Die städtebauliche Entwicklung am Riettor in Villingen Eine Chronik bürgerschaftlichen Engagements (Dieter Ehnes)

Im Geschichts- und Heimatverein Villingen gibt es einen Arbeitskreis Innenstadt, der sich schon seit vielen Jahren besonders für den Bereich der historischen Innenstadt intensiv mit Fragen der Stadtbildund Denkmalpflege, des Ensembleschutzes aber auch mit Problemen zeitbedingter Funktionen und Bedürfnisse und deren behutsamer Einbindung in die gewachsene Substanz befasst und dazu Vorschläge und Initiativen erarbeitet. Dem Arbeitskreis gehören vorwiegend Architekten an, da gerade das Arbeitsfeld des Architekten immer wieder mit diesen Fragen und Problemen zu tun hat. Der Sprecher der Initiative, Hubert Waldkircher, gehört nicht zur planenden Zunft, er garantiert daher um so besser die neutrale, engagierte Zusammenarbeit und Koordination mit dem Verein und der Öffentlichkeit.

Zu den Erfolgen des Arbeitskreises und damit des Geschichts und Heimatvereins zählen beispielsweise die gesamte Gestaltung des Münsterplatzes einschließlich Brunnenstandort, Bächleverlauf und Finanzierungsvorbereitung, der Gesamtanlagenschutz in der Innenstadt, die neue und einheitliche Beschilderung der historischen Gebäude in Villingen und das derzeit diskutierte Gestaltungskonzept für die Fußgängerzone in der Niederen Straße, der Bickenstraße und der Oberen Straße. Die Planungsarbeit für die Fußgängerzone erfolgte im Amt für Stadtentwicklung in sehr angenehmer und fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis.

Mit vielen Spannungen begann dagegen ein weiteres großes Problemfeld: die städtebauliche Entwicklung am Riettor. Über den bisherigen Verlauf, den derzeitigen Stand der Planungen und die vom Arbeitskreis verfolgten Ziele soll jetzt berichtet werden.

 

Um eine bessere Gestaltung des Riettor-Vorplatzes bemühte sich der Geschichts- und Heimatverein 1999/2000 intensiv und konnte Baupläne, die das Gesicht der Stadt von Westen her negativ verändert hätten, frühzeitig stoppen.

Vor dem Riettor herrscht eine kontinuierlich gewachsene, städtebauliche Gesamtsituation, diese wird geprägt vom Theater am Ring, der ehemaligen Landeszentralbank, dem sog. Hollerith-Gebäude, der Volksbank, den Ringanlagen und dem Riettor. Alle westlich des Ringes liegenden Gebäude sind Beispiele wichtiger Epochen des 20. Jahrhunderts und bilden mit nahezu gleichen Traufhöhen eine räumliche Einheit. Diese Qualität der räumlichen Zusammenhänge ist wesentlich höher zu bewerten als die Situationen vor den beiden anderen Toren und dem Außenbereich des früheren Niederen Tores.

Dagegen wird schon mindestens zehn Jahre lang über eine überzeugende Neugestaltung der Freiräume diskutiert, Planungen tauchten auf, um dann wieder in den Schubladen zu verschwinden. Der Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts und Heimatvereins hatte sich bisher immer rechtzeitig und wiederholt besonders zur Platzgestaltung unmittelbar vor dem Riettor zu Wort gemeldet, leider vergeblich!

Im Zusammenhang mit der Sanierung des Romäusringes wurde im Eilverfahren und mit wenig Gefühl für die besondere Situation, der „genius loci“, der Platz vor dem Tor verkehrsgerecht gepflastert und fantasielos „möbliert“. Alle in den letzten Jahren durchgeführten Maßnahmen verbesserten zwar die Verkehrsführungen, die optischen Zusammenhänge der Freiräume und Grünanlagen wurden jedoch verschlechtert und historische Bezüge gerade vor dem Tor vernachlässigt. Eine vorgeschaltete Diskussion fand nicht statt, Vorschläge wurden nicht gehört, auf ein sensibles, alle Bereiche integrierendes Gestaltungskonzept wurde verzichtet, vorrangig Tiefbauund Verkehrsfragen bestimmten die Planungen. Ganz nebenbei muss aus denkmalspflegerischer Sicht erwähnt werden, dass während der Kanalarbeiten im Romäusring eine gewissenhafte Dokumentation der freigelegten und gut sichtbaren Füllemauer nicht erfolgte, dagegen wurden große Mengen gut erhaltenen Steinmateriales an unbekannten Stellen entsorgt.

Für die meisten Bürger überraschend entstand 1999 eine völlig neue Planungsproblematik am Riettor: Die Landeszentralbank bezog ihren Neubau am Hoptbühl und ein großer Villinger Bauträger erwarb den Altbau neben dem Theater am Ring. Außerdem bot die Stadt dem Bauträger die gesamte Grünfläche vor dem Altbau und das angrenzende ehemalige Asylantenheim in der Vöhrenbacher Straße zum Erwerb an.

Ein erster Vorentwurf des Bauträgers sah neben einer vier bis fünf geschossigen Bebauung entlang der Vöhrenbacher Straße ein siebeneinhalbgeschossiges Turmhaus mit Zeltdach auf der jetzigen Grünfläche vor, man bedenke, ein Gebäude mindestens so hoch wie das Riettor mit gleicher Dachform und dazu noch in dessen unmittelbarer Nachbarschaft!

Der öffentliche Widerspruch war gefordert! Der Verkauf der städtischen Liegenschaften konnte zu diesem Zeitpunkt gerade noch abgeblockt werden, das wichtigste Instrument zur Beeinflussung der Planungen blieb also noch für die Stadt erhalten und die Verwaltung erkannte schnell die Notwendigkeit zu alternativen Planungskonzepten.

Stadt und Bauträger beauftragten gemeinsam in einem leider sehr fragwürdigen, wenn nicht gar unzulässigen Verfahren drei Architekten mit Vorentwurfsplanungen. Bei den vom Bauträger vorgegebenen maximalen Nutzungsdaten wurden in allen drei Vorentwürfen teilweise fünfgeschossige Gebäude bis unmittelbar an den Benediktinerring geplant. Gegenüber der Planung des Bauträgers waren die Alternativen zwar wesentlich qualitätvoller, aber alle drei litten unter dem Grundübel einer zu hohen Baumassenvorgabe, sie mussten die Grünfläche massiert überbauen und damit das Theater verdecken. Eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit allen Freiräumen war bei diesen Sachzwängen nicht mehr möglich.

Der Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts- und Heimatvereins fand rasch fachkundige Mitstreiter. Er verbündete sich mit Villinger und Schwenninger Architekten des Planungsbeirates der Architektenkammer. Gemeinsam und bei ständiger Unterstützung des Vorstandes des Geschichts und Heimatvereins wurde vor Ort und in mehreren Besprechungen ein Papier mit städtebaulichen, funktionellen und architektonischen Kriterien und Vorschlägen erarbeitet, mit denen alle zukünftigen Planungen in diesem Bereich, also auch die drei Vorentwürfe, überprüft werden sollten. Dieses Papier wurde der Verwaltung und allen Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderates übermittelt und im Verlauf einer Podiumsdiskussion im Franziskaner Ende März dieses Jahres der Öffentlichkeit vorgetragen. In dieser Veranstaltung wurden auch die drei Vorentwürfe vorgestellt, an der Diskussion über diese Planungen haben sich die Architekten des Arbeitskreises und des Planungsbeirates bewusst nicht beteiligt, sie verlasen vielmehr einen Antrag an den Gemeinderat mit dem Ziel, einen völligen Neubeginn der Planungen zu erreichen.

Ein besonderer Glücksfall begleitete diese Veranstaltung: Architekturstudentinnen und Architekturstudenten der Universität Stuttgart stellten gerade im Franziskaner ihre Seminararbeiten aus, diese beschäftigten sich mehr zufällig ebenfalls mit dem Bereich Riettor mit den Zielvorgaben, Verbesserung der freiräumlichen Zusammenhänge, Überprüfung auf Möglichkeiten der zusätzlichen Bebaubarkeit, Nutzungsuntersuchungen, Gestaltung der Grünanlagen usw., alles Probleme, über die sich der Arbeitskreis bislang allein theoretisch äußerte.

 

Die besonders qualitätvolle Seminararbeit von Frau Ralle wurde in den wesentlichen Inhalten zu einer Art Wegweiser bei allen folgenden Beratungen. Dieser Zeitpunkt war gleichzeitig Wendepunkt. Verwaltung und Initiative waren sich bald in den meisten Punkten einig, aber es musste noch gemeinsam der Bauträger überzeugt werden. Nach zwei sehr sachlich, intensiv und offen geführten Besprechungen ist es zu einer gut vertretbaren Gesamtlösung gekommen, die nun in den wesentlichen Inhalten erläutert werden soll.

• Alle Planungen mit großen, massiven, bis zum Romäusring vorgreifenden und den Platz weitgehend überbauenden Baukörpern sind vom Tisch.

• Der Platz vor dem zukünftigen Neubau bleibt im Besitz der Stadt und wird noch größer als der bisherige vor der Landeszentralbank, dieser Platz garantiert auf lange Sicht kommunale Optionen.

• Die Platzerweiterung gelingt, indem die Fassade des Neubaues zurückgesetzt wird bis etwa zur Firstlinie der abzubrechenden Landeszentralbank.

• Das Projekt des Bauträgers ist also begrenzt im Osten bis etwa zur Mitte der Landeszentralbank, im Süden bis zum Durchgang zum Parkhaus (entlang dem Bühnenhaus des Theaters), im Westen bis zum Haus Flöss (Vöhrenbacher Str. 7) und im Norden bis zur Vöhrenbacher Straße.

• Die Bauhöhe ist begrenzt auf vier Vollgeschosse

und ein zurückgesetztes Dachgeschoss (Gesamthöhe der Vollgeschosse ca. 12,0 m entsprechend den vorhandenen Nachbargebäuden).

• Im Erdgeschoss sind möglichst attraktive Angebote gehobenen Standards zu realisieren, ein Supermarkt muss ausgeschlossen werden.

• Für die Fassadengestaltung wird einer der Architekten der drei Vorentwürfe beratend beauftragt.

• Die Fußwegverbindung vom Platz zum Parkhaus zwischen Theater und Neubau muss entsprechend seiner Bedeutung gestaltet werden.

• Zurück zum Platz: Dieser soll sich auf lange Sicht zum Theaterplatz entwickeln, der Gemeinderat wurde bereits mit entsprechenden Planungsvorbereitungen befasst, zu denen natürlich auch eine übergreifende Gesamtkonzeption bis zur Volksbank und bis zum Riettor gehören muss.

• Zeitlich parallel werden seitens der Verwaltung Konzepte für funktionelle Änderungen und Programm-Erweiterungen des Theaters erarbeitet mit dem Ziel, Platz und Theater zu verknüpfen. Hierin wird auch eine wesentliche inhaltliche und zielplanerische Aufgabe für den neuen Kulturamtsleiter gesehen.

 

Wenn diese Punkte alle so gehalten werden können, dann ist das schon ein recht erfolgreiches Ergebnis. Es wird keine privatwirtschaftliche Aktivität verhindert sondern eine städtebauliche Situation deutlich verbessert. Um es nochmals zu betonen, ab dem klimatischen Wendepunkt entwickelte sich eine sehr sachliche Gesprächsatmosphäre, diese ermuntert den Geschichts- und Heimatverein mit seinem Arbeitskreis und die Architekten des Planungsbeirates zur weiteren ehrenamtlichen Mitarbeit bei hinlänglich bekannten Themen wie Ausgestaltung der Fußgängerzone, Verkehrsführung im Ring einschließlich Busverkehr und Entwicklung eines Verkehrsleitsystemes. Hinzuweisen ist noch auf ein bislang ungeklärtes Problem: Wie kann das hervorragende Wandrelief im Eingangsbereich der alten Landeszentralbank nach deren Abbruch erhalten und gesichert werden? Das Kunstwerk von Paulamaria Walter mit dem Titel „Das Gleichnis vom anvertrauten Geld“ gehört zu den bedeutenden Villinger Zeugnissen der Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Bernhard Fabry hat das große, mehrteilige Relief in seinem Buch „Neue Kunst in alter Stadt, Skulptur und Architektur seit 1945 in Villingen-Schwenningen“ eingehend gewürdigt.

 

 

„Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden“ hat die Bildhauerin Paulamaria Walter das Kunstwerk genannt, das das Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank in der Vöhrenbacher Straße 3 schmückt. Für den Erhalt des Reliefs bei der Neugestaltung des Riettor-Vorplatzes setzt sich der GHV mit Nachdruck ein.

Der Arbeitskreis im Geschichts- und Heimatverein wird sich mit allem Nachdruck für die voll- ständige Erhaltung und Wiederverwendung des Reliefs an geeigneter und gleichwertiger Stelle ein- setzen, die rechtliche Sicherung muss deshalb noch vor Erteilung der Abbruch- und Baugenehmigungen erfolgen.

Das Postwesen im alten Villingen (Walter K. F. Haas)

Diesen Bericht stellte uns unser langjähriges Mitglied und engagierter Mitarbeiter bei den Jahresheften, Walter K.F. Haas, 1999 zur Verfügung. Er ist inzwischen verstorben. Wir veröffentlichen seinen Beitrag in dankbarer Erinnerung an ihn.

 

 

 

 

 

 

 

Ursprünglich erfolgte die Briefbeförderung durch reisende Kaufleute, Fuhrleute, Schiffer, Metzger, Mönche, Pilger usw.

Die zwischen 1504 und 1516 durch Franz von Taxis zur Beförderung der Staatskorrespondenz zwischen Brüssel und Wien eingerichtete Postverbindung wurde 1516 für jedermann zur Benutzung freigegeben.

Vor ca. 300 Jahren kam einmal wöchentlich ein Postreiter nach Villingen, auf seinem Weg von Schaffhausen nach Hornberg und zurück. Dieser Postritt wurde 1755 auf zwei Ritte wöchentlich erhöht und bis Offenburg ausgedehnt.

Im Jahre 1738 kaufte der Sonnenwirt Franciscus Borgias Cammerer (1710-1783) von Jodocus Seer das angrenzende Gasthaus zum „Schwert“ und vereinigte es mit der „Sonne“. Im Jahre 1755 erhielt Villingen die Posthalterei von Thurn & Taxis. Sie wurde untergebracht im Gasthaus „Sonne“ (heute Sadtkämmerei, Obere Straße 4). Franciscus Borgias Cammerer nannte sich nun „Sonnenwirt und Posthalter“. Die „Sonne“ war nun das erste Gasthaus am Platze, das verwöhntesten Ansprüchen gerecht wurde.

F. B. Cammerer kaufte 1764 für seinen Schwiegersohn Franz Josef Dold von Rohrbach das Gasthaus zur „Blume“. Deshalb hat sich später der Postbetrieb auf die „Blume“ verlagert.

Als Haltestelle der Postkutsche war die „Sonne“ Vorläufer von Postamt und Bahnhof. Da in der „Sonne“ drei Betriebe vereinigt waren, nämlich Gasthaus mit 30 Fremdenzimmern, eigene Landwirtschaft mit 80 bad. Morgen und Postamt mit 40 Pferdeeinstellplätzen, kann man sagen, dass es sich vor etwa 200 Jahren um das größte Unternehmen in der Stadt gehandelt hat.

Drei weitere Generationen der Sippe Cammerer, nämlich: Cammerer, Johann Karl Martin *1754, Cammerer, Franz Johann Nepomuk *1781, Cammerer, Johann Martin *1812 nannten sich „Posthalter und Sonnenwirt“.

Am 5. Januar 1760 lief der erste Postwagen auf der Strecke Straßburg – München durch Villingen. Einmal in der Woche fährt die 6-spännige Diligence (Eilwagen) in jeder Richtung. Das heute noch vorhandene Türmchen auf dem Anwesen Obere Straße 4 (früher „Sonne“ war damals eine Beobachtungsstation.) Von dort oben aus konnten die nahenden Postkutschen schon von weitem ausgemacht werden. Sodann wurden die unten in der Gastwirtschaft wartenden Reisenden verständigt, die sich nun reisefertig machen konnten.

Als Villingen 1806 zum neu gegründeten Großherzogtum Baden kommt, besteht die Posthalterei von Thurn & Taxis zunächst weiter. 1811 erfolgte der Übergang in die neue großherzoglich badische Post. Sonnenwirt F. J. N. Cammerer erhielt von der bad. Postverwaltung einen Dienstkontrakt als großherzoglicher Postverwalter. 1819 verkehrte der Straßburger Eilwagen zweimal wöchentlich, ab 1821 fünfmal und ab 1. Mai 1837 täglich. Als 1835 die Straße von St. Georgen über Sommerau fertiggestellt war, wurden auch St. Georgen und Triberg an die Postlinie angeschlossen. Außerdem wurde 1840 ein Eilwagenkurs zwischen Villingen und Waldkirch eingerichtet. 1845 verkauft Martin Cammerer die „Sonne“. Der aus Zell a. H. stammende Albert Feger wurde neuer Sonnenwirt und Postverwalter. Feger wanderte 1851 aus in die USA. Niemand war jedoch bereit, neben der Gast- und Landwirtschaft auch den Postdienst zu übernehmen. So wurde die Postverwaltung geteilt in eine Postexpedition unter Leitung des aus Karlsruhe stammenden von Davans und eine Poststallmeisterei, die auf den Gasthof „Blume“ am Marktplatz überging. Blumenwirt Baptist Dold wurde nun neuer Poststallmeister.

Der Postexpedition Villingen waren 1859 zwanzig Ortschaften angeschlossen. Es wurde angeordnet, dass in diesen Ortschaften als kleinste postalische Einrichtung jeweils ein hölzerner Briefkasten aufzustellen sei. Anlässlich der Entleerung wurde die eingeworfene Post vom Landpostboten entwertet. Briefmarken gab es in Baden seit dem 1. Mai 1851. Mit dem Anschluss von Villingen an die Bahnlinien Singen-Villingen und Rottweil-Villingen im Jahre 1869 erfolgte eine Zusammenlegung der Bahn- und Postverwaltung. Ab 1870 befinden sich Bahn und Postdiensträume vorübergehend im Bahnhofsgebäude, der späteren Expressgut halle. Als 1872 die großherzoglich badische Post in die kaiserliche Reichspost eingegliedert wird, erhält Villingen ein kaiserliches Postamt. Die Zusammenlegung mit der Bahn wurde aufgehoben. Ab 1875 ist das Kaiserliche Postamt in der Niederen Straße im Haus der Familie Beha (heute Niedere Straße 24) untergebracht.

Postkutsche um 1910 vor dem Gasthaus zum „Raben“.

 

Im Jahre 1884 befand sich das Postund Telegraphenbüro des Kaiserlichen Postamts Villingen in der Niederen Straße 388 (heute Niederen Straße Nr. 24). Personal: Ludwig Rieger, Postdirektor; Ottmar Schönle, Postsekretär; Anton Fürst, Oberpostassistent; Ignaz Singele, Postassistent; Karl Weißhaar, Postgehilfe; Ernst Ebert, Postgehilfe; Josef Riedel, Briefträger; Leo Vischer, Briefträger; 1 Hilfsbriefträger, 4 Landbriefträger und 3 Bürodiener.

In der Stadt gab es drei Postbriefkästen:

damals: Niedere Straße 388 (Post) – heute: Niedere Straße 24.

damals: Marktplatz 427 – heute: Ecke Niedere Straße und Rietstraße (Sparkassen-Zweigstelle)

damals: Rietstraße 47 – heute: Rietstraße 18 (Schuh-Kammerer).

Sogenannte Postagenturen, wie eine in der Goethestraße eingerichtet wurde nach Auflösung des Zweigpostamtes, sind nichts Neues. Die gab es schon 1884.

Die amtliche Verkaufsstelle für Postwertzeichen befand sich 1884 bei Kaufmann Karl Butta, Marktplatz 185 (heute Drogerie Butta, Bickenstraße 1). „Alles schon dagewesen“ pflegte Rabbi Ben Akiba zu sagen …

Am 1. Juni 1886 bezieht die Post als Mieter das Gebäude Kaiserring 3. Das von Zimmermeister Konstanzer erstellte Gebäude kaufte die Reichspost im Mai 1900. 1903 erstmals Umbau wegen des aufkommenden Fernsprechwesens. 1927 erneuter Umbau.

Trotz des Ankaufs der Häuser Brigachstraße 2 und 3 wurde die räumliche Enge immer prekärer. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Dienststellen wegen Raumnot ausgelagert werden. Mit dem Bezug des Neubaues in der Bahnhofstraße 6 am 3. 11. 1967 begann ein neuer Abschnitt der alten Postgeschichte.

 

Verbindung zum »Getti«: Locker, aber immer herzlich Villinger und St. Georgener Geschichtsfreunde pflegen freundschaftliche Kontakte (Hermann Colli)

Als der Geschichts- und Heimatverein Villingen im vergangenen Jahr seinen 30. Geburtstag feierte, stand in der Schar der Gratulanten auch der Verein für Heimatgeschichte St. Georgen. Der Vorsitzende Willi Meder und sein Vize, Heinrich Bauknecht, brachten ihre Glückwünsche auf besonders originelle Art an. Der »Vereinspoet« Heiner Bauknecht hatte gute Wünsche und Mahnungen, das Erbe der Väter lebendig zu halten, in wohlgesetzte Verse verpackt und erntete damit großen Applaus der Festgemeinde.

Im Villinger Jubiläumsjahr kam – intensiver als in den Jahren zuvor – die Verbundenheit der beiden Vereine zum Ausdruck. Grund dafür war sicher auch die geglückte Renovierung der Benediktinerkirche. St. Georg und die Benediktiner haben in beiden Städten bekanntlich eine besondere Rolle gespielt. Als es den Söhnen des heiligen Benedikt vom Kloster St. Georg „droben auf dem Wald“, im wahrsten Sinne des Wortes, „zu heiß“ wurde, fanden sie hinter den Mauern der Zähringerstadt ein neues Zuhause. Die Geschichte an diese Zeit wird in beiden Orten lebendig gehalten.

Als 1972 geschichtsbewusste Menschen in der Bergstadt daran gingen, sich zu einem Verein zusammenzuschließen, standen die Villinger Pate. Der Getti war ja immerhin schon drei Jahre alt und konnte erste Erfahrungen an den Verein für Heimatgeschichte St. Georgen weitergeben. Die „Sandergemer“ schätzten diese Handreichungen bei den ersten Gehversuchen und man erinnert sich dankbar an den anfänglich gemeinsamen Weg. Schon ein Jahr später stellte sich der Neuling auf eigene Füße, wuchs zu einem gesunden und tatkräftigen Geschichtsverein heran.

Die Kontakte lockerten sich in den Folgejahren, was die Häufigkeit gemeinsamer Aktionen betraf, zwar etwas, blieben aber immer vertrauensvoll und herzlich. Als vor drei Jahren die Villinger ihrem einstigen Patenkind zu dessen 25. Geburtstag in St. Georgen ihre Aufwartung machten, beschloss man, wieder etwas enger zusammenzurücken. Das hat auch funktioniert. Im vergangenen Jahr brachte St. Georg die beiden Vereine wieder näher zusammen. Das zeigte sich nicht nur bei der schon erwähnten Geburtstagsfeier im Münsterzentrum. Als die Villinger Bürger, in deren Reihen der Geschichts- und Heimatverein eine treibende Kraft war, ankündigten, die Benediktinerkirche wieder in altem Glanz entstehen zu lassen, löste das in St. Georgen Freude und Anerkennung aus. Schon bei den Renovierungsarbeiten schauten Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte in der ehemaligen Stifskirche St. Georg herein. Noch heute schwärmen sie vom Besuch in dem barocken Gotteshaus, als sie dann zwei Jahre später das vollendete Werk bewundern konnten. So begeistert sie von der gelungenen Renovation waren, so begeistert erzählen sie von der sachkundigen und humorvollen Führung durch Dekan Kurt Müller durch die Benediktinerkirche.

Doch zurück zur Feier des 30jährigen Bestehens des Villinger Geschichts- und Heimatvereins. Das Geburtstagsgedicht von Heinrich Bauknecht, dessen Talent in Muttersprach-Kreisen in der ganzen Region bekannt ist, wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten (siehe nebenstehende Seite). Er versteht’s aber auch, in gutem Schriftdeutsch zu sagen, was einem geschichts- und traditionsbewussten Schwarzwälder auf den Nägeln brennt.

 

30 Jahre Geschichts- und Heimatverein Villingen von Heinrich Bauknecht

30 Jahr‘ Vereinsgeschichte –

lang, wenn man der Arbeit denkt. Gegen 1.000 Jahre Marktrecht klingt es aber wie geschenkt.

Doch was gab uns Einstein vor? Zeit – ein Relativfaktor.

 

Bleiben wir bei 30 Jahren die bis heute hier passiert.

Was hat man da doch erfahren, angeleiert, ausprobiert

und nicht immer war wohl klar ob das Tun erfolgreich war.

 

Erstes Ziel ist es, vom Alten wie es heute noch besteht möglichst vieles zu erhalten eh es völlig untergeht.

Heut‘ regiert ja meist die Eile: Abbruch, Betonfertigteile wichtig: Rentabilität –

bessere Lebensqualität?

Mancher Neubau – eine Schande, doch dies Thema nur am Rande.

 

Eine Sorge vieler Alten

ist‘ s, die Mundart zu erhalten. Wird sie Kindern noch gelehrt? Eben nicht! Das ist verkehrt.

 

Klingt sie nicht mehr in den Ohren geht Identität verloren:

„Internet – cool Mensch, echt geil. Mundart – wow – wie heißt das Teil?“

 

Ich will nur noch eines sagen:

Jammern hilft nicht, auch kein Klagen. Aufgerufen sind wir alle

stets, in jedem Einzelfalle

für Historisches zu kämpfen,

falschen Fortschrittwahn zu dämpfen.

 

Der Versuch lohnt unbedingt, hoffen wir, dass es gelingt.

Wie hieß es mal irgendwo?

Auf ein Neues – weiter so!

 

Die Stadtfarben der Stadt Villingenin Wappen und Fahnen (Karl Haas, Stefan Rösch)

Mal ehrlich, kennen Sie die Farben der Stadt Villingen? „Blau – weiß“ oder „weiß – blau“?

So kleinlich und zweitrangig die Frage für den geschichtlich Desinteressierten sein mag, was gerade während der Tausendjahrfeierlichkeiten bei einigen „Offiziellen“ der Stadt festzustellen war, um so mehr dürfte sie für den von Interesse sein, der Geschichte ernst nimmt und die Symbole achtet. Vorab: Vom Prinzip her ist „blau – weiß“ ebenso richtig wie „weiß – blau“.

Spricht man aber von den heutigen Stadtfarben Villingens, so ist „weiß – blau“ richtig. Folgende Ausführungen sollen diesen Umstand näher erläutern, da er in der bisherigen Geschichtsschreibung weder eine besondere Erwähnung, noch eine Erklärung erfährt.

Bis 1388

 

 

Seit dem Zeitraum 1388/1415 bis 1530

 

Die ursprünglichen Stadtfarben sind „blau – weiß“. Sie sind uns überliefert im quadratischen Fahnentuch, blau – weiß gespalten mit rotem Schwenkel (s. Abb. unten) Die Villinger hatten dieses Banner angeblich in der Näfelser Schlacht von 1388 lassen müssen, das fortan als Beutestück in der Kirche von Glarus hing. 1616 wurde die verschlissene Beutefahne getreulich kopiert. Die Farben „blau – weiß“ sind die Farben des Hauses Urach-Fürstenberg, zu dem Villingen als „ewiges Reichslehen“ im Jahre 1283 kam.

Die erste Umgestaltung: 

Zwischen 1388 und 1415 wurde den Stadtfarben „blau– weiß“ ein weißer Balken im blauen Feld hinzugefügt. Dies geschah wohl, um sich vom Umland zu unterscheiden, also den Städten, die ebenfalls „blau – weiß“ als Stadtfarben führten. Hüfingen beispielsweise, besitzt diese Stadtfarben heute noch. Belege für diese Form sind u. a.:

• die Wappentafel mit der Jahreszahl 1415 aus den städt. Sammlungen, die sich als Kopie (um 1800) erhalten hat. (siehe

Abb. unten)

• im Zunftsiegel der Schmiedezunft von 1645

• Allianzwappen von 1471 (Haus Färberstraße 44)

• Wappen am Erker der Stadtkasse (Haus Obere Straße 4)

• Chorgestühl der Vetternsammlung von ~1472

Falsche Darstellungen dieser Stadtfarben, wie sie u. a. das Wappen des Romäusbildes am Romäusturm zeigt, machen deutlich, daß die Thematik der Stadtfarben bisher wenig beachtet wurde und einer Aufklärung bedarf.

 

Die zweite Umgestaltung:

Der Wechsel von „blau – weiß“ in „weiß – blau“. Junker Jakob Betz, der wiederholt Bürgermeister und Schultheiß von Villingen war, verlangte 1530 in Augsburg von König Ferdinand I die Verbesserung des Stadtwappens, als Anerkennung für den Widerstand der Stadt im Bauernkrieg und für das Festhalten am alten Glauben während der Reformation.

Am 10. 8. 1530 erhielt Villingen sein neues Stadtwappen

 

Seit 1530

 

Doch was war geschehen?

Ohne einen Hinweis hatte sich der Wechsel der Stadtfarben von „blau – weiß“ in „weiß – blau“ vollzogen. Warum fand der Wechsel statt? Hatte Junker Betz in sei seinem Eifer die Stadtfarben verwechselt oder ist die Verwechslung auf den Künstler des Wappenbriefs von 1530 zurückzuführen? Die Villinger Geschichtsschreibung schweigt. Auffallend ist, dass ab 1530 die Villinger Stadtfarben mit „weiß – blau“ dargestellt werden. Anstelle von „weiß“ wurde entsprechend der heraldischen Regeln auch „silbern“ verwendet!

Wichtig für die Nachwelt: Villingens Stadtfarben sind „weiß – blau“. Das Logo der Verwaltungsgemeinschaft VS in den Farben „rot – grün“ darf in Zukunft nie mit den Stadtfarben gleichgesetzt werden.

Die höhere Töchterschule St. Ursula Vor 60 Jahren befahlen die Nazis die Schließung (Dr. Josef Oswald)

Ein Ereignis, das sich wie kaum ein anderes in die Geschichte der Klosterschulen St. Ursula einprägte, geschah vor 60 Jahren. Damals versuchten die braunen Machthaber die in der Bevölkerung hoch geschätzte kirchliche Lehranstalt durch Verbot auszulöschen. Diesen Vorgang rückte die Schulleitung im November 2000 in den Blickpunkt. Die Situation im Jahre 1940 beschreibt Schulleiter Dr. Josef Oswald in einem Bericht, der im Schulbrief 1/2000 erschienen ist. Die Sorgen und Probleme der Privatschulen, besonders die in kirchlicher Trägerschaft, im Dritten Reich, hat Dr. Oswald in einer größeren Abhandlung unter dem Titel „Ende und Neubeginn“ bereits im Katalog zur Ausstellung „Ein Haus mit Villinger Geschichte“ beschrieben. Der Geschichts- und Heimatverein war Mitveranstalter der Ausstellung und Mitherausgeber des vielbeachteten Katalogs. Auch die Ausstellung

„Kreuz unterm Hakenkreuz – ein Querschnitt durch die antikirchlichen Karikaturen aus der Zeit des Nationalsozialismus“ fand die volle Unterstützung des Vereins. Der Vorsitzende Günter Rath: „Die 40er Jahre waren ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, dem wir uns stellen müssen. Daher begrüßen wir das Projekt der St. Ursula-Schulen und freuen uns, dass junge Menschen sich solcher Themen annehmen.“ Aus dem oben erwähnten Oswald-Bericht im Schulbrief veröffentlichen wir einige Passagen, welche die Existenz bedrohende Situation vor 60 Jahren eindrucksvoll beschreiben.

Damals, zu Ostern 1940, musste das „private Lehr- und Erziehungsinstitut St. Ursula“ auf Befehl der Nazis schließen. Ein entsprechender Erlass des Ministers des Kultus und Unterrichts war schon am 11. Dezember 1939 den Schwestern aus Karlsruhe zugegangen. Der Freiburger Erzbischof Gröber erhob in Berlin Einspruch gegen diese Verfügung und versuchte sogar, Generalfeldmarschall Göring zu Gunsten der kirchlichen Schulen einzusetzen. Auch die damalige Superiorin M. Antonia Hörner beklagte in einem Brief an das Ministerium in Karlsruhe die Härte der Maßnahmen und ersuchte die Behörde, falls die volle Zurücknahme der Verfügung nicht erfolgen könne, wenigstens die zweiten und dritten Klassen zu Ende führen zu dürfen. Aber alle Eingaben nutzten nichts. Frau Superiorin erhielt als Antwort vom Kultusministerium am 22. Januar 1940 nur einen einzigen Satz: „Dem gestellten Antrag kann nicht entsprochen werden.“ In einem sehr persönlichen Brief an die Schwestern betonte der Erzbischof seine tiefe Betroffenheit, sprach den Dank von Eltern und Kirche für geleistete Erziehungsarbeit aus und suchte schließlich in der Theologie des Kreuzes Trost für sich und die betroffenen Ordensleute: Freitag, 12. März 1940 – Aufhebung der höheren Töchterschule St. Ursula in Villingen betr. – Es steht eine schwere Stunde bevor. Die Entscheidung ist nun gefallen, daß die klösterlichen Privatschulen auch im Lande Baden aufzuhören haben. Ich habe mir alle Mühe gegeben, um dieses unverdiente Schicksal zu verhindern, das keineswegs in Einklang steht mit dem Artikel 25 des Deutschen Konkordats. Meine Bemühungen mittelbarer und unmittelbarer Art waren vergebens. Ich nehme an diesem bitteren Los einer altehrwürdigen und hochverdienten Schule herzinnigen Anteil. Ich weiß, daß gerade die Klosterfrauen in Villingen ihre Pflicht als Lehrerinnen sowohl dem Volk und Staat als auch den Eltern und Schülerinnen gegenüber auf das Gewissenhafteste erfüllten. Ich weiß, daß die nunmehr aufgehobene Schule nicht das Geringste sich zu Schulden kommen ließ, das einen Widerspruch zur Treue auch der jetzigen Staatsform gegenüber bedeutet. Ich weiß, wie viele Opfer das Lehrinstitut im Verlauf der Kriegsmonate schon hat bringen müssen. Ich weiß es endlich auch, daß mit der Aufhebung der Töchterschule schwere Sorgen für den Weiterbestand der klösterlichen Gemeinschaft sich ergeben. Ich weiß es, wie bitter es für einen deutschen Menschen ist, in fernen Landen einen sehr unvollkommenen Ersatz zu suchen für das, was man bisher in der Heimat als Eigentum und liebgewordene Tätigkeit besaß. Ein Trost mag es sein, daß kein einziger Grund innerhalb des Klosters oder seiner Schule gefunden werden kann, der zur Aufhebung der Töchterschule Anlaß geben konnte. Ich rufe als Zeugen für die erzieherische Tätigkeit der Klosterfrauen die vielen Hunderte von Schülerinnen auf, die seit langem schon im Leben stehen und dem Kloster und seiner Schule in Dankbarkeit verbunden blieben. Ich selber bin als Freund des Klosters und als Erzbischof durch das Verbot der Klosterschule schwer betroffen. Ich weiß, wie viele christliche Erziehungswerte damit den Schülerinnen verloren gehen. Ich weiß es aber auch, daß die Eltern damit sich um so mehr verpflichtet fühlen, ihre Töchter für Christus und seine Kirche zu erziehen. Ich selber werde dem Kloster meine Treue halten und durch Rat und Tat es unterstützen. Die Klosterfrauen muß der christliche Gedanke trösten, daß aus dem Kreuz ein neuer Segen wachsen wird. Mit herzlichen Grüßen und meinem ganz besonderen bischöflichen Segen, Conrad (Gröber) Erzbischof. Nach dem Urteil der Chronistin folgten die Villinger Ursulinen ihrem Erzbischof in dieser Theologie des Kreuzes. In der Klosterchronik von St. Ursula heißt es nämlich diesbezüglich: „(Als mit Ende des Schuljahres Ostern 40 der Schlussakt kam), waren alle Anwesenden, Eltern, Schülerinnen und Lehrerinnen tief und schmerzlich bewegt, war es doch kein gewöhnlicher Schlussakt, sondern Schulschluss lt. Verordnung des Reichs-ministers. Die Schülerinnen der obersten Klassen spielten damals das ergreifende Stück, Im Kreuz ist Heil‘ – wir (Schwestern) haben das Kreuz als von Gott gesandt auf uns genommen und liebend zu tragen gesucht.“ Wir wissen heute, dass diese Haltung der Schwestern letztlich stärker war als die massive staatliche Gewalt, die ihnen ihre Schule nehmen wollte, und dass an St. Ursula gut 51/2 Jahre später, (nämlich am 26. November 1945) bereits wieder 143 Schülerinnen aufgenommen werden konnten.

 

Eine der Karikaturen der Nazi-Propaganda aus dem Jahr 1935. Bitterböse Angriffe gegen Kirche und Ordensleute (erschienen in der SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“).

 

 

„Kreuz unterm Hakenkreuz“ war eine Ausstellung – hier das Plakat dazu – überschrieben, die im November 2000 in den St.-Ursula-Schulen stattfand.

 

 

Mit Elisabeth Neugart durchs Städtle

Wenn sich die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins alljährlich im Dezember zum besinnlichen Abend im Advent treffen, bei dem in familiärer Runde das alte Jahr verabschiedet wird und sich die Mitglieder schon etwas festlich auf die kommenden Feiertage einstimmen, dann darf eines nicht fehlen: Das Mundartgedicht von Elisabeth Neugart. Die „vereinseigene“ Dichterin hat immer ein poetisches Bonbon parat, das jeder gern und dankbar mit nach Hause nimmt. Claudia Wildi versteht es ausgezeichnet, die Neugart-Verse in echtem Villingerisch lebendig werden zu lassen. Im vergangenen Jahr nahmen

die beiden Frauen die Adventsgesellschaft mit auf einen Winterspaziergang durchs Städtle. Vorbei an den Brunnen führte der Weg. Bei den Figuren gab’s immer eine kurze Zwiesprache mit den Maidle und Mannen, die bei der Kälte auf ihrem Podest hocken müssen. Aber die mussten bleiben, während die Spaziergänger sich nachher in der warmen Stube wieder aufwärmen konnten. Aber schön war’s doch. Darum: Machen wir uns auf und wandern wir mit der Tochter von Hermann Alexander Neugart, der, im wahrsten Sinne des Wortes, ein gutes Stück Stadtgeschichte geschrieben hat, durch Villingen und freuen uns an ihren Versen.

Brunnespaziergang im Winter

Häsch Freud am Gang durch d’Stadt im Summer,

bringts Dir im Winter au kon Kummer.

Manchs isch im Schnee eweng verwandlet,

weg sellem aber nit verschandlet.

 

Guck dert de Berthold, schwerbewehrt;

Ihn hät de Schnee bis jetzt nit gstört.

Der liitem uf em Helm, am Arm,

und giitem wellwäeg auno warm.

 

Im Riet bim Turm, wo Krakes schreie,

duets de Romaias fascht iischneie.

Jetzt hät sin Huet en wiiße Pfiff,

doch d’Pike hät er fescht im Griff.

 

I de Obere Stroß de Narro stoht;

er woeß, dass es degege goht.

Un duet de Schnee au noso garre,

so hond sies gäern, di räechte Narre.

 

Und d’Trachtemaidli hond, guck naa,

jetzt älli wiißi Käppli aa

und ziihnets nab bis über d’Ohre;

die Drei sind scheints eweng verfrohre.

 

Bim Rietdoor guckt de Handwerksmaa,

ob de Schnee sim Rad nit schade kaa.

Maa au de Winter noso grolle,

er däts nomool ge Rottwil rolle.

 

Am Münschterbrunne, nit zum Schmuse,

liit sacht en Schnee uf manchem Buse

und macht debii nitmol Geräuscher.

Jetzt wirkt der Brunne zmols vill keuscher.

 

De Pfarrer Kneipp bim Kloschter danne

moscht di ganz Menschheit schtreng ermanne:

Wa schlotteret Ihr denn wie en Hund?

en kalte Umschlag isch doch gsund!

 

Nu d’Maria am Biggedoor

schtellt sich de Winter gmüetlich vor.

Friirt es au dusse Schtei und Bei,

si hät e Huus fer sich ellai.

 

Häsch Du die Brünne gnueg schtudiert,

kinnts sii, dass Dich a d’Ohre friiert.

Doch Du bisch jo us Fleisch und Bluet

und woesch, wamer degege duet.

Kaasch hintern warme Ofe gau,

muesch uf kon Brunneschtock nuffschtau!

 

Hans Wenzelschaltet einen Gang zurück

Schon bevor er am 19. Oktober 2000 seinen 75. Geburtstag feierte, erklärte er seinen Mitstreitern im Redaktionsteam der Jahreshefte des Geschichts- und Heimatvereins, in Zukunft et- was kürzer treten zu wollen. Zehn Jahre hat er an der Gestaltung der Hefte wesentlich mitgewirkt und auch selbst Publikationen verfasst. Für diese Ausgabe hat er eine Übersicht über Beiträge zusammengestellt, die seit Anfang der 90 er Jahre erschienen sind.

Der Südkurier nahm Wenzels Geburtstag zum Anlass, ihn ein wenig in den Mittelpunkt zu rücken und schrieb unter anderem: Am Sachsenwäldle feiert das zweitälteste von sechs Kindern das 75. Wiegenfest. Johann Wenzel stammt aus der Nähe von Ölmütz in Mähren und absolvierte eine Banklehre. 1943 kam der Jubilar zum Militär, erlebte als Infanterist die Invasion und geriet in Gefangenschaft, aus der er 1946 nach Tuttlingen entlassen wurde. Auf dem Transport erlebte Johann Wenzel zum ersten Mal den Schwarzwald, der ihn an waldreiche Höhenzüge seiner Heimat erinnerte.

1951 kam er, nachdem er ein Jahr zuvor seine Eltern wieder gefunden hatte, nach Villingen in die Werbeabteilung von Kienzle Apparate. Bis auf eine siebenjährige Unterbrechung gehörte er der Firma an und ging als Leiter der Werbeabteilung in den Ruhestand. 1957 trat er mit Lore Roth vor den Traualtar, seine Frau verstarb 1994. Eine Tochter, ein Sohn mit Schwiegertochter und drei Enkeltöchter sind heute die ersten Gratulanten eines Menschen, der sich für die Villinger Ge- schichte interessiert seit er hier wohnt und über 30 Jahre Mitglied ist im Geschichts- und Heimatverein.

 

Erinnerung, Verantwortung und Zukunft Die Geschichte der Fremdarbeiter in Villingen (Wilfried Strohmeier)

Einem Thema, das in den letzten Jahren heiß diskutiert wurde und immer noch wird, stellt sich auch der Geschichts und Heimatverein. Bei einem Vortragsabend im Refektorium des Franziskaner, der in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv durchgeführt wurde, beleuchtete der Kulturwissenschaftler und Historiker Stefan Alexander Aßfalg dieses heikle Thema. Er hat darüber seine Diplomarbeit geschrieben und einen umfassenden Beitrag in dem Buch „Villingen-Schwenningen – Geschichte und Kultur“ veröffentlicht. Das Buch wurde 1999 von der Stadt Villingen-Schwenningen aus Anlass des Jubiläumsjahres herausgegeben. Die Diplomarbeit ist im Stadtarchiv einzusehen.

 

„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ nennt sich die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft. Sie ist für das Geld zuständig, mit dem die Zwangsarbeiter entschädigt werden sollen. Otto Graf Lambsdorff hat für die Deutsche Regierung die Verhandlungen zur Zwangsarbeiterentschädigung in Washington geführt. Zwangsarbeiter gab es nach Aussagen der Historikerin Annemarie Conradt-Mach und Stefan Alexander Aßflag in vielen Firmen von Villingen-Schwenningen. Conradt-Mach, Lehrerin an der Feintechnikschule in Schwenningen, hat sich in verschiedenen Arbeiten intensiv mit Fremdarbeitern und Kriegswirtschaft beschäftigt, unter anderem in dem Aufsatz „Alle meiden und verachteten uns…“, erschienen in dem Buch „1939/1949 – Villingen-Schwenningen.“ Aßfalg hat eine Magisterarbeit über „Die Geschichte der Fremdarbeiter in Villingen während des Zweiten Weltkrieges“ geschrieben. Im Jahr 1943 gab es laut Conradt-Mach in den sechs bedeutendsten Villinger Rüstungsfirmen etwa 20 Prozent Ausländer. Bei der Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt August Schwer Söhne (SABA) mussten diese, wie auch dienstverpflichtete deutsche Mädchen, zwölf Stunden für 55 Pfennige am Tag arbeiten.

Eine Firma, die als kriegswichtig eingestufte Produkte herstellte, war auch die damalige Kienzle Apparate AG, Villingen. Ein Teil der Unterlagen ist nicht mehr auffindbar. Aßfalg zitiert einen Zeitzeugen: „Ich kann also bloß bestätigen, dass man am 19. Abends einen Teil Unterlagen in die Heizung geschafft und sie dort verbrannt hat . . . Beim Verbrennen ging es um Korrespondenz mit Behörden, mit den Wehrmachtsdienststellen .. . „Vor allem für die Luftwaffe war Kienzle Apparate wichtig. Aßfalg: Die Rüstungsindustrie fand in Villinger Präzisionsfabriken kompetente Partner für schwierige Entwicklungen.“ Kienzle Apparate vervierfachte die Zahl der Beschäftigten zwischen 1939 und 1944. Hergestellt wurden Regler für Panzer und die Luftfahrt. Bei Kriegsende waren Druckmesser und Regler für U-Boote in der Entwicklungsphase. Der Betrieb wurde 1940 zum Kriegsmusterbetrieb ernannt. Eher unüblich war die Auszeichnung von Dr. Herbert Kienzle als Wehrwirtschaftsführer, was auch ein politisches Amt war. In Villingen führte der verstorbene Wilhelm Binder senior noch diesen Titel.

Trotz dieser kriegswichtigen Produktion wurden erst von Februar bis April 1945 vermehrt Angriffe auf Villingen geflogen, Schwerpunkt waren das SABA-Werk und Bahnlinien. Gerüchten zufolge haben die Bomber das Kienzlegebäude jedoch nicht gefunden, da es mit Tarnbemalung und Fensterblenden ausgestattet war. Hermann Riedel nennt in seinem Buch „Villingen 1945″ einen englischen Offizier, der zu Kriegsende einer der ersten Alliierten im Kienzle Werk war: “ . . .Er habe aber den Auftrag gehabt das Werk Kienzle Apparate zu bombardieren, von oben habe das Werk jedoch wie ein größerer Schuppen ausgesehen.“ Riedel sieht diese Aussage skeptisch, da die Alliierten über gutes Kartenmaterial verfügten.

 

Kienzle-Apparate AG im Tarnanstrich.

 

Jedoch nicht nur die deutschen Firmen beschäftigten Zwangsarbeiter. Riedel führt das Aluminum-Werk an, welches Schweizern gehörte. Dort waren am 21. April 1945 insgesamt 437 Menschen beschäftigt, davon waren 249 sogenannte Fremdarbeiter, darunter 38 französische Kriegsgefangene.

Für die beiden Städte Villingen und Schwenningen werden in den Dokumenten verschiedene Lager für Fremdund Zwangsarbeiter genannt. Zahlen lassen sich nicht mehr rekonstruieren, da viele Unterlagen bei Kriegsende vernichtet wurden. Eine der wenigen übriggebliebenen, verlässlichen Angaben ist eine Meldung des Arbeitsamtes im Juli 1942 an das Bürgermeisteramt Villingen. Darin sind 485 Fremdarbeiter aufgelistet, mit 226 stellten dabei die Russen den größten Anteil. Die Verwaltung des damaligen Kreises Villingen führt im Jahr 1945, zu Kriegsende, in den Akten für die Stadt Villingen 2384 Kriegsgefangene, Zwangsverschleppte und Arbeiter.

Ein ehemaliger Lageroffizier in Villingen berichtet, dass kurz vor Kriegsende in drei Gruppen russische Gefangene aus dem STALAG V B (Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager) zu je 400 Mann an die Schweizer Grenze gebracht wurden dies vermerkt auch Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945“. Laut Stadtchronik waren es in Schwenningen rund 3000 Zwangsarbeiter. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter unter anderem im STALAG V B, Villingen, welches sich in der Näher der SABA-Werke befand. Hier waren zu Beginn des Krieges 1000 Kriegsgefangene interniert, zum Ende des Krieges 2000, vor allem Franzosen, Russen und Polen.

Dieses STALAG V B wurde laut Conradt-Mach am 28. März 1940 eröffnet und bis Kriegsende betrieben. Es war eines von drei Lagern im Wehrkreis V. Dieser umfasste ein Gebiet, welches sich südlich des Kaiserstuhls, Villingen, Münsingen und Ulm erstreckte. Conradt-Mach: „Von Villingen aus wurden im Zeitraum September 1941 bis Januar 1945 immer zwischen 20000 und 30 000 Kriegsgefangene, betreut‘.“ In der Rietheimer Straße gab es ein Lager für Ostarbeiter. In Schwenningen gab es eine Außenstelle des STALAG V B in der Württembergischen Uhrenfabrik. Weiterhin existierten in Schwenningen zwei Lager, eines für Westarbeiter in der Liststraße, eines für Ostarbeiter im Dickenhardt. Verschiedene Firmen hatten die Erlaubnis, eigene Lager zu unterhalten, beispielsweise die nicht mehr existierende Schuhfabrik Johannes Haller. Diese befand sich gegenüber dem City-Rondell, heute Wohnart Welzer. Laut Zeitzeugen waren dort damals 50 bis 60 Menschen untergebracht.

 

Stalag V B

 

Eine der ersten Firmen in Villingen, die dem Stiftungsfond der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beigetreten war, war die Firma Burger Spritzguss. Gegründet wurde der Fond von Allianz AG, BASF AG, Bayer AG, BMW AG, Commerzbank AG, Daimler Chrysler AG, Degussa-Hüls AG, Deutsche Bank AG, Dresdner Bank AG, Hoechst AG, RAG AG, Robert Bosch GmbH, Siemens AG, VEBA AG, Thyssen-Krupp AG und Volkswagen AG. Weitere Informationen und Erläuterungen, wie auch eine Liste der dem Stiftungsfond beigetretenen Firmen gibt es unter www.stiftungsinitiative.de.

Die Einzahlung in den Wiedergutmachungsfond wurde und wird von den Verantwortlichen der Industrie teilweise sehr kontrovers geführt. Fünf Milliarden Mark Stiftungskapital sind erforderlich. Dieter Teufel, Präsident der Industrieund Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg hatte im März 2000 folgende Ansichten zu diesem Thema: Für ihn war dies zum damaligen Zeitpunkt kein breites Thema des Mittelstandes. In seiner Aussage schwingen Erfahrungen aus der eigenen Familie mit. Dieter Teufel stammt aus einer Schuhfabrikantenfamilie. Die Maschinen der Firma, selbst die Gebäude erzählt er, waren zu Kriegszeiten beschlagnahmt. Die Eigentümer hätten keinen Einfluss mehr auf die Firma gehabt, es seien Zwangsarbeiter beschäftigt worden. Seiner Überzeugung nach ist es nicht einzusehen, weshalb eine Firma an die Stiftung zahlen solle, die selbst gelitten habe. Jedoch will er sich nicht falsch verstanden wissen. Teufel ist nicht prinzipiell gegen eine Zahlung an die Stiftungsinitiative.

„Wer Verantwortung zu tragen hat, soll sich ihr stellen“, und verweist auf das Verursacherprinzip. Er zeigt sich überzeugt, jede Firma – auch die des Mittelstandes – müsse dieses Kapitel ihrer Vergangenheit erforschen. Die Betroffenen sind nach seiner Meinung jedoch hauptsächlich in der Großindustrie zu finden.

Mittlerweile haben in ganz Deutschland nicht nur Firmen, beispielsweise auch kirchliche Einrichtungen, ihre Archive auf Beschäftigung von Zwangsarbeitern geprüft.

Ausgrabungen im Quartier Rietund Färberstraße Keine sensationellen Funde aber interessante archäologische Erkenntnisse (Luisa Galioti)

Beginn der Abrissarbeiten auf dem Gelände des künftigen Müller-Drogeriemarktes, im Bereich Riet-, Färber-, Brunnenstraße, machten sich neun junge Archäologen auf die Suche nach mittelalterlichen Zeugnissen der Stadtgeschichte. Die Maßnahme wurde mit insgesamt 135 000 DM vom Arbeitsamt im Zuge eines Programms für Langzeitarbeitslose gefördert.

Bauherr Erwin Müller finanzierte die Fachkräfte. Das wurde vom Referatsleiter im Landesdenkmalamt Stuttgart, Hartmut Schäfer, lobend hervorgehoben. Bauherrschaft und Denkmalamt teilen sich auch die Sachkosten in Höhe von rund 40 000 Mark. Ein halbes Jahr wurde im Erdreich der Häuser, die später der Baggerschaufel zum Opfer fielen, geschaufelt, geschabt, gekratzt und gesiebt. Unter der Leitung von Luisa Galioto legten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im grellen Scheinwerferlicht Teile der „Unterwelt“ dieses historischen städtischen Wohnbezirks frei. Dabei machten sie zwar keine sensationellen Funde, gewannen aber interessante archäologische Erkenntnisse zur Baugeschichte der Innenstadt.

Darüber berichtet Luisa Galioti jetzt in einem Beitrag der „Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1999“, den uns das Landesdenkmalamt zur Verfügung stellte.

Der Neubau eines großen Ladengeschäftes in der Altstadt von Villingen war der Anlass für Bodenund Bauuntersuchungen, die das Landesdenkmalamt in der Zeit von März bis August 1999 durchgeführt hat.

Die ca. 1500 m2 große Baufläche war Bestandteil eines hochmittelalterlichen Stadtquartiers an exponierter Stelle (s. Abb.). Vier der dortigen Häuser (etwa 500 m2 ) waren archäologisch relevant. Die archäologische Erforschung dieses Häuserkomplexes war von besonderer Bedeutung, weil in Villingen eine gleichzeitige, kombinierte archäologische Untersuchung zum ersten Mal möglich war. Die somit erzielten Ergebnisse erbrachten neue, wichtige Einblicke in die Quartierstrukturen.

 

Das Gebäude Rietstraße 5 bestand bis ins 20. Jh. aus zwei steinernen Bauten, die die gesamte Parzellenbreite (etwa 17,5 m) einnahmen.

 

Die älteste Besiedlung lässt sich nur sehr schwach fassen. An der östlichen Parzellengrenze entlang zogen zwei angrenzende Steinunterlagen, die vermutlich jeweils als Unterbau für ein hölzernes Gebäude dienten. In der zweiten Bauphase (Ende Hoch-/Anfang Spätmittelalter) entstand zunächst das Nachbarhaus im Osten, dann die Rietstraße 5. Das im Lichte 5,7 m x ca. 14,0 m große Steinhaus lehnte sich mit seinen bis zu 1,2 m dicken Außenmauern an das bereits bestehende Gebäude im Osten und nutzte dessen Brandmauer mit. In diese hatte man nachträglich eine Verbindungstür eingebrochen. Das zweiräumige Erdgeschoss des Gebäudes war mit einer rechteckigen, in Stein gefassten Latrine ausgestattet. Gegen die Westmauer des Gebäudes errichtete man ein gewerblich genutztes Gebäude mit Innenmaßen von 5,2 m x ca. 5,7 m. Auffällig war die bis zu 0,3 m dicke Isolierung aus tonigem Lehm unter dem ehemaligen Fußboden und entlang der Fundament-Außenschale. In der dritten Bauphase ersetzte ein Steinhaus das Gewerbegbäude. In seinem 1. Obergeschoss befand sich vermutlich der repräsentative Raum, in der Westmauer öffneten sich zwei unterschiedlich geformte und in verschiedenen Zeiten eingebrochene Nischen. Vermutlich bei der Einrichtung des Gasthauses „Zur Lilie“, das seit 1710 urkundlich belegt ist, verlegte man im Erdgeschoss des Baus eine Reihe von Buntsandsteinplatten, die wahrscheinlich als Unterlage für eine Wasserleitung dienten, während im Südosten die Küche untergebracht wurde.

Das Gebäude Rietstraße 5 bestand bis ins 20. Jh. aus zwei steinernen Bauten, die die gesamte Parzellenbreite (etwa 17,5 m) einnahmen.

Das im Lichte 6,5/7,0 m x 14,0/16,5 m messende Gebäude Färberstraße 3 war im Erdgeschoss zuletzt in einen Treppeneingang im Nordwesten, einen größeren Vorderraum im Südwesten und in zwei aufeinander folgende Räume im Osten unterteilt.

In der ältesten Zeit der Besiedlung dürfte das Gelände kaum bebaut gewesen sein, es diente als Hofareal für die Nachbarhäuser. Zwei Latrinen, eine davon mit Holzaussteifung, gehörten zu den ältesten Befunden. Gleichzeitig mit den Latrinen oder etwas später entstand das nördlich benachbarte Steinhaus Färberstraße 1. 1375 erfuhr dieser Bau eine Erweiterung um etwa 2,0 m nach Osten. Annähernd zu gleichen Zeit wurde die Latrine im Südwesten des Hofes vom Nachbarhaus überbaut, die andere von einer Grube geschnitten. Anfang des 15. Jhs. errichtete man über der Grube einen – zumindest im Erdgeschoss – steinernen Bau. Annähernd gleichzeitig fand die Erweiterung der angrenzenden Gebäude nach Osten hin statt. Erst 1475/76 entstand ein Haus, das die Größe des jüngsten Baus erreichte. Auf dem steinernen Erdgeschoss saß eine hölzerne Fassade, eine Tür im 1. Obergeschoss verband die Häuser Färberstraße 1 und 3. 1615/16 wurden die Obergeschosse vollständig neu gebaut. Aus dieser Zeit hatten sich im 1. Obergeschoss bemerkenswerte Reste der Innenausstattung erhalten. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. beherbergte der Vorderraum des Erdgeschosses eine Schmiedewerkstatt und das 2. Sowie 3. Obergeschoss wurden zu Wohnungen mit gehobener Ausstattung umgebaut.

Der 8,8/14,0 m x 13,5/8,0 m große Bau Färberstraße 5 entstammt einer Baumaßnahme aus den Jahren 1815/16, die Fassade im Erdgeschoss und seine Innenaufteilung wurden im Zuge einer neuzeitlichen Umgestaltung komplett ausgetauscht. Zu den ältesten Perioden gehören verschiedene im rückwärtigen Teil des Baus eingetiefte und sich gegenseitig überschneidende Gruben bzw. Latrinen. Im Spätmittelalter entstand die südliche Brandmauer, zeitgleich könnte auch die bis zur Fundament-Oberkante abgebrochene Südwestmauer errichtet worden sein. Sie war auf einer Länge von 4,6 m sichtbar und in ihrer Flucht befand sich ca. 2,5 m nördlich von ihr eine zweite Mauer. Im Bereich dazwischen fehlten jegliche Hinweise auf eine Trennmauer. Zum Bau des 19. Jhs. gehören die unterschiedlich gerichteten Innenmauern.

Das 3,5/4,5 m x 15,75/16,5 m große Gebäude Färberstraße 9 besitzt in allen Geschossen einen straßenseitigen großen Raum, der durch eine in der Mitte des Baus aufsteigende Treppe vom hofseitigen Zimmer getrennt wird.

Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Villinger Innenstadt förderten die Grabungsarbeiten im Quartier Riet-, Färber-, Brunnenstraße zu Tage. Die Grabungsleiterin Luisa Galioto berichtete beim Besuch einer Delegation des Gemeinderates über den Fortgang der Arbeiten. Hier im Haus Färberstraße 9.

Die Bebauung des Grundstücks begann erst nach der Errichtung der Nachbarbauten Färberstraße 7 und 11. Bis dahin diente dieser schmale Bereich zwischen den Bauten möglicherweise als Durchgang nach Osten; an seiner Nordost bzw. Südgrenze zeichneten sich die Ränder von zwei Latrinen ab, die zu jeweils einem der älteren Bauten gehörten. Im Jahr 1315/16 dürfte der erste Bau, ein Fachwerkhaus, auf dem Grundstück entstanden sein. Gleichzeitig oder bereits vorher brach man in der Brandmauer des südlichen Nachbarhauses im Erdgeschoss eine Tür ein. Am Ende des 14. Jhs. fand die Aufstockung des Holzbaus um ein Geschoss statt, aus dieser Zeit stammen vermutlich auch eine auffällig breite Nische von 3,4 m Ausdehnung im 1. Obergeschoss und eine zweite hochrechteckige im 2. Obergeschoss der jeweiligen vorderen Räume. Nachdem die Färberstraße 11 aufgestockt und ca. 3,0 m in den Hof hinein vergrößert worden war, erfolgte um 1432 eine hofseitige Erweiterung auch des Hauses Nr. 9, das nun ein Satteldach erhielt. Möglicherweise fand zu diesem Zeitpunkt der Neubau der Fassade sowie die Errichtung einer Innenmauer statt. Auf eine gehobene Ausstattung des neuen Steinhauses deuten eine Fenstersäule im 1. Obergeschoss des Vorderraums sowie Fragmente von Malereien im darüber liegenden Raum. Um 1496 errichtete man erneut einen hofseitigen Anbau und im 18./19. Jh. fand eine Strukturierung des Erdgeschosses statt.

Literaturhinweise:

B. Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Baden-Württemberg 22 (Stuttgart 1999) 11–294; B. Lohrum, Der mittelalterliche Baubestand als Quelle der städtebaulichen Entwicklung Villingens. In: B. Jenisch a. a. O., 295–363.

 

 

Baggerschaufel in Aktion

 

Der Abbruch der Häuser auf dem Areal des Müller-Drogeriemarktes beschäftigte die Bürger im Jahr 2000 besonders. Zahlreiche Zuschauer verfolgten das Zerstörungswerk der Baggerschaufel mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits betrachtete man mit Wehmut den Eingriff ins vertraute Stadtbild, andererseits wartet man seit vielen Jahren auf den Magneten, der die Innestadt beleben soll und freut sich über einen Investor, der mit vielen Millionen Mark dafür sorgen will. Eine Stadt, die den Blick nicht vorwärts richtet, ist eine tote Stadt.