger aufbewahrt, so zum Beispiel der für den Erwerb des später „Spitalhof“ genannten Nußbacherhofes.

Nachstehend sei ein kurzer Überblick über die Vielfalt der möglichen Verträge gegeben.

Von besonderer Bedeutung war, in welcher Abteilung des Spitals der Pfründner aufgenommen wurde. Ich habe oben schon erwähnt, daß es in Villingen nicht zu einer Aufteilung des Spitals in ein Bürger- und ein Armenspital kam. Das Heilig-Geist-Spital in Villingen war vielmehr immer eine geschlossene Einheit, wenn man davon absieht, daß in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch das Leprosorium der Siechen am Feld von den Spitalpflegern mitverwaltet und vom Spitalkaplan seelsorgerlich betreut wurde.

Wenn man also reiche Pfründner zum Eintritt ins Spital veranlassen wollte, dann verlangten diese üblicherweise, daß sie von den Armen und Kranken, also den üblichen Spitalinsassen, getrennt untergebracht wurden. Andererseits mußte das Spital daran interessiert sein, auch reiche Pfründner zum Eintritt ins Spital zu veranlassen, weil die Pfründverträge ganz überwiegend einen wirtschaftlichen Gewinn für das Spital bedeuteten. Man richtete deshalb zu diesem Zweck zwei —“Stuben“ genannte — Abteilungen im Spital ein. Die „obere Stube“ war die bessere Klasse im Spital, während die Armen in der „unteren Stube“ Aufnahme fanden. Bei diesen Stuben handelte es sich übrigens nicht, wie man meinen könnte, um zwei Gemeinschaftsräume, sondern man benannte die in zwei verschiedenen Gebäudeteilen des Spitals gelegenen Räumlichkeiten mit dieser Sammelbezeichnung. Die „Stuben“ bestanden also aus Gemeinschaftsräumen und einzelnen „Gemechten“.

Aber nicht jeder, der sich eine Pfründe kaufen wollte, war imstande, den beträchtlichen Preis einer Pfründe in der oberen Stube zu bezahlen. Es wurden deshalb auch Pfründen in der unteren Stube gekauft. Doch beschafften sich diese Pfründner häufig gewisse Vergünstigungen gegenüber den Armen in der unteren Stube, etwa Befreiung von der allgemeinen Arbeitspflicht, bessere Verpflegung oder eine Weinration, die derjenigen in der oberen Stube entsprach. So wurde beispielsweise vereinbart, daß ein Ehepaar zwar bereit war, in dem Spital und seinen landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten, aber nur um eine angemessene Belohnung, und daß sie dann, wenn sie krankheits- oder altershalber nicht mehr arbeiten könnten, ihnen die Pfründe gleichwohl zustehen solle. Die Mehrzahl der Pfründverträge betrifft aber, um es zu wiederholen, den Kauf einer Pfründe in der sogenannten „oberen Stube“. Es gab übrigens keine Einheitspreise, sondern der Preis der Pfründe hing zum einen von der Gegenleistung des Spitals ab, aber auch vom Vermögen, Alter und Stand desjenigen, der sie begehrte. Die Zahlungsweise war verschiedenartig geregelt. Es gibt Verträge, in denen der Pfründner den Pfründpreis im voraus auf einmal entrichtet, andere zahlen eine größere Summe an und entrichten für jedes Jahr, in dem sie die Pfründe genießen, Teilbeträge, verbunden mit dem Risiko, daß, wenn die Pfründe einmal nicht bezahlt wurde, der Pfründner das Spital verlassen mußte. Manchmal findet sich in den Pfründverträgen auch die Bestimmung, daß der Pfründner verpflichtet wird, Gegenstände des persönlichen Gebrauchs ins Spital einzubringen, etwa Bett, Geschirr, Hausrat, was andererseits bedeutete, daß diese Gegenstände bei seinem Tod in das Eigentum des Spitals übergingen.

Welches waren nun die Formen individueller Behandlung?

Neben einer Wohnung in einer der beiden Stuben, wobei übrigens beide Stuben in eine vordere und hintere Stube aufgeteilt waren, umfaßte die Pfründe gewöhnlich „essen und trincken, haes und schu“. Es gab keine einheitliche Anstaltskleidung. Die Verpflegung war im großen und ganzen einheitlich. Es gab aber Sonderabreden, etwa die Pfründe wurde ohne Wein und Brot gewährt, das heißt, der Pfründner mußte sich das selbst beschaffen. Es gab auch die Möglichkeit, aus der unteren Stube in die obere Stube zu wechseln oder daß an vier Tagen in der Woche ein Stück Fleisch ausbedungen wurde, ein Maß Wein an einem oder mehreren Tagen in der Woche oder täglich eine Schüssel Milch, usw. In einem Pfründvertrag ist das Spektrum individueller Behandlung wie folgt aufgezählt:

„Er sol ouch die pfründt haben in der oberen stuben als ieder pfründner, wan usgenommen, das man ime alle tage ain wisbrot zu siner pfrünt geben sol. Man sol im ouch geben schuch zu siner notdurft, und wenne er sich selber nüt me mag, so sol man ime ain jungfrowen zuo geben, die sin pflege und ime tüge, des er bedarf, mit guoter pflegn ist. “

Von besonderer Wichtigkeit war das Anfallsrecht des Spitals, das heißt, das Spital nahm das Recht auf den Nachlaß eines in seinen Mauern verstorbenen Pfleglings wahr. Davon steht zwar nichts in den Spitalordnungen und doch manches in noch erhalten gebliebenen Urkunden, wobei im übrigen die Einnahmen des Spitals aus dem Nachlaß verstorbener Insassen nicht unbeträchtlich war. Deshalb beschränkten manche Pfründner dieses Anfallsrecht des Spitals beispielsweise auf zwei zinnerne Teller, eine zinnerne Kanne, Kleider, oder ein aufgemachtes Bett, aber beispielsweise nicht auf das vorhandene Barvermögen. Möglich war es auch, Pfründverträge zugunsten Dritter abzuschließen, etwa von Ehemännern zu Gunsten ihrer üblicherweise überlebenden Ehefrauen oder von Vormündern elternloser Kinder für ihre Mündel. Die Verwandten Geisteskranker entledigten sich ihrer Pflicht zu Pflege und Unterhalt durch den Kauf einer Pfründe für den Kranken. Damit sind wir bei den Sonderpfründverträgen, die beispielsweise für die Schmiedknechts-Bruder-schaft oder für die Bruderschaft der Schuhma-chergesellen mit dem Spital abgeschlossen worden sind. Ein Dekret der badischen Landesregierung hat übrigens noch im Jahre 1855 die Ansprüche der Zünfte aus diesen Verträgen gegen das Spital bestätigt, selbst wenn die Bruderschaften inzwischen eingegangen seien.

Wie sahen nun solche Verträge aus?

Eine Sonderstellung unter den Pfründverträgen nahm der Hauptbrief über die Pfründe der Schmiedknechts-Bruderschaft ein. Der sonst geltende Grundsatz der Höchstpersönlichkeit der Pfründe wurde zwar nicht völlig aufgegeben, aber doch so erweitert, daß alle Mitglieder der Bruderschaft, deren Bestand ja ständig wechselte, aus dem Pfründvertrag berechtigt sein sollten. Auch bezweckte der Vertrag nicht die Alterssicherung der Brüder, sondern deren Pflege im Spital im Krankheitsfalle.

Die unten mitgeteilten wesentlichen Bestimmungen des Vertrages zeigen, daß es sich dabei um einen Vorläufer dessen handelt, was man heute einen Krankenversicherungsvertrag nennen würde, den die „gesetzten vettern der Schmied- und Kesslerknechte“ und die „Väter“ der Bruderschaft schon 1533 mit den Spitalpflegern schlossen.

Gegen Zahlung von 100 Pfd. Haller gemeiner Vill. Währung verpflichtete sich das Spital gegenüber der Bruderschaft zu folgenden Leistungen:

Wenn ein Schmied- oder Kesslerknecht krank wird, so nehmen ihn die Spitalpfleger ins Spital auf, und zwar in die obere Stube in ein besonderes Zimmer. Dort soll der Kranke vom Spital wie ein gewöhnlicher Pfründner verpflegt und von einer Magd bis zur Genesung betreut werden.

Ist der Knecht nach zwei Monaten noch nicht gesund, wird er in die untere Stube verbracht. Dort darf er bleiben, bis er entweder genesen ist oder bis er stirbt.

Stirbt ein Mitglied im Spital, dann soll der Nachlaß des Pfleglings nicht dem Spital anfallen, sondern an das Licht der Bruderschaft. Für das Begräbnis hat die Bruderschaft zu sorgen. Sie muß den Verstorbenen „zu der geweihten erd, ouch mit begrept, sybendt und dreissigst, wie sich das nach christlicher Kirchenordnung gezimpt und gepürt“ bestatten, „on des Spitals costen und schaden“. Nur wer schon vor dem Krankheitsfall Mitglied der Bruderschaft war, darf diese Rechte beanspruchen, denn der Knecht soll „anfangs in die Bruderschaft und an das Licht ein Plaphart (Pfennig) einzuschreiben geben und der Bruderschaft dienen“.

Kranke Schmied- und Kesslerknechte müssen von den Mitgliedern der Bruderschaft ins Spital gebracht werden. Von der Aufnahme sind jedoch solche Mitglieder ausgeschlossen, die sich Verletzungen bei Rauhändeln zugezogen haben oder mit den „bösen Blattern“ behaftet sind.

Auch Waffenschmiedknechte können aufgrund des Pfründbriefs verlangen, daß sie ins Spital aufgenommen werden, wenn sie Mitglied der Bruderschaft sind. Wer in der Bruderschaft nicht dient, dem sind die Pfleger zu nichts verpflichtet. Wer sich dann noch über eine in der deutschen Spitalgeschichte wohl einmalige Erscheinung unterrichten möchte, nämlich über den sogenannten „Fürstenberg-Pfründner“, möge sich auf meine Dissertation verweisen lassen, wo auf Seite 58 zu dieser erstaunlichen Pfründe einiges ausgeführt ist.

Was nun die Wirtschaft des Spitals betrifft, so gibt darüber ein Urbar, schon im Jahre 1379 verfaßt, uns aus verhältnismäßig früher Zeit Aufschluß über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Spitals. Das gilt uneingeschränkt allerdings nur für den vom Spital als Lehen vergebenen Besitz. Auf die Eigenwirtschaft des Spitals ist in diesem Urbarbuch nur vereinzelt und beiläufig hingewiesen. Immerhin war es möglich, den Umfang der Besitzungen des Spitals außerhalb Villingens festzustellen. Von den Grundstücken um die Stadt sind die verliehenen nachweisbar. Die Aufzählung der Häuser des Spitals und seiner Gärten innerhalb des Mauerrings oder mittelbar davor ist vollzählig. Dazu muß man wissen, daß das Spital wie jeder Großgrundbesitzer jener Zeit die Masse seines Besitztums verliehen hatte. Nur auf diese Weise war eine vorteilhafte Nutzung der in weitem Umkreis verstreut liegenden Höfe und Güter möglich. Ich erspare es mir, hier diese umfangreichen Besitzungen aufzuführen. Wer sich dafür interessiert, kann dies wiederum in meiner Dissertation nachlesen.

Ich habe dort sämtliche Grundstücke außerhalb Villingens erfaßt, aber auch die von den Gütern, Mühlen und Badstuben in Villingen selbst vereinbarten Grundzinsen. Vermerkt habe ich ferner, welche Grundstücke innerhalb der Stadt oder unmittelbar vor dem Mauerring, also Gärten und Häuser, dem Spital gehörten. Die Aufzählung dürfte vollständig sein und umfaßt auch diejenigen Grundstücke, die vom Spital nicht verliehen sind, denn auch das Spitalgebäude und seine Scheuern sind mitgenannt.

Schwieriger zu beantworten ist nach wie vor die Frage, ob das Spital wirklicher Eigentümer der genannten Häuser war oder ob ihm nur eine Gülte daran zustand. Wäre das Spital Eigentümer gewesen, so hätte ihm annähernd ein Achtel der in der Stadt befindlichen Häuser und ein Drittel der Gärten in der Stadt gehört. Zwar kann es beim Spitalgebäude selber oder bei den bebauten Grundstücken, deren Kauf- oder Stiftungsurkunde erhalten geblieben sind, keinen Zweifel daran geben, daß sie Eigentum des Spitals waren. Auch findet sich gelegentlich der Hinweis, daß ein Haus nur zur Hälfte dem Spital gehöre oder daß es ein Erblehen oder daß es mit Auflagen zugunsten der Siechen im Spital oder des Kaplans belastet sei oder daß ein Teil der Gülte den Siechen am Feld gehöre. Doch findet sich bei der Mehrzahl der im Urbar genannten Häuser kein solcher Vermerk. Hier könnte ein Vergleich der Urkunden im Stadt- und Pfründarchiv, soweit sie inzwischen erschlossen sind, weiterhelfen.

Zum Schluß mag noch ein Auszug aus der Ordnung des Heilig-Geist-Spitals vom 12. Februar 1502, wie sie auch noch 1660 und später 1740 neu gefaßt wurde, verdeutlichen, von welch — um es zu wiederholen — unvorstellbarer Kontinuität das Leben im Spital, aber sicherlich auch das Leben allgemein in unserer Stadt, geprägt war.

Soweit Sie, verehrter Leser, Probleme haben sollten, den Text zu verstehen, empfehle ich Ihnen, ihn laut vor sich hin zu lesen. Die mit dem alemannischen Dialekt Vertrauten werden dann unschwer das zunächst lesend nicht Verstandene hörend verstehen.

 

 

Die römische Gutshofanlage in Überauchen (Dr. Jutta Klug-Treppe)

Der römische Gutshof von Überauchen wurde im Jahre 1921 von P. Revellio an einem Nord-Südhang nordwestlich des Ortes entdeckt (Abb. 1). Er lokalisierte Gebäude 1 (Abb. 1 Nr. 1) und einen Teilbereich von Gebäude 3 (Abb. 1 Nr. 3). Die Fundamente von Gebäude 2 mit rechteckigem Grundriß wurden Mitte der 70-er Jahre in einem Luftbild wiederentdeckt und freigelegt (Abb. 1 Nr. 2). Seit der Ausgrabung des Badegebäudes, Gebäude 4 (Abb. 1 Nr. 4) zu Beginn der 80-er Jahre im Ortsteil „Im Brühl“, steht die Funktion von Gebäude 1 erneut zur Diskussion, da P. Revellio ursprünglich dieses Gebäude für das Badegebäude hielt.

Im Frühjahr 1994 rückte der römische Gutshof wiederum in den Mittelpunkt der archäologischen Denkmalpflege, als beim Ziehen der Was-serleitungsgräben im nördlich anschließenden Neubaugebiet „Belli“ römische Mauern zutage kamen (Abb. 1 Nr. 3), die zu Gebäude 3 gehören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg, führte in den Jahren 1994 —1995 flächige Untersuchungen durch, da die geplante Bebauung der betroffenen Grundstücke in absehbarer Zeit erfolgen sollte. Die Grabungen wurden im Sommer 1996 abgeschlossen.

Eine sich hangabwärts bewegende Schwemmschicht hatte sich schützend über die römische Ruine gelegt und sie vor weiteren Zerstörungen bewahrt. So wurden während der Freilegung der Mauerzüge und der einzelnen Raumeinheiten jegliche Vorstellungen hinsichtlich Größe und Erhaltungszustand des Gebäudes weit übertroffen.

Die Mauern waren stellenweise bis zu 1,4 m hoch und in der typischen römischen Zwei-Schalen-Technik erbaut. Der Zwischenraum zwischen den beiden Außenschalen aus sorgfältig übereinander gesetzten, grob behauenen Kalksteinquadern wurde mit Mörtel und Bruchsteinen verfüllt (Abb. 2). Die West-Ost Ausdehnung beträgt 40 m.

Abb. 2: Mauer mit Resten von Wandverputz und Bemalung

 

Der Grundriß läßt mindestens 10 Räume (Abb. 1 Nr. 3) erkennen. Im westlichen Trakt konnten die Räume über Treppenstufen betreten werden (Abb. 1 Nr. 3).

Die Räume waren mit Fußböden aus Kalkestrich ausgestattet. Die Innenseiten der Wände trugen noch Reste des flächigen Wandverputzes (Abb. 2) und der dekorativen Wandbemalung, die in den Farben rot, grün, blau und gelb aufgetragen ist. Auf unterschiedlich großen Fragmenten sind pflanzliche Motive zu erkennen (Abb. 3).

In zwei Räumen hatten sich Reste der Fußbodenheizung (hypokaustum) erhalten. Von einem Feuerungsraum im Hofareal führte durch einen Heizkanal die heiße Luft in den Hohlraum unter dem Fußboden und verteilte sich zwischen den senkrecht stehenden, grob zugehauenen Sandsteinpfeilern und den aus quadratischen Ziegelplatten gemauerten Säulchen (Abb. 4). Darauf lagen Sandsteinplatten und der Estrichboden. An den Wänden waren noch die Reste der Wandheizung in Form von Hohlziegeln sichtbar. Durch die sog. tubuli zog die heiße Luft an den Wänden hoch ins Freie.

Abb. 3: Bemalter Wandverputz

Etwa in der Mitte von Gebäude 3 liegt ein etwa 175 qm großes Hofareal mit Feuerstelle und Backofen. Darin fanden sich zahlreiche eiserne Werkzeuge, die auf handwerkliche Tätigkeiten hinweisen. Messer mit Holzgriffen (Abb. 5) und Schafscheren sowie Eisengeräte zur Behandlung von Tierhäuten und Fellen haben sich erhalten. Eine Kalkgrube in der Südostecke des Hofes diente zur Aufbereitung von Kalk, der für den Mörtel und den Wandverputz gebraucht wurde. In einem Gebäude dieser Größenordnung fielen immer wieder Reparaturen an; auch wurde nach Bedarf und Geschmack des Besitzers um- und angebaut, vergrößert und modernisiert.

Baubefunde im Hofareal deuten darauf hin, daß dieser Wirtschaftstrakt in den Randbereichen überdacht war. Eine Gesamtüberdachung war wegen des Klimas und der Witterungsverhältnisse in dieser geographischen Lage sicherlich erforderlich; doch fehlen für diese Annahme die überzeugenden archäologischen Befunde.

Im südlichen Bereich des Hofareales bildet eine an den Hang gebaute Steinmauer die nördliche Begrenzung eines Kellerabganges; der Keller konnte über diese Rampe erreicht werden.

Im östlichen Gebäudeteil liegen weitere Räume (Abb. 1 Nr. 3).

Ein vorgezogener Eckbau (Eckrisalit) befindet sich im Nordosten; daran schließt sich hangab-wärts ein überdachter Korridor (porticus) an, der oberhalb der Wegböschung endet. Ob im südlichen Trakt ein weiterer Eckrisalit liegt, wird in einer abschließenden Grabungskampagne geklärt werden. Die Porticus wird durch eine Quermauer unterteilt; der südliche Bereich ist unterkellert. Beigabenlose Gräber mit West-Ost gerichteten Körperbestattungen, die innerhalb des römischen Gebäudes und östlich der äußeren Portikusmauer angetroffen wurden, waren eine Überraschung. Erst die anthropologische Untersuchung wird nähere Erkenntnisse über das individuelle Alter und die kulturelle Zugehörigkeit bringen.

Die außergewöhnlich gut erhaltene Bausubstanz, die architektonischen Baubefunde sowie die qualitätvolle Innenausstattung der Räume kennzeichnen dieses Gebäude 3 als Wohnhaus der römischen Gutshofanlage, wofür auch die Lage sowie der Grundriß und die Ausdehnung sprechen.

Die in Gebäude 3 angetroffenen Funde geben uns Einblicke in das Alltagsleben der Menschen, die dieses Gebäude bewohnten: Das Koch- und Essgeschirr sowie das qualitätvolle römische „Meissner“, die terra Sigillata aus gebranntem Ton sind in zahlreichen Fragmenten überliefert. Haushaltsgeräte wie der bronzene Griff eines Siebes; Scherben von Trinkgläsern und Glasschalen mit Facettenschliff deuten einen gehobenen Wohlstand an.

Abb. 4: Blick von Nordwesten nach Südosten in einen Raum mit Fußbodenheizung.

 

Abb. 5: Messer aus Eisen

 

Abb. 6. Schloßblech aus Eisen

 

Vom beweglichen Mobiliar haben sich Schlüssel, Beschläge und Scharniere von Truhen und Holzkästchen erhalten; von den Holztüren eiserne Beschläge sowie Schloßbleche (Abb. 6) und Schlüssel der Schiebeschlösser (Abb. 7). Handgeschmiedete Nägel aus Eisen bilden den Hauptanteil der Eisenfunde innerhalb Gebäude 3. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch Fragmente von Fensterglas. Daß Gebäude 3 mit Ziegeln gedeckt war, belegen die zahlreichen Leistenziegel. Von der hölzernen Wasserleitung haben sich eiserne Verbindungsringe mit Holzresten, sog. Deuchelringe, erhalten (Abb. 8). Spielsteine aus Glas und Knochen zeigen, daß auch die Freizeit nicht zu kurz kam. Aus Knochen geschnitzte Haarnadeln, bronzene Fingerringe und Schreibgriffel sind persönliche Gegenstände der Bewohner dieses Gebäudes. Kunstvoll gearbeitete Bronzebeschläge von Etuis, in denen das Eßbesteck aufbewahrt wurde, liegen ebenfalls vor.

Einige Silbermünzen und das gesamte Fundinventar belegen, daß der Gutshof von Überauchen seit der zweiten Hälfte des 2. Jhs. bis zu Beginn des 3. Jhs. n. Chr. bewohnt war.

Der Gutshof von Überauchen liegt in der römischen Provinz Obergermanien, die im Zuge der römischen Eroberungspolitik in Südwestdeutschland im 1. Jh. n. Chr. ins römische Reich eingegliedert wurde. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Infrastruktur im Hinterland des Limes war der Ausbau des Straßennetzes, auf dem nicht nur die militärischen Truppen und römische Siedler in die neue Provinz gelangten; auch die Versorgung der militärischen Einrichtungen (Kastelle) erfolgte auf diesem Weg.

Parallel dazu entwickelten sich im Umfeld von strategisch wichtigen Verkehrspunkten dorfähnliche (vici) und ländliche Ansiedlungen (villae rusticae oder Gutshöfe). In der weiteren Umgebung von Überauchen liegen die römische Stadt „Mu-nicipium Arae Flaviae“ (das heutige Rottweil), die Zivilsiedlung (vicus) „Brigobannis“ mit Kastell und Kastellbad (das heutige Hüfingen) und die inzwischen restaurierte römische Gutshofanlage von Fischbach, Gem. Niedereschach.

Die durch Lesefunde und Luftbilder lokalisierten oder durch Ausgrabungen erfaßten römischen Gutshöfe prägten das römische Siedlungsbild in der Provinz Obergermanien. Nur wenige dieser unterschiedlich strukturierten Anlagen sind vollständig archäologisch untersucht, nur wenige Steingebäude so gut erhalten wie Gebäude 3 von Überauchen. Das Spektrum erstreckt sich von einfachen Bauernhöfen bis hin zu größeren Landgütern. Sie versorgten die Bevölkerung in den Städten mit Produkten aus der Landwirtschaft und bildeten innerhalb der römischen Provinzen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor.

Zu einer römischen Gutshofanlage, die oft von einer Hofmauer umgeben war, gehören Wohngebäude, Stallungen und Scheunen sowie Handwerksbetriebe wie Töpferei und Ziegelei und das metallverarbeitende Handwerk (Bronze und Eisen). Die Acker-, Weide- und Waldflächen lagen außerhalb der Hofmauer in unmittelbarer Nähe.

 

 

Abb. 7: Eiserner Schlüssel

 

Nach einer Phase des wirtschaftlichen Wohlstandes beeinträchtigten die um 233 n. Chr. einsetzenden Alamanneneinfälle das ruhige Leben der Bewohner im Hinterland des obergermanischen Limes. Viele römische Gutshöfe wurden in dieser Zeit aufgegeben; darunter auch der römische Gutshof von Überauchen. Eine Brandschicht in Gehäude 3 von Überauchen deutet auf eine Zerstörung durch Feuer hin.

Durch seine außergewöhnlichen architektonischen Baubefunde und die qualitätvollen Raumausstattungen hob sich Gebäude 3 von den römischen Gebäuden ab, von denen sich nur noch die Fundamente erhalten hatten. Die originale Substanz der unterschiedlich hoch erhaltenen Mauern und die Baudetails wie Treppenstufen und Raumeingänge vermittelten ein eindrucksvolles Raumgefühl. Inzwischen ist der nordöstliche Gebäudetrakt einem modernen Doppelhaus gewichen.

Somit teilte auch Gebäude 3 des römischen Gutshofes von Überauchen das Schicksal vieler römischer Gebäude, die allmählich zerfielen, als Steinbruch oder als Recyclingstätte (Kalkbrennofen) benutzt oder schließlich den aktuellen Baumaßnahmen geopfert wurden.

Abbildungsnachweis

Abb. 2 —8 (Dias und Schwarz-Weiß-Fotos).

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg.

Aufnahme: Petra Eckerle, Dr. Jutta Klug-Treppe und Clark Urbans

Gesamtplan (Abb. 1).

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg. Stand 1995.

Abb. 8: Eiserner Deuchelring mit Resten der hölzernen Wasserleitung

 

Literaturauswahl

G. Fingerlin, Brigachtal-Überauchen. In: Die Römer in Baden-Württemberg 1986, 261-263 Abb. 103 Gebäude 1-4.

A. Harwath, Neue Ausgrabungen im Bereich des römischen Gutshofes bei Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Altertums- und Brauchtumspflege Brigachtal 3, 1981, 22 — 24.

K. Hietkamp, Ein weiteres Gebäude des römischen, Gutshofes von Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Altertums- und Brauchtumspflege Brigachtal 2, 1980, 17-18.

J. Klug-Treppe, Der römische Gutshof in Überauchen, Gern. Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994 (1995) 176-182.

J. Klug-Treppe, Weitere Ausgrabungen im römischen Gutshof von Überauchen, Gern. Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995 (1996) 194 —199 Abb. 113 —116.

P. Revellio, Römisches Gehöft bei Überauchen. Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 15, 1924, 29-34. Fundberichte aus Baden-Württemberg 9, 1984, 671-672 Taf. 54B; 55C; 55.

Fundberichte aus Baden-Württemberg 12, 1987, 555-558 Abb. 56 und 57.

 

Die Fassadenmalerei am Alten Rathaus zu Villingen (Günter Rath)

Ein Bildbericht

In den letzten Wochen wird in unserer Stadt gerade auch im Vorfeld der 1000-Jahr-Feier im Jahre 1999 die (Wieder-)Bemalung der Fassade des Alten Rathauses diskutiert. Erfreulicherweise hat sich auch hier eine große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern privat engagiert, um dieses Vorhaben voranzubringen. Leider läßt die Dokumentenlage nicht zu, die Erstbemalung festzustellen. Fest steht lediglich, daß die vorhandenen Skizzen und Zeichnungen nicht der Erstbemalung entsprechen. Deshalb hat das Landesdenkmalamt seine Unterstützung für das geplante Projekt zurückgezogen.

Der Geschichts- und Heimatverein möchte mit der Veröffentlichung des verfügbaren Bildmaterials nicht nur die möglichen Alternativen aufzeigen, sondern auch zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen. Deshalb wurde auch mit den Initiatoren der Aktion „Bemalung des Alten Rathauses“ Kontakt aufgenommen und zu einer gemeinsamen Besprechung — diese fand nach Redaktionsschluß für dieses Heft statt — eingeladen. Wir bemühen uns intensiv, die verschiedenen Interessengruppen zum Nutzen des Gesamtprojektes zusammen zu führen.

Im 1. Quartal des neuen Jahres hat der Geschichts- und Heimatverein eine Informationsveranstaltung seines Mitgliedes Dr. Michael Hütt vom Franziskanermuseum eingeplant, wobei die anschließende Diskussion rege genutzt werden sollte. Wir hoffen, daß wir bei dieser Vortrags- und Diskussionsveranstaltung auch bereits über erste Ergebnisse des gemeinsamen Gespräches mit den Interessentengruppen berichten können.

Fassadenbemalung im 19. Jahrhundert, die der 19jährige Albert Säger skizziert hat. Es gibt über die damalige Bemalung kein authentisches Bild bzw. Aufnahme.

 

 

Für eine neue Bemalung gab es einen Entwurf von Prof. Eyth, Karlsruhe, der aber nicht realisiert wurde. (Historienmalerei im Stil der Jahrtausendwende). Abgewandelte Ausfiihrung. Durch Witterungseinflüsse war sie bereits nach 9 Jahrzehnten so beschädigt, daß sie wieder „übermalt“ hat. Heutige Optik der Rathaus-Fassade siehe Bild auf Seite 24 in diesem Heft.

 

Zu unserem Titelbild: Übersetzung des lateinischen Textes der Marktrechtsurkunde für Villingen vom 29. März 999

Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit. Otto, durch die Gunst und Gnade des Allerhöchsten römischen Kaiser, Augustus. Wenn Wir den gerechten Bitten Unserer Getreuen Zustimmung gewähren, so glauben Wir ohne Zweifel, daß dann jene Uns um so getreuer sein werden. Daher tun Wir der gesamten Menschheit des gegenwärtigen Jahrhunderts und der zukünftigen Zeit zu wissen, daß Wir auf das Ersuchen des erlauchten Herzogs Herimann Unserem Grafen Berthold gegeben, verliehen und bewilligt haben das Recht und die Gewalt in einem ihm gehörigen Orte, genannt Vilingun, einen öffentlichen Markt zu gründen und einzurichten mit einer Münze, einer Zollstätte und dem ganzen öffentlichen Gerichtsbann, auch in der Grafschaft Bara, welche wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet. Und Wir haben kraft kaiserlichen Befehls, indem jeder Widerspruch der Menschen fern sein soll, beschlossen, daß dieser von Unserer höchsteigenen Bewilligung ausgehende Markt mit aller öffentlichen Handlung gesetzlich sei, und zwar mit dieser Rechtsbestimmung, daß alle, welche den schon genannten Markt zu besuchen wünschen, unbehelligt und in aller Ruhe und Friedlichkeit hin- und zurückgehen und ohne jegliche ungerechte Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreiben alles dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann. Und so irgend ein Sterblicher sich unterfinge, diese vorliegende Bestätigung des genannten Marktes in etwas zu verletzen, ungültig zu machen oder zu brechen, soll er wissen, daß er eine solche staatliche Buße zu erlegen habe, wie jener zu erlegen schuldig ist, welcher den Markt zu Konstanz oder den zu Zürich durch irgendwelche Verwegenheit verletzen oder stören würde; er soll diese kaiserliche Buße bezahlen dem vorgenannten Grafen Berthold oder wem dieser selbst sie bezahlt wissen will. Auch soll der eben genannte Graf die Befugnis haben, den Markt zu behalten, zu vertauschen, zu verschenken und darüber zu verfügen, wie immer ihm belieben mag. Und damit diese Unsere höchsteigene Bewilligung unauflöslich und immerwährend bleibe, so haben Wir diese Urkunde, wie man unten sieht, mit eigener Hand bekräftigt und mit Unserem Bleiinsiegel zu besiegeln befohlen.

Zeichen Ottos, … , des unbesieglichen Kaisers

Heribert, Kanzler anstatt des Erzbischofs Willigis, bezeugt es.

Gegeben am 4. Tag vor den Kalenden des Aprils (29. März), im Jahre der Geburt Unseres Herrn 999, in der 12. Indiction, im 16. Jahre des Königtums Ottos III, im 3. seines Kaisertums. Geschehen zu Rom; es gereiche zum Glück!

Jahresbericht 1995 des Stadtarchivs und der Museen Villingen-Schwenningen (Dr. Heinrich Maulhardt)

Gekürzte Fassung. Den ausführlichen 23seitigen Jahresbericht erhalten Sie auf Wunsch im Stadtarchiv und bei den Städtischen Museen. Er enthält u. a. eine Liste über alle im Stadtarchiv bearbeiteten Themen zur Stadtgeschichte.

1. Allgemeines

Am 6. 10. wurde nach dreijähriger Arbeit im 1. Obergeschoß des ehemaligen Franziskanerklo-sters auf einer Fläche von 550 qm die neue Dauerausstellung „Kulturgeschichte Villingens bis 1800“ feierlich eröffnet. Seit Jahresbeginn arbeiteten in zwei Arbeitsgruppen die ständigen Mitarbeiter des Museums sowie 6 Personen im Werkvertrag an der Neukonzeption des 2. Obergeschosses zum Thema „Kulturgeschichte Villingen (-Schwenningens) im 19. und 20. Jahrhundert“. Neu bearbeitet werden auch die Schwarzwaldsammlung und die Schausammlung zum Magdalenenberg. Die genannten Museumseinrichtungen, die vom Gemeinderat am 6. 7. 1994 beschlossen wurden, werden gefördert durch das Stadtqualitätsprogramm. Im Rahmen des selben Förderprogramms soll nach Beschluß des Gemeinderats vom 6. 7. 1994 auch ein 3. Bauabschnitt Franziskaner erfolgen, der eine Vergrößerung der Foyerfläche sowie bessere Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Gebäudeskomplexes schaffen soll. An der Planung wurde zusammen mit dem Architekturbüro Fuhrer sowie dem Hochbauamt intensiv gearbeitet.

Stadtarchiv und Museen hat zur 1000-Jahr-Feier Münze, Markt und Zollrecht Villingen 1999 eine Projektplanung erarbeitet. Sie enthält neben einer Stadtgeschichte weitere Publikationen, Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen.

In Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Hochbauamt wurde am 10.9. der „Tag des offenen Denkmals“ organisiert und durchgeführt. Im Stadtbezirk Schwenningen konnte die Bürk-Villa in unmittelbarer Nachbarschaft des Uhrenindustriemuseums besichtigt werden und im Stadtbezirk Villingen der Romäusturm. Unter Beteiligung ehrenamtlicher Führer wurden Führungen durch die historischen Gebäude veranstaltet. Die Bürk-Villa lernten rd. 900 Personen kennen, den räumlich begrenzten Romäusturm rd. 560 Personen, was in beiden Fällen eine sehr große Resonanz bedeutet.

Die Einrichtung und Eröffnung einer Heimatstube in Tannheim am 10. 12. durch eine Arbeitsgemeinschaft von Tannheimer Bürgerinnen und Bürgern wurde durch ehrenamtliche Mitarbeit unterstützt.

Die gemeinsamen Bemühungen mit dem Kulturamt, einen Förderverein Kulturzentrum Franziskaner zu gründen waren erfolgreich. Die Gründung fand am 15. 9. statt. Am 5. 10. stellte sich der Verein erstmals der Öffentlichkeit vor. Zweck des Vereins ist die Förderung von Musik, Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung, Wissenschaft und Forschung. Der Satzungszweck des Vereins soll vor allem durch die Förderung des Konzerthauses, der Museen und des Ausstellungswesens im Kulturzentrum Franziskaner erreicht werden.

2. Stadtarchiv

Große Mengen angeschimmelten Archivgutes wurden konservatorisch behandelt. Die Mitarbeiter organisierten die Transporte zur Firma und führten sie durch, die begasten Archivalien wurden anschließend grob gereinigt. Es wurde ein Luftentfeuchter beschafft, der in den Magazinen der Archive der kleineren Stadtbezirke zum Einsatz kommt, die zu hohe Luftfeuchtigkeitswerte aufweisen.

Eine Restaurierungsfirma stellte 33 Pläne und Zeichnungen wieder her. Für die über 2000 Urkunden wurden säurefreie Urkundentaschen und Archivgutbehälter beschafft.

Mikroverfilmt wurden eine ganze Reihe von Archivbeständen. Die Verfilmung dient der Sicherung der Informationen im Fall der Vernichtung der Archivalien sowie als Arbeitsverfilmung zur Schonung des Schriftguts bei der Benutzung. Angekauft wurden Mikrofilme des Schwarzwälder Boten für den Zeitraum 1950 —1960, 1977 —1979, der Kath. Kirchenbücher der Münsterpfarrei Villingen sowie Abt. 229 Herzogenweiler des Generallandesarchivs Karlsruhe.

Benutzung

Benutzungstage (1 Benutzer: 1 Tag)

1991 = 99 1994 = 577
1992 = 107 1995 = 518
1993 = 198

Zahl der Benutzer

(persönliche Benutzung im Benutzerraum)

1991 = 58 1994 = 161
1992 = 54 1995 = 172
1993 = 68
Zahl der Kopien
1992 = 1600 1994 = 4000
1993 = 2500 1995 = 4000

Zahl der amtlichen Archivalienausleihen

1990 = 4 1993 = 51
1991 = 27 1994 = 55
1992 = 51 1995 = 118
Schriftliche  

wissenschaftliche,    heimatkundliche

und genealogische Anfragen

1991 = 35 1994 = 88
1992 = 49 1995 = 113
1993 = 35

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Benutzung des Archivs weiter zugenommen hat. Gegenüber 1991 waren es 1995 fünfmal mehr Benutzungstage und dreimal mehr schriftliche Anfragen. Noch nie zuvor wurde soviel zur Stadtgeschichte im Stadtarchiv gearbeitet. Darunter befinden sich auch Dissertationen und andere Hochschulschriften.

Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit

Das Archiv beteiligte sich an der Ausstellung „restaurieren heißt nicht wieder neu machen“.

Mitarbeiter führten im Rahmen der Volkshochschule Kurse durch: Dr. Maulhardt „Einführung in die Familienforschung“; Frau Schulze, „Einführung in die Deutsche Schrift“; Frau Kottmann, 2 Vorträge, „Felix Nußbaum“, „Auguste Renoir“.

Im Bereich der Archivpädagogik fanden folgende Veranstaltungen statt:

Vortrag vor einer Frauengruppe der Arbeitsloseninitiative

Vortrag und Führung für Studenten der Fernuniversität Hagen

Führung für Schulklasse des Romäusgymnasiums, Familienforschung im Archiv

Veröffentlichungen

Es fanden zwei Redaktions- und zwei Autorenkonferenzen zur Publikation „Stadtgeschichte Villingen-Schwenningen“ statt.

In der Reihe „Blätter zur Geschichte der Stadt VS“ erschien das Heft „20. April 1945 in Schwennin-gen und Villingen“, das Heft „Der große Streik in Schwenningen 1963“ wurde im Manuskript abgeschlossen und erschien im Januar 1996.

Die Informationsbroschüre „Das Stadtarchiv stellt sich vor“ wurde fertiggestellt. Es erschien ein Beitrag zum Stadtarchiv in der Jugendkulturbroschüre. Frau Kottmann verfaßte einen Artikel über Weilersbach für den Almanach 1997.

Michael Hütt, Heinrich Maulhardt, Ute Schulze, Gedenkpokal zurückgekehrt, in: Rundschau. Informationen der Sparkasse Villingen-Schwenningen, Nr. 93 (Januar 1996), S. 5 — 7.

Unter Leitung des Stadtarchivars konstituierte sich in Obereschach eine Arbeitsgruppe, die sich die Veröffentlichung einer Publikation „Ortsgeschichte Obereschach“ zum Ziel gesetzt hat. Beiträge zu Publikationen werden von Bürgern des Stadtbezirks, von Mitarbeitern der Ortsverwaltung und des Stadtarchivs und von anderen Personen erarbeitet. Herbert Aderbauer verfaßte im Rahmen eines Werkvertrages einen Artikel mit dem Thema „Armenfürsorge“ zur „Ortsgeschichte Obereschach“.

Ebenfalls als Werkvertrag setzte Andreas Nutz seine Arbeiten an der Edition der älteren Bürgerbücher Villingens 1336 — 1590 fort.

In Ergänzung der bauhistorischen Untersuchungen von Burghard Lohrum von 1993 untersuchte Dr. Casimir Bumiller das Archiv- und Bibliotheksgut zur Geschichte des Alten Rathauses in Villingen.

Ausstellungen

Frau Kottmann erarbeitete eine Konzeption für das Ausstellungsprojekt „150 Jahre Deutsche Revolution“.

Frau Schulze und Frau Kottmann arbeiteten mit an der Einrichtung des Franziskanermuseums, Stadtgeschichte 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Aufgabenstellung umfaßt die Themen „Handel“ und „Sozialgeschichte“. Der Informationstransfer vom Archiv zur im Aufbau befindlichen stadtgeschichtlichen Abteilung wird dadurch sichergestellt.

3. Städtische Museen

Franziskanermuseum / Museum Altes Rathaus Die neue Dauerausstellung des Museums „Kulturgeschichte Villingens vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ im 1. Obergeschoß des Klosterbaus wurde am 6. 10. eröffnet. Endlich ist die Zeit der Provisorien vorbei. Zum erstenmal in der Geschichte der seit 1876 bestehenden Altertü-mersammlung ist eine dem Rang der Objekte angemessene professionelle Präsentation zustande gekommen. Sie enthält museumspädagogische Elemente wie Ellenmaße, Leder- und Gerbepro-ben, Spielecke mit Lesepulten für Kinder und Bilderbücher zum Mittelalter.

Zur Konzeption des 2. Obergeschosses fanden Arbeitsgruppentreffen statt. Eine Exkursion zum Haus der Geschichte, Bonn, und zur Ausstellung „Feuer und Flamme“, Oberhausen, sollte Anregungen für die Museumseinrichtung bieten. Eine Grundkonzeption wurde erarbeitet sowie Exposes und Exponatlisten zu den einzelnen Themenkomplexen. Diese Arbeitsschritte konnten auch für die Schwarzwaldsammlung abgeschlossen werden. Das Alte Rathaus soll im Hinblick auf die 1000-Jahr-Feier 1999 saniert werden. In diesem Zusammenhang wurde eine museale Grobkonzeption ausgearbeitet.

Erwerb von Museumsgut

Es wurden vor allem Objekte für das neueinzurichtende 2. OG (Stadtgeschichte 19./20. Jahrhundert) erworben:

Leihen:

Büromaschinen Firma Kienzle

Frauentracht

Schenkungen:

Gemälde und Skulpturen aus Villinger Familienbesitz

Bronzebüste Josef Kaiser (Kaiser-Uhren)

Materialien zu Robert Neukum

— Werkzeug und Schusterbock aus der Nachkriegszeit

Bauernmöbel und Geräte

— 23 Wegschilder des Schwarzwaldvereins

Fastnachtsplakat 1906
Ankäufe u. a.:

Orchestrion der Villinger Firma Stern

— Keramik von Johann Glatz (Auktion des Markgrafenhauses)

— Jugendstilvase von Johann Glatz

Fastnachtsabzeichen 1954 — 1994

Benutzung

Der Anstieg der Gesamtbesucherzahlen im Franziskanermuseum gegenüber 1994 von 4.951 auf 15.567 bedeutet eine Steigerung auf das Dreifache! Fast die Hälfte der Besucher verdanken wir den sechs Sonderausstellungen (6.779). Dabei fällt besonders auf, daß die drei Ausstellungen mit freiem Eintritt davon allein 5.140 Besucher brachten. Ein weiteres knappes Viertel (3.270) geht auf das Konto der enorm gestiegenen Schulklassenbesuche. Nur gut ein Viertel (4.318) waren „normale“ Einzelbesucher der Dauerausstellung, was gegenüber 1994 nur eine Steigerung um 186 Besucher bedeutet. Das Museumsfest am 6. / 7.10. zog mit weiteren 1.200 Leuten an zwei Tagen mehr Besucher ins Museum als ein Vierteljahr Normalbetrieb.

Viele Schlüsse lassen sich aus diesen Beobachtungen ziehen, hier nur die drei wichtigsten:

Es gilt, im Museum Ereignisse zu schaffen. Sonderausstellungen, Schulklassenführungen, öffentliche Führungen, Museumsfest: 11.858 Menschen fanden durch derartige Aktionen den Weg ins Museum.

Auch geringe Eintrittspreise sind offenbar eine nicht zu unterschätzende Hemmschwelle. Mit 9.709 Besuchern (drei kostenlose Sonderausstellungen, Schulklassenführungen, Museumsfest, Sozialausweisinhaber) kamen fast zwei Drittel der Besucher ins Haus, ohne einen Obolus zu entrichten.

Die Erschließung der Museen für Touristen kann noch stark verbessert werden.

Es wurden verschiedene neue Führungen ausgearbeitet und in Schulungen den Führern und Führerinnen weitervermittelt: Handwerk und Zünfte, Minnetruhe, Kuckucksuhr, Romäus-Rallye, Kirchen und Klöster, Frauenführung, Stadtentstehung und Stadtentwicklung. Das Führungsangebot insbesondere der öffentlichen Führungen verbesserte sich durch die Berücksichtigung neuer Zielgruppen.

Die Führungen wurden in vier Programmheften sowie in Form von Pressenotizen angekündigt. Zu den Schulklassenführungen entstand ein eigenes Plakat.

Mit dem Pilotprojekt der Hebammenausstellung, der ersten von Laien selbst erarbeiteten Ausstellung im Museum, wurde eine weitere neue Zielgruppe erschlossen. Das Museum gab Hilfestellung bei der Anfertigung einer Rahmenkonzeption, die Schülerinnen führten Interviews mit Zeitzeuginnen und schrieben die Texte. Hebammenkurse aus Freiburg und Tübingen kamen zu dieser Ausstellung. Der Kontakt zur hiesigen Hebammenschule dauert an. Die Ausstellung fand auch sehr gute Resonanz bei der Stadtbevölkerung. Der Arbeitskreis Schule-Museum traf sich an sechs Terminen. Im Rahmen der Museumspädagogik wurden neue Requisiten beschafft (Gagatarmband, Dolche), eine Osteraktion für Kindergärten veranstaltet, ebenso drei „Pfiffig“-Aktionen mit der Südwestpresse und der „Kindergeburtstag im Museum“ eingeführt. (Über)regionale Lehrerfortbildungen fanden im Museumspädagogik-raum statt.

Sonderausstellungen:

„Schemen aus vier Jahrhunderten“ (in Zusammenarbeit mit der Historischen Narrozunft Villingen, 13.1. — 21.2.).

„Restaurieren heißt nicht wieder neu machen“. Ein Berufsbild im Wandel (11.2. — 2.4.).

„Zwangsarbeiter in Villingen-Schwenningen“. Schülerarbeit (Mai — September).

„Feigenkaffee und Volksempfänger“. 50 Jahre Kriegsende in Villingen-Schwenningen (21.4. — 30. 9.).

„Rolf Deimling. Simultan. Malerei 1994 / 95“ (begleitende Betreuung, 29.4. — 21.5.).

„Früher hat man nicht soviel Heckmeck gemacht“. Hebammentätigkeit in der Nachkriegszeit (10.8. — 8. 10.).

„Hochzeit im Magreb“ (8.9. — 5. 11.).

— „Retrospektive Hermann Simon“ (begleitende Betreuung, 16. 12. — 14. 1. 96).

Publikationen:

Michael Hütt: Anschmiegen und abgrenzen. Die Einrichtung eines Museums im Villinger Franziskanerkloster, in: Broschüre des Landes-denkmalamtes (in Druck).

Ders.: Villingen-Schwenningen, Franziskaner-museum, in: Museumsblatt, Heft 18, Dezember 1995, S.60-63.

Ders.: Das Konzept „Kulturgeschichte“ im Villinger Franziskanermuseum, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XX (1995), S. 97-101.

Michael Hütt, Heinrich Maulhardt, Ute Schulze: Gedenkpokal zurückgekehrt, in: Rundschau. Informationen der Sparkasse Villingen-Schwenningen, Nr. 93 (Januar 1996), S. 5 — 7.

Anita Auer, Beitrag in Jugendkulturbroschüre.

Anita Auer: „Hochzeit im Magreb“, in: „Gaffer“ des Kommunalen Kinos Guckloch, Heft IV, 1995.

Anita Auer, Jane Heinichen: Museumspädagogik im Franziskanermuseum, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XX (1995), S. 106.

Michael Hütt, Anita Auer: Einzelbeiträge in „Kulturgeschichte Villingens vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Band 12/1995.

Ders.: ,Wie ein beschlossener Garten“. Villinger Stadtansichten und die Entstehung des Villinger Lokalpatriotismus im frühen 18. Jahrhundert. Im Rahmen des Veranstaltungsprogramms des Geschichts- und Heimatvereins.

Heimatmuseum / Uhrenmuseum,

Uhrenindustriemuseum

Die Tätigkeit der Mitarbeiter des Heimatmuseums war wesentlich bestimmt von den Bemühungen, das im Dezember 1994 eröffnete Uhrenindustriemuseum fachlich und organisatorisch zu begleiten. Im Heimatmuseum befindet sich zugleich die Geschäftsstelle des Vereins Uhrenindustriemuseum, Geschäftsführer ist Herr Dr. Manfred Reinartz.

Heimatmuseum

Wegen Personalmangels infolge zeitweiliger Nichtbesetzung einer Stelle blieben die Öffnungszeiten des Museums das ganze Jahr hindurch eingeschränkt. Es kamen etwa gleich viele Museumsbesucher (1800) wie im Vorjahr.

An Museumsgut erwarb das Museum:

Ankäufe

Radio-, Fernseh- und Schallplattengeräte aus Schwenninger Besitz

Email-Reklameschilder und sonstige Werbeobjekte Schwenninger Firmen

mit Schwenninger Motiven verzierte Einrichtungsgegenstände

Schenkungen

Wanduhren unterschiedlicher Größe, Armbanduhren, Tischuhren, Reisewecker und Küchengeräte

Veröffentlichungen:

Manfred Reinartz: Zweite, überarbeitete Auflages des 1994 erschienenen Buches „Liebes altes Schwenningen“.

Ders.: etliche Artikel zu verschiedenen Themen im „Heimatblättle“ des Schwenninger Heimatvereins und im Almanach des Schwarzwald-Baar-Kreises.

Uhrenindustriemuseum

Im Vordergrund standen und stehen die Konsolidierung der Finanzen, der reibungslose Betriebsablauf des Museums, Kooperation mit dem Förderkreis Lebendiges Uhren-Industriemuseum bzw. den ehrenamtlich für das Museum Tätigen sowie die Personalführung. Durch den neu gegründeten Fachbeirat wurde die Zusammenarbeit zwischen dem Verein Uhrenindustriemuseum und dem Förderkreis Lebendiges Uhren-Industriemuseum weiter verbessert.

Vom Datum der Eröffnung am 10.12.1994 bis zum Jahresende 1995 wurde das Uhrenindustrie-museum von 6.110 Personen besucht, über 900 davon waren Schüler und Studenten. Das für Ende 1995 geschätzte Defizit von annähernd 190.000 DM wurde durch Fördermittel seitens des Landes Baden-Württemberg in Höhe von gut 83.000 DM erheblich verringert.

Als Nachfolger von Alt-Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebauer übernahm Oberbürgermeister Dr. Manfred Matusza am 18.7.1995 die Leitung des Vereins Uhrenindustriemuseum. Dr. Gebauer wurde am 25.9.1995 zum Ehrenvorsitzenden des Vereins ernannt.

Begonnen wurde mit der Inventarisierung des Museumsgutes einschließlich der Leihgaben. Die Registratur der Geschäftsstelle wurde nach dem Boorberg-Aktenplan geordnet und signiert.

Besonders herauszustellen ist das nach wie vor engagierte Mitwirken zahlreicher ehrenamtlich tätiger Fachleute aus der Uhrenindustrie, der feinmechanischen Industrie und dem Maschinenbau. Auch das Miteinander von Museum, Museumsladen und Museums-Café hat sich als richtig und wirkungsvoll erwiesen; es entspricht in dieser Kombination dem modernen Museumsstandard und wird von den Besuchern gerne angenommen.

Dienstbibliothek

Die wissenschaftliche Dienstbibliothek umfaßt rd. 20.000 Bände aus den Sachgebieten Geschichte, Kunstgeschichte, Volkskunde, Archivkunde, Museumskunde, Germanistik. Sie ist die größte geisteswissenschaftliche Bibliothek im Bereich der Stadt und auch für Archiv- und Museumsbesucher benutzbar. Seit 1992 wird sie über das Datenverarbeitungsprogramm „LARS“ erfaßt. Die Bibliothek steht im Schriftentausch mit zahlreichen Archiven, Museen und Bibliotheken in Baden-Württemberg.

Es wurden 750 Titel katalogisiert. 210 Bände wurden angekauft, 26 per Schriftentausch und 99 als Schenkung oder Amtsabgabe bezogen. Eine Buchbinderin und Restauratorin stellte 75 beschädigte Bände wieder her.

Die systematische Aufstellung der Bibliotheksbestände im Osianderhaus konnte abgeschlossen werden. Am systematischen Bibliothekskatalog wurde intensiv gearbeitet. Er steht kurz vor dem Abschluß.

Frau Dr. Edith Boewe-Koob wertete in Zusammenarbeit mit Stadtarchiv und Museen eine im Jahre 1994 erworbene Inkunabel mit der Provenienz „Kloster St. Clara Villingen“ aus. Ihre Arbeit hat das Thema: „Eine liturgische Seltenheit aus dem Kloster St. Clara in Villingen.“

Erfahrungsbericht „Hochzeit im Maghreb“ (Dr. Anita Auer)

im Franziskanermuseum in Villingen (8.9. — 5.11.1995)

Die Ausstellung „Hochzeit im Maghreb“ beschäftigte sich mit dem Hochzeitsritus in den nordafrikanischen Ländern Algerien, Tunesien und Marokko. Sie wurde vom Völkerkundemuseum in Berlin konzipiert und umfaßte ca. 250 Exponate. Mit dieser Sonderausstellung beteiligte sich das Franziskanermuseum am Modellversuch „Begegnung mit dem Fremden“. Der Modellversuch, dessen Träger der Museumsverband Baden-Württemberg ist, wird von Bund und Land gemeinsam gefördert. Ziel des Modellversuchs ist es, ein Netzwerk kleinerer und mittlerer Museen zur Entwicklung und Erprobung innovativer kulturpädagogischer Arbeitsformen in der Auseinandersetzung mit den Motiven und kulturellen Kontexten von Fremdenfeindlichkeit aufzubauen. Von einer Fachjury wurden im Juni 1995 die vorgeschlagenen Projekte bewertet und 22 davon ausgewählt. Der eigentliche Beitrag des Franziskaner-museums bestand in einer zusätzlichen Ausstellungseinheit, die den Bezug der Ausstellung „Hochzeit im Maghreb“ zur Stadt- und Regionalgeschichte und damit zu den eigenen Sammlungen herstellte, und in einem umfangreichen museumspädagogischen Begleitprogramm.

Inhaltlich stand bei der Ausstellungsübernahme die Bedeutung der Tradition — der maghrebinische Hochzeitsritus läßt sich bis in die Zeit um 700 n. Ch. zurückverfolgen — und die gesellschaftliche Situation der Frau in den genannten islamischen Ländern im Vordergrund. Letztere gehören zwar zu den meistindustrialisierten Staaten Afrikas, haben aber weltweit den geringsten Anteil berufstätiger Frauen. Deshalb ist die Hochzeit immer noch das zentrale Ereignis im Leben der maghrebinischen Frau und praktisch der einzige gesellschaftliche Anlaß, bei dem sie ihre Persönlichkeit und soziale Stellung durch reichen Goldschmuck und kostbare Gewänder zur Schau stellen kann. Diese inhaltlichen Schwerpunkte ergaben gleichzeitig die Anknüpfungspunkte zur Stadt- und Regionalgeschichte. Mit der „Schwarzwaldbraut“, einer Figurine mit verschiedenen Teilen der „Schwarzwälder“ Tracht, wurde auf eine größtenteils bereits verlorengegangene regionale Tradition verwiesen, mit der ‚Weißen Braut“, einer Figurine mit weißem Hochzeitskleid, auf einen dem islamischen Ritus ähnlichen symbolischen Kontext und eine entsprechende Funktion der Hochzeit in unserem Kulturkreis. Hier wie dort wird auf die Jungfräulichkeit der Braut und ihre abhängige, nicht selbstbestimmte gesellschaftliche Rolle in der Kleidung verschlüsselt hingewiesen. Die Tradition bleibt trotz gewandelter gesellschaftlicher Umstände aktuell, weil sie einen „rite de passage“ bereitstellt, eine Zeremonie, die den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt begleitet. Die Figurine mit der ‚Weißen Braut“ war zudem brisant, da es sich um das Brautkleid einer Schwenningerin, die einen Villinger geheiratet hatte, handelte. Mit diesem Kleid konnte der Bezug zur Stadtgeschichte hergestellt werden.

Die Ausstellungsübernahme zeigte das „Befremdende“ im Fremden und dessen Ursachen, z. B. die andere Religionszugehörigkeit. Der Ausstellungsbeitrag des Museums, also die ,Weiße Braut“ und die „Schwarzwaldbraut“, ließen das Vertraute im Fremden, die Parallelen zur eigenen Kultur entdecken. Gleichzeitig wurde aber auch das Fremde im Eigenen, also das Ungewußte und Unbewußte der europäischen Tradition angesprochen.

Das museumspädagogische Begleitprogramm umfaßte Schulklassenführungen, öffentliche Führungen und ein filmisches Begleitprogramm in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino Guckloch. Zudem gab es eine Bücherecke mit Fotos und Literatur zum Thema in der Stadtbibliothek. Die Schulklassenführungen waren so aufgebaut, daß nach einer Führung durch die Ausstellung die Schüler in einer Aktion verschiedene Hochzeitsriten selbst gestalteten. Was die Schüler im ethnischen Vergleich kennengelernt hatten, daß nämlich bestimmte Brauchelemente allen Kulturen gemeinsam sind, konnten sie hier nutzen, indem sie sie als „Bausteine“ einer eigenen Zeremonie verwendeten, sie veränderten oder neue Bausteine erfanden (Schwarzwaldbraut, Punkerhochzeit, „alternative Hochzeit“). Die Schulklassenführungen zielten zunächst auf das Verständnis und die Akzeptanz der kulturellen Unterschiede. Die Aktion zur „alternativen Hochzeit“ wollte die Jugendlichen ermutigen, eigene Wege, abweichend von Tradition und der Meinung anderer, zu finden und zu gehen. Dies impliziert in einem weiteren Abstraktionsschritt: Wenn die Jugendlichen im Rollenspiel lernen, sich bei der Wahl ihres Hochzeitsritus durchzusetzen, könnten sie auch den Mut haben, sich gegen andere „Gruppenzwänge“, Vorurteile und Klischees, z. B. Ausländerfeindlichkeit zur Wehr zu setzen.

Das Filmbegleitprogramm zur Ausstellung ermöglichte, über Spielfilme, die im Maghreb spielen, das in der Ausstellung erworbene Wissen über die Kultur zu vertiefen (weitere Dimension). Es konnten auch vereinzelt Filmbesucher als Ausstellungsbesucher (Werbemaßnahme) gewonnen werden.

Die Ausstellung sollte die Besucher auf die Frage stoßen, was eigentlich Angst vor dem Fremden auslöst und eventuelle Lösungsversuche anregen, wodurch diese Fremdenangst gemindert oder aufgehoben werden kann. Den Besuchern sollte durch die Ausstellung klar werden, daß Gewalt gegen Ausländer kein Problem ist, das man durch einfache Maßnahmen („Ausländer raus“) aus der Welt schaffen kann, sondern daß Angst, Neid, Mißgunst und daraus resultierende verbale bis körperliche Gewalt zum Verhaltensrepertoire jedes Menschen gehören und nur eine fortlaufende kritische Selbstbeobachtung und Disziplin „Ausfälle“ verhindern helfen.

Eine besondere Erfahrung war die Suche nach dem „doppelstädtischen Hochzeitskleid“. Nachdem ein Ehepaar seine Leihgabe zurückzog, mit der Begründung, daß es so ein Projekt nicht unterstützen könne und wolle, fand sich in letzter Minute doch noch ein Exponat von einer ausländerfreundlichen Leihgeberin. Der Aufruf in allen vier Tageszeitungen blieb völlig ohne Resonanz. Die Ausstellung war durchschnittlich gut besucht. 500 Besucher sahen die Ausstellung an regulären Öffnungstagen. Bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Kulturgeschichte Villingens vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ war im Museum, d. h. auch in den Sonderausstellungen zwei Tage lang der Eintritt kostenlos. In diesem Zusammenhang kamen ca. 1200 Besucher, von denen viele auch die „Hochzeit im Maghreb“ angesehen haben. Meinungskarten, welche die Besucher ausfällten, ergaben, daß die Personen, welche die Ausstellung ansprach, bereits aufgeschlossen und tolerant sind. Überzeugungsarbeit kann daher höchstens bei den Schulklassen geleistet werden. Hier setzt allerdings der Schritt zur Verhaltens- oder Denkweisenänderung ein weiteres Abstrahieren voraus, ist also möglicherweise zu weit entfernt. Die Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Beratungszentrum für ausländische Bürger (KBZ) wurde durch diese Ausstellung intensiviert und weitere gemeinsame Projekte ins Auge gefaßt. Zukunftsträchtig wäre eventuell ein gemeinsames Museumsfest mit den ausländischen Kulturvereinen der Stadt. In einer festlich-lockeren-entspannten Atmosphäre ist die „Begegnung mit dem Fremden“ immer noch am leichtesten und intensivsten.

 

Es Villinger Heilwasser

 

Im Kirnachtal, dert überm Bach,

sieht mer en Brunne schtau.

Wa isch au dert als fer en Krach,

wa hond die Liit dert zdau?

Der Brunne hoeßt Romäusquell,

hät Wasser klar und frisch.

Dem wos nit woeß, vezell ich schnell,

wie gsund seil Wasser isch.

Häsch Du en Präschte, häsch en Schmerz,

no isch des Wasser guet;

es schterkt de Mage, wermt es Herz,

es löscht e jedi Gluet.

Sind Dini Kuttle nit guet gschmiert,

häsch gar es fallend Weh,

des Wasser hät Dich glii kuriert,

sogar vu Liis und Flöh.

Und gradso hilfis bi Hexeschuß,

bi Nagelbrüeh und Gicht,

bi Wochedelbl, falschem Kuß

und bime Sunneschtich.

Und nebebei, ganz uni ghoeße,

hoelts bösi Mäler gar;

es hilfi- de Küeh und au de Goeße,

des isch doch sunderbar.

Doch au vu usse duet es butze

bi Warze, Ruffe, Grind;

maas au bi Plaeieß nit vill nutze,

no schadets schließli nint.

Drum uff, wer um si Gsundheit bangt,

und holet uni zahle,

wer woeß, wie lang de Vorroot langt:

Aqua universale!

Elisabeth Neugart