BLUME-POST ein Begriff der Gastlichkeit im alten Villingen (Uta Baumann)

Wer unter den alten Villingern erinnert sich nicht gern an das Hotel BLUME-POST, das über vier Jahrhunderte lang in bevorzugter Lage am Marktplatz der Stadt Villingen gelegen war! Hier trafen sich die Villinger Geschäftsleute am Stammtisch, hier war das Haus für Familienfeiern von der Taufe über die Hochzeiten bis zum Leichenschmaus, hier wurde Stadtpolitik gemacht und hier verkehrten fremde Handelsleute und später die Vertreter der Industrie; und jeder konnte sich in der ‚Blume‘ wohlfühlen.

Die ersten Aufzeichnungen über einen Gasthof ,ZUR BLUME‘ differieren zwischen 1504 und 1527 1). Vorher soll die ‚Blume‘ eine Herberge des Klosters Tennenbach gewesen sein. Unter dem damaligen Gasthof ‚Blume‘ darf man aber nur ein kleines Eckhaus an der Niederen Straße und Bickenstraße verstehen; wie das Haus ausgesehen hat, ist nicht überliefert oder durch Bilder dokumentiert, doch darf man annehmen, daß es sich dem Baustil der Häuser in den vier Hauptstraßen mit maximal drei Stockwerken und einer klaren Fensterfront angepaßt hat. Der erste Wirt, der namentlich bekannt ist, wird 1602 mit Hans Mayer genannt, ihm folgte 1659 ein Balthasar Schmidt.

Von diesen beiden Wirten sind nur die Namen bekannt, über die Führung des Gasthofs und die Gründe des Besitzerwechsels weiß man nichts. Erst mit dem Jahr 1726 kommt Licht in das Dunkel der Vergangenheit, als der kleine Gasthof ‚Blume‘ an Bürgermeister Ganser verkauft wurde, der ihn bereits drei Jahre später, 1729, dem Mann seiner Tochter Caecilia, einem Johann Georg Grechteler (auch unter Grechtler genannt) überschrieb. Dieser Grechteler muß ein cleverer Kaufmann gewesen sein. Hieß es doch auf einer Wandtafel, die früher in der Eingangshalle der ‚Blume‘ über die Geschichte des Hauses berichtete 2) „Bedingt durch seine (Grechtelers) außerordentlichen Fähigkeiten als Proviantaufkäufer für die österreichische Armee am Oberrhein und in den Niederlanden wurde er nach Wien an den Hof als Proviantkommissar für die Armee berufen.“ Kein Wunder, daß der zum österreichischen Beamten avancierte Mann, nachdem er Villingen verlassen hatte, die ‚Blume‘ 1755 an Johann Baptist Ummenhofer verkaufte. Die neue Aera dauerte aber wieder nur wenige Jahre, denn bereits 1764 tritt der Posthalter und Sonnenwirt Borgias Cammerer als Käufer auf. Offensichtlich beabsichtigte er, die ‚Blume‘ einer seiner zahlreichen Töchter als Mitgift und Existenzgründung zu geben. Eine dieser Töchter, Maria Josepha Cammerer, galt 1764 als Wirtin zur ‚Blume‘. Im selben Jahr war die Hochzeit des Küfergesellen Franz Joseph Dold von Rohrbach im Schwarzwald mit Josepha Cammerer und der Sonnenwirt, der bislang Besitzer der ‚Blume‘ war, überschrieb den Gasthof seinem Schwiegersohn, der fortan Eigentümer war. Das Glück der jungen Dold-Familie im Gasthof ‚Blume‘ dauerte aber nicht lange; Franz Joseph Dold starb bereits im Jahre 1778 im Alter von 35 Jahren. Man kann sich leicht vorstellen, wie schwer es die Witwe mit sechs Kindern gehabt haben muß, den gastronomischen Anforderungen gerecht zu werden und trotzdem ihre Familie nicht zu vernachlässigen. Wie sehr sie aber von ihrer eigenen Schwester Magdalena Handtmann, geborene Cammerer, vernachlässigt wurde, zeigt eine Bemerkung in den „Elterlichen und eigenen Erinnerungen“ von Heinrich Dold 3), worin steht: „Als Curiosum führe ich an, daß Frau Syndicus Handtmann mit ihrer Schwester Blumenwirtin nie intim verkehrt haben soll. So groß waren zu jener Zeit die Standesunterschiede, daß Frau Handtmann sich zu den Patriziern zählte und die Schwester Blumenwirtin als zum Volk gehörend ansah.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Sie (die beiden Schwestern) liebten sich nicht, sondern das Gegenteil.“

Wie glücklich mag die Blumenwirtin gewesen sein, als ihr Sohn Franz Xaver 1797 den Gasthof ,Zur Blume‘ übernahm und im selben Jahr noch die Tochter des Bürgermeisters und Wilden-Mann-Wirts Ignaz Maier heiratete. Unter der Führung von Franz Xaver Dold und seiner tüchtigen Frau Walburga hat sich die ‚Blume‘ zu einem der meist besuchten und beliebtesten Gasthäuser in Villingen entwickelt. Dennoch muß es sehr ländlich zugegangen sein; so hat der Blumenwirt, der seinen kleinen Enkelsohn Seppe – Nazi (Joseph Ignaz Ummenhofer) närrisch geliebt haben soll, ihm nicht verboten, in der Wirtschaft mit seiner Kinderpeitsche auf die Gäste dreinzuschlagen4). Diese kleine familiäre Begebenheit zeigt uns, wie einfach der Betrieb einer Wirtschaft abgelaufen ist und daß eben die Wirtsstube gleichzeitig Wohnstube der Familie und Mittelpunkt des Familienlebens war. Franz Xaver Dold starb schon mit 50 Jahren, als er 1827 seinen Sohn Qualbert in eine Tuchmacherstelle in Weil der Stadt brachte und auf dem Heimweg in der Eschach bei Horgen mit seinem Pferd ertrank.

„Die Villinger hatten der ‚Blume‘ nach dem Tod von Franz Xaver Dold den Untergang prophezeit. Das Gegenteil aber war der Fall“ 3).

Die Witwe Walburga Dold, geb. Mayer, rührte den Gasthof allein weiter. Sie rief ihren ältesten Sohn für einige Jahre aus der Fremde zurück, wo er als Kaufmann gearbeitet hatte, und er war seiner Mutter eine gute Hilfe. Nachfolger wurde aber, wie es in Villingen und auch im Schwarzwald üblich war, der jüngste Sohn Johann Baptist. Als Walburga Dold 1839 starb, übernahm er die ‚Blume‘.

Blume-Post um die Jahrhundertwende.

Johann Baptist Dold war ein tüchtiger, unternehmungslustiger Geschäftsmann und erkannte, daß der Gasthof ‚Blume‘ sich nur entwickeln konnte, wenn der Betrieb vergrößert würde. Durch Zukauf des Nachbarhauses „Zum Schwarzen Adler“ in der Niederen Straße wird das Anwesen großzügig erweitert. Es hat nun sowohl von der Niederen Straße wie von der Bickenstraße einen Eingang und bietet in den oberen Geschossen Platz für eine größere Anzahl Fremdenzimmer sowie für einen Festsaal. Im Adreßbuch von 1884 steht der Blumenwirt Dold unter der Hausnummer 316 mit Eingang Niedere Straße. Dagegen weist das Adreßbuch von 1902 für die ‚Blume-Post‘ zwei Hausnummern auf: Florian Johs, Hausnummer 309 an der Niederen Straße und Florian Johs, Hausnummer 308 an der Bickenstraße. Das Haus ,Zur Blume‘ hatte sich durch die Erweiterung an der Niederen Straße und durch Zukauf des Nachbargrundstücks mit Hofeinfahrt an der Bickenstraße so arrondiert, daß es sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem für damalige Begriffe großzügigen Hotel entwickeln konnte. Nach Schließung des Gasthofs „Sonne“ wurde die Poststallmeisterei etwa 1845 auf die ‚Blume‘ übertragen. Von nun an heißt der Gasthof ‚BLUME-POST‘. In der kommenden Zeit zeichnet sich das Gästeverzeichnis durch hohe Namen aus. So wohnte 1845 Fürst Metternich hier, 1850 war der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I. in der ,Blume-Post‘ zu Gast, wobei er zum Empfang von einem weißgekleideten Mädchen, der späteren Frau Osiander, mit Blumen empfangen wurde. Auch der Großherzog von Baden und seine Frau logierten 1858 in der ‚Blume-Post‘. Alljährlich fanden Maskenbälle und Konzerte in der ,Blume-Post‘ statt; damals gab es ja in Villingen noch keine Festhalle!

1891 stirbt der Blumenwirt Johann Baptist Dold und schon im nächsten Jahr folgt ihm sein Sohn Gustav Adolf im Tode nach. Damit endigte die über ein Jahrhundert lange Familientradition der Dolds ,zur Blume“). Das ganze Anwesen wird für 160.000 Mark an den Kaufmann Florian Johs verkauft. Dieser baute das Haus 1904 um und modernisierte es. Die Inserate in den Tageszeitungen und den Villinger Prospekten nennen als besondere Neuerung die Zentralheizung und das elektrische Licht! Der Umbau im Jugendstil wurde von Architekt Carl Naegele geplant und war für die Jahrhundertwende eine große Errungenschaft. Die Fassade des Hauses wurde reich verziert und an der Ecke Bicken- und Niedere Straße entstand ein Turm, der in seiner Höhe durchaus den Villinger Stadttoren Konkurrenz machen konnte.

Als Neuerung ließ Florian Johs im Erdgeschoß Einzelhandelsgeschäfte einbauen. Es gab da den Friseur Erb und das Blumengeschäft Böhning, zwei Branchen, die den Hotelbetrieb nur bereichern konnten. Schon vor 1900 wurde in der Niederen Straße neben dem Restaurant eine Konditorei eingerichtet, die von Conditor Sapel aus Königsfeld bestens betrieben wurde und ebenfalls dem Hotelbetrieb zugute kam.

Werbeanzeige um 1910

Wohl durch die schweren Inflationsjahre bedingt zeigten die Söhne von Florian Johs kein Interesse zur Übernahme des Hauses ‚Blume-Post‘ und so wird es 1927 an Konditormeister Markus Späth aus Urloffen im Renchtal verkauft. Auch er setzt die Tradition des Hauses fort und ist vor allem als guter Küchenmeister und Weinkenner bekannt. Die Postkutschen stehen zwar längst nicht mehr vor der ‚Blume-Post‘, wer aber Ende der Zwanzigerjahre das Verkehrsflugzeug der Linie Mannheim – Konstanz oder der Linie Stuttgart – Freiburg benützen wollte, wurde in der Eingangshalle der ,Blume-Post‘ empfangen und mit Taxi zum Flugplatz gebracht.

Joh. Georg Grechteler (1729 – 1755); Franz Josef Dold (1760 – 1797)

Das Restaurant im Erdgeschoß blieb aber das Wirtshaus der Villinger und hier am Stammtisch mag manches politische Problem besprochen worden sein. Viele alte Villinger werden sich noch gerne an den Kellner Karle aus Tuttlingen erinnern, der seinen Stammgästen so restlos vertrauen konnte, daß er sagte: „Zahl morge“, wenn gerade viel Betrieb mit den fremden Gästen war und er keine Zeit zum Rechnen hatte!

1944 übernimmt Eduard Bernhard aus Berlin das Anwesen. Er führt es über die schwierige Kriegszeit und die Periode totaler Beschlagnahme mit viel Fleiß und Umsicht und unter den allergrößten Schwierigkeiten bis zum Jahr 1952. Dann erwirbt die Rhein-Main-Bank das Haus und baut im Erdgeschoß an der Niederen Straße eine Filiale ein. Das Hotel wird durch Geschäftsführer, die von der Rhein-Main-Bank bestellt wurden, weiter betrieben, bis es am 1. Januar 1957 vom bisherigen Hotelier vom „Deutschen Kaiser“, allen bekannt unter dem Namen Erwin Kaiser, gekauft wird. Mit ihm übernahm ein Gastronom par excellence das Haus, verstand er es doch treffend, die Tradition des Hauses den Gästen zu übermitteln und gleichzeitig das Interieur des Hauses zu verbessern, denn in jeder Generation waren, bedingt durch die, technischen Neuerungen, Sanierungsarbeiten nötig.

Franz Xaver Dold (1797 – 1827); Walpurga Dold (1827 – 1839); Joh. Baptist Dold (1839 – 1886); Gustav Adolf Dold (1886 – 1892)

 

Florian Johs (1894 – 1927); Markus Späth (1927 – 1942); Eduard Bernhard (1944 – 1952); Erwin Kaiser (1957 – 1986)

Es war ein großer Verlust für die Villinger Gastronomie, als Erwin Kaiser 1968 altershalber den Hotelbetrieb aufgeben mußte und das ganze Anwesen an einen Kaufhauskonzern veräußerte. An die Stelle des stattlichen Hotels wurde ein Warenhaus gebaut. Alle Verordnungen vom Planungsamt und Baurechtsamt wurden eingehalten, um wieder ein Gebäude entstehen zu lassen, das in die historische Innenstadt passen sollte. Was daraus geworden ist, kann nur als ein seelenloser Kasernenbau angesehen werden. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, daß ohne den guten Willen der Bauherrschaft und einer überzeugenden Architektur kein Haus abgerissen und wieder in einem alten Baustil aufgebaut werden kann. Es fehlt ihm der Geist, der es einstens schuf.

Ein Blick in die Poststube in den 60er Jahren.

 

So ist die ,Blume-Post‘, die 440 Jahre lang ein attraktiver Mittelpunkt des Villinger Stadtgeschehens war, ein Stück Vergangenheit und läßt sich nicht mehr zurückholen. Aber im Gedächtnis der Villinger Bevölkerung möge sie weiterleben!

Literatur:

1) Eugen Bode in Heft XVI des Geschichts- und Heimatvereins, S.26 „Villinger Gasthäuser bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts“ und Erwin Kaiser: Geschichtlicher Überblick über das Hotel Blume-Post.

2) Erwin Kaiser: Wandtafel: Geschichtliches über die Blume-Post.

3) Heinrich Dold: Elterliche und eigene Erinnerungen, S.3 (1898).

4) Ebenda, S.21.

5) Karl Dold: Deutsches Geschlechterbuch, 3. Badischer Band, 1955, S. 146 -157, (aus diesem Buch sind die Jahreszahlen der Eigentümer der Blume-Post von 1776 – 1892 entnommen).

Archäologische Ausgrabungen1992 und 1993 in der Villinger Gerberstraße (Werner Huger)

Im Hofbereich östlich des Hauses Gerberstraße 19 (ehemaliges Gerber-Jäger-Haus) wurden 1992 u. a. rechteckige und runde Holzbohlenkonstruktioneneinstiger Gerber-Bottiche aufgedeckt. (Zeitstellung unbekannt.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die Befunde, bzw. weitere Funde, ist seitens des Landesdenkmalamtes Freiburg, Abteilung Bodendenkmalpflege, als zuständiger Grabungsbehörde, bisher öffentlich nichts vorgelegt worden.

 

 

Auf den Hofstätten der Häuser Gerberstraße 57 und 59 wurden 1993, nach dem Abriß des bisher im Aufgehenden vorhandenen Häuserbestands, zwischen Gehsteig und Ringmauer im Süd- osten, Fundamente zumindest eines Wohnhauses freigelegt. Dem Vernehmen nach soll es sich um einen Fundzusammenhang aus dem 15. Jahrhundert handeln.

 

Umrisse zu einer Geschichte von Zunftverfassung und Patriziat in Villingen, vornehmlich in der Neuzeit 1) (Andreas Nutz)

1. Einleitung

Das Thema Zunftverfassung und Patriziat ist im wesentlichen Gegenstand der städtischen Verfassungs- und Sozialgeschichte des Alten Reichs und darüberhinaus Alteuropas, d. h. der Zeit bis um 1800. Eine Untersuchung dieses Themas in Bezug auf Villingen ist vor allem deshalb interessant, weil hier der Fall einer organisierten politischen Führungsschicht in einer Landstadt vorliegt, und zwar einer Führungsschicht, die im wesentlichen dem Patriziat in den Reichsstädten entspricht.

Unser heutiges Bild des Verhältnisses von Zunftverfassung und Patriziat stützt sich fast ausschließlich auf Forschungsergebnisse über die deutschen Reichsstädte, bzw. die Forschung hat den Begriff ‚Patriziat‘ vorwiegend auf Reichsstädte angewendet 2). Es fragt sich nun, ob und inwieweit diese Ergebnisse auch für Landstädte im allgemeinen und für eine Landstadt wie Villingen im besonderen zutreffen. Darüberhinaus stellt sich die globale Frage, in welchem Ausmaß die Reichhaltigkeit und Komplexität von Kultur und Gesellschaft einer Stadt abhängig ist von ihrem Rechtsstatus oder ihrer Größe. Diese globale Fragestellung kann hier nur angedeutet werden, wir wollen uns hier auf die Untersuchung der Merkmale des reichsstädtischen Patriziats in Bezug auf die Landstadt Villingen beschränken. Zunächst ist zu fragen, welche Vorstellungen mit den Begriffen ,Zunftverfassung` und ‚Patriziat‘ verbunden werden können. Dazu muß bis zu den Anfängen der Stadtverfassung Villingens im Hochmittelalter zurückgegangen werden. Im Hochmittelalter lag die Regierung der Stadt in den Händen des Schultheißen als dem Vertreter des adeligen Stadtherrn. Stadtherren Villingens waren zuerst die Zähringer, dann die Fürstenberger und die Habsburger.

Schon früh beteiligte der Schultheiß Niederadlige und vermögende Bürger (meist Groß- und Fernhändler) am Stadtregiment in Form des Rats der Vierundzwanzig (erster Beleg von 1225) – diese Personengruppe wird als Patriziat bezeichnet 3). Ausgeschlossen von der Regierung und Verwaltung der Stadt blieb die Masse der städtischen Bevölkerung, v. a. Handwerker, die sich seit dem 12. und 13. Jahrhundert in Zünften zu organisieren begannen (frühester Beleg für Deutschland: Worms 1106). In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es in den meisten Städten zu Unruhen – den Zunftkämpfen – in deren Folge die Handwerker die sog. Zunftverfassung, d. h. die Mitbeteiligung der Zünfte am Regiment der Stadt, v. a. das Recht ein Ratsamt zu bekleiden, durchsetzten. Nur in wenigen Städten blieben die Zünfte auch weiterhin völlig vom Rat ausgeschlossen, u. a. in Nürnberg und Frankfurt a. M. – diese Städte werden deshalb als Städte mit rein patrizischer Verfassung bezeichnet. Damit sind die beiden Fachbegriffe im Titel des Beitrags eingeführt: Zunftverfassung und Patriziat bzw. patrizische Verfassung. Diese Begriffe bezeichnen die beiden wichtigsten Typen des Ratsregiments in der alten Stadt. Die Spannungen zwischen Zunfthandwerkern und Patriziern bestimmten die Verfassungsgeschichte vieler deutscher Städte bis zum Ende des Alten Reichs. Doch waren die Konfliktlinien keineswegs immer klar und starr, etwa derart, daß die Zünfte im Sinne politischen und gesellschaftlichen Fortschritts für Demokratie eintraten 4) wogegen die Patrizier eine Art Stadtadel oder Aristokratie zu bewahren versuchten, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Begriffe Zunftverfassung und Patriziat nicht nur zwei verschiedene Typen des Ratsregiments ausmachen, sondern auch zwei verschiedene Werthaltungen verkörpern, die mit einer eher demokratischen und einer eher oligarchisch-elitären Grundhaltung korrespondieren – diese Dimension des Themas beherrscht die Forschung unterschwellig wohl auch noch in der Gegenwart 5).

Von der Zunftverfassung als demokratischer Regierungsform kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil von den Zünften allein die Zunftmeister ratsfähig waren, sie repräsentieren nur eine kleine Minderheit der Einwohnerschaft. Gesellen, Lehrlinge, Frauen, Knechte und Mägde gehörten zur Familia, d. h. zum Haushalt des Zunftmeisters, sie waren von politischer Mitwirkung ausgeschlossen.

Ein dynamisierendes Element, das die Gegensätze zwischen Zunftverfassung und Patriziat ausgleichen konnte, war die Oligarchisierung innerhalb der Zünfte: die vermögenderen Zunftmeister, denen es gelungen war, sich am Handel zu beteiligen, machten ärmere Meister – ihre Zunftgenossen – ökonomisch abhängig (Verlag); diesen vermögenden Meistern gelang es manchmal ins Patriziat einzuheiraten. Zudem erwies sich bald, daß auch ein Bürgermeister aus den Zünften nicht auf die Beziehungen, die Geschäftskenntnisse und das Vermögen der Patrizier verzichten konnte. Das zeigte sich z.B. deutlich als 1425 in Konstanz die Patrizier geschlossen die Stadt verließen, weil im Rat ein Verbot ihrer Handelsgesellschaften durchgesetzt worden war. Der zünftische Rat beeilte sich bald, von dieser Linie wieder abzurücken, damit die Patrizier wieder zurückkehrten.

Ein gravierender Nachteil für die Zünfte war, daß im Mittelalter Ratsämter unbesoldet waren 6) und es deshalb Zunftmeistern sehr schwer fiel, ihre Erwerbsarbeit für längere Zeit ruhen zu lassen. Unter diesen Vorzeichen waren solche Personen für die Politik prädestiniert, die allein von Renten, aus Erträgen ihres Vermögens, lebten d. h. Müßiggänger, eben Patrizier.

Neben diesen sozialen und ökonomischen Variablen war es im 16. Jh. in erster Linie die Reformation, die Bewegung in das Verhältnis von Zunftbürgerschaft und Patriziat brachte: Häufig waren es die Zünfte, welche der neuen Lehre zum Durchbruch verhalfen, während das Patriziat eher zurückhaltend blieb, denn: nachgeborene Patriziersöhne konnten im geistlichen Stand als Domherren, Theologen oder kuriale Beamte ein gutes Auskommen haben und profitierten dabei von reichen Pfründen, während die Reformation gerade diese Pfründen säkularisierte. Doch gibt es auch hiervon Ausnahmen: In Nürnberg als einer der bedeutendsten deutschen Städte war es gerade der rein patrizische Rat, der schon in den 1520er Jahren die Reformation einführte. Die Regel war jedoch eine Parteinahme des Patriziats für den alten Glauben. Dies ist auch der Hintergrund für die Maßnahmen Kaiser Karls V. in den oberdeutschen Städten nach seinem Sieg über den protestantischen Schmalkaldischen Bund: Der Kaiser ordnete bis 1551 in 25 süddeutschen Städten einen autoritären, sich selbst erneuernden patrizischen Rat an. De facto bedeutete dies das Ende der Zunftverfassung. Weil sich seitdem der Brauch, Ratsstellen zu besolden, herausbildete, und das Patriziat sich zunehmend von Handelsgeschäften zurückzog, wurde das Patriziat immer mehr reines Verwaltungspatriziat 7). Grundsätzlich hätten die kaiserlichen Maßnahmen auch in Villingen zu einer Abschaffung der Zunftverfassung führen können, denn auch Städten, die stets katholisch geblieben waren, wie Rottweil und Überlingen, wurde eine patrizische Verfassung aufgezwungen. Als Landstadt wurde Villingen jedoch nicht von den kaiserlichen Maßnahmen betroffen – an der Beteiligung der Zünfte am Ratsregiment änderte sich bis zum 18. Jh. in Villingen nichts. Die Landstadt Villingen befand sich sozusagen im Windschatten der Reichspolitik, überkommene Strukturen wurden hier nicht angetastet.

Welches sind nun die Merkmale, mit denen das Patriziat in den Reichsstädten charakterisiert wird? Wichtigstes Merkmal des Begriffs ‚Patriziat‘ ist, daß er den Kreis der ratsfähigen Familien beschreibt. Weitere häufig anzutreffende Merkmale sind die gesellschaftliche Abgeschlossenheit, die sich v.a. in auf die eigene Schicht begrenzten Heiratskreisen manifestiert, sowie ein überdurchschnittlich hohes Vermögen in den Händen der Patrizier. Freilich sind die beiden zuletzt genannten Merkmale nicht absolut notwendig.

Wesentlich ist also, daß das Patriziat den Kreis der ratsfähigen Familien beschreibt, der je nach Verfassung der Stadt noch durch Vertreter aus den Handwerkerzünften erweitert werden konnte 0). Der mittelalterliche Bürger bezeichnete diese Personen meist als ‚Geschlechter‘, erst seit dem 16. Jahrhundert begann man – in Aufnahme einer Standesbezeichnung der römischen Antike – diese Gruppe als ‚Patrizier‘ zu bezeichnen. Unter einer Zunft soll eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Unterstützung der in einer Stadt dasselbe Handwerk oder Gewerbe treibenden Personen verstanden werden. Der Begriff ‚Patriziat‘ hat also in erster Linie eine politische, der der ‚Zunft‘ eher eine wirtschaftliche Dimension. Wie kommt es nun aber zur Bildung von Patrizierzünften? Eine Frage, die sich umso mehr stellt, als die Patrizier sich ständig bemühten, sich von den in Zünften organisierten Handwerkern abzugrenzen; zumal Merkmal des Handwerkers ist, daß er mit seiner Hand arbeitet, während der Patrizier eben nicht mit der Hand arbeitet und sich deshalb in vielen Städten als ‚Müßiggänger‘ bezeichnet.

Nun, die Bildung von Patrizierzünften hatte zunächst einen praktischen Grund: Solange die Patrizier das Rathaus allein beherrschten, konnten sie dort ihre Gelage und Gastereien, aber auch ihre vertraulichen privaten, geschäftlichen und politischen Beratungen ungestört abhalten. Nachdem die Handwerkerzünfte ihre Beteiligung am Rat erzwungen hatten, war der Rat keine ,geschlossene Gesellschaft‘ mehr, deshalb benötigte man einen eigenen Versammlungsort – eine Trinkstube 9); und man benötigte eine Ordnung welche festlegte, wer in die Gesellschaft aufgenommen werden durfte und wer nicht. Zunftordnung und Trinkstube haben zuvor schon die Handwerkerzünfte besessen, diese Institutionen wurden nun Vorbild auch für das Patriziat.

2. Zunftverfassung und Patriziat in Villingen

Mit dem 13. Jahrhundert sind erste Nachrichten über die Verfassung Villingens überliefert. Damals hatten die Grafen von Fürstenberg als Stadtherren das Regiment in die Hände des Schultheißen und der sog. Vierundzwanzig gelegt. Mitglieder in diesem Gremium waren ausschließlich Patrizier 10).

Das Bevölkerungswachstum und die Kreuzzüge waren zwei wichtige unter vielen anderen Ursachen für das wirtschaftliche Wachstum im 13. Jahrhundert; dieses Wachstum begünstigte die Vermögensbildung auch in den Handwerkerzünften; und – wichtig für unser Thema – mit dem Vermögen wuchs auch das Selbstbewußtsein und der Wunsch nach politischer Mitgestaltung. Dies war der Hintergrund für die Zunftkämpfe des 14. Jahrhunderts. Im Verlauf dieser Kämpfe erzwangen die Zünfte ihre Beteiligung am Rat in den Reichsstädten.

Diese sog. ,Zunftkämpfe` äußerten sich gelegentlich als bewaffnete Aufläufe oder zumindest Unruhen 11) mit sozialen Hintergründen und Konsequenzen. Für Villingen ist ein Wandel hin zu einer Beteiligung der Zünfte am Ratsregiment klar erkennbar, und zwar schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts: 1294 sind Zünfte am erweiterten Rat erstmals beteiligt, 1297 tritt erstmals der Bürgermeister neben dem Schultheißen auf 12). Der wichtigste Punkt bei diesen Ereignissen ist, daß die patrizische Exklusivität des Rats gebrochen und nun auch die Zünfte an der Leitung der Regierungsgeschäfte beteiligt waren. Daran ändert der Umstand nichts, daß die Patrizier im Laufe der Zeit bedingt durch ihre Vermögen und ihre sachliche Kompetenz viel an verlorenem Einfluß wieder zurückgewannen. Diese neue Stellung der Zünfte wird im Großen Zunftbrief von 1324 kodifiziert und befestigt. Im Ergebnis ist diese Entwicklung z. B. mit den oberschwäbischen Reichsstädten durchaus vergleichbar, doch fehlen noch Anzeichen für Auseinandersetzungen, die die Bezeichnung ,Zunftkämpfe` rechtfertigen würden. Im Vergleich zu vielen Reichsstädten ist das Jahr 1324 ein recht frühes Datum für die Einführung einer Zunftverfassung – diese wurde z. B. in Memmingen 1347, in Augsburg erst 1368 eingeführt. Wenn sich Anzeichen für Zunftkämpfe in Villingen bisher nicht gefunden haben und der Zeitpunkt der Einführung der Zunftverfassung recht früh erscheint, so kommt eine Erklärung aus einem ganz anderen Bereich in Betracht: Auffallend ist nämlich die zeitliche Nähe zwischen der Manifestwerdung der Zunftverfassung 1324 und dem Übergang der Stadtherrschaft von Fürstenberg an Habsburg 1326. Demnach hätten sich im Patriziat eher Parteigänger Fürstenbergs befunden, in den Zünften eher Parteigänger Habsburgs. Für diese Vermutung spricht, daß führende Patriziergeschlechter eng mit Fürstenberg verbunden, oder gar fürstenbergische Amtleute waren: so etwa die Tannheim und die Tierberg. Diese Verbindung des Patriziats zu Fürstenberg wurde auch später beibehalten: es ist kein Zufall, daß 1514 Graf Wilhelm von Fürstenberg auf der Herrenstube mit den Stubengenossen speiste und Heinrich Hug über diese Zusammenkunft schreiben konnte: Do herbott er sich gegen ainer gemainen statt fill gutz . . . und was große fruntschafft zue dem selben maul [= Mal] 13) Die mit dem Zunftbrief von 1324 in Villingen erreichte Zunftverfassung wurde, nach bisherigem Forschungsstand – abgesehen von eher formalen Änderungen wie der Minderung der Ratsmitglieder – erst durch die theresianischen Verwaltungsreformen 1756 geändert. Für die bloße äußere Form – daß mehrere Zunftmeister im Rat saßen – mag dies zutreffen. Hinter dieser statischen Kulisse freilich war das politische, das soziale und ökonomische Verhältnis von Zunftbürgerschaft und Patriziat ständig in Bewegung.

3. Die Entstehung der Herrenstubengesellschaft in Villingen

Im Stadtarchiv Villingen ist reichlich Material zur inneren Geschichte der Herrenstubenzunft im 17. und 18. Jh. vorhanden: Zunächst als früheste zusammenhängende Quelle die Statuten von 1686, dann drei Statutenerneuerungen aus dem späten 18. Jh. und v. a. die fast lückenlose Reihe von Rechnungen der Gesellschaft von 1701 bis 1829. Dieses Material ist noch zur Gänze unerforscht. Deshalb kann hier nur auf die Ordnung von 1686 eingegangen werden, zunächst ausführlich auf die Frage des Gründungsdatums.

Die Ordnung von 1686 gibt das Jahr 1442 als Gründungsdatum an. Der Verfasser der erneuerten Statuten von 1790 freilich gibt ein weit höheres Alter an, er schreibt von der … Herren Stube oder Einigung der ehrbaren burger, wie selbe schon in den Urkunden 1256 / 1286 / 1324 und in den Statuten genannt wird . . . „). Bei solchen Rückdatierungen ist jedoch zuerst einmal Skepsis angebracht, weil das Bedürfnis, auf eine möglichst lange Reihe von Ahnen zurückblicken zu können in der Gesellschaft des Ancien Regime noch weit ausgeprägter war als heute. Die vom Verfasser der Statutenerneuerung von 1790 genannten Urkunden aus dem 13. und 14. Jh. sprechen zwar von den ,ehrbaren burgern` und den ,muessig genger`, aber eben nicht von einer ‚Herrenstube‘, der Nachweis für die Konstituierung des Patriziats als Korporation ist dadurch nicht erbracht; zudem sind Patriziergesellschaften vor dem 14. Jh. bisher nur für Köln belegt (die sog. Richerzeche).

Die Angabe des Jahres 1442 als Gründungsdatum in den erneuerten Statuten von 1686 hätte viel Wahrscheinlichkeit für sich, fände sich nicht im 1371 begonnenen Großen Stadtrecht ein Nachtrag aus dem Jahre 1418, der lautet 15): Und also sol nieman dehain ander trinckstuben haben, noch dehain ander trinckstube sin, denne der herren Trinckstube, darin die muessig genger gan sullent.

Diese Stelle setzt die Existenz der Herrenstube voraus und es ist schwer vorstellbar, daß es für diese Herrenstube keine Stubenordnung gegeben haben sollte. Die 1686 erwähnten Statuten von 1442 wären dann ihrerseits die Überarbeitung älterer Statuten. Gerade das unwichtig scheinende Privileg, eine eigene Trinkstube haben zu dürfen, konnte vom mittelalterlichen Stadtbürger sehr wichtig genommen werden: In der Reichsstadt Memmingen empörte sich 1471 die Bürgerschaft über ein solches Privileg, empfand es als Hochmut der Patrizier und erreichte aus diesem Anlaß eine Abwahl des patrizischen Bürgermeisters sowie eine fast vollständige Verdrängung des Patriziats aus dem Rat 16).

Hinsichtlich der Frage der Gründung der Villinger Herrenstube wäre denkbar, daß sogar die These Roders zuträfe, daß die Müßiggänger . . . oder Herren sich zu einer zunftmäßigen Verbindung zusammenschließen. So ist die [Marginale: Gesellschaft der] Herrenstube entstanden, jedenfalls kurz nach 1324 17). Diese Vermutung ließe sich durch Verweis auf andere Städte stützen: Für Konstanz haben wir den „Statutenentwurf der Gesellschaft zur Katz“ aus dem Jahre 1425 überliefert, er folgte unmittelbar auf den Großen Zunftaufstand von 1424 18).

Doch einen eindeutigen Quellenbeleg kann Roder – der die Quellen des Villinger Archivs kannte wie kein anderer – für seine These nicht liefern. So muß das Jahr 1418 als erste Erwähnung der Villinger Herrenstubengesellschaft in den Quellen gelten. Eigentlich ist dieser Beleg sogar glaubwürdiger als die Nennung des Jahres 1442, weil diese Angabe 244 Jahre später (nämlich 1686) gemacht wurde und es sich um eine ,Traditions`-Quelle (d. h. bewußte Überlieferung) handelt, bei der Erwähnung in der Quelle von 1418 aber um eine ,Überrest`-Quelle (d. h. eher unbeabsichtigte Überlieferung) 19).

Diese Datierung gilt nur für die Organisation des Patriziats in Patriziergesellschaften oder Ge-schlechterstuben. Das Patriziat an sich, als politisch führende, bevorrechtigte und durch Heirats-und Verwandtschaftsbeziehungen untereinander verbundene Gruppe gab es schon lange, in Villingen sind schon 1324 im Großen Zunftbrief diese Patrizier als ‚Müßiggänger‘ bezeichnet, die älteste Nennung der Müßiggänger stammt aus dem Jahr 1294, als sie in der Auszugsordnung genannt wurden.

Soviel zur Frage der Datierung des Gründungsdatums. Nun sei noch auf die Namen eingegangen die sich Patriziergesellschaften gaben und einige Anmerkungen zum Namen „ehrsame Müßiggänger“ sowie zum Begriff ‚Ehrbarkeit‘ gemacht, wodurch sich das Selbstverständnis von Korporationen wie der Villinger Herrenstube aufhellen läßt.

Die Patriziergesellschaften nannten sich häufig nach dem Haus in dem sie ihre Versammlungen abhielten, in diesem Fall weist der Name auf die gesellige Funktion der Gesellschaften hin: In Konstanz ,Gesellschaft zur Katz‘, in Memmingen ,-zum Goldenen Löwen‘, in Kempten ,-zum Strauß‘, in Frankfurt ,Alt Limpurg` usw. Oder die Gesellschaften nannten sich nach der Art ihrer Tätigkeit: dem Müßiggang – so in Villingen, Freiburg, Rottweil, Kaufbeuren.

Der Name ‚Müßiggänger‘ ist jedenfalls keine Villinger Besonderheit, ebenso wie das Adjektiv ‚ehrbar‘, das in der traditionellen Gesellschaft vor 1800 in aller Munde war und ständig gebraucht wurde 20): So bezeichneten sich nicht nur die meisten Handwerkerzünfte ebenfalls als ehrbar, sondern war dieses Adjektiv auch durchgehend in Briefanreden anzutreffen (z. B. Ehrbare, fürsichtige und weise und gelehrte Herren, liebe Nachbarn). Ehrbarkeit war die Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts wie für die Mitgliedschaft in einer Zunft. Als nicht ehrbar galten z. B. unehelich Geborene und bestimmte Berufe wie Totengräber, Henker, Schäfer. Dies waren Voraussetzungen für Ehrbarkeit, die für alle städtischen Korporationen galten – das Land hatte einen eigenen Ehrenkodex. Neben diesen allgemeinen Bedingungen für Ehrbarkeit definierten viele Korporationen noch spezielle Bedingungen, die sich als Aufnahmebedingungen in den Satzungen oder Statuten niederschlugen. Hier war für die meisten Patriziergesellschaften die ehrbare Abstammung ein wichtiges aber in den einzelnen Städten ganz unterschiedlich definiertes Merkmal. Die Herrenstube in Augsburg machte sogar adelige Abstammung zu einem Aufnahmekriterium. Als Anfang des 16. Jh.’s kein Geringerer als Jakob Fugger der Reiche die Aufnahme beantragte, wurde dies mit dem Hinweis auf seine niedere Abstammung – er stammte von einer Weberfamilie ab – abgelehnt. Diese Haltung änderte die Augsburger Herrenstube auch nicht als Jakob Fugger vom Kaiser 1507 in den Grafenstand erhoben und mit den Grafschaften Kirchberg und Weißenhorn belehnt wurde. Erst 1538, nachdem die Herrenstube durch Aussterben und Abwanderung alter Familien sehr geschwächt war, wurde Anton Fugger, der Neffe Jakobs, aufgenommen. Daß gesellschaftliche Führungsschichten auch in der Gegenwart noch Wert auf Ehrbarkeit legen, zeigt etwa der Begriff ,Honorationen` (lateinisch honor = die Ehre) an. Bevor wir uns nun der Ordnung der Villinger Herrenstube von 1686 zuwenden, sei noch ein Villinger Beispiel, wo verletzte Ehre zu Konflikten im Zusammenleben verschiedener Gruppen in der Stadt führen konnte. Die Rangordnung spielte im öffentlichen Leben der alten Stadt eine große Rolle und konnte besonders bei öffentlichen Veranstaltungen, z. B bei Prozessionen, zu verletzter Eitelkeit und Mißstimmung führen. So lesen wir im Ratsprotokoll von 1688 folgende Passage:

Demnach Ehrsamer Rat und gantze Bürgerschaft wie zeithero missfällig sehen mußte, wasmaßen sich die Edelleute (d. h. Mitglieder der Herrenstube) bei der öffentlichen Prozession vorgedrungen und nit allain den Amtleuten, Gerichtsherren (ihren Stubengenossen), sondern auch dem Stadtschreiber den Vorgang angenommen, da jedoch diese denen Edelleuten all Zeit präcedieren, also ist resolvieret worden, denen alten Ratssitzungen von 1582, 1583, 1586 . . . gemäß die Edelleute dem gemainen Rat nach zu setzen. So Decreta dem Junker von Freyburg und Junker Yfflinger intimiert werden soll 21).

4. Die innere Ordnung der Herrenstubengesellschaft nach den Statuten von 1686

Entstehung und Selbstverständnis dieser Korporation sind treffend im ersten Absatz der Statuten von 1686 dargestellt 22):

Zue wüssen undt khundt gethon seye Mäniglichen hiemit, daß zwahr die in dem Jahr Christi 1442 all-hier auffgerichte löbliche gesell- undt Bruderschafft der also genandten Herrnstuben biß auff die in gegenwürdigem Saeculo eingefallne leydige Kriegsempörung in ruhe würdiger guether ordnung gebliben: nachmals aber durch sovihl betriebt- und beschwerliche Zeiten, so wohl ahn gliedern, alß gefäll- und Einkhünfften dermassen abgenommen, daß dise Societät entlich gahr disolviert, undt in abgang gebracht worden.

Für das Selbstverständnis als ehrbare Zunft war nicht nur das hohe Alter, die Berufung auf die Tradition als Behauptung einer Kontinuität der eigenen Existenz mit der verdienter Vorfahren wichtig, sondern bei der Villinger Herrenstube besonders auch der religiöse Charakter. Die Religion wird schon dadurch angesprochen, daß sich die ehrbaren Müßiggänger nicht nur als Gesellschaft, sondern auch als Brüderschaft verstehen. Als Zweck der Gesellschaft wird angegeben, sie solle dienen … nit allain zur befurderung der Ehr Gottes undt der abgelebten hl. brüdern Seelen-Hayl und trost . . . sondern auch zur pflantzung und haltung bürgerlicher Liebe und freundtschafft auch Ehrlicher Ergötzlichkeit.

Die Herrenstube verstand sich also auch als Bruderschaft bzw. Gebetsbruderschaft. Solche Bruderschaften haben auch viele Handwerkerzünfte gepflegt. Diese stifteten Altäre und Messen und pflegten das regelmäßige und gemeinsame Gebet für die Verstorbenen. Ausdruck dieses religiösen Selbstverständnisses ist es wohl auch, daß die Mitglieder der Gesellschaft in den Statuten von 1686 am häufigsten als ‚Brüder‘ angesprochen werden, nur vereinzelt einfach als ‚Genossen‘ oder ‚Stubengenossen‘.

Doch wird hier auch ein Wandel des Charakters der Herrenstube deutlich – vor dem 30jährigen Krieg scheint der religiös-kirchliche Einschlag gefehlt zu haben: Nicht nur fordert die erwähnte Urkunde von 1418 und die prister die mugend ouch zuo samend gan, zuo den aber dehain weltlicher nit da stuben gesell sin noch werden sol 23). Auch fehlen in den Mitgliederlisten von vor 1618 Geistliche völlig. Exemplarisch sei hier der Musterrodel von 1595 angeführt, unter ‚Herrenstube‘ nennt er folgende 27 Namen und Berufsangaben 24):

Herr Jacob Meyenberg, Burgermaister

Herr Johann Schönstain, Burgermaister

Herr Jacob Poßinger, Schultheiß

Herr Conrad Werner, Schultheiß

Junker Andreas Yflinger von Graneckh der älter

Junker Hanß Jacob Betz Haupt(mann?)

Sebastion Mendlin

Clemenß Yßelin

Balthasar Gastlin

Zacharias Kegel

Joachimus Stollenberg

Junker Matheus Herdter

Ulrich Bueler

Andreas Yflinger der jünger

Ulrich Neydinger

Georg Starckh

Johann Schueh

Herr Jacob Schreiber

Andreas Strickher

M(eister?) Michael Rubin

Hieronimus Hopp

Michael Schwerdt

Junker Hannß Fridrich von Siglingen

Junker Hanß Rudolf!‘ von Thierberg

Conrad Hiener

Caspar Häfelin

Dr. Bernhard Freyburg.

Als Grund für die Aufnahme von Geistlichen nach 1686 wird wohl der Mangel an Mitgliedern anzusprechen sein; man kam deshalb den Geistlichen entgegen indem der Herrenstube ein kirchlich-religiöser Charakter gegeben wurde, z. B. verpflichten sich die Mitglieder zum Besuch bestimmter Gottesdienste – und den Geistlichen in der Stubenordnung bestimmte Ämter reserviert waren (vgl. Pkt. 3 in den im Anhang wiedergegebenen Statuten).

Die Mitglieder der Villinger Herrenstube seit dem 17. Jh. lassen sich im wesentlichen vier Berufsgruppen zuordnen:

Grundbesitzender Niederadel der Umgebung: V. a. die Ifflinger von Graneck 25) und die Familie von Freyburg, die Verwandte in den Patrizierzünften zahlreicher oberdeutscher Städte hatte.

Die – zahlenmäßig bedeutendste Gruppe – städtischer Beamter, Kanzlisten und Syndici

Andere Akademiker wie Geistliche, Ärzte, Apotheker und Lehrer

Kaufleute

Die Zusammensetzung des Patriziats spiegelt auch Normen und Werte seiner Zeit wieder: Das Heilige Römische Reich war eine aristokratische Gesellschaft. Im Patriziat spiegelte sich dies darin, daß Adlige die einflußreichsten Mitglieder waren und zahlreiche Adlige der Umgebung zu den geselligen Zusammenkünften als Gäste geladen wurden. Auch war es Ausdruck adliger Attitüde, daß die ‚bürgerlichen‘ Patrizier die Nobilitierung anstrebten, Wappenbriefe erwarben, Ahnenforschung betrieben und auch in der Baukunst adlige Elemente in der Stadt heimisch machten – zu verweisen ist hier z. B. auf die Wohntürme. Im Gegensatz zum Alten Reich hat sich die Gesellschaft des 19. und 20. Jh.’s primär als bürgerliche Gesellschaft verstanden und sich vielfach durch ökonomische Kriterien definiert; es ist deshalb nur konsequent, wenn im Honoratiorenstand, aus dem sich die Stadträte rekrutierten, im 19. Jh. Kaufleute dominierten.

Weist die soziale Zusammensetzung schon darauf hin, daß sich das Patriziat in der frühen Neuzeit überwiegend aus der Oberschicht rekrutierte so stellt sich nun die Frage, ob das Patriziat auch kodifizierte politische Vorrechte in der städtischen Gesellschaft Villingens hatte. Die Statuten von 1686 nennen hier nur den einen Punkt, daß es ein altes Vorrecht der Herrenstube vor anderen Zünften sei, nicht nur auf ihrer eigenen Stube gemeinsame Gastereien zu halten, sondern dies auch in andern Wirtschaften zu tun (Pkt. 8). Die Statutenrevision von 1790 nennt eine Reihe weiterer Pukte: die Herrenstube hat bei öffentlichen Veranstaltungen wie Prozessionen den ersten Rang bei den Richtern, beim jährlichen Schwörtag legen sie dem Amtsbürgermeister das Handgelübde ab, während die anderen Zünfte wie gewöhnlich schwören, sie sind von Frondiensten, Stabreisen 26), Feuerlaufen und gemeiner Wacht, ferner von Einquartierung insbesondere von gemeiner Mannschaft, befreit 27). Deutlich wird hieran jedenfalls, daß die Villinger Patrizier in der städtischen Gesellschaft de iure nur soziale Vorrechte genossen haben, es findet sich kein Beleg, daß den Mitgliedern der Herrenstube ein verbrieftes Monopol auf bestimmte Ämter zugesichert wurde. Daraus könnte man folgern, die Herrenstube habe keine politische Funktion im Leben der Stadt gehabt, sondern nur der ‚Pflege der Geselligkeit‘ gedient, bzw. wie es die Statuten von 1686 ausdrückten zur pflantzung und haltung bürgerlicher Liebe und freundtschaft, auch Ehrlicher Ergötzlichkeit. Doch eine solche Schlußfolgerung würde sich nur auf normative Quellen stützen, welche die soziale Wirklichkeit nur begrenzt wiedergeben können. Eine solche Schlußfolgerung würde schon deshalb zu kurz greifen, weil es gar nicht zu vermeiden ist, daß eine elitär rekrutierte Korporation – und eine solche war die Herrenstube zweifellos 28) – auch politischen Einfluß hat und ihn auch einsetzt. Es ist deutlich geworden, daß noch weitere Forschungen notwendig sind, um das Thema „Zunftverfassung und Patriziat in Villingen“ mit Leben zu füllen. In diesem Beitrag sollte es nur darum gehen Umrisse zu zeichnen. Als Aufgabe weiterer Forschung bietet sich die Untersuchung der personellen Zusammensetzung des Villinger Patriziats an. Eine solche Untersuchung diente nicht nur der Erhöhung der Anschaulichkeit von recht abstrakten Begriffen wie Zunftverfassung und Patriziat, sondern damit ließe sich auch der Grad der Abgrenzung der Führungsschicht erkennen und so würde auch exakt die geographische Ausrichtung der privaten, wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Außenbeziehungen Villingens deutlich werden.

Anhang:

Paraphrase der Statuen der Herrenstube von 1686

Die Präambel nennt als Voraussetzung für die Aufnahme in die Herrenstube, daß der Kandidat Villinger Bürgerrecht besitzt und sonst keiner Zunft beigetreten ist.

1. Am Montag nach dem Fest der unbefleckten Empfängnis (9. Dezember) soll im Münster ein Lobamt gesungen und zwei Messen gelesen werden. Am Donnerstag nach Aschermittwoch soll zum Trost der verstorbenen Brüder ein Seelamt und zwei Messen gesungen werden. Beiden Festen sollen alle Herren beiwohnen und dabei ihre Andacht verrichten. Wer ohne triftigen Grund fernbleibt und keinen Vertreter schickt, soll an den Stubenmeister 2 Schilling Buße zahlen.

2. Wenn ein Mitglied der Societät stirbt, soll jeder Bruder dem Stubenmeister 2 Schilling in die Büchse geben, damit davon Anniversarien bezahlt werden können.

3. Die Versammlungen werden von zwei Oberpflegern geleitet. In Konformität mit den alten Satzungen sollen auch drei Stubenmeister

einer aus der Priesterschaft

einer aus dem Rat

einer außerhalb des Rats

gewählt werden. Jedes Jahr auf Johann Baptist (24. Juni) sollen die alten Stubenmeister den dazu Deputierten Rechnung ablegen. Von den drei alten Stubenmeistern soll der jüngste im Amt bleiben zur besseren Information der zwei neuen. Wer sich weigert die Wahl zum Stubenpfleger anzunehmen, soll 30 Kreuzer Strafe zahlen – außer dem Abt von St. Georgen und den vier Amtleuten. Dasselbe gilt für die Wahl der zwei Oberpfleger, die jedes Jahr am Neujahrstag gewählt werden.

4. Aufgabe der Stubenmeister ist es, Nutzen der Gesellschaft zu fördern und Schaden zu wenden, deren Reputation gegen jedermann zu verteidigen, Einkünfte und Gefälle sowie Strafen fleißig einzuziehen und getreulich zu verwalten. Bei Zusammenkünften sollen die Brüder mit genügend Speis und Trank versehen sein. In alledem soll jeder Bruder gleich behandelt werden.

– Strafen – Ehrengericht – Instanzenzug –

5. Weiter ist es Aufgabe der Stubenmeister, die Brüder mit Vorwissen der Oberpfleger zu den Zusammenkünften durch den Stubenknecht laden zu lassen. Bei Nichterscheinen ohne triftigen Grund soll der Betreffende 12 Pfennig Strafe zahlen 29). Der Stubenmeister kann auch schärfere Maßnahmen ergreifen, falls sich ein Stubengenosse renitent zeigt gegen Anordnungen des Stubenmeisters, wenn sich zwischen den Stubenbrüdern hitzige Streitigkeiten, schält- rauff oder schlaghendell ereignen. Dasselbe gilt, wenn einer der Brüder flucht oder Gotteslästerungen ausstößt; je nach Beschaffenheit der Sache kann der Fluchende mit 4 Schilling bis 2 Pfund Strafe belegt oder aus dem Haus gewiesen werden. Was die Scheit-, Rauf- und Schlaghändel betrifft, sollen diese am folgenden Tage vor die Dreizehner (eine Art Ehrengericht) und die zwei Oberpfleger gebracht werden; von diesen sollen die beiden Parteien gehört werden; dieses Gremium fällt ein Urteil und verhängt Strafen; die Strafe soll nicht höher als 5 Pfund sein und der gemeinsamen Büchse zufallen. Falls die begangene Tat aber eine höhere Strafe verdient, soll darüber allein der Rat entscheiden.

– Aufnahme –

6. Alle, die nicht dem Richtergremium angehören noch irgendeiner Zunft der Bürgerschaft und die sich aus eigenem Gut oder aus Herrendienst ernähren, ob geistlich oder weltlich, ob adelig oder bürgerlich, sollen der Gesell-und Bruderschaft der Herrenstube angehören. Es soll keiner Stubengenosse werden, der nicht ehrbaren Herkommens und Wandels ist; die Stubenmeister sollen darüber Erkundigungen einziehen und den Dreizehnern Bericht darüber erstatten. Anschließend wird gemeinsam über die Aufnahme entschieden. Der Aufgenommene soll 1 1/2 Gulden Einstand zahlen und ein Tischtuch geben. Er soll ferner einen Eid schwören, sich den Satzungen zu unterwerfen und jährlich 12 Pfennig in die Büchse zu zahlen.

7. Reguläre Zusammenkünfte finden an Neujahr, am Tag St. Johannes Baptist (24. Juni), Aschermittwoch und am Schwörtag statt. Es sind auch außerordentliche Treffen möglich. Bei allen Zusammenkünften kann auch Ehrliche Spiel und kurtzweil getrieben werden.

8. Es ist ein Vorrecht der Gesellschaft vor anderen Zünften nicht nur – was den anderen Zünften auch zusteht – auf ihrer Stube Gastereien zu halten und Speis und Trank kommen zu lassen, sondern dies auch in anderen Wirtschaften zu tun.

9. Über den Kauf des Hauses in der Rietstraße und den daraus fließenden Kastenzins an das Kloster St. Blasien.

10. Wenn ein Stubenmeister oder ein anderer Amtsinhaber in Ausübung seines Amtes von Fremden beschimpft oder sonstwie angegriffen wird, so sollen ihn alle Mitglieder schützen und schadlos halten.

11. Bisher hat sich mit dem Stubenknecht allerhand Unordnung zugetragen, man ist hier in einer gütlichen Einigung begriffen.

12. Die Ordnung gilt in gleicher Weise für auswärtige wie für einheimische Brüder.

Diese Ordnungen und Statuten beeinträchtigen in keiner Weise den Magistrat, dessen obrigkeitliche Prärogativen, noch die gemeinen Stadtrechte, Freiheiten und Privilegien. Der Gesellschaft bleibt es vorbehalten, ihre Statuten zu ändern, zu mehren oder zu mindern.

29. März 1686

Anmerkungen:

1) Vorliegender Beitrag ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags, den ich unter dem Titel „Zunftverfassung und Patriziat mit besonderer Berücksichtigung Villingens“ am 28.11.1992 auf Einladung der Museumsgesellschaft in Villingen gehalten habe. Die Museumsgesellschaft versteht sich als Traditionsgesellschaft des Villinger Patriziats der ,Ehrsamen Müßiggänger‘ bzw. der Herrenstubengesellschaft. Für Anregungen und Kritik danke ich herzlich Dr. Kasimir Bumiller, Bollschweil.

2) Gegen diese Beschränkung wandte sich schon H. Lieberich. Vgl. Art. „Patrizier“. In: Handwörterbuch der deutschen Rechtsgeschichte. Hg. von A. Erler und E. Kaufmann. Göttingen 1964, Bd. 3, Sp. 1552: Grundsätzlich ist zu sagen, daß es [das Patriziat A. N.] keine Sondererscheinung der Reichsstädte ist. Auch in Bezug auf Städte wie Freiburg scheinen keine Vorbehalte dagegen zu bestehen, die Führungsschicht als Patriziat zu bezeichnen, vgl. etwa H. Nehlsen, Civites et milites de Friburg. Ein Beitrag zur Geschichte des ältesten Freiburger Patriziats. In: Schau-ins-Land 84 / 85. 1966 / 67, S.79 – 125.

3) Bader K. S., Stadtrecht und Bürgerfreiheit im alten Villingen. Karlsruhe 1952, S.8.

4) So formulierte etwa der erste VIllinger Stadtarchivar Christian Roder: Nachdem die Handwerker… 1324 die Neugestaltung der Stadtverfassung in dem demokratischen Sinne durchgesetzt hatten . . . „Geschichte der Stadt Villingen“. Konzept von Christian Roder 1893 ff. StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 BBB 14, Kap. III Zunftwesen.

5) Freilich nicht in der Form des früher an dieses Thema herangetragenen Gegensatzes zwischen adligem Geblüts- und bürgerlichem Verdienstrecht. Vgl. I. Batori, Das Patriziat der deutschen Stadt. Zu den Forschungsergebnissen über das Patriziat der süddeutschen Städte. In: Zeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege 2. 1975, S. 1-19, hier S.6.

6) Eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Regel könnte freilich gerade Villingen gewesen sein /Anmerkung: / Vgl. etwa die Regelung im großen Stadtrecht: Roder, Stadtrecht, S.38 f, S.79 f.

7) A. Rieber, Das Patriziat von Ulm, Augsburg, Ravensburg, Memmingen und Biberach. In: Deutsches Patriziat 1430 -1740. Hg. von H. Rössler. Limburg a. d. Lahn 1968, S. 318.

8) So etwa Lieberich, Sp. 1552.

9) Batori, S.16 f.

10) Bader, S. 8.

11) E. Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250 bis 1500. Stuttgart 1988, 5.190 f.

12) P. Revellio, Art. „Villingen“. In: Badisches Städtebuch, hg. von E. Keyser, Stuttgart 1959, 5.400.

13) Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 bis 1533, hg. von Chr. Roder (Bibl. des Literar. Vereins Stgt. 154). Tübingen 1883, S.56.

14) StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 54.

15) Oberrheinische Stadtrechte. Hg. von der Badischen Historischen Kommission Abt. 2 Heft 1: Villingen. Bearb. von Chr. Roder. Heidelberg 1905, S.78.

16) Dies kommentierte ein zeitgenössischer, zünftisch gesonnener, Chronist mit den Worten: Ist daz nit ain wunder, das sie [die Patrizier A. N.] solch hochmuet treiben von ains dantz wegen, daz sie die andern nit mit ihnen wolln dantzen lassen. Zitiert bei P. Eitel. Die oberschwäbischen Reichsstädte im Zeitalter der Zunftherrschaft, Stuttgart 1970, S. 99.

17) Roder, Stadtgeschichte (Zunftwesen).

18) K. D. Bechtold, Zunftbürgerschaft und Patriziat. Studien zur Sozialgeschichte der Stadt Konstanz im 14. und 15. Jh. Sigmaringen 1981, 5.243.

19) In einer Urkunde von 1367 ist die Rede von 215 der ersamen acker – diese Stelle könnte so interpretiert werden, daß das Patriarchat als Kaoporation Besitzt gehabt hat, was die Existenz einer Patrizier-gesellschaft sehr wahrscheinlich macht; Vgl. das Regest dieser Urkunde bei J. Fuchs (Hrsg.), Pfründ-Archiv Villingen, S.86.

20) Im Herzogtum Württemberg rekrutierten sich die Inhaber leitender Ämter aus einer Schicht die als ‚Ehrbarkeit‘ bezeichnet wurde.

21) U. Rodenwald, Das Leben im Alten Villingen im Spiegel der Ratsprotokolle Bd. 1. Villingen 1966, S. 23 f.

22) Renovierte Statuten und Ordnungen der Herrenstuben zu Villingen. StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 52.

23) Roder, Stadtrecht, S.78.

24) StA Villingen – Schwenningen 2 / 1 Z 13a. Daß je zwei Bürgermeister und Schultheißen genannt werden, hängt damit zusammen, daß die jeweiligen Amtsvorgänger, d. h. der Altbürgermeister und -schultheiß ebenfalls angeführt werden.

25) Zu den Ifflinger, vgl. J. Fuchs, Zur Geschichte der Freiherren von Ifflinger-Graneck, in: Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, 1978 / 79, S. 32 – 36.

26) Ist damit gemeint: Stabholz oder Bürgerholz spalten? So etwa Grimm, Deutsches Wörterbuch Bd. 17 Sp. 377.

27) StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 54.

28)Vgl. etwa Pkt. 6 der Statuten im Anhang dieses Beitrags.

29) Es gelten folgende Münzrelationen: 1 Gulden oder 240 Pfennige oder 60 Kreuzer oder 20 Schilling. Der eines ‚Pfundes‘ ist regional verschieden, er liegt in der Regel aber etwas höher als der Wert eines Gulden.

 

Das Franziskanerkloster in Villingen (Prof. Dr. Dieter Mertens)

Zur Geschichte seiner baulichen Nutzung

1982 konnte der erste Bauabschnitt des großen Unternehmens „Wiederherstellung des ehemaligen Franziskanerklosters in Villingen“ abgeschlossen werden. Dieser erste Bauabschnitt galt der Wiederherstellung des Kirchengebäudes und dem Ausbau zu einem Konzerthaus, was ein sehr kompliziertes Unterfangen gewesen ist. Der glückliche Abschluß wurde von September bis November 1982 mit einer Kaskade festlicher musikalischer Veranstaltungen gefeiert, und die erste dieser Veranstaltungen bildete der „Festakt zur Einweihung“ der zum Konzerthaus umgebauten Kirche.‘) Dieser Festakt galt selbstverständlich einer weltlichen „Einweihung“ im Unterschied zur Konsekration der Kirche im Jahr 1292, mit der der Konstanzer Weihbischof das Gebäude vor sieben Jahrhunderten seiner geistlichen Bestimmung übergab. Fünf von diesen sieben Jahrhunderten lang war die Franziskanerkirche, ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend, ein konsekrierter, geistlicher Raum. Ebenso lange wurden auch die Konventsgebäude von einer geistlichen Kommunität bewohnt. Hier soll die Geschichte der Nutzung dieser Klostergebäude vorgestellt werden, und darin bilden Jahrhunderte vom 13. bis zum 18. Jahrhundert die erste große Nutzungsperiode. Weil sie die längste ist, soll auf sie ausführlicher eingegangen werden als auf die nachfolgenden Perioden. In der ersten langen Nutzungsperiode ist der Gebäudebestand keineswegs unverändert geblieben. Die Bauten des 13. Jahrhunderts haben Erweiterungen erfahren, so insbesondere im späteren 15. Jahrhundert durch den Kreuzgang. Andererseits ist der alte Konventsbau während des Spanischen Erbfolgekrieges bei der Beschießung Villingens durch das Heer Tallards im Juli 1704 so stark getroffen worden, daß der Guardian Adrian Funk, der darüber berichtet, klassisch gebildet, wie er war, die Zerstörung Trojas zum Vergleich heranzog. 2) Die Konventsbauten waren weitestgehend ruiniert, von der Kirche das Dach und Gewölbe des Chores sowie das Dach des Langhauses zerstört. Zwischen 1705 und 1714 ließen die Mönche einen neuen und, wie ein vergleichender Blick auf die vielfach herangezogene Federzeichnung aus dem Ende des 17. Jahrhunderts zu erkennen gibt, sehr viel großzügigeren Konventsbau errichten und stellten Langhaus und Chor wieder her, wobei letzterer jedoch nur flach gedeckt und nicht mehr, wie zuvor, eingewölbt wurde. Dieser großdimensionierte Konventsbau des 18. Jahrhunderts ist es, der zusammen mit der Kirche die späteren Umnutzungen erlebte und der nunmehr wiederhergestellt ist. Entsprechend diesen Nutzungsperioden sollen die nachfolgenden Ausführungen gegliedert werden, ein Kapitel „Von Assisi nach Villingen“ soll sie einleiten. Der 2. Abschnitt heißt „Das Kloster in der Stadt – ein Kloster für die Stadt“ und behandelt die fünf franziskanischen Jahrhunderte; es folgt „Das Kloster als Kaserne“ und „Das Kloster als Spital“.

1. Von Assisi nach Villingen

Im Jahr 1267 wurden die Franziskaner nach Villingen gerufen. Der heilige Franziskus war damals bereits seit vierzig Jahren tot, und sechzig Jahre war es her, daß er öffentlich der Welt abgesagt und sich in einem spektakulären Akt zu einem Leben der Christusnachfolge in freiwilliger Armut bekannt hatte, ein Akt, der am Anfang der franziskanischen Bewegung steht. Dies war wohl 1206. Der Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro Bernardone aus Assisi und der wohl aus der Picardie stammenden, vielleicht adeligen Donna Pica, der den Taufnamen Giovanni trug, von seinem Vater aber Francesco, „Franzose“, gerufen wurde, sagte sich öffentlich in spektakulärer Weise vor dem Bischof von Assisi und einer Menge Leute von seinem Vater los. Nicht seinen Übernamen legte Giovanni alias Francesco damals ab, im Gegenteil, der Name Francesco blieb ihm und ging auf die von ihm initiierte Bewegung – die franziskanische Bewegung – und den daraus hervorgegangenen Orden – den Franziskaner-Orden – über. Franziskus gab seinem Vater vielmehr die Kleider zurück zum Zeichen, daß er dessen Welt, die bisher auch die seine gewesen war, und seine bisherige Lebensweise ablegte, um nunmehr „nackt dem nackten Christus zu folgen“, das heißt: in völliger Armut die Nachfolge des Gekreuzigten zu üben. In der Oberkirche San Francesco in Assisi hat Giotto um 1300 diese Szene gemalt gemäß der Legenda maior des Hl. Bonaventura, des Ordensgenerals der Franziskaner von 1257 bis 1274. Auf der linken Bildseite steht vor einer Menge Leute der Vater, die Kleider des Sohnes schon über dem Arm, und blickt grimmig, ja fassungslos auf Franz. Der aber schaut ihn nicht an; er steht dem Vater wohl gegenüber, doch ist er durch einen leeren Raum von ihm getrennt; sein Blick und seine gebetsweise aneinandergelegten Hände richten sich, wie es die Franziskus-Erzählungen besagen, nach oben über den irdischen Vater hinweg zum Vater im Himmel, während der Bischof mit seinem Pluviale, dem weiten Chormantel, die Blöße Franzens verhüllt. Franz „verließ die Welt“, wie er später in seinem Testament schreibt. Er betrat „den Weg verachteter Armut, erniedrigender Buße und skandalerregender Absonderlichkeit“)) Von den Gefährten, die sich ihm anschlossen, verlangte er ein Leben, das sich nicht um das Morgen kümmert, nicht um das Dach über dem Kopf und nicht um Essen und Trinken, und er schickte sie zu predigen aus ohne Stock und Schuhe und ohne Reisegeld.4)

Als Graf Heinrich von Fürstenberg 1267 / 1268 die Söhne des Hl. Franz nach Villingen rief, „in unsere Stadt (castrum, villa) Villingen“, da wandte er sich an den Amtsträger eines etablierten und durchorganisierten Ordens, an den Bruder Albert, Minister (d. i. der Provinzial) des Ordens der Minderbrüder in Oberdeutschland. 5) Das Schreiben des Villinger Stadtherrn an den Bruder Albert läßt keinen Gedanken aufkommen an Waldeinsamkeit und Vogelpredigt, an unorganisertes Hausen und Beten in Höhlen, an die Sorglosigkeit der Lilien auf dem Felde, vielmehr ist die Rede von einem Haus (domus), das die Brüder übernehmen können oder neu erbauen sollen, von Grundstücken, die sie jetzt und künftig nutzen werden, von Rechten und Freiheiten; Statuten und Gewohnheiten eines Ordens – eines Ordens, der schon so viele Niederlassungen in Deutschland besaß, daß er sie 1239 organisatorisch in vier Provinzen einteilte, in die kölnische, die sächsische, die österreichische und eben die oberdeutsche, die ihrerseits seit 1260 in sechs Kustodien untergliedert war. Zur Boden-see-Kustodie (Custodia Lacus), welcher die Villinger Gründung zugeordnet wurde, gehörten damals die Konvente in Lindau (1239 / 1240), Konstanz (1240), Zürich (nach 1240), Luzern (nach 1240) und Schaffhausen (1262) – gleichzeitig mit Villingen ist Überlingen (1267), wenig später (1280) ist Burgdorf (Kanton Bern) und erst in großem Zeitabstand sind die Klöster auf dem Viktorsberg (Bezirkshauptmannschaft Feldkirch; 1370) und in Hausach im Kinzigtal (1475) hinzugekommen. 6)

Assisi 1206 und Villingen 1267 – der Unterschied zwischen dem Auszug des Franziskus aus der Welt und dem Einzug der Franziskaner in Villingen, zwischen dem unbehausten Franz von Assisi und den mit Haus- und Grundstücksangeboten nach Villingen gelockten und im Jahr darauf, 1268, hier seßhaft gewordenen Franziskanern erscheint riesengroß und kaum zu überbrücken. Tut sich hier nicht ein Gegensatz auf? Handeln die Franziskaner von 1267 / 1268 noch im Sinn des Franziskus? Franziskus hat ein frühchristliches Asketentum erneuert, das noch nicht auf Organisation und Gehorsam gegründet und gesellschaftlich noch nicht integriert war. Er hat aber gleichzeitig seine Anhänger zu Predigt und Seelsorge in die Städte gesandt. Die Spannung zwischen Selbstheiligung und Seelsorge, zwischen dem Auszug aus der Welt und den Erfordernissen einer organisierten und in Kirchenräumen geübten Seelsorge in der Welt führte schon zu Lebzeiten des hl. Franz zu Konflikten unter den Anhängern, d. h. in dem seit 1209 sich allmählich ausformenden und gleichzeitig rasch ausbreitenden Orden, der 1223 mit einer päpstlich approbierten Regel versehen wurde. Diese freilich fragmentarische und weiterer Auslegung bedürftige – Regel hat den grundlegenden Konflikt nicht beseitigt. Franz hat den geistlichen Sprengsatz seines charismatischen Asketentums nie ganz entschärft, so daß immer neue franziskanische Gruppen den Anspruch erhoben, die wahren Intentionen des hl. Franz zu erfüllen, und immer neue Abspaltungen und Reformbewegungen die Geschichte des Franziskanerordens bestimmten. Über Kirchen- und Konventsbauten hatte Franziskus in seinem Testament, sie zwar billigend, aber die Billigung doch wieder doch einschränkend, geschrieben: „Die Brüder mögen sich hüten, Kirchen und Unterkünfte und alles, was sonst noch für sie errichtet wird, anzunehmen, wenn sie nicht, wie es sich gehört, der heiligen Armut gemäß sind, deren Einhaltung wir in der Regel versprochen haben, und sie sollen dort immer nur gastweise wohnen wie Fremdlinge und Pilger.“7) Als die Franziskaner nach Villingen gerufen wurden, leitete der große Bonaventura den Orden, der neben dem Dominikaner Thomas von Aquin in Paris Theologie gelehrt hatte und wie kein zweiter die Hinwendung der Franziskaner zur theologischen Wissenschaft verkörpert, ein neues, von Franziskus selber nicht vorgelebtes Element. Bonaventura hat die auseinanderstrebenden Flügel der franziskanischen Bewegung wieder zusammengeführt und den Orden als sein „zweiter Gründer“ konsolidiert. Er hat in Fortführung der Konzessionen des Franziskus-Testaments die Errichtung von Konventsgebäuden verteidigt und dabei allgemeine Bauvorschriften formuliert. Erlaubt ist nach Bonaventura nur, was notwendig, vernünftig und zweckentsprechend ist. Überflüssiges, Vorwitzig-Erlesenes, Weltliches, der Armut nicht entsprechendes Bauen und Ausstatten ist verboten, also ein Übermaß an Länge, Breite und Höhe, erlesene Malereien, Schnitzereien, Verglasungen, Säulen. Nur gastweise zu wohnen, gilt als eine Frage der Einstellung, nicht des Besitzrechtes. Laut Bonaventura ist überflüssiger baulicher Aufwand eine fünffache Sünde: Er bedeutet eine Verletzung des Armutsgelübdes, gibt ein schlechtes Beispiel im Orden, verstrickt die Brüder in unnütze weltliche Geschäftigkeit, beraubt die Armen der ihnen zustehenden Almosen und führt zu überzogener Betteltätigkeit, wodurch die Sympathien der Bevölkerung und die Chancen der Seelsorge aufs Spiel gesetzt werden. 8)

Am 15. Januar 1268 wurde in Villingen der Start für die Bautätigkeit der Brüder freigegeben. Graf Heinrich I. von Fürstenberg, der Begründer der heute noch existierenden Fürstenberger Linie und große Förderer Villingens, seit dem Ende der Stauferherrschaft 1254 faktisch der Stadtherr, der 1257, zehn Jahre vor den Franziskanern, schon die Johanniter in die Stadt geholt hatte 9), stellte in einer Urkunde fest, daß die Franziskaner auf seiner und seiner Frau Agnes dringende Aufforderung, dazu im Einverständnis und mit Bitten der Bürger Villingens, geholt worden seien, daß ihnen ferner keinerlei Auflagen gemacht werden – also weder bezüglich der mit der Pfarrkirche konkurrierenden Seelsorge noch etwa bezüglich der notwendigen Bauten -, daß sie vielmehr ganz nach den Regeln, Gewohnheiten und Freiheiten ihres Ordens handeln dürften und daß die Grundstücke, die sie jetzt und künftig innehaben werden, und die Wege innerhalb des Mauerrings, die an ihre Grundstücke anstoßen, von allen Lasten und Auflagen befreit seien.10) Der Stadtherr war zweifellos der Eigentümer der Grundstücke, die den Franziskanern gegeben wurden – nicht übereignet, sondern zum Nießbrauch (ad usum vestri ordinis) überlassen, denn der Orden als ganzer verstand sich als arm, nicht nur seine einzelnen Mitglieder. Den Stadtherrn Graf Heinrich und seine Frau Agnes nannte denn auch eine Inschrift, die später, nach der Fertigstellung des Chores, auf dessen östlicher Innenwand angebracht wurde. 11) Von den Bürgern Villingens sprach die Inschrift nicht, sie galten also nicht als Mitstifter. Doch ihr Einverständnis, das die Urkunde festhält, war nötig, weil der Mauerring eben den Raum umschloß, in dem neben dem Stadtherrn die Bürgerschaft mitbestimmte und den die Bürgerschaft in zunehmendem Maß als ihren Rechtsraum ansah, aus dem aber mit nun der Ansiedlung der Franziskaner ein Teil herausgenommen, einer geistlichen Kommunität ein Stück „stadtrechtsfreien“ Raumes zugebilligt wurde.

2. Das Kloster in der Stadt – ein Kloster für die Stadt

1268 konnte also mit dem Bau einer Kirche und eines Konventsgebäudes begonnen werden sowie mit der Anlage eines Friedhofs. Ein erster Bauabschnitt deutet sich an, der sich möglicherweise auf das Langhaus bezieht: 1275 können fünf Altäre und der Friedhof geweiht werden (cimiterium apud fratres Minores in Villingen et quinque altaria).12) Damals hatten – wie Grabungen von 1943 ergeben haben – drei Häuser, die anscheinend ohne Fundamentierung bloß auf Holzschwellen errichtet waren, der Anlage des Friedhofs weichen müssen.13) Häuser zählten ja nicht generell zu den Immobilien, es gab durchaus Holzhäuser, die zerlegbar und transportabel waren und darum den Mobilien zugerechnet wurden. 1292 endlich waren Kirche und Konventsbau der Franziskaner fertiggestellt. Am 27. April jenes Jahres, dem Sonntag Jubilate, vollzog der Konstanzer Weihbischof Bonifacius, ein Augustinereremit, die Einweihung der Kirche.14) Er tat dies vermutlich im Beisein von Brüdern aus allen Konventen der oberdeutschen Provinz. Denn das Provinzialkapitel dieses Jahres fand in Villingen statt, und ein Sonntag Ende April oder Anfang Mai, Jubilate oder Cantate, ist ein durchaus üblicher Versammlungstermin für die Provinzialkapitel. Der Weihetermin dürfte von dem Kapitelstermin bestimmt worden sein, nicht umgekehrt. Zum oberdeutschen Provinzialkapitel hatten sich die Kustoden der sechs Kustodien Elsaß, (Mittel-)Rhein, Basel, Bodensee, Schwaben und Bayern einzufinden, die vom Provinzial berufene Brüder sowie gewählte Vertreter der Konvente, d. h. Vertreter von etwa einem halben Hundert Franziskanerklöstern von Friedberg in der Wetterau und Frankfurt am Main bis Freiburg im Üchtland, von Kaiserslautern und Saarburg, bis Würzburg und Bamberg, von Straßburg und Rufach im Elsaß bis Regensburg, Landshut und München. 15) Graf Heinrich, der Gründer des Villinger Klosters, war schon 1284 gestorben, er hatte sich zwar in Villingen begraben lassen, aber nicht auf dem Friedhof der Franziskaner oder gar in deren Kirchenbaustelle, sondern beim Münster. 16) Die Inschrift an der Ostwand des Chors der Franziskanerkirche, die an Graf Heinrich und seine Frau Agnes erinnert, 17) könnte 1292 angebracht worden sein, könnte aber wegen der Verwendung des Wortes monasterium (Kloster) sehr wohl auch jünger sein. Die Franziskaner des 13. Jahrhunderts wollten nicht wie die traditionellen, seßhaften Orden sein, auch wenn sie ihnen in Wirklichkeit in vieler Hinsicht ähnlicher wurden, und vermieden es, ihre Männerkonventen als monasteria zu bezeichnen; lieber sprachen sie von loca, Niederlassung, oder domus, Häusern. 18) Von einem Haus (domus), das die Brüder übernehmen oder das für sie gebaut werden sollte, sprach auch Graf Heinrich von Fürstenberg, als er die Brüder 1267 / 1268 nach Villingen rief. Die Datierung der Inschrift hängt natürlich auch davon ab, ob der Chor gleichzeitig mit dem Langhaus, der Kirchenhalle, erbaut worden ist. Ungewöhnlich wäre das nicht. So wurde die Würzburger Franziskanerkirche, erbaut von 1250 bis 1291, sogar mit dem Chor begonnen, einem rechteckigen, aber eingewölbten Chor. In Rufach, wo die Franziskanerkirche zur selben Zeit entstand, hat der Chor hingegen ebenso wie in Villingen einen Fünf-Achtel-Schluß, ist aber flach gedeckt, obwohl doch eine polygonale Brechung des Chorschlusses in den Bereich des Gewölbebaues gehört. 19) Die Wände des Villinger Chores werden von Strebepfeilern gestützt, und dies macht doch nur Sinn, wenn auch eine Einwölbung vorhanden war. Der drei Joch lange, polygonal geschlossene und auch gewölbte Chor (und zwar auf Konsolen gewölbt, nicht wie bei den Dominikanern auf Diensten, die bis nach unten reichen) begegnet in Franziskanerkirchen zuerst in Freiburg im Üchtland und in Freiburg i. Br. und wird in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die spezifisch franziskanische Form des Chors. 20) Dem dürfte der Villinger Chor wohl entsprochen haben. Das Villinger Langhaus, ein einschiffiger Saal, unterscheidet sich von den Langhäusern der eben genannten gleichzeitigen Franziskaner-kirchen, denn diese haben allesamt drei Schiffe. Für Villingen könnte Lindaus Franziskanerkir-che als Vorbild gedient haben, ehemals eine Saalkirche – im 19. Jahrhundert zum Theater umgestaltet. Deren Chor ist allerdings erst nachträglich, im 14. Jahrhundert gebaut worden. Finanziert wurde die ausgedehnte Bautätigkeit der Villinger Franziskaner unter anderem durch die 1268, 1270, 1275 und 1281 gewährten Ablässe und natürlich durch den Bettel der Mönche in Stadt und Land. Um ein Beispiel zu nennen: Der 1275 bei der ersten Altar- und Friedhofsweihe gewährte Ablaß bezog sich allein auf den 1. Mai, der als Kirchweihtag festgesetzt wurde, und besagte: Wer an diesem Tag und den nachfolgenden acht Tagen in wahrhaft reuiger Gesinnung die – irgendwie noch unfertige – Franziskanerkirche besucht (die Urkunde spricht von locus, Niederlassung) und die Messe hört, der erhält von jedem der fünf geweihten Altäre einen Nachlaß der Sündenstrafen von einem Jahr von läßlichen und von 40 Tagen von schweren Sünden.21) Der Bettel in Stadt und Land durfte, wir hörten es schon von Bonaventura, grundsätzlich nicht überstrapaziert werden; und es bauten in Villingen nicht nur die Franziskaner. Das Münster wurde nach dem Brand von 1271 wiedererrichtet, das Heilig-Geist-Spital beim Münster baute mit Hilfe eines Ablasses von 1286, die Schwestern der Vettersammlung besaßen Ablaßbriefe von 1255 und 1294.22) Überhaupt wurden in vielen Städten Kirchen gebaut: Franziskaner-, Dominikaner-, Augustinereremitenkirchen, Klarissenklöster und Dominikanerklöster mit ihren Kirchen und noch anderes mehr. Daß viele dieser Kirchen lange Bauzeiten haben, kann u. a. wegen der Gleichzeitigkeit großer Unternehmungen, die alle finanziert sein wollten, nicht verwundern. Die Konsekrationshandlung des Konstanzer Weihbischofs vom Sonntag Jubilate des Jahres 1292 bezog sich auf die Kirche und – noch einmal – den Friedhof. Die Konventsgebäude waren sicherlich ebenfalls fertig und beherbergten die große, vermutlich über hundert Personen zählenden Versammlung des Provinzialkapitels. Den Bürgern der Stadt Villingen präsentierte sich das Franziskanerkloster in seiner Funktion für den Orden. Und diese Funktion – Ort des Provinzialkapitels zu sein – hat es in seiner 500jährigen Geschichte insgesamt 26 mal erfüllt: das zweite Mal erst wieder 1406, nach 116 Jahren, doch im 15. und 16. Jahrhundert im Durchschnitt alle 12 Jahre, danach im Schnitt alle 20 Jahre. 23) Die Beherbergungskapazität des Klosters muß also schon vor dem Neubau der Konventsgebäude im 18. Jahrhundert beträchtlich gewesen sein. Wenn die habsburgischen Landesherren in Villingen logierten, taten sie dies bei den Franziskanern. 24) Die Franziskaner waren im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert mehrfach bereit und in der Lage, Teilen der Freiburger Universität Unterkunft und Unterrichtsräume und gewiß auch die Benutzung ihrer Bibliothek zu bieten, wenn nämlich in Freiburg die Pest ausgebrochen war und man Zuflucht suchte in der hochgelegenen Schwarzwaldstadt mit der gesünderen Luft. 25) Diese Funktion des Klosters für den Orden, die Herrschaft und die vorderösterreichische Universität waren, schaut man auf den Alltag, doch die Ausnahme. Die Regel war vielmehr, daß das Kloster Funktionen für die Stadt und ihr Umland ausübte: potentiell für jeden einzelnen und für Gruppen und außerdem für die Kommune. Diese Funktionen lassen sich rasch aufzählen: Die Hauptsache des Klosters ist seine Kirche, und diese ist ein Ort der Predigt und der Liturgie; der Kirchenraum ist von der Predigt her gedacht: der schlichte Saal ohne geheimnisvolle Nischen, dämmrige Nebenkapellen oder sich verselbständigende Querschiffarme und Vorhallen ist architektonisch ganz auf die Situation der öffentlichen Rede, den Hör- und Blickkontakt zwischen Redner und Zuhörern ausgerichtet. Als Ort der Liturgie, der Messe, speziell auch des Gedächtnisses der Verstorbenen in Messe, Chorgebet und Prozession, als Ort der Beichte, des Totengedächtnisses, der gemeinschaftlichen und privaten Andacht wendet sich das Kloster mit seiner Kirche und dem Friedhof im Prinzip an alle in der Stadt, aber auch an die Menschen im Umland z. B. in den sog. Termineien, den Bezirken, wo die Mönche betteln und als Gegenleistung für die materielle Gabe ihr Gebet anbieten, das sie durch ein frommes, asketisches Leben bei Gott angenehm und wirksam zu machen versprechen. Die Verbindung zwischen den gläubigen Wohltätern und den Franziskanern wird anschaulich und greifbar deutlich, wenn man im Archiv die Reste des um 1400 angelegten pergamentenen Jahrzeitbuches in die Hand nimmt, das einmal kalendarisch das ganze Jahr hindurch die Personen aufgeführt hat, deren die Brüder im Gebet gedenken sollten. Acht zerschnittene Blätter umfaßt es noch, mehr ist nicht erhalten, weil das Pergamentbuch im vergangenen Jahrhundert zum Lederpreis an einen Klaviertischler versteigert war, der das Pergament für die Belederung der Hämmer gut gebrauchen konnte. 26) Das später für das Stadtarchiv zurückerworbene Fragment verzeichnet Bürger und Adelige, weltliche und geistliche Personen, unter den letzteren insbesondere Schwestern. Noch diese Reste, die erhalten sind – die Jahrgedächtnisse bloß von November und Dezember -, zeigen hinreichend deutlich, daß die Anziehungskraft des Klosters auf alle sozialen Schichten beträchtlich gewesen ist. Gewiß gab es nicht wie anderenorts die Konkurrenz der Dominikaner, denen sonst die vermögenderen Schichten in stärkerem Maße zuneigten, aber die Villinger Johanniter haben den Franziskanern offenkundig einen Teil des Adels überlassen müssen. Die Reste des Jahrzeitbuches vermitteln auch den Eindruck, der sich andernorts bei günstigerer Überlieferungslage statistisch ermitteln läßt, daß die Frauen unter den Wohltätern stärker vertreten sind als die Männer und auch mehr Frauen als Männer sich auf dem Franziskanerfriedhof begraben ließen. In Notzeiten stieg die Zahl der Stiftungen gewöhnlich an. So ist es sicherlich kein Zufall, daß die älteste erhaltene Urkunde über eine Jahrzeitstiftung aus dem Jahr 1349 stammt, als die große Pest über ganz Europa und auch durch Villingen zog und hier 3500 Tote zurückließ, darunter 500 schwangere Frauen. 27) Auch die größte aller Villinger Jahrzeitstiftungen – die Überlebenden der Pest bildeten sie zugunsten der Pestopfer aus deren Hinterlassenschaft war bei den Franziskanern ‚angebunden. 28) Jahrzeitstiftungen haben eine geistliche wie auch eine wirtschaftliche Seite. Die Fürbitte für das Seelenheil des Stifters macht diesen in der Liturgie der Klosterkirche, ja im Chorraum der Brüder selbst gleichsam gegenwärtig, wenn nämlich am Jahrzeittag sein Name aufgerufen und seiner in der Messe gedacht, wenn sein Grab besucht wird, das sich in oder bei der Kirche oder im Kreuzgang befindet (uber das grab gon und visitieren mytt gebett und röch [Weihrauch] nach gewonlich bruch unsers goczhüß). 29) Umgekehrt machen die den Franziskanern übergebenen Einkünfte aus Liegenschaften – Wiesen, Äckern, festen Häusern – die Brüder außerhalb des Klosters präsent als Bezieher von Veesen und Pfenningen, von Natu-ral- und Geldrenten. Und wenn sie die ihnen übergebenen Gelder interessierlich, d. h. verzinslich (zu 5 %) anlegten bei der Stadt, den Fürstenbergern, bei privaten Gläubigem in Villingen selbst, im österreichischen Bräunlingen, in den komturischen, zur Johanniter-Kommende gehörigen Dörfern Dürrheim, Weigheim, Obereschach und Neuhausen, im fürstenbergischen Donaueschingen, im rottweilischen Deißlingen, im württembergischen Kappel (Gemeinde Niedereschach), dann knüpften sie geldgeschäftliche Fäden zur Bevölkerung des umliegenden Landes. 30)

Die Bruderschaften banden mehrere Villinger Personengruppen besonders eng mit Kirche und Kloster der Franziskaner, die Bruderschaften repräsentierten sich auf dauerhafte Weise in und bei der Kirche. Sie hatten besondere Altäre. Und auf dem Friedhof oder gar im Kreuzgang ließen sie sich Begräbnisplätze möglichst dicht an der Kirche vertraglich zusichern. Die Sebastiansbruderschaft versammelte sich am Marienaltar, die Bruderschaft der Hufschmiedknechte am Elogiusaltar (beide Altäre auf der Ostseite), die Schneider am Franziskusaltar und die Weber am Severusaltar (auf der Westseite). Die Hufschmiedknechte durften sich bei der inneren Pforte bestatten lassen und die Schneider beim Eingang zur Kirche. Vom 16. bis 18. Jahrhundert kamen drei oder vier ganz andere, nämlich nichtzünftische Bruderschaften hinzu, die sich der Pflege bestimmter Frömmigkeitsformen widmeten: die Passions-, die Franziskus-, die Antonius-von-Padua-Bruderschaft und die von den fünf Wunden Christi, vielleicht eine Erneuerung der Passionsbruderschaft. 31)

Aus Predigt und Liturgie sind die Passionsspiele hervorgegangen, zu deren kontinuierlicher, wenngleich nicht jährlicher Pflege sich am Katha-rinentag (25. November) 1585 die erwähnte Pas-sionsbruderschaft zusammenschloß. Der Prolog des ältesten erhaltenen Textbuchs, das ein Mitglied der Bruderschaft 1599 verfaßt hat und nach dem bis in das 17. Jahrhundert gespielt wurde, gibt darüber Auskunft. 32) Das Passionsspiel fand normalerweise im Garten an der Südseite des Franziskanerklosters statt, 142 Spieler wurden benötigt. Das Erdbeben beim Kreuzestod Christi wurde mit Böllerschüssen von der Brigachbrücke her simuliert; damit Felsen zerspringen und Gräber sich öffnen, gab es Kulissen mit entsprechenden technischen Vorrichtungen. Die Aufführungen konnten so angelegt sein, daß sie mehrere Tage dauerten – 1768 von Kardienstag bis Karfreitag einschließlich einer nächtlichen Prozession und der Kreuzigungsdarstellung auf dem Marktplatz -, sie waren ein weithin beachtetes Ereignis.

Das Franziskanerkloster Villingen aus der Vogelperspektive, ca. 1650.

Im 18. Jahrhundert, als die erhaltenen bemalten Holzkulissen durch Johann Sebastian Schilling, der auch das Kirchenschiff ausmalte, hergestellt wurden, verfaßten die Fran-ziskanerpatres neue Dramentexte: Meinrad Schwarz (1718) und Exuperius Weizenegger (1742). Jetzt fanden die Aufführungen immer häufiger im geschlossenen Raum, nämlich in der Franziskanerkirche statt, z. B. 1742 und 1766 mit der Begründung, das auf- und wieder abschlag-bare hölzerne Theater sei baufällig und das Wetter kalt. Die heutige kulturelle Nutzung des Kirchenraumes deutet sich an, den Franziskanern hat das freilich ein schlechtes Gewissen gemacht. Das durchschlagende Argument lautete : Wenn die Franziskaner nicht ihre Kirche zur Verfügung stellen, werden die Spiele in das Theater der Benediktiner verlegt. Um das größere Übel, die Abwanderung der Spiele, zu vermeiden, ist das kleinere Übel zu wählen. 33) Nachdem der Josephinismus 1769 / 1770 den Passionsspielen ein Ende gemacht hatte, rügten die Franziskaner in einem 1771 zu Ehren der hl. Katharina aufgeführten Drama den indifferentismus in vita moderna politica.34) Doch eine Wiederzulassung der Passionsspiele erreichte die Bruderschaft nicht.

Die Patres Schwarz und Weizenegger, die Verfasser der jüngeren Dramentexte, waren Lehrer, der eine für Philosophie, der andere für Rhetorik, an dem Gymnasium der Franziskaner. 35) Dieses war 1650 auf Bitten der Kommune errichtet und 1711 um eine Oberstufe erweitert worden und bestand bis 1774, als die Vorderösterreichische Regierung es mit dem konkurrierenden Gymnasium der Benediktiner in deren Kloster zusammenlegte. 124 Jahre lang hat das Franziskaner-kloster den Villingern also auch als gymnasiale Ausbildungsstätte gedient. Theaterspielen war Bestandteil der rhetorisch-literarischen Ausbildung, und deshalb haben die Schüler – im 18.

Jahrhundert in dem auf- und abbaubaren Theater – regelmäßig Komödien – d. h. nicht Stücke zum Lachen, sondern mit gutem, erhebenden Ausgang wie die Passion, die darum auch Passi-onskomödie hieß – gespielt, welche zumeist von den Patres verfaßt waren. Freilich haben die Franziskaner auch schon vor 1650 Schüler unterrichtet – schon 1398 und 1436 ist von Schülern die Rede 36) -, gewiß, wie es üblich war, vor allem im Psalmensingen und in anderen liturgischen Funktionen.

Ziehen wir ein Zwischenresümee dessen, wodurch die Franziskaner mit ihren Gebäuden Kirche und Kloster – und dem Friedhof den Villinger Bürgern gedient und sich der Stadt verbunden haben, dann kommt die ganze Fülle der in Konkurrenz mit dem Münsterklerus ausgeübten geistlichen Funktionen in den Blick: der Sakramentenspendung, Liturgie und Predigt, des Begräbniswesens und des Totengedächtnisses und der Betreuung von Bruderschaften, aber auch die Funktionen im Bildungswesen, in der Frühneuzeit vor allem im höheren, in Gymnasium und Theater. Die konkrete Rolle des Asylrechts – das Franziskanerkloster, das ja nicht dem Stadtrecht unterlag, konnte Verurteilte und Gefängisausbrecher vor dem Strafvollzug schützen – bliebe noch zu untersuchen, das Recht ist gelegentlich belegt in der Wahrnehmung durch Delinquenten wie in Bestreitung durch die Stadt, seine konkrete Bedeutung ist schwer zu ermessen, es scheint im Rechtsleben der Stadt daher nicht nebensächlich gewesen zu sein.

Doch das war noch nicht alles. Wenn die Franziskaner, wie beschrieben, in ein solch enges Verhältnis zur Stadt getreten sind, wenn die Mönche, die doch einem mobilen Orden verpflichtet waren, ohne nicht an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Niederlassung gebunden zu sein, zu einem integrativen Bestandteil der Stadt geworden sind, sozusagen zu einem Stück Villingen, dann stellt sich die Frage, ob am Ende nicht die Stadt der bestimmende Teil gewesen ist und die Stadt sich das Kloster dienstbar gemacht und gleichsam einverleibt hat.

In der Tat hat das Gewicht der Stadt ständig zugenommen. Die weitgehende Entmachtung der Fürstenberger zu Beginn des 14. Jahrhunderts und der Herrschaftswechsel zu den Habsburgern – die ja ferne Herren waren und den Städten Vorderösterreichs deutlich mehr Autonomierechte gewährten als z. B. die württembergischen Grafen und Herzöge ihren Amtsstädten, denen sie stets bestimmend nahe waren 37) –, die Veränderungen auf der landesherrlichen Ebene ließen in Villingen das Dreierverhältnis Fürst-Kommune-Kloster praktisch zusammenschrumpfen zu dem Zweierverhältnis Kloster-Kommune. Bürgermeister, Schultheiß und Rat rückten anstelle des Landesherrn zu Konservatoren, Schutz- und Schirmherren des Klosters auf.“) Dem Kloster fehlte darum ein Rückhalt, wenn ihn der Orden nicht bot. So nutzte die Kommune schon bald, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts, die Franziskanerkirche für die jährliche Verlesung des Stadtrechts und für die Ratswahl, also für ihre kommunalen Angelegenheiten; 1295, während der Umbruchszeit der Villinger Stadtverfassung, hinderten die Bürger gewaltsam die Anwendung der Disziplinargewalt der Guardians gegenüber einem Mitbruder, zugleich leiblichen Bruder des Provinzials, der vielleicht aus Villinger Patriziatskreisen stammte; 39) der Pfleger, der die Geldgeschäfte der Franziskaner abwickelte, weil diese es selber aufgrund ihrer Regel nicht durften, und dem der Guardian jährlich Rechnung legte, war niemand anders als der Bürgermeister; die Stadt war bevorzugter Geschäftspartner bei der Anlage von Kapital, sie zahlte im 18. Jahrhundert nur 4 % anstatt der üblichen 5 % Zinsen; 40) die Inanspruchnahme des klösterlichen Asylrechts 41) stellte der Rat unter Strafe; 1571 muß das Provinzialkapitel sich gar die Einmischung des Rates in die Besetzung des Guardianats verbitten; 1598 regelten der Rat und die Provinz- und Konventsvorsteher vertraglich die Beseitigung von Mißständen und die Amtsführung des Guardians; 42) über das Gymnasium übte der Rat im 18. Jahrhundert die Schulaufsicht aus. Auch in seiner sozialen Zusammensetzung war der Konvent der Stadt immer ähnlicher geworden. Das Rekrutierungsfeld des Villinger Konvents verengte sich im Laufe der Zeit. Die Villinger Bürgersöhne wurden zahlreicher. Am Ende des 18. Jahrhunderts waren von den noch zehn Patres neun aus Villingen gebürtig und einer aus Fürstenberg. 43) Verließ, wer in den Orden eintrat, noch die Welt oder ging er nur nach nebenan? Familienbande spielten unweigerlich eine immer bedeutendere Rolle. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wo wir genaue Konventslisten haben, erscheint das Franziskanerkloster wie ein Familienbetrieb der Patrizierfamilie Wittum, fünf Wittums gehörten 1765 gleichzeit zum Konvent.44)

Im selben 18. Jahrhundert unter Kaiserin Maria Theresia und ihrem aufklärerischen Sohn Kaiser Joseph II. wurde die Stadt entmachtet – doch nicht zugunsten des Klosters, sondern allein zugunsten des Landesherrn. Es ging nun auch um die Existenz des Klosters.“) Das erste Verbot der Passionsspiele 1770, die Aufhebung des Franziskanergymnasiums 1774, die Abschaffung der Bruderschaften 1784, die Beseitigung des Friedhofs 1785 waren der Beginn der „Abwicklung“. Nicht die Reformation, sondern die Aufklärung hat den Villinger Franziskanern das Ende bereitet. Die Schulkomödie des Jahres 1771 geißelte, wie bereits erwähnt, den indifferentismus, die religiöse Gleichgültigkeit, die im politischen Leben herrsche. 46) 1797 wurde das Kloster förmlich aufgehoben, so daß eine 500 Jahre währende Periode der franziskanischen Nutzung des Klosters zuende ging, geprägt von einer intensiven Symbiose des Klosters mit der Stadt. Die Stadt hatte immer stärkeren Einfluß ausgeübt und sich das Kloster sozial anverwandelt und gleichsam einverleibt, und so erscheint es angesichts der Bedeutung schon allein der Räumlichkeiten – des Kirchenraums und der Konventsge-bäude – beinahe logisch, daß der Rat als erster 1791 der Regierung die Aufhebung des Klosters zum Zweck der Umnutzung als Kaserne vorschlug – um so nämlich die Villinger Bürger vor den Unannehmlichkeiten immer neuer Einquartierungen von Militär in die Privatwohnungen zu bewahren. Die Überlassung des Klosters und seines Vermögens an die Stadt lehnte die vorderösterreichische Regierung ab, und so blieb vorerst unklar, ob die Klostergebäude kaiserliches, landständisches, städtisches oder minoritisches Eigentum seien.47)

3. Das Kloster als Kaserne

1791 zogen tatsächlich erstmals Soldaten in das nur noch mit vier Priestermönchen besetzte Franziskanerkloster ein. Noch waren es österreichische oder mit Österreich verbündete Truppen. Die Mönche mußten Unterkunft in Privathäusern suchen. Erste Umbauten wurden im Kloster vorgenommen, aber bis 1808 blieben die Altäre in der als Stall und Magazin genutzten Kirche einfach stehen. Die Kirche war noch nicht rite profaniert, 48) dies geschah erst 1808 bis 1810, nach dem Übergang an Baden. Kirche und Klostergebäude verwahrlosten zunächst einfach. Im Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 wurde Villingen Württemberg zugesprochen. Eine Woche später, am 3. Jänner 1806 – so ein Bericht des Magistrats von 1813 -wurde die Stadt Villingen durch eine Königlich-Württembergische Zivil- und Militärkommission in Besitz genommen. Diese Inbesitznahme hatte unter anderem zur Folge, daß bald ein Königlich-Württembergisches Fußjägerbataillon hierher verlegt wurde, zu dessen Unterbringung obenangeführte Kommission das geräumige, aber in allen seinen Teilen äußerst ruinierte Minori-tenkloster in Anspruch nahm und die schleunigste Ausbesserung desselben gebot. Diese Ausbesserung, verbunden mit den übrigen zur Unterbringung des besagten Bataillons nötig gewordenen Einrichtungen verursachte der Stadtkasse eine bare Geldauslage von 2574 f 57 kr. Diese werden in 24 Posten penibel aufgezählt und fast in voller Höhe beim Landesherrn des Jahres 1813 resp. der Badischen Regierung, geltend gemacht. 49) Württembergisch blieb Villingen bloß 10 Monate lang, im Oktober 1806 wurde es badisch, und von der badischen Regierung erwarb die Stadt im Jahr 1813 Kirche und Konventsgebäude für 3200 fl. 50). Die hohen Ausbaukosten entstanden hauptsächlich für die Herstellung großer Säle, für 174 Bettladen, 24 Tische, 48 Bänke, Fußböden und Türen und einen Kanal zur Abführung des Unflats, aber auch für die Entfernung von acht eisernen Plattenöfen aus Klosterzimmern. Die Stadt hätte sich die entstandenen Kosten gern auf den Kaufpreis von 3200 fl. anrechnen lassen, von denen sie erst 1/6 angezahlt hatte. Sieben Jahre lang stritt die Stadt Villingen mit der badischen Regierung, die nur 600 fl. nachlassen wollte und auflaufende Zinsen in Rechnung stellte; 1820 gab schließlich die Stadt klein bei.

Sie verwendete das Franziskanerkloster nunmehr für eine größere, 1824 von der Regierung unter dem Vorbehalt, daß Zins und Tilgung weiterhin gezahlt würden, genehmigte und 1825 eingeleitete Tauschaktion. 51) Das Kloster wurde für 7200 fl. (!) an die Spitalverwaltung verkauft, genau gesagt: Kloster und Kirche für 6000 fl., Garten und Schanze für 400 fl. und der Keller für 800 fl.; das alte Spital ging für 3000 fl. an die Stadt, um als neues Kaufhaus zu dienen, wogegen das mitten auf der Rietstraße stehende alte Kaufhaus dem Abriß verfiel. Damit begann auch schon die dritte Nutzungsperiode des Franziskanerklosters: Das ehemalige Kloster sollte Spital werden.

4. Das Kloster als Spital

Die geplante neue Nutzung machte einen gründlichen Umbau nötig, d. h. sie erforderte die bislang bedeutsamsten Eingriffe in den Baukörper vor allem die Kirche. Die Kirche sollte Ökonomiegebäude werden, und dafür war der Kirch-raum dreistöckig auszubauen: zuunterst Stallungen mit acht fundamentierten Scheidewänden, mit Futtergängen und mit Remisen im Chor; darüber im Langhaus Scheune mit Einfahrt; die alten Fenster und der Chorbogen waren zu vermauern, 19 neue Liechter einzubauen und zu verglasen, 9 Türen in Innern usw., 25 Durchgänge und 48 Balken in den zwei Stöcken anzubringen und zu vermauern; 1100 Bretter wurden verplant. Diese Umbauarbeiten – 6 Gewerke, der Zimmermann ist bei weitem der wichtigste – wurden in öffentlicher Kundmachung ausgeschrieben, um an den Mindestnehmenden vergeben zu werden. Die Listen der eingegangenen Angebote liegen bei den Akten.

Zum Spital umgebaut, beherbergte das ehemalige Kloster sowohl einen Teil der Pfründner ein anderer Teil wohnte im Leprosenhaus – als auch das Waisenhaus sowie die Krankenheilanstalt für die zugezogenen Nichtbürger. Zugleich wurde auch die Finanzverwaltung konzentriert. Die Regierung legte die verschiedenen Fonds Waisenspital, Elendjahrzeit, Leprosorium und Armensäckelpflege – 1854 zu den „Vereinigten Spital- und Armenstiftungen“ zusammen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde zwischen der Stadt und der Badischen Regierung des Seekreises die räumliche Ausgliederung des Waisenhauses aus dem Spital, wie sie schon in Konstanz und Überlingen bestand, viel erörtert, bis das Karlsruher Innenministerium anders entschied.“) Man hätte sonst die Pfründner des Leprosenhauses mit im Kloster unterbringen und so Verwaltungskosten einsparen können. Statt dessen erfolgten weitere Aus- und Umbauten im Franziskanerkloster selbst. Die Krankenanstalt wurde vom Chor in die Konventsgebäude verlegt und das Waisenhaus kam in den Chor sowie in den zweiten und dritten Stock des Langhauses über der Ökonomie. Zudem sollte man so das Gutachten der Bauinspektion – Ordensschwestern für die Krankenanstalt gewinnen. Das würde zu einer besseren Verpflegung der Kranken führen und wäre für größere Reinlichkeit und Ordnung im ganzen Haushalt ein großer Gewinn. Nach der Überwindung vieler Widerstände gelang es 1859, Vinzentinerinnen nach Villingen zu holen. Seit dem 1. Juni 1859 besorgten sie den inneren Haushaltungs-dienst.“) Die Trennung des Waisenhauses und des Krankenhauses vom Spital wurde aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht, nachdem 1889 das Schönsteinsche Haus (neben dem Osianderschen Haus) erworben und als Waisenhaus genutzt und 1912 das neu erbaute Kranken haus bezogen werden konnte. Am Ende der spitalischen Nutzungsperiode des Klosters war das Konventsgebäude folgendermaßen aufgeteilt: Im Erdgeschoß Speisesaal, Küche, Wäscherei, Bügelei und Vorratsräume; im ersten Obergeschoß Schwesternklausur, Pfründnerräume, Tagesraum und Männerschlafsaal; im zweiten Obergeschoß Pfründnerzimmer, ein Saal für Spitälinge und ein Wäscheraum. 54)

Vom historischen Charakter der Anlage, von ihrem kunsthistorischen Wert, von Denkmalschutz gar war lange nicht die Rede. Daß der gedruckte Stadtführer den Kreuzgang als eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bezeichnete, provozierte 1903 das Bauamt zu der Bemerkung: „Doch wegen seines Zustandes muß man sich schämen, ihn Fremden zu zeigen.““) Kurioserweise bietet der Einbau von Wasserklosetts in das ehemalige Konventsgebäude 1924 den übergeordneten Stellen Gelegenheit, auf den Wert des vor Ort vernutzten und verbrauchten Gebäudes hinzuweisen und den städtischen Behörden Vorhaltungen zu machen. Ein 1883 dem Südflügel vorgesetzter Anbau mit Abtritten und der entsprechenden Grube sollte abgerissen werden, der Einbau der Wasserklosetts erforderte dafür aber, in die vom Vorbau befreite Fassade neue Fenster einzubrechen. Der Plan fand nicht die Zustimmung des Bezirksbauamtes. Doch weil der Einspruch erst mit Verzögerung eintraf, schufen die Villinger vollendete Tatsachen. Der Einspruch des Bezirksbauamtes in Donaueschingen vom 23. September 1924 ist jedoch hörenswert als eine denkmalpflegerische Philippica und ein Zeugnis denkmalpflegerischer Vernunft und Kompetenz:

Es durfte u.E. keinem Zweifel unterliegen, daß bei einer Anlage, wie dem alten Hl. Geist Spital in Villingen nicht nur einzelne Teile sondern das Ganze als Baudenkmal zu schützen und zu behandeln ist. Den geradezu jämmerlichen Verunstaltungen früherer Zeiten sollte jetzt eine besondere Sorgfalt entgegengesetzt werden. Die vorliegende Fensterlösung hätte jedenfalls in einer für die Fassade [in] richtiger, klarer und rhythmischer Form durchgeführt werden können. Abgesehen davon, dass dieser Gebäudeteil nach dem Romäusring hin sehr in Erscheinung tritt und dadurch wohl eine einwandfreie Lösung erfordert hätte, sollte sich jeder Architekt stets angelegen sein lassen, die ästhetisch beste Lösung anzustreben, auch wenn es sich nicht um ein derartiges Baudenkmal handelt.

Es wurde anlässlich einer gelegentlichen Nachschau auch festgestellt, dass im Kreuzgang ein fremd anmutender Glasabschluß eingebaut, Verputzstücke, auf denen alte Malereien waren, abgeschlagen und in nicht zu verstehender Weise behandelt wurden. Die Arbeiten sind vollzogen, den rein baupolizeilichen Anforderungen ist genügt, gesetzliche Bestimmungen aufgrund deren besondere bauliche Maßnahmen gefordert werden können, bestehen u. W nicht. Da der Stadtgemeinde selbst vornehmlich an der Erhaltung ihrer alten Baudenkmale gelegen sein muss, ersucht das Bauamt als Konservator der Baudenkmale einen Bericht des Bürgermeisteramtes nach Benehmen mit dem Leiter der Villinger Sammlungen und dortigen Kunstpfleger darüber einverlangen zu wollen, ob der jetzige Zustand der Anlage fortbestehen und die neuen baulichen Änderungen, die nicht im Einklang stehen mit den Gesetzen einer würdigen Denkmalspflege, in dieser Form erhalten und auf die Dauer verantwortet werden wollen.

Wir verkennen keineswegs die derzeitige schwere Finanzlage der Gemeinde, bemerken aber, dass das alte hl. Geistspital in Villingen, insbesondere der Kreuzgang, zu den wertvollsten Baudenkmälern der Stadt zählt.

Zu Beratungen in Sachen Denkmalspflege, gegebenenfalls auch zur Erwirkung eines staatl. Zuschusses ist das Bauamt gerne bereit.

Der Brief bedeutete doch so etwas wie ein Programm. 1929 tauchte das Projekt auf, ein neues Ökonomiegebäude zu errichten und die Kirche als Museumsgebäude zu nutzen. 1930 wurden die Stallungen tatsächlich in ein auf dem 1929 erworbenen Spitalgutshof, dem Neukum’sche Anwesen, neuerrichtetes Ökonomiegebäude verlegt, so daß es nunmehr möglich wurde, an der Kirche die notwendigsten Sicherungs- und Renovierungsmaßnahmen durchzuführen. 1933 und 1934 war dies endlich der Fall. Zunächst galt es, den teilweise morschen Dachstuhl, dem Stützen unterzogen worden waren, als ein in sich stabiles und tragfähiges Hängewerk wieder herzustellen. Sodann sollte alles Holzwerk unterhalb des Dachgebälks (4000 lfdm) einschließlich der Stallwände (250 qm) und der Stalldielenböden (3650 qm) bis zum Erdboden herausgenommen werden. 56) Den soweit leergemachten Kirchenraum nun doch nicht als Museum, sondern als vorläufige Reithalle zu verwenden, wurde erwogen, aber nicht realisiert. 57) 1935 konnte auch die Erneuerung des Kirchenäußeren vorgenommen werden. Andere, seit ebenfalls Ende der 1920er Jahre anvisierten, 1932 und 1933 beschlossene und ausgeschriebene Restaurierungsmaßnahmen konnten – nun teilweise durch das 3. Arbeitsbeschaffungsprogramm (Reinhardt-Programm) finanziert – zuendegebracht werden: im Klostergebäude die Instandsetzung des Kreuzganges und des Innenhofes sowie die Erweiterung und Neuverglasung der Kapelle. Im gleichen Zug erfuhren das Osiandersche Haus und das Waisenhaus eine Instandsetzung und wurde der Osiandergarten zu einem freien Platz umgestaltet. 58) Dieser jetzt inmitten eines renovierten Ensembles sehr ansehnlich gewordene Platz erhielt seinen Namen nach dem 30. Januar, dem Tag der „Machtergreifung“ Hitlers. Auch gehörte nunmehr der restaurierte Kreuzgang mit dem Innenhof zu den wieder vorzeigbaren architektonischen Zimelien der Stadt; er stand auf Goebbels‘ Besichtigungsprogramm anläßlich seines Besuches Villingens, und ein Blick vom Kreuzgang in den Innenhof zierte als eines von acht historischen und folkloristischen Motiven Hitlers Villinger Ehrenbürgerbrief vom 14. Juli 1935.59) Zu einem weiteren Ausbau und einer planvollen Nutzung des Langhauses scheint es lange Zeit nicht gekommen zu sein. Vorerst stehen nur eher zufällige Nachrichten Hermann Riedels über die letzten Kriegsmonate zur Verfügung. 60) Demnach war gegen Ende des Krieges die ehemalige Franziskanerkirche als öffentlicher Luftschutzraum für 100 Personen ausgewiesen. Der Raum faßt aber zweifellos mehr Leute, er wurde darum, wie es scheint zugleich, auch anders, nämlich als Lagerraum für Lebensmittel, verwendet. Denn am 21.4.1945 – genau an jenem Tag, an dem größere französische Infanterieverbände in die Stadt einrückten – plünderten Deutsche und Italiener die dort lagernden Lebensmittel restlos. Riedel nennt bei dieser Gelegenheit die Franziskaner-kirche „Prinz-Eugen-Halle“. Ob dieser Name dem Langhaus offiziell gegeben worden ist bzw. wann, und ob mit der neuen Benennung eine neue Nutzung beabsichtigt war, bedürfte noch der Nachprüfung. 61) Als Halle konnte man das Langhaus sicherlich erst seit der Entfernung der Einbauten im Jahr 1934 bezeichnen.

Auch nach dem Krieg gab es jahrzehntelang keine offizielle Nutzung des leeren Langhauses. Beim Einbau einer Zentralheizung und der Warmwasserversorgung aller Zimmer des Spitals im Jahr 1964 wurden die „Franziskanerhalle“ „Halle“ hieß das Langhaus interessanterweise nun und auch weiterhin – und der anschließende Chorteil sowie der Kreuzgang ausgespart, da hierfür anderweitige Verwendungsmöglichkeiten ins Auge gefaßt sind.“) 1968 führte eine Überprüfung der Statik der Kirchenhalle zu dem Ergebnis, daß das Gebäude bei normalen Schnee- und Windverhältnissen noch ausreichend standsicher sei, sich aber für den Aufenthalt von Menschen nicht eigne. Der Giebel zeigte einen lotrechten Riß, die Längswände waren ausgebaucht, die Dachkonstruktion hatte sich gesenkt und verformt, und der Westwind hatte das Dach, das auf den Außenmauern ohne eine konstruktive Verbindung nur auflag, zur Rietgasse hin verschoben, so daß auch die Längswände sich dorthin neigten. Dennoch wurde „die Halle“ in zunehmendem Maße für kulturelle Zwecke genutzt. Den Chor mochte man noch nicht freimachen, auch wenn für das Altersheim neue Räume errichtet würden. Denn – so konnte man 1964, knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende, argumentieren – die höhere Lebenserwartung verbiete es, das bisherige Spital aufzugeben. 1978 war es dann aber doch soweit. Die letzten Spitalinsassen verließen das ehemalige Franziskanerkloster. Und damit ging nach rund 150 Jahren auch die spitalische Nutzungsperiode zu Ende. Das Konzept für die künftige Verwendung der Gebäude und für die Planung des Ausbaues wurde im Januar desselben Jahres verabschiedet. 63) Die Sanierung und der Ausbau des gesamten Kirchengebäudes – des Chors und des Langhauses konnten nun in Angriff genommen und damit die gegenwärtige Nutzung vorbereitet werden. In zwei großen Bauabschnitten ist nunmehr zustande gebracht, wovon der Denkmalpfleger Blank im Bauamt des badischen Seekreises zu Donaueschingen, der Verfasser des oben ausführlich zitierten Schreibens vom 23. September 1924, nur träumen konnte. Nicht einzelne Teile, sondern das ganze, das Osiander-Haus einschließende Ensemble – ein historisches Ensemble in einer historischen Altstadt, insgesamt eine Konstellation, die ihresgleichen sucht – ist im Einklang mit den Gesetzen einer würdigen Denkmalspflege einer neuen, nunmehr kulturellen, insbesondere künstlerischen und musealen, Nutzung geöffnet worden. Die Baugeschichte dieses Ensembles, die in den verschiedenen, von uns durchschrittenen Nutzungsperioden entgegentritt, läßt den Rang und die Bedeutung des in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten Geleisteten erst richtig erkennen und einschätzen. Man wird es wohl eine Jahrhundert-Leistung nennen dürfen, denn es ist nur mit den Leistungen des 13. und des 18. Jahrhunderts zu vergleichen, als die Kirche und die ursprünglichen Konventsgebäude zwischen 1268 und 1292 erstmals errichtet und nach 1704 die zerschossenen Konventsgebäude in den sehr großzügigen Dimensionen, deren sich künftig das Museum wird freuen dürfen, wiedererrichtet wurden.

Dieser Beitrag gibt in leicht erweiterter und um Anmerkungen ergänzter Form den Vortrag wieder, der am 13.12.1992 beim Festakt „700 Jahre Franziskaner“ in der ehemaligen Franziskanerkirche gehalten wurde.

Anmerkungen und Literaturhinweise zum Leitartikel von Prof. Dr. Dieter Mertens:

1) Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten, September 1982, S. 5.

2) Protocollum Venerabilis conventus FF. Min. S. Francisci Conventus Villingae conceptum Anno 1696, Leopold-Sophien-Bibliothek Überlingen, Ms. CXVI, S. 26. STAVS 2/2 DD 77A (Hans-Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Bde 1-2, Villingen 1970-1971, Nr. 1801). – Christian Roder, Villingen in den französischen Kriegen unter Ludwig XIV. In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar.

4) (1882) S. 70-212, hier S. 154-200.

5) L. Hardick O.F.M.-E. Grau O.F.M. (Hgg.), Die Schriften des heiligen Franziskus von Assisi (Franziskanische Quellenschriften 1), Werl 3 1980; S. Bonaventura, Legenda maior S. Francisci. In: Ana-lecta Franciscana 10 (1926-1941), S, 557-652, – Kaspar Elm, Franziskus und Dominikus. Wirkungen und Antriebskräfte zweier Ordensstifter. In: Saeculum 13 (1972), 127-147, hier S. 137 f.

6) Kajetan Esser O.F.M., Anfänge und ursprüngliche Zielsetzungen des Ordens der Minderbrüder (Studia et documenta Franciscana IV), Leiden 1966, S. 15 ff.; 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskani-sche Kunst und Kultur des Mittelalters. Niederösterreichische Landesausstellung Krems-Stein 1982. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge Nr. 122, Wien 1982.

7) Fürstenbergisches Urkundenbuch Bd. 1, bearb. von Sigmund Riezler, Tübingen 1877, Nr. 459, 464, 465. – Benvenut Stengele, Das ehemalige Franziskaner-Minoriten-Kloster in Villingen. In: Freiburger Diözesenarchiv N.F. 3 (1902), S. 193-218, hier S. 193 f.; Christian Roder, Die Franziskaner zu Villingen. In: Freiburger Diözesanarchiv N.F. 5 (1904), S. 232-312, hier S. 233 f.; Alemania Franciscana Antiqua 3 (1957), S. 19-44 (Paul Revellio), hier S. 20 f.; Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 125-144, hier S. 126 f.

6) Konrad Eubel, Geschichte der oberdeutschen (Straßburger) Minoriten-Provinz. Würzburg 1886, S. 1- 17. John B. Freed, The Friars and German Society in the Thirteenth Century (The Medieval Academy of America, Publication Na. 86), Cambridge, Mass. 1977, S. 26 ff., 43 ff. Ernst Englisch, Zur Geschichte der franziskanischen Ordensfamilie in Österreich von den Anfängen bis zum Einsetzen der Observanz. In: 800 Jahre Franz von Assisi (wie Anm. 3), 5. 289 bis 306. Karten: Freed S. 31, 47; 800 Jahre Franz von Assisi, nach S. 356; Historischer Atlas von Baden-Württemberg, hg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Stuttgart 1972-1988, Karte VIII,6 von Walter Petschan in Verbindung mit Meinrad Schaab und Beiwort von Walter Petschan (1975).

7) Dazu Esser, Anfänge (wie Anm. 4), S. 168 ff., hier bes. S. 181.

8) Bonaventura, Determinatio multarum quaestionum super Regulam, quaest. 6, zitiert in: Albertus a Bulsano, Expositio Regulae FF. Minorum S.P. Francisci Assis., Mediolani 1889, S. 311 f.; S. Clasen (Hg.), Franziskus, der Engel des sechsten Siegels. Sein Leben nach den Schriften des heiligen Bonaventura (Franziskanische Quellenschriften 7), Werl 2 1980.

9) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 70 f.

10) Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 4), Bd. 1, Nr. 464.

11) Ebd. Nr. 465.

12) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235.

13) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 54, 128.

14) Regesta episcoporum Constantiensium – Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Konstanz, Bd. 1, bearbeitet von Paul Ladewig und Theodor Müller. Innsbruck 1895, Nr. 2820. Stengele (wie Anm. 5), S. 194 f.; Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235 f.

15) Nicolaus Glassberger, Chronica (Analecta Franciscana 2), Quaracchi 1887, S. 106. – Eubel (wie Anm. 6), S. 162, 212 Anm. 84.

16) Sigmund Riezler, Geschichte des Fürstlichen Hauses Fürstenberg und seiner Ahnen bis zum Jahre 1509. Tübingen 1883, S. 214 ff.; Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 71.

17) Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 4), Bd. 1, Nr. 465.

18) Esser (wie Anm. 4), S. 168-189.

19) Helma Konow, Die Baukunst der Bettelorden am Oberrhein, Berlin 1954, S. 11.

20) Ebd. S. 17.

22) Der Text bei Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235 Anm. 1.

23) Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Bd. 2: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen. Freiburg i. Br. 1890, S. 127, 130.

Eubel (wie Anm. 6), S. 162, 164 ff.; Alemania Franciscana (wie Anm. 5), S. 26 Anm. 12.

24) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 191 ff.

25) Richard Faller, Eine Analyse der Verlegung der Universität Freiburg in Zeiten der Pest. Zulassungsarbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, (Masch.), Freiburg 1973. Ders., Die Pestflucht der Universität Freiburg nach Villingen (Veröffentlichung des Stadtarchivs Villingen), Villingen-Schwenningen 1986.

26) STAVS 2/1 DD 3 (Nr. 2919). – Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 243 Anm. 1; Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 441 ff.

27) STAVS 2/1 DD 3 (Nr. 118); STAVS 2/4 (Pfründ-Archiv) R 5, S. 59 (Josef Fuchs, Pfründ-Archiv Villingen. Villingen-Schwenningen o.J. (1982), Nr. 489, S. 190).

28) STAVS 2/4 (Pfründ-Archiv) S 1 (Fuchs, Pfründ-Archiv, Nr. 500; Abbildung und Regest S. 193 f.); Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 441-446.

29) STAVS 2/1 DD 76 (Nr. 2919), fol. 8r.

30) STAVS 2/1 DD 58a (Nr. 2327): Verzeichnis über Jahrtagsfeiern und Einkünfte 1685-1782; DD 63 (Nr. 3218): Verzeichnis der gestifteten Messen und Jahrtage, 1792.

31) STAVS 2/1 PP 48a (Nr. 3169): Bruderschaft der Huf- und Waffenschmiede 1415; DD 42 (Nr. 575): Streitschlichtung 1426 zwischen Kirchherr und Franziskanern zu Villingen über die Anbindung der Armbrustschützen- und anderer Bruderschaften; DD 60a (Nr. 1866): Artikel der 1759 von Papst Clemens XIII. bestätigten Marianisch-Antonianischen Bruderschaft; DD 58/2 (Nr. 1859): 1759 Ablaß für die confraternitas B.M.V. in coelum assumptae ac s. Antonii de Padua. – Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 270 Anm. 1.

 

32) Christian Roder, Ehemalige Passionsspiele zu Villingen. In: Freiburger Diözesan-Archiv 44 N.F. 17 (1916), S. 163-192; Antje Knorr, Villinger Passion. Literaturhistorische Einordnung und erstmalige Herausgabe des Urtextes und der Übertragungen. Göppingen 1976 (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 187), S. 36 ff., 141 ff., 185 Verse 170-191. Alfred Stern, Passionsspiele in Villingen 1769. In: ZGO 22 (1869) S. 397-401.

33) Protocollum (wie Anm. 2), S. 65 (zu 1766).

34) Protocollum (wie Anm. 2), S. 119.

35) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 267 ff. 36 STAVS 2/2 DD 14 (Nr. 239), DD 27 (Nr. 368).

36) Rudolf Seigel, Innerschwäbische Landstädte. Ein Beitrag zur vergleichenden Verfassungsgeschichte. Protokoll des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte e.V. Nr. 86, 14.1.1961 (Masch.).

37) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 260. Vgl. zum folgenden in der hier gegebenen Reihenfolge ebd. S. 236, 276; 239 f.; 249; 246 f.; 258 f.; 260 f.; 275.

38) STAVS 2/1 DD 2 (Nr. 38). – Riezler (wie Anm. 16), S. 238 f.

39) STAVS 2/1 DD 63 (Nr. 3218): Inventar über das Vermögen des Minoritenklosters 1792.

40) Zuerst 1497; STAVS 2/2 JJ 66 (Nr. 750).

41) STAVS 2/1 DD 55 (Nr. 1623).

42) STAVS 2/1 DD 60 (Nr. 2506), fol. 37-39: Aus Villingen stammen 1788: Carolus (Klostername: Constantius) Wittum, 63 Jahre alt; Johann Friedrich (Benjamin) Hartmann, 67 J.; Antonius (Thaddae-us) Handtmann, 65 J.; Johann Baptista (Josephus) Hummel, 72 J.; Lucas Ferdinand (Carolus) Ummenhofer, 57 J.; Johannes Thad-daeus (Marianus) Majer, 51 J.; Josephus (Georgius Zacharias) Hummel, 50 J.; Carolus (Johannes Chrysostomus) Wittum, 40 J.; Adria-nus (Johann Baptista ) Wittum, 29 J. (nach der Aufhebung des Klosters Pfarrektor in Villingen 1797-1817); aus Fürstenberg: Andreas (Philippus Carolus) Schalch, 47 J.

44) STAVS 2/1 Protocollum Conventus Villingani 1755-1789, hinterer Innendeckel.

45) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 279 ff.

46) Protocollum (wie Anm. 2) S. 119.

47) S TAVS 2/1 DD 61 (Nr. 2685); DD 66 (Nr. 2730).

48) Bericht des Sekretärs Xaver Handtmann, zitiert bei Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 143.

49) STAVS 2/2 XVI 3 b 13, Bericht des Magistrats vom 26.8.1813.

50) STAVS 2/2 XVI 3 b 14.

51) STAVS 2/2 XVI 3 b 15.

52) Hierzu und zum folgenden STAVS 2/2 XVI c 36.

53) STAVS 2/Spitalfonds, Rechnungen 1859/60, Beilage Nr. 452, 1/2.

54) STAVS 2/17, Bauamtsakten Franziskaner.

55) Ebd.

56) STAVS 2/2/XVI c 46: Ausschreibung über die Zimmerarbeiten in der ehem. Franziskanerkirche, 28.11.1933, und Kostenvoranschlag.

57) Ebd., Bürgermeister an Stadtbauamt, 21.11.1933.

58) STAVS 2/2/IV 3b 16a; 2/2/XVI c 47; 2/3/Spitalfonds, Verwendungsbuch Spital. Gebäude 1934-1935; 2/3/Spitalfonds, Rechnung 1934, S. 156-168.

59) Heiner Flaig, Villingen. Zeitgeschehen in Bildern 1928-1950 (Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen 4). Villingen-Schwenningen o.J. (1982), S. 36 f., 65, 96 f.

60) Hermann Riedel, Villingen 1945. Villingen 1968, S. 83, 157.

61) Die Namengebung macht insofern einen guten Sinn, als Prinz Eugen am 23. Juli 1704, unmittelbar nach der Belagerung und Beschießung Villingens durch Tallard, die Stadt besucht und auch die Ruine des Franziskanerklosters besichtigt und dabei versprochen hat, sich beim Kaiser für eine Unterstützung des Wiederaufbaus einzusetzten. Roder, Villingen in den französischen Kriegen (wie Anm. 2), 5. 190 ff.

62) STAVS 2/17, Bauamtsakten Franziskaner.

63) Vgl. den Bericht von Baudirektor Karl Böhler, Zum Um- und Ausbau des ehemaligen Klosters. In: Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten, September 1982, S. 18 f.

 

Das ehemalige Franziskanerkloster in Villingen, von der Rietgasse her gesehen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Morand Faust Polizeipräsident war (Werner Huger)

Erinnerungen an das Kriegsende 1945

In den Abend- und Nachtstunden des 20. April 1945 drangen französische Kampfeinheiten in Villingen ein. Am 21. April war das Schießen zu Ende. Nachdem mein Elternhaus im Februar nach der Explosion einer Fliegerbombe unbewohnbar geworden war, lebten wir in einer winzigen Wohnung in der Matthäus-Hummel-Straße, nahe den deutschen Kasernen, in einem kleinen Dachzimmer nebst Küche. Wir, das waren meine Großmutter, meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich, gerade 14 Jahre alt. Vom Vater hatten wir während der Wirren des zu Ende gehenden Krieges nichts mehr gehört. Als Hilfszöllner zur Bewachung an der Schweizer Grenze, war er irgendwann zu einer Kampfgruppe abkommandiert worden. Es muß der 23. oder 24. April gewesen sein, als mit Gepolter an die äußere Glastüre gepocht wurde. Mit vorgehaltenen Maschinenpistolen drängten mehrere französische Soldaten in die Wohnung. Ich lag mit Fieber krank in meinem Bett in der Küche. Energisch wurde ich zum Aufstehen aufgefordert und mußte mich anziehen. Sämtliche Behältnisse der Wohnung wurden durchwühlt, der Inhalt auf den Boden gekippt. Bei dieser Gelegenheit kam ein alter Trommelrevolver zum Vorschein, den mein Vater aus dem Frankreich-Feldzug 1940 mitgebracht hatte. Etwas Dümmeres hätte uns nicht passieren können. Am 21. April war nämlich auf Veranlassung der französischen Besatzung an die Bevölkerung der Befehl ergangen, daß u. a. sämtliche Waffen abzuliefern seien. Ausgerechnet diesen Revolver hatte ich beim Ausräumen des halb zerstörten Elternhauses nicht mehr gefunden. Jetzt tauchte er hier in der Wohnung auf. Der Hahn der Waffe ließ sich zwar nicht mehr spannen, sie war unbrauchbar, doch den Franzosen war sie ein willkommener Fund. Ich wurde abgeführt. Meine Mutter erzählte mir später, daß einer der französischen Soldaten, der deutsch sprach, zu ihr gesagt habe: „Wenn bis morgen das Gewehr nicht da ist, wird Ihr Junge erschossen“. Tatsächlich war ich beim Vordringen der Franzosen in die Stadt im Besitz eines deutschen Wehrmachtskarabiners nebst Munition gewesen. Das Gewehr war mir allerdings auf eine heute nicht mehr erinnerliche Weise abhanden gekommen. Nur soviel wurde jetzt deutlich: Ich war denunziert worden. Später erfuhr ich, daß zum Zeitpunkt meiner Inhaftnahme sowohl das örtliche Gefängnis als auch das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag mit Internierten besetzt war. Man verbrachte mich in die damalige Knabenvolksschule, die heutige Realschule, im ehemaligen Benediktinerkloster. In dem Raum des obersten Stockwerks, in den man mich sperrte, war ich der siebzehnte Gefangene. Man teilte deshalb die Zahl der Einsitzenden, und wir belegten nun ein zweites Zimmer. Hinter uns wurde die Türe abgeschlossen. In rascher Folge gesellten sich weitere Inhaftierte hinzu. Der Raum wurde mit zweistöckigen Holzbetten vollgestellt, auf denen Strohsäcke lagen. Wir waren eine gewissermaßen gutbürgerliche Gesellschaft. Neben mir und über mir lagen drei weitere Jugendliche, der jüngste 13, der älteste 16 Jahre alt. Weitere Jugendliche befanden sich in anderen Klassenräumen, und wie ich später erfuhr, auch im Gefängnis und dem Stalag. Unsere Bude repräsentierten darüber hinaus ein Rektor, ein Fabrikant, ein Behördeninspektor, sogar zwei Frauen, eine Krankenkasseninspektorin und eine biedere Hausfrau. Daneben gab es Leute, die man irgendwie und irgendwo aus irgendwelchen Gründen aufgegriffen hatte. Warum sie alle einsaßen, wußte in der Regel keiner genau. Wie der abgebildete Ausschnitt des Bulletin, der Mitteilungen der Militärregierung vom 17. November 1945 belegt, genügte es, in der Partei oder Hitlerjugend gewesen zu sein. Es brauchte nur eine Verdächtigung und einen Denunzianten, und die hat es, wie zu allen Zeiten, in reichlicher Zahl gegeben. Es waren auch Leute inhaftiert, die z. B. bisher in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten gesessen hatten und von den Franzosen ohne Papiere aufgegriffen worden waren. Hatte man eine leichtlebige Dame beim Tete-ä-tete mit einem Franzosen erwischt, war sie wegen Prostitution dran. Es hätte keine heterogenere Gesellschaft auf so kleinem Raum geben können. Einen Haftgrund im Rechtssinne gab es wohl selten. Der Krieg hat seine eigenen Gesetze, und die Devise lautet auch hier „sicher ist sicher“. In der genannten Zusammensetzung blieben wir in diesem Raum bis zu meiner Entlassung am 13. Juni 1945 eingesperrt. Wenn einer von uns austreten wollte, dann mußte er an die Türe pochen. Daraufhin erschien ein deutscher Hilfspolizist mit einem Gewehr über der Achsel und führte uns auf die Schultoilette, stellte sich davor und beendete seine Wache damit, daß er schließlich hinter uns wieder die Türe verschloß. Wie sich insgesamt die hygienischen Verhältnisse darstellten, läßt sich bei diesem Verfahren leicht ausmalen, vor allem wenn man daran denkt, wie sich die beiden Frauen in der Männergesellschaft zurechtfinden mußten.

In der ersten Zeit, ich vermute bis zum Waffenstillstand am 8. Mai, erschien täglich der damalige französische Polizeipräsident mit einer Begleitmannschaft Uniformierter. Morand Faust war, wie er im Jahresheft XVII, 1992 / 93 des Geschichts- und Heimatvereins selbst erzählt, ehemaliger Kriegsgefangener im Stalag und vom ersten Militärgouverneur, Oberstleutnant Rosette, am 23. April 1945 als Polizeichef für die zivile Polizei eingesetzt worden. Er war gewissermaßen das Bindeglied zwischen der militärischen Besatzungsmacht und der zivilen Ordnungsmacht, für die der eingesetzte Bürgermeister zuständig war. Über ihn berichtet ausführlicher Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945“ a. a. 0.. Nach seinem Erscheinen mußten wir in der Mitte des Zimmers zusammentreten, dann wurden Namen aufgerufen, der Betreffende meldete sich. Als ich an der Reihe war, sagt Morand Faust als deutschsprechender Elsässer zu mir: „Aha, Sie sind der, bei dem man eine Pistole gefunden hat“. (Von einem Gewehr war keine Rede mehr). Das eilige Auftreten der Franzosen hatte weniger etwas Inquisitorisches als eher Geschäftsmäßiges an sich. Obwohl noch Krieg war und uns die Angst beherrschte, war Morand Faust kein Mann, der zu diesem Gefühl beitrug. Er war kein Racheengel. Er wirkte bestimmt aber nicht bedrohlich. Wenn ich ihm heute begegnete, würde ich in der Umsetzung meiner Gefühle von damals zu ihm sagen: „Ah, Sie sind Morand Faust; das waren vielleicht noch Zeiten!“. So spukhaft wie die gesamte Mannschaft erschienen war, verschwand sie wieder aus dem Klassenzimmer Der Riegel drehte sich im Schloß. Keiner war mitgenommen worden, keinem etwas angetan: Stubenappell!

Ganz anders sah es aus, wenn sich, mit dem Blick von oben aus dem Fenster, hin und wieder eine Gruppe Zivilisten vom Schulhof her dem Eingang des Westflügels näherte. Sie wurde von einem Mann angeführt, der einen Klumpfuß hatte und mit seinem schleppenden Gang sofort ins Auge stach. Die Haare waren schwarz und glänzend nach hinten gekämmt, die Augen lagen dunkel in den Höhlen. Es war Franz Frank, Kommunist und Leiter der deutschen Widerstandsbewegung, die bereits vor der Besetzung der Stadt mit den damaligen Feinden kollaborierte. Inzwischen waren sämtliche Klassenzimmer der Knabenschule belegt. Alle Gefangenen mußten stockwerksweise auf die Gänge hinaustreten, Namenslisten wurden verlesen, und wenn sich ein Gesuchter fand, wurde er mitgenommen, gewissermaßen ein zweites Mal verhaftet. Auch diese Leute erschienen wie ein Spuk und verschwanden ebenso.

 

Im Gegensatz zu Morand Faust und den übrigen Franzosen wirkte ihr Erscheinen allerdings bedrohlich, alptraumhaft. Sie waren wie eine Mischung zwischen Rächer und Gangster. Sie konnten im Auftrag des französischen Gouverneurs handeln und waren in gewisser Weise Gegenspieler von Morand Faust, der, wie er selbst schreibt, viel Ärger mit Frank hatte. (Am 31. August 1945 ließ Gouverneur Robert den Franz Frank in eine Falle tappen, verhaftete ihn und ließ ihn durch ein französisches Militärgericht aburteilen. Damit erledigte sich die „politische Polizei“ des Frank und Konsorten endgültig.) Als wir Gefangene einmal die Büroräume der Gruppe Frank im Gasthaus Stiftskeller an der Gerberstraße säubern mußten, fiel mir auf, wie improvisiert und ungeordnet alles war: Da liefen lediglich einige Männer mehr zufällig zwischen leeren Regalen bzw. zwei oder drei Schreibtischen hin und her, und als einer von ihnen die Schublade des Schreibtisches aufzog, lagen darin ein paar Pistolen. Kurz nach meiner Verhaftung wurden auf der Innenseite der halbhohen Hofmauer an der Schulgasse dicke Pfähle eingerammt und mit Stacheldraht verspannt. Am Hofeingang blieb ein bewachtes Drahttor. Der so abgeschirmte Hof diente unserem täglichen Rundgang. Als wir nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai auch auf Arbeit mußten, fand im Hof der Morgenappell und die Einteilung der Arbeitstgruppen statt. Ausgeführt und bewacht wurden wir regelmäßig von den bereits erwähnten Hilfspolizisten in Zivil, die eine Armbinde trugen. Sie waren den im Amt verbliebenen und den Franzosen unverdächtigen regulären Polizeibeamten von Fausts Gnaden zur Unterstützung beigegeben worden. Es waren, mit einer Ausnahme, durchweg rechtschaffene und friedfertige Bürger, die ihr Amt nicht zu ernst nahmen. So erinnere ich mich an den Inhaber eines Villinger Versicherungsbüros, Schuppler, der es mir auf dem Weg zu einer Arbeit erlaubte, für eine Stunde zu verschwinden, um meine Mutter aufsuchen zu können. Er hat mir bestätigt, daß sich in dem Gewehr, das ihm die Franzosen als Waffe überlassen hatten, nur eine Patrone befände. Er war es auch, der am Tage der deutschen Kapitulation die Tür zu unserem Gefangenenzimmer aufgeschlossen hatte, den Kopf halb durch den Spalt gesteckt, und nur das eine Wort sagte : „Waffenstillstand!“. In meinem Bubenherzen, von den Indoktrinationen des Dritten Reiches geprägt, brach eine Welt zusammen. Schließlich war noch am 24. April das Gerücht verbreitet worden, in den Wäldern bei Tannheim seien SS-Kampftruppen, die Villingen befreien sollten. (Tatsächlich handelte es sich um den letztlich vergeblichen Durchbruchsversuch der eingeschlossenen deutschen Infanterie-Division 106, bzw. der Volks-Grenadier-Divisionen (V.G.D) 719 und 352, die lediglich das Allgäu zu erreichen suchten. Sie standen allerdings unter dem Oberbefehl des kommandierenden Generals der Waffen-SS Georg Keppler. Die einzelnen Divisions-Kommandeure waren dagegen Generalleutnant Willy Seeger und Generalmajor Rudolf von Oppen.

Jetzt war alles aus, und wir dachten, daß man uns für viele Jahre nach Frankreich in Bergwerke oder Arbeitslager stecken würde. Nebenbei hatten wir immer noch Angst, evtl. als Geiseln erschossen zu werden.

Nun ging es also an den Aufbau, besser gesagt, zunächst ans Aufräumen. Wir beseitigten u. a. die Trümmer der nach dem schweren Luftangriff vom 22. Februar 1945 völlig zerstörten Villen beim Bahnhof und an der Luisenstraße, die gesprengten Reste der Rotationsmaschine einer Druckerei an der Ringmauer beim Kaiserturm, räumten die Kreisleitung der Partei aus und löschten zwischendurch nach einem langen Fußmarsch einen Waldbrand beim Gasthaus Forelle im Groppertal. Das alles war schon deshalb beschwerlich, weil wir quantitativ und qualitativ nur ungenügend zu essen hatten. Ich erinnere mich an ein Gericht aus Trockengemüse, das schmeckte, als habe man es mit halbgekochten Hobelspänen zu tun. Es war allerdings erlaubt, daß Angehörige Essensgaben für die Gefangenen im Erdgeschoß der Schule ablieferten. So bekam ich gelegentlich einen Reisbrei, den mir meine Mutter unter persönlichem Verzicht aus den ehemaligen Beständen der Wehrmachtskaserne gekocht hatte. Da bestand dann die Möglichkeit, vom Fenster aus wenigstens zu winken. Im ersten Obergeschoß des Nordflügels war über dem Saal, in dem massenhaft die requirierten Radios lagen, ein Büro eingerichtet, das als Verhörraum diente. Auch ich wurde zwei-, dreimal dorthin geführt und vernommen. Das Verhör führten abwechselnd ein bis zwei Villinger, die aus dem Umfeld des Widerstandes gegen Hitler kamen. Diese stellten zwar bohrende Fragen, aber sie waren nicht gehässig. Der eine oder andere saß später durchaus ehrenwert im Gemeinderat der Stadt. Hier in diesem Raum wurde mir am 8. Juni 1945 meine Entlassung eröffnet. Da die Urkunde aber mit dem Namen und der Straße teilweise falsch ausgefüllt worden war, mußte ich nochmals fünf Tage sitzen. Auf dem Heimweg zu meiner Mutter hatte ich das unbeschreibliche Gefühl als sei ich soeben neu geboren worden.

Bereits am 20. Mai hatte die „politische Polizei“ der Gruppe Frank ihre Tätigkeit eingestellt. Zwei Tage nach meiner Entlassung verabschiedete sich auch Morand Faust von seiner städtischen Polizeigewalt. – Als Vertrauter Fausts und doch gleichzeitig deutscher Hauptmann der Reserve – so habe ich ihn noch in Offiziersuniform gesehen – war der Villinger Fotograf Walter Bräunlich bereits vor dem Umsturz konspiratives Mitglied der Widerstandsgruppe und Kontaktmann der im Stalag einsitzenden Kriegsgefangenen. Ihn beriefen die Franzosen am 21. April 1945 zum Bürgermeister, und er blieb es bis zum 17. Februar 1946, dem Tag, an dem ich gerade 15 Jahre alt wurde. Als ich bald nach meiner Haftentlassung arbeitsverpflichtet wurde, erhielt ich eine Art Ausläuferstelle im Rathaus und saß dort abrufbereit im Vorzimmer des Bürgermeisters Bräunlich. Er kannte mich zwar nicht, aber irgendwer mußte mich ihm verdächtig gemacht haben. Er ließ mich kommen und fragte mich aus. Als ich ihm u. a. sagte, daß ich noch im März auf einer Führerschule an Infanteriewaffen vormilitärisch ausgebildet worden sei, schob er mich noch zur selben Stunde ab. Künftig war ich für ihn „weit vom Schuß“. Ihm bin ich mittelbar einmal begegnet. 1963, als Referendar in Donaueschingen, hielt das Kollegium Einkehr im kreiseigenen Pflegeheim in Geisingen. Ich sagte dem Anstaltsleiter, ich hätte gehört, daß sich Walter Bräunlich hier befände. Es bestätigte das und meinte, dieser sei in einem gesundheitlich völlig desolaten Zustand eingeliefert worden. Die Zeit war über alles hinweggegangen, der Neuaufbau staatlicher Ordnung längst anderweitig vollendet.

Quellen und Literatur:

Hermann Riedel: „Villingen 1945“, Ring Verlag Villingen, 1968. Derselbe: „Ausweglos … !“, Herausgeber: Stadt Villingen-Schwenningen, 1974.

Werner Huger: Ein Pimpf erinnert sich …, in : „1939 /1949, 50 Jahre Kriegsausbruch, 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland“, Herausgeber: Stadt Villingen-Schwenningen, 1989.

Hermann Riedel: „Aasen, Schicksal einer Division“, 1969.

Der Polizeibaltes (Joseph Stadler)

Aus den Memoiren von Ober-Postinspektor Joseph Stadler

Mein Großvater war der Polizeidiener Balthasar Stadler, geboren zu Villingen am 29. Dezember 1800, gestorben am 11. Oktober 1867 am Schlaganfall – Lungenödem oder Herzschlag – abends 9 Uhr. Mein Großvater war von mittlerer Größe, hatte dunkle Haare, die Eltern meines Großvaters Balthasar Stadler waren der Taglöhner und Lumpensammler Franz Stadler, geboren um das Jahr 1752 in Degerfelden, Dornegger Amt, Schweiz, in der Nähe von Basel. Er erreichte ein Alter von 64 Jahren und starb am 6. August 1816 angeblich an einem Schlaganfall beim Mittagessen und wurde am 8. August mittags 2 Uhr beerdigt in Villingen von Kaplan Mager. Franz Stadler war verheiratet seit dem 5. Februar 1798 mit Apollonia geborene Emminger von Nieder-eschach (Amt Villingen), gestorben am 26. November 1826, 10.00 Uhr nachts daselbst, d.h. in Villingen, 63 Jahre alt.

Mein Urgroßvater Franz Stadler ist also aus der Schweiz nach Villingen eingewandert und steht in den Standesbüchern der Stadt Villingen daher als Beisäß, d.h. als „Eingewandert“ eingetragen. Ob er Bürger geworden ist, konnte ich nicht feststellen. Sein Sohn Balthasar, mein Großvater, wurde am 19. Mai 1832 in Villingen Bürger, ob auf Grund des angeborenen Bürgerrechts oder durch Einkauf, weiß ich nicht. Über die Herkunft der Apollonia geborene Emminger konnte ich bisher nichts feststellen.

Was meinen Urgroßvater Franz Stadler bewog, aus der Schweiz nach Villingen einzuwandern, ist mir nicht bekannt. Er soll der Sohn eines Landammanns gewesen sein und einen Jugendstreich verübt haben; auch soll er aus der Lehre entlaufen sein und beim Kirchdorfer Pfarrer gedient haben. Ob er Geschwister hatte, konnte ich nicht feststellen.

Was den Geburtsort des Franz Stadler anbelangt, kommt wohl der Ort Dornach – früher Dorneck genannt, Pfarrgemeinde im Bezirk Dornegg-Thierstein des Schweizer Kantons Solothurn im Birstale – in Betracht.

Einen Ort Degerfelden gibt es dort allerdings nicht. Die Gemeinde Tegerfelden – 652 Einwohner im Bezirk Zurzach, Kanton Aargau, kann wohl nicht in Betracht kommen. Ferner wird der Ort Degerfelden auf badischem Gebiet bei Kleinlaufenburg ebenfalls auszuscheiden sein, da dieser Ort wohl niemals schweizerisch gewesen ist. Vielleicht kann das Pfarramt in Dornach in der Sache Aufklärung geben. Vor einigen Wochen – Winter 1919/1920 – traf ich einen schweizerischen Grenzschutzsoldaten aus Dornach, der mich bei der Prüfung meines Passes beim Überschreiten der Grenze bei Emmishofen frug, ob ich in Dornach Verwandte hätte. Auf meine Frage, „warum“, sagte er mir, daß es in Dornach ebenfalls Stadler hätte, z.B. einen Sparkassendirektor Stadler und andere mehr. Vielleicht sind es Verwandte meines Urgroßvaters.

Die Dornacher Stadler sollen alle in besseren Verhältnissen leben. Vielleicht war der Franz Stadler tatsächlich besserer Leute Kind. Ich habe nämlich stets bezweifelt, daß der Abkömmling eines Landammanns später Lumpensammler wird, in den ärmsten Verhältnissen lebt, und nicht nach der Heimat zurückzieht, um dort bessere Verhältnisse zu suchen. Ich habe die Mähr von dem Landammannssohn für eine Flunkerei meines später beschriebenen Onkels Balthasar gehalten, der gern übertrieb und behauptete, der Franz Stadler sei aus Frauenfeld gewesen, was völlig falsch ist. Der Franz Stadler muß ein armer Schlucker gewesen sein, seine Söhne Balthasar und Bernhard bettelten zeitweise das Mittagessen bei den Kapuzinern in der Niederen Straße in Villingen. Franz Stadler soll in der Gerbergasse gewohnt und daselbst eine Lumpensammlerei betrieben haben. Er soll noch eine Tochter Anna Stadler bzw. Ritter, unehelich, und nachträglich gesetzlich als eigene Tochter anerkannt, besessen haben. Mein Vater erzählte ab und zu von ihr als von der Lumpensammlerbäs. Sie starb im Spital in Villingen vor dem Balthasar Stadler. Über ihr Geburts- und Sterbedatum weiß ich nichts.

Über meinen Großvater Balthasar Stadler, im Volke der „Polizeibaltes“ genannt, weiß ich folgendes zu sagen:

Der Grundton seines Charakters war leichter Lebensauffassung. Er war ein großer Vogelfreund und Witzbold. Er hatte einen Taubenschlag und hielt diese Tiere mit Leidenschaft. Seinen Söhnen hatte er streng verboten, über den Taubenschlag zu gehen. Die Beschaffung des Taubenfutters mußte unter allen Umständen sichergestellt werden, selbst wenn seine Frau und 6 Kinder fast nichts zu essen hatten. Wenn ihm seine Angehörigen hintenherum eine Taube verkauften, so konnte er sehr ungehalten werden. Ferner war der Polizeibaltes ein großer Freund von Stubenvögeln. Das ganze Jahr hielt er sich solche in großen Käfigen, die im Wohnzimmer neben und unter dem Ofen aufgestellt waren und von denen ich noch einige auf dem Speicher vorfand. Natürlich handelte der Baltes auch mit solchen Vögeln. Er war ein großer Vogelkenner und Naturfreund und nahm seine Söhne viel mit in den Wald, um ihnen die Kenntnis der Vögel beizubringen und ihre Liebe zur Natur zu wecken. Dabei wurden dann in selbstgefertigten Hütten Vögel mit dem „Meisenkolben“ oder mit Klebruten gefangen. Auch mit „Schlicken“ wurde der Vogelfang betrieben. Mein Vater erzählte mir oft von diesen Vogelfahrten an schönen Sonntagen im Frühling und Sommer. Dieses Talent für die Vogelwelt ging auch auf meinen Vater über. Auch er kannte viele Vögel nicht nur beim Sehen, sondern auch schon am Gesang der Vögel und an ihrem Locken und machte mich immer wieder auf den Gesang der Vögel aufmerksam, wenn ich mit ihm ins Feld ging oder ihn später, als er Feldhüter geworden war, auf seinen Feldgängen begleitete.

Die Jugend meines Großvaters Balthasar Stadler muß recht trübe gewesen sein. Sein Vater, Franz Stadler, war ein Taglöhner. Diese Leute verdienten damals einen Hungerlohn. Fabriken waren damals noch nicht vorhanden, er wird daher kärglichen Verdienst in der Landwirtschaft, im Walde beim Holzmachen, in Steinbrüchen, bei Bauten usw. gesucht und gefunden haben. Daneben soll er eine Lumpensammlerei betrieben haben. Damit war damals auch das Einsammeln von Knochen verbunden. Im Sommer, Frühjahr und im Herbst war für Taglöhner in der Landwirtschaft in einer Stadt wie Villingen mit ihrem weiten Feldgelände sicher Arbeit vorhanden. Dagegen wird er im Winter mit dem Verdienen Schwierigkeiten gehabt haben. Da waren in meiner Jugend dann die Taglöhner mit Dreschen beschäftigt. So wird es auch mein Urgroßvater, als er die Witwe Ritter heimführte, bereits 46 Jahre alt. Als er starb, zählte er bereits 64 Jahre. Es ist klar, daß in diesen Jahren die besten Kräfte verbraucht sind. Der Franz Stadler war daher zweifellos ein Taglöhner zweiter Güte und mußte sich wohl mit bescheideneren Löhnen begnügen, als die jungen Arbeiter erster Klasse. Ohne Zweifel mußte die Urgroßmutter Apollo-nia darauf bedacht sein, mitzuverdienen so gut es ging. Ob sie Vermögen hatte oder vielleicht Hilfe von ihren Angehörigen in Niedereschach erhielt, weiß ich nicht. Da ständig kleine Kinder da waren, wird die Möglichkeit zu verdienen nur gering gewesen sein. Zweifellos litt darunter die Erziehung der Kinder.

Das größte Unglück für die urgroßväterliche Familie war sicher der Tod des Ernährers im Jahre 1816, als der älteste Sohn Balthasar erst 16, der jüngste Sohn Bernhard erst neun Jahre alt waren. Die übrigen Kinder waren ganz klein gestorben. Wie ich von meinem Vater hörte, nahm sich der Balthasar seiner Mutter und seines Bruders Bernhard sehr an. Er konnte kein Handwerk erlernen, sondern mußte taglöhnern, um die Mutter zu unterstützen. Als dann der Bernhard aus der Schule kam, mußte auch er in die Sodafabrik, um zu verdienen und konnte ebenfalls kein Handwerk erlernen. Später bewarben sich die beiden armen Söhne dann um Stellen im städtischen Dienste als Polizeidiener und Waldhüter, die ihren Mann knapp ernährten. Ohne Zweifel half auch die Stiefschwester Ritter tüchtig mit. Schon die Tatsache, daß sie mit ihren beiden Halbbrüdern zeitlebens gut stand, läßt darauf schließen, daß sie eine gute Tochter und Schwester war.

Der Großvater Baltes erzählte angeblich oft, wie er mit seinem kleinen Bruder Bernhard das Essen bei den Kapuzinern in Villingen gebettelt habe.

Ich vermute, daß die Familie Franz Stadler in der Gerbergasse gewohnt hat, vielleicht in städtischen Armenwohnungen. Die Schwester Ritter wohnte ebenfalls in einer solchen Wohnung im Michaelsturm, weshalb sie auch den Namen die „Turmnanne“ erhielt.

In den 1814er Jahren lagen in Villingen in der Gerbergasse, im sogenannten „Russischen Bock“, da wo jetzt der Stiftskeller ist, viele kranke Soldaten. Sie hatten Typhus, Ruhr und andere Feldzugskrankheiten und starben massenhaft weg. Die Leichname wurden dann ohne Sarg auf Wagen geladen und auf der Roßwette, da wo jetzt die Bärenbrauerei steht, beerdigt. Der Sage nach half auch der Urgroßvater bei diesen Beerdigungen als Totengräber mit. Vielleicht hat er sich dabei selbst Typhus geholt. Das Sterbedatum – Anfang August 1816 – spricht eher für eine solche Sommerkrankheit als für einen Schlaganfall.

Der Baltes war ständig zu lustigen Streichen aufgelegt. Er soll ein guter „Strähler“ im Narrohäs gewesen sein. Man erzählte von ihm, daß ihm von seinen Freunden öfters ein Narrohäs zur Verfügung gestellt wurde, damit sie einen gewandten Strähler bei sich und dadurch Unterhaltung hatten. Einmal wäre es ihm dabei aber recht schlecht gegangen. Er hatte einem Villinger gehörig die Meinung gesagt, und ihn natürlich dabei gereizt. Dafür wollte ihn der Gekränkte in den Stadtbrunnen, der auf dem Marktplatz stand, werfen. Das Publikum nahm sich indessen des bedrängten Narros an und errettete den „allefenzigen“ Baltes vor einem kalten Bade.

Mit seinem Vorgesetzten, dem Bürgermeister Hubbauer, trieb der Baltes gern Schindluder. Wenn die Bauern von auswärts, die den Bürgermeister Hubbauer nicht kannten, unten ins Bürgermeisteramt an der Wachstube vorbeikamen, so kehrten sie gewöhnlich beim Baltes an und sagten ihm Grüß Gott. Der Baltes gab ihnen dann den Rat, mit dem Bürgermeister recht laut zu sprechen, da er nicht gut höre. Nun schrien die Bauern natürlich den Hubbauer recht an, und wenn dieser dann nach dem Grund ihres lauten Redens frug, so klärte sich dann die Lumperei des Baltes rasch auf. Dieser aber lachte sich unten in der Wachstube ins Fäustchen. Ob sich das der Bürgermeister Hubbauer von seinem Polizeidiener ständig gefallen ließ, weiß ich nicht. (Die Polizeiwache befand sich damals da, wo heute das Münsterpfarramt ist, Ecke Kanzleigasse – Kronengasse).

Hubbauer hatte die üble Gewohnheit, seinen Untergebenen von weitem zu pfeifen, wenn er sie nicht mehr errufen konnte. Der Baltes aber reagierte auf dieses pfeifen niemals. Er ließ sich nicht pfeifen. Als ihn Hubbauer einmal frug, warum er auf seinen Pfiff nicht gehalten habe, entgegnete der Baltes schlagfertig: „Herr Bürgermeister, ich habe gemeint, man pfeife nur den Hunden“.

Auf alle Fälle war das Verhältnis zwischen dem Baltes und seinem Vorgesetzten ein gutes und patriarchalisches. Der Baltes soll sich auch einige Male der unpünktlichen Ablieferung amtlicher Gelder schuldig gemacht haben. Der Bürgermeister Hubbauer hat dann jeweils die Verfolgung unterdrückt, um den kinderreichen Baltes nicht ins Unglück zu bringen. Die Ehefrau Magdalena soll in solchen Fällen sehr für ihren bedrängten Gemahl eingetreten sein. Sonst muß der Baltes ein gutmütiger, stets gefälliger Mann gewesen sein. Mir wurde erzählt, daß er hilfesuchenden Menschen unentgeltlich Bittgesuche und Eingaben in allen vorkommenden Fällen gern verfaßt habe. Der Bürgermeister Hubbauer habe das Publikum kurzerhand zum Baltes geschickt, er solle ihnen die Eingabe machen. Hiernach zu schließen, muß er eine gute Feder geschwungen haben und schriftgewandt gewesen sein. Ich besitze leider von ihm keine Zeile. Er war zwei fellos ein guter Schüler gewesen. Baltes war auch zweifellos ein gut befähigter Mann. Leider war er nicht festen Charakters und so besorgt für seine große Familie, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Er hatte zwar eine Freude, daß ihm so zahlreich Kinder beschert waren – mehrere seiner Kinder starben im Kindes- und Säuglingsalter – aber die Sorge um ihre Erziehung kümmerte ihn weniger. Er neigte einem lockeren Lebenswandel zu und verkehrte wie sein Sohn Baltes gern in Wirtschaften. Sicher ist dem beliebten Manne auch vieles bezahlt worden, aber dennoch kam er dadurch rückwärts zum Schaden seiner Familie.

Einmal hatte die Ehefrau Magdalena einige hundert Gulden von einer Base aus Honstetten bei Engen geerbt. Vater Baltes nahm im Auftrag seiner Ehefrau das Geld in Verwahrung, legte es aber nicht auf die Kasse, sondern verbrauchte es langsam für sich. Später, als die Magdalene dafür eine Kuh kaufen wollte, kam die Sache ans Tageslicht, und es gab natürlich häuslichen Unfrieden. Die Familie unterhielt eine oder zwei Kühe, von welchen die armen Leute lebten. Der Lohn als Polizeidiener war so gering, daß er zum Unterhalt der achtköpfigen Familie bei dem lockeren Wandel des Vaters nicht ausgereicht hätte. Wie der Baltes in religiöser Hinsicht beschaffen gewesen ist, weiß ich nicht. Zum Beichten ging er zum pensionierten Pfarrer Kurz, der in der Oberen Straße im Hause des Gerbers Beha wohnte. Gewöhnlich nahm der Baltes zum Beichten einige Stubenvögel mit, weil er wußte, daß Kurz ebenfalls ein großer Vogelfreund war und sich gern in einen Vogelhandel einließ. Nach vollendeter Beichte und Absolution kam dann der Vogelhandel an die Reihe. Bei Kurz im Hause wurden nur ganz „Intime“ zur Beichte gehört, darunter auch der Baltes.

Das Eheleben scheint nicht ganz gut gewesen zu sein. Die Ehefrau Magdalene, die eine durchaus rechtschaffene, brave und fleißige Frau gewesen sein muß, und die auch auf gute Erziehung ihrer Kinder hielt, fand natürlich in ihrem wenig ernsten Ehemann nicht die erforderliche Stütze in der Kindererziehung. Sie muß böse Zeiten mitgemacht haben und erst, als ihre Kinder heraufkamen, besonders mein Vater und mein Onkel Fridolin, die sehr zur Mutter hielten, und sie unterstützten, wurde ihre Lage erträglicher. Der Baltes foppte seine Ehefrau gern. Er sagte oft im Scherze „er könne zu nichts kommen, er habe immer noch das erste Weib“.

Mein Vater erzählte von seinem Vater folgendes Erlebnis: Baltes hatte einst amtlich einen Mann nach Triberg zu transportieren. Damals ging noch keine Eisenbahn und Baltes mußte die Tour in einem Tage über Mönchweiler, Peterzell, St. Georgen und zurück machen, mindestens 50 Kilometer. Es war schon spät in der Nacht, als Baltes von Triberg auf dem Heimmarsch sich von Mönchweiler her Villingen näherte. Da sah er plötzlich von weitem her ein Licht auf sich zukommen, das ungemein rasch sich näherte und sich bald als eine gut gekleidete Dame entpuppte, die eine Laterne in der Hand trug, welche unzählige Gläschen und Eisen hatte, wie wenn sie geschliffen wären. Die Dame war trotz des herrschenden Schmutzes mit keinem Flekken von Kot bedeckt, ihre Schuhe waren ganz rein. Baltes erschauerte, als sich die Erscheinung näherte. Diese sprach ihn an und ging einige Zeit neben ihm auf der anderen Straßenböschung her. Sie sagte ihm, der sie nicht kannte und niemals gesehen hatte, seinen ganzen Lebenslauf, die Verhältnisse in seiner Familie her und zeigte sich ganz über ihn unterrichtet. Plötzlich, als sie den Krebsgraben, der durch das Tal hinter Mönchweiler führt, überschreiten mußten, verschwand die Gestalt, nachdem sie dem Baltes noch „Gute Nacht“ gewunschen hatte, worauf Baltes erwiderte: „was Gottes Wille ist, du auch“. Der Baltes soll von dieser Zeit an – es war schon in seinen letzten Lebensjahren – ernster gewesen sein. Von der Erscheinung hat er sofort nach seiner Heimkehr erzählt, so daß nicht anzunehmen ist, daß er sie erfunden habe. Dies ist umsoweniger anzunehmen, als der nicht furchtsame Mann, sonst bei seinen vielen Nachtwachen und Nachtkontrollen niemals eine nicht natürliche Erscheinung gehabt hatte und auch kein Frömmler oder religiöser Schwärmer gewesen ist.

Der Lieblingssohn des Baltes war sein Ältester, Jakob, der in Bezug auf leichte Lebensauffassung auch ihm am meisten ähnelte. Meinen Vater soll er nicht besonders lieb gehabt haben, weil er zur Mutter hielt, und dies auch stets offen bekundete. Mein Vater hatte eine ernste Lebensauffassung und fand daher an dem nicht einwandfreien Verhalten des Vaters keine Freude. Wahrscheinlich merkte dies der Vater, der nebenbei viele Stücke auf sich hielt. Einmal soll es zwischen meinem Vater und seinem Vater fast zu Tätlichkeiten gekommen sein, und zwar kurz vor dem Tode der Mutter Magdalena, die lange an ihrem schweren Leiden darnieder lag. Der Baltes soll sich einmal in kränkenden Worten über seine kranke Ehefrau in ihrer Gegenwart, daß sie nichts mehr tauge, geäußert haben, worauf ihm dies mein Vater streng verwiesen habe. Mein Vater ließ sich aus Gründen der Pietät nicht näher über sein Verhältnis zum alten Baltes aus, ich merkte aber, daß er ihm zeitlebens gegrollt hat, weil der Vater die geliebte Mutter so schlecht behandelt habe. Mein Onkel Fridolin, der ebenfalls so sehr an der Mutter gehangen hat, erzählte, wie tief der Mutter Tod meinem Vater nahegegangen sei und wie sehr dieser noch lange um sie geweint habe. Nach dem Tode seiner Ehefrau Magdalena trug sich mein Großvater Baltes mit dem Gedanken einer nochmaligen Verheiratung. Er soll schon die Hochzeitshosen gerichtet gehabt haben. Da pochte der Tod an. Beim Ausschellen hatte der 68jährige Baltes einen leichten Schlaganfall erlitten. Man brachte ihn heim und er erholte sich wieder. Nach 8 Tagen wiederholte sich der Anfall. Nach der Schilderung meines Vaters soll er einen schweren Todeskampf gehabt haben, vermutlich trat Lungenödem ein, sodaß er ersticken mußte. Er starb in den Armen meiner Tante Karoline, die ihn pflegte, im dritten Stock meines Elternhauses abends gegen 9 Uhr am 11. Oktober 1867. Mein Vater wollte noch einen Geistlichen holen, dieser kam aber zu spät. Der Baltes soll im Todeskampfe schwer den Herrgott angerufen haben.

Mein Urgroßvater Franz Stadler hatte noch einen Sohn, Bernhard Stadler, geboren zu Villingen 19. August 1809, gestorben zu Unterkirnach als Waldhüter am 5. Januar 1869, 3 Uhr nachmittags. Näheres über sein Leben weiß ich nicht. Er war städtischer Waldhüter und hatte sein Waldhüterhaus auf dem Viehhof beim Neuhäusle zwischen Villingen und Vöhrenbach. Ich war als Postgehilfe 1888 und 1889 von Vöhrenbach aus wiederholt beim Viehhof, der inmitten ungeheurer Wälder ganz allein liegt und habe mich nach dem Großonkel Bernhard erkundigt. Er muß ein ruhiger, friedlicher Mann gewesen sein. Er liegt auf dem neuen Friedhof in Unterkirnach beerdigt und zwar war er der erste, der in diesen Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts neu angelegten Friedhof gelegt wurde. Bernhard Stadler hinterließ, soviel ich weiß, eine Tochter, die mit einem Metzger Weißer von Herzogen-weiler verheiratet gewesen ist. Diesen Weißer lernte ich als Postgehilfe in Vöhrenbach ebenfalls kennen, er muß ein wenig solider Mann gewesen sein. Auf mich machte er keinen guten Eindruck (Alkoholiker). Die Nachkommen Bernhards leben noch in Unterkirnach, ich kenne sie indessen nicht. Mein 1921 verstorbener Vetter Balduin Stadler hat mir meines Erinnerns einmal einen seiner Nachkommen vorgestellt, etwa 1896. Die Ehefrau – zweiter Ehe – des Bernhard Stadler kannte ich noch. Sie lebte als Pfründnerin im städtischen Farrenstall in Villingen und war eine kleine, freundliche Frau. Ich sah sie in meiner frühesten Jugend, wo wir sie die Vetter-bäs hießen. Das Wort „Onkel“ und „Tante“ kannte ich in meiner Jugend nicht. Meine Onkel und Tanten nannte ich Vetter und Basen.

Die beiden Brüder Balthasar und Bernhard sollen sehr aneinander gehangen sein. Mein Vater erzählte von verschiedenen Besuchen, die sie beim Onkel Bernhard auf dem Viehhof gemacht haben und wo es ihnen sehr gefallen habe. Bei solchen Besuchen mußten dann die sangeskun-digen Buben des Baltes dem Onkel Bernhard Volkslieder singen, was dieser gern hörte. Dafür wurden sie mit Speck, Schnaps, Wein und gutem Wälderbrot bewirtet, und die beiden Alten erzählten aus ihrer Jugend und erweckten Erinnerungen aus Alt-Villingen. Zum Schluß nahm dann jeweils der „knabenfreundliche Bernhard“, dem Buben versagt waren, die Neffen samt dem Bruder Balthasar in das etwa eine Viertelstunde vom Viehhof entfernte Wirtshaus zum Neuhäusle-Auerhahn, wo noch eins getrunken wurde, zum Abschied. Das waren Sonnentage für meinen Vater und seine Brüder. Als ich später von Vöhrenbach aus 1888/1889 ab und zu ins Neuhäusle kam, gedachte ich jeweils wehmütig dieser Besuche meiner Ahnen in den stolzen Wäldern der Heimat und erkundigte mich bei den alten Unterkirnachern über meinen Großonkel Bernhard. Nun sind inzwischen wieder dreißig Jahre ins Land gegangen und die damals alten „Wälder“ sind inzwischen, einer nach dem anderen, zum braven Bernhard auf den stillen, sonnigen Friedhof in Unterkirnach getragen worden, der so wunderbar über der Höhe ob dem Dorfe gelegen ist. Da droben muß es sich prächtig schlafen, rings von mächtigen Tannen und Föhren umgeben. Keine Lokomotive, keine Großstadtunruhe stört dort oben den Schläfern ihre köstliche Ruhe. Bei der Beerdigung des Onkels Bernhard war mein Vater und einige seiner Brüder ebenfalls dabei. Es soll noch Schnee gehabt haben und eisig kalt gewesen sein, mithin muß Bernhard im Frühjahr gestorben sein.

 

Werner Huger wurde Ehrenmitglied unseres Vereins (Günter Rath)

 

Am 21. April 1993 ehrte der Geschichts- und Heimatverein Villingen seinen ehemaligen langjährigen 1. Vorsitzenden.

In seiner Laudatio anläßlich der Ernennung zum Ehrenvorsitzenden sagte der derzeitige 1. Vorsitzende Günter Rath u. a.:

Du hast, lieber Werner, diesen Verein über ein Jahrzehnt geführt, Du hast ihm auch sonst auf vielfältige und höchst produktive Weise gedient, und mehr noch: Du hast diesen Verein und seine Mitglieder auf Deine ganz persönliche Art verkörpert wie sonst niemand.

Das sehen die Mitglieder nicht anders als Deine ehemaligen Mitstreiter.

Noch während Deiner beruflichen Tätigkeit im Landkreis Konstanz hast Du die Leitung des Geschichts- und Heimatvereins Deiner Heimatstadt übernommen.

Mit dieser freiwilligen Verpflichtung verbindet sich ein besonders erfolgreiches Wirken. Deine organisatorische Begabung hat dazu beigetragen, unseren Verein zu einem angesehenen Kreis von annähernd 500 Mitgliedern anwachsen zu lassen, ein Verein, der über seine tüchtigen Mitarbeiter durch Vorträge und Exkursionen und eine Fülle von Publikationen vor allem der Öffentlichkeit die Heimat näherbringt, jene Heimat, von der Du selbst einmal geschrieben hast, sie sei nicht nur ein geographischer Begriff sondern ein geistig-seelischer Raum, in dem sich Geschichte vollzieht.

In Deiner Zeit wurden zehn Jahreshefte des Geschichts- und Heimatvereins herausgegeben mit nahezu 800 Seiten. Damit sind alle bisherigen Einzelpublikationen übertroffen worden. Du selbst hast mit über dreißig Beiträgen diese Jahreshefte bereichert. Ich darf stellvertretend besonders die wissenschaftlich-theoretische Abhandlung über die Gründungsidee der Stadt Villingen nennen, die in besonderem Maße die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Fachwelt hervorgerufen hat.

Und es kommt noch etwas hinzu: Die Menschen mögen Dich in Deinem ganz persönlichen Stil, in dieser Mischung aus Weltläufigkeit und Bodenhaftung, aus Pragmatismus und Selbstvertrauen, aus kreativer Umtriebigkeit und praktischem Sinn.

So hast Du dem Geschichts- und Heimatverein Deinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt. Du hast ihn vorangebracht, Du hast ihm in dieser Stadt und der Region Respekt verschafft. Du hast viel bewegt in diesem Verein, Du hast Dich keiner Entwicklung verschlossen, bist aber selten einer aufgesessen. Die Hände in den Schoß legen war nicht Deine Sache. Damit wollte ich nicht sagen, alles, was Du unternehmen oder durchsetzen wolltest, sei aussichtsreich gewesen.

Wir haben gelegentlich freundschaftlich darüber gestritten. Aber macht es nicht den schöpferischen Menschen aus, daß er vieles unternimmt, plant und entwirft, damit manches gelingt? Lieber Werner, Du hast dem Geschichts- und Heimatverein viel gegeben. Du hast Dich dabei nie geschont. Dir würde jeder Orden, den wir vergeben können, gut anstehen. Die Ehrenmitgliedschaft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen ist kein Streugut, es wird behutsam mit ihr umgegangen.

Ich bin sicher, Du wirst deshalb die Ehrenmitgliedschaft des Geschichts- und Heimatvereins nicht verschmähen. Zu dieser Ernennung darf ich Dir auch die Glückwünsche des Herrn Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg übermitteln.

Lieber Werner,

ich darf Dir nun die Urkunde, die Dich zum Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins macht, überreichen.

Äußeres Zeichen unseres Dankes ist dieses Bild, daß Du selbst mit ausgewählt hast. Es möge Dich an viele arbeitsreiche, aber sicher auch schöne Stunden Deiner Zeit als Erster Vorsitzender unseres Vereins erinnern.

Es wäre zu allgemein zu sagen, Werner Huger hat sich um den Geschichts- und Heimatverein verdient gemacht.

Ich möchte mit den Worten schließen:

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen dankt Dir, der Geschichts- und Heimatverein Villingen zählt auch in Zukunft auf Dich.

Mein Damen und Herren, verehrte Frau Huger, liebe Paula,

all das, was Werner Huger für den Geschichts- und Heimatverein geleistet hat, die unzähligen Arbeitsstunden, die vielen Kilometer, die er abgefahren hat, das ganze Engagement wäre nicht möglich gewesen, ohne Dein Verständnis, Dein Zurückstehen in vielen Situationen.

Es scheint das Schicksal vieler Ehefrauen von im öffentlichen Leben engagierten Männern zu sein, Blumensträuße als Dank zu erhalten. Ich darf Dir als kleines Dankeschön ebendiesen überreichen, wir sind uns alle wohl bewußt, welch großartigen Beitrag Du für die Entwicklung des Geschichts- und Heimatvereins in den letzten Jahren geleistet hast. Herzlichen Dank.

Heimat in der Moderne

„Ich weiß, ich weiß: Heimat, das ist der Ort, wo sich der Blick von selbst näßt, wo das Gemüt zu brüten beginnt, wo Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf . . .“ Damit Sie mich nicht mißverstehen, lieber Martin Witt, ich gebe zu, daß dieses Wort in Verruf gekommen ist, daß es mißbraucht wurde, so schwerwiegend mißbraucht, daß man es heute kaum ohne Risiko aussprechen kann. Und ich sehe auch ein, daß es in einer Landschaft aus Zement nichts gilt, in den Beton-Silos, in den kalten Wohnhöhlen aus Fertigteilen, das alles zugestanden; wenn es schon so ist: was spricht denn gegen den Versuch, dieses Wort von seinen Belastungen zu befreien? Ihm seine Unbescholtenheit zurückzugeben?“

Aus: Siegfried Lenz, Heimatmuseum, München 1981, Seite 120.

 

Dr. Wilhelm Binder 80 Jahre alt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 3. April 1993 vollendete Dr. Wilhelm Binder sein 80. Lebensjahr. Der Geschichts- und Heimatverein Villingen widmet seinem Ehrenmitglied aus diesem Anlaß ein Dankeswort und will damit die zahlreichen Leistungen auf verschiedensten Gebieten der Geschichtsforschung unserer Heimatstadt und der Veröffentlichung historischer und kunsthistorischer Schriften würdigen, die durch Initiative von Dr. Binder herausgegeben wurden.

Schon als Kind hatte Wilhelm Binder in der Werkstätte seines Vaters, der 1911 als Mechanikermeister eine eigene Firma gegründet hatte, Gelegenheit, die fundamentalen technischen Begriffe wahrzunehmen, und so entschloß sich der Abiturient, an der TH Karlsruhe Elektronik und Physik zu studieren und beendigte 1938 sein Studium als Diplomingenieur. In der Erkenntnis, daß sein Vater ihn zum Ausbau des einst handwerklichen Betriebes zu einem Industrieunternehmen brauche, verzichtete er auf eine weitere Hochschullaufbahn. In den Nachkriegsjahren gelang es dem Diplomingenieur Binder, den Betrieb von Jahr zu Jahr auszubauen, wobei durch seine Forschungstätigkeit auf dem Gebiet des Magnetismus im ganzen etwa vierzig Patente angemeldet werden konnten.

Über den eigenen Betrieb hinaus hat Wilhelm Binder seine Grundgesetze der Magnettechnik auch auf andere Gebiete übertragen und fand dadurch die Beziehung zur Aerodynamik. Es mag für den Menschen Binder ein Ausgleich gewesen sein, daß er das Fliegen als Hobby wählte und in seiner knapp bemessenen Freizeit sich die Welt und besonders seine Heimatstadt Villingen von oben ansah.

Als verantwortungsbewußter Bürger in unserer Nachkriegsdemokratie ließ sich Wilhelm Binder 1956 in den Stadtrat seiner Heimatstadt wählen. Nachdem er in den 60er-Jahren neben der beruflichen Arbeit ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert hatte, – er hatte klar erkannt, daß der technische Leiter eines Industriebetriebes auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse besitzen müsse, – versuchte er bei seiner Stadtratstätigkeit immer wieder, positiv auf den Haushalt einwirken zu können. Unvergessen sind die jährlichen Etatreden zu den Haushaltsberatungen, die von hoher Warte aus und mit unternehmerischem Geist vorgetragen wurden. Es war nicht nur für den Stadtrat, sondern auch für die Verwaltung ein schwarzer Tag, als seine Vorschläge wieder einmal keinerlei Konzilianz erfuhren und Dr. Binder am 18. 12.1974 die Sitzung verließ und sein Mandat schweren Herzens niederlegte.

Bei aller beruflichen Inanspruchnahme war Dr. Binder immer seiner Heimatstadt Villingen in besonderem Maße zugetan. So scheute er 1963 keine Mühe, den alten Villinger Denar in einem Museum in Leningrad ausfindig zu machen und trotz des damals noch bestehenden „Eisernen Vorhangs“ das Original nachprägen lassen zu dürfen.

Villingen verdankt ihm die Herausgabe oder die Unterstützung bei der Herausgabe einer ganzen Reihe von Büchern und Schriften, u. a. 1962 „Luftaufnahmen von Villingen“, 1969 „Kunstschätze aus Villingen“, 1972 „Die Ratsverfassung der Stadt Villingen“, verschiedene Bücher und Schriften über die Ausgrabungen am Magdale-nenberg, 1976 „Das Leben im alten Villingen“ von Rodenwaldt, 1990 dessen 2. Band und 1988 „Textilkunst aus fünf Jahrhunderten“.

Aber in seiner Heimatstadt machte er nicht Halt mit seinen Forschungen und Interessen; so verstand er es in den 80er-Jahren, dem Leben und Gedankengut des Schweizer Humanisten Heinrich Loriti, genannt Glareanus, nachzuforschen und den fast Vergessenen in seiner Heimatgemeinde Mollis bei Glarus wieder in Erinnerung zu bringen.

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen verdankt seinem Gründungsmitglied, Herrn Dr. Wilhelm Binder viele Anregungen und Ratschläge. Er wurde deshalb im Jahre 1988 zum Ehrenmitglied ernannt. Unser Verein wünscht ihm noch viele glückliche, kreative Jahre!

Renovierung und Sanierung des Villinger Rathauses (Elmar Fuhrer)

 

 

 

 

 

 

 

 

Ergänzung zum Bericht im Jahresheft XVII, Seite 52 – 54, zum Zitat auf Seite 53.

Dort hieß es: „Es ergaben sich jedoch zwei sensationelle Funde, die sehr bedeutend für die Villinger Stadtgeschichte sein können“.

Vermuteter Übergang vom ehemaligen Pfarrhaus, jetzt Rathaus Nr. 7, zum alten historischen Rathaus.

Das Bild oben zeigt die jetzige Situation nach dem Umbau vom Sekretariat OB, Durchgangstür zum Wehrgang-Ansatz.

Bei Abnahme der Verkleidung im sogenannten Barockhaus Münsterplatz Nr. 8 im zweiten Obergeschoß kam der Nordgiebel des alten Pfarrhauses mit Renaissance-Quaderbemalung zum Vorschein.

Das Bild unten zeigt die jetzige Situation, restaurierte Außenwand, Raum jetzt genutzt als Büro / Hauptverwaltung.

Elmar Fuhrer

 

 

Buchbesprechung (Michael Tocha)

Buch: Geschichte in Bildern und Geschichten oder Erinnerungen an eine alte Stadt. Villingen – einst und jetzt.

Vor Werner Jörres und Herbert Schroff.

Mit einem Vorwort von Heiner Flaig. Todt-Druck GmbH, 1993.

Ein neues Buch über Villingen in der „guten alten Zeit“ hat Aufsehen erregt. In der Presse war zu lesen, daß die von Werner Jörres und Herbert Schroff signierten Exemplare so schnell weggingen, daß eine weitere Signierstunde angesetzt wurde. Gibt es einen deutlicheren Beweis dafür, daß die Verfasser die Bedürfnisse und Stimmungen ihrer Leser genau getroffen haben?

Doch bleiben wir nüchtern, denn das ist Rezensentenpflicht. Vor uns liegt ein Buch in handlichem Querformat, das auf insgesamt 144 Seiten einen vielfältigen Eindruck von Villingen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vermittelt. Auf jeder Doppelseite finden sich zwei oder drei Photos, und schon beim Durchblättern erschließt sich die Grundidee des Werks: Mehreren Bildern aus vergangenen Jahrzehnten (aus Herbert Schroffs noch längst nicht erschöpftem Archiv) wird stets der heutige Zustand gegenübergestellt – dieses Buch lebt von den Kontrasten. Die Texte sind vor allem auf jene älteren Bilder bezogen. Man müßte sich einmal die Mühe machen, die Namen der Villinger Persönlichkeiten und Originale zu zählen, von denen die Autoren kleine Begebenheiten des Alltags zu erzählen wissen. Indem sie sie noch einmal an die Stätten ihres früheren Wirkens zurückversetzen, werden die alten Abbildungen gewissermaßen mit Leben erfüllt – d. h. menschlich. Dabei wird eine Wertung beständig durchgehalten: Früher war das Leben in Villingen geruhsamer, idyllischer, buntscheckiger; heute braust überall der Verkehr, können Kinder nicht mehr auf den Straßen spielen, strahlt kaltes Neonlicht. Nur selten findet das Neue Zustimmung, wie etwa die Commerzbank am Niederen Tor (S. 36) oder das Gebäude der AOK (S. 60); in der Regel wird Verschwundenes nostalgisch verklärt.

Sollte man da eine differenziertere Betrachtung einfordern? Man sollte es nicht; denn die Autoren nehmen für sich ihr gutes Recht in Anspruch, ihre Sicht der Dinge zu vermitteln. Sie wollten gar nicht das Für und Wider städtebaulicher Entwicklungen umfassend abwägen; die Dialektik von Fortschritt und Bewahrung ist nicht ihr Thema. Ihre Texte sollen und können nur subjektiv sein; denn sie halten vor allem eigene Erinnerungen fest. Daß sie damit zugleich ganz ähnliche Erinnerungen ihrer Mitbürger formulieren, erklärt, warum das Buch so gefragt ist. Zugleich sind die Eindrücke aus der Jugendzeit wie persönliches Stilempfinden der Maßstab für die recht gestrengen Urteile über die meisten Neubauten und die dafür Verantwortlichen: Was und wer kann schon vor dem „verklärten Blick des unsterblich Verliebten“ (Heiner Flaig) bestehen? Indes stellen sich auch ernstere Fragen. Die vor allem beschriebenen und abgebildeten Zeiträume sind die Weimarer Republik und das „Dritte Reich“. War wirklich der Zeit Anfang der 30er Jahre eine „behäbige Ruhe“ eigen, wie man auf S. 18 lesen kann? Gab es nicht auch viel wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, politische Verfolgung – und das heißt auch: persönliche Erinnerungen daran? Kann man solche Zeiten mit dem bloß nostalgischen Blick gerecht werden? Gerade der Leser, der jene Jahre nicht miterlebt hat, würde sich wünschen, von Zeitzeugen auch etwas vom allgemeinen Lebensgefühl und den gewiß auch bitteren Erfahrungen jener Jahre vermittelt zu bekommen. Aber, noch einmal: Jörres und Schroff wollten keine Villinger Sozialgeschichte schreiben, sondern Erinnerungen mitteilen. Ihre Erinnerung ist ihre Sache, sie haben entschieden, was sie davon weitergeben wollen. Verlangen wir von diesem Buch nicht, was nicht in seiner Absicht liegt.

Im übrigen bleibt festzuhalten, daß gerade dieses Buch eine authentische Vorstellung vom Villingen früherer Jahre vermittelt – darin liegt sein Verdienst. Dies ist eine Leistung der Bilder. Wo sonst bekäme man in solcher Fülle Anschauung vom alten, z.T. nicht mehr vorhandenen Stadtbild? Wie anders, manchmal fast nicht mehr erkennbar sich Straßen und Häuser kaum ein halbes Menschenalter zuvor noch darbieten! Indem die neuen den vergangenen Ansichten gegenübergestellt sind, wird deutlich, wie rasch und einschneidend sich das Gesicht unserer Stadt, und aller unserer Städte, verändert hat, wie viele Fehler begangen worden sind, wieviel Substanz unwiederbringlich verloren ist. Niemals in ihrer langen Geschichte ist dieser Wandel dramatischer vor sich gegangen als seit dem Zweiten Weltkrieg. Daraus folgt für Bürger und Amtsträger heute eine in gleichem Maße gesteigerte Verantwortung auch für ihre äußere Gestalt. Denn von der Stadt als dem gemeinsamen, „kommunalen“ Gehäuse des Daseins hängen auch heute Lebensqualität und Wir-Gefühl in entscheidender Weise ab. Werner Jörres und Herbert Schroff haben uns an diese Tatsache sehr persönlich und herzhaft deutlich erinnert.

Vollständigkeitshalber sei hier vermerkt:

Der neue Bildband ist bereits das dritte Buch zum Thema „Villingen, wie es früher einmal war‘:

1976 erschienen die „Villinger Bilddokumente 1862 – 1930′; gesammelt von Herbert Schroff mit einmaligen Fotos, z. T aus der Frühzeit der Fotografie, herausgegeben im Verlag Revellio.

Als Band 4 der Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen gibt es seit 1982 das Buch „Villingen, Zeitgeschehen in Bildern 1928 – 1950 ‚ kommentiert von Heiner Flaig, mit Bildern aus verschiedenen Quellen, u. a. vom ehemaligen Fotografen Schollmeyer.

101915_0619_Buchbesprec1.jpg