1000 Jahre Villingen und die Zähringer (Werner Huger)

Eine geschichtliche Analyse

Wurde die Stadt Villingen vor tausend Jahren gegründet, wie hieß der Gründer oder handelt es sich womöglich gar nicht um eine Stadtgründung, erfolgte diese erst später? Gab es eine Stadtgründung im eigentlichen Sinne überhaupt? Fragen über Fragen.

Meine geschichtliche Betrachtung will zeigen, um welchen Personenkreis schon jahrhundertelang die Spekulationen kreisen und auch, ob das Gedenken im Hinblick auf eine bevorstehende Tausendjahrfeier Sinn macht.

„Es gab gute Gründe, Herzog Berthold III. von Zähringen in Villingen eine Gedenkplastik zu erstellen“, schreibt 1976 Heinz Bühler in den Bilddokumenten von Herbert Schroff. Er verweist auf die Tagebuchniederschrift des Villinger Ratsherren Heinrich Hug, in dessen 1495 begonnener Chronik der erste Satz lautet: „Anno 1119 ist die Stadt Villingen von den Herzogen von Zäringen erbauen worden.“ Ferner steht auf der ersten Seite der Chronik: „Hertzog Berthold der viert des namens, hat Villingen erbauen.“ Welch Widerspruch: Da ist auf derselben Seite die Rede vom Jahr 1119, für das nur Berthold III. oder Konrad in Frage gekommen wäre, und dem „Erbauer“ Berthold IV., der erst nach 1152 die Herrschaft ausübte. — Schon vor über hundert Jahren, 1872, schreibt Johann Nepomuk Schleicher „Wenn es sich aber bewahrheitet, daß die Stiftung Freiburgs […] sieben Jahre älter ist als jene Villingens, so ist nicht Berthold III. (Anm.: gest. 1122) sondern (Anm.: sein Bruder) Konrad der Gründer Stadt Villingen. Professor Planitz spricht in seiner Abhandlung „Die deutsche Stadt im Mittelalter“, ohne seine Quelle zu nennen, für Villingen vom Gründungsdatum 1130, womit er wieder bei dem Zähringer Konrad angelangt wäre 1). Nicht genug damit: Professor Schwineköper kommt zu dem Ergebnis, Gründer der Stadt Villingen sei „mit großer Wahrscheinlichkeit“ Berthold V. (Anm.: gest. 1218) 2).

Aber schließlich gibt es auch noch einen bisher nicht genannten Grafen Berthold — ohne Zusatz —der etwas mit dem Jahr 999 zu tun hat, zumal so mancher auf alle Fälle im Jahr 1999 das tausendjährige Stadtjubiläum feiern möchte, einer Stadt, die es damals noch nicht einmal in Ansätzen gab. —Da alle Bertholde zeitlich nach dem Jahr 999 rangieren, müßten da nicht auch Berthold I. und Berthold II. diskutiert werden? — Die Verwirrung ist allgemein.

Nur zwei kritische Anmerkungen mögen die Problematik von Datierungen aufzeigen und gleichzeitig verdeutlichen, wie manchesmal Geschichtsschreibung entsteht. Wir wissen inzwischen, daß die Originalhandschrift der Hugschen Chronik (aufgefunden 1881) weder das Jahr 1119 als Gründungsdatum der Stadt, noch Berthold IV. als „Erbauer“ enthält. Es handelt sich um spätere Zusätze, die wahrscheinlich erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts in die Abschriften eingefügt wurden 3). Deren Primärquellen sind nicht bekannt. Zum andern bezeichnet eine späte Urkunde, die aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, Berthold V. als „fundator ville vilingun“. Nun heißt zwar das lateinische „fundator“ tatsächlich „Gründer“, nach professoraler Auslegung allerdings auch „Förderer, Gönner, Wohltäter“ 4). Die Quelle, die Schwineköper benutzte, ist ein sogenanntes Anniversar, d. h. ein kirchliches Verzeichnis von Todestagen zwecks Abhaltung von Seelenmessen. Sie ist also weder Gründungsurkunde noch zeitgenössische Nachricht. Es wäre spannend und ermüdend zugleich, die Fehler, Trugschlüsse und gelegentlichen Oberflächlichkeiten als Irrtümer in der geschichtlichen Überlieferung unserer Stadt aufzulisten. Es sei hier vorweg schon angedeutet: Ein Beweis für „den Gründer der Stadt Villingen wird sich nie finden lassen. Zum einen gibt es dafür keine Urkunde, gleich welcher Art, wie wir sie bei den Städtegründungen des späteren Mittelalters gelegentlich vorfinden. Zum anderen vollzieht sich bei der Stadt Villingen, salopp gesagt, das biologische Wunder, daß sie über mehrere Väter verfügt.

Beginnen wir deshalb zunächst bei Berthold —ohne Zahl —, und mit ihm begeben wir uns zu jener Quelle, der einzigen übrigens, die verläßlich über Villingen als Ort auf dem Wege zur Stadt-werdung berichtet, ohne daß der Ort damit schon die Schwelle zur Stadtwerdung überschritten hätte. Mit Berthold — ohne Zusatz —, einem Grafen, begegnen wir jener Person, um derentwillen sich zuvorderst ein Denkmal lohnt und eine Tausend-jahrfeier rechtfertigt. — Mit ihm kennen wir den Gründer des Marktes Villingen und den Marktherren. Durch ihn fügen sich wirtschaftliche Aktivitäten einheimischer und überall her gekommener Menschen auf der östlichen Brigachseite zum Kristallisationspunkt der späteren Stadtwerdung. Zur Verwaltung des Reiches bedient sich im Mittelalter der König und Kaiser einerseits der Kirche und der Klöster, d. h. personal der Bischöfe und Äbte, andererseits der Angehörigen des weltlichen Hohen Adels, der Herzöge und Grafen. Nahezu ausschließlich entstammen Bischöfe und Äbte dem Hochadel. In diesem Gefüge sind Geistlichkeit und Adel Territorialherren, die ihren Besitz entweder zu eigen, d. h. ihnen gehörig, haben oder ihn vom obersten Repräsentanten des Reiches als königliches Lehen übertragen bekamen oder ihn als dessen Vertreter verwalten. Eine derartige Konstellation bedingt ein wechselseitiges Verhältnis von Treue und Glauben. Dazu gehört die dem König schuldige Gefolgschaft. Beispielhaft nenne ich aus dieser Zeit, die uns berührt, als herausragende Figur, Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln und gleichzeitig Kanzler des Reiches.

Einer dieser Grafen des ausgehenden 10. Jahrhunderts war ein gewisser Berthold — ein Allerweltsname der herausgehobenen Art, gibt es ihn doch in jenen Jahrhunderten dutzendweise. Berthold ist der neuhochdeutsche Name, abgeleitet von Berthold, geschrieben berhtold, gesprochen „Berchtold“. Der erste Namensteil „Berht“, gesprochen „Bercht“, hat seine Herkunft aus dem Althochdeutschen „beraht“ = „beracht“ und bedeutet „glänzend“. Der zweite Namensteil „old“ ist aus dem Althochdeutschen „-walt“ zu „waltan“ = walten, herrschen abzuleiten. In einer Zeit, in der es noch keine Familiennamen im engeren Sinne gibt, bedeutet der Sinn des Namens „Berthold“ etwa „glänzender Herrscher“.

Dieser Berthold oder Berchtold befindet sich im Gefolge des Kaisers Otto III., als dieser im Februar 998 von Ravenna aus seinen zweiten Romzug beginnt. Diesmal ist es ein militärischer Vormarsch, und Berthold bekleidet dabei eine entsprechende Stellung, sagen wir die eines Generals. Welche Gründe gab es dafür? Hierzu zitiere ich Prof. Gerd Althoff: Im Jahre 996 hatte Otto nicht nur die Kaiserkrönung erreicht, sondern auf sein Geheiß hin war auch sein Verwandter Brun von Kärnten als Gregor V. zum Papst erhoben worden. […] Gegen ihn erhob sich eine stadtrömische Adelspartei. Althoff führt dann weiter aus, diese Gegenpartei habe anfangs des Jahres 997 unter ihrem Präfekten Crescentius in Rom einen Gegenpapst eingesetzt. Dieser Johannes Philagathos, ein Grieche aus Süditalien, war einst durch die Protektion der Ottonen Erzbischof von Piacenza geworden und soll sogar Taufpate Ottos III. und Papst Gregors V. gewesen sein. Dieser Treuebruch und Frontwechsel des Johannes Philagathos und ebenfalls des erst kurz zuvor begnadigten Stadtpräfekten Crescentius erbitterte den Ottonischen Hof in Deutschland aufs äußerste. Der militärische Gegenschlag Kaiser Ottos III. war die konsequente Reaktion. Es waren die deutschen Truppen des Kaisers, die den Gegenpapst in der Nähe Roms aufspürten und gefangen nahmen. Eine der überlieferten Quellen, ein Papstkatalog, dessen Inhalt die Wissenschaft nicht anzweifelt, nennt den Namen des Anführers dieser Heeresabteilung. Es ist unser Graf Berthold.

Nach der Gefangennahme wurde der Gegenpapst geblendet, Nase, Zunge und Ohren verstümmelt. Es ist kaum anzunehmen, daß das ohne Kenntnis und Zustimmung Bertholds geschah. Dann veranstaltete man einen Schauprozeß. „Eine Synode in Rom verurteilte den Geblendeten, dem noch einmal die päpstlichen Gewänder angezogen worden waren, zur Absetzung; daraufhin riß man ihm die Gewänder vom Leibe und trieb ihn durch die Straßen Roms, wobei man ihn verkehrt auf einem Esel reiten ließ, den Schwanz des Tieres wie einen Zügel haltend“. Dem ebenfalls gefaßten Stadtpräfekten erging es ähnlich schlimm, und er wurde dann getötet.

Die in leitender Funktion und mit Energie betriebene Strafexpedition veranlaßte Kaiser Otto, den Grafen zu ehren 5). Unter anderem verlieh ihm der Kaiser das Privileg, an einem ihm, dem Grafen, gehörenden Ort namens vilingun, einen öffentlichen Markt zu gründen und mit einer Münze, einer Zollstätte sowie dem gesamten öffentlichen Gerichtsbann einzurichten.

Dieser Markt war vom Kaiser ausdrücklich den älteren Märkten in Konstanz, dem Bischofsort, und Zürich gleichgestellt worden. Damit wird erstmals für den Südwesten des Reiches die Linie einer „Marktrechtsfamilie“ erkennbar. — Alles in allem war das eine ganz ungewöhnliche königliche Gunst, denn so weitgehende Vorrechte hatten die Kaiser bisher nur an Kirchen und Klöster, d. h. an deren Herren, verliehen. Die darüber ausgestellte Urkunde wurde am 29. März 999 in Rom verfaßt. Es ist das älteste bisher bekanntgewordene Zeugnis, mit dem ein Kaiser seine ihm zustehenden königlichen Rechte auf einen vornehmen weltlichen Gefolgsmann übertrug. Die Urkunde befindet sich heute im Generallandesarchiv in Karlsruhe. Allgemeiner Güteraustausch durch freie Marktbe-schicker und deren Freizügigkeit auf einem räumlich definierten Gebiet, nämlich dem Ort Villingen, ferner die ordnungspolitische Macht mit dem schützenden und sichernden Gewaltmonopol des gräflichen Marktherrn, dann die für dieses Gebiet zuständige eigene Währung und die notwendig damit verbundenen Maße, zwecks Fixierung der Tauschrelationen Geld — Ware, sowie letztlich die Zollhoheit, mit dem Anspruch auf die Abschöpfung von Finanzzöllen, einer Umsatzsteuerart, seitens des Marktherren, ergaben ein neues komplexes System von Wirtschaftsbeziehungen und Abhängigkeiten. An die Stelle des rein grundherrlichen Güteraustausches, vorwiegend als Naturaltausch, tritt die neue Organisationsform des Wirtschaftens, mit regionaler und überregionaler Ausstrahlung. Die Folge ist auch ein neuer Organismus gesellschaftlichen Lebens. Das alles gehört zum Wesen dessen, was wir für die Jahre nach 999 als inhaltliche Konsequenz mit dem Begriff „Markt“ — merkatum — zu verbinden haben. Durch ihn entsteht auf dem begrenzten Ortsgebiet zu Villingen eine neue „Sozialwirtschaft“, die wir mit ihrem Beziehungsgeflecht persönlicher, sachlicher und rechtlicher Natur, unbeschadet vordergründiger räumlicher Begrenztheit, als eine echte Volkswirtschaft en miniature bezeichnen können.

Leider müssen wir dennoch von der Vorstellung Abschied nehmen, daß damit schon die Geschichte der Stadt Villingen begonnen hätte. Auch Konstanz und Zürich waren damals keine Städte im Rechtssinne sondern Märkte 6). Tatsächlich werden sie in der kaiserlichen Urkunde von 999 auch als „Markt“ (merkatum) bezeichnet.

Dennoch sind zwei Dinge auffallend:

Der Graf Berthold erbittet sich die königlichen Rechte für seinen Ort Villingen. Also muß er zu diesem einen besonderen und persönlichen Bezug gehabt haben. — Dürfen wir ihn schlicht einen Villinger nennen?

Die originale handschriftliche Urkunde hatte sich über all die Jahrhunderte hinweg, bis zum Übergang Villingens an das neu entstandene Großherzogtum Baden, in der Stadt selbst bewahrt. Erst aufgrund einer hoheitlichen Anweisung gelangte sie 1809 auf dem Postwege nach Karlsruhe. Wie ist es möglich, daß eine kaiserliche Urkunde aus dem Jahre 999, erteilt an die persönliche Adresse eines gräflichen Gefolgsmannes, Ortsherr und nun künftiger Marktherr von Villingen, an diesen Ort, die spätere Stadt, gelangt und sich hier, und nur hier, über Jahrhunderte erhalten hat? Welche internen Verflechtungen bestanden hier, die dazu beitrugen, die Urkunde zu erhalten 6a)? Eine faszinierende Frage an die künftige Forschung.

Wer war nun dieser Graf Berthold? Es ist sehr wenig was wir wissen. Von Einzelheiten abgesehen, ändert sich allerdings nichts an der „grundsätzlichen Einschätzung“, Graf Berthold sei einer der Vorfahren der Zähringer 7). Für diese tauchen, neben dem Namen Berthold, die inhaltlich gleichbedeutenden Namen Birhtilo und Bezelin auf. In einer Urkunde 8), die wahrscheinlich aus dem Jahre 1153 stammt, wird ein Bezelin von Villingen genannt. Der Bezugsort verweist auf die politische Konstellation, die Bezelin mit dem Ort verbindet und zeigt das persönliche Verhältnis an.

In der Forschung besteht eine Lücke. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Graf Berthold und Bezelin ein und dieselbe Person sind. Bezelin soll 1024 gestorben sein. Sein Sohn ist jedenfalls Berthold I. „mit dem Barte“. Er war Graf in der Baar und seit 1061 Herzog von Kärnten, ohne dort jemals auch nur ansatzweise die Herrschaft ausgeübt zu haben. Mit Berthold I. bleibt die Titulierung „Herzog“ an den Nachfolgern haften, bis deren letzter, Berthold V., sich zum erstenmal, Ende des 12. Jahrhunderts, „Herzog von Zähringen“ tituliert. Berthold I. stirbt 1078 auf der Limburg über Weilheim an der Teck. 1079, während der Auseinandersetzung mit den Staufern, verlegt sein Sohn Berthold II. den Herrschaftsschwerpunkt vom schwäbischen Albtrauf in den Breisgau, wo die Burg Zähringen, nördlich Freiburgs, zum Mittelpunkt der Herrschaft wird. Er legt sich künftig einen zweiten Familiennamen „von Zähringen“ zu, der sich dann vererbt. Sein Bruder ist Bischof Gebhard III. von Konstanz. Er weihte 1085 das 1084 auf dem Schwarzwald gegründete Reformkloster St. Georgen, 15 km nordwestlich Villingens. Noch weitere politische Entscheidungen machen deutlich, wie sich immer mehr die Herrschaft der Bertholde im Schwarzwaldraum strukturiert. Möglicherweise muß man hier den Ansatz für das Zähringische Städtewesen sehen.

Das gewaltige Herrschaftsgebiet der Bertholde von Zähringen, Herzoge von Kärnten, Grafen in der Baar, Rektoren und Reichsvögte, reicht in Schwaben über Teile des heutigen Württembergs, Mittel- und Südbaden nach Vorarlberg tief in die Schweiz bis über Genf hinaus nach Burgund. Sie gehören, vergleichbar mit den Staufern, zu den mächtigsten Fürstenhäusern des südwestlichen Reiches.

1934 fand man in Vichmjaz am Ladogasee in Rußland einen Münzschatz, in dem nahezu alle salischen Münzstätten vertreten waren. Darunter befand sich eine Villinger Münze, ein silberner Denar. Dieser Schatz von 13398 Münzen war nach 1079 verborgen worden. Die Villinger Münze könnte demnach zu Zeiten Bertholds II. oder schon seiner Vorgänger geprägt worden sein.

Die Söhne Bertholds II. (gestorben 1111) sind als seine Nachfolger Berthold III. (gest. 1122) und Konrad (gest. 1152). Nachfolger ist jetzt Konrads Sohn als Berthold IV. (gest. 1186). Als letzter des Geschlechts folgt dessen Sohn, Berthold V. (gest. 1218), der sich — wie erwähnt — erstmals Herzog von Zähringen nennt. Mit ihm erlöschen die Zähringer im Mannesstamm. Ihre machtpolitische Rolle ist zu Ende. Der Kaiser, der Staufer Friedrich II., legt seine Hand auf Villingen.

Alle diese Zähringer waren zu ihrer Zeit die Orts-und Markt- sowie schließlich die Stadtherren. Insofern hatten sie vitale Interessen. Aber leider: „eine Geschichte hat zu ihren Lebzeiten niemand geschrieben“ 9). Die schriftlichen Quellen schweigen über Villingen oder sind zu dürftig, um zu einer verbindlichen Aussage zu kommen.

So bleiben wir auf andere Quellen, z. B. die archäologischen, angewiesen. Sie haben in den letzten paar Jahren immerhin einige Ergebnisse aus der Zähringerzeit gebracht, wenngleich diese, allein statistisch gesehen, für eine Siedlungsgeschichte nicht ausreichen.

Auf dem Gebiet der mittelalterlichen Stadt, der heutigen Stadt innerhalb der Mauern, können für das 12. Jahrhundert mehrere Funde und Befunde nachgewiesen werden. Abgesehen von Keramik lassen sich zwei Siedlungsspuren datieren. Die hölzerne Bodenschwelle eines Hauses an der unteren Gerberstraße erbrachte nach einer dendrochronologischen Analyse das Fällungsdatum „um 1169“. Auf der entgegengesetzten Stadtseite, im Bereich der nordwestlichen Rietstraße, lieferte eine Hauswand das dendrochronologische Datum „um 1175“ 10). Da sich die Ergebnisse der Archäologie und ihrer Hilfswissenschaft der Dendrochronologie punktuell auf den mittelalterlichen Stadtgrundriß verteilen, darf daraus geschlossen werden, daß sich die neue Marktsiedlung spätestens seit der Regierungszeit Bertholds IV.: 1152 bis 1186, von der Ursiedlung, dem Dorf, als erstem Marktort, gelöst hatte. — Es kann keinen Zweifel geben, daß alle Bertholde, angefangen mit Berthold —ohne Zahl — ab 999, bis Berthold V., gest. 1218, in die Entwicklung des Marktortes Villingen eingebunden waren und fiskal- sowie machtpolitisch daran interessiert waren, diese nach Kräften zu fördern. Dennoch bleibt die Beantwortung der scheinbar wichtigsten Frage damit offen, wann den nun die „Stadt“ gegründet worden sei.

Dazu müssen wir zwei Phasen einer Entwicklung unterscheiden:

Die Verlagerung des Marktortes auf das heutige Gebiet der mittelalterlichen Stadt, westlich der Brigach, also den räumlichen Aspekt.

Die Stadtwerdung im Rechtssinne, als einer ständischen Institution.

Zu 1.: Geopolitisch wird der Schwarzwald nach 1079 erschlossen und zähringisches Ausbauland. Kloster- und Siedlungsgründungen sind dafür die Marken. Gleichzeitig verlagert sich der Herrschaftsmittelpunkt von der schwäbischen Limburg in den Breisgau. Verbindungen zwischen dem westlich und östlich des Schwarzwaldes gelegenen Landes werden über das Gebirge hinweg erforderlich und sind entsprechend zu sichern. Abgeleitet aus dem politischen Gesamtzusammenhang halte ich die Spanne nach Berthold I. (gest. 1078) ab Berthold II. (gest. 1111), über Berthold III. (er starb 1122 und hatte sich 1114 in Köln aufgehalten) bzw. seinem jüngeren Bruder Konrad (gest. 1152) für die Zeit der räumlichen Ausgliederung des Marktorts vom Dorf auf das spätere Stadtgebiet.

Es ist unwiderlegbar, daß der Vorgang einer sogenannten „Gründung“ der Stadt nicht einer bestimmten Person des Herrschergeschlechts der Zähringer zugewiesen werden kann. Der Vorgang ist kein Ereignis sondern ein Prozeß, der neben dem Herrscherwillen den normativen Kräften der gestalterischen Marktstrukturen, insbesondere den Freiheitsrechten der Bürger (burgensis), gehorcht. Damit wären wir bei Punkt 2, der eigentlichen Stadtwerdung:

Sie ist wiederum ein komplexer Prozeß. Markt und Stadt bedingen sich zwar wechselseitig, aber die Stadt im Rechtssinne verlangt noch weitere Kriterien, die wir hier nicht ausführlich erörtern können. Nur soviel sei gesagt: Ein wichtiges Element der Stadt ist, unabhängig davon, daß es stets einen Stadtherrn gibt, die unterschiedlich weitgehende wirtschaftliche, rechtliche und politische Selbstverwaltung durch eigene Organe über eine entsprechende Verfassung. Für eine solche Verfassung und Selbstverwaltung ist seitens des Herrn das Zugeständnis persönlicher Freiheit an die Bürger zur Gestaltung eigener Rechtsvorschriften und der Mitwirkung beim Gericht unabdingbar. Das ist gleichbedeutend mit einer neuen Sozialordnung im feudalistischen Gefüge der damaligen Welt. Als städtisches Recht umschließt im Rahmen der Bürgerfreiheiten eine solche Verfassung auch die Regelungen für den inneren Rechtsfrieden und die Möglichkeit, sich „aus eigener Kraft gegen Übergriffe von außen zu schützen“ 11). Für Villingen besitzen wir als ältesten urkundlichen Beleg den Hinweis auf die Beteiligung der 24 an der Verwaltung aus dem Jahre 1225. Diese 24, eine Eidgenossenschaft sozial herausgehobener Bürger, wahrscheinlich Kaufleute (mercatores), besitzen zweifellos eine viel weiter zurückreichende Tradition und fungierten als Vertreter für die Gesamtgemeinde. 1993 lieferte uns ein Torbalken des Riettorturms das dendrochronologische Fällungsdatum „Winter 1232/33“, seit Sommer 1995 ein Gerüstholz aus der östlichen Ringmauer beim Oberen Tor gar das Jahr 1209, der Zeit Berthold V. 12). Die damals im Bau befindliche steinerne Befestigung, als weiteres Zeichen für einen städtischen Rechts- und Friedensbezirk, dokumentiert fast zeitgleich den äußeren architektonischen Abschluß der bereits vorhandenen städtischen Siedlungsautonomie.

Kommen wir zusammenfassend und abschließend auf unser Anliegen zurück:

Zweihundert Jahre Geschichte zähringischer Herrschaft über Villingen erlauben es nach dem Vorgetragenen nicht, irgend eine Person herauszulösen und ihr den Status eines Gründers von Villingen zuzuweisen.

Es gibt Entwicklungsschwerpunkte, die in die Zeit bestimmter Zähringers fallen. Aber Indizien sind keine Beweise.

Unbestreitbar ist allerdings, daß es nie eine solche Entwicklung gegeben hätte, wenn nicht die Rechtsausstattung des Jahres 999 an den Grafen Berthold zur Initialzündung dafür geworden wäre. So bleibt allein dieser Mann dafür verantwortlich, daß das Dorf Villingen nicht in einem Dornröschenschlaf verblieb, sondern sich über eine neue Siedlung zur Stadt entwickelte, die im Hohen Mittelalter, zwischen 1200 und 1400, ihre große Vergangenheit fand.

Damit ist er der Erste unter Gleichen, die nach ihm kamen.

Die ausschließliche Frage nach dem vermeintlichen Stadtgründer bzw. einem Stadtgründungsdatum ist schon vom historischen Ansatz her gesehen methodisch falsch.

Kommen wir deshalb noch einmal von der Person zur Sache:

Nichts wäre unrichtiger, als den Begriff Markt oder Marktort aufgrund der veränderten Sichtweisen unserer Zeit, mit der Vorstellung eines heutigen Wochenmarkts zu verbinden, wo zum Beispiel ein Händler von der Insel Reichenau an seinem Stand auf dem Münsterplatz das Bodenseegemüse anbietet. Gewiß war es vor tausend Jahren auch ein realer lokaler und punktueller Markt, und die Vorgänge haben sich äußerlich vergleichsweise so ereignet.

Die wirtschafts-, sozial-, gesellschafts-, rechts- und staatspolitischen Dimensionen des Vorgangs waren aber damals ganz andere, neue. Nur ein entstehungsgeschichtliches Beispiel, ein Anschauungsbehelf, ein Modell, kann uns zum Verständnis weiterhelfen:

In diesem Sinne ist das Ereignis vor tausend Jahren vergleichbar mit der Entstehung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der EWG, 1957. In diesem Jahr entstand eine Organisation mit zunächst ökonomischer Zielsetzung. Als Volkswirtschaften bis dahin deutlicher voneinander abgegrenzt, gehörten dazu zunächst nur die Bundesrepublik, Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten.

Genauso stand Graf Berthold mit seinem Ort Villingen im Jahre 999 in einem wirtschaftsrechtlichen Verbund mit einigen wenigen Marktorten, die kaiserliche Urkunde nennt Konstanz und Zürich. Damit war er gewissermaßen in der ersten Reihe bei der inneren Ausgestaltung des Reichsgedankens durch die Einrichtung weniger privilegierter lokaler Märkte mit regionaler und überregionaler Funktion.

Vor diesem Hintergrund ist der endlose und vergebliche Versuch zur Beantwortung der Frage nach dem vermeintlichen Gründer der Stadt Villingen oder einem konkreten Gründungsdatum absolut zweitrangig.

Der EWG der Römischen Verträge von 1957 gesellten sich im Laufe der Jahre weitere Staaten bei. Zu den ökonomischen Anbindungen kamen solche politischen, rechtlichen, militärischen und kulturellen Zuschnitts. So entstand die Integration Europas.

Auch vor tausend Jahren, nach 999, begann sich durch die Vermehrung der Marktsiedlungen das Geflecht wirtschaftlicher Verbindungen zu verdichten. Es diente zwangsläufig dem Ausbau des Reiches.

Durch die rechtliche und politische Emanzipation dieser Siedlungen entstand in der Folge das differenzierte und gleichzeitig komplexere Städtewesen des Reiches als eine erweiterte neue Form ständisch-feudaler Strukturen.

Um es zu wiederholen: Die neu angelegten Orte, die sogenannten „Gründungsstädte“, zu denen auch Villingen gehört, sind nicht das Ergebnis einer verbrieften ad-hoc-Entscheidung eines sogenannten Stadtgründers mit ausschließlicher Rechtsausstattung, sie entwickeln sich vielmehr im Zusammenwirken von gewährter Bürgerfreiheit und der ihr innewohnenden Eigengesetzlichkeit, ohne daß es dazu seitens des Marktherrn weiterer rechtsschöpferischer Leistungen bedarf. Die Dominanz des Herrn weicht der Partnerschaft und erfährt sogar gelegentlich militanten Widerstand. Verschiedentlich ist, im Gegensatz zu Villingen, die Entwicklung vom Marktort zur „richtigen“ Stadt stecken geblieben. Beispiele dafür sind Allensbach am Bodensee oder Tengen und Blumenfeld im Hegau.

Wir wissen aber, daß bis zum Ende des Mittelalters in Deutschland etwa 3000 Städte, in der Größe von 500 bis 50.000 Einwohnern, entstanden waren; zu denen, als konsequente Entwicklung aus dem Marktort heraus, auch die kleine Mittelstadt Villingen gehörte.

In den Vorgängen heutiger europäischer Integration, bis hin zur bereits im Gang befindlichen weltwirtschaftlichen Verdichtung der Märkte, liegt, vergleichsweise, tausend Jahre zurück, auf das Jahr 999 projeziert, die Bedeutung der Marktgründung zu Villingen, als die Pioniertat eines einzelnen Mannes und als einzigartiges politisches Ereignis.

Wenn wir uns zu dieser Sicht entscheiden können, ahnen wir, welche erinnerungsschwere Dimension die tausendjährige Wiederkehr der Marktgründung zu Villingen hat; jener Gründung, die zum auslösenden Sachverhalt der Stadtwerdung wurde. Hier gebührt das Gedenken dem Wegbereiter, der die Zeichen der Zeit hellsichtig wahrgenommen hat und dem dabei kaiserliche Gunst den Weg ebnete: Berthold, Graf in der Baar.

Die Berthold-Aktion

1907 wurde das Denkmal des Marktgründers Graf Berthold von der Stadt Villingen erstellt. Inzwischen ist die Sandsteinfigur durch Umwelteinflüsse stark geschädigt.Die „Berthold-Aktion“ der Initiatoren Werner Jörres und Herbert Schroff hat es sich zum Ziel gesetzt, die Statue restaurieren zu lassen. Danach soll sie im Umfeld der künftigen Stadthalle an der Bertholdstraße nach historischer Vorlage neu aufgestellt werden. Das soll bis 1999, dem tausendjährigen Jubiläum der Gründung des Marktes zu Villingen, geschehen.

 

Zur Finanzierung der Restaurierungskosten brachte die Berthold-Aktion eine Gedenkmünze, gestaltet von Fritz Hebi, heraus. Es handelt sich um eine Reliefprägung, 999 Feinsilber, Gewicht etwa 26g, Durchmesser 40 mm, Preis 45,— DM — im Etui 48,— DM, ohne Bezugskosten. Sie ist erhältlich am Schalter der Villinger Volksbank und der Sparkasse Villingen sowie in Ladengeschäft-en. Zu beziehen ist sie über: D. Hebi, Handelsvertrieb, Postfach 1444, 78004 Villingen-Schwenningen.

 

Exkurs:

Aus gegebenem Anlaß nun noch ein Schwenk nach Freiburg.

Wie sehr war man im Verhältnis Villingen — Freiburg immer wieder bemüht, das ältere „Stadtgründungsdatum“ zu besitzen. Es ist deshalb wohl kein Zufall, wenn in Villingen für Villingen so dubios das Datum 1119 auftaucht, wäre doch dann die angebliche Stadt um ein Jahr älter als Freiburg. Im Juni 1995 hat man allen Ernstes in Freiburg mit einem Historienumzug als Spektakel des „875jährigen Stadtjubiläums“ gedacht. Demgegenüber erfahren wir, „Konrad, jüngerer Bruder des bis 1122 amtierenden Herzogs Berthold III., berichtet, er habe an seinem Ort Freiburg einen Markt gegründet (ego Cunradus in loco mei proprii iuris, scilicet Friburg, forum constituti), indem er von überall her angesehene Kaufleute angeworben und ihnen am geplanten Marktplatz Baugrundstücke (areae) als freies Eigentum zugewiesen habe … 13).

Will man der Sache nicht Gewalt antun, dann bleibt es bei der Feststellung, daß der für seinen Ort Freiburg zuständige Konrad von Zähringen während der Zeit, in der die Kaisermacht im Reich durch den Investiturstreit mit dem Papst geschwächt war, kraft eigenen Machtanspruchs im Jahre 1120 auf seinem eigenen Grundbesitz einen Markt eingerichtet (constituti) hat.

Jede seriöse Interpretation kann sich deshalb nur der Formulierung Maria Blattmanns anschließen, die in einer wissenschaftlichen Zulassungsarbeit feststellte: Insofern ist 1120 zwar nicht das Jahr der „Stadtgründung“, aber doch des Auftakts zur Stadtwerdung Freiburgs 14). Der Sache nach liegt wohl oder übel die Rechtsausstattung des Markts zu Villingen 121 Jahre früher als in Freiburg.

Soweit es die Marktortsiedlung betrifft, stoßen wir mit dem Jahr 1173 in Freiburg auf das bisher älteste dendrochronologische Datum. Es stammt aus der Balkendecke eines Hauskellers 15). Einen ersten Hinweis auf die Freiburger Mauerbefestigung — und damit auf die Stadt — erhalten wir für das Jahr 1220 16). Wie für Villingen gilt auch für Freiburg, daß das älteste „Stadtrecht“, dessen genaues Entstehungsdatum nicht zu ermitteln ist, ins 13. Jahrhundert gehört 17).

Eine gewisse zeitliche Parallelität in der Entwicklung beider Städte ist unübersehbar. Dabei wollen wir es bewenden lassen.

Anmerkungen:

Dieser Beitrag war Inhalt eines öffentlichen Vortrags am 27. September 1995.

1) Hans Planitz, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Seite 138/231

2) Schwineköper, Die Zähringer, Bd. I, Thorbecke 1986, Seite 82

3) ders. a. a. 0. S. 78 f.

4) Gerd Althoff, Münster, persönliche Mitteilung

5) ders., Almanach 88 des Schwarzwald-Baar-Kreises, Seite 110 ff.

6) K. S. Bader, Zürich, persönliche schriftliche Mitteilung

6a) Diese Überlegung verdanke ich Herrn Dieter Brüstle, Geschichts- u. Heimatverein Villingen

7) Gerd Althoff, Almanach a. a. 0., Seite 110 und 116, Nr. 2

8) Huger, Jahresheft Geschichts- u. Heimatverein Villingen, S.16, Nr. XI

9) Gerd Althoff, Die Zähringer, Bd. I, a. a. 0., Seite 44

10) 1169: Bertram Jenisch, Vortrag beim Geschichts- u. Heimatver­ein Villingen, 8. März 1995; Jenisch zitiert Lohrum, siehe unten 1175: Burkhard Lohrum, Ing., und beauftragter Dendrochronologe des Landesdenkmalamtes Freiburg, aus Ettenheimmünster: Vortrag vor Architekten in Villingen, 14. Oktober 1993.

11) K. S. Bader, Schriften zur Rechtsgeschichte, 1983, Bd. 3, S. 388

12) Burkhard Lohrum, dendrochronologische Untersuchung, Sep­tember 1993 und Sommer 1995

13) Die Zähringer, Bd. II, Thorbecke 1986, Nr. 190 Seite 234

14) wie Anmerkung 13, Seite 234, rechte Spalte

15) wie Anmerkung 13, Seite 211, Seite 254

16) wie Anmerkung 13, Seite 213, Seite 255

17) wie Anmerkung 13, Seite 252 und 258

Literatur:

Werner Huger, Die Gründungsidee der Stadt Villingen, in: Jahresheft XI, 1986/87, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S.6 ff.

Widmung:

Diesen Beitrag widme ich dem Lehrer für Rechts- und Landesgeschichte, Herrn o. Professor em. Dr. Dr. h. c. Karl Siegfried Bader, Zürich, anläßlich seines 90. Geburtstages im Jahre 1995.

 

Gedenkfeier für Hans Hauser (Edgar Herm. Tritschler)

Im Rahmen einer Gedenkfeier im Villinger Münsterzentrum am 4. März 1995, dem 4. Todestag von Hans Hauser, wurde ein Tondokument über das schöpferische Wirken dieses unvergeßlichen Heimatdichters vorgestellt. Der Festvortrag von Edgar Herrn. Tritschler enthielt neben der Entstehungsgeschichte zum Projekt einige Hörproben aus dieser Tondokumentation, die mit einer gelungenen Überraschung abgerundet wurde: aus dem Schallarchiv des Radio DRS Basel konnte das Original-Interview in diese Dokumentation übernommen werde, das 1972 mit Hans Hauser geführt wurde; es bildet den eindrucksvollen Abschluß der Aufnahme. Klaus Poppen, Präsident der Muettersproch-Gesellschaft, sprach danach über den „Wert der Mundart für die Kultur und Heimat“. Er würdigte das Projekt als einen wertvollen Beitrag zur Regionalkultur. Es sei „das bisher einzige literarische Tondokument in alemannischer Mundart“ und wünschte, daß „diese Initiative Nachahmer in anderen Städten und Regionen finden möge“.

Oberbürgerm. Dr. Matusza würdigte die Bedeutung der Mundart, die gerade in unserer medienüberfluteten Zeit ihren unersetzlichen Platz habe. Die Hausersche Dichtung lade ein, ein bißchen zu verweilen bei den kleinen und großen Schönheiten unserer Umgebung, unserer Stadt, die uns täglich umgeben und die wir häufig garnicht mehr so bewußt wahrnehmen. Er dankte dem Initiator und seinem Team sowie dem Geschichts- und Heimatverein, „daß Sie das Vermächtnis, das Hans Hauser hinterlassen hat, aufgegriffen und es in einer beispielhaften Weise den Menschen in der Gegenwart und in der Zukunft erhalten haben und dieses Werk jetzt auch akustisch erlebbar wird.“ Im Namen der Stadt widmete er eine Gedenktafel, die am Lebens- und Wirkungsort des Dichters, am Haus Kanzleigasse 9 angebracht wurde.

Die Tonträger (als MC oder CD) dieser Dokumentation über den Mundartdichter Hans Hauser sind bei der Geschäftsstelle Villingen des SÜDKURIER in der Bickenstraße oder in der Buchhandlung Hügle in der Rietstraße erhältlich.

 

 

Lernen in historischer Umgebung (Klaus Nagel)

Die restaurierten Schulräume der St. Ursula-Schulen

Als 1993 im Rahmen des Umbaus der St. Ursula-Schulen die Arbeiten vergeben wurden, ahnte noch niemand, welche Kostbarkeiten sich im Gebäude Bickenstraße 23 verbergen würden.

Dort befanden sich bis 1984 die Waschräume des ehemaligen Mädcheninternats des Lehrinstituts St. Ursula, einige Klassenzimmer und ein Werkraum für die Jungen, die seit 1986 das Progymnasium und die Realschule St. Ursula besuchen. Nachdem die Putzdecken teilweise entfernt wurden, kamen im Erdgeschoß und im ersten und zweiten Obergeschoß Deckenmalereien ans Tageslicht.

Dr. Jakobs vom Landesdenkmalamt in Freiburg wurde am 1.9.1993 hinzugezogen; dieser stufte die Entdeckungen als „Kulturdenkmal“ ein, so daß die denkmalbedingten Arbeiten oder Teile zu einem Drittel vom Land Baden-Württemberg übernommen wurden. Zwei Drittel der Kosten trugen das Kloster St. Ursula und die Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg als Träger der St. Ursula-Schulen.

Als Restaurierungsfachmann konnte Peter Rau aus Staig/ Ulm gewonnen werden, der mit vier Restaurateuren in über 1200 Arbeitsstunden die Restaurierungsmaßnahmen an den drei gefaßten Holzdecken durchführte.

Die Putzplattendecken, Lattenreste und Kalkschichten mußten ganz entfernt werden, die Oberflächen der Holzbalkendecken gereinigt, die gereinigten Oberflächen fixiert, Fehlstellen gekittet, Malereien ergänzt bzw. retuschiert werden.

Die Holzbalkendecke im Erdgeschoß, in dem sich heute der Werkraum der St. Ursula-Schulen befindet, besteht aus Nadelholz. Balken und Deckenbretter sind in einem hellen Ockerton gefaßt, darauf in schwarz/grauer Tönung schmucke Ornamente gemalt.

Eine Besonderheit dieser Balkendecke ist das Zeichen eines Fünfecks, wie es auch im hölzernen Gefängnis des Oberen-Tor-Turms zu finden ist. Das fünfzackige magische Zeichen muß als Rein-heits- bzw. als „Bannungssymbol gegenüber bösen Mächten oder als Chiffre für einen zu beschwörenden glücklichen Ausgang gedeutet werden 1). Die Holzbohlendecke aus Nadelholz im ersten Obergeschoß war ursprünglich natursichtig und mit einem ölhaltigen Überzug versehen.

 

Deckenmalerei, Bickenstraße 23, H. OG: Holzdecke, Zustand nach der Restaurierung der Bemalung. Das dunkle Farbband kennzeichnet den Ort der ehemaligen Holzzwischenwand, die Wohn-und Schlafzimmer trennte.

 

Der Raum im zweiten Obergeschoß bestand einst aus zwei Räumen, die durch eine Holzbohlen-zwischenwand getrennt waren, was sich an einem dunklen Farbband an der Decke erkennen läßt, das von den Restaurateuren sichtbar belassen wurde.

Der Grundton der dortigen Deckenmalerei war ehemals weiß getönt, die Motive (Ornamente, Ranken, Arabesken, Blumen, Traubenbund und Herz) sind mit Erdfarben aufgemalt.

Nach bisherigen Kenntnissen könnten die Holzdecken aus dem 17. Jahrhundert stammen, die Farbfassung der Holzdecken aus dem 18. Jahrhundert. Eine Altersbestimmung könnte über eine dendrochronologische Untersuchung erfolgen, falls über Archivquellen keine Datierung möglich ist. Vermutlich ist es einem Gesetz der Kaiserin Maria Theresia (1740 — 1780) zu verdanken, daß die Deckenmalereien in St. Ursula so gut erhalten sind. Aus Brandschutzgründen erließ die habsburgische Verwaltung eine Vorschrift, sämtliche Holzdecken in den Zimmern zu entfernen. Daß mancher Eigentümer die Kosten scheute und nach einem Ausweg suchte, ist verständlich. Man verfiel darauf, unter die Holzdecke eine neue massive

Verschalung zu ziehen und zu verputzen, und dem Gesetz war Genüge getan.

Neben den Deckenmalereien wurden weitere Besonderheiten im Gebäude Bickenstraße 23 freigelegt; im ersten und zweiten Obergeschoß tauchten unter dem Putz Wandnischen aus profilierten Sandsteingewänden auf, von denen eine die Form eines „burgundischen Eselsrückens“ aufweist.

Vermutlich dienten die Vertiefungen einst als Gebetsnischen, in denen Heiligenfiguren standen; heute zieren die Nischen Plastiken des Kölner Künstlers Egino Weinert 2).

Am 9.11.1994 wurde mit Dr. Jakobs vom Landes-denkmalamt in Freiburg, Herrn Mey von der Unteren Denkmalbehörde und Frau Nagel vom Planungsamt der Stadt Villingen-Schwenningen die durchgeführte Restauration besichtigt und die Ausführung von der Superiorin von St. Ursula, Sr. Eva-Maria Lapp, und dem Schulleiter der St. Ursula-Schulen, Dr. Josef Oswald, abgenommen. Seit Beginn des Jahres 1995 stehen die restaurierten Räume den Schülern der St. Ursula-Schulen zur Verfügung.

Literaturangaben:

1) Werner Huger, Zur Geschichte der Villinger Mauer- und Tortürme, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XIX, 1994/95, S.45

2) Peter Rau, Bericht über Restaurierungsmaßnahmen an 3 gefaßten Holzdecken vom 4.10. 1994, Bauunterlagen im Kloster St. Ursula

Deckenmalerei, Bickenstraße 23, H. OG: Im Bereich des Herzmotivs, das mit Rosenranken umgeben ist, lag vermutlich das Schlafzimmer des ehemaligen Wohnhauses. Bickenstraße 23, IL OG: Wandnische mit profilierten Gewänden aus Sandstein. Vermutlich diente sie einst als Gebetsnische.

 

 

 

 

Wolfgang Blessing 27.11. 1933 — 9. 2. 1995 (Wolfgang Berweck)

Ein Nachruf

Im Dezember 1945 begegnete ich Wolfgang Blessing zum ersten Mal. Wir waren beide Sextaner in der heutigen Mädchenschule am Klosterring und es begann — was niemand ahnen konnte — ein leider allzu früh beendeter, in vielen Teilen gemeinsamer Lebensweg. Dieser Nachruf soll Sie an meinen, zum Teil sehr persönlichen Erinnerungen teilnehmen lassen.

Wolfgang Blessing kam am 27.11.1933 in Villingen/Schw. zur Welt und wuchs auf im „Oberen Haus“, ein eindrucksvolles Schwarzwaldhaus schon damals. Unvergeßlich sind mir die gemeinsamen Stunden intensiver Vorbereitung auf irgendwelche Prüfungen und Examen in der alle Wände bedeckenden, vollgestopften Bibliothek seines Vaters und die in Familienbildern und schönen Einrichtungsgegenständen liebevoll gepflegten Erinnerungsstücke an die Vorfahren. Als die Einkünfte aus der später betriebenen Anwaltspraxis es ermöglichten, hat Wolfgang Blessing aus dem ererbten Schwarzwaldhof innen und außen ein Schmuckkästchen gemacht, wie man es leicht kein zweites Mal findet. Die aus der Familie der Mutter wie des Vaters überlieferte Achtung vor dem Überkommenen hat ihn zutiefst von früher Jugend an bis ans Ende seiner Tage in all seinem Handeln und Denken geprägt.

Abgesehen von gemeinsamem Turnen auf einigen Gauturnfesten hatten Wolfgang Blessing und ich außerschulisch wenig gemeinsam. Ich war mehr den Musen zugetan. Er war Fußballfan. Aktiv und passiv. Aktiv beim Fußballverein in Unterkirnach und später als Gründer und Organisator der sogenannten „Germanswälder Kickers“, passiv als Berater des FC 08, dem Villinger Traditionsfußballverein. Fußball war nicht das Leben von Wolfgang Blessing, aber ein wichtiger Faktor und auch die Basis seiner Fitneß, die ihm auch nach seiner Erkrankung erstaunlich lange erhalten blieb. Daneben prägten die „Katzen“ Jugend und das spätere Leben von Wolfgang Blessing. Selber nur bedingt ein Fasnachtsfan, bewunderte ich ihn doch sehr, wie er am Fasnachtsmontag jahrelang aktiv im Umzug der Katzenmusik mitwirkte, über viele Jahre mit witzigen und gepfefferten Beiträgen in der Katzenmusikzeitung den Lokalpolitikern die Leviten las und später viele Jahre im Vorstand und schließlich gar als Präsident für den Katzenmusikverein „Miau“ Engagement, Zeit und Kraft aufbrachte. Seine jahrzehntelange Freundschaft mit Gerd Jauch war schließlich eine der Quellen für den großartigen Film über die Villinger Fasnacht. In diesem Film ist auch nicht von ungefähr die Heimat von Wolfgang Blessing, das „Obere Huus“, eindrucksvoll präsentiert.

Aber es gab in unseren Jugendjahren auch viel Gemeinsames. Unsere beiden Väter hatten den Notar Kern als OB-Kandidaten initiiert. Er wurde schließlich auch Kandidat einer unabhängigen Bürgerbewegung und es war selbstverständlich, daß wir uns am Wahlkampf beteiligten mit Austeilung von Flugblättern, Plakatkleben und dergleichen. Mit roten Ohren saßen wir in den Wahlveranstaltungen und waren in unserer politischen Naivität schrecklich enttäuscht und entrüstet, als kurz nach der geglückten Wahl zum OB Kern sich von denjenigen, die ihn aufs Schild gehoben hatten, abwandte und Mitglied der CDU wurde. Und später fragten wir uns manches Mal, ob in jener Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges in unserer Stadt nicht der CDU-Gegenkandidat Naegele mit seinem später als Chef der Rothaus-Brauerei höchst eindrucksvoll bewiesenen wirtschaftlichen Sachverstand nicht der richtigere Mann gewesen wäre, als der eher bedächtige Jurist und Humanist Kern.

1954 machten wir das Abitur. 100 Sextaner waren in Villingen und in St. Georgen erwartungsvoll in die „Höhere Schule“ gegangen. Ganze sieben, davon vier überdies — um mit Oberstudiendirektor Schwall zu sprechen — „unsichere Kandidaten“ blieben übrig! Unser Zorn auf die damalige Schulleitung war so groß, daß wir als Primaner, und zwar die ganze Klasse, zu Fuß nach Schwenningen gingen und uns beim dortigen Gymnasium anmeldeten. Das war selbst den Hardlinern im Kollegium am Romäusring — ihre Namen seien schamhaft verschwiegen — zuviel, es hätte ja 1954 keine Abiturienten gegeben, und sie schufen schließlich die Voraussetzungen für einen vernünftigen Unterricht und ein vom Häuflein der sieben Aufrechten gemeinsam bestandenes Abitur.

Das Studium der Jurisprudenz bestimmte daraufhin unseren immer kongruenter werdenden Lebensweg. Die gleichen Vorlesungen bei den gleichen Professoren, die gleichen Nöte des Studienanfängers und die des Kandidaten, ferner das gemeinsame Klausurenschreiben, die miteinander erworbenen Scheine und schließlich das auf Anhieb bestandene erste Staatsexamen 1958 brachten uns einander immer näher. In der anschließenden Referendarzeit, die 1961/1962 mit dem zweiten Staatsexamen und damit der Befähigung zur Ausübung des Richteramts endete, reifte unser Entschluß, gemeinsam im Herbst 1962 in Villingen eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Wolfgang Blessing war es, der federführend und in jeder Beziehung der Motor dieses gemeinsamen Starts war. Ein Start, der nicht nur von uns als recht risikovoll empfunden wurde und in einer Zeit, in der der Einzelanwalt noch die Regel war, auch im lokalen anwaltlichen Establishment als kühnes Unterfangen galt. Unsere spätere berufliche Entwicklung bestätigte aber die Tatkraft von Wolfgang Blessing in jeder denkbaren Weise.

1962 heiratete er seine Braut aus Studententagen, Liselotte geb. Ambs. Zwei Kinder wurden ihnen geschenkt, die ebenfalls ganz in der Tradition der Familie stehen und Wolfgang Blessing zum zweifachen Großvater gemacht haben.

Den frühen Tod des Vaters 1965 hat er als überaus schmerzlichen Einschnitt erlitten. Dieses traurige Ereignis brachte verantwortungsvolle Aufgaben.

Wolfgang Blessing wurde Vorstand der Schwarzwälder Feuerversicherung, einem Verein auf Gegenseitigkeit. Dieser Verein war vom Vater unter erheblichem finanziellem Einsatz und Risiko gegründet worden, eine Selbsthilfeeinrichtung für Schwarzwaldbauern, die ihnen mit ihren Stroh-und Schindeldächern erschwingliche Feuerversicherungsprämien sicherte. Über viele Jahre hinweg hat Wolfgang Blessing das Amt des Vorstandes in diesem Verein in der Nachfolge seines Vaters geführt.

Vom Vater übernommen war auch die Betreuung der Sippe Neugart mit ihren Hunderten von Bäsle und Vettern. Das alljährliche Sippentreffen an Kirchweih hat Wolfgang Blessing über viele Jahre hinweg vorbereitet und betreut. Die Sippe Neu-gart geht übrigens auf Forschungen des Vaters zurück, der in der Familie seiner Frau, einer geborenen Neugart, ungleich fündiger wurde als bei den Blessings.

Der Zusammenschluß der Städte Villingen und Schwenningen war für Wolfgang Blessing ein besonderes und belastendes Politikum. Wir hatten uns geschworen, nicht mit differierenden politischen Meinungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Er war entschieden gegen den Zusammenschluß der Städte, ich für den Zusammenschluß. Seine damaligen Bedenken gegen den Zusammenschluß haben sich in der Folge — leider — als nur allzu berechtigt herausgestellt. Er hatte hellsichtiger als viele der damals verantwortlichen Kommunalpolitiker die noch immer nicht zureichend gelösten Probleme dieses Städtezusammenschlusses erkannt. So prägten die Liebe zur Heimat, zu Villingen mit seiner reichen Tradition und Geschichte das Leben von Wolfgang Blessing zumindest im gleichen Maße wie die Liebe zu seinem Beruf als Anwalt. Als Anwalt war Wolfgang Blessing früh erfolgreich und anerkannt. Es ist Tragik und Schicksal seines Lebens, daß er in diesem geliebten Beruf schon Jahre vor seinem Tod sich nicht länger bewähren und profilieren konnte. Immer wieder gab es Hoffnung auf eine Rückkehr an den jahrelang für ihn respektvoll freigehaltenen Schreibtisch. Als die Kanzlei ihn aus Anlaß seines 60. Geburtstages feierte, hielt er aus dem Stand eine so gut gestaltete und launige Dankesrede, daß wir noch wenige Monate vor seinem Tod anfingen, uns auf eine neue Zusammenarbeit mit ihm zu freuen. Es mag als ein Beispiel der Anerkennung, die er in seinem Beruf erfahren durfte, daran erinnert werden, daß ihn die Karlsruher Versicherungs AG in höchst ehrenvoller Weise nicht nur zum Beirat ihrer Gesellschaft, sondern auch zum Vorstand ihrer Rechtsschutzversicherungs AG berief.

Im Geschichts- und Heimatverein hat Wolfgang Blessing als Gründungs- und Ehrenmitglied über viele Jahre in der Vorstandschaft mitgearbeitet und sein reiches, geschichtliches Wissen in die Vereinsarbeit eingebracht. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, die Auswertung seines eindrucksvollen Familienarchivs mit seinem großen Bestand an Urkunden und Schriften, selbst voranzutreiben.

So erfüllte sich im Februar dieses Jahres ein Leben, reich an Anlagen und Fähigkeiten, eindrucksvoll an Geleistetem und doch jahrelang überschattet von der Tragik und dem Schicksal einer Krankheit, der Wolfgang Blessing nicht Herr zu werden vermochte. Wer ihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen. Wer mit ihm lebte und wer mit ihm zusammenarbeitete, schuldet ihm Respekt und Dank.

Die Geschichte der Feldner Mühle (Siegfried Kauder)

Wer von Villingen aus Richtung Unterkirnach hinter der Stadtgärtnerei parallel zur Bahnlinie zum Kirnacher Bahnhöfle wandert, trifft auf halbem Weg auf die Unterführung eines Ökonomiegebäudes, das ehemals zur Feldner Mühle gehörte. Die Mühle hat eine bewegte Vergangenheit, die bis in das Jahr 1335 zurückreicht. Ihre Lage läßt den Schluß zu, daß sie vielleicht im frühen Mittelalter zum Kloster Waldhausen (siehe Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, Seite 25) gehörte.

Im Mittelalter hatte die Müllerzunft in Villingen ihre hohe Blütezeit. Villingen kann als eine der Geburtsstätten der Wassermühlen in Deutschland bezeichnet werden. Im Mittelalter waren es in Villingen nicht weniger als 17. Die Müller galten damals als die Wohlhabendsten und Einflußreichsten. Sie lebten unter einem besonderen Recht, dem „Mühlenrecht“. Obwohl die Mühlen außerhalb der Stadt lagen, galten die Müller nicht als Ausbürger, sondern als Vollbürger. Der Boden der Villinger Mühlen wurde behandelt, als ob er in der Stadt gelegen wäre. Während der gewöhnliche Villinger Bürger vor dem hohen Rat der Stadt nur in Mantel und Hut erscheinen durfte, war es dem Müller gestattet, in seiner Arbeitskleidung, den Sack unter dem Arm, vor den Rat zu treten. Schon im Jahr 1358 erließ der Rat der Stadt eine Mühlenordnung, eine der ältesten des Landes. So wurde der Mahllohn festgelegt. Jeder Müller und Mahlknecht mußte, bevor er mahlte, zu den Heiligen schwören, nicht mehr zu nehmen, als den ihnen bewilligten Lohn.

Die Feldner Mühle wurde unter dem Namen Kunstmühle weit über Villingen hinaus bekannt. Das Mehl wurde teilweise vierspännig mit Pferdefuhrwerken bis nach Neustadt im Schwarzwald transportiert. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein bewahrte sich die Stadt Villingen ihre Bedeutung als Umschlagplatz für Getreide. Jeden Dienstag war Hauptfruchtmarkt. Die hochbeladenen Wagen sollen vom jetzigen Kaufhaus in einer einzigen Reihe über den Münsterplatz an der Rabenscheuer vorbei und in der Oberen Straße bis zum Marktplatz gestanden haben.

Um 1800 war die Kunstmühle ein Hammerwerk der Firma Osiander und wurde als „Oberer Hammer“ bezeichnet. Der „Untere Hammer“ stand beim ehemaligen „Waldblick“. Die Mühle scheint bald darauf auf eine einfache Mühle umgestellt worden zu sein. Im Jahr 1839 bauten Johann Martin Kienzler & Company die Mühle völlig neu und massiv auf und versahen sie mit der damals neuesten Technik, dem sogenannten amerikanischen System. Während die übrigen 16 Kundenmühlen ausschließlich dem Eigenbedarf ihrer bäuerlichen Kundschaft dienten, befaßte sich dieser neue Betrieb mit dem handelsmäßigen Vertrieb seiner Erzeugnisse. Hinter dem Firmennamen J. M. Kienzler & Company standen als Gründer die Villinger Bürger, Weinhändler Johann Martin Kienzler, Kaufmann Johann Nepomuk Schön-äcker und der Förster Friedrich Hubbauer. Das Gründungskapital betrug 30 000 Gulden. Die massiv aus Stein erbaute, mehrstöckige Mühle, erforderte zu ihrem Betrieb 5 — 6 Mahlknechte. Die Produkte gingen außer in die Umgebung, nach Breisach, zuweilen auch nach Rastatt, Karlsruhe und Mannheim. Über die zeitweilige Bedeutung der Mühle, wurde im Katalog der Industrie- und Gewerbeausstellung von 1858 folgendes erwähnt: „Dieses Etablissement trug seit seiner Entstehung wesentlich zur Emporhebung des Villinger Fruchtmarktes bei, da dasselbe in der Regel als Käufer von wenigstens einem Viertel des auf dem Markte angefahrenen Kernenquantums ist. Die städtische Kaufhausrente hat sich dadurch von 2 000 auf 4 000 Gulden erhoben“.

Die Mühle zählte damals mit der chemischen Fabrik und der Dold’schen Spinnerei und Weberei zu den größten Unternehmungen der Stadt. Im Jahr 1868 ging die Mühle ganz auf den Teilhaber Schönäcker über. Da die auswärtige Konkurrenz die Vorteile des Anschlusses an das Eisenbahnnetz schon genoß, ließ sich die Mühle nur schwer halten. Sie ging 1869 an den Kompagnon Ernst Wit-tum über. Dieser führte das Unternehmen bis 1884. Selbst nach Eröffnung der Schwarzwaldbahn gelang es ihm aber nicht mehr, dem Unternehmen zur Blüte zu verhelfen. Vorübergehend wurde die Mühle von Hermann Oberle in Pacht genommen. Längere Zeit stand sie zum Verkauf an. 1884 wurde die Mühle von den aus Nürtingen kommenden Gebrüdern Künkele übernommen und im folgenden Jahr an den Crailsheimer Herrenmüllersohn Hermann Feldner übertragen.

(Siehe Bericht von Eugen Bode, Jahresheft XVII 1992/93, Seiten 61-73, des Geschichts- und Heimatvereins über Wasserwerke in Villingen. Die Feldner Mühle ist u. a. auf Seite 66 auf einer Farbpostkarte aus dem Jahre 1907 abgebildet.)

Hermann Feldner brachte von Hause aus ein ansehnliches Vermögen mit nach Villingen. Er hatte Ende 1880 die Tochter einer begüterten Bauernfamilie aus Altenberg im Hohenlohischen geheiratet. Dieser Wohlstand brachte der jungen Familie den Ruf ein, die reichste in Villingen zu sein. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. Der älteste Sohn geriet in vorgerücktem Studium in geistige Umnachtung und mußte bis zu seinem Tod (über 20 Jahre lang) in einer Pflegeanstalt aufgenommen werden. Die einzige Tochter ergriff den Beruf einer Haushaltslehrerin. Sie heiratete einen polnischen Grafen, mußte sich aber, nachdem dieser sie verlassen hatte, mit ihrem Kind selbst durchs Leben schlagen.

Briefkopf-Illustrationen der Feldner Mühle vor dem 1. Weltkrieg (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen 1.42.3, Nr. 123)

 

Während des Krieges 1914/1918 starb Hermann Feldner. Die beginnende Inflation nagte und fraß an dem ohnehin schon zusammengeschmolzenen Vermögen. Die Mühle war seit den 90er Jahren, als ausländisches Getreide und das Mehl der Großmühlen Deutschland überschwemmte, nicht mehr rentabel. Das restliche Vermögen zehrte eine Gesundbeterin auf. Die Restfamilie entschloß sich, das Anwesen zu verkaufen, fand aber trotz vieler Ausschreibungen keinen Käufer. Im Jahr 1927, als die Mehrzahl der Familienangehörigen verreist war, brannte eines Nachts die Mühle ab. Der jüngste, an einer Rückenmarkskrankheit leidende, gelähmte Sohn konnte durch den Hausdiener des nahen Kurhauses Kirneck erst im letzten Augenblick noch gerettet werden. Im Krankenhaus gestand der Sohn Feldners, den Brand gelegt zu haben. Teilweise wird auch berichtet, Hermann Feldner habe den Ersten Weltkrieg überlebt und er habe den Brand gelegt. Aufgrund der Schicksalsschläge, die die Familie Feldner erlitten hatte, verkündete das Schwurgericht ein mildes Urteil. Der Sohn wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Mutter, Marie Feldner und die Kinder zogen nach Karlsruhe.

Nach dem Brand ging das vollkommen zerstörte Objekt mit seinem großen Bodenareal in den Besitz der Baugenossenschaft. Diese übertrug die noch teilweise verbleibende Entschädigung aus der Brandversicherung auf andere Neubauten und trat dann das Gebäude samt dem noch stehenden Ökonomieteil an die Stadtgemeinde ab. Das Mauerwerk der Ruine stand noch einige Jahre, bis es schließlich dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Die Stadtgemeinde überließ das Ökonomiegebäude dem Forstamt, welches darin vier Wohnungen für Waldarbeiter einrichtete. Das Ökonomiegebäude der Mühle dämmerte seinem Verfall entgegen.

Im Jahr 1986 bot die Stadt Villingen-Schwenningen die Feldner Mühle zum Verkauf an. In Rede stand der Ausbau zu einem Reiterhotel. Der Leiter des städtischen Forstamtes, Forstdirektor Härle sah durch ein Reiterhotel in Waldrandlage den Waldfrieden in Gefahr. Er setzte sich tatkräfig dafür ein, daß der Förderverein für das körperbehinderte Kind Villingen-Schwenningen e.V., welcher am 8.3.1974 gegründet worden war, den Zuschlag erhielt.

Unter größtem persönlichem Einsatz des damaligen Vorsitzenden des Fördervereins, Herrn Wal-fried Ballof wurde die Feldner Mühle mit einem Aufwand von 1,35 Mio. DM zum Heim für körperbehinderte Kinder ausgebaut. Von den Kosten übernahm die Stadt Villingen-Schwenningen 150.000,— DM, 600.000,— DM steuerte die Aktion Sorgenkind bei. 320.000,— DM wurden durch Landeszuschüsse aufgebracht. 50.000,— DM flossen aus Spenden der Lebenshilfe. 230.000,— DM erbrachte der Förderverein aus Spenden und Bußgeldern.

Am 18. 5.1987 wurde das Haus als Heim für körperbehinderte Kinder eröffnet. Der Verein pachtete 266 ar Ackerland hinzu. Seither wird die Feldner Mühle durchgehend vom Verein genutzt. Nach 18jähriger Vereinsführung übergab Herr Walfried Ballof den Vorsitz 1992 an Siegfried Kau-der, der seither den Verein leitet.

Ein stolzer Besitz war ehemals die Feldner Mühle unmittelbar zwischen Brigach und Bahnlinie zwischen der heutigen Stadtgärtnerei und dem Kirnacher Bahnhöfle gelegen. Heute steht nur noch das Ökonomiegebäude (im Hintergrund).
Ein trauriges Bild bot sich, nachdem der Mühlenbesitzer Hermann Feldner sein Haus in Brand gesetzt hatte, nachdem der Betrieb völlig verschuldet war. Diese Ruine wurde später vom freiwilligen Arbeitsdienst abgerissen.

 

Der Verein hat derzeit 260 Mitglieder und betreut mit zwei Diplom-Sozialpädagoginnen, einer Heil-erziehungspflegerin und bis zu vier Zivildienstleistenden 95 Kinder. Es stehen 20 Pflegeplätze zur Verfügung. Acht Pferde, die therapeutisches Reiten mit den behinderten Kindern ermöglichen, aber auch der Allgemeinheit zum Reiten zur Verfügung stehen, werden von einem Pferdepfleger betreut.

Der Verein bietet für körperbehinderte Kinder offene Hilfen (stundenweise Unterbringung), Kurzzeitunterbringung, teilstationäre Aufnahme, Ferienprogramme und die Möglichkeit für Landschulheimaufenthalte an.

 

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen gratuliert Professor Dr. Dr. h. c. Karl Siegfried Bader zu seinem 90. Geburtstag.

 

 

 

 

 

 

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen gratuliert Professor Dr. Dr. h. c. Karl Siegfried Bader zu seinem 90. Geburtstag.

Mit unseren Wünschen für das persönliche Wohlergehen verbinden wir die Erinnerung an sein großes Werk als Forscher und akademischer Lehrer. Im Jahresheft X, 1985 / 86, des Geschichts- und Heimatvereins haben wir anläßlich des 80. Geburtstages sein Leben und seine Arbeit in einigen Einzelheiten gewürdigt.

Als subtiler Kenner der südwestdeutschen und schweizerischen Rechts- und Landesgeschichte ist der jetzt in Zürich lebende Rechtshistoriker bis heute eine hochgeachtete Persönlichkeit.

Für die Interpretation der Geschichte Villingens sind seine Analysen richtungsweisend. Es sei nur seiner bahnbrechenden Gedanken zum „Stadtrecht und der Bürgerfreiheit im alten Villingen“ gedacht.

Der in diesem Jahresheft veröffentlichte Beitrag über den Marktort Villingen und die Stadtwerdung ist deshalb ihm gewidmet worden.

 

Wilare, Phaphinwiller, Pfaffenweiler … (Eberhard Menzel)

Etwas Kirchen- und damit Ortsgeschichte

Beschreibung der Malereien in der Turmkapelle

Geschichte

Die Orte Pfaffenweiler und Herzogenweiler bildeten bis in das 12. Jahrhundert eine eigene Mark, „Wiler“, die vermutlich zur Urmark Klengen gehörte, Königsbesitz 817. Zwischen 1134 und 1200 wurde die Mark getrennt, ein Teil wurde dem Kloster Salem — gegr. 1134 — geschenkt, das heutige Pfaffenweiler.

1200 wird erstmals im St. Galler Urkundenbuch die Kirche „eclesia de Phaphinwiller“ genannt, die damals vermutlich St. Peter geweiht war. Er wird 1365 als Patron erwähnt. Vermutlich waren die Zähringer Herzöge die Kirchengründer, da deren Schutzpatron der hl. Petrus war. 1239 erscheint erstmals der Name „Wilare“ in den Büchern des Klosters Salem, 1275 auch im Diözesanbuch Freiburg: wilare in silva nigra, also im Schwarzwald. 1324 erfolgte die Inkorporation beim Kloster Salem. Ab 1464 bis zur Säkularisation hat die Pfarrei zum Kloster St. Georgen in Villingen gehört, damaliger Name „Pforren“.

Am 30. 4. 1600 hat Weihbischof Sigmund von Konstanz, Titularbischof zu Schönenstatt und Metropolit (!) einen Altar zur Hl. Dreifaltigkeit geweiht, so heißt die Kirche ja auch noch heute. Bis 1777 wechselten die Besitzverhältnisse zwischen Äbten und Bischöfen mehrmals, jeder baute die alte Kirche um, und das z. T. mehrmals.

Mit dem Ende des Klosters St. Georgen kam die Pfarrei zur Stadtpfarrei Villingen, und wurde eine Pfarrei „ex currendo“, also ohne Ortspfarrer. 1807 wurde der Ruf nach Selbständigkeit wach, ein Pfarrhaus sollte gebaut werden, wo sollte der Pfarrer sonst auch wohnen? Wie heute: Mittel waren keine vorhanden. 1779 ergibt ein Baufond im Ordinariat jährlich 250 Gulden aus Hand- und Spanndiensten, 1865 war Pfarrer August von Villingen, Vöhrenbach und Kirchdorf, mit der Abtrennung der Pfarrei Pfaffenweiler nach hartem Kampf einverstanden, mußte er doch auf die Einnahmen aus Pfaffenweiler verzichten! 1869 wird dann unter Pfr. Alberik Schmalzl eine selbständige Pfarrei errichtet. Bis heute haben 26 Pfarrer oder Pfarrverweser die Leitung inne gehabt. Zur Zeit ist Pfaffenweiler nicht mehr eigenständig und wird von Pfr. Bernhard Eichkorn, zusammen mit St. Fidelis, Rietheim, Tannheim und Herzogenweiler geleitet.

Soviel — hoffentlich nicht zu viel — zur Historie.

Baugeschichte — jüngere Geschichte

Anfang der 60er Jahre wurde die alte Kirche abgebrochen, bis auf den Turm, der heutigen Turmkapelle. Das alte Gotteshaus war zu klein geworden und wurde durch einen rechtwinkelig zur alten Kirchenachse gestellten Neubau ersetzt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1965, am 22. 10. 1967 wurde die neue Pfarrkirche „Hl. Dreifaltigkeit“ durch Weihbischof Karl Gnädinger eingeweiht, der damalige Pfarrer war Bruno Schoske. 1972 unter Pfr. Clormann wurde das Turmoberteil erneuert, da wegen Baufälligkeit vom Landratsamt Läuteverbot angeordnet wurde. Bei dieser Maßnahme wurde auch ein zusätzliches Fenster im Turmunterteil nach Norden ausgebrochen.

Dabei wurden die Malereien in der Turmkapelle

entdeckt. Das Fenster wurde allerdings trotzdem ausgebrochen, na ja. Seit 1971 also waren die Malereien bekannt und es wurden erste Erhaltungs-und Rettungsversuche unternommen. Wie schon 1750: es war kein Geld da und letztendlich schliefen die Aktivitäten ein. Die Turmkapelle wurde als Rumpelkammer genutzt, Palmen ohne Gebinde, Kerzenreste, Kartonagen, Leichenwagen, alles ist dort „versteckt“ worden. Die Wende kam 1986.

 

 

Der damalige Pfarrgemeinderat und der Verfasser haben in fünfjähriger (!) zäher und nervenaufreibender Kleinarbeit letztendlich die Zusage zur Restaurierung der Malereien erhalten. Dazu half z. B. auch der heutige Ministerpräsident Erwin Teufel; ein Teufel im Gotteshaus ist also doch nicht ganz abwegig. Die Architektur der Turmkapelle, des letzten alten Teiles der Kirche, zeigt im Innenraum einen quadratischen Grundriß mit Kreuzgratgewölbe. Die Bilder stellen einen neutestamentarischen Zyklus aus dem Leben Jesu dar, von der Verkündigung bis zum Einzug in Jerusalem.

Die Malerei verläuft an den Wänden der Nord-Ost- und Südseite sowie in den Fensternischen der Ost- und Südwand und setzt sich in den Zwickelfeldern fort. Auch die Deckenfelder sind mit Symbolen ausgemalt. Der Zyklus schließt am Boden mit Quaderimitationen ab, die einzelnen Bilder sind in rechteckige Felder aufgeteilt und mit choraler Ornamentik getrennt. Die hier vorhandene Maltechnik wird als „al secco“ bezeichnet, im Gegensatz zu „al fresco“, wo naß in naß gearbeitet wird. Secco = trocken (Kenner ital. Weine wissen sofort Bescheid!). Die gesamte Darstellung befand sich in einem verheerenden Zustand. Vom beauftragten Restaurator Oeß aus Konstanz mußte die polychrome Malerei untersucht und in einzelnen Schritten, nachfolgend beschrieben, restauriert werden.

 

Als erster Schritt erfolgte die Freilegung der Malschichten, die später aufgebracht worden waren, bis zur mittelalterlichen Schicht, so wie sie sich heute präsentiert. Die Freilegung erfolgte mit Skalpell und Stirnlupe, jede Schicht ist vor Entfernung dokumentiert und fotografiert worden. Der zeitliche Aufwand betrug ca. 50 Stunden für einen halben Quadratmeter. Die einzelnen Schichten vom Grund bis zur letzten Schicht zusammengefaßt:

Kalksandmörtel

Kalkschlämme

Kalkseccomalerei wie vorhanden, 1. Restaurierung 1462 (lat. Inschrift in der Südwand) Putzschicht

Kalkseccomalerei barock

4 Schichten Kalktünche

4 Schichten Leimfarbe verschiedenfarbig

Ruß, Dreck, Schimmel.

Als nächster Schritt erfolgte wegen vieler Hohlstellen eine Mörtelsicherung durch Hinterspritzen eines Spezialmittels (Ledan) mit Einwegspritze und Kanüle. Die Hintersprit-zung wurde solange durchgeführt, bis eine Stabilisierung der gefährdeten Hohlstellen eingetreten war. Die anschließende Mörtelfestigung wurde mit Kieselsäureesther vorgenommen, um eine haltbare Verfestigung zu erreichen.

Anschließend daran die Malschichtfestigung mit Spezialmitteln, und die Kittung von Hacklöchern, Rissen und Mörtelfehlstellen. Hier wurde ein Kalksandmörtel, handwerklich und in der Zusammensetzung wie im Mittelalter, aufgebracht. Nach der Festigung hat der Restaurator die ganze Fläche einer Reinigung unterzogen, um Grauschleier, Kalkreste u. a. zu entfernen. Zur Reinigung ist verdünnte Ameisensäure, Ammoniak und demineralisiertes Wasser verwendet worden. Daran schloß sich eine Gesamtfixierung an, bevor als letzter Schritt die Retusche

vorgenommen wurde. Ziel der Retusche war eine Beruhigung der Bildfelder und eine bessere Lesbarkeit. Es wurden — wie früher versucht — keine Rekonstruktionen vorgenommen, die Arbeiten wurden nur in sehr feiner Punktretusche ausgeführt. Wo z. B. keine Gesichter mehr freizulegen waren, wurden also auch keine nachgemalt. Niemand würde der Venus von Milo die Arme wieder ankleben, das Kunstwerk wäre — so auch hier — für alle Zeiten ruiniert.

 

 

Der Turm der renovierten Kirche in Pfaffenweiler

 

Die Fertigstellung war 1992 im Oktober, die nun im neuen-alten Glanz erstandene Turmkapelle wurde von Regionaldekan Buhl im Rahmen eines Festgottesdienstes geweiht und somit der lithurgischen Bestimmung übergeben. Heute finden Meditationen, Abendgottesdienste, Trauungen und mehr im musealen Raum statt.

Eine wie auch immer geartete Beschreibung kann den wirklich fantastischen Eindruck des Originals nicht wiedergeben, ebensowenig Fotos, wenn schon das zu reproduzierende Abbild unscharf ist.

Liebe Leser, besuchen Sie die Turmkapelle im heutigen Stadtteil Pfaffenweiler, es lohnt sich.

 

Provinzstadt zwischen Tradition und Moderne (Annemarie Conradt-Mach)

Villingen 1918 —1933

1. Soldatenräte — Arbeiterräte — Bürgerräte

Am 9. November 1918 erklärte der Deutsche Kaiser seinen Thronverzicht. Am 9. November 1918 begann in Villingen die Revolution. Bereits am 6. 11. hatte die Schwarzwälder Presse ihre Leser über die Meuterei der Kieler Matrosen unterrichtet. Die Lage in der Villinger Kaserne war gespannt und in Erwartung der kommenden revolutionären Ereignisse. Der spätere sozialdemokratische Innenminister Badens Adam Remmele, im November 1918 Soldat in der Villinger Kaserne, berichtet über die Revolutionstage, daß die Kieler Meuterei vor den Soldaten geheimgehalten worden sei, auf den Bahnhöfen hätte man Kontrollposten aufgestellt, um die ankommenden Soldaten auf „ordnungsgemäß ausgestellte Urlaubsscheine hin“ zu kontrollieren. „Wer ohne Urlaubsschein ankommt, soll festgenommen werden.“ Diese Anweisung für die Kontrollposten verbreitete Unruhe unter den Soldaten. In der Nacht zum Sonntag, dem 10. 11. 1918, trafen in Villingen die ersten Marinesoldaten ein mit Urlaubsscheinen, die den Aufdruck „Soldatenrat Wilhelmshaven“ trugen. Am Sonntagmorgen wurden die Soldaten in der Villinger Kaserne zusammengerufen. Ihnen wurde mitgeteilt, daß es Unruhen gegeben habe. Am Sonntagmittag zogen Soldaten mit einer roten Fahne durch Villingen. „Sendboten“ aus Donaueschingen forderten zur Bildung eines Soldatenrates auf.

Das Sozialdemokratische Organ, die Freiburger „Volkswacht“, berichtete über Villingen:

„Am letzten Sonntag (10. 11. 1918) wurde hier ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Vom Lindenhof zogen nachmittags Zivil- und Militärpersonen durch die Stadt nach dem Gasthof zum Felsen. Im überfüllten Saale wurde getagt. Ein Soldat, ein bewährter Genosse, leitete die Versammlung, an der Zivil- und Militärpersonen teilnahmen. Auch das Hauptreferat übernahm dieser Genosse, welcher die Notwendigkeit der Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates klarlegte. Seinen längeren Ausführungen folgte tobender Beifall. . . Alsdann wurde zur Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates geschritten. Dieser besteht aus einer Abordnung Soldaten aus allen Kompanien, aus Vertretern der sozialdem. Partei (Mitgliedschaft Villingen) und des freien Gewerkschaftskartells.“

Die Lage in Villingen blieb ruhig. Ein Aufruf des Bürgermeisteramtes „An die Villinger Bevölkerung“ in den Zeitungen vom 11. 11. 1918 signalisierte Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat und betonte, daß „die Ordnung unter allen Umständen aufrecht“ erhalten werde.

Zwei Tage nach der Abdankung des Kaisers war für die Soldaten in der Villinger Kaserne der Krieg vorbei. Die meisten wollten möglichst schnell nach Hause. Durch den Zusammenbruch des alten Regimes hoffte man nun auf raschen Frieden. Die Stimmung unter den Soldaten korrespondierte mit der Unzufriedenheit unter den Fabrikarbeitern, hervorgerufen durch Überstunden und Mangelernährung. Die bürgerlichen Kreise, Stadtparlament und Bürgermeister wurden von der revolutionären Entwicklung überrannt. Unter dem Druck der Straße und um Ausschreitungen vor allem jugendlicher Soldaten und Arbeiter zu verhindern, war man zur Zusammenarbeit mit dem neugebildeten Arbeiter- und Soldatenrat bereit. Aber schon in der ersten Revolutionswoche zeigte sich, daß die alten Eliten, die nationalliberalen, liberalen und christlich orientierten Villinger Handwerker und Kleinunternehmer um ihren Einfluß und ihre Stellung in der Stadt bangten. Am 17. 11. versammelten sich die Liberalen im „Falken“, um zu „den brennenden Tagesfragen Stellung zu nehmen“ und Einfluß auf die Rätebewegung zu nehmen …

Am selben Tag veranstaltete der Arbeiter- und Soldatenrat einen Demonstrationsumzug mit Musik vom Riettor zur Tonhalle, anschließend fand eine große Massenversammlung mit „üblichem Massenbesuch“ statt. Alle Vertreter des öffentlichen Lebens waren anwesend, sämtliche politischen Richtungen vertreten.

In dieser Versammlung betonte der Vorsitzende des Arbeiterrates, Herr Neidinger, „daß der Arbeiterrat sich durchaus nicht einseitig zusammensetzen wolle, sondern Vertreter aller Organisationen in sich einschließe“.

Auf dieser Versammlung schien eine Koalition zwischen christlichen und sozialdemokratischen Kräften, einig in den Zielen, perfekt zu sein. Die Demonstration der Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen politischen Lager verdeckte aber nur kurzfristig die Angst der bürgerlichen und auch der katholischen Gruppierungen in Villingen vor einem Überhandnehmen des sozialistischen Einflusses.

Die bürgerlichen Arbeiterräte, die nach dem 12.11.1918 zugewählt wurden, dienten zwar dazu, bürgerliche Interessen in die Rätebewegung einzubringen. Langfristig sah man aber in diesem politischen Lager die Räte nicht als eine funktionsfähige politische Institution an. Allgemein galten die Räte als Institution, die eine möglichst reibungslose Demobilmachung gewährleisten sollten, nicht als Institution auf Dauer.

Wegen der schwierigen politischen Situation und der schlechten Wirtschaftslage mußte die Villinger Fasnacht 1919 zum fünften Mal seit Kriegsbeginn ausfallen.

„Daß dieses Jahr die Fasnacht unterbleiben mußte, ist auch für die Villinger eine Selbstverständlichkeit. Es wäre auch ganz angebracht gewesen, wenn etwa die Narro-Zunft in einer Proklamation für dieses Jahr den Streik verkündet hätte, als Protest gegen die Narretei der Zeit in Permanenz. Im übrigen hätte es für Abhaltung der Fasnacht manchen Stoff gegeben . . .

Anschlag des Arbeiter- und Soldatenrats Villingen

 

An Motiven für Wagen und Fußgruppen hätte es wahrlich nicht gefehlt, besonders wenn dann noch aus der reichhaltigen Geschichte der Stadt sinnreiche Gegenbeispiele genommen worden wären. Dem Huldigungswagen zur neuen Republik würde vielleicht jener Huldigungswagen an Baden aus dem historischen Festzug 1899 ganz passend als Gegenstück beigestellt worden sein mit der kleinen Variation, daß bei dem ersteren leuchtend rote Revolutionsmädel, den letzteren aber schwarze Klagejungfrauen umsäumten . . . (Es gäbe) dann eine Reihe aktueller Dinge aus Villingens Gegenwart auszumalen . . . zunächst einmal die Eingemeindung Schwenningens mit größeren Verbrüderungsszenen, Ausreißen der Grenzpfähle und hitzige Beratung, wer nun Ober-und Unterbürgermeister werde.“

Der Zeitungsbericht schlug außerdem ein Wagen des Kommunalverbandes vor:

„Die Tapezierung des Wagens mit den dreifarbigen Brot-, Fleisch- und Lebensmittelkarten sowie mit Bezugsscheinen gebe dem Wagen eine wesentliche Erhöhung seines Reizes und seiner Farbenpracht. Dagegen wäre dann ein Stück aus der Vergangenheit danebenzusetzen: Ein Villinger Wirtshaus mit Metzelsuppenbetrieb, der Wagen in sinniger Weise mit Ornamenten versehen als wie Blut- und Leberwürste, Villinger Würste, Schweinsknöchle, Laugenbrezeln, Gipfel usw. So hätte es noch vieles und ganz besonders zeitgemäßes für diesen Zug gegeben, was aber hier nicht alles verraten werden soll. Nur noch ein Bildchen mit Gegenstück sei angeführt: Eröffnung des neuen Sanatoriums (früher „Waldhotel“) für erholungsbedürftige A.- und S.-Räte und die Einweihung des erweiterten Gutleuthauses als Refugium für ehemalige gekrönte Häupter und Staatswürdenträger. Juhu! … In den letzten Monaten erlebten wir in der politischen Welt einen abschreckenden Carneval, der jeden Einsichtigen bis ins innerste Herz erschauern macht, der uns ein Grauen aufkommen läßt vor dem mahnenden Aschermittwoch, der unausbleiblich bald kommen wird und muß.“

Die Hoffnungen, die von vielen an die neue Zeit geknüpft worden waren, wichen im Frühjahr 1919 der Enttäuschung. Man sah in der „Verkehrung“ der sozialen Verhältnisse die Ursache hierfür. Unfähige Arbeiter- und Soldatenräte machten Politik, würden sich unberechtigte Privilegien aneignen, und die alten Herrscher kämen ins Gutleuthaus. Höhepunkt der Fasnachtsschreckensvision und Symbol einer völlig aus den Fugen geratenen Ordnung wurde das Bild der Städtevereinigung, die „Eingemeindung Schwenningens“. Eine Vorstellung, die dazu geeignet war, den Villinger Lesern das Absurde und Groteske ihrer momentanen Lebenssituation drastisch vor Augen zu führen. Eine Vereinigung von Villingen und Schwenningen war wahrhaft der Höhepunkt der Narretei.

Die Einführung des Achtstundentages im November 1918 wurde in den Villinger Handwerkerkreisen als eine wirtschaftspolitische Fehlentscheidung angesehen. Für die Sozialdemokratie war diese Kritik ein zentraler Angriff auf die Errungenschaften der Revolution. Der Hunger der Nachkriegszeit, unter dem vor allem die einkommensschwachen und unvermögenden Schichten zu leiden hatten, zerstörte alle Illusionen.

Auch die sozialistische Forderung nach Trennung von Kirche und Staat erhitzte die Gemüter. Das „Volksblatt“ beschuldigte die Sozialdemokraten des antikirchlichen bzw. sogar antireligiösen Verhaltens, und in einer großen Zentrums-Wahlversammlung in der Tonhalle wurde geäußert, daß der Stand der Friedensverhandlungen „ein besserer gewesen, wenn nicht die Revolution dazwischen gekommen wäre“.

Die Opposition hatte vielfältige Ursachen. Zum einen sah man in den Sozialdemokraten Gegner der christlichen Religion. Die meist jugendlichen Revolutionäre schienen alle Vorstellungen von Ordnung und Autorität in Frage zu stellen. Die Forderung nach einem Achtstundentag war mit dem Arbeitsethos und den Wirtschaftlichkeitsvorstellungen eines Villinger Handwerkers nicht mehr vereinbar. Auf der anderen Seite sah sich aber gerade auch das Zentrum als Vertreter der christlichen Arbeiterschaft und setzte sich aus diesem Grunde für mehr soziale Gerechtigkeit und für mehr Demokratie ein, da man die eigenen Anhänger nicht unbedingt in die Arme der Sozialdemokraten oder gar der Unabhängigen (USPD) treiben wollte. Die Position des Zentrums wurde im Laufe der Zeit schon deshalb stärker, weil die in Villingen anwesenden Soldaten in die Heimat entlassen wurden und damit ein wesentlicher Träger der Revolution wegfiel, aber auch weil sich die Sozialdemokraten untereinander nicht einig waren und schon bald in eine rechte und eine linke Gruppierung auseinanderfielen.

Die sozialdemokratischen Wahlgewinne und die Mitgliederzunahme der freien Gewerkschaften im Frühjahr 1919 hatten zu verstärkten Gegenaktionen der christlichen Gewerkschaften und des katholischen Arbeitervereins geführt. Die Agitation in diesem Sinne betrieb der christlich-gewerkschaftlich orientierte Redakteur des „Volksblatts“ Bernhard Fehrecke. Selbstverständlich zog er sich damit die Feindschaft der Villinger Sozialdemokraten zu.

Anzeige gegen den Fremdenverkehr (Villinger Volksblatt vom 21. Mai 1919)

 

Ihren gewaltsamen Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen im März /April 1919. Am Mittwoch, dem 13. März 1919, waren in Villingen die Betriebe geschlossen. In der Tonhalle fand eine große „Demonstrationsversammlung“ statt. Betriebe, Lebensmittelämter und öffentliche Gebäude „waren militärisch besetzt“. Von der Versammlung wurden die folgenden Forderungen gestellt: „1. Der Redakteur des Villinger Volksblattes, Fehrecke, muß innerhalb 24 Stunden Villingen verlassen, damit der Ursache der Unruhe und Mißstimmung der Boden entzogen wird . . .

3. Ultimatum an Herrn Bürgermeister Lehmann: entweder unparteiisch seines Amtes zu walten oder sofortige Enthebung von seinem Amte . . .

5. Wir fordern von allen Arbeitgebern Einhaltung des Achtstundentages mit Arbeitsfreiheit am Samstagnachmittag.“

Die Versammelten warfen dem Volksblattredakteur Fehrecke „eine gehässige Schreibweise“ vor, die „viel zur Verbitterung der Arbeiterschaft beigetragen“ habe. Dem Gemeinderat Neidinger und dem Bürgermeister wurde „Vetterleswirtschaft“ nachgesagt. Der Volksblattredakteur Fehrecke, er befand sich unter den Anwesenden, wurde „von der Menge aus dem Lokal entfernt“. Im Anschluß an die Versammlung zogen die Demonstrierenden zum Redaktionsgebäude des „Volksblatts“ und ließen sich dort die Entlassung des Redakteurs zusichern. Von dort ging es zum Rathaus, wo der Bürgermeister versprechen mußte, sein Amt von nun an unparteiisch zu verwalten. Die christlichen Bürgerausschußmitglieder werteten die Verhandlungserfolge allerdings mit dem Hinweis ab, sie seien „unter Maschinengewehren durchgedrückt worden“.

Die Verbannung des Redakteurs Fehrecke aus Villingen mit der Unterstützung bewaffneter Soldaten führte zu einer Welle der Empörung und schließlich zu einem Antrag der Zentrumsfraktion im Badischen Landtag. Die badischen Redakteure erhoben „schärfsten Protest … gegen die Verletzung der Meinungsfreiheit, insbesondere der Pressefreiheit, welche die freiorganisierte Arbeiterschaft in Villingen im Fall Fehrecke begangen hat“.

Die Villinger Unruhen setzten die Zeichen für den Beginn einer Radikalisierung der Schwarzwälder Arbeiterschaft. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, von der Revolutionseuphorie nichts mehr zu spüren.

2. Kriegsfolge: Wohnungsnot

Nach den Ergebnissen der Reichswohnungszählung von 1927 hatte die Stadt Villingen bei einer Bevölkerung von 13 982 Einwohnern einen Bestand von 3 116 Wohnungen, von denen 3 104 bewohnt wurden … Das bedeutet, daß eine Wohnung durchschnittlich von 4,5 Personen belegt war. Auf 1 000 Wohnungen kamen 64, die mehrfach belegt waren. Diese Zahlen sagen allerdings noch wenig über die Wohnqualität in der Weimarer Zeit aus. Von den Zeitgenossen selbst wurde besonders der Zusammenhang zwischen Tuberkulose und der allgemeinen Wohnungssituation hergestellt. So verursachte in Villingen die Tbc 1913 über 27 Prozent der Todesfälle, 1919 sogar 30 Prozent, 1923 über 32 Prozent. 1924 sank der Anteil der Tbc-Toten dann auf knapp 17 Prozent.

Im Krieg hatte man die Baustoffe für den Kriegseinsatz beschlagnahmt, das bedeutet, daß etwa 4 1/2 Jahre lang keine Privatwohnungen mehr gebaut worden waren. Jetzt kehrten die Soldaten aus dem Krieg zurück, die geburtenstarken Jahrgänge der Jahrhundertwende kamen ins heiratsfähige Alter und suchten nach Wohnungen. Da der Bedarf so schnell nicht gedeckt werden konnte, ging man zunächst daran, den Mangel mit Hilfe des städtischen Wohnungsamtes zu verwalten. Die Zahlen der wohnungssuchenden Familien und der vom Wohnungsamt untergebrachten Familien standen in einem eklatanten Mißverhältnis.

Speicher, Keller, Büros, Kasernenstuben — alles wurde zu Wohnraum umfunktioniert. Der Bürgermeister der Stadt Villingen ging mit gutem Beispiel voran, indem er seine Wohnung teilte und drei Zimmer einer Familie zur Verfügung stellte.

Eine eigens gegründete Wohnungskommission machte sich in Villingen auf die Suche nach freiem Wohnraum und wies immer wieder auf die ganz erheblichen sozialen Unterschiede innerhalb der Wohnungsversorgung hin.

„Während ganze Familien, zum Teil acht Personen, in einem Zimmer schlafen und wohnen, sind auf Seiten der sogen. Besseren Räume in Luxus zur Verfügung:• Esszimmer, besseres Zimmer, Visitenzimmer, gutes Zimmer, Salon, Schreibzimmer, Kinderspiel-zimmer usw. Hier muß soziale Einsicht Platz greifen.“

Die Aufgabe der Wohnungskommission war es, in vorhandenen Wohnungen Räume für Wohnungssuchende aufzuspüren. Die Verwaltung des Mangels führte zu Mißgunst, Neid, Begünstigung und machte in der Stadt viel böses Blut. Der Gegensatz zwischen Villenbesitzern und Wohnungslosen, zwischen der Wohnungsversorgung der Arbeiter und der Versorgung der staatlichen Beamten wurde zum Dauerthema der „Sprechsaalartikel“ im Villinger „Volksblatt“, die dazu angetan waren, Klassengegensätze zu schüren und teilweise groteske Formen annahmen.

In der Bürgerausschußsitzung vom 8. September 1920 beklagte der Bürgermeister eine „wahre Heiratswut . . . Es werde einfach darauflosgeheiratet, ohne Vorbereitung, ohne Wohnung und ohne Aussteuer . . . Das Wohnungsamt müsse die Möglichkeit haben, auch einmal eine Trauung verhindern zu können, weil die Wohnungsfrage nicht gelöst sei“.

Im November 1920 faßte die Wohnungskommission den Beschluß, daß junge Verheiratete unter 25 Jahren grundsätzlich keine Wohnung mehr erhalten sollten und eine scharfe Zuzugssperre durchgeführt werde. Das bedeutete, daß ledig Zugezogene schriftlich zusichern mußten, in den nächsten drei Jahren auf dem Villinger Wohnungsmarkt keine Wohnung zu beanspruchen. Erst nach drei Jahren wurde man in die Liste der Wohnungssuchenden aufgenommen.

In einem Vortrag vor dem christlichen Gewerkschaftskartell skizzierte der Vorsitzende der Villinger Baugenossenschaft Häßler 1926 die Villinger Wohnungssituation. Danach fehlten in Villingen noch 200 Wohnungen, um die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Diejenigen, die kein Verständnis für diese Probleme hätten, „sollten einmal mitgehen in jene Wohnungen und Zimmer, wo kein Ofen vorhanden ist, wo es hereinregnet und hereinschneit, so daß der Regenschirm übers Bett gespannt werden muß, wo täglich morgens und abends die Matratzen von den Wänden auf den Boden gelegt werden, wo der Vater sich ins Bett legen muß, damit abends die Kinder am Tisch sitzen können, um ihre Schulaufgaben zu machen, wo die Mutter um Mitternacht noch am Waschzuber im Zimmer steht und wäscht, daneben Mann und Kinder schlafend, wo erwachsene Söhne und Töchter zusammenschlafen müssen, wo die Hebamme kommt und 8 Kinder im gleichen Zimmer sind, wo schwerkranke Personen neben gesunden wohnen müssen, wo Lungenkranke sind, bei denen stets die Fenster geöffnet sein müssen, wo z. B. 7 Personen in einem Zimmer schlafen, essen, wohnen, wo gekocht, gewaschen wird und noch Heimarbeiten verrichtet werden, wo das einzige Zimmer feucht, finster und das Haus baufällig ist, wo kein Sonnenstrahl durchs Fenster dringen kann . . . In sehr vielen Fällen, wo junge Personen beiderlei Geschlechtes das Theater oder Kino besuchen, geschieht dies deshalb, weil man keine gemütlichen Zimmer daheim hat. Es sind Fälle bekannt, wo die Mutter ihren Sohn ins Kino schickt, damit die Tochter zu Hause baden kann“.

Millionen von Mark würden für Sanatoriumsaufenthalte ausgegeben, Menschen würden in den Alkohol flüchten und das alles nur wegen der erbärmlichen Wohnsituation der Betroffenen.

„Wenn Städte wie z. B. . . . Schwenningen neue Gelder für Wohnungsbauten flüssig erhielten, warum soll das nicht auch für Villingen möglich sein?“ Schon zu Kriegsende begann die Firma Kienzle mit dem Bau von Arbeiterwohnungen in Villingen. 1916 sicherte die Stadt der Firma Kienzle Gelände an der Waldstraße für den Bau dieser Wohnungen zu.

1921 erklärte sich die Firma Kienzle bereit, ihre Werkssiedlung in Villingen weiterzubauen. Da einige Bürgerausschußmitglieder glaubten, für die Stadt bessere Bedingungen erreichen zu können und das ganze Bauvorhaben kritisierten, ging die Firma an die Öffentlichkeit: Ein Teil der Stadtverwaltung habe die Gabe,

„Firmen, die ihren Werkangehörigen gesunde Wohnungen bauen wollen, das Bauen zu verleiden“.

Die Stellungnahme in der Presse endete:

„Die Herren, die beim Wohnungselend gerade in Villingen durch unsachliches Verhalten der Abhilfe des Elends Schwierigkeiten machen, würden vielleicht anders reden, wenn sie gezwungen wären, in den Wohnungen zu wohnen, in denen ein Teil der Villinger Arbeiter jetzt wohnen muß“

Optisch orientierte sich das Kienzle-Projekt an den Gartenstadt-Modellen. Es wurde für gute Durchlüftung gesorgt. Die Häuser wurden durch Gartenmauern miteinander verbunden. Die Wohnungsverhältnisse waren für die Zeit überdurchschnittlich und solide, es sollte für eine ansprechende Bepflanzung der Grundstücke gesorgt werden. Dieser „Luxus“ war einigen Bürgeraus-schußmitgliedern wohl zu viel. Sie befürchteten, daß Arbeiter hier genauso gut wie Bürger leben könnten.

In der Zeit von 1919 bis 1926 wurden in Villingen 451 Wohnungen gebaut. Davon errichtete die Stadtgemeinde 14 Prozent, von Privatpersonen wurden 40 Prozent gebaut, und 46 Prozent dieser Neubauten erstellte die Villinger Baugenossenschaft, die 1902 in Villingen gegründet worden war und zu deren wichtigster Aufgabe es gehörte, Wohnungen für Arbeiter und Handwerker zu schaffen.

Besonders schwierig war das Bauen in der Inflationszeit, die Baupreise liefen davon. Ursache war nach Meinung der Baugenossenschaft „die beabsichtigte Erstellung verschiedener Fabrikneubauten und sonstiger Bauvorhaben, die mit der Behebung der Wohnungsnot nichts zu tun haben. Die Bauherrn, welche sämtliche erhebliche Kriegsgewinne gemacht haben, können jeden Preis bezahlen, wodurch naturgemäss die Baupreise beeinflusst werden und die Bauhandwerker nicht mehr das große Interesse an den Kleinwohnungsbauten haben . . . Wir gestatten uns ferner noch darauf hinzuweisen, dass die Erweiterung der Fabriken auch auf die Wohnungsnot verschärfend einwirkt, da zweifellos neue Arbeitskräfte zuziehen müssen, für die es wiederum an Wohnungen fehlt“.

Die Villinger Baugenossenschaft vermietete 1927 in 40 Genossenschaftshäusern Wohnungen an 233 Familien mit insgesamt 1677 Personen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße betrug in diesen Wohnungen demnach 4,6 Personen, eine Belegung, die knapp über dem Durchschnitt in der Stadt lag. Die Hälfte dieser Familien waren Ein- oder Zweikinderfamilien, ein Drittel hatte drei und mehr Kinder. 105 Mieter waren Eisenbahner, 44 waren Handwerksgesellen oder Fabrikarbeiter, der Rest Angestellte, Post- und Bahnbeamte usw. Die Baugenossenschaft vermietete nur an „ordentliche“ und „ruhige“ Leute. Soziale Problemfälle wollte und konnte sie mit Rücksicht auf die anderen Mieter nicht aufnehmen.

Trotz aller Anstrengungen beim Kleinwohnungsbau gab es im Oktober 1925 immer noch 700 bis 800 Wohnungssuchende. Nach Meinung des Wohnungsamtes fehlten in Villingen 200 Zweizimmerwohnungen, 150 Dreizimmerwohnungen und 50 Vierzimmerwohnungen. Villingen habe sich nach dem Krieg „rapide“ entwickelt, und während des Krieges sei „so gut wie nichts gebaut worden . . . Außerdem sei Villingen eine über 1000 Jahre alte Stadt, in welcher natürlich die Wohnungen den heutigen kulturellen und hygienischen Anforderungen . . . durch Baufälligkeit, Mangel an Luft, Licht und Sonne in keiner Weise mehr entsprechen.“

Besonders schwierig sei es, kinderreiche Familien bei Privathausbesitzern unterzubringen.

Für die Nichtvermittelbaren schlugen das Fürsorgeamt und die Wohlfahrtskommission den Bau von Wohnbaracken vor.

In der Bürgerausschußsitzung vom 16. Januar 1925 wurde die „Erstellung“ eines Achtfamilienhauses beraten. Das Haus sollte an der Steppachstraße errichtet werden. In der Debatte wurde die Lage des Hauses stark kritisiert, worauf der Bürgermeister antwortete:

„Es werden doch keine Zigeuner angesiedelt, sondern Bürger und Einwohner. Man müsse mit dem Bauen dahin gehen, wo Wasser, Gas und Licht sei. Ein anderer Gemeindeverordneter warf in die Debatte ein: Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um ein Armenhaus handeln könne.“

Noch im Laufe des Jahres 1925 wurden die ersten Häuser im Steppach erstellt.

Die ersten Mieter, die in diese Häuser einzogen, waren Notfälle, die wegen einer Räumungsklage ihre alten Wohnungen verlassen mußten, Mieter, die wegen Arbeitslosigkeit die Mieten schuldig blieben bzw. Familien mit vielen Kindern.

Sehr schnell kam der Steppach in den Ruf, eine Asozialen-Siedlung zu sein, und die ehemaligen Befürworter unter den Kommunalpolitikern gingen auf Distanz. 1928 stimmten Kommunisten und Sozialdemokraten gegen den Bau von 18 neuen Notwohnungen im Steppach. Den Wohnungen fehle der Keller, der Speicher, das elektrische Licht, die Wasserleitung und auch der Wasserablauf. Der „Volkswille“ bezeichnete die Wohnungen in einem Artikel vom 21. Juni 1928 als „Sträflingswohnungen“. Aber durch die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der damit zusammenhängenden Zahl von Räumungsklagen brauchte die Stadt weitere Notwohnungen. Das Thema Steppach blieb im Bürgerausschuß aktuell.

1932 sollten weitere Steppachwohnungen erstellt werden, wobei auf die elektrische Beleuchtung der Wohnungen, die einen zusätzlichen Kostenaufwand von 19 700 Mark bedeutete, verzichtet werden sollte. Der christliche Gewerkschaftssekretär Panther stimmte der Vorlage zu und hoffte, daß „nicht der Eindruck entstehe, dass die Armut noch bestraft wird“.

Mit 38 gegen 25 Stimmen wurde die Vorlage zum Bau des kostenreduzierten Steppach-Hauses angenommen.

Das Odium einer Asozialen-Siedlung konnte der Steppach nie abstreifen. Gerade weil viele der Mieter als Arbeitslose aus den besseren städtischen Wohnungen herausgeklagt worden waren, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen konnten, faßten sie es als empfindlichen sozialen Abstieg auf, wenn sie in die Steppach-Baracken eingewiesen wurden und wehrten sich entsprechend. Arbeitslosigkeit führte zu sozialem Abstieg, der Steppach machte die neuen Mieter dann endgültig zu „Asozialen“. Das „Rote Echo“, eine Zeitung der Villinger Kommunisten, glossierte die städtischen Bauvorhaben:

„Nachdem man heute überall sparen muß, so werdet ihr . . . zugestehen müssen, daß hier die Behörden der Stadt Villingen es verstanden haben, wirklich billige Wohnstätten für die Armen zu schaffen . . . Zur Verfügung stehen ein Zimmer und eine Küche. Miniaturstil! Ein Speicher ist nicht vorhanden. Nun zu was auch? Hier kann man am besten ersehen, dass unsere Behörden genau wissen, was eine unnötige Ausgabe ist . . . die Leute . . . haben doch nichts mehr, was auf dem Speicher untergebracht werden könnte . . . Fürsorglich hat man auch davon Abstand genommen, eine Lichtleitung einzubauen, da man diesen Armen die Sorgen wegen dem Bezahlen der Stromrechnungen ersparen wollte. Um die Barackenbewohner vor Bequemlichkeiten zu bewahren, erstellte man zur gemeinsamen Benutzung für sie einen Brunnen im Freien. Die . . . Zentrumslakaien kultivieren die Ärmsten der Armen immer mehr in die historische Vergangenheit unserer Urväter zurück.“

3. Kriegsfolge: Inflation

Im Jahr 1919 stieg der Dollar von 8,90 RM auf 50 RM. Nach dem Kapp-Putsch beruhigte sich die Lage vorübergehend. Im Juni 1920 kostete der Dollar 40 RM. Und nach der Ermordung Erzbergers kletterte der Dollarkurs auf 270 RM, gab dann aber wieder nach. Nach der Ermordung Rathenaus kostete der Dollar im Juni 1922 420 Mark. Im April 1923 kletterte der Dollarpreis auf 20 000 Mark und im November 1923 auf über 4 Billionen Mark.

Die Inflation verschärfte die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen. Soziale Tugenden wie Arbeit und Fleiß hatten ihren gesellschaftlichen Sinn verloren. Rücksichtslosigkeit und Ellenbogenmentalität siegte. Schieber und Spekulanten konnten in Wohlstand und Luxus leben.

In der Inflationszeit arbeitete Sepp Kraus (Jahrgang 1902) beim Villinger Elektrizitätswerk. „Do war ich als junger Kerle, mit meim Freund, em Stern Sepp … zur Diskonto-Bank und (hend) dort installiert. Für der ganze Lohn hättet mir vielleicht an Laib Brot kriegt, wenn’s guat gange isch. No hem mir an Totekopf mola lasse vom a Moler und hem mer an d’Tür außa naghengt: ,Vorsicht Hochspannung‘. Hem mer a paar Kischta vorne na glegt. Do hem mer der ganze Tag Roman glesa. Kein Streich gschafft. Wenn mer scho nix kriagt fürs Geld, na schafft mer au nix! Und wenn no der Mondaschmeister hochkam vom Elektrizitätswerk, wenn er d’Stege runter isch, no sen mer auf der andere Seite naus. Bis der in Bau neikomme is, sen mir au drin gwesa.

Die Diskonto-Bank hat ja alles ghabt. Die hen niesa Kischta do ghabt mit Beleuchtkörper usw. Do hot mer kein Mangel ghabt, muß mer scho sage.“ Die Auswirkungen der Inflation auf die Bevölkerung waren unterschiedlich. Die Arbeiterschaft konnte ihre inflationären Einkommensverluste in der Regel durch Lohnnachbesserungen und Teuerungszulagen ausgleichen. Da die Konjunktur der Uhrenindustrie und ihrer Zulieferbetriebe inflationsbedingt sehr gut lief, konnten die Betriebe sogar expandieren. Existenzbedrohend war die Inflation für Rentenempfänger, Kriegsrentner und Alte, für Arbeitsunfähige und Kranke.

Ab 15. November 1918 wurde in der Uhrenindustrie der 8-Stunden-Tag bzw. die 48-Stunden-Woche eingeführt. Bedingt durch die Umrüstung von Kriegs- auf Friedensproduktion sowie den chronischen Energiemangel, der auf die ungenügenden Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet zurückging, wurde in den Betrieben im Winter 1918 /19 teilweise sogar nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet. Die Rückkehr der heimkehrenden Soldaten verursachte in den ersten Friedenswochen und -monaten einen erheblichen Arbeitsmangel, so daß es keinen betriebsorganisatorischen Grund gab, sich gegen den 8-Stunden-Tag zu wenden. Im Ausgleich des Lohnausfalls für die Arbeiter sahen die Uhrenindustriellen allerdings eine Ursache für ein weiteres Anheizen der Inflation.

Am 9. April 1919 trat der erste „Lohntarif für die Uhrenindustrie und die verwandten Industrien des Schwarzwaldes“ in Kraft.

Der Markverfall verbesserte die Situation der Uhrenindustrie bereits im Verlauf des Jahres 1919; er führte in den Uhrenregionen zu Arbeitskräftemangel. Die Industrie machte Gewinne auf den ausländischen Märkten, stand aber vor dem Problem, durch die ungenügende Energieversorgung und die Beschränkung der Arbeitszeit — der zentralen Errungenschaft der Revolution — nicht in ausreichender Menge produzieren zu können. Außerdem war das Deutsche Reich auf die wenigen Handelsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft mit dem Ausland angewiesen, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Obwohl Villingen circa 70 Prozent Katholiken hatte, spielten die christlichen Gewerkschaften trotz erheblichen Propagandaaufwandes und äußerst rührigen Gewerkschaftssekretären politisch eine eher untergeordnete Rolle. Gerade in den Villinger Großbetrieben — Kienzle-Uhren, SABA und Kaiser — konnten sich die freien Gewerkschaften durchsetzen. Selbst „gute Katholiken“ waren bei der SABA Mitglied im DMV, obwohl die deutschen Bischöfe von den Kanzeln verkünden ließen, daß es „Sünde“ sei, einer sozialdemokratischen Gewerkschaft anzugehören. Einerseits versprach man sich vom freien Gewerkschaftsverband eine größere Schlagkraft und ein besseres Durchsetzen der Arbeiterinteressen. Auf der anderen Seite wurden Neu-Eintretende in den Betrieben von den Mitarbeitern fast genötigt, in ihre Gewerkschaft einzutreten. Wollte man keinen neuen Arbeitsplatz suchen, gab man, vielleicht auch der Not gehorchend, dem Druck der Kollegen nach.

1922 erhielten die Gewerkschaften Villingens eine neue Konkurrenz. Das zum Junghans-Konzern gehörende Messing-Werk versuchte die „gelbe Arbeiterbewegung“, die als relativ unternehmerfreundlich galt, zu stärken. Als Reaktion auf diese Unternehmeraktion trat die Arbeiterschaft des Messingwerks am 13. November in den Streik. Nach viertägiger Dauer wurde der Arbeitskampf beendet. Die Träger der „gelben Bewegung“ waren aus dem Werk ausgeschieden, ihre Anhänger aus der Gewerkschaft ausgetreten.

Die Inflation beschleunigte die Abfolge der Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Im allgemeinen wurden die Teuerungszulagen von den Arbeitgebern in der Inflationszeit akzeptiert. Der einzige Lohnstreik dieser Jahre fand im Januar 1922 statt.

Die Arbeiter hatten feste Sätze als Lohnzulagen gefordert, die Arbeitgeber aber prozentuale Zuschläge von 2,5 bis 3 Prozent geboten. Vermittlungsversuche des Reichsarbeitsministeriums zwischen den Kontrahenten scheiterten. Im Januar kam es auch in Villingen zum Streik.

Die Gewerkschaften bestanden auf festen Zuschlägen, weil nur so wirkungsvoll der Teuerung entgegengetreten werden könne, die schließlich alle Lohngruppen treffe. Durch prozentuale Zuschläge würden nur die Lohndifferenzen verstärkt, die niedriger Entlohnten müßten noch „intensiver schaffen“ und damit „Raubbau“ an ihrer Arbeitskraft treiben. Die Unternehmerregelung würde eine „gewisse Uneinigkeit“ in die Arbeiterschaft tragen, was die Gewerkschaften vermeiden müßten.

Der Streik endete am 21. Januar. Für gelernte Arbeiter wurden die Sätze des Schiedsspruches akzeptiert, ungelernte Arbeiter mußten Abschläge von 10 bzw. 20 Pfennig hinnehmen. Die Arbeitgeber erklärten sich außerdem bereit, die nach dem 15. Februar eintretenden Verteuerungen durch Lohnerhöhungen auszugleichen.

Auf dem Höhepunkt der Inflation kam es zu erneuten Konflikten. In einer Konferenz der Gewerkschaften in Villingen, am 26. November 1923, wurden die beteiligten Organisationen aufgefordert „sofort alle Vorbereitungen zum Arbeitskampf zu treffen“. Die „erregte Arbeiterschaft“ des Messingwerkes beharrte auf dem Streik, „bis ihren Lohnwünschen Rechnung getragen worden“ sei.

Konnte am Montag der Streik bei der Firma Kaiser noch einmal kurzfristig durch Zugeständnisse und beruhigende Erklärungen der Firma abgewendet werden, traten am Dienstag, dem 27. November, in allen Villinger Betrieben die Arbeiter in Streik. Nach drei Tagen wurde in den Villinger Betrieben wieder gearbeitet, man war den Forderungen der Arbeiter entgegegen gekommen.

Der guten inflationär bedingten Beschäftigungslage stand eine immer schlechter werdende Versorgungslage der Bevölkerung gegenüber. Man konnte zwar Geld verdienen, bekam für das Geld aber nichts zu kaufen.

Der Geldwertverlust war rapide. Am 26. Oktober 1923 schilderte das „Volksblatt“ den Fall eines Villinger Bauern, der die Bezahlung für 28 Liter Milch erst eine Woche später erhielt und sich dann nicht einmal mehr einen halben Liter Essig als Gegenwert kaufen konnte.

Eine Reaktion auf die Inflation war das Hamstern von Waren, Sachsparen anstelle von Geldsparen, weiterhin das Entstehen eines Schwarzmarktes, wo Naturaltausch stattfand bzw. Phantasiepreise gezahlt wurden. Die Behörden versuchten, die immer schlechter werdende Versorgungslage durch alle möglichen Reglementierungen zu unterbinden. In den Fremdenverkehrsgebieten tauchten immer mehr vermögende Touristen auch aus dem Ausland auf und kauften mit ihren „harten Devisen“ die Läden leer. Im November 1921 ging an die Villinger Geschäftsleute sogar der Aufruf: „Verkauft nichts an Ausländer.“ Zu ausgesprochenen Demonstrationen der Arbeiterschaft gegen den Fremdenverkehr kam es bereits im Sommer 1919, dann im November 1921 und im Sommer 1923.

Mitte 1920 kam es unter der Villinger Arbeiterschaft zu verstärkten Unruhen wegen der überhöhten Preise. Da der Dollar-Kurs seit dem Kapp-Putsch gefallen war, forderten die Fabrikarbeiter einen Preisabbau.

Eine eigens gebildete Preisprüfungskommission untersuchte Möglichkeiten für einen Preisabbau in Villingen. Am 28. Juli riefen die Gewerkschaften in der „Festhalle“ zu einer Volksversammlung. 1500 Personen kamen.

Gewerkschaftssekretär Schifferdecker klagte die Praktiken der Landwirte an, die angeblich, nachdem die Preise für Lebensmittel festgelegt worden seien, keine Lebensmittel mehr auf den Markt bringen würden. Früher hätten die Bauern 2500 Liter Milch geliefert, nach der Preisfestsetzung nur noch 1800 Liter. Einige Bäcker würden zu knapp wiegen. Im Vergleich zu den Städten Freiburg und Karlsruhe würden die Nahrungsmittelpreise durch die Frachtkosten noch zusätzlich verteuert.

Die Versammlung beschloß einstimmig, an den Gemeinderat den Antrag zu stellen, daß allwöchentlich die Marktpreise in den Zeitungen zu veröffentlichen seien; Im Sommer 1921 wurde die Milchversorgung erneut schlechter, was einen Verbraucher im „Volksblatt“ schreiben ließ, daß es in Villingen zu viele Verbraucher gebe, „die von den traurigen egoistischen Motiven beseelt sind“.

Am 6. November nahm die Milchgenossenschaft Villingen zu der schlechten Milchversorgung Stellung.

„Es ist Tatsache, daß der Hauptgrund an dem bedauerlichen Milchrückgang in der Hamsterei von Rohmilch und der Verarbeitung zu Butter, zum Zwecke des Absatzes an Kurfremde zu suchen ist. Diesem Zustande ist nur abzuhelfen, wenn jeder durch Milchabzug geschädigte Verbraucher uns die Namen der Hamsterer und Verkäufer … angibt. Denn alle Mahnungen in Versammlungen und Flugblättern waren erfolglos.“

Die Versorgungslage war auch in Villingen nicht in den Griff zu bekommen. Gegen die Interessen der Arbeiterschaft standen in Villingen oftmals die Interessen der Landwirte und der kleineren Einzelhändler. Die Kluft zwischen Bauern und Kleinhändlern auf der einen und Arbeitern auf der anderen Seite verschärfte sich zusehends.

4. Die Wirtschaftskrise

Villingen hatte 1925 13 982 Einwohner. Die Gewerbezählung von 1925 wies für Villingen 649 Betriebe mit insgesamt 5 198 Beschäftigten aus. 913 Beschäftigte waren Pendler. Die durchschnittliche Betriebsgröße betrug 8 Beschäftigte. Allein in den 83 Metallbetrieben arbeiteten 2 848 Personen, also über die Hälfte der abhängig Beschäftigten. Die durchschnittliche Betriebsgröße in der Metallverarbeitung lag bei 34,3 Beschäftigten. Nur 66 Betriebe zählten mehr als 11 Beschäftigte, davon 31 Metallbetriebe. Acht Betriebe hatten in Villingen über 100 Beschäftigte. Im badischen Vergleich hatte Villingen einen höheren Anteil an Industriearbeitern als die Städte Konstanz und Freiburg.

Betriebe über 100 Beschäftigte
Betriebe 1923 1925 1934
Backofenfabrik Oberle 103 131
SABA 230 330 521
Uhrenfabrik Badenia 216 122
Uhrenfabrik Martin Jauch 100 187 336
Uhrenfabrik Kaiser 160 196 374
Kienzle Uhrenfabrik 1100 583 116
Kienzle Taxameter 289
Messingwerk 310 300 339
Seidenweberei 235 288
Kurz & Gaiser 220

 

Die Wirtschaftskrise in der Uhrenindustrie begann bereits mit der Einführung stabiler Währungsverhältnisse. Im Dezember 1925 trug sich die Industrie mit dem Gedanken, Arbeiter zu entlassen und die Löhne zu kürzen.

Da Verbesserungen der Vertriebsorganisation und des technischen Standards keine kurzfristigen Verbesserungen der Lage bringen konnten, suchten die Uhrenindustriellen nach anderen Möglichkeiten: Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen. Im Oktober 1925 führten Betriebsstillegungen und Entlassungen zu erheblichen Unruhen unter den Uhrenarbeitern. Vereinzelt hatten Arbeiter auch Kürzungen ihrer Lohntarife hinnehmen müssen. Das Tarifabkommen vom 1. November 1925 sah eine sechsprozentige Erhöhung der Akkordlöhne und eine Erhöhung der Stundenlöhne um sechs Pfennige vor.

Am 22. Dezember 1925 wurden durch einen Schiedsspruch die Akkordlöhne um drei Pfennige und die Stundenlöhne um zwei Pfennige gesenkt. Den Arbeitgebern waren die Lohnkürzungen zu gering, daher wurden am Montag, den 22. Dezember 1925, im Arbeitsamtsbezirk Villingen zwischen 2 400 und 2 600 Arbeiter in einen unbezahlten Werksurlaub von ca. drei Wochen geschickt. Ein Familienvater mit fünf und mehr Kindern erhielt in diesen „Ferien“ in der Woche nur 21,60 Mark Erwerbslosenunterstützung. Aus Protest gegen dieses Unternehmerverhalten kam es am 4. bzw. 5. Januar zu Streikmaßnahmen der Arbeiter in Villingen, Furtwangen und Gütenbach.

Die Arbeit wurde aber nach Streikende nicht in allen Betrieben am Montag, den 25. Januar 1926, wieder aufgenommen. Die Firma Kienzle in Villingen konnte „infolge Nichtausführung von durch den Streik hervorgerufenen Reparaturen, Platzen von Röhren usw. nicht schon am Montag die Arbeit aufnehmen. Wegen der schlechten Geschäftslage ist eine größere Reduzierung der Belegschaft vorgesehen, zu der der Demobilmachungskommissar seine Zustimmung erteilt hat“.

Im April 1926 legte das Villinger Messingwerk wegen Arbeitsmangel trotz allmählich sich wieder belebender Konjunktur eine dreiwöchige Arbeitspause ein. Im Juni des Jahres gab es in Villingen immer noch 690 Arbeitslose. Die Stadt versuchte der Lage durch Notstandsarbeiten wie der Brigachkorrektur Herr zu werden. Trotz der geringfügig verbesserten Konjunktur hatten es vor allem ältere Arbeiter schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Das Thema Rationalisierung bestimmte notwendigerweise die gewerkschaftlichen Diskussionen.

„Wenn durch die Rationalisierung keine höhere Absatzmöglichkeit, durch Senkung der Preise keine Steigerung der Einkommen geschaffen wird, dann ist sie ein völliger Fehlschlag.“

Für die Gewerkschaften sei die einzige Möglichkeit, als Gegenmacht einen umfassenden Zusammenschluß zu finden. Leider sei auf dem Boden von Sozialismus und Kommunismus eine Einheitsgewerkschaft nicht möglich.

1927 und 1928 lief die Konjunktur in der Uhrenindustrie gut. Weitere Rationalisierungsmaßnahmen wurden durchgeführt, was auch einen vermehrten Einsatz von Arbeitszeitkontrollapparaten und Kontrolleinrichtungen sonstiger Art bedeutete. Wenn schon die „Lohnregulierung“ nicht im gewünschten Umfang durchsetzbar war, so sollte mindestens die Arbeitszeit möglichst intensiv genützt und ausgenützt werden.

Auf einer großen Gewerkschaftskundgebung in Villingen am 13. April 1930 wurde zum ersten Mal der Ruf nach Reduzierung des Rationalisierungstempos laut.

„Wenn die Arbeit nicht ausreicht, sollte man nicht zuerst das Geld, das die anderen verdienen, verteilen, sondern in erster Linie die Arbeit.“ Herabdrücken der Löhne sei keine Lösung, „das würde doch bedeuten, daß Tausende vor den Schaufenstern stehen und nichts kaufen können“.

Die Uhrenarbeiter mußten trotz steigender Preise Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit hinnehmen, und daneben gab es in Villingen Firmen, die Aufträge genug hatten.

„In unserer Schwarzwaldstadt haben wir ein leuchtendes Haus . . . (Hier) wird nicht nur am Tage, sondern auch des Nachts gearbeitet . . . Es werden dort keine Uhren oder damit verwandtes gefertigt, wie es im Schwarzwald der Brauch ist. Es werden darin auf vielen Maschinen von endlosen Papierstreifen Karten von besonderer Beschaffenheit gedruckt. Und diese Karten sind für die Bearbeitung in den Hollerith-Maschinen bestimmt. Und die Hollerith-Maschinen stehen in den großen Industrien unseres deutschen Vaterlandes und auch weiter draußen in der Welt. Sie stehen bei Großbanken, bei den Eisenbahnen und noch an vielen Orten, um auf schnellem Wege Licht und Aufklärung über in Dunkel gehüllte wichtige Fragen aller Art zu bringen. Mit dieser schnellen maschinellen Aufklärung werden rechtzeitig Verluste vermieden, bedeutungsvolle Statistiken erstellt, etwa erforderliche Umstellungen in der Produktion erkannt und durchgeführt; es kann rechtzeitig festgestellt werden, ob rationell gearbeitet wird . . . Und die Arbeiter in dem leuchtenden Haus, welche bis in den grauen Morgen tätig sind, sind sich vielleicht bewußt, daß sie mit dem Lichte, das ihrer Arbeit dient, nicht nur sich selbst, sondern den Unternehmungen .. . draußen in der Welt Leben und Brot erhalten helfen. Das leuchtende Haus sendet seine hellen Strahlen ungeheuer weit.“

Leider schloß die Hollerith Villingen bereits am 1. Oktober 1927 ihren Betrieb und verlegte ihn nach Sindelfingen. Der Grund für die Verlegung lag an den fehlenden Erweiterungsmöglichkeiten der Firma. Nach Aussage des Bürgermeisters hatte ein Villinger Privatmann sein Grundstück nicht zur Verfügung stellen wollen.

Mindestens ebenso erfolgreich war die Firma SABA. Die Firma SABA, ein vormals Triberger Unternehmen, verlegte 1918 ihre Produktion nach Villingen. Man stellte von Uhren auf Metallbestandteile und später auf Rundfunkgeräteproduktion um. 1927 wurden die ersten SABA-Empfangsgeräte produziert. Die Firma wurde neben der Hollerith bis 1927 eine der wenigen wirklich erfolgreichen Unternehmungen der Region.

Die Weltwirtschaftskrise behinderte zwar durch die Einkommenseinbußen der Bevölkerung einen Massenabsatz, auf der anderen Seite aber wurden die Lohnkosten gedrückt. 1931 lief SABA so gut, daß man sich mit Erweiterungsplänen trug. Man wollte den Betrieb noch im Laufe des Jahres 1931 bzw. 1932 nach Berlin verlegen.

Im Juni 1931 richtete Bürgermeister Gremmelspacher ein Schreiben an das badische Finanzministerium mit der Bitte um Hilfe. Die Stadt Villingen wollte den Betrieb mit seinen 200 Arbeitern unbedingt erhalten, von einem Ausbau der Firma versprach man sich außerdem weitere Arbeitsplätze.

Villingen selbst sei nicht in der Lage, SABA den Kredit zu gewähren. Die Akten überliefern leider nicht das Ergebnis dieser Verhandlungen, aber die SABA konnte ihren Betrieb erweitern und blieb in Villingen.

Im Februar 1930 war dann auch die Firma SABA zu Betriebseinschränkungen gezwungen, „um verlustreiche Lagerbestände zu vermeiden“. Im Dezember 1930 kam es zu umfangreichen Entlassungen in der Seidenweberei. Am 29. April 1931 ging die traditionsreiche Firma Oberle in Konkurs.

Die Firma SABA konnte am 8. September 1931 38 neue Arbeiter einstellen und kündigte für die Saison — das Weihnachtsgeschäft — außerdem die Einstellung von 100 bis 200 weiteren Arbeitskräften an. Dabei sicherte SABA der Stadt zu, hierbei nur ortsansässige Arbeiter zu verwenden. Ebenso erfreulich war, daß die Firma SABA ihre angeblichen Umzugspläne nach Berlin vorerst aufgegeben hatte. Spätestens seit 1932 erwies sich die Radioindustrie in Villingen als Motor. Nicht ganz unschuldig daran waren die Wahlkämpfe der frühen dreißiger Jahre. Immer mehr Parteien nahmen den Rundfunk für ihre Zwecke in Anspruch. Rundfunkteilnehmer zu sein, war außerdem zu einem Statussymbol geworden, auch und gerade bei Personen, die sich die teure Anlage eigentlich gar nicht leisten konnten.

Weniger gut als der Firma SABA ging es ihren Arbeitskräften, die an der allgemeinen Verschlechterung der Einkommenssituation der Schwarzwälder Arbeiterschaft beteiligt waren. Für die Kommunistische Partei in Villingen war die SABA deshalb auch die ideale Zielgruppe ihrer antikapitalistischen Propaganda. Unter der Überschrift „SABA-Paradies“ konnten die Villinger im „Roten Echo“ folgendes nachlesen:

„Trotzdem, daß in Villingen ein Massenheer von Erwerbslosen ist, werden bei Schwer c Söhne wöchentlich bis 60 und noch mehr Ueberstunden    gemacht . . . Durch den Schweiss der SABA-Proleten konnte man in kurzer Zeit einen neuen ungeheuren Fabrikkomplex erstellen lassen.“

Vor Weihnachten 1932 stellte die SABA 350 Arbeitskräfte neu ein. Die Neueinstellungen seien teilweise auch durch Lohnreduzierungen bei den Stammarbeitern finanziert, mit Zustimmung des „reformistischen“ Betriebsrates, so „Das Rote Echo“. Nach dem Weihnachtsgeschäft seien dann aber wieder 200 Arbeiter entlassen worden.

5. Arbeitslos

Zur Fasnacht 1932 schrieb das Villinger Volksblatt: „4,3 Millionen Deutsche haben keine Arbeit, sind arbeitslos . .. Liebe Narros und Närrinnen … da wollt ihr Fastnacht machen! Schaut euch um in Villingen selbst! Da ist bittere Not gerade genug . . . Denkt einmal darüber nach. Dann werdet ihr selbst finden, daß dies Jahr kein Fasnacht sein darf! Daß mers am beste wend ganz bliibe lau.

Mit dem ,verschbarte Fasnetgeld kauft ihr einem armen Kind einen Wollkittel, einer arbeitslosen Familie aber Kohlen damit sie nicht länger mehr frieren. Gebt den Hungernden an den drei Tagen lieber etwas zu essen, statt daß ihr es selber verbraucht! Die Hungernden sollen wieder einmal satt werden! Immer nur Kaffee und ,gsottini Herdöpfel machen nämlich nicht satt! Und du, wohlachtbarer Zunftsäckelmeister, gibst aus der Zunftkasse noch einen Gulden dazu, daß das Ding au bauet!‘ Rolle schittle dommer, wenns es verliide mag, s näscht Johr wieder. On, wo suscht au gärn ins Häs goht.“

Im Dezember 1932 waren in Villingen insgesamt 2 037 Personen von der Fürsorge abhängig. Das Arbeitsamt organisierte Turn- und Gymnastikunterricht für Arbeitslose, denn Stellen gab es nicht zu vermitteln. Im Mai 1931 waren dagegen „nur“ 1100 Fürsorgeempfänger unterstützt worden.

Die Arbeitslosigkeit war im Herbst, wenn es auf das Weihnachtsgeschäft zuging, relativ niedrig. Nach Weihnachten wuchs die Zahl der Erwerbslosen immer erheblich an, weil die Industrie keine Aufträge mehr hatte. Im Laufe der Krise trat eine Nivellierung der unterschiedlichen Erwerbslosen-unterstützungen ein. Die einzelnen Formen der Unterstützung näherten sich immer mehr dem Fürsorgeniveau. Wenn man allerdings die Situation der noch Arbeitbesitzenden in der Region betrachtet, so kann man fast davon ausgehen, daß sich im Krisenjahr 1932 auch das Lohnniveau der Uhrenindustrie mehr und mehr dem Fürsorgesatz anglich. Der Arbeitnehmer wurde in seinen Lebensbedürfnissen auf das Fürsorgeniveau reduziert.

Der Villinger W. K., Jahrgang 1909, war fünf Jahre lang arbeitslos. In solchen Fällen gab es keine Arbeitslosen- oder Krisenunterstützung mehr.

„Ich bin zum HaWe, Hermann Werner, Uhrenfabrik. Des isch an Bruader gsi zum C. Werner. Des war in dr Webergasse. Do war ich einige Johr. Mir send (dort) luter Gleichaltrige gsi. 29 bis 33 ben e arbeitslos gsi. Da hab e bei de Eltern gwohnt. Do hab e Kegel ufgsetzt im ‚Paradies‘ und in der ,Germania: Ich ho nochher der Hausbursch gmacht für d’Germania: Am Morge um achte, nüne be ich komme, ha d’Kegelbahn gricht, und na ha e s’Essa kriegt. No war ich von derheim weg. Unterstützung ham mer jo koine me kriegt. Der Vatter isch dort au arbeitslos gsi. Und no isch mer a weng geh hamstere, geh bettle, regelrecht bettle. Au an Turnerkolleg von mir. Sen mir mit em Fahrrad fort gfahre uft Land nus. Ham mer gsagt“mir sin arme Arbeitslose.‘ Do hasch du Mehl kriegt und du hosch Eier kriegt. Des hesch dohoam no abgä. Der Vatter het so gern Spätzle gessa. No het dMutter ebbes mache kenna. Grad so bettled. Des hon se kriegt anstandslos (bei den Schwarzwälder Bauern) . .. 29 bis 33 war die schlechtscht Zeit. No wo der Umschwung komme isch, no hon se uns gholt zum Arbeitsdienst.“

Im „Volksblatt“ erschienen Berichte, daß das Bettelunwesen zu einer richtigen Landplage ausarte, die Arbeitslosen immer „unverschämter“ und „aggressiver“ würden, so daß sich die Bauern regelrecht belästigt und bedroht fühlten. Keller- und Gartendiebstähle häuften sich.

Arbeitslosigkeit bedeutet in der Regel nicht Mangel an Arbeit, sondern Mangel an bezahlbarer Arbeit, eine Erfahrung, die auch heute viele Arbeiter machen können. Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit werden daher oft zu einem Rückfall in Zeiten schlimmer Ausbeutung. Die bloßen Zahlen können kaum eine realistische Vorstellung von dem vermitteln, was Arbeitslosigkeit für den einzelnen Arbeitnehmer, der auf das Anbieten seiner Arbeitskraft angewiesen ist, bedeutet.

Viele begannen überhaupt erst in der Wirtschaftskrise mit landwirtschaftlicher Tätigkeit. Die Ziegenzucht wurde wieder populär, immerhin erwirtschaftete die Familie so Butter, Milch und Käse. Die Kleintierzucht nahm zu. Die Stadt Villingen konnte in dieser Zeit nicht genug Kleingärten für Arbeitslose bereitstellen.

Im Juni 1932 gab es in Villingen wieder 1365 Familiengärten mit 27,3 Hektar und 236 Kartoffelfeldlose mit 27,3 Hektar. Die Nachfrage nach Kleingärten war groß, auch deshalb, weil das Fürsorgeamt Villingen von den arbeitsfähigen Bezugspersonen verlangte, daß sie ihren Eigenbedarf an Kartoffeln und Gemüse selbst anpflanzten.

Arbeitslosigkeit veränderte die Lebensformen und Wertvorstellungen der Familien. Die Betroffenen erlitten Einbußen ihres Selbstwertgefühls. Vor allem die Familienväter erlebten einen deutlichen Funktionsverlust ihrer Person, wenn sie zusehen mußten, wie Frau und Kinder das Geld heimbrachten.

Wenn die Betriebe Neuanstellungen vornahmen, wurden Frauen und Jugendliche bevorzugt, weil sie einmal für wesentlich weniger Lohn arbeiteten und außerdem leichter zu entlassen waren. Familien mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb hatten es vergleichsweise gut. Zu essen gab es wenigstens genug. Viele Arbeitslose versuchten durch selbständige Tätigkeiten, etwas dazuzuverdienen. Auch hier waren Frauen im allgemeinen im Vorteil, weil sie wenigstens Putzen, Nähen und Flicken konnten. Wer solche Möglichkeiten nicht hatte, der war auf öffentliche Wohltätigkeiten angewiesen, auf Kleider- und Nahrungsmittelspenden, abgegeben von denen, denen es noch besser ging.

Die Richtlinien, nach denen Unterstützung gezahlt wurde, empfand man oft als reine Behördenwillkür. Die Bittgänge zur Fürsorgestelle oder zum Arbeitsamt waren demütigend, und die Art und Weise, wie man auf den Ämtern behandelt wurde, vermittelte Ohnmachtsgefühle.

Arbeitslosigkeit bedeutete sozialen Abstieg, vor allem Dauerarbeitslosigkeit. Manche waren bis zu vier Jahren arbeitslos — und das im Alter zwischen zwanzig und dreißig! Sie verloren ihren Hausbesitz, weil die Schulden nicht mehr bezahlt werden konnten, ihre Wohnung, weil die Miete zu hoch war, mußten in die „Asozialensiedlung“ umziehen, wurden Wohlfahrtsempfänger, lebten von Almosen und Spenden.

Ein ehrliches, angesehenes Leben war für Menschen, die von ihrer Arbeitskraft abhängig waren, in vielen Fällen nicht mehr möglich. In „Kampfverbänden“, den militarisierten Männerbünden der Rechten wie der Linken fanden viele schließlich kameradschaftlichen Zusammenhalt, die gesuchte Geborgenheit. Diese Gruppierungen vermittelten das Gefühl, etwas gegen die tägliche Bedrohung auszurichten, sie gaben scheinbar dem sinnlosen Arbeitslosenalltag wieder Sinn.

In Villingen organisierten sich die Erwerbslosen wie überall. Begründet wurde dies mit der derzeit „auch für Villingen ungeheuren Arbeitslosigkeit und die damit zusammenhängende Verelendung der Massen, deren Auswirkung auch für weite Kreise der Vllg. Bevölkerung z. Bsp. Kaufleute verhängnisvoll werden kann“.

Zu den vorgelegten Forderungen gehörte, daß alle städtischen Arbeiten von Villinger Erwerbslosen ausgeführt werden und dafür nach Tarif bezahlt werden sollten. Kohle- und Holzbeihilfen für erwerbslose Haushaltungsvorstände wurden verlangt, möglichst hohe Fürsorgerichtsätze und außerdem verlangte man einen Raum, in dem der Ausschuß die Wünsche und Anregungen der Erwerbslosen in Empfang nehmen könne.

Der Villinger Stadtrat ging im wesentlichen auf die Wünsche der Erwerbslosen ein, nur die Fürsorgerichtsätze könnten nicht erhöht werden, weil sie sowieso schon an der oberen Grenze lägen.

Die Stadt solle endlich ihre geplanten Notstandarbeiten durchführen. Bei der Zuteilung der Arbeit wollte der Ausschuß mitbestimmen. Es sollten hierfür ausschließlich Villinger Erwerbslose verwendet werden, sonst seien „Zusammenstöße unvermeidbar“. Ebenso bestand man auf der Erhöhung der Fürsorgerichtsätze, denn es sei eine „geradezu hohnvolle Zumutung, wenn (irden Unterhalt eines Proletarier-Kindes M2 wöchentlich in Frage kommt, hingegen für einen Polizeihund M 10.50.“

Weiterhin wünschte man Mitarbeit im städtischen Fürsorgeausschuß.

Der folgende Winter brachte keine Verbesserungen, die Wünsche des Erwerbslosenausschusses blieben bestehen, und so wiederholt das Schreiben vom 12. Februar 1930 die Forderungen des Vorjahres noch einmal.

Im Winter 1930/31 wurde über der Lesehalle eine Wärmehalle eingerichtet. „Die alleinstehenden Erwerbslosen sollen kostenlos Tee und Kaffee aus der Volksküche erhalten.“ Wie in den Vorjahren wurde eine Winterbeihilfe gewährt. Auch im Winter 1930/31 wurde um Winterbeihilfen gebeten. Im Winter 1931 wurde beschlossen, daß die Fürsorgeempfänger für ihre Holzzuteilungen arbeiten sollten. Der Erwerbslosenausschuß lehnte dieses Ansinnen ab.

„Wenn man betrachtet, daß jeder Unterstützungsempfänger zuerst 5 Stunden Pflichtarbeit leisten muß, bevor er überhaupt an Holzmachen denken kann, und es dann noch mit dem Handwagen nach Hause führen muß so ist das eine Zumutung . . . Wir sind der Ansicht, daß jeder Unterstützungsempfänger sein Holz selbst aufbereitet und sich mit Holz eindeckt, so ist es mit seiner Arbeit so ziemlich schon bezahlt.“

Im März 1931 wurde erstmals in der Presse die angebliche politische Einseitigkeit der Villinger Erwerbslosenbewegung kritisiert.

In seltener und erstmaliger Einigkeit mit dem „schwarzen Gegner“ berichtete der sozialistisch orientierte „Volkswille“ über das Villinger Spektakel am 12. März 1931:

„Der derzeitige Erwerbslosenausschuß besteht nur aus Kommunisten . . . Die freien und christlichen Gewerkschaften haben am letzten Samstag zur Bildung eines Ausschusses auf gewerkschaftlicher Basis schreiten wollen.“ Bei dieser Versammlung im Volkshaus/Löwen seien auch die Kommunisten anwesend gewesen. „Die Mehrzahl davon kaum 20 Jahre alt. Die beiden Kommunisten Blässing und Strak führten sich so flegelhaft auf daß sie nur von den jugendlichen Schreiern Unterstützung erhielten.“ Erst als sich die Polizei zeigte, verließen die Kommunisten den Saal. Die Bildung eines neutralen Ausschusses wurde dann doch vorgenommen.

Für einige Unruhe sorgte die nochmalige Herabsetzung der Fürsorgerichtsätze, die jetzt einer Familie von sieben und mehr Köpfen nur noch 17 Mark pro Woche zubilligten. Dies seien „Härten, . . . die nicht mehr zu tragen sind“.

Die Notverordnungen vom 16. September 1932 muteten den Wohlfahrtserwerbslosen sogenannte Karenztage zu, das bedeutete Abzüge an der Fürsorge. Darauf kam es nach Berichten des „Roten Echo“ auch in Villingen zu spontanen Aktionen. „Am Sonntagmorgen standen die Erwerbslosen und Fürsorgeempfänger in grosser Anzahl vor dem Rathaus, um der Verhandlung mit dem Bürgermeister Nachdruck zu verleihen . . . Als (der Stellvertreter) . . . auf dem Rathaus erschien, wurde er von den Erwerbslosen mit Rot-Front begrüsst .. . Während die Vertreter der Erwerbslosen mit dem Bürgermeisterstellvertreter . . . verhandelten, belagerten die Fürsorge- und Wohlfahrtsempfänger in dichten Massen die Treppen und Vorräume des Rathauses und machten dieselben mit den Rufen ,Hunger — Kohldampf‘ dem Bürgermeisterstellvertreter (den Sozialdemokraten Uebler) die Begleitmusik zu seiner Verhandlung mit ihren Vertretern.“

Die Erwerbslosenbewegung gab den Betroffenen das Gefühl, etwas gegen ihre eigene Notlage zu tun, stellte Ansprechpartner für die Stadtverwaltungen und die Parteien zur Verfügung. Die zunehmende Arbeitslosigkeit, die zugleich abnehmende Finanzkraft der Gemeinden und das wachsende Elend führte die Tätigkeit der Ausschüsse aber ad absurdum. Die gemäßigten Vertreter konnten sich auf Grund ihrer Wirkungslosigkeit auf Dauer bei den Arbeitslosen kein Gehör mehr verschaffen, die ewig gleichen Forderungen ermüdeten auch die Stadtväter, die sich immer weniger in der Lage sahen, diese zu erfüllen. Sie sahen sich in die Enge getrieben und glaubten doch, das Bestmögliche für die Arbeitslosen zu tun. Die Radikalisierung der Ausschüsse war vorprogrammiert. Wer sich nicht mit friedlichen Mitteln Gehör verschaffen kann, versucht es schlussendlich gewalttätig. Die Konfrontation zwischen den Massen der Erwerbslosen und den gewählten Parteivertretern wurde immer bedrohlicher. Auch die kleinen Schritte, die kleinen Hilfen, die sich die Fürsorgeausschüsse und die Gemeindeverwaltungen einfallen ließen, konnten die Forderungen der Arbeitslosen nach einer gerecht bezahlten Arbeit nicht erfüllen. Die Erwerbslosenversammlungen wurden zu Foren der KPD, verließen ihren parteipolitisch neutralen Boden. Wer hungert, ist und kann vielleicht auch nicht mehr „neutral“ sein. Aber das war für die Stadtverwaltungen ein Argument, die Arbeit der Erwerbslosenversammlungen grundsätzlich als linksradikal, als Bolschewisierung der Massen zu diskreditieren.

Im April 1932 wurde als weitere Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit die Notgemeinschaft Villingen gegründet, die sämtliche Hilfeleistungen der Stadt koordinieren, möglichst wirtschaftlich verteilen und außerdem auch noch steigern sollte. Die Notgemeinschaft übernahm die Volksküche, die ein gutes Mittagessen für 35 Pfennig an Erwerbslose ausgeben sollte. Das Essen wurde auch über die Straße abgegeben. Das Geld zur Subventionierung dieser Küche wurde zum Teil durch Haussammlungen und Spenden aufgebracht. Für die notwendigen Arbeitsleistungen zog man Wohlfahrtsunterstützungsempfänger zur Pflichtarbeit heran. Andere Tätigkeiten waren unentgeltlich und ehrenamtlich. Im Monat gab die Volksküche 1 500 Mittagessen aus und um die 500 Abendessen und Frühstücke. Auf die unparteiische Arbeitsweise der Notgemeinschaft wurde besonders wert gelegt.

Neben dem Essen wurde auch Kleidung ausgegeben, etwa neue oder gebrauchte Schuhe. Durch Haussammlungen, Spenden, unter anderem auch Naturalien betrugen 1932 die Gesamteinnahmen 10 000 Mark. Die Verwaltungskosten des Ausschusses machten in der gleichen Zeit nur 300 Mark aus. Auch die städtischen Banken nahmen Spendengelder entgegen. Die Arbeit war wirtschaftlich so erfolgreich, daß im Oktober 1932 der Mittagessenpreis von 35 auf 30 Pfennig gesenkt werden konnte.

Konzentration aller Kräfte zur Linderung der Not, Beteiligung der Erwerbslosen durch die Verwendung ihrer Arbeitskraft, Beschäftigungsmöglichkeiten wie Fortbildung, Turnen, Bastelarbeiten, in der Absicht, vor allem diese jungen Leute von der Straße zu holen bzw. am Besuch der Erwerbs-losenversammlungen zu hindern, das war das Konzept der Notgemeinschaft.

Selbsthilfe ohne Anleitung, darin war man in Villingen weniger geübt. Hilfsmaßnahmen kamen eher von karitativen Organisationen. Die Organisation des Elends überließ man gern den „berufenen Organisationen«.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde zum gesamtstädtischen Problem erklärt. Arbeitslose wurden nicht ausgegrenzt. Innerhalb der Notgemeinschaft waren alle zur Hilfe verpflichtet. Die soziale Kontrolle war beträchtlich, auf die Nicht-Arbeitslosen wurde ein regelrechter Spendendruck ausgeübt. Villinger Einzelhändler, Bäcker und Metzger, spendeten Nahrungsmittel und Bekleidung. Schuhmacher sicherten zu, für Notleidende die Schuhe kostenlos zu besohlen. Die städtischen Beamten übernahmen die Kosten für das Mittagessen von siebzig armen Schulkindern im Winter 1932/33, und die Arbeitslosen selbst wurden zu Hilfsarbeiten in der Notküche und zu anderen sozialen Tätigkeiten der gemeinsamen Hilfe herangezogen. Der Hilfsbereitschaft für andere konnte und durfte sich niemand entziehen. Bei der Organisation des Elends wurden in Villingen traditionell eingeübte Verhaltensmuster, etwa die Verantwortung für den sozial schwachen Mitbürger, in einer funktionierenden Stadtgemeinde reaktiviert. Die Solidarität der Gemeinde mit den notleiden-den Arbeitslosen mag auch der Radikalisierung der Erwerbslosenbewegung entgegengewirkt haben. Ausschreitungen waren in Villingen auch deswegen weitaus seltener als in Schwenningen trotz der ebenfalls sehr hohen Arbeitslosigkeit.

6. Die politischen Lager

Die Wähler zwischen 1919 und 1933 waren vielfältigen Veränderungen unterworfen, ihre Struktur wandelte sich in diesen 14 Jahren ganz erheblich. In Villingen nahmen die Wahlberechtigten von 6 850 bei der Wahl zur Nationalversammlung auf 9 559 bei der Reichstagswahl 1933 zu. Die Zunahme entsprach dem badischen Landesdurchschnitt. 1919 waren in Villingen 54 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt. Bei der Reichstagswahl im Mai 1924 waren es 61 Prozent, bis zur Reichstagswahl 1933 waren 66 Prozent der Villinger wahlberechtigt.

Die Zunahme der Wahlberechtigten zwischen 1925 und 1933 deutet auf eine beträchtliche Altersverschiebung der Bevölkerung hin. Die geburtenstarken Vorkriegsjahrgänge kamen ins wahlfähige Alter, eine Entwicklung, von der vor allem radikale Parteien profitierten.

Von den ersten Wahlen abgesehen — hier gab es eine Wahlbeteiligung in Villingen von 86,3 Prozent —lag die Wahlbeteiligung in den Folgejahren deutlich niedriger. So wählten bei den Reichstagswahlen 1924 in Villingen nur rund 70 Prozent der Stimmbürger, 1928 wählten nur 62,4 Prozent, 1930 waren es 81,3 Prozent. Erst bei den Reichstagswahlen 1932 stieg die Wahlbeteiligung im Juli auf 84,6 und im November lag sie bei 78,7 Prozent. Schon seit den Wahlen des Jahres 1920 gab es positive Zusammenhänge, Fluktuationen, zwischen der SPD und bürgerlichen Parteien. Das Wahlverhalten der einzelnen Bezirke erschien relativ instabil. Von der Mobilisierung der Wählerschaft in Villingen ab 1930 profitierte nicht nur die NSDAP, sondern auch das Zentrum. Die NSDAP stieg von 17 Stimmen (0,3 %) bei der Reichstagswahl 1928 auf 2058 (26 %) bei der ersten Reichstagswahl 1932 bis auf 2883 Stimmen (32,8 %) bei der Reichstagswahl 1933. Das Zentrum erzielte 1928 bei der Reichstagswahl 2236 Stimmen (39,7 %) und steigerte seinen Stimmenanteil bei der ersten Reichstagswahl von 1932 auf 2875 Stimmen (35,8 %). Relativ gesehen allerdings mußte das Zentrum wegen der hohen Wahlbeteiligung Verluste hinnehmen. Zwischen 1924 und 1929 wurde in Villingen das Zentrum hauptsächlich von Angestellten, Berufslosen und Arbeitern, besonders von Arbeitern bei Bahn und Post gewählt. Beschäftigte bei der Bahn stellten in Villingen einen hohen Prozentsatz der Einwohnerschaft. Nach

Rüdiger Geist scheinen selbst protestantische Eisenbahner bevorzugt das katholische Zentrum gewählt zu haben. Nach 1930 wurde es bevorzugt von Arbeitern im Handwerk und von Berufslosen gewählt. Weniger attraktiv scheint diese Volkspartei für die Villinger Oberschicht, den selbständigen Mittelstand und nach 1930 für Teile der Arbeiterschaft gewesen zu sein. In der Gruppe der Arbeiter fand das Zentrum seine Anhänger fast ausschließlich unter den Katholiken.

Die SPD verlor in Villingen zwischen 1919 und 1924 rund zwei Drittel ihrer Wählerschaft überwiegend an die KPD bzw. USP. Am rechten Rand verlor die SPD Stimmen an die bürgerlichen Parteien.

Die KPD hatte ihren Rückhalt fast ausschließlich bei Arbeitern und später bei den Erwerbslosen. Bei Eisenbahnern und Postangehörigen fand sie keine Anhänger. Überrepräsentiert waren die protestantischen Arbeiter. Insgesamt deuten die Korrelationen aber auf eine geringe soziale Konformität der KPD-Wähler Villingens hin.

Die NSDAP hatte in der Villinger Gesellschaft praktisch keinen lokalen Rückhalt. Ihre ersten Erfolge bei der Reichstagswahl 1930 erzielte sie in Villingen in den Wohnbezirken von Beamten, Angestellten und der Oberschicht. 1932 waren diese Zusammenhänge weniger deutlich, was die Beamten und Angestellten anging, dafür gab es Wanderbewegungen der Oberschicht und der Arbeiterschaft zur NSDAP.

„Die NSDAP scheint also ihren ersten Aufitieg in Villingen in überdurchschnittlichem Maße den Beamten, Angestellten und Angehörigen der Oberschicht zu verdanken. Im Zuge der Reichstagswahlen 1932 und 1933 scheinen ihr aber auch Einbrüche in das Wählerreservoir der Arbeiterschaft gelungen zu sein. Überraschend hoch war auch der Anteil der NSDAP-Wähler aus dem katholischen Lager“

Ab 1932 hatte die NSDAP in Villingen ihre Anhänger bzw. Wähler aus allen sozialen Gruppen rekrutiert, außerdem profitierte sie von der höheren Wahlbeteiligung.

 

Die politischen Lager waren recht instabil. Die Wähler, vergleichsweise wenig weltanschaulich festgelegt, trafen ihre Wahlentscheidung aus der aktuellen Situation heraus. Für diese Hypothese spricht auch der niedrige Anteil an Zentrumswählern, gemessen am Anteil der katholischen Bevölkerung in der Stadt Villingen.

Bei Villingens Kommunalwahlen fallen die hohen Gewinne bürgerlicher Gruppierungen auf, gegen die sich Zentrum, SPD und KPD nur schwer behaupten konnten.

Die KPD schnitt auf kommunaler Ebene sehr schlecht ab. Ihr höchstes Ergebnis in Villingen erzielte sie bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 und im November 1932. Hier erreichte sie 16,3 bzw. 16 Prozent der Stimmen. Die KPD war Gewinnerin der Reichstagswahl von 1932 in Villingen. Bei dieser Wahl hatte die NSDAP rund 300 Stimmen verloren, die KPD rund 300 Stimmen gewonnen und damit ihr bestes Ergebnis in Villingen erreicht.

7. Politische Radikalisierung

Nach den Beobachtungen des Landeskommissärs Konstanz gab es Anfang 1928 noch keine Ortsgruppe der NSDAP in Villingen, aber eine Gefolgschaft des rechtsradikalen Jungdeutschen Ordens mit 26 Mitgliedern und eine Stahlhelm-gruppe mit zehn Mitgliedern.

Das „Volksblatt“ berichtete am 11. Mai 1930 zum ersten Mal über eine „gutbesuchte“ nationalsozialistische Versammlung im Saal des „Waldschlößle“. Ein Drittel der Besucher seien auswärtige Nationalsozialisten, ein Drittel Schwenninger Kommunisten und ein Drittel neugierige Zuschauer gewesen. Redner war ein gewisser Köhler aus Weinheim. Nach dem ersten Satz der Schlußrede erhoben sich „geschlossen die Kommunisten und ein dreimaliges, Rot Front'“ ertönte. Dann kamen die Heilrufe der Hitleranhänger. Die Kommunisten fielen mit der Internationale ein und marschierten ab. Für die Unbeteiligten soll es eine „Gaudi“ gewesen sein. Die Zeitung bemerkte dann am 14. Juni 1930, daß die NSDAP in Villingen selbst bis jetzt wenig Fuß fassen konnte und im Schwarzwald auf ihre Hochburgen Furtwangen und Triberg begrenzt sei.

Ernst nahm man die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt in Villingen anscheinend nicht. Aber die politischen Sitten in Deutschland waren schon reichlich heruntergekommen, das sah auch das „Volksblatt“. Unter der Überschrift „Deutschland ein Paradies für Straßenlümmel“ zitierte das Blatt einen Artikel des „Manchester Guardian“:

„Was in England als Mord betrachtet wird, gilt hier (in Deutschland) vielfach als Totschlag … Es ist selten, daß einem Nationalsozialisten irgendetwas geschieht, es sei denn, daß ihm ein Bruder von der anderen Couleur an den Kragen geht. Auch wenn die Burschen von der Polizei erwischt werden, kommen sie verhältnismäßig glimpflich davon . .. Ohne Erlaubnis Waffen zu tragen kostet nur eine kleine Geldstrafe.“

Ab 1931 mußten in Villingen auf Grund der Notverordnung des Reichspräsidenten vom 28. März alle parteipolitischen Veranstaltungen beim Bezirksamt angemeldet werden. Bei Zuwiderhandlungen gegen diese Anmeldepflicht war man in Villingen rigoros. Als der Villinger NSDAP-Ortsgruppenleiter zur Verstärkung des „Saalschutzes“ bei Krawallen im „Deutschen Haus“ in St. Georgen am 13. April 1931 eine zusätzliche Lastwagenfahrt mit SA zu dieser Veranstaltung ansetzte, wurde er vom Amtsgericht Villingen am 15. Mai zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Teil der Strafe wurde Wagenbauer dann allerdings wegen „Wohlverhaltens“ erlassen. Ein anderer Villinger Nationalsozialist wurde aus dem Staatsdienst entlassen, weil er im Dienst das Adler-Abzeichen der NSDAP getragen hatte.

Villingens Bürgermeister verbot das Tragen von Uniformen und die Veranstaltung von Umzügen. Die KPD-Villingen beantragte am 28. April durch den Schlosser Mauthe eine Maikundgebung am Bertholdsdenkmal und einen Umzug durch die Niedere, Bicken-, Obere, Riet-, Färber- und Gerberstraße und über den Münsterplatz. Mauthe wurde „anheimgegeben, dafür zu sorgen, daß keine verbotenen Waffen mitgeführt wurden“.

Ebenfalls für den 1. Mai beantragte die „Soz. Sport-u. Kulturgemeinschaft“ eine Maifeier im „Löwen“ mit Kundgebung. Das christliche Gewerkschaftskartell veranstaltete eine Versammlung für die Arbeitslosen „ohne politische Aussprache“, und der Wirt zum „Hohenzollern“ meldete für den Abend des 1. Mai einen „gemütlichen Unterhaltungsabend“ der KPD-Villingen an.

Bei dieser Mai-Veranstaltung kam es zu heftigen Ausschreitungen. „Während die Sozialdemokraten keine öffentliche Demonstration abhielten, kamen, wie üblich, die Kommunisten in starker Anzahl von Schwenningen herüber, uniformiert, mit zahlreichen roten Fahnen und Transparenten. Auch viele Frauen und Kinder waren dabei.“ Am Bertholdsdenkmal beschlagnahmte die Polizei drei nicht genehmigte Plakate der Schwenninger. Sie trugen die Aufschriften „Setzt Euch zur Wehr`; „Arbeiter werden ermordet“ und „Die Nazi sind bewaffnet“. Der Umzug von Villinger und Schwenninger Genossen ging dann zum Münsterplatz. Wegen der vorausgegangenen Polizeiaktion kam es dabei zu schweren Unruhen. Ein Kommunist wollte vom Brunnen vor der alten Sparkasse herab eine Rede halten und ergriff die Flucht, als die Polizei ihn festhalten wollte. In der Hans-Kraut-Gasse kam es zu einer Schlägerei, „bei der zwei Polizeibeamte zu Boden geworfen . . . wurden und mit Gummiknüppel und dem blanken Seitengewehr herausgehauen werden mußten. Als ein Bannerträger mit seiner Fahnenstange eingriff, ging diese in Stücke und diente ebenfalls als Waffe . . . Ernstlich verletzt wurde anscheinend niemand“. Am Abend nahm die Polizei noch eine Razzia auf dem „Hohenzollern“ vor, „doch ohne wesentliches Ergebnis“.

Die Straße gehörte längst den paramilitärischen Verbänden und Bünden von rechts und links.

Ein Solidaritätstag der „Roten Hilfe“ auf der Wanne wurde vom Bürgermeister und den Stadträten Uebler und Späth, Beisitzer in der Einspruchskommission, mit dem Hinweis abgelehnt, „dass sich nicht ähnliche Vorgänge wie anlässlich des kommunistischen Umzuges am 1. Mai wiederholen“. Man befürchtete die Beteiligung von befreundeten Organisationen aus Schwenningen, auch deshalb, weil „zur Zeit in Württemberg alle Veranstaltungen unter freiem Himmel verboten sind“.

Wenn man auch davon ausgehen kann, daß das

Villinger „Volksblatt“ grundsätzlich keine Ankündigungen der NSDAP abdruckte und auch nicht über alle NSDAP-Veranstaltungen berichtete —zum Ärger der Nationalsozialisten —, so scheinen sich Stadtverwaltung und das Badische Bezirksamt Villingen doch recht erfolgreich gegen die Militarisierung auf der Straße gewehrt zu haben. Auch den Vorwurf der Einseitigkeit kann man den Villinger Behörden nicht machen. Nach den Erfahrungen des 1. Mai 1931 war man bei radikalen Gruppierungen äußerst zurückhaltend geworden und suchte Auftritte unter freiem Himmel möglichst zu verhindern. Das Argument von Bürgermeister Gremmelspacher lautete:

„Es darf nicht übersehen werden, dass derartige Demonstrationen . . . gleichzeitig ganz bedenkliche Einflüsse auf den Fremdenverkehr haben werden.“

Die Kampforganisationen der Parteien vertrieben sich ihre Zeit mit militärischen Übungen, Appellen, Tagesmärschen, Geländeübungen etc., sangen Soldatenlieder und marschierten in Formation und Gleichschritt, manchmal auch mit „klingendem Spiel“. Jede politische Gruppierung war in der Regel an ihrer Uniform zu erkennen, trug Militärmützen, Soldatenstiefel und einen Leibriemen, der an Gewehrriemen erinnern sollte, nur zu oft aber auch als Schlagwaffe verwendet wurde. Nicht in Villingen selbst, dafür aber in den umliegenden Gemeinden tobte sich der NS-Pöbel aus. In der faschistischen Hochburg St. Georgen kam es Anfang September 1931 nach einem Vortrag des NS-Abgeordneten Rupp zu einer Saalschlacht. Es fiel der Zwischenruf „Hitler verrecke!“ Anschließend kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Saalschlacht von St. Georgen kam in Villingen am 26. November 1931 zur Verhandlung. Dabei wurde ein Reichsbannermann und ein Nationalsozialist zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt —“wegen verbotenen Waffentragens“.

Am 9. April, vor dem zweiten Wahlgang bei der Hindenburg-Kundgebung in der Tonhalle, störten Nationalsozialisten den Redner durch Zwischenrufe. Die Nazis wurden gezwungen, den Saal zu verlassen, wobei es zu einer Schlägerei kam. Hindenburg verlor bei diesem Wahlgang 200 Stimmen, Hitler konnte in Villingen 600 Stimmen dazugewinnen, wohl auch Stimmen, die beim ersten Wahlgang für Thälmann abgegeben wurden. Auch wenn die Nazis öffentlich in der Stadt Villingen zu diesem Zeitpunkt nicht so stark auftraten wie im Umland, eine große Gruppe von Bürgern begann sich für den „Führer“ zu erwärmen.

Kurze Zeit, nachdem die Tonhalle bei der Hindenburg-Kundgebung durch Polizei geräumt worden war, versammelten sich etwa 50 Nationalsozialisten vor dem Gebäude. Die Polizei räumte den Platz und mußte sich dabei beschimpfen lassen mit „Kosaken, Bluthunde und Sauhunde“. Ein Polizist erhielt einen Tritt in den Unterleib.

Gegen die Randalierer vor der Tonhalle wurde am 23. Juni 1932 in Villingen verhandelt. Angeklagt waren ein 31 Jahre alter Fräser und ein 41 Jahre alter Angestellter. Beide erhielten 15 Mark Geldstrafe wegen Beamtenbeleidigung.

Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei im Bezirk. In der Stadt Villingen konnte das Zentrum seine Position noch halten und die NSDAP auf Platz zwei verweisen. Aber in den evangelischen Umlandgemeinden hatte sich die NS-Strategie ausgezahlt, so zum Beispiel in Königsfeld, Mönchweiler, Peter-zell, St. Georgen, Weiler und Triberg. In der Stadt lagen nach der Wahlschlacht überall Hakenkreuze aus Papier herum. Kommentar des „Volksblatts“ hierzu war, „daß dieses Symbol eigentlich reif für den Kehrrichthaufen sei“. Bei den Wahlkämpfen war Flagge gezeigt worden, aus vielen Häusern hing die Parteifahne zum Fenster heraus. Nationalsozialisten sollen nach Informationen des „Badischen Beobachters“ Hausbewohnern sogar Geld angeboten haben, wenn sie die Hakenkreuzfahne hinaushängen würden.

Anzeige der Firma SABA zur Reichtagswahl am 6 Nov. 1932

 

Die Kampforganisationen in den Sälen und vor allem auf den Straßen gaben ihren Mitgliedern vermeintliche Perspektiven. Sie organisierten den Alltag, lieferten Erlebnisse und vermittelten durch die Gruppensolidarität scheinbar Geborgenheit und Schutz und durch das martialische Gehabe das Gefühl von Macht und Stärke. Das waren emotionale Bindungen, die im Arbeitsalltag und vor allem im Arbeitslosenalltag fehlten. Die Aktivitäten der Kampftruppen vertrieben die Öde und vermittelten das irrige Selbstbewußtsein, etwas für die Zukunft Deutschlands bzw. der Arbeiterschaft zu tun. Innerhalb dieser Aktivitäten, im Kampf um die Straße, wurde teilweise modernste Technik eingesetzt: Lautsprecher und Massenverkehrsmittel. Der Lastwagen wurde zum Symbol für den Straßenkampf. Das „Zusammentreffen“ der unterschiedlichsten Kampfverbände der Region bei den jeweiligen Großveranstaltungen machte die Situation besonders gefährlich. Dieselben Gegner trafen sich immer wieder an den verschiedenen politischen Brennpunkten. „Vergeltungsgelüste“ konnten sich austoben. Die Schauplätze wechselten, die Fronten und Gegner aber blieben in der Regel gleich. Ein Ritual fand statt mit verhängnisvollen Folgen.

 

8. Die Machtergreifung in Villingen

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler, am 2. Februar wurde der Reichstag aufgelöst, und es wurden Neuwahlen für den 5. März festgelegt. Die Ortsgruppe des Villinger Zentrums gab am 6. Februar 1933 in einer Versammlung im „Paradies“ die Losung aus: „Das Zentrum fühlt sich so stark, daß es zum Sturm vorgehen wird.“ Und der Vorstand des Reichsarbeiterrates der deutschen Zentrumspartei wandte sich in der Presse an die „christlich-deutsche Arbeiterschaft“:

„Freunde, der Wahlkampf der vor uns liegt, ist einer der härtesten! Staatliche Machtmittel und finanzielle Kraft stehen gegen Volk und Arbeiterschaft!“

Aber die Fasnachtszeit nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Am 1. März 1933, am Aschermittwoch, erfuhren die Villinger durch die Zeitung vom Reichstagsbrand. Laut Polizeibericht vom 3. März wurde in Villingen das Geschäftslokal der KPD durchsucht und von der Polizei geschlossen. Der Wahltag verlief ruhig.

„Einiges Aufsehen hatte es nur erregt, als wie überall etwa 20 Kommunisten aus Stadt und Bezirk in Schutzhaft genommen wurden (darunter 11 aus Vil-lingen).“

Am Dienstag, den 7. März forderten Nationalsozialisten Villingens Bürgermeister Gremmelspacher auf, wie überall im Lande auch auf dem Villinger Rathaus die Hakenkreuzfahne hissen zu lassen. Ein Anruf des Bürgermeisters beim badischen Innenministerium brachte keine Klärung des Problems.

„Daraufhin erklärte der Bürgermeister der nationalsozialistischen Abordnung, daß er gegen die Hissung einer Parteifahne aus grundsätzlichen Erwägungen Verwahrung einlegen müsse.“

Um Störungen zu vermeiden, durfte die Haken-kreuzfahne aber neben einer badischen und einer Stadtfahne gehißt werden. Kommentar des katholischen „Volksblatts“:

„Den Wählern dürften nun die Augen aufgehen, daß es mit den bisherigen freiheitlich-demokratischen Methoden aus ist.“

Die badische Regierung trat am 10. März zurück, und am 12. März wurden bei Villinger Sozialdemokraten und im „Volkshaus“ Hausdurchsuchungen vorgenommen, wobei ein Flugblatt des DMV beschlagnahmt wurde.

Am 15. März fand die Feier der „nationalen Erhebung“ statt, es gab einen Umzug mit Polizei, Feuerwehr, Postbeamten, NSDAP-Gruppierungen, dem Stahlhelm und anderen. Im Rathaus hielt der Bürgermeister eine Ansprache, danach sprach der Ortsgruppenleiter Gutmann. Bei der Bürgerausschußsitzung am folgenden Tag fehlten die kommunistischen und sozialdemokratischen Mitglieder. Am gleichen Tag wurden in Villingen der Regierungsrat Uebler, der Gewerkschaftssekretär Schifferdecker und der Landtagsabgeordnete Heid „in Schutzhaft“ genommen.

In der Zeit vom 18. bis zum 20. März wurden Reichsbanner, Eiserne Front und die SAJ aufgelöst, Vereinseigentum wurde beschlagnahmt, das „Volkshaus Löwen“ polizeilich geschlossen. Von SA und SS unterstützt nahm die Polizei Hausdurchsuchungen und „Kontrollen“ vor. Das Einheitspreisgeschäft „Erwege“ und der Konsumverein wurden geschlossen. Zur Feier der Eröffnung des neuen Reichstags fand ein Fackelzug statt. Die Feier endete mit dem Horst Wessel-Lied.

Anders als die Sozialdemokraten stimmte das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zu. Da man die Nationalsozialisten bis zum Schluß bekämpft hatte, war diese Entscheidung für Zentrumsanhänger wenig einsichtig. Die Begründung in den katholischen Blättern lautete:

„Es war zu prüfen, auf welchem Wege Ruhe und Ordnung und innere Stabilität am ehesten gewährleistet und wie man nach einer Revolution möglichst schnell wieder feste Fundamente schaffen und zu einem Rechtsstaat zurückkehren könnte. Die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes hätte die Konfliktgefahren vergrößert und mit größter Wahrscheinlichkeit zu unübersehbaren und unverantwortlichen Folgerungen geführt.“

Am 29. März 1933 erschien auf der ersten Seite des „Volksblatts“ der Aufruf des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber, in dem die ablehnende Haltung der Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus ausdrücklich aufgegeben wurde und die Gläubigen „zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung alles rechtswidrigen oder umstürzlerischen Verhaltens“ aufgefordert wurden.

Bereits am 30. März stand in der Villinger Zeitung ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, und am gleichen Tag wurden in Baden sämtliche sozialistische Turn-, Sport- und Kulturvereine aufgelöst und ihr Vermögen beschlagnahmt. Stadtrat Uebler legte in Villingen sein Amt nieder. Am 2. April 1933 verzichtete der Landtagsabgeordnete des Zentrums, Karl Häßler, in einer Parteiversammlung auf sein Mandat, wohl weil es nicht mehr opportun war, für diese Partei zu kandidieren. Karl Häßler überstand die Zeit des Nationalsozialismus relativ unbeschadet, obwohl einflußreiche Nationalsozialisten sich anfangs um seine Ablösung von seinem Amt als Sparkassenleiter bemühten.

Am 3. April wurden Stadtrat Uebler und der Redakteur und Zentrumsvorsitzende Karr aus der Schutzhaft entlassen. Die kommunistischen Stadträte verloren ihr Mandat, die Lehrer wurden aufgefordert, marxistisch gesonnene Schüler anzuzeigen.

Das Volksblatt gibt sein Verbot bekannt am 24. April 1933

 

Karikatur aus dem Villinger Volksblatt

Redakteur Karr, gerade haftentlassen, veröffentlichte zwei Wochen später einen Artikel, der ihm ein Zeitungsverbot für eine Woche einbrachte. Unter der Überschrift „Verhafteter Pfarrvikar in Pfohren“ hatte er berichtet, daß Pfarrvikar Reichgauer in der Karwoche aus der Kirche heraus verhaftet worden war.

„Nun hat also in der Karwoche Deutschland in seiner Baar das erste Beispiel der politischen Verhaftung eines katholischen Priesters erlebt.“

Bereits am 5. April waren die „Volksblatt“-Leser über das „größte Gefangenenlager Deutschlands“ unterrichtet worden, wo bereits 1750 Gefangene untergebracht seien. Eine neue Zeit hatte begonnen!

Anmerkungen:

Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Manuskript eines Vortrages, der im Januar 1995 im Geschichts- und Heimatverein Villingen gehalten wurde.

Aus Platzgründen wurde auf die wissenschaftlichen Anmerkungen und Quellenhinweise verzichtet. Wir verweisen auf das von der Autorin herausgegebene Buch „Arbeit und Brot“, Neckarverlag VS, ISBN 3-7883-0869-9 (1990).

 

Erinnerung an die Bickenkapelle (Kurt Müller)

Gedenkfeier 50 Jahre nach ihrer Zerstörung am 20. Februar 1945

Gemessen an den grauenhaften Zerstörungen und Verwüstungen, die der II. Weltkrieg weltweit angerichtet hat, ist die Bombardierung eines kleinen Kirchleins in Villingen, am 20. Februar 1945, eigentlich fast belanglos. Wie stark aber in unserer Stadt nach wie vor die Wertschätzung dieser Kapelle lebendig ist, das konnte man am 20. Februar 1995 im Münster erleben. Frauen, Männer und auch Jugendliche beider Konfessionen hatten sich in sehr großer Zahl zu einer Gedenkstunde zum fünfzigsten Jahrestag der Zerstörung versammelt und füllten das Gotteshaus bis zur letzten Bank. Meditative Orgelmusik, Gesänge zur Verehrung des Hl. Kreuzes und Gebete in bilderreicher, plastischer, barocker Sprache aus dem Nägelinkreuzbüchlein des Pfarrers Joh. Jakob Riegger aus dem Jahre 1735 bildeten den Andachtsteil. Zu Beginn aber machte sich der Münsterpfarrer auf die Spurensuche, und er ließ in einem Lichtbildervortrag die Kapelle und ihre Bedeutung im Erscheinungsbild und in der Geschichte der Stadt lebendig werden. Er hat alle „Reliquien“, alle Ausstattungsstücke der Kapelle aufgespürt, die vor oder nach der Zerstörung aus der Kapelle in Sicherheit gebracht worden waren und sich irgendwo in der Stadt erhalten haben. Zu diesem Artikel soll der Inhalt des Vortrags kurz zusammengefaßt wiedergegeben werden.

Die alten Darstellungen der Stadt Villingen, etwa auf der Pürschgerichtskarte von 1607 oder der „Gumpsche“ Plan von 1692, zeigen immer das kleine Gotteshaus vor dem Bickentor. Das schönste mir bekannte Bild von 1851 hält den Kapellenbau fest, wie er von 1660 bis 1945 stand und zeigt das malerische Ensemble zusammen mit der steinernen Brücke, die erst 1877 abgebrochen wurde.

 

 

 

 

 

Der Weg zur Altstadtkirche und zum Friedhof führte für die meisten Villinger über diese Brücke und an der Bickenkapelle vorbei. Im Leben und im Tod begegneten so die Villinger oft „unserer Frauen Kapell“, die sicher immer offen stand und in der jahrhundertelang ein altehrwürdiges Vesperbild (Pieta) und das Nägelinkreuz zur Andacht einluden.

 

 

 

 

 

Der Stahlstich von 1885 belegt, daß auch nach dem Bahnbau 1873 die Bickenkapelle neben dem schienengleichen Bahnübergang markant ihren Platz behauptet hat vor der Silhouette der Stadt. Die Älteren unter uns haben die Kapelle so in Erinnerung wie sie das etwas romantisch anmutende Winterbild zeigt. Es war in diesem Jahrhundert etwas still geworden in der Bickenkapelle.

 

 

 

 

 

Die einst regelmäßige „Salve“-Andacht am Samstag war in Vergessenheit geraten. Feierlicher Gottesdienst fand eigentlich nur noch am Titularfest „Kreuz-Erhöhung“ am 14. September statt. Dabei gab es den bemerkenswerten Brauch, daß die Frauen auf der Männerseite in der Kapelle Platz nehmen durften. Das galt als Zeichen der Anerkennung für die tapfere Haltung der Frauen während der Tallard’schen Belagerung.

 

 

 

 

 

In den Jahren nach 1933 in denen die Nationalsozialisten die kirchliche Jugendarbeit weitgehend verboten hatten, wurde die Bickenkapelle zum Treffpunkt der treu gebliebenen kath. Jugend, die sich dort oft zu Andachten und Gemeinschaftsmessen versammelte. Die damalige Jugend und die meisten Villinger waren sehr betroffen, als die Fliegerangriffe auf den Bahnhof auch zur Zerstörung der Bickenkapelle führten. Es ist nicht ganz leicht nachvollziehbar, daß man nach dem Krieg nicht mehr an einen Wiederaufbau der Kapelle, sondern nur noch an mehr Raum für den Straßenverkehr dachte.

Es war eine Initiative der aus Villingen stammenden Geistlichen, daß am 1. Mai 1976 ein, von den Geistlichen der Münsterpfarrei und der Stadt finanziertes, Gedenkkreuz am Kapellenplatz eingeweiht werden konnte. Der Rheinfelder Künstler Leonhard Eder gab dem aus weißem Kalkstein geschaffenen Kreuz Formen, die an bleiches Gebein erinnern und somit das Elend und das Sterben der Kriegszeit symbolisieren. Ein Steinblock vor dem Kreuz trägt die deutende Inschrift: „Etwa seit dem Jahr 1400 stand hier eine Kapelle, Bickenkapelle genannt. Mehrmals zerstört, wurde sie zuletzt im Jahre 1660 erbaut.

 

 

 

 

 

 

 

Bomben legten die Kapelle am 20. Februar 1945 in Schutt und Asche. Das Nägelinkreuz — in der Kapelle noch verehrt — ist im Münster geborgen. Gekreuzigter Herr Jesu Christus beschütze deine Stadt“.

Also ist diese kleine Gedenkstätte bei der Fußgängerbrücke über die Gleisanlagen am Bahnhof nicht alles, was von der Bickenkapelle uns geblieben ist. Das eigentliche Heiligtum, das in der Kapelle verehrt wurde, ist das Nägelinkreuz. Mehrmals in der langen, von Kriegen und Belagerungen geprägten, Geschichte der Stadt wurde das Kreuz in gefährlicher Situation aus der Kapelle genommen und bei den Franziskanern oder im Münster in Sicherheit gebracht. In dieser Tradition hat der damalige Münsterpfarrer Max Weinmann bei zunehmender Gefahr von Fliegerangriffen das Kreuz ins Münster bringen lassen und dadurch ist es uns erhalten geblieben.

Während der Renovation des Münsters 1978 — 82 wurde das Kreuz restauriert und es wird nun wieder in der barocken Fassung verehrt, die der Villinger Faßmaler Kaspar Tober 1683 dem gotischen Kruzifix gegeben hatte. Innerhalb der Festwoche zur Wiedereröffnung des Münsters haben wir am 7. Mai 1982 in einer ökumenischen Feier das Nägelinkreuz ins Münster getragen und ihm in der nördlichen Turmkapelle, dem „finsteren Chörle“, seinen endgültigen Platz gegeben.

 

 

 

 

 

 

 

Die Verehrung des Kreuzes reicht in die Zeit der noch geeinten Christenheit vor der Reformation zurück und darum war es sinnvoll und gut, daß der Pfarrer der evangelischen Johannesgemeinde und der Münsterpfarrer, begleitet von Kirchenältesten und Pfarrgemeinderäten, das Kreuz ins Münster begleitet haben. Das „finstere Chörle“ mit dem Nägelinkreuz wurde in dieser Feier die „ökumenische Ecke“ im Münster genannt. Die ständig leuchtenden Opferlichter vor dem Kreuz bezeugen, daß Tag für Tag viele Christen das Kreuz aufsuchen mit Dank oder mit Bitten im Herzen. Das Kreuz hat einen guten Platz gefunden, es wird wieder häufiger besucht als es in der Bickenkapelle der Fall war und es ist somit das heilige Kleinod unserer Stadt geblieben.

Als 1971 der Grundstein für die neue kath. Pfarrkirche am Bickenberg gelegt wurde, da waren sich die Verantwortlichen schnell einig darüber, daß das neue Gotteshaus in der Nachfolge der Bickenkapelle am Fuß des Bickebergs zu sehen sei. Auch weil in der Kapelle besonders die Verehrung des Hl. Kreuzes gepflegt wurde, sollte die neue Kirche den Titel Hl. Kreuz-Kirche tragen. Daher ist auch der bedeutendste Schmuck der Hl. Kreuz-Kirche das große, von Klaus Ringwald geschaffene, Kruzifix im Chorraum über dem Altar.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Spurensuche nach „Reliquien“, nach Erinnerungsstücken aus der Bickenkapelle fördert im Münster, in der Benediktinerkirche, im Gemeindehaus und im Münsterpfarrhaus noch einiges zu Tage, was vor oder nach der Zerstörung noch geborgen werden konnte.

Vom Hochaltar, den Josef Anton Hops 1750 für die Kapelle erstellt hatte und dessen Hauptbild die Verspottung Jesu zeigte, sind die beiden Hauptfiguren Zacharias und Elisabeth, die Eltern Johannes des Täufers, erhalten. Erst vor wenigen Wochen konnte das Vesperbild vom Hochaltar wieder gefunden werden. Im Trümmerschutt fanden sich auch Reste der Putti, die den Hochaltar umschwebten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teilweise kann man mit alten Postkarten vorhandene Gegenstände der Kapelle zuordnen. So beweist eine Fotografie, daß die große Holztafel mit den 14 Nothelfern im Sitzungszimmer des Pfarrhauses, aus dem Chorraum der Bickenkapelle stammt. Die wohl aus dem 17. Jahrhundert stammende Tafel zeigt vor jeweils anderem landschaftlichem Hintergrund die 14 Nothelfer mit ihren Attributen und einem kurzen erklärenden Vers z.B.: „In Stechen, Grimmen und Magenweh vertraulich zu Erasmo geh! Seine sondere Gnad in solcher Not hat er von seinem, deinem Gott.“

In Bruchstücken aus den Trümmern geborgen wurde das große Kreuz vor der Außenwand der Kapellenfassade. Dominikus Aggermann (1779 —1835), in Villingen als der Schemmenschnitzer „Ölmüller“ bekannt, hatte das Kreuz einst geschaffen. Der Villinger Kunstmaler Richard Ackermann — wohl ein Nachfahre — hat das Kreuz restauriert, es hängt jetzt im Foyer des Münster-zentrums.

Aus dem wohl noch reicheren Figurenschmuck der Kapelle sind uns drei Holzplastiken erhalten geblieben. Der Hl. Wendelin, der Patron in allen Sorgen um Viehbestand und Gesundheit in den Ställen. Er war ein wichtiger Heiliger in der Zeit, da die meisten Bürger noch von den Erträgen der Landwirtschaft lebten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine wertvolle gotische Plastik stellt der Hl. Sebastian dar. Zusammen mit dem Hl. Rochus galt er als Pestpatron und die Pest war eine wahre Schreckensgeißel, der die Menschen hilflos gegenüber standen und nur himmlische Kräfte konnten helfen. Vom linken Seitenaltar stammt die barocke Madonna mit dem Kind und der Traube. In der rechten Hand trug die Maria ein Zepter und einen großen Rosenkranz.

In der Münstersakristei befindet sich eine kleine, mit einem wertvollen Renaissancegitter verschlossene Wandnische.

In dieser Nische wurden ursprünglich die Heiligen Öle für Taufe, Firmung und Krankensalbung aufbewahrt. Jetzt birgt die Nische eine kleine Figur im barocken Stil, die mit verschiedenen Namen bezeichnet werden kann: „Rast Christi“, „Letzte Rast Christi“, „Christus im Elend“ oder „Erbärmdebild“. Nach Ausweis einer Postkarte stand diese kleine Figur auf dem rechten Seitenaltar der Bickenkapelle.

Es sind noch zu nennen drei dringend der Restaurierung bedürftige große Bilder: Der Tod Mariens, der Tod des Hl. Josef und der Hl. Karl Borromäus. Die Münsterpfarrei ist seit einigen Monaten dabei, die Benediktinerkirche zu renovieren. Es ist geplant, daß möglichst viele der erhaltenen Ausstattungsstücke der Bickenkapelle dann bei der Einrichtung der Benediktinerkirche verwendet werden.

Dann werden in Zukunft das Gedenkkreuz am Kapellenplatz, das Nägelinkreuz im Münster, die Verehrung des Hl. Kreuzes in der Hl. Kreuz-Kirche und die Erinnerungsstücke in der Benediktinerkirche dafür sorgen, daß die Villinger die untergegangene Bickenkapelle nicht vergessen.

Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald (Wolfgang Berweck)

Erinnerungen und Erkenntnisse

Als mich der Vorstand des Geschichts- und Heimatvereines vor einigen Monaten bat, doch noch einmal schriftlich über das Heilig-Geist-Spital unserer Stadt zu referieren, bin ich dieser Bitte gerne aus zwei Gründen nachgekommen: Zum einen ist meine 1963 im Ring-Verlag Villingen/Schwarzwald erschienene Dissertation über das Heilig-Geist-Spital unserer Stadt seit vielen Jahren vergriffen, zum anderen nütze ich die Gelegenheit, an den Beginn dieser „Zweitauswertung“ meiner Arbeit einige Erinnerungen zu stellen.

Es ist jetzt knapp 30 Jahre her, als ich Professor Revellio im Villinger Stadtwald begegnete. Er war ein von mir besonders hoch geschätzter Lehrer, der zusammen mit den Oberstudienräten Maichle und Wickert meine späteren Interessen und Liebhabereien bis zum heutigen Tag besonders geprägt hat. Revellio fragte mich, wie es mir denn so ginge und was ich vorhätte. Ich berichtete ihm von meinem Jurastudium in Freiburg, insbesondere den Seminaren bei Professor Dr. Thieme und davon, daß ich eigentlich die Absicht hätte, rechtsgeschichtlich zu promovieren, daß es aber wohl über Villingen kein einschlägiges Thema gäbe. „Dummes Zeug!“ war Revellios Antwort und er schlug mir als profunder Kenner des Villinger Urkundenbestandes auch sogleich einige Themen vor. Er riet mir ferner, ich möge mich vor einer weiteren Kontaktaufnahme mit dem in Aussicht genommenen „Doktorvater“, zunächst mit Herrn Professor Bader, in Verbindung setzen, welcher damals auf der Reichenau weilte, und auch ihm von seinem Vorschlag und meinen Plänen berichten. Gesagt, getan. Wenige Tage später traf ich Professor Bader auf der Reichenau und er schlug mir — wie Revellio — vor, über das Heilig-Geist-Spital zu schreiben. Ein in der Tat guter Vorschlag, denn damals setzte buchstäblich ein Trend ein, Wohlfahrtseinrichtungen in mittelalterlichen Städten im Anschluß an die verdienstvollen Untersuchungen von Reicke gezielt weiter zu untersuchen und weitere Gemeinsamkeiten zu finden, Geschichtsschreibung nicht nur als Historie von Kriegen und des Gewinns und des Verlusts von Territorien, sondern mit dem Ziel, sich dem Schicksal und Alltag des Menschen in seiner Zeit zuzuwenden. Auch Professor Dr. Thieme war mit dem Thema einverstanden und, nachdem ich das erste Staatsexamen bestanden hatte, begannen vier Jahre —ich hatte die Schwierigkeit der übernommenen Aufgabe gewaltig unterschätzt —, in denen ich neben meiner Ausbildung als Gerichtsreferendar buchstäblich jede freie Stunde in die Aufarbeitung des gedruckten und ungedruckten Urkundenmaterials über das Heilig-Geist-Spital steckte. Die Arbeitsbedingungen waren einerseits gut, denn Professor Revellio hatte — er mußte nach dem Krieg aus politischen Gründen den Schuldienst vorübergehend verlassen — diese Jahre dazu genützt, den städtischen Urkundenbestand sorgfältig zu erfassen, einzeln einzutaschen und den wesentlichen Inhalt der Urkunden auf diesen Taschen zu notieren. Das heißt, die Urkunden waren zeitlich geordnet und leicht auffindbar. Aber es war alles andere als einfach, Urkunden, die im Laufe von Jahrhunderten von vielen verschiedenen Schreibern in mancherlei Schriften geschrieben worden waren, auch zu lesen. Und so machten Professor Revellio und ich uns in stunden- und tagelangen Sitzungen daran, diese Urkunden zu entziffern. Jeder, der uns dabei beobachtet hätte, hätte geschmunzelt. Mit dem Finger unter jeder Zeile lasen wir beide Dutzende von Urkunden laut und gleichzeitig vor uns hin, und wenn wir etwas verschiedenes lasen, erörterten wir, wie der Text wohl tatsächlich lauten könnte. Denkbar ungünstig waren die sonstigen Bedingungen. Ein Teil der Urkunden befand sich im sogenannten Bunker hinter der Stadtkasse. Dort mußte in der kalten Jahreszeit zunächst ein uralter, rauchender Ofen angefeuert werden, indem man zunächst sogenannte Sprießele machte und schließlich nach und nach hochheizte. Häufig wurde es erst richtig warm, als unser Arbeitstag schon vorüber war. Mir sind jene Wochen und Monate unvergessen, unvergessen auch das Engagement und die ebenso liebevolle wie energische Fürsorge von Professor Revellio, der ja sonst eher als etwas barscher und schwer zugänglicher Kauz galt. Vergleicht man die Bedingungen, unter denen später Archivare der Stadt hätten arbeiten können, muß man mit allem Respekt, vergleicht man das Lebenswerk Revellios mit dem seiner Nachfolger, fragen, ob diese ihre Zeit auch so genützt haben wie Revellio.

Als schließlich eine gewisse Zeit des Informierens und des Sammelns verstrichen war, meinte Revellio dann allerdings mit allem Nachdruck, nun sei es Zeit, daß ich endlich anfinge zu schreiben. Er hielt es für den größten Fehler vieler Geschichtsschreiber, daß sie vor lauter sammeln, ordnen und archivieren nicht zum Schreiben kämen und am Schluß eigentlich bei ihrer Arbeit „nichts heraus“ käme. Recht hatte er. Also machte ich mich an die Arbeit. Schließlich wurde die Dissertation von der juristischen Fakultät der Universität Freiburg angenommen. Berichterstatter war übrigens Professor Beyerle, der sich Jahrzehnte zuvor mit einer vergleichenden rechtshistorischen Arbeit über Villingen und Freiburg i. Breisgau habilitiert hatte. Damit wäre ich am Ende meiner Reminiszenzen und eigentlich wäre es erfreulicher, ich könnte den geneigten Leser auf die Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen und die dort erschienene Dissertation hinweisen. Für diejenigen also, die seinerzeit das Buch nicht gekauft haben — und ein Nachdruck ist nicht in Sicht — sei also das wichtigste von den Ergebnissen meiner seinerzeitigen Bemühungen wiederholt. Ich habe mir das im Einvernehmen mit der Schriftleitung so vorgestellt, daß dies zum einen Teil in diesem und zum anderen Teil im nächsten Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereines abgedruckt werden soll. Selbstverständlich verzichte ich in Nachstehendem auf jeden wissenschaftlichen Apparat. Der findet sich überreichlich in 490 Anmerkungen in meiner Dissertation.

Wenden wir uns zunächst der Gründungsgeschichte des Heilig-Geist-Spitals in Villingen zu. Die ältesten Hinweise rühren aus einer chronikalischen Nachricht von 1271, der bekannten Villinger Chronik von Heinrich Hug. Es heißt dort: „Anno 1271 Jahr ist schier die ganze stadt Villingen ausgebrunnen, das spitall, Johanniter- und Barfueßerkloster außgenommen. Seyndt 330 per-sonen, weib und kindt, verbrunnen. Und seind in dißen jar zwey graffen gestorben, einer von Fürstenberg, einer von Zeringen, alhie.“

In den St. Georger Jahrbüchern des 17. Jahrhunderts wird diese Nachricht wiederholt. Das heißt, es wird darauf verwiesen, daß das Spital und das Barfueßerkloster durch das Feuer nicht geschädigt worden seien. Ich bin freilich in meiner Dissertation davon ausgegangen, daß der geschichtliche Wert dieser Nachrichten zweifelhaft sei. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aus der zentralen Lage des Spitals — es lag zwischen Münster und Rietstraße —, läßt sich im Vergleich zur örtlichen Lage anderer Spitäler in anderen Städten mit gesichertem Gründungsdatum der Schluß ziehen, daß das Spital älter ist als der älteste, völlig gesicherte Beleg für ein Heilig-Geist-Spital in Villingen. Hier handelt es sich um einen Ablaßbrief, ausgestellt in Rom am 15. April 1286, in dem zur Mithilfe bei der Vollendung des Heilig-Geist-Spitals in Villingen aufgerufen wird. Die Auswertung weiterer Urkunden und deren sorgfältige Exegese führte schließlich zu dem Ergebnis, daß die Gründung des Spitals spätestens zwischen 1284 und 1286 erfolgt sein muß, es sei denn, man folgt den zitierten chronikalischen Nachrichten, die sich zweifellos auf ein älteres Spital beziehen. Aber auch mit diesem zweifelsfrei gesicherten späteren Datum steht das Heilig-Geist-Spital von Villingen in zeitlicher Folge der Spitalgründungen immerhin unter den wichtigsten südwestdeutschen Spitälern an 12. Stelle. Die Gründung oder vielleicht auch Neugründung des Spitals war im wesentlichen das Werk von Gräfin Agnes von Fürstenberg. Sie hat in den Jahren nach der Gründung freigebig zur Erhaltung und Erweiterung des Spitals beigetragen, und auch ihre Söhne haben in späterer Zeit immer wieder darauf hingewiesen, daß ihre Schenkungen oder Vergünstigungen auf Bitten der Mutter erfolgt seien.

Über das Schicksal des Spitals in den folgenden Jahren gibt es verschiedene Vermutungen, bei denen möglicherweise die Auswertung weiterer Urkunden, die sich nicht im Urkundenbestand des Spitals selbst befinden, weiterhelfen könnte. Fest steht aber, daß es jedenfalls nach 1300 in Villingen nur ein Spital gegeben hat und daß aus ihm im Jahre 1322 — spätestens — das Leprosorium der „Siechen am Feld“ hervorgegangen ist.

Immer wieder wird die Auffassung vertreten, als handle es sich bei den Spitälern, insbesondere solchen mit der Zusatzbezeichnung „Heilig-Geist“, um kirchliche Einrichtungen. Das war, wie anderenorts, auch in Villingen keineswegs so. Das Spital war zunächst eine Einrichtung des Stadtherrn, also der Grafen von Fürstenberg, der allerdings dem Spital schon 1288 die Rechte des Freiburger Spitals gewährt, was bedeutet, daß er das Spital aus seiner Obhut entläßt und den Prozeß der Verbürgerlichung einleitet. Damit wird das Villinger Heilig-Geist-Spital demjenigen von Freiburg gleichgestellt, welches von Anfang an eine Gründung der Bürgerschaft war und von Anfang an von den Organen des Stadtregimes verwaltet worden war. Freilich war dies in Villingen kein vereinzelter oder gar ungewöhnlicher Vorgang. Es entsprach damals dem Zug der Zeit, die ursprünglich bruderschaftlich organisierten Spitäler, an deren Spitze ein sogenannter Meister stand, einer möglicherweise schlagkräftigeren, sicher aber mit mehr Macht ausgestatteten städtischen Verwaltung zu unterstellen.

Diese Verbürgerlichung des Spitals führte zu einer sogenannten Pflegschaftsverfassung. Das heißt, das Spital wurde von drei Organen verwaltet. Oberstes Leitungsorgan war der Rat der Stadt.

Dabei gab es Bereiche, in denen der Rat ausschließlich für das Spital handelte und allein das Spital vertrat, und andere, in deren Bereich der Rat nicht selber handelte, sondern durch Genehmigung oder Ablehnung zustimmungsbedürftige Rechtsgeschäfte, die durch die Pfleger abgeschlossen worden waren, an der Verwaltung mitwirkte. Im Spitalalltag sorgte der Spitalmeister für geordnete Zustände.

Natürgemäß war der Bereich, in dem der Rat der Stadt für das Spital handelte, klein. Er handelte im wesentlichen dann selbst, wenn Rechtsverkehr mit auswärtigen Mächten und Herrschaften abzuwickeln war, etwa mit den Grafen von Fürstenberg oder den späteren Stadtherren, den Habsburgern.

Im übrigen erfolgte die Einflußnahme des Rates auf die Spitalverwaltung dadurch, daß fast alle Rechtsgeschäfte zwar von den Pflegern vorgenommen wurden, daß diese aber in zunehmendem Maße an die Einwilligung des Rates gebunden waren. Dies gilt insbesondere für die Veräußerung von Grundstücken und für die von den Pflegern vor einem Ratsausschuß zu legende Jahresrechnung. Ich will diese Einzelheiten hier nicht vertiefen. Ich warne aber davor anzunehmen, als sei durch diese starke Machtstellung des Rates eine Vermischung städtischen Vermögens mit dem Spitalvermögen sozusagen programmiert gewesen. Die Urkunden beweisen, daß das Spitalvermögen jahrhundertelang außerordentlich sorgfältig, ja geradezu eifersüchtig als eigenes Stiftungsvermögen behandelt und bewahrt blieb. Die Urkunden geben beispielsweise nichts dafür her, daß etwa die Stadt Grundstücke des Spitals ohne Einhaltung jeglicher Förmlichkeiten kurzerhand für sich in Anspruch genommen hätte, wie dies beispielsweise in den letzten Jahren von der Stadt Villingen-Schwenningen u. a. für den Bau des Micro-Instituts für richtig gehalten worden ist. Es ist auch nichts dafür vorgefunden worden, daß Spitalgrundstücke auf dem Umweg eines Erwerbs durch die Stadt etwa einer anderen geplanten sozialen Einrichtung zugeschanzt worden wären, wie dies ebenfalls in den letzten Jahren zu beklagen war.

Ursache dafür könnte sein, daß diejenigen, die an der Begründung des Spitalvermögens so tatkräftig mitgewirkt haben, nämlich die Grafen von Fürstenberg, in den Jahrzehnten nach der Gründung zweifellos ein besonderes Auge auf die Einrichtung geworfen haben und daß in den Jahren danach diejenigen, welche das Spital mit Stiftungen bedacht haben, zum Teil andere wohltätige Institutionen — zum Beispiel Klöster — damit betraut haben, die Verwendung ihrer Stiftung durch das Spital zu überwachen, wobei im Falle eines Mißbrauchs das Spital Gefahr lief, die Stiftung an die überwachende Institution zu verlieren. Es bestand und besteht deshalb bis zum heutigen Tag aller Anlaß, daß der Oberbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen als Vorsitzender des Stiftungsrates einerseits und als Stadtoberhaupt andererseits sogenannte In-sich-Geschäfte zwischen Stadt und Spital so objektiv wie möglich abwickelt. Die Stiftungsaufsicht beim Regierungspräsidium in Freiburg hat jedenfalls ihre Verpflichtung zur Kontrolle gerade solcher Geschäfte nicht mit der notwendigen Sorgfalt wahrgenommen. Es war in alten Zeiten auch nicht üblich, daß die Pfleger sich für ihre Arbeit bezahlen ließen. Auch das hat sich inzwischen geändert, der Stiftungsvorstand bezieht seit der Amtszeit des vorletzten Oberbürgermeisters eine monatliche Vergütung, die Mitglieder des Stiftungsrats ein allerdings höchst bescheidenes Sitzungsgeld.

Doch nun zur zweiten Stufe in der Hierarchie der Spitalverwaltung, den Pflegern.

Als vor einigen Jahren in einer hiesigen Tageszeitung aus Anlaß des jetzigen Neubaues des Altenheimes über die geschichtsträchtige Vergangenheit des Heilig-Geist-Spitals berichtet wurde, meinte die Redakteurin, bei den Pflegern handle es sich um Kranken- und Altenpfleger. Davon kann natürlich keine Rede sein. Die Pfleger waren diejenigen, die für das Spital Rechtsgeschäfte abwickelten. Sie waren in aller Regel Angehörige des Rates, also des Gremiums, welches sie zu überwachen hatten. Häufig gehörten auch Bürgermeister und Schultheiß zu den Pflegern. Wahrscheinlich haben die oben zitierten Kontrollrechte von Stiftern und ihren Nachfahren und die von den Stiftern eingesetzten Kontrollinstitutionen mit Erfolg dafür gesorgt, daß es zu einer Vermischung beider Vermögen oder auch nur einer Vermischung der Interessenlagen beider Vermögen möglichst nicht kam. Das Spitalvermögen war und blieb zweckgebundenes Sondergut. Überschüsse kamen nicht der städtischen Finanzlage zugute, sondern wurden ausschließlich Spitalzwecken zugeführt. Auch gewährte das Spital der Stadt Darlehen, wobei die Stadt selbstverständlich Zinsen zu zahlen hatte und auch regelmäßig bezahlte. Soweit es zu gegenseitigen Leistungen von Spital und Stadt kam, wurden sorgfältige jährliche Abrechnungen gefertigt, wobei von seiten der Stadt ein Pfennigpfleger, von seiten des Spitals einer der Pfleger mitwirkte. Eine weitere Konfliktmöglichkeit gab es dadurch, daß die Pfleger des Spitals zugleich auch Pfleger des Leprosoriums der „Siechen am Feld“ waren. Außerdem hatten die Pfleger die Pfründen der sowohl am Spital wie auch im Leprosorium tätigen Kapläne zu verwalten. Die Pfleger hatten also vier verschiedene Vermögensmassen gegen die Interessen der Stadt und gegeneinander abzuschirmen. Es sollen die Einzelheiten dieser überreichlich vorhandenen Konfliktsituationen im einzelnen nicht erörtert werden. Wenden wir uns einem anderen, sicherlich verantwortungsvolleren Aufgabenbereich der Pfleger zu, nämlich dem Abschluß von sogenannten Pfründverträgen. Pfründverträge sind Verträge über die entgeltliche Aufnahme von Pfründnern im Spital und die Aushandlung der von diesen Pfründnern zu erbringenden Gegenleistung. Es wird weiter unten noch auszuführen sein, welche Palette an Versorgungsmöglichkeiten das Spital seinen Pfründnern bot und welche Gegenleistung hierfür zu entrichten war. Das Hauptproblem war in einer Zeit, in der es noch keine statistisch erfaßte durchschnittliche Lebenserwartung gab und in der man noch nicht in der Lage war, den versicherungsmathematischen Barwert einer Leibrente zu ermitteln, das Aushandeln von Leistung und Gegenleistung, ein wahrhaft diffiziles Unterfangen. Aber man behalf sich, indem man von vorneherein beim Abschluß sogenannter Pfründverträge darauf hinwirkte, daß die Pfründner, so sie Leistungen des Spitals in Anspruch nahmen, so reichlich bezahlten, daß auch bei einer überdurchschnittlichen Lebensdauer und bei überdurchschnittlicher Leistungsinanspruchnahme das Spital sich zu seinem Vorteil aus der Affäre zog.

Ähnlich verhielt es sich, wenn man mit Stiftern über die Stiftung von Almosen, etwa Wein- oder Brotspenden oder die Unterhaltung eines Lichts in der Stube des Armen und Siechen zur Nachtzeit verhandelte. Es war schon genau zu überprüfen, ob das angebotene Stiftungsgut auch dazu ausreichte, den ausbedungenen Stiftungszweck zu finanzieren, also zu verhindern, daß das Spital etwa Geld zuschießen mußte. Und so kam es in der Tat vor, daß das Spital beispielsweise eine Weinspende, die in einer vom Stifter genau festgelegten Weise an die Siechen im Spital zu verteilen war, die Stiftungsauflage nur mit großem „Nachzug oder Nachteil“ des Spitals zu finanzieren war. Man konnte sich deshalb einige Jahrzehnte später glücklicherweise mit dem Sohn des Stifters vergleichen und sich gegen Rückgabe des Stiftungsgutes von der Stiftungsverpflichtung lösen.

Auch Leibrentenverträge wurden geschlossen, bei denen gegen Hingabe eines Kapitals eine jährliche Rente vereinbart war. Dabei wurden zum Teil uns heute amüsant anrührende, aber durchaus zeittypische Verfallsklauseln vereinbart. Etwa: wenn das Spital es versäumte, die vereinbarte Leibrente pünktlich zu zahlen, hatte der Leibrentner das Recht, sich in einer Gaststätte solange versorgen zu lassen, und zwar auf Kosten des Spitals, bis die Leibrente und der Wirt bezahlt waren.

Im weiteren Verlauf der Geschichte hat das Spital auch viele Darlehensgeschäfte abgeschlossen. Dabei wurde nicht nur an Gewerbetreibende der Stadt, beispielsweise Handwerker, zu denen auch der berühmte Villinger Kunsttöpfer Hans Kraut gehörte, Beträge ausgeliehen. Es kam auch häufig vor, daß auswärtige Herrschaften ganz beträchtliche Summen vom Spital als Darlehen aufnahmen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestand ein Viertel der gesamten Einnahmen des Spitals — man muß allerdings die Naturaleinnahmen aus der Landwirtschaft entsprechend relativieren — aus Zinsen, die auswärtige Darlehensnehmer an das Spital zu bezahlen hatten.

In der Regel waren drei Pfleger für das Spital tätig. Sie wurden aus der Mitte des Rates durch diesen selbst bestellt. Weder die Stifter des Spitals, die Herren von Fürstenberg, noch danach die Habsburger als neue Stadtherren haben je in die Verwaltung des Spitals eingegriffen. Die Amtsdauer der Pfleger war entsprechend derjenigen anderer städtischer Ämter. Sie betrug ein Jahr. Eine wiederholte Bestellung war allerdings zulässig und wurde auch gerne ausgeübt.

In der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie stand der Spitalmeister. Er ist derjenige, der die alltäglichen Geschäfte als Leiter der Hausgemeinschaft besorgt. Im einzelnen wird seine Position durch die sogenannten Spitalordnungen geregelt, von denen ich im zweiten Teil dieser Abhandlung, welche im nächsten Heft erscheinen wird, einen Auszug bringen möchte. Vergleicht man von den erhaltenen Spitalordnungen diejenige von 1502 mit derjenigen von 1740, dann erlebt man eine unvorstellbare Kontinuität der Lebensformen über die Jahrhunderte hinweg. Eine Kontinuität, die wir uns heute, vergleichen wir die äußeren Umstände unseres Lebens mit denjenigen unserer Großeltern oder auch nur unserer Eltern, eigentlich gar nicht mehr vorstellen können.

Der Spitalmeister wohnt im Spital. Er beaufsichtigt das gesamte, übrigens recht zahlreiche Personal. Er sorgt dafür, daß den Pfründnern die mit ihnen ausgehandelten Leistungen gewährt werden. Er gewährleistet die Pflege der Kranken und Wöchnerinnen. Durch seine Hände gehen alle Einnahmen und Ausgaben. Er veranlaßt die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Vorräten und organisiert die Naturaleinkünfte des Spitals. Er bezahlt die Wein- und Salzrechnungen. Er kauft auf den Viehmärkten ein und verkauft dort übrigens bis zu 350 Stück Vieh im Jahr. Er zahlt den Taglöhnern den Lohn aus, stellt die für den Betrieb des Spitals notwendigen Knechte und Mägde ein und führt sie dem Bürgermeister bzw. den Pflegern vor, von denen sie vereidigt werden.

Der Spitalmeister beschafft das notwendige Handwerkszeug und ist verantwortlich für die Instandhaltung der Spitalgebäude. Er legt fest, wann welche Reparaturen durchzuführen sind, gibt den Handwerkern die entsprechenden Aufträge und bezahlt deren Rechnungen. Einmal im Jahr legt er Rechnung, wobei er nicht nur den Geldfluß, sondern auch den Güterumschlag aus der Eigenwirtschaft des Spitals genau verzeichnen und verantworten muß. Er führt die Listen über das Inventar des Spitals, seine Vorräte und den Viehbestand. Er verzeichnet, was die Pfründer in das Spital einbringen und was vom Eingebrachten dem sogenannten Anfallsrecht des Spitals unterliegt.

Diese Vielfalt der dem Spitalmeister übertragenen Aufgaben macht deutlich, daß es von seinem Geschick und seiner Zuverlässigkeit ganz entscheidend abhing, wenn im Spital mit Gewinn gewirtschaftet wurde. Genau dies aber war und ist die Voraussetzung, um über Jahrhunderte hinweg den Großteil der städtischen Armenfürsorge der Stadt zu leisten und die damit verbundenen Lasten zu tragen und das Spital vor Verlusten zu schützen. Es wäre kurzsichtig zu meinen, daran hätte sich in der heutigen Zeit auch nur ein Deut geändert. Wenn das Spital auch zukünftig seinen Aufgaben gerecht werden will, muß es auch in der heutigen Zeit, ungeachtet aller öffentlichen Förderung, als soziale Einrichtung einerseits, aber auch als angemessen zu nutzendes, wirtschaftliches Unternehmen andererseits geführt werden.

Stellvertreter des Spitalmeisters ist der Pfister —Bäcker —. Daneben gibt es eine Siechenmeisterin, die für Reinlichkeit in den Räumen und der Kleidung verantwortlich ist. Ackermeister und Scheu-ermeier sind für die Bestellung der Spitaläcker und die Einhaltung der Anbaufolge verantwortlich, der Scheuermeier darüber hinaus natürlich für die Verwaltung der Vorräte unter Verwendung von Kerbhölzern. In der Spitalmühle gibt es einen Mühlmeister, wobei das Spital nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch für Dritte mahlt. Für die Zubereitung von Mahlzeiten und Wiederverwendung von Resten gibt es genaue Anweisungen an den Koch. Ein Almosenbitter macht die dem Spital gewährten Ablässe den geistlichen Herren und auch sonst wo bekannt und wirkt auf Almosenstiftungen zu Gunsten des Spitals hin. Ein Spitalschreiber fertigt in erforderlichem Umfang Urkunden und Abrechnungen, wobei das Spital sich gelegentlich auch des Stadtschreibers bedient. Schließlich gibt es im Spital einen Kaplan, der neben den üblichen seelsorgerlichen Aufgaben insbesondere verpflichtet ist, die mit vielen Stiftungen verbundenen Jahrtagmessen zu halten. Eine besondere Aufgabe bewältigte übrigens der Kaplan, der im Jahre 1379 Dienst tat. Es war Heinrich Immendinger, der ein umfängliches Urbar über den Spitalbesitz anlegte, welches später von den Spital- und Stadtschreibern fortgeführt worden ist.

In einer zweiten Folge soll vom täglichen Leben der Insassen des Spitals berichtet werden. Ferner soll die wirtschaftliche Bedeutung des Spitals als Großgrundbesitzer und Lehensherr geschildert werden.

Nachstehend folgen schließlich einige Urkundenabschriften, die das oben beschriebene verdeutlichen mögen. Nämlich der Wortlaut des Eides, den die Spitalpfleger zu leisten hatten, ein Beispiel der von den Pflegern zu haltenden Jahresrechnung des Spitals, ein Beispiel für eine Weinspende.

Beispiel für eine Jahresrechnung des Spitals — Gelt Rechnung

Die Wiedergabe ist stark gekürzt; im Original bilden die Rechnungen Hefte von etwa 28 Seiten Umfang.

 

Fricht Rechnung

„Fricht“-Rechnungen sind wesentlich umfänglicher, das Beispiel konnte deshalb nur stark gekürzt wiedergegeben werden.

 

 

 

Diese Zeichnung von der Benediktinerkirche erhielten wir von unserem Mitglied Rudolf Heck aus seiner umfangreichen Sammlung Altvillinger Motive zur Veröffentlichung.