Das „neue“ Vesperbild in der Klosterkirche St. Ursula (Kurt Müller)

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist in der Klosterkirche St. Ursula im Mai 1991 unter dem aus dem Dominikanerinnenkloster stammenden Kruzifix an der linken Chorwand ein Vesperbild aufgestellt worden, das zu den wertvollsten mittelalterlichen Kunstwerken unserer Stadt gehört. Da ein so qualitätvolles Andachtsbild auch den besonderen Stellenwert der Leidensmystik in der Frömmigkeitsgeschichte der Ordensleute und Bürger Villingens markiert, ist es eine lohnende Aufgabe, im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins darüber zu berichten.

Der neuere Name für eine Plastik Mariens mit dem toten Jesus auf den Knieen lautet „Pieta“ und kommt vom italienischen Wort „Mitgefühl“. Die ältere halb lateinisch und halb deutsche Bezeichnung „Vesperbild“ ist zutreffender und verweist zugleich auf die Herkunft dieser Darstellungsform.

Im Neuen Testament wird eine solche Szene nicht erwähnt. Kunstgeschichtlich beginnt der Bedeutungszusammenhang mit byzantinischen Darstellungen der Grab-legung Christi, aus der sich der Bildtyp der Beweinung Christi entwickelt hat. Italien übernimmt im 13. Jahrhundert das Beweinungsthema.

 

 

 

 

 

Ein frühes Beispiel (1305) dafür ist das Fresco von Giotto in der Arenakapelle zu Padua. Die mittelalterliche Mystik, die Versenkung in die Passion Christi, sucht Wege zur Identifikation mit den dargestellten Personen: Maria umarmt ihren toten Sohn, schmiegt ihr Gesicht an seines. Johannes, Maria Magdalena und die anderen Frauen, Joseph von Arimathäa und Nikodemus halten Jesu Hände und Füße und stehen in tiefer Trauer dabei. Ein in Holz geschnittenes Relief (um 1500) und ein Tafelbild (um 1520) ebenfalls im Kloster St. Ursula belegen diesen Bildtyp auch in Villingen.

Daß aus der Szene der Beweinung nun Maria mit dem Leichnam Jesu allein, von den anderen isoliert dargestellt wird, ist ein Brauch, der zu Anfang des 14. Jahrhunderts in deutschen Frauenklöstern entstanden ist. Der Name dafür „Vesperbild“ schließlich stammt aus der Vesper (kirchliches Abendgebet) des Karfreitags. Dabei wurde zwischen dem Gedenken an die Kreuzigung und an die Grablegung noch eine Betrachtung (Meditation) des toten Jesus auf dem Schoß seiner Mutter eingefügt. Das Primäre war die Meditation, die geistliche Beschäftigung mit der Trauer der Mutter Maria, aber auch mit der Tatsache, daß „es vollbracht“ und das Erlösungswerk nun vollendet ist. Das Zweite ist dann die Kreativität der Künstler, die den geistlichen Reichtum dieser Szene ins Holz geschnitzt und farbig gefaßt haben. Der Quellgrund, aus dem sich die Meditation in den Klöstern des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nährte, war der geistige Reichtum der Mystik. Namen wie Meister Eckhart (1260 – 1328), Heinrich Seuse (1295 -1366) und Johann Tauler (1300 – 1361) sind uns aus der religiösen Geistesgeschichte, gerade unseres Raumes Basel – Straßburg – Konstanz, vertraut.

Zwei Zitate aus einer Predigt des Minoriten Johannes Pauli, die er um 1490 zu Lebzeiten der begnadeten Äbtissin Ursula Haider (1413 -1498) als „wirdiger Lesmeister“ des Villinger Franziskanerklosters vor den Klarissen von St. Ursula gehalten hat, belegen den Zungenschlag eines von der Mystik geprägten Predigers.

In plastisch realistischen Farben wird der Leidensmann geschildert: „Warlich disser suss miniklich opfel Jhesus hangent am pom des crutzes ist gantz rot uswendig durch sin schmertzklich rosenfarw blut vergiessen, daz allen sie-nen lib ubergossen und rotfarw gemacht hat, und er ist miniklich und gantz wiss inwendig durch sin unschuld, won unschuldiklich ist daz cospar blut Jhesu Christi vergossen.“ 1)

Nicht Zwang und Pflicht sondern Liebe „Devotion“ führen zur fruchtbaren Begegnung mit der Passion Christi: „Fürwar, es gat nit mit lachen zu. Die natur muss mengen pittren tod nemen, wilt du Christo nachfolgen; won er hat selb gesprochen: ,Qui vult venire post me abneget semet-ipsum et tollat crucem suam et sequatur me`. Wer nach mir wil komen…(Lk 9,23). Da zogt er dir, daz du daz crutz der gaischlichait gern und gutwilliklich solt tragen und nit bezwungelichen, also daz dich müsse mit bussen dazu zwingen, daz du ze metti ufstandist, ze kor gangist, fastist und andre ordnung der gaischlichait haltist; won soliche tragent daz crutz nit mit Christo sunder mit Simon Cire-neo. Den zwunget die Juden darzu, daz er must tragen uber sinen willen, und darumb hat er kain verdienen.“2) In diesem Zusammenhang ist auch das Entstehen einer besonderen Andacht zu den „Heiligen Fünf Wunden“ zu erwähnen. Daher ist bei den meisten Vesperbildern die Körperhaltung Jesu so gestaltet, daß alle fünf Wundmale an Händen, Füßen und der Seite zu sehen sind.

Die Frömmigkeit der Auftraggeber und die vom gleichen Geist geprägte Schöpferkraft der Künstler führten dann zu den auch moderne Menschen tief beeindruckenden Vesperbildern. Die älteren Werke zeigen Maria mehr als ältere Frau mit strengem, gramvollen Ausdruck. Vom fünfzehnten Jahrhundert an überwiegt der Typ der „schönen“ Vesperbilder, bei denen Maria jugendlich, fast aristokratisch, in stiller Trauer dargestellt ist.

Unser Vesperbild in St. Ursula neigt dieser Stilform zu, es zählt also nicht zu den ganz frühen Vesperbildern sondern wird auf die Wende vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert zu datieren sein.

Woher kam es ins Villinger Klarissenkloster? Wir kennen Werkstatt und Künstler nicht, aber wir wissen, daß die Äbtissin Ursula Haider die tiefe Verehrung des Leidens Christi geliebt und einen prägenden Einfluß auf die Spiritualität ihres Konvents ausgeübt hat. Es ist ihr geistliches Erbe, daß die wertvollsten Kunstwerke in St. Ursula vornehmlich mit der Passion in Zusammenhang stehen: Das Vesperbild, das Relief und das Tafelbild der Beweinung Christi, der Leidensmann im Chor, ein dem Nägelinkreuz sehr ähnliches Kruzifix, die geschnitzte Ölbergszene. Wenn nicht von Ursula Haider selbst erworben, so wurde das Vesperbild doch sicher bald nach ihrem vorbildlich zu Ende gegangenen Leben von den Klarissen aufgestellt. Die Nonnen waren arm, sie werden das Andachtsbild wohl von einem frommen Stifter erhalten haben. Wo in der Kirche oder im Kloster die Pieta die Jahrhunderte hindurch verehrt wurde, ist unbekannt.

Pieta vor der Restaurierung; Pieta nach der Restaurierung

Anfang der vierziger Jahre, also im Zweiten Weltkrieg, war sie im breiten Klostergang, der der Stadtmauer entlangführt, aufgestellt. Der um die Villinger Heimatgeschichte hochverdiente Dr. med. Johann Nepomuk Häßler betreute damals die Ordensfrauen in Krankheit und Alter. Aus Dankbarkeit für seine Treue zum Kloster und seine selbstlose Sorge für die Schwestern auch in der Zeit der klosterfeindlichen NS-Herrschaft schenkten sie ihm das Vesperbild. Sicher hat dabei auch der Gedanke eine Rolle gespielt, daß die Pieta im Haus des Doktors sicherer aufgehoben wäre als im bedrohten Kloster, das möglicherweise Lazarett oder Truppenunterkunft hätte werden können.

Bis zu seinem Tod am 27. Februar 1981 hütete Dr. Häßler das Vesperbild in seinem Haus. Im Mai 1989 haben seine Erben die Pieta dem Kloster zurückgegeben mit der Auflage, daß sie auf jeden Fall in Villingen verbleiben müsse und in angemessenem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich bleiben soll.

Die Restaurationswerkstatt Rau in Ulm hat die Figur vorbildlich restauriert, das zeigt der Vergleich der Abbildungen. Auf einer dazu passenden, neu gefertigten Konsole wurde das Vesperbild dann im Mai 1991 an seinen jetzigen Platz aufgestellt. Kenner der Villinger Museen wissen, daß dort durch langjährige Bemühungen von Stadtarchivar Dr. Josef Fuchs zwei Vesperbilder restauriert werden konnten. Die kleinere Plastik stammt aus dem Hl. Geist Spital und die größere aus dem Franziskanerkloster, sie hatte dort ihren Platz bei der Leprosenbank. Außerdem ist das Nägelinkreuz an seinem ursprünglichen Ort in der Bickenkapelle immer zusammen mit einem „bekleideten“ Vesperbild verehrt worden, das zu ungewisser Zeit verloren gegangen ist. Die im Münster heute unter dem Nägelinkreuz aufgestellte Pieta stammt aus Villinger Museumsbesitz.

Aus der Anzahl und der Bedeutung der erwähnten Kunstwerke in Villingen wird auf eine beeindruckende Weise deutlich, welchen Stellenwert in den vergangenen Jahrhunderten die Verehrung gerade der Schmerzensmutter Maria mit ihrem toten Sohn gehabt haben muß. Es war ganz offenbar ein Bedürfnis der Menschen, in schweren Zeiten, bei Mißernten, Seuchen und Krieg bei denen Zuflucht zu suchen, die mit und für die Menschen gelitten hatten, bei Jesus und Maria.

Die Vesperbilder im Museum werden hoffentlich auch für kommende Generationen als Zeugnisse der Frömmigkeit und als Belege für den hohen Rang der religiösen Kunst in unserer Stadt gesichert und erhalten bleiben.

Das Vesperbild in St. Ursula aber ist dahin zurückgekehrt, wo der Stifter und der Künstler es wohl haben wollten: in das Gotteshaus als Meditations- und Andachtsbild zur Hilfe und zum Trost für Menschen, die schwere Tage zu meistern haben.

1) und 2) Robert G. Warnok „Die Predigten des Johannes Pauli“ Verlag C. H. Beck München 1970, Seite 55 und 62.

 

Kruzifix und Pieta in der Klosterkirche St. Ursula beim Bickentor in Villingen.

 

 

 

Gedanken zur Villinger Stadtmauer (Paul Naegele)

Text: Paul Naegele

Bilder: Hans Wenzel

Bei einem Spaziergang im grünen Anlagenring bietet sich die Stadtmauer zur näheren Betrachtung an. Wenn sie auch von der Innenseite her wenige öffentlich zugängliche Stellen besitzt, so erlaubt sie dennoch eine Gesamtübersicht.

Hier handelt es sich um die sogenannte Innere Stadtmauer, die ich aus meiner Architektensicht in ihrem baulichen Zusammenhang mit ihren An- und Aufbauten betrachte. So sehe ich meine Vermutungen lediglich als Vorstufe zu Annahmen, Thesen oder Fakten. Daher sind meine Überlegungen sicher ergänzungswürdig, eine Kontrolle durch Geschichtsquellen bis zu archäologischen Funden ist erforderlich. Insgesamt entsteht jedoch ein Zusammenhang, der sicher für weitere Überlegungen als Grundlage dienen kann.

I – Die ursprüngliche Innenmauer

A – Baugeschichte

B – Das Bauwerk Innenmauer

C – Tore und Türme

D – Verflechtungen mit der Innenstadt

II – Die Stadtmauer in ihrem heutigen Bestand

A -Geschichte

B – Die Innenmauer mit ihren Veränderungen

C – Tore und Türme mit ihren Veränderungen

D – Die heutige Bedeutung der Innenmauer

III – Die Innenmauer als Aufgabe

A – Funktion

B – Konstruktion

C – Gestaltung

D – Schluß

E – Nachbemerkung

 

Am mächtigsten zeigt sich die heutige Stadtmauer im Benediktinerring. Dort ist sie am höchsten. Hier hat sie in der einprägsamen Nordwestkurve mit ihrer Krümmung ihre ursprüngliche Stärke. Das kleine Fenster hochoben diente wie viele andere gereihten Fenster als Schießscharte.

 

I – Die ursprüngliche Innenmauer

A – Baugeschichte

Unklar ist, ob zunächst eine Palisade mit Wall errichtet wurde, unklar ist ebenso, wann diese Mauer gebaut wurde.

999 verleiht Kaiser Otto III dem Grafen Berthold für dessen Ort Villingen das Markt-, Münz- und Zollrecht, sowie den Gerichtsbann. Damit entsteht das Recht zum Bau einer Stadtmauer.

1037 setzt das Reichsgesetz die Erblichkeit der Lehen fest. Wenn Grundbesitz auch Lehen letztlich des Kaisers ist, so darf einmal erworbenes Lehen dennoch weitervererbt werden. Das Interesse an einem eigenen Lehen erleichtert Stadtgründung und Hausbau.

1086 wird das Benediktinerkloster St. Georgen gegründet, das wichtig ist als Hinterland für den Einzugsbereich Villingen.

1100 gilt als etwaiges Gründungsdatum (vermutlich eindeutig vor 1119) für die neue Stadtanlage rechts der Brigach durch die Herzöge von Zähringen.

1106 verleiht Kaiser Heinrich IV die Freiheiten an die Bürger von Köln. Hierdurch gibt es einen festen Begriff der bürgerlichen Freiheit und des Stadtrechts.

1118 gründet Berthold III die Stadt Freiburg. Die Bauart der Villinger Tore und ihrer Anlage weist darauf hin, daß Villingen zuerst und mit absehbarem zeitlichem Abstand vorher gebaut wurde.

1130 ist das Münster schon im Bau. Zu diesem Zeitpunkt muß also eine Sicherung der Befestigungsanlage sowie das Konzept des Stadtplanes und eine Mindestanzahl von Wohnhäusern vorhanden gewesen sein. Die Mauerwerkstechnik am Münster mit unregelmäßigen und regelmäßigen glatt gehauenem Schichtmauerwerk zeigt, auch wie am Turm der etwa 100 Jahre älteren Altstadtkirche, den damaligen Stand der Bautechnik.

1218 beginnt Schenk Konrad von Winterstetten nach dem Aussterben der Zähringer als Reichsvogt des Kaisers Friedrichs II die Stadtbefestigung mit Mauern und Türmen zu verstärken.

1225 wird der Ort Villingen mit dem Zusatz „civitas“ erwähnt, was ein mit Mauern umgebener Ort bedeutet, der gleichzeitig eine eigene Obrigkeit besitzt. Damit ist offensichtlich die Neugründung gemeint. Spätere Erwähnungen des Namens Villingen mit dem Zusatz „villa“ weisen entsprechend auf die mindestens nicht wesentlich befestigte Altstadt hin.

1236-1278 ziehen die Augustinerinnen, die Johanniter, die Franziskaner und die Klarissen nach Villingen. Hierbei bestanden schon Bauten an der inneren Stadtmauer, die ich als Wehrhäuser bezeichnen möchte. Nach Blessing können noch weitere Wehrhäuser bis 1806 angenommen werden4).

1271 legt der einzige große Stadtbrand die Stadt in Schutt und Asche. Durch den Wiederaufbau der Häuser wird sicher die weitere Befestigung der Stadtanlage eine Zeitlang zurückgestellt. Möglicherweise werden ab jetzt die neuen Häuser häufiger mit Steinwänden anstatt mit Fachwerk gebaut. Die erworbenen Kenntnisse beim Bau der Stadtmauer dürften hier eingeflossen sein.

1294 beschließt der Große Rat (Handwerker) und der Kleine Rat (24 Schultheiße) ohne Mitwirkung des Stadtherrn das Stadtrecht. In der Folge wird ab 1303 ein eigener Bürgermeister als Bürgervertreter bestimmt.

1324 wird die Mitregierung des Großen Rates (Zünfte) mit dem Kleinen Rat (24 Schultheiße) verbrieft. Das Selbstbewußtsein des Handwerks und damit der Bürger ist gestärkt. Villingen besitzt etwa 2500 Einwohner.

Im 14. Jahrhundert entsteht die erste Blütezeit der Stadt durch ihre Tuchherstellung und ihren Tuchhandel. Mit Ausgang des 13. Jahrhunderts muß also nach den äußeren Umständen zu schließen, die Innenmauer fertiggestellt gewesen sein.

Anscheinend hatten allerdings die Türme noch ein anderes Aussehen als heute. So waren die Tore nur etwa halb so hoch gemauert wie sie heute sichtbar sind und besaßen darüber einen Holzaufbau mit einem quergestellten Walmdach1).

 

Südansicht der Stadt aus dem Plan zur Verstärkung der Stadtbefestigung (1692) vom kaiserl. Festungsbauing. J. B. Gumpp.

1371 wird das Stadtrecht umfangreich kodifiziert. Hierin ist auch die Wasserführung der Stadtbäche genau beschrieben. Die Führung der Stadtbäche steht in engem Zusammenhang mit dem umgebenen Wassergraben und damit auch mit der Höhenlage der Stadtmauer. Die Bauordnung begünstigt das Bebauen freier Flächen an den Straßen, um die Häuserzeilen zu schließen. Der Schutz der Gärten wird ausdrücklich verbrieft.

Im 15. Jahrhundert geht die Wirtschaftskraft und die Einwohnerzahl zurück, nachdem die Pest seit Mitte des 14. Jahrhunderts die Einwohnerzahl stark verringert hatte. Die Zünfte sehen sich nicht mehr in der Lage, 48 Vertreter für den Großen Rat zu stellen. Einzelne Bürger Villingens führen Prozesse gegen ihre Stadt. Das Selbstbewußtsein des einzelnen Bürgers mit dem eigenen Anspruch auf sein Recht hat sich also verfestigt. Villingen wird in dieser Zeit in mehrere Kriege verwickelt.

Bis zum Dreißigjährigen Krieg erlebt die Stadt eine zweite Blütezeit durch ihren Fleiß und ihr Kunstschaffen.

1499 gibt die durch Rondelle (im Schweizer Krieg) und Torbastionen verstärkte Stadtmauer der Stadt genügend Schutz.

1633/34 belagerten die Schweden, Württemberger und Franzosen die Stadt erfolglos. Die eigentlich zu schwache Stadtbefestigung überstand mehrere Blockaden.

Mitte 16. Jahrhunderts werden die Tortürme umgebaut, um auf ihnen Geschütze aufstellen zu können13). 1660/70 werden die Mauern der Stadt stärker befestigt.

1688 bleibt der Überfall französischer Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg ohne größere Folgen.

1692 erstellt Festungsbaumeister Gumpp einen Plan zur stärkeren Befestigung der Stadt mit Vorwerken.

1704 muß der französische Marschall Tallard nach kurzer Belagerung erfolglos abziehen, da er unter Zeitdruck steht. Trotz fehlender Vorbefestigung und trotz einer 75-schrittbreiten Bresche südlich des Riettores ist ihm eine schnelle Eroberung nicht geglückt. Die Stadt hatte aber erheblichen Schaden erlitten.

1709 werden die Befestigungen weiter verstärkt. Die eingefallene Klosterschanze wird mit überdurchschnittlich großen Steinen erneuert. 1711 wird die beschädigte Mauer südlich des Riettores teilweise mit größeren Steinen als bisher neu erbaut.

1713 wird die Geschützrampe südlich des Franziskaner-klosters errichtet. Durch zwischenzeitliche Baumaßnahmen an den Toren und Türmen dürfte dann die Innenmauer mit ihrer Gesamtbefestigung das heutige noch verbliebene Ansehen erhalten haben2), 3). Da in der Folge offensichtlich keine weiteren entscheidenden Baumaßnahmen an der Stadtmauer getroffen wurden, kann dann auch der Stadtplan Blessing aus dem Jahre 18064) und auch die Rekonstruktion des mittelalterlichen Villingens von Karl Gruber5) als realistisch herangezogen werden. Das bedeutet, daß das Aussehen der Stadtmauer mit Toren und Türmen spätestens am Anfang des 18. Jahrhunderts entsprechend dem heutigen Aussehen bestand.

Der Innenstadtrand zeigt den Verlauf der inneren Stadtmauer und ihren Zusammenhang mit der Innenstadt.

B – Das Bauwerk Innenmauer

Nach dem Schleifen der äußeren Mauer mit Fülle, Gräben und Vorwerken verblieb nur noch die Innenmauer mit ihren Toren und Türmen. Auch das ursprüngliche Bild dieser inneren Mauer selbst ist zwischenzeitlich verändert. Im Benediktinerring ist noch am besten erkennbar, wie hoch die Mauer war, wie der Absatz für einen Wehrgang aussah, wo und wie die Schießöffnungen angeordnet waren und wie die Mauerabdeckung ausgebildet wurde.

1. Funktion der Innenmauer

Sicher war die Funktion Verteidigung vorrangig. Hier spielten Freiraum bis zur nächsten Mauer, die Höhe, Stärke und Anordnung der Schießöffnungen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig mußte die Zugänglichkeit von Innen auf kurzem Wege schnell gewährleistet sein. Mit sieben in etwa durchgängigen Ost-West-Achsen und vier Nord-Süd-Achsen wurde hierzu im Stadtgrundriß ein annähernd rechtwinkliges Straßensystem angeboten.

Mit Aushubmaterial war das Gelände an der Mauer oft innenseitig erhöht aufgeschüttet, während an der Außenseite sich ein Wassergraben mit Böschung zur Mauer befand. Die inneren Erhöhungen erlaubten einen leichteren Zugang zur Mauer und sind mit Ausnahme im Klosterring überall noch erkennbar. Durch Aufschüttung im 19. Jahrhundert entstanden falsche Höhen an den Außenseiten. So wurden die Höhen vor dem Zeughaus Oberes Tor, im Klosterring, beim Kaiserturm und im Bereich der unteren Gerberstraße höher als ursprünglich vorhanden angefüllt. Hier ist die Kenntnis von der ursprünglichen Topographie sehr wichtig, um Schwierigkeiten beim Bau der Stadtmauer besser erkennen zu können. So dürfte der Hochpunkt in der Nord-West-Kurve des Benediktinerrings keine Schwierigkeiten gebracht haben. Andererseits ist davon auszugehen, daß das relativ niedere Gelände geringfügig im Klosterring und verstärkt im Kaiserring, vor allem an der Süd-Ost-Kurve, Schwierigkeiten bei der Geländeformation mit sich brachte. Hier ist zu beachten, daß gerade das Bewässerungssystem mit Stadtinnen-bächen und äußerem Wassergraben eine sorgfältige Abstimmung mit der Topographie bedeutete. Daher kann sicher angenommen werden, daß mit der Anlage des Stadtgrundrisses auch gleichzeitig schon die Anlage des Gesamtbewässerungssystemes festgelegt wurde. Hier war eine vermessungstechnische Hochleistung gefordert.

Mit den Gräben und Mauern, mit Turm und Vorturm sowie mit den vorhandenen Bauten ergab sich auch vor dem Bickentor ein einmaliger räumlicher Zusammenhang.

Die folgende Tabelle beschreibt die bestehende Innenmauer in ihren einzelnen Abschnitten (ohne Tore):

Einzelfunktionen der ursprünglichen Innenstadtmauer und Maße (tatsächliche Länge der Mauer ohne Tore, ohne Rondellumfang) auch nach alten Plänen.

 

Es sind also 61% der ursprünglichen Mauerlänge noch vorhanden. Die Mauerhöhe ist im Benediktinerring am höchsten und im Klosterring am zweithöchsten.

Ein Mauerabsatz besteht im Benediktinerring und Klosterring. Damit kann hier auf Wehrgänge geschlossen werden, die vielleicht sogar noch überdacht waren. Im Romäusring und Kaiserring fehlen entsprechende Absätze. Hier weisen Wehrgassen auf die innere Zugänglichkeit der Mauer hin. So ist hier die Karzerturmgasse beim Romäusring und die Mauergasse beim Kaiserring als ehemalige Wehrgasse bekannt.

Weiterhin fällt auf, daß nördlich von Brunnengasse – Schlößlegasse mit einer Ausnahme noch zusätzlich Wehrhäuser bestanden, während im südlichen Bereich ausschließlich Wachttürme eine zusätzliche Sicherung brachten, neben dem Wehrturm Kaiserturm und dem Geschützturm Romäusturm.

Für die Stadt insgesamt war das Wassersystem sehr wichtig. Hierbei besitzt der Benediktinerring vier Zuflüsse, der Romäusring einen Zufluß und einen Abfluß und der

Kaiserring zwei Abflüsse. Die beste Wohnlage ist hierbei natürlich beim Zufluß, wodurch sich auch durch die Lage beim Abfluß sogenannte schlechte Lagen ergeben.

Die gesamte Innenstadtmauer zeigt sich als Einheit, einzelne Bauabschnitte oder eine erste Baustufe mit einer kleineren Ausführung sind nicht erkennbar. Insgesamt wird daraus geschlossen, daß die Mauer als ein zusammenhängendes Mauerwerk nach einem einzigen Konzept erbaut wurde.

Hierbei fällt jedoch auf, daß im Benediktinerring die beste und im Klosterring die zweitbeste Ausführung bestand. Überdachte Wehrgänge und Wehrhäuser erleichterten den Dienst an der Mauer auch bei schlechtem Wetter. Da die jeweiligen Mauerabschnitte immer von der dahinter-wohnenden Bevölkerung verteidigt wurden, wird hieraus geschlossen, daß aus der Ausführung auch auf die Sozialstruktur der direkt anwohnenden Bevölkerung geschlossen werden kann. Damit weist sich das Münsterviertel einschließlich der beidseitig bebauten Rietstraße und Obere Straße als sog. gehobenes Viertel aus.

2. Konstruktion der Innenmauer

Konstruktion ist das materialgerechte Zusammensetzen verschiedener Baustoffe und Bauteile zu einem Ganzen. Hierbei wird die Kenntnis der Baustoffe und deren Verbindungsmöglichkeiten vorausgesetzt.

a) Mauerwerksverband

Die Innenstadtmauer ist als Zyklopenmauerwerk mit Bruchsteinen aus Buntsandstein gebaut. Hierbei ergeben sich sehr unregelmäßige Fugen. Die in Steinbrüchen gewonnenen Bruchsteine sind in der Regel nicht bearbeitet und wurden mehr oder weniger recht in teilweise grob lagerhaften Schichten verlegt. Die hierbei zahlreichen entstehenden Lücken wurden mit Zwicken, teilweise auch mit Ziegelabfällen und Füllmörtel ausgefüllt. Dabei wurde auch an vielen Stellen eine größere Fläche außen einfach überputzt.

Mit ihrem Steinverband wirkt die Stadtmauer insgesamt einheitlich, obwohl sie teilweise vereinzelt verschiedene Verbände anwendet. So muß man schon genau hinsehen, um den Grundverband von den anderen Verbänden unterscheiden zu können. So muß man auch genau suchen, wenn Nahtstellen verschiedener Bauabschnitte gesucht werden. Möglicherweise bleibt eine solche Absicht letztlich ohne Erfolg.

Offensichtlich wurden die Bruchsteine unsortiert, so wie sie angeliefert wurden, eingebaut. Hier wurde eine einfachste Ausführung mit den vorhandenen Mitteln gewählt. Als Mörtel diente Kalkmörtel. Zu späteren Zeiten wurden beim Franziskaner und bei der Klosterschanze sehr große Steine verwendet.

Sicher mußten mit Rücksicht auf die Bodenpressung die Fundamente tiefer gegründet werden. Wie der Innenaufbau bei der relativ großen Dicke in der Regel aussieht, kann nur als zweischalige Bauweise mit Steinfüllung vermutet werden. Bei dem statischen Prinzip, der auf dem eigenen Gewicht fußenden steinernen Masse, nimmt der Querschnitt zur Mauerkrone ab.

Es bestehen zwei Mauerwerksprofile: Das Rechteckprofil tritt südlich der Achse Riet – Bickenstraße auf, während das abgestufte Profil für den Aufbau eines Wehrganges eigentlich nur nördlich dieser Achse auftritt.

Die Mauer ist einheitlich mit Biberschwänzen aus Ziegel in Kalkmörtelbett gedeckt.

 

Das Wehrhaus Bärengasse (links) und das Wehrhaus Hafnergasse (rechts) wurden mit ihren stadtabgewandten Seiten in einem Zug mit der Innenstadtmauer errichtet. Durchgehende Mauerwerksverbände und heute unlogisch erscheinende Öffnungen lassen hier auf eine wechselhafte Geschichte schließen. (Aquarell von Rudolf Heck).

 

Zeitlich verschiedene Reparaturen verwenden verschiedene Mörtelarten, die sich optisch leicht ablesen lassen. Im wesentlichen wirkt die Mauer durch ihre Steine. Sie besitzt heute noch davon, grob geschätzt mehr als 10 Millionen Stück. Hierbei unterscheiden sich die Steine untereinander durch ihre Zusammensetzung mit den entsprechenden Eigenschaften und darüber hinaus durch Struktur, Form und Farbe. Dadurch ist jeder Stein einmalig.

An der Mauerinnenseite neben dem Wehrhaus Bärengasse läßt sich der übliche Mauerwerksverband erkennen. Aus dem Verhältnis von Schießöffnung zu Mauerabsatz für den Wehrgang kann auf die wahre Höhe der Stadtmauer geschlossen werden (Die Aluminiumblende stört). Interessant ist hier die wahrscheinliche Verbindungstür zwischen Wehrhaus und Wehrgang.
Das sauber bearbeitete, schichtengerechte Mauerwerk aus Bossensteinen mit geradem Randschlag stellt eine wesentlich höhere Qualitätsanforderung als das übliche Mauerwerk.

b) Lagerstätten für das Baumaterial 11)

Ausreichend verfügbare Baustoffe aus der nächsten Umgebung bildeten die selbstverständliche Grundlage einer bodenständigen und heimischen Bauweise. Der Umgang mit immer dem gleichen Baumaterial führte zwangsläufig zur Beherrschung des Materials, zu einem großen Wissen über seine Verbindung mit anderen Baustoffen und seiner erkennbaren Stabilität. Die wirtschaftliche Bauweise verlangt auch nahegelegene Lagerstätten. So gibt es hauptsächlich auf der Linie St. Georgen bis Schramberg mit zwei Steinbrüchen westlich von Oberndorf Lagerstätten für Buntsandstein und Schilfsandstein. Das Mauerwerk zeigt in Farbe und Struktur die Vielfalt des verwendeten Sandsteines.

An Kies und Sand liegt das größte Vorkommen im Raum von Donaueschingen, wobei noch eine kleinere Lagerstätte südlich von Villingen liegt.

Schieferton und Lehm gibt es im Raum Villingen und Schwenningen sowie bei Hubertshofen und Wolterdingen, um Ziegel herzustellen.

Insgesamt sind die vorhandenen Lagerstätten an Grundstoffen für die Stadtmauer sehr günstig verteilt.

c) Anschlüsse an die Innenmauer

Vom Bauablauf wichtig und daraus für die Geschichte bedeutsam ist die Art und Weise, wie die Maueranschlüsse ausgebildet sind.

Das Mauerwerk der zurückgesetzten Tore scheint mit der Mauer im Verband errichtet worden zu sein. Sehr deutlich ist dies beim Bickentor zu erkennen. Dort sind noch bis auf etwa 2 m Höhe Anschlußsteine zur abgebrochenen Mauer erkennbar.

Soweit Absätze an der Mauer für die Wehrgänge ersichtlich sind, treppen sich diese zu den Toren hin hoch. Dies ist bei der Mauer erkennbar am Käferberg und neben dem Oberen Tor im Hafnerviertel.

Die Türme sind normalerweise auf die Stadtmauer im Verband bündig aufgesetzt (Kaiserturm, Elisabethen-turm). Der Pulverturm ist vor die Mauer ohne Verband davorgesetzt. Nur der Romäusturm ist zwischen die Stadtmauer gesetzt als Sonderfall, wobei dann die Stadtmauer an den Romäusturm beigemauert wurde.

Die drei alten Torbögen beim Kaiserturm mit der noch einseitigen anschließenden Treppe zu einer Art erhöhtem Wehrgang lassen darauf schließen, daß beidseitig des Kaiserturms ein Mauerweg bestand.

Beim Wehrhaus Bärengasse ist erkennbar, daß offensichtlich eine Verbindungstüre zum anschließenden Wehrgang bestand.

Bei den Neubaumaßnahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde größtenteils die Mauer durch die Neubauaußenwand ersetzt und dann die Innenstadtmauer neu angeschlossen. Neben dem Kaiserturm wurde bei der entsprechenden Maßnahme ein Balkongeländer in der Mauerflucht errichtet. Hier entstand als einzige Maßnahme eine Loggia.

Spätere bauliche Maßnahmen setzten sich von der Stadtmauer ab. So sind die Bauten des Landratsamtes (1965) und der Sparkasse (1991) von der Mauer zurückgesetzt. Gerade die Anschlüsse gehören sorgfältig untersucht, um dann aus den zusammengesetzten Ergebnissen einen genauen Überblick zu bekommen.

Dieser Durchblick beim Kaiserturm entspricht wohl der ehemaligen Blickrichtung vom niedrigen zum höheren Mauerweg mit Zugang zum Kaiserturm. Ohne verteidigungstechnische Begründung lassen sich diese Tore wohl nicht anderweitig begründen.

 

Die Anschlußsteine der abgebrochenen Innenmauer am Bickentor beweisen, daß mindestens der unterste Torteil gleichzeitig mit der Innenmauer errichtet wurde.

 

3. Gestaltung der ursprünglichen Innenmauer

Es ist ein weiter Weg von der reinen Naturform der Landschaft zur reinen Kunstform der Architektur. Die Innenstadtmauer steht am Anfang eines solchen Denkens. Sie muß die Kunstform nicht erreichen, um wertvoll zu sein. Der erste Sinn ihrer Form ist die Veränderung des gegebenen Geländes, sie will Herrschaft setzen und Schutz gewähren.

Die Mauer muß sich im Gelände gegen das Gelände behaupten. Sie muß in Auseinandersetzung zwischen Bauwerk, Boden und der bewehrten Stadt die Überlegenheit sichern. Hierzu bestehen zwei Grundmöglichkeiten:

Die Außen- und Innenseiten der Mauer wurden offensichtlich gleich behandelt. Das später angebaute „Pulvertürmle“ erfüllte mit seinen Schießscharten sicher wichtige Verteidigungsaufgaben

 

Die Höhenfestung wie z. B. Rottweil oder die Wasserfestung wie z. B. Villingen. Die Wasserfestung muß zunächst Rücksicht auf den Wasserlauf nehmen. Damit trennt sie sich gleichzeitig technisch von der Landschaft ab und erreicht hierbei schneller eine eigene Gesetzmäßigkeit, die leichter einem bewegten Gelände aufgezwungen werden kann. Ein Idealplan läßt sich hier leichter verwirklichen.

Dennoch gliedert die Landschaft die Mauer. Dadurch wachsen der Mauer Werte zu, die im Grunde die Natur selbst geschaffen hat. Diese Werte sind keine künstlerischen Werte. Hier ist aber der Beginn zur künstlerischen Freiheit:

Das Feingefühl spürt die Windungen auf und nützt sie schmiegsam aus. Der Umriß wirkt auf die gewachsene Natur und wieder zurück.

Sicher ist nicht alles zufällig, zumal wenn eine Idee als Idealplan besteht. Dennoch wird der strenge Idealplan nicht aufgezwungen.

Letztlich bleibt die Mauer als beredter Ausdruck des ursprünglichen Wehrzweckes. Schöpferische Gedanken, verbunden mit wirtschaftlicher Vernunft, denken die Bewegung des Bodens zu Ende. Ein weiter übergeordneter Zusammenhang mit der Landschaft entsteht. Das Luftbild der Innenstadt verdeutlicht den Zusammenhang der Mauer mit der Gesamtstadt in der Landschaft. Die Stadt wird als Wahrzeichen zum Sinnbild.

Trotz späterer Umbauten ist auf der Innenseite östlich des Oberen Tores der Mauerabsatz für den Wehrgang erkennbar. Zum Oberen Tor hin (nach links) staffelt sich der Wehrgang nach oben. Mit Beginn der an die Mauer angrenzenden kleinparzellierten Grundstücke (ärmere Bevölkerung) endet der Mauerabsatz (rechts im Bild) und damit die Lage des ehemaligen Wehrganges.

 

Mit der derzeitig geplanten Neubebauung an diesem Stadt-mauerteil wird dieser geschichtlich wichtige Mauerabschnitt (mit ehemals zurückliegender Bebauung hinter dem Wehrgang) zusammenhanglos überbaut und versteckt.

C – Tore und Türme

Als sogenanntes wichtigstes Zubehör zur Mauer werden die Tore und Türme gesondert behandelt. Sie sind wesentlicher Teil der Verteidigungsanlage. Hierbei fällt auf, daß alle Tore auf beiden Seiten angebaute Häuser besitzen, die offensichtlich als Wehrhäuser die Verteidigung der Tore unterstützten. Die Bedeutung der Wehrhäuser allgemein und die Verbindung dieser besonderen Wehrhäuser mit den Toren bedarf wie die Türme und Tore selbst einer eigenen Untersuchung.

1. Funktion

Im Rahmen der Verteidigung erfüllen Tore und Türme verschiedene Aufgaben.

Es wird allgemein davon ausgegangen, daß die Tore einschließlich dem fehlenden Niederen Tor zuerst gebaut wurden und erst später Kaiserturm und Romäusturm folgten. Der Romäusturm liegt als einziger Turm leicht vorgeschoben. Diese Lage zur Mauer ist schon sehr früh bekannt und es ist nicht einzusehen, weshalb dieser Turm, vielleicht in anderer Ausführung, nicht von Anfang an hier vorgesehen wurde. Gerade das nahe Hubenloch erfordert dringend einen Turm zur Abwehr.

Die Sonderstellung des Romäusturmes zeigt sich auch an der besseren Mauerwerksausführung, außen und innen. Auffallend sind die außenseitig – gegenüber Innenseite (nächstes Bild) – kleiner bzw. schmaler ausgebildeten Schießscharten. Möglicherweise ist der Romäusturm wegen seiner Verteidigungsaufgabe nach Westen auch für die Verteidigung nach Osten überhöht ausgeführt worden.

 

2. Konstruktion

Gegenüber der Innenstadtmauer wird für Tore und Türme ein besserer Mauerwerksverband aufgeführt. Soweit sichtbar, besteht es als Mischung aus regelmäßigem Schichtenmauerwerk (waagerecht durchgehende rechtwinklige Steine in einer Schichthöhe) und unregelmäßigem Schichtenmauerwerk (mit wechselnden Schichthöhen in einer Schicht). Das Eckmauerwerk ist immer als Eckquaderung in regelmäßigem Schichtenmauerwerk ausgeführt. Entsprechend seiner doppelten verteidigungsstrategischen Bedeutung ist der Romäusturm der höchste Turm. Das Hubenloch ist in 100 m Enfernung etwa 15 m höher an der engsten Stelle. Der Kaiserturm liegt genau dieser engsten Stelle gegenüber und weist eine entsprechende Mehrhöhe auf. Mit seinen sehr großen Steinen, die zur Außenseite hin als regelmäßiges Schichtmauerwerk mit Bossen ausgebildet sind, besteht hier der stabilste Mauerwerksverband. So diente er auch der Sicherung nach Osten.

Die Dächer der Tore und Türme waren in der Regel als Zeltdächer ausgebildet. Die Geschütztürme besaßen hierbei zusätzlich einen Kniestock aus Holzfachwerk, der früher offene) war und heute mit Holz verschalt ist.

 

 

 

Die stadtseitig größeren Schießscharten weisen darauf hin, daß die Verteidigungsaufgabe des Romäusturmes nach Osten vielleicht wichtiger war als nach Westen zum Huben-loch. In der Federzeichnung zur Belagerung 1633 ist erkennbar, daß vom Romäusturm aus über die Stadt nach Osten (links und rechts am Kaiserturm vorbei)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Gestaltung

Gegenüber der reinen Mauer besitzen Tore und Türme mehr Möglichkeiten zur eigenen Gestaltung. So wurden vor allem die Tore leicht unterschiedlich gestaltet. Die Eckquaderung ist hierbei verschieden herausgearbeitet.

 

 

Die Innenmauer war verschieden hoch. Hier ist die Mauer beim Kaiserturm wie auch bei den Tortürmen gestaffelt. Gegenüber den Tortürmen ist der Kaiserturm gestalterisch bescheiden ausgebildet.

 

Trotz des nahen Hubenlochs wurde das Riettor verteidigungstechnisch schwach, wie das Bickentor, ausgebildet. Mit seinen Schießscharten wendete sich das Riettor eher gegen Norden.

 

Es fällt auf, daß die Innenseite der Tore den Straßen zugedreht wurden, unabhängig vom Richtungsverlauf der Innenmauer. Dadurch entstehen von den Toren zur Innenmauer schräge Ansätze. Das kann nur als gestalterische Absicht gedeutet werden, die die Innenseiten der Tore gestalterisch aufwertet. Dies zeigt sich auch an der reicheren Gestaltung der Innenfassaden.

Bei der Gesamtbetrachtung von Funktion, Konstruktion und Gestaltung zeigt sich, daß das Obere Tor eine Sonderrolle spielt. Als Rechteck besitzt es die größte Grundriß-fläche. Seine beiden seitlichen Wehrhäuser sind größer als die übrigen Wehrhäuser bei den anderen Toren. Auch besitzt das Obere Tor als einziges Tor einen Rundbogen gegenüber den übrigen Spitzbögen. Möglicherweise wurde das Obere Tor zuerst gebaut und war als verstärkte Verteidigung gegenüber dem Bickenberg gedacht.

Im Stadtbild steigern Tore und Türme die Mauer zur Stadtkrone. Durch Tore und Türme dokumentiert die Mauer die Macht der Stadt. Tore und Türme verbessern das Stadtbild entscheidend. Hierdurch wird der Bürger verstärkt angeregt, sich mit seiner Stadt zu identifizieren. Ein klar ablesbarer Stadtkern entsteht, der die freigewordene Bürgerschaft sichtbar darstellt.

Mit dem einzigen Bild (Kreuzigung) wurde das gestalterisch ursprünglich wohl bescheidener gedachte Riettor auf der Innenseite im Vergleich mit den anderen Tortürmen am stärksten aufgewertet. Das Obere Tor als mächtigster Torturm zeigt seine Verteidigungsaufgabe nach außen sehr kraftvoll. Diese farbigen Tormotive konnte man vor vielen Jahrzehnten beim Verlag E K Wiebelt als Postkarte kaufen.

D – Verflechtungen mit der Innenstadt9),12)

So wie die Innenmauer eine Grundfläche mit 23,5 ha erfaßt und so wie aus der Wehrhaftigkeit der Innenmauer durch Straßen und Wege ein Zusammenhang mit der Innenstadt entsteht, so wirkt ihrerseits die Innenstadt selbst auf die Innenstadtmauer zurück.

1. Politische Bedeutung

Im 12. Jahrhundert gestaltete das aufstrebende und immer selbstsicherer werdende Bürgertum die Städte überraschend weiträumig. Die Einwohner aus Patriziergeschlechtern, Handelsherren und Kaufleute sowie Handwerker und Ackerbürger, erhalten gesicherte Standorte für Handel, Gewerbe und Freiflächen für Nutzungsgrün, das später als Baureserve dient. – In der Regel gibt es nur die gewachsene Stadt, die in mehreren Baustufen sich den jeweiligen Anforderungen anpaßt (z. B. Nördlingen).

Zu dieser Zeit werden im Deutschen Osten Kolonialstädte gegründet nach einem regelmäßigen gestalteten Gesamtplan auf einem eigens dafür geeigneten Gelände. Hierbei stellen Befestigung und Bebauungsplan eine technische Einheit dar und werden gleichzeitig entworfen. Im Gegensatz zu den allmählich wachsenden Städten festigen die Zähringer durch „gegründete Städte“, vergleichbar zu den deutschen Ost-Kononialstädten, gezielt ihre Macht im südwestdeutschen Raum. Villingen diente der Erschließung der Baar und der Machtsicherung am Ostrand des Schwarzwaldes. Die etwas spätere Gründung Rottweil baute dann diese Position aus.

2. Großräumige Lage

Am Schnittpunkt der heutigen Marbacher Straße mit dem Weg zum Hoptbühl trafen sich drei alte Straßen, die nach Norden Richtung Rottweil und Offenburg, nach Westen über das Hubenloch nach Freiburg und nach Süden über die Donau nach Konstanz und Schaffhausen führten. Der Stadtgrundriß mit seinem Straßenkreuz sog im Laufe der Zeit diese Straßen in sich auf.

Mit der neuen Form von Stadtgründung wird die Wirtschaftskraft systematisch gestärkt. Die Zoll- und Marktabgaben dienen dem Stadtgründer als Geldquelle.

Die Entscheidung zur Wasserfestung legt die neue Stadt zwischen Brigachbogen und Hubenloch und nördlich der damals bestehenden Straße nach Freiburg. Offensichtlich waren beschränkte Befestigungsmöglichkeiten für die bestehende alte Stadt Villingen, die vielleicht nur als um-wehrtes Dorf bestand, der Hauptgrund dafür, den Standort der Stadt zu verlegen. Hierbei spielte sicher auch der Gedanke eine Rolle, mit einer Idealstadt als Neubau schneller und zügiger voranzukommen, als mit einem Umbau des vorhandenen Ortes.

 

Das Aquarell von R. Heck gibt den Raumeindruck hinter dem Elisabethenturm als Aufmarschfläche wieder. Sie spielt, wie die anderen Freiflächen der Innenstadt, eine wichtige Rolle für das Raumerlebnis und die Verflechtungen mit der Innenstadt.

3. Stadtplan 6) 7) 13) 

Marktstraßen bilden das Grundgerüst des Straßennetzes. Die Mauer schützt den Markt mit ihrem Marktfrieden (Gerichtsbann). Gleichzeitig bringt die Mauer auch Schutz gegen die damals oft übliche Willkür und das Faustrecht, was letztlich zur Freiheit und Selbstständigkeit der Bürger führte. Die Zugänglichkeit der Mauer war durch die Wehrwege entlang der Mauer, entsprechende Freiflächen und dem Straßenraster gegeben.

Mit dem Bewässerungssystem wurde Wert auf Gesundheit und Hygiene der Einwohner gelegt, die durch die Anordnung der Häuser in Nord-Süd- bzw. in Ost-West-Richtung mit der entsprechenden Besonnung unterstützt wurde. Die Ost-West-Richtung vieler Straßen und Gassen erlaubte eine bessere Durchlüftung der Stadt durch Wind. Die Stadt wurde auch sozial gegliedert. Das Münsterviertel mit beiderseitiger Bebauung der Rietstraße und Oberen Straße war beste Wohnlage. Hier liegen Rathaus, gräflicher Amtssitz, Kirche, Schule und Münze, hier sind die größten Parzellen und mehrere Freiflächen ausgewiesen, hier liegt der höchste Standort in der Stadt, hier kommt an vier Stellen frisches Wasser in die Stadt, hier wohnt man nah an den Marktstraßen. Die sichere Ausführung der Innenmauer entspricht der besseren Wohnlage.

 

 

 

4. Der Stadtbau 8)

Der Bau einer Stadt, zumal in dieser Größenordnung, setzt eine große wirtschaftliche Kraft voraus. So wird langfristig mit einem durchschnittlichen Sozialprodukt von 2,5 % allein für die Baustelle geschätzt. Hierbei ist berücksichtigt, daß die weiteren restlichen Sozialproduktmittel für Verwaltung und Militär zur Verfügung stehen müssen. Bei anfänglich geschätzten etwa 1000 Einwohnern ergibt sich dann eine Baustellenbesetzung mit 25 Mann jährlich.

 

Mit ihren späteren Reparaturen stellt die Mauer beim Franziskaner einen wichtigen Teil der Geschichte zur Stadtbefestigung dar. Im Bild ist klar die Ausmauerung einer Bresche (wahrscheinlich aus der Tallardschen Belagerung) zu erkennen. In der Berechnung für die Bauzeit der Mauer sind selbstverständlich die Reparaturzeiten nicht enthalten, die sicher auch in erheblichem Umfang angefallen sind.

Die Organisation der Baustelle könnte dann aus einem Baumeister bestanden haben, dem ein Steinhauermeister mit neun Steinhauern und ein Maurermeister mit sechs Gesellen, zwei Arbeitern und einem Kalkschläger (Mörtelbereiter) zur Seite standen. Weiterhin sorgten dann vier Fuhrwerke für den ständigen Antransport der Baumaterialien.

Der Terminplan erfordert bei dieser Besetzung für die Innenstadtmauer mit vier Toren und Romäusturm eine Bauzeit von mindestens zwanzig Jahren.

Hierbei wird davon ausgegangen, daß sogenannte vorbereitende Arbeiten nebenher laufen können. Hierzu zählen: Roden, Einmessen und Stadtgrundriß grob festlegen, Baustelle mit einfachen Häusern einrichten, Ringgraben und Stadtbäche als Test zur Topographie in einfacher Ausführung anlegen, Lagerstätten für Steine, Kalk, Sand suchen und Transportfragen klären.

Für einen Palisadenzaun mit entsprechenden Arbeiten müßten 25 Mann etwa ein Jahr lang tätig sein. Es bleibt offen, ob der Palisadenzaun eingespart wurde.

Die Idylle am weitgehend zugewachsenen Mauerende Gerberstraße verbirgt die große wirtschaftliche Leistung, die in der Stadtmauer steckt.

 

Wenn zum Vergleich für die Häuser in der Innenstadt von 200 000 m3 Mauerwerk für 1000 Einwohner (gesamt ca. 675 000 m3 Mauerwerk vorhanden geschätzt) ergibt sich als Bauzeit für diese Häuser bei 25 Bauarbeitern eine Bauzeit von 180 Jahren, wenn Eigenleistungen der Einwohner nicht berücksichtigt werden. Im Ergebnis kann also auf jeden Fall mit sehr langen Bauzeiten gerechnet werden, die auch bei einer doppelten Besetzung mit der halben Bauzeit immer noch beachtlich ist.

Die Innenstadtmauer mit ihren Toren und Türmen stellt eine große wirtschaftliche Leistung ihrer Zeit dar.

5. Stadtbild

Die Wohnhäuser ordnen sich der Stadtkrone unter. Den reichen kostbaren Rahmen der Stadt bildet die Befestigung. Stolze Tortürme, die oft von berühmten Meistern entworfen wurden, dienten nicht nur der Verteidigung, sondern stellten auch die Macht der Städte gestalterisch sichtbar heraus.

 

Das Mauerende Kronengasse wurde nach einem Wiederaufbau wohl nicht sachgemäß mit abgestuftem Mauerprofil aufgemauert. Mit seinen Abmessungen zeigt es dennoch eindrucksvoll den hohen Bauaufwand.

 

Gleichzeitig entstand von außen gesehen ein eigenes individuelles Stadtbild, das in seiner starken Wehrhaftigkeit inmitten der umgebenden offenen Landschaft einen un-vergeßlichen Eindruck machte. Das Stadtbild bezeugt Ursprünglichkeit und Bürgerstolz. So drückt das Stadtbild unbewußt die innere Gemeinschaftsordnung aus und ist der Beweis für die Bau- und Lebenskunst seiner Bürger.

II – Die Innenstadtmauer in ihrem heutigen Bestand

A – Geschichte

Entscheidend für die Stadtmauer ist nicht nur das, was sie einmal war, sondern auch das, was mit ihr gemacht wurde. Die nun folgende Zeit seit dem 18. Jahrhundert bis heute zeigt eine sehr wechselhafte Einstellung zur Stadtmauer.

1721 wird der Niedere-Tor-Erker gebaut, dem im Jahre 1737 der Bickentor-Erker folgt. Noch besteht Vertrauen in die Mauer und die Stadtbefestigung. Die Gesamtanlage wird noch verstärkt.

1744 ergibt sich die Stadt im Österreichischen Erbfolge-krieg der französischen Übermacht, um eine sinnlose Zerstörung der Stadt zu vermeiden. Durch die weiterentwickelte Kriegstechnik wurde die Verteidigungsanlage Villingens sinnlos. Die einzelnen Abschnitte der Stadtbefestigung gehen in den Besitz der Zünfte über.

Noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts beginnt der Abbruch der äußeren Vorwerke und der äußeren Mauer.

1789 war der Wall vor dem Graben bereits bepflanzt. 1785 beendet Kaiser Josef II. durch Anordnung über die Zehntabgabe die volle Eigenständigkeit der Villinger Bürgerschaft.

1790 scheitern die Zünfte erneut an Kaiser Josef II. 1802/06 kommt nach knapp 500jähriger Zugehörigkeit zu Österreich die Stadt Villingen nach mehreren Wechseln zum neuen Landesherrn: Großherzog von Baden. Gleichzeitig kommt durch ein neues Demokratieverständnis auch in Villingen bis zur Revolution 1848 ein verstärkt neues Denken auf.

1851 wird mit dem Abbruch des Niederen Tores und der Stadtmauer im Süden begonnen. Gleichzeitig wird auch die Altstadtkirche abgerissen, nur der Altstadtturm bleibt stehen. Die Bevölkerung umfaßt etwa 3 500 Einwohner und beginnt immer mehr, einen Druck auf eine Bebauung außerhalb der Mauern auszuüben.

 

Auf der Innenseite der Mauer liegt das Gebäude beim Käferberg etwa 3,0 m höher als außen. Die Rekonstruktion des Wehrganges gibt im Vergleich mit den anderen Rekonstruktionen den früheren Zustand am besten realistisch wieder.

 

1862 werden auch die Villinger Zünfte zwangsläufig durch den Erlaß der neuen Badischen Gewerbeordnung des Großherzog Friedrich I aufgelöst. Für das Handwerk müssen neue Organisationsformen gesucht werden.

1868 werden die Stadtgräben weiter zugeschüttet. Die Fülle wird eingeebnet. Die aufgefüllten Gräben werden bepflanzt. Durch das Verlegen der Stadtbäche in Kanäle wird das Fallen des Grundwasserspiegels erhofft, um weniger Bodenfeuchtigkeit zu haben10). Seit 1825 sind jetzt alle restlichen Vortore, der äußere Wall und alle Gräben beseitigt. 1868 erfolgt der Teilabbruch des Wehrhauses südlich vom Bickentor13).

1873 wird der Villinger Bahnhof fertiggestellt. Die Industrialisierung gewinnt hierdurch vermehrt an Bedeutung. Immer stärker werden außerhalb der Stadtmauer Bauten errichtet. Zwischen Kaiserring und Brigach entsteht die erste größere zusammenhängende Wohnbebauung. Bei knapp 6000 Einwohnern wird der Platz innerhalb der Stadtmauer zu eng13).

1876 wird durch den Widerstand des Klosters St. Ursula das Bickentor nicht abgebrochen 10).

1878 wird von der Mehrheit des Gemeinderates die alte innere Ringmauer mit allem was drum und danebenliegt als unschön angesehen10).

Bis zum 1. Weltkrieg wird die Stadtmauer an mehreren Stellen durch Bauten ersetzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wird die Stadtmauer an zwei Stellen durch Neubauten ersetzt, wobei auch freiwillig Stadt-mauerteile erneuert werden.

1972 tritt das Denkmalschutzgesetz in Kraft. Zwischenzeitliche Reparaturen und Rekonstruktionen versuchen teilweise ungeschickt einen Teil der bisherigen Verluste vor allem an Wehrgängen – wiedergutzumachen.

1991 wird in einem Zeitungsartikel angeregt, weitergehende Überlegungen zur Stadtmauer und damit auch in Verbindung mit der Innenstadt anzustellen (Fall Obere-Tor-Bebauung). Die Bürgerkritik wird zumindest teilweise von der Stadtverwaltung anerkannt. Der Gemeinderat erläßt eine Gesamtanlagenschutzsatzung für die historische Innenstadt Villingen. Ein Konzept zur Stadtmauer und zum Stadtbild bis zur 1000-Jahrfeier im Jahre 1999 besteht noch nicht.

 

An der Außenseite der Mauer beim Käferberg lassen sich mehrere Umbauten schon aus früheren Zeiten erkennen. Die verschiedenen Formen der Schießscharten und das ehemalige Wohnfenster weisen auf mehrfache Veränderungen hin.

 

B – Die Innenmauer mit ihren Veränderungen

Aus den jeweiligen Veränderungen läßt sich die entsprechende Zeitkritik an der Mauer ableiten. Die Stadtmauer wird als Einschnürung empfunden. Es wird die Verbindung mit der umgebenden Stadterweiterung gesucht. Neben der räumlichen Enge bedeutet die Mauer selbst durch ihren Flächenanspruch zusätzlichen Platzverlust. Die Mauer verhindert, daß Licht und Luft in die angrenzenden Bauten gelangen. Im einzelnen ergibt sich folgender Überblick über die Veränderungen:

 

Bei der Klosterschanze sind zwei Veränderungen sichtbar: Neben dem erkennbaren Mauerprofil ist rechts die hochliegende Fensterreihe zu sehen, die einem ehemaligen Wehrgang entsprechen dürfte. Die Schanze selbst wurde vor die Innenmauer gesetzt (im Bild links des Mauerprofils). Die Klosterschanze besteht aus sehr großen Steinen, die bis zu 1,0 Tonne wiegen.

 

 

Die Sanierung Niederes Tor begann 1851 mit dem Abriß des Tores und insgesamt 311 m ersatzlos abgebrochener Mauer. Hierbei wurden folgende Vorteile durch Flächengewinn aus der Innenstadtseite erzielt:

Kinderspielplatz Romäusring-Schule: 80 m2

Gefängnishof:    260 m2

Amtsgericht:    950 m2

Ingesamt also wurden 1290 m2 Fläche aus dem Bereich innerhalb der Stadtmauer für Nutzungen im Grunde außerhalb der Stadtmauer gefunden. Dafür mußten sicher andere Nutzungen innerhalb der Stadtmauer zurückstecken.

Weiterhin wurde durch die Sanierung möglich, Stellplätze auf einer Tiefgarage zu errichten und die Führung der Romäusring-Straße bis zur Niederen Straße zu verändern (heute Sackgasse).

Vor dem Amtsgericht war ursprünglich ein Platz vorgesehen, wie er auch dem Sinn dieses Gebäudes entsprochen hätte. Das später gebaute Finanzamt/Gesundheits-amt engte dann diesen Platz vor dem Amtsgericht ein und hätte bei ursprünglich erhaltener Mauer auch ohne Mauerabbruch gebaut werden können.

Auch das Haus Gerberstraße 63 hätte an anderer Stelle z. B. am Platz der alten Grabenmühle oder leicht versetzt erbaut werden können, ohne durch die Stadtmauer gestört zu werden.

Der entscheidende Vorteil des Gesamtabbruchs wird in der Fortführung des Straßenrasters aus der Innenstadt heraus gesehen. Auch hier zeigt die zwischenzeitliche Weiterentwicklung, daß die erreichten Ziele auch ohne Abbruch der Innenstadtmauer möglich gewesen wären. Auch die jetzt abgeschlossenen neuen Baumaßnahmen zeigen, daß eine echte Sanierung auch heute noch nicht gelungen ist. So ist klar erkennbar, daß das Gemeindezentrum St. Fidelis wie das Amtsgericht und die Commerz-bank in die bestehende Situation eingezwängt wurden. Alle drei Projekte mußten bei ihren Baumaßnahmen schwere Nachteile in Kauf nehmen.

Beim Rundgang um die Innenmauer und damit durch dieses Sanierungsgebiet Niederes Tor fallen zwei Mauern auf, die man durchaus als Zufallslösung betrachten kann:

 

 

Irgendwie spielen beide Lösungen im Zusammenhang mit der abgebrochenen Mauer eine Rolle. Die Gefängnismauer bedeutet eine Umkehrung der Aufgabe einer Stadtmauer. Die Mauer an der Commerzbank, als gestalterisch eigene Lösung neben der Tiefgaragenabfahrt, besitzt zur Stadtmauer nur noch eine ferne Verwandtschaft. Wenn auch beide Mauern nicht die topografische Sensibilität der Ringmauer besitzen, so sind sie doch beide auch Aussagen jeweils ihrer Zeit.

Jede freiwillige Zerstörung an der Mauer ist ein Beweis dafür, daß sie als Hindernis gesehen wird. Zu den bereits aufgeführten Durchbrüchen gesellen sich zwei ausschließliche Straßendurchbrüche (Paradiesgasse und Hafnergasse) für Fahrverkehr und insgesamt 8 Torbogen-durchgänge für Fußgängerverkehr (davon sind heute zwei geschlossen). Außerdem kommen hierzu vier Durchbrüche beim Oberen Tor und Riettor für Fußgänger. Neben den jetzt mit Sicherheit abgeschlossenen Durchbrüchen für Fußgänger- und Fahrverkehr ist ein Mauerabbruch nur begründbar zur Belichtung und Besonnung von Räumen.

Die heutigen technischen und gestalterischen Möglichkeiten bieten zum Abbruch gleichwertige Alternativen. Damit kann die Mauer künftig sicher unangetastet weiter stehen bleiben.

C – Tore und Türme mit ihren Veränderungen

Bei den Toren erfolgte mit Ausnahme des Einbaues von Uhren im Grunde keine Änderung. Der Wunsch, das Niedere Tor wiederaufzubauen, beweist, daß der Abbruch des Niederen Tores auch aus heutiger Sicht nicht notwendig war.

Für den Romäusturm wurde bisher noch keine Nutzung gefunden. Der historisch falsche Wehrgang zur Eingangstüre des Romäusturms dient nur dem fastnächtlichen Brauchtum und hat keine weitere Funktion.

Der Kaiserturm wurde immer wieder auf verschiedene Arten genutzt. Durch fehlende Sanitäranlagen scheint eine solide Dauernutzung ausgeschlossen.

Der Elisabethenturm wurde schon früher umgebaut und wird heute durch die Narrozunft vollwertig genutzt.

Es ist auch hier durchaus schwierig, für die historischen Gebäude eine angemessene Nutzung zu finden. Die gefundenen Lösungen lassen nur langfristig auf einen Gesamterfolg hoffen.

Drei weitere Mauertürme bestehen nicht mehr13). Hierfür werden als ehemalige Standorte angenommen: südliche Zinsergasse, südliche Gerberstraße und vor der Benediktinerkirche.

 

Der Elisabethenturm bietet mit seinen vielen Fenstern eine gute Ausgangslage für sinnvolle Nutzungen. Die Geschützrampe mit dem darunterliegenden Keller wurde 1713, also erst nach der Tallardschen Belagerung, errichtet. Sie ist wohl die letzte Verstärkungsmaßnahme an der Innenmauer.

D – Die heutige Bedeutung der Innenmauer

Aus der vergangenen und gegenwärtigen Nutzung läßt sich die Bedeutung der Innenmauer ableiten.

Geschichte

Die Bedeutung Villingens als Machtfaktor der Zähringer und als geplante Stadt wurde aufgezeigt. Bis heute ist sie uns als noch eine gut erkennbare Einheit erhalten, mit einer einzigen großen Störung im Süden der Stadt.

Sie ist in der näheren Umgebung die einzige Stadtmauer, die einen Stadtkern – zumal in solcher Größe – so klar abgrenzt und ihn gleichzeitig auch herausstellt.

An der Stadtmauer selbst und ihren sogenannten Zubehörteilen lassen sich an vielen Stellen verschiedene geschichtliche Spuren nachweisen. Die Stadtmauer hat viel zu erzählen.

Stadtplanung

Die Stadtmauer ist eng verbunden mit ihrem Inhalt, mit dem was sie schützt. Gesundes Wohnen, verschieden strukturierte Wohnquartiere und Arbeitsbereiche, Straßenführung, sowie Be- und Entwässerung verbunden mit strategischen Aufgaben und Rücksicht auf die Sozialstruktur geben in einer Art Idealplan in einem einmaligen Zusammenhang das Planungsniveau der Gründungszeit wieder. Hier lassen sich wohl Ähnlichkeiten mit dem später gebauten Rottweil nachweisen, letztlich besticht aber Villingen durch ein klares, konsequentes, größeres und besser erhaltenes Stadtbild.

Architektur

Gute Architektur besteht aus einer geglückten Einheit von Funktion, Konstruktion und Gestaltung. Mit ihren Zubehörbauten, Toren und Türmen liegt die architektonische Qualität nicht auf der höchsten Stufe. Die Architektur ist aber doch soweit geglückt, daß sie einen aufgabengerechten, guten Standard darstellt, der sich – und vor allem auch aus seiner Zeit betrachtet – gut sehen lassen kann. Wenn auch hier nur die baulichen Qualitäten zählen, so sei an dieser Stelle doch noch auf die räumlichen Qualitäten der Innenstadt aufgrund der Stadtplanung verwiesen.

Symbolik

Im Jahre 1294 begann die Freiheit des Villinger Bürgers und der Handwerkerschaft im Stadtrecht sichtbar zu werden. In den Jahren 1785/90 und auch später, wurde di einmal gewonnene Freiheit immer stärker eingeschränk Die Bürger mußten für die Gestaltung ihrer Freiheit neu Wege suchen.

Die baugeschichtliche Bedeutung der Mauer als Verteidigungsbauwerk läuft anscheinend mit dieser Entwicklung der Freiheit mit. Mit großer Sicherheit war die Inneremauer etwa Mitte des 13. Jahrhunderts fertiggestellt. Vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Abbruch der Vorwerke begonnen und 1851 wurde das Niedere Tor abgerissen.

Diese in etwa gleichzeitige Entwicklung scheint nicht zufällig zu sein. So ist die Geschichte der Mauer Symbol der Freiheit weniger Auserwählter und gleichzeitig auch Zeichen für ein neues Suchen für eine Freiheit alle Wenn auch dieses Suchen teilweise selbstzerstörerisch war, wurde doch im Laufe der Zeit immer mehr auch der Wert der Geschichte und der Geschichtlichkeit ihre Bauten erkannt.

Auch kulturell bleiben die Erinnerungen. Nach den weit bekannten Passionsspielen der Franziskaner erinnern heute Schauspiele im Kommödiengarten innerhalb der Stadtmauer an diese alte Tradition.

Während der Schwedenbelagerung gingen die Villinger in einer Prozession mit dem Nägelinkreuz auf der Stadtmauer um die Stadt über Wehrgänge und durch Wehrgassen. Die Verehrung des Nägelinkreuzes ist noch heute ein Beweis dafür, daß auch die überstandenen Belagerungszeiten dankbar in Erinnerung bleiben. Der damalige Prozessionsweg auf der Stadtmauer bleibt im Gedächtnis haften.

Funktion

Neben den geistigen Werten ist die praktische Bedeutung eigentlich entscheidend. Die tiefeingreifenden Veränderungen erweisen sich als unnötig. Als reine Mauer erfüllt sie heute noch wichtige Funktionen.

So trennt sie öffentliche, halböffentliche und private Nutzungen in allen vier Stadtvierteln. Im Romäusring trennt sie sogar verschiedene öffentliche Nutzungen voneinander.

Weiterhin dient sie sehr oft als Außenwand mit Fenstern als Baugrenze. Gelegentlich wird sie als geschlossene Grenzwand vorwiegend für Nebenbauten benützt. (Ein Vereinsgebäude und ein privates Wohnhaus wird hier nicht behandelt).

So erfüllt die bestehende Innenstadtmauer noch heute verschiedene Aufgaben, die sich sicher noch ausweiten lassen.

III – Die Innenmauer als Aufgabe

Wir leben aus der Geschichte, ob wir wollen oder nicht. Die Geschichte geht weiter, ob wir uns wehren oder nicht. Die Zukunft beginnt, ob wir zupacken oder nicht. Zwangsläufig gibt uns die Geschichte eine Aufgabe.

A – Funktion

Die Aufgabe der Stadtmauer hat sich geändert. Neue Aufgaben erfordern neue Lösungen.

Als direkte Nutzungen kommen Denkansätze wie Spielwand, Schallschutz, Windschutz und vielleicht auch Wärmespeicher bei Erneuerungen in Frage.

Als indirekte Nutzungen bieten sich innere Erschließungswege entlang der Mauer zu Privatgrundstücken an. Vielleicht ist sogar ein innerer Rundweg machbar, auch mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr. In der Architektur wird immer wieder mit Zwischenraum als Abstandsraum gearbeitet, der eine eigene räumliche Qualität besitzt, was auch hier überdacht werden könnte.

Für die große Lücke im Süden muß eine Idee gesucht werden. Hier sollte ein Bebauungsplan aus der Innenstadt heraus sichtbar machen, was geschehen ist und was noch geschehen soll.

B – Konstruktion

Es gilt die materielle Einheit der Mauer wieder herzustellen, vor allem bei den Durchbrüchen. Hier ist ein Gesamtkonzept mit einfachen Grundsätzen gefordert.

Zeitgemäße, fantasievolle, sensible geistige Lösungen sind gefordert. Eine eigene Bruchsteindeponie ist erforderlich, die das notwendige Steinmaterial liefert.

C – Gestaltung

Wahrscheinlich ist die Mauer zwischen Glockenhäusle und Romäusturm noch ganz ursprünglich erhalten. Das typische Zyklopenmauerwerk besitzt ein eigenes charakteristisches Strukturbild, welches durch die verschiedenen Steinfarben des Buntsandsteines noch lebendiger wird. Was steht, sollte bewahrt werden, was fehlt, sollte neu gedeutet werden.

 

Die Gesamtanlagenschutz-Satzung ist Voraussetzung für eine sensible Architektur an der Innenmauer und für das Stadtbild.

Durch Freilegen ist das Stadtbild in bestimmten Perspektiven aufzuzeigen. Denkansätze hierzu sind die Sicht vom Aussichtsturm und der Schwenninger Straße und auch von der Donaueschinger Straße, Einfahrt Süd und vom Hubenloch.

Man könnte auch eine Toreingangssituation mit einzelnen baugeschichtlichen Zitaten und zeitgemäßen Mitteln anklingen lassen. Gerade das Umfeld eines jeden Stadteinganges wäre aufzuwerten.

Der vorhandene Wert der Villinger Stadtmauer ohne Tore, Türme und Zubehörbauten beträgt vorsichtig geschätzt mit Toleranzbreite 25 % rund 15 Millionen DM. Wenn bei einem normalen Haus max. für Wartung und Unterhaltung jährlich mit 1 % der Baukosten zu rechnen ist, dann sollte hier für die Stadtmauer für die nächsten zehn Jahre sicher ein Ansatz von 0,5 % des Wertes jährlich angemessen sein. Teilreparaturen und kleine Verschandelungen legen dies als Nachholbedarf dringend nahe.

D – Schluß

Die Aufgabe ist bedeutsam. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis 1999. Die Stadtmauer hat es verdient, mehr beachtet und besser herausgestellt zu werden. Daher sollten in dieser kurzen Zeit mindestens die entscheidenden Ansätze für eine gute Lösung geleistet werden.

Wer nicht mit der Zeit geht, den straft die Zeit. Das bedeutet auch, wer nicht mit der Geschichte geht, den bestraft die Geschichte.

Ein Spaziergang um die Mauer ist zu Ende. Die Erinnerungen an gestern führen uns zu Aufgaben von morgen und darüber hinaus zur Selbstbesinnung auf den eigenen Standort. Eine Bereicherung für jeden.

E – Nachbemerkung

Ein Spaziergang kann nicht das bringen, wozu sorgfältige Untersuchungen der Grundlagen und des Ortes notwendig sind. Hierbei müssen sogar jeweils die eigenen Gedankengänge immer wieder kritisch durchleuchtet werden. Mit den Gedanken zur Stadtmauer ist auf jeden Fall ein großer Teil zu einer Gesamtschau zusammengetragen, der nach Grundlagen und Überlegungen unbedingt ergänzt werden muß.

Ein Nivellement der ursprünglichen Innenstadt mit der ehemaligen Topographie ist hierbei ebenso wichtig, wie die Bedeutung des Wasserversorgungssystems und der Befestigungsanlage, jeweils in der Bedeutung seiner Zeit betrachtet.

Der ursprüngliche Stadtplan im Grundriß und Aufriß mit Straßennamen ist bis zu Grundstückszuschnitt sorgfältig zu untersuchen. So erscheinen gerade die Theorien zu Grundstücksgrößen anhand der heutigen Pläne nicht ganz realistisch.

Viele und vielseitige Einzeluntersuchungen vor Ort müssen mosaikartig zusammengesetzt werden. Turmartige Häuser und Mauern innerhalb der Stadt spielen hier ebenso eine Rolle, wie unbebautes Gelände.

Die bisher nicht sehr wirksame Öffnung der Stadt nach Süden seit Mitte 19. Jahrhundert ist auch Bestandteil der Stadtgeschichte. Gerade hier ist zu überdenken, wie die Nachteile verringert und die Vorteile besser aufgewertet werden können. Vielleicht ist sogar die Geschichtlichkeit dieser Situation im Zusammenhang mit der Stadtmauer eine eigene Aufgabe.

Der grüne Promenadengürtel steht im Konflikt mit dem Wunsch nach ursprünglichem Freiraum. Ungelöste Öffnungen (Gerberstraße, Färberstraße, Zinsergasse, Paradiesgasse, Kronengasse und Kanzleigasse) gehören neu durchdacht.

Die Quellen selbst müssen auf ihre Widersprüchlichkeit hin untersucht werden. Gerade die vorliegenden Pläne weisen teilweise untereinander erhebliche Widersprüche auf. Vielleicht läßt sich auch hier herausarbeiten, was von der Inneren Stadtmauer bereits abgetragen wurde an Mauertürmen, Wehrhäusern oder Mauerhöhe.

Der Begriff Wehrhaus wurde verwendet, um Häuser die als mögliche Teile der Stadtbefestigung betrachtet werden, zu kennzeichnen. Gerade hier fehlen Unterlagen. Die Bedeutung des Handwerks im Zusammenhang mit dem Bau der Stadt gehört näher durchleuchtet.

Als besterhaltene mittelalterliche Stadtbefestigung im Regierungsbezirk Freiburg sind Vergleiche mit anderen Anlagen unerläßlich.

Quellenverzeichnis

A: Pläne

1) Ansicht Villingen von Norden, ca. 1520 erste Stadt-Darstellung (früher fälschlicherweise ins 15. Jahrhundert datiert).

2) Stadt Villingen zwischen 1685 und 1695 nach einer Zeichnung im Generallandesarchiv Karlsruhe.

3) Lageplan Gumpp 1692 und 2 Ansichten hierzu.

4) Stadtplan Martin Blessing 1806

5) Rekonstruktion des mittelalterlichen Villingen von Nordwesten von Karl Gruber, 1937

6) Stadtplan Noack 19389)

7) Stadtplan Villingen 1:1000 (Vermessungsamt) Stadt ca. 1960

B: Literatur

8) „Kosten-Berechnungen für Hochbauten“, C. Schwatlo 1902 mit Zeitaufwandangaben.

9) „Die Stadtanlage von Villingen als Baudenkmal“, Artikel von Werner Noack, Freiburg i. Br., aus dem Jahresband 1938 „Die Baar“ von der Zeitschrift „Badische Heimat“.

10) „Villingen 1868 -1884“ Zusammengefaßte Ereignisse, 1940 Josef Honold.

11) Lagerstätte Schwarzwald-Baar-Heuberg (Gestein) nach Professor Dr. Sickenberg aus Beschreibung und Darstellungen der Planungsgemeinschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg 1963.

12) „Villingen“ Artikel von Dr. Josef Fuchs aus „Die Chronik des Kreises Villingen“ ca. 1972.

13) Ortskernatlas Baden-Württemberg Stadt Villingen-Schwenningen (3.2.) 1991, bearbeitet von Peter Findeisen.

 

Das Schicksal der Villinger Benediktinerkirche (Hermann Preiser)

nach der Säkularisation bis zum Verkauf durch die Stadt an die katholische Kirchengemeinde im Jahre 1912

Die Grundsteinlegung der Benediktinerkirche erfolgte am 16. Mai 1688 durch den Abt Roman von St. Blasien. Die Kirche wurde erst im Jahr 1712 vollendet und war damals noch ohne Turm.

Im Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 wurde Villingen Württemberg zugeschlagen, was durch ungenügendes Kartenmaterial und unklare Angaben des württembergischen Königs mitverursacht war. Obwohl die Württemberger sich nur wenige Monate des Besitzes der Stadt erfreuen konnten, so haben sie ihr während dieser Zeit doch großen Schaden zugefügt. Sie haben das Benediktinerkloster aufgehoben und den ganzen beweglichen Klosterbesitz nach Stuttgart weggeführt oder hier versteigert. Selbst die liturgischen Gewänder haben sie mitgenommen und die Kirche dadurch entehrt, daß sie den in den Klosterkellern vorgefundenen Wein während eines Gottesdienstes in der Kirche versteigert haben.

Kurze Zeit danach gelangte Villingen durch die Akte des Rheinbundes vom 12. und 16. Juli 1806 an das neugegründete Großherzogtum Baden. Das Benediktinerkloster übernahm nun der badische Fiskus. Der Klosterkirche wurde weiterer Schaden zugefügt: Die Silbermannorgel und das Glockenspiel wurden nach Karlsruhe verbracht zum Einbau in die evangelische Stadtkirche. Die wertvolle Klosterbibliothek wanderte zu Teilen nach Karlsruhe und in die Universitätsbibliothek Freiburg.

Einer der letzten Mönche des Klosters, Pater Schönstein, schrieb 1824 in seiner Geschichte des Stifts St. Georgen: „Die Klosterkirche, dieser herrliche Tempel, in dessen Hallen das Lob Gottes bei Tag und Nacht so herzerhebend erscholl, und ein so erbaulich und prachtvoller Gottesdienst gefeiert, wobei die heiligsten Religionsgeheimnisse dem herbei strömenden Stadt- und Landvolke bereitwilligst ausgespendet wurden; dieser Tempel ist nun aller Zierde entblößt, geschlossen, gegenwärtig aber zu Staatsbedürfnissen geeignet!“

Die Klosterkirche wird 1832 exsekriert und zwanzig Jahre lang als Salzlager für die Dürrheimer Saline verwendet. Anfangs der 1830er Jahre wurden Kirche und Klostergebäude für 6000 Gulden vom badischen Staat an die Stadt Villingen verkauft. Sie diente fortan mit einer kurzen Unterbrechung 1850-1852 nur noch weltlichen Zwecken. 1876 Große Schwarzwälder Gewerbe- und Industrieausstellung. Dazu wurde die Kirche außen und innen etwas restauriert.

1880 Festakt zum Schulabschluß des Realgymnasiums. 1882 Antrag des Realgymnasiums auf Überlassung der Kirche zur Abhaltung des Winterturnens. Der Stadtrat lehnte ab.

1882 Erstmals wurden die Benediktinerkirche sowie die Knaben- und Mädchenschule zur Unterbringung von Soldaten während der Manöverzeit in Anspruch genommen. In der Kirche wurden 376 Mann einquartiert, sie haben sich aber darin wenig respektvoll benommen. Sie hängten den Heiligenfiguren Uniformstücke um, stellten eine solche Figur auf die Kanzel mit einem Besen in der Hand und einem Schild um den Hals: »Petrus Stubendienst“. Auch sonst trieben sie in der Kirche groben Unfug, so daß sogar auswärtige Zeitungen wie der Karlsruher „Badische Beobachter“ sich mit dem Fall beschäftigten. Es wurde auch die Gruft aufgebrochen und alte Villinger erzählen, daß da unten mit Totenschädeln gekegelt worden sei. 1887 Vom 18. bis 24. August fand in der Kirche das 1. Sängerfest des Schwarzwaldgaues statt. Da weithin kein so großer Raum zu finden war und die Akkustik des Kirchenraumes sehr gelobt wurde, fanden viele weitere Konzerte in der Kirche statt.

Im gleichen Jahr wurde die Kirche auch als Schreinerwerkstatt benutzt. Unter Leitung eines Kasernenbau-inspektors wurde für Berlin eine große Probebaracke mit einer Länge von 26 m, einer Breite von 6 m und einer Höhe von 5 m hergestellt. Darin sollten 64 Betten Platz finden. Dach und Wände bestanden aus einer Masse gepreßt aus Holz, Stroh und Öl. Die Baracke konnte, um Transportraum zu sparen, in verschiedene Teile zerlegt werden, und sie war bestimmt für die Unterbringung der Wachen vor Festungen.

1890 fand in der Kirche ein großes Konzert der Villinger Gesangvereine, des Münsterchores und der Stadtmusik unter Leitung von Musikdirektor Häberle statt.

1893 wurde vom Münsterchor das Oratorium „Paulus“ aufgeführt.

1894 veranstalteten die Kapellen des Inf. Regt. 113 und 114 ein großes Militärkonzert in der Kirche.

1895 besuchte Prälat Kneipp die Stadt Villingen und hielt in der Kirche vor 800 bis 1000 Personen einen Vortrag über die Wasserheilkunde.

Schon kurz vor der Jahrhundertwende wurde mit der Restaurierung der Kirche begonnen. Nach einem lang gehegten Wunsch der Bürgerschaft sollte die Kirche wieder für den Gottesdienst, besonders für den Schülergottesdienst und die Christenlehre benutzt werden. Auch sollte die Kirche während der bevorstehenden Münsterrenovation der Gemeinde zur Verfügung stehen.

 

Richard Ackermann 1947

Der Außenputz wurde erneuert, neue Fenster wurden eingesetzt und die Kirchenbänke wieder aufgestellt.

1900 Am 8. September war der von der Firma Gebr. Metzger in Überlingen restaurierte Hochaltar eingetroffen. Die Kanzel wurde von Schreinermeister Armbruster und Holzschnitzer Moog ergänzt und ausgebessert und dann von Malermeister Schäfer dem Hochaltar entsprechend gefaßt.

1902 war die Kirche wieder in ordentlichem Zustand und konnte ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben werden, sie blieb aber noch im Eigentum der Stadt. 1910 Am 28. April kam beim Verkauf eines Anwesens der Kaplanei „St. Urban“ an die Stadt eine Vereinbarung zustande, nach der die Stadt den Katholiken die Benützung der Kirche bis zum 15. Oktober 1919 einräumte. 1911 standen Reparaturen mit Kosten von 12.000 Mark an, die die Stadt nicht bezahlen wollte. Sie wandte sich daher an den Stiftungsrat mit dem Wunsch, daß die Pfarrei die Kirche kaufen solle. Die Stadt stellte für den Verkauf noch andere Bedingungen: z. B. sollte der der Pfarrei gehörende Anteil des Friedhofes abgegeben werden. Der katholische Stiftungsrat erklärte sich daraufhin bereit, in Kaufverhandlungen einzutreten und bot der Stadt zunächst 10.000 Mark und das der Pfarrei gehörende Friedhofsgrundstück mit Ausnahme der Friedhofkapelle an. Der Gemeinderat aber verlangte 20.000 Mark, wenn er die Vorlage dem Bürgerausschuß unterbreiten solle.

Die Benediktinerkirche hat eine Grundfläche von 1088 m2 und einen Feuerversicherungswert von 155.000 Mark. Der abzugebende Friedhofsanteil mißt 60 Ar und 48 m2 und wird auf 10.000 Mark geschätzt. Das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg hatte den ausgehandelten Bedingungen zugestimmt unter der Voraussetzung, daß der Zugang zur Friedhofskapelle der katholischen Kirche vorbehalten bleiben soll.

Der Gemeinderat wollte nun die Verkaufssumme auf 25.000 Mark erhöhen. Der Stiftungsrat sah die hohen Instandsetzungskosten und lehnte ab. Er war auch der Meinung, daß die Stadt an der Abhaltung des Schülergottesdienstes selber auch Interesse haben müsse.

Gegen den Verkauf der Kirche an die Katholiken hatte schon am 1. Dezember 1911 die evangelische Gemeinde beim großherzoglichen Bezirksamt Einspruch erhoben, denn sie legte ebenfalls Wert auf die Benediktinerkirche, weil ihre Kirche zu klein erschien und die evangelische Gemeinde von der Stadt nicht benachteiligt werden wollte.

 

Auf diesem Bild aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sind die erwähnten Häuser Ecke Kanzlei-/Kronengasse noch gut zu sehen.

Sie bot nun der Stadt für die Kirche am 13. Februar 1912 die Summe von 60.000 Mark. Der katholische Stiftungsrat erwiderte darauf, daß von einer Benachteiligung der evangelischen Christen keine Rede sein könne. Er erklärte sich aber bereit, nun auch die Friedhofkapelle an die Stadt abzutreten, wenn der Kauf der Kirche zustande käme. Der katholische Stiftungsrat brachte nun noch eine neue Variante in die Kaufverhandlungen. Er bot neben dem Geldbetrag noch den Tausch des an das Rathaus angebauten Pfarrhauses gegen zwei an der Nordseite des Münster-platzes gelegene Grundstücke an. Das Pfarrhaus mit dem Anbau und dem großen Garten (jetziger Rathausparkplatz) konnte sehr günstig für die Rathauserweiterung gebraucht werden, die dringend notwendig war. Der Wert des Pfarrhauses mit dem großen Garten wurde auf 82.000 Mark geschätzt. Mit dem Verkauf der Kirche eine Rathauserweiterung verbinden zu können, war eine so sicher nicht wiederkehrende Chance für die Stadt.

Die evangelische Gemeinde gab ihr Interesse an der Benediktinerkirche noch nicht auf. Sie erhöhte am 17. März 1912 ihr Angebot auf 80.000 Mark, oder 50.000 Mark und die Abgabe der Johanniterkirche.

In der liberalen von Adolf Görlacher geführten früheren Villinger Zeitung „Der Schwarzwälder“ war zu lesen:

„man könne die Kirche ja auch versteigern und dem Meistbietenden zuschlagen.“

Der katholische Stiftungsrat nannte nun am 3. April 1912 endgültig die gewünschten Tauschobjekte für das Pfarrhaus, nämlich: Das der Stadt gehörende Dold’sche Anwesen mit Scheuer und Hausgarten Ecke Kanzleigasse-Kronengasse. Die Stadt hatte es 1887 für 14.000 Mark auf Abbruch gekauft und nutzte es zeitweise als Polizeiwache. Ferner sollte zum Tausch das Grüninger’sche Anwesen in der Kronengasse gehören, das an das andere anschließt. Die nochmalige interessante Aussprache im Gemeinderat führte zur Abstimmung, bei der mit einer Stimme Mehrheit der Verkauf der Kirche an die Katholiken gebilligt wurde, jedoch mußte der Verkauf die Zustimmung des Bürgerausschusses erfahren.

Der Bürgermeister legte diese Vorlage dem Bürgeraus-schuß vor. Wir dokumentieren hier einige Diskussionsbeiträge der Ausschußmitglieder:

Uhrenfabrikant Hermann Werner wies darauf hin, daß der katholische Stiftungsrat noch sieben Jahre Zeit gehabt hätte bis zum Ablauf des Mietvertrages 1919 und er hält eine Verquickung des Verkaufs der Kirche mit dem Ankauf des Pfarrhauses nicht für günstig, denn das sei ja nur eine Verschleierung. Warum soll über den Kauf des Pfarrhauses gesprochen werden, wenn der Platz für ein neues Rathaus noch gar nicht feststeht.

Glockengießer Benjamin Grüninger sen. sagte, man wisse ja noch nicht, was die Zukunft bringe, und es könnte eintreten, daß die Kirche für immer für die Katholiken verloren ginge. Grüninger erläuterte den Kaufvertrag und wies darauf hin, daß für die Rathausfrage gar keine bessere Gelegenheit kommen könne. Wenn die Katholiken die Kirche nicht bekommen, dann würden sie ihr Pfarrhaus niemals mehr hergeben. Die katholische Pfarrei hat ein historisches Recht auf die Kirche, denn sie sei von Katholiken erbaut worden und von einer Benachteiligung der Protestanten könne gar keine Rede sein, weil dieselben von 1898 an verhältnismäßig weit größere Zuschüsse erhielten als die Katholiken. Er bat darum, im Interesse des Friedens die Vorlage anzunehmen.

Baunternehmer Häring führte aus, daß er ein Gegner des Verkaufs der Kirche sei und ein noch viel größerer Gegner des Tausches. Er sagte ebenfalls, daß man noch gar nicht wisse, wohin das neue Rathaus gebaut werden solle und vor allem sollte man kein altes Haus eintauschen. Der Vertrag mit der katholischen Kirchengemeinde könne ja auch nach den sieben Jahren wieder verlängert werden. Rektor Schüßler meldete sich anschließend zu Wort und sagte, daß auch er wünsche, daß der konfessionelle Friede bewahrt bleibe. Das Vermögen der Stadt sei aber das der ganzen Gemeinde. Er fragt, weshalb der Quadratmeter beim Pfarrhaus 14 Mark mehr wert sei als bei der Polizeiwache. Die politische Gemeinde zahlt für das Pfarrhaus 70.000 Mark, tritt aber die Kirche im Wert von 150.000 Mark ab; die Kirche sei verschenkt.

Schlossermeister Görlacher machte darauf aufmerksam, daß der Vorschlag zum Verkauf der Benediktinerkirche an die hiesigen Katholiken ja von der Stadt ausgegangen sei. Über den Tausch und den Wert könne man streiten. Das jetzige Rathaus sei aber viel zu klein, und es müssen größere Räume geschaffen werden. Auch das Zimmer des Bürgermeisters sei nicht mehr zeitgemäß, denn derselbe brauche unbedingt ein eigenes Zimmer. Bei der Berechnung müsse man vor allem an den ideellen Wert denken, denn es werde ja nicht Gelände gegen Gelände getauscht. Mit dem Kauf des Pfarrhauses habe man die Möglichkeit, nach allen Richtungen hin zu bauen, und er könne nur für die Vorlage stimmen.

Rektor Schüßler meldete sich nochmals und meinte, daß man auch im Kaufhaus Diensträume für die Rathausverwaltung unterbringen könne. Er müsse als evangelischer Stiftungsrat dessen Interessen vertreten und könne nur mit „nein“ stimmen.

Kaufmann Dold meinte auch, daß die Stadt einen gewaltigen Ausfall von über 50.000 Mark habe. Die Idee, den Pfarrhausplatz zu erwerben, hätte ihm schon gefallen, doch müsse er gegen die Vorlage stimmen.

Herr Hagmann machte darauf aufmerksam, daß noch verschiedene Unterlagen fehlen und beantragte, die Vorlage zu vertagen.

Rechtsanwalt Schloß rechnete der Stadt vor, daß sie mit dem Verkauf der Kirche ein schlechtes Geschäft mache, die Kirche sei verschenkt.

Benjamin Grüninger jr. und Nepomuk Kaiser baten um die Abstimmung.

Stadtbaumeister Seibert bemerkte, daß der Erwerber der Kirche große Opfer zu bringen habe, denn seit drei Jahren sei nichts mehr renoviert worden. Der Zugang zur Kirche müsse neu geregelt werden. Der Zustand der Gebäude in der Kanzlei- und Kronengasse sei ganz miserabel und dürfe nicht zu hoch angesetzt werden. Ferner könne das Kaufhaus nicht als Ersatz für das Rathaus angesehen werden. Außerdem betonte er, daß es nicht gut sei, den Rathausplatz zu verlassen.

Hierauf erfolgte die Abstimmung, wobei vorher die Liberalen und auch der liberale Protokollführer den Saal verließen. Trotzdem war aber der Ausschuß beschlußfähig und es stimmten 52 Mitglieder für die Vorlage, also für den Verkauf der Benediktinerkirche an die katholische Kirchengemeinde. Nur 4 Stimmen waren dagegen.

Vom großherzoglichen Ministerium in Karlsruhe traf die Kaufgenehmigung erst am 28. Juli 1912 ein und damit war der Wunsch der Villinger Katholiken erfüllt.

Die beiden Gebäude an der Kanzlei- und Kronengasse wurden später abgebrochen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde auf beiden Grundstücken das heutige katholische Münsterpfarrhaus erbaut und 1926 vollendet. Anschließend wurden die Räume des alten Pfarrhauses für die Stadtverwaltung hergerichtet.

Seither dient die Benediktinerkirche mit unterschiedlicher Häufigkeit zu Gottesdiensten der Münsterpfarrei. Zeitweilig wurde auch in der Weststadt eine eigene Kuratie St. Georg (Kuratie ist ein selbständiger Seelsorgsbezirk ohne Pfarrrechte) eingerichtet, die ihre Gottesdienste in der Kirche feierte. Der letzte Kurat war Karl Eger, der die Kuratie St. Georg betreute bis er nach dem Neubau der Kirche am Goldenen Bühl Pfarrer von St. Bruder Klaus wurde.

Die Sorge um die Benediktinerkirche obliegt nun wieder der Münsterpfarrei. Die Kirche dient zu gelegentlichen Jugendgottesdiensten, zu Schulgottesdiensten der Karl-Brachat-Realschule, zu Hochzeiten, manchmal zu Sonntagsgottesdiensten mit besonderer musikalischer Gestaltung. Jeden Sonntag feiert die kleine italienische Gemeinde darin ihren Gottesdienst. Ihrer sehr guten Akustik wegen ist die Kirche auch zu geistlichen Konzerten sehr geschätzt.

Die Münsterpfarrei hat in den vergangenen Jahren über 700.000 DM aufgebracht für die Erneuerung des Daches und für Sandstein- und Blechnerarbeiten am Turm und an der Fassade. Eine große Aufgabe für die Zukunft sieht die Pfarrei in der Innenrenovation der Benediktinerkirche, die das altehrwürdige Gotteshaus sicher wieder zu einem wertvollen Schmuckstück unserer Stadt machen wird.

 

 

 

Buchbesprechung Antifaschist, verzage nicht … ! (Michael Tocha)

Ekkehard Hausen/Hartmut Danneck: Widerstand und Verfolgung in Schwenningen und Villingen 1933-1945. Neckar-Verlag Villingen, 1990

Dieses Werk ist eine der ganz seltenen Darstellungen der jüngsten Geschichte dieser Stadt – schon darin liegt Verdienst! Wie überall, so neigen auch die Villinger Heimatforscher dazu, sich auf Frühgeschichte und Mittelalter zu konzentrieren: Alemannengräber, 999, Zähringer, Habsburger – diese und ähnliche Themen werden ohne Zweifel häufiger bearbeitet als andere. Denn durch eine lange und auch bemerkenswerte Geschichte gewinnt die Stadt, in der man sich zu Hause fühlt, an Rang und Bedeutsamkeit. Daher erntet Wohlwollen und Anerkennung, wer zur Vertiefung dieser Dimension städtischen Selbstbewußtseins beiträgt. Überdies engen Fragestellung wie Quellen den Blick des Forschers manchmal so auf einzelne Gesichtspunkte ein, daß er die ganze Wirklichkeit aus den Augen verliert. Die Enge, die Krankheiten und der Hunger, die alltägliche Not des Mittelalters werden ausgeblendet; das Leben in der alten Stadt nimmt idyllische Züge und einen Glanz an, die der Wirklichkeit allenfalls eingeschränkt entsprechen. Die neuere und neueste Geschichte bieten nicht so viele Möglichkeiten der problemlosen Identifikation. Wer über Industrialisierung schreibt, muß von großartigen Leistungen, aber eben auch von Elend und Ausbeutung erzählen. Den Nationalsozialismus dann gar ließen viele am liebsten unberührt. Dieses Thema ist nur noch unerfreulich, bringt bohrende Fragen und Vorwürfe hervor, vielleicht auch gegen Menschen, die unter uns leben. Nur – Verdrängen löst nichts. Selbstbewußt, d. h. unserer selbst bewußt können wir nur sein, wenn wir unsere ganze Geschichte so, wie sie gewesen ist, annehmen und die richtigen Fragen und Antworten aus ihr herleiten: Wie konnte alles so geschehen? Und was können wir lernen?

Junge Leute stellen solche Fragen mit großem Ernst. Mit ihnen sind die Autoren, beide Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium am Hoptbühl, 1986 auf Spurensuche gegangen und haben zahlreiche Zeitzeugen befragt. Deren Erfahrungen werden durch das vorliegende Buch vor dem Vergessen gerettet. Man kann nur ahnen, welcher Aufwand notwendig war, um so viele Informationen zusammenzutragen. Dabei ist das Buch viel mehr als nur die geordnete Dokumentation von „oral history“ – die Befunde vor Ort werden vernetzt in Verstehenszusammenhängen und Fragestellungen der historischen Forschung, z. B.: Hätte eine einheitliche Arbeiterbewegung den Nationalsozialismus verhindern können? Welche Einstellungen bedingen Nähe und Distanz der Katholiken zu den braunen Machthabern? Damit sind zugleich die thematischen Schwerpunkte angesprochen. Wie der Titel erkennen läßt, enthält das Buch einen Schwenninger und einen Villinger Teil. In Schwenningen war die Spurensuche offenbar ertragreicher: den Vorgängen dort sind rund zwei Drittel der Seiten gewidmet. Jeder dieser beiden Hauptteile wird eingeleitet durch eine Darstellung der NS-Machtergreifung. Es folgen jeweils zwei große Kapitel, die den Widerstand der Arbeiterbewegung sowie der Kirchen (in Schwennin-gen der evangelischen, in Villingen der katholischen) behandeln.

Auch Villinger Lesern sei die Schilderung der Schwenninger Ereignisse ans Herz gelegt. An dieser Stelle sollen aber einige Bemerkungen zum Villinger Teil genügen. Aufschlußreich ist die Analyse des Villinger Sozialmilieus, das stark vom Katholizismus geprägt war. Die Arbeiterbewegung (SPD, KPD, Gewerkschaften) stellten hier nur eine Minderheit dar. Der Nationalsozialismus faßte nur allmählich in Villingen Fuß; zu einer braunen Hochburg wurde die Stadt keineswegs (S. 120). Um so bemerkenswerter ist, wie es den Nationalsozialisten trotz solch ungünstiger Voraussetzungen gelang, die Stadt zu beherrschen: durch brutale Machtausübung einerseits, andererseits aber auch durch die von bestimmten Grundüberzeugungen erleichterte Anpassung bürgerlicher Kreise. So bietet auch unsere Stadt Einblick in die Mechanismen, die immer und überall Diktaturen möglich machen. Geradezu spannend lesen sich die Berichte, wie kleine Gruppen im Untergrund unter großen Gefahren antinazistische Schriften aus der Schweiz hierher schmuggelten und verteilten (S. 135-137).

Im Vorwort legen die Verfasser dar, daß sie unter Widerstand „neben dem aktiven illegalen Kampf gegen das Regime auch die oppositionelle Haltung, die (passive) Verweigerung und den Willen zur Selbstbehauptung gegenüber einem totalen Staat“ verstehen (S. 7). Beabsichtigt ist also eine Geschichte des alltäglichen Widerstands „kleiner Leute“. Das ist angesichts der Sachlage der einzig sinnvolle Ansatz; denn herausragende Helden des Widerstands waren, wie überall in Deutschland, so auch in Villingen die Ausnahme. Der weit gefaßte Widerstandsbegriff trägt aber nicht das ganze Buch. Beim Lesen verstärkt sich der Eindruck, daß Widerstand in erster Linie verstanden wird als politisch motiviertes Handeln, das die Schwächung des Regimes zum Ziel hat. In dieser Kategorienbildung spiegelt sich die intensive Beschäftigung mit dem Widerstand in der Arbeiterbewegung. Ihn mit ins Zentrum der Darstellung zu rücken, ist die ausdrückliche Absicht der Autoren (S. 8). So sollen „fortschrittliche, obrigkeitskritische und demokratische Traditionslinien“ aufgespürt werden, die, wie die Autoren zu Recht betonen, im Zeichen des Kalten Krieges allzu oft verschwiegen worden sind.

Eignet sich ein politischer und handlungsorientierter Widerstandsbegriff auch, um die Rolle der Kirchen (oder sollte man besser sagen: von Christen?) zu untersuchen? Die Verfasser stellen selber fest, daß mit den Kategorien „Anpassung“ und „Widerstand“ das Verhalten der Villinger Katholiken nicht zu erfassen sei (S. 139). Sie deuten auch an, daß nicht deren Handeln, sondern zunächst ihre oppositionelle Haltung der geeignetere Gegenstand der Betrachtung sein könnte. Diese Linie wird aber nicht weitergezogen, vielmehr wird nun etwas unvermittelt die bekannte und ohne Zweifel bedenkliche Anpassung der Kirchenführung, vor allem des Freiburger Erzbischofs Gröber, an die nationalsozialistischen Machthaber dargestellt. Dabei enthält der Text keinerlei Hinweis auf den gegenwärtigen Streit um Gröber: War er übertrieben angepaßt oder ein mutiger Widerständler – oder beides? (In diesem Zusammenhang wäre es aufschlußreich gewesen zu ermitteln, was Gröber 1937 im Villinger Münster predigte: Wofür erhielt er Beifall, aus welchem Grund gab es im Anschluß Schlägereien zwischen Gottesdienstbesuchern und Nationalsozialisten? – vgl. 5.141) Es geht den Autoren darum aufzuzeigen, daß die Bedingungen für Widerstand aus dem katholischen Milieu heraus wenig günstig gewesen seien. Gerade dann aber erscheinen die vielen Zeugnisse von Verweigerung und Widerspruch, die sie in Villingen zusammengetragen haben, umso beachtlicher.

Solche Widersprüche werden leider nicht in eine gedankliche Beziehung zueinander gestellt. Das abschließende Fazit gelangt nicht von der Zusammenschau von taktischer Anpassung „oben“ und Bekennermut „unten“ zu einer differenzierten Würdigung dessen, was Menschen in Villingen durchgestanden und geleistet haben. Statt dessen werden völlig undialektisch Urteile nur „von oben“ hergeleitet. Haben Katholiken in Villingen den Nationalsozialismus wirklich nur wegen seiner „Dynamik, seine(r) rüden Methoden und v. a. seine(r) Angriffe auf kirchliche Besitzstände abgelehnt“ (5.144)? Ging es ihnen nur um ihr Vereinsleben und ungestörte Fronleichnamsprozessionen? Woher nahm ein Mann wie Ewald Huth die Kraft, so aufrecht in den Tod zu gehen? Weil der Widerstandsbegriff der Autoren Motivationen jenseits des Politischen gar nicht erfaßt, kommt es zu Feststellungen wie der, das katholische Milieu habe sich nicht als Bollwerk der Demokratie erwiesen (S. 144). Gewiß, das trifft zu für eine Kirche, die Autorität und Hierarchie manchmal bis zum Überdruß betont. Aber gerade deshalb ist es als Bilanz trivial nach allem, was die Autoren über „die Geradlinigkeit und Unbeugsamkeit vieler Villinger Katholiken“ zu berichten wußten.

Ihre Orientierung an politisch motiviertem Handeln verstellt den Verfassern den Blick auf wichtige Möglichkeiten von Widerstand. Wir wagen die Behauptung, daß der Umgang der Einheimischen mit den Tausenden von Zwangsarbeitern in Villingen der Bereich war, in dem Herrenmenschengehabe und Sadismus, aber auch Widerstand dagegen am häufigsten vorkamen: Jede menschliche Geste, jedes Gespräch, jedes Stück Brot war ein Protest gegen den Rassenwahn. Es gibt Hunderte von Villingern, die dazu berichten könnten. Vielleicht läge hier Stoff für eine eigene Darstellung. Selbst wenn man dem vorliegenden Werk zugesteht, daß es sich nicht ins Uferlose verlieren kann: Ein einziger Satz zu diesem wichtigen Thema (S. 138) reicht nicht aus.

Solche Einwände beziehen sich nur auf einzelne Passagen. Im Ganzen bleibt zu betonen: Das Buch von Hausen und Danneck ist ein notwendiges, ein überfälliges Werk. Es gründlich zu lesen und zu bedenken verhilft dazu, die eigene Lebenswelt und verantwortliches Handeln in ihr von der Geschichte her zu begreifen.

 

Neuer Leiter der Städtischen Archive und Museen Villingen-Schwenningen (Dr. Heinrich Maulhardt)

Am 1.4.1991 habe ich die neugeschaffene Stelle eines Leiters der Städt. Archive und Museen angetreten. Zuvor war ich sechs Jahre in Rottenburg am Neckar tätig als Leiter des Diözesanarchivs und der Schriftgutverwaltung im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Geboren wurde ich vor 38 Jahren in Eltville am Rhein, wo ich zur Schule ging und meine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach dem Studium, das ich mit einer Promotion im Fach Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt am Main abschloß, war ich Archivreferendar des Landes Nordrhein-Westfalen und legte die archivarische Staatsprüfung an der Archivschule Marburg ab. Ich war als Archivar tätig an den Hessischen Staatsarchiven Darmstadt und Marburg sowie beim Bistumsarchiv Limburg/Lahn.

Mein erster Kontakt mit der Museumsarbeit kam zustande im Jahre 1980 beim Museum der Stadt Rüsselsheim, das aufgrund seiner als vorbildlich empfundenen Konzeption und seiner neuen Wege der didaktischen Präsentation den Museumspreis des Europarates erhielt. Ich habe drei Jahre lang durch Führungen und Vorträge an der Arbeit des Museums partizipiert und war an der Vorplanung einer Ausstellung über die Geschichte von Rüsselsheim beteiligt, wobei besonders auch moderne museumspädagogische Fragestellungen berücksichtigt wurden.

Die Hauptaufgabe eines Stadtarchivs besteht in der Übernahme und Verzeichnung von wichtigem Schriftgut der Stadtverwaltung aber auch von bedeutenden Personen und Institutionen der Stadt. Es dient der Stadtgeschichte sowie der Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Das Stadtarchiv sichert öffentliche und private Rechte der Stadt, z. B. durch Aufbewahrung von Urkunden und Akten zum städtischen Vermögen. Es sollte Gedächtnis, Gewissen und Gehilfe der Verwaltung sein, aber auch als Informationsspeicher allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen.

Zur Sicherung des Archivguts werden beschädigte Archivalien in zuverlässigen Restaurierungswerkstätten wiederhergestellt, wichtige Dokumente – vor allem aus dem Stadtarchiv Villingen – müssen aus Gründen der Sicherung des Archivguts verfilmt werden.

Die Benutzung der historischen Quellen im Archiv steht jedem Bürger offen, der sie für ein wissenschaftliches oder privates Forschungsanliegen auswerten möchte. Der Zugang der Bevölkerung zu ihrer Geschichte soll aber auch durch (Dokumenten-) Ausstellungen in Zusammenarbeit mit den Museen gebahnt werden. Die Kooperation mit den Schulen im Bereich Archive und Museen herzustellen ist für mich eine wichtige Aufgabe.

Nach langjähriger Tätigkeit als Leiter des Stadtarchivs Villingen ging Dr. Josef Fuchs zum Jahresende 1990 in den Ruhestand. Zu seinem Nachfolger wählte der Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwenningen Dr. Heinrich Maulhardt. Die Redaktion des Jahresheftes gibt dem neuen Archivleiter Gelegenheit, sich vorzustellen.

Mit den Geschichtsvereinen der Stadt, mit historisch interessierten Institutionen und Personen möchte ich zusammenarbeiten und das Gespräch pflegen.

Im Bereich der Museen steht für den Stadtbezirk Villingen durch den Ausbau des Franziskaners eine Neueinrichtung und in diesem Zusammenhang eine Gesamtkonzeption aller bisherigen Schausammlungen an. Die Firma Fokus hat unter Anleitung der Städtischen Museen dazu im Juni 1991 eine Rahmenkonzeption vorgelegt. Die Neueinrichtung des Franziskanermuseums und die Überarbeitung der bisherigen Schausammlungen wird Aufgabe der nächsten Jahre sein. Dabei gilt es auch die Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis heute zu dokumentieren. Dieses Anliegen berücksichtigt ebenso der im Stadtbezirk Schwenningen entstandene Verein „Förderkreis lebendiges Uhren-Industriemuseum e. V.“, der sich zum Ziel gesetzt hat, insbesondere die Geschichte der Uhrenindustrie darzustellen mit besonderem Augenmerk auf den technischen Produktionsprozeß.

Zur Erhaltung des „historischen Gewissens“ der Stadt halte ich den Beschluß des Gemeinderates, die Villinger Innenstadt als Gesamtanlage im Rahmen des § 19 Denk-malschutzgesetz zu schützen ohne sie gleichsam zum Museum zu erklären, für folgerichtig.

Archive und Museen sollen die Bürgerinnen und Bürger zu einem intensiveren historischen Bewußtsein hinführen, aus dem heraus sie auch (bessere) Gestaltungen ihrer Zukunft ableiten können.

26. Juli 1991    Dr. Heinrich Maulhardt

 

Hans Hauser zum Gedenken

Schick Di drii

‚r isch kurz der Weag: Vum Kindbett aa

de Brigach nab i d’Altstadt nus,

’s stond a de hundert Marke dra,

doh kum an lauft eh hundert us.

 

Vor dra denksch, goht es Marbe zue.

Wärs au en Kriizweag gsi, e Bueß, jetz

wettsch, de hetsches nohmol z’due, und

wenn es sii müeßt, gängisch z’fueß.

 

’s isch übelziitig über d’Bruck,

de woesch, dert goht es hinnenab,

de schächisch emol widder z’ruck

und zellsch di gloffne Marken ab.

 

Bis endli selber zue der saisch:

Wa hauni eigentli noh z’due?

Und zmols de Löffel vu der keisch.

Gottlob! Jetz hätt di arm Seel Rueh!

Hans Hauser

Wir gehen davon aus, daß auch Nicht-Villinger und Neu-Villinger, die die städtische Mundart nicht ganz perfekt beherrschen, den Inhalt dieses Gedichtes aus dem Büchlein „Dief i de Nacht“ verstehen. Nur eine Erläuterung scheint uns erforderlich. Wenn man sagt, „es goht Marbe zue“, dann heißt das, es geht in Richtung Friedhof, der auf dem Weg nach Marbach liegt.

Hans Hauser, seit 1982 Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins, starb 83jährig am 4. März 1991 in seiner Heimatstadt Villingen. Mit ihm verlieren wir ein engagiertes Mitglied, das im gesamten alemannischen Sprachraum hohes Ansehen genießt.

Die mit großer Lebendigkeit gepflegte heimatliche Mundart öffnete gerade auch für den Fremden das Verständnis für die Sprache unserer Landschaft. Unvergessen für die Nachwelt wird Hans Hauser bleiben durch seinen Gedichtband „Dief i de Nacht“.

Durch seine profunde Kenntnis der Geschichte seiner geliebten Heimatstadt Villingen war Hans Hauser nach Beendigung seiner beruflichen Tätigkeit für Museum und Altes Rathaus ein sachkundiger und stets geschätzter Führer. Hans Hauser gehört zu den großen Repräsentanten der Kultur unserer Stadt.

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen wird sich an sein Wirken stets dankbar erinnern.

 

Ehrennadel des Landes für Hermann Preiser

Für sein langjähriges Ehrenamt im Geschichts- und Heimatverein und seine verdienstvolle Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Heimatgeschichte erhielt Hermann Preiser im Januar 1991 die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Noch heute kümmert sich Hermann Preiser mit Leidenschaft insbesondere um die Geschichte seiner Heimatstadt Villingen und ihrer näheren Umgebung. Anläßlich der Verleihung der Ehrennadel des Landes im Saal des Alten Rathauses würdigte Oberbürgermeister Dr. Gebauer Hermann Preiser als einen Mann, der sich intensiv bis ins hohe Alter Aufgaben widme, die durch kulturelle und politische Geschichte zu erarbeiten seien.

Hermann Preiser übernahm schon in frühen Jahren die elterliche Firma in der Bahnhofstraße in Villingen und trug wesentlich zum Aufbau des als „Schnaps-Preiser“ bekanntgewordenen Unternehmens bei.

Lange Jahre war Hermann Preiser auch Wanderwart im Deutschen Alpenverein und als der Geschichts- und Heimatverein gegründet wurde, wählten ihn die Mitglieder zum Zweiten Vorsitzenden, als der er bis 1990 immer wieder mit großen Mehrheiten bestätigt wurde. Für Hermann Preiser war es immer selbstverständlich, die historische Erinnerung in einer Stadt der geschichtlichen Qualität Villingens ehrenamtlich zu tragen. Sein Geschichtsinteresse wurde ihm bereits durch seinen Vater und seinen Großvater vermittelt.

In über 25 Jahren Arbeit an geschichtlichen Themen machte sich Hermann Preiser einen Namen mit zahlreichen Veröffentlichungen, von denen als Beispiele „Die Herren von Kürneck“, „Die Wasserbelagerung 1634“, „Der Villinger Glockenraub in Schwenningen“, „Als die

Villinger ihr Fähnlein verloren“ (bei der Schlacht von Näfels 1388) und die zahlreichen Einzelbeiträge in den Jahresheften des „Geschichts- und Heimatvereins“ und den Heften „Badische Heimat“ genannt seien. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Forschungen Hermann Preisers über die Entwicklung und Bedeutung der vorderösterreichischen Radhauben, die vielerorts in ihren lokalen Variationen zur jeweiligen Frauentracht gehören und bis heute vielbestauntes Schmuckstück der Altvillingerin geblieben sind.

Der Geschichts- und Heimatverein schuldet seinem Ehrenmitglied Hermann Preiser für sein Engagement und stetes Eintreten für die Belange des Vereins großen Dank.

Bei der Ehrung und Übergabe der Auszeichnung durch Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebauer im Saal des Alten Rathauses waren über 100 Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins anwesend. Sie erfolgte am 15. Januar 1991 vor der Vortragsveranstaltung mit Dr. Werner Mezger aus Rottweil.

 

Die neuentdeckte Siedlung Villingen „Laible“ (Dr. Gabriele Weber)

und die spätlatnèzeitliche Besiedlung Villingens und Umgebung.

Die Landschaft um die an der mittleren Schwarzwald-Ostabdachung gelegene Stadt Villingen ist seit der Jungsteinzeit, aufgrund ihrer siedlungsgünstigen naturräumlichen Gegebenheiten, ein von fast allen Kulturen gerne aufgesuchtes Siedlungsgebiet.

Während für das Neolithikum bisher auf Villinger Gemarkung nur Lesefunde vorliegen% lassen sich erst seit der Bronzezeit Siedlungsspuren nachweisen2).

Bronzezeitliche Funde, 1943 bei der Gärtnerei Ebert in der „Altstadt“ geborgen, wurden von Konrad Spindler als verschleifte Grabhügel interpretiert3). An der Eisenbahnüberführung der Schwenninger Straße wurde ein Depotfund mit zwei Sicheln und einem Lappenbeil freigelegt4). Unter zahlreichen Steinhügeln im oberen Brigachtal, die bisher undatiert waren, verbergen sich nach Ergebnissen neuer Ausgrabungen zum Teil bronzezeitliche Bestattun-gen5). Dies weist auf eine relativ hohe Besiedlungsdichte dieses Raumes während der Bronzezeit hin.

Für die nachfolgende Urnenfelderzeit (1200 – 800 v. Chr.) ist der Einzelfund eines Bronzeschwertes vom Typ „Rixheim“, wiederum aus dem Bereich der „Altstadt“, das 1899 bei der Friedhofserweiterung zutage kam, sowie ein Brucherzhort zu erwähnen6). Ein zeitgleicher Hort, der die Trachtausstattung einer Frau jener Zeit enthielt, stammt aus Schwenningen. Waffenfunde aus dem Schwenninger Moos lassen an eine Opferstätte oder ein Quellheiligtum am Neckarursprung denken. Zur urnenfelderzeitlichen Siedlung an der Altstadtquelle in Villingen gehörte ein Urnengräberfeld auf dem „Laible“, das bei der Materialentnahme für den großen hallstattzeitlichen Grabhügel „Magdalenenberg“ vermutlich zum größten Teil zerstört wurde. In der Aufschüttung des Hügels kamen Metallteile, Keramik und Leichenbrandreste zutage 7).

Eine dichte Besiedlung des Raumes zeichnet sich erstmals in der Hallstattzeit ab. Aus dieser Epoche sind in der Umgebung von Villingen zahlreiche Grabhügelfelder lokalisiert worden8). Als herausragender Fundpunkt ist der Magdalenenberg zu nennen, ein Großgrabhügel von 107 m Durchmesser, der das bekannte frühkeltische Fürstengrab in einer hölzernen Grabkammer in der Hügelmitte, sowie kreisförmig angeordnet 126 Nachbestattungen enthielt9). Die wohl zugehörige hallstattzeitliche Siedlung befindet sich in Sichtweite, ca. 3,5 km entfernt, auf dem Kapf bei Unterkirnach, der durch einen Abschnittswall befestigt war. Ausgrabungen haben gezeigt, daß die Befestigung aus einer reinen Holz-Erde-Konstruktion bestand10). Dieser Wall zeichnet sich heute noch deutlich im Gelände ab. Im Inneren fanden sich eine gering mächtige Kulturschicht und einige Abfallgruben, die zum Magdalenenberg zeitgleiche Funde enthielten. Die hallstattzeitliche Anlage sicherte in einem weiten Bogen ein Areal von ca. 2 ha Größe und schloß auch einen Quellhorizont mit ein. Im Vergleich zu einer sehr dichten Besiedlung des zu betrachtenden Raumes während der Hallstattzeit ließen sich für die darauf folgenden Zeitepochen bisher nur sehr wenige Belege erbringen. Da erst für die römische Zeit wieder eindeutige Siedlungsspuren vorliegen, ging man lange davon aus, daß das Gebiet in der Latnezeit nicht besiedelt war. So wurde vermutet, daß der Villinger Raum, als die leicht abbaubaren Eisenerz-vorkommen erschöpft waren, wieder verlassen wurde“) Für die nachfolgende Frühlatenezeit sind auf Villinger Gemarkung bisher weder Siedlungsstellen noch Gräber nachweisbar. Grabfunde aus der Latnezeit sind, außer einer nachträglich in einen hallstattzeitlichen Hügel bei Überauchen (Abb. 3, 18) eingebrachten Bestattung und einem unsicheren Befund aus Bräunlingen (Abb. 3, 19), es handelt sich um zwei Flachgräber12), aus der Umgebung Villingens bisher nicht bekannt. Diese Beobachtung deckt sich mit der Situation im Oberrheingebiet und im Schweizer Mittelland, wo das Fehlen der Gräber in der Spätlatenezeit immer noch eine Herausforderung für die Forschung darstellt und bisher nicht erklärt werden kann, da aus derselben Zeit zahlreiche Siedlungen sicher nachgewiesen sind.

Bei der ersten Ausgrabung des Magdalenenberges durch Christian Roder 1890 kamen in der Schüttung des Hügels einige Lesefunde zutage, die eindeutig der Spätlatnezeit, d. h. der Zeit von ca. 125-15v. Chr. zuzurechnen sind. An keramischen Funden sind dabei eine Schüssel mit einziehendem Rand (Abb. 1, 1), die Bodenscherbe eines grobkeramischen Topfes (Abb. 1, 2), zwei Randscherben von Schüsseln (Abb. 1, 3-4) und das Wandbruchstück eines groben Topfes mit für die Latnezeit charakteristischem Kammstrich (Abb. 1, 5) erwähnenswert. Das Bruchstück einer Schrötlingsform (Abb. 1, 6), die zur Herstellung keltischer Münzen diente, gehört ebenfalls zum Fundspektrum. Vor allem aufgrund der Gußform wurde schon von Konrad Spindler Anfang der 70er Jahre eine spät-latnezeitliche Siedlung vermutet, die sich in ummittelbarer Nachbarschaft des Magdalenenberges befinden könnte13). 34

 

Abb. 1: Mittel- bis Spätlatenezeitliche Funde aus der Siedlung Villingen „Laiblel Maßstab 1:2

 

 

 

Abb. 2 Das „Laible“ von Nordosten, im Hintergrund der Magdalenenberg

 

Abb. 3 Latènezeitliche Fundstellen in Villingen und Umgebung. 1 Villingen „Laible“ 2 Villingen „Altstadt“ 3 Schwenningen „Auf Eschelen/Hexenloch“ 4 Schwenningen „Rinelen/Vor Hummelholz“ 5 Hammereisenbach „Krumpenschloß“ 6 Hüfingen „Galgenberg“ 7 Bad Dürrheim „Im See/Hübliswiesen“ 8 Rottweil „Nikolausfeld“ 9 Dittishausen 10 Donaueschingen „Brugger Halde“ 11 Weilersbach 12 Tuningen „Heidelburg“ 13 Mundelfingen „Rufeln“ 14 Villingendorf 15 Trossingen 16 St. Georgen, Brigachquelle 17 Martinskapelle, Bregquelle 18 Überauchen 19 Bräunlingen

Seine Deutung, die Spätlatneleute könnten das von ihnen geraubte Gold aus dem Magdalenenberg an Ort und Stelle zur Herstellung keltischer Münzen eingeschmolzen haben, erscheint dabei utopisch. Eine kurzfristige Siedlungstätigkeit, die ausschließlich der Grabplünderung diente, hat bisher im gesamten keltischen Raum keine Entsprechungen. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß aufgrund einer mündlichen Mitteilung ein Raubgräber mit einem Metallsuchgerät auf dem „Laible“ zahlreiche keltische Goldmünzen, vermutlich sogenannte „Regenbogenschüsselchen“, widerrechtlich ausgegraben haben soll. Solche Tätigkeiten sind keineswegs als Kavaliersdelikt zu werten, sondern haben eine nachhaltige Zerstörung von Bodendenkmalen zur Folge. Weitere spätlatènezeitliche Siedlungsfunde wurden 1945 im Bereich der „Altstadt“, bei der Gärtnerei Ebert (Abb. 3, 2) bei „Ausschürfungen“, so der Fundbericht14), zu Tage gefördert. Diese Fundstücke sind zur Zeit leider nicht auffindbar, so daß über diesen Fundpunkt keine weiteren Aussagen getroffen werden können. Doch wenden wir uns wieder der Umgebung des Magdalenenberges zu. Manfred Hettich aus Villingen, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege, der seit vielen Jahren regelmäßig Feldbegehungen in diesem Areal durchführt, ist es zu verdanken, daß zu den Funden aus der Hügelschüttung von der Grabung 1890 seit 1983 weitere latnezeitliche Fundstücke hinzugekommen sind, die die Lokalisierung einer keltischen Siedlung im Gewann „Laible“ (Abb. 3, 1) möglich machen. Das begangene Areal liegt ca. 200 m nordwestlich des Magdalenen-berges. Es handelt sich um ein plateauartiges Gelände, das an seiner Nord- und Westseite von einer Geländerippe begrenzt wird (Abb. 2). In der nördlichen Rippe könnten sich Reste einer Wallanlage verbergen. Das Siedlungsgebiet ist im Norden und Westen durch die Topographie und die Lesefunde eingrenzbar, im Süden und Osten ist die Ausdehnung bisher noch offen. Der östliche Teil des Höhenrückens ist bewaldet, was die Auffindemöglichkeiten bei Feldbegehungen erheblich erschwert. Die heute zu lokalisierende Siedlungsfläche hat eine Größe von mindestens 1 ha. Das „Laible“ wird im Norden und Süden durch die Täler des Waren- und des Wolfbaches begrenzt. Südlich des Magdalenenberges entspringt eine Quelle, die in den Wolfbach mündet. Die Lage einer Ansiedlung in unmittelbarer Nähe einer Quelle, oftmals diese in die Befestigung mit einschließend, ist besonders bei latenezeitliche Siedlungen häufig zu beobachten.

An Funden sind das Bodenstück einer feinkeramischen, auf der Töpferscheibe gedrehten Flasche (Abb. 1, 7) und die Bodenscherbe eines ebenfalls feinkeramischen Topfes (Abb. 1, 8) zu nennen. Weitere Fundstücke sind das Fragment eines grobkeramischen Topfes mit Kammstrichverzierung (Abb. 1, 9) und zwei Wandscherben von Töpfen mit feinem (Abb. 1, 12) und flächigem (Abb. 1, 11) Kammstrich. Besondere Erwähnung bedarf die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkende Wandscherbe eines grobkeramischen Kammstrichtopfes aus Graphitton (Abb. 1, 10), einer Warenart, die in den latenezeitlichen Siedlungen auf der Baar und im Oberrheingebiet äußerst selten auftritt. Dieser Rohstoff war hier nicht vorhanden, die Gefäße wurden daher aus dem Osten, vor allem aus Bayern, importiert. Die Siedlung „Laible“ war demnach an überregionale Verkehrswege angeschlossen. Gerade diese Graphittonscherbe ermöglicht es auch, eine grobe zeitliche Einordnung der Siedlungsfunde vorzunehmen. Graphittonkeramik kommt in vergleichbaren Siedlungen auf der Baar, z. B. in der großen unbefestigten spätlatenezeitlichen Siedlung auf dem „Galgenberg“ bei Hüfingen15) vereinzelt vor. Im Oberrheingebiet ist diese Ware in Breisach-Hochstetten, Basel-Gasfabrik und in der jüngst entdeckten Siedlung von Zarten „Rotacker“ im Fundspektrum vertreten16). Diese Fundorte sind aufgrund ihrer Fundkombinationen eindeutig mit ihrem Beginn in die ausgehende Mittellatènezeit (ca. 150 v. Chr.) zu setzen. Sie bestanden während der ersten Phase der Spätlatènezeit (ca. 125 – 60/50 v. Chr.) weiter. In jüngeren Siedlungen, wie z. B. Basel-Münsterhügel oder Breisach-Münsterberg ist die Graphittonkeramik nicht mehr vertreten.

Nach diesem Vergleich ergibt sich für den Beginn der Villinger Siedlung „Laible“ eine zeitliche Einordnung an den Übergang von der Mittel- zur Spätlatènezeit (um 150/120 v. Chr.). Diese Datierung wird auch noch durch einen blauen Glasarmring mit drei Rippen und umlaufender Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß (Abb. 1, 13) erhärtet17). Glasarmringe dieser Farbe, Formgebung und Verzierung sind eine ganz charakteristische Fundgrube der späten Mittellatnezeit.

Selbstverständlich kann durch die bisher vorliegenden wenigen Lesefunde die Gesamtdauer und die Struktur der Siedlung nicht genauer bestimmt werden. Weitere Funde oder eine Ausgrabung, die in absehbarer Zeit aber kaum nötig werden wird, können in der Zukunft eine präzisere zeitliche Einordnung ermöglichen. Durch die vorgestellten, neuentdeckten Funde aus dem Gewann „Laible“ kann zumindest die mittel- bis spätlatènezeitliche Siedlungslücke auf Villinger Gemarkung geschlossen werden. Sie zeigen aber auch, daß unser heutiges Bild der Besiedlungsstruktur zur Mittel- und Spätlatènezeit in diesem Raum, trotz langer Forschungstradition noch sehr unvollkommen ist.

Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, daß die vermutlich befestigte Siedlung Villingen „Laible“ und die zeitgleiche, kleinere Siedlung in der „Altstadt“, an der Verbindungsstelle zwischen den Quellen von Donau und Neckar, in der Mittel- bis Spätlatènezeit eine bedeutende Rolle spielten. Diese Siedlungen sind im Zusammenhang mit den wenigen benachbarten Siedlungsstellen zu betrachten. In Schwenningen wurden 1952 im Gewann „Auf Eschelen“/“Hexenloch“ (Abb. 3,3), 1,3 km nordwestlich der Stadtkirche, beim Krankenhausneubau aus einer Doline eingeschwemmte spätlatènezeitliche Funde geborgen18). Darunter befanden sich zehn Wandscherben, eine Bodenscherbe, das Randfragment einer Schüssel mit eingezogenem Rand, sowie Knochen19). Eine weitere spätlatènezeitliche Fundstelle wurde in Schwenningen im Gewann „Rinelen“ und „Vor Hummelholz“ (Abb. 3,4) lokalisiert. Hier wurden von R. Ströbel Scherben aufgelesen20). Ein Goldstater, eine keltische Münze von 6,18 g Gewicht von der Wende vom 2. zum 1. Jahrh. v. Chr., aus Weilers-bach (Abb. 3, 11)21) ist ein Beweis für die Begehung der Gemarkung in der Mittel- bis Spätlatnezeit.

Möglicherweise ist der Bürglebuck bei Riedböhringen22), der schon seit dem Neolithikum besiedelt war, als befestigte latènezeitliche Siedlung anzusprechen.

Das „Krumpenschloß“ bei Hammereisenbach (Abb. 3, 5), eine ovale Ringwallanlage mit nach Westen vorgelagertem Graben, ist höchstwahrscheinlich eine spätlatènezeitliche Befestigung. 23)

Auf dem „Galgenberg“ bei Hüfingen (Abb. 3, 6) wurden von Paul Revellio umfangreiche Ausgrabungen durchge-führt24). Er erkannte damals noch nicht, daß sich unter den römischen Kastellanlagen eine unbefestigte keltische Vorgängersiedlung befand. Erst später konnte dies durch detaillierte Fundanalysen herausgestellt werden.25).

Bei Bad Dürrheim im Gewann „Im See/Hübliswiesen“ (Abb. 3, 7) wurden in den 1830er Jahren kammstrichverzierte Scherben gefunden, die für eine spätlatnezeitliche Siedlungsstelle sprechen. Für die Spätlatènezeit ist im Oberrheingebiet eine komplexe Siedlungsstruktur mit offenen und befestigten Anlagen nachgewiesen, die in wirtschaftlichem Kontakt mit Siedlungen auf der Baar und im Schwäbischen Raum standen26). Der Schwarzwald stellte dabei offensichtlich keine unüberwindliche Barriere dar. Die Siedlungen von Zarten „Rotacker“ im Dreisamtal, sowie Hüfingen »Galgenberg“ auf der Baar, sind aufgrund ihrer Lage als Kopfstationen einer Paßstraße anzusehen. Mittlerweile kann die Straßenverbindung von Hüfingen in das Glottertal nach Riegel, bzw. durch das Wagensteigtal in die Freiburger Bucht auch für die Latènezeit als gesichert gelten. Der Fund eines latènezeitlichen eisernen Schwertbarrens aus dem lokalisierten Straßenkörper auf Gemarkung Dittishausen (Abb. 3, 9), westlich von Hüfingen, beweist dies 27). Eisen wurde in der Latèenezeit in Form solcher schwertförmiger Barren, oder als Doppelspitzbarren verhandelt. Der latenènezeit-liche Depotfund mit elf eisernen Doppelspitzbarren von der „Brugger Halde“ bei Donaueschingen (Abb. 3, 10)28) zeugt von einem intensiven Metallhandel in der damaligen Zeit.

Die Siedlung Villingen „Laible“ lag an der Fortsetzung dieses Handelsweges, der wohl über Schwenningen auf die schwäbische Alb nach Rottweil und weiter nach Oberndorf führte.

In Rottweil (Abb. 3, 8) wurde 1939 auf dem Nikolausfeld ein spätlatènezeitlicher, scheibengedrehter Becher mit schwarzer, geglätteter Oberfläche ausgegraben“), der als Siedlungsfund zu werten ist.

In Oberndorf ist mit einer größeren Spätlatènesiedlung zu rechnen, die auf der linken Neckarseite, auf einem nach Norden und Osten abfallenden Plateau unter der heutigen Stadt lag. Ihre Ausdehnung ist unbekannt, da die Befunde durch die spätere mittelalterliche“ Bebauung weitgehend zerstört sind. Jedenfalls wurde bei Ausgrabungen 1962 eine 20 cm mächtige Kulturschicht angetroffen, die Hüttenlehm, Holzkohle, typische spätlatènezeitliche Keramik, Knochen von Rind, Schwein und Schaf, sowie den Schädel eines 30 – 50 Jahre alten Mannes enthielt 30). Neben eigentlichen Siedlungen sind in der Spätlatènezeit sogenannte „Viereckschanzen“, umfriedete Areale mit überhöhten Ecken, nachweisbar, ‚die als Kultplätze gedeutet werden. Eine solche „Viereckschanze“ im Hal-denwald bei Tuningen ist die „Heidelburg“ (Abb. 3, 12)31). Eine weitere von 80 x 95 m wurde durch die Luftbild-archäologie auch in Hüfingen-Mundelfingen (Abb. 3, 13), im Gewann „Rufeln“ lokalisiert 32). Der Siedlung Oberndorf ist eine Viereckschanze im „Eichwald“ zuzuweisen, aus deren Innern eine kammstrichverzierte Wandscherbe der Spätlatènezeit stammt 33). Im Oberndorfer Ortsteil Boll befindet sich eine weitere Anlage, aus derem Inneren eine Schüssel mit eingezogenem Rand, sowie mehrere Wandscherben kammstrichverzierter Ware bekannt sind 34). In Rottweil-Neukirch sind gleich zwei Viereck-schanzen lokalisiert worden, die beide spätlatenèzeitliche Grobkeramik enthielten 35). Aus Villingendorf (Abb. 3, 14) bei Rottweil ist eine solche Anlage aus Luftbildern bekannt»). Eine weitere befindet sich in Trossingen (Abb. 3, 15)37).

Im Gegensatz zu anderen Gegenden können neben diese Kultplätze noch andere Heiligtümer gestellt werden. Gerade die Donau soll in diesem Zusammenhang in ihrer Bedeutung für die Menschen der Latènezeit näher betrachtet werden. Schon Herodot (484 bis nach 430 v. Chr.) überliefert: „Der Istros (die Donau), der von den Kelten und der Stadt Pyrene herkommt, fließt mitten durch Europa“. Er bezog sich möglicherweise auf die noch ältere, ähnliche Schriftquelle des Hekataios von Milet (560/550 – 480 v. Chr.). In Griechenland war demnach zu jener Zeit das Keltenland bekannt, ebenso sein Haupt-fluß, der dieses durchzog, die Donau. Der Oberlauf der Donau hieß bei den einheimischen Kelten „Danuvius“. Das überliefern sowohl Caesar, als auch Sallust im 1. Jahrh. v. Chr. Auch Strabon (64/63 v. – nach 26 n. Chr.) zeugt in seinem Geographiewerk von folgender Begebenheit: Der damalige Feldherr und spätere römische Kaiser Tiberius habe während des Alpenfeldzuges 15 v. Chr. einen Tagesritt weit vom Bodensee „die Quellen der Donau“ gesehen. Die Donau und das Keltenland standen also schon bei den Griechen, als auch später bei den Römern in enger Verbindung. Die Nutzung der Donau als Handelsweg bis weit in das heutige Ungarn und Rumänien ist unbestritten und war für die Kelten von höchster wirtschaftlicher Bedeutung. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Quellen der beiden Flüsse, Brigach und Breg, die „die Donau zuweg“ bringen, möglicherweise als heilige Stätten betrachtet wurden.

Im Hirzbauernhof bei St. Georgen, direkt an der Brigachquelle (Abb. 3, 16) wurde 1889/90 ein Quader aus Bund-sandstein entdeckt 38), der auf der Vorderseite ein Relief trägt, das als Darstellung drei keltischer Gottheiten, Cernunnos mit dem Hirsch, Abnoba, der Personifikation des Schwarzwaldes mit dem Hasen, und möglicherweise einer Quellgottheit, interpretiert wird. Das Relief stammt, von einem einheimisch keltischen Bildhauer geschaffen, aus dem 1. Jahrh. n. Chr., der Zeit kurz nach der römischen Okkupation. Der Stein war ursprünglich möglicherweise Kultbild eines Quellheiligtums an der Brigachquelle. Auch direkt an der Bregquelle (Abb. 3, 17) nahe der Martinskapelle bei Furtwangen wurde spätlatènezeitliche Keramik und Pfahlsetzungen, sowie Tierknochen gefunden, so daß man auch hier wahrscheinlich von einer irgendwie gearteten Verehrung von Quellgottheiten oder einem Opferplatz ausgehen könnte. In der Martinskapelle selbsterbrachte eine Ausgrabung Rand- und Bodenscherben der Spätlatènezeit, z. T. mit Kämmstrich- und Wellenverzierung, so daß hier eine kleinere Ansiedlung (Abb. 3, 17) wahrscheinlich ist.

Solche keltischen Heiligtümer sind uns bisher besser aus Frankreich, so z. B. das Quellheiligtum an den Seine-Quellen und der Schweiz, wo im Hafen von Genf, am Austritt der Rhöne aus dem Genfer See, eine 3 m hohe hölzerne Statue gefunden wurde“), überliefert. Bei Villeneuve, am Einfluß der Rhöne in den Genfer See wurde eine etwas kleinere hölzerne Kultfigur von 1,25 m Länge gefunden 40). Auch der namengebende Fundort für die Latenekultur, der Opferplatz La Tène 41) am Neuenburger See, wo große Mengen von Waffen und anderen Gegenständen rituell deponiert wurden, gehört in die Kategorie dieser See-, Fluß- und Quellheiligtümer.

Die Verehrung der Quellgötter jener Flüsse, die einem so bedeutenden Strom wie der Donau als Ursprung dienen, ist aus keltischer Sicht absolut verständlich, waren sie doch auf die Donau als Handels- und Verbindungsweg angewiesen. Durch diesen Fluß waren sie auch bis Griechenland bekannt geworden und in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Anmerkungen :

1) M. Hettich, 4000 Jahre – Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung. Altester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle. Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 9, 1984/85, 9 -10.

2) P. Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen (1964), 56 ff.

3) K. Spindler, Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 61 – 63.

4) Ebd.

5) V. Nübling, Untersuchungen an Steingrabhügeln bei Über-auchen, Gemeinde Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1986 (1987), 63 – 65.

P. Revellio, Ein Bronzedepotfund von Villingen. Badische Fundberichte 2, 1929 – 32, 140 -143.

K. Spindler, Magdalenenberg I (1971), 208, Abb. 32.

6) R. Dehn, Grabhügel im Umland des Magdalenenberges. Archäologische Nachrichten aus Baden 31, 1983, 36 – 40. Bei der Listenerfassung archäologischer Bodendenkmale durch das Landesdenkmalamt konnten Hügelgruppen auf den Villinger Gemarkungen „Langmoos“, „Zollhäusle“ und „Hammerhalde“ lokalisiert werden. Weitere befinden sich in Schwennin-gen und Überrauchen.

7) E. Sangmeister, Der Magdalenenberg bei Villingen und seine Bedeutung für die Erforschung der Hallstattkultur in Südwestdeutschland. Archäologische Nachrichten aus Baden 31, 1983, 3 -12.

8) K. Spindler, Magdalenenberg I-V. Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald (1971 – 1973, 1976). Ders., Der Magdalenenberg bei Villingen. Ein Fürstengrabhügel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern in Baden-Württemberg 5 (1976).

9) W. Hübener, Frühmittelalterliche Wehranlagen bei Villingen. Germania 42, 1964, 268 – 274.

10) Ein Schnitt durch den hallstattzeitlichen Wall, 1989 durch das Landesdenkmalamt Freiburg, Archäologische Denkmalpflege, durchgeführt, bestätigten die reine Holz-Erde-Mauer.

11) K. Spindler, Die Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 71.

12) E. Wagner, Fundstätten und Funde aus vorgeschichtlicher, römischer und alemannisch-fränkischer Zeit im Großherzogtum Baden I (1908), 91.

13) K. Spindler, Magdalenenberg I (1971), 32.

14) Badische Fundberichte 17, 1941 – 47, 278 und Tafel 67, B 4. B. Schmid, Die urgeschichtliche Besiedlung der Baar, Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1985).

15) P. Rau, Die Spätlatènekeramik vom »Galgenberg“ bei Hüfin-gen, Kreis Schwarzwald-Baar. Ungedruckte Magisterarbeit, Tübingen (1986).

16) G. Weber, Neues zur Befestigung des Oppidums Tarodunum, Gemeinde Kirchzarten, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Fundberichte aus Baden-Württemberg 14, 1989, 273 – 288.

17) V. Nübling, Neue Funde aus der Umgebung des Magdalenen-berges. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 9, 1984/85, 10 -13. Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 539 u. Abb. 13.

18) R. Ströbel, Schwenninger Heimatblättle 5, 1957, 10.

19) B. Schmid, Die urgeschichtliche Besiedlung der Baar. Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1985).

20) Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 606.

21) K. Spindler, Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 72.

21) P. Goessler, Arae Flaviae, Führer durch die Altertumshalle der Stadt Rottweil (1928), 12.

22) P. Revellio, Badische Fundberichte I, 1925 – 28, 167 -170.

23) E. Wagner, wie Anm. 12, 224.

24) P. Revellio, Kastell Hüfingen. Germania 11, 1928, 98 – 99.

25) S. Rieckhoff, Münzen und Fibeln aus dem Vicus des Kastells Hüfingen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Saalburg Jahrbuch 32,1975, 5 -104. Eine Aufarbeitung der spätlatènezeitlichen Keramik erfolgte durch Patrick Rau (Anm. 14).

26) G. Weber, Der Limberg bei Sasbach und die spätlatènezeitliche Besiedlung des Oberrheingebietes. Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1990).

27) J. Humpert, Archäologische Nachrichten aus Baden 45, 1991 (im Druck).

28) Badische Fundberichte II, 1929 – 32, 380.

29) Fundberichte aus Baden-Württemberg 10, Fundschau Latènezeit, 1986, 520 u. Taf. 51 A.

30) Fundberichte aus Baden-Württemberg 2, Fundschau Latènezeit, 1975, 124 u. Taf. 244 C.

31) K. Bittel/S. Schiek/D. Müller, Die keltischen Viereck-schanzen. Atlas archäologischer Geländedenkmäler in Baden-Württemberg I (1990), 360 ff.

32) Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 589 und 588 Abb. 43.

33) Fundberichte aus Baden-Württemberg 8, Fundschau Latènezeit, 1983, 235. Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 291 ff.

34) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 295 ff.

35) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 317 ff.

36) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 391 ff.

37) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 356 ff.

38) E. Krüger/P. Revellio, Ein einheimischer Bildstein von der Brigachquelle aus römischer Zeit. Badische Fundberichte 14, 1938, 65 ff. F. Focke, Das Dreigötterrelief von der Brigachquelle. Badische Fundberichte 20, 1956, 123 ff. Die Kelten in Baden-Württemberg (1981), 477 ff.

39) L. Blondel, Le port gallo-romain de Genève. Genava 3, 1925, 85 -104. Ch. Bonnet et. al., Les premiers ports de Genève. Archäologie der Schweiz 12, 1989, 2 – 24.

40) R. Wyss, La statue celtique de Villeneuve. Helvetia Archaeologica 10, 1979, Nr. 38, 58 – 67.

41) P. Vouga, La Tène (1923).

 

 

Das Wirtshaus zu der Mohrin (Bertram Jenisch)

Villinger Wirtshäuser des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit im Spiegel von Archäologie, Bauforschung und Schriftquellen

Die Ausgrabung an der Rietstraße 27-31

Bedingt durch große Baumaßnahmen wurde die archäologische Forschung in Villingen in den letzten Jahrzehnten intensiviert. Die so neu hinzugewonnenen historischen Quellen erweiterten unsere Kenntnis über das mittelalterliche Leben, losgelöst von der schriftlichen Überlieferung, ganz entscheidend. Allmählich wird es möglich, das Bild dieser mittelalterlichen Stadt, in Zeitschichten getrennt, ausschnittsweise wieder erstehen zu lassen. Die Grabungen erbrachten neue Erkenntnisse zur Wohnbebauung, Befestigung und der handwerklichen Produktion in der Stadt. Unerwartet wurden aber auch eine Reihe von anderen Aspekten beleuchtet. Einer davon wird uns im Folgenden beschäftigen.

Von Februar bis Mitte Mai 1989 mußten an der Rietstraße 27-31, bedingt durch den Bau des sogenannten Riet-Zentrums, ca. 600 m2 durch das Landesdenkmalamt, Archäologie des Mittelalters, Außenstelle Freiburg, archäologisch untersucht werden. Die zweigeschossige Unterkellerung der Gesamtfläche machte diese Maßnahme unabdingbar‘). Die Baumaßnahme ermöglichte erstmals eine großflächige Ausgrabung an der ehemaligen Marktstraße Villingens, die zwar unter einem enormen Zeitdruck stand, aber dennoch bemerkenswerte Ergebnisse erbrachte.

Während die Fläche des Grundstückes Rietstraße 31 weitgehend gestört war, haben sich auf dem Rest der Fläche nahezu ungestörte Schichten erhalten. Die Störung des westlichen Bereichs ist um so schmerzlicher, da sich hier der Pfleghof des Klosters St. Katharinental zu Dießenhofen befand (Abb. 1, 8)2). Obwohl das Kloster seit 1259 in Villingen ein nicht zu lokalisierendes Haus besaß, wurde die Niederlassung erst am 17. Oktober 1314 urkundlich erwähnt. Von diesem Baudenkmal wurde nur die Fassade, der bemerkenswerte Dachstuhl und ein mit renaissancezeitlicher Wandmalerei ausgeschmückter Raum in die neue Baukonzeption mit einbezogen. Zur Baugeschichte dieses imposanten Gebäudes mit einer Breite von 17,4 m konnte leider nichts beigetragen werden. Im Inneren befanden sich lediglich zwei Latrinengruben einer Vor-bebauung, die für die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zu erschließen ist.

Weit komplexer waren die Beobachtungen auf den Grundstücken 27 und 29, die ursprünglich eine Parzelle bildeten. Im Zentrum des Areals wurde der rückwärtige Bereich eines Gebäudes erfaßt, das straßenseitig von der bestehenden Bebauung überlagert war (Abb. 1, 1).

Das Haus war 6 m breit und besaß ein nur leicht in den anstehenden Kies eingetieftes 90 cm breites Fundament aus Kalksteinen. In der Südwestecke befand sich eine starke Konzentration von Holzkohle und angeziegelten Steinen und Lehm, die ehemalige Herdstelle. In der Südostecke lag, ungewöhnlich für Villingen, ein 50 cm ein-getiefter Kellerraum von 2,5 m Breite, der am Rand mit Flechtwerk befestigt war. Auf dem Kiesboden zeichneten sich durch Rostspuren zwei Kreise mit einem Durchmesser von ca. 90 cm ab, die als Standspuren von Fässern zu deuten sind. Der erfaßte Bereich des Hauses muß als Küchen- und Vorratstrakt gedeutet werden.

Im südlich angrenzenden Hofbereich lagen sieben kreisrunde Latrinengruben, 1,5 m tief und mit einem Durchmesser von ca. 2 m. Die mit einem korbartigen Geflecht ausgekleideten Gruben bestanden nicht gleichzeitig. Sie lösten einander vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert ab. Ins 13./14. Jahrhundert sind auch zwei quadratische, überdachte Gruben mit einer Seitenlänge von 2,5 m zu datieren. Bei einer zeichneten sich vier Pfosten an den Ecken ab, die Reste eines auf dem Boden aufliegenden zeltartigen Daches. In der Verfüllung fanden sich die verkohlten Balken der Dachkonstruktion, mit der die Grube nach einem Brand aufgefüllt wurde. Die mit einem Korbgeflecht versteiften Gruben dienten vermutlich der Vorratshaltung. Trotz zahlreicher Ausgrabungen wurden solche Bauten erstmals in Villingen angetroffen.

Im 14. Jahrhundert wurde das Areal erheblich umgestaltet. Zunächst wurde an die Südostecke des Hauses eine gemauerte Latrine (Abb. 1, 3) angebaut. Nur wenig später wurde das Haus abgebrochen und von den Fundamenten eines größeren Gebäudes (Abb. 1, 2) überlagert, das sich vermutlich nach Norden bis zur Rietstraße erstreckte. Die bestehende Bebauung verhinderte eine weitere Untersuchung der zu erwartenden Innenstrukturen.

Diesem Haus können im Hinterhofbereich der Nachbargrundstücke zwei Ökonomiegebäude zugeordnet werden, die ein erstaunlich hohes Alter aufweisen. Für das westliche (Abb. 1, 5) konnte durch eine dendrochronologische Untersuchung des rudimentär erhaltenen Dachstuhls das Baudatum 1370/71 ermittelt werden, was mit dem Umbau des Haupthauses korrespondiert. Ein in Teilbereichen erhaltener Glattputz läßt vermuten, daß hier einst Getreide eingelagert war. Das Gebäude war durch eine Tür mit dem Nachbarhaus (Abb. 1, 6) verbunden, das 1491/923) angebaut wurde. Hier befand sich eine Mälzerei. In den zusammengehörigen Gebäuden erfolgte die

 

Abb. 1: Villingen, Rietstraße 27-31. Gesamtplan M.1:500. 1- Wirtshaus zu der Mohrin (Phase I) mit Latrinengruben (helles Raster) und Keller, bzw. überdachten Vorratsgruben (dunkles Raster). 2 – Wirtshaus zu der Mohrin (Phase II). 3 – gemauerte Latrine. 4 – zerstörte Latrine. 5 – Scheune, erbaut 1370/71. 6 – Mälzerei, erbaut 1491/92. 7 – Weg. 8 – Pfleghof Kloster Katharinental.

Lagerung und Aufbereitung von Getreide für die Bierherstellung. Der Boden des Erdgeschosses, wo sich vermutlich auch Stallungen befunden haben, war durch neuzeitliche Unterkellerungen gestört.

Dieser Komplex war durch einen Weg (Abb. 1, 7) von dem beschriebenen Klosterpfleghof getrennt. Diese Situation gibt auch eine Stadtansicht aus dem Ende des 17. Jahrhunderts sehr realistisch wieder.

Die rechteckige Latrine, die unmittelbar hinter dem neu errichteten Haupthaus lag, war aus Trockenmauerwerk aufgebaut, ihre lichten Maße waren 5 x 2,3 m, sie war 1,5 m tief.

Die Schichten der 17 m3 fassenden Latrine waren klar zu trennen und lieferten ein umfangreiches, zeitlich differenzierbares Material. Neben drei Zentnern Keramik, darunter zahlreiche vollständig erhaltene Töpfe 4), enthielt sie auch viele Gläser und weitere Kleinfunde. Das Material datiert in das 14. bis 17. Jahrhundert, die abschließende Deckschicht enthielt Funde des 19. Jahrhunderts, die Struktur der Füllschicht läßt auf einen großen Brand schließen.

Nur wenige Meter davon entfernt wurde auf dem Nachbargrundstück im Herbst 1989 bei Bauarbeiten eine vergleichbare Grube (Abb. 1, 4) angetroffen. Sie wurde vor einer systematischen Untersuchung wissentlich abgebaggert.

Überblick zu den Funden aus der gemauerten Latrine

Aufgrund der Materialfülle ist eine Darstellung des gesamten Fundkomplexes aus der gemauerten Latrine derzeit noch nicht möglich, doch soll an dieser Stelle ein repräsentativer Überblick über die Zusammensetzung des Grubeninhalts stehen (vgl. Titelbild).

 

 

Das Fundspektrum ist sehr homogen, es enthält weitgehend Koch- und Tafelgeschirr. Vergleichbare Funde, etwa die Fragmente eines figürlich ausgestalteten Gießgefäßes enthielten bereits die Flechtwerkgruben seit dem Ende des 13. Jahrhunderts. Um die Entwicklung des Fundstoffes zu verdeutlichen, werden daher einige Funde (Abb. 2,1.3 und 3,8) aus der Flechtwerkgrube 3 mit vorgestellt.

Den weitaus größten Anteil am Gesamtkomplex hat die Geschirrkeramik. Zu den frühesten Stücken zählen grautonige Töpfe mit Leistenrändern (Abb. 2,1), die noch ins 13. Jahrhundert zu stellen sind. Die Töpfe des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts (Abb. 2,2) sind mit weit über einhundert Stücken die umfangreichste Fundgrube. Obwohl ihre Höhe zwischen 10 und 50 cm streut, sind sie sich in Proportion, Randbildung und technologischen Eigenschaften sehr ähnlich. Neben den Töpfen enthielt die Abortgrube noch weiteres Kochgeschirr. Bei einer Gruppe von Gefäßen, den sogenannten Grapen, sind drei aus Ton gewülstete Beine angarniert. Das früheste Exemplar dieser Art ist eine Grapenpfanne (Abb. 2,3) mit einer hellgrünen Innenglasur, die um 1300 datiert. Im 16. Jahrhundert wurden die Grapentöpfe (Abb. 2,6) zu einer sehr geläufigen Form, die entweder grautonig und unglasiert oder rottonig mit grüner Innenglasur auftritt.

Als Eßgeschirr für breiige Speisen oder Suppen sind Hen-kelschalen zu werten. Frühe Formen des 14. Jahrhunderts sind steilwandig und besitzen eine hellgrüne Innenglasur (Abb. 2,4), während spätere Formen ausladender sind (Abb. 2,5) und in ihrer Gestaltung den Grapentöpfen ähneln.

Da die Formen mittelalterlicher Keramik sehr langlebig sind, ist es ein besonderer Glücksfall, daß sie hier mit besser zu gliedernden Gläsern5) vergesellschaftet sind. Aus der vorgestellten Latrine stammt der umfangreichste Komplex an Hohlgläsern, der bisher in Villingen stratigraphisch geborgen wurde.

Eine Flechtwerkgrube im Hofbereich enthielt das Oberteil einer farblosen, gestauchten Flasche (Abb. 3,8) des späten 13. Jahrhunderts.

Aus der untersten Schicht der gemauerten Grube stammen Fragmente eines emaillebemalten Glases von der Wende des 13. zum 14. Jahrhunderts. Dem farblosen Glas haften Reste von gelbem und grünem Emaille an. Im oberen Bereich ist, durch Linien eingefaßt, die Aufschrift [M]AGIST[ER] zu lesen, auf der Wandung sind Pflanzendarstellungen zu erkennen.

Zu den frühesten Funden zählen Nuppengläser vom „Schaffhauser Typ“ (Abb. 3,9). Die qualitätvollen Gläser datieren in das 14. Jahrhundert. Sie sind sehr dünnwandig und fast farblos, mit einer leichten Türkisfärbung. Auf die Wandung sind die namengebenden kleinen Nuppen in Reihen angebracht, der Standring ist gekniffen.

Ihnen verwandt sind die Krautstrünke (Abb. 3,11), eine Leitform des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Becher aus grünem Glas sind viel dickwandiger als frühere Formen und haben wenige große Nuppen auf der Wandung. Da neben treten aber auch noch weitere, feinere Glasformen auf. Besonders bemerkenswert sind Flaschen aus hellgrünem Glas mit einer Wandstärke unter 1 mm. Ihr Boden ist stark eingewölbt, die Wandung durch senkrechte Rippen gegliedert und der Hals tordiert.

Größere Glaspokale besaßen Stülpdeckel (Abb. 3,12), von denen mehrere Exemplare in Fragmenten vorliegen. Weit verbreitete Trinkgefäße waren einfache Glasbecher, deren Wandung durch schrägumlaufende Rippen verziert sind (Abb. 3,10). Diese Verzierung entstand beim Blasen der Becher in eine Form. Der Boden der Becher wurde hochgestochen, als man das noch weiche Gefäß aus der Form hob.

Neben Gläsern traten im Fundspektrum auch noch keramische Trinkgefäße auf. Kleine Becher mit grüner Innenglasur (Abb. 3,5) sind wegen des geringen Fassungsvermögens von wenig mehr als 2 cl am ehesten als Schnapsbecher anzusprechen. Tassen aus Faststeinzeug (Abb. 3,7), mit wellenverziertem Standfuß und Ösen-henkel, wurden mit Sicherheit nicht in Villingen hergestellt, sondern vermutlich aus dem Elsaß importiert. Besonders interessant sind zwei bisher einzigartige Sonderformen, die möglicherweise früher einen Stammtisch zierten.

Ein Bügelbecher (Abb. 3,1), der an das Ende des 14. Jahrhunderts datiert, weist eine für Villingen typische frühe gelbgrüne Glasur auf. Ohne Parallelen ist ferner ein um 1500 zu datierender Sechspaßkrug (Abb. 3,6), der vollständig geborgen wurde. Die Innenseite ist mit einer dunkelgrünen Glasur überzogen, die auf der Außenseite nur Mündung und Wand vollständig bedeckt, sie verläuft an der Basis.

Neben Trinkgeschirr fanden sich auch Gegenstände, die das Alltagsleben im Mittelalter näher beleuchteten. Öllämpchen (Abb. 3,2), flache Schälchen mit einer herausgezogenen Schneppe, fielen offenbar bei nächtlichen Toilettenbesuchen häufiger in die Latrine. Ferner fanden sich mehrere Sparbüchsen (Abb. 3,4), die erwartungsgemäß alle zerschlagen waren. Die Behältnisse besaßen einen 3,2 cm langen und bis zu 2 mm breiten Schlitz, um Münzen hineinzustecken. Alle Exemplare wiesen ferner eine Durchbohrung auf, vermutlich konnten sie mittels eines querliegenden Hölzchens und einer damit verbundenen Schnur aufgehängt werden. Ungewöhnlich ist das Auftreten von mehreren Schröpfköpfen (Abb. 3,3), die im mittelalterlichen Gesundheitswesen eine Rolle spielten. Dieser Überblick über das Fundspektrum läßt freilich noch einige Fragen offen. Unklar ist zunächst, weshalb überhaupt die zahlreichen Fundstücke in die Latrine gelangten. Die Errichtung und auch das Leeren einer solchen Entsorgungseinrichtung war nicht billig und man nutzte sie daher nicht als Müllkippe. Auf diesen Umstand ist es wohl zurückzuführen, daß hölzernes Gerät, das man, wenn es schadhaft wurde, verbrennen konnte und Metalle, die wieder einzuschmelzen waren, stark unterrepräsentiert sind.

 

Fundauswahl Trinkgeschirr und Sonderformen – vgl. Abb.3 und Titelbild.

Besonders die großen vollständigen Töpfe dienten als Wasserbehältnisse zur Toilettenhygiene und fielen wie die zahlreichen Kleinfunde unbeabsichtigt in den Abort. Bei einer Benutzungsdauer von mehr als 300 Jahren erscheint die Fundmenge bei weitem nicht mehr so groß.

Das Wirtshaus zu der Mohrin – Schriftliche Belege

Das Anwesen mit dem ungewöhnlich großen Abort, der sich neben seiner Konstruktion auch durch den hohen Fundanfall auszeichnet, kann kein normaler Haushalt gewesen sein. Eine Aufarbeitung der Urkunden im Stadtarchiv Villingen ergab, daß an diesem Platz das mittelalterliche Gasthaus „Zu der Mohrin“ bestand6), man wird nicht fehl gehen, wenn man den beschriebenen Befund damit in Verbindung bringt. Die große Besucherzahl erforderte eine angemessene Entsorgungsvorrichtung und bedingt auch die große Zahl der Funde.

Das Gasthaus wird am 25. Oktober 1526 in einem Ur-fehdebrief der Katharina Kuenb ergerin von Was serburg7) erstmals erwähnt.

Sie hatte in Rottweil Diebstähle begangen und die Contrebande bei der „wuertin zum Adler in Villingen“ verkauft. Sie stahl auch fünf Leinentücher bei dem „wuert zo der Moerin in Villingen“, dessen Namen wir leider nicht erfahren.

Erst 1631 wird mit Mathias Schilling der erste Wirt namentlich faßbar. Weitere Wirte des 17. und 18. Jahrhunderts waren Johann Dold sowie Georg und Martin Mahler. In seinem „Badenfahrtbüchlein“ von 1560 beschreibt D.

Gregorius Pictorius8) neben anderen Bädern rund um den Schwarzwald auch das Neuenbad in Villingen, das an der Ecke Riet- zu Badgasse lag. Pictorius, ein um 1500 in Villingen geborener Arzt und Schriftsteller, entstammte der Villinger Familie „Mahler“ und besaß daher eine große Ortskenntnis. Er empfiehlt dem hungrigen Badegast das Wirtshaus, das dem Bad am nächsten ist, das „Gasthaus zue der Mohrin“. Er überliefert uns ferner, wie der Wirt seine Gäste ruft:

„Komm‘ besser hier herein Gast, etwas anderes zu suchen bringt nichts, hier schläft man gut, ißt gut und trinkt gut!“ Neben dem Bad, das nach Pictorius recht durstig macht, lobt er, daß „die Verpflegung so überreich ist, daß einem die Wahl plagt, ob man Fisch, Fleisch oder Wildbret essen soll. Und obwohl hier kein Wein wächst, so trinkt man doch den besten und es bleibt nicht bei dem einen.“ Ein in Villingen geborener Zeitgenosse beschreibt also das „Wirtshaus zu der Mohrin“ als eines der besten Häuser am Platze. Neben Getränken wurde auch eine reichhaltige Palette an Speisen angeboten, dies spiegelt sich klar im Fundspektrum wider9). Wir erfahren auch, daß man hier übernachten konnte; über Schlafkammern, die vermutlich im Obergeschoß lagen, kann die Archäologie freilich keine Aussagen machen. Die Pferde der Reisenden konnten in der Scheune im Hof eingestallt werden, Wagen konnten im geräumigen Hof abgestellt werden. In den Ökonomiegebäuden konnte durch eine Bauuntersuchung eine Mälzerei erfaßt werden, der Wirt braute offensichtlich das ausgeschenkte Bier selbst. Dies ist im übrigen bei mittelalterlichen Gasthäusern generell zu erwarten.

Das Haus wurde offenbar häufig von Badegästen frequentiert, das hat durch den Fund von Schröpfköpfen auch seinen archäologischen Niederschlag gefunden. Die durstigen Badegäste benutzten vermutlich den direkten Weg vom Neuenbad durch die nachgewiesene Seitengasse zum Hintereingang des Wirtshauses, der unmittelbar am Abort vorbeiführte.

Trotz des überschwenglichen Lobes, das die Gaststätte von Pictorius erhielt, taucht es später nicht unter den Häusern auf, in denen nach den Urkunden berühmte Gäste abstiegen. Sank etwa das Niveau stark ab oder war die Mohrin, eine Herberge für Badegäste, für Reisende wie den Bischof von Straßburg zu anrüchig?

Die Mohrenwirte Georg, Martin (17. / 18. Jahrhundert) und Philipp (1802-1830) Mahler entstammten wie Pictorius10)) der Familie Mahler. Es ist also gut denkbar, daß unser Autor Werbung für einen Familienbetrieb machte. Dies würde erklären, weshalb er gerade das Wirtshaus zu der Mohrin so hervorhebt, während am Ort weit renommiertere Häuser bestanden.

Der Altmohrenwirt Philipp Mahler verkaufte sein Anwesen 1830 an den Hammerwerksbesitzer Heinrich Osiander. Kurz nacheinander wurde das Haus nun von Franz Anton Körner und Cyprian Thoma betrieben, 1841 ist Josef Granser als Wirt nachgewiesen. Der „Mohren“ wurde 1843 von Karl Berger gekauft und in „Falken“ umbenannt. Am 7. August 1848 wurde das Gasthaus „durch menschliche Bosheit“ ein Raub der Flammen. Das Feuer griff auf sieben benachbarte Wohnhäuser und drei Ökonomiegebäude im Hof über 11). Eine Brandschicht aus dieser Zeit wurde als obere Abdeckung der Latrine angetroffen. Nach diesem Unglück wurde der „Falken“ im gegenüberliegenden Haus Rietstraße 15 weiter betrieben. Die ergrabenen Befunde und das Fundmaterial bestätigen die auf einem Archivstudium beruhende Deutung als Gasthaus. Die archäologische Analyse zeigt uns weiter, daß dieses Gasthaus bereits seit dem 13., spätestens der Mitte des 14. Jahrhunderts an diesem Ort bestand.

Auf der Grundlage des stratifizierten Fundguts können erstmals die Realien, die in Spätmittelalter und früher Neuzeit in Villingen in Gebrauch waren, gegliedert werden – die Wirtshauslatrine ist als Schlüsselkomplex zu werten.

Der archäologische Nachweis dieses spätmittelalterlichen Gasthauses hat eine über die Grenzen Villingens hinausreichende Bedeutung. Wir kennen bislang kaum archäologische Zeugnisse dieser Art. In Süddeutschland ist nur das Gasthaus zum Wilden Mann in Nürnberg ausgegraben und auch umfassend publiziert worden 12).

Spätmittelalterliche und Frühneuzeitliche Wirtshäuser in Villingen

Als Vorläufer der mittelalterlichen Gasthäuser bildeten sich seit dem 11. Jahrhundert kirchliche Hospize, meist im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung, heraus; es sind aber auch Gemeinschaftsherbergen für Kaufleute und Tavernen bekannt. Die frühesten Nachweise der Fremdenbeherbergung gegen Bezahlung finden sich entlang der Pilgerstraßen 13), fremde Kaufleute und Geschäftsfreunde konnten mit ihren Waren bei ortsansässigen Kaufleuten beherbergt werden.

Gasthäuser 14) im eigentlichen Sinn bildeten sich erst seit dem 13. Jahrhundert heraus. Es waren Häuser mit öffentlichem Charakter, der durch ein Schild oder ein Zeichen kenntlich gemacht wurde, sie waren oft auch mit einem Namen versehen. Die Wirte hatten das Recht und die Pflicht, Fremde gegen Entgelt unterzubringen, solange das Schild aushing. Rangstufen der Gasthäuser spiegeln sich in der Ansprache der Wirte wider. Herrenwirte beherbergten Leute zu Pferd, Karrenwirte waren für Fuhrleute zuständig und Kochwirte versorgten einfache Reisende. Der reiche Urkundenbestand in Villingen ermöglicht eine nähere Betrachtung der Villinger Wirtshäuser im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Schwierigkeiten ergaben sich vor allem bei der exakten Lokalisierung der Anwesen, da aufgrund der punktuellen Überlieferung Namensänderungen oder Besitzerwechsel nur selten eindeutig zu fassen sind. Es ist ferner zu bedenken, daß das Alter der Häuser weiter zurückreichen kann, als es die Schriftquellen belegen, wie das beschriebene Beispiel zeigt. Obwohl es erstmals 1526 in Schriftquellen erscheint, wurde das Wirtshaus zu der Mohrin (Abb. 4,1) seit dem späten 13. Jahrhundert betrieben.

Zu dieser Zeit bestanden mindestens zwei weitere Gasthäuser in Villingen. Seit 1308 ist das Wirtshaus „Adler“ (Abb. 4,2) an der Niederen Straße 60 nachweisbar ‚5), das uns bereits in dem Urfehdebrief der Katharina Kuenbergerin begegnet ist.

Seit 1379 ist das Gasthaus „Zum Wilden Mann“16) (Abb. 4,3) bekannt, das nahe des Kaufhauses an der Oberen Straße 4 lag. Das Anwesen wird im 18. Jahrhundert als dreistöckiges Gebäude mit Gewölbekeller, Schankstube und Tanzlaube beschrieben. In der zweistöckigen Scheuer waren Stallungen, in denen 70 Pferde eingestellt werden konnten, im Hof befand sich ein Röhrenbrunnen.

Die Geschichte des renommierten Hauses kann aufgrund einer besonders guten Quellenlage klar erfaßt werden17). Die Urkunden nennen uns zahlreiche Wirte18), einer von ihnen, Ignatius Mayer, war von 1792-1817 Villinger Bürgermeister.

Mit dem Wirtshaus verbinden sich auch einige aufsehenerregende Ereignisse. Am 28. März 1563 „sind sechs camelthier alhie gewesen sampt einem moren“, 1566 war in der Tanzlaube für einen „Fünfer“ eine „schwarze, lebende Kalbin mit sechs Füßen zu sehen“. Bei der Belagerung von 1633 durchschlug, laut dem Tagebuch des Abt Gaisser, eine Kugel alle drei Stockwerke des Gasthauses, riß in der Schankstube der Wirtin ein Bein weg, zerriß ein Kind und tötete einen weiteren Menschen19). Das Haus sah auch bedeutende Gäste, 1612 stieg hier der Obrist Aescher ab, 1665 übernachtete der Bischof von Straßburg mit seinem Gefolge in diesem und drei weiteren Gasthäusern. In den Jahren 1712/13 war der „general de Vobon“ 21 Wochen lang einquartiert.

Wie für kein anderes Wirtshaus in Villingen zeichnen uns die historischen Quellen hier ein lebendiges Bild über

das Alltagsleben, aber auch die besonderen Ereignisse, die sicherlich in der Stadt damals Tagesgespräch waren. Kurz nach 1500 werden mit der wachsenden Zahl von Schriftzeugnissen weitere im Bestand ältere Wirtshäuser faßbar.

 

Abb. 4: Wirtshäuser in Villingen. Vor oder um 1500 (dunkles Raster), 16.-18. Jahrhundert (helles Raster). 1 – Mohrin, 2 – Adler, 3 – Wilder Mann, 4 – Blume, 5 – Engel, 6 – (Roter) Löwe, 7 – Flasche, 8 – Hirsch, 9 – Lamm, 10 – Krone, 11- Schwan, 12 – Bären, 13 – Rabe, 14 – Lilie, 15 – Schwert/Sonne, 16 – Ochse, 17 – Hecht, 18 – Hut, 19 – Schlössle, 20 – Paradies, 21- Schwert, 22 – ?????, 23 – Freudenstadt.

 

 

Am Straßenkreuz, Ecke von Niederer Straße und Bickenstraße, lag seit 1504 die „Blume“ (Abb. 4, 4). Sie war im 19. Jahrhundert Posthalterei und wurde um die Jahrhundertwende zum Hotel umgebaut. Das beeindruckende Bauwerk mußte ohne begleitende Dokumentation der archäologischen Zeugnisse einem Kaufhausneubau weichen. Ein „Wirtshaus vor dem Riettor“ (Abb. 4, 5) wird 1509 genannt, als das Anwesen von der Stadt dem Kloster Salmannsweiler abgekauft wurde 20). Der damalige Wirt hieß Michael Werkmeister. Vermutlich ist 1539 mit dem „offen Wirtshaus“ dasselbe Anwesen außerhalb der Ringmauer gemeint. Das Haus ist wahrscheinlich mit dem Wirtshaus „Engel“ identisch, das uns in späteren Urkunden begegnet. Das hölzerne Wirtshausschild, vermutlich das älteste im Villinger Bestand, befindet sich in den städtischen Sammlungen.

Der „Löwe“ oder auch „Rote Löwe“ (Abb. 4, 6) lag an der Oberen Straße 10, er wurde erstmals 1514 erwähnt. Das dreigeschossige Haus, in dessen zweitem Obergeschoß sich vermutlich ein Tanzsaal befand21), besaß einen Keller, von dem 1790 eine Abwasserleitung durch die Haf-nergasse angelegt wurde“). Im Hof haben sich die ehemaligen Pferdeställe erhalten. Der langgestreckte, massive Bau, dessen Erdgeschoß von einem Kreuzgratge-wölbe überspannt ist, wurde in der Barockzeit errichtet. Das große Wirtshaus zwischen ehemaligem Kaufhaus und Oberem Tor wird noch heute betrieben.

Die „(Vollen) Flasche“ (Abb. 4,7), die 1521 genannt wird23), lag an der Rietstraße 15. Peter Zeltmeister, genannt Seckler der Wirt, ist 1473 der erste Wirt, der mit dem von der Familie Seckler betriebenen Haus in Verbindung gebracht werden kann. Der „Hirsch“ (Abb. 4,8) an der Niederen Straße 37 ist seit 1533 nachzuweisen24). Am Südende der Straße, neben dem Niederen Tor, lag seit 1554 das „(Goldene) Lamm“ (Abb. 4, 9). Um 1758 wurde an den Wirt Baptist Schilling das Braurecht erteilt. Sein Vorfahr war Bürgermeister und gab 1704 dieses Amt auf, das laut Ratsbeschluß nicht mit dem Führen einer Wirtschaft vereinbar sei25). Dem Haus gegenüber lag das Kapuzinerkloster und bis 1714 das „Lämmlinsbad“. Das Gelände wurde 1821 vom Lammwirt und weiteren Bürgern gekauft, in der profanierten Kirche eine Branntweinbrennerei und Brauerei eingerichtet. Der südlich angrenzende Wohntrakt der Kapuzinermönche wurde abgerissen und das Areal in einen Biergarten umgewandelt. Die „Krone“ (Abb. 4,10), ursprünglich eine Weinstube in der Rosengasse, ist seit 1556 belegt. Als Gasthaus an der Kronengasse 12 erscheint sie 1720 in einem Bauantrag. Zwischen Innerer Stadtmauer und der Fülle sollte gegenüber der städtischen Zehntscheuer ein Gewölbekeller errichtet werden26). Das Haus wurde 1800 von Franz Josef Reichert mit Brau- und Schankrecht an Josef Schleicher verkauft“). Der alte Wirt eröffnete das Wirtshaus „Schnecke“.

In der „Rabenscheuer“ am Münsterplatz wurde seit 1593 der „Schwanen“ (Abb. 4,11) betrieben, er wurde 1877 an die Brigachstraße 9 verlegt.

Neben dem Bickenkloster lag an der Bickenstraße 19 der „Bären“ (Abb. 4,12), der, obwohl erst 1618 erwähnt28), nachweislich weit älter ist. Das Wirtshausschild von 1582 befindet sich im Franziskanermuseum.

Das noch heute betriebene Wirtshaus „Zum Raben“ (Abb. 4, 14) an der Oberen Straße 13 wird 1602 genannt. Ein Wirt wollte 1753 neben der Wirtschaft noch die Bar-bierkunst ausüben, was ihm untersagt wurde. Der Rabenwirt begnügte sich daher mit dem Zapfenrecht und nahm sein Schild ab29), das Gasthaus wurde als Weinstube weiter betrieben.

Die „Lilie“, in den sechziger Jahren abgebrochen, (Abb. 4,14) lag an der Rietstraße 5. Unter den vielen bekannten Wirten ist die Bildhauerfamilie Schupp hervorzuheben. Anton Schupp ist 1687, Johannes Schupp 1710-1730 als Betreiber des Gasthauses zu belegen.

Das Gasthaus zum „Schwert“ (Abb. 4,15) erscheint 1658 erstmals in Schriftquellen, 1665 wird es im Zusammenhang mit der Übernachtung des Bischofs von Straßburg erneut genannt. Es lag an prominenter Stelle neben dem Kaufhaus an der Oberen Straße 4. Das verschuldete Anwesen der Familie Kegel wurde 1703 an Hans Georg Kammerer verkauft. Dieser benannte es in „Sonne“ um, in dieser Form hat es sich bis heute erhalten. Im Jahr 1789 wurde erneut ein Gasthaus zum „Schwert“ (Abb. 4,21) an der Färberstraße 14 eröffnet. Der „Ochsen“ (Abb. 4,16) wurde seit 1690 an der Niederen Straße 15 betrieben. Zu diesen alteingesessenen Gasthäusern traten dann seit dem Ende des 17. Jahrhunderts weitere hinzu. Vermehrt handelt es sich um Weinstuben wie 1690 den „Hecht“ (Abb. 4,17) an der Oberen Straße 12,1701 den „Hut“ (Abb. 4,18) an der Brunnenstraße 26 und 1727 den »Karpfen“. Das „Schlössle“ (Abb. 4,19) an der Schlösslegasse 9 wird 1744 zum ersten Mal erwähnt. Das „Paradies“ (Abb. 4,20) ist 1763 an der Gerberstraße 39 belegt.

Fassen wir nun die Lage der Wirtshäuser nach den Stadtvierteln getrennt zusammen:

Im repräsentativen Oberort, dem politischen und geistigen Mittelpunkt der Stadt, finden wir erst spät drei Gaststätten, den „Raben“, den „Schwanen“ und die verlegte „Krone“. Das Stadtviertel wird von den alten Wirtshäusern umsäumt, bleibt aber selbst frei davon.

Im nordöstlichen „Hafnerviertel“ liegen vier alte Gasthäuser und eine jüngere Weinstube dicht beieinander. An der Oberen Straße das „Schwert“/“Sonne“, der „Wilde Mann“, der „Löwe“ und der „Hecht“, an der Bickenstraße lag der „Bären“.

Im Rietviertel liegen an der Rietstraße zwei alte Häuser, die „Mohrin“ und die „Flasche“, benachbart die jüngere „Lilie“. In den Nebengassen befanden sich zwei Weinstuben, die alte „Krone“ und der „Hut“. Neben dem verlegten „Schwert“ ist jedoch noch ein weiteres Gasthaus zu lokalisieren. Das Anwesen Färberstraße 36 (Abb. 4,22) besitzt einen nur leicht eingetieften gewölbten Keller, und ist daher ein ehemaliges, nicht benennbares Gasthaus 30). Mittelalterliche Keller sind, wie schon Paul Revellio feststellte, in Villingen nur bei Gasthäusern nachzuweisen, sie fehlen bei den sonstigen Bauten völlig31). Die flach eingetieften, überwölbten Lagerräume wurden bei der ersten Erfassung durch die Feuerversicherung als „Keller im Stock“, d. h. zu ebener Erde bezeichnet.

In der Südwestecke des größten Stadtviertels, zwischen Zinser- und Bogengasse, befand sich das Vergnügungsviertel der Stadt (Abb. 4,23). Dieser Bereich wird auf einem Plan von 1806 als „Freudenstadt“ bezeichnet. In den Jahren 1501 und 1518 ist hier das „gemain Frauenhaus“ zu fassen, die Einwohnerliste von 1766 nennt das „Franzosenhaus“ und „Freuymanns Haus“ als Gebäude in städtischem Besitz. Bereits im Spätmittelalter lebten hier soziale Randgruppen. Faßbar werden etwa das Haus der „Baderinnen“, „Hans Leberwurst, der Frauenwirt“ oder auch ein Abdecker32).

Im „Hüfinger Viertel“ sind am Straßenkreuz zwei alte Wirtshäuser, der „Adler“ und die „Blume“ zu lokalisieren. Jüngere Häuser, der „Ochsen“, der „Hirsch“, das „Paradies“ und das „Lamm“ reihen sich in nahezu regelmäßigen Abständen entlang der östlichen Niederen Straße, in einer Nebengasse liegt das „Schlössle“.

Im 14. Jahrhundert sind in Villingen bereits drei Wirtshäuser nachweisbar, um 1500 waren es schon acht Häuser, die sicher belegt sind. In der neuen Wirteordnung von 1691 werden 23 Wirte namentlich aufgeführt und ver-eidigt33). Vermutlich sind einige Wirtshäuser des Umlandes in dieser Aufstellung mit enthalten. Um die Jahreswende 1793 /94 wurden in Villingen 17 Gastwirtschaften betrieben, die trotz der beschriebenen methodischen Schwierigkeiten wohl alle erfaßt werden konnten.

Die scheinbar hohe Zahl von Wirtshäusern für eine 2000 bis 3000 Einwohner zählende Stadt entspricht den Erwartungen an eine Mittelstadt im 14./15. Jahrhundert. In dieser Zeit waren in Straßburg, das 25 000 Einwohner zählte über 40 Wirtshäuser nachweisbar, in der Großstadt London mit 150 000 Einwohnern wurden etwa 300 Gasthäuser betrieben.34).

Ein leider nicht namentlich genanntes Villinger Wirtshaus kam selbst zu literarischen Ehren, indem Simplicius Simplicissimus, der Held des wohl berühmtesten deutschen Barockromans, hier für längere Zeit abstieg35). Die Urkunden im Villinger Stadtarchiv enthalten auch weitere allgemeine Bestimmungen zu Wirtshäusern in Villingen. Die Einfuhr des ausgeschenkten Weins ist in der Zollordnung von 129636) erstmals belegt. Aus Protokollen des 17. Jahrhunderts wissen wir, daß der Wein vor allem aus dem Breisgau, der Ortenau und dem Elsaß bezogen wurde, auch Einkäufe im „Schweizer- und Württembergerland“ sind belegt.

Das Stadtrecht von 1371 erlaubt es, ein „hus da man win inne schenkt offentlich“ zur Nachtzeit zu betreten37). Die Gottesdienstordnung im Stadtrecht von 1592 verbietet ausdrücklich, während der Lobämter und Predigt im Münster in „Brandtwein-, Bier- und Würthsheüsern“ zu sitzen und prangert das lockere Treiben in diesen Einrichtungen an38).

Neben diesen stadtrechtlichen Bestimmungen sind zwei Trinkstubenordnungen im Archiv aufbewahrt. In der älteren von 149139) legten die Meister und Stubengesellen der Villingen Wirtszunft die Ordnung für ihre Trinkstuben fest. Unter anderem ist auf den 16 Pergamentblättern das Karten-, Würfel- und Brettspiel geregelt. Am 3. Juli 1668 wurde die Ordnung der „Schiltwürdt- und Weinschenken wie auch Bierbrewen“ in 28 Punkten erneut festgelegt 40). Aus einer Eingabe an den Rat erfahren wir 1685, wie man in der Stadt Schild- und Zapfenwirte unterschied. Schildwirte betrieben ein Gasthaus im heutigen Sinn mit Beherbergung von Gästen, während Zapfenwirten der Weinverkauf aus Fässern zustand en). Noch 1751 heißt es, daß nur derjenige, der das Braurecht besitzt, offensichtlich sind dies die Schildwirte, Essen und Trinken geben sowie Herberg und Hochzeit halten darf. Wein- und Branntweinschenken ist es verboten, daß sie „ganze Tisch voll Gäste setzen und Zehrung halten“. Im 18. Jahrhundert gab es unter den zahlreichen Villinger Wirten nur neun Bierbrauer oder Schildwirte42). Die Herstellung des Bieres war streng reglementiert und die Einfuhr von „ausländischem Bier“, erwähnt wird etwa das Fürstenberger Bier aus Donaueschingen, war streng verboten.

Ergebnisse

Nach der Darstellung der Quellen zu mittelalterlichen Wirtshäusern in Villingen, die uns neben dem Stadt-archiv43) vor allem die Archäologie und Bauforschung liefert, können einige Ergebnisse zusammengefaßt werden.

Das Wirtshaus kann in der mittelalterlichen Stadt im Brigachbogen als eigener Bautyp erfaßt werden, es unterscheidet sich in mehreren Punkten von einem üblichen Stadthaus. Es handelt sich um große, meist dreigeschossige Steinbauten. Sie allein besitzen Keller, das heißt überwölbte Lagerräume, die nur 0,5 -1 m in den Boden eingetieft waren. Die überdachten Vorratsgruben und der mit Flechtwerk ausgesteifte, eingetiefte Raum des ersten Steinbaus auf dem Gelände des Rietzentrums sind als deren Vorläufer im 13./14. Jahrhundert anzusehen. Im Erdgeschloß lag ferner die Schankstube und Küche. Im

Obergeschoß sind die Schlafkammern anzunehmen, im

Obergeschoß bestand seit dem 16. Jahrhundert manchmal ein Tanzsaal. Die Anlage eines großen freien Raumes wurde durch eine besondere Dachkonstruktion, die die Dachlast auf die Außenmauern ableitete, ermöglicht. Im Hof lag die Latrine, wegen der zahlreichen Benutzer weit größer als bei einem normalen Haushalt. Um den Hof gruppierten sich die Ökonomiegebäude, Stallungen für Pferde, Scheunen oder Anlagen zum Bierbrauen. Einfache Schankstuben weisen diese Kriterien freilich nicht auf.

In erster Linie dienten die Wirtshäuser der Versorgung der Gäste mit Speisen und Getränken, die zum Teil selbst hergestellt wurden. Dies findet seinen nachhaltigen archäologischen Niederschlag, Tafel- und Kochgeschirr ist in großen Mengen nachweisbar. Ferner konnten in den Häusern Reisende und Bürgen von Schuldnern, im sogenannten „Einlager“, auch für längere Zeit untergebracht werden. Der große Troß, der 1665 den Bischof von Straßburg begleitete, überstieg die Kapazität eines einzelnen Hauses und mußte auf vier Gasthäuser verteilt werden.

Daneben ist die Rolle im städtischen Kulturleben nicht zu vergessen. Auftritte von Spielleuten, Gauklern und die Schau von Kuriositäten unterhielten die Gäste, von Fremden waren Neuigkeiten aus aller Welt zu erfahren. Um möglichst viele Gäste anzuziehen, lagen die Wirtshäuser alle an verkehrsgünstiger Stelle, an den Hauptstraßen oder an Kreuzungen. Sie prägten das Stadtbild nachhaltig, weshalb man sich an ihnen orientierte, Straßennamen – Bärengasse, Kronengasse, Paradiesgasse, Ochsengasse, Schlösslegasse – belegen dies.

Die frühesten Wirtshäuser, die in Villingen nachzuweisen sind, gruppieren sich um das nordwestliche Stadtviertel. Nahe des Kaufhauses lagen hier die ältesten Häuser an der Marktstraße dicht beieinander. Diese Konzentration spiegelt den erhöhten Bedarf an Bewirtung an dieser Stelle wider. Hier wurden reisende Kaufleute beherbergt, Waren untergebracht und die Geschäfte besprochen.

Ab dem 17. Jahrhundert erfolgte eine flächendeckende Versorgung der Stadt mit Wirts- und Schankstuben, die besonders im Südteil der Stadt neu hinzukamen. Der gestiegene Bedarf an Gastbetrieben ist wohl nicht allein auf die Einquartierung von Soldaten, die seit dieser Zeit verstärkt festzustellen ist, zurückzuführen, hierin zeigt sich auch die wirtschaftliche Angleichung der verschiedenen Stadtviertel.

Die Wirte, der erste ist um 1300 nachzuweisen, waren häufig vermögende Bürger, die neben den Gasthäusern oft noch weitere Liegenschaften und Grundstücke besaßen. Sie entstammten meist alteingesessenen Villinger Familien, unter ihnen finden wir Persönlichkeiten wie den Lokalhelden Romäus Mans oder den Bildhauer Johannes Schupp. Viele von ihnen genossen ein hohes öffentliches Ansehen, mehrfach waren Wirte Bürgermeister.

Diese alten gewachsenen Strukturen sind heute vielfach überlagert und nur noch in Ansätzen zu erkennen. Alte Gasthäuser wurden aufgegeben oder umbenannt, zahlreiche neue kamen hinzu. Nur durch das Zusammenwirken verschiedener historischer Disziplinen ist es möglich, Aussagen zu den frühen Wirtshäusern in Villingen zu gewinnen. Sie waren nicht nur Einrichtungen, die das Bedürfnis nach Nahrung und Unterkunft befriedigten, man darf auch ihre Rolle in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht nicht unterschätzen.

Anmerkungen:

St. A. Urkunden des Stadtarchivs nach J. Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen 1 u. 2 (1970 / 71).

Pfr.A. Urkunden des Pfründarchivs nach J. Fuchs, Pfründ-Archiv Villingen (1982).

1) Bertram Jenisch, „…alhie zuo vilingen…“. Eine Stadt des Mittelalters im Streiflicht. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 15 (1990) 28 -41.

2) A. Müller, Das Villinger Amt des Klosters St. Katharinental. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 14(1989 / 90) 70 – 89.

3) Die dendrochronologische Datierung erfolgte durch B. Loh-rum, Ettenheimmünster.

4) Nach einer ersten Durchsicht handelt es sich um mehrere hundert Gefäße.

5) Einen guten Überblick über die Formen mittelalterlichen Glases gibt E. Baumgartner u. I. Krueger, Phönix aus Sand und Asche. Glas des Mittelalters (1988).

6) St. A. DDD 40 / 3; Das Haus wurde 1830 vom Altmohrenwirt Philipp Mahler an Heinrich Osiander verkauft.

7) St. A. JJ 228.

8) D. Gregorius Pictorius, Badenfahrtbüchlein (1560). Nachdruck Herderverlag Freiburg (1980) 75 f.

9) Neben dem Koch- und Eßgeschirr sind vor allem die geborgenen Tierknochen von Interesse. Ohne einer Analyse vorgreifen zu wollen sind mit Sicherheit Knochen von Rind, Schwein, Schaf, Ziege, verschiedene Geflügelarten und Lagen von Eierschalen (Beleg für Eierspeisen) im Spektrum zu erkennen.

10) Der Villinger Bürgersohn Gregor Mahler latinisierte bei der Immatrikulation an der Universität Freiburg am 24. März 1519 seinen Namen in „Jeorius Pictor“. Nach einem Studium der Artes liberales und der Medizin wurde er 1540 oberster Sanitätsbeamter der vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim. Bis zu seinem Tode veröffentlichte der Polyhistor etwa 50 Schriften.

11) U. Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen II. Geschichts -und Heimatverein Villingen, Jahresheft 15, 1990/1991, 238.

12) R. Kahsnitz u. R. Brandt, Aus dem Wirtshaus zum Wilden Mann. Funde aus dem mittelalterlichen Nürnberg. Katalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg (1984).

13) Villingen lag an einem Seitenarm der Pilgerstraße nach Santiago de Compostella, spätmittelalterliche Pilgerverzeichnisse geben die Stadt als Station an. Nordöstlich der Stadt lag die Jakobskapelle, die durch die „Jakobsgasse“ mit der „Villinger Altstadt“ verbunden war.

14) H. C. Peyer, Gasthaus. in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, 6. Lfg. (1988) Sp. 1132-1134. 15

15) St. A. DD 24; Der Beleg ist nicht ganz eindeutig, jedoch ist seit 1526 der Gastbetrieb sicher nachweisbar.

16) St. A. DD 9.

17) W. Haas, „Wilder Mann“ – ein mittelalterliches Baudenkmal. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 2 (1975) 20 f.

18) Zu den Wirten dieses und der folgenden Gasthäuser vgl. den Beitrag E. Bode und B. Jenisch in diesem Heft.

 

19) Bei der Unterkellerung des Gebäudes wurde eine 10 kg schwere Geschützkugel und eine weitere 1 kg schwere Eisenkugel gefunden, die in die betreffende Zeit zu datieren sind. Die freundliche Mitteilung verdanke ich Herrn Oberle sen., in dessen Besitz sich die betreffenden Stücke befinden.

20) St. A. L 9.

21) Freundliche Mitteilung von Herrn Dr. J. Page, LDA Freiburg.

22) St. A. Q 25 a.

23) St. A. JJ 194.

24) St. A. JJ 248.

25) U. Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen. Im Spiegel der Ratsprotokolle des 17. und 18. Jahrhunderts (1976) 21.

26) St. A. T 30.

27) St. A. PP 14.

28) Pfr. A. Q 6.

29) U. Rodenwaldt (1976) 51.

30) Später befand sich hier das Brauhaus Ott, die Bausubstanz scheint aber älter zu sein.

31) Die einzige Ausnahme ist, laut einer mündlichen Mitteilung von Herrn Dr. Page, ein Keller im ehemaligen Bickenkloster. Der nur 2,5 m breite Keller erstreckte sich auf einer Länge von 8,5 m unmittelbar an der Stadtmauer. Dies war durch den vom Stadtgraben lokal gesenkten Grundwasserspiegel möglich.

32) Peter Findeisen, Ortskernatlas Baden-Württemberg 3. 2. Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis (1991) 15.

33) U. Rodenwaldt (1976) 50.

34) H. C. Peyer, Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus. Studien zur Gastlichkeit im Mittelalter. MUH Schr. 31 (1987).

35) H. J. C. v. Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus (1669) Darmstadt (1985) IV 25. 26. Der Autor wohnte von 1649 bis zu seinem Tod 1676 in Offenburg und im Renchtal, er war selbst einige Jahre lang Wirt in Gaisbach „Zum silbernen Sternen“.

36) Chr. Roder, Oberrheinische Stadtrechte. Villingen (1905) 10.

37) ders. 32.

38) ders. 194-197.

39) St. A. PP 7.

40) St. A. PP 7 a.

41) Solche Trinkstuben waren bei ehrlichen Bürgern verpönt, weshalb dort auch keine Bruderschaften ihren Sitz nahmen oder Hochzeiten ausgerichtet wurden. Die Zapfenwirte durften weder Lehrjungen ausbilden, noch Spielleute halten, Gäste beherbergen oder Pferde einstellen.

42) U. Rodenwaldt (1976) 50 f.

43) Die Archivalien sind aufgrund der großen Menge bislang erst sehr unvollständig und unstrukturiert aufgearbeitet. Wünschenswert wäre etwa ein Häuserbuch der Stadt, das aufgrund der Einwohnerbücher bis ins frühe 14. Jahrhunderts erstellt werden könnte. Durch Rechnungen, Bauanträge oder Beschreibungen wäre es möglich, die Baugeschichte klarer zu fassen. Die Lokalisierung einzelner Personen und deren Beruf hätte neben den sozialgeschichtlichen Aspekten vor allem auch für die archäologische Forschung eine große Bedeutung.

 

Villinger Gasthäuser bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (Eugen Bode, Bertram Jenisch 1))

Gastronomiebetriebe haben in Villingen, wie gezeigt wurde, eine sehr lange Tradition. Der folgende Beitrag schließt an den Überblick über die Entwicklung des Wirtshauswesens in Villingen bis ins 18. Jahrhundert (vgl. Jenisch, Das Gasthaus zur Mohrin in diesem Heft) an und möchte dessen Weiterentwicklung bis in die Mitte unseres Jahrhunderts aufzeigen. Ziel war es, einen Katalog der Bewirtungsbetriebe in Villingen zu erstellen. Als Bearbeitungsgrenze wurde das Jahr 1939 gewählt, da sich in den Kriegswirren und der Nachkriegszeit die Situation in der Stadt stark veränderte. An Quellen wurden neben Albert Fischers „Aus Villingens Vergangenheit“ Zeitungsberichte der letzten 40 Jahre und Adreßbücher ausgewertet.

Das Ergebnis ist eine in drei Zeitstufen getrennte, alphabetisch geordnete Liste Villinger Gaststätten. Ein detaillierter Quellennachweis mußte aus Platzgründen unterbleiben. An eine kurze Charakterisierung und Lagebeschreibung schließt sich eine Auflistung der faßbaren Wirte und Pächter in zeitlicher Reihenfolge an.

Die vorgelegte Liste will keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern ist vielmehr eine Anregung für weitere Forschungen.

1) Eine umfassende Materialsammlung von Eugen Bode wurde von Bertram Jenisch redaktionell überarbeitet und durch Angaben im Stadt-und Pfründarchiv sowie einer Zusammenfassung ergänzt.

Vor 1800 gegründete Gasthäuser

Früher waren die meisten Gasthäuser schon aus der Ferne an ihren kunstvoll geschmiedeten Schildern zu erkennen. Einige davon befinden sich im Franziskaner-Museum, so auch das älteste erhaltene Schild dieser Art, vom ehemaligen Gasthaus „Wilder Mann“ in der Oberen Straße.

Am Gebäude Kronengasse 12 kann man auch heute noch die originalgetreue Nachbildung des Wirtshausschildes von der ehemaligen „Krone“ bewundern. Das Originalschild befindet sich ebenfalls im Museum.

Adler 1308 – 1927 : Wirtshaus und Herberge.

Lage: früher Niedere Straße 3, heute Alt-Villingen, seit 1873 Niedere Straße 60, heute Kochlöffel GmbH & Co. Wirte: 1597 Jacob Mayerberg, 1618 -1620 Michael Sick, 1639 Johann Heimbold, 1646 Dominus Heindt, 1704 Sverin Huener, 1744 Meinrad Knoll, 1811 Andreas Hauger, 1852 verkauft an Gregor Beck (Glashändler), 1873 Josef Maier, 1884 Erhard Haller, 1902 Johann Baptist Schilling (Besitzer) und Simon Bader (Pächter), 1912 Heinrich Ummenhofer, 1927 Alban Hummel (Uhrmachermeister).

Bären seit 1582 : Wirtshaus und Herberge.

Lage: Bickenstraße 19, heute Hotel Bären

Wirte: 1602 Matheis Reichle, 1704 Johann Riegger, Anton Riegger, Andreas Wittum, Georg Anton Hauger, Handtmann, 1849 Friedel Frei, 1858 Wilhelm Schupp (Pächter: 1876 Nikolaus Elbrecht, Otto Fleig, 1889 Pauline Grüsser, 1890 Andreas Glatz), 1891 Joseph Riegger (Pächter: 1891 Moritz Hirth, 1902 Hubert Danegger), 1920 Hans Hauser, seit 1954 Familie Kessler.

Blume 1504 – 1968 : Wirtshaus und Herberge, ca. 1845 – 1873 Posthalterei, 1904 Umbau.

Lage: Abgebrochenes Eckhaus Bicken-/Niedere Straße, heute Kaufhaus Woolworth.

Wirte: 1602 Hans Mayer, 1659 Baltasar Schmidt, 1726 Bürgermeister Ganser, 1729 Johann Georg Grechter, 1755 Johann Baptist Ummenhofer, 1764 Borgias Cammerer, 1827 Franz Xaver Dold, 1839 Walburga Mayer Wwe., 1855 Baptist Johann Dold, 1891 Gustav Adolf Dold, Walburga Ackermann, Florian Johs, 1926 Markus Späth, 1941 Liselotte Engelmann, Eduard Bernhard.

Engel 1509 – 1927 : Wirtshaus, seit 1902 Katholisches Gesellenhaus.

Lage: Vöhrenbacher Straße 4, heute Dresdner Bank. Wirte: 1509 Michel Werkmeister, 1519 Caspar Kungen, 1539 Brose Gasser, 1714 Johann Vetter, 1764 Dominikus Weber, 1788 Baptist Weber, 1815 Hieronymus Fehrenbach, bach, 1845 Andreas Siedle, Engelbert Schilling, 1884 Anton Faller. Pächter: 1902 Johann Götz, 1912 Albert Burger.

Flasche 1521 – ca. 1894 : Wirtshaus, 1912 Brand und Umbau.

Lage: Rietstraße 15, heute Mayer-Schuhe.

Wirte: 1556 Fürholz, 1602 Georg Maetzen, 1613 Jakob Stören, 1691 Zacharias Kegel, 1718 Meinrad Kegel, 1779 Jakob Dold, 1814 -1858 Johann Nepomuk Dold, 1864 Steinmann, 1888 Josef Rall, Friedrich Hönninger, 1891 Johann Schildhorn, 1894 B. Schweriner.

Hecht 1690 – 1839 : Weinstube.

Lage: Obere Straße 12, heute Hoseneck.

Hirschen 1533 – 1962 : Wirtshaus.

Lage: Niedere Straße 37, heute Geschäftshaus, Süßwaren, Damenmoden.

Wirte: 1701 Erasmus Essig, 1717 Johann Held, 1771 Hieronymus Schupp, 1785 Johann Wölfle, 1790 Johann Ummenhofer, 1799 Adrian Wickenhauser, 1800 Johann Evangelist Dold, 1814 Michael Storz, 1820 Michael Schertle, 1832 Xaver Ackermann, 1868 Valentin Stern, August Stern, 1900 -1902 Besitzer Willibald Riegger, Storchenbrauerei, 1900 Karl Reif, 1902 Stanislaus Ketterer, 1906 -1927 Josef Schmid, 1939 -1962 Otto Schmid.

Hut 1701 : Weinstube.

Lage: Brunnenstraße 26, heute Wohnhaus Säger.

Karpfen 1701 : Weinstube.
Lage: Unbekannt.

 

Zeitungsinserat aus dem Jahre 1902.

 

Krone 1556 – 1959 : Weinstube, später Gasthaus mit Brauerei (seit 1789)

Lage: 1568 im Haus des Kammachers Kern in der Rosengasse, seit 1720 Kronengasse 12, Bau eines Gewölbekel-lers zwischen Innerer Stadtmauer und Fülle, heute Wohnhaus mit Eigentumswohnungen

Besitzer: 1789 Lukas Schilling, 1857 Johann Baptist Schilling, 1939 Claudia Beer-Schilling.

Wirte: 1556-1568 Hans Schönstein (der Jung), 1623 Hans Schönstein gest., 1631 Mathias Schilling, 1672 Johannes Pfister, 1690 Johann Baptist Modin, 1704 Lorenz Ackermann, 1720 – 22 Michael Bantle, 1729 Josef Bantle, 1759 Ferdinand Uetz, 1772 Johann Bantle, 1775 Antonie Wittum, 1800 Franz Josef Reichert, Donatus Bär, 1811 Baltes Schleich, 1819 Lukas Brotz, 1857 Johann Baptist Schilling, 1884 Johann Baptist Schilling, 1902 Andreas Glatz, 1912 Franz Mayer, 1939 Agathe Nosch Wwe..

Lamm 1554 – 1962 : Gasthaus mit Brauerei (seit 1763), früher Schaf bzw. Lämblin.

1820 Kauf des gegenüberliegenden Kapuzinerklosters, das Konvent wurde abgebrochen und spätestens seit 1885 als Biergarten genutzt.

Lage: Niedere Straße 71, heute Geschäftshaus.

Wirte: 1554 Hans Christ, 1690 Franz Hauger, 1724 Benedikt Berger, 1758-1763 Johann Baptist Schilling, 1763 Benedikt Schilling, 1820 Johann Baptist Schilling, 1840 Agathe Weisser, 1852 Josef Weisser, 1856 Jakob Schilling, 1873 Franz Josef Riegger, 1897 Ernst Riegger, 1903 Moritz Hirt, 1904 Gottlieb Kammerer, 1912 Friedrich Langen-bacher, 1920 Gerson Wiedel, 1924 Hermann Emminger, 1936-1939 Fritz Fehrenbach.

Besitzer: 1897-1912 Ernst Riegger, 1920 Ernst Riegger Wwe., 1924-1959 Alois Schätzle.

Lilie 1603 -1952 : Gasthaus.

Lage: Rietstraße 5, heute Drogeriemarkt Müller.

Wirte: 1603 Martin Gilg, 1658 Hans Jakob Gilg, 1658 Hans Jacob Eysselin, 1664 Jacobus Mayer, 1687 Anton Schupp (Bildhauer), 1710 Josef Anton Schupp, 1710-1711 Johannes Schupp (Bildhauer), 1719 Franz Scurin, 1726 Sebastian Schluckle, 1730 Johann Schupp (Bildhauer), 1740 Josephus Harscher, Michael Anton Reichert, 1759 Franz Josef Bayer, 1771 Joh. Hier. Zach. Schupp, 1790 Benedikt Felger, 1812 Michael Ummenhofer, 1836 Ummenhofer, 1844 Cölestin Dorer, 1852 Alexander Dorer, Franz Xaver Oberle, 1870 Luis Keller, 1872 -1884 Josef Ummenhofer, 1897 Christian Tag (Besitzer Wössner), 1906 Karl Hauger, 1919 Hepting, 1921-1939 Besitzer Franz Rönicke, 1927 1930 Wilhelm Rönicke, 1939 Karl Storz.

Löwen seit 1514 : Gasthaus.

Lage: Obere Straße 10, heute Löwen.

Wirte: 1514 Hans Armbroster, 1756-1790 Andreas Schmied, 1823 Joseph Riegger, 1863 Emil Höld, 1873 1884 Johann Fehrenbacher, 1898 Bruno Rottler, 1912 Karl Zapf, 1927 Otto Hörmann, 1939 Gregor Bantle. Besitzer: 1898-1912 Johann Baptist Schilling, Kronenbrauerei, 1924 Gewerkschaftsbund, 1927 Volkshaus Löwen GmbH, 1939 Deutsche Arbeitsfront, seit 1954 Familie Riesle.

Mohren 1526 -1843 (Archäologischer Nachweis seit 14. Jh.) : Gasthaus mit Brauerei, früher Mohrin.

(Vgl. Beitrag Jenisch in diesem Heft).

Lage: Rietstraße 29, heute Rietpassage, Geschäftshaus. Wirte: 1631 Mathias Schilling, 1631 Johann Schilling, Hans Georg Mahler, Johann Dold, Martin Mahler, 1802 – 1830 Philipp Mahler, Franz Anton Körner, Cyprian Thoma, 1841 Josef Granser, 1843 Karl Berger (umbenannt in Falken).

Ochsen seit 1690 : Gasthaus.

Lage: Niedere Straße 25, heute Geschäftshaus Henninger. Wirte: 1726 Johann Martin Schupp (Ratsherr), 1743 Lorenz Zipfel, 1748 Johannes Knoll, 1799 Joseph Scherdle, 1844 Xaver Riegger, 1884 Michael Lion.

Paradies 1763 -1927 : Gasthaus.

Lage: Gerberstraße 39, heute Sparkasse, Hauptanstalt VS.

Wirte: 1884 August Göth Wwe. Josephine, 1902 Christian Gailing, 1912 Adolf Beck, 1927 Karl Daiger.

Besitzer: 1912 Johann Baptist Schilling, 1927 Stadt Villingen.

Raben seit 1602 : Weinstube / Gasthaus, seit 1912 Café

Lage: Obere Straße 13, heute La Pergola.

Wirte: 1884 Nikolaus Albrecht, 1902 August Rauß, 1912 – 1927 Wilhelm Schlaich, 1930 Luise Schlaich, 1939 Stefan Hartmann.

Schlössle seit 1744 : Gasthaus.

Lage: Schlösslegasse 9, heute Schlössle.

Wirte: 1884 -1912 Ludwig Häßler, 1927 -1971 Gustav Müller.

Schwanen 1593 -1856 und 1877 -1962 : Gasthaus.

Lage: ursprünglich in der Rabenscheuer, seit 1877 Brigachstraße 9, heute abgerissen, Deutsche Bank.

Wirte: 1568 -1623 Hans Schönstein, 1624 Steffan Schwab, 1877 -1884 Ernst Beck, 1902 -1912 Josef Riegger, 1930 – 1939 Albert Burger.

Schwert 1658 -1703 und 1789 -1971 : Gasthaus.

Lage: ursprünglich Obere Straße 4, 1703 mit Nachbarhaus vereint und in Sonne umbenannt. Bei Wiedereröffnung lag das Schwert seit 1789 an der Färberstraße 14, nach Brand 1860 verlegt nach Färberstraße 10.

Wirte: 1658 Jodokus Beer, 1658 -1663 Ludwig Kegel, 1673 Zacharias Kegel, 1703 Johannes Kegel, 1789 Hieronymus Reichert, 1840 M. Fackler, 1857 Josef Anton Zieler, 1860 Josef Benitz, 1884 Theodor Säger, 1902 Gerson Wiedel, 1912 Kaspar Wiedel, 1927 Richard Gräßel, 1930 Johann Heuft, 1939 -1962 Alfred Helle.

Besitzer: 1902 -1930 Franz Metzger, Fortunabrauerei, 1939 Luise Metzger.

Sonne 1703 -1883 : Gasthaus, von 1658 -1703 Schwert,

1755 bis ca. 1845 Posthalterei.

Lage: Obere Straße 4, heute Stadtkämmerei.

Wirte: 1703 -1722 Hanß Georg Kammerer, 1706 Hummel, 1738 Franz Borgias Cammerer, 1845 J. Martin Cammerer, 1852 Johann Lorch, 1860 August Bär, 1875 Mathias Spitzenmüller.

Wilder Mann 1379 -1968 : Gasthaus, 1904 Brand der Ökonomiegebäude.

Lage: Obere Straße 6, heute dem Grundstück Obere Straße 8 zugeschlagen.

Wirte: 1379 Johannes und Margarethe Tuffer, 1443 Konrad Spät, 1563 Hans Speten, 1589 Bartlin Speht, 1612 Gre-gorius Baumann, 1658 Christian Bantlin, 1660 -1671 Matheiß Kleißen, 1701-1713 Hans Georg Moser, 1719 Hans Jerk Merkle, 1724 Georg Merkle, 1766 Carl Merkle, 1774 -1781 Ignaz Mayer (von 1792 -1817 Bürgermeister), 1825 Martin Mayer, 1834 Johann Heizmann, 1839 Franz Meinrad Hauger.

Gasthäuser des 19. Jahrhunderts

Anker 1884 -1927 : Wirtshaus, 1884 Neue Heimat, 1901 Heimat.

Lage: Niedere Straße 61, heute Rebstock.

Besitzer: 1884 David Schneider, 1902 -1912 Willibald

Riegger, Storchenbrauerei Villingen.

Pächter: 1902 Valentin Beha, 1912 Witwe des Valentin Beha.

Bahnhofswirtschaft seit 1884 :
Restaurationsbetrieb.

Lage: Bahnhofstraße 5, heute Bahnhofwirtschaft Pächter: 1884 Rudolf Armbruster, 1902 W. Armbruster, 1912 Erhard Rettich, 1927 Elise Rettich Wwe., 1939 Geschw. Rettich.

Deutscher Hof 1884 – 1927 : Gasthaus und Hotel, 1912 Umbenennung in Zähringer Hof.

Lage: Klosterring 1, heute Neckarverlag.

Wirte: 1884 Benedikt Hirt, 1902 Julius Beha, 1912 Viktor Kammerer.

Deutscher Kaiser seit 1884 : Gasthaus und Hotel.

Lage: Brigachstraße 1, heute Hotel Ketterer.

Wirte: 1884 Eligius Kuner, 1902 -1912 Rudolf Göth, 1927 –

1962 Ernst Heyne.

Drehscheibe seit 1884 : Wirtshaus, früher Okenfuß.

Lage: Gerwigstraße 5, heute Drehscheibe.

Wirte: 1884 Emil Okenfuß, 1902 Wilhelm Ott (Pächter Karl Zapf), 1912 Karl Binder, 1927 -1930 Paul Mauch, 1939 Eugen Mauch.

Falken 1848 – ca. 1962 : Wirtshaus, Nachfolger des Mohren.

Lage: Rietstraße 14, heute Badische Beamtenbank Wirte: 1848 Jakob Berger, 1852 Josef Berger (Pächter Jakob Brunner), 1884 Friedrich Muff, 1902 Karl Friedrich Muff, 1927 Franz Haberzettel, 1930 Josef Engels, 1939 Max Kiener.

Felsen 1884 – 1971 : Wirtshaus.

Lage: Gerberstraße 45, heute Sparkasse Villingen, Hauptanstalt.

Wirte: 1884 Josef Ummenhofer (Bildhauer), 1902 Christian Braumüller (Pächter Eduard Staiger), 1912 Jakob Kohler, 1927-1930 Wilhelm Armbruster, 1939 -1954 Mathäus Wörner.

Fortuna seit 1825 : Wirtshaus mit Brauerei (1888 erweitert).

Lage: Bickenstraße 18, bis 1825 war im Haus 312 Jahre lang die Zunftstube der Schusterzunft, heute Fortuna.

Besitzer: 1825 Benedikt Fischer, 1876 W. Beck, seit 1902 Familie Metzger.

Wirte: 1912 Anna Götz, 1927-39 Karl Ruff.

Germania seit 1874 : Wirtshaus mit Brauerei (bis 1900).

Lage: Gerberstraße 35, heute Pizzeria am Pulverturm. Besitzer: 1874 Johann Wößner, 1900-1912 Johann Baptist Schilling, Kronenbrauerei Villingen, 1927-1939 Kronenbrauerei Offenburg.

Wirte: 1874-1877 Johann Wößner, 1900-1902 Engelbert Mauch, 1912 Katharina Kretz, 1927-1939 Robert Hirt.

Hohenstein seit 1841 : Gasthaus.

Lage: Marbacher Straße 25, heute abgerissen für Fried-hoferweiterung.

Besitzer: 1884-1930 Johann Baptist Schilling, 1939 Emil Sieber. Pächter: 1884 Andreas Glatz, 1902 Gottlieb Kam-merer, 1912 Ernst Zschoche, 1927-1930 Friedrich Birsner, 1939 Martin Benzing.

Jägerhaus seit 1884 : Gasthaus, von 1884 -1927 Kalkofen.

Lage: Kalkofenstraße 10, heute Jägerhaus.

Besitzer: 1884 Schilling & Comp., 1902 -1912 August Ummenhofer, 1927 -1962 Ernst Zschoche.

Wirte: 1912 Emil Meßmer, 1927 Ernst Zschoche, 1939 Kienzler.

Kronprinz 1884 – 1971 : Gasthaus.

Lage: Niedere Straße 55, heute Chinarestaurant Goldphönix.

Besitzer: 1884 Albert Schilling, 1902 Karl Faller, 1912 – 1954 Hermann Disch.

Wirte: 1902 Adalbert Burger, 1912-1954 Hermann Disch.

Nordstetter Hof seit 1884 : Gasthaus.

Lage: Nordstetten 8, heute Nordstetter Hof.

Wirte: 1884 Hermann Aberle, 1902-1912 August Reiser, 1927-1939 Karl März.

Pächter: 1912 Rosa Haas, 1939 Willi Kern.

Ott seit 1840 : Gasthaus mit Brauerei, 1848 abgebrannt.

Lage: Färberstraße 36, heute Jankes Brauhaus.

Wirte: 1840 Vinzenz Sättele, 1865 Franz Ott, 1884 Josef Ott, 1902-1927 Wilhelm Ott, 1912 Romäus-Brauerei, 1930 – 1939 Wwe. Rosa Ott.

Pfauen seit 1884 : Gasthaus, seit 1912 Restauration Risle.

Lage: Obere Straße 21, heute Hotel garni Pfauen. Wirte: 1884 Willibald Hirt, 1884 Theobald Häßler, 1902 Jakob Burkard Wwe., Theodor Kopp, 1912-1930 Rudolf Emminger, 1939 Eugen Risle.

Schnecke 1800 – 1912 : Gasthaus.

Lage: Niedere Straße 13, heute Mc. Donalds.

Wirte: 1800 Franz Joseph Reichert (ehem. Kronenwirt), 1884 Josef Storz, 1902 Lukas Braig, 1912 Oswin Braig.

Schützen seit 1884 : Gasthaus.

Lage: Färberstraße 45, heute Schützen.

Wirte: 1884-1902 Heinrich Baumann, 1912-1939 Heinrich Baumann jun.

Pächter: 1902 Kronenwirt Schilling (Afterpächter Josef Schmid), 1910-1911 Bärenbrauerei Villingen.

Stiftskeller seit 1858 : Gasthaus, 1902 Reichsapfel.

Lage: Gerberstraße 27, heute Stiftskeller.

Wirte: 1858-1902 Ludwig Schupp, 1912 Emilie Schupp (Pächter Albert Rosenfelder), 1927-1930 Emil Riesterer, 1939 Geschw. Riesterer (Pächter Matthias Egle).

Großer Storchen seit 1884 : Cafe und Spanische Weinstube, seit 1902 Ratskeller.

Lage: Obere Straße 5 /Münsterplatz 4, heute Modehaus Haux.

Wirte: 1884 Valentin Werne Wwe. (Besitzer Heinrich März), 1902 Franz Xaver Mayer (Besitzer Willibald Riegger), 1912 Karl Reich (Besitzer Willibald Riegger), Sarat Bonaventura, 1927 Miguel Vives, 1930-39 Martin Vives, Joseph Tonolini.

Kleiner Storch seit 1884 Gasthaus, seit 1930 Traube, seit 1984 City Treff.

Lage: Rietstraße 4, heute Modehaus Haux.

Wirte: 1884 Willibald Hirt, 1902 Adolf Beck, 1912 Karl Grießhaber, 1927 Alfred Löffler, 1930-1962 Johann Haas.

Besitzer: 1902-1912 Willibald Riegger, 1927-1930 Karl Heinzmann, 1939 Johann Haas.

Tonhalle seit 1885 : Gasthaus bei der Tonhalle, 1867 Hubersche Restauration.

Lage: Bertholdstraße 10, heute Tonhalle.

Wirte: 1867 Huber, 1875 Fehrenbach und Lueger, 1879 Karl Mack, 1880 Kaspar Leitz, 1884 Valentin Neininger, 1885 Heinrich Neef, 1886 J. Leuchs, 1896 Matthias Haas, 1900 Torbrauerei Riegger, 1904 Willibald Riegger, 1905 Held und Sieber (großer Saal), 1921 Eugen Riegger, 1924 – 1930 Kaspar Specker, 1939 Wwe. Specker.

Torstüble seit 1884 : Gasthaus und Brauerei.

Lage: Rietstraße 42, heute Griech. Restaurant Irodion. Wirte: Karl Riegger, 1887 Willibald Riegger, 1902 Heinrich Höld, 1912 Karl Neininger, 1927 Stefan Wetzel,1930-1939 Robert Hofmann.

Besitzer: 1884-1902 Thor Brauerei, Riegger, 1912 Fürst lich Fürstenbergische Standesherrschaft, 1912-1939 Robert Hofmann.

Gasthäuser der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Antoniuskeller 1912 -1984 : Weinstube und Cafe

Lage: Rietstraße 24, heute City Hosen, Geschäftshaus.

Besitzer: 1912 Hermann Schäfer, 1927 -1930 Anna King, 1939 -1962 Karl Faller, seit 1971 Klaus Faller.

Bertholdshöhe seit 1912 : Wirtschaft.

Lage: Rottweiler Straße 17, heute Bertholdshöhe.

Wirte: 1912 Pauline Mauch, 1927 August Waßmer, 1930 Karl Faller (Pächter: 1930 Franz Kapp), seit 1939 Fam. Nagel (Pächter: 1939 Julius Haizmann).

Beutler seit 1927: Weinstube.

Lage: Mönchweiler Straße 5, heute abgerissen für Straßenbau.

Wirte: 1927-1954 Adolf Beutler.

Flughafen Restaurant seit 1926 : Gasthaus.

Lage: Vöhrenbacher Straße 40, heute Pizzeria Da Arnaldo.

Wirte: 1926-1930 Edwin Nosch, 1939-1962 Agathe Nosch Wwe. (Pächter 1939 Albert Willing).

Harter Cafe 1939 – 1954 : Cafe.

Lage: Niedere Straße 88, heute Kapuziner-Geschäftshaus.

Seit 1962 Schwedendammstraße 8.

1939 -1962 Willy Harter.

Hölzlekönig seit 1912 : Gasthaus.

Lage: Schwenninger Straße 19, heute Hölzlekönig.

Wirt: 1912 -1971 Johann Müller.

Hohenzoller 1902 – 1954 : Gasthaus, seit 1954 Zaubergarten.

Lage: Schwenninger Straße 14, heute Panorama-Bar. Besitzer: 1902-1930 Karl Faller, 1939 Walter Schlenker. Wirte: 1902 Joseph Häsler, 1912 August Kuner, 1927-30 Georg Link, 1939 Walter Schlenker.

Kirneck 1902 – 1927 : Hotel, früher Hammer bzw. Walke

1927 – 30 Genesungsheim der Ortskrankenkasse Pforzheim.

Lage: Kirnacher Straße 48, heute abgerissen.

Besitzer: 1902 Johann Müller, 1912 Albert Säger.

Laible seit 1912 : Gasthaus.

Lage: Rietheimer Straße 17, heute Laible.

Wirte: 1912 Johann Georg Grießhaber, 1927 Oskar Frey, 1930-1954 August Bertsche.

Lerche 1930 : Gasthaus.

Lage: Niedere Straße 88, heute Kapuziner-Geschäftshaus.

Wirt: Julius Kern.

Lindenhof seit 1902 : Gasthaus.

Lage: Mönchweiler Straße 3, heute abgerissen für Straßenbau.

Wirte: 1902 Karl Elschker, 1912-1939 Benedikt Kammerer.

Besitzer: 1902 Daniel Beutler, 1912-1930 Karl Faller, 1939-1962 Erwin Faller.

Meyerhof 1927 -1962 : Gasthof, früher Bürgerliches Brauhaus.

Lage: Niedere Straße 46, heute Geschäftshaus.

Besitzer: Brauerei Meyer & Söhne, Riegel.

Pächter: 1927 Rudolf Kohler, 1930 Karl Schäfer.

Cafe Neukum 1930 -1962 : Cafe.

Lage: Niedere Straße 15, heute Modehaus Haux.

Wirt: 1930 -1939 Karl Neukum.

Oberes Wasser 1901 – 1954 : Gasthaus.

Lage: Kirnacher Straße 38, heute SABA.

Besitzer: 1901-1912 Willibald Riegger, 1927-1939 Josef Weigart. Pächter: 1902 Alfred Löffler, 1912 Karl Andres, 1927-1939 Kreszenzia Andres.

Rebstock seit 1914 : Gasthaus, im Maler Schäfer’schen Haus.

Lage: Niedere Straße 61, heute Rebstock.

Wirte: 1927 -1930 Karl Jordan, 1939 Franz Meßmer.

Reichsapfel 1902 : Gasthaus.

Lage: Gerberstraße 27, heute Stiftskeller (siehe dort).

Wirte: 1902 Ludwig August Schupp.

Romäus seit 1927 : Gasthaus, von 1902 -1927 Walfisch.

Lage: Warenburgstraße 4, heute Hotel Romäus.

Wirte: 1902 Albert Schilling, 1912 Johann Götz, 1927 -1954 Karl Weineck.

Café Singer 1902 – 1939 : Cafe und Weinstube.

Lage: Bickenstraße 15, heute Geschäftshaus Optik Fielmann.

Wirte: 1902-1927 Josef Singer, 1939 Johanna Singer (Pächter Emil Leute jr.).

Schlachthof seit 1912 : Gasthaus.

Lage: Schlachthausstraße 11, heute Schlachthof.

Wirte: 1912 Emanuel Grießhaber (Besitzer Joh. Bapt. Schilling), 1912 -1939 Franz Honold.

Waldblick seit 1912 : Gasthaus /Cafe.

Lage: Sebastian-Kneipp-Straße 7, heute abgerissen für Kurgarten.

Wirte: 1912 Joh. Joos, 1927 Georg Stangel, 1930 Franz Haberzettel, 1939 Hans Rümmele.

Besitzer: 1912 Joh. Bapt. Blessing, 1930 Adler-Brauerei, Balingen, 1939 Stadt Villingen.

Waldhorn seit 1930 : Gasthaus.

Lage: Fördererstraße 1, heute Waldhorn.

Wirte: 1930 Josef Flöß, 1939 Luise Kunz.

Besitzer: 1930 -1954 Cornelius Flöß.

Waldhotel 1900 -1939 : Hotel, seit 1954 „Haus Tannenhöhe“,

Christl. Kreis für Frauen und Mädchen.

Lage: Obere Waldstraße 59, heute Tannenhöhe. Direktor: 1902 Johann Hermann Schlenker, 1912 Hermann Schlenker, 1927 Gottlob Kehrer, 1930 Joh. Georg, 1939 Karl Hermann Tönies.

Besitzer: 1902 Johann Hermann Schlenker, 1912 Hermann Schlenker, 1927 Waldhotel Villingen GmbH, 1930 Bankhaus Paravicini Christo & Co., Basel, 1939 Frau Wardsack.

Waldmühle 1902 – 1918: Gasthaus und Hotel.

Lage: Waldstraße 41, heute SABA.

Wirte: 1902 Hermann Oberle, 1912 Otto Fromm, 1918 Hermann Schwer.

Waldschlössle 1901 – 1954 : Gasthaus, seit 1962 Siechenstuben.

Lage: Waldstraße 13, heute Gasthaus MP.

Wirte: 1926 Gustav Hofmann, 1927 Franz Xaver Ehinger, 1930 Richard Gräßel, 1932 -1954 Karl Schrobenhauser.

Besitzer: 1901-1912 Joh. Bapt. Schilling, 1930 Fürstlich Fürstenbergische Brauerei, Donaueschingen.

Warenburg 1912 : Gasthaus, seit 1927 Allgemeine Ortskrankenkasse.

Lage: Bleichestraße 8, heute Wohnhaus.

Wirt: 1912 Rudolf Schump.

Cafe Wehrle seit 1927 : Cafe und Restaurant.

Lage: Gerberstraße 37 /Paradiesgasse 1, heute Café Wehrle.

Wirte: 1927 -1930 Otto Wehrle, 1939 Fritz Egelmann.

Württemberger Hof seit 1912 : Gasthaus.

Lage: Marbacher Straße 2, heute Württemberger Hof.

Wirte: 1912 Frieda Auberle, 1927 Karl Grüßer, 1930 Johannes Kapp, 1939 Gotthilf Fritschi.

Besitzer: 1912 Hermann Beha Wwe., 1939 -1954 Pflug-Brauerei Rottweil.

Zollhäusle seit 1902 : Gasthaus.

Lage: Zollhäusleweg 5, heute Zollhäusle.

Wirt: 1902 -1939 Karl Hauser.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brauereien

Die Herstellung von Bier erfolgte bis in die Neuzeit häufig noch zuhause, doch bildeten sich seit dem Mittelalter von Wirten betriebene Brauereien heraus. Diese Hausbrauereien von Wirtshäusern sind in Villingen häufig belegt, im 18. Jahrhundert besaßen 9 Wirte das Braurecht. Mit der Industrialisierung bildeten sich vor Ort mehrere größere Brauereien heraus, die mehrere Wirtshäuser belieferten. Da sie heute alle nicht mehr existieren, ist eine Darstellung in diesem Zusammenhang geboten.

Bärenbrauerei bis 1911

Lage: Schwenninger Straße 11, heute Gasthaus Adlerklause.

1884 Rieggersche Sommerwirtschaft, 1897 Verkauf von Flaschenbier im Brauereigebäude, 1900 Schankwirtschaft, 1911 Verkauf des Braurechts an die Bärenbrauerei Schwenningen, Betreiber: 1823 Joseph Riegger, 1844 Xaver Riegger, 1873 Franz Josef Riegger, 1891-1912 Josef Riegger.

Belieferte Gasthäuser: 1891 Bären, 1873-1920 Lamm, 1823 Löwe, 1844 Ochse, 1902 -1912 Schwan, 1910 /11 Schützen.

Bürgerliches Brauhaus

Lage: Niedere Straße 46, heute siehe Meyerhof. Ursprünglich Hausbrauerei der Lilie, seit 1899 ist eine Brauereigaststätte belegt.

Betreiber: 1812 Michael Ummenhofer, 1872-1884 Josef Ummenhofer, 1899-1912 August Ummenhofer, 1912 Pächter Heinrich Schafhauser, 1924 Kaspar Specker. Belieferte Gasthäuser: 1812 -1884 Lilie, 1902 -1930 Hohenzoller, 1912 -1962 Lindenhof, 1930 Bertholdshöhe, 1939 Antoniuskeller.

Fortuna-Brauerei

Lage: Bickenstraße 16, heute Gaststätte Fortuna. Betreiber: 1825 Benedikt Fischer, 1876 W. Beck, 1884 Ernst Beck, 1902 -1930 Franz Metzger, 1939 Luise Metzger.

Belieferte Gasthäuser: 1884 Schwan, 1902 -1939 Schwert.

Germania-Brauerei bis 1900

Lage: Gerberstraße 35

von Kronenbrauerei übernommen.

Betreiber: 1874-1877 Johann Wößner.

Gambrinus-Brauerei 1884 -1954 Brauerei mit Wirtschaft (1984 Wienerwald).

Lage: Obere Straße 31, heute Gasthaus Gambrinus. Betreiber: 1884 Adolf Sigwarth, 1902-1930 Karl Faller, 1939-1962 Karl und Erwin Faller.

Belieferte Gasthäuser: 1902 Kronprinz.

Kronen-Brauerei

Lage: Niedere Straße 89, später Kronengasse, heute abgerissen.

Ursprünglich Hausbrauerei des Lamms, nach 1820 ins ehemalige Kapuzinerkloster verlegt, im „Felixkirchle“ Betrieb einer Branntweinbrennerei. Seit 1884 als Schilling & Comp. an die Kronengasse verlegt, um 1900 Über nahme der Germania-Brauerei.

Betreiber: 1631 Mathias Schilling, 1758-63 Johann Baptist Schilling, 1763 Benedikt Schilling, 1789 Lukas Schilling, 1857 Johann Baptist Schilling, 1884-1902 Albert Schilling, 1884-1930 Johann Baptist Schilling, 1939 Claudia Beer-Schilling, 1945 Engelbert Schilling.

Belieferte Gasthäuser: 1704-1856 Lamm, 1789-1939 Krone, 1884 Jägerhaus, 1884 Kronprinz, 1884-1939 Hohenstein, 1898-1912 Löwe, 1901-1912 Waldschlössle, 1902 Adler und Schützen, 1912 Schlachthof und Paradies.

 

 

Romäus-Brauerei

Lage: Färberstraße 36, heute Jankes Brauhaus, früher Ott.

Betreiber: 1865 Franz Ott, 1884 Josef Ott, 1902-1927 Wilhelm Ott, 1930-1939 Rosa Ott.

Belieferte Gasthäuser: seit 1865 Ott, 1902 Drehscheibe.

Storchen- / Tor-Brauerei

Lage: Rietstraße 42, heute Griechisches Restaurant. Betreiber: Karl Riegger, 1887-1912 Willibald Riegger, 1921 Eugen Riegger.

Belieferte Gasthäuser: 1884-1912 Torstüble, 1900-1902 Hirsch, 1901-1912 Oberes Wasser, 1902-1912 Anker, 1902 1912 Großer Storch, 1902-1912 Kleiner Storch, 1904-1921 Tonhalle.

Zusammenfassung

Die Anzahl der Gasthäuser in Villingen stieg seit dem Mittelalter stetig an (Vgl. Diagramm). Von drei sicher ins 14. Jahrhundert zu datierenden Gasthäusern stieg deren Zahl bis um 1800 auf 17, wovon immerhin 9 das Braurecht besaßen. Mit der Industrialisierung stieg neben der Bevölkerung auch die Anzahl der Gasthäuser – 1850 auf 24 Gastbetriebe, 1900 auf 41 Gastbetriebe, 1939 auf 67 Gastbetriebe. Die Neugründungen der wilhelminischen Ära sind häufig an der Namensgebung zu erkennen – Deutscher Hof, Deutscher Kaiser, Germania, Hohenzoller, Kronprinz und Reichsapfel. Die Versorgung mit Bier erfolgte in zunehmendem Maße durch größere Brauereien. Um 1900 wurden 8 Brauereien, hervorgegangen aus Hausbrauereien von Gasthäusern, in Villingen betrieben. Die alten Gasthäuser blieben bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend bestehen. Erst in den sechziger Jahren setzte deren „Sterben“ ein, heute bestehen nur noch vier davon. Die Zeit von 1939 bis heute, die nicht erfaßt wurde, brachte einen erheblichen Anstieg von Gaststätten. Durch diese Überlagerung sind die alten Strukturen kaum noch erkennbar.