„Gott der Allmächtige bewahre uns vor ähnlichen Schrecken” (Herbert Muhle)

Ein Bild erzählt eine Geschichte

Vor uns liegt ein Bild „Josef mit dem Jesuskind“ von einem unbekannten Maler aus Villinger Privatbesitz. Das Gemälde entstand in der Zeit des Überganges vom sog. Klassizismus zum Nazarenischen Stil (Anfang 19. Jh.), in dem sich Idealismus und handwerkliche Reinheit mit sentimentaler, fast süßlicher Mystik zu vereinen versuchen. In Aufbau und Komposition entspricht unser Gemälde dem gängigen Madonnenbild-Typ, wobei in der Farbgebung Josef etwas dunkler gehalten ist, auch um das Jesuskind durch die Betonung des Lichtes stärker hervortreten zu lassen. Das Kind hat einen zu groß erscheinenden, fast klassisch wirkenden Jünglingskopf. Es ist dies aber wohl kaum auf das künstlerische Unvermögen des Malers zurückzuführen. Vielmehr —handelt es sich doch schließlich um eine sehr feine und empfindsame Malerei — muß das so vom Künstler beabsichtigt gewesen sein. Im Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitet sich eine zunehmende Josef-Verehrung—aber Kind-Vater-Beziehungen setzen ja in der Regel erst im fortgeschrittenen Kindesalter ein — und dem wollte der Künstler mit den Stilmitteln seiner Zeit gerecht werden. Die Maltechnik entspricht dem in der damaligen Zeit üblichen, vom Klassizismus bestimmten Vorrang von Zeichnung und Umriß. Es wurde ein zeitgemäßer heller (nicht mit dem Hintergrund des Bildes zu verwechselnder) Malgrund verwendet, der für unsere weitere Betrachtung wichtig ist.

Das Bild weist über und im Kopf Josefs, wie seitlich des Kopfes des Jesus-Kindes, deutlich sichtbare Aufhellungen auf. Diese bestehen aus — wohl auf Wärmeeinwirkung zurückzuführenden—kleinen kreisförmigen Pünktchen, an deren Stelle die sehr dünne, der Malweise der Zeit entsprechende, Farbschicht blasig abgesprungen ist. Diese Erscheinungen sind — wie bei Wärmeschäden üblich — auf die bindemittelreicheren dunklen Farbpartien beschränkt. (Wir wissen ja, daß sich dunkle Farben stärker erwärmen als helle.) Bei einer plötzlichen Erwärmung wurden also die dunklen Malschichten gestört, und es trat der helle obenerwähnte Malgrund zutage. Dieser mehr technische Befund aber könnte es ermöglichen, uns ein auf der Rückseite der Leinwand angebrachtes Schriftstück nachzuvollziehen. In sehr schöner, gleichmäßiger — übrigens lateinischer — Schrift ist dort das Ereignis eines Blitzeinschlags im Hause des Schuhmachermeisters Andres in der Gerberstraße in Villingen beschrieben. Der Originalität wegen — und nicht um uns an den grammatikalischen Fehlern zu delektieren, auch sie gehören zur Eigenheit dieses Ensembles—ist die Rückseite mit dem gesamten Text hier wiedergegeben. Wir wollen dieses Zeichen echter und voll empfundener Volksfrömmigkeit für uns alle deutlich werden lassen.

Doch ein Wort zum Schluß: Leider fehlt der Rahmen, der Goldrahmen sogar, wie Herr Andres, Schuhmacher, ausdrücklich erwähnt.

Ein früherer Besitzer hat ihn, wohl weil er nicht mehr ansehnlich war, entfernt. In diesem Fall ist derselbe—wie wohl sonst kaum —ein wesentlicher Teil des Bildes und seiner Geschichte gewesen. Man kann nur hoffen, daß niemand auf die Idee verfällt, das Gemälde (Format H 34 cm, B 26 cm) restaurieren zu lassen. Der Wert des Bildes liegt hier eindeutig nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch im heimatlichen, also Emotionellen. Das Bild hat letztendlich doch nun anderthalb Jahrhunderte in Villinger Bürgerhäusern gehangen, hat Unheil abgehalten und Menschen unserer Stadt erfreut. So ist es auch ein liebes Stück Alltagsgeschichte aus unserer Stadt.

Herbert Muhle

 

 

Der beim Originalbild auf der Rückseite angebrachte handschriftliche Text des Schuhmachers Andres wurde von uns ebenfalls auf der anderen Seite des Bildes in gleicher Größe angebracht.

 

 

SIE FRAGEN – WIR ANTWORTEN

Hildegard Pfeiffer, Stadtführerin, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, fragt:

Auf der Giebelspitze der ehemaligen Franziskanerkirche steht ein Kreuz mit zwei Balken. Welche Bedeutung hat dieses Symbol?

 

Der Geschichts- und Heimatverein antwortet:

Das Kreuz mit zwei Balken ist grundsätzlich das erzbischöfliche oder Patriarchalkreuz. Es ist ein Vortragskreuz. In der Heraldik nennt man es auch „Lothringer Kreuz“. Das wundertätige „Scheyrerkreuz“ hat ebenfalls diese Form. (Vgl. hierzu: Dorothea Forstner OSB, Die Welt der christlichen Symbole, Tyrolina Verlag, 4. Auflage, 1982)

Im Mittelalter wechselte der Sitz der Provinziale. Das Provinziat konnte so z. B. mal in Luzern, mal in Überlingen, mal in Villingen usw. sein. Erst seit der Barockzeit wurde es üblich, daß das Provinziat einen festen Sitz hatte.

Es ist immer wieder vorgekommen, daß ein Villinger Franziskaner-Guardian (Vorsteher des Klosters) zum Provinzial (= Oberer, minister provincialis) der Straßburger Ordensprovinz gewählt wurde. Dann wanderte der Sitz des Provinziats nach Villingen zu seinem Stammkonvent. (Erinnert sei an die Provinzialen Heinrich Stolleysen, gest. 1556, und an Johann Ludwig Ungelehrt, gest. 1662)

Da der Franziskanerorden „exemt“ ist, d. h. herausgenommen aus der bischöflichen Jurisdiktion und nur dem Papst unterstellt, so könnte es mit der Stellung des Provinzials in der Kirchenhierarchie zusammenhängen, daß er auf seiner Kirche ebenfalls das Zwei-Balken-Kreuz führt.

Wir fragten den Franziskaner-Pater o. Professor Dr. Suso Frank von der Universität Freiburg.

Er glaubt nicht, daß das Kreuz mit der Stellung des Provinzialoberen zusammenhänge und meint, der Provinzial sei kein Prälat.

Das Kreuzsymbol müsse aber irgend eine Rangauszeichnung gewesen sein, für die er keine Erklärung habe.

Wir stellten jedoch fest, daß der Begriff „Prälat“ vielschichtig ist. So gibt es auch den „Prälaten inferiores“, das sind „Ehrenprälaten“ oder „niedere Prälaten“; dazu zählen die Ordensoberen der exemten Orden, also auch die der Franziskaner.

d) Wir nehmen deshalb abschließend an, daß es doch die herausgehobene kirchenrechtliche Stellung des Provinzials war, die zum Kreuz mit den zwei Balken auf der Giebelspitze der ehemaligen Villinger Franziskanerkirche geführt hat.

Wenn Sie, lieber Leser, zu stadtgeschichtlichen Fragen eine Antwort suchen, schreiben Sie einfach an unsere Geschäftsstelle, Romäusring 5. Wir werden uns für Sie bemühen!

 

Die urkundliche Erstnennung Schwenningens (Dieter Knaupp)

Schon seit der Ortschronik von Pfarrer Schmid hat heimatkundlich interessierte Schwenninger die Frage bewegt, wann unser Ort — ungeachtet der Grabfunde „Auf der Lehr“ — erstmals urkundlich genannt wurde. Mit Sicherheit war dies 895 der Fall, als König Arnulf die Güter Chunimunts in Schwenningen und Sunthausen an seinen Kanzler Ernust verschenkte.

Lange glaubte man, daß Schwenningen auch in einer Urkunde von 817 gemeint sei, in der Kaiser Ludwig die gräflichen Einkünfte aus 47 „Mansen“ (1 Manse = ca. 30 Morgen Land = praktisch ein Hof) an 26 Orten in Alamannien an das Kloster St. Gallen schenkte. Dabei sind folgende Nennungen für unsere Region besonders wichtig: Einkünfte des Grafen Karamann in Schörzingen, Schwenningen, Weilersbach; Einkünfte des Grafen Hrodhar in Tuningen, Villingen, Nordstetten, Pfohren, Spaichingen, Tannheim; Einkünfte des Grafen Frumold in Hondingen, Klengen.

Hier sind, ungeachtet der scheinbar unmittelbaren geografischen Nachbarschaft, Schwenningen und Weilersbach aber einem Grafen zugeordnet, dessen Wirken hauptsächlich auf der Alb in der sog. Scherragrafschaft gesehen wurde, während Villingen und Nordstetten im Zusammenhang mit dem Grafen genannt sind, der schwerpunktmäßig in der Baar und zwar in der Adalhardsbaar wirkte. Für Hondingen und Klengen tritt dann ein dritter Graf, nämlich der des Aitrachtales, in Erscheinung. Dies führte aber zu der Folgerung, daß es sich deshalb um Schwenningen auf der Alb handeln müsse. Für den in jener Gegend unbekannten Ort Weilersbach half man sich mit der Annahme eines abgegangenen Ortes in der Nähe von Nusplingen/Stetten. Diese Deutung geht auf die zweifellos verdienstvollen Forschungen von F. L. BAUMANN und W. SCHULTZE zurück, die mit statistischen Methoden versuchten, die Grenzen der im ausgehenden 8. Jh. angestrebten fränkischen Amtsgrafschaften im alamannischen Raum zu rekonstruieren. Nachdem nun in neuerer Zeit von der Forschung präzisere Erkenntnisse herausgearbeitet wurden, müssen auch diese zur Klärung der uns interessierenden Zusammenhänge herangezogen werden. Besonders wichtig sind hier die Arbeiten von H. JÄNICHEN und M. BORGOLTE. Zum besseren Verständnis seien die einzelnen Arbeiten kurz skizziert:

1. Dr. Franz Ludwig Baumann 1879

„Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben“ Ziel war, die Grenzen der fränkischen Gaugrafschaften zu rekonstruieren. Hierzu wurden aus allen verfügbaren Urkunden des 8. bis 12. Jh. die Zuordnung von Orten, Amtsgrafen und Amtsbezirken in die Landkarte eingetragen. Zwischen den sich dabei ergebenden Punkthäufungen wurde der mutmaßliche Grenzverlauf ausgemittelt. Gleichzeitig wurde die Reihe der amtierenden Grafen für die so definierten Gebiete aufgestellt. Das Ergebnis wurde als Kartenbild vorgelegt, es blieb auf das damalige Königreich Württemberg beschränkt.

2. Walter Schultze 1895

„Die Abgrenzung der Gaugrafschaften des alamannischen Badens“

Schultze griff die Methode von BAUMANN in einer Dissertation auf und dehnte entsprechende Aussagen auf den betroffenen badischen Raum aus. Schultze erstellte ebenfalls ein Kartenbild, das im Gegensatz zu BAUMANN grenzübergreifend ist. Die Baumannsche Karte läßt für unsere Gegend keine Kontinuität erkennen. Die Grenze bei Schwenningen ist bemerkens-werterweise nicht durchgezogen, sondern dem unsicheren Erkenntnisstand entsprechend nur gestrichelt. SCHULTZE hatte offensichtlich als Berliner Probleme mit der lagerichtigen Eintragung der Ortsnamen Weilers-bach, Kappel, Dauchingen und Hochemmingen, sodaß für die nahe liegende Grenze keine zuverlässige Bestimmung möglich ist. In beiden Fällen wurde ein Zeitraum von 4 Jahrhunderten herangezogen, das ist die Zeit von Karl dem Großen bis Barbarossa, in der sich im Heiligen Römischen Reich doch einiges geändert haben dürfte.

3. Prof. Hans Jänichen 1970

Er griff die dargestellte Problematik erneut auf, wandte die gleiche Betrachtungsmethode wie BAUMANN und SCHULTZE an, begrenzte den Beobachtungszeitraum jedoch auf das 8. und 9. Jahrhundert. Er rekonstruierte ebenfalls „Grafschaftsflächen“ und kam für unsere engere Umgebung zu nur geringfügigen Abweichungen gegenüber seinen Vorgängern. Ohne den Kommentar übernahm er die Auffassung von BAUMANN, daß Schwenningen auf der Alb im Gebiet der später so genannten „Scherragrafschaft“ zu suchen sei, ließ aber die Standortbestimmung für „Wilaresbach“ offen.

Jänichen ist der Meinung, daß die Scherragrafschaft von den Franken neu geschaffen wurde, wobei im Wesentlichen Römerstraßen als Grenzen gewählt wurden. Er macht diese Annahme auch an drei von vier Stellen deutlich, kann aber gerade in unserer Gegend keine der unübersehbar vorhandenen Römerstraßen in seine Theorie einfügen.

Im Hinblick auf das Wirken des Grafen Ratold in Rottweil (787-797) wird angedeutet, daß es sich bei der Einführung der neuen Grafschaften um einen länger dauernden Prozeß gehandelt haben muß. Aus den von JAN ICHEN zusammengestellten Beurkundungen, welche die Grafen Hrodhar, Karamann und Frumold betreffen, zeigt sich am Beispiel der Orte Klengen (817), Mundelfingen (803) und Spaichingen (817) in dem betrachteten Zeitraum eine deutliche Verzahnung der gräflichen Kompetenzen in unserer Region, sodaß eigentlich keine zwingende Notwendigkeit erkennbar wird, ViIIingen und Nordstetten von den unter anderen Grafen genannten Orten Schwenningen und Weilersbach geographisch zu trennen.

4. Michael Borgolte 1980-1984

Mit dem Ziel, die Königsgutsituation am oberen Neckar zu klären hat BORGOLTE den gesamten Quellenkomplex im Hinblick auf das Grafschaftsproblem neu bearbeitet und kommt für den inneralamannischen Raum nach gründlicher und umfassender Prüfung zu folgenden Ergebnissen:

1. Die Grafschaftsformel hat in der Zeit vor 817 eine andere Bedeutung als später: Vor 817 diente die Formel offenbar hauptsächlich der chronologischen Datierung der Urkunden, erst nachher deutet sie auf flächendeckende, klar abgegrenzte Grafschaften hin.

2. In der Bertholdsbaar gibt es bis 817 nur Streugrafschaften auf Königsgut, erst nach 817 werden diese durch Verwaltungsgrafschaften über ausgedehnte Siedelgebiete abgelöst.

3. Im Raum um Schwenningen ist eine Ballung von Königsgut bezeugt. Deshalb würden sich auch die 817 genannten Orte klar in die gegebene Situation einfügen. Mit der Arbeit von BORGOLTE kommen wir der Klärung der uns interessierenden Fragen beträchtlich näher. Die Ortsnennung unter verschiedenen Amtsgrafen fällt in eine Übergangszeit zur Einführung flächendeckender Verwaltungsgrafschaften, in der diese Flächendeckung und die damit verbundene lineare Abgrenzung der gräflichen Kompetenz noch nicht gegeben war.

Die Abbildung zeigt die von BORGOLTE ermittelte Lage des Königsgutes auf der Baar. Die einzelnen Standorte gruppieren sich deutlich um unseren an der immer noch wichtigen einstigen Römerstraße und damit an einer Hauptverkehrsader liegenden Ort Schwenningen.

 

Damit erledigt sich die scheinbare Notwendigkeit, Schwenningen und Weilersbach in dem behandelten Zusammenhang auf die schwäbische Alb zu verweisen. Die beiden Orte fügen sich klar in die auch aus anderen Quellen nachweisbare Lage des Königsgutes in der Baar ein. Der in der Urkunde von 817 genannte Graf Karamann hat vor 824 gelebt. Er ist nicht identisch mit dem Grafen gleichen Namens, dessen Erbschaft 851 in Vilsingen und da-miteindeutig in die Scherragrafschaft verhandelt wurde. Aus neuer Perspektive hat BORGOLTE neue Erkenntnisse gewonnen und sorgfältig herausgearbeitet. Es fällt nicht schwer, seinen Argumenten zu folgen. Die in der Urkunde von 817 genannten Orte „Swaningas“ und „Wilaresbach“ sind deshalb auf der Baar zu suchen. Nach dem heutigen Erkenntnisstand bedeutet dies, daß unter neuen Aspekten die alte Auffassung vertreten werden darf, daß die urkundliche Erstnennung unseres Ortes 817 erfolgte.

Literaturnachweis

F. L. Baumann

Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben“ Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1879

H. Jänichen

„Baar und Huntari in Grundfragen der Alemannischen Geschichte“ Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1970

W. Schultze

„Die Abgrenzung der Gaugrafschaften des alamannischen Badens“ Verlag Buchdruckerei Max Lutz, Sigmaringen, 1895

M. Borgolte

Das Königtum am oberen Neckar in „Zwischen Schwarzwald und oberem Neckar“ Hrsg. v. Franz Quarthal. Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1984

M. Borgolte

„Geschichte der Grafschaften Alamanniens in fränkischer Zeit“ Hrsg. v. Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1984

M. Borgolte

„Die Grafen Alemanniens in merowingischer u. karolingischer Zeit“ Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1986

A. Bauer

„Gau und Gaugrafschaft in Schwaben“ Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1927

Quelle: „Das Heimatblättle“, Eine Schwenninger Monatsschrift für Heimat und Volkstum, 35. Jahrg. —Heft 6 — Juni 1987, 414te Folge. Herausgegeben vom Schwenninger Heimatverein e. V., 7730 Villingen-Schwenni ngen, Stadtbezirk Schwenn ingen.

Wir danken Herrn Dieter Knaupp für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.

Erstnennung Villingens: „ad Filingas „Die Königsurkunde von 817 im Stiftsarchiv St. Gallen (Herbert Muhle)

Im Jahre 817, am 4. Juni, ließ Kaiser Ludwig I., genannt der Fromme, (geb. 778, Kaiser von 814 bis 840) in seiner Residenzstadt Aachen die auf der nächsten Seite abgebildete Urkunde ausstellen. Mit dieser Urkunde übertrug er alle bisher den namentlich genannten sieben Grafen zustehenden Zins-, Tribut- und sonstigen Einnahmen aus 47 Hofgütern (Mansen) an das Kloster St. Gallen. Der Text lautet in deutscher Übersetzung1):

Im Namen Gottes des Herrn und unseres Erlösers Jesus Christus, Ludwig durch das Walten der göttlichen Vorsehung Kaiser [und] Augustus: Allen [Euch] Grafen der Gebiete Alemanniens, Euren Nachfolgern und Vertretern (junioribus) wie allen unseren Getreuen sei kund, daß es uns gefalllen hat, für unser Seelenheil und [um] den Genuß ewiger Belohnung [zu erlangen] dem Kloster des Heiligen Gallus, welches im Pagus Thurgau liegt [und] wo der verehrungswürdige Abt Gozbert vorsteht, und der Gemeinschaft dieses Klosters einen gewissen Zins von den unten aufgeschriebenen Mansen durch diese unsere Vollmacht zu überlassen; [es handelt sich dabei um] jenen Zins, der gewöhnlich den Grafen zukam, unbeschadet freilich der Abgabe, die aus Zins, Tributoder welcher anderen Leistung auch immer unserer Pfalz zukommen muß. Und deswegen haben wir befohlen, diese Urkunde über unsere Anordnung für das vorgenannte Kloster und seine Gemeinschaft anzufertigen, durch welche wir Euch allen vorschreiben, Euch nicht zu unterstehen, von den benannten Mansen [als] da ist im Amtsbereich des Grafen Frumold die Manse des Weifari zu Hondingen und des Puabon zu Klengen; und im Amtsbereich des Grafen Cunthard zu Bissingen die Manse des Toton und des Cuatoni und die Manse des Geilon und die Manse des Cozpert und die Manse des Wolfon und die Manse des Altmann; im Amtsbereich des Grafen Karamann zu Schörzingen die Mansen des Atolf und des Liutpolt, zu Schwenningen die Manse des Liutpolt und zu Weilersbach die Mansen des Ratolt und des Heriger; und im Amtsbereich des Grafen Hruadhar zu Tuningen die Mansen des Amalon und des Gerhart und des Liuthar und des Wolfbert und des Nilon, zu Villingen die Mansen des Wito und des Heimo, zu Nordstetten die Manse des Oto und des Reginker, zu Pfohren die Manse des Pruning und des Waning, zu Spaichingen die Manse des Otto und des Waramann und des Adalmar, zu Tannheim die Manse des Tuaton; im Amtsbereich des Grafen Erchangar die Manse des Ruadleoz von Heimbach und die Manse des Freholf von Thalhausen und Otgar von Buchheim; und im Amtsbereich des Grafen Rihwin die Manse des Snizolf von Hüttwilen [Kt. Thurgau, vielleicht auch Uttwil am Bodensee], die Manse des Gundwin von Kess-wil, zwischen Kiselmar und Facon eine Manse und die Manse des Roatpert von Landschlacht und zwei Mansen von Zihlschlacht und die Manse des Almaric und des Baldwin von Hefenhofen und die Manse des Puwon von Ifwil und des Huncpert und die Manse des Herirat von Tänikon; vom Amtsbereich des Grafen Odalric die Manse des Richwin von Stetten, von Markdorf die Mansen des Isanbert und des Ruatbert und des Ruatbald und des Arnolt und die Manse des Walbert von Fischbach und die Manse des Theotram von Kluftern;

die zusammen 47 ergeben, einen Zins oder Tribut, Dienste oder Feldarbeiten oder welche anderen Abgaben auch immer zu verlangen oder einzutreiben, sondern wie wir dies zu frommer Gabe gegeben haben, so soll es immer bleiben.

+ Diese Urkunde unserer Vollmacht aber haben wir, damit sie von allen besser anerkannt und geachtet werde, unten mit unserem Ring zu besiegeln befohlen.

+ [Ich] Durandus, Diakon, habe [die Urkunde] in Vertretung für Helisachar anerkannt und unterschrieben.

+ Gegeben am Tag vor den Nonen des Juni, durch Gnade Christi im vierten Jahr der Kaiserherrschaft des Herrn Ludwig, des überaus frommen Augustus, in der zehnten Indiktion. Geschehen in der Königspfalz Aachen, glücklich im Namen Gottes. Amen.

Die Urkunde, die bereits vorher im „Wirtembergischen Urkundenbuch“ (Bd. 1, 1849) abgedruckt worden war‘, wurde mit Kommentar und Ortsbestimmungen der aufgeführten Orte in der geografischen Situation von 1863 durch Hermann Wartmann2) in heutiger lateinischer Schreibweise veröffentlicht. Obwohl im Laufe der Zeit einige Diskussionen um die von Wartmann vorgenommenen Ortsbestimmungen stattgefunden haben (siehe besonders den Beitrag von Dieter Knaupp in diesem Jahresheft), hat der Verfasser die ursprünglichen Festlegungen durch Wartmann von 1863 zugrunde gelegt, um die Behandlung des Hauptthemas nicht zu komplizieren.

Unter den 26 erwähnten Orten befinden sich neben Villingen und Nordstetten weitere Stadt- bzw. Ortsteile von Villingen-Schwenningen, wie Schwenningen, Weilersbach und Tannheim, sowie einige andere Orte unserer nächsten Nachbarschaft: Hondingen, Klengen, Tuningen, Pfohren und Spaichingen. In der vierten Zeile befindet sich eigentlich ganz gut lesbar die Bezeichnung „ad Filingas“, wie wir sie hier zusammen mit den Namen Witonis et Heimonis, „ad Nordstetim“… herausvergrö-ßert haben. (Siehe Abb.)

Dieses ist die älteste bekannte Urkunde, die den Ort Villingen erwähnt. Sie kann übrigens in einem sehr guten Faksimile-Druck in Originalgröße im Eingangsbereich zum ehemaligen Franziskanerkloster, gleich gegenüber dem Schalter links, besichtigt werden (Eintritt frei).

Natürlich darf man diese Urkunde nicht mit der für die Entwicklung unserer Stadt viel wichtigeren Königsurkunde der Verleihung des Zoll-, Münz- und Marktrechtes von 999 verwechseln. Die letztgenannte ist in der Betrachtung von Werner Huger im letzten Jahresheft (1986) im Zusammenhang mit „Der Gründungsidee der Stadt Villingen“ ausführlich gewürdigt worden3). Der in der Königsurkunde von 817 erwähnte Ort Villingen ist das Dorf in Tale des Steppach auf dem Gewann Altstadt, bei der heutigen Friedhofskirche, deren Turm aus dem 11. Jahrhundert, also aus der Zeit des einstigen Ortes bis auf unsere Zeit erhalten geblieben ist4).

Die in der Urkunde erwähnten Übertragungen von Rechten aus Grundbesitz auf das Kloster St. Gallen durch den Kaiser sind zweifellos im Zusammenhang zu sehen mit dessen Bemühungen um die Reform des Fränkischen Reiches sowie der Durchführung der „Karolingischen Reformen“5) zur Festigung der Reichseinheit des Hl. römischen Reiches Deutscher Nation. Aber —und dies geht sozusagen Hand in Hand mit der Reform des kirchlichen Lebens und ist davon auch nicht trennbar — es ist auch die Zeit der Erfüllung des weiten Rahmens des politischen Programms, das durch Ludwigs Vater, Karl d. Großen, vorgegeben war. Ludwig erscheint in der Geschichte nicht gerade als ein sehr starker Herrscher (er galt zeitweise sogar als abgesetzt). Sein Titel „der Fromme“ weist eher auf den Schwerpunkt des religiösen Einflusses seiner sicher nicht schlechten kirchlichen Ratgeber hin, unter denen Benedikt von Aniane besondere Bekanntheit erlangte6). Die im Jahre unserer Urkunde eingeführte „ordinatio imperii“, die Rechtsordnung des Reiches, erlangte mit Zustimmung der Reichsversammlung, vor allem auf Drängen der kirchlichen Vertreter, volle Rechtskraft. Wenn diese auch zunächst zu erheblichen Erbfolgeschwierigkeiten führte, (was sie ja eigentlich verhindern sollte) so hatte die „ordinatio imperii“ doch Grundlagenbedeutung ähnlich einer zukünftigen Verfassung. Sie brachte auch eine gewisse Ordnung in die bis dahin völlig verzettelten Amtsbereiche und Territorien der Grundherren und Lehnsnehmer. Das Ausstellungsjahr unserer Urkunde hatte also durchaus eine Bedeutung.

Auch für das Kloster St. Gallen war dieser Zeitraum von einiger Wichtigkeit. Das Kloster war 816 im Zusammenhang mit den (auch unter Fußnote 6 erläuterten) monastischen Reformbewegungen im Verfolg der Synoden von Aachen 816-817 vom Bistum Konstanz unabhängig geworden. Es erwarb den Status eines „königlichen“, also reichsunmittelbaren Klosters. Über eine sehr wechselvolle Geschichte hinweg, nannte sich St. Gallen bis 1803, also über 986 Jahre: Reichsabtei. Das Kloster erlebte im 9. Jahrhundert, gestützt auf seinen umfangreichen Grundbesitz, eine kulturelle Hochblüte und war wesentlicher Träger der christlich-antikischen Bewegung dieser Zeit, die später als „Karolingische Renaissance“ bezeichnet wurde7).

Auch der in unserer Urkunde erwähnte Abt Gozbert (im lateinischen Text der Urkunde: Gauzbertus) ist von 816, also seit der Unabhängigkeit des Klosters, bis 836 in diesem Amt, war in seiner Zeit als ein „tatkräftiger Mann und politischer Kopf“ bekannt‘). St. Gallen verfügte, wie wir aus verschiedenen anderen, auch älteren Quellen wissen, über nicht unerhebliche Einkünfte aus Grundbesitz in unserer Gegend (z. B. Klengen, Beckhofen oder die Burg Runstal bei Villingen). Es lag also nahe, den hiesigen Besitz weiter zu arrondieren, wenn dem Kloster Mittel zur Erfüllung seiner kulturellen und geistlichen Aufgaben zur Verfügung gestellt werden sollte.

Auf die Erwähnung von Nordstetten — ad Nordstetim —soll hier besonders eingegangen werden. Revellio hat in seiner Bemerkung über die hier behandelte Urkunde die verhältnismäßig späte Ersterwähnung Villingens angesprochen9). Dabei erwähnt er ausdrücklich: …eine Ausbausiedlung der Altstadt ist, wie der Name zeigt, auch Nordstetten…“. Revellio verweist auf eine St. Galler Urkunde vom 18. August 762 (evtl. auch schon 76010) „Nordstati, die Siedlung nördlich der Altstadt“. Nun geht es ja bei der Auswertung alter Urkunden immer auch um die möglichst eindeutige Identifizierung der erwähnten Orte. Und hier ist seit der Herausgabe der St. Galler Urkunden durch H. Wartmann ‚I), unter besonderer Berücksichtigung der Besitzgeschichte des Klosters St. Gallen, fast die gesamte Forschung der Identifizierung Wartmanns als: „Nordstetten eben daselbst“ nach „Villingen, Bezirksamt gleichen Namens, Großherzogtum Baden“ gefolgt12). Auch die neuesten Forschungen von Martin Borgolte (siehe Fußnote 10) deren Ergebnisse auch in anderem Zusammenhang in diesem Aufsatz Erwähnung finden, bestätigen die Richtigkeit der Ortsangabe: Nordstetten bei Villingen, sowohl in der Urkunde von 760/762 als auch in der behandelten Urkunde von 817 mit der ersten Erwähnung Villingens.

Erhebliche Irritationen hat es auch um die Zuschreibung von Swanningas und Wilarisbach gegeben, die von Wartmann in seiner Erstausgabe des Urkundenbuches der Abtei St. Gallen von 1863 als „Schwenningen. Oberamt Tuttlingen (wozu es damals wirklich noch gehörte) Königreich Wirtemberg“ und „Weilersbach, Bezirksamt Villingen, Großherzogtum Baden“ identifiziert worden war. Hierzu gibt an anderer Stelle dieses Jahresheftes, in wesentlicher Ergänzung zu diesem Aufsatz, Dieter Knaupp in seiner Abhandlung „Die urkundliche Ersterwähnung Schwenningens“ einen Überblick bis zum heutigen geschichtlichen Wissensstand der Forschung. Von der Urkunde selbst kann man sagen, daß diese auch heute noch, wie in Wartmanns „Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen“ von 1863 erwähnt, „vortrefflich er halten“ ist, „mit Ausnahme des Wachssiegels, welches ganz und gar abgelöst und verschwunden ist“. Vom Siegel sind auf unserem Bild, unten rechts, noch ein dunkler Umriß zu sehen. Das Material der Urkunde ist Pergament im Format etwa: Breite 66,0 cm x Höhe 46,0 cm. Die ganz gleichmäßige Beschriftung mit einem einheitlichen Zeilenabstand von 3,7 cm ist in Karolingischer Minuskel ausgeführt13). Allerdings weist, wohl aus Gründen der Dokumentensicherheit, zumindest aber auch aus grafischen Gründen, wohl auch wegen einzelner Korrekturen während der Niederschrift, die Urkunde einige Sonderheiten auf. So hörte der Text etwa in der Mitte der vorletzten Zeile auf, und die nächste Zeile beginnt etwa 6,5 cm weiter rechts als der „normale“, auch nicht immer genau auf dem Punkt liegende Zeilenbeginn. Diese Lücke war ursprünglich beschrieben, und das Geschriebene sehr sorgfältig ausradiert worden14). Um diese Rasur wiederum möglichst nicht sichtbar werden zu lassen, hat man dann die ganze Rasurfläche mit durch „seltsam verschnörkelte Verlängerungen der unter und ob ihr stehenden langen Buchstaben“ (Wartmann) verdeckt. „Auf ähnliche Weise hat man“, so Wartmann weiter, „durch die ganze Urkunde die meisten ,r‘ und einzelne andre unter die Linie gehende Buchstaben nachträglich soweit abwärts verlängert, wie die ,1′ und ,b‘ von Anfang an aufwärts verlängert waren“. Als Beispiele mögen hier das „r“ bei Nordstettin“, und das „I“ bei Filingas dienen. Unmittelbar am Ende des Urkundentextes, nach dem Rekognitionszeichen“, sozusagen der „Unterschrift“, befinden sich für uns heute nicht mehr entzifferbare Schriftzeichen. Es handelt sich hierbei um sogenannte Tironische Noten16). Diese wurden wohl ebenfalls aus Gründen der Dokumenten-sicherheit oder Archivierungsgründen angebracht und finden sich bei fast allen Urkunden dieser Zeit, die von besonderer Bedeutung sind. Auf der unteren Zeile nach dem Rekognitionszeichen befinden sich die Namenszeichen der Zeugen. Auch diese sind auf jeder mittelalterlichen Urkunde zu finden. Zwischen Rekognitions-zeichen und Zeugenzeichen befindet sich die Datierung. Diese enthält neben der Datumangabe „am Tag vor den Nonen des Juni“ und der Angabe des 4. Herrscherjahres Ludwigs den Zusatz: „in der zehnten Indik-tion“. Dies ist ein (manchmal auch Römerzinszahl genannt) dem Kalenderdatum hinzugefügter Zyklus von 15 Jahren und zeigte das Jahr des „Indikationszyklus“ an. Vermutlich diente dieser Zusatz ebenfalls der genauen Fixierung und der unbezweifelbaren Verifikation des Datums, was ja für das Wirksamwerden des in der Urkunde festgelegten Rechtsvorganges von großer Wichtigkeit war.

Unsere Urkunde gehört zu den im Stiftsarchiv St. Gallen sehr sorgfältig aufbewahrten etwa 100 Karolingischen und Ottonischen Herrscherdiplomen, die zusammen mit den über 700 sogenannten Traditionsurkunden (Schenkungsurkunden) aus der Zeit vor dem Jahre 1000, die größte und einzigartige Sammlung dieser Art nördlich der Alpen ausmachen.

Wer waren nun diese Leute, über deren Besitz und Rechte hier verfügt wurde? Interessant ist ja zunächst einmal, daß sich der Kaiser seine Rechte ausdrücklich vorbehielt: „Jenen Zins, der gewöhnlich den Grafen zukam, unbeschadet freilich der Abgabe, die aus Zins, Tribut oder welcher Leistung auch immer, unserer Pfalz zukommen muß“. Ohne hier auf das sehr komplizierte, und besonders von den Karolingern reformierte, aus der Tradition des fränkischen Reiches stammende Lehnswesen einzugehen, muß man wissen, daß dieses die Grundlage des mittelalterlich abendländischen Feudalismus darstellte. Die gesamte Staats- und Gesellschaftsordnung beruhte auf dem Verhältnis von Lehnsleuten (den Lehnsnehmern) und den Lehnsherrn (dem Lehnsgeber). Diese waren gegenseitig zu Leistungen verpflichtet, die von Seiten der Lehnsleute aus Kriegsdienst, Abgaben oder Dienstleistungen, vor allem aber aus Gehorsam bestanden, während der Lehnsherr seinerseits den Lehnsleuten Schutz zu gewähren hatte. Damit jeder seine Funktion erfüllen konnte, wurde er mit Amt oder Land belehnt. Ausgehend von dem Gedanken, daß der König/Kaiser, bzw. das Reich, Eigentümer des gesamten Grund und Bodens sei (Fiskalgrund), belehnte dieser seine Lehnsleute, indem er sie zu Amtsträgern und Grundherren machte (Pfalz-, Land-, Mark- und Burggrafen, sog. Hohe Leihe) und diese wiederum verliehen Ämter und Boden an ihre sog. Aftervasallen (Ritter, Dienstmannen, Ministeriale, niederer Adel). Auch diese Letzteren vergaben Land zu Nutzen und zur Bearbeitung an Freie oder Bauern, diese wiederum frei oder unfrei, also Hörige. Die unterste Stufe waren dann die besitzlosen Leibeigenen. Diese Aftervasallen konnten gegen ihre Schutzleistung neben Naturalabgaben („Zehnte“) auch Arbeitsleistung (Robot oder Fron) für ihr eigenes Gut in Anspruch nehmen. Der Kaiser hatte aber insbesondere in dieser frühen Zeit der Urbarmachung von Land und der Staatwerdung nicht sein gesamtes Territorium an Lehnsleute innerhalb der beschriebenen Pyramide abgegeben. Er benötigte ja auch Menschen, die bereit waren, auf eigene Rechnung und mit dem Ziel des Grunderwerbs für sich und die Nachkommen, Land zu roden und zu bestellen. Natürlich waren diese Leute nicht völlig frei von Abgaben gegenüber der Obrigkeit. Sie mußten daher für ihren eigenen persönlichen Schutz Abgaben an den für das „ministerio“ zuständigen Grafen leisten. Gleichzeitig aber waren sie gegenüber dem König/Kaiser zinspflichtig, dem sie—wir würden heute sagen — eine Steuer zu entrichten hatten. Diese stand in der Regel einer in der Nähe liegenden Kaiserpfalz zu, damit der Kaiser, der ja mit seinem oft gewaltigen Troß von Pfalz zu Pfalz reiste und das Reich in dieser Art regierte, wiederum sein Auskommen fand. Diesen Zins also hatte sich Kaiser Ludwig der Fromme ausdrücklich vorbehalten. Ja er mußte sich diesen sogar vorbehalten, da er andernfalls erhebliche Beeinträchtigungen seiner Amtsführung, insbesondere der Rechtssprechung vor Ort, hätte hinnehmen müssen. Es war sicher kein nackter Eigennutz, wenn er den Grafen etwas nahm, sich selbst aber schadlos hielt. Die Grafen hatten das aufgrund ihrer Gehorsamspflicht hinzunehmen und fanden auch sicher sonst noch ihr Auskommen. Wito und Heimo aus Villingen, Otto und Reginker aus Nordstetten und all die anderen Männer auf den Mansen : Denen konnte es ja eigentlich gleichgültig sein, für wen sie ihre Abgaben und Leistungen zu erbringen hatten. Daß die dieselben überhaupt zu leisten hatten, empfanden sie sicher genau so lästig, wie wir Heutigen unsere Abgaben und Steuern lästig finden. Aber wie war die rechtliche Stellung dieser Leute, über deren Abgaben in unserer Urkunde verfügt wurde? Gerade diese Urkunde hat in der geschichtlichen Forschung über das sogenannte Reichs- oder Königsgut seit ihrer Erstveröffentlichung 1863 eine große Rolle gespielt. Denn die Frage nach der territorialen Zugehörigkeit, wie der nach der Art der Zins- und Tribut-leistung der angesprochenen Personen läßt ja Schlüsse auf die Art des Besitzes oder Eigentums zu. In der Königs-gutforschung wurde unsere Urkunde oft direkt für Beweise und Gegenbeweise angeführt17). Nach dem heutigen Stand der Forschung, die besonders von M. Borgolte 1′ vorangetrieben wurde, hates sich bei den genannten Mansenbesitzern (übrigens manchmal auch mehrere Namen bei einer Manse!) um sogenannte „Königszinser“ gehandelt. „Königszinser, wie sie durch das Diplom von 817 bezeugt sind, gelten nach der von H. Dannenbauer, Th. Mayer u. a. begründeten Auffassung als Kolonisten auf Königsland. Dannenbauer charakterisiert sie als ,freie Leute‘, die gegen Zinszahlung an den König und Kriegsdienstpflicht unter besonderen Beamten … als Gerichtsgemeinden für sich angesiedelt wurden19).

Allerdings ist sich die geschichtliche Forschung bisher nicht einig, ob diese Königszinser auf Fiskalgut wirtschafteten, da besonders „aus dem Text unserer Urkunde eine Siedlung der Königszinser auf Fiskalgut nicht hervorgeht“ und „an den Orten mit Königszinsern kann Königsgut nicht sicher vorausgesetzt werden“; so M. Borgolte20). Dennoch standen Orte mit Königs-zinsern als eine besondere Spezies königlicher Orte dem König zur Verfügung, anderenfalls hätte ja auch Ludwig der Fromme über die Grafeneinkünfte der Königszinser nicht verfügen können. Während er die letzteren dem Kloster St. Gallen übereignete, blieben die Einkünfte aus den Mansen der Königszinser in königlicher Hand und standen mit ihren Abgaben der zuständigen — in der Urkunde nicht gesondert erwähnten — Pfalz zur Verfügung.

182 Jahre später, im Jahre 999, bei der Erteilung des Zoll-, Münz- und Marktrechtes an den Grafen Berthold für seinen Ort Vill ingen hatte sich die Situation gründlich geändert. Der Ort gehörte den Zähringern. Ob St. Gallen noch Rechte an Hofgütern besaß, kann nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein.

An dieser Stelle aber sollte noch einmal unser besonderer Dank an Herrn Dr. Hollenstein und seine Mitarbeiterin beim Stiftsarchiv St. Gallen gehen, durch dessen besonderes Entgegenkommen es uns ermöglicht wurde, anläßlich unserer Herbstexkursion 1986 einen Blick auf das Original unserer Urkunde zu tun. Es war für die Teilnehmer ein großes Erlebnis, nicht nur wegen des hervorragenden Begleitvortrages, mehr noch wohl wirkte auf uns der direkte Blick in die Anfänge der Geschichte unserer Stadt, heute genau vor 1170 Jahren!

Literatur und Quellen:

1) Herrn Dr. Stephan Molitor M.A. beim Württembergischen Haupt-Staatsarchiv Stuttgart sei an dieser Stelle für die Übersetzung gedankt.

1a) F.H. Köhler „Wirtembergisches Urkundenbuch I“ Stuttgart 1849 Seite 90-91 Urkunde Nr. 79. Hier befinden sich zwei weitere Hinweise auf Vorveröffentlichung der Urkunde. 1.: in „Cod. Tradd. M.S.G“. p. 132, 2. „bei Neugart“ I. Nr. 191.

2) „Urkundenbuch der Abtei St. Gallen“, bearb. v. Hermann Wart-mann, Band 1, Zürich 1863 S. 217 Nr. 226 (Band 2 erschien 1866).

3) Werner Huger „Die Gründungsidee der Stadt Villingen“, ein Beitrag zur Gründungs- und Standorttheorie, im Jahresheft 1986/87 des Geschichts- und Heimatvereins, Seite 6-30.

4) Nicht umsonst legen noch heute traditionsbewußte Villinger Wert darauf, daß die mittelalterliche Stadt nicht als „die Altstadt“ bezeichnet wird, obwohl sich manche Altstadt vor dem ehrwürdigen Alter der heutigen Villinger Innenstadt verstecken könnte.

5) Die „Karolingische Reformen“ waren zunächst seit Beginn des 8. Jhrh. eine Reformbewegung der Kirchen im Fränkischen Reich, getragen jedoch wurde sie von den Karolingischen Herrschern und auch wesentlich unterstützt. U. a. brachte sie eine Neuordnung der Kirchenverfassung und des Lebens des Weltklerus — der sog. Leutpriester —durch eine Kanonikerregel, sowie die Einführung regelmäßiger Synoden. Grundlegend war auch die Revision der liturgischen und kirchenrechtlichen Texte.

6) Der Benediktinerabt Ben.v.A. war geistlicher Berater Ludwig des Frommen (750-821) und Klosterreformer. Die von Benedikt maßgeblich bestimmte Reformsynode d. Jahre 816-818/19 führten die Benediktinerregel für sämtliche Klöster des Frankenreiches ein und versuchten eine grundlegende Reform von Kirche und Staat des Reiches.

7) „Karolingische Renaissance“ ist seit etwa Anfang des 19. Jhrh. die zusammenfassende Bezeichnung der für die Karolingerzeit kennzeichnenden Rückgriffe auf antike und spätantik-christliche Form-und Stofftraditionen. Karl d. Große, einer der bedeutendsten Förderer der „K.R.“ sah politisch darin auch die Möglichkeit einer Vereinheitlichung von Sprache und Schrift in seinem Reiche. Auf der Grundlage einer Bildungsreform durch Bemühungen um reines Latein sowie besonders der Schrift, erreichen die Dichtung aber auch die Geschichtsschreibung einen ersten Höhepunkt.

8) Uta Baumann „Der St. Galler Klosterplan und sein architektonisches Programm“ im Jahresheft VIII des Geschichts- und Heimatvereins Villingen 1983/84, Seiten 26-28.

9) Paul Revellio „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ Seite 62, Ringverlag Villingen 1964.

10) Michael Borgolte „Das Königtum am oberen Neckar“ in „Zwischen Schwarzwald und oberen Neckar“ Hrsg. Franz Quartal, Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen 1984 Seite 93.

11) Wartmann, wie Anm. 2 Seite 39 und 43 Nr. 41.

12) So auch schon Köhler 1849 „Wirtembergisches Urkundenbuch I“ (wie Fußnote 1 a. — Eine Ausnahme bildet hier — wie übrigens auch bei der Identifikation Schwenningens, Franz Baumann, der in seiner Schrift „Die Gaugrafschaften im Wirtembergischen Schwaben. Ein Beitrag zur historischen Geographie Deutschlands“, (Stuttgart 1897 Seite 2) vermutet, der Ort sei im Linzgau oder Thurgau abgegangen, da er ihn keinem hier Grafenrechte besitzenden Herren zuordnen konnte. Es handelt sich hier um denselben Vorgang, wie er ausführlich im Beitrag v. D. Knaupp an anderer Stelle dieses Heftes beschrieben wird.

13) Karolingische Minuskel: Die Schrift des 8. bis 11.-12. Jhrh. bildet sich aus der in der Spätantike (4.-8. Jhrh.) üblichen lateinischen Majuskelcharakter tragenden Unziale und der sog. Minuskelkursive, einer Schrift mit Betonung der Unter- und Oberlängen. Die Karolingische Minuskel war eine klare, auch deutlicher differenzierende (Hand-)Schrift, die sich in fast ganz West- und Mitteleurpa durchsetzt. Sie ist die Basis unserer heutigen Handschrift(!), nachdem die „deutsche Schrift“ seit dem Kriegsende aufgegeben wurde.

14) Wartmann: a.a.O.

15) Rekognitionszeichen: Beglaubigungsunterschrift, i.d. meisten Fällen waren Veranlasser (in unserem Fall König Ludwig) und Beglaubiger der Echtheit der Urkunden (in unserem Falle: der Diakonus Durandus, der in Vertretung für Helisachar unterzeichnet) nicht identisch. Viele frühe Herrscher waren ohnehin des Lesens und Schreibens unkundig.

16) Von Tiro (einem freigelassenen Sklaven) in Rom seit 54 v. Chr. verwendete Wortschrift, wobei jede Note gewöhnlich ein Wort wiedergibt. Das System wurde so oft ergänzt, bis es schließlich etwa 13000 (!) Noten umfaßte und somit fast Geheimschriftcharakter erreichte.

17) Es handelt sich hier im Wesentlichen um dieselben Autoren, die von D. Knaupp an anderer Stelle dieses Heftes genannt werden, weshalb auch hier ausdrücklich verwiesen werden kann.

18) M. Borgolte wie Anm. 10.

19) M. Borgolte, wie Anm. 10, Seite 84, Zitat Dannenbauer aus: Heinrich Dannenbauer „Contena u. Huntari“ in H.J. 63/69 (1949) Seite 155-219 und Neudruck in „Grundlagen der mittelalterlichen Welt“, Stgt. 1958.

20) M. Borgolte, wie Anm. 10, Seite 84/85, sowie Anhang Seite 100.

Lateinischer Text der Urkunde von 817 n. Chr.

+ In nornine dornini Dei et salvatoris nostri Jesu Christi Hludowicus divina ordinante providentia irnperator augustus. Omnibus comitibus partibus Alarnanniae seu successoribus atque junioribus vestris vel ornnibus fidelibus nostris notum sit, quia placuit nobis pro rernedio animae nostrae et aeternae retributionis fructurn monasterio sancti Galli, quod est situm in pago Durgaouvae, ubi Gauzbertus venerabilis abba praeest, et congregationi ipsius rnonasterii quoddarn censum de subter scriptis rnansis, illud quod partibus comitum exire solebat, salva tarnen functione, quae tam ex censum quam ex tributum vel alia qualibet re partibus palatii nostri exire debent, per hanc nostrarn auctoritatern concredere. Et propterea has nostrae praeceptionis litteras praedicto rnonasterio ejusque congregationi fieri jussimus, per quas ornnibus vobis praecipimus, ut de mansis denominatis, hoc est in ministerio Frurnoldi comitis mansum Weifarii in Huntingun et Puabonis in Cheningun; et in ministerio Cunthardi comitis ad Pisingas mansum Totonis et Cuatonis et rnansum Geilonis et rnansum Cozperti et mansum Wolfonis et rnansum Altrnanni; in rninisterio Kararnanni cornitis ad Scerzingas mansis Atolfi et Liutbolti, ad Swanningas rnansurn Liubolti et ad Wilaresbach mansis Ratolti et Herigeri; et in ministerio Hruadharii comitis ad Teiningas mansis Amalonis et Gerharti et Liutharii et Wolfberti et Nilonis, ad Filingas mansis Witonis et Heirnonis, ad Nordstetirn rnansurn Otonis et Reginkeri, ad Forrun mansum Pruningi et Waningi, ad Speihingas rnansurn Ottonis et Waramanni et Adalmari, ad Tanheim rnansum Tuatonis; in rninisterio Erchangarii cornitis rnansum Ruadleozzi de Heirnbah et mansurn Freholfi de Talahusun et Otgarii de Puahheim; et in ministerio Rihwini cornitis mansum Snizolfi de Huttinvillare, mansum Gundwini de Chezzinvillare, inter Kiselmari et Facconi mansum unum et mansum Roatperti de Lanchasalachi et duos rnansos de Zilleslata et mansurn Arnalrici et Baldwini de Hebinhova et mansurn Puwonis de Ifinwilare et mansum Huncperti et mansum Herirati de Taninghovurn; de ministerio Odalrici cornitis mansum Rihwini de Stetim, de Maracdorf mansis Isanberti et Ruadberti et Ruadbaldi et Arnolti et mansum Walberti de Fiscbach et mansurn Theotrarnni de Chlufturnon, quae fiunt simul XLVII nullurn censurn aut tributurn aut opera vel araturas aut alias quaslibet functiones exigere aut exactare praesumatis, sed sicut nos in nostra elemosina concessimus, ita perpetuo maneat.

Has vero nostrae auctoritatis litteras, ut ab ornnibus melius credantur atque conserventur, de anulo nostro subter jussimus sigillari.

Durandus diaconus ad vicem Helisachar recognovi et subscripsi.

+ Data pridie nonas Junias, anno Christo propitio, quarto irnperii domni Hludowici piissimi augusti, indictione X. Actum Aquisgrani palatio regio in Dei

nomine feliciter. Amen.

Vom Villinger Galgen und von einer pseudogermanischen Eiche (Werner Huger)

„Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als andre“, sagt Christian Morgenstern in einer Betrachtung darüber, wie seine Galgenlieder entstanden sind.

Es ist sicher, für die, die oben standen, währte der Blick nicht mehr lange. Aber was sich an Dauer versagte, weitete sich in die Tiefe, und für einen Augenblick reichte er bis in den tiefsten Abgrund der menschlichen Seele — bis heute.

Verlassen Sie zu Fuß die alte Stadt nach Westen! Ab Riettor führt der Weg durch die Vöhrenbacher Straße. Er steigt parallel zum Hubenloch an und erreicht auf dem Scheitel am Ende des Hubenlochs, bei 740 m Höhe, die Ampelanlage an der Kreuzung zur Dattenberg- und Saarlandstraße. Vorbei an der Araltankstelle überqueren Sie die Straße und betreten den Fußweg, der rechts neben der Fahrstraße etwas überhöht Richtung Krankenhaus durch zwei mächtige alte Bäume hindurchführt; sie markieren die Ränder der alten Fahrstraße, wie sie noch nach dem 2. Weltkrieg bestand. Halt! Jetzt sind Sie vom Riettor rund 1.500 Schritte oder genauer 1.000 m gegangen. Schauen Sie nach rechts! Neben Ihnen, ein paar Meter in der Wiese, sitzt ein offensichtlich gehauener Steinstumpf. Damit Sie ihn nicht übersehen, haben wir ihn und sein Umfeld fotografiert. Auf dem einen Bild sehen Sie links im Hintergrund das Villinger Krankenhaus. Der Stein ist der schäbige Rest einer der drei Steinsäulen, die den mittelalterlichen Galgen bildeten. Der war bis ins 18. Jahrhundert in Funktion. Dann, noch nach dem 2. Weltkrieg, standen an seiner Stelle neben den Steinrümpfen im Boden als Dreieck gruppierte Laubbäume, die an ihn erinnerten. Vielleicht ist bald die letzte Spur verwischt, wenn ein „Liebhaber“ sich das makabre Stück in den Garten stellt.

Lohnt es sich, den Galgen und damit seinen Standort in Erinnerung zu halten? Beantworten Sie für sich, ob es sich lohnt, über die Mißergebnisse der menschlichen Gehirntätigkeit nachzudenken oder über Schiller als Philosoph, der sich die Überzeugung nicht nehmen ließ, daß der schrecklichste der Schrecken immer noch der Mensch in seinem Wahne sei. Vielleicht sollten Sie auch entscheiden, ob Sie über dieses makabre Thema mehr erfahren wollen. Nun gut, wenn Sie sich dafür entschieden haben, begleiten Sie mich!

Der Galgen — wem sage ich das — ist selbstverständlich ein Strafwerkzeug zur Vollziehung der Todesstrafe. Er ist aber auch, wie angedeutet, ein Symbol des Wahns, genau wie das Hängen als die dazugehörige Todesart. Sie werden es merken. Fangen wir mit dem Wort als solchem an. Es hat, wie sein Begleitwort „Hängen“, ein hohes Alter und kommt in den meisten Kultursprachen vor. Die Kulturen haben es in der Sache auch praktiziert. Wie es auf arabisch heißt, weiß ich nicht. Vielleicht finden Sie im nächsten Urlaub Gelegenheit es zu erfahren. In manchen orientalischen Ländern wird wenigstens einmal in der Woche auf öffentlichen Plätzen die Funktion dieses Gerätes vorgestellt, so daß man es „live“ erleben kann. Auch in Teilen Amerikas soll es, wenngleich unter Ausschluß der Öffentlichkeit, noch heute das Hängen geben. Uns reicht das mittelhochdeutsche Wort, es hieß „galge“, und so sprechen wir es noch heute in der Mundart aus.

Ursprünglich hat es in Villingen sogar zwei Galgen gegeben. Sie lagen auf derselben Achse. Der andere lag allerdings näher beim Riettor: In der Nähe der Abzweigung der heutigen Kirnacher Straße von der Vöhrenbacher Straße — so schreibt Hans Maier. Wenn man wollte, konnte man also von der Ringmauer aus zu sehen. Den Galgen näher an der Mauer aufzustellen duldete man nicht. Als Hinrichtungsinstrument für Ehrlose war er selbst eine anrüchige Stätte. Er mußte mindestens einen Pfeilschuß von der Stadt entfernt sein.

Im Urbarium des Spitals Alten Einkünfte und Lehens-güter (1379-1542) — Spitalarchiv im Stadtarchiv Villingen — heißt es aus dem Jahre 1400: …item git von aim acker gelegen bey dem galgen… . Welcher der beiden Galgen gemeint war, wissen wir nicht. Der Galgen, nahe dem Tor, soll — so lesen wir bei Hans Maier, ein sogenannter Schnellgalgen gewesen sein. Maier sagt, die Opfer seien „hochgeschnellt“ worden. Nun, vielleicht war es ein Galgen für jene Variante, bei der der Delinquent mit der Schlinge des Strickes um den Hals zum Hängen ruckartig aufgezogen wurde. Bei der anderen Methode wurde er von einem Karren oder einer an den Galgen gelehnten Leiter heruntergestoßen. Ob es in jedem Falle auch „schnell“ ging, ist zweifelhaft.

VILLINGER GALGEN am Hochgericht

 

Der königlichen bzw. delegierten gräflichen Zuständigkeit schon bald entglitten, übten im Laufe des Mittelalters neben den Landesherren auch die Städte die sogenannte Hochgerichtsbarkeit aus, die sich mit besonders schweren Straftaten, im Sinne von Verbrechen, beschäftigte. Sie wird symbolisiert durch Stock und Galgen. So makaber es erscheint: der Galgen wird auf diese Weise zum Herrschaftszeichen. Unser Bild zeigt die älteste Darstellung Villingens in einem Ausschnitt der Karte von Berin, um 1600, die als Original im Tiroler Landesarchiv Innsbruck aufbewahrt wird. Die Karte ist westlich orientiert und trägt weder Titel, Legende noch Maßstabsangaben. Es fällt auf, daß der oberhalb des Stadtovals abgebildete Villinger Galgen in seiner Ma ßstäblichkeit gegenüber den Häusern und der Gesamtanlage überproportional dargestellt wurde. Es gibt dafür nur die Erklärung, daß damit deutlich gemacht werden sollte: Die Stadt Villingen übt selbst das hoheitliche Recht der Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit aus. Der Galgen symbolisiert die autonome Rechtsphäre der Stadt. (Zunächst die Teilnahme der Bürger am Gericht, ferner das Vorschlagsrecht für das Schulthei ßenamt (= oberster Richter) — 1324 und 1326 — sowie die urkundlich mehrfach wiederholten Privilegien der Befreiung der Stadt von fremden Gerichten (1331, 1372), belegen die Kompetenz der Stadt beim Blutgericht sehr früh.)

Der BEERFELDER GALGEN im Odenwald, ein heute noch existierendes Beispiel für das Aussehen des „dreischläfrigen“ Villinger Galgens.

 

Das gewaltsame Beenden der Atemtätigkeit, indem der Hinzurichtende durch sein Körpergewicht die um den Hals liegende Schlinge zuzieht, führte bis in die Neuzeit erst nach längerer Bewußtlosigkeit durch Ersticken zum Tode. Erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ging es schneller, denn jetzt setzte sich auf dem Kontinent die englische „Erfindung“ des „long drop“ durch, bei dem der Ruck des Knotens der Schlinge einen Halswirbelfortsatz abbricht und damit den Tod durch sofortige Lähmung des Atemzentrums herbeiführt.

Übrigens, einen originalen Galgen können Sie noch heute sehen. Fahren Sie nach Unterkirnach — Oberkirnach — Kesselberg — Fuchsfalle. Einige 100 m vor dem Parkplatz Stöcklewaldkopf, rechts erhöht, zwischen den Bäumen, nahe der Straße, steht er. Es sind keine 20 km. Dieser folgt in der Konstruktion der Urform des Galgens: 2 aufrecht stehende Pfosten und ein eingehängtes Querholz darüber. Statt der Holzpfosten besitzt er jedoch die gleichen Steinsäulen, wie sie beim Villinger Galgen anzutreffen waren. Die Villinger Form mit drei Säulen finden Sie noch heute an acht Orten in Deutschland, darunter in Beerfelden im Odenwald. Den letzteren Galgen haben wir hier abgebildet.

Hängen ist eine Strafe der sogenannten Hochgerichtsbarkeit (andere Bezeichnungen sind Blut-, Hals-, Malefizgerichtsbarkeit u.a.) Sie ist, im Gegensatz zur Niederen Gerichtsbarkeit, das Gericht an Leib und Leben (auch: Hals und Hand), das sich mit Straftaten beschäftigt, die als besonders schwer, im Sinne von Verbrechen, galten, und auf denen sehr oft die Todesstrafe stand.

Der königlichen bzw. delegierten gräflichen Zuständigkeit schon bald entglitten, übten im Laufe des Mittelalters neben den Landesherren auch die Städte die Hochgerichtsbarkeit aus. Sie wird symbolisiert durch Stock und Galgen. Todeswürdig sind Diebstahl und Raub, Mord, Brand, Totschlag, Notzucht, Sodomie, Ketzerei, u.a… Keine Frage, daß zur Aufklärung von Taten bis ins ausgehende 18. Jahrhundert die Folter eine entscheidende Rolle im Verfahren spielte. Wir erinnern an die Hexenverfolgungen.

Bei der Erfindung von quälenden Strafarten besaß das Mittelalter eine unerschöpfliche Fantasie. Und für jede Untat besaß es ein Strafinstrument: In Malefizsachen die Enthauptung, das Rädern, Vierteilen, Lebendigbegraben, Ertränken und den Strang.

„Eine Aufzählung von Malefizsachen finden wir weder im I. Villinger Stadtrecht noch in einer späteren Kodifikation. Wohl hat das II. Stadtrecht vom Jahre 1371 eine Reihe von Malefizsachen zusammengestellt…“. Darunter befindet sich der Diebstahl von Sachen mit einem Wert von „über fünf schilling pfenning ze Vilingen geber“. Damit ist gezeigt, ab wann es einem an den Hals ging, womit wir wieder beim Thema wären: Die Strafart für den Diebstahl war das Hängen. Doch nur Männer wurden gehängt, Diebinnen ertränkte man. Als eine Gnade war es anzusehen, wenn diese Strafe in eine „ehrliche“ Strafe der Enthauptung umgewandelt wurde. Auch die alten Villinger Kriminalakten berichten davon. Sie sehen, manchmal hatte man die „Wahl der Qual“. Allerdings wurde nicht jeder einfache Diebstahl gleich mit dem Tode bestraft.

 

Neben der Straße zum Friedengrund und Krankenhaus verläuft auf der Höhe rechts ein Fußweg. Dort, wo er auf der Fotografie endet, ist rechts in der Wiese ein kleiner Punkt zu sehen: Der letzte Rest des Villinger Galgens.

 

 

 

Der GALGENPLATZ (Im Hintergrund das Krankenhaus)

 

Ja man machte schon feine Unterscheidungen. Noch vor 80 Jahren hätte sich der königliche Gardeleutnant wegen seiner hohen Spielschulden nicht aufgehängt, nein, er hätte sich erschossen; das war ehrenhaft. Und so gab es schon im Mittelalter „ehrliche“ und „unehrliche“ Sachen. Die Unterscheidung soll in der Sittlichkeit gewurzelt haben, die, vom sittlichen Bewußtsein getragen, dem Recht die Möglichkeit verschaffte zu sagen, bei welcher Missetat die Strafe den Entzug der Ehre darstellte oder wo sie mit der Ehre und der sittlichen Würde des Menschen noch vereinbar war. Wer seinen Gegner im ehrlichen Zweikampf totschlug, starb durch eine ehrliche Strafe, man schlug ihm den Kopf ab. Wer klaute, hatte eine unehrliche Übeltat begangen. Wenn er hingerichtet wurde, starb er durch die unehrliche Strafe des Hängens. Der Effekt war derselbe. Allerdings nicht, soweit es seine Seligkeit betraf, wie wir noch sehen werden. Ohne in Verfahrensfragen auf Zurechnungsfähigkeit, Vorsatz, Fahrlässigkeit oder sonstiges einzugehen, wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß der Delinquent gelegentlich die Gunst der Leibesstrafe erhielt. Statt ihn am Galgen aufzuhängen, schnitt man ihm die Ohren ab, oder man brannte ihm ein Zeichen auf die Stirn, oder man peitschte ihn aus. Neulich zeigte das Fernsehen —wiederum „live“ — das Ritual einer orientalischen Auspeitschung. Welche perverse Lust sich dabei für den Auspeitscher verbinden kann, weiß ich, seit ich in den Fernseher gucke. Sie hätten sehen sollen, wie es den armen Teufel nach einer Reihe von Schlägen, die geradezu zelebriert wurden, umgehauen hat. So schlagen Blitze ein.

Wer durch die unehrliche Hinrichtung des Hängens starb, fand seinen Platz nicht in der geweihten Erde des Gottesackers, wo man ihn keinesfalls geduldet hätte, sondern er erhielt ein unehrliches Begräbnis unter dem Galgen. Da nach der späteren christlichen Auffassung alle unter dem Galgen Bestatteten ein unerlöst leidendes, meist örtlich gebundenes Dasein führen müssen, verband sich dieser Umstand rasch mit dem Volksglauben, am Galgen sei es unheimlich, weil die Geister der Gehängten dort klagend oder leuchtend, gelegentlich ohne Kopf, umgehen und den Vorübergehenden erschrecken oder belästigen. Auch als Hexentanzplatz erhielt der Galgen so einen abergläubischen Sinn.

Während „Hochgericht“ sich einerseits, wie erwähnt, auf die Gerichtsbarkeit bezieht, für die der Galgen damit zum Herrschaftszeichen wird, hat man andrerseits den Begriff auch auf den Standort des Galgens übertragen. Deswegen heißt es auch in der Villinger Gewannbezeichnung „Beim Hochgericht“. Tatsächlich mag die Sichtbarmachung als Herrschaftszeichen dazu geführt haben, daß man, wie in Villingen, den Galgen weit sichtbar auf die Höhe gestellt hat. Die Lage auf der Höhe kann aber auch auf vorchristlichen Vorstellungen beruhen. Der Galgen galt als „windkalter Baum“, dort entsteht der Sturm. Der Übeltäter soll so gehängt werden, „daß der über und unter ihm zusammenschlägt“. Schon Odin war bei den Germanen der Gott der Gehenkten, der Herr der Galgen. Od in-Wotan und seine spätere Gestalt, der Wilde Jäger, der Teufel, nimmt im Sturm den Atem, die „Windseele“ des Getöteten an sich.

Diese Unglücksstätte auf der Höhe sollte aber auch sicher ein weithin mahnendes Zeichen sein.

Der öffentlich bestellte, berufsmäßige „Hinrichtungsbeamte“ war der Henker. Er wird in Urkunden auch als Scharfrichter, Nachrichter u.ä. bezeichnet. Im Beispiel unseres hier vorgestellten Todesurteils für einen Dieb aus dem Jahre 1773 wird er „Scharfmeister“ genannt. Da ihm ebenfalls der Makel der Unehrlichkeit beschieden war, begegnete man ihm mit Abscheu, Furcht und Distanz. Schon äußerlich durch die auffallende Kleidung unterschieden, besaß er kein Bürgerrecht und konnte gelegentlich sogar vom Abendmahl ausgeschlossen sein. Seine gesellschaftliche Abgeschlossenheit führte zur Bildung ganzer Henkerdynastien. Ihnen oblagen außerhalb der gelegentlichen Hinrichtungen die Tätigkeit als Bordellwirt, Hundeschläger, Abdecker, Bestatter von (unehrlichen) Selbstmördern, Vertreiber der Aussätzigen aus der Stadt usw… Der Henker galt als Zauberkundiger und mit den geheimen Künsten Vertrauter, so daß man sich heimlich allerlei Amulette, wie Körperteile oder Kleidungsstücke von Hingerichteten, Splitter vom Galgenholz oder Teile vom Galgenstrick und einiges mehr beschaffen konnte. Sie halfen gegen kaltes Fieber, Verwundung, Gewitter, Blitz und sonstigen Hexenzauber, wobei insbesondere das Stückchen Galgenstrick sich als Heilmittel für bestimmte Fälle empfahl und sei es auch nur gegen Fallsucht, Gicht, Zahnweh, Warzen oder Kröpfe.

 

Der Stich von der Tallardschen Belagerung Villingens 1704 zeigt einen zweiten Galgen —einen sogenannten Schnellgalgen. Er stand am Fuße des Hubenlochs auf seiner Nordseite, in der Nähe wo sich heute Kirnacher und Vöhrenbacher Straße trennen. Daß beide Galgen zeitgleich vorhanden waren, ist zweifelsfrei. Ob sie in unterschiedlicher Funktion in Tätigkeit traten, war nicht zu ermitteln. Auf den nächsten Seiten drucken wir das Protokoll des Todesurteils von 1773 gegen Josef Ferdinand, den sogenannten Sursepp vom Elsaß, ab. (Eine Übertragung ins Neuhochdeutsche ist angefügt.) Das Urteil lautet wegen erschwerten Diebstahls auf Hinrichtung durch den Strang. Es dürfte eines der letzten Urteile sein, die in Villingen durch Erhängen vollstreckt wurden. Die im Urteil vorkommende Formulierung “ … nach Anleitung Kaiser Karls des Fünften …“ bezieht sich auf die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V, 1532, der sogenannten CAROLINA, dem ersten allgemeinen deutschen Strafgesetzbuch, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gültig war. Eine Vorläuferin der Carolina war die Maximilianische Halsgerichtsordnung für Tirol. Sie hat zweifellos auf die Rechtsprechung der vorderösterreichisch-habsburgischen Stadt Villingen eingewirkt, auch wenn wir dafür im Augenblick keinen Beleg vorlegen können. Immerhin entstand durch sie im Dezember 1506 die Radolfzeller Malefizordnung für eine ebenfalls vorderösterreichische Stadt. Radolfzell kam so, „an zweiter Stelle von allen Städten des Reiches“ in den Besitz einer eigenen Halsgerichtsordnung.

 

 

 

 

 

DAS URTEIL DES VILLINGER GERICHTS LAUTET IN DER NEUHOCHDEUTSCHEN ANGLEICHUNG WIE FOLGT:

Urteil

In peinlicher Rechtssache wider den hie gegenwärtig stehenden Josef Ferdinand den sogenannten Sursepp von Elsaß Zaberen gebürtig, 38 jährigen alters, Römisch Catolischer Religion, verheirateten Stands, wird nach geführter Inquisitions-Abhandlung in betreffs von demselben mehrfältig begangenen, bösartigen und gefährlichen Diebereien auch getane gütliche Bekenntnis auch hierüber eingeholte Kundschaften und eidlichen beteuerten Erfund (= Zeugen) der Diebstählen, auch werts (= wegen des Wertes) der gestohlenen Waren nach genommen Rechtssatz und eingelangtem Rats unparteiischer Rechtsverständigen nach wohl und weislich erwogener Rechtssätzen von Burgermeister und Rat der kaiserlich-königlichen Stadt Villingen mit Urteil zu recht erhängt.

Daß der gegenwärtige Delinquent wegen mehrfach ausgeübten und mit beschwerenden Umständen begleiteten Diebereien nach Anleitung Kaiser Karl des Fünften und kaiserlich königlich Theresianischen Hals-gerichtsgesetzen dem Scharfmeister in seine Hand und Gewalt übergeben, von hier zu dem gewöhnlichen Hochgericht abgeführt, und von demselben zu seiner wohlverdienten Straf, dem publico (= der Öffentlichkeit) zu einem abschreckenden Beispiel an dem Galgen vom Leben zum Tod durch den Strang mit nachheriger Anheftung der Ketten gebracht werden solle, wie derselbe hiemit zu dieser Straf des Stranges verfällt und verdammet ist.

Gott Gnade der armen Seele

(Unterschrift)

 

Welche mythologische Rolle der Galgen als Henkers-werkzeug schon zur germanischen Zeit gespielt hat, wollen wir hier nicht vertiefen. Immerhin ist es aber eine Tatsache, daß die germanischen Völker ihre Todesurteile neben der Enthauptung am häufigsten durch Hängen vollstreckten. Das gotische Wort für Hängen war „hahan“, althochdeutsch „hähan“ und „hangan“. Das Werkzeug war ein Ast, an den man den Verurteilten knüpfte. In Naturreligionen, wie wir sie bei den Germanen und den zeitgleichen Kelten antreffen, sind Objekte wie Berge, Quellen, Flüsse, Haine, Bäume usw. immer wieder Gegenstand der Verehrung oder des Kultes. Es wird vermutet, als Vertreter der vielfältigen Gottheiten habe auch regelmäßig ein bestimmter heiliger Baum gestanden, an dem man der fordernden Gottheit auf besondere Weise opferte. Die Eiche als sakrales Galgenholz für das sühnende Opfer soll beim Hängen zuständig gewesen sein. Die Rechtssprache überliefert aus unbestimmter Vorzeit das Hängen am „dürren Baum“ und hängen am „grünen Baum“. Wurde man am dürren Baum gehängt, bedeutete es verständlicherweise die härtere Strafe. Das Wort Galgen bezeichnet ursprünglich den laublosen, dürren Baum, genauer nur den Ast. Noch heute kennen wir für das künstlich angefertigte Hinrichtungsgestell die Bezeichnung Galgenbaum. Mit dem bemerkenswerten Hinweis aus der Literatur, das künstliche Gestell habe bis zur Neuzeit den kahlen Baumast nicht verdrängen können, sind wir fast schon wieder in der Gegenwart. Es bliebe nur noch zu vermerken, daß das Hängen, gleichgültig an welcher Galgenform vollzogen, seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit als besonders schimpfliche und ehrlose Todesart galt.

Sie fragen mich mit Recht, weshalb ich noch einmal von vorne anfange und mit meinen makabren Einzelheiten sogar hinter das Mittelalter zurückgehe. Ich will es Ihnen sagen : Weil es das Jahr 1943 gab! Vor 46 Jahren hätte ich mit Ihnen gewettet, daß der Delinquent Josef Ferdinand, genannt der Sursepp vom Elsaß, 1773 wohl der Letzte war, den man in VilIingen gehängt hat.

 

Jetzt, da ich nicht mehr ausweichen kann, sträubt sich bei der Niederschrift der Kugelschreiber. Ich kann meine aufwallenden Gefühle nicht mehr bändigen und die Gedanken nicht mehr im saloppen Stil des „Es war einmal…“ dahinplätschern lassen. Ich habe es noch erlebt, als man in Villingen einen Menschen henkte. Damals war ich ein Junge, und als wir Burschen danach davon erfuhren, machten wir uns auf, über das Sandwegle ins Tannhörnle zu den Eichen, um mit makabren Gefühlen den Erhängten zu ahnen.

 

45 Jahre haben Spuren verwischt und Erinnerungen getrübt. Dieser Tage ist in einer Publikation die Behauptung geäußert worden, man habe im Zweiten Weltkrieg an der Magdalenenbergeiche, dem großartigen Naturdenkmal, einen Steinwurf vom keltischen Fürstengrabhügel entfernt, einen Polen gehängt— und schon trug sie die Bezeichnung „Poleneiche“. Jetzt erst interessierten mich Ort und Personen genauer. Ich forschte nach. Ersparen Sie mir Einzelheiten, aber glauben Sie mir, ich bin am Ziel: Am 9. September 1942 wurde der ehemalige polnische Kriegsgefangene Marian Lewicki aus Posen-Portenstein, 29 Jahre, Zwangsarbeiter bei der Firma Görlacher, wohnhaft in einem Zimmer in der Oberen Straße 19, (Hut-Schweiner im Hause Hirt) verhaftet. Von einem eigens nach Villingen geholten Richter, die Rede ist von einem Kriegsgerichtsrat, zum Tode verurteilt, wurde er an einem winterlichen Tag im März 1943 am Ende des Sandwegles, kurz vor der Einmündung in die Landstraße nach Pfaffenweiler, südlich des

Weges, am Ast einer noch winterdürren Eiche gehängt. Sein toter Leib fiel in eine Kiste; sie wurde verdeckelt und auf dem vorgespannten Karren eines Bauern abgefahren. Wohin? Ich wurde es vom einzigen Menschen, der noch ein Recht hat es zu erfahren, gefragt. Ich weiß es nicht. Europa brannte, der Haß glühte. Die pseudomythologischen Wahnvorstellungen eines Systems, seine Ideologie, hatten ihr Opfer. Das Werkzeug war ihre „germanische Eiche“.

Wollen Sie mehr erfahren? Verzeihen Sie, es war, als hätte mich jemand vor die Truhe geführt, wo das Schicksal die Geschicke verborgen hält — die waren und die sein werden. Als sich die Lade hob, sah ich zwei junge Menschen: ein blondes Mädchen, 19 Jahre, Deutsche, und einen jüngeren Mann, ein Pole. Nur das Mädchen konnte noch sprechen. Es sagte: „Es war meine erste Liebe“. Ich sah, wie die Bilder wechselten, sah die Dämonen in fremden Gesichtern, hörte das wimmernde Leid aus dem Konzentrationslager Auschwitz, spürte die Angst in greifbarer Gestalt und vernahm ein leises bittendes Vaterunser in polnischer Sprache. Ich kann nicht mehr darüber sprechen und will nicht mehr darüber schreiben. Und doch: Ich habe den Galgenbaum fotografiert. Die Abbildung hätte nichts in diesem Heft verloren, wenn sich nicht eine Erinnerung und eine Bitte damit verbinden würde: Zum Ersten: Hier starb ein junger Mensch. Sein Verbrechen: er liebte einen Menschen. Zum Zweiten: Nicht vergessen ist mehr als sich erinnern.

Literatur und Quellen

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band III, Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1930/31

Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Herausgeber Erler und Kaufmann, Band I und II, Erich Schmidt Verlag

Das Strafrecht der Stadt Villingen in der Zeit von der Gründung der Stadt bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, Inaugural-Dissertation ohne Jahreszahl, G. Troemers Universitätsbuchhandlung Freiburg i. Br.

Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, Ring-Verlag, Villingen 1962

Urkunde über den Kriminalfall des Jos. Ferdinand, aus der Rubrik XXX, Strafrechtspflege der Stadtgemeinde Villingen, Stadtarchiv Villingen, 1773, HH, No 12

Über die Vorgeschichte, die zum gewaltsamen Tode des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki im März 1943 führte, konnte ich dankenswerterweise von Frau L. R., geb. Sp., zuverlässige Angaben erfahren. Sie, für die es ihre erste Liebe war, wie sie mir sagte, erfuhr im Zuge der Verhaftung auch ihrer Person, am 9. September 1942, persönliche Demütigungen, die in jener Zeit sie als ehrlos und Schlimmeres brandmarkten. Ohne in eine Einzelschilderung einzutreten, das verbietet die Rücksichtnahme, deute ich an, daß alle Maßnahmen gegen das neunzehnjährige Mädchen geeignet waren, der Seele die Zärtlichkeit der Liebenden zu rauben. Immerhin war sie auf Zeit ins Konzentrationslager Auschwitz eingewiesen worden. Die sensible, zarte Frau, die heute noch nicht ihr Schicksal verkraftet hat, ja sogar je mehr sie ins Alter eintritt, darunter leidet, legt mir die freiwillige Verpflichtung auf, ihre Anonymität zu wahren. Ich danke ihr an dieser Stelle, daß sie mich empfangen und aus ihrem Leben erzählt hat.

 

Partie am Käferbergle, Rudolf Heck, Linolschnitt

 

 

Der Villinger Stadtwald und Unterkirnach – Eine siedlungsgeschichtliche Studie (Ulrich Rodenwaldt)

Ein Blick auf die Gemarkungskarte von Unterkirnach zeigt zunächst, daß der keilförmige Gemarkungskern am Zusammenfluß von Kirnach und Schlegelbach von fast allen drei Seiten vom Villinger Stadtwald umgeben ist. Im Nordosten grenzt auf der gesamten Front das „Langmoos“ an, die Südgrenze bildet der Distrikt „Neuhäusle-wald“ und auf einem Teil der Westgrenze ist der „Schlegelwald“ vorgelagert. Andererseits sieht man aber auch tiefe, unnatürliche und oft abgelegene Einschnitte in den Stadtwald, die „Zinken“, Bauernhöfe, die in den kleinen Tälern weit in den Stadtwald hineinragen: Wolfsgrund, Spechtloch, Bärloch, Moosloch, Gropperfeld und der Breitbrunnenhof, das Rötheloch und die Schlegelwald-höfe, eine Verzahnung zweier Gemarkungen (Unterkirnach und Stadt Villingen), wie sie wohl einmalig sein dürfte und die im Laufe der Jahrhunderte zwangsläufig Anlaß zu gegenseitigen engen Bindungen und zu mancher Wechselbeziehungen im Guten und im Bösen geführt haben mögen.

Wir erfahren aber noch eine andere Merkwürdigkeit. Im Gegensatz zu allen benachbarten Gemeinden der Baar oder im Schwarzwald (Pfaffenweiler, Rietheim, Tannheim, Vöhrenbach, St. Georgen, Mönchweiler usw.) verfügt die Gemeinde Unterkirnach – doch mitten im Schwarzwald gelegen – über keinen nennenswerten eigenen kommunalen Waldbesitz, lediglich knapp 30 ha, die vor wenigen Jahrzehnten durch Kauf des „Vogtshofes“ erworben wurden. Es gibt allerdings auf der Gemarkung etwa 340 ha Wald, aber dieser befindet sich ausschließlich als Klein-Privatwald, in Flächen-Parzellen von 1 – 25 ha aufgeteilt, im Eigentum der Landwirte, als feste Bestandteile der „geschlossenen Hofgüter“ oder der kleineren Höfe.

Schließlich erkennen wir, daß hier die Hanglagen gerodet wurden und der landwirtschaftlichen Nutzungdie-nen, während die ebenen Hochlagen mit Wald (Fichte, Tanne, Kiefer) bestockt sind.

Fragen über Fragen, zu deren Beantwortung und Erklärung oder Deutung wir weit — gut 800 Jahre — in die Geschichte des Dorfes und seine Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte zurückgreifen müssen. Glücklicherweise können wir uns dabei auf eine umfassende Arbeit von M. Weber „Die Rodungen und Besitzungen Tennen-bachs auf der Baar“ stützen, ergänzt durch zahlreiche Beschlüsse des Villinger Stadtrates, die die Jahrhunderte in den erhaltenen Ratsprotokollen überdauert haben und uns einen Einblick in die Wirtschaft, in die Lebensumstände und das Denken jener Zeit gewähren und Rückschlüsse erlauben.

Der Verfasser dieser Darstellung hat mehr als zwei Jahrzehnte lang den Villinger Stadtwald betreut, kennt hier Weg und Steg und — bei der verzahnten Grenze — auch jeden Hof und seine Bewohner. Fast zu jedem gab es irgend eine Verbindung und Beziehung, kam doch seit Jahrhunderten bis in die Gegenwart—seit vielen Generationen — aus jedem Haus mindestens ein Angehöriger der Familie, der sein Auskommen im Walde suchte und fand, als Haumeister, Holzhauer, Wegwart, Holzschleifer oder Kulturarbeiterin. Mit allen bestand immer ein gutes, menschliches Vertrauensverhältnis und der Verfasser hat in vielen persönlichen Gesprächen den „Kirnacher“ und die Vergangenheit seiner Familie und seines Dorfes kennengelernt. Auch das böse Wort von Großvaters Wald, d.h. dem Wald, den angeblich die Stadt Villingen einem sagenhaften „Großvater“ gestohlen haben soll, ist ihm geläufig. Aber wenn man dann nachfragte, wann, wo und wie das geschehen sein sollte, gab es doch immer nur ein verlegenes Lächeln. Tatsache aber bleibt bis auf den heutigen Tag eine gewisse Animosität gegen die benachbarte Stadt, die erst in allerletzter Zeit, als die Eingemeindung zur Debatte stand, erneut „angeheizt“ wurde und die wohl auch den Ausschlag für die Ablehnung gab, obwohl Unterkirnach doch früher schon drei Jahrhunderte zu Villingen gehört hatte.

Der Verfasser aber glaubt, nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt und des Waldes, eine objektive Darstellung dieser Beziehungen geben zu können und will versuchen, einen Beitrag zu liefern, der zur Versachlichung der Vorwürfe und zur Beruhigung der Gemüter beitragen könnte.

Bis zum Jahre 1000 n.Chr. war der Schwarzwald noch unbesiedelt und menschenleer.

Zwar letztlich nicht beweisbar, aber vermutlich, wenn nicht früher, im Jahre 1119, gründeten die hiesigen Territorialherren, die Herzöge von Zähringen — gleichzeitig mit Freiburg und Offenburg — zur Sicherung und Erschließung ihres Herrschaftsbereiches auch die Stadt Villingen an der Grenze zwischen dem Ost-Schwarzwald (Buntsandsteingebiet) und der altbesiedelten, fruchtbaren Baar (Kalkgebiet). Uni ihre Stadt, die wohl anfangs für etwa 2 000 Einwohner geplant war, lebensfähig und versorgungsmäßig unabhängig zu machen, wurde ihr aus dem großen, unbesiedelten Waldgebiet des Schwarzwaldes eine Fläche von vermutlich rd. 2 000 ha als Dotation des Landesherren für die Beschaffung des gerade hier so dringend benötigten Brennholzes und als Weidegebiet für das in der Stadt zu haltende Großvieh als gemeinschaftliches Eigentum, als Allmend zugeteilt (vermutlich die Distrikte Germanswald und Neuhäuslewald). Mit Ansteigen der Bevölkerung auf 3000 Einwohner versuchte die Stadt selbst im Laufe der Jahrhunderte weitere Flächen durch Kauf zu erwerben und den Gemeindewald zu erweitern und sich auch eine Feld-Allmend zu schaffen und damit die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. So ist 1299 der Kauf von großen Teilen des Distrikts Langmoos vom Kloster St. Georgen, 1259 ein Grunderwerb vom Kloster Salem, die große Feld-Allmend-Fläche zwischen dem Laible und dem Walde, entlang der Pfaffenweiler Grenze, 1498 der Ankauf eines Teils des Schlegelwaldes von der Gemeinde Dürrheim („Dürrheimer Wald“) urkundlich nachgewiesen. Zu beachten ist, daß dieser Waldbesitz bis auf den heutigen Tag immer geschlossenes Eigentum der Gemeinde war und kein einziger Bürger in diesem Walde auch nur einen Hektar als Privateigentum erwerben konnte. Dies im krassen Gegensatz zu dem später besiedelten Unterkirnach.

Zur gleichen Zeit (11. und 12. Jahrhundert) wurden auch Zähring’sche Ministeriale (adlige Gefolgsleute) vom Territorialherren hier im Randgebiet des Ost-Schwarzwaldes angesetzt und mit Grund und Boden (Wald) ausgestattet, sei es zur Belohnung für geleistete Dienste, sei es zur Sicherung des beanspruchten Herrschaftsgebietes durch ihnen verpflichtete Gefolgsleute. Diese Herren ließen dort einen großen Hof roden und urbar machen, z.B. die Herren von Volkenschwiler in Volkertsweiler oder erbauten sich eine Burg wie die Herren von Kürneck beim Salvest (nach Preiser Ende des 12. Jahrhunderts), die sich dann nach dieser Burg benannten und ihrer Familie damit den wohl begründeten adligen Namen gaben.

Aber schon bald, im 13. und 14. Jahrhundert, wurde hier dieser Grundbesitz von den Inhabern wieder aufgegeben und entweder direkt an die Stadt Villingen verkauft oder zunächst an das Kloster St. Georgen, von dem die Stadt es wenige Jahre später erwerben konnte, um —wie bereits gesagt — den Stadtwald (z.B. Wald-Distrikt Langmoos) und die Feld-Allmend abzurunden und zu vergrößern.

Nur ein kurzes Stück talaufwärts, hoch über dem Zusammenfluß von Kirnach und Schlegelbach, auf einem Ausläufer des Schlegelberges (Tannenfirst) hatten sich die Herren von Roggenbach auf dem heute sogenannten „Schloßberg“ eine stattliche Burg errichtet, die erst Anfang unseres Jahrhunderts beim Bau der Kirche als billiger Steinbruch größtenteils abgebrochen wurde. An jene Zeit und diese frühen Besitzverhältnisse erinnern noch der Name „Herrenmühle“ oder der Flur- und Waldname „Herrenwald“.1)

Nach dieser, nur mit wenigen Strichen skizzierten Regionalgeschichte wären wir am Ausgangspunkt der Geschichte von Unterkirnach angelangt.

Die Dorfgeschichte beginnt damit, daß Werner von Roggenbach durch Testamente von 1179 und 1185 seinen Besitz gleichzeitig dem Zisterzienser-Kloster Tennen-bach bei Emmendingen und dem benachbarten Kloster St. Georgen übereignete. Nach H. Preiser wäre das zweite Testament auf eine Einflußnahme der Zähringer zurückzuführen, eine durchaus vertretbare, logische These.

Bei seinem Tode kam es dann auch zu Streitigkeiten zwischen beiden Klöstern über den Antritt des Erbes. Die Angelegenheit mußte schließlich 1187 durch einen päpstlichen Schiedsspruch beigelegt werden, durch den das Gut zwar dem Kloster Tennenbach zugesprochen wurde, dieses aber an St. Georgen eine Abfindung in Silber zu zahlen hatte.

Für das Kloster Tennenbach war dieses abgelegene, schwer erreichbare Schwarzwaldtal von besonderer Bedeutung, um dort in Kriegszeiten — die immer das Rheintal verheerten — sein Vieh in Sicherheit bringen zu können. Dieser Grund ist nachgewiesen und urkundlich belegt. Aber die Zisterzienser-Mönche dachten nicht nur an ihr Vieh. Es war ja ein Rodungs-Orden! So ist es fast selbstverständlich, daß sie auch hier in ihrem neu erworbenen Gebiet bald ans Werk gingen und begannen, das Kirnachtal urbar zu machen.

Nach der Inbesitznahme des Erbes und Bau einer Kapelle (beim heutigen Rathaus gelegen) zogen die Mönche die ersten Siedler heran und gaben zunächst (vor 1319) 6 große Lehen aus, die beim Hohenbach, Hattenbach und Reinhardsberg gerodet wurden, Höfe, die heute noch als „geschlossene Hofgüter“ in ihren alten Grenzen zu finden sind. 1319 kamen weitere 10 Lehen hinzu und 1363 wurden 8 neue, „Waldlehen“ (?) genannt.

Bei der Auswahl der Rodungsfläche gingen die Zisterzienser mit großem Sachverstand vor, der sich wohl auf ihre lange praktische Erfahrung mit diesen Dingen stützte. Gerodet wurden nur die fruchtbareren, für landwirtschaftliche Nutzung geeigneten Hanglagen der Gneis-Standorte, die hier an den Tal-Eingängen zu Tage treten. Vermutlich waren diese Hänge mit Buche bestockt und wurde diese an den Boden anspruchsvollere Baumart in diesem von Natur reinen Nadelholzgebiet der Weiser für eine mögliche, dauerhafte Ackernutzung, die den hohen Arbeitsaufwand einer Rodung verantworten ließ. Die heutige Wald-Feld-Grenze der Gemarkung ist genau die Grenze vom Gneis zum Buntsandstein (absoluter Waldboden), der die ebenen Lagen der Hochfläche bildet und mit Nadelwald (Fichte, Tanne, Kiefer) bestockt ist. Ein Blick auf eine geologische Karte und eine Überprüfung im Gelände zeigt dies mit einer geradezu verblüffenden Regelmäßigkeit. Tatsächlich hat sich die Buche bis auf den heutigen Tag im Stadtwald nur auf Gneis-Standorten gehalten, die allerdings für eine landwirtschaftliche Nutzung zu steil waren und aus diesem Grunde für eine Rodung ausschieden. Auf dem Buntsandstein fehlt die Buche seit 2000 Jahren — wie durch pollenanalytische Untersuchungen nachgewiesen werden konnte — und alle forstlichen Versuche, sie dort künstlich einzubringen, sind mißlungen. Die Zisterzienser müssen hierfür ein feines Gefühl gehabt haben! (Bei der Besiedlung Nord-Amerikas sollen übrigens die Neu-Siedler im ähnlichen Sinne beraten worden sein.) In ihrer Planung und der Aufteilung des Roggenbacher Grundbesitzes (die Kern-Gemarkung im Kirnach- und Schlegelbachtal) schufen die Mönche ein typisches „Waldhufen-Dorf“.

Die Grenzen der einzelnen Höfe liefen parallel senkrecht den Hang hinauf, so daß gleichartige Höfe entstanden, die mit Wiesen in der Tal-Aue, Acker am Hang und Wald auf der für Landwirtschaft ungeeigneten Höhe ausgestattet waren. Ferner wurde darauf geachtet, daß jeder Hof gerechterweise über einen Sommer- und einen Winterhang verfügte, die Grenzen der Höfe also entweder quer über das Tal verliefen, oder von einem Sommerhang über den Berg (durch den Wald) zu einem Winterhang im Nachbartal reichten. Es wäre eine Untersuchung wert, dies einmal anhand von Gemarkungs- und Forstkarten genau herauszuarbeiten, zumal viele Höfe zweifellos noch heute in ihren ursprünglichen Grenzen erhalten sind. (Siehe auch die Forstkarte von 1783 von Broz und Vossler, die sich im General-Landesarchiv in Karlsruhe befindet.) Es ist vermerkt, daß die ersten, sehr großen Höfe auch geteilt werden durften.

Die Tennenbacher haben gründliche Arbeit geleistet. Sie haben den gesamten Roggenbacher Besitz lückenlos in zinspflichtige Lehen aufgeteilt. Für eine künftige „Gemeinde“ — die nicht eingeplant war — blieben keine Flächen übrig, keine Feld-Allmend und keine Wald-Allmend (Gemeindewald)! Damit wären schon einige der eingangs gestellten Fragen beantwortet.

Es lag zweifellos die Absicht vor, die gesamte Fläche in zinspflichtige, große, lebensfähige, wirtschaftlich autarke Höfe (einschließlich 20 – 25 ha Wald) aufzuteilen, die nach menschlichem Ermessen nicht noch zusätzlich auf Allmend-Flächen oder Brennholzzutei-lungen angewiesen waren, Begriffe, die umgekehrt für die alemannischen Alt-Siedlungen in der Baar eine Selbstverständlichkeit waren.

Die Waldweide

Darüber hinaus hatte das Kloster schon vorausschauend 1310 das Villinger Bürgerrecht erworben. Es darf angenommen werden, daß diesem Antrag der Wunsch zu grunde lag, damit auch für ihren „Tennenbacher Hof“ eine Genehmiung zur Beteiligung an der Waldweide im Stadtwald, wie sie allen Villinger Bürgern zustand, zu erwerben. Jedenfalls gibt es aus dem gleichen Jahr auch eine Beschreibung der Weidegrenze, die eine Genehmigung zum Eintrieb von Vieh in große Teile des Stadtwaldes enthält! Diese Grenze wurde von “ 12 Männern, 3 Tennenbacher Brüder, 3 vom Rat der Stadt Villingen und 6 gemeinsam gewählter Männer von außerhalb der Stadt, die beiden Parteien „unargwöhnig“ nach Zeichen und Lacheng) zwischen dem Gut des Tennenbacher Hofes und der Stadtallmend vorgenommen. Darin heißt es u.a. : „Vieh der Tennenbacher, im Hof überwintertes oder durch den Wald gekommenes (1), darf in diesem Gebiet weiden, wenn sie wollen, auch zwischen Kürna und Briegach (Langmoos) bei der Burg Kürnegg, gewin-tertes Vieh auch von der Volkertsweiler Straße bis an den Vöhrenbacher Weg“ (also der nördliche Teil des Distrikts Neuhäuslewald).

Hieraus ist abzuleiten:

1. 1310 sah das Kloster den „Tennenbacher Hof“ noch als eine Einheit und erwarb damit gegen Zahlung des für Bürger ortsüblichen Weidezinses wohl auch das Weiderecht für die damals schon vorhandenen Le-henshöfe. Als das Tennenbacher Gut aufgeteilt war, wurde dieses Recht auch für die Neusiedlungen in Anspruch genommen. So ist es dann auch zu erklären, daß bei Weidestreitigkeiten (Prozesse) im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die Kirnacher Bauern nicht in der Lage waren, ihre „Berechtigungen“ urkundlich zu belegen. Ihr Gewohnheitsrecht beruhte wohl vielmehr auf diesem Tennenbacher Weide-Grenz-Abkommen von 1310, das natürlich in Vergessenheit geraten war und das im Laufe der Zeiten aber in immer größerem Umfang als „Recht“ in Anspruch genommen wurde.

2. Durch diese Vereinbarung ergab sich durch fünf Jahrhunderte gewohnheitsmäßig eine Weide-Abgrenzung zwischen den Kirnacher Bauern mit 700 Stück Großvieh und den drei Viehherden aus der Stadt Villingen. Es ist ganz natürlich, daß es immer wieder zu gegenseitigen Übergriffen und Streitigkeiten zwischen den „Hertermeistern“ kam. So findet sich aus dem Jahre 1684 ein „Vergleich entzwischen den Hertermeistern der Rietherde und den Kirnachern, strittigen Waidgangs halber“ über die gemeinsam zu respektierende Grenze „nämblich daß Sy Kirnacher zwar mit ihrem Vieh bis zur Vöhrenbacher Tränke fahren und tränken, jedoch daselbsten herum nicht weiden…“ usw.

Als auch das nichts nutzte, wurde 1733 erneut die Wei-degrenze genau festgelegt und sogar mit 82 Steinen versteint:

„Von der Mönchweiler Grenze im Germanswald über den Karrbrunnen, den Uhustein, über das Spitzwiesle bei Volkertsweiler und dann quer durch den Neuhäuslewald über den Schlösslebühl bis zur Pfaffenweiler Grenze, bis zum großen Grenzstein mit der Jahreszahl 1697.“

Ein Teil dieser mit „WM“ (Weid-Marke) gezeichneten Grenzsteine findet man noch heute auf der genannten Linie. Etwa 2/3 des Stadtwaldes war damit den Kirnachern zur Waldweide zugestanden worden! Die Stadt begnügte sich mit 1/3 des Stadtwaldes, da die städtischen Viehherden zunächst auf die große, stadtnahe Feld-Allmend zur Weide getrieben wurden.

Die Waldweide war im Mittelalter für den Bauern ein notwendiger und unabdingbarer Teil seiner Existenzgrundlage. Dem mühsam gerodeten Boden, extensiv genutzt, wurden nur sehr karge Erträge an Dinkel (auch Veesen, Kerne oder Spelz genannt) abgerungen, sodaß der Ackerboden als Grünland viel zu schade war. Wenn man aber das Vieh in den Wald treiben konnte, dann konnte es sich wenigstens im Sommer selbst ernähren, auch wenn die Milcherträge nur gering waren. Selbst für einen kleinen Hof war die Haltung einer verhältnismäßig großen Viehherde möglich.

Diese mittelalterliche landwirtschaftliche Wirtschaftsform war möglich und unbedenklich, solange die Zahl der Hofstellen noch gering war, die Größe der Viehherden dem Waldflächenangebot noch entsprach und dem Wald — außer der Brennholznutzung — nur ein sehr geringer Wert beigemessen wurde. Holz und Sorgen wuchsen ja jeden Morgen!

Ja, der Wert des Waldes wurde durch Jahrhunderte überwiegend in seinem Wert als Weidefläche gesehen. (In Laubholzgebieten kam noch die Schweinemast hinzu.) Dies änderte sich grundlegend aber im Laufe des

Jahrhunderts, als mit steigender Bevölkerungsdichte das Holz an Wert gewann und durch den jahrhundertelangen rücksichtslosen Raubbau und die restlose Zerstörung des Jungwuchses durch Vieh-Verbiß das Gespenst der Holznot mit Erschrecken erkannt wurde; eine Erscheinung, die uns heute aus Entwicklungsländern in Afrika, Asien oder Südamerika nur allzu gut bekannt ist und uns daher einen gewissen Vergleich ermöglicht. Doch bevor wir diesen Faden, der schließlich im Jahrhundert zur Ablösung und Beendigung der Waldweide führte, weiterspinnen, müssen wir noch auf andere Ereignisse und Entwicklungen näher eingehen:

Die Stadt Villingen als Grundherr

Rodungen im Stadtwald

Im Jahr 1506 verkaufte das Kloster Tennenbach um eine jährliche Rente von 43 Gulden (1 Gulden entspricht etwa einer heutigen Kaufkraft von 60 – 100 DM) die Grundherrschaft und die gesamten Besitzungen im Kirnachtal an die Stadt VilIingen. Unterkirnach wurde demnach zu einem der sieben Dependenzorte der Stadt und die Bauern wurden nunmehr deren Untertanen.

Über die Zahlung der jährlichen Rente kam es zu langen Streitigkeiten zwischen Villingen und Tennenbach, die erst 1680 gegen Zahlung eines einmaligen Betrages von 1000 Gulden beendet wurden.

Damit traten aber auch die Unterkirnacher in eine engere Beziehung zur Stadt. Der Zehnte war nunmehr an die Stadt Villingen abzuführen, andererseits aber genossen sie den Rechtsschutz und andere Vorrechte der Bürger und der neue Grundherr fühlte sich für Kirche und Schule verantwortlich. Die die Bauern hart bedrückenden „Jagd-Fronden“ gab es hier nicht.

Wir sahen bereits, daß die Tennenbacher Weiderechte den Kirnachern nicht streitig gemacht, vielmehr im Laufe der Zeit den Untertanen fest begrenzt weiterhin zugestanden wurden.

Jetzt kam aber ein neues Problem hinzu. Die Zahl der Dorfbewohner nahm zu, die nachgeborenen Söhne suchten eine eigene Bleibe. Der alte Dorfkern war aber verteilt und die alt-eingesessenen Bauern hielten ihre Höfe zusammen. Jetzt ging die Stadt daran, im Stadtwald selbst für Landwirtschaft geeignete Standorte auszuwählen und Lehen zur Rodung auszugeben.

So wurde z.B. 1490, also schon kurz vor Erwerb der Tennenbacher Güter, ein großer Hof im Groppertal an Ulrich Gropper und 1494 ein weiterer an Romigius Mans (Es handelt sich hier um den berühmten Villinger Lokalhelden, den Riesen Romäus!) am Breitbrunnen ausgegeben. Der Breitbrunnenhof ging schon wenige Jahre später an Michael Neugart über. Es folgten bald weitere Rodungen im Moosloch und bei der Friedrichshöhe (vermutlich Schlegelwald).

Während die’ersten dieser Neu-Rodungen (Gropperfeld, Breitbrunnen) noch große Höfe (vermutlich 6) waren, dem Michael Neugart auf dem Breitbrunnen sogar ein umfangreiches Weiderecht urkundlich verliehen wurde, handelte es sich bei den späteren Rodungen in den verschiedenen „Zinken“ um kleinere Höfe (Halbbauern) und sogenannte Taglöhner-Gütle. Jedem dieser Gütle wurde eine kleine Ackerfläche zugeteilt, die aber nicht als Ackernahrung ausreichte. Dazu kam ein beschränktes Weiderecht für zwei Kühe und ein Kalb und eine Brennholzlieferung aus dem Stadtwald, da der neue Hof ja nicht über eigenen Waldbesitz verfügte.

Die im Spätmittelalter entstandenen Zinken im westlichen und nordwestlichen Villinger Waldgebiet sind auf der umseitig abgebildeten Skizze schematisch erfaßt und numeriert. Sie erleichtern das Auffinden auf der Waldkarte von 1783 in der Heftmitte.

 

Entgegen dem Uhrzeigersinn: Z 1 – Z 9, Z = Zinken Z1 = Gropperfeld Z4 = Spechtloch Z7 = Röthenloch Z2 = Moosloch Z5 = Wolfsgrund Z8 = Ackerloch (Langmoos) Z3 = Bärloch Z6 = Schlegelwaldhöfe Z9 = Breitbrunnen

 

FORSTKARTE aus dem Jahre 1783

Wiedergabe des Textes der Kartenlegende auf der Innenseite dieses eingeschlagenen Blattes mit seinem ersten Absatz. Das farbige Original der Forstkarte befindet sich im Generallandesarchiv in Karlsruhe. Es besitzt die Größe von etwa 1 : 1,70 m. Die Karte wurde 1836 kopiert und diente offensichtlich in den ersten Jahrzehnten des 1834 gegründeten Forst-.amtes (Bezirksforstei) als erste Wirtschaftskarte. (Die Karte wurde vom Geschichts- und Heimatverein von einer dem städtischen Forstamt vorliegenden verkleinerten Fotografie erneut fotografiert und nochmals verkleinert. Wir bitten um Verständnis, wenn nicht alles klar erkennbar ist. Übertragung des Textes: H. Muhle)

 

 

Legende:

Die Kayserl-Königl Vorderöstersche Stadt Vill ingen samt der gemeind Unterkürnach haben zu Gränzen, und zwar gegen Nord das Herzogs Würtenbergl. Oberamt St. Georgen mit den Gemeinden Oberkürnach, Stockburg und Moenchweiler, dann die Comenthurs Orts Sommertshausen und Obereschach. Gegen Ost den Reichstadt Rottweiler Dorfbann Weilerspach und Herzogs Würtenbergl. Flecken Schwenningen samt dem Comenthurs u. Dorfbann Thierheim. Gegen West das fürstl. Fürstenbergl. Kameralguth Herzogenweiler samt den auch fürstenberglichen Stadtbann Fehrenbach und Glasbach bis wieder an d. Herzogs. Würtenbergl. Ober-kürnach.

Das ganze Stadtbann samt der darin begriefenen gemeind Unterkirnach halten an Wiener Maßen 360 W. Ruthen od. 36000 Wiener Quadrat Schuhe zu 1 Jauchert.

(Anm.: 1 Wiener Quadratfuß [= Schuh] = 0,0999 m2,

3600 Wiener Quadratfuß    = 35,964 Ar,= 1 Jauchert)

Redaktionelle Anmerkung:

Es folgt eine leider fast nicht entzifferbare Aufstellung über die Flächennutzung in den einzelnen Distrikten. Sie zählen u. a. Hofstätten, Mauern, Felder und Wiesen, Weiden wie Gewässer und natürlich auch Wald, bis hin zu Steinhäufen, auf.

Aufgenommen und in Grund gelegt von Deputationsrath Broz und M. Vozeler, geschworen Geometer a.d. 1783

 

Das westlich orientierte alte Kartenbild von Berin, um 1600, zeigt in der linken oberen Hälfte das Gebiet, von dem in diesem Beitrag die Rede ist. In der Senkrechten fließt die Kirnach auf Villingen zu. Mit Kirche und einigen Häusern ist das Dorf „Rockhenbach“ eingezeichnet, das heutige Unterkirnach, das damals ein Dependenzort Villingens war. Daneben, rechts im Wald, der „brait brunn“ der Breitbrunnen, auf dem einmal der Villinger Lokalheld Romäus wirtschaftete und wo sich heute noch ein beliebtes Vesperlokal für Wanderer befindet. Darunter, rechts, des „gropers hof“ im jetzigen Groppertal. Auf dem mit Phantasie gestalteten Kartenbild, soll der Bach, der von oben auf „gropers hof“ zufließt, vermutlich der Röhlinbach sein, denn von ganz rechts fließt die Brigach über Stockburg. Sein von ihm durchflossenes Tal bildet den nördlichen Zugang und die Grenze zu den Zinken Bärloch, Spechtloch und Wolfsgrund. Der in seinem Lauf so nichtstimmende Bach begrenzt auf unserem Bild das links von ihm befindliche Waldgebiet, das Kernstück, mit dem sich diese Ausführungen beschäftigen. (Die Karte besitzt weder Titel, Legende noch Maßstabs-angaben. „Verschiedene Messungen ergaben einen Durchschnitt von rund 1 : 30000.“ Das Blatt ist im Original 41 x 54 cm groß und wird im Tiroler Landesarchiv zu Innsbruck aufbewahrt. Vgl. hierzu Ruthardt Oehme, Die Baar im alten Kartenbild, in: Schriften des Vereins für Naturgeschichte der Baar, XXI. Heft, 1940

 

Die Inhaber dieser kleinen Höfe werden immer als Taglöhner bezeichnet. Sie verdienten sich ihren Lebensunterhalt in erster Linie als Schnitter und Drescher bei den hiesigen Großbauern, als Köhler auf eigene Rechnung im Walde oder verdingten sich als Gelegenheitsarbeiter, meist wohl als Holzhauer bei den Villinger Bürgern, die ja ihr „Bürgerholz“ in Selbstwerbung aufbereiten mußten und übernahmen wohl auch den Brennholztransport in die Stadt. Es waren also typische Nebenerwerbssiedlungen. Eine städtische Forstverwaltung und ständige Waldarbeiter und damit eine einheitliche Holznutzung im Stadtwald gab es ja noch nicht. Um diesen zu beachtenden Rodungs- und Siedlungsvorgang der Stadt Villingen zu verstehen, muß man bedenken, daß die nachgeborenen Söhne auf den Bauernhöfen (geschlossene Hofgüter, die nicht mehr geteilt werden durften) nur ein armseliges Leben fristeten, sofern sie nicht die Möglichkeit hatten, einzuheiraten. Sie hatten auf dem Hof des Bruders nur Anspruch auf eine Kammer und das tägliche Brot. Dafür waren sie eine billige, ausgenutzte Arbeitskraft und erhielten vielleicht zu Weihnachten einen neuen Arbeitskittel. Sie konnten nicht einfach „abziehen“. Wohin sollten sie auch in jener Zeit? Die Auswanderung nach Nordamerika erschloß sich ihnen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie konnten auch kein Handwerk erlernen, da sie in keiner Stadt aufgenommen wurden. Die beschränkten Arbeitsmöglichkeiten in den Städten ließen dies praktisch gar nicht zu.3)

So fielen sie wohl häufig genug in die Hände der zahlreichen Werber, angelockt durch das Handgeld, das den „armen Teufeln“ als ein Vermögen dünken mochte.

So konnte elne solche Nebenerwerb-Siedlung, wie wir heute sagen, zwar nur eine bescheidene Ackernahrung für den Eigenbedarf in Notzeiten bieten, dafür aber eine gewisse Eigenständigkeit und die Möglichkeit zur Familiengründung schaffen, die Voraussetzung, im Tal bleiben zu können.

Tauchten doch nach dem letzten Krieg, aus der Not geboren, gleiche Gedanken wieder auf und wurden — im beschränkten Umfang—als Holzhauer-Siedlungen auch verwirklicht, beim Breitbrunnen und in Volkertsweiler! Niemand konnte bei der Ausgabe dieser Taglöhner-Gütle und ihrer Ausstattung mit einer Brennholzzuteilung (in Höhe des Bürgernutzens in der Stadt) und einem Waldweiderecht (wie es einem Bürger zustand) allerdings ahnen, daß sich nach einigen Jahrhunderten als Folge eines sich langsam entwickelten grundsätzlichen Strukturwandels und besonders der Entwicklung der Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert (geordnete Forstwirtschaft an Stelle der Jahrhunderte alten Brennholz-Exploitations-Wirtschaft) schwere Differenzen ergeben könnten, zumal sich die Kleinbauern und Nebenerwerbs-Siedler in der Zeit größter Armut (Arbeitslosigkeit) im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die notwendigerweise zu treffenden Maßnahmen (Ablösung der Waldweide für ihre Kühe) besonders bedroht fühlten und entsprechend reagierten.

Auf dieses Problem wird noch näher eingegangen.

Heute arbeiten die Inhaber dieser „Gütle“ und ihre Familienangehörigen meist in der benachbarten Industrie (Villingen, Unterkirnach, St. Georgen).

Diese „Zinken“ (Zinken = vorspringender oder eingeschnittener Teil einer Gemarkung mit einer geringen Anzahl von Hofsiedlungen und stets eigenem Namen; Weiler) wurden demnach von der Stadt Villingen selbst aus dem Stadtwald und der eigenen städtischen Gemarkung für ihre eigenen Untertanen „herausgeschnitten“. Diese Hofflächen gingen aber 1806 auf die neue, selbständige Gemeinde Unterkirnach über. Geblieben ist dadurch die merkwürdige Verzahnung beider Gemarkungsgrenzen und die Tatsache, daß diese Zinken oft gar keinen Zusammenhang mit der alten Tennenbacher Gemarkung haben. Die Ursache hierfür findet so eine einfache Erklärung.

Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab die Stadt im oberen Wieselsbachtal Waldflächen zur Rodung und Errichtung von 6 oder 7 Bauernhöfen ab (beim Pfeiferloch, Neuhäusle, Viehhof und Krummränkle). Wir wissen dies genau aus den Akten, weil die Fürstl. Fürtenbergische Verwaltung, die hier das Jagdrecht besaß, gegen die Errichtung neuer Bauernhöfe an dieser Stelle Einspruch erhob, da sie eine Beeinträchtigung der Jagdausübung (Wildschaden und Wilddieberei) befürchtete. Aber schon 100 Jahre später (zwischen 1833 und 1844) mußten diese auf ungeeigneten Böden gerodeten Höfe wieder aufgegeben werden als Folge der geringen Erträge und der großen Agrar- und Wirtschaftskrise, die zu der bekannten Massenauswanderung aus Baden nach Nordamerika führte. Diese Flächen wurden wieder von der Stadt angekauft und aufgeforstet. Hier und da erkennt der Kundige noch die Reste der Hocheinfahrt, des ehemaligen Hofes, den Hausweiher oder die Stelle der Hausmühle. In dieser Zeit wurde auch der Bauernhof beim Salvest aufgegeben, in dem Martin Blessing 1823 das Orchestrion erfunden hatte.

Die nicht wieder aufgeforsteten, landwirtschaftlich nutzbaren Flächen beim Salvest oder Neuhäusle/Viehhof gehören auch heute noch als Enklaven mitten im Stadtwald zur Gemarkung Unterkirnach.

Die nächsten Seiten geben in aktuellen Bildern den Blick frei in einen Teil der Waldzinken mit ihren verstreuten Häusern und dem alten Leben, das sich dort (noch) vollzieht.

Bis zu vier Kilometer vom Mittelpunkt Unterkirnachs entfernt, rings umschlossen vom Villinger Stadtwald, in früheren Jahrhunderten mit dem Dorf nur durch einen Kirchweg verbunden, so präsentieren sich heute noch die meisten Zinken, wenngleich inzwischen eine schmale asphaltierte Straße den Raum erschließt. Hier das Moosloch, einer der „klassischen“ Zinken, ist wie das nachfolgend abgebildete Bärloch ein Beispiel: Talartig ausgebildet, durchzieht ein überschwemmungssicherer Weg hangwärts den Grund. Im Wald verläßt er die Unterkirnacher Gemarkung, durchquert den Villinger Stadtwald, mündet dort mit anderen zusammen und wird zur Hauptschlagader zwischen der politischen Einheit von Dorfkern und Außenanlage.

 

Die ursprünglich rein kleinbäuerlichen Anwesen von etwa 2 — 3 ha Eigenfläche, selten mehr, mit dem Haus auf der sonnenzugewandten Seite, dem Sommerhang, hatten fast alle in der Familie einen Angehörigen, der als Holzhauer, Haumeister, Wegwart, Holzschleifer oder Kulturarbeiterin im Wald sein Auskommen suchte. Der gegenüberliegende Hang, meist Ostlage, trägt das saure Gras, das lange warten muß, bis der letzte Schnee den „Winterhang“ verlassen hat.

 

Welche Gründe auch immer für das Verlassen der Kleinhöfe in heutiger Zeit bestimmend sein mögen: Hier hat ein Liebhaber das Haus vor dem Verfall gerettet. Kostspieliges Flair einer scheinbaren ländlichen Idylle.

 

Rechts von der Hauskapelle des Stockwälder (Sumali-) Hofs führt vom Röhlinbachtal der Weg ins Bärloch hinauf.

 

 

Entgegen der Regel liegt auf dem Winterhang der Aspen Grundhof des Bauern Konrad Beha im Bärloch. Er soll, ehe der Hof vor langer Zeit abbrannte, ebenfalls auf dem Sommerberg gestanden haben.

 

Der Feuchtgrund des Osthanges ist von zahlreichen Entwässerungsgräben durchzogen. Auf Höhe des Hauses ließen sich die Wasser des Feuchthanges bei 840 m Höhe in einem Weiher fassen: Reserve für die ehemalige von Wasserkraft angetriebene Hausmühle u.a.. Im Bild das kleine links vorgelagerte Gebäude (energieorientierter Standort) Seine Funktion hat das Wasserrad längst aufgegeben.

 

In Grundriß und Architektur ist das Bauernhaus des Aspen Grundhofs der Typ des Gutacher Schwarzwaldhauses, wie er gerade in dieser Gegend heimisch ist. Er ist ohne Sockelgeschoß, lediglich unterfahren mit Mauerwerk. Über die seitliche Tür wird das Haus durch einen Hausgang erschlossen, „der von einer Langseite des Hauses querfristig zur anderen führt“. Gegen die Talseite sind vom Hausgang aus zugänglich: die „Vordere Stube“ — die ersten zwei Fenster links im Bild —, dann die Küche — mittleres Fenster— und am anderen Ende des Ganges die „Hintere Stube“— Doppelfenster —. Über Küche und Hinterer Stube, vor das erste Sichtholzwerk gezimmert, die unverzichtbare Veranda, neben den zu lüftenden Federbetten der Platz für die roten Geranien, leuchtende Tupfer im kargen Schwarzwaldsommer in 850 m Höhenlage. Das Geschoß über den Stuben beherbergt einen Teil der Schlafkammern, über der „Vorderen Stube“ die der Bauersleute. Über der Küche war einst der Rauchfang—einen Kamin kannte man nicht— wo man die Würste und Speckseiten räucherte. Von dort leitete man den erkalteten Rauch über das Dachgeschoß zur Giebelseite, wo er unter der vor den Giebel heraustretenden Holzverschalung des oberen Dachgeschosses ins Freie abzog. Den Abschluß nach oben bildet auf der talwärts gerichteten Schauseite der übliche Halbwalm, der auf der halben Höhe des Daches aufsitzt. Da dieser Haustyp eigentlich nur „dreiraumbreit“ ist, bedeutet der aus der rechten Längsseite herausspringende und damit den Giebel verlängernde Hausteil, mit den jeweils drei Fenstern im Erdgeschoß und im 1. Obergeschoß das ehemalige Libding (= Leibgeding), d. h. der vom Hof abgebenden Altbauern ausbedungene Altenteil. (Vgl. Schilli, Schwarzwaldhäuser, Badenia Verlag 1978)

 

URALTE HANDARBEIT: Landwirt Konrad Beha und sein Gehilfe beim Entrinden von Baumstämmen

 

 

WALDGESICHTER

 

 

Konrad Beha, Bauer vom Aspen Grund in der vierten Generation, nach Feierabend in der „Vorderen Stube“

 

Wir fragten ihn:    „Wie lebt Ihr?“

Die Antwort:    „Genügsam“

Wir fragten ihn:    „Seid Ihr auch zufrieden?“

Die Antwort:    „Ja, wenn wir gesund sind und jeden Morgen aufstehen können, sind wir zufrieden.“

Konrad Beha ist jetzt 52 Jahre alt. Vor fast drei Jahren verlor er seine Frau, die Bäuerin. Nun arbeitet er allein mit Unterstützung des Gehilfen, eines Sohnes nach Feierabend und seiner ebenfalls berufstätigen Tochter, die ihm zugeht. Mittlere Betriebsgröße, aber in einer für den Ertrag klimatisch ungünstigen Höhenlage, arbeitstechnische Schwierigkeiten im topografischen Umfeld, dazu der Druck wachsender Agrarüberschüsse der Europäischen Gemeinschaft mit ihren Rückwirkungen auf das Einkommen, die vereinsamte Lage und manches andere, zwingen zur Frage, ob es einer fünften Familiengeneration wert erscheint, die bäuerliche Tradition fortzusetzen.

 

Den HERRGOTTSWINKEL, wo gibt es ihn noch in lebendigem Bezug? Diametral dem Herrgottswinkel und dem Eßtisch gegenüber der Kachelofen mit der „Kunst“, einem Nebenofen als wärmende Sitzbank (hinter dem Sessel). Unter der niedrigen Stubendecke wird der Kachelofen oben vom Ofenstängle umlaufen, über dem die Kleider oder Wäsche getrocknet werden.

 

Unten umläuft die Sitzbank den Ofen. Behas Tochter ist verheiratet und steht dem Vater als Angestellte in Villingen nur stundenweise zur Verfügung; ein Bruder von ihr ist Zimmermann und hilft, wenn er aus Villingen kommt, ebenfalls. Ein zweiter Bruder ist Angestellter einer Villinger Bank.

 

Brennholzrechte

Wie bereits angedeutet, waren diese Neusiedlungen auf Zuteilung von Waldweide und Brennholz angewiesen. Die alten Höfe im Tal verfügten aber über eigenen großen Waldbesitz und waren hinsichtlich des Brennholzes Selbstversorger. Die Stadt billigte ihren Neusiedlern daher eine Brennholzzuteilung in der gleichen Menge wie den Villinger gabholzberechtigten Bürgern und Hintersassen (= Schutzbürger ohne Bürgerrechte, entsprachen den Taglöhnern, da sie nicht Mitglied einer Zunft waren) zu.

Dieser Status geht aus den späteren Ablösungsverhandlungen (um 1880) hervor, bei denen aufgeführt waren:

Klasse 1    6 Bauern    je 4 Klafter = 15 Ster Klasse 2 38 Halbbauern je 3 Klafter = 12 Ster Klasse 3 25 Taglöhner je 2 Klafter = 9 Ster.

Im ganzen 69 Höfe mit einem Brennholzrecht über 771 Ster.

Dieses Recht, als Hausholz bezeichnet, weil es auf dem Hof lag und bei Eigentumswechsel auf den Nachfolger überging, wurde aber auch mit einer Verpflichtung belastet, dem Zinsholz. Diese Verpflichtung entsprang wohl dem mittelalterlichen Denken, daß ein Untertan auch eine „Fron“ zu leisten hatte. Allerdings wurde diese Fron mit dem ortsüblichen Holzhauerlohn vergütet.

Jeder Hausholzberechtigte war danach verpflichtet, je nach Höhe der Hausholzmenge eine bestimmte Menge von Brennholz für allgemeine Aufgaben der Stadt (Besoldungsholz, Holz für die städtische Ziegelei, zur Beheizung öffentlicher Gebäude, des Kaufhauses oder Spitals, der Schulen oder Pfarrhäuser, Militärlieferungen usw.) aufzubereiten. Da die Stadt keine ständigen Holzhauer hatte, aber sichergehen wollte, daß ihr für diese Aufgaben jederzeit Arbeitskräfte zur Verfügung standen, entsprach diese Regelung so recht der Naturalwirtschaft des Mittelalters, die ihren Sinn im Laufe des 19. Jahrhunderts, nach dem Übergang zur Finanzwirtschaft verlor. Die von den Holzberechtigten und gleichzeitig Zinspflichtigen zu erbringende Arbeitsleistung betrug das 1 1/2-fache der Hausholzmenge:

Klasse 1    6    Klafter = 23 1/2 Ster Klasse 2    4 1/2 Klafter = 17 1/2 Ster Klasse 3    3    Klafter = 13 1/2 Ster.
Die Zinspflichtigen waren ferner verpflichtet, zum „Flößen“ des Brennholzes auf den Floßbächen (Wieselsbach, Kirnach, Schlegelbach, Brigach) nach Villingen je eine Person je Hof zur Hilfeleistung bei dieser Arbeit gegen Zahlung des üblichen Taglohnes zu stellen.

Aus dieser Verpflichtung entstanden ständige Streitigkeiten und gegenseitige, wohl berechtigte, Vorwürfe und Klagen.

Die Waldmeister und Holzbannwarte klagten über Holzfrevel in Nähe der Häuser, da der Einschlag nicht kontrolliert werden könne. Die Klafter würden stets zu stark aufgeklaftert und außerdem würde immer das beste Holz (Sägbäume) gehauen und das schlechte bleibe stehen.

Außerdem würde das Zinsholz nur nach langem Mahnen und Drängen oder überhaupt nicht aufbereitet. Zum „Floß“ wäre es schwierig, die Mannschaft zusammenzubringen oder es kämen Personen, die nicht arbeitsfähig seien.

 

Auch im Zeitalter des Öls, Gas oder der Kohle spielt das Holz aus dem nahen Wald eine wichtige Rolle. Der alte Schreiber— Leopold vom Geiße-Döbele, ehemals Waldarbeiter und Landwirt, hat seine „Holzbieg“ endlich gestapelt.

 

… und immer wieder Holz: Das alte Milchhäuschen über dem Brunnen, durchflossen vom frischen Quellwasser, dient heute noch als Kühlschrank.

 

Alte Grenzmarkierung. Bis heute bilden aufgehäufte Steinriegel die Grenzfluchten zwischen einzelnen bäuerlichen Grundstücken, wie hier beim Geiße-Döbele, oder zwischen Dorfmarken wie bei Unter- und Oberkirnach.

 

Umgekehrt beschwerten sich die Bauern, daß häufig die Hiebsorte für Floß- und Zinsholz zu weit entfernt lägen, z.B im Schlegelwald, oder daß Prügelholz statt Scheiter aufbereitet werden sollte, was mit Mehrarbeit verbunden und zeitraubender sei.

Zur Vervollständigung dieser Schilderung folgen einige Zitate aus den Ratsprotokollen:

„1672: Die Kirnacher sollen so bald als möglich das Holz flössen. Die Kirnacher beantragen, ihnen anzuweisen, wo sie das Holz schlagen sollen. Antrag wird den Holzherren übergeben.

1677: Die Bewohner vom Groppertal begehren, man soll ihnen das Holz günstig gelegen abgeben.

1796: Das Waldamt zeigt an, daß die Kirnacher das ihnen aufgetragene Zinsholz nicht aufbereitet haben. 13 namentlich genannte Kirnacher erhalten 1 Gulden Strafe, weil sie zum festgesetzten Holzfloß nicht erschienen sind. Der Gemeinde Unterkirnach wird anbefohlen, Soldatenholz (Zinsholz für Militärlieferung) aufzubereiten. Aus diesem Grunde sollen die Gemeindeangehörigen einberufen werden, damit ihnen die notwendigen Anweisungen gegeben werden können. Abgabe von Brennholz (Hausholz) an die Bauern von Unterkirnach, sofern sie keinen eigenen Waldbesitz haben. Die Bauern erhalten 4 Klafter, die Taglöhner 2 Klafter. Die Scheiter zu je 1 Gulden (eine Preiserhöhung). Die Einwohner von Unterkirnach sollen das Zinsholz zu 26 Kreuzer aufbereiten und an den Bach schlitten.

1801: Der Gemeinde Unterkirnach wird für die Aufbereitung des Zinsholzes eine Gebühr von 28 Kreuzer je Klafter gezahlt. Jedoch mit der Einschränkung, daß der Magistrat sich vorbehalte, die Höhe dieses Lohns in der Zukunft neu festzusetzen.

1803: Die Bauern der Gemeinde Kirnach sind erneut ihren Verpflichtungen über die Aufbereitung des Zinsholzes und Zahlung der Stammlosung (Hausholz) nicht nachgekommen.

1807: Waldmeister Handtmann übergibt die Liste der Kirnacher, die das schuldige Zinsholz nicht aufbereitet haben. Diese erhalten eine Geldstrafe.

1809: Ein Verzeichnis des an die Kirnacher abgegebenen Hausholzes für 1809 wird dem Rat vorgelegt: auf der Stockwaldseite 460 Klafter, auf der Schlegelwaldseite 283 Klafter = 743 Klafter.“

1875: weigerten sich die Zinsholzpflichtigen, das Zinsholz aufzubereiten, und die Stadt stellte daraufhin die Hausholzlieferung ein. Eine Aufstellung zeigte: 2 178 Ster rückständiges Hausholz, 3 767 Ster rückständiges Zinsholz*.

Die heute noch immer schwelende Animosität der Kirnacher gegen die Stadt geht sicher auf diese vielen Streitigkeiten, die sich aus den Berechtigungen und Leistungen ergaben, zurück.

Zu den Kirnacher Brennholzberechtigten gehörte auch die Schule (35 Ster) und die Pfarrei (16 Ster), denen die Stadt zweifellos bei ihrer Gründung eine entsprechende Menge zur Deckung ihres Heizungsbedarfs zugesichert hatte. Als 1806 die Gemeinde Unterkirnach selbständig geworden war, stellte die Stadt verständlicherweise die Lieferung dieser Brennholzmenge ein mit der Begründung, daß sie nunmehr nicht mehr für Schule und Kirche aufzukommen habe. Die Gemeinde erhob Klage auf Leistung aus dieser Berechtigung. Das Gericht entschied (siehe Anhang), daß diese Verpflichtung sich aus der Zehntpflicht der Kirnacher an die Stadt auch weiterhin ergäbe und die Stadt als Empfänger des Zehnten ihre bisherige Fürsorgepflicht auch weiterhin zu erfüllen habe. Als um 1832 der Zehnte abgelöst und aufgehoben wurde, hat man bei der Stadtverwaltung wohl übersehen, daß diese Leistung nunmehr — dem Gerichtsurteil entsprechend — auch gegenstandslos geworden war. So blieb dieses Recht als Gewohnheitsrecht versehentlich (130 Jahre!) bis in die Gegenwart gültig, bis es im gegenseitigen Einvernehmen abgelöst wurde, zumal es als Brennholz ohnehin für Heizung von Schule und Kirche (Pfarrhaus) nicht mehr benötigt wurde.

Sägemühlen

Im Zusammenhang mit dem Walde müssen auch die Sägemühlen gesehen werden.

Wie eine Sägemühle jener Zeit—eine Klopfsäge—aussah und wie sie — weit hörbar — arbeitete und wie lange es dauerte, bis ein Brett aus dem Stamm herausgesägt war, das alles kann man eindrucksvoll im Freilicht-Museum „Vogtsbauernhof“ in Gutach im Kinzigtal besichtigen und im Betrieb erleben. Es war eine mühselige und langwierige Arbeit. Aber wieviel Überlegung und handwerkliches Können steckte schon in einem so kleinen, von Wasserkraft getriebenen frühen Fabrikbetrieb, der aus mehrhundertjähriger Erfahrung entwickelt worden war. Es lohnt sich schon einmal, dort länger zu verweilen und auf Einzelheiten zu achten.

In den Ratsprotokollen sind Sägemühlen mehrfach erwähnt, entweder die Anträge auf Bau einer neuen Säge oder auf Zuteilung von Stammholz für die Reparatur einer alten Mühle.

„1697:Johann Wittmer, Müller, begehrt eine neue Säge zu bauen und bittet ihm dazu zu verhelfen. Genehmigt auf eigene Kosten.

1697: Hans Langenbacher haltet an, um eine Säge zu bauen auf seinem Gut. Ist wegen Schaden in den Wäldern abgeschlagen. (Zwei neue Sägemühlen im gleichen Jahr waren wohl zuviel des Guten)

1750: „Die sämtlichen Säger in der unteren Kirnach stellen mit mehreren wehmütig vor, wie es ihnen bei dermaligen teuren Zeiten nit nur beschwerlich, sondern allerdings ohnmöglich sey, um den bisherigen Lohn die Bretter und Flöcklinge zu schneiden und daher inständig bitten, den Lohn aufzubessern. Supplicanten sollen ab und zur Ruhe gewiesen werden.“ (Kurz darauf wurde der Lohn aber doch auf 4 Kreuzer je Brett erhöht.)

1761: Die Säger aus der Kirnach beschweren sich, daß sie durch das ganze Jahr für die Stadt arbeiten müssen, gleichwohl zu keiner Bezahlung kommen. Der Fall soll zwischen Bau-, Holz- und Waldamt und den Sägern untersucht und die Rechnung gestellt werden. In Zukunft aber soll darauf Bedacht genommen werden, daß zwischen den Ämtern eine richtige Ordnung eingeführt werde. Kein Holz soll mehr von den Sägern abgeführt werden, bevor der Waldmeister hierüber den Beschrieb genommen habe.

1766: Josef Beha aus der unteren Kirnach bittet zur Reparatur seiner Säge um 3 Weißtannen. „Da die Sägemühle in allen Notfällen gebraucht wird“, wird der Antrag genehmigt. (Vermutlich handelte es sich um die „historische“, kleine Säge unterhalb der Kirche, in den letzten Jahren abgebrochen und in Mühlhausen wieder aufgebaut.)

1790: Thomas Beha bittet, ihm die Beifuhr der Säg-bäume aus den Stadtwaldungen auf die Sägen —wie schon seit fünf Jahren geschehen — wiederum 1790 beiführen zu dürfen. Der Baumeister soll hierüber entscheiden. Wird genehmigt.

1798: Mathias Beha stellt den Antrag, „auf dem Kropper“ eine Sägemühle zu erstellen. Dieses Vorhaben wird vom Waldamt für die Stadt als sehr nützlich angesehen, so daß ein Platz aus der Stadt-Allmend hierfür zur Verfügung gestellt werden soll. Diese Säge muß—nach dem dort befindlichen alten Graben zu urteilen — im Groppertal in Nähe des Bahnwärterhauses gestanden haben. Der Auber-Hof führt noch den Namen „Sägebauernhof“.

1798: Die Bürger der Obergemeinde (beim Oberen Tor) fühlen sich hinsichtlich ihrer Viehweide beeinträchtigt durch den Bau eines Sägewerks durch Mathias Beha im Groppertal.

1803: Der Waldmeister wird angewiesen, künftig alle Sägbäume nach ihren Maßen aufzuschreiben, damit beim Sägen die gehörige Quantität und Qualität an Brettern kontrolliert werden kann.

1804: ist die „Hepting’sche Säge“ im Schlegeltal genannt.“

Aus diesen verschiedenen Hinweisen konnte abgeleitet werden, daß es in Unterkirnach einmal vier Sägemühlen gab:

1. Die Säge bei der Kirche, im Besitz der Familie Beha, die erst in letzter Zeit abgebrochen und als „Museumsstück“ in Mühlhausen wieder aufgebaut wurde.

2. Im Kirnachtal die „Lenzen-Säge“, die wohl zum Lenzenhof gehörte. Möglicherweise erscheint sie auch unter dem Namen „Herren-Säge“, da sie unweit des „Herrenwaldes“ lag. Oder war dies der Name der Säge bei der Kirche, beim ehemaligen „Roggenbacher Hof“ gelegen? Einmal sind nämlich nebeneinander „Herrenmühle“ und „Lenzenmühle“ genannt.

3. Am Schlegelbach, beim Weißer-Hof, bei der Einmündung des Schlegeltalweges in die Landstraße zur Friedrichshöhe, die „Hepting’sche“ Säge.

4. Im Groppertal, zum Auber-Hof gehörend, die Gropper-Säge des Mathias Beha, für die unter Ausnutzung eines Brigachbogens ein stärkeres Gefälle geschaffen wurde.

Trotz der geringen Kapazität der primitiven Sägemühlen reichten diese vier Sägen (gemeinsam mit der „Stadt-Säge“ beim „Oberen Haus“ vor der Stadt) wohl gerade aus, um den städtischen und örtlichen Bedarf an Schnittholz zu decken. Es ist in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß Kantholz (Bauholz) im Walde mit Axt und Beil „gehauen“ und nicht gesägt wurde.

In der städtischen Naturalrechnung von 1799 werden 533 Tannen-Klötze (Rundholzlieferung) aufgeführt, die an die Kirnacher Sägemühlen geliefert und dort eingeschnitten wurden, so daß wir wenigstens eine Vorstellung über die Kapazität dieser Bauern-Sägen haben:

Baptist Blessing (Lenzenhof ?)    39    Klötze

Matäus Beha (bei der Kirche)    199    1/2 Klötze

Johann Hepting (Schlegelbach) 160 1/2 Klötze

Mathias Beha (Groppertal)    134    Klötze

zusammen 533    Klötze

Gelegenheitsarbeit der Unterkirnacher im Stadtwald

Wir hörten bereits, daß die Taglöhner, die in den Zinken sich ihren Lebensunterhalt zum großen Teil im Walde als Holzhauer verdienten. Sie übernahmen zweifellos einen wesentlichen Teil der Aufbereitung von den 20 000 — 25 000 Ster (5 000 — 6 000 Klafter) Bürgergabholz (Brennholz), das den berechtigten Bürgern in Selbstwerbung zugewiesen wurde, vielen von ihnen aber hierfür wohl die Zeit fehlte oder diese schwere Arbeit körperlich nicht schafften und es sich leisten konnten, hierfür fremde Arbeitskräfte anzustellen.

Ein bekannter badischer Forstmeister, K.F.V. Jägerschmidt, hat uns anschaulich eine Beschreibung der Lebensumstände dieser armen Berufsgruppe in jener Zeit aus dem Murgtal gegeben:

„Das ganze Hausgeräthe ist meistens ihrer eigenen Hände Arbeit; ihre Kleidung ist einfach, ihre Kost frugal. Glückliche, zufriedene Menschen! —vergnügt mit dem, was sie durch ihren Schweiß erwerben. Sie kränkt kein Lauf der Zeit— kein Wechsel des Glücks—keine Sucht der Neuheit — dies alles hat für sie kein Interesse. Diese Leute sind auch noch weniger verdorben als hie und da auf dem platten Lande; man findet an ihnen redliche und herzgute Menschen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht in Milch und Mehlspeisen, Kartoffeln, Speck ec. und die so häufig von den Bergen herab rieselnden Quellen, die öfters kleine Wasserfälle bilden, dienen zu ihrem Trank. Jahr aus und ein, beschäftigen sie sich im Walde; Sommers mit Fällen und Aufmachen des Holzes, Winters mit Her-beibringung und Verflözung desselben. Bei jeder Hütte trifft man einige Grundstüke an, die zum Theil durch gut eingerichtete Wässerungen an Wieswachs ergiebig sind, andere die von den Eigenthümern zum Kartoffelbau benutzt werden.“

Sehr viel anders mag es bei den armen Taglöhnern in der Unteren Kirnach auch nicht ausgesehen haben, bei den „Wäldlern“, die ihren kargen Lebensunterhalt wohl überwiegend als Schnitter und Drescher bei den Bauern und als Holzhauer oder Köhler im Stadtwald verdienten. Nach den Erzählungen alter Holzhauer brachen sie —noch im Anfang dieses Jahrhunderts — morgens um fünf Uhr unter Führung ihres „Akkordanten“ mit einer kleinen Öl-Laterne auf, stampften stundenlang, einer hinter dem anderen, durch den tiefen Schnee, um bei Tagesanbruch am Arbeitsplatz einzutreffen und dort bis Einbruch der Dunkelheit mit ihren primitiven Äxten und Sägen in Gruppen von 6-12 Mann wirkliche Schwerstarbeit zu leisten. Oft genug mußten bei hoher Schneelage die Stämme bis zum Stammfuß ausgegraben werden. Kamen sie dann nach stundenlangem Rückmarsch heim, mußte erst noch die Arbeit im Stall erledigt werden. Ein hartes Brot, von dem sich heute kaum noch einer ein Bild machen kann. Der „arme Holzhauer“ war damals ein feststehender allgemein bekannter Begriff, selbst als Märchenfigur.

Wollen wir von der Arbeit früherer Jahrhunderte berichten, so müssen wir uns an diese Zustände und die Armut jener Zeit erinnern und dürfen nicht unsere heutigen Maßstäbe anlegen mit den gewohnten, selbstverständlichen Arbeitserleichterungen, der Motorisierung, den Verdiensten und sozialen Sicherungen.

Die Arbeit bestand hier fast ausschließlich im Einschlag etwa 60jähriger, schwacher Nadelhölzer (Fichte, Tanne, Kiefer), dem Aufbereiten von Brennholz und Setzen in Klaftermaße (1,92 m hoch, 0,96 — 1,28 m lang und 1,92 m breit). Vielfach kam im Winter noch das „Schlitteln“ von Scheitern von den Hängen an die Floßbäche hinzu und im Frühjahr das Flößen in das Holzmagazin auf der Bleiche vor der Stadt, zu der die heutige Bleichestraße führte.

Das Aufarbeiten von Stammholz spielte im Rahmen des Gesamt-Einschlages nur eine untergeordnete Rolle.

Wir wollen dieses Bild ergänzen durch einige ausgewählte Ratsbeschlüsse, die einen Einblick in die Lohnverhältnisse jener Zeit erlauben. Eine Umrechnung und Vergleich in heutige Geldsorten und ihre Kaufkraft der Verdienste ist natürlich schwierig. Immerhin so viel:

1 Gulden (fl.) = 60 Kreuzer (Kr.)

Kaufkraft etwa 60 —100 DM

1623 kostete 1 Paar    Ochsen    100 Gulden

1 Stier    30 Gulden

1 Kuh    20 Gulden

1750 kostete 1 Gans    30 Kreuzer

1785 kostete 1 Pferd    75 Gulden.

Im 18. Jahrhundert kostete 1 Pfund Rindfleisch fünf Kreuzer. Mithin konnte man für 1 Gulden (= 60 Kreuzer) 12 Pfund Fleisch kaufen.

Diese Zahlen können aber nur als groben Anhalt dienen, wechselten sie doch häufig nach Mißernten oder in Not-und Kriegszeiten.

1688: Holzmacherlohn ist auf 18 Kreuzer je Klafter (= etwa 4 Ster) gesetzt worden.

1689: Die Holzschlitter sollen 5 Kreuzer je Klafter erhalten.

1696: Festsetzung neuer Löhne durch den Rat: Holzmacherlohn 5 Batzen (= 20 Kreuzer) je Klafter, Taglohn „neben dem Essen 2 1/2 Batzen“ (= 10 Kreuzer), ein Weib 1 Batzen (= 4 Kreuzer).

1701: Holzmacherlohn 6 Kreuzer, weilen die Zeiten sich nicht gebessert. Holzfuhrlohn von weit her 9 Kreuzer, aus der Nähe 7 Kreuzer.

1705: Holzmacherlohn ist dato, weilen die Früchte Gott sey Lob wohlfeil, um 5 1/2 Kreuzer taxiert worden. Sie sollen aber rechte Klafter machen. 1705: Der Holzbannwart wird gerügt, weil Klagen eingekommen, daß die Scheiter zu kurz, die Klafter zu klein und gar zu durchsichtig gemacht. Soll besser Obacht geben, die Klafter fleißig visitieren.

1719: Holzmacherlohn 15 Kreuzer. Der Lohn für Maurer- und Zimmerleute auf 20 Kreuzer festgesetzt.

1722: Holzmacherlohn vom Klafter Brenn-Floßholz am Bach 18 Kreuzer.

1740: Es wird Klage darüber geführt, daß das Holz auf der Bleiche wegen der Kürze der Scheiter schlecht aufzusetzen sei. Künftig sollen die Scheiter 3 1/2 Schuh lang (1, 12 m) und von den Wäldern erst auf dem Bleiche-Platz aufgesetzt und daselbst gemessen werden.

1742: Nachdem klagbar angezeiget worden, daß die Klafter von dem Bleiche-Holz schon vor geraumer Zeit zu klein, mithin alle diejenigen, welche darob kaufen, zu kurz und das Ihrige nicht bekommen, also ist vom Rat ein für alle Mal resolvieret und erkennt worden, daß die Kirnacher hinkünfig die Klafter nicht mehr in den Waldungen, sondern allein auf der Bleiche (etwa auf dem Platz des früheren Fabrikgebaudes der Firma Kaiser-Uhren, heute Finanzamt an der Bleichestra ße) aufstellen sollen.

1744: Denen Untertanen, welche aus den Waldungen das Brennholz anherführen, sollen von dem Klafter 36 Kreuzer zu Lohn gegeben werden (also bei Lieferung „frei Haus“).

1744: Auf aus dem Abstand wegen dem Holzfloß und dabei sich jeweils auftretenden großen Abgang (Verlust) eingekommenen Bericht: Ist concludieret worden, denen Kirnacher Holzhauer anzubefehlen, daß selbe förderst das Holz flößen, das Holz auf der Bleiche klafterweise aufsetzen und hiernach denen selben der Lohn allererst bezahlt werden soll.

1746: Denen Holzmachern solle für jedes Klafter auf die Bleiche geliefert, wo das Holz allererst abgezählt werden soll, 26 Kreuzer bezahlt werden.

1764: 1 Klafter Brennholz zu machen, an den Bach zu schlitten und anhero zu flössen 32 Kreuzer. (Zum Vergleich: 1 Pfund Kalbfleisch kostet 4 – 5 Kreuzer.) Für Flössen allein wurden gezahlt: Floßmeister    18 Kreuzer je Klafter Gehilfe    15 Kreuzer je Klafter.

1785: Dem Fidel Pfaff, welcher sich unterstanden, wider den gewöhnlichen Holzmacherlohn 24 bis 28 Kreuzer anzunehmen (Bestechung) und dagegen das Klafter größer zu machen, ist solches poena confiscationi hiermit untersagt, nebst 2 Tage auf die Landstraße erkannt.

1789: Das Holzamt zeigt an, daß die Holzmacher das Klafter nicht mehr für 20 Kreuzer (vermutlich ohne Flössen) aufbereiten sollen, sondern 24 Kreuzer verlangen. Wegen der gegenwärtigen Teuerung wird der Holzmacherlohn auf 24 Kreuzer festgesetzt, dafür die Abgabe an die Bürgerschaft von 28 Kreuzer auf 32 Kreuzer erhöht.

1796: Zinsholz ist für 26 Kreuzer aufzubereiten und an den Bach zu schlitten (1801: 28 Kreuzer).

1800: Der Holzmacherlohn für 1200 Klafter Scheiter zur Versorgung der in der Stadt einquartierten Soldaten wird auf 35 Kreuzer je Klafter einschließlich an den Bach zu schlitteln und zu flössen, festgesetzt, das Klafter zu 3 Schuh lang, 6 Schuh hoch und 6 Schuh breit.

1809: Nach dem Vorschlag der neuen Badischen Forstinspektion, des Oberforstmeisters Freiherr v. Drais, wird der Holzmacherlohn auf 40 Kreuzer je Klafter festgesetzt.

Das Ende der Waldweide

Das 18. Jahrhundert ist geprägt durch tiefgreifende Veränderungen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Das mittelalterliche Denken und die mittelalterliche Wirtschaftsstruktur (Zünfte) wurden in Frage gestellt durch die Aufklärung, das aufkommende Freiheitsdenken und grundlegende Erfindungen, die die Voraussetzungen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden. Es sei nur an die Zeit der Kaiser Josef‘ schen Reformen, die französische Revolution oder die Erfindung der Dampfmaschine erinnert, die diese Entwicklung kennzeichnen.

In unserem engeren Bereich — aber auch in allen deutschen Landen — tritt uns zur gleichen Zeit die Holznot sichtbar in Erscheinung und damit die Notwendigkeit, auf Abhilfe zu sinnen, den Wald der Holzproduktion nutzbar zu machen. Diese Notlage wurde zur Geburtsstunde von Forstwissenschaft und Forstwirtschaft. Holz gewann immer mehr an Wert zur Deckung des steigenden Energiebedarfs —wie wir heute sagen —also über den bisherigen Heizungsbedarf des Einzelnen hinaus für den Betrieb der Salinen (Dürrheim, Schwenningen) oder von Hammerwerken (in Villingen und Tuttlingen) und andere frühe Industrien (Keramik), ab 1850 aber auch als Nutzholz. Forstwirtschaft und Waldweide aber lassen sich nicht vereinen. Entweder — oder!

Im 18. Jahrhundert wurde zunächst versucht, durch gewisse Beschränkungen der totalen Verwüstung des Waldes Einhalt zu gebieten, z.B. durch „Einhängen“ (Weideverbot) von 1/3 der Waldweidefläche, bis der Jungwuchs dem „Vieh aus dem Maul gewachsen“ war.

Doch lesen wir den Bericht des österreichischen Kameralförsters Hosp aus Freiburg aus dem Jahre 1804, der den Auftrag hatte, die Weidestreitigkeiten zwischen der Stadt und den Kirnachern zu schlichten:

„Erstlich hat man in dem sogenannten Kürnatal sich von den Bewohnern daselbst in eines jeden Haus die vorhandenen Lebens-, Pacht- und Kaufbriefe, unter wessen Namen diese vorzufinden waren, vorweisen lassen, wobei die darinnen enthaltene, auf das Waidrecht bezug habenden Gegenstände besonders vorgemerkt wurden. Da man aber bei dieser Untersuchung weiter nichts Erhebliches erschöpfen konnte,

als daß die meisten Höfe und Hausbesitzer der Stadt Villingen alljährlich ein bestimmtes Waidgeld zu entrichten haben und in Hinsicht der Waidgerechtsame sich bereits ein jeder auf den vorhandenen Waidbrief des Michael Neugart, auf dem Hof zum breiten Brunnen genannt, beruft.

So hat man sich auch diesen Brief vorweisen lassen und vom Jahr 1530 vorgefunden, wobei unter einem erhoben wurde, daß dieser Brief schon wörtlich in den Akten des Erzherzoglichen Obervogts Huber in Triberg in Abschrift vorliegt!“ …

Wenn man auf Grund der geschichtlichen Entwicklung annehmen kann, daß die Weiderechte auf den Tennenbacher Hof (1310) zurückgehen, so ist verständlich, daß die Bauern keine Weidebriefe besaßen. Der Breit-brunnenhof ist aber eine spätere Rodung, das 1494 ausgegebene Lehen an Romigius Mans (Romäus), das wohl bald an Michael Neugart übergegangen war. Diesem „Hofbeständer“ wurde nun von der Stadt 1530 ein fest umschriebenes Weidegebiet zugebilligt.

Hosp beschreibt nun, daß der Stadtwald „außerordentlich verödet worden“ und führt als Gründe für diese Entwicklung an:

„Hauptsächlich daher, weil die städtischen Waldungen voller Bewohner angesiedelt sind (die verzahnte Wald-Feld-Grenze im Distrikt Langmoos), welche sich ohne Ausnahme mit der Viehzucht abgeben und ihren Viehstand so zu vermehren suchen, daß das karig dem Vieh vorgelegte Winterfutter kaum hinreichend, demselben das Leben zu erhalten, um immer im Frühjahr eine übertriebene Anzahl Vieh von aller Art mit voller Frassbegierde auf die Waldungen treiben zu können. Und da die Futterkräuter in dem strengen Klima und besonders im Wald (800 — 900 m) viel später in Vorschein kommen, so ist das Vieh durch den Heißhunger gezwungen, die Waldpflanzen, wenn es auch diese nicht schmackhaft findet, abzufressen und zu schlingen genötigt. Dabei ist leicht zu ermessen, daß die Waldungen verödet werden und bei dieser Verfassung niemalen eine natürliche Waldanlage zu schaffen sei.

Der sonst so allgemein schätzbare und besonders vorteilhafte Kleeanbau, der auch im Kürnachtal gedeihet, findet der Unterzeichnete nur in Hinsicht der Vermehrung des Viehstandes nicht allerdings vorteilhaft, weilen die Erzeuger dieses Produkt nicht zur Aushilfe als Sommerfutter verwenden, sondern im Gegenteil dasselbe dörren und für ein Winterfutter aufspeichern und dem Vieh zur Winterszeit im Stall mit großer Karigkeit vorlegen, um nur im Frühjahr mehr Vieh auf Kosten der Waldungen austreiben und ernähren zu können. In Rücksicht dessen dürfte doch wohl einer verhältnismäßigen Heruntersetzung des übertriebenen Viehstandes gedacht werden.“

In den Ratsprotokollen finden sich zahllose Hinweise über festgestellte und angezeigte Waldfrevel, über Haltung eines zu hohen Viehbestandes oder über das verbotene Weiden in den „eingehängten“ Meis5en (Jungwuchs), die von der Beweidung verschont bleiben sollten. Dafür einige Beispiele:

1618: Den Taglöhnern in der Kirnach seiend forthin zwo Kuh und ein Kalb zu haben und auszuschlagen vergünnt und sollen keine Kälber nachziehen, es sey denn, daß einer ein Haupt hinweg-gebe. Und sollen nicht in den Schlegelwald fahren.

1789: Das Waldamt wird angewiesen, in allen Fällen des Weidefrevels 1 Stück Vieh und alle Geisen und Schafe zu pfänden und wegzunehmen. Meldung des Holzbanwarts Wagemann, daß er dem Müller Johann Duttlinger im Germanswald Geisen confisciert habe. Die Geisen sollen am kommenden Mittwoch meistbietend verkauft werden und 1/3 des Erlöses erhält der Holzbann-wart. Meldung des Waldamtes, daß drei der zu confiscierenden Geisen des Weiherbauers (Schlegel-wald) nicht mehr vorgefunden wurden. Blessing soll dafür eine Strafe von 11 Gulden zahlen. Der Weiherbauer soll künftig besonders beobachtet werden. Josef Neininger bittet, die Strafe von 16 Gulden für Eintrieb von Vieh in die Waldungen herabzusetzen. Die Strafe wird um 5 Gulden herabgesetzt. Der Antrag des Martin Hummel aus Unterkirnach um Nachlaß seiner zweimaligen Strafe wegen Eintrieb von Vieh in die gebannten Waldungen wird abgelehnt.

1798: Antrag der Gemeinde Kirnach auf Rücknahme des Verbots über Vieheintrieb in Waldungen (Meissen). Der Waldmeister erklärt, daß die Waldplätze, die mit jungem Anflug bestockt sind, so lange „gebannt“ werden müssen, bis das Rindvieh die jungen Tannen nicht mehr abfressen kann. Den Kirnachern wird das Waldamt Plätze anweisen, wo der Jungwuchs schon so herangewachsen ist, daß sie in diesem Jahr vom Vieh beweidet werden können.

1800: Der Gemeinde Kirnach wird ausdrücklich anbefohlen, daß aller junger Anflug nicht beweidet werden darf. Das Waldamt solle ohne Verzug solche Flächen mit langen Strohwischen einhängen lassen.

1802: Aus einer neu aufgestellten Gemarkungsbeschreibung von Unterkirnach wird die Stückzahl an Vieh berechnet, die zur Waldweide eingetrieben werden darf (Viehausschlag-Ordnung). Auf 5 Jauchert darf ein Bauer 1 Kuh und 1 Schmalstück halten. Hieraus errechnete sich ein Viehbestand von 744 Stück. „Zum Schaden der Stadtverwaltung hat sich dieser Viehbestand aber vermehrt und darf dieser Unfug für die Zukunft nicht gestattet werden.“ Für jedes Stück, das über das Soll eingetrieben wird, soll eine Strafe von 10 Reichstalern erhoben werden, das zweite Mal sei das Stück zu confiscieren. (Diese Drohung wurde aber später nie wahr gemacht.) Der Untervogt von Kirnach, Thomas Neininger, stellte daraufhin den Antrag, seinen Viehausschlag von 12 auf 20 Stück zu erhöhen. (So viele hatte er also) „Wegen seines sittlichen und rechtschaffenen Betragens wird ihm bewilligt, 18 Stück widerruflich auf künftiges Wohlverhalten hin ohne rechtliche Folgen halten zu dürfen.“ Auf den anderen Höfen dürfte das Verhältnis von Soll und Ist an Vieh ähnlich gewesen sein.

1804: Es haben unberechtigt in „gebannte Meissen“ eingetrieben:

Nikolaus Neugart, Groppertal 38 Stück Vieh

Christian Wursthorn    32 Stück Vieh

Mathias Weißer    21 Stück Vieh

Thomas Neininger, Untervogt 18 Stück Vieh Martin Schuler, Mehlwinkel 12 Stück Vieh

Thomas Beha    11 Stück Vieh

Michael Neugart    24 Stück Vieh

Martin Weißer    8 Stück Vieh

1804: Mehrere Bauern aus Unterkirnach werden bestraft, weil sie gegen das ausdrückliche Verbot, ihre Viehherde in die „gebannten Maischen“ zum Weiden getrieben hatten. Die Betreffenden gaben dies zu und erklärten, die Gemeinde Kirnach habe beschlossen, daß jeder Gemeindebürger in die Kulturen des Stadtwaldes fahren und die Weide ausüben solle. Es waren 164 Stück Vieh (.9, für die nun je Stück 1 Gulden Strafe verhängt wurde. Der Michael Ne u g a r t vom Breitbrunnen erklärte daraufhin: Mit dem, was die Herren zu Villingen sagen, wische er den Arsch!

Alle diese Beschlüsse zeigen, daß das Problem zwar erkannt war, aber das, was geschah, kann man zunächst nur als einen Tropfen auf einen heißen Stein bezeichnen.

Für die Bauern aber bedeutete diese sich bald deutlicher abzeichnende Entwicklung— übrigens zu gleicher Zeit in allen deutschen Landen — eine radikale, schmerzliche Umstellung, die zunächst ihre Existenzgrundlage zu bedrohen schien. Es war nicht nur das dem Landwirt eigene zähe Festhalten am Althergebrachten, der Widerstand gegen alle Neuerungen, die man nicht überschauen konnte. Hier ging es auch um Rechte, die man so bequem auf fremdem Eigentum nutzen und ausnutzen konnte. Die Verbesserung des Waldes, von der geredet wurde, würde sich doch erst in 50 oder 100 Jahren auswirken und war einem außerdem völlig gleichgültig. Dazu kam aber die völlig berechtigte Fragestellung, wie man die Probleme praktisch lösen und den Betrieb umstellen sollte, der doch bisher so reibungslos lief und auf den der Viehbestand eingestellt war. Gewiß, es wurde ihnen gesagt (übrigens auch den Viehhaltern in der Stadt Villingen), daß man den Betrieb teilweise auf Grünlandwirtschaft (Klee-Anbau) umstellen sollte, womit die Milchleistung bei Stallhaltung oder Koppelwirtschaft gegenüber der Waldweide stark ansteigen werde und man daher mit einer geringeren Stückzahl auskommen würde. Der Michael Neugart vom Breitbrunnen hat darauf (1804) wohl die oben zitierte Antwort gegeben. Wen wundert’s?

Bald merkte man, daß mit den gebotenen Einschränkungen oder harten Geldstrafen das Problem nicht zu lösen sei. Die Streitigkeiten spitzten sich immer mehr zu. So ist es kein Wunder, daß man 1828 auf einen schon 1808 vom Obervogt Dr. Huber in Triberg gemachten Vorschlag zurückgriff und über die Ablösung der Weiderechte verhandelte.

Dr. Huber hatte empfohlen, die Stadt solle 1/5 des Weidebezirks (300 ha) an Unterkirnach abtreten und damit die Waldweide ablösen. Auf der verbleibenden Waldfläche wäre die Stadt in der Lage, Holz nachwachsen zu lassen, während die Bauern den Vorteil hätten, die ihnen zugeteilten Waldstücke in der Nähe ihrer Behausungen zu haben. Dieser ausgezeichnete Vorschlag war von Villingen als zu weitgehend und von Unterkirnach als zu wenig abgelehnt worden.

Es ist aufschlußreich, dem Gang solcher Verhandlungen zu folgen: In einer gemeinsamen Verhandlung unter Vorsitz des Herrn Oberamtmanns Teufel und des Forst-Inspektors Montanus am 16. 7. 1828 wurde zunächst folgendes vereinbart:

Die beiden Parteien wählen je drei unparteiische, sachverständige Männer aus benachbarten Gemeinden als Taxatoren. Dieser Kommission wird der staatliche Revierförster v. Stengel als Obmann beigegeben.

Die Stadt und Gemeinde Unterkirnach stellen ferner je zwei Individuen, die die Aufgabe haben, der Kommission örtliche und sachliche Auskünfte zu geben.

Die Stadt macht als ihre Vertreter den Vogt Rosenfelder von Peterzell, Vogt Weißer von Brigach und Vogt Zuckschwert von Langenschiltach namhaft.

Zunächst wurde der Wald des Weidebezirks bewertet und nach der Güte des Bodens in drei Klassen (Klasse 1: gering, Klasse 3: guter Boden) eingeteilt.

„Da jedoch zwischen diesen Klassen ein allzu geringer Unterschied statfindet, als daß eine bedeutende Differenz in der Zahl des Viehes entstehen sollte, welches sich in dem einen oder anderen Distrikt während der Sommermonate erhalten kann, so kamen die Experten dahin überein, daß in den der Waid offenen 2/3 dieser 7000 Morgen Wald oder auf ca. 4 666 Morgen bei dem jetzigen schlechten Zustand des Waldes, welcher größtenteils nicht anders als Waidgang betrachtet werden kann, sich ca. 730 Stück Weidevieh aller Art während der 5 Monate Mai, Juni, Juli, August und September erhalten können.

Über den Betrag des Waidgeldes für ein jedes Stück Waidvieh während dieser 5 Monate konnte man nur insoweit einig werden, daß drei der Experten per Stück 10 Gulden 30 Kreuzer, oder für 730 Stück = 7665 Gulden, die übrigen drei aber per Stück 13 Gulden 30 Kreuzer, oder für 730 Stück = 9855 Gulden bestimmten.

Nach diesem Anschlag würde also die mittlere Summe des Waidgeldes auf 5 Monate 8760 Gulden betragen.“

Da jedoch von seiten der Stadt Villingen größere Sorge für Waldkulturen, wie bereits teilweise geschehen, verwendet, dadurch ein möglichst guter, neuer Waldbestand erzogen werden wird, und die bisher öden Plätze, Waldmöser und vielen Wege etc. sich mit Holz bewachsen werden, so glauben die unterzeichneten Experten, daß auch im gleichen Verhältnis die Waldweide abnehmen müsse und nur noch ein Teil der angenommenen 730 Stück Weidevieh eingetrieben werden könnte.

Es wurde versucht, in Nähe der Höfe möglichst viele rodungsfähige Parzellen auszuscheiden, die als Ackergrund oder Wiese geeignet erschienen.

Die Waldparzellen, welche als Wald wegen entfernter Lage an die Gemeinde Unterkirnach abgetreten werden können, wurden in eine Tabelle eingetragen und ihr Wert berechnet.

Dieser Versuch, endlich eine klare Trennung zu schaffen, muß mißlungen sein. Wir hören in den nächsten Jahren nur von weiteren Streitigkeiten und Prozessen über die Wahrung der Weiderechte, wobei aber wohl nicht viel herauskam.

In den nächsten Jahren traten jedoch auch Veränderungen ein, die beide Teile geneigter machen sollten, auf dem Verhandlungswege das Übel zu beseitigen.

Die Position der Kirnacher wurde schwächer nach Erlaß des Badischen Forstgesetzes von 1833, in dem die Forstwirtschaft der Waldweide übergeordnet wurde. Durch die Einführung des Kleeanbaus wurde andererseits die Futterbasis verbessert. Die Bauern mußten daher befürchten, daß die Waldweide immer mehr eingeschränkt und an Bedeutung verlieren würde.

Die Forstverwaltung drängte andererseits auf klare Verhältnisse und war leichter zu einem Kompromiß bereit. Der neue Bezirksförster Hubbauer legte im Rahmen der Forsttaxation i.J. 1837 dem Stadtrat erneut einen Antrag auf Ablösung der Weiderechte vor.

Mit Beschluß vom 2.6.1837 stimmte jetzt der Stadtrat diesem Antrag zu und ermächtigte den Dienstvorstand der Bezirksforstei (Forstamt), die Verhandlungen mit Unterkirnach wieder aufzunehmen.

Die von Hubbauer geführten Verhandlungen wurden auf der Basis geführt, daß jeder der 87 Weideberechtig-ten einzeln abgefunden werden sollte, und zwar je nach Wunsch in Grundstücken, Wiesen, Äckern oder Wald oder gegen eine einmalige Geldzahlung. Die Grundstücke sollten möglichst an den Hof des Berechtigten angrenzen.

Zugrunde gelegt wurde eine Weideberechtigung für 606 Stück Großvieh, für die eine Entschädigung von vier Gulden je Stück jährlich angesetzt wurde. Dieser Betrag wurde durch Multiplikation mit 20 kapitalisiert. Von der errechneten Entschädigungssumme wurde ein auf dem Grundstück liegender, an Villingen zu zahlender Grundzins ebenfalls kapitalisiert und in Abzug gebracht.

Die Gesamtentschädigung wurde mit 41 000 Gulden berechnet. (Nach der heutigen Kaufkraft etwa 2,4 Millionen DM) Die Entschädigung erfolgte durch Abtretung von

358 Morgen Kahlfläche

131 Morgen bestockte Waldfläche

18 Morgen Allmend

507 Morgen = 170 ha

Von der bestockten Fläche wird gesagt, daß es sich hier im allgemeinen um 15 — 45jährige Bestände gehandelt hat, die durch Viehweide schwer gelitten haben.

Ferner erfolgte eine Zahlung von 3 558 Gulden in bar (rd. 200 000 DM).

Diese Abtretung von Waldfläche erklärt das Vorhandensein der schmalen Privatwald-Streifen als Randzone zwischen dem Unterkirnacher Feld und der Stadtwald-Grenze im Distrikt Langmoos. Der Stadtwald grenzt heute niemals unmittelbar an die Feldgrenze! Aufgrund dieser durch die Abtretung geschaffenen Lage ist auch die Bestimmung in § 9 der Verträge erklärlich, nach der die Stadtgemeinde Villingen das Recht hat, über die abgetretene Fläche das im Stadtwald angefallene Holz in den Wintermonaten ohne jede Entschädigung zu transportieren.

Seit 1838 ist also im Villinger Stadtwald eine geordnete Forstwirtschaft möglich!

Es war ein langer Weg, das Ergebnis eines jahrzehntelangen Streites, vieler Verhandlungen, harter Kämpfe —auch vor Gericht—und zahlreichen Vergleichsvorschlägen, bis beide Parteien sich endlich geeinigt hatten. Es war kein Hau-Ruck-Verfahren, wie erst kürzlich zu lesen war. Auch die Stadt Villingen, die damals buchstäblich bettelarm war, hatte tief in ihre leeren Taschen und den Stadtsäckel greifen müssen. Übrigens vollzog sich zur gleichen Zeit diese Ablösung in gleicher Weise aller Orten. Villingen und Kirnach waren kein Einzelfall. Nur war es hier, als Folge der Siedlungsgeschichte, wohl ein besonders krasser, schwieriger Fall.

Aber es besteht kein Zweifel, daß dieser notwendige und zweifellos schmerzlich empfundene Strukturwandel, die verlorenen, teuren Prozesse und die langen Streitigkeiten, von Animositäten, ja Haßgefühlen, begleitet war, die auch heute noch im Unterbewußtsein schwelen.

 

Wie auf der vorstehenden Seite im Kapitel „Das Ende der Waldweide“ ausgeführt, entstanden durch die Abtretung von Waldflächen entlang dem Unterkirnacher Feld und Ackergrund schmale Privatwald-streifen, wie links im Bild an der Stadtgrenze im Distrikt Langmoos, oberes Ackerloch.
Der Stadtwald grenzt heute fast nie unmittelbar an die Feldgrenze! Der Privatwaldstreifen ist etwa 25 bis 100 Meter tief. Zwischen ihm und dem Stadtwald verläuft gelegentlich ein Holzschleifweg, gleichsam ein „Limes“. Vgl. die Bilder links und unten. Links gehören die beiden Bilderzusammen. Der untere Weg ist beim Gropperhof; hier ist sogar ein Grenzstein zu sehen: rechts Stadtwald, links Privatwald. Für die Stadt ist aber das Recht verbrieft, über die abgetretene Waldfläche das im Stadtwald angefallene Holz in den Wintermonaten ohne Entschädigung zu transportieren.

 

Objektiv gesehen, kann man aber nachträglich sagen, daß diese durch einen wirtschaflichen Strukturwandel bedingte Lösung beiden Teilen, den Landwirten und dem Wald gedient hat. Jedem das Seine!

Nur in den Alpenländern hat sich die Waldweide — mit ihren Folgen für den Zustand des Waldes— bis in die Gegenwart gehalten. Keine politische Partei, nicht einmal die NSDAP im Dritten Reich, konnte es wagen, sich den Zorn der streitbaren und hartköpfigen Bergbauern zuzuziehen. Erst jetzt stirbt dort die Waldweide—durch einen neuen Strukturwandel — von selbst aus, als Folge des Tourismus, seitdem der Bauer erkannt hat, daß man auch einen Kurgast — statt Kuh — im Stallgebäude unterbringen und „melken“ kann.

Die Ablösung der Brennholzrechte

Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es noch ein zweites Problem, die Brennholzrechte.

Die den Kirnachern ohne Waldbesitz zugebilligten Brennholzlieferungen wurden zunächst noch nicht beschnitten, obwohl die Stadt von der neuen Badischen Forstverwaltung im Hinblick auf den verwüsteten Wald, den „schlechtesten so in den österreichischen Landen zu finden“, schon 1809 gezwungen wurde, den Hiebssatz drastisch zu senken —von 11 000 Klafter (44 000 Ster) auf 5 000 Klafter, später sogar auf 4 000 Klafter. Hierdurch war jeder Haushalt in der Stadt hart getroffen und die Verteilung der geringen Menge machte dem Rat und dem Waldmeister manche Sorge. Nach heftigen Protesten —das war auch damals schon so üblich —fand man sich aber auf die Dauer doch damit ab, fing an zu sparen und kam schließlich ganz gut mit der Kürzung aus. Der Wald erholte sich erstaunlich rasch und schon 1838 konnten die Zügel gelockert und der nachhaltige Hiebs-satz wieder angehoben werden. Dies hatte zur Folge, daß viele Familien in der Stadt ihr Gabholz gar nicht mehr voll benötigten und gegen entsprechende Vergütung der städtischen Forstverwaltung ihr Holz wieder zur Verfügung stellten. Inzwischen aber war auch die Saline Dürrheim eröffnet worden, die einen großen Brennholz-bedarf hatte. Die Stadt lernte sehr rasch, daß man damit Geld verdienen und den Stadtsäckel auffüllen konnte. Um 1850 trat wieder ein Wandel in der Wirtschaftsstruktur ein, besonders aber nach 1873, nach dem Bau der Schwarzwaldbahn. Jetzt entstand eine Nachfrage nach Nutzholz (Stammholz), das man bisher gedankenlos ins Brennholz geschnitten hatte. Und für Nutzholz, das man nunmehr mit der Bahn auch in andere Gebiete (Großstädte) verfrachten konnte, erlöste man das Mehrfache als für das billig hergegebene Berechtigungsholz. Gleichzeitig stieg der Geldbedarf der Stadt für öffentliche Aufgaben, für die Pflasterung der Straßen, Stadterweiterung, Gas-, später elektrische Beleuchtung, Wasserleitung, neue Schulen, Krankenhaus, Schlachthof usw. Die Stadt wuchs aus ihren engen Mauern heraus. Das städtische Forstamt war damals eine, vielleicht sogar die wichtigste Einnahmequelle der Stadt, die ja immer noch eine kleine Ackerbürgerstadt und bis dahin keine Industriestadt war. Die Umstellung von der Brennholzwirtschaft zur Nutzholzwirtschaft, von der Naturalwirtschaft zur Finanzwirtschaft, war für einen Forstbetrieb jetzt oberstes Gebot. Daraus ergab sich aber auch die Notwendigkeit, die Kirnacher Brennholz-Berechtigungen abzulösen, zumal sich auch aus der Verpflichtung, das Zinsholz aufzubereiten, ständig zunehmende Schwierigkeiten ergaben, bis hin zu der Weigerung im Jahre 1875, diese überhaupt noch zu erfüllen. Diese für beide Teile unerfreulichen und unbefriedigenden Verhältnisse bedurften einer neuen Regelung, die allen Beteiligten gerecht wurde.

Der neue Dienstvorstand des Forstamts (1875), Oberförster Ganter, schlug vor, jedem Hausholzberechtigten gerechterweise ein Waldstück in der Größe und mit einem Holzbestand zuzuweisen, „daß der Berechtigte bei ordnungsmäßiger Bewirtschaftung desselben, nachhaltig einem reinen Jahresertrag seines Holzrechts gleichkommenden Geldertrag daraus ziehen und seinen Brennholzbedarf selbst decken konnte.“

Die Holzrechte wurden bewertet:

Klasse jährlich 5,6 fm = 93 ar

Klasse jährlich 4,5 fm = 75 ar

Klasse jährlich 3,4 fm = 65 ar

Die abzugebenden Grundstücke hatten demnach eine Größe von 0,75 —1,50 ha mit einem Holzvorrat von 250 —450 fm.

36 Berechtigte stimmten 1880 zu, andere zogen es vor, sich in Geld oder Acker abfinden zu lassen. Im ganzen wurden damals 26 ha Waldfläche und Geldbeträge von 900 — 1 200 Mark (damalige Währung), in einem Fall 2 500 Mark je Berechtigten abgegeben.

Außerdem konnten alle Kirnacher jetzt ihren Brennbedarf durch die in genügender Zahl vorhandenen „Reisholzschläge“ in den inzwischen herausgewachsenen Altholzbeständen bei Selbstaufbereitung billig decken. „Reiswellen“ wurden bis in die Gegenwart das bevorzugte und beliebte Brennmaterial in den angrenzenden Höfen, bis sie auch hier durch das Öl verdrängt wurden.

27 Berechtigte aber beschritten den Klageweg. Wieder kam es zu langwierigen Prozessen und erst 1885 konnten auch diese Rechte durch Gerichtsbeschluß in gleicher Weise abgelöst werden. Selbstverständlich haben auch diese 27 Prozesse ein gutes Einvernehmen zwischen Stadt und Unterkirnachern stark beeinträchtigt, es wurde auf lange Zeit wieder getrübt.

Durch diese Ablösungen (Waldweide und Holzrechte) entstand der Kleinparzellenwald in Unterkirnach.

Aus Gelegenheitsarbeitern werden ständige Waldarbeiter im Stadtwald

Aufgrund des Badischen Forstgesetzes von 1833 wurde 1834 das Städtische Forstamt eingerichtet.

Anstelle der bis dahin mehr oder weniger planlosen Exploitationswirtschaft (Ausbeutungswirtschaft) trat nun eine planmäßige, nachhaltige und intensive Forstwirtschaft. In diesem Sinne wurden auch nach und nach die bisherigen, schädlichen Selbstwerberhiebe abgeschafft. Der Holzeinschlag und die gesamte Waldarbeit (Wegebau und Kulturen) wurde nunmehr von ständigen Waldarbeitern ausgeführt, die bisherigen Taglöhner traten nun in den Dienst des Forstamts als ständige Waldarbeiter und wurden unentbehrliche und wertvolle Mitarbeiter, ohne die die weitere Entwicklung des Stadtwaldes überhaupt nicht denkbar gewesen wäre.

Die Erholungsfunktion des Waldes

Wir leben in einer Zeit, die uns fast täglich mit neuen Entwicklungen und Veränderungen konfrontiert. Unterkirnach hat sich in den letzten 20 Jahren vollkommen verändert. Das typische, liebenswerte Bauerndorf mit seinen weit verstreut liegenden Höfen hat sich zu einer Wohngemeinde der Stadt Villingen verändert, der Stadthofberg entwickelte sich zu einer großen Bungalow-Siedlung. Daneben versucht die Gemeinde den Kurgedanken zu verwirklichen und Unterkirnach zu einem Erholungsort zu gestalten. Klima, Lage und Schwarzwaldlandschaft bieten hierfür gute Voraussetzungen. Die wichtigste Grundlage, Ausgangspunkt aller Überlegungen, aber ist der Wald, der Stadtwald mit seiner ebenen Lage und den weiten Spazierwegen, den Kinderspielplätzen und Brunnen, dem Wildgehege und den Raststätten. Auch auf diesem Gebiet bestehen heute und in der Zukunft enge und unbestrittene Wechselbeziehungen zwischen den Kirnachern und dem Stadtwald. Einmal mehr ein Pluspunkt, eine neue Grundlage des Zusammenlebens, die man nicht unbeachtet lassen oder übersehen sollte, wenn man gute Nachbarschaft zu pflegen versteht.

Es wurde versucht, die sich aus seiner Lage ergebenden, durch Jahrhunderte ständiger Bindungen zwischen Un-terkirnach und dem Stadtwald anhand historischer Quellen und Fakten zu skizzieren und zu erläutern. Insbesondere wurde aber auch versucht, die Ursachen bestehender Animositäten zu finden, zu erklären und damit abzubauen. Die eingangs gestellten Fragen, Merkwürdigkeiten oder örtlichen Besonderheiten können beantwortet werden, wenn man die natürlich gewachsenen Zusammenhänge erkennt.

Noch eine Erinnerung zur Gegenwart

Siegfried Baumann, der tatkräftige Bürgermeister; dem Unterkirnach den Wandel der Anpassung an die neuen Strukturen unserer Zeit verdankt, schreibt in „Unterkirnach — vom Bauerndorf zum Luftkurort“ (ALMANACH 84, Heimatjahrbuch Schwarzwald-Baar-Kreis, 8. Folge, Herausgeber Schwarzwald-Baar-Kreis, Landratsamt, S. 18f.) den Satz, „… vor allem Wegerechte waren über Jahrzehnte Streitgegenstände.“ (Mit Villingen, die Red.) In einem privaten Brief an mich heißt es sogar „seit Generationen“.

Die Worte „über Jahrzehnte“ bedürfen nach meiner Auffassung einer Überprüfung bzw. Berichtigung. Mir ist jedenfalls in den Ratsprotokollen der Stadt Villingen, den Waldakten des Stadtarchivs und den Forstakten niemals eine Eingabe, Beschwerde oder Streitschrift in dieser Angelegenheit begegnet. (Die Gemeindeakten von Unterkirnach wurden allerdings nicht bearbeitet.)

Jahrhundertealter Kirch- und Schulweg Gropperhof— Unterkirnach.

 

Bei der Beurteilung dieses Wege-Problems kann man von der ersten Waldvermessung, einer Karte von 1783 von Broz und Vossler, ausgehen. (Siehe die stark verkleinerte Reproduktion in diesem Beitrag. Das Original befindet sich im General-Landes-Archiv Karlsruhe und besitzt die Größe von immerhin 1,0 x 2,0 m.)

In dem damals fast noch weglosen Stadtwald (Distrikt Langmoos) finden sich auf der Karte, von den gerodeten und an Unterkirnacher Landwirte und Taglöhner abgegebenen „Zinken“ ausgehend (z. B. Gropperfeld, Moosloch, Bärloch, Spechtloch usw.), unbefestigte Fuß- und Karrenwege, strahlenförmig, d. h. immer der kürzeste Weg, nach Unterkirnach: typische Kirch- und Schulwege. Diese Wege sind, obwohl sie heute kaum noch benutzt werden, im Walde gut zu erkennen; sie dienen heute noch häufig als Schleifwege für die Holz-ausbringung.

Bei der Trennung von Unterkirnach von der Stadt Villingen (1806), mußte über die Zugehörigkeit der Bewohner der Zinken, d. h. dem ursprünglichen Villinger Grundgebiet, entschieden werden. Die Entscheidung fiel aufgrund der Zugehörigkeit zum traditionellen Kirchhof (Pfarrei), zum Friedhof und zur Schule — also nach Unterkirnach. So entstand diese „eigenartige Grenzregelung“ (S. Baumann). Diese alten Wege haben also eine Rolle für diese Zugehörigkeit gespielt. Ihre weitere Benutzung nach der Trennung dürfte nie in Frage gestellt worden sein.4)

Ab 1850 begann der Ausbau des heutigen Waldstraßennetzes. Es entstanden die Wasser — Lehm — gebundenen Makadamstraßen, d. h. Schotterstraßen, die den Anforderungen der Holzabfuhr (langsamer Verkehr) noch heute uneingeschränkt entsprechen. Diese Neubauten waren nunmehr und zwangsläufig nach der Holzabfuhr orientiert, d. h. überwiegend von Westen nach Osten, in Richtung Kirnacher Bahnhöfle. Diese befestigten Wege waren natürlich besser und zweckmäßiger als die alten Karrenwege, so daß die Anlieger sofort auf diese Wege „umstiegen“, auch wenn sie dabei Umwege in Kauf nehmen mußten. Zu Konflikten mit der Forstverwaltung darüber dürfte es niemals gekommen sein, da viele Anlieger beim städtischen Forstamt beschäftigt waren und dieser bäuerliche Verkehr kaum schädigenden Einfluß auf die Waldstraßen gehabt hat. Jedenfalls fand ich 1951 diese Verhältnisse noch vor und kann mich nicht an Streitigkeiten über diese Frage erinnern.

Um 1960 trat jedoch eine Änderung ein, die nicht von den Bewohnern der Zinken sondern von Villingen her ausging. Es war wieder ein typischer Strukturwandel: Das Auto kam in die Wälder! Es begann die „Motorisierung der Bevölkerung“. Jetzt fuhren die ersten stolzen neuen Pkw-Besitzer entweder „zur Erholung“ oder um sich für die Fahrschule zu üben in „ihren“ Wald. Diesem schnellen (!) Verkehr waren aber die Makadam-Schotterstraßen nicht gewachsen; der Schotter wurde aus seiner festen Lagerung und Bindung gerissen, es entstanden schwere Schäden durch Schlaglöcher, und die Wege lagen stundenlang unter einer Staubwolke, sehr zum Ärger und Entsetzen der Spaziergänger. Die sehr aufwendige Instandsetzung der Wege kam dem raschen Verschleiß nicht nach. Die Wege mußten daher für den Kfz-Verkehr gesperrt werden, mit dem Zusatz „Anlieger frei“. Aber um diese Einschränkung kümmerte sich niemand. Fast jeder „erholungssuchende“ Pkw-Fahrer kannte irgend einen Unterkirnacher Namen, wie Beha, Blessing, Dold oder Ketterer und gab sich als Anlieger-Besuch aus.

Gerade um diese Zeit tat das Forstamt viel zur Förderung des Spaziergänger-Verkehrs. Waldbrunnen wurden geschaffen, Kinderspielplätze angelegt, Bänke und Grillstellen angeboten. Was tun mit den Wegen? Es blieb nichts anderes übrig, als die Zufahrtswege zum Stadtwald mit Schranken abzusperren und die Bewohner der Zinken auf andere Ausfahrten (Brigachtal) zu verweisen, zumal bereits der Ausbau der Grünen-Plan-Wege begonnen hatte. Natürlich führten solche Einschränkungen zu Mißstimmungen, Ärger und in deren Folge auch Übertreibungen, die dem Verfasser dieses Berichts noch in „lebhafter“ Erinnerung sind. — Das Wege-Problem entstand also erst in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts!

Zwischen 1970 und 1974 wurden dann aber durch Zusammenarbeit (auch finanziell) seitens der Gemeinde Unterkirnach und dem städtischen Forstamt Villingen das Problem gelöst: Ein Teil der Waldstraßen (z. B. Mooslochweg) wurden mit einer Schwarzdecke versehen, d. h. asphaltiert, andere Teile des Stadtwaldes dafür für jeden Kfz-Verkehr durch Schranken gesperrt. Die Gemüter haben sich heute beruhigt, und die meisten Autofahrer wissen im Zuge eines veränderten Umweltbewußtseins, daß Waldwege nicht dem freien Autoverkehr gewidmet sein dürfen.

Anhang

„Villingen, den 11. Juli 1825

Großherzogliches Bezirksamt

Villingen

Nr. 6917

In Sachen die Eingabe der Gemeinde Unterkürnach vom 22. Juni und die berichtliche Äußerung des Stadtrates zu Villingen vom 4. Juli 1825, Nr. 1115, die Abgabe des Schul-Holzes zur Heizung des Schulzimmers zu Kür-nach aus den Waldungen der Stadtgemeinde Villingen betreffend, wird die Sache dahin erledigt.

Nachdem die Gemeinde Unterkürnach von der gemachten Forderung mit 15 Klafter Schul-Holz abgeht, und sich mit der bisherigen Abgabe von 12 Klaftern auf dem Stock oder gegen den Macherlohn begnügt, der Stadtrat aber diese Abgabe bisher eingestanden hat, so wird dieser Besitzstand in der Art gehandhabt und die Gemeinde Unterkürnach darin geschützt.

1. Die Stadtgemeinde Villingen als Zehend-Herr von Unterkürnach, hat aus den städtischen Waldungen wie bisher für die Schule zu Unterkürnach jährlich 12 dreischühige Klafter Holz nach bisherigem Villinger-Maß auf dem Stock anzuweisen oder, wenn hierbei Anstände entstehen gegen Vergütung des Macherlohnes durch verpflichtete Holzmacher aufgesetzt abzugeben.

2. Wenn eine allgemeine forsteiliche Beschränkung der Holzberechtigungs-Abgaben durch Anweisung für Stockholz oder auf andere Art eintritt, so hat sich dies die Gemeinde Unterkürnach auch bei der Schul-Holz-Abgabe gefallen zu lassen.

3. Die Abgabe wird als eine observanzmäßige Last der Zehend- und ehevorigen Grund-Herrschaft angesehen und kann der Besitzstand der Gemeinde Kür-nach, solange der Zehend-Bezug der Stadtgemeinde Villingen stattfindet, nicht aufgehoben werden. Der Stadtgemeinde Villingen bleibt dagegen unbenommen, wegen verlorener Grund-Herrschaft- und Patronat-Recht einen allfälligen Beitrag gegen die Betreffenden anzusprechen.

4. Die Kosten, welche bei der Anweisung und Abgabe sich ergeben, sind von der Gemeinde Unterkürnach wie bisher zu bestreiten. Hiervon wird der Stadtrat verständig.

gez. Unterschrift“

Literatur

Preiser Hermann Die Herren von Kürneck Stadtarchiv Villingen, Band I, 1975

Rodenwaldt Ulrich Der Villinger Stadtwald Ring-Verlag, Villingen, 1962

Der Wald einer alten Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 17. Und 18. Jahrhunderts Stuttgart 1977

Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg, Band 48

Das Leben im alten Villingen Herausgabe Dr. Wilhelm Binder, Villingen 1976 Weber M.

Die Rodungen und Besitzungen Tennenbachs auf der Baar Verlag Wiebelt, Villingen 1937

Fußnoten

1) Hermann Preiser schreibt, daß der „Herrenwald“ den Kürneckern gehört habe. Ich vertrete die Auffassung, daß der „Herrenwald“ nach seiner Lage mit Sicherheit zur Burg Roggenbach gehört hat. Es wäre denkbar, daß beim Tode von Werner von Roggenbach (1185) diese verhältnismäßig kleine Waldparzelle (es dürfte sich um ca. 20 ha handeln) an die Kürnecker kam. Aber schon 120 Jahre später (1320) bei der Aufteilung des „Tennenbacher Hofs“ wurde der „Herrenwald“ wieder in den Teilungsplan einbezogen und dem Schulerhansenhof zugeschlagen. Es gehörte zu diesem Zeitpunkt wieder zum Tennenba-cher Gut.

2) mittelhochdeutsch: lachen = mit der Axt geschlagenes Merkzeichen in der Rinde eines Grenzbaumes.

3) Siehe: Rodenwaldt U. Das Leben im alten Villingen

4) Dieser Tage ist von einem Geschichtsschreiber, der sich derzeit im Lohnauftrag mit der Unterkirnacher Dorfgeschichte befaßt, gesprächsweise bemerkt worden, die Zuordnung der Zinken zu Unterkirnach sei schlicht und einfach des Ergebnis großherzoglich-badischen Verfügungsentscheids. Meine Ausführungen wurden in den Bereich der unbewiesenen Hypothesen verwiesen und gleichzeitig verworfen — als hätte es für eine Regierungskommission nicht Entscheidungskriterien gegeben. Die von mir angeführten Gründe sind nicht einfach nur „traditioneller“ Natur im Sinne von behaupteten Zweckmäßigkeitsbräuchen. Stets gibt es dafür auch rechtshistorische Gründe, die für die Entstehung von „Tradition“ ursächlich sind und die sich bewahren. Ein Beispiel: Als am 25. Juni 1506 das Zisterzienserkloster Tennenbach (bei Emmendingen) das heutige Dorf Unterkirnach an die Stadt Villingen verkaufte, kam es als Dependenzort auch unter die Niedere Gerichtsbarkeit der Stadt. Schon in der kurz darauf erfolgten Jahrgerichtsordnung vom 25. April 1508 ist u. a. angeordnet: „Item es soll auch hinfürther kainer mer, wer der sei, an bannen sonn- und fiertagen anderstwahin gehn, das ampt der hailigen mess oder das wort gottes zu hören, dann under seinem verordneten seelsorger oder in der statt kirchen oder zu Verenbach, bei unnachlässlicher straf 10 1d, hall.“ In solchen Beispielen liegen die Wurzeln für Rechtsentscheidungen der Jahre des Übergangs 1806/07. Für den Unkundigen erscheinen sie allerdings als Zufälligkeiten.

 

 

„Villingen und Umgebung” Eine Planzeichnung gibt Rätsel auf (Herbert Muhle)

Vor uns liegt eine kolorierte Federzeichnung „Villingen und Umgebung“ von einem unbekannten Zeichner, aus Villinger Privatbesitz. Die Zeichnung entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, nach 1813, denn das Papier trägt ein Wasserzeichen: J. Whatman 1813. Format: H 32,5 cm x B 24,5 cm, ohne Falzung B 21,7 cm. Auf der linken Seite befindet sich ein links untergeschlagener Falz mit Einstichlöchern, was darauf hinweist, daß das Blatt einmal in einem Heft gebunden war, rechts befindet sich nach links übergeschlagen ein Falz, der auch über die untere Zeichnung hinweggeht und vermutlich die Legende enthielt. Diese fehlt leider, obwohl in der Zeichnung große und kleine Buchstaben weitere Erläuterungen bedingen. Die Zeichnung— mit Ausnahme des Münsters — außerordentlich sorgfälig ausgeführt — man achte nur auf die Altstadtkirche und die oberhalb entlang verlaufende Straße nach Donaueschingen (rot, wie nach Hornberg und nicht ocker wie die anderen Straßen) oder den „Schwedischen Damm“ — ist wohl mit Sicherheit die letzte Darstellung unserer Stadt in den mittelalterlichen Grenzen und mit voll erhaltener Ringbefestigung. Selbst das sog. „Bügeleisen“, der Flankenschutz am „Haubenloch“, ist so genau zu erkennen, wie die Führung des Hauptwasserlaufes durch die Stadt, das noch vorhandene „Nieder-Thor“ und das abgerissene Alte Kaufhaus in der Oberen Straße. Wer Freude daran hat, mag noch viele weitere Details erkennen. Interessant ist auch die Darstellung der topographischen Verhältnisse rund um die Stadt. Nicht wie wir es heute gewohnt sind in Höhenlinien, sondern in einer Art „Faltenlinien“, die an besonders steilen Stellen sehr eng gezeichnet sind, und die aufrecht zur Steigung verlaufen — die sogenannte Schraffe — wird das Gelände, übrigens sehr plastisch, dargestellt.

Der unter dem Kartenblatt angebrachte „Durchschnitt der Mauer Umfassung ViIlingens beim Ried Thore“ zeigt uns die alte Befestigung unserer Stadt, wie sie bis zur Überalterung im 18. Jahrhundert allen Stürmen der kriegerischen Zeiten standgehalten hat. Das Riettor, —früher, wie wir wissen Franziskus-Tor, zeigt uns seine ursprünglich abnehmbare Haube, die Haupt-Stadtmauer mit dem Absatz für den Wehrgang. Dann folgt von innen nach außen Zugbrücke und Brücke über den inneren Graben, Stützmauer und Mauer für den Vorwall, die sogenannte Fülle, sogar mit einem Baum, Vortor (sogenannter Erker), eine weitere Brücke über den äußeren Graben und nochmals eine Mauer gegen das dann ansteigende Gelände des Hubenlochs. — Wie mag den Soldaten des Marschalls Tal lard zumute gewesen sein, als sie an dieser Stelle in den Tagen vom 11. — 21. 7. 1704 die Stadt angreifen sollten.

Kehren wir zu unserem Blatt zurück. Es erhebt sich natürlich die Frage, zu welchem Zweck dieses in den Jahren nach 1813, also als Villingen schon zum Großherzogtum Baden gehörte, angefertigt wurde, und wen interessierte zu diesem Zeitpunkt noch die Villinger Befestigung? Wie man von den heutigen Besitzern hört, wurde dieses Blatt bei einer Versteigerung in Tirol erworben. Die Maßstabangaben sind in den von 1812 bis 1861 in Frankreich zur Erleichterung der Einführung des metrischen Systems gebräuchlichen „Toisen“ (1 Toise = 2 m zu 6 Pieds/Fuß eingetragen, wobei für Fuß die in Österreich früher übliche Bezeichnung „Schuh“ verwendet wird. Die Herkunft des Blattes ist unbekannt. Es darf also spekuliert werden. Ob z. B. in Österreich Pläne und vor allem Schnitte durch Fortifikationen aus den ehemaligen österreichischen Besitzungen angelegt und gesammelt wurden? Wir wissen ja, daß der Übergang nach dem Ende der Habsburgischen Herrschaft auf das Großherzogtum Baden nicht so reibungslos vor sich ging, und so mancher Villinger, wie auch Freiburger und Konstanzer, weiterhin an der alten Herrschaft hing. Das Blatt scheint mir für militärische Zwecke angefertigt zu sein. Ob da wohl in Österreich einige Leute saßen, die an die Möglichkeit dachten, das Rad der Geschichte könne sich nochmals rückwärts drehen? Wie gesagt: hier darf spekuliert werden. Wer bietet eine andere Deutung an? Eine Zeichnung gibt Rätsel auf.

 

Zeichnung Oben: Zum Maßstab für die Ringanlage Schuh = Fuß 1 Badischer Fuß = 0,300 m 1 Wiener Fuß = 0,318 m (Österreich) Da wir nicht wissen, welches Maß zugrunde liegt, beträgt bei genau 100 badischen Fuß die Tiefe der Ringanlage ab Außenseite der inneren Ringmauer bis Außenseite der Futtermauer links, 30 m, nimmt man das österreichische Maß sind es 32 m.