Herr Fabrikant Dr. Wilhelm Binderwurde 1988 Ehrenmitglieddes Geschichts- und Heimatvereins Villingen.

Dr. Wilhelm Binder, Frau Binder, 1. Vors. W Huger

 

In seiner Laudatio wandte sich der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins direkt an den Geehrten und führte dabei aus:

Die Regularien einer Hauptversammlung sind die Pflichtübungen, die uns die Satzung aufgibt. So gesehen, ist die Zusammenkunft von Mitgliedern eines historischen Vereins nichts besonders. In der Tat erhält der heutige Tag seine Erhöhung durch den Beschluß des Vorstandes einen Mann zu ehren, der viele Jahre seines Lebens ein Förderer der Erforschung und Darstellung von Geschichte und Kunst seiner Heimatstadt war und ist.

Ich begrüße sehr herzlich unser ehemaliges Vorstandsmitglied, Herrn Dr. Wilhelm Binder, und Sie sehr verehrte Frau Binder. Im Jahresheft 1983 habe ich aus Anlaß Ihres 70sten Geburtstages geschrieben, daß man die unmittelbare Ausstrahlung bei einer Darstellung wie dieser nur beschreibend wiedergeben kann. Auch bei einer mündlichen Darstellung muß es bei diesem Maß an Unzulänglichkeit bleiben. Noch in der Zeit, in der Sie uns als Vorstandsmitglied mit Rat und Tat zur Seite standen, war uns Ihre Individualität stetiger Anspruch, indem Sie uns zu Sachlichkeit und positiven Ergebnissen zum Wohle des Vereins herausforderten. Vielleicht war einer der Gründe, daß Sie nie ein Mann der vielen und anspruchsvollen Worte waren — im Gegenteil. Auf eine stille Art waren Sie unbestechlich in Ihrem Urteil. Manchmal hatte man den Eindruck, daß Sie den Glanz und die Eitelkeit der äußeren Welt hinter sich gelassen haben, um damit umso wesentlicher sein zu können.

Sie wurden vor nunmehr einem dreiviertel Jahrhundert in der Bleichestraße in Villingen geboren. Nach der Schulzeit und dem Abitur, das Sie in dem benachbarten Schwenningen ablegten, studierten Sie an der heutigen Universität Karlsruhe Physik und Elektronik. 1938 schlossen Sie Ihr Studium mit dem akademischen Grad eines Diplomingenieurs ab. Es war Ihr Los, das Sie mit zahlreichen jungen Menschen Ihrer Generation teilten, daß die ersten drohenden Wolken des herannahenden Zweiten Weltkrieges Sie einholten. Sie erlebten das Leid des zweiten Weltkriegs. Ein gnädiges Schicksal hat es Ihnen erlaubt, im großen und ganzen unbeschadet aus dem Krieg heimzukehren und Ihre berufliche Arbeit aufzunehmen. Sie traten damals in das Unternehmen Ihres Vaters ein, das noch ein kleiner Betrieb vor den Mauern der Stadt war, in dem noch industriehandwerklich gefertigt wurde. Als Komplementär, d. h. persönlich haftender Gesellschafter, traten Sie dem Vater zur Seite. Nach dessen Tode übernahmen Sie 1953 das Unternehmen, um es in den folgenden Jahrzehnten aus einer einstigen Werkzeugmacherei auf den Höhepunkt eines Weltunternehmens zu führen. Außerdem gründeten Sie im Jahre 1960 die Firma Binder-Aviatik, die von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Donaueschinger Flugplatzes war. Wir vergessen es nicht, wie Sie zweimal Ihrem Geschichts- und Heimatverein die Möglichkeit gaben, das Gebiet um Villingen mit einer Ihrer Maschinen zu überfliegen, um nach archäologischen Spuren zu suchen. Mit bereits über 70 Jahren bedienten Sie sogar noch selbst den Steuerknüppel. Eine letzte Gründung ist die Firma Binder-Datentechnik, mit der Sie Ihren Namen hinaus in die Lande trugen. Wie Sie mir einmal gestanden haben, fühlten Sie sich dennoch nicht in erster Linie als Unternehmer sondern zutiefst als Ingenieur. So war der Aufstieg der Binder-Magnete, wie man Ihr Unternehmen landläufig nennt, vor allem Ihrer Ingenieurleistung zu danken. Etwa 36 Patente aus der Mechanik, der Elektronik und der Magnettechnik wirkten mit, ein Unternehmen mit annähernd 1300 Beschäftigten hervorzubringen. Es war kein Nebenprodukt, wenn Sie damit zahlreichen Familien in Stadt und Land eine Existenzgrundlage geboten haben.

Dennoch darf neben Ihrer Leistung als Ingenieur der kluge Kaufmann nicht unerwähnt bleiben. Sowohl in der Praxis als auch in der begleitenden Wissenschaft haben Sie unübersehbar Zeichen gesetzt. Unvergeßlich bleibt, wie Sie es neben aufreibender Alltagsarbeit fertig brachten, ein begleitendes wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Universität in Graz zu absolvieren und im Jahre 1951 mit dem Doktortitel rerum politicarum abzuschließen. Zu Ihren Leistungen als Unternehmer gesellte sich Ihr öffentliches Engagement. Von 1956-1974 waren Sie Mitglied des Gemeinderates. In diese Zeit fällt die damals erwartungsfrohe Geburt der gemeinsamen Stadt Villingen-Schwenningen. Gewissermaßen als Gründungsstadtrat müssen Sie zu Ihrem eigenen Leidwesen heute erkennen, wie unvollkommen eine geschichtliche Chance genutzt wurde. Als ehemaliger Chef der Fraktion der Freien Demokraten dürfen Sie wenigsten zur Kenntnis nehmen, daß Sie in Frau Doris Fels eine engagierte und mutige Nachfolgerin als Stadträtin gefunden haben. 1962 wurden Sie Mitglied der Vollversammlung und Präsidiumsmitglied der Industrie- und Handelskammer. Sie wirkten ebenfalls als Mitglied im Stiftungsrat des Heilig-Geist-Spitals. So gesehen war es eine bescheidene aber hochverdiente Ehrung, wenn Ihnen aus Anlaß Ihres 70sten Geburtstages im Jahre 1983 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde.

Die Beschreibung Ihrer Persönlichkeit wäre unvollkommen, bliebe eine weitere Seite Ihres Wesens unerwähnt. Mit den technischen, kaufmännischen und politischen Fähigkeiten verbanden Sie das Interesse an Geschichte, Kunst und Literatur: Kurz an Wissenschaft und Kultur und dies in der besonders hervorgehobenen Verbindung mit Ihrer Heimatstadt Villingen. Gerade dieser Aspekt, gekoppelt an Ihre Tätigkeit im Geschichts-. und Heimatverein, ist der besondere und für einen Geschichtsverein eigentliche Grund der heutigen Ehrung.

Ihre hier vorgelegten Leistungen enspringen dem glückhaften Umstand, daß Sie die schon in der Kindheit und Jugend empfangenen Prägungen in der Ihnen gebliebenen Heimat mit unverwechselbarer Handschrift gestalten konnten. — Das Forschen nach dem Verbleib eines Villinger Denars, jener Silbermünze, die erstmals im 11. Jahrhundert geprägt wurde, war 1963 erfolgreich, als Sie in einem Leningrader Museum fündig wurden. Sie ließen daraufhin durch einen Numismatiker einen Wachsabdruck machen und die pekunäre Kostbarkeit als Nachprägung in der staatlichen Münze zu Karlsruhe anfertigen. Die Einzelstücke sind heute geschätzter Besitz manchen Bürgers und Mitarbeiters Ihres Hauses.

Sie förderten nicht nur die Herausgabe mehrerer Bücher über Villingen und seine Geschichte, Sie waren vielmehr der Initiator und Mitautor und nicht zuletzt der großzügige Spender. So entstanden:

1969 Die Kunstschätze aus Villingen

1971 Die Ratsverfassung der Stadt Villingen

1971-1974 die bedeutenden Bände „Magdalenenbergle 1-4

1976 Das Leben im alten Villingen und schließlich die Arbeit über den Magnetismus und die Kunst des Erfindens.

Unvergeßliche Verdienste bleiben Ihnen für die ideelle und materielle Förderung bei der Schaffung der bewunderten Villinger Münsterportale.

Eine weitere kulturelle Arbeit war die Erforschung des Lebens des spätmittelalterlichen Humanisten Heinrich Loriti, genannt Glareanus, der als akademischer Lehrer an der Universität Freiburg und zeitweilig, während der Pestzeiten, im Kloster der Franziskaner zu Villingen als Gelehrter wirkte. Die Festveranstaltung der Kunstwochen Baden-Württemberg 1988 in der ehemaligen Franziskanerkirche zu Villingen war einer der Höhepunkte im Veranstaltungskalender. Still und ungenannt waren Sie es, der die Idee geboren und in die Tat umgesetzt hatte. Es ist uns eine Ehre, in dem soeben erschienenen Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins für das Jahr 1988 den substantiell so bedeutenden Festvortrag des Professor Mertens aus Tübingen abdrucken zu dürfen. Mag auch mancher Anregung von Ihnen durch die Widerstände in dieser Welt kein Erfolg beschieden gewesen sein, so erwähne ich dies nur deshalb, um die Bedeutungslosigkeit gegenüber all den positiven Erfolgen anzumerken und um festzustellen, daß Sie unbeirrt bis auf den heutigen Tag ein als gut und richtig bewertetes Ziel zu erreichen bemüht waren und sind. Herr Dr. Wilhelm Binder, der Geschichts- und Heimatverein Villingen verleiht Ihnen die Ehrenmitgliedschaft und bittet Sie, diese anzunehmen.

 

Erneute archäologische Untersuchung der Wallanlage des keltischen Siedlungsareals aufd em Kapf beim Kirnacher Bahnhöfle

In den Monaten Mai und Juni 1989 sollte in Schwenningen, im Bereich des alemannischen Friedhofs „Auf der Lehr“, eine weitere archäologische Grabung stattfinden. Sie wurde unerwartet durch Schwierigkeiten beim Genehmigungsverfahren gestoppt. Nachdem die sachlichen und personellen Voraussetzungen bereits vorlagen, mußte auf eine Ersatzgrabung ausgewichen werden. Das Landesdenkmalamt Freiburg, Abt. Bodendenkmalpflege, ordnete deshalb eine neuerliche, 6 Wochen dauernde, Untersuchung der hallstattzeitlichen Anlage auf dem Kapf beim Kirnacher Bahnhöfle an. Ziel war es, die nach der ersten, von Prof. Hübner 1959 durchgeführten Grabung noch offen gebliebenen Fragen zu klären. Hübner hatte damals nichts Näheres über die innere Struktur des Walles, der zum sogenannten „äußeren Wallgrabensystem“ gehört, herausbekommen. Ferner sollte der Bereich der mittelalterlichen Wehranlage, wo im sogenannten „inneren Wallgrabensystem“ die Steinmauer der Frontseite, nach der Grabung 1959 zu Anschauungszwecken rekonstruiert, offen lag, aus konservatorischen Gründen wieder verfüllt werden.

Wir besuchten zunächst am 30. Mai 1989 die Grabung, wo uns in bewährter Freundlichkeit der Grabungsleiter Klaus Hietkamp informierte: Im Innenbereich der keltischen Siedlung, also der Fläche östlich des äußeren Walles, wurde im südlichen Bereich ein 2 m x 30 m breiter Grabungsschnitt angelegt, der bei sehr geringer Tiefe bis in den anstehenden Boden reichte. Vgl. Foto. Hier ergaben sich keine hallstättischen Befunde. Die auf dem Bild im Schnitt erkennbaren Steine sind natürliches, oberflächlich aufliegendes Restgestein im Verwitterungsboden des Buntsandsteins. Es konnten lediglich einzelne Scherben, ohne besondere Signifikanz, aufgelesen werden. Sie sind nur als prähistorische Keramik zu identifizieren.

 

Grabungsschnitt im keltischen Siedlungsarial, Mai 1989.

Die zweite archäologische Maßnahme war ein einzelner Grabungsschnitt, quer durch den Wall, dessen Durchstoß in der Tiefe 15 m lang war und als Breite im Wallbereich, also der Längsseite des Walles folgend, 4 m maß. Unsere fotografischen Wiedergaben dokumentieren zu Anschauungszwecken den Zeitpunkt 30. Mai und 14. Juni 1989. An diesem letzten Datum hat uns Klaus Hietkamp folgende Auskunft gegeben:

Der Aufbau dieser Befestigungsanlage, die heute für den Betrachter als Wall erscheint, und die nach ihrer ursprünglichen Funktion ein Annäherungshindernis war, dürfte zu ihrer eigenen statischen Festigkeit aus einer Rahmen- oder Kastenkonstruktion bestanden haben. Sie dürfte der um einige Jahrhunderte jüngeren Anlage eines keltischen murus gallicus geähnelt haben. D. h., es sind zur Stabilisierung der Erdschüttung rechtwinklig sich kreuzende liegende Balken anzunehmen. Dieser Schluß ist erlaubt, weil keine Pfostenlöcher angetroffen wurden. Eine mögliche, die Vorderseite schützende bzw. abschließende Steinmauer fehlt; es hätte nämlich sonst im Bereich des vorgelagerten und im Schnitt erneut nachgewiesenen nur wenig tiefen aber dafür breiten und flachen Sohlgrabens eine Menge Bruchsteine angetroffen werden müssen, was nicht der Fall war. Die in der Wallschüttung auftretenden größeren Steine, wie sie auch auf der Fotografie zu erkennen sind, gehören zur Erdverfüllung, die in ihren Farbabstufungen deutlich nachweisbar war. Im Schüttmaterial des Walles fanden sich wiederum vereinzelte Keramikscherben, deren Herkunft ebenfalls nur als prähistorisch zu bezeichnen ist. Der als „Profilschnitt 9, ViIlinger Kapf 1989“ bezeichnete Grabungsschnitt ergab eine jetzt noch vorhandene Wallhöhe, ab alter Grundfläche, von durchschnittlich 1,50 bis 1,60 m Höhe und bestätigt die Erkenntnisse aus der Grabung von 1959 (Klaus Hietkamp, im Bild vor dem Westprofil eines zunächst belassenen Mittelstegs, steht bereits etwa 20 cm unter der alten Grundfläche des Walles.) Die antike Höhe des Walles ist mutmaßlich mindestens drei Meter hoch gewesen. Über ihren obigen Abschluß (Palisade?) ist nichts bekannt. Die antike Breite des Walles, d. h. die ursprüngliche Tiefe seines Querschnitts, betrug ca. vier Meter. Die vom Geschichts- und Heimatverein ViIlingen 1988 unter Benutzung der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Literatur formulierte Erläuterung auf der Hinweistafel beim äußeren Wall ist auch weiterhin inhaltlich richtig, unbeschadet gewisser Detailerkenntnisse der jüngsten Untersuchung 1989.

 

Sicht von außen (Westen) gegen das Profil des noch nichtdurchstoßenen Mittelstegs des hallstattzeitlichen Walles auf dem Kapf beim Kirnacher Bahnhöfle, 14. Juni 1989.

 

1989: Erneute archäologische Grabungen auf dem alemannischen Friedhof in Schwenningen (Werner Huger)

Im Jahresheft X, 1985/86, berichteten wir über den Abschluß einer zweijährigen Kampagne auf dem alemannischen Friedhof „Auf der Lehr“ in Schwenningen. Dazu bemerkten wir, daß mit weiteren Funden auf Jahre hinaus nicht mehr zu rechnen sei. Überraschenderweise kam es jedoch seit 31. Juli 1989 zu einer erneuten Untersuchung. Der Grund: Das Haus Mutzenbühlstraße 2 wird abgerissen werden. Im dahinter liegenden Garten-bzw. Hofbereich standen bis zur Gegenwart Gebäude ohne Fundamente, die zuerst niedergelegt wurden. Man wußte (vgl. Jahresheft X des Geschichts- und Heimatvereins), daß sich in der nördlich der alten Grabung anschließenden Fläche noch Gräber befinden würden. Tatsächlich lokalisierten die Archäologen in dem 1989 zu untersuchenden nödlichen Teil weitere 30 Gräber. Das Grabungsgelände umfaßte etwa 430 qm. Bis Grabungsende, 16. Oktober 1989, konnten 22 Gräber freigelegt werden. Es handelte sich bei den Bestatteten um zehn Männer, sechs Frauen und drei Kinder, wovon eines ein Junge war, während die anderen nicht identifiziert werden konnten. Wir bemerkten schon im Jahresheft X, daß die jetzt untersuchte Fläche insgesamt durch errichtete Gebäude stark gestört war. Dieser Befund gilt vor allem für drei Erwachsenengräber. Als Ergebnis der Grabungskampagne bleibt auch diesmal die Feststellung, daß die Mehrzahl der untersuchten Grablegen in die Kategorie „ärmlich““ einzustufen sind. Es gibt allerdings auch Gräber mit bemerkenswertem Inventar. Das allererste Grab, mit mittelmäßigem Erhaltungszustand enthielt ein Messer, eine Gürtelschnalle und möglicherweise eine Riemenzunge. Das zweite enthielt als Waffe einen Sax. Das dritte Grab, das gerade offenlag und geputzt war (vgl. Fotos), als wir am 23. August 1989 die Grabung besuchten, war das erste Frauengrab mit zwei Ohrringen und einem Unterarmreif links, vermutlich aus Bronze, jedoch nicht aus Edelmetall. Auch hier zeigte sich die Störung im Gelände durch moderne Eingriffe. So fehlte u. a., wie auf der Fotografie sichtbar, der Kopf der Bestatteten. Unabhängig von dem Inventar der Gräber wurde bis dahin als Lesefund ein Sax geborgen. Per 30. August 1989 waren weitere fünf Gräber ausgegraben. Bei Abschluß der Grabung (16. Oktober 1989) teilte der Grabungsleiter mit, hervorzuheben seien zwei besonders reich ausgestattete Frauengräber. Die eine Bestattung erfolgte in einem Baumsarg, die andere in einem Brettersarg. Das eine Grab enthielt zwei Perlenketten. Gezählt wurden mehr als 30 Stück Glasperlen (Fayence), darunter auch vier Bernsteinperlen. Auch diese Gräber lagen sehr flach unterhalb der Oberfläche und waren von dort her gestört. Des weiteren ist ein Männergrab zu vermelden, mit kleiner Grabkammer, vermutlich aus Bohlen gezimmert. Der Tote war in einem Holzsarg bestattet worden. Man hatte ihm eine Spatha, das germanische Langschwert, und einen Sax mitgegeben. Geziert war er mit einer Gürtelgarnitur, beigestellt war ein rädchenverzierter Knickwandtopf. Das Grab datiert um 600. Im übrigen reichen die Datierungen erneut bis ins späte siebte Jahrhundert. Wir wissen, daß danach die Belegung alemannischer Friedhöfe nach der Sitte der Germanen abbricht.

Addiert man die 1989 ausgegrabenen 22 Bestattungen zu den bisher bekannten 139 Gräbern hinzu, so kommen wir inzwischen auf die bemerkenswerte Zahl von 161 Grablegungen der Germanen. Die bisherigen Grabungen liegen nach wie vor im wichtigen Teil des Gesamtfriedhofs, so daß auf weitere Grabungsergebnisse im Jahre 1990 gewartet werden darf.

Anmerkung:

Die Grabung wird vom Landesdenkmalamt — Außenstelle Freiburg — durchgeführt. Zuständig ist der Leiter des Amtes, Oberkonservator Dr. Gerhard Fingerlin. Wir danken ihm für die Freigabe der Information.

Wir danken hier auch Herrn cand. phil. Gaetano Oehmichen, der uns als örtlicher Grabungsleiter vor Ort mündlich die obigen Mitteilungen gemacht hat.

Im Hofbereich hinter dem Hause Mutzenbühlstraße 2 in Schwenningen wurde in einer Grabungskampagne vom August bis Oktober 1989 durch die Archäologen eine Fläche von 430 qm des ehemaligen alemannischen Friedhofs untersucht.

 

Das erste Frauengrab, das dieses Jahr aufgedeckt wurde, barg eine Bestattung mit zwei Ohrringen (oben) und einem Unterarmreif, links. Die geringe Tiefe unter der Oberfläche hatte zur Folge, daß das Skelett modern gestört war. So fehlte z. B. der Kopf und ein Teil der linken Extremitäten.

 

Die Großaufnahme des Torso zeigt, daß der Frauenbestattung der Kopf fehlt. Die von der Oberfläche her erfolgte Störung hat lediglich die tieferliegenden Ohrringe der Toten übriggelassen.

 

Rechts oberhalb des querliegenden Metermaßes ist der gut erhaltene Armreif zu sehen. Vergleiche hierzu auch die Seitenaufnahme im Bild unten.

 

Eine sogenannte Steinkiste zeigt dieses Bild. Hier handelt es sich um gebrochene Natursteine des Keupers, die ohne Vermörtelung als Grabumwandung gesetzt sind. Zum Zeitpunkt der Aufnahme (30. August 1989) befand sich die Bestattung noch im Grab und ist leider nicht zu erkennen.

 

 

 

 

Archiv und Stadtgeschichte (Manfred Reinartz)

Gedanken zur Archivverwaltung —

Redaktionelle Vorbemerkung:

Dr. Manfred Reinartz, Stadtarchivar mit Dienstsitz in Schwenningen, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, hat 1989 vor dem Lions-Club Villingen einen Vortrag zum Thema „Stadtarchiv und Stadtchronik“ gehalten, den wir hier wegen der grundsätzlichen Bedeutung seines Inhalts auszugsweise veröffentlichen. Die Ausführungen über die Arbeiten im Schwenninger Archiv bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.

Dr. Reinartz schreibt:

… Eine regelrechte Stadtgeschichte zu schreiben, das ist heute nurmehr schwer vorstellbar. Wenn man (z. B. hinsichtlich der Ereignisse der letzten 100 Jahre) auch nur die bescheidensten Ansprüche an die Objektivität stellte, käme man da schnell in Bedrängnis, vom Materialumfang und vom Zeitaufwand gar nicht zu reden.

Eine Stadtgeschichte zu schreiben, die der Wahrheit, d. h. den objektiven Geschehensabläufen wirklich nahe kommt, setzt die Kenntnis so vieler Einzelfakten, Aspekte, Zusammenhänge, übergreifender Bezüge, Bewertungsmaßstäbe etc. voraus, daß ein solches Unterfangen an Anmaßung grenzen würde. Nicht von ungefähr wählte Paul Revellio für das immer noch bedeutendste Buch über Villingen den Titel: „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“.

Unsere Kenntnis von der Geschichte der Stadt muß notwendigerweise ein Flickenteppich bleiben; aber wer weiß: vielleicht wird aus den vielen mehr oder weniger bunten Flicken doch einmal ein ganz ansehnliches Gewand.

Die Chancen, daß es dahin kommt, sind umso größer, je mehr es gelingt, ortsgeschichtlich interessierte Mitbürger durch die Erschließung von Quellenmaterial in die Lage zu setzen, selbst an der Erforschung der Stadtgeschichte ein Stückchen mitzuwirken. Mit anderen Worten: Förderung von Einzelarbeiten, die als Bausteine Teile eines Gesamtmosaiks sein können, in welchem die historische Rolle der Stadt erkennbar wird.

Ein Archivar wird erkennen müssen, daß es vermessen wäre zu meinen, er allein könne orts- und stadtgeschichtlich Gültiges erarbeiten. Vielmehr muß er bemüht sein, denen, die bereit sind, ihm hilfreich zur Seite zu stehen, seinerseits alle nur mögliche Hilfe angedeihen zu lassen, damit das riesige Feld, das es zu beackern gibt, von möglichst vielen mit Aussicht auf eine gute Ernte bestellt werden kann.

Ein Archiv „hat die Aufgabe, alle in der Verwaltung angefallenen Unterlagen, die zur Aufgabenerfüllung nicht mehr ständig benötigt werden, zu überprüfen und solche von bleibendem Wert mit den entsprechenden Amtsdrucksachen zu verwahren, zu erhalten, zu erschließen sowie allgemein nutzbar zu machen. Das Archiv sammelt außerdem die für die Geschichte und Gegenwart der Stadt bzw. Gemeinde bedeutsamen Dokumentationsunterlagen . . . Es kann auch fremdes Archivgut aufnehmen . . .“, so steht es in § 1 der Archivordnung, die der Deutsche Städtetag in Anlehnung an die entsprechenden Ausführungen des 1987 verabschiedeten Landesarchivgesetzes den Städten und Gemeinden zur Übernahme empfiehlt. Zu gegebener Zeit werden wir dem Gemeinderat diese Archivordnung zum Beschluß vorlegen.

Wenn man von dem Schriftgut spricht, das ein Archiv zu verwahren hat, so bezieht sich der Begriff heute auf alle denkbaren Text-, Daten-, Bild- und Tonträger, „er umgreift Urkunden und Akten, Register und Geschäftsbücher, Karteien und Blattsammlungen, Karten, Pläne und Zeichnungen, Druckschriften, Lichtbilder, Filme, . . . Magnetbänder sowie alle sonstigen Speichermedien, die im Geschäftsgang entstanden oder Bestandteil der Akten geworden sind“.

Als archivreif hat das Schriftgut zu gelten, wenn es für die Dienstgeschäfte nicht mehr ständig benötigt wird, archivwürdig ist es, wenn es auf unbestimmte Zeit erhalten werden muß, sei es für die Rechtspflege und die Verwaltung oder für Forschung und historisch-politische Bildung.

Ich zitiere aus einer offiziellen Veröffentlichung der staatlichen Archivverwaltung: „Läßt sich die Archivreife durch das Vereinbaren von Aufbewahrungsfristen verhältnismäßig einfach festlegen, ist das Ermitteln der Archivwürdigkeit die schwierigste und verantwortungsvollste Fachaufgabe der Archive. Denn was unkontrolliert oder unbedacht vernichtet wird, ist für amtliche wie nichtamtliche Zwecke unwiederbringlich verloren, wird künftigen Generationen an rechtsichernden Unterlagen und kulturellem Erbe vorenthalten.“

Die Archivwürdigkeit der vor 1945 entstandenen Archivalien ist kaum mehr in Frage zu stellen, weil wir es da mit vergleichsweise kleinen Mengen zu tun haben. Anders sieht es mit den seit dem Krieg aufgelaufenen Aktenbeständen aus, die man ob ihrer Menge nicht anders als mit dem Wort „Massenakten“ bezeichnen kann.

Dort liegt nun allerdings in dieser Stadt manches im argen. Denn abgesehen von zweifelhaften „wilden“ Ausscheidungen durch Nicht-Archivare hat in dieser Zeit hier praktisch keine Kassation — wie man die Aktenausscheidung auch nennt — stattgefunden.

Halten wir uns die letzten 40 bis 45 Jahre vor Augen: Wie viele Veränderungen hat es doch da gegeben! Was ist da nicht alles gegründet oder auf den Weg gebracht worden! Das alles ist Inhalt der riesigen Aktenberge, die unsere diversen Ämter, weil sie sie nicht mehr benötigen, an allen möglichen Stellen untergebracht hatten und haben: In Kellern, auf Speichern, in Bunkern und Verschlägen, in allen möglichen Ecken städtischer Gebäude.

Vor allem die in Villingen residierenden Ämter haben besonders große Aktenbestände angehäuft. Aber ich bin weit davon entfernt, sie deswegen zu schelten. Ganz im Gegenteil. Sie sind uneingeschränkt zu loben! Denn wenn ihnen schon seitens der hierfür zuständigen Dienststelle keine Hilfe zuteil wurde, so haben sie das Aktengut doch wenigstens nicht durch unsachgemäße, radikale Ausscheidung vernichtet, sondern — wie sie es eben konnten — für die Nachwelt erhalten.

Nach mehrmaliger Diskussion im Museums- und Archivbeirat wurde ich beauftragt, mich der Riesenaufgabe Kassation zu stellen; dabei hilft mir seit Januar 1988 ein als Historiker ausgebildeter Lehrer, der über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellt wurde und der hoffentlich dem Archiv erhalten bleibt.

Eine erste Ermittlung der Aktenbestände, die niemand mehr in den Ämtern gebraucht und die sofort ins Archiv abgegeben werden müßten, ergaben einen Bestand von rund zweieinhalb Kilometern Akten! Eine Entfernung von hier [Hotel Ketterer, Villingen] bis Marbach, oder in die andere Richtung bis hinter Nordstetten!

Und das ist nur ein Bruchteil der Bestände, die noch in großen Massen in den verschiedenen Ämtern — oft mehr schlecht als recht — aufbewahrt werden.

Wenn man sich also ein Mehrfaches der schon genannten zweieinhalb Kilometer Akten vor Augen hält und sich zugleich verdeutlicht, daß darin die gesamte Nachkriegsgeschichte der Stadt weitestgehend unerschlossen schlummert, dann kann man sich ausmalen, was es bedeuten mag, unverzagt dieser Riesenwelle zu begegnen. Es muß aber geschehen — und zwar bald. Denn von all den Geschehnissen dieses bald halben Jahrhunderts wird in 20-30 Jahren nicht mehr viel zu ermitteln sein —vor allem nicht, wenn wir nicht endlich anfangen, die Aktenbestände aus eben diesen Jahrzehnten gewissenhaft zu sichten und dann so zu ordnen, daß sich kommende Generationen hineinfinden können.

Die Kassation ist eine Daueraufgabe und als solche schon schwierig genug. Wenn aber Jahrzehnte aufzuarbeiten sind, so darf man nicht glauben, dies könne in wenigen Jahren geschehen. Bei der Inangriffnahme dieser umfangreichen und zeitraubenden Arbeit geht es in der Konsequenz letztlich um einen Neuanfang, der, wenn man die Sache wirklich ernst nimmt und nicht nur an Symptomen kurieren will, auf eine Neuordnung des städtischen Aktenwesens hinausläuft, selbstverständlich in Anlehnung an die entsprechenden — jetzt endlich einheitlich gefaßten — Landes-bzw. Bundesarchivgesetze. Denn — man beachte — es gibt in der Stadt ViIIigen-Schwenningen keinen für alle Ämter gültigen Aktenplan; jedes Amt kann seine Akten ablegen, wie es gerade will.

Die Archivverwaltung muß auf die Annahme eines einheitlichen Aktenplanes drängen, damit schon im Vorfeld der Übernahme ins Archiv eine durchgängige Ordnung zustande kommt.

Die in jahrzehntelangen Verzug geratene Kassation ist durch eine Person allein überhaupt nicht zu bewältigen. Das funktioniert nur, wenn die jetzt im zweiten Jahr eingearbeitete Fachkraft weiterbeschäftigt und zugleich das übrige vorhandene Personal an möglichst wenigen Plätzen in der Stadt konzentriert wird, was überdies den Vorteil hätte, daß vorhandene technische Ausstattungen, wie Sichtgeräte, Reader-Printer (d. h. kombiniertes Lese-und Kopiergerät), Photo-Ausrüstung, EDV, Schreibmaschinen usw. gemeinsam und effektiv genutzt werden könnten.

Für die sachgerechte Übernahme der durch die vielseitige und komplexe Arbeit der städtischen Ämter anfallenden Massenakten und deren zügige Bearbeitung, vor allem aber auch deren Wiedererschließung durch funktionierende Such- und Findsysteme, ist eine vorherige Zusammenführung der Bestände in einem sogenannten Zwischenarchiv notwendig, das keine schönen, aber unbedingt ausreichend große Räumlichkeiten bieten muß. Nicht nur, weil bei einem möglichen Katastrophenfall (z. B. Brand) eine sofortige und schnelle Evakuierung möglich sein muß, sondern auch, weil nur bei vorhandener Transparenz und Übersichtlichkeit praktikable Ordnungssysteme greifen können.

Die Ämter dürfen mit ihren Akten und den sich daraus ergebenden Raum-, Verwaltungs- und Ordnungsproblemen nicht alleingelassen werden, wie dies allzulange geschehen ist. Die von uns mit den Amtsleitern geführten Gespräche machen das ganz deutlich.

Es geht zunächst darum, die einzelnen Ämter rasch von nicht mehr benötigten Altakten zu befreien; es sollte aber—so äußern sich die Amtsleiter — möglichst zugleich versucht werden, mit dieser Maßnahme eine Basis für eine Neuordnung des gesamtstädtischen Archivwesens zu schaffen. Dies sei, so wird betont, überhaupt die Voraussetzung für eine sachgerechte und ordentliche Dokumentation der früheren, der gegenwärtigen und der künftigen Verwaltungsleistung.

Eine sachgerechte Ausscheidung ist— angesichts der großen Mengen an Altakten — in den Ämtern selbst ganz und gar unmöglich; man bedenke, in welchen Räumen diese Akten untergebracht sind! Ein Zwischenarchiv, in dem die Aktenmassen zusammengeführt, gesichtet und bewertet werden können, ist deshalb unverzichtbar.

In den Umbauplänen des Villinger Osianderhauses ist ein Kassationsraum von lediglich 33 qm vorgesehen und inzwischen auch baulich bereits fertiggestellt. Wie soll bei nur in Kilometern zu rechnenden Aktenbeständen da wohl die Kassation vonstatten gehen?

Das läßt sich nur in großen Räumen mit tragfähigen Decken, also eigentlich nur in Fabrikräumen oder in einem ähnlich stabilen Gebäude durchführen. Etwa einen Kilometer Akten haben wir inzwischen im ehemaligen Fabrikgebäude der Firma Kienzle-Uhren in Schwenningen unterbringen können. Hier werden sie nun gesichtet, verzeichnet, geordnet, bewertet.

Hier werden erste Schritte unternommen im Hinblick auf die Klärung der Fragen: Welche Akten kommen aus welchen Ämtern, sind nach welchen Aktenplänen abgelegt worden? Welche Akten sind einmalig, welche kommen vielfach vor? Welche sollten ihrer Bedeutung wegen noch einmal sicherungsverfilmt werden, bei welchen genügt eine Ersatzverfilmung?

Zuerst muß also eine Reihe verschiedenster Arbeitsprozesse ablaufen, ehe daran gedacht werden kann, irgendwelche Aktenbestände endgültig auszuscheiden und zu vernichten. Deswegen ist die Aktenausscheidung auch niemals im Hauruck-Verfahren durchzuführen. Vielmehr geht es um eine wohlüberlegte, sachgerechte, verantwortungsvolle und kontinuierliche Maßnahme, die langfristig nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit von Verwaltung und Archiv funktionieren kann.

Wenn dann endlich bei den verschiedenen Beständen die Entscheidung gefallen ist, was bleibt und was nicht, dann ist die Arbeit damit noch keineswegs erledigt. Denn „würde das Archivgut nicht nutzbar gemacht, wäre seine Verwahrung wenig sinnvoll. Zu den wesentlichen Aufgaben des Archivars gehört daher, das Archivgut durch Ordnen und Verzeichnen zu erschließen.“ Das ist nur möglich, wenn leicht durchschaubare, praktikable Findsysteme Anwendung finden, die gewährleisten, daß den potentiellen Benutzern wie auch der Verwaltung die latenten Inhalte der Archivbestände möglichst kurzfristig zugänglich gemacht werden können. Damit nun dem Archivbenutzer künftig das gewünschte Material auch tatsächlich kurzfristig vorgelegt werden kann, ist in Bälde die Frage zu beantworten, wo, d. h. an welchem Ort in der Stadt, die Endablage der Akten zu erfolgen hat, die den Sichtungs- und Kassationsprozeß im Zwischenarchiv durchlaufen haben und zur Daueraufbewahrung bestimmt worden sind.

Meines Erachtens wäre es vernünftig, diese Endablage dort einzurichten, wo bisher schon die größeren Altarchiv-Bestände liegen und wo —das scheint mir besonders bemerkenswert — erfahrungsgemäß die größere Benutzerfrequenz zu erwarten ist. Und da spricht beides wohl eindeutig für den Stadtbezirk Villingen.

Zwar wird es, wenn die Archivbestände einmal durch Such- und Findsysteme ordentlich erschlossen sind, ohne weiteres möglich sein, sich Akten auch aus dem jeweils anderen Stadtbezirk vorlegen zu lassen. Aber das Herüberholen kostet ja Zeit und also auch wieder Personalaufwand. Da sollten wir uns die Arbeit nicht unnötig selbst erschweren. Wenn schon ein Neuanfang gemacht werden soll, dann mit Vernunft und mit Blick auf die alltägliche Praxis! Denn in ihr zeigt sich, ob eine Institution für den Bürger eingerichtet ist oder nicht.

Archivarbeit ist eine sehr mühsame Arbeit, für die man nur Mitarbeiter gebrauchen kann, die sich ganz in den Dienst der Aufgabe zu stellen bereit sind. Öffentlicher Applaus ist nicht zu erwarten. Die Motivation erwächst aus der Einsicht und Überzeugung, daß der hier geleistete Dienst Auswirkungen hat, die in Jahrzehnten, möglicherweise sogar in Jahrhunderten noch spürbar sind. Von der Gewissenhaftigkeit und der Arbeitsethik des Archivpersonals hängt es schließlich entscheidend ab, ob von den Erfolgen und Mißerfolgen, den Leistungen und dem Versagen der heute Lebenden, ihren Ängsten, Hoffnungen und ihrer Zuversicht, von ihren materiellen und sozialen Leistungen eine Spur erkennbar bleibt oder nicht, und wie sie zu deuten ist.

Und nicht nur das. Zur Arbeit des Archivars gehört ja nicht allein die Betreuung der am Ort aufbewahrten Archivalien sondern auch die Ermittlung von solchen für die Stadtgeschichte wichtigen Dokumenten, die dem Privatmann zwar zugänglich, in praxe aber doch oft zu schwer erreichbar sind.

Ich spreche von den Materialien, die in auswärtigen Archiven liegen, zuförderst in den Landesarchiven (Hauptstaatsarchiv Stuttgart und Generallandesarchiv Karlsruhe), den umliegenden Stadt-, Adels- und Kirchenarchiven, aber dann auch in ausländischen Archiven, etwa der Schweiz (St. Gallen, Basel, Zürich, Schaffhausen usw.), Österreichs (Wien, Innsbruck etc.: man bedenke, daß Villingen jahrhundertelang habsburgisch war; kaum zu glauben, wieviele Akten da in Wien und Innsbruck liegen und dringend einmal gesichtet werden müßten) und schließlich Frankreichs (Paris, Straßburg, Colmar usw.).

Insofern erschließt ein qualifiziertes Archivpersonal insgesamt bisher noch nicht bekannte Quellen für die Stadtgeschichtsforschung, bewirkt also, daß möglicherweise über Jahrhunderte schweigende Dokumente wieder zu reden beginnen.

Auch die historische Bedeutung der Stadt Villingen kann doch erst dann in ihrer ganzen Dimension richtig in Erscheinung treten, wenn — hier und andernorts — das bestimmt umfangreiche Urkundenmaterial endlich ganz intensiv ermittelt, erschlossen und für die Forschung zugänglich wird. — Die sachgerechte Erschließung aller jetzt schon bekannten Quellen, einschließlich des in der Stadt selbst vorhandenen Materiels, ist — darüber kann kein Zweifel sein — mit einem vertretbaren Zeitaufwand nur zu erreichen, wenn die in unserem Amt seit Jahren im Einsatz befindlichen modernen Hilfsmittel künftig gesamtstädtisch konsequent eingesetzt werden.

Die Mikroverfilmung beispielsweise bietet einen entscheidenden Vorteil: Die Originale werden geschont, und die Dokumente werden reduplizierbar. Wenn aber der Archivbenutzer die Dokumente in Kopie bekommen und mit nach Hause nehmen kann, dann reduziert sich der Archivaufenthalt auf das reine Ermitteln unter Zuhilfenahme der verschiedenen Findsysteme und das Ausfüllen der Bestellzettel. Das mühselige Lesen und Abschreiben im Archiv selbst entfällt und kann zuhause in aller Ruhe vonstatten gehen.

Wir haben inzwischen (in Schwenningen) mit der Mikroverfilmung eine Erfahrung von über 10 Jahren. Mittlerweile stehen auf Mikrofilm zur Verfügung: erhebliche Bestände des bis dato in ca. 2.000 voluminösen Aktenordnern untergebrachten Materials der Stadtchronik; 76 Bände der Schwenninger Inventur- und Teilungs-bücher 1649-1856; unzählige Bände der Gemeinderatsprotokolle, der Güterbücher, der Gebäudekataster, der Häusersteuerrolle, der Gewerbesteuerkataster usw., dazu alle wichtigen Kirchenbücher.

Auch die meisten der unsere Gegend betreffenden Urkundenbücher, die in den Landesarchiven und Landesbibliotheken im Original stehen, sind bei uns über Mikrofilm zu benutzen: Württembergisches Urkundenbuch, Fürstenbergisches Urkundenbuch, UB St. Gallen, UB Freiburg, UB Kloster Allerheiligen zu Schaffhausen, UB Kanton Schaffhausen, Codex Diplomaticus Salemitanus (Kloster Salem), UB Zürich Stadt und Land, UB    Basel Stadt und Land, UB Reichenau, Code \ Diplomaticus Alemanniae et Burgundiae Trans-Juranae, Monumenta Zollerana, Rottweiler Urkundenbuch usw. samt Indicibus.

Wichtig ist natürlich auch die Verfilmung alter Zeitungsbestände, weil deren Papier nach spätestens 100 Jahren anfängt zu zerfallen. So steht z. B. die seit 1880 in Schwenningen erscheinende „Neckarquelle“ komplett auf Mikrofilm zur Verfügung, und wir haben — auch das nur als Beispiel — gerade im letzten Jahr einen großen Teil I der alten Bände des längst nicht mehr erscheinenden „Villinger Volksblatts“ verfilmt, die sich in Villinger Privatbesitz (Hans-Peter Müller, Müller-Druck) befinden.

Ich brauche nicht besonders darauf hinzuweisen, wie unendlich wichtig es wäre, das Villinger Urkundenarchiv (Pergament-Urkunden) durch Verfilmung besser als bisher zugänglich zu machen und dabei gleichzeitig besser zu schonen — von der Sicherung für den Katastrophenfall ganz zu schweigen. Dr. Wilhelm Baum von der Universität Klagenfurt hat neulich erst im Jahresheft 1988/89 des Geschichts- und Heimatvereins Villingen mit Bedauern festgestellt: „Leider ist . . . die Geschichte Villingens im späten Mittelalter nur unzulänglich erforscht. Es fehlt vor allem eine Auswertung der Urkunden des Stadtarchivs aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Keine Frage, daß hier ganz erhebliche Schätze ungehoben schlummern, deren Hebung (und z. T. natürlich auch Edierung) um so selbstverständlicher sein sollte, als ja doch in Villingen im Vergleich zu Schwenningen ein erheblich größeres Potential an heimatkundlichen Forschern vorhanden ist, deren Aktivierung ein leichtes wäre, würde man ihnen nur die vorhandenen Bestände besser zugänglich machen. Dies muß eine der vordringlichsten Aufgaben der nächsten Jahre sein.

Für die Erschließung der Archivbestände gibt es inzwischen auch brauchbare EDV-Programme. Seit dem vorigen Jahr ist bei uns das von dem entsprechenden Unterausschuß des Deutschen Archivtags für die Anwendung in Kommunal- und Kreisarchiven empfohlene Archivprogramm (NIXAS der Firma Nixdorf) im Einsatz; zunächst noch mit aller Vorsicht, denn wegen der vielen verschiedenen in dieser Stadt verwendeten Aktenplan-varianten verbietet sich ein allzu hastiges Vorgehen.

Ich komme noch auf einen Bereich zu sprechen, dessen Bedeutung in der Vergangenheit lange verkannt worden ist, dem man aber in der historischen Forschung der letzten 10 Jahre immer mehr Aufmerksamkeit zuwendet: die sogenannte „Oral History“ oder „Oral Tradition“. Gemeint ist die Erfassung von mündlichem Quellenmaterial durch Befragung von „Zeitzeugen“, welche den von ihnen selbst bewußt erlebten geschichtlichen Zeitabschnitt in ihrer ganz subjektiven Sicht schildern und diese Aussagen dem Archiv zur Verfügung stellen. Die persönliche Färbung solcher mündlicher Quellen wird dadurch gewissermaßen neutralisiert, daß sie vergleichbaren Ausführungen anderer Personen an die Seite gestellt werden. Zwar sind diese mündlichen Darstellungen nicht wie amtliche Dokumente zu werten, aber gerade in ihrer von persönlicher Empfindung und individueller Auswahl geprägten Art vermitteln sie vieles von der Atmosphäre, vom „Klima“ einer Zeit, was schriftliche Dokumente nicht zu vermitteln vermögen. Von besonderem Wert sind solche Interviews mit Zeitzeugen dann, wenn schriftliche Unterlagen gar nicht oder doch nur lückenhaft zur Verfügung stehen, wie etwa aus der Zeit des letzten Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Wie für die Aufgabenstellung „Aktenausscheidung“, so ist nach entsprechender Beratung im Museums- und Archivbeirat auch für die gerade eben genannte Maßnahme „Neuere Stadtgeschichte“ Anfang vorigen Jahres eine wissenschaftlich ausgebildete Fachkraft im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellt worden. Beide sind mir zwecks fachlicher Führung zugeordnet worden.

Was da mit Hilfe von Tonbandaufnahmen oder Interviews zusammengetragen wird, ist gewiß von beachtlichem historischen Wert, kann aber natürlich für eine kurzfristige Veröffentlichung nur bedingt in Frage kommen, weil die unter Zusicherung der Vertraulichkeit erhobenen Informationen den gesetzlichen Auflagen zum Schutze des Persönlichkeitsrechts unterliegen. Was dort zu Protokoll gegeben wird, findet Eingang ins Archiv und ist erst nach Ablauf der entsprechenden Sperrfristen und unter Wahrung der genannten Schutzbestimmungen, oft erst nach Jahrzehnten verwendbar.

Es versteht sich von selbst, daß ein Archiv das Gebot der Vertraulichkeit und des Persönlichkeitsschutzes ganz besonders strikt zu beachten hat.

Mit der Befragung der Zeitzeugen muß man jetzt, möglichst sofort, beginnen, weil leider schon allzuviele derer, die über die erste Hälfte unseres Jahrhunderts kompetent Auskunft geben könnten, den Weg alles Irdischen gegangen sind und für immer schweigen. Genaugenommen ist ja jeder einzelne Mensch mit seinem im Gedächtnis gespeicherten Wissen ein individuelles Archiv, das erschlossen werden kann.

So ist folgerichtig dem Archiv auch daran gelegen, private Nachlässe zu erwerben, ebenso Firmennachlässe, Vereinsakten und ähnliche nicht-behördliche Bestände; denn dieses Dokumentenmaterial hat anerkanntermaßen großen historischen Quellenwert und kann dort, wo Ereignisse im behördlichen Schriftgut keinen Niederschlag gefunden haben, diese Überlieferungslücken schließen helfen. Auch Plakate, Druckschriften und Zeitungen können in gleicher Weise hilfreich sein. Schließlich komme ich noch auf einige Aspekte zu sprechen, von denen man vielleicht glauben mag, sie seien von peripherer Bedeutung, die aber in Wahrheit schon jetzt von erheblichem Belang sind und uns künftig noch manche Sorge bereiten könnten. Ich meine einerseits die technischen Fragen um die sachgerechte langfristige Aufbewahrung der Archivalien im Archivalienmagazin und zum anderen die z. T. bedrängenden Fragen, die sich für das Archiv aus der Anwendung der EDV in der Verwaltung ergeben.

Zitat aus einer Publikation der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg zum Archivalienmagazin: „Es sichert die Archivalien gegen unberechtigten Zugriff und schützt sie gegen Feuer und Wasser sowie gegen schädliche Einflüsse von Licht, Wärme, Feuchtigkeit, Staubund Gasemissionen, deren nachweislich negative Einflüsse auf die Erhaltung der Dokumente erforderlichenfalls durch aufwendige technische Vorrichtungen wie Filter- oder Klimaanlagen vom Archivgut ferngehalten werden müssen.“

Das hört sich so selbstverständlich an: aber man übersieht leicht, was da bei uns noch alles fehlt. Gar nicht zu reden von den vielen Problemen, die durch Verwendung von Schreib- und Papiermaterialien entstehen, die eine dauerhafte Konservierung des Schriftgutes in Frage stellen; und auch bei den Aufbewahrungsmitteln (Ordner, Mappen und andere Archivbehälter aus chemisch möglichst neutralem Material) ist noch manches nicht so, wie es sein sollte.

Der zweite große Problembereich erwächst aus der rasanten Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der Verwaltung. Ein Blatt Papier kann zweiseitig beschrieben werden, und damit ist Schluß: irgendwann wird es dann weggeworfen oder kommt ins Archiv. Anders dagegen Magnetbänder und Speicherplatten: sie sind wiederverwendbar.

Deshalb ist die Gefahr groß, daß vieles an Informationen, was auf konventionellem Wege ins Archiv gekommen wäre, gelöscht wird, sobald seine Erhaltungswürdigkeit von irgend jemandem, der sich ein Urteil darüber zutraut, nicht mehr als gegeben angesehen wird. Und im allgemeinen kann er sich des Wohlwollens seines Vorgesetzten sicher sein, hat er doch der Behörde durch die Wiederverwendung des Speichermediums Kosten erspart.

Ich möchte das hier nicht weiter ausführen, aber man kann sich leicht vorstellen, wieviel Spuren geschichtlicher Vorgänge auf diese Weise — oder auch nur durch irgend ein technisches Versagen — für immer gelöscht werden können.

Auch noch ein anderer Aspekt desselben Themas kann einem Sorge machen: die riesige Speicherkapazität, die bei der Benutzung des Computers zur Verfügung steht. Eben weil diese Kapazität schier unbegrenzt erscheint, wird man sich möglicherweise mit dem Löschen gar nicht lange aufhalten, denn das kostet ja nur Zeit; und außerdem: was kann es denn schaden, wenn man die Informationen noch zusätzlich hat? Vielleicht braucht man sie ja doch irgendwann einmal wieder. Zudem beantwortet sich die Frage nach der Wichtigkeit einer Information in dem Augenblick wieder anders, wenn verschiedene bestehende Datensammlungen miteinander vernetzt werden.

Was soll nun geschehen, wenn verschiedene Behörden Magnetbänder oder Speicherplatten, die bis an den Rand mit Millionen von Informationen voll sind, doch ins Archiv geben? Wie hätte dann eine Aktenausscheidung, wenn man sie denn überhaupt noch so bezeichnen kann, auszusehen? Welcher Archivar sollte sich dann — und wie lange — an den Computer setzten, um zu entscheiden, was von der ganzen Datenflut gespeichert bleiben soll und was nicht? Kann er das überhaupt entscheiden, oder ist die Entscheidung bereits bei dem abgegebenen Amt zu fällen?

Und wenn man schon die Software im Archiv hat, wie ist es dann mit der dazugehörigen Hardware, die man ja braucht, um die gespeicherten Daten wieder lesbar zu machen? Die Daten müssen logischerweise laufend auf die neuesten in Gebrauch befindlichen Datenträger kopiert werden, denn anderenfalls müßte sich das Archiv — bei der bekanntermaßen rasanten Entwicklung im Hardware-Bereich — für die verschiedenen Sorten von Disketten, Platten, Magnetbändern etc. ja einen ganzen Hardware-Park an Geräten, sozusagen ein funktionstüchtiges Hardware-Museum, zur Verfügung halten.

Dies sind keine theoretischen Überlegungen sondern bereits ganz aktuelle und dringende Fragestellungen, die von den Archivaren inzwischen auf sämtlichen Archivtagen und in der Fachliteratur diskutiert werden.

Abschließende Bemerkung:

Das Archiv in dieser Stadt sollte unbedingt aus dem Schattendasein heraustreten, das es bisher geführt hat. Es ist keine Nebensache sondern aktuelles Anliegen und auch für die Zukunft gleichermaßen wichtig. Eine moderne Stadt kann es sich heute nicht mehr leisten, ein verstaubtes, träge funktionierendes, für Außenstehende undurchschaubares, gar vermufftes Archiv zu haben. Vielmehr hat ein Archiv heute ein selbstverständlicher, genauso wie andere Ämter auf Effizienz ausgerichteter, integraler Bestandteil des Gesamtverwaltungsapparats zu sein; eine Einrichtung, die sich dem Dienst am Bürger verpflichtet weiß. Die Arbeit muß mit Sachverstand und Energie angegangen werden, und zwar von Leuten, die sich für diese schwere, aber außerordentlich wichtige Aufgabe ganz individuell und unter Zurückstellung aller persönlichen Eitelkeiten wirklich in Dienst nehmen lassen. Ohne ein in diesem Sinne hoch motiviertes Team müßte man an dem Umfang der Aufgabe verzweifeln. In Schwenningen hat sich — das darf man ohne Überheblichkeit sagen — in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eine Menge bewegt; auch die Archive der kleineren Stadtbezirke, die uns, vor etwas mehr als 10 Jahren ebenfalls anvertraut wurden, sind von uns geordnet und für die ortsgeschichtliche Forschung inzwischen erschlossen worden.

Die meiste Arbeit muß künftig in Villingen getan werden. Es wird nötig sein, mindestens fünf bis zehn Jahre lang alle nur mögliche Energie darauf zu verwenden, daß dem so bedeutenden Villinger Stadtarchiv durch eine sachgerechte Neuordnung und Erschließung der Bestände der Rang eingeräumt wird, der ihm zusteht. Denn wer immer die zwölf Archive dieser Stadt zu betreuen hat (die Alt-Archive der elf Stadtbezirke und das Archiv der Stadt ViIIingen-Schwenningen) und dabei dem ViIIinger Stadtarchiv nicht einen ganz besonderen Rang einräumt, der verhält sich wie jemand, der eine Muschel hat und sich um die Perle darin nicht kümmert.

Die Bedeutung, die eine Stadt ihrem Archiv beimißt, ist ein zuverlässiger Gradmesser für ihr eigenes Identitätsverständnis. Daß dem so ist, „erhellt schlaglichtartig (George) Orwells Roman »1984«, wenngleich in der totalen und extremen Umkehrung der . . . Wertvorstellung: Durch die gezielte Manipulation der Quellen wird hier der Mensch aus seiner Vergangenheit vertrieben; durch das Auslöschen der Erinnerung werden ihm die konstitutiven Elemente zur Persönlichkeitswerdung entzogen, wird er seiner Identität beraubt.“ (Ottnad)

Ich hoffe, ich konnte durch meine Ausführungen einen Überblick über unseren Aufgabenbereich verschaffen, der sich besonders in den letzten 10 Jahren enorm ausgeweitet hat und sich inzwischen auf den gesamten Archivbereich der Stadt erstreckt — mit Ausnahme des Villinger Altarchivs. Und so ganz „nebenbei“ betreiben wir ja auch noch ein Museum und zwei Heimatstuben. Es erfüllt mich mit Zuversicht, zu sehen, wieviel Gutes möglich ist, wenn Menschen auf der Basis von Glaubwürdigkeit und Vertrauen zusammenwirken; nicht nur in unserem eigenen Team und innerhalb der Verwaltung konnte ich das erfahren, sondern vor allem auch im Umgang mit den engagierten Bürgern unserer Stadt. Archivar zu sein ist keine Solonummer, und schon gar kein Job wie jeder andere sondern bedeutet, sich zutiefst einbinden zu lassen in das Leben der Stadt und ihrer Menschen, deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dem Archivar gleichermaßen am Herzen liegen müssen, weil diese Menschen ja in ihn die Hoffnung setzen dürfen, er werde dafür sorgen, daß von ihrem Erdendasein eine Spur über die Gegenwart hinaus erkennbar bleibt.

Sachverwalter ihrer Geschichte zu sein: das ist ganz gewiß eine der ehrenvollsten Aufgaben, die eine Stadt zu vergeben hat.

 

SIE FRAGEN -WIR ANTWORTEN

Frau Dorothea Wirsig, geb. Schellenberg, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, fragt:

Woher kommt das „o“ im Wort Narro?

Der Geschichts- und Heimatverein antwortet:

Über das „o“ im Wort „Narro“ gibt es nichts Sicheres.

Eine systematische wissenschaftliche Forschung im Sinne einer volkskundlichen Deutung des Ursprungs unserer heimischen Fas(t)nacht und der sie begleitenden Phänomene hat erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts richtig eingesetzt. Die Ergebnisse werden nach wie vor kontrovers diskutiert. Ergänzende germanistische Studien sind uns bisher überhaupt nicht bekanntgeworden. Unser angebotener Lösungsvorschlag muß deshalb hypothetisch bleiben.

Im Bereich der schwäbisch-alemannischen Fasnetorte wird das Wort „Narro“ in zweifacher Bedeutung verwendet:

Zum einen bezeichnet es eine närrische Figur.

Als solche kennen wir diese exemplarisch aus Villingen, Laufenburg, Oberndorf, Waldshut.

Zum andern ist es sowohl Zuruf als auch Ausruf oder Bestandteil von Aufsageversen, wo es entweder Ausruf ist oder die Narrenfigur meint.

Beispiele für Zurufe Villingen: Narri-Narro!, Radolfzell: Narri-Narro!, Konstanz: Ho Narro!, Stockach: Narro!

Beispiele für Aufsageverse und Ausrufe:

Narro, Narro, Lumpehund,

häsch nit g’wißt, daß d’Fasnet kunnt    (wird an mehreren Orten verwendet, wo auch andere Ausdrücke vorkommen können, wie z. B. Hanselema.)

Laufenburg:

Narro chridewiß

Het d’Chappe volle Lüs . .

Villingen:

Narro, Narro, Wießbrot

Gib mer e Stückli Schwarzbrot!

Villingen, Rottweil u. a. Orte in teilweise variierter Schreibweise:

Narro, Narro sibe Sih,

Sibe Sih sind Narro gsi.

Wolfach:

Wohlauf, wohlauf,

Im Namen des Herrn — hätt i’s g’wißt,

Der Narrotag erstanden ist.

Der Tag fängt an zu leuchten

Den Narro wie den Gscheiten,

Der Narrotag, der nie versagt,

Wünsch allen Narro e guete Tag!

Gengenbach:

Schelle Schelle sechse,

Alli alte Hexe!

Narro!

Im allgemeinen dominiert die Vokalendung „o“. Sie variiert gelegentlich im mundartlichen Reim auch nach „a“ oder „e“.

Donaueschingen:

Narra, Narra siebe si . . .

Oberndorf:

Kirch ischt aus,

Narra raus!

Es könnte eingewendet werden, daß die althochdeutsche Bezeichnung für Narr „Narro“ sei. Die heutige Verwendungsform daraus ableiten zu wollen, dürfte wegen der zu großen zeitlichen Distanz nicht zulässig sein, zumal schon im nachfolgenden mittelhochdeutschen Sprachgebrauch diese Form nicht mehr existiert. Dort finden wir „narre, tor, narr“.

Zu 1. Als die Bezeichnung einer Narrenfigur werden wir das Wort „Narro“ als eine romanisierte Form zu betrachten haben, die durch den italienischen Einfluß seit der Barockzeit entstanden ist. Dafür eine genaue Zeit anzusetzen ist nicht möglich. Der Villinger Benediktinerabt Georg Michael II. Gaisser kennt das Wort „Narro“ im 17. Jahrhundert noch nicht. In der Übertragung des lateinischen Textes seines Tagebuches durch OstD Stemm-ler ist mehrfach nur von „Narren“ die Rede; so z. B. 1644: „Narren in Weiberkleider“, 1648: „Zahl der Narren war groß“, 1649: „öffentliche Tänze Maskierter“ (choreae personatorum), 1650: „Die Narren in großer Anzahl“, 1653: „Die Jugend im Narrengewande“ (more Lupercorum personata).

Albert Fischer meint zwar 1922 in seiner Schrift „Villinger Fastnacht — einst und heute“: “ . . . der Narro hat seinen Namen erst seit ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts; …“ doch wird im Jahre 1770 in den Villinger Ratsprotokollen immer noch vom sogenannten „Narrenhäs“ gesprochen.

Die heutige Verwendungsform „Narro“ ist, wie gesagt, aus der Geschichte des Wortes nicht eindeutig ableitbar, außer daß das Ursprungswort sowohl etymologisch als auch ideengeschichtlich von Narr abstammt. Wahrscheinlich ist es —wie oben angedeutet, das transalpinische Lehen einer Endungsform, wie wir sie bei „Domino „, „Bajazzo“ oder „Pierrot“ antreffen.

Jedenfalls bildete sich, zumindest seit dem 19. Jahrhundert, für einen inzwischen entstandenen und ganz bestimmten Narrentyp die Bezeichnung „Narro“ heraus, eben unsere „historische“ Fastnachtsfigur. „Narro“ ist die umgestaltete Wortform, die zur Verwandlung des maskierten aber undifferenzierten fastnächtlichen Alltagsnarren in die heutige Form gehört und ihn als solchen definiert. Dabei haben die Endungen italienischer Bezeichnungen für komische oder possenhaft-närrische Personentypen oder Figuren der italienischen Commedia dell’arte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit mitgewirkt.

In diesem Zusammenhang ist die Romanisierungswelle unübersehbar, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert überkommt und ins 19. Jahrhundert ausläuft. Es ist die Zeit, wo das Wort „Carneval“ landesweit das seit dem hohen Mittelalter gebräuchliche Wort Fastnacht (Vasnacht, Fasnet u. a.) ablöst. Im 19. Jahrhundert regiert Prinz Carneval, dem wir als Einzelfigur noch heute im Umzug der Villinger Katzenmusik begegnen.

Zu 2. „Narro“ als Zuruf, Ausruf und Bestandteil von Aufsageversen. In diesen Zusammenhängen wird das Wort „Narro“ laut und vernehmlich gesprochen oder gerufen. Es hat hier also eine phonetische Dimension. Die Lautbildung durch einen Endvokal ist in der Klangwirkung einem Endkonsonanten überlegen, weil der erstere modulations- und dehnungsfähig ist.

Das „o“ bei „Narro“ hat deshalb den gleichen Charakter wie der endbetonte Imperativ, z. B. bei „hallo!“ oder „feurio!“ u. a. . Nachdem in Aufsageversen mit „Narro“ sowohl die Figur gemeint sein kann als auch ein Ausruf verbunden, darf man annehmen, daß beide Verwendungsformen sich entstehungsgeschichtlich ich wechselseitig bedingt haben. Ob dabei die Bezeichnung „Narro“, die die Figur meint, oder „Narro“ als Ausruf zuerst da war, bleibt offen. Hier kann man nur vermuten.

Abwegig erscheint uns allerdings ein Zusammenhang mit Namensendungen auf „o“, wie bei Bruno, Kuno und vielen anderen. Bei diesen liegt die Verkürzung einer Namensform vor. Beispiele: Agilo = Agilbert, Egilo = Egilbert, Reimo = Reinbert, Kuno = Kunibert, Heimo = Heimeran, Heino = Heinrich usw.; eine Ausnahme bildet Bruno = der Braune.

Namen mit der Vokabelendung „o“ dienen also regelmäßig als Kurzform. Das „o“, welches das kurzgesprochene Wort „Narr“ erweitert, hat abgesehen von seiner Sinnbedeutung reine Klangwirkung.

Werner Huger

 

 

Rätselhafte Felszeichnungen

Herbert Schmid aus Mannheim, unser Mitglied, schreibt:

Während meines Ferienaufenthalts in Villingen entdeckte ich neben der Landstraße, L 173, kurz vor Maria Tann, unterhalb der Ruine Kirneck, eine merkwürdige Felszeichnung. Es handelt sich um einen eingemeißelten Kopf im Profil, der wie eine Kinderzeichnung aussieht; darunter ist ein Kreuz mit gleichen Seitenlängen eingemeißelt. Soviel ich erfahren habe, soll vor langer Zeit hier ein Mord geschehen sein. Stimmt das?

Der Geschichts- und Heimatverein antwortet:

Es stimmt.

Vor bald 100 Jahren, genauer am 24. Oktober 1892, wurde hier eine junge Frau ermordet. Nachdem man schon einige Tage vorher auf der Straße bei der Ruine Kirneck einen Schirm und ein Körbchen gefunden hatte, entdeckte man am 1. November im Flußbett der Kirnach ein ertrunkenes Mädchen, welches sich nach den polizeilichen Ermittlungen als die ledige 24 Jahre alte Bertha Kaltenbach aus Vöhrenbach erwies.

Die Felszeichnung eines Unbekannten weist darauf hin, daß hier, neben der Landstraße L 173, bei Maria Thann, am 24. Oktober 1892 eine junge Frau ermordet wurde.

 

Der Vorgang war folgender: Die Bertha Kaltenbach ging am 24. Oktober 1892 zu Fuß nach Villingen, um den Mann aufzusuchen, von dem sie vor wenigen Monaten ein lediges Kind bekommen hatte. Sie wollte eine Unterstützung für ihr Kind erbitten, was dieser aber ablehnte. Sie ging darauf zum Bahnhof in ViIlingen, wo sie Verwandte erwartete, mit denen sie gemeinsam nach Vöhrenbach zurückgehen wollte. Sie wartete allerdings vergeblich und wurde bei dieser Gelegenheit von einem jungen Mann angesprochen, der sich anbot, sie zu begleiten. Die junge Frau ging daraufhin zur Gaststätte „Deutscher Hof“, später „Zähringer Hof“, heute das Haus des Neckar-Verlags, Klosterring 1. Sie war früher in dieser Wirtschaft beschäftigt gewesen und frug den Portier, den sie offensichtlich kannte, ob sich Leute aus Vöhrenbach in der Wirtsstube aufhielten und merkte wohl an, den Mann, der ihr nachliefe, kenne sie nicht. Nachdem sich keine Leute aus Vöhrenbach in der Gaststube befanden, nahm sie die Begleitung des jungen Mannes an. Dieser wurde ihr späterer Mörder. Bei der gerichtlichen Vernehmung gab der in Donaueschingen festgenommene Bartholomäus Ratzer aus Reiselfingen an, er habe an die Kaltenbacher ein unsittliches Ansinnen gestellt, worauf diese ihm gedroht habe, ihn anzuzeigen. Ratzer gab an, er sei daraufhin dermaßen zornig geworden, daß er ihr sogar mit der Faust auf den Kopf schlug, worauf sie die Straßenböschung hinuntergefallen sei. Wie den weiteren Aussagen zu entnehmen ist, ergriff er faustgroße Steine und warf nach der unterhalb von ihm Lioegenden. Er ging auf sie zu und versetzte ihr mit dem Stiefelabsatz mehrere Tritte auf den Kopf und als sie sich zu wehren begann, band er ihr ein Tuch um Mund und nase, damit sie nicht schreien konnte. Ratzer führte weiter aus, er habe, als er das Mädchen leblos liegen sah, sie in das Wasser der Kirnach geschleppt, wo sie noch einmal lautlos aufgestanden und in den Bach getaumelt sei. Als die Bertha Kaltenbach stürzte und ganz mit Wasser überflutet war, wälzte er einen großen Stein auf ihren Körper. Die gerichtlich angeordnete Obduktion ergab, daß sie noch lebend in das Wasser gefallen war. Dieser Bartholomäus Ratzer hatte kurz vor der Tat eine zweijährige Freiheitsstrafe in Freiburg verbüßt, nachdem er auf dem Hochfirst eine Frau überfallen und beraubt hatte; außerdem hatte er seinen Lehrherrn, einen Bäckermeister, bestohlen.

Es fragt sich, ob es sich bei dieser Tat um ein Sittlichkeitsverbrechen oder um einen Raubmord gehandelt hat. Auf alle fälle hat man auch den leeren Geldbeutel der Bertha Kaltenbach gefunden.

Ratzer wurde vom Schwurgericht in Konsttanz zum Tode verurteilt, schließlich aber zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe begnadigt.

Der Berichterstatter hat aus Vöhrenbach erfahren, daß Ratzer bei einem Ausbruchsversuch aus dem Zuchthaus in Bruchsal einen Wärter getötet habe und dabei selber erschossen worden sei.

Wer die Felszeichnungen wenige Meter seitlich der L 173 vor langer Zeit eingemeißelt hat, konnte leider nicht mehr festgestellt werden. Sie war inzwischen fast überwachsen, so daß die Beobachtung durch Herrn Schmid schon eine Entdeckung darstellt. Der Berichterstatter hat sie daraufhin freigelegt und mit weißer Farbe ausgemalt.

Hermann Preiser

Wiedergabe der Fahndungsanzeige aus dem Villinger Volksblatt vom 8. 11. 1892.

 

Servus! Schemme (Werner Huger)

 

Er war ein Original. Lange Jahre wollte er es nicht wahrhaben. Schließlich lebte er davon. Er legte seinen bürgerlichen Namen Erhard Fleig ab und ließ sich von jedermann „Schemme“ rufen. Im amtlichen Telefonbuch stand „Schemme, Goldgrubengasse 21“. So wollte er es. Er selbst machte sich zum Narr, der er in Wahrheit nie sein wollte. Noch in jungen Jahren — bald nach dem 2. Weltkrieg— ist er jedem über den Mund gefahren, der ihn einfach mit „Schemme“ ansprach. Man mußte sich herantasten, das Wort einmal wagen. Ließ er es geschehen, war man im inneren Kreis, gehörte man zu seinen Freunden. Schon damals hatte das Wort die Dimension, die ihm noch heute zukommt, wenn man sagt: „Mach doch ko so e Schemme“, gemeint ist ein fratzenhaftes Gesicht. Sei n’s hat tatsächlich so ausgesehen. Durch dieses Gesicht wurde er zur unverwechselbaren, einmaligen Type. Dieser Beiname war eines Tages einfach da; es ist Jahrzehnte her. Als „d’Schemme“ vor zwei Jahren ein Thema der Tagespresse wurde, hat er in einer Selbstdarstellung die Geburt seines „Zweitnamens“ verständlicherweise geschönt. Zu seinem Gesicht kam sein Wesen. Beide ergänzten sich. Er ließ keinen Zweifel daran, daß er es verstünde, aus einem 1/2 Pfund Rindfleisch und 1/4 Pfund Margarine einen Liter ausgezeichnete Soße zu machen.

Originale werden nicht erfunden. Sie werden durch ihr Aussehen, ihr Wesen und ihre Wirkung im Ansehen der Menschen zu solchen gemacht. Eigentlich sind sie immer irgendwie Opfer. Das ist hart. Sie werden zur Attraktion einer oberflächlichen Erlebbarkeit. Ihre Selbstverwirklichung als sehnendes, begehrendes oder liebendes Wesen bleibt am Vorurteil der Mitmenschen hängen. Das Signum des Originals ist die Karikatur. Originale bleiben einsam. Sie werden leicht zu Sektierern und Besserwissern.

Erika war ein auffallendes Mädchen. Sie hatte —fast— alles, um für Männer andere Mädchen vergessen zu machen. Allein schon ihre Figur . . Mit leichter Hand versunken über die flaumige Zartheit ihrer Haut zu streicheln waren Augenblicke des Glücks. Erhard Fleig, „de Schemme“, blieb die Ferne, die Unnahbarkeit. Daraus wurde sein schöner Foxtrott, der ihm ein paar Mark Tantiemen des Südwestfunks einbrachte, mit dem Text: „0 Erika, o Erika . . .“, an dessen Ende es heißt: “ . . . bitte, bitte, kleine Erika, komm und werde meine Frau“. Niemand wurde seine Frau. Er blieb Junggeselle. Und wenn er in der Tageszeitung sagen ließ „das bin ich aus Überzeugung“, dann war es zwar weniger als eine Lüge, aber es war die verdrängende Selbsttäuschung als Teil jener Theaterrolle, die es ihm auferlegte, das Leben auch zu spielen.

Der begabte Musikant komponierte und betextete auf diese Weise eine Fülle gefälliger sentimentaler Melodien, ohne jedoch das Niveau von seligen Heurigenliedern zu überschreiten. Zugegeben, welcher Feriengast würde sich nicht gelegentlich in die verzaubernde Illusion eines Weinabends im Garten einer Wiener Vorortschenke verlieren.

Doch d’Schemme konnte auch anders. Es war bei einem der Ausflüge irgendeines Schuljahrgangs zur Bodenseeinsel Mainau. Auch hier hatte man ihn, wie immer wieder bei Klassentreffen, angeheuert, damit er mit seinem Akkordeon unterhalte. Die kleine Schloßkirche auf der Insel war vor kurzem restauriert worden. Ihr Inneres leuchtete in den aufgefrischten Farben des Barocks. Die Putten an den Wänden schienen vor Freude davonfliegen zu wollen, hinaus durch die weitgeöffnete Tür, ins Licht der Sommersonne. Still traten Menschen herein, setzten sich, betrachteten oder beteten. Auf einer Kirchenbank saß d’Schemme, das Akkordeon auf den Oberschenkeln, es reichte ihm bis unter das Kinn. Plötzlich erklang ein zögerliches Präludium, das, kaum hörbar, durch den Raum perlte. Flötentöne gesellten sich hinzu, tanzten heiter bewegt auf den Lichtbahnen zu den Fenstern, kehrten zurück und vereinigten sich mit den in immer größerer Zahl aufsteigenden Akkorden, bis schließlich im kräftigen Appassionato die ganze Kirche angefüllt war mit dem jubilierenden Orgelschwall einer Musica sacra. Ganz langsam stiegen die Töne der freien Improvisation wieder herab, erreichten die Erde und verklangen in ebenso zarten Paraphrasen, wie sie aufgestiegen waren.

Erhard Fleig wurde am 2. Februar 1921 geboren. Einer Arbeit, im bürgerlichen Sinne, ist er selten nachgegangen. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente er, wie angedeutet, als musikalischer Unterhalter. Er brauchte zum Leben nicht viel. Neben dem bißchen Essen ein paar Zigaretten, ein Glas Orangenlimonade. Manchmal spendierte ihm ein Freund eine Bratwurst mit Brot oder warf ihm ein paar Münzen in den aufgestellten Hut.

Daheim war er einst im elterlichen Haus in der Rosengasse. Man nannte ihn gelegentlich auch „de Rosegäßle-Fox“, hatte er doch einen Foxtrott komponiert und den Text unterlegt „im Rosegäßle ist es herrlich, im Rosegäßle ist es schön …“

Das Haus trug die Nummer 2 und war von der Brunnenstraße aus gleich das zweite Gebäude rechts. Es ist heute abgerissen und die Stelle Teil eines erweiterten Neubaues. Sein Vater war Architekt, das familiäre Umfeld rechtschaffen bürgerlich. Als der Vater gestorben war, sorgte die Mutter für ihn. Vorausschauend vermachte sie das Haus nicht ihrem Sohn sondern verkaufte es, sicherte ihm aber nach ihrem Tode auf Lebzeiten darin ein Wohnrecht. Als er eines Tages damit anfing, im Winter den Holzfußboden herauszureißen, damit er im Ofen wenigstens ein Feuer hatte, bot ihm der neue Eigentümer eine Abstandssumme. So landete er schließlich in einem städtischen Haus, in der Goldgrubengasse 21, im Herzen der Stadt, die für ihn an der Ringmauer endete. Er war endgültig zum Sozialfall geworden. Und noch eines hatte die Mutter besorgt: Auf dem Villinger Friedhof steht seit vielen Jahren in den Stein über dem Familiengrab eingemeißelt „Erhard Fleig, 1921 — „. Jetzt kommt hinzu „21. März 1989“. Am 23. März, um 9.00 Uhr, hat man ihn zu Grabe getragen; zur selben Stunde als diese Zeilen geschrieben wurden. Servus! Schemme —

WH

 

 

Die Hammerkapelle beim Villinger Kurpark (Walter K. F. Haas)

— Legende und Wirklichkeit —

Im Spanischen Erbfolgekrieg zog das französische Heer von 30000 Mann auf dem Marsch von Frankreich nach Bayern vor die Stadt Villingen, beschoß sie und belagerte sie mehrere Tage vergeblich. Neben zahlreichen Soldaten des Feindes seien auch zwei französische Generäle gefallen. Noch während der Belagerung im Juli 1704 sei der eine im abgegangenen „Rotkäppele“, südlich auf dem Berg gegenüber dem Kirnacher Bahnhöfle, der andere im „Hammerkäpelle“, also unserer Kapelle, begraben worden, daneben 24 Constabler.

Nehmen wir es vorweg: 1972 ließ der jetzige Eigentümer der Kapelle, Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, aus Anlaß einer Renovation das gesamte innere Bodenarial des kleinen Gebäudes bis auf eine Tiefe von zwei Meter er-graben. Man fand weder ein Grab noch Anhaltspunkte für eine Bodenveränderung in früherer Zeit. Erwähnen wir nur noch eine der Phantasiegeschichten: Folgt man der neuen Trasse der B 33 in Richtung Bad Dürrheim, dann fahren wir an der zweifarbigen Gaskugel vorbei. Nach wenigen hundert Metern, noch vor der Waldschneise, links, d. h. nordöstlich an die Straße angrenzend, heißt ein Gewann „Beim Aasener Käppele“; tatsächlich verläuft die moderne Trasse der Bundesstraße auf der Linie eines uralten Feldwegs „nach Aasen“. In der Nähe stand einst das „Aasemer Käppele“. Wir befinden uns hier, einige Kilometer vom Standort der Hammerkapelle, geologisch im Übergangsbereich vom Oberen Muschelkalk zum Keuper. Nun erzählt die Geschichte, die Hammerkapelle beim Kurgarten sei die nach dort versetzte Aasemer Kapelle. Es gibt bei Legenden durchaus den historischen Bezug, der aber in der Regel durch unbewußte Verfälschung von Zusammenhängen ein unrichtiges Bild ergibt; so auch hier beim Aasemer „Kapellele“, wie wir noch sehen werden. Daß die Geschichte unrealistisch ist, mag schon daraus geschlossen werden, daß die Hammerkapelle aus Buntsandstein erbaut wurde, der als Bausandstein in der Umgebung ansteht, während man eine kleine Kapelle im Bereich des Muschelkalks bzw. Keupers nach aller Erfahrung, die wir heute noch an alten Häusern machen können, aus dem nächstliegenden Gestein errichtet haben dürfte. Im Bereich des Stallbergs und am Kopsbühl, also in der Nähe des „Aasemer Käppeles“ befanden sich alte Steinbrüche im Muschelkalk. Weiter östlich gab es einen bis zur Gegenwart ausgebeuteten und erst vor wenigen Jahren wieder rekultivierten Keupersteinbruch. Interessanterweise macht man im Kern der mittelalterlichen Stadt die Feststellung, daß Buntsandstein und Muschelkalksteine im Mauerwerk der alten Häuser gemischt vorkommen. (Mitteilung Werner Huger).

Die Hammerkapelle trägt auf dem Türsturz die Jahreszahl 1723. Geht man davon aus, daß es sich hier um das tatsächliche Baujahr handelt, wissen wir dennoch nicht, wer sie errichtet hat und aus welchem Anlaß. Sicher ist, daß zwischen der Kapelle und der Hammerschmiede „Unterer Hammer“ Beziehungen bestanden. Der „Untere Hammer“ befand sich etwa 100 Meter südlich der Kapelle, gewissermaßen in der Fallinie, an der Stichstraße, die zwischen Kurgarten und Kneippbad über die Brigach führt und in Sichtverbindung zu ihr. Steht man auf der schmalen Brücke über dem Bach, mit Blick nach Osten, dann sieht man noch die das Wasser ableitenden Kanalwände. Es dürfte sich beim „Unteren Hammer“ um eine der vier im Jahre 1704 in Villingen bestehenden Feilen- und Eisenhämmer gehandelt haben. Der Name ist schon lange verklungen» Als Besitzer des „Unteren Hammers werden genannt:

1667 Michael Grüninger, Kupferhammerschmied

1693 Jakob Grüninger

1713 Franz Grüninger

1 766 Joachim Grüninger

1 784 Joachim Grüninger

Aus welcher Linie die obigen Namen auch immer stammen, ihre Träger sind jedoch in der genealogischen Reihe nicht die Glockengießer selbst, vielleicht Brüder. 1767 ist es nämlich Josef Benjamin G., der die Glocken für den Benediktinerturm gießt.2) Die Familie der Grüninger tritt zum erstenmal 1645 ins Licht, als Joachim Grüninger die Glockengießerei in Villingen von seinem Schwiegervater Christoph Reble übernimmt. Er begründet die dreihundert Jahre in Villingen wirkende Glocken-gießerdynastie. 1672 ist er im Rat der Stadt vertreten. Sein Sohn, der ihm als Glockengießer nachfolgt, ist Matheus (Mathias), geb. 2 5. 6. 1653, gest 1710. (Der Bruder ist der Stadtsyndikus und -schreiber Johann Michael G., gest. 1710). Die Söhne des Matheus sind Jakob Pelagius, Hammerschmied, 6. 5. 1690 — 12. 6. 1772 und Meinrad Anton, Glockengießer, 1692 — 1750. Beide arbeiteten zusammen. Pelagius heiratete am 18. 4. 1712 die Tochter Maria Eva des Anton Josef Schupp, Bildhauer und vielleicht ebenfalls Ilgenwirt (= Lilienwirt), einem Angehörigen der bedeutenden Villinger Barockkünstlerfamilie, der unter anderem die 12 Apostel an den Hoch-schiffwänden im Villinger Münster geschaffen hat. 3) Die Brüder Pelagius und Meinrad Grüninger gelten als die Stifter bzw. Erbauer der Hammerkapelle.

Zwar wird der Nachweis, daß die beiden Brüder Pelagius und Meinrad Grüninger die Erbauer der Kapelle sind, nie gelingen, doch gibt es dafür ein wichtiges Indiz, das in der weiteren Verfolgung der Kapellengeschichte aufschlußreich ist. Es gibt einen Schenkungsvertrag, in dem die beiden Brüder einem Unbekannten mit Eintrag 1740 ins Kataster eine Zuwendung machen. Demnach hatten die Gebrüder Grüninger „zur Erhaltung der beim Hammer stehenden Kapelle zwei Jauchert Ackerland beim Aasener Käppele gestiftet“; dem Besitzer des „Hammer“ wird der ständige Gebrauch und Nutzen eingeräumt mit der Auflage, das Feld „darf weder verkauft noch verpfändet werden“. Der Stiftung liegen ursprünglich religiöse Motive zugrunde, doch die Brüder Grüninger wollten unter allen Umständen auch die Bausubstanz erhalten, was in der feudalistisch-agrarwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung des 18. Jahrhunderts in erster Linie über Grundbesitz erreicht wurde.

Der jetzige Eigentümer der Hammerkapelle, Wolfgang Blessing, vermutet nicht zu Unrecht, daß bei der Gestaltung des Holzaltares, den er renovieren ließ, der Villinger Künstler Anton Schupp Pate gestanden haben könnte, nachdem wir wissen, daß seine Tochter die Frau des Stifters Pelagius Grüninger war; sie starb allerdings schon 1717. (Es wäre die reizvolle Aufgabe für einen Kunsthistoriker, diese Feststellung einmal wissenschaftlich zu überprüfen.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 6. Oktober 1808 verkauft der Baptist Walz die Unterhammerschmiede an den Kupferschmied Johann Krebs. Dieser wiederum verkauft die Hammerschmiede am 11. März 1818 an Ferdinand Freiherr von Uichtriz aus Gebhardsdorf zu Hausach im Kinzigtal. Dabei wurden auch zwei Jauchert Ackerfeld im Gewann „Beim Aasener Käppele“ verkauft, womit wir wieder an die obige Stiftung der zwei Brüder Grüninger anknüpfen. Im Vertrag von 1818 heißt es wörtlich „Diese Grundstücke in Masse der 2 Jauchert wurden von den Gebrüdern Pelargi und Meinrad Grüninger zur Erhaltung der beim Hammer stehenden Kapelle gestiftet, hiervon bezieht der Besitzer des Hammers den beständigen und unentgeltlichen Nutzen und Gebrauch, dürfen aber weder verkauft noch verpfändet werden, und wolle der gegenwärtige Käufer wie die Vorfahren verbunden sein, alle Freitag in der dabei stehenden Kapelle einen Rosenkranz für die Abgestorbenen durch ein oder mehrere Personen beten lassen und diese Kapelle immer und allezeit in baulichem Stand zu erhalten“.

Kapelle und der Hammer als Grundbesitz stellten ursprünglich eine eigentumsrechtliche Einheit dar. Wie bei zahlreichen heute noch existierenden Andachtskapel len von Schwarzwaldhöfen ist die Einheit von Grund und Boden zusammen mit der religiösen Bindung der Familie an die auf ihrem Grund stehende Kapelle und die in ihr sehr unmittelbar vollzogene Kommunikation mit Gott der eigentliche Auftrag an die nachfolgenden Generationen, die Kapelle zu erhalten. Diese Einheit besteht heute nicht mehr.

Eigentümer der Kapelle ist der „Oberhus-Bur“, Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, Eigentümer des ehemaligen Hammergeländes ist die Stadt sowie die Kur- und Bad GmbH. Insofern ist es eine nicht ernst gemeinte Spitzfindigkeit des schlauen Rechtsanwalts, wenn er humorvoll am 26. August 1989 im Südkurier schreibt, da die obige Verpflichtung heute immer noch bestehe, müsse die Stadt sowie die Kur- und Bad GmbH als jetzige Eigentümer des heutigen Kurgartengeländes den allfreitäglichen Rosenkranz abhalten lassen und die bauliche Instandhaltung gewährleisten. Zwar würde letzteres auch eingehalten, doch habe er erhebliche Zweifel, ob jeden Freitag ein Rosenkranz gebetet würde.

Daß der clevere Rechtsanwalt tatsächlich recht hat, belegt eine Urkunde im Villinger Kontraktbuch, Band 20, Seite 111. Dort heißt es, „Johann Ev. Schleicher, Chorregent und Gemeinderat tauscht mit der Stadt unterm 28. Oktober 1879 zwei Jauchert Acker beim Aasener Käppele, und zwar drei Vierling rechts vom Weg neben Martin Ummenhofer und fünf Vierling links am Weg neben Spitalgut und erhält von der Stadtgemeinde zwei Jauchert Allmend bei der Dungmehlfabrik neben Schleicher selbst und Stadtgemeinde. Die auf dem von Schleicher vertauschten Ackerfeld ruhende Last der Unterhaltung der bei der Dungmehlfabrik befindlichen Kapelle geht auf die eingetauschten zwei Jauchert Allmendfeld über“. — Aus diesen zwei Jauchert Allmend entstand nach verschiedenen Eigentumswechseln in den Jahren 1935/37 der heutige Kurgarten im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Dritten Reiches. Hinzu kam der Bau des Kneippbades.

1835 werden die Hammerwerksbesitzer Osiander & Schönecker genannt, von denen außer dem Unteren Hammer noch der Mittlere Hammer (Feldners Mühle) und der Obere Hammer (das erst vor kurzem abgebrochene ehemalige Kirneck beim Kirnacher Bahnhöfle) betrieben wurde, letzterer in Form einer Tuchwalke. (Hans Maier, vgl. Flurnamen a. a. 0., bezeichnet als „Oberen Hammer“ die nachmalige Kunstmühle des Feldner und die Tuchwalke beim Kirnacher Bahnhöfle nur als „Beim Hammer“, S. 62/63). Heinrich Osiander, geb. 1794, gest. 1856, betrieb die Hämmer später allein.

 

 

 

 

 

 

 

Im 19. Jahrhundert erweitert sich durch Grundstückstausch das Gelände „bei der Dungmehlfabrik, dem ehemaligen „Hammer“. Die von Johann Ev. Schleicher eingetauschte Fläche wird nach verschiedenen Eigentumswechseln in den Jahren 1935/37 in den heutigen Kurgarten umgewandelt.

Er ist der Vater des späteren Bürgermeisters von 1882-1903, Heinrich Osiander, geb. 1838, gest. 1924, dessen Grab als Ehrenbürger der Stadt heute noch direkt an der Ostwand des Friedhofs nahe der Kirche zu sehen ist. Aus dem Hammerwerk wurde um 1880 eine Stärkefabrik (Dungmehlfabrik). Zuletzt war es das Restaurant „Waldblick“ in der Südwestecke des heutigen Kurgartens, westlich begrenzt vom Fahrsträßle mit Brückle und südlich von der Brigach. Es wurde erst in den 1970er(?)-Jahren abgebrochen, der Platz steht heute leer und wurde in den Gartenbereich einbezogen.

Alle rechtlichen Verpflichtungen bieten keine Gewähr für die Erhaltung des Kleinods beim Kurgarten. Es bedarf des bewahrenden Sinns, des persönlichen Bezugs. 1972 hat Wolfgang Blessing das „Hammerkäpelle“ aus eigenen Mitteln umfassend restauriert und dabei auch den Altar in neuem Glanz erstrahlen lassen. Er, der auch als Mitglied des Vorstands des Geschichts- und Heimatvereins tätig ist, weiß um die Kraft der Tradition aber auch um die Geborgenheit in unserer Schwarzwälder Heimat.

Fußnoten

1) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1962, Seite 37 und Seite 63.

2) Hermann Preiser, Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft IX, 1984/ 85, S. 51.

3) a) Maria Eva Schupp (Schuppin): Als Frau des Pelagius Grüninger heiratete sie am 18. April 1712 und starb bereits am 29. November 1717. Sie hatte wiederholt geboren. Ihr Vater, der Bildhauer Anton Josef Schupp, wurde am 29. November 1664 geboren und starb nach seiner Tochter am 18. November 1729, also 65jährig. Die zeitliche Nähe zur Hammerkapelle läßt die Mitwirkung bei der Errichtung des Altars realistisch erscheinen.

b) Jacobus Pelagius Grüninger (Name so im Taufbuch):

Unter dem 6. oder 7. Mai 1690 erscheint er im Taufbuch. Der Vater: Mathias? Matheus? Grüninger, die Mutter: Maria Clara Lipp (Lippin), mit der er seit dem 23. September 1675 verheiratet war.

Bereits nach einem halben Jahr seit dem Tode der Maria Eva Schupp heiratet „Pelagius Grüninger“ die Catarina Baumänni am 24. Mai 1718, diese stirbt bereits am 18. Dezember 1724. Am 19. Februar 1732 heiratet dann „Pelagius Grieninger“ die Salome Fleigin. Als diese ebenfalls bald stirbt, heiratet schließlich am 10. September 1736 „Jacob Pelagi Grieninger“ die „Cunigundis Nizin“. Im Totenbuch erscheint unter dem 12. Juni 1772 als verstorben „Pelagius Grüninger conjux Cunegunde Nizin“, letzteres der Hinweis auf die überlebende Ehefrau.

In der „Glockenkunde“, bearbeitet von Karl Walter, Druck und Verlag Friedrich Pustet, Regensburg/Rom 1913, erscheint der Pelagius unter dem Todesdatum 1725. Nachdem im gesamten Jahr 1725 im Totenbuch der Name Grüninger nicht auftaucht, dürften die obigen Ausführungen den Beweis liefern, daß Jacobus Pelagius Grüninger tatsächlich das damals biblische Alter von 82 Jahren erreicht hatte und seinen Bruder um 22 Jahre überlebte. In der Glockengießerlinie folgen dann Johann Pelagius, 1721-1790, Josef Benjamin, 1735-1795, Nikolaus Mein-rad II, 1763-1818, Benjamin Severin, 1782-1840, Benjamin III Benedikt, 1821-1879, Josef Benjamin IV, 1844-1912, und sein Bruder Georg Adelbert, 1852-1918, Josef Benjamin V, 18731927, und schließlich als letzter Franz Josef Benjamin 19011963.

Quellen zu Schupp:

Eugen Bode, mündliche Auskunft zur Familiengeschichte sowie Ottmar Schupp, Die Barockmeister der Familie Schupp, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft X, 1985/86, S. 29.

Quellen zu Pelagius Grüninger bzw. Maria Eva Schupp und andere: Taufbuch 1690, Ehebuch 1712, Totenbuch 1717, Ehebuch 1718, Totenbuch 1724, Ehebuch 1732, Ehebuch 1736, Totenbuch 1772. Ferner mündliche Mitteilungen zur Familiengeschichte von Paul Grüninger, Obere Straße, Villingen, 13. September 1989.

Anmerkung:

Dem „Villinger Volksblatt“ vom 19. 8. 1909 entnehmen wir folgenden

Hinweis:

„Villingen, 18. Aug. Vor dem hiesigen Gr. Notariat I kam gestern nachmittag das Restaurant ,Waldblick‘ mit sämtlichen Gebäuden, Grundstücken und Zubehör (bisheriger Besitzer Hotelier Heinrich Rieland von Kreuzlingen) zur Zwangsversteigerung. Den Zuschlag erhielt mit einem Angebot von 43000 Mk. Oberhausbauer J. B. Blessing. Das Angebot blieb um 5 000 Mark gegen den Anschlag zurück.“

J. B. Blessing war der Großvater des jetzigen Eigentümers Wolfgang Blessing. Über ihn kam also der „Waldblick“ mit dem dazugehörigen Kapellchen in den Familienbesitz.

 

„Villingen 1643″ (Herbert Muhle)

— ein Kupferstich von Matthaeus Merian —

Wer kennt sie nicht: Die „Ansicht von Villingen a. d. Jahre 1643“, die uns von unendlich vielen Kopien auf Weinachts- und Grußkarten, Tischunterlagen, Schmucktellern, Humpen, Bierseideln, Schnapsflaschen (Buddele), Notizzettelblöcken und allerhand Dekorations- und Andenkenkitsch in unterschiedlichen Formaten bekannt ist? Manch einer weiß noch, daß es sich um eine Darstellung „nach Merian“ handelt.

So wollen wir uns hier ein wenig mit dem Hintergrund dieses Kupferstiches aus dem Jahre 1643 beschäftigen. Der Originalabdruck befindet sich im Format 17,7 x 7,5 cm neben Seite 216 in dem von Matthäus Merian, (1593-1650 „dem Älteren“) auf der Frankfurter Ostermesse 1643 herausgegenbenen Buche „Topographia Sueviae“ dem 2. Band einer insgesamt 30 Bände umfassenden „Topographia Germaniae“. Diese erschienen von 1642 bis 1688 nach dem Tode Matth. Merian d. Ä. (1650 in Bad Schwalbach b. Frankfurt) von dessen Söhnen und Erben Matthäus d. J. und Caspar fortgesetzt und enthalten — man höre und staune — insgesamt 2142 einzelne Ansichten und Darstellungen sowie 92 Landkarten. Die den Topographien (Landschaftsbeschreibungen) beigefügten, leider in den Bänden meist an anderer Stelle befindlichen verbalen Beschreibungen (im Falle Villingen auf Seite 199) stammen von Martin Zeiller, einem aus der Steiermark eingewanderten — heute würde man sagen — Sachbuchautor, der in Ulm lebte.

Wenden wir uns Matthaeus Merian d. Ä. näher zu, so erfahren wir, daß er am 22. September 1593 in Basel geboren wurde. Nach Lehre in Basel und Wanderschaft im Schwabenland übernahm Matth. Merian 1624 den Verlag und die dazugehörige Kupfer-stichwerkstatt seines Schwiegervaters J. T de Bruy in Frankfurt a. M. Von seiner Hand und unter seiner Leitung erschienen bekannte Bibeldrucke wie „Biblia Sacra“ (1625-27), „Theatrum Europaeum“ (1635), zoologische und biologische Werke sowie einige sehr bekannte, reich geschmückte Stadtpläne, z. B. von Basel, Köln und Frankfurt. Ab 1642 entstanden dann die berühmten Städteansichten, von denen die hier besprochene von Villingen eine ist. Man muß wissen, daß die Kunst des Kupferstiches als Buchillustration in der Technik des Tiefdruckes, um etwa 1400 erfunden, den Hochdruck in der Form des Holzschnittes — der seit dem Ende des 14. Jhdt. vorherrschend war — fast völlig abgelöst hatte. Die höhere „Standzeit“ der Kupferplatten gegenüber den hölzernen „Druckstöcken“ ermöglichte, trotz der leichteren Bearbeitbarkeit des Holzes, einen wesentlich längeren Gebrauch und eine häufigere Wiederverwendbarkeit.

Die erste Ausgabe der „Topographia Sueviae“ — also des uns interessierenden Bandes — besorgte der ältere Merian noch selber. Es gibt über die 2. Ausgabe von 1656 hinaus dann noch einen auf 1700-1720 datierten Spätdruck, der aber seiten- und annähernd druckgleich mit der 2. Ausgabe ist.

Ein besonderer Reiz geht von diesen alten Städteansichten aus. Für Künstler, Historiker und Liebhaber sind sie gleich anziehend. Gerade in unseren Tagen werden sie in mehrfacher Hinsicht zu bedeutsamen Zeugnissen einer untergegangenen Welt. Das Bild unserer Städte, das durch Jahrhunderte hindurch einen festen Bestand hatte, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Gefolge der industriellen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Entwicklung in wenigen Jahrzehnten oft bis zur Unkenntlichkeit verändert, und im Feuersturm des letzten Krieges sanken auch viele Reste der Vergangenheit in Schutt und Asche.

Mitten im Dreißigjährigen Krieg entstand in Fortsetzung der Topographien des 16. Jahrhunderts ein überragendes und wichtiges Städtewerk, das viele Generationen hindurch grundlegend blieb. In seinen Blättern ist uns vieles im Bild erhalten, was der Krieg dann verschlungen hat. Jeder, der nach Bildern sucht, die auch die kleineren Ortschaften noch in der frühen Gestalt des 17. Jahrhunderts — oftmals die frühesten Wiedergaben überhaupt — ausweisen, greift heute nach diesen Länderbeschreibungen, die weit über die heutigen Grenzen hinaus ein Gesamtbild der mitteleuropäischen Lande bewahren, so wie es sich am Ausgang des Mittelalters dargeboten hat.

Wie üblich, nutzte Merian, wie sein „Texter“ Zeiller, für sein Werk alles aus, was er an brauchbaren Vorlagen fand. So hat er sehr viele Bilder unbeschwert älteren Quellen entnommen.

Natürlich muß man, wenn man einmal den Typus der Merianstiche erkannt hat, feststellen, daß ihnen im Vergleich miteinander eine gewisse Monotonie anhaftet, ja, daß besonders die späten Werke —wohl auch wegen der Menge des zu „fertigenden“ Plattenmaterials — weitgehend des Lebens entbehren und ein wenig steril wirken. Dennoch hat Merian sich die Mühe gemacht, den Vordergrund aller Blätter dadurch individuell zu gestalten, daß er Bäume, Baulichkeiten, manchmal auch Personen in demselben unterbrachte. Die offenbar angestrebte Gleichmäßigkeit der Titelschriften der Wappen (im Falle Villingen eigenartigerweise das alte Stadtwappen, nicht das seit 1536 geführte und von König Ferdinand verliehene mit Adler und Pfauenfedern —das alte war wohl einfacher zu gravieren), Vordergründe und Formate hat natürlich ebenfalls dazu beigetragen, den Blättern die Vitalität zu entziehen.

Und ein weiterer Gesichtspunkt sollte beachtet werden. Für das Einzelgebäude oder die topographische Genauigkeit kommt den Merianstichen kein absoluter Dokumentarwert zu. Man muß aber anerkennen, daß Merian das Städtebild in der Gesamtschau richtig erfaßt und in einer für die erste Hälfte des 17. Jhdt. erstaunlichen Genauigkeit auf das Blatt gebracht hat. Merian stand unter dem starken Einfluß der niederländischen Landschaftsmalerei seiner Zeit.

Auch bei unserem Villinger Stich treffen diese Bemerkungen zu. Der Gesamteindruck ist völlig richtig wiedergegeben. Man kann auch annehmen, daß es sich bei der im Vordergrund links gezeigten Ruine um den „Burgstall“ der Warenburg handelt, die Bickenbrücke zeigt ihre bis in die Zeit unserer Großväter vorhandene Gestalt, eine wegen der Kriegsläufte zerstörte Wassermühle steht an der Brigach, aber auf dem linken Brigachufer sehen wir eine Kirche und eine Kapelle. Letztere ist wohl mit Sicherheit die der „Siechen auf dem Felde“, die erst 1945 zerstört wurde. Bei der großen Kirche wird es sich wahrscheinlich um die alte Pfarrkirche handeln, die zu diesem Zeitpunkt (seit 1530) bereits die Todtencapel in der Altstatt“ war. Da es sich um ein wesentliches Gebäude handelte, wurde sie vermutlich ein bißchen näher an die Stadt gerückt. Die Stadt selbst ist in sich verzerrt, zeigt sich aber dennoch in ihrem noch heute gottlob erhaltenen Erscheinungsbild.

Es war dem Stecher auch wohl nicht möglich, jedem Ort eine große und bis ins Detail ausgestochene Platte zu widmen. So ist der Stich, der uns Villingen zeigt, zusammen mit Weissenstein und Wildberg auf eine Platte gestochen und gedruckt. Heute stellt aber gerade dieses Blatt eine besondere Rarität dar, weil in unserer Zeit die noch oder teilweise vorhandenen Bände von den Antiquitätenhändlern regelrecht ausgeschlachtet werden, sie ergeben natürlich als Einzelstücke einen viel höheren Erlös.

Merians Hauptautor — wir erwähnten ihn bereits — war Martin Zeiller in Ulm. Über die Qualität seiner Ortsbeschreibungen ist viel gestritten worden. Zeillers trockene Schreibart ist wohl dafür verantwortlich, daß man ihn lange Zeit sehr gering eingeschätzt hat. Aber er ist in der sehr wortreichen Zeit des Barock eine rühmliche Ausnahme. Er verzichtet, im Gegensatz zu den übrigen Chronikalwerken dieser Epoche, weitgehend auf die übliche Schilderung von Wundern und Abenteuern und wählt, um jegliche Sensationswirkung zu vermeiden, einfachste Worte. Alles wird betonungslos in die meist chronologische Abfolge der geschichtlichen Ereignisse eingeordnet. Man könnte versucht sein, Zeillers Texte sozusagen als Vorgänger des „Bädeckers“ zu sehen, tatsächlich nannte er seine ähnlichen Werke auch Reisebücher (Itenarium germaniae vov — antiquae oder Teutsches Reysbuch 1632-1640). Man kann aber die ungeheure, für die Zeit ganz ungewöhnliche Belesenheit Zeillers nur bewundern. Er zitiert eine geradezu unermeßliche Fülle von Quellen und Autoren, so daß man annehmen kann, daß ihm kein Buch der damaligen Zeit entgangen ist, das für seine Arbeit von Bedeutung war. Dabei kommt es dann auch vor, daß uns heute amüsierende Entfernungsangaben wie: „Bisaccioni rechnet von hinnen (d. i. von Villingen) 10 Meilen nach Basel/ungefähr/uund auch so viel gen Schafhausen“ zu lesen sind. Zeillers Text zu Villingen ist fast wörtlich übernommen aus einer Schrift, die 100 Jahre vor der Topographia Sue via“ erschienen ist, der „Cosmographia“ von 1544 des Sebastian Münster (1488-1552), jenes (ab 1529) Basler Gelehrten und Theologen, der in seiner Zeit einer der bedeutendsten Wissenschaftler und Autoren war. Aber Zeiller hat in einer Zeit, als es noch keinen Urheberrechtsschutz gab, ordentlich auf seine Quelle verwiesen und seine Ortsbeschreibung um die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, der bei ihm der Teutsche Krieg“ heißt, einschließlich der Wasserbelagerung (1634, Schwedendamm) ergänzt.

Merian und Zeiller entschlossen sich, nur die Stätten für den Schwabenband zu berücksichtigen, die einmal im Bereich des Herzogtums Schwaben östlich und nördlich des Rheins gelegen waren und bezogen dann das Gebiet mit ein, das ältere Autoren, z. B. wieder Sebastian Münster (siehe oben), unter Schwaben erläutert hatten: Der Schwäbische Kreis, wie er bei der Kreiseinteilung des Reiches durch Maximilian I. (1500) entstanden war. Zeiller und Merian haben sich im allgemeinen an diese der Zersplitterung des Reiches entgegenwirkende Einteilung gehalten, wobei zwar die Markgrafschaft Baden Aufnahme in die Topographia Sueviae“ fand, nicht aber der rechtsrheinische Breisgau mit Freiburg als vorderösterreichisches Gebiet. Dieses wurde mit dem Band Elsaß in der Topographia Alsatiae“ behandelt. Nicht ganz konsequent wurde aber Villingen, die vorderösterreichische „Enklave“ in den Schwabenband aufgenommen.

Die zweite, bereits erwähnte Auflage der Topograhie von 1656 enthält 92 Kupferstiche als Ortsansichten und erwähnt insgesamt 380 Orte. Eigenartigerweise verwendeten Merians Erben das im übrigen sehr schön gestaltete Titelblatt von 1643, ohne die Jahreszahl zu ändern, auch für die 2. Auflage von 1656.

 

Der Palmesel (Herbert Muhle)

Auf dem Weg nach Golgotha . . .

Vorwort

Als ich 1945 nach Villingen kam, zeigten mir meine kleinen Kusinen mit weitaufgerissenen Kinderaugen und Aufgeregtheit eine Stelle im Sägebach: „Wo die Franzosen den Palmesel reingeschmissen hatten“. Was war geschehen? Einige, vermutlich nicht ganz nüchterne Besatzungssoldaten — Zeitzeugen berichten von Marokkanern, denen als Moslems Alkoholkonsum verboten ist — hatten die Palmchristusfigur in ihrem Auslagerungsplatz im „Kneipphaus“ entdeckt — sich draufgesetzt und gegenseitig mit großer Gaudi durch die Gegend gezogen, bis ihnen der Spaß im Wortsinne vergangen war, und sie das Spielzeug einfach in den Bach warfen. Sehr weit waren sie ja auch nicht gekommen, wahrscheinlich war das „Fahrgestell“ der Figur auch damals schon sehr defekt. Natürlich hatte sich die Bevölkerung darüber geärgert, und natürlich war die Handlungsweise nicht in Ordnung, aber ich konnte mich eigentlich nicht so sehr darüber empören, hatte ich doch auch eine mir peinliche Kriegserinnerung, wo wir als deutsche Soldaten religiöse Gefühle einer Dorfbevölkerung nicht gerade schonend behandelt hatten. Noch heute sehe ich den Zorn, die Angst und die Hilflosigkeit in den Augen der Menschen, als wir nach getanem, sicher auch nicht allzu großem Frevel weiterzogen. Und den Marokkanern war ohnehin sicher nicht bewußt, daß es sich bei dem Gegenstand ihres Vergnügens um eine „Heiligenfigur“ handelte, und schon gar nicht um eine historische, verbietet doch der Koran die Darstellung menschlicher Wesen, geschweige denn göttlicher. Es war ja auch Krieg und Nachkriegszeit, wo die Sitten ohnehin verrohen. Vielleicht hatten die Kerle sogar instinktiv etwas getan, was unser Palmesel im Laufe seines „Lebens“ — im wahrsten Sinne des Wortes — hatte „ertragen“ müssen. Natürlich wußte ich zu dem Zeitpunkt dieser Geschichte auch nicht, daß die Kriegsgegner Villingens es auch schon in früheren Jahrhunderten nicht immer besonders gut mit unserem Grautier gemeint hatten. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die wir später zurückkommen wollen. Für mich stellte sich damals die Frage, was ist das überhaupt, ein Palmesel? Diese Figur war mir noch nie begegnet, obwohl ich natürlich die Geschichte vom Einzug Christi in Jerusalem kannte.

Ein älterer „Brockhaus“ half weiter: Ein fahrbarer hölzerner Esel, auf dem eine Christusfigur sitzt; wurde bes. in Süddt., wo aus dem 13.-15. Jhdt. künstlerisch bedeutende Beispiele erhalten sind (H. Multscher), bei den Prozessionen am Palmsonntag mitgeführt. Die Figur begann, mich zu interessieren, und als ich bald darauf Professor Paul Revellio kennenlernte, ließ ich mir den Palmesel zeigen, und noch heute weiß ich, wie mich dieses Figurenensemble faszinierte.

Christus auf dem Palmesel

Ist es die natürliche Größe oder die Unmittelbarkeit der Begegnung, die aufrechte Haltung oder der Ausdruck des Heilands, der die rechte Hand als Salvator segnend empor hält, während die linke die Zügel des Reittieres hält? Ist es der Gegensatz zwischen der majestätischen Haltung des Reiters und der vergleichsweise niederen Wertung des Reittiers, eben des in unseren Breiten nicht sehr hochgeschätzten Esels? Es ist der Eindruck der Gesamtheit, des „In-sich-geschlossenen“, aber es ist vor allem die Alleinstellung der Gesamtfigur. Es ist das ganz andere Erleben einer religiösen Plastik, die wir sonst nur im Zusammenhamg mit Altären oder Pfleilern, kurz im Kontex mit dem sakralen Raum erleben. Nun ist ja auch die ursprüngliche Bestimmung dieser Figur die Verkündigung des Wortes der Heiligen Schrift für das Volk, das zur hohen Zeit der Verbreitung des Palmeselkultes nicht lesen und schreiben konnte. So wurde aus der bildlichen Darstellung eines ursprünglich liturgischen Requisites ein „Gemeindespiel“ mit unmittelbar erlebter Religionsempfindung. Der wohl profundeste Kenner des Palmeselkultes, von dessen Feder die umfassendste wissenschaftliche Abhandlung über den Palmesel stammt 1), der Pfarrer Anselm Graf Adelmann von Adelmannsfelden, der uns aus Rundfunk und Fernsehen bekannt ist, machte gelegentlich eines kunstwissenschaftlichen Symposiums an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart zu diesem Thema darauf aufmerksam, daß das Volk, das im frühen Mittelalter Christus als Weltenrichter und natürlich hohen Herrn erlebte, die Figur „Christus auf dem Palmesel“, besonders liebte, weil sie „einen demütigen König“ zeigte. Die Leute sähen es immer gern, wenn sich ein hoher Herr auf ihrer Ebene bewegt. —Sicher hat auch dies dazu beigetragen, daß sich der Palmesel im Mittelalter ganz großer Beliebtheit und Verbreitung erfreute. Graf Adelmann kann immerhin 291 Orte urkundlich nachweisen, an denen Palmeselprozessionen stattgefunden haben. Er hat eine Karte der Prozessionsorte angelegt, aus der wir ersehen können, daß die Kernzone des Palmeselbrauches das schwäbisch-alemannische, fränkische und bayerische Gebiet ist, um das sich im Norden wie im Süden ein Kranz von Orten befindet, in denen sich dann auch Sonderformen bzw. Abwandlungen des Brauches finden. Immerhin konnte Graf Adelmann 1968 ca. 190 noch vorhandene Figuren nachweisen, die sich aber überwiegend nicht mehr im kirchlichen Besitz, vielmehr in Museen befinden, die weitest entfernten im Victoria and Albert Museum in London sowie im Metropolitain Museum New York.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Arbeit von Pfarrer Graf Adelmann ist auch deshalb so bemerkenswert, weil bei den üblicherweise sehr ergiebigen Quellen wie kirchlichen Bibliotheken oder liturgischen Anordnungen nur sehr wenig, um nicht zu sagen fast nichts, über den Palmeselbrauch zu finden ist. Ritualien, Benediktionale, Libri Ceremoniarum oder auch Breviere geben nur sehr selten Auskünfte2). In Chroniken und weltlichen Berichten, auch den sogenannten Libri ordinarii findet man hingegen mitunter sogar sehr ausführliche Berichte, so z. B. in der „Chronik der Grafen von Zimmern“ (Zimmer’sche Chronik)3) [Text Anhang] aus dem Anfang des 16. Jhdt. Für die Villinger Figur findet sich ein Hinweis in der Chronik „Mercurius Villinganus“ des Joann Baptist Steidlin von 16344). Wir werden später näher darauf eingehen. Der Grund für die Nichterwähnung des Palmesels in den Ritenbüchern mag wohl darin zu suchen sein, daß die Kirche den Palmesel in der Palmsonntagsprozession nur duldete und niemals als „Prozessionsgerät“ anerkannt hat. Dies erklärt auch das Ende dieses Brauches am Ende des 18. Jhdts., das ganz einfach per Verfügung und Verbot durch die Bischöfe erfolgte. Der Brauch war wohl zu sehr mit „heidnischen“ und abergläubischen Elementen versetzt. Es läßt sich nachweisen, daß es eine ganze Anzahl von Fruchtbarkeits- und Frühjahrsritualien schon in vorchristlicher Zeit gab, z. B. für das alte Persien mit palmtragenden Priestern, die auf Eseln reitend die Felder segneten. Es gibt noch viele Beispiele. Es würde den Rahmen dieser Betrachtung sprengen, wenn wir hier die kulturgeschichtliche Bedeutung des Esels weiter ausbreiteten, einmal als biblisches Symbol der Unkeuschheit, aber auch als Zeichen des Auserwähltseins, z. B. Bileams sprechende Eselin, die Gottes Willen mehr verstand als der Mensch. Und gehört unser fastnächtlicher Butz-esel nicht auch in dieses ein wenig mythische Geflecht? Man tut dem Esel in unseren Breiten eher unrecht. Er war immer das geduldige, mitunter störrische Last- und Reittier der niederen Stände und hatte im Ansehen gegenüber dem Pferd einen schweren Stand. Aber wenn man fragt, wer der größte Helfer der Menschheit in der kulturhistorischen Entwicklung war — Pferd oder Esel —, muß man sich eindeutig für letzteren entscheiden. Erst heutzutage wachsen die unzähligen Säumerpfade um das Mittelmeer zu, die bis in unsere Tage für Mensch und Esel die Lebensader einer mediterranen Zivilisation und Kultur waren. Und hatten nicht Ochs und Esel die ungeheure Bevorzugung erfahren, Zeugen bei der Geburt Christi zu sein? —

Kommen wir wieder zu unserem Palmesel zurück. Unstrittig ist wohl das erste schriftliche Zeugnis über eine Palmsonntagsprozession mit einem Esel aus den Jahren 982 und 992, die sich in einer Lebensbeschreibung des heiligen Bischofs Ulrich von Augsburg (gest. 973) für dessen Heiligsprechung findet. Allerdings bezweifelt auch Graf Adelmann, ob es sich tatsächlich um einen plastischen Palmesel handelte, es kann sich auch um eine bildliche Darstellung gehandelt haben. Wir halten uns aus diesem Gelehrtenstreit heraus und erfahren, daß die nächsten schriftlichen Hinweise erst wieder im 13. Jhdt. zu finden sind, und aus dieser Zeit stammen dann auch die ersten erhaltenen Plastiken, 3 Stück an der Zahl (in den Museen Zürich, München und Berlin). Aus dem 14. Jhdt. haben sich nur neun Stücke erhalten, eines davon in Dotternhausen in der Nähe von Rottweil Kreis Balingen. Dieser war bei der Palmprozession noch jetzt oder wieder in „Gebrauch“. Als man die Figur —die ihre letzte „Lackierung“ erst in den 1960er-Jahren mit handelsüblichen Farben durch wohlwollende aber nicht gerade sachkundige Hände erfahren hatte — an das „Institut für Technologie der Malerei und gefaßten Skulptur“ der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart gab, um sie einer fachgerechten Restaurierung unterziehen zu lassen, wurde ihr beachtliches Alter und ihre außerordentliche kunstgeschichtliche Bedeutung entdeckt. Die Kirchengemeinde, die sich eigentlich nur eine Freilegung auf die Originalfarbe (die „Fassung“) vorgestellt hatte, war eher erschrocken darüber, weil sie ja eine so altehrwürdige Figur nun gar nicht mehr in Prozessionen mitführen könnte, und Dotternhausen ist eine der ganz wenigen Gemeinden (es sind wohl noch im ganzen sieben), in denen heute noch die Palmprozession mit dem „Heiland auf dem Palmesel“ abgehalten wird (siehe auch Anhang). In 11 Gemeinden wird er noch heute am Palmsonntag—zum Teil auch geschmückt — im Chor der Kirche aufgestellt.

Aber wir sind unserer Zeit schon wieder weit voraus. Ungefähr 60 erhaltene Skulpturen sind im 15. Jhdt. entstanden. Dies ist auch die Zeit der größten Verbreitung des Brauches, die „hohe Zeit der Palmeselprozessionen“ (Adelmann). Es finden sich unter ihnen bedeutende Kunstwerke, so von Hans Multscher aus Ulm. Unsere Villinger Figur stammt ebenfalls aus dieser Zeit und ist von beachtlicher künstlerischer Qualität.

Religiöse „Funktion“ und was daraus wurde

Wenn, wie aus dem Vorhergesagten hervorgeht, die Figur des „Christus auf dem Palmesel“ eigentlich mehr in der Volksfrömmigkeit wurzelt, so soll doch nicht verkannt werden, daß sie, zumindest im Ursprung, kein frommes „Spielzeug“ war. Als reale Darstellung vergegenwärtigt sie Christi Einzug in Jerusalem, und dieser ist ja biblisches Geschehen. „Die Palmeselplastik war also in erster Linie ein Kultbild“ so Adelmann, und „Ihr angestammter Platz ist die Prozession“5) Dennoch wurde die Figur durch Aufstellen in der Kirche vor und nach den Prozessionen und später — nach dem kirchlichen Verdikt auch aus liebgewordener Gewohnheit — mitunter zum Andachtsbild für die persönliche Verehrung und Kontemplation. Gelegentlich wurden die Palmesel auch wie ein Gnadenbild verehrt, oder es wurden mit ihnen Reliquienprozessionen durchgeführt. So hat der oben erwähnte Palmesel von Dotternhausen in seinem Bauch ein kleines, ursprünglich verschließbares Fach, das möglicherweise als Reliquienschrein diente. In der späteren Entwicklung findet man auch Palmesel, denen man Brote, Eier, Früchte u. ä. in den Bauch legte, weil man sich davon besondere Heilkräfte versprach, dies aber zeigte schon die Veränderung des Brauches an. Ursprünglich war die Prozession nur als Palmprozession, ein Straßenumgang, selten als Flurumgang veranstaltet, vielmehr war die Berührung der Figur mit dem geweihten Palmzweig für Haus, Hof und Vieh von Wichtigkeit. Hieraus hat sich später wohl auch der Brauch des sogenannten „Palmschießens“ entwickelt, der leicht in groben Unfug ausarten konnte. Aber es entwickelten sich aus der reinen Prozession heraus eine ganze Anzahl außerkirchlicher Gebräuche: Das Rutenschlagen (siehe oben), Eierschmuck- und Unterlegen von Brot und Frucht, der „Heischegang“ (frommes, später weltliches Betteln) und am Ende dann um die Palmeselfigur eine allgemeine Gaudi und Volksfeste, die sich besonders im 18. Jahrhundert ausbreiteten. Eine ganz besondere Form der Palmeselverehrung war die Funktion als „Berührheiltum“ und hier wieder insbesondere das Aufsetzen von Kindern, meist fast nur von Knaben. Adelmann‘) vermutet, daß sich auch hier Christliches (Matth. 19, Vers 4) „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und überkommene Fruchtbarkeitsbräuche vermischten. Aber gerade diese Verwendung der Palmeselfigur hat wohl am meisten zu seinem kirchlichen Verbot geführt, lagen doch diese Bräuche sehr nahe oder schon außerhalb der Grenze zum Aberglauben. Es hatte sich weitgehend eingebürgert—als aus dem strengen Osterbrauch längst ein ausgelassenes Volksfest geworden war —, vielerorts mit dem Palmesel auf Wiesen und Plätzen, auch manchmal schon am Rande der „Umführung“, allerhand höchst weltliche Vergnügungen zu veranstalten. Schon früher waren die Ministranten unter Begleitung des Kantors oder Lehrers durch die Straßen gezogen und hatten unter Absingen religiöser Lieder um fromme Gaben „gebettelt“. Wir sprachen schon über diese Form des „Heischganges“. Aber bald schon verbreitete sich die Form der Belustigung, daß nach Beendigung der Prozession und der folgenden Aufstellung der Figur in Chor oder Portal der Kirche, die Messmer das Recht erhielten, den Palmesel im Kreuzgang (so in Konstanz) oder an der Ringmauer des Friedhofes (so in Freiburg, die Mauer hieß bis zu ihrem Abbruch: Eselsmauer) entlangzuziehen und Kinder gegen ein Trinkgeld ein oder mehrmals auf und ab zu ziehen‘. Manch einer vermutet bei dieser „Anwendung“ des Palmeselsteils mit, teils ohne aufgesessenen Christus den Vorgänger des heutigen Karussells. Die Kinder erhielten meist am Palmsonntag von ihren Götten ein Taschengeld —übrigens auch wenn möglich neue Kleider— und durften einen Teil des Geldes für das Reitvergnügen verwenden. Daß so mancher Messmer oder Totengräber sein nicht eben großes Budget durch diese Nebeneinnahme verbesserte und wohl auch einen Teil davon schnell in einen höherprozentigen Schluck umwandelte, blieb nicht aus. Das Herumziehen, das sich oft bis in den Abend des Palmsonntag erstreckte, machte sicher auch durstig, und so ging wohl mancher Palmesel zu Bruch, wenn zu heftig galoppiert wurde und durch den „Gebrauch“ wohl auch manche Farbfassung zu Schaden kam, Ohren brachen ab, und Schwänze gingen verloren. Obwohl die eingangs erwähnten französischen Soldaten demselben Gaudi-Bedürfnis nachgefolgt sind? Es existiert ein Foto aus dem Jahre 1934 von unserem Villinger Palmesel, bei welchem dem Tier der Schwanz fehlt (obwohl man den Schatten für einen solchen halten könnte), bei dem aber vor allem die Kruppe (das Hinterteil des Tieres) deutliche Gebrauchsspuren in der abgeplatzten Farbe zeigt. Dies legt die Vermutung nahe, daß in Villingen der Brauch des Kinderaufsetzens ebenfalls gepflegt wurde. Auch zeigt ein, bei einer heute neben der Figur aufgestellten Erklärungstafel des Franziskaner-museums, befindliches Foto aus der Zeit vor der Restaurierung deutlich ein ersetztes Stück Mantel hinter dem Bein des Reiters. Da der Mantel vom Eselskörper ziemlich weit absteht, war dieser Teil (oder diese Teile) wohl (vermutlich sogar beidseitig) schon früher abgebrochen. Gebrauchsspuren, die auch schon vor dem „Marokka-nerritt“ entstanden sein können? Schriftliche Quellen für dieses Kinderaufsetzen sind jedoch hierfür bisher bezüglich Villingen nicht gefunden worden. —Auch ist bisher nicht bekannt, in welchem Zusammenhang unsere Palmchristusfigur mit den nachweislich seit dem 16. Jahrhundert aufgeführten Vil I inger Passionsspielen stand. Auch hier kann natürlich eine Verbindung gesucht werden, waren doch sowohl die Palmprozessionen als Darstellung des Einzugs Christi in Jerusalem, sei es sowohl als „geistliche Prozession“ oder als „Prozes-sionsspiela), als auch die Passionsspiele, Teil der gesamten Osterliturgie. Gemeinsam ist beiden Veranstaltungen das von der Bevölkerung nur mit Widerspruch und Hinauszögern hingenommene, von der Kirchenobrigkeit verordnete Ende.

Für unser Gebiet geschah dies durch ein Hirtenschreiben des Konstanzer Bischofs Maximilian Christoph von Root aus dem Jahre 1790. In diesem heißt es: „Es sollen die Passions-Comedien, Herumführung des Palmesels und die Auffahrtsceremonien gänzlich unterbleiben“. Es wird berichtet, daß das Volk erbost gesagt haben soll:

Es existiert ein Foto aus dem Jahre 1934 vom Villinger Palmesel, bei dem vor allem die Kruppe (Hinterteil des Tieres) deutliche Gebrauchsspuren im Bereich der abgeplatzten Farbe zeigt. Das legt die Vermutung nahe, daß in Villingen der Brauch des Kinderauf-setzens ebenfalls gepflegt wurde. (Bild: Hugo Conrads, in: „Mein Heimatland“ Heft 3/4, 1934). Vgl. auch Zeichnung ganz unten.

 

… und so hat man sich den „lustigen Palmeselritt“ vorzustellen.

„Da sieht man’s, daß der Bischof zu Konstanz lutherisch geworden ist“. Dabei war der Konstanzer Bischof, in dessen Bistum der Palmeselkult seit je seine weiteste Verbreitung gefunden hatte, auch wohl nur ein ausführendes Organ, wenn auch ein strenges. Man muß auch dieses kirchliche Verdikt im Zusammenhang sehen mit der aufklärerischen Kirchenreform, die von Kaiser Josef II. teils mit, teils mehr wohl gegen den Willen der Kirche betrieben wurde. Und es gab ja wesentlich einschneidendere Maßnahmen als das Verbot der Passionsspiele oder der Palmeselprozession, von denen ja auch Villingen in erheblichem Maße betroffen worden war, und ganz sicher waren aus den frommen Bräuchen, besonders in der lebensfrohen Zeit des Barock, ausschweifende, ja im Falle des Palmesels, abergläubische Veranstaltungen geworden, die nicht mehr in die beginnende Zeit des Rationalismus paßten. Bemerkenswerterweise hat dann auch der Palmesel mit einigen seiner Bräuche Eingang in das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“9) gefunden. Hier findet sich auch — mit einer, vom Verfasser nicht nachprüfbaren Quellenangabe — die Schilderung einer Eselsverbrennung: „Ein Schmied, der einst einen Palmesel mit groben Worten verbrennen wollte, wurde ein paar Schritte weiter von einer Kugel getroffen“. Wir werden dieser lexikalischen Aussage in diesem Beitrag nochmals begegnen. — Vielfach wurde den bischöflichen Anordnungen der Gehorsam versagt. Man weiß, daß z. B. in Konstanz noch zu Wessenbergs 10) Zeiten der Palmesel unter Gejohle durch die Gassen gezogen wurde. Es mag sich hier ähnlich wie bei der Verehrung des ebenfalls verbotenen „Herz-Jesu-Bildes“ um einen protestierenden privaten Ungehorsam der Gläubigen gehandelt haben, doch war das Ende des Palmesels nunmehr endgültig gekommen. Es kam, um das Verbot der Palmeselprozession endlich durchzusetzen, zu regelrechten öffentlichen „Hinrichtungen“ der Esel (an Christus als Reiter vergriff man sich allenfalls, indem man die Beine entfernte, um sozusagen nur noch einen segnenden Torso zu erhalten). Es ist bekannt, daß der Konstanzer Stadtpfarrer Strasser den Esel zersägen, zerspalten und verbrennen ließ. Und eigenartigerweise begegnet uns hier auch wieder (diesmal bei Federer 1933/34)11) die Geschichte mit dem Verbrennungsversuch: „In ViIlingen übernahm ein Schmied das Henkeramt. Er wollte den Palmesel verbrennen. Als der lange kein Feuer fangen wollte, rief er ungeduldig: ,Der Teufel will nit brinnen.‘ Wenige Schritte weiter traf ihn eine tödliche Kugel, die aus der Stadt geschossen wurde.“ — Die Geschichte des Palmesels geht hier zu Ende.

 

Textausschnitt aus der Chronik „Mercurius Villinganus“ von Johann Baptist Steidlin, aus dem Jahr 1633 berichtend. (Stadtarchiv).

 

 

 

 

 

Beschäftigen wir uns aber noch einmal mit unserer auf uns gekommenen Figur. Schriftliche Überlieferungen in Dokumenten haben sich bisher, bis auf die im Stadtarchiv befindliche (leider nicht mit Originaltitel versehene) Chronik „Mercurius Villinganus“ von Johann Baptist Steidlin finden lassen. Aber hier lesen wir nun wohl den Ursprung dieser eigenartigen Verbrennungsgeschichte. Gegen Ende seiner Chronik über die Belagerungen 1633 und 1634 schreibt Steidlin: . . . kann ich nicht umgehen zu erzählen, was sich auch vor / nach / unnd vorwehren-der Belägerung für Trostzaichen wunderthätig sehen und merken lassen . . . Ferner / wie glaubwürdig berichtwirdt / haben sie [die Feinde] auss bemelter Kirch [„der Todten Capell in der Altstatt“] den Palmesel / sambtder darauff sitzenden Bild Christi / so villeicht inn die 400 Jahr alt war / inn das Läger geführt / als einen Reutter auff die Wacht gestellt / endtlich einer auss ihnen ein Fewr [Feuer] darunter gemacht / und verbrennen wöllen / weil er aber lang nit brennen wollt / gesagt: Der Teufel will nit brinnen: welcher Bösswicht kaum ettlich Schritt von dannen für sich gangen / alssbaldt von einer auss der Statt geschossenen Kugel getroffen / und zu der Nacht (wie etliche dess Feindts selbsten bekennt) gesehen / und also fewrig dise Wort zum öfftern aussprechend gehört worden:

Der Teuffel will nit brinnen.

Lassen wir die Geschichte selbst als fromme Legende auf sich beruhen. Wir haben aber hier ein schriftliches Zeugnis über unseren Christus auf dem Palmesel, der zu dieser Zeit natürlich noch keine 400 Jahre alt war. Er hatte aber immerhin —darauf kommen wir noch zu sprechen—so etwa 160 Jahre auf dem Buckel, und das ist im Volksglauben schon beinahe eine Ewigkeit. Wir erfahren aus dieser Geschichte, daß sich die Figur im Besitze der Münsterpfarrei befunden haben muß, denn das Pfarrecht war 1530 von der Altstadtkirche (heute Friedhofskapelle) auf das Münster übergegangen. Die Palmeselfiguren verbrachten das Jahr über in der Regel an festen Plätzen, meist im Turm oder in abseits liegenden Kammern der Kirchen, das Volk nannte die Plätze „Eselsställe“. Es ist also anzunehmen, daß sich der Villinger Eselsstall in der Altstadtkirche auf dem Gottesacker befand. Mit ein wenig Phantasie ist jedenfalls vorstellbar, daß die Palmsonntagsprozession an der alten Pfarrkirche ihren Anfang nahm und sich Christi Einzug in Jerusalem von dort her in die Stadt Villingen trefflich „inczenieren“ ließ. —Das Aufstellen von Heiligenfiguren bei Angreifern wie Verteidigern war im Mittelalter eine Art, wir würden heute sagen, „Imponiergehabe“. Es kommt in vielen Belagerungsbeschreibungen dieser Zeit vor, und gerade in GLaubenskriegen wie dem „Dreißigjährigen“ konnte man damit die religiösen Gefühle des jeweiligen Gegners schon erheblich verletzen. Die Kunst der „Psychologischen Kriegsführung“ ist älter als wir glauben.

Kunstgeschichtliches zu unserem Palmesel

Wie sprachen schon von der Faszination, die vom Gesamtensemble des Villinger „Christus auf dem Palmesel“ ausgeht. Da ist zunächstdie Lebensgröße der Figur. Und doch sind die Größenverhältnisse innerhalb der Figur unterschiedlich. Die Größe der Gliedmaßen nimmt im Verhältnis zum Gesamtkörper nach oben hin ab. Die Hände und Füße der Christusfigur sind verhältnismäßig groß. Betrachtet man die Christusfigur von der Seite, so fällt ein fast pyramidenförmiger Aufbau auf. Hierzu trägt das weit aufbauschende Gewand erheblich bei. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die vorwärts drängende Haltung der Zügel —wie der Segnungshand. Auch Haare und Bart tragen zu dem pyramidenförmigen Eindruck bei. Möglicherweise hat die Christusfigur zu früheren Zeiten eine Krone getragen, dies könnte den oben beschriebenen Eindruck beeinflußt haben. Man weiß auch nicht, ob die rund um den Kopf zur Aufnahme einer Krone oder Kopfbedeckung angebrachte Abschnitzung schon beim Original vorhanden war. Der erst in letzter Zeit ergänzte Kranz um den Kopf des Heilands erzeugt jedenfalls eher einen lastenden Eindruck der an sich aufragenden Christusfigur. Die Reiterhaltung der Figur wirkt durch das kontrastreiche Verhältnis von sichtbarer Körperform und ausschwingender Draperie des Mantels besonders stark. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Röhrenfalten, die vom Oberkörper der Christusfigur weit abstehend herabfallen und bei der Stauung auf dem sattellosen Eselsrücken betont abknicken. Der Mantel ist von vorne nach hinten unter den Reiter geschlagen und bildet dadurch eine Art Satteldecke. Hierdurch werden die Schenkel recht deutlich sichtbar, da sich der Mantel über ihnen spannt. Auf der dadurch entstehenden Rückseite hinter den Beinen fallen mehrere Röhrenfalten frei herab. So wird, wie bei spätgotischer Plastik üblich, der Vorwärtstrieb sichbar gemacht. Der Gesichtsausdruck des Herrn zeigt eine realistisch lebensvolle und technisch sehr fein ausgeführte Fassung, die ebenfalls einen starken Eindruck ausübt. Die Haare sind locker fallend und die Hände mit deutlich sichtbaren Äderchen sehr fein ausgeführt. Eine wirklich qualitätvolle Figur!

Der Esel fällt zunächst durch seine versammelte Gesamthaltung auf. Es scheint fast so, als ob er sich seiner großen Verantwortung als Reittier Christi bewußt sei. Der Bildhauer hat die Tierskulptur mit großem Gefühl für das Körpervolumen erstellt. Die Bewegung wirkt nicht eselig störrisch, sondern eher würdevoll schreitend. — Der Kopf hat eine schöne, aber auffällig kurze Form. Allerdings ist die „Rampfnase“ (wie man beim Pferd sagen würde) gegenüber ähnlichen Stücken dieser Zeit sehr auffällig. Diese Nase ist ein einmaliges Charakteristikum unseres Villinger Esels. Besondere Aufmerksamkeit hat der Bildhauer der reichen und abwechslungsvollen Mähne gewidmet. Leider sind die Ohren —die später ersetzt sind —zu groß geraten. Es könnte sein, daß diese — wie der Wagen, auf dem die Gesamtfigur steht—dem Vorbild im Ulmer Museum zu stark nachempfunden wurden. Weitere Teile, die ersetzt sind: Schwanz, möglicherweise die Hufe (?), und ein Teil des herabhängenden Mantels hinter dem linken Bein, wahrscheinlich hinter beiden Beinen. Zaumzeug und Zügel, die früher sicher häufig ersetzt worden waren, wurden ganz entfernt.

Da verschiedentlich angenommen wurde, unser Palmesel stamme aus der Werkstatt oder dem Ulmer Umkreis Hans Multschers (um 1400 bis 1467), lohnt sich ein Vergleich unserer Skulptur mit den beiden datierten und eindeutig der Werkstatt Multschers zugeordneten im Kloster Wettenhausen und im Ulmer Museum (datiert 1464). Multscher war als führender Bildschnitzer Ulms neben Nikolaus Gerhard der wichtigste Bildhauer, der die formale Entwicklung der gotischen Kunst hin zum Realismus der 2. Jahrhunderthälfte des 15. Jhdt. vorangetrieben hat. Eine Verwandschaft zu unserem Palmesel ist mit Betrachtung der Körperhaltung, der Kopfform Christi sowie der Draperie des untergeschlagenen Mantels recht gut nachvollziehbar. Gegenüber dem feinteilig linearen Stil der Stücke aus der Mu ltscher-Werkstatt besitzt unsere Skulptur jedoch einfachere und gröbere Formen. Das stumpfere Abknicken der Falten am Eselsrücken und an den Ärmeln deutet bereits auf spätere Stiltendenzen hin. Die Falten besitzen ein größeres Einzelvolumen. —Trotz der spürbaren Nachwirkung des Stiles der Jahrhundertmitte (und unter Beachtung der im Vergleich zu den Ulmer Stücken etwas geringeren Qualität) ist am ehesten eine Entstehung der Plastik in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts anzunehmen. — Wir sehen, daß das Alter von 400 Jahren aus dem Jahre 1633 genausowenig stimmt wie die Jahreszahl 1572, die später an der Figur angebracht war und Revellio vermutlich zu dieser Entstehungszeit-Festlegung veranlaßte. Wahrscheinlich ist diese Jahreszahl anläßlich einer Neufassung angebracht worden, als man sich über die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge noch nicht so klar war. Sie war vielleicht auch einfach „historisch“.

Unser Palmesel war vor Jahren, nicht zuletzt auch wegen der „Nachkriegs-Strapazen“ mit dem unfreiwilligen Bad im Sägebach in einem höchst gefährdeten Zustand. Es ist das Verdienst von Stadtarchivar Dr. Josef Fuchs, daß mit finanzieller Unterstützung durch wohltätige Vereinigungen, Kreditinstitute und Veranstaltung einer „Aktion für die Restaurierung des Palmesels“ unsere Palmeselskulptur durch die Werkstätte Rau in Ulm 1976-82 restauriert werden konnte. Wir sind, durch die qualitätvolle und einfühlsame Restaurierung, heute in der Lage, unseren Palmesel wieder so zu bewundern, wie ihn die alten Villinger und ihre Kinder in der Stadt am Palmsonntag freudig erlebten.

Nachwort

Ich bin wieder einmal hinübergegangen in den „Franziskaner“ zu meinem „Freund“, der im Chor der ehemaligen Klosterkirche vor den Kulissen der Villinger Passionsspiele nun einen so schönen Platz gefunden hat. Und wie es dabei so geht, war ich schließlich überrascht, als ich beim wiederholten Hinschauen entdeckte, daß der Esel ja ganz verschieden stehende Augen hat. Sie sind schlicht unterschiedlich geschnitzt, das rechte Auge ist größer geraten, und auch die Nüstern stimmen nicht so ganz zueinander. Welch liebenswertes Zeichen menschlich künstlerischer Unzulänglichkeit! Da fiel mir wieder der „Palmeselspezialist“ Pfarrer Graf Adelmann ein. Der erzählte anläßlich des eingangs erwähnten Symposiums in Stuttgart, daß er unlängst eine Dame getroffen habe, die ihm in Anbetracht seiner Leidenschaft für den „Christus auf dem Palmesel“ anvertraute: „Jedesmal, wenn ich einen Esel sehe, muß ich an Sie denken, Herr Pfarrer!“

Anhang I

Der Umzug mit dem Palmesel

Darumb ist zu wissen, das in wenig tagen hernach, als baid herrn, herr Gottfridt und herr Johanns Wernher, wider von Augspurg kommen, uf den palmabendt ain lecherliche historia zu Mösskirch sich begeben; dann als [363] uf selbigen tag der brauch gewest, wie auch noch, das der palmesel nach der vesper mit ainer ganzen prie-sterschaft und den schulern belaitet und von sechsen den fürnembsten im rath daselbst gefiert wurt zu unser Frawen ennet der Ablach, ist der alt herr Gotfrid und herr Johanns Wernher mit etlichen vom adel und andern auch mit gefolgt. Under andern des raths, so den esel gefüert, haben der alt Blese Amman und Hainrich Leupfried der elter im ersten joch gezogen, und als es vor dem undern thor nit von statten geen, hat der Biese mehrmals zu seinem mitgesellen, dem Hainrich Leutfriden, gesprochen: „Hainrich du zeuchst nit.“ Das hat den Hainrich übel verdrossen, aber doch geschwigen. Es hats aber der Blese sovil und oft getriben, das der Leutfridt, wie er dann ain seltzamer, notlicher alter man war, im in die harr nit vertragen kunt, sondern, als der Biese nit nachlassen, sprach er in ainer ungeduldt: „Ich zeuch den teu-fel was treibst du doch? Darvon ist ain gross gelechter entstanden, und habens die schuoler von rathsfründen vernomen, von denen die pfaffen. Also sein dess herr Gottfrid und herr Johanns Wernher, so der procession nachgangen, auch gewahr worden. Der hats den edel-leuten anzaigt, und ist also in ainer geschwinde under den gemainen mann kommen, dadurch bemelter Leut-fridt also gespait worden, das er, wie ich oftermals von den alten Mösskirchern gehört, die hai lig zeit sich wenig sehen lassen oder under die leut kommen ist. Dergleichen facetia hab ich den schwenken Bebelii gefunden. Man sagt, der alt herr Gottfridt hab ine übel darumb gehalten, sprechende: „Das dich botz mag schende! solltu unsers Hergots biltnus ain teufel nennen ? botz mag schende in der mutter ader!“

Anhang II

MERCURIUS VILLINGANUS

Das ist, Wahrhafte Relation was sich in dem Teutschen Schwedisch wehrenden Krieg mit Villingen einer Löbl: österreichischen Stadt vor dem Schwarzwalde gelegen, sowohl in Geist/weltlich als in Kriegs Sachen von Anno 1632 biss in Anno 1633 zugetragen, in welcher sich ein jeder sovil oder mehr, als in dem gantzen Teutschen, nunmehr lange Jahr continuirten Krieg zu ersehen und augenscheinlich die Wunder Gottes zu observiren hat. Seine lieben Patrioten, und Villingern zu immerwehren-dem Angedenken also vermerkt, und an Tag gegeben.

Durch Joann Baptisten Steidlin

der Philosophie der beider Rechte Doktor.

getruckt im Jahre Christi 1634 zu Freiburg.

Anhang III

Auch hier gibt es eine dokumentarisch belegte Geschichte zu erzählen, die der heutige Ortspfarrer zum besten gibt:

Der „Eselstall“ des Dotternhausener Palmesels war in dem kleinen, im Ort befindlichen Frauenkloster. Nun kam es von ab und an vor, daß zwischen der Priorin des Klosters und dem Pfarrer nicht immer die notwendige christliche Eintracht herrschte. Um ihren Forderungen —gerechten oder unrechten — den nötigen Nachdruck zu verleihen, drohten die Klosterfrauen mit dem augenscheinlich empfindlichen Übel, den Palmesel zum Palmsonntag einfach nicht frei zu geben. Mehrmals sei es sogar so weit gekommen, daß die Klosterfrauen ihre Drohung wahrgemacht hätten und so dem Volk ein lang erwartetes Vergnügen versagt blieb. Aber so ist es nunmal: Wenn die „Obrigkeit“ streitet, haben die kleinen Leute darunter zu leiden.

Quellenverzeichnis:

1. Josef Anselm Graf Adelmann von Adelmannsfelden „Christus auf dem Palmesel“ in: „Zeitschrift für Volkskunde“ 63 (1967) S. 182-200

2. Hansmartin Decker-Hauff, Rudolf Seigel „Die Chronik der Grafen zu Zimmern“ Handschriften der FF Hofbibliothek Donaueschingen Jahn Torbecke Verlag, 1978 Sigmaringen

3. Joan Baptist Steidlin „Mercurius Villinganus“, Stadtarchiv Villingen

4. Fritz Federer „Der Palmesel und die Palmprozession in Baden“ in: „Mein Heimatland“ Heft 3/4, 1934 (Verlag Badische Heimat), gleicher Artikel, gleicher Autor in: „St. Konradsblatt“ Nr. 15, v. 9.4. 1933 Freiburg

5. Bächtold-Stäubi und Hoffmann-Kayser „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“, Berlin/New York 1987

6. Beck: Der Esel in der Symbolik etc., insbesondere vom „Palmesel“ Diözesanarchiv von Schwaben, 21. Jahrgang, Nr. 1, 5. 1905

7. Lulu Weither und Wolfgang Schütz „Der Esel trägt es mit Fassung“, Vortrag bei der Jahrestagung 1989 des Deutschen Restauratoren-Verbandes in Trier (Dotternhausener Palmesel)

8. Bei der Abfassung des kunstgeschichtlichen Teiles mit stilkritischer Zeitzuordnung verdanke ich Anregungen und Fakten meinem Sohn, Dipl.-Restaurator Dr. phil. Felix Muhle

Fußnoten:

1) Siehe Literaturhinweise, Adelmann

2) Adelmann, a. a. 0. Seite 186

3) Wörtlicher Text siehe Anhang I

4) Wörtlicher Titel siehe Anhang II

5) a. a. 0. Seite 186

6) a. a. 0. Seite 187

7) Federer, a. a. 0. Seite 88

8) Adelmann, a. a. 0. Seite 188

9) Bächtold-Stäubi u. Hoffmann-Kayser „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Seite 1382

10) I. H. K. Freiherr von Wessenberg (1774-1860) Generalvikar für das 1827 aufgehobene Bistum Konstanz

11) a. a. O. Seite 89

 

Das Villinger Amt des Klosters St. Katharinental (Anneliese Müller)

Im Jahre 1242 wurde 1 km westlich von Diessenhofen im heutigen Thurgau (Schweiz), am Südufer des Rheins, das Dominikanerinnen-Kloster St. Katharinental angelegt. Schon im 13. Jahrhundert unterhielt es enge Beziehungen zur Stadt Villingen. Allein zwischen 1260 und 1400 haben mindestens 39 Villingerinnen, vor allem aus angesehenen und begüterten Familien, im Kloster den Schleier genommen.

 

Das Dominikanerinnenkloster St. Katharinental1), 1242 bei Dießenhofen (Thurgau) am heutigen Ort angelegt und 1869 aufgehoben, ist auf der Baar ziemlich in Vergessenheit geraten, seitdem es 1835 unter dem Druck der Verhältnisse seine letzten hiesigen Güter hatte veräußern müssen. Die wenigen Heimatforscher, die inzwischen darauf gestoßen sind, haben offenbar wenig damit anzufangen gewußte). Daß dieses Kloster fast 600 Jahre lang eine eigene, von Villingen aus verwaltete Schaffnei besessen hat, ist überhaupt erst in den letzten Jahren bemerkt worden3). Die vorliegende Abhandlung soll deshalb dieses „Villinger Amt“, seine Entstehung und Verwaltung einmal als Ganzes vorstellen, wobei das Thema in diesem Rahmen bei weitem nicht erschöpfend behandelt werden konnte.

Der zum Villinger Amt gehörige Besitz lag in den früheren Kreisen Donaueschingen, Neustadt, Tuttlingen und Villingen und wurde mit Sicherheit seit dem 15. Jh. gesondert verwaltet. Er umfaßte ursprünglich je ein Gut in Aasen, Bachheim, Döggingen, Kirchdorf, Klengen, Neudingen, Sumpfohren und Waldhausen (abgeg. Bei Döggingen), 10 Höfe in Dürrheim, die Häringshöfe bei Pfaffenweiler, 2 Güter in Pfohren, 3 Güter in Tuningen, Kelnhof und ein Gut in Überauchen, ein Haus, Liegenschaften und Geldeinkünfte in Villingen und eine Geldabgabe aus Tannheim, wozu noch Korngülten von den Zehntquarten in Bräunlingen und Löffingen und 2 Güter in Bräunlingen kamen. Besitz in Waldhausen bei Villingen war bereits 1261 abgestoßen worden. Hoheitsrechte irgendwelcher Art hatten nicht erworben werden können.

Grundlage für die Entstehung des Amtes sind die Beziehungen zwischen dem Kloster und der Stadt Villingen gewesen. Es soll daher zunächst auf diese eingegangen werden.

Urkundlich läßt sich die Verbindung erstmals 1259 nachweisen: in jenem Jahr schenkte der Reichenauer Ministeriale Heinrich von Salenstein dem Kloster ein Haus in der Stade). Auch der Hof in Waldhausen, der 1261 verkauft wurde 5), muß um diese Zeit erworben worden sein. Aber solchen Handlungen waren naturgemäß persönliche Beziehungen vorausgegangen, die man im wesentlichen der Villinger Stadtadelsfamilie von Tannheim 6) wird zuschreiben dürfen. Ein Angehöriger der Familie, Burkhart von Tannheim, lebte schon um 1258 mit seiner Ehefrau als Pfründner beim Kloster. Darüber, wie diese Verbindung zustande gekommen ist, lassen sich nur Vermutungen aufstellen. Der Tradition zufolge 7) soll Burkhart durch einen gewissen Rudolf von Villingen für das geistliche Leben gewonnen worden sein, einen sonst unbekannten Mann, der wohl ein Geistlicher und kaum in Villingen wohnhaft gewesen ist, da sein Name eine Herkunftsbezeichnung darstellt. Man wird diese Mittlerrolle jedoch kaum einer einzelnen Person zuschreiben dürfen, sondern eher — man betrachte die geographische Lage Villingens und die Stadtpolitik des 13. Jh. 8)— einer Stadt, nämlich Schaffhausen. Diese Stadt war mit Villingen nicht nur über eine gute Fernstraße sondern auch durch mannigfache persönliche, wirtschaftliche und politische Interessen verbunden, andererseits haben die Schaffhauser Bürger zu den ersten gehört, welche die junge Gründung St. Katharinental gefördert und unterstützt hatten. Villingens Stadtherr, Graf Heinrich von Fürstenberg, ist allem zufolge am Zustandekommen der Verbindung unbeteiligt gewesen 9).

Die Beziehung zwischen Stadt und Kloster wurde weiterhin von der Familie von Tannheim getragen, für die St. Katharinental später einen eigenen Jahrtag errichtete, eingedenk der von derselben empfangenen Wohltaten“‘. Infolgedessen ist der klösterliche Freundeskreis in Villingen genau zu bestimmen: er bestand im wesentlichen aus den vier Familien von Tannheim, Hainburg, Hemerli und Stehelli, die, eng miteinander versippt, im 14. Jh. nach Rang und Tätigkeit an der Spitze des Stadtadels und der Stadt standen. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß auch die anderen damals im Zusammenhang mit dem Kloster genannten Einzelpersonen und -familien irgendwie in diesen Kreis gehört haben. Sicher war dies der Fall bei der Familie Blumberg: Vormund der Agnes Blumenbergin, deren Eltern sich in den Kriegswirren 1291/92 mit zwei Kindern ins Kloster geflüchtet hatten, ist Burkhart von Tannheim gewesen 11). Möglicherweise trifft dies auch auf eine andere Villingerin zu, die Frau Silbernknöllin, die um 1284 mit ihrer Tochter nach St. Katharinental kam und eine Villinger Fleischbank einbrachte12); man weiß nämlich inzwischen, daß die von Tannheim an den dortigen Fleischbänken beteiligt gewesen waren13). Insgesamt darf die Beziehung zwischen dem Kloster und den führenden Schichten der Bürgerschaft bis in die Zeit um 1300 als eine überwiegend persönliche betrachtet werden.

 

Das Kloster wurde 1869 aufgehoben und ist heute, vorzüglich restauriert, ein kantonales Alters- und Pflegeheim. — Im Hintergrund rechts das ehemalige Kornhaus, davor mit hohem Giebel die Klosterkirche, links anschließend der Konventstrakt. Das kleinere Haus mit der Traufseite zum Betrachter, vor der Kirchenfassade, ist die einstige Hofmeisterbehausung, das langgestreckte Gebäude davor ein Wirtschaftsgebäude. Das quadratische Haus links war das Hofmeisterhaus von 1781, links dahinter das Herrenhaus von 1744/45. Die Hangseite, im Bild links, ist das deutsche Steilufer über dem Rhein bei Gailingen.

 

Deutlichste Auswirkung waren die zahlreichen Klostereintritte weiblicher Familienangehöriger: wir kennen für die Zeit zwischen 1260 und etwa 1400 mindestens 39 Villingerinnen, die in St. Katharinental den Schleier genommen haben 14), darunter jene Elisabeth Hainburg, die auf Grund ihres vorbildlichen Lebenswandels eine eigene vita erhalten hat 15) . Gleichzeitig lassen sich aber auch Laienbrüder und Pfründner aus Villingen im Kloster nachweisen 16), und im übrigen hat sich eine Reihe von Jahrtagstiftungen erhalten17), von deren Stiftern sicherlich etliche ihr Begräbnis im Kloster gefunden haben. Von Anfang an waren, meist über geistliche Ausstattungen und Zuwendungen, Liegenschaften und Einkünfte in und bei der Stadt erworben worden, wenn auch zunächst nicht in nennenswertem Umfang; dazu gehörte z. B. die durch Konrad Blumberg geschenkte Mühle zum Steg 18) . Allerdings hat man im Kloster, wie die 1261 erfolgte Abstoßung des Waldhauser Hofes zu beweisen scheint, zunächst nicht daran gedacht, hier größere Außenposten zu erwerben und zu behalten. Erst als sich gegen 1300 der auf der Baar gelegene Besitz ansehnlich vermehrt hatte, scheint man die Erweiterung desselben ernsthaft betrieben zu haben. Unter den Neuerwerbungen waren weitere Güterstücke und Einkünfte in der Stadt selbst: 1313 schenkte Burkhart von Tannheim 7 Mm Wiesen vor dem Riettor an eine Jahrzeit für seine Eltern19), 1345 gab seine Nichte Katharina 2 Pfd. Pfg. jährlichen Zins von einer Wiese zum gleichen Zweck 20). Die Mühle vor dem Niedertor, auf deren Platz heute das städtische Schlachthaus steht 21), war 1318 um 72 M. S. von der Witwe Katharina des Schultheissen Hug Stehelli erkauft worden 22). An jährlichen Einkünften kamen später noch 5 Pfd. H. vom Villinger Schultheißenamt hinzu, welche Schwester Anna von Klingenberg dem Kloster zwischen 1410 und 1465 zugebracht hatten), und 1467 konnte von der Witwe des Hans Stehelli eine Reihe von Gartenzinsen um 20 Pfd. H. erworben wer-den24). Obwohl diese Güter und Zinse nicht sonderlich viel einbrachten, bot sich, als es um die Schaffung eines eigenen Amtes ging, Villingen natürlicherweise als Verwaltungsmittelpunkt an: es lag zentral inmitten des klösterlichen Grundbesitzes, war bei weitem die bedeutendste Stadt im Umkreis, hatte den zum Absatz des Getreides notwendigen Markt, und das Kloster besaß dort ein außerordentlich geräumiges Haus, welches sich zur Aufnahme der jährlich einlaufenden Naturalzinsen bestens eignete.

Dieses Haus war, wie vorbeschrieben, 1259 von Heinrich von Salenstein erworben worden25). Leider fehlen für die folgende Zeit alle Quellen, sicher ist jedoch, daß der Erwerb keineswegs die sofortige Aufnahme ins städtische Bürgerrecht nach sich gezogen hat. Auch scheint das Haus zunächst nicht vom Kloster selbst genutzt worden zu sein: als nach 1259 erstmals wieder etwas darüber zu erfahren ist, 1313, wurde es von Burkhart Hennerli bewohnt und in jenem Jahr dessen Neffen Burkhart von Tannheim als Pfründgut auf Lebenszeit zur Nutznießung überlassen26). Die nächste Nachricht zeigt, daß 1465/66 mit Hans Stehelli immer noch ein Stadtbürger darauf saß27), der es sich allerdings mit dem sogenannten Hauswirt teilte, von dem noch die Rede sein wird28). Sämtliche Abgaben trug, nachzuweisen erst mit dem 15. Jh., das Kloster. Vielleicht darf man, mit gebührender Vorsicht angesichts der Quellenlage, annehmen, daß St. Katharinental das Gebäude vorher jeweils einem ihm freundschaftlich verbundenen Stadtadeligen anvertraut hat, der möglicherweise die Abgaben zu tragen hatte und wohl die Vertretung des Klosters bei der Stadt und die Überwachung der wenigen Lehenleute übernahm. Die Einsetzung des Hauswirtes datiert wohl nach der Aufnahme ins Villinger Bürgerrecht, da um jene Zeit auch der Besitz beträchtlich zunahm. Erst mit der Einsetzung eines ständigen, in Villingen verbürgerten Schaffners in der zweiten Hälfte des 15. Jh. dürfte das Klosterhaus endgültig dem jeweiligen offiziellen Amtsträger als Wohn- und Amtssitz übertragen worden sein.

Das Bürgerrecht konnte 1314 erworben werden. Warum dies nicht schon 1259 geschehen ist, läßt sich nicht ohne weiteres klären. Natürlich könnte von Seiten des Klosters kein Interesse daran bestanden haben; möglicherweise sind entsprechende Versuche auch durch den häufigen Ämterwechsel vereitelt worden29). Mit größerer Wahrscheinlichkeit waren es jedoch die politischen Verhältnisse, die sich als hinderlich erwiesen. Wie bereits bemerkt, ist kein Interesse des Stadtherrn Heinrich von Fürstenberg an dem unter habsburgischer Oberhoheit stehenden Kloster zu vermerken, und ihm muß doch wohl zumindest ein Mitspracherecht an der Bürgerannahme zugestanden werden. Die Art, wie die Aufnahme dann schließlich erfolgt ist, entbehrt ohnehin nicht gewisser Züge, die ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis zwischen Stadtherrn und Bürgerschaft werfen. Ihr war ein seit 1311 andauernder Streit des Grafen Egino von Fürstenberg, Heinrichs Sohn, mit dem Kloster um gewisse Rechte, besonders an den Häringshöfen, vorangegangen, der von Seiten des Grafen so erbittert geführt wurde, daß er schließlich das Interdikt zu gewärtigen hatte. Der Streit wurde daraufhin am 15. Oktober 1314 durch einen dem Kloster günstigen Kompromiß beendet; die Zeugen der Urkunde gehörten zum größten Teil, die darunter befindlichen Villinger Bürger sämtlich zu den Freunden des Klosters 30). Zwei Tage später bat Egino die Stadt, das Kloster unter ihre Bürger aufnehmen zu wollen und versprach demselben seinen Schutz31). Die Stadt scheint dieser Bitte rasch, vermutlich ganz im Gegensatz zu ihren sonstigen Gepflogenheiten, entsprochen zu haben — man fragt sich, ob die Bitte des Grafen nicht eine reine Formalität und dazuhin eine Art zusätzlicher, ihm abgerungener Entschädigung an das Kloster und die durch seine Schuld zeitweise vom Interdikt bedrohte Stadt dargestellt hat32). St. Katharinental wurde fortan unter die Villinger Ausbürger gerechnet, die Bürgereigenschaft ruhte auf dem Klosterhaus in der Rietstraße33). Dafür entrichtete das Kloster der Stadt jährlich seit dem 15. Jh. 2 ß H Hofstattzins‘) (im 18. Jh.: 2 xer) und die Steuer in Höhe von 2 Pfd. H. (seit 1581 1 fl. 3 b zuzüglich 3 fl. Schatzung, seit dem Ende des 17. Jh. 3 fl. 45 xer Steuer und ebensoviel Schatzung)35), wozu noch die jeweils wechselnden Belastungen kamen, welche die Stadt auf ihre Bürger umzulegen genötigt war. Das Haus war zudem mit einer Abgabe von 4 ß H (später: 20 xer) an die Lichtpflege im Münster belastet, die als Gegenwert für 1/2 Pfd. Wachs erhoben wurden und wohl eine unbekannt gebliebene Jahrtagstiftung im Hintergrund hatten. Sämtliche Abgaben wurden bis zur Veräußerung des Hauses im allgemeinen regelmäßig entrichtet, das Haus selbst ging 1795 um 1500 fl. rh. an die Hofmeistersgattin und Schaffnerstochter Walburga Hafen geb. Handmann über 36).

 

Schon 1259 schenkte der Reichenauer Ministeriale Heinrich von Salenstein dem Kloster St. Katharinental ein Haus in der Stadt Villingen. Ob es bereits das hier im Bild gezeigte war, ist nicht zu entscheiden. Jedenfalls war die Schaffnei, d. h. der Verwaltungssitz des Villinger Amtes, bis zur Säkularisation in diesem Hause Rietstraße 31. Das Kloster besaß in Villingen das Bürgerrecht.

Mit dem Erwerb des städtischen Bürgerrechtes war die erste Phase in den Beziehungen Stadt-Kloster beendet—für das Kloster konnte nun die Sicherung seines Besitzstandes beginnen, gefolgt vom Aufbau einer Schaffnei. Für die Zeit bis kurz nach 1400 sind die Quellen allerdings wenig ergiebig, es haben sich nur einige wenige Lehenbriefe erhalten. Die Besiegelung von Lehensreversen durch die Stadt zeigt zumindest, daß das Kloster seine Bürgerpflichten ernst nahm. Die persönlichen Bindungen liefen zunächst weiter, um erst gegen Ende des Jahrhunderts langsam einzuschlafen; die Zahl der Klostereintritte ließ nach und hörte schließlich ganz auf‘. Die Gründe dafür sind unter anderem in den veränderten Zeiten zu suchen. Seit 1326 unterstand die Stadt Villingen dem Hause Habsburg, was ein demonstratives Verhältnis zu dem habsburgischen Kloster hatte hinfällig werden lassen. Das Stadtregiment war unmerklich auf andere Familien übergegangen, die führenden Familien des 14. Jh., soweit es sie noch gab, zogen den Aufstieg in den Landadel vor 38). Man gab jetzt auch seine Töchter vorzugsweise in die heimischen Klöster, die vermutlich mit geringeren Aussteuersummen zufrieden gewesen sind als St. Katharinental, wo das Leben inzwischen stiftsmäßigen Charakter angenommen hatte39). Die Beziehungen zwischen Stadt und Kloster begannen sich zu versachlichen.

Auch das Interesse des Klosters galt seit dem 14. Jh. überwiegend der einträglichen Verwaltung seines Grundbesitzes. Um Reibungen zu vermeiden empfahl es sich, mit der Stadt in gutem Einvernehmen zu stehen. Man war darum auch sehr besorgt, noch eine Information des 17/18. Jh. für den Villinger Verwalter weist denselben ausdrücklich auf diesen Punkt hin. Natürlich gab es auch weiterhin persönliche, freundschaftliche Verbindungen, die jedoch nun das Ergebnis der wirtschaftlichen Gegebenheiten waren: so zu dem Hauswirt, dem Schaffner, den Lehenleuten. Die Stadt selbst gewann nur einmal eine über ihre Funktion als Gerichtsinstanz und Schaffnersitz hinausgehende Bedeutung: als während der Reformation 1531 ein Teil des Konventes das Kloster verließ und, nach einem Aufenthalt in Engen dort von der „Pest“ vertrieben, sich nach Villingen begab. Die 21 Frauen lassen sich hier von Ende Oktober 1531 bis Anfang 1532 nachweisen, sie wohnten allerdings nicht in ihrem eigenen Haus, in dem der Schaffner saß, sondern vermutlich im gegenüberliegenden Antoniterhaus 40). Sie erfreuten sich allgemeiner Unterstützung, sowohl von Seiten der Stadt wie befreundeter Adeliger, die Bürger sollen von dem exemplarischen Lebenswandel so angetan gewesen sein, daß sie die Klosterfrauen zu bleiben baten; die Stadt soll sogar versprochen haben, das Holz zu einem Klosterbau stellen zu wollen 41). Das Angebot wurde allerdings hinfällig, als nach der Schlacht bei Kappel eine Rückkehr in das eigene Kloster möglich wurde.

Mit dem Erstarken der Stadtherrschaft begannen auch immer wieder zutage tretende Querelen, weil die Stadt begann, ihre seit 12 78 nachzuweisenden Privilegien exzessiv anzuwenden 42).

Da St. Katharinental seinen Klosterbau nicht im städtischen Jurisdiktionsbereich hatte, waren die Folgen nur mittelbar, stellten jedoch im Laufe der Zeit schwerwiegende Rechtsverluste dar. Schon früh hatte die Stadt versucht, Einfluß auf die Klosterpflegschaften zu nehmen und spätestens im 16. Jh. erreicht, daß diese unter ihre Ämter gerechnet wurden. Der jeweilige Schaffner hatte also Bürger der Stadt zu sein und dem dortigen Rat zu schwören 43). Ein 1673 unternommener Versuch des Klosters, sich dem zu entziehen, indem es die damals vakante Schaffnei mit dem verdienten Hofmeister Johann Michael Jäger besetzte, scheiterte am Einspruch der Stadt, welche den Nichtbürger Jäger unter Hinweis auf ihre Privilegien abwies44). Folgenschwerer waren die ebenfalls im 17. Jh. zu beobachtenden Versuche, die Zuständigkeit des Villinger Stadtgerichtes für bestimmte Rechtsfragen zu umgehen. Der Ausgang einer Streitigkeit, entstanden durch die Ladung eines Kirchdorfer Lehenmannes wegen ausständiger Zinse nach Konstanz, die von der Stadt mit Befremden zur Kenntnis genommen worden war, ist unbekannt45). Dafür konnte sich die Stadt im Streit um die Verleihung der Häringshöfe um 1650 vollständig durchsetzen: die Belehnungen waren nach wie vor vor ihrem Gericht durchzuführen, und dem Kloster wurde in einem 1655 erfolgten Vergleich gerade noch zugestanden, daß der jeweilige Inhaber um die Belehnung einkommen müsse; eine Veräußerung der Höfe war jedoch seither auch ohne klösterliche Erlaubnis möglich46). St. Katharinental scheint sich der Lage vollständig gefügt zu haben, und so ist bis ins 19. Jh. über die gegenseitigen Beziehungen nichts Sensationelles mehr zu berichten.

Der außerhalb der Stadt gelegene, zum späteren gleichnamigen Amt gehörige Grundbesitz ist, abgesehen von wenigen Stücken, die noch im 13. Jh. an das Kloster gekommen waren, im wesentlichen im 14. Jh., meist zwischen 1318 und 1350 erworben worden. Im 15. und 16. Jh. kamen noch kleinere Einkünfte dazu, im 17. Jh. nochmals zwei Güter, dann ist der Besitz, abgesehen von den unumgänglichen Verlusten und Tauschhandlungen, bis ins 19. Jh. konstant geblieben.

Herkunft, Erwerbsart und -jahr ist von vielen der Güter bekannt, im übrigen der Einfluß Villinger Bürger nicht zu übersehen. Die drei Güter in Aasen, Bachheim und Döggingen verdankte das Kloster dem Schaffhauser Bürger Jakob Hun, der sie 1311 mit Konsens seines Lehenherren, des Konstanzer Bischofs, seiner Tochter Agnes beim Klostereintritt mitgegeben hatte‘. Ebenfalls einer (Aussteuer-)Schenkung entstammten vier der zehn Dürr-heimer Güter: diese hatte der Villinger Bürger Konrad Blumberg, der sich um 1291/92 mit Frau (Adelheid) und den Töchtern (Irmengard und Agnes) ins Kloster geflüchtet hatte, mitgebracht48). Die sechs restlichen Güter erwarb St. Katharinental 1333 um 443 Pfd. H. von dem Grafen Berthold von Sulz, der 2/3 daran kurz zuvor aufgekauft hatte«. Die beiden Güter in Neudingen und Sumpfohren waren Eigentum des Villinger Bürgers Konrad von Tannheim gewesen, der sie 1318 dem Kloster um 30 M. S. verkaufte50). Diese Summe war so niedrig, daß angenommen werden darf, daß der Verkäufer die Differenz — die beiden Höfe dürften zusammen etwa 75 M. S. wert gewesen sein — seiner um jene Zeit ins Kloster eingetretenen Tochter Elisabeth mitgegeben hat 51). Die Kaufsumme hatten die Brüder Berthold und Eberhard von Stoffeln dem Kloster zur Verfügung gestellt, mit der Auflage, aus den Einkünften der erkauften Güter ein Leibgeding und später Jahrzeiten bestreiten zu wollen52). Die drei Güter in Tuningen stammten aus dem Besitz der Villinger Familie Stehelli; Schultheiß Hug Stehelli und sein Bruder Heinrich verkauften zunächst 1309 einen Anteil um 161/2 M. S., 1321 konnten 2 weitere Güter von Hugs Witwe Katharina, ihrem Sohne Konrad und dem Schwager Heinrich um 71 Pfd. Brisger erworben werden53).

Weniger einfach liegt die Sache bei den restlichen Orten. So gibt es über den Erwerb des Kelnhofes in Überauchen und der Häringshöfe keine eindeutigen Hinweise, wenn man nicht die Bemerkung „unkaufte Leut“ bei Überau-chen im Rodel von 1339/45 als einen solchen, nämlich auf eine Schenkung, werten will. Beide werden erstmals in einem undatierten Rodel vom Beginn des 14. Jh. genannt‘. Während der Jahre 1311-14 sperrte Graf Egino von Fürstenberg die davon gehenden Einkünfte — den Häringshof scheint er auch annektiert zu haben — ungeachtet aller kirchlichen Strafen, die er damit auf sich lud 55). Der Vergleich, der schließlich zustande kam, ging allein um den Häringshof, weshalb anzunehmen ist, daß dem Kloster in Überauchen einigermaßen gesicherte Besitztitel vorlagen. Die Ansprüche an den Häringshof hingegen verkaufte der Graf dem Kloster um 20 M. S., d. h., er verkaufte den Hof sannt der Sägemühle als lediges Eigen.

 

Im Frühjahr 1989 begann für das große alte Haus an der Rietstraße ein neuergeschichtlicher Abschnitt. Von der Webergasse geht der Blick auf die Rückseite des einstigen St. Katharinentaler Verwaltungssitzes, wo gerade die Baumaschinen dabei sind, das Gebäude völlig auszukernen.

Es wäre interessant zu wissen, welcher Art diese Ansprüche gewesen sind, denn die 20 M. S. müssen lediglich eine Abfindung dargestellt haben. Die drei Höfe des Jahres 1829 umfaßten etwa 575 Jauchert (sie hatten eine Sondermarkung), und selbst wenn man annimmt, daß der ursprüngliche Hof kleiner gewesen ist und seit dem 14. Jh. eine Vermehrung des Grundbesitzes etwa durch Rodung stattgefunden hat, so muß dennoch, vergleicht man das Gut mit anderen, ähnlichen Objekten, der gesamte Hof des 14.1h. etwa einen Wert von 200 M. S. gehabt haben). Der ganze Vorgang scheint auf eine vom Landes- oder Vogteiherrn nicht genehmigte Schenkung bzw. auf die Ablösung von Vogtrechten hinauszulaufen. Weitere Aussagen sind leider nicht möglich, zumal die Nennungen in dem obengenannten Rodel und zu 1311 die Erstnennungen des Häringshofes überhaupt darstellen. Eine Vermutung sei indes erlaubt: Niedergerichtsherr im benachbarten Pfaffenweiler waren die Schenken von Salenstein namens des Klosters Reichenau, und die Kastvogtei über die reichenauischen Besitzungen auf der Baar scheinen die Grafen von Fürstenberg ausgeübt zu haben56). Wer jedoch der eigentliche Schenker des Hofgutes gewesen ist, darüber gibt es keinerlei Anhaltspunkte.

Schenker des Kelnhofes in Überauchen könnte allerdings ein Villinger Bürger gewesen sein, da das Kloster 1339 einen Anteil von einem solchen zurückkaufen mußte 57). Ein zweites Gut konnte 1338 von Kloster Salem um 70 M. S. erworben werden 58). Die beiden Höfe in Klengen und Pfohren werden ebenfalls in dem Rodel vom Anfang des 14 Jh. genannt, das Gut in Kirchdorf 1325 und Besitz in dem in Döggingen aufgegangenen Waldhausen im Rodel von 1339/45. Hinweise auf die Erwerbsart hat man derzeit allein bei dem Gut in Klengen: da es mit einem Wachszins belastet war, dessen Empfänger allerdings derzeit noch unbekannt ist, könnte es ursprünglich einer geistlichen Institution gehört haben60). Die Einkünfte aus Löffingen und Bräunlingen wurden im 15. und 17. Jh. erworben. Die 5 Mtr. Getreide aus der Bräunlinger Zehntquart hatte Schwester Agnes von Klingenberg 1410 ihrer ebenfalls im Kloster lebenden Schwester Anna auf Lebenszeit überlassen mit der Auflage, daß sie nach deren Tod an die Familienjahrzeit im Kloster fallen sollten 61). Ein jährliches Kernengeld von 6 Mtr. aus der Zehntquart in Löffingen wurde Verena von Klingenberg 1463 bei ihrem Klostereintritt mitgegeben; von der Möglichkeit, diesen Zins mit 100 fl. rh. auszulösen, hat die Familie keinen Gebrauch gemacht62). Die allerletzte Erwerbung an das Villinger Amt stellten die beiden Güter bzw. deren Einkünfte in Bräunlingen dar, welche allerdings erst nach langen Streitigkeiten ab 1685 bezogen werden konnten. Sie waren dem Kloster, zusammen mit weiteren Liegenschaften und fahrender Habe, 1646 und erneut durch ein Testament vom 10. April 1649 durch die Witwe des Bräunlinger Oberschultheißen Hans Ulrich von Ramschwag, Anna Magdalena von Göberg, vermacht worden. Sie hatte sich nach denn Tode des Gatten ins Kloster zurückgezogen, dort offenbar den Status einer Pfründnerin erlangt und war gegen 1654 gestorben. Ihr Testament wurde zwar als gültig erklärt, die Hinterlassenschaft war jedoch mit Schulden belastet, wurde zunächst zugunsten der Gläubiger vergantet und erst spät kam eine Einigung zustande, welche dem Kloster wenigstens die beiden Güter eingebracht hat 63). Welchen Status die verschiedenen Güter bei der Übernahme durch das Kloster gehabt hatten, läßt sich im allgemeinen nicht mehr feststellen, wenn auch angenommen werden darf, daß zumindest die größeren Höfe noch im Hochmittelalter erblich gewesen sind. Waren sie jedoch nicht als Fallehen übernommen, so wurden sie alsbald in solche umgewandelt: im 15. h. bestand das Amt, ausgenommen den Besitz in der Stadt Villingen, ausschließlich aus Hand- und Schupflehen. Begreiflicherweise herrschte dagegen bei den Untertanen der Wunsch vor, die Erblichkeit ihrer Lehen zu erreichen, der vom Kloster, schon wegen der Entfernung der Güter vom Verwaltungshauptsitz, nicht geteilt werden konnte: abgesehen davon, daß man die Übersicht über Handänderungen verlorenzugehen drohte, bestand bei einem Erblehen kaum mehr die Möglichkeit, Einfluß auf die Einsetzung des bestmöglichen Wirtschafters zu gewinnen. Dennoch ließ sich die Entwicklung nicht aufhalten; wie sie im einzelnen verlaufen ist, war allerdings weitgehend von Zufälligkeiten abhängig, wie z. B. der Haltung der jeweiligen Gerichtsherrschaft. Am weitesten scheinen die Dinge früh im Bereich von Stadt und Johanniterkommende Villingen gediehen zu sein: in Dürrheim führte schon 1440 ein Lehenmann einen Prozeß mit der Behauptung, sein Lehen sei erblich und könne daher wegen ausstehender Zinse nicht heimfallen 64). Den Beweis blieb er allerdings schuldig. Im Gebiet der Stadt setzten die Erblichkeitskäufe im 16. h. ein: die Härings-höfe hatten den erblichen Status schon 1604, das Gut in Klengen erlangte ihn zwischen 1615 und 1670, ein Gut in Überauchen 1661. Die zum Amt Tuttlingen gehörigen Lehen erscheinen 1732 als Erblehen, dürften dies aber schon etwa ein Jahrhundert früher gewesen sein‘. Die Güter in Neudingen und Pfohren im Amt Donaueschingen wurden im 18. h. in Erblehen umgewandelt, als das Kloster wegen damals begonnenen Klosterneubaus, der ungeheure Mittel verschlang, zusätzliche Gelder benötigte. Am längsten hielten sich die Schupflehen im Amt Hüfingen; es hat allerdings auch hier den Versuch gegeben, zumindest das Gut in Döggingen dem damaligen Inhaber in ein Erbgut umzuwandeln, nachdem drei Generationen von Lehenbauern es ohnehin wie Eigen behandelt hatten 66). Als jedenfalls im 19. h. die Allodifikationen einsetzten, war unter den Gütern des Amtes fast kein Schupflehen mehr zu finden.

Da die Güter keinen zusammenhängenden Komplex bildeten und weit vom Kloster entfernt lagen, war von Beginn an die Möglichkeit ohne Wissen und Zustimmung des Klosters getätigter Veräußerung von Güterstücken und Gutsanteilen gegeben. Schon 1383 war ein Drittel des Aasemer Gutes an die Villinger St. Erhartspfründe verkauft worden; St. Katharinental bezog, da ein weiteres Drittel der Einkünfte an die Villinger Johanniter ging, lediglich noch 1/3 der Gesamtzinse67). Ähnlich stand es mit anderen Gütern, z. B. dem Tuninger Etterlehen, welches die Herrschaft Württemberg im 18. h. als Eigen betrachtete; es zinste neben der Herrschaft und Sankt Katharinental noch der Weißen Sammlung in Rottweil 68). Häufiger war allerdings der Verlust einzelner Lehenstücke, die von den Zinsleuten im Laufe der Zeit unter ihr Eigengut gebracht oder veräußert wurden, was sich meist erst bei der nächsten Urbaraufnahme herausstellte und dann in der lapidaren Bemerkung „ist verloren“ niederzuschlagen pflegte. Dies hatte besonders in Dürr-heim, wo ein größerer Besitzkomplex vorhanden war, beträchtliche Ausmaße angenommen. Das Lagerbuch von 1719 verzeichnete erhebliche Verluste, bis 1829 nahmen sie noch um ein Mehrfaches zu 69).

Die Teilung der Güter konnte hingegen bis ins 16. Jh. weitgehend verhindert werden, einzig das Gut in Pfohren scheint bereits im 14. h. geteilt gewesen zu sein. Naturgemäß waren davon besonders die größeren Güter betroffen: geteilt wurden im 16. h. die Güter in Pfohren und Überauchen, im 17. und 18. h. die Häringshöfe, im 18. h. die Güter in Überauchen, Kirchdorf und Dürrheim. Im allgemeinen erlangten die geteilten Höfe sofort die Selbständigkeit, Tragereien blieben selten und lassen sich erst Ende des 18. Jh. feststellen. Dann allerdings fast überall, da dies offenbar die einzige Möglichkeit war, den Überblick über die in kleinste Parzellen zerteilten Lehen zu behalten. Wieweit den Schaffner eine Mitschuld an dieser Entwicklung getroffen hat, läßt sich nicht mehr nachweisen, der entsprechende Verdacht liegt jedoch nahe. Andererseits ist anzunehmen, daß seit Ende des 18. h., als St. Katharinental selbst von der Aufhebung bedroht war, diese Einzelheiten nicht mehr so wichtig genommen worden sind. Als dann die Auflassung des Amtes ohnehin in der Luft lag, 1829, stellte sich noch heraus, daß einer der Dürrheimer Träger den Zins, den er von seinen Mitinhabern kassiert hatte, nicht weiterzuleiten pflegte. Auch darüber hat sich niemand mehr sonderlich aufgeregt.

Der genaue Zeitpunkt, zu dem die Besitzungen zu einem eigenen Amt zusammengefaßt worden sind, ist unbekannt, kann aber nicht vor dem 14. h. gelegen haben, da bis dahin die Einnahmen kein nennenswertes Ausmaß erreicht hatten.

Die wenigen Urkunden, die sich aus dem 14. h. erhalten haben, erlauben keine Rückschlüsse, und der erste Schaffner, ein Pfründner des Klosters, wird 1414 genannt 70). Die frühen Rödel allerdings — nicht der vom Beginn des 14. h., jedoch die von 1339/45 und 1359 71) — führen die später zum Amt gehörigen Orte immer vom sonstigen Klosterbesitz getrennt, in Teilrödeln, auf. Es darf daher wohl, da der Besitzerwerb um 1350 weitgehend abgeschlossen war, als gesichert angenommen werden, daß bereits um die Mitte des 14. h. eine Sonderverwaltung bestanden hat. Wie diese allerdings ausgesehen hat, läßt sich höchstens vermuten. Ihre Entwicklung ist an der des Schaffneramtes abzulesen und darüber läßt sich erst mit dem Einsetzen der Schaffnerrechnungen im Jahre 1437 ein etwas klareres Bild gewinnen.

Schon bei der Behandlung des Klosterhauses war darauf hingewiesen worden, daß dieses im 14. h. offenbar von Angehörigen des Villinger Stadtadels bewohnt wurde, die dafür wohl in gewissem Umfang die Vertretung des Klosters gegenüber der Stadt wahrzunehmen hatten. Von Seiten des Klosters dürfte zunächst der Hofmeister auch für den Villinger Besitz zuständig gewesen sein; vielleicht hat auch schon damals jeweils einer der im 13. h. so häufig genannten Gemeinder, Pfleger und Prokuratoren des Klosters Geschäfte in Zusammenarbeit mit diesem Hausbewohner geführt72). Als jedoch gegen Mitte des 14. h. aus dem Ehrenamt eine Vollzeitbeschäftigung geworden war, scheint man den sogenannten Hauswirt, einen wohl den städtischen Mittelschichten entstammenden Mann, in das Klosterhaus gesetzt zu haben, wofür dieser gewisse Verantwortlichkeiten zu übernehmen hatte. Wie weit diese im 14. h. gingen, ist unbekannt, im 15. h. jedenfalls hat er die Einnahmen verwaltet und die notwendigen Ausgaben erlegt. Ebenfalls nicht bekannt ist, wann im Kloster das eigentliche Amt eines Villinger Schaffners geschaffen worden ist. Es bestand jedoch spätestens in der 1. Hälfte des 15. h., und seine ersten Inhaber waren nacheinander die Pfründner und Laienbrüder Cläwi Has73), Br. Ulrich Schmid genannt Schwab74), Burkhart Genter 75) und Bürkli Buman76), die sämtlich im Kloster lebten und dem dortigen Hofmeister hinsichtlich ihrer Amtsführung unterstanden. Der jeweilige Villinger Meister (später wurde der Amtsinhaber Pfleger, dann Schaffner, schließlich Verwalter genannt) erhielt zusätzlich zu seiner Pfründe als jährliche Besoldung die sogenannte Besserung in Höhe von 2 Pfund H, wohingegen der Hauswirt offenbar keinerlei Besoldung sondern nur die Erstattung seiner Auslagen erhielt. Allerdings ließ ihm das Kloster Anerkennungsgaben zukommen: so bezog er regelmäßig auf Weihnachten eine Anzahl von Birnenzelten, deren Zutaten (Gewürze) aus den Einkünften des Amtes erkauft wurden. Die Rechnung von 1458 führt auch ein Paar Handschuhe für ihn auf. Da der Villinger Meister, wie die Verzehrkosten ausweisen, sich häufig in der Stadt und ihrer Umgebung aufhielt, darf angenommen werden, daß sich die anfallenden Geschäfte derart auf Hauswirt und Meister verteilt haben, daß letzterer, soweit dies nicht in die Kompetenz des Hofmeisters fiel, die offizielle Vertretung des Klosters wahrnahm und der erstere mehr mit den praktischen Aufgaben betraut war. Beide beschäftigten auch Knechte, welche Botendienste sowie die Überbringung von Geld und Naturalien ins Kloster übernahmen. Da diesen, den Rechnungen zufolge, lediglich die Unkosten erstattet wurden, bleibt offen, ob sie im übrigen aus dem Einkommen von Hauswirt oder Meister besoldet, nur für bestimmte Aufgaben angefordert wurden oder überhaupt in Klosterdiensten standen.

Der erste weltliche Pfleger wurde 1457, offenbar auf Lebenszeit bzw. Wohlverhalten eingesetzt. Seine Besoldung erfolgte nicht mehr in Geld sondern in Naturalien, nämlich jährlich 5 Malter Getreide, je zur Hälfte Vesen und Haber, sowie in den dem Amt anfallenden Küchelgefällen len. An der Amtsführung selbst änderte sich wenig, der Hauswirt blieb im Klosterhaus sitzen und besorgte weiterhin die ihm vertrauten Geschäfte, was sich empfahl, da der Pfleger Heinrich Schurhamer 77) anscheinend kein Villinger Bürger und auch nicht ständig in der Stadt wohnhaft war; zumindest weist z. B. die Rechnung von 1464 auch für ihn Verzehrkosten aus. Als der Hauswirt Jakob Hettlinger wohl um 1466 gestorben war, wurden vermehrt einheimische Lehenleute zu kleineren Diensten herangezogen, von denen einer, der aus Grüningen stammende Mosch, später anscheinend Pfründner in St. Katharinental geworden ist. Nach dem Tode des Heinrich Schurhamer trat 1476 sein Sohn Hans die Nachfolge im Amt an‘. Ihm wurde als erstem Pfleger durch den Laienbruder Ulrich und den Villinger Stadtschreiber das Klosterhaus geliehen79). Allerdings beherbergte dieses spätestens seit 1477 wieder einen Hauswirt, der sich das Haus offenbar mit dem Schaffner geteilt hat‘; es ist vielleicht jener Kromer gewesen, der, zusammen mit seiner Frau, die Verwaltung des Amtes übernahm, als sich der Schaffner 1485 aus unbekannten Gründen von Villingen absetzte. Bei seinem plötzlichen Abgang hinterließ er 102 Malter unverkauft auf dem Kasten liegendes Getreide, wozu noch die Einnahmen des Vorjahres in Höhe von 75 Malter kamen, wovon er lediglich 12 Malter verkauft hatte; auch seine Ausgaben enthalten nur das Unumgängliche. Zudem läßt sich aus den Rechnungen feststellen, daß er dem Kloster von 1481 her Geld für nicht verkauftes Korn schuldete. Das Kloster schickte sofort den Hofmeister nach Villingen, der zusammen mit dem Kromer die Geschäfte in Ordnung brachte, wobei des Kromers Ehefrau die jährliche Abrechnung übernahm. Gleichzeitig wurde gegen den abgezogenen Pfleger Klage erhoben, mit welchem Erfolg allerdings, ist nicht mehr zu ermitteln.

Der daraufhin, spätestens 1486 ernannte Pfleger Hans Koler81 stammte erstmals aus Villingen, eine Lösung, die von der Stadt sicherlich angestrebt worden ist und sich angesichts der vorbeschriebenen Vorgänge auch von Klosterseiten empfehlen mußte. Daß man nicht den Hauswirt mit dem Amt betraut hat, scheint darauf hinzuweisen, daß vom Inhaber desselben eine gewisse Vorbildung verlangt wurde, da er den Umgang mit Behörden einigermaßen selbständig wahrzunehmen hatte. Die Besoldung wurde angehoben; den Jahrrechnungen zufolge bezog der Schaffner jetzt jährlich 8 Malter Getreide, je zur Hälfte Vesen und Haber, dazu mit Sicherheit die anfallenden Küchelgefälle. Über die persönlichen Verhältnisse dieser Schaffner ist allerdings weniger bekannt, als uns lieb wäre, dies gilt für Koler ebenso wie für seine Nachfolger Ulrich Sifrid82), Jakob Riecker 83), Hans Riecker 84), Jakob Riecker 85) und Kaspar Krauth 86). Die Riecker waren eine Weberfamilie, die bald zu Einfluß in der Stadt gekommen ist: Jakob d. Ä. war, falls sich die Nennung von 1520 auf ihn bezieht, Zunftmeister der Schneider und Krämer, Jakob d. J. saß im Rat. Krauth, der 1593 noch als Hintersasse genannt worden war, hatte das Amt offenbar mit der Witwe des Jakob Riecker erheiratet. Im großen und ganzen scheint diese Auswahl zu bestätigen, daß St. Katharinental den Vorschriften der Stadt hinsichtlich Besetzung von Klosterämtern weitgehend entgegengekommen ist 87).

Der erste, uns erhaltene Bestallungsrevers eines Schaffners datiert vom 18. Februar 1616 und wurde von dem Villinger Bürger Thomas Engesser ausgestellt, der im gleichen Jahr in Gericht und Rat genommen wurde und später Bürgermeister der Stadt geworden ist 88). Die Urkunde bestätigt die vordem geäußerten Vermutungen: das Amt wurde auf Widerruf verliehen, d. h. auf Wohlverhalten des Schaffners bzw. gegenseitiges Einverständnis, die Übergabe erfolgte durch Handschlag und gegen Ablegung eines Eides von Seiten des Belehnten. Die Besoldung war nochmals angehoben worden: diesmal auf 12 Malter Getreide, je zur Hälfte Vesen und Haber, wozu die Küchelgefälle kamen sowie die Nutzung des Klosterhauses samt Zubehör, einem Acker oder einer Wiese vor der Stadt, an welchen Punkten sich bis zur Auflösung des Amtes nichts mehr geändert hat. Kleinere Hausreparaturen hatte der Schaffner auf eigene Kosten ausführen zu lassen, größere konnte er, wenn zuvor bewilligt, abrechnen. Zudem oblag ihm die Sorge für das Klosterhaus, wobei er besonders auf die Überwachung der Feuerstellen, die Reinigungspflicht für die Kamine und die sofortige Reparatur schadhafter Fenster und Dächer hingewiesen wurde. Der Neuernannte hatte im übrigen einen Bürgen zu stellen, in späteren Zeiten wurde statt dessen die Hinterlegung einer Kaution gefordert 89).

 

Hinter der Kirche im Klosterbereich St. Katharinental steht das große Kornhaus, das noch aus dem Mittelalter stammt. Auf der Höhe vor den Klostermauern liegt eine ebenfalls wegen ihrer Größe auffallende kreuzförmige Scheune (um 1600). Beide Gebäude sind ein Beleg für die wirtschaftliche Bedeutung des Klosters in der feudalistischen Zeit. Allein das Villinger Amt, mit seinem großen Pfleghof in der Rietstraße, verwaltete seit dem 15. Jahrhundert umfangreiche Besitzungen in den früheren Landkreisen Villingen, Donaueschingen, Tuttlingen und Neustadt.

 

Spätestens mit Engesser beginnt die Reihe der juristisch vorgebildeten oder wenigstens studierten Schaffner, zu denen vielleicht schon Johann Michael Wäscher 90) gehört hat, sicherlich jedoch die Doktoren Johann Konrad Stentzel 91) und Johann Heinrich Berger92), die Schultheißen Josef Anton Handtmann d. Ä.93) und der Jüngere 94), Franz Xaver Handtmann 95) sowie die Angehörigen der Familie Willmann, die wir später als Amtsinhaber kennen. Eine undatierte, aus dem 17./18. h. stammende Information über die Villinger Schaffnei definiert den Schaffner denn auch als einen Mann, der, mit genügender Kaution versehen, etwas studiert hat, Landes und der Leute kundig, weder zu arm noch zu reich und mit Dienstgeschäften nicht allzu sehr überhäuft sein solle 96). Diese Bedingungen waren, nicht nur der in jener Zeit allenthalben anschwellenden Aktenflut wegen, eine Notwendigkeit geworden: wie bereits angedeutet waren infolge zunehmender Territorienbildung auf der Baar die St. Katharinentaler Güter inzwischen auf verschiedene Hoheitsbereiche verteilt und dadurch anfälliger für Rechtsverluste geworden. Wieweit allerdings die häufige Personalunion von Schaffner und städtischem Beamten zumindest im Bereich der Stadt Villingen zusätzlich zu diesen Rechtsverlusten beigetragen haben mag, sei dahingestellt. Vielleicht darf der 1673 von Klosterseiten unternommene, gescheiterte, Versuch, einen offenbar landfremden Mann auf die Schaffnei zu setzen, in diesem Zusammenhang gesehen werden. Wieweit in der Folge die Stadt sich durch Empfehlungen eine weitere Einflußnahme auf das Schaffneramt gesichert hat, ist unbekannt, der Verdacht liegt zumindest im Falle des Dr. Stenzel nahe.

Der Übergang der Stadt an Baden hat auch hier seine Folgen gehabt. Wieweit denn die beiden letzten Klosterverwalter, der großherzogliche Badische Buchhalter und spätere St. Blasianische Domänenverwalter Johann Ferdinand Willmann 97) und der Ihm wohl verwandte Mathäus Willmann98) noch freiwillig hatten eingesetzt werden können, läßt sich derzeit nicht sagen.

Von Anfang an wurden der jeweilige Schaffner und seine Amtsführung von Seiten des Klosters streng überwacht. Im 15. h. erschien der jeweilige Hofmeister, meist von einem Pfründner, dem Bau- oder Pfistermeister sowie von Knechten begleitet, häufig in Villingen und das nicht nur zur obligatorischen Rechnungslegung. Er und seine Begleiter besahen Korn — nach Unwettern zwecks Gültnach laß oder zur Feststellung der Qualität —, rechneten mit den Zinsleuten, verliehen Güter zusammen mit dem Schaffner, kauften Käse und erledigten vor Gericht anhängige Angelegenheiten 99). Daran hat sich in der Folge wenig geändert; der Schaffner war bis zum Ende des Amtes, wie seine letzte Amtsbezeichnung aussagt, lediglich ein Verwalter des Klosters, der Vermittler zwischen diesem und den Lehenleuten. Alle wichtigen Dinge sind von jeher im Kloster entschieden worden und besonders bei Angelegenheiten, welche rechtliche Folgen nach sich zu ziehen geeignet waren, erschien der Hofmeister selbst im Amtsbereich, wo er entweder allein oder zusammen mit dem Schaffner die entsprechenden Geschäfte wahrnahm: Verhandlungen mit der Herrschaft Fürstenberg wegen eines Lehengutes in Neudingen führte 1614 der Hofmeister alleine, einer Neuvermarkung 1682 wohnten hingegen Hofmeister und Schaffner bei. Seit dem 18. h. hat sich das Kloster wenn möglich noch stärker eingeschaltet. Dabei stand das letzte Wort jedoch keineswegs dem Hofmeister sondern unbedingt der Priorin zu, die zumindest seit dem 18. h. auch die Korrespondenz mit dem Schaffner überwachte und in ihrem Namen führen ließ.

Die Aufgaben des Schaffners bestanden im wesentlichen aus dem Einzug der jährlich anfallenden Zinsen, der Überwachung der Lehengüter und ihrer Inhaber und einer gewissen Vertretung des Klosters gegenüber den verschiedenen Obrigkeiten der St. Katharinentaler Güter. Selbständiges Handeln war dabei noch am ehesten im Bereich des Zinseinzugs möglich. Dieser erfolgte im allgemeinen um Martini, im 14. h. war auch vereinzelt auf St. Thomas Tag, Weihnachten, Johann Evangelista und Ostern geliefert worden 100). Eier wurden noch im 16. h. gerne auf Ostern, Hühner auf den Sommer, wohl zur Sonnwende, bezogen. Die anfallenden Zinse waren von den zuvor zur Lieferung aufgeforderten Lehenleuten jeweils auf eigene Kosten und im allgemeinen in natura auf den Villinger Kasten zu führen, eine Ausnahme bildeten die Löffinger und Bräunlinger Korngülten, die seit dem 16. h. fast durchweg in Geld bezogen wurden. Für kleinere Getreidemengen konnte seit dem 18. h. ebenfalls gelegentlich der Gegenwert in Geld entrichtet werden. Bei der Anlieferung der Zinse in Villingen hatte der Schaffner anwesend zu sein, es oblag ihm, den Zustand (Sauberkeit!) der Ware und das richtige Gewicht festzustellen und zu notieren. Auf Wunsch hatte er den Empfang zu quittieren. Nebenher waren die Zinsleute im Auge zu behalten, damit keiner unbeaufsichtigt den Kasten betrat. Säumige unter den Zinsern waren zu ermahnen, denn ausständige Zinse sollten baldmöglichst nachgeliefert werden. Anhand der Einnahmeverzeichnisse läßt sich nämlich feststellen, daß dem Kloster jährlich nur etwa drei Viertel der ihm zustehenden Einnahmen auch geliefert wurde. Da der Schaffner für Ausstände haftete, sind diese in den folgenden Jahren im allgemeinen nachgeliefert worden. Der Lehenmann hatte aufgrund seines Lehenbriefes ohnehin die Möglichkeit, den Zins ein oder zwei Jahre schuldig zu bleiben, erst dreimaliger Zinsauflauf konnte zum Verlust des Lehens führen.

 

Die Kirche von 1732-35, mit ihrem fast scheunenartig wirkenden Äußeren und dem hohen Giebel, sowie die dreigeschossigen schmucklosen Konventsge-bäude von Franz Beer (1715-18), gegliedert in Eck- und Mittelbauten (Risalite), zeugen von dem Einfluß der bedeutenden Priorin im Spätbarock, Maria Domenica Josepha von Rottenberg (gest. 1738). Bild unten: Zur äußeren Wirkung der Kirche steht das Kircheninnere in großem Gegensatz. Der Vorarlberger Joh. M. Beer schuf eine zentralraumartige Freipfeiler-Hallenkirche über dem Grundriß eines griechischen Kreuzes. Die intim wirkende Kirche bereitet mit ihrer Raumlösung die Rokokokirchen vor. Jacob Carl Stauder aus Konstanz entwarf den 1738 vollendeten, in warmen Braunton gehaltenen Hochaltar.

 

Diese Maßnahme wurde übrigens selten angewandt, da man den verschiedenen Obrigkeiten keine Handhabe bieten wollte, gegen das Kloster einzuschreiten und natürlich aus Sorge um den Besitzstand wurde dem Schaffner vorgeschrieben, in solchen Dingen vorsichtig vorzugehen, um den Zinsmann nicht durch allzu große Schärfe zu ruinieren. Zu den anderen, seit dem 14. Jh. erweiterten Pflichten des Schaffners gehörte es, die Lehengüter hinsichtlich unerlaubter Teilungen, Belastungen und Veräußerungen zu überwachen, tüchtige Lehenleute auszuwählen und dem Kloster vorzuschlagen, ferner, die Zinser gut im Auge zu behalten, besonders, wo „verdächtige Umstände“ herrschten, ein Bauer etwa schlecht wirtschaftete oder Lehenstücke unter Eigentum zu verschwinden drohten. Diese Aufsichtspflicht dürfte keine sonderlich angenehme Aufgabe gewesen sein, zumal sie unter Umständen durch die Haltung der jeweiligen Obrigkeit — die im allgemeinen auf Seiten der Untertanen notfalls auch gegen das Recht stand — sehr erschwert werden konnte. Daß auch die Haltung des Schaffners nicht immer dem entsprochen haben dürfte, was man im Kloster von ihm erwartete, wurde schon angedeutet. Wenn z. B. im Jahre 1829 festgestellt werden mußte, daß der letzte Dürrheimer Lehen-brief aus dem Jahre 1728 stammte und der letzte für Überauchen ausgestellte Lehenbrief von 1777, obwohl das Gut bereits zwei Mal den Besitzer gewechselt hatte usw., dann ist dies nicht nur mit Unsicherheit der Zeiten und den Wirren verschiedener Kriegszeiten zu erklären, besonders dann nicht, wenn aus den Rechnungen ersichtlich wird, daß z. B. die Kriegszeiten die Zinslieferung kaum beeinflußt haben und die Zinser dem Schaffner bestens und namentlich bekannt waren.

Bezeichnend für die Tätigkeit des Schaffners als reiner Verwalter des Klosters ist auch, daß er kein eigenes Archiv unterhielt. Sämtliche wichtigen Urkunden und Akten wurden im Kloster aufbewahrt, in Villingen lagen offenbar nur Kopien wichtiger Dokumente, die jeweils gültigen Urbare und die sogenannten Protokollbücher, worin der Schaffner Streitigkeiten mit den Lehenleuten zu vermerken hatte 101).

Die Schriftsätze wurden, soweit möglich, im Kloster verfertigt, die Quittungen und Lehenreverse hatten dann, nach ihrer Unterschrift oder Besiegelung, wieder nach St. Katharinental zurückgeschickt zu werden. Nur gelegentlich und naturgemäß meist in Prozeßangelegen-heiten, wurde der Villinger Stadtschreiber bemüht 102), und die Ausgaben für Papier und Schreibstoffe in den Rechnungen sind absolut unbedeutend. Die vom Schaffner benötigten und daher für ihn bestimmten Informationsunterlagen wurden ihm bei Amtsantritt ausgehändigt, worüber er eine Aufstellung ins Kloster zu schicken hatte 103). Der Schaffner besaß auch kein eigenes Amtssiegel, sondern hatte sämtliche anfallenden Urkunden im Kloster besiegeln zu lassen, soweit nicht eine andere Gerichtsherrschaft zuständig war.

Die Erträgnisse des Amtes stammten überwiegend aus dem Verkauf der jährlichen Getreideeinnahmen, unter denen die Vesen- und Habergülten mit rd. 94 Maltern den größten Teil ausmachten, während die Roggen-, Gerste- und Mischletengülten mit zusammen 6 Maltern eine so unbedeutende Menge darstellten, daß sich ihr Einzug kaum lohnte. Tatsächlich ging man auch im Laufe der Zeit immer mehr dazu über, diese nicht mehr in natura einzuziehen, sondern den Gegenwert in Geld zu erheben, was man gelegentlich auch bei kleineren Mengen an Vesen und Haber tat. Neben den Getreideeinnahmen, die durch Abfall und Abgerben immer etwas geschmälert wurden, spielten die reinen Geldeinkünfte nur zeitweise eine Rolle. Bis zum 16. Jh. waren jährlich etwa 18 Pfund Heller eingenommen worden. Diese Summe reduzierte sich infolge Ablösung der Villinger Garten- und Wiesenzinse104) sowie der Abtretung der Gült vom Schultheißenamt an die Stadt 105) bis zum 18. Jh. auf jährlich 5 fl. 20xer, die im wesentlichen von der Villinger Klostermühle beigebracht wurden. Dazu konnten allerdings außergewöhnliche Einnahmen unterschiedlicher Höhe aus Kapitalzinsen und Rückzahlung von Kapitalien kommen, da St. Katharinental öfter und nicht nur gegenüber seinen eigenen Lehenleuten als Darlehengeber auftrat und gelegentlich auch Zinsbriefe an Stelle von Bargeld übernahm. Auch die aus Erblehen-verkäufen erlösten Summen, die häufig ratenweise und im allgemeinen zu 5 % verzinslich abgetragen wurden, konnten die Geldeinnahmen erheblich steigern. Insgesamt kann festgestellt werden, daß das Amt, welches schon in gewöhnlichen Jahren zumindest imstande war, sich selbst zu tragen, im allgemeinen beträchtliche Überschüsse brachte.

Die Einnahmen dienten vorrangig dazu, die laufenden Kosten des Amtes zu decken, weshalb sie zunächst beim Schaffner zusammenliefen. Noch im 15. Jh. waren sie offenbar durch den Hauswirt eingezogen worden, der mit dem Villinger Meister darüber abgerechnet hatte. Dieser hatte dann die Rechnung und alle vorhandenen Gelder ins Kloster transferiert, später einlaufende Ausstände wurden in bestimmten Abständen durch vertrauenswürdige Personen nach St. Katharinental gebracht. Nach der Einsetzung eines eigenen Pflegers übernahm dieser die Abrechnung, die jetzt gegenüber dem Hofmeister erfolgte, welcher zu diesem Zweck im Frühjahr, meist um den 1. Mai herum, nach Villingen kam und Rechnung samt Geldern ins Kloster beförderte. Daß der Schaffner selbst zur Rechnungslegung ins Kloster reiste, wurde anscheinend erst im 18. Jh. üblich; die dabei anfallenden Kosten trug das Amt.

Die Ausgaben, welche der Schaffner zu tragen befugt war, setzten sich aus ständig wiederkehrenden und wechselnden Posten zusammen, wobei von den ersteren etliche von gleichbleibender Höhe waren. Zu diesen zählten vor allem die an die Stadt zu entrichtenden Gelder: Steuer, Hofstattzins und Abgabe an die Lichtpfleger, außerdem die in Naturalien erfolgende Schaffnerbesoldung. Regelmäßige Ausgaben stellten auch die Umlagen der Stadt Villingen dar, dazu die Bau- und Reparaturkosten wechselnder Höhe, welche für das Klosterhaus besonders in Kriegs- und Einquartierungs-zeiten ein beträchtliches Ausmaß annehmen konnten.

Während diese Ausgaben im Laufe der Zeit eher anstiegen und im 18. Jh. als regelmäßige Posten in den Jahrrechnungen auftauchen, ging eine andere Ausgabe, die der Verzehrkosten, welche im 15. Jh. gelegentlich den höchsten Betrag in den Rechnungen ausgemacht hatte, auf ein normales Maß zurück, was sich aus der Stabilisierung des Amtes erklären läßt. Andere Unkosten: Beschlagen und Füttern der Pferde (später weitgehend durch Postgebühren abgelöst), Zinssammler- und Schnitterlöhne, Facht- und Meßgeld, Unkosten bei der Kornausfuhr und Zollgebühren, Schreibgebühren und Kanzleikosten erscheinen zwar regelmäßig in den Abrechnungen, erreichten jedoch keine auffallenden Höhen. Ganz geringe Beträge machten die hin und wieder genannten Diskretionen, Geschenke an Primizianten oder in ein Kloster eintretende Leute aus dem klösterlichen Freundeskreis, aus, einmal (1702) wurde auch ein Goldschmied beschäftigt, welcher eine „Schildkrottschale“ für die Priorin in Silber faßte. Einen großen Anteil der Einnahmen verschlangen hingegen, zumindest im 15. und 16. Jh., die klösterlichen Käsebestellungen, deren Lieferung ebenfalls zu Lasten des Amtes ging. Die Käse wurden zunächst durch Fuhrleute ins Kloster gebracht, im 16 Jh. übernahm dann der Villinger Klostermüller, gegen Verringerung seines Jahreszinses, die Überbringung. Im 18. Jh. waren diese Käufe aus den Rechnungen verschwunden, aber nur, weil sie mittlerweile aus dem Etat der Priorin bezahlt wurden.

Die nach Abzug aller dieser Ausgaben verbleibenden Gelder gingen ans Kloster, wobei eine weitere Verminderung dadurch eintrat, daß die in Vi II ingen gültige Währung schlechter war als die in Dießenhofen übliche. Zur Verwaltung dieser Villinger Einnahmen hatte man im Kloster, vielleicht schon vor dem 15. Jh., ein eigenes Amt, das der Villinger Schreiberin geschaffen. Es erscheint erstmals 1440 in den Quellen und wechselte, wie alle Klosterämter, alle drei Jahre. Die jeweils damit betraute Schwester hatte bestimmte Ausgaben zu tragen; es war dies zunächst der Gegenwert für 5 Pfund Wachs, welche jährlich dem Straßburger Hochstift zu entrichten waren, eine Abgabe, welche mit dem Amt an sich überhaupt nichts zu tun hatte106). Sodann übernahm sie die Auszahlung einer Zahl von Leibgedingen und Jahrtagstiftungen, welche auf das Amt versichert waren und im Jh. eine große Zahl ausmachten, die sich dann im Jh. mit dem Ableben der Begünstigten bald erheblich verminderte, zumal Neuversicherungen selten blieben. Größere Summen wurden ferner verwendet, um zusätzliche Käsemengen in den das Kloster umgebenden Orten zu kaufen. Andere Unkosten:Botengänge, vom Hofmeister entrichtete Gerichtskosten, Zollgebühren u. a. blieben unbedeutend. Über alle Ausgaben hatte die Schwester jährlich vor den Amtsfrauen, dem klösterlichen Rat, den Beichtvätern, denen sich häufig der Provinzial zugesellte, dem Hofmeister und gelegentlich auch (vorübergehend im 15 Jh.) Abgesandten der Stadt Dießenhofen Rechnung zu legen, auch die hierbei anfallenden Unkosten trug das Amt. Die nun verbleibende Summe ging an den Etat der Priorin, soweit ersichtlich ohne besondere Verpflichtungen. Mit dem weiteren Ausbau der Villinger Schaffnei wurde das Amt aufgelöst; es verschwand nach 1470 und die damit verbundenen Aufgaben wurden von der Schaffnerin in Zusammenarbeit mit der Priorin wahrgenommen. Da sich die mit dem Amt zusammenhängenden Ausgaben immer mehr verringerten, wurde die Anfang des 16. Jh. noch bestehende Sonderverwaltung schließlich ganz aufgegeben, spätestens im 17. Jh. gingen die „Nettoeinnahmen“ des Villinger Amtes direkt an die Priorin, welche dafür aus ihrem Etat die Straßburger Wachszinse, Leibgedinge und Käsekäufe bis zur Einheitsverwaltung des 18. Jh. finanzierte. Die Auflösung des Villinger Amtes begann im Grunde bereits im 17. Jahrhundert 107). Durch den Westfälischen Frieden von 1648 war St. Katharinental endgültig an die Eidgenossenschaft gekommen und fand sich seither, da es seinen auf Reichsboden gelegenen Besitz beibehielt, ständig zwischen zwei Fronten. Jeder Zwist zwischen Reich und Eidgenossen machte sich alsbald in Form von Fruchtsperren oder Inkammerationen bemerkbar, und vor allem wurde das Kloster nunmehr von beiden Seiten anläßlich jeder Steuer-, Anlage- und Schatzungserhebung zur Kasse gebeten. Im Villinger Amt machte sich neben dem Landesherrn, der bereits 1676 die Besitzungen ausländischer Grundeigentümer und die daraus resultierenden Einnahmen hatte aufnehmen lassen, besonders die Stadt selbst bemerkbar. Spätestens seit dem Spanischen Erbfolgekrieg erhob sie eine ständige jährliche Schatzung in Höhe der Jahrsteuer, wozu in der Regel weitere Extrasteuern kamen. Die Auswirkungen auf das durch die im 18. Jh. ununterbrochen andauernden Einquartierungen im Klosterhaus bereits geschädigte Kloster begannen sich zu zeigen: der Schaffner bemühte sich seither, möglichst wenig Bargeld und Wertsachen im Hause zu behalten und fing an, jede größere Summe sofort ins Kloster zu transferieren. Nachdem infolge der schlechten Zeiten auch die städtischen Gebühren —Schreibtaxen, Fachtkosten, Meßgeld in der Kornlaube u. a. — stark angestiegen waren, hielt er sogar gelegentlich den Zinseinzug außerhalb der Stadt ab, um Geld zu sparen. Damals wurde auch mehr Korn als sonst üblich direkt ins Kloster geschickt. Unnötig, zu vermerken, daß auch die Lehenleute sich immer mehr verselbständigten, was umso leichter war, als das Kloster, gegen Ende des Jh. infolge der klosterfeindlichen Politik Napoleons von der Aufhebung bedroht, die Zügel etwas schleifen ließ. Angesichts der schlimmen Zeiten versuchte es lediglich, die Unkosten niedrig zu halten und trennte sich 1795 von dem Villinger Haus. Aber die Zeiten besserten sich keineswegs. Ende 1803 ließ die österreichische Regierung, als Ersatz für verlorene Gebiete, den schweizerischen Besitz auf ihrem Boden inkammerieren; das entsprechende Gesetz wurde erst nach dem Übergang der vorderösterreichischen Lande an Baden, 1806, aufgehoben. Die neuen Landesherren setzten jedoch grundsätzlich die Politik ihrer Vorgänger fort, besonders, was die Besteuerung der fremden Grundbesitzer anging. Eine zu diesem Zweck angefertigte Aufstellung von 1806 ergab immerhin, daß das Villinger Amt damals noch einen jährlichen Durchschnittsertrag von 472 fl. (Anfang des 18. Jh. hatte er etwa bei 1500 fl. gelegen) erbrachte bei 330 fl. Ausgaben. Inzwischen hatten aber auch die Gemeinden, in denen St. Katharinental Grundbesitz hatte, damit begonnen, die ihnen auferlegten Steuern auf die klösterlichen Güter umzulegen; die Landesregierung ihrerseits war von der Besteuerung der Liegenschaften zu der der Einnahmen fortgeschritten. Die zwischen Kloster und Verwalter geführte Korrespondenz kennt daher in der Folge fast nur noch das Thema Steuern — das alles zu einer Zeit, als St. Katharinental, immer noch von der Aufhebung bedroht, zusätzlich durch Angliederung der heruntergewirtschafteten Ökonomie des Klosters Paradies belastet war. Auch der junge Kanton Thurgau, dem bei seiner Bildung lediglich finanziell unergiebige Orte zugeteilt worden waren, sah von Beginn an in dem Kloster eine Goldgrube, die er sich nutzbar zu machen bemüht war. Sowohl die thurgauische als auch die badische Gesetzgebung mußten planmäßig zur Abstoßung von Außenposten führen. In St. Katharinental versuchte man zunächst noch, auf Zeitgewinn zu spekulieren, so, als man 1817 dem Verwalter (auf Grund einer kantonalen Regiminalverordnung, wonach keine Kapitalforderungen nebst ausstehenden Zinsen im Ausland stehen durften) das auf dem Amt stehende Guthaben von 1272 fl. 323/4 xern übertrug, mit der Anweisung, künftig Ausstände in Geld nicht mehr einzutragen. Spätestens mit der Veröffentlichung der badischen Gesetze seit 1820 zur Überführung des Lehenbesitzes in Privateigentum beugte man sich den Realitäten. Zwischen 1829 und 1832 wurden die Häringshöfe, die Güter in Döggingen, Kirchdorf, Neudingen und Pfohren, sowie der größte Teil der Dürrheimer Lehen allodifiziert; damals hat man sich wohl auch zu der, allerdings erst 1835 ausgesprochenen, Einsicht durchgerungen, daß die verbleibenden Gefälle in keinem Verhältnis zu den Verwaltungskosten standen und damit zu der Absicht, die Villinger „Filial-Gefällverwaltung“ eingehen zu lassen. Neben den Allodifikationsverhandlungen mit den Lehenleuten liefen wohl schon 1829 Vorverhandlungen mit der Fürstenbergischen Regierung, die schließlich mit den beiden Verträgen vom 7. August und 23. November 1835 abgeschlossen wurden 108). St. Katharinental verkaufte seine gesamten Restgefälle in Aasen, Bräunlingen, Dürrheim, Klengen, Löffingen, Sumpfohren, Tuningen, Überauchen und Villingen (den dortigen Mühlenzins), nämlich jährlich 146 Malter 7 Sester 3 Meßle 3 Becher Getreide, 15 Hühner, 272 Eier und 3 fl. 50 xer Geldzinse um 6600 fl.und die Allodifikationskapitalreste aus den Lehen des Martin Held in Döggingen und des Joseph Link in Dürrheim um 1045 fl. Beide Verträge traten mit dem 1. Januar 1836 in Kraft; die Kaufsumme war für die restlichen Monate des Jahres 1835 mit 4 % zu verzinsen. Sie wurde durch das F. F. Hofzahlamt im Gasthof „zum Schiff“ in Schaffhausen hinterlegt und dort von dem Bevollmächtigten des Klosters, J. B. Lenz aus Paradies, abgeholt.

 

Die ehemals habsburg-österreichische Stadt Diessenhofen im Thurgau, vom heutigen deutschen Ufer aus gesehen, unterhalb Gailingen, Kreis Konstanz: Rheinseite mit alter Holzbrücke und Pfarrkirche St. Dionys, die auf dem Grundriß einer bereits 757 genannten Eigenkirche steht. Seit 1264 war die Stadt im Besitz des Grafen und späteren Deutschen Königs Rudolf von Habsburg, hier als Erben der Kyburger.

Schwierigkeiten ergaben sich nunmehr lediglich aus einem Passus der Haupturkunde, wonach das Kloster bestimmte Archivalien herauszugeben sich verpflichtet hatte, womit man sich jedoch Zeit ließ. Zwei darüber angefertigte und differierende Aufstellungen zeigten zudem, daß zwischen dem, was die Fürstenbergische Standesherrschaft wollte und dem, was das Kloster herauszugeben bereit war, ein erheblicher Unterschied bestand. Auch die letzte Aufstellung, die schon erheblich weniger Archivalien als die erste enthielt, scheint nicht eingehalten worden zu sein. Die Aktenauslieferung ging so schleppend vor sich, daß sich darüber eine rege Korrespondenz mit der F. F. Domanialkanzlei ergab, welche St. Katharinental schließlich am 20. Februar 1837 mit einer Klage wegen Nichterfüllung des Kaufvertrags drohte. Offenbar sind daraufhin die fraglichen Stücke noch im selben Jahr ausgeliefert worden, zumindest ist über diesen Punkt keine weitere Korrespondenz vorhanden. Damit war das ViIIinger Amt endgültig Vergangenheit geworden.

 

Der Siegelturm ist eines der Wahrzeichen der Stadt Diessenhofen. — In der abgebildeten Form als Zeitglockenturm stammt er aus dem Jahre 1545. Er bildet als Torturm die östliche Begrenzung der ab 1178 planmäßig als Rechteck angelegten Stadt.

 

 

Von 1264 und von 1442-1460 unterhält Diessenhofen zur ebenfalls habsburgisch-österreichisch landesherrlichen Stadt Villingen lebhafte Beziehungen. Als österreichisches Amtszentrum hatte es auch enge Beziehungen zum benachbarten Kloster St. Katharinental. — Das Stadtbild zeigt hierdie mittlere der drei Parallelstraßen, die Hauptstraße, die gleichzeitig als Markt diente.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der oben abgebildeten Erkerhäuser befindet sich auf der Fassadenseite noch das Wappen mit dem Doppelkopfadler des Kaisers, der einstigen habsburgischen Landesherrn, als sie noch die Souveräne des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren.

 

 

In Diessenhofen besaß das nahe Kloster St. Katharinental ein repräsentatives Haus, das dem Kloster auch hier, wie in Villingen, das Bürgerrecht sicherte. Das 1571 errichtete Gebäude wird verschönt durch eine bemalte Fassade u. a. mit dem Fresko „Maria als Himmelskönigin“, von J. C. Stauder, 1735.

Anmerkungen

1) St. Katharinental hat meine bereits 1972, allerdings nur im Vervielfältigungsverfahren erschienene Dissertation zum Thema. Darin wurde auch das Villinger Amt behandelt, für die vorliegende Abhandlung wurde der Text allerdings im Aufbau verändert und beträchtlich erweitert.

2) KARL WACKER, Der Landkreis Donaueschingen, Konstanz 1966, = Schriften des Landkreises Donaueschingen 26. Bad Dürrheim, Weg und Ziel. Heimatbuch des Heilbades, Karlsruhe 1969, S. 79/80. Die Angaben über den St. Katharinentaler Grundbesitz sind so Iükkenhaft wie das gesamte Kapitel, in dem der Verfasser durch reines Abschreiben von Lagerbüchern eine Anzahl von Gütern vortäuscht, die es nicht gegeben hat. Die meisten Höfe waren hingegen mit Abgaben an verschiedene Institutionen belastet und erscheinen daher in verschiedenen Urbaren.

3) Oberländer Chronik 299, 1966 (Das Gotthaus Diessenhofen in der Rietstraße in Villingen) und 303, 1967 (Das Kloster St. Katharinental und seine Bodenzinse). Ich vermute, daß diese Nachrichten das Ergebnis eines vor längerer Zeit von mir gehaltenen Vortrags gewesen sind.

4) Das heutige Haus Rietstraße 31. Die Nachricht stammt aus dem St. Katharinentaler Repertorium von 1732 (Thurgauisches Kantonsarchiv Frauenfeld = ThStA: 7’44’120), die Originalurkunde scheint beim Verkauf des Hauses extradiert worden zu sein und sich nicht erhalten zu haben.

5) Fürstenbergisches Urkundenbuch (FUB) V, Nr. 131

6) Vgl. dazu meinen Artikel „Die Herren von Tannheim in Villingen“ in: Tannheim, Geschichte von Dorf und Kloster am Ostrand des Schwarzwaldes = Schriften des Landkreises Donaueschingen 31, 1971, 5. 88-112.

7) FREI-KUNDERT, Zur Baugeschichte des Klosters St. Katharinental, in: Thurg. Beitr. zur vaterl. Geschichte 66, 1929, S. 1-176, 5. 146 A 27. 8)

8) Zur Villinger Frühgeschichte ist zuletzt erschienen: KARL SIEGFRIED BADER, Villingen und die Stadtgründungen der Grafen von Urach-Freiburg-Fürstenberg im südöstlichen Schwarzwaldgebiet in: Villingen und die Westbaar, herausgeg. von Wolfgang Müller = Veröffentlichungen des Alemannischen Institutes 32, 1972.

9) Ein Interesse des Grafen Heinrich von Fürstenberg an dem Kloster ist weder durch eine Schenkung noch durch den Klostereintritt einer seiner Töchter festzustellen. Zwar führt der Totenrodel (vgl. A 14) in Spalte 3/50-52 drei Schwestern von Fürstenberg auf, diese dürften jedoch kaum zur gräflichen Familie gehört haben, da diese bestens bekannt ist. Vermutlich handelt es sich bei dem Namen um eine Herkunftsbezeichnung, Spekulation könnte die drei Damen auch in Verbindung zur Familie von Tannheim bringen, deren einer Zweig in Fürstenberg begütert war und offenbar auch dort saß. Warum der Stadtherr, der sonst als klosterfreundlich gilt, ganz im Gegensatz zu den führenden Familien „seiner“ Stadt das Kloster nicht förderte, ist eine wichtige, aus dem Spannungsverhältnis des Grafen zur Stadt zu erklärende Frage. Ich hoffe, darüber gelegentlich eine eigene kleine Abhandlung vorlegen zu können.

10) Thurgauisches Urkundenbuch (TUB) 6, 5. 887 Nr. 153 (1357, Dezember 2)

11) TUB 4, S. 273 Nr. 1170

12) ThStA: 7’44’63 — A 7 C 3 (Rödel A. 14..Jh. und 1325)

13) ZGO 8, 1857, S. 126 f (1370, März 12)

14) RUDOLF HENGGELER, Der Totenrodel des Klosters St. Katharinental b. Dießenhofen, in: Zs. f. Schweizer. Kirchengeschichte 26, 1932, S. 154 ff (TR) verzeichnet die folgenden Schwestern: Margreth, Bertha, Mechthild, Fortunata, Adelheid, Hiltburg, Eufe-mia, Lucia, Katharina, Elsbeth, Mechthild, Adelheid, Katharina, Hedwig, Elsbeth, Hailwig, Eufemia, sowie Hiltburg (Silbernknöllin) von Villingen, deren eigentliche Familiennamen im allgemeinen unbekannt geblieben sind, ferner Anna, Judenta und Anna Stehelli, Eu-femia, Irmengard, Adelheid, Adelheid, Lucia, Luggart, Elisabeth und Luggart von Tannheim, Lucia, Elsbeth, Gertrud, Lucia, Elisabeth und Anna Hainburg (ob auch die 1670 verstorbene Magdalena Hainburg noch zur Villinger Familie gehört hat, erscheint fraglich), Anna, Hailwig, Katharina, Clara und Verena Hemerli, Irmengard, Hedwig und Margret von Fürstenberg, sowie Adelheid Blumenbergerin und ihre Töchter Irmengard und Agnes. Sämtliche zu den einzelnen Persönlichkeiten bekannten Daten und Quellen aufzuführen, erscheint hier nicht angebracht.

15) Zentralbibliothek Zürich: Ms Z V 698: Das selige unnd tugentsame leben der seligen und Gott geweichten Jungkfrauwen Schwoster Elisabethen Hanburgin von Villingen, closter frauwen in Sant Catha-rina thal bey Dießenhofen.

16) Über die Pfründner hat sich kein Verzeichnis erhalten, obwohl ihre Zahl recht groß gewesen sein muß, ebenso steht es mit den Laienbrüdern. Zufällig bekannt sind die Pfründner Burkhartvon Tannheim und Konrad Blumberg, von denen der letztere 1291/92 ins Kloster gekommen und nach einem Jahr dort gestorben sein soll: FREI-KUNDERT S. 149. Von den Laienbrüdern kennt man vor allem Berthold den Metzger, der 1275 aus der Zinspflicht entlassen wurde, um geistlich werden zu können, sich 1296 in Sankt Katharinental nachweisen läßt und 1304 verstorben war. Sein Jahrtag wurde am 24. März gehalten: TUB 4, S. 119 Nr. 1046 und 7, S. 833 Nr. 31, FREI-KUNDERT 5. 149/50, ThStA: 7’44’62 (zu 1275, Kopie). Ein weiterer Konverse, Heinrich von Villingen, wird 1280-90 genannt: TUB 3, S. 590 und 778, und die Brüder B. und H. von Villingen wurden 1342 wegen gegen das Kloster Paradies begangener Straftaten des Landes verwiesen: TUB 7, S. 898.

17) Bis zur Zeit der Klosteraufhebung wurden noch gehalten die Jahrzei-ten für die Brüder Rudolf und Marquart im Bach und deren Mutter (gestiftet 1299), Berthold Metzger (gest. 1304), Burkhart von Tann-heim und seine Ehefrau Elisabeth (gest. 1313, März 7), Konrad von Tannheim (gest. 1345, Juli 3) und Konrad Wolf von Leipferdingen, seine Ehefrau und seine Eltern (gest. 1387, Juli 25).

18) Die Schenkung ist urkundlich nicht nachzuweisen, jedoch wahrscheinlich durch die Tatsache, daß diese Mühle, gen. Symsowers Mühle, 1313 und 1339/45 als Leibgeding der Agnes Blumenbergin erscheint (TUB 4, S. 273 und FUB V, Nr. 331.5) den Rödeln vom A. 14. Jh. und 1325 zufolge hatten sie Blumenbergs Kinder (ThStA: 7’44’63 —A7C3).

19) TUB 4, S. 271 Nr. 1169

20) TUB 5, S. 125 Nr. 1816

21) Frdl. Mitt. v. Herrn HAAS vom Städt. Grundbuchamt, Villingen

22) TUB 4, S. 381 Nr. 1250

23) Die Einkünfte des Villinger Schultheißenamtes, 8 M. S. (vgl. § 26 des Stadtrechtes von 1371) waren 1329 durch Herzog Otto zu Osterreich an Rudolf und Hans von Blumberg verpfändet worden (FUB 6, S. 43 Nr. 25.5a, Original in ThStA: 7’44’56—A 6C 4). Ein Nachkomme der Obigen, Rudolf von Blumberg, nahm 1384 die Witwe seines Bruders Burkhart, Agnes von Klingenberg, zur Gemeinderin an seinem Anteil sowie an 15 Pfund vom Villinger Hauszins und 1 Pfund von der Lauben, alles auslösbar mit 120 M. S. (FUB 6, S. 43 Nr. 25.5, Original: ThStA: 7’44’56—A 6 C2). Agnes von Klingenberg trat in der Folge dem St. Katharinentaler Konvent bei und vermachte 1410 1/3 ihrer Pfandschaft, insgesamt 5 Pfund Heller, ihrer Schwester Anna, die damals ebenfalls ins Kloster eingetreten war (FUB 6, S. 43 Nr. 25.5c, Original: ThStA: 7’44’57 —A 6 C4). Nach Annas zwischen 1441 und 1465 erfolgtem Tod ging der Zins an die Jahrzeit ihres Vaters Hans von Klingenberg und wurde seither vom Kloster bezogen. Er wurde am 8. Dezember 1621 der Stadt Villingen, zum Ausgleich für Steuerschulden, überlassen (StA Villingen: U 1632).

24) 1467, Oktober 25 (Sonntag vor Simon und Juda) beurkunden Agnes Kellerin, Witwe des Hans Stähelin, Bürgers zu Villingen, und ihr Sohn Konrad Stähelin, daß ihr 1- Gatte und Vater dem Kloster St. Katharinental seinerzeit um 20 Pfund Heller, in seinem Haus, das dem Kloster gehört, genau angegebene Zinse von Gärten vor dem Niedertor verkauft, aber versäumt hat, darüber einen Kaufbrief ausstellen zu lassen, was sie jetzt nachholen. Sr: Stadt Villingen und Konrad Stähelin, Or. Perg. von 2 S. 1 1. besch. (ThStA: 7’44’56—A 6 C 4). Den Jahrrechnungen zufolge muß der Kauf 1465 oder 1466 getätigt worden sein, vgl. Rechnung von 1466, Montag nach Allerheiligen (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4).

25) Heinrich von Salenstein war vermutlich Niedergerichtsherr in Pfaf-fenweiler namens des Klosters Reichenau gewesen; ob es sich bei dem Haus um sein Eigentum gehandelt hat, ist unbekannt.

26) Vgl. A 11

27) Vgl. A 24

28) Vgl. die Jahrrechnungen (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4)

29) Die Klosterämter wechselten ursprünglich alle drei Jahre. Später wurde diese Gewohnheit, vermutlich aus praktischen Gründen, bei Hofmeister und Villinger Schaffner aufgegeben, für die eigentlichen Klosterämter jedoch beibehalten.

30) TUB 4, S. 302 Nr. 1192 — FUB II, Nr. S. 51 (Original: ThStA: 7’44’67 — A 6 C 4). Von den Zeugen Albrecht von Blumberg, Heinrich von Randegg, Brun und Johann von Kürnegg und Wezzel von Rischa hatten die beiden ersteren Verwandte im Kloster, die Familie von Rand-egg war, ähnlich denen von Tannheim in Villingen, dem Kloster als Wohltäter verbunden. Die anwesenden Villinger Bürger waren Burkhart Hemerli, Konrad Hainburg, Berthold, Konrad und Johann von Tannheim.

31) FUB II, Nr. 77 S. 52

32) Egino hat allem zufolge kaum die Autorität seines Vaters genossen, man betrachte die verschiedenen Zugeständnisse, die er der Stadt Villingen immer wieder machen mußte (Oberrh. Stadtrechte a. a. 0.).

33) StA Villingen: AAA a/1 p. 5 und 147 (cives extranei, die gedinget hant) und AAA a/3, V (Ausdinger).

34) Dies entspricht der Abgabe von 1 ß d, welche nach der Urkunde von 1284 jeder Bürger von 1 Hofstatt zu geben hatte (Oberrh. Stadtrechte 11/1, Villingen, bearb. von CHR. RODER, Heidelberg 1905, S. 5). Vgl. dazu auch die Jahrrechnungen des Schaffners.

35) Vgl. die Jahrrechnungen des Schaffners (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4 und 7’44’191 —93)

36) ThStA: 7’44’59 — A 6 C 4 (1795, Oktober 25). Begründung für den Verkauf war, daß der Vater der Käuferin viel Geld zu Bau- und Reparaturkosten verwendet habe.

37) Die letzte, nachweislich aus Villingen stammende Klosterfrau, Anna Hainburg, ist nach 1408 verstorben (ThStA: 7’44’55 zu 1408, Oktober 27).

38) Dies haben zumindest die Stehelli, die sich später nach Stocksburg nannten, erreicht. Die von Tannheim haben ebenfalls den Versuch unternommen (durch den Erwerb der Burgen in Bräunlingen und Tu-ningen), die Familie ist jedoch um 1423 in männlicher Abfolge erloschen.

39) Die von St. Katharinental geforderten Aussteuersummen betrugen im 15. Jh. durchschnittlich 100 fl. rh.

40) ALFRED AMANN. Die Klosterfrauen in St. Katharinental und die Reformation, in: Kath. Schweizerblätter NF 9, 1893, S. 240-50, der seinerseits auf der „Geschichte des Gotteshauses St. Catharinen Thal“ des P: MAURITZ HOCHENBAUM van der Meer (Zentralbibliothek Zürich: Ms Rh Hist. 20, S. 379) basiert, bringt die Nachricht, die Klosterfrauen hätten in Villingen in ihrem Haus, genannt zum St. Anton, gewohnt. Dies stimmt nur zum Teil. Ein Schreiben der Exilpriorin von 1531, November 7 (StA Luzern: Landvogtei Thurgau, Schachtel 363.2) spricht davon, daß der Konvent in St. Antonius Haus wohne und die Reformationschronik einer bisher unbekannten Klosterfrau (Kantonsbibliothek Frauenfeld: Hs Y) präzisiert, daß ihnen ein Priester das Haus zum St. Anton zum Wohnen überlassen und auch einen Türdurchbruch ins Nachbarhaus erlaubt habe. Da das eigentliche Antoniterhaus in jener Zeit leergestanden zu haben scheint (MANFRED HERRMANN, Das Antoniterhaus in Villingen, in: Schriften d. Baar XXVIII, 1970, S. 121 ff) darf angenommen werden, daß es sich bei dem Haus zum St. Anton um das Antoniterhaus gehandelt hat.

41) HOCHENBAUM a. a. 0. S. 380

42) Besonders Oberrh. Stadtrechte 5. 2 Nr. II, 3 Nr. III, 23 Nr. XVIII und XIX, 89 Nr. XXVII und 97 Nr. XXXIV.

43) Oberrh. Stadtrechte S. 141 Nr. 25 (Eidbuch von 1573)

44) ThStA: 7’44’61 — A 6 C 4: Schreiben der Stadt Villingen an den Ordensprovinzial P. Hyacinth Neidecker von 1673, November 9

45) F. F. Archiv Donaueschingen: Fremder Herren Güter Vol. VIII Fasc. 7: Schreiben von Priorin und Konvent an den fürstenbergischen Landvogt in Sachen des Hans Sulzmann von 1614, März 15

46) StA Villingen: U 1721 (1655, Mai 4)

47) TUB 4, 5. 242 Nr. 1146 (1311, August 9). Die Aussteuerschenkung geht aus der Urkunde nicht hervor, sie ist dadurch zu erschließen, daß nach dem Fragment einer Profeßliste (WOLFGANG IRTENKAUF, Das Frauenkloster Hofen und der Hegau in: Hegau 1, 1957, S. 26/28 und Korrektur durch Reinhard Frauenfelder in: Hegau 2, 1957, S. 110/ 11) Agnes die Hünin um 1311 dem Konvent beigetreten ist, wo sie noch um 1331 lebte (TUB 4, S. 609 und ThStA: 7’44’40: 1328, Februar 12, Dorsalvermerk).

48) Dieser hatte sich während des Krieges zwischen Bischof Rudolf von Konstanz und dessen habsburgischen Vettern (1291/92) mit Frau und 2 Kindern ins Kloster geflüchtet, dem er Geld für ein Dormitorium zubrachte (FREI-KUNDERT S. 149). Die Namen von Frau und Töchtern lassen sich an Hand des Totenrodels erschließen (TR IV 1/2 und VIII 26), der Name der zweiten Tochter auch durch TUB 4, 5. 273 und FUB V, Nr. 331.5, wo sie mit den 1313 erwähnten Leibgedingen aufgeführt ist. Die Herkunft der vier Höfe ist durch den Eintrag in einem Rodel A. 14. Jh. nachzuweisen: „die gut die uns Blumenberch gab“ (ThStA: 7’44’63 — A 7 C 3) sowie durch den verschiedentlich anzutreffenden Zusatz „unkaufte güter“ in anderen Rödeln des 14. Jh.

49)FUB V, S. 373 Nr. 393. Den Dorsalvermerken zufolge scheint die Kaufsumme von den Herren von Stoffeln aufgebracht worden zu sein.

50) FUB V, S 346 Nr. 365 (1318, Februar 6)

51) Zum Neudinger Hof gehörten im 18. Jh. rd. 42 Jauchert, zum Gut in Sumpfohren im 16. Jh. 20 J. Vergleiche mit den Kaufpreisen anderer Güter gleicher Größe legen die geäußerte Vermutung nahe, Elisabeth von Tannheim muß der Profeßliste (vgl. A 47) zufolge zwischen 1311 und 1317 ins Kloster eingetreten sein, wo sie noch 1370 lebte (TUB 6, S. 887 und Hauptstaatsarchiv Stuttgart: B 104 Nr. 1518). Die im 14 Jh. übliche Aussteuersumme scheint 45 M. S. betragen zu haben.

52) TUB 4, 394 Nr. 1257

53) TUB 4, 5. 200 Nr. 1117, und S. 431 Nr. 1294. Die Güter waren später mit Abgaben, die wohl aus Vogtrechten resultierten, an die württ. Kellerei Tuttl ingen belastet, ferner mit Zinsen an die Weise Sammlung St. Ursula in Rottweil, vgl. HStA Stuttgart: Weltl. Lagerbuch Nr. 1888 zu 1787, wo das sog. Etterlehen als ein herzogliches Kellereilehen geführt wird.

 

54) ThStA: 7’44’63 — A 7 C 3

55) TUB 4, S. 238 Nr. 1143, S. 251 Nr. 1154, S. 258 Nr. 1158, S. 268 Nr. 1165 und S. 302 Nr. 1192 (Vergleich von 1314, Oktober 15, dieser auch FUB II, S. 51 Nr. 76).

56) ThStA: 7’44’59 —A 6 C 4

57) FUB VII, 5. 458 ff (Archivalien im StA Villingen).

58) TUB 4, S. 742 Nr. 1622 59)

59) TUB 4, S. 733 Nr. 1611

60) ThStA: 7’44’61 — A 6 C 4. Die Jahrrechnungen von 1463 und 1464 verzeichnen, jeweils für das Vorjahr, eine Abgabe von 3 ß „von Wolf Schniders Hof wegen“ als Gegenwert für Wachs. Da die Abgabe vom Kloster getragen wurde, dürfte es sich nicht um eine Jahrtagstiftung gehandelt haben, da der Wachszins in solchen Fällen vom Hofinhaber getragen werden mußte.

61) FUB VI, S. 43 Nr. 25.5 c (1410, Mai 25). Die Quarten der Kirchen zu Bräunlingen und Löffingen waren durch Bischof Heinrich zu Konstanz an Rudolf von Blumberg verpfändet worden, er nahm 1384, September 28 seine Schwägerin Agnes von Klingenberg zur Gemeinderin auch an diesen Gütern, vgl. dazu A 23

62) FUB VI, Nr. 241.2 (Original: ThStA: 7’44’57 —A 6 C 4)

63) ThStA: 7’44’8 — A 1 C 3: 1 Fascikel, die Ramschwagische Erbschaft betr. (mit Urkundenabschriften)

64) ThStA: 7’44’57 —A 6 C 4: Prozeß gegen Hans Clewin 1440, April 27 und März 16.

65) ThStA: 7’44’58 —A 6 C 4 (1615, März 27) und ThStA: 7’44’60—A 6 C 4 (Urbarkoopie 1670) zu Klengen, 7’44’57 — A 6 C 4 (1608, Dezember 24) und GLA 184/246 (1604, April 5) zu den Häringshöfen, ThStA: 7’44’58 — A 6 C 4 (1661, Januar 25, Kaufpreis 70 fl.) zu Über-auchen.

66) ThStA: 7’44’54 — A 6 C 2 (1721, Mai 9, 1747, Dezember 5, 1747/48) und F. F. Archiv Donaueschingen: Fremder Herren Güter Vol. VIII Fasc. 5 (1721, Mai 16 — August 2).

67) StA Villingen: AAA h/3 (Lagerbuch der Johanniterkommende Villingen 1688).

68) Vgl A 53

69) ThStA: 7’44’60 —A 6 C 4: Lagerbuch von 1719 (Kopie), mit späteren Anmerkungen.

70) ThStA: 7’44’57 — A b C 4 (Tuningen, 1414, November 15).

71) Beide Rödel sind undatiert, lassen sich jedoch nach dem Inhalt (Namensbestand u. a.) zeitlich einordnen: Rodel von 1339/45 in FUB V, Nr. 331.5 (Original im F. F. Archiv Donaueschingen), Rodel von 1359 in ThStA: 7’44’61 —A 5 C 4, hier ließ sich die Jahreszahl aus späteren Nennungen (z. B. ,ThStA: 7’44’61 zu Tuningen 1512) erschließen. Für die spätere Zeit sind wichtig die Lagerbücher von 1577 und 1762 (ThStA: 7’44’58 — A 6 C 4).

72) Beim Verkauf des Hofes Waldhauses 1261 wird das Kloster durch die Laienbrüder Konrad von Marbach (den ersten eigentlichen Hofmeister) und Ortlieb (von Wangen) vertreten: FUB V, S. 88 Nr. 131.3 (Original: StA Villingen U 14). Weitere Urkunden des 13. bis A. 15. Jh. nennen leider keinen Klostervertreter. Die folgenden Ausführungen beruhen im wesentlichen auf den Schaffnerrechnungen, vgl. A 35.

73) Cläwi (Nikolaus) Has gen. Maiger war mit einiger Sicherheit der Sohn des Maierehepaares Hans und Adelheid auf Obergailingen, die am 15. Oktober 1393 dem Kloster versprachen, weder sich noch ihre namentlich genannten Kinder demselben entfremden zu wollen (TUB 8, S. 132 Nr. 4342). Cläwi und sein Bruder Rudi schlossen am 3. Dezember 1409 mit dem Kloster einen Pfründvertrag, worin sie sich u. a. verpflichteten, die Weberei übernehmen zu wollen (ThStA: 7’44’48 —A 5 C 3). Als Villinger Schaffner wird er 1414, November 15 (ThStA: 7’44’57 — A 6 C 4/Tuningen), 1415, Dezember 5 (FUB VI, Nr. 30.3) und Dezember 15 (ThStA: 7’44’56 —A 6 C 4), sowie 1420, Oktober 20 (ThStA: 7’44’47—A 5 C 2) genannt und hat vielleicht dieses Amt erneut zwischen 1440 und 1445 innegehabt (ThStA: 7’44’61 — A 6 C 4). Im übrigen wird er nur noch als Pfründner genannt und war am 8. November 1447 verstorben, da sich damals das Kloster mit seinem in Dießenhofen wohnhaften Sohn Andreas über die Hinterlassenschaft verglich (ThStA: 7’44’7 —A 1 C31.

74) Ulrich Schmid gen. Schwab war der Sohn des Heinrich Schmid gen. Klugschwab und dessen Ehefrau Adelheid, beide von Hilzingen, und erwarb diesen, bereits als Laienbruder, am 18. Mai 1434 ein Leibgeding (ThStA: Abgelöste Urkundenfragmente). Die Villinger Zinse zog er 1437/38 ein und gab das Amt 1438 auf, um es 1441-44 und evtl. 1452 erneut zu bekleiden (ThStA: 7’4’61 —A 6 C 4). Anschließend erscheint er bis 1471 als Pfründner und Baumeister, wurde 1472 zum Hofmeister ernannt, als welcher er noch im Jahr 1474 nachzuweisenist und scheint im gleichen Jahr gestorben zu sein.

75) Er übernahm das Amt 1439 und hat es wohl bis 1441 verwaltet (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4).

76) Er stammte vermutlich aus Hilzingen und ist 1445-51 als Villinger Schaffner nachzuweisen (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4).

77) Heinrich Schurhammer stammte aus Engen, wo seine Familie zu den ratsfähigen Familien gehörte. Er rechnete erstmals 1458, ist also wohl im Vorjahr angestellt worden, und letztmals im Mai 1466. Er ist 1466 oder 1467 gestorben (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4).

78) Er wurde 1467 mit den Amtsgeschäften betraut und übte diese bis 1485/86 aus. Dann gab er, aus unbekannten Gründen, das Amt auf und entzog sich einer evtl. Strafverfolgung durch die Flucht (ThStA: 7’44’61 — A 6 C 4).

79) ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4: Rechnung 1468

80) entfällt

81) Er wird am 1. Mai 1486 als neuer Pfleger genannt, 1499 als Alt-Pfleger und war 1500 verstorben (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4).

82) Sifrid läßt sich 1499 nachweisen und wird letztmals am 8. Juni 1501 genannt (ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4, 7’44’58—A 6 C 4); am 2. Mai 1503 war er verstorben (ThStA: 7’44’57 —A 6 C 4).

83) Jakob Riecker wurde am 24. Juni 1481 in Villingen als Bürger angenommen (StA Villingen: AAAa/4), erscheint am 2. Mai 1503 als neuer Amtmann und wird in dieser Eigenschaft bis Mai 1522 genannt (ThStA: 7’44’58 —A 6 C 4 und 7’44’61 —A 6 C 4). Er ist möglicherweise identisch mit dem 1520 erwähnten Zunftmeister der Schneider und Kromer (StA Villingen: U 1034).

84) Hans Riecker war ein Sohn des vorigen, amtierte zumindest von 1522 bis zum 6. Mai 1577 als Schaffner. Von Beruf war er Weber (ThStA: 7’44’58 —A 6 C 4 und 7’44’61 —A 6 C 4, F. F. Archiv Donaueschingen: Aliena [St. Katharinental]).

85) Dieser, vermutlich ein Sohn des vorigen, war zumindest von 1580-86 Klosterschaffner, gehörte 1586 dem Villinger Rat an und war 1593 verstorben (ThStA: 7’44’58 — A 6 C 4, StA Villingen: U 1591, F. F. Archiv Donaueschingen: Aliena [St. Katharinental]).

86) Am 22. Februar 1593 heiratete er die Witwe seines Vorgängers, Susanna Sichlerin (StA Villingen: U 1591) und wird bereits am 16. November als Schaffner im Dießenhofer Haus genannt (StA Villingen: U 1605), in welchem Amt er sich bis Ende Oktober 1611 nachweisen läßt (GLA 184/246, ThStA: 7’44’57—A 6 C 4 und 7’44’54—A6 C 2).

87) Vgl. A 43

88) Im gleichen Jahr wurde er am 24. Juli in den Villinger Rat aufgenommen (StA Villingen: AAA a/4), wo er 1650 auch als Bügermeister erscheint (GLA 184/246), er starb 1655 (StA Villingen: a. a. 0.1 Das Schaffneramt scheint er bis zu seinem Tode bekleidet zu haben (ThStA: 7’44’57 — A 6 C 4 und 7’44’61 —A 6 C 4).

89) ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4 (1815, Oktober 31): Die Kaution in Höhe von 300 fl. stellte Johann Baptist Willmann, badischer Domänenverwalter in Villingen.

90) Dieser läßt sich vom 9. Dezember 1656 bis 4. Dezember 1670 im Amt nachweisen (ThStA: 7’44’58 —A 6 C 4 und 7’44’60 —A 6 C 4).

91) Er ist vom 21. Dezember 1682 bis zum 18. Juli 1694 als Schaffner bezeugt, dürfte aber noch bis 1699/1700 amtiert haben. Als des Gerichts wird er 1688 erwähnt, 1694 war er außerdem auch Pfleger der Villinger Vettersammlung (ThStA: 7’44’3 —A 1 C 2, StA Villingen: U 1786 und 3113).

92) Er wurde 1699/1700 zum Schaffner ernannt, als welcher er sich mindestens bis 1732 nachweisen läßt. Ursprünglich Doktor der Medizin — 1702 auch Villinger Stadtphysikus — erscheint er seit 1714 auch als Doktor der Philosophie, 1716 als Geistlicher. Die Rechnung von 1718 weist ihn als Kaplan in Triberg aus und 1732 wirkte er als Pfarrer in Tu-ningen (ThStA: 7’44’181, 7’44’191, 7’44’58 — A 6 C 4, 7’44’61 — A 6 C 4, 7’44’54 — A 6 C 2, 7’44’60 — A 6 C 4 und 7’44’8 — A 1 C 3, F. F. Archiv Donaueschingen: Aliena [St. Katharinental].

93) Dieser erscheint am 29. Januar 1745 als Schaffner und dürfte es bis zu seinem am 6. Februar 1772 gegen 18 Uhr erfolgten Tode geblieben sein. Als Amtsschultheiß wird er 1752/53, als Schultheiß 1763/65 genannt (StA Villingen: AAA a/4, U 1855, 2532, 3189 und 3190, ThStA: 7’44’3 —A 1 C 2, 7’44’54 —A 6 C 2, 7’44’59 —A 6 C 4, 7’44’61 —A 6 C 4 und 7’44’193).

94) Josef Anton Handman d. J. war ein Sohn des vorigen und übernahm nach dem Tode seines Vaters das Amt, welches ihm am 29. Oktober 1772 übertragen wurde. Er wird 1778 und 1795 als Schultheiß, 1783, 1785, 1787 und 1791 als Bürgermeister in Villingen genannt (StA Vil-lingen: AAA a/4, U 2615, 3216, 3218, 3219, 3221, ThStA: 7’44’59 — A 6 C 4, 7’44’60 — A 6 C 4 und 7’44’61 — A 6 C 4).

95) Seit 1787 wird er als Villinger Sekretär genannt und erscheint am 10. Februar 1803 auch als Klosterverwalter, welches Amt er möglicherweise schon 1798 innegehabt hat (StA Villingen: AAA a/4 und U 2615, ThStA: 7’44’58 — A 6 C 4 — 7’44’59 — A 6 C 4).

96) ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4: Information über die Villinger Schaffney

97) Willmann wurde am 20. Oktober 1813 mit dem Amt betraut und wird noch am 13. Februar 1827 als Verwalter, am 5. März als St. Blasianischer Domänenverwalter genannt (ThStA: 7’44’3 — A 1 C 2, 7’44’58—A 6 C 4, 7’44’59 —A 6 C 4 und 7’44’61 —A 6 C 4).

98) Als letzter Verwalter ist er zwischen dem 26. März 1827 und dem 18. November 1835 nachzuweisen (ThStA: 7’44’58 —A 6 C 4, 7’44’59 —A 6 C 4 und 7’44’60 —A 6 C 4).

99) ThStA: 7’44’61 —A 6 C 4 (Jahrrechnungen 1. H. 15. Jh.)

100) Die Villinger Fleischbank zinste im 14. Jh. auf die Fasnacht (StA Villingen: U 147), die Villinger Mühle je zur Hälfte auf Johann Bapt. und Weihnachtsabend (1364-1422: TUB 6. S. 330 und 8, S. 405, ThStA: 7’44’56—A 6 C 4), nachdem sie bei ihrem Erwerb 1318 auf St. Thomas Tag gezinst hatte (TUB 4, 5. 381 Nr. 1250). Seit 1459 wurde der Zins regelmäßig auf Martini erhoben.

101) ThStA: 7’44’60—A 6 C 4 (1670), 7’44’3—A1 C 2 (1745, Januar 29 und 1768), 7’44’61 —A 6 C 4 (1772, Oktober 29).

102) ThStA: 7’44’61 — A 6 C 4 (Jahrrechnung 1468)

103) Vgl. A 96

104) ThStA: 7’44’60 —A 6 C 4 (Kopie): 1531, Dezember 22 (Freitag nach St. Thomas Tag) Priorin und Konvent zu St. Katharinental verkaufen an Jakob Riegger, obersten Zunftmeister zu Villingen, 1 Pfund 2 ß Heller Zins ab 1 Mm Wiesen zu Villingen vor dem Niedertor um 22 Pfund Heller Villinger Währung.

105) Vgl. A 23

106) TUB 3, S. 119: Diese 5 Pfund Wachs hatte das Kloster jährlich für den Erwerb von 20 Mansen in der Umgebung des Klosters von Kyburgischen Ministerialen dem Straßburger Hochstift zu entrichten und ist dieser Pflicht, wenn auch gelegentlich schleppend, bis ins 19. Jh. hinein nachgekommen.

107) Als Quelle für das Folgende dienten im wesentlichen die Jahrrechnungen ThStA: 7’44’191-193, dazu die Korrespondenz 7’44’3 —A 1 C 2, 7’44’59 —A 6 C 4, 7’44’60 —A 6 C 4 und 7’44’61 —A 6 C 4. 108)

108) F. F. Donaueschingen: Amt Hüfingen Vol. XII Fasc. 20

Anmerkung des Geschichts- u. Heimatvereins Villingen: Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte in „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Heft XXX, Donaueschin-gen, 1974“. Die hier abgedruckte Wiedergabe erfolgt mit Zustimmung des genannten Vereins.

 

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