Aus der Vereinsgeschichte

Geschichts- und Heimatverein älter als vermutet

1994 feierte der GHV das 25-jährige Vereinsjubiläum. Günter Rath als Erster Vorsitzender hatte hierzu auf der Jubiläumsveranstaltung am 2. Juni 1994 eine Rede gehalten. Wie aus seinem Munde zu erfahren war, erfolgte am 9. Juni 1969 in den Villinger Zeitungen der Aufruf geschichtsinteressierter Bürgerinnen und Bürger einen Geschichts- und Heimatverein „wieder neu zu begründen“. Die betreffende Gründungsversammlung fand dann am 16. Juni 1969 statt. Sie war einberufen worden von Uta Baumann, Dr. Wilhelm Binder, Wolfgang Blessing, Hans Brüstle,

Dr. Josef Fuchs, Dr. August Kroneisen und den Geschwistern Frieda, Gertrud sowie Hildegard Heinzmann. Doch – gab es denn nicht schon einen „Heimatverein?“ Und waren unter den obigen Namen nicht Personen, die diesem Verein angehörten? Tatsächlich ist hier exemplarisch Hans Brüstle zu nennen. Er wurde nämlich der Vorsitzende des „neuen“ Vereins. Inzwischen fanden sich hierzu ältere Hinweise: Nachdem es schon vor 1958 eine „Art des Heimatvereins als lose Vereinigung“ gegeben hatte, lud mit dieser Formulierung Johann Baptist Blessing (Oberhusbuer) am 8. März 1958 zu einer „Gründungsversammlung“ für den 12. März 1958, 20 Uhr, in das Hotel „Blume Post“ ein. Es sollte sich zunächst nur um einen kleinen Kreis von zehn geladenen Teilnehmern handeln. Ihre Namen:

Dr. Joh. Nep. Häßler, prakt. Arzt, Klosterring 2

Hans Brüstle, Hauptlehrer, Rote Gasse 15

Richard Fuhrer, Malermeister, Färberstraße 65

Hermann Grieshaber, Angestellter, Schützenstr. 9a

Josef Honold, Dipl.-Kaufmann, Niedere Straße 2

Wilhelm Kaiser, Mechaniker, Schulgasse 23

Heinrich Mauch, Postschaffner, Goethestraße 27

Kurt Müller, Rechtsanwalt, Wehrstraße 1

Hermann Neugart, Rentner, Kalkofenstraße 8

Hubert Schieber, Verwaltungsinspektor, Warenburgstraße 1

Zu dem vorgesehenen Zweck hatte Blessing „den Entwurf über die Niederschrift der Gründungsversammlung gefertigt, in dem die Satzung aufgenommen ist.“ Dieser Wortlaut des Satzungsentwurfs für einen eingetragenen Verein datiert vom 12. März 1958.

Zum „Zweck des Vereins“ heißt es darin:

§1 Der „Heimatverein“ Villingen erstrebt und fördert:

a) die das Stadt- und Kreisgebiet berührenden Geschichtsquellen zu erforschen,

b) die alten Bauwerke, insbesondere das geschichtliche Baubild, zu erhalten,

c) die Volks- und Heimatkunde zu pflegen, d) die Familien- und Sippenforschung zu unterstützen.

§2 Mit seinem Wirken sollen vorwiegend:

a) anregende und aufklärende Vorträge ermöglicht und vermittelt,

b) einschlägiges Schrifttum verfasst und veröffentlicht und

c) zweckverwandte Bestrebungen anderer Heimat- und Geschichtsvereine gefördert und unterstützt werden.

§3 der Satzung besagt „Der Verein führt den Namen ,Heimatverein Villingen‘. Er ist in das Vereinsregister einzutragen…“.

Über die Aktivitäten ist heutzutage nur noch wenig bekannt, etwa die Anregung an Oberbürgermeister Severin Kern, den im 75. Lebensjahr als Archivar und Custos der Städtischen Sammlungen zurücktretenden Dr. Paul Revellio zu ehren (Anm.: Er wurde später Ehrenbürger der Stadt), verbunden mit einer Denkschrift zur künftigen Gestaltung und Entfaltung des Archivs und der Sammlungen. (Schreiben des „Heimatvereins e.V.“ vom Juni 1961. Da auf der Kopie die Absenderangabe „Klosterring 3“ steht, müsste das Original die Unterschrift des Vorsitzenden Dr. Nepomuk Häßler getragen haben.)

Mit Briefkopf „Heimatverein e.V. Villingen- Schwenningen“ lud am 12. Juni 1961 der „stellvertretende Vorsitzer“ Blessing die Mitglieder des Vorstandes und Beirats zu einer Zusammenkunft für den 15. Juni ein. Es ging dabei um die Konsultation der Stadt wegen der Benennung neuer Straßenzüge. Die angeschriebenen Personen waren: Dr. Nep. Häßler, Klosterring 2, Hans Brüstle, Rote Gasse 13, Richard Fuhrer, Färberstraße 65, Josef Honold, Niedere Straße 2, Wilhelm Kaiser, Schulgasse 23, Heinrich Mauch, Goethestraße 27, Hermann Neugart, Kalkofenstraße 8, Hubert Schieber, Warenburgstraße 12, Gustav Walzer, Neustadt/Schw., Bahnhofstraße 18, Erwin Kaiser, Hotel „Blume Post“, Bickenstraße 2. (In einem Anschlussschreiben vom 21.06.61 war Letzterer ausgelassen.)

Von diesen „Altmitgliedern“ gehörten dem „neuen“ Geschichts- und Heimatverein an: Hans Brüstle als Vereinsvorsitzender, Dr. Nep. Häßler als Ehrenmitglied, Hubert Schieber, Erwin Kaiser, Hermann Neugart – während die eventuelle Mitgliedschaft der übrigen nicht geprüft wurde.

Was der Verein an Aktivitäten einbrachte ist für die frühere Zeit nur über Hörensagen zu erfahren. Lediglich ein Schreiben des Bürgermeisteramtes vom 3. September 1962 an den Heimatverein bezeugt dessen Existenz weiterhin. Es ist zu vermuten, dass nach dem Tode von Joh. Baptist Blessing (1965) ein „Motor“ fehlte und die Aktivitäten erlahmten.

Ein Aufhören des Vereins im Sinne der satzungsgemäßen Auflösung ist jedenfalls nicht feststellbar. Als 1969 der „neue“ Verein aus der Taufe gehoben wurde, bot allein schon der Name Hans Brüstle, als dessen Erster Vorsitzender, die Gewähr für eine ungebrochene Kontinuität unter unveränderten Vorzeichen des Vereinszwecks. Es tauchen im Vorstand und dem Beirat allerdings neue Namen auf, wie schon weiter oben dargestellt. Zweiter Vorsitzender wurde Hermann Preiser, der nach dem Tode Brüstles 1976 über einige Jahre zur bindenden und gestaltenden Kraft wurde.

Gab es einen äußeren Anlass, ein Motiv der die „Neugründung“ stimulierte und in deren Folge 81 Personen spontan dem Verein beitraten? Es gab ihn, auch wenn er inzwischen in die scheinbare Bedeutungslosigkeit oder Vergessenheit abgetaucht ist: Es war die Zeit als das Großprojekt der Nachgrabungen am keltischen Fürstengrabhügel Magdalenenbergle 1969 in ein akutes Stadium trat. Professor Edward Sangmeister von der Universität Freiburg hatte sich entschlossen, den Anregungen der späteren Vereinsmitglieder Oberforstdirektor Dr. Rodenwaldt und Fabrikant Kuno Moser zu folgen und, in Ergänzung der Grabung von 1890, eine modernen Ansprüchen genügende Ausgrabung mit wissenschaftlicher Überwachung durchzuführen.

Vor einem mit Publikum vollbesetzten Saal im Alten Rathaus referierte vor dem Gemeinderat sein als Grabungsleiter vorgesehener Assistent Dr. Konrad Spindler. Es mobilisierten sich geschichtsinteressierte Bürger und das erklärt auch die Welle der Eintritte in den Geschichts- und Heimatverein. Während der folgenden Grabungen ab 1970 war der Verein in mehrfacher Hinsicht aktiv. Aber war es wirklich ein n e u e r Verein? Wir meinen, dass über die Kontinuität der maßgeblichen Personen zwischen „altem“ und „neuem“ Verein in der Sache kein Unterschied zu machen ist, es sei denn, man würde den „juristischen Maßstab“ einer „Neugründung“ anlegen, d. h. dass der „neue“ Verein sich eine „neue“ Satzung zulegte. Es scheint uns angebracht weder von einer Gründung noch einer Neugründung sondern von einer Neubelebung des Heimatvereins, der sich jetzt „Geschichts- und Heimatverein“ nannte, zu sprechen.

Kann man sich auf diese Interpretation verständigen, dann ist das Alter des Geschichts- und Heimatvereins Villingen über die Kontinuität von Personen und der Sache zumindest auf das Jahr des allerersten Satzungsbeschlusses zu datieren, d. h. auf das Jahr 1958. Das „25. Jubiläumsjahr 1994“ würde dann zum 36. und das Jahr 2002 zum 44. Jahr der Gründung.

 

Tula, unsere russische Partnerstadt (Dr. Marianne Kriesche)

Die geschichtliche Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart

Die ersten Siedler

Wie wir aus den ältesten Funden wissen, lebten schon die Frühmenschen auf dem Territorium, das heute den Namen „Gebiet Tula“ trägt. Am dichtesten siedelten sie am Mittellauf der Krasiwaja Metscha im sogenannten Schilawskital, das wegen seiner hohen Ufer und breiten Auwiesen bekannt ist. Die einzigartige Landschaft mit ihren Wäldern, in denen verschiedene Tiere, Pflanzen, Beeren und wilde Obstbäume zu finden waren, schuf ideale Lebensbedingungen für Jäger, Fischer und Sammler und später auch für die Ackerbauern. Zu einem der ältesten historischen Denkmäler zählt man eine Siedlung beim Dorf Bogowo in der Nähe von Efremov. Ihre Entstehung datiert man etwa auf das Jahr 250.000 v. Chr. Die Funde von abgeschliffenen Äxten aus der frühen Bronzezeit sind 500 bis 1.000 Jahre jünger. Die weiteren Entwicklungen verlaufen ähnlich wie in den Nachbargebieten. Historische Quellen fließen wieder reichlicher mit der Ausbreitung der Volks- und Sprachgruppe der Slawen auf dem Territorium des heutigen Russland. Ihre Urheimat lag zwischen den Karpaten und dem Don. Ihr Name taucht zuerst im 6. Jh. n. Chr. auf bei den röm.-byzantinischen Geschichtsschreibern Jordanis1 und Prokop2, die über die Goten und ihre Kämpfe berichteten. Die Ausbreitung der Slawen nach dem Westen erfolgte allmählich durch Nachrücken, infolge der Auflockerung der germanischen Besiedlung in der Völkerwanderung. Bei der Besiedlung fühlten sich die Slawen nicht an eine bestimmte geographische Zone gebunden, sondern sie lebten ebenso in dichten Wäldern wie in der fruchtbaren Federgrassteppe.

Im Einzugsgebiet des Flusses Oka, der die Region Tula begrenzt, datiert man die ältesten Zeugnisse slawischer Besiedlung auf das 7. Jh. n. Chr. Von den Ufern des Dnepr führte Wjatko seinen Stamm an die Oka und an die Upa (ein Fluss, der heute durch Tula fließt). Nach ihrem Fürsten wurde der Stamm danach die „Wjatitschi“ genannt. Als die historische Siedlung Satinskoje im 10. Jh. von den Tartaren bis auf den Grund niedergebrannt wurde, lebten und entwickelten sich die Slawen im entlegenen Tal des Flusses Krasiwaja Metscha weiter.

Die Entstehung Tulas

Wie alte Chroniken aus dem 16. und 17. Jh. bezeugen, kamen die Wjatitschi bereits im 10. Jh. an den Fluss Upa. Auf einer Halbinsel am Zusammenfluss der Upa mit der Tuliza gründeten sie eine Siedlung. Diese war aus Erde gebaut und von einem hohen Pfahlzaun umgeben. Natürlich kann man hier noch von keiner städtischen Anlage sprechen, sondern eher von einer temporären Festung der Wjatitschijäger. In seiner „Geschichte der Entstehung des Herrschaftsgebietes Tula“ bietet der Historiker I. Sacharow3 1832 zwei Versionen zur Entstehung der frühen Siedlung an:

Einerseits eben die bereits erwähnte, dass die alte Siedlung am Zusammenfluss der Upa und der Tuliza lag. In diesem Fall handelte es sich um das heutige Gebiet des Tulaer Zentrums, wo die Waffenfabrik und eine bekannte Kirche aus der Mitte des 17. Jh. stehen. Allerdings gibt es keine konkreten historischen Spuren; nur im Volke bewahrte man die Erinnerung an diesen Ort.

Der zweite mögliche Standort der alten Siedlung wäre das Dorf Krjukowo, 15 Werst von Tula entfernt. Er ist aber unwahrscheinlicher als der erstere.

Die früheste schriftliche Erwähnung Tulas stammt aus dem Jahre 1146 und findet sich in Nikonows Chronik (M. N. Tichomirow 4). Obwohl nicht völlig unbestritten, wird sie der heutigen Zeitrechnung, z. B. bei der Feier des Stadtjubiläums, zugrunde gelegt.

 

Gesamtansicht des Stadtzentrums von Tula. Im Vordergrund links: das Waffenmuseum (eine ehemalige Kirche), rechts: die Mariä Himmelfahrtskathedrale 5.


Bis zum Ende des 14. Jh. spielte Tula keine bedeutende Rolle in Russland. Der Name taucht nicht in offiziellen Berichten politischer Ereignisse auf, sondern nur in juristischen Dokumenten. Diese sollten den Streit um das Territorium von Tula, der zwischen den Fürstentümern Moskau und Rjasan bestand, regeln.

Der Bezirk zählte zum Herrschaftsbereich der Tartaren, und Tula bildete den nördlichen Teil dieses Staates.

So gibt es auch eine These, dass der Name „Tula“ abgeleitet ist von „Teidula“. So hieß die Frau von Khan Dshanibek.

Nach einer anderen Version kommt die Benennung vom Flussnamen Tuliza. Bis zu den achziger Jahren des 14. Jh. gehörte Tula zum Gebiet der Goldenen Horde.

Als deren Heer im Jahre 1380 aufbrach, um nach Westen zu ziehen und Moskau zu erobern, wurde es mit Hilfe von Streitkräften aus Tula aufgehalten und in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld entscheidend geschlagen. Tula wurde der Status einer neutralen Zone zuerkannt. Dieser Zustand währte jedoch nicht lange. Bereits Anfang des 15. Jh. verlieh der Sohn von Dimitrij Donskoi, Wassilij, das Territorium an das Fürstentum Rjasan. Danach gehörte Tula für kurze Zeit (1430 – 1434) dem litauischen Fürsten Witowt, kam aber zum Fürstentum Rjasan zurück.

Im Laufe des 15. Jh. entwickelte sich Tula zu einem wichtigen Verteidigungsknotenpunkt auf dem mittelalterlichen Wald-Schutzgürtel von Moskau. Funde von Schmucksachen byzantinischer, syrischer und ägyptischer Herkunft, Glas- und Metallwaren zeugen von hochentwickelten Handelskontakten der Siedlung mit der Außenwelt. Die Entdeckung eines Buchverschlusses lässt auf Lese- und Schreibkenntnisse in der Bevölkerung schließen.

Das Mittelalter

Als entfernte Grenzsiedlung spielte Tula keine wichtige Rolle im russischen Gesamtstaat. Von 1500 – 1531 erlebten Tula und sein Nachbarterritorium mehrfach blutige Kämpfe infolge der Raubzüge der Tartaren, die 1534 am Fluss Osjotr geschlagen wurden.

Im Jahre 1521 vermachte der letzte Fürst von Rjasan testamentarisch seine Territorien, einschließlich Tula, dem Moskowitischen Reich.

Iwan III ließ an den südlichen Grenzen mächtige Verteidigungsanlagen bauen und wies Tula dabei die Rolle eines Befestigungszentrums zu. Wassilij III setzte die Politik seines Vaters fort und ließ

1514 einen Steinkreml bauen, der die hölzernen Verteidigungsanlagen ersetzen sollte.

„Tula ex lapide constructa“ (Tula aus Stein erbaut) überschrieb der venezianische Kartograph Battista Anchese die Karte, die 1525 veröffentlicht wurde. Vermutlich war Tula bereits in jenen Jahren in Europa bekannt.

Eine Steinburg zu bauen, war keine leichte Aufgabe. Ursprünglich hatte man begonnen, am linken Ufer der Upa eine Festung aus Holz zu errichten. Wie die Chronik berichtet, wurde 1509 die Stadt aus Holz fertiggebaut.

Die Anlage der Festung war ungewöhnlich, da sie nicht an den hohen, steilen Ufern eines Flusses errichtet wurde wie z. B. der Moskauer Kreml. Untypisch war auch die Entstehung des Tulaer Kremls. Die Anlagen in Moskau oder Nowgorod wurden um die vorher existierenden Städte gebaut. Tula als Stadt wuchs im Schutze der Kremlmauer heran.

Die erste Holzsiedlung wurde aus Eichenholz erbaut und stand 221 Jahre. Erst 1750 wurde sie abgebaut.

Als Material für den Kreml diente zunächst der berühmte weiße Stein aus Wenjow, der später, ähnlich wie in Moskau, durch Ziegel ersetzt wurde. Alle Bauarbeiten gingen 1520 zu Ende. Mit der Zeit belebte sich das Territorium des Kremls. Man baute die sog. „Belagerungshöfe“, in die sich die reicheren Schichten der Bevölkerung während der Raubzüge und Angriffe zurückzogen.

Nach der Chronik zählte die Tulaer Bevölkerung in den Jahren 1588/89 lediglich 882 Personen.

Im Zentrum des Kremls wurde Ende des 16. Jh. eine Kathedrale aus Holz auf Steinfundament errichtet, die von Anfang an Mariä Himmelfahrtskathedrale (Uspenskij Sobor) hieß.

Neben der Kirche befanden sich im Kreml die Häuser von Geistlichen und von den zwei Hauptpersonen in Tula, dem Heerführer und dem Obersten Priester.

Seit den ersten Jahren seines Bestehens begann der Kreml die Stadtentwicklung zu beeinflussen.

Von seinen Türmen gingen fächerähnliche Straßen aus. Die mächtige Burganlage versprach Schutz vor feindlichen Einfällen.

Dadurch lockte sie Händler und Handwerker an und förderte das Wachstum und den Reichtum der Stadt.

Die ersten Prüfungen

Die Festung Tula bewirkte Ruhe für das ganze Gebiet an den südlichen Grenzen. Doch gab es im Westen einen bedrohlichen Nachbarn: Litauen, das bereits 1404 die russische Stadt Smolensk besiegte. Als Wassilij III einen Kriegszug gegen Litauen durchführte, kam Tula eine besondere, strategische Rolle zu. Die Streitkräfte waren seit März 1513 in Tula konzentriert und gewannen Smolensk für Russland zurück.

1531 misslang ein Angriff der Krimtartaren auf Tula, das sich so behaupten konnte. Ihr weiterer Versuch, 1552 den Kreml im Sturm zu erobern, wurde ebenfalls zu Fall gebracht. Selbst Frauen und Kinder hatten dem Feind heldenhaft Widerstand geleistet.

Als sich Tula dem bewaffneten Aufstand der Kosaken und Bauern 1607 anschloss, mussten die Verteidiger wegen Hochwassers und Hungers in der Festung die Waffen strecken.

Die Neuzeit:

Tulaer Waffenschmiede

Für die Verteidigung der Städte und Festungen wurden viele Waffen benötigt. Tula bot gute natürliche Voraussetzungen für die Waffenherstellung: Eisenerz, Wälder und tüchtige Schmiede.

Seit Ende des 16. Jh. bekamen die Tulaer Schmiede regelmäßig Aufträge für die Herstellung neuer und die Reparatur alter Waffen. Die ersten Exemplare der Tulaer Waffen waren einfach und schmucklos. Gefordert wurden nur Qualität, Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit der Waffe. Doch mit der Zeit begannen sich die Tulaer Waffenschmiede auch für die Dekorierung ihrer Erzeugnisse zu interessieren.

Laut Erlass des Zaren Alexej Michailowitsch vom Jahre 1652 sollten die Tulaer Schmiede von den Meistern in Moskau lernen. Letzten Endes haben aber die Tulaer Schüler ihre Lehrer übertroffen.

In 1700 kaufte Peter I (der Große) Muster neuer Waffen im Ausland. Innerhalb von zwei Jahren wurden 11.194 Flinten nach Russland geliefert. Aber der Preis war zu hoch. Gegenüber der englischen Waffe galt das Gewehr aus Tula als preiswerter und zuverlässiger.

So erhielt die Stadt im Jahre 1703 vom Zaren einen ersten großen Auftrag für die Herstellung von 15.000 Flinten.

Am 26. Juli 1705 gründete Peter der Große per Erlass die erste Waffenfabrik. Die neuen Regeln für die Arbeit der Waffenschmiede schränkten die Freiheit der Meister bedeutend ein: Die Schmiede durften Tula nicht ohne Erlaubnis verlassen. Eine Berufsänderung war streng verboten. Für hohe Qualität bei der Produktion wurde zusätzliches Geld gezahlt, Ausschuss wurde streng bestraft. Faulenzer und Trinker wurden geschlagen und sogar an die Kette gelegt.

Am 28. Februar 1712 setzte der Zar den Erlass über die Errichtung der staatlichen Waffenfabrik in Tula in Kraft. Es war der erste Versuch Peters, eine staatliche Manufaktur mit Fronarbeit zu betreiben. Die Zahl der Waffenschmiede wurde um das Sechsfache vergrößert und die Produktion der Waffenfabrik Tula war beispielhaft für das ganze Land.

Katharina II erhöhte den Auftrag für die Waffenfabrik auf 90.000 Flinten. Etwa im Jahre 1775 besuchte die Zarin Tula und das Werk und fand es ausgezeichnet.

Die Initiative Peters des Großen förderte die Entwicklung der Stadt. Ohne Waffenfabrik wäre Tula ein kleines Provinzstädtchen geblieben. Tatsächlich aber nahm es jetzt eine aufsteigende Entwicklung.Bereits in den dreißiger Jahren des 18. Jh. wurden Maßnahmen zum Brandschutz ergriffen. Zur gleichen Zeit begannen die reich gewordenen Waffenschmiede Häuser aus Stein entlang der Upa zu bauen. Das Haus von A. Dimidow beispielsweise war ein richtiger Palast, in dem Katharina II übernachtete. Das schönste Gebäude aus dem 18. Jh. ist zweifellos die Mariä Himmelfahrtskathedrale im Kreml. Sie wurde in den Jahren 1762 – 1764 als Ersatz für die uralte, hölzerne Kirche errichtet. Den unbekannten Meistern gelang es, einen harmonischen Einklang aus Architektur, Malerei, Skulptur und Schnitzerei herzustellen. Einen bedeutenden Kunstwert verkörpern die vergoldete Ikonostase aus Holz und die Ikonen, die von Meistern aus Tula und Kaluga gemalt wurden.

In zehn Jahren (1772 – 1776) wurde nach den Plänen des Architekten Prawe neben der Kremlkathedrale ein Glockenturm mit einer Höhe von 67 m errichtet. Von ihm aus führten sternförmig drei Hauptstraßen in die Stadt. Dieses wunderschöne Bauwerk wurde in Sowjetzeiten leider zerstört.

Als Katharina II das russische Verwaltungssystem zu ändern begann, teilte sie mit Erlass vom 7. November 1775 das Land in 50 Gouvernements. Tula war eines von ihnen. Es bestand seinerseits aus 12 Landkreisen. Diese Einteilung ist insgesamt bis heute gültig geblieben.

Die Samowarhersteller

Ursprünglich gingen alle Gewerbe in Tula von den Waffenschmieden aus. So begann man die Herstellung der berühmten Lebkuchen, nachdem ein unbekannt gebliebener Schmied die Lebkuchenform erfunden hatte.

Die Fabrikation der Samoware begann im Jahr 1778 im Tulaer Stadtteil Saretschje, wo die Brüder Lisiziny die erste kleine Werkstatt eröffnet hatten. Die Herstellung war jedoch keine Neuerfindung, sondern war im Uralgebiet bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des 18.Jh. bekannt. In dünn besiedelten Gegenden brauchte man einen „Topf“, in dem man alles kochen konnte: Tee ebenso wie Eier. Es gab auch einen besonderen Samowar bestehend aus drei Teilen, in dem man ein Mittagessen von drei Gängen kochen konnte.

 

 

Tulaer Samoware 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

 

Im Jahre 1803 zählte die Werkstatt der Brüder Lisiziny schon 26 Mitarbeiter. Sowohl die Vielfalt der Formen und Muster als auch der erschwingliche Preis trugen zu einer hohen Rentabilität bei. Immer mehr Betriebe, die Samoware herstellten, entstanden in Tula. Gab es Anfang des 19. Jh. acht Fabriken, die für das Inlands und für das Auslandsgeschäft produzierten, so zählte Tula Ende des 19. Jh. schon 77 Samowarfabriken, in denen 1.362 Meister tätig waren.

 

Tulaer Geschenksamoware, Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Die weitere Industrialisierung und Mechanisierung


Noch ein weiterer Gewerbezweig wurde von einem Tualer Waffenschmied entdeckt, nämlich der Harmonikabau. Auf einer Messe in Nischni Nowgorod hatte dieser Schmied die Harmonika kennen gelernt, brachte sie mit nach Tula und errichtete eine eigene Werkstatt, um das Instrument nachzubauen. Zu gleicher Zeit entstand eine weitere Harmonikafabrik mit 20 Beschäftigten. Die schönen Zierelemente und die Preiswürdigkeit der Tulaer Instrumente machten sie bald in anderen Städten beliebt. Selbst in Moskau und Nischni Nowgorod wurden sie gerne gekauft. 1870 erfand Belborodow die chromatische Harmonika, Tschulkow, der 1880 mit seinen 6 Söhnen eine eigene Werkstatt gegründet hatte, entwickelte sie weiter und erhielt als Auszeichnung eine goldene Medaille.

Zwischen 1910 – 1912 arbeiteten in den Tulaer Harmonikawerkstätten 1.000 Meister. Die Harmonikaherstellung nahm hinter der Samowarproduktion den 2. Platz ein.

Eine Weiterentwicklung und Mechanisierung trat in der Waffenindustrie ein, als mit Mossins Erfindung 1891 die Massenproduktion der Flinte einsetzte.

Es ist nicht verwunderlich, dass Tula auf Grund der beschriebenen technischen und wirtschaftlichen Fortschritte bis zur Jahrhundertwende zu einem der wichtigsten Industriezentren Russlands wurde.

Tula am Vorabend der Revolution

Als im Jahre 1905 überall in Russland Aufstände aufflackerten, begannen im Oktober auch in Tula zahlreiche Streiks, an denen besonders die Bahn- und Telegraphenarbeiter beteiligt waren. Am 8. Oktober war das öffentliche Leben völlig lahmgelegt. Zwei Parteien standen einander gegenüber: die Revolutionäre und die Monarchisten. Am 20. Oktober gab es in der Hauptstraße, dem heutigen Leninprospekt, Kämpfe und Tote. Dann wurde die Ordnung wieder hergestellt.

Die Revolution

Im Februar 1917 begannen die Tulaer Werktätigen ihren Aufstand früher, als es in Moskau und Petersburg der Fall war. Die Ereignisse wurden eingeleitet durch einen Streik der Waffenarbeiter, dessen Ursache der Mangel an Brot war.

Da griff General Tretjakow ein, schloss die Waffenfabrik, und entließ die Arbeiter. Danach stellte er neue ein, damit die Waffenproduktion fortgesetzt werden konnte. So endete der erste Streik. Am 3. März verbreiteten Agitatoren in Tula Berichte über die Geschehnisse in Petersburg. Man bildete ein Komitee aus den verschiedenen Kräften: der Beourgoisie, den Menschewiken und den Bolschewiken. Letztere ließen sogleich auch einen Arbeiter- und Soldatenrat wählen.

Zunächst herrschte ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Menschewiken und Bolschewiken. Als aber die Nachricht von der Oktoberrevolution eintraf, erhöhten die Bolschewiken ihren Einfluss und nahmen Verbindung mit Moskau auf. In Tula herrschte Mangel an Lebensmitteln, die Betriebe funktionierten nicht, und es wurden keine Löhne ausgezahlt. In dieser Lage übernahm der Rat der Arbeiter und Soldaten im Dezember die Macht, nachdem die Menschewiken ihre Mitarbeit aufgesagt hatten. Diese Entwicklung verlief parallel zu den Ereignissen in ganz Russland.

Im März 1918 befand sich Tula vollständig unter der Kontrolle der Bolschewiken, nachdem es dem neuen Regime lange Widerstand geleistet hatte. Von der Inflation, die 1918 in ganz Russland ausbrach, wurde auch Tula betroffen. Um dem Hunger zu begegnen, enteigneten die Bolschewiken die Kulaken (wohlhabendere Bauern). Sie nahmen ihnen alle Lebensmittel und das Vieh weg. Aus den Kirchen raubten sie die Wertgegenstände. Am schlimmsten war die Situation im Sommer 1919. Die Bauern leisteten Widerstand, und in den Dörfern tobte der Bürgerkrieg.

Die wirtschaftliche Lage Tulas war zu dieser Zeit schlecht. Fabriken und Werke funktionierten nicht. Vor der Revolution hatte es 202 Betriebe gegeben, 1921 waren es nur noch 93. In der Waffenfabrik war noch ein Drittel der Arbeiter tätig. In der Landwirtschaft sah es ähnlich aus.

1920 erlaubte Lenin den Bauern wieder, freien Handel zu treiben. Das Ende dieser Politik kam mit Stalin, der eine neue Welle der Enteignung einleitete.

Stalin war es 1924 gelungen, Trotzki im Kampf um die Nachfolge Lenins auszuschalten. Seit 1927 war er absoluter Diktator der Sowjetunion. Stalins besonderes Ziel nach der Ausrottung des Bauerntums war die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft sowie die Umwandlung Russlands in einen Industriestaat mit hohem Rüstungspotential. Zur Verwirklichung sollten ab 1927 zwei Fünfjahrespläne dienen. In diesen Plänen spielte Tula eine besondere Rolle. Es sollte sich von der Stahlstadt Peters des Großen zur Metallurgiestadt entwickeln und so die metallurgische Basis für Russland begründen. 1931 wurde das Metallurgische Kombinat eröffnet. 1932 folgte der Bau des Chemischen Kombinats in Nowomoskowsk (bei Tula), des größten Betriebes seiner Art in der USSR, des Hüttenwerks in Tula und zweier Wärmekraftwerke. Man plante auch einen neuen Maschinenbaubetrieb, die Erschließung zweier neuer Gruben und die Modernisierung der Waffenfabrik.

Nicht alle Pläne konnten verwirklicht werden. Die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen wurden noch durch unbegründete Repressalien erschwert. Es brach ein Massenterror aus, bei dem Tausende unschuldiger Menschen ums Leben kamen. Im April 1938 erschien eine Kommission des Zentralkomitees der KP in Tula, um nach Saboteuren zu suchen. Eine größere Gruppe hoher Parteifunktionäre wurde verhaftet. Insgesamt wurden etwa

1.000 Betriebsleiter bestraft. Gemäß dem Ziel der Fünfjahrespläne wurde nun auf Kosten des Verkaufs der Landwirtschaftsproduktion die Industrialisierung des Landes vorangetrieben.

Waren im Jahre 1924 fast 73 % des Einzelwarenumsatzes in Privathänden, so wurden 1927 79% aller Industriegüter und 37 % der Bauernproduktion durch Konsumgenossenschaften vertrieben. Trotz zäher Gegenwehr der Bauern entwickelte sich die Kollektivierung zur Staatspolitik. Es bestand nur die Alternative: kollektive Wirtschaft oder Verbannung nach Sibirien.

Im Gebiet Tula war die Kollektivierung erst im Jahre 1937 abgeschlossen. 228.100 Bauernhöfe verwandelten sich in 4.567 Kollektivwirtschaften, davon 112 Sowchosen.

Trotz aller Schwierigkeiten der Industrialisierung und Kollektivierung wuchs der Warenumsatz im Gebiet Tula. Allmählich entwickelte sich auch der Bau von Wohnungen und öffentlichen Gebäuden.

1938 wurde die Pädagogische Universität eröffnet. Im gleichen Jahr konnten 4 Theater ihrer Bestimmung übergeben werden: das Puppentheater, das Dramatheater und 2 Wandertheater für die Kolchosen und Sowchosen.

Der zweite Weltkrieg

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann, wurden bereits in den ersten Kriegstagen in Tula viele Männer zu den Waffen gerufen und in die 330. Schützendivision eingereiht. Ungefähr 5.000 Soldaten gingen später an die Front.

Im wirtschaftlichen Leben der Stadt gab es viele Veränderungen. Fast in allen Betrieben Tulas wurden Waffen hergestellt. In den ersten 3 Kriegsmonaten verdoppelte man die Waffenproduktion.

Im Herbst 1941 rückte die Kampffront nahe an Tula heran. Die Offensive „Taifun“ sollte den Angriff auf Moskau einleiten. Am 3. Oktober standen die deutschen Panzer in Orjol, und am 12. Oktober fiel Kaluga, das damals zum Gebiet Tula gehörte. Am 26. Oktober 1941 wurde über Tula der Belagerungszustand verhängt. Die Bevölkerung musste teilweise evakuiert werden. Die Belagerung Tulas dauerte 45 Tage. Mehrere Versuche des Generals Guderian, die Stadt einzunehmen, scheiterten.

Die Suwarowskajastraße mit einstöckigen Holzhäusern Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Die deutschen Truppen waren gezwungen sich zurückzuziehen und konnten das Ziel der Operation „Taifun“, Moskau zu erobern, nicht erreichen.

Zum 35. Jubiläum seiner Verteidigung erhielt Tula daher im Jahre 1977 den Ehrentitel „Heldenstadt“. Tula trug schwer an den Kriegsfolgen. Viele Betriebe blieben bis zum Kriegsende evakuiert. Die Waffenproduktion für die Rote Armee jedoch wurde bereits im Frühjahr 1942 wieder aufgenommen. Stalin starb am 5. März 1953. Drei Jahre später wurden vom Obersten Gericht der USSR die unschuldig verurteilten Tulaer rehabilitiert, einige allerdings erst nach ihrem Tode.

Die Nachkriegszeit

Während der Chruschtschjowzeit der 50iger und 60iger Jahre spielte die Schwerindustrie eine besondere Rolle.

In 3 Jahren des 6. Fünfjahresplanes wurden in Tula mehr als 60 neue Maschinenarten hergestellt, darunter Mähmaschinen, Waschmaschinen sowie Jagd- und Sportwaffen.

Nach dem neuen Siebenjahresplan wurde die Etappe der Vergrößerung der Kolchosen eingeleitet. In den 60iger Jahren blieben im Gebiet Tula nur 237 große Kolchosen bestehen.

Unter Chruschtschjows Regierung bekamen die Bauern mehr Freiheit. Sie erhielten endlich Pässe und einen stabilen Lohn. Auch wurden ihnen erstmalig Renten gezahlt. Andererseits vertrat Chruschtschjow die Idee der Vernichtung des Privateigentums in den russischen Dörfern.

 

Die gleiche Straße heute als eine der Hauptstraßen Tulas, die Krasnaarmeisky Avenue.

 

Mittel dazu war die enorme Besteuerung von Obstbäumen, Geflügel etc. Die Folge war eine neue Lebensmittelkrise, die Tula ebenso wie das übrige Russland heimsuchte.

Neue Entwicklungen Ende des 20. Jahrhunderts Die Geschichte Tulas in den letzten 20 Jahren des Jahrhunderts spiegelt vielfach die politischen Ereignisse wider, die für ganz Russland Bedeutung hatten. (Gawril Tschudnow)6

Die Ära Gorbatschow mit Glasnost und Perestreuka ist bei vielen Tulaer Bürger nicht in guter Erinnerung geblieben, insbesondere wegen ihrer wirtschaftlichen Instabilität.

Zwei Ereignisse der 80iger Jahre sind erwähnenswert: Anlässlich der Olympiade 1980 kam die Olympische Fackel nach Tula und wurde von den dortigen Sportlern weitergetragen.

Im gleichen Jahr beging Tula den 600. Jahrestag des Sieges über die Goldene Horde auf dem Kulikowo-Feld mit einer großartigen Feier.

Im April 1986 ereignete sich die Katastrpohe von Tschernobyl, die schlimme Auswirkungen auch auf Tula hatte, da ein Teil seines Gebietes erheblich verstrahlt wurde.

Am 12. Juni 1991 fanden in Russland die ersten freien Präsidentschaftswahlen statt. 74,8 % der Bevölkerung Tulas stimmten für Boris Jelzin. Als im August 1991 eine Regierungskrise ausbrach, befand sich unter den Gegnern des neuen Präsidenten ein Mann, der auch heute noch als Politiker im Tulaer Gebiet eine große Rolle spielt, W. Starodubzew. Er war damals Vorsitzender der Lenin-Kolchose im Nowomoskowsk, wurde wegen der Teilnahme an dem Aufstand verhaftet und 1992 begnadigt. 1993 wählte man ihn zum Abgeordneten des Rates der russischen Förderation und im März 1997 wurde er Gouverneur des Gebietes Tula.

Im Frühjahr 2001 gelang ihm die Wiederwahl für eine 2. Amtsperiode.

Präsident Jelzin verfolgte während seiner Regierungszeit u. a. die Ziele der Demokratisierung des Landes und der Rehabilitierung der russischorthodoxen Kirche. So verabschiedete er 1991 ein Gesetz, das der Kirche die Rückgabe der enteigneten Kirchengebäude und Einrichtungen zusicherte. In Tula wurden demgemäß im gleichen Jahr die Mariä Himmelfahrtskathedrale im Kreml und weitere Kirchen den Gemeinden wieder zur Verfügung gestellt. Heute sind von 70 Kirchen, die während der Sowjetzeit geschlossen wurden, 35 wieder intakt und werden für Gottesdienste genutzt.

Auch die 90iger Jahre waren für Russland und für Tula geprägt von inneren und äußeren Unruhen und von wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

1994/95 wurden russische Truppen in Kämpfe in Tschertschenien verwickelt. Nach 5 Monate andauernden Kriegshandlungen kehrte das 51. Regiment nach Tula zurück und wurde für seine Tapferkeit ausgezeichnet. 2.000 Soldaten erhielten Medaillen, 4 Soldaten wurden zu Helden Russlands erklärt.

Der Sommer 1996 stand im Zeichen großer Feierlichkeiten für Tula, da das 850. Jubiläum seines Bestehens festlich begangen wurde. Jedoch konnte die Festfreude nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Stadt große wirtschaftliche Schwierigkeiten gab. Die Betriebe arbeiteten nicht voll, und insbesondere die Waffenindustrie funktionierte nur mit 10 % ihres Potentials. In den Jahren 1992 – 97 waren mehr als 70.000 Menschen arbeitslos geworden.

In dieser schlimmen Lage schlug am 17. August 1998 die Nachricht von der Finanzkrise und der Rubelabwertung in Russland wie ein Blitz in Tula ein. Eine große Anzahl kleinerer Firmen in seinem Gebiet brachen zusammen und mussten aufgeben. Inflationäre Tendenzen wirkten sich besonders auf den Nahrungsmittelmarkt aus und sind bis heute noch nicht überwunden.

Doch die Jahrhundertwende brachte nochmals eine Erfolgsmeldung für Tula: den Raumflug von Sergej Saljetin, gebürtig aus dem Tulaer Gebiet, am 4. April 2000. Vor ihm hatten bereits 3 Kosmonauten aus Tula und seiner Umgebung das All erobert.

 

Leo Tolstois Haus in Jasnaja Poljana nahe Tula.

 

Das heutige Tula mit seinen rund 600.000 Einwohnern ist nicht nur ein Industriezentrum sondern auch eine Kulturstadt mit ausgezeichneten Bildungseinrichtungen, Sammlungen und Museen. Der ehemalige Wohnsitz des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi, das Gut Jasnaja Poljana, wird seit 1994 von Wladimir Tolstoi, dem Urenkel des Schriftstellers als Museum verwaltet und zieht zahlreiche Besucher aus nah und fern an. Weitere Sehenswürdigkeiten sind mit berühmten Namen wie Iwan Turgenew, Wikenti Weressajew, Gleb Uspennski, Wassilii Shukowski, Iwan Bolotnikow, Anführer des Bauernaufstandes und Wselewod Rudnew, Kommandeur des legendären Kreuzers „Warjag“ verbunden und spiegeln auf ihre Weise die Geschichte Tulas wider.

Der 855. Geburtstag der Stadt, der im Spätsommer 2001 gefeiert wurde, gab Gelegenheit, zurückzuschauen auf eine reiche Vergangenheit und mit Zuversicht vorwärts zu blicken auf eine gedeihliche Zukunft.

Literaturhinweise

(Übertragung aus dem Russischen):

1 Geschichtsschreiber, † 552 schrieb eine Geschichte der Goten.

2 † 562 berichtete als Augenzeuge von Belisars Kriegen gegen Perser, Wandalen und Ostgoten.

3 Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung des Tulaer Regierungsgebietes, Moskau 1832.

4 Der russiche Staat von 1500 bis 1700, Moskau 1973.

5 Atlas des Tulaer Gebietes, geschichtlich-wirtschaftliche Übersicht, Tula 1996.

6 Geschichte des Tulaer Gebietes, Tula 2000.

 

Waldpassagen (Werner Huger)

Buchbesprechung

Das neue Buch von Wolf Hokkenjos erschienen im Doldverlag, führt mit Bild und Text weiter aus als sein Titel es vermuten lässt. „Gesammelte Versuche über Baum, Wald und Flur“ meint der Verfasser. Ist man im Rahmen des Geschichts- und Heimatvereins nicht angetan, wenn man liest und sieht: Der Villinger Wald ist nicht nur einer der mächtigsten, er ist auch einer der schönsten. Fügen wir an: Die Landschaft der Jahreszeiten, die Menschen, Waldbauern wie Autofahrer, und Tiere, z.B. der Luchs finden einen aufmerksamen Beobachter, der Geschichtliches ausleuchtet. Hockenjos lässt uns durch sein Kameraobjektiv sehen. Bilder – technisch gekonnt, trefflich im

Motiv, stimmungsvoll im Kontrast, Verborgenes zart hervorgelockt. Wollte er die Idylle? Vielleicht, wenn es sie gäbe. Heimat wollte er ganz bestimmt, aber Heimat als Raum in dem die Seele schwingt; dann ist sie nämlich nicht nur Idyll das verzaubern will. Dann sieht man in ihr auch den Menschen wo er zugreift, wo er glaubt, ohne nach dem Preis zu fragen, gestalten zu müssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da ist die technische Revolution im Wald, dort sind seine „innovativen“ Ideen in der begrünten Natur – vereinbar oder unvereinbar mit dem Landschaftsbild und der Ökologie. Soll z. B. der höchste Punkt einer Landschaftskuppe unverbauter Blickfang bleiben oder soll der Spargelrotor der Windkraftanlage den Akzent setzen? Es ist ein Spiegel mit zwei Seiten den uns Hockenjos vors Auge hält. Die eine: Touristische Schokoladenseite eines alten Schwarzwaldhofs – von Osten, die andere, die Kehrseite von Westen: Baukastenhalle als Großraumstall, baurechtlich allemal gestattet. Nicht umsonst ist der Forstdirektor als Leiter des Staatlichen Forstamtes Villingen-Schwenningen auch Kreisbeauftragter für den Naturschutz. Wenn gleich ein Mahner, er bleibt versöhnlich. Er will uns ja mitnehmen auf seiner Wanderung, will schauen, zeigen, erklären, erfreuen. So setzen wir uns am Ende mit ihm unter den Baum nahe der Lichtung und schauen ins verstreute Licht des vergehenden Tages. Wolf Hockenjos, WALDPASSAGEN, im Handel; ein Buch das man an den verschenken möchte dem man wie sich selbst eine Freude machen will.

 

„Mein Reichtum liegt im Mangel an Bedürfnissen“ (Klaus Walz)

Der Villinger Kunstschmied blickt zurück auf Leben und Werk Villinger Handwerksgeschichte zurück

Wohl dem, der eine Heimat hat! – Was ist Heimat?

Erstens: die Gegend aus der man stammt, in der man geboren ist. – Es ist aber auch zweitens: die Gegend, in der man lebt und seinen Lebensunterhalt verdient.

So gesehen habe ich zweimal eine Heimat. Da ist zunächst Oberkirch im Renchtal, wo ich die ersten zehn Jahre meiner heiteren Kindheit erlebt habe.

1924 geboren in der „Oberen Linde“, einem stattlichen Fachwerkhaus mit der Jahreszahl 1659, einem Haus mit großer Vergangenheit. Es stand bereits als J. Christoph von Grimmelshausen im nahegelegenen Gaisbach das Wirtshaus „zum Silbernen Stern“ umgetrieben und dort, wenigstens zum Teil den bedeutenden Roman „Simplicius Simplizissimus“ geschrieben hat. Heute ist die

„Obere Linde“ ein renommiertes Romantik-Hotel. Meine Eltern kommen aus Oberkirch. Mein Vater war Filialleiter der Vorgängerin der späteren Deutschen Bank. Das Mittagessen nahm er in der

„Oberen Linde“ ein und lernte dabei Lindenwirts blondes Töchterlein kennen, schätzen und lieben. Die beiden schlossen 1921 den Bund fürs Leben. Mein Vater war in seinem Beruf ein tüchtiger Mann. 1934 stieg er auf vom Bankvorstand im kleinen Oberkirch zum Bankdirektor im viermal größeren Villingen, später dazu noch mit Filialen in Schwenningen und Triberg. – Die ganze Familie – Vater Erwin, Mutter Luise und die drei „Walzenbuben“ Günther, Klaus und Hannsheinrich – zog 1934 aus dem heiteren Weinstädtchen Oberkirch, wo der Riesling Klingelberger heißt, in das von einer Stadtmauer umschlossene und von stattlichen Türmen und Stadttoren bewehrte Villingen mit seiner großen Vergangenheit, das mir zur zweiten Heimat geworden ist.

Klaus Walz, hier beim Betrachten einiger Bilder seiner zahlreichen Kunstschmiedearbeiten.

 

Mit über 700 Meter Höhe ist das Klima allerdings rauher als in der Ortenau mit den Reben und Obstbäumen, Kirschen und Erdbeeren und Laubwäldern mit Esskastanien. Dafür gibt es hier oben im Schwarzwald ausgedehnte Fichten- und Tannenwälder, gesunde Luft und früher wenigstens richtige Winter, mit viel Schnee – schön für die Kinder und Skifahrer, zu denen auch ich zähle. Das hat sich die letzten 30 Jahre geändert. „Leider“ sagen die Skifahrer, „Gott sei Dank“ die nicht Wintersport treibenden. Es kommt halt auf den Blickwinkel an. Und allen kann es der liebe Gott sowieso nicht recht machen.

Wenn es stimmt, dass die Umwelt und die ersten Lebensjahre den Menschen prägen, trifft das in hohem Maße bei mir zu. „Vom Vater hab ich die Statur“ – die Renchtäler sind ein kleinwüchsiger Menschenschlag – und die Beharrlichkeit in der Verfolgung eines Zieles. Dagegen vom „Mütterchen die Frohnatur“, die Freude am Leben, „die Lust zu fabulieren“ und das oft in Reimen und Versen. Acht Jahre lang besuchte ich das Romäusring-Gymnasium, damals hieß es noch Immelmannschule, nach einem Jagdflieger aus dem ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1942 das Abitur, als freiwilliger zu den Fallschirmjägern, ab nach Afrika, Gefangenschaft, Südafrika, kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, England und im Dezember 1946 nach viereinhalbjähriger kostenloser und immer gut verlaufenen Weltreise wieder daheim – und stehe vor der Berufswahl. Da ich praktisch veranlagt bin, recht geschickte Finger und eine Neigung zur Kunst habe, entscheide ich mich schnell für den Beruf des Kunstschmieds mit dem Endziel einer eigenen Werkstatt. Lehrzeit in Triberg. Zwei Jahre als Geselle in einer Kunstschmiede in Schwenningen. Zwei Jahre in einer bedeutenden Werkstatt in Köln, daneben Kurse im Zeichnen und Gestalten in den Kölner Werkschulen. Ich gehe oft ins Theater, in die Oper und lerne dabei meine spätere Frau kennen. Dann für zwei Jahre auf die Meisterschule nach München, wohin es – nicht ganz zufällig – auch meine Lebensgefährtin zur Fortsetzung ihres Studiums gezogen hat. Neben der Schule Zeichenkurse an der Akademie. Es bleibt genügend Zeit für Oper, Theater, Konzerte, Museen, Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung – München bietet ja so viel! 1954 Prüfung zum Kunstschmiedemeister.

Gitter von Klaus Walz am Innenhof zwischen Münster-Gemeinde-Zentrum und Benediktinerkirche.

 

Zurück nach Villingen und Bau einer Werkstatt in der Vockenhauser Straße; damals ein außerhalb der Stadt liegender Fahrweg, heute die große Einfahrtsstaße von Norden in die Stadt. 1955 haben wir geheiratet. In der Werkstatt angefangen mit einem Lehrling. Gefertigt was gerade verlangt wurde: Gitter jeder Art, Tore, Geländer, Reparaturen. Das Geschäft läuft gut, interessante Aufträge im kommunalen, sakralen und privaten Bereich. Ich entwickle meinen eigenen Stil. Die Werkstatt wird größer, sieben Gesellen und drei Lehrlinge, wie die Auszubildenden (Azubis) damals noch hießen. Die Zahl der Mitarbeiter wird mir zu groß; das geht auf Kosten der Qualität und zwingt zu Serienprodukten. Ich reduziere auf drei bis vier tüchtige Gesellen. Aber die drei Lehrlinge müssen bleiben, um guten Nachwuchs heranzubilden. Die Werkstatt wird bekannt im weiten Umkreis. Gute Zusammenarbeit mit Architekten, Denkmalpflege, kommunalen und kirchlichen Bauämtern, schöne Aufträge für Kirchen und Dome in Köln, Frankfurt, Heidelberg, Insel Reichenau, mehrere Klöster, Victoria & Albert Museum in London.

 

Votivleuchter von Klaus Walz, Bronze geschmiedet.

 

Was mich besonders freut: mit meinen Arbeiten kann ich beitragen zur Verschönerung unserer liebenswerten Stadt: Wirtshaus und Geschäftsschilder, Gitter, Tore, Brunnen, sakrales Gerät, Schriften, Leuchter, Grabzeichen und manches andere. Ein bissel weh tut’s schon, wenn dies und jenes aufkommt, was nicht gerade zur Verschönerung des Stadtbildes beiträgt…

Leuchter vor dem Nägelinskreuz im Villinger Münster.

 

Um meiner bürgerlichen Verpflichtung dem Handwerk gegenüber nachzukommen, war ich neun Jahre lang Obermeister der Metallinnung, danach sechs Jahre Präsident der Kunstschmiede und Metallgestalter von Baden-Württemberg. Beide Ämter machten viel Arbeit, aber auch viel Freude. Auch heute noch bin ich gern mit Rat und Tat in der Kunstschmiede tätig, wenn ich gebraucht werde; ohne mich aufzudrängen.

Meiner Frau bin ich dankbar, dass ich mich 40 Jahre lang um die Werkstatt und alles, was damit zusammenhängt kümmern konnte und sie mich entlastet hat von allem Bürokram, der zwar sein muss, mir aber überhaupt nicht liegt. Und so ganz nebenbei hat sie uns drei stramme Söhne geboren, die mit ihren Frauen und Enkelkindern gern nach Villingen ins Elternhaus kommen und sich hier wohl fühlen.

Eine meiner Freizeitbeschäftigungen ist das Zeichnen und Malen von Aquarellen.

Seit der Übergabe meiner Werkstatt (1990) an meine Nachfolger habe ich dafür mehr Muse. Die Welt ist für mich farbiger, geheimnisvoller, schöner geworden, weil ich sie mit Maleraugen sehe. Von klein auf hat die sportliche Bestätigung eine große Rolle gespielt. Im Winter Geräteturnen, im Sommer Leichtathletik, wobei ich es 1940 immerhin zum Deutschen Jugendmeister im Dreikampf gebracht habe. Heute lasse ich es ruhiger angehen, steige aber immer noch gern auf die Berge oder trabe durch den Germanswald, um mich wohl zu fühlen und in Form zu halten. Und im Winter habe ich viel Freude im Skilanglauf und vertraue auf die drei L: Langläufer Leben Länger.

Mit zunehmendem Alter braucht der Mensch immer weniger. So liegt mein Reichtum im Mangel an Bedürfnissen, Ich bin ein fröhlicher Mensch, Ich schätze den Humor und die kurzweilige Geselligkeit. Der liebe Gott hat es auch in schwierigen Lebenslagen immer gut mit mir gemeint; daft.ir bin ich dankbar, Was mir viel bedeutet, das ist zunächst meine Familie, Daneben

die Welt des Geistes, ein guter Vortrag, das heitere Gespräch und das gesellige Zusammensein, daran habe ich meine Freude!

Mein Wahlspruch – zu lesen in Herzogenweiler am Schulhaus – 2, Korinther 3,6: Der Geist ists der lebendig macht.

 

Schmiedemeister mit vielen Begabungen (Hermann Colli)

Hans Stern blickt auf drei Generationen erlebter Villinger Handwerksgeschichte zurück

Als vor dreizehn Jahren die Esse in der Werkstatt an der Voltastraße erlosch und der Hans Stern seinen Lederschurz an den berühmten Nagel hängte, ging ein gutes Stück Villinger Handwerkstradition zu Ende: Die Ära der bekannten und geschätzten Huf und Wagenschmiede Stern! Der Schritt in den Ruhestand ist dem stets umtriebigen Handwerksmeister, der mit großer Liebe an seinen Beruf hing, nicht leicht gefallen. Aber er ließ sich nicht vermeiden, denn die Baupläne des Arbeitsamtes an der Landwattenstraße vereinnahmten 1988 auch das Grundstück des ehemaligen Villinger Gaswerkes, in dessen Übergabestation Hans Stern, nach zwei Umzügen, seine letzte Schmiedewerkstatt betrieb.

Wenn es so etwas wie Schmiedeblut gibt, dann hatte Hans Stern eine Menge davon in den Adern. Geerbt von den Vorfahren. In der Rietstraße 23, einem rund 400 Jahre alten Bürgerhaus, das heute mit seinem bunten blumengeschmückten Erker zu den schönsten in der Fußgängerzone gehört, hatte im Januar 1888 der Großvater, Johann Stern, die Huf und Wagenschmiede gegründet. Er und seine Frau Agnes hatten sicher keinen leichten Stand, denn in Villingen gab es auf diesem Gebiet jede Menge Konkurrenz.

Der Enkel Hans, kann heute noch aus dem Stand heraus vier Betriebe aufzählen, die sich in seiner Jugendzeit allein innerhalb der Stadtmauern befanden. In der Oberen Straße 19 betrieb Eugen Kress eine Hufund Wagenschmiede und in der Gerberstraße 34 „residierte“ Schmiedemeister Hofsäß; Richard Fleig hatte seine Werkstatt in der Bickenstraße 14 und dann loderte in der Rietstraße 23 ja die Esse von Hans‘ Großvater Johann. Dieser war übrigens nicht nur ein tüchtiger Handwerksmeister sondern auch ein weitsichtiger Mann, der frühzeitig die Weichen für eine Berufsvereinigung stellte.

 

Gründer der Schmiedeinnung

Das ist einem Schreiben zu entnehmen, das Hans Stern bei seinen zahlreichen gesammelten Dokumenten aus der Familienhistorie fand. Darin wendet sich der „provisorische Vorstand“ Johann Stern am 24. Mai 1910 mit „kollegialem Gruße“ an seine Kollegen und lädt auf Sonntag, den 29. Mai, zur Gründung einer Schmiede-Innung ins Gasthaus Löwen ein. In dem Brief heißt es unter anderem: „Nachdem sich unsere Kollegen im Oberland, sowie im Nachbarbezirk Donaueschingen aufgerafft haben, Schmiede-Innungen zu gründen, haben sich einige Kollegen unseres Bezirks entschlossen, die Gründung einer Schmiede-Innung für unseren Bezirk zu beraten.“ Damit werden die Schmiede aus Villingen und Umgebung zur Gründungsversammlung eingeladen. Johann Stern, der sich zum Wortführer der Kollegen machte und somit wohl als einer der Gründerväter der Innung bezeichnet werden kann, war diese Sache eine Herzensangelegenheit. Das geht aus seinem mahnenden Aufruf hervor: „Ich richte hiermit an die verehrten Herren Kollegen, in Anbetracht der Notwenigkeit einer Schmiede-Vereinigung und in Anbetracht der Lage unseres Handwerkes, das dringende Ersuchen, bestimmt zu erscheinen…“ Das Schreiben ist in gestochener Sütterlinschrift verfasst und man kann sich nur wundern, wie eine Hand, die schwere glühende Eisenstücke mit dem Schmiedehammer auf dem Amboss in die gewünschte Form bringt, solche filigrane Buchstaben auf das Papier malen kann. Oder hat am Ende seine Frau Agnes – die Maidle waren in der Schule bekanntlich im Schönschreiben den Buben immer etwas überlegen – den Brief geschrieben und der Meister hat nur seine Unterschrift darunter gesetzt? Spekuliert werden darf jedenfalls. Und die Historie wird dadurch sicher nicht verfälscht. Dieser Brief ist jedenfalls ein wertvolles Dokument für die Handwerksgeschichte in Villingen. Wie aus späteren Schriften, die Hans Stern gesammelt hat, hervorgeht, entstand eine lebendige und schlagkräftige Schmiedevereinigung, der sich alle Betriebe im Kreis – und damals gab es in jedem noch so kleinen Dorf einen Schmied! – anschlossen um gemeinsam ihre beruflichen Interessen durchsetzen zu können.

 

Auf Johann folgte Fritz Stern

Johann Stern übergab 1927 die Schmiede in der Rietstraße seinem Sohn Fritz, der den inzwischen renommierten Betrieb im Sinne des Firmengründers weiterführte und ausbaute. So wurde er Vertragspartner der Landmaschinenfabrik Fahr in Gottmadingen. Die Mechanisierung der bäuerlichen Betriebe bescherte den Schmieden eine neues Aufgabengebiet. Die Landwirte kamen zu ihnen, wenn an der Mähmaschine oder dem Getreidebinder etwas kaputt war. Und das war damals, als die Landwirtschaft hier noch eine bedeutende Rolle spielte, recht oft der Fall. Der Spruch: „Geh‘ zum Schmied und nicht zum Schmiedle“ wurde von den Bauern recht oft beherzigt.

Die Hufund Wagenschmiede Stern in der Rietstraße 23 im Jahre 1923. Der 2. von links auf dem Bild ist Firmengründer Johann Stern, rechts und links neben ihm zwei stämmige Schmiedegesellen und ganz rechts Fritz Stern, der Vater von Hans Stern. Aus dem Fenster des Erkers, der mit dem Zeichen der Schmiedezunft geziert ist, blickt die Großmutter des letzten Schmiedemeisters, Agnes Stern.

Leider verstarb Fritz Stern, der einige Jahre Obermeister der Schmiedeinnung war, schon mit 44 Jahren. Das war 1939. Sein Sohn Hans, 1925 geboren, ging noch zur Schule. Die Mutter, Emma Stern, geborene Distel, führte den Betrieb, in dem Hans 1940 seine Lehre begann, weiter. Als der ausbildende Geselle den Soldatenrock anziehen musste, konnte der „Schmiede-Stift“ seine Lehre bei Matthias Müller in Mönchweiler beenden. 1942 machte er die Gesellenprüfung, zu der er – kriegsbedingt – früher zugelassen wurde.

Mit der weiteren beruflichen Karriere war es aber zunächst vorbei. Er musste zum Arbeitsdienst und danach zur Wehrmacht. Auch hier kamen ihm seine beruflichen Kenntnisse zugute, denn er kam zur Bespannten Artillerie, bei der ein Geschütz noch von sechs Pferden gezogen wurde. Da war man froh, wenn man einen Fachmann dabei hatte, der mit Rössern umgehen konnte. Als Soldat wurde er bei der Invasion der Alliierten in der Normandie verletzt, kam in ein Lazarett der Amerikaner und landete schließlich als Gefangener in den USA. Nach seinem eineinhalbjährigen unfreiwilligen Besuch in den Staaten kehrte er 1946 nach Hause zurück.

Neuaufbau und Weiterbildung
Jetzt erst begann praktisch seine berufliche Laufbahn. Mit einer Sondergenehmigung durfte er den elterlichen Betrieb weiterführen. Neben dem Neuaufbau, der auf Grund des völligen Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft äußerst schwierig war und viel Kraft, persönliche Initiative und Mut zum Risiko erforderte, kam jetzt die Weiterbildung. Kurse, Lehrgänge und Schulungen vervollständigten das Berufsbild. Am 31. Mai 1949 machte er in Konstanz seine Meisterprüfung. Danach gingen zwölf Lehrlinge durch seine Schule. Einige von ihnen haben sich inzwischen schon einen eigenen Betrieb aufgebaut. 1989 wurde er mit dem Goldenen Meisterbrief ausgezeichnet.

Blicken wir noch einmal zurück auf die Ausbildungszeit. Da ist zum Beispiel ein Lehrgang an der Hufbeschlagschule in Emmendingen Dort lernen die Absolventen nicht nur wie man Pferden, Ochsen und Kühen fachgerecht neue Hufeisen verpasst, sondern sie müssen eine ganze Menge über die Anatomie der Tiere wissen. Da heißt es neben der praktischen Arbeit, die Nase in die Fachbücher zu stecken und ganz schön büffeln.

Hans Stern schnupperte schon früh Schmiedeluft. Hier stellt er sich als Zweijähriger mit zwei strammen Gesellen und einem, auf neuen Hufbeschlag wartenden Ross vor.

 

Offensichtlich hat das der Sterne-Hans, wie ihn seine vielen Freunde nennen, auch getan und es hat sich herumgesprochen. Als in den 60er Jahren einmal ein Zirkus in Villingen gastierte und eine Elefantendame Probleme mit ihren Hufen bekam, wurde der Villinger Handwerksmeister zur Behandlung ins Elefantenzelt geholt. Und da war keine Manioder Pediküre gefragt, sondern fachliches Wissen und Können.

Ein einschneidendes Ereignis vollzog sich 1974, als er wegen der Einrichtung der Fußgängerzone seinen Betrieb aus der Rietstraße verlegen musste. In der Kanzleigasse, im Gebäude in dem sich früher die Villinger Milchzentrale befand und wo zuvor Hermann Ummenhofer seine Kupferschmiede betrieb, richtete er sich neu ein. Doch als der Umbau der Karl-Brachat-Realschule begann, musste er auch hier seine Zelte wieder abbrechen. In Nachbarschaft des Schlachthofes ging dann – wie anfangs berichtet – das letzte Kapitel der Ära Schmied Stern über die Bühne. Nach genau hundert wechselvollen Jahren – von 1888 bis 1988 – verschwand der Name des angesehenen Handwerksbetriebes aus der Villinger Unternehmenskartei.

 

Rentner mit vielfältigen Interessen

Doch Hans Stern ist kein Mensch, der als Rentner die Hände in den Schoß legt. Seine vielen Interessen sorgen schon dafür, dass es ihm im Ruhestand nicht langweilig wird. Er hat sich immer Aufgaben der Gesellschaft gestellt. Als Schriftführer führte er elf Jahre lang die Bücher der Schmiedeinnung. Bei der Feuerwehr ist er seit 1948 aktiv. Wenn heute auch nicht mehr als Oberbrandmeister und Zugführer des ersten Löschzuges, so doch als Leiter der Altersabteilung, der dafür sorgt, dass die Florians Senioren die Verbindung zur aktiven Truppe nicht verlieren.

Ein ganzes Kapitel wäre auch über den Narro Hans Stern zu schreiben, der schon 1947 in den Rat der Villinger Narrozunft berufen wurde und seit 1990 deren Ehrenmitglied ist. Im gleichen Jahr wurden seine Verdienste um das heimische Brauchtum auch mit der Verleihung des Narrenbechers gewürdigt.

Es wären noch einige andere Vereine anzuführen, in denen der jetzt 76jährige Schmiedemeister aktiv war und ist. Dazu zählt auch der Geschichts- und Heimatverein Villingen. Er gehört zu den fleißigsten Versammlungsbesuchern, nimmt, so weit es ihm möglich ist, an den geschichtlichen Exkursionen teil und hat sich besonders als Austräger der Vereinspost über viele Jahre hinweg große Verdienste erworben. Durch seine „Botengänge“ hat er – wie auch viele andere Mitglieder dieses Kreises – dem GHV eine Menge Portogeld gespart.

Auch als Modellbauer ein Meister

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Schluss sei noch eine andere Leidenschaft von Hans Stern angesprochen: Der Modellbau. Was in vielen Jahren in der Freizeit unter seinen geschickten Händen an maßstabgerechten Nach- bauten von Oldtimern und anderen interessanten Dingen entstanden ist, könnte ein kleines Museum füllen. Seit 1989 darf sich das Franziskanermuseum auch über eine Arbeit des Villinger Bastlers freuen. Im Maßstab 1:10 hat er den legendären Schwanzhammer des ehemaligen Hammerwerkes Laun nachgebaut. Das voll funktionsfähige Modellsteht in der Abteilung für Villinger Handwerks- und Industriegeschichte neben dem großen Original und zeigt anschaulich, wie der „große Bruder“ einst funktionierte.

Jetzt hat der Handwerksmeister im Ruhestand ein weiteres Schmuckstück fertiggestellt: Die Sägemühle vom früheren Behlishof in Unterkirnach, die heute im Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck steht und jährlich tausenden von Besuchern Einblick in die Arbeitsweise der Schwarzwälder Holzsäger früherer Generationen vermittelt Hans Stern hat in vierjähriger mühevoller Arbeit die wassergetriebene Anlage im Maßstab 1:17 detailgetreu nachgebaut und kann an diesem 130 mal 85 Zentimeter großen Modell demonstrieren, wie der Alltag in der Unterkirnacher Säge bis vor rund 50 Jahren ablief. Wen wundert es, dass sich das Franziskanermuseum auch für dieses „Stern- Werk“ interessiert und es gerne in seinen historischen Mauern der Öffentlichkeit präsentieren würde? Am Museumstag 2001 durften die Besucher das Modell schon einmal unter die Lupe nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Stern hat in vierjähriger mühevoller Arbeit die wassergetriebene Anlage im Maßstab 1:17 detailgetreu nachgebaut und kann an diesem 130 mal 85 Zentimeter großen Modell demonstrieren, wie der Alltag in der Unterkirnacher Säge bis vor rund 50 Jahren ablief. Wen wundert es, dass sich das Franziskanermuseum auch für dieses „SternWerk“ interessiert und es gerne in seinen historischen Mauern der Öffentlichkeit präsentieren würde? Am Museumstag 2001 durften die Besucher das Modell schon einmal unter die Lupe nehmen.

Geschichtlicher Abriss der Kaufmännischen Schulen I, Villingen-Schwenningen (Isabel Schaeffer)

„Die Wirtschaft braucht Menschen, die zu mehr fähig sind als allein zum Denken in wirtschaftlichen Kategorien.“

Das Jahr 2001 war für die Handelsschule Villingen ein dreifaches Jubliäumsjahr. Offiziell gefeiert wurden: 40 Jahre eigene Lehranstalt, 80 Jahre Selb- ständige Handelsschule in Villingen und 100 Jahre kaufmännische Ausbildung in Villingen. Zu diesem Anlass möchte ich an dieser Stelle einen kurzen historischen Blick auf die Entwicklung dieser Schule geben.

Ein Blick in die Vergangenheit

Im April 2001 begingen die Kaufmännischen Schulen Villingen-Schwenningen ihr 100-jähriges Jubiläum. Doch auch heute noch kann es passieren, dass, wenn man sich als Fremder nach dem Wirtschaftsgymnasium oder den Kaufmännischen Schulen erkundigt, man bei den älteren Einheimischen ein Achselzucken erntet. Fragt man dagegen nach der Handelsschule, stehen die Chancen schon besser. Mit der Handelsschule Villingen begann am 7. Januar 1901 die Geschichte der heutigen Kauf männischen Schulen Villingen-Schwenningen. Ein neues Ortsstatut der Gemeinde Villingen vom 30. April 1900 ordnete zur gültigen Gewerbe schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr für alle Lehrlinge, Gesellen und Gehilfen auch an, dass ab diesem Zeitpunkt „sämtliche hier in Stellung befindlichen Lehrlinge und Gehilfen des Handelsgewerbes, welche das 18. Lebensjahr noch nicht zu rückgelegt haben, zum Besuch der Handelsschule“ verpflichtet sind. Die Lehrlinge und Gehilfen des Handlungsgewerbes besuchten ab 1901 die sogenannten Handelsfortbildungskurse, in denen in 2 Kursen mit je 5 Wochenstunden kaufmännisches Rechnen, Wechsellehre, Korrespondenz, Buchführung und Handelsgeographie unterrichtet wurde. Zu Beginn war die Schule noch eine Unterabteilung der schon seit 1835 bestehenden Gewerbeschule, allerdings bereits mit eigenen Lehrkräften. Mit 16 Knaben nahm man den Betrieb auf, Mädchen wurden erst ab 1908 zugelassen (4 von 29 Schülern). Interes- santes Detail: Mit Beginn des neuen Schuljahres Ostern 1901 wurde auf Antrag der Pfarrämter der Sonntagsunterricht der Gewerbeschule auf einen Werktag verlegt!

Unterrichtet wurden damals folgende Fächer:

A) Berufskunde                       B) Geschäftskunde

Gewerbliches Zeichnen              Geschäftsrechnen

Angewandte Geometrie              Geschäftsaufsatz

Materialien- u.Werkzeuglehre   Buchführung

Naturlehre                                     Kostenrechnen

Freihandzeichnen                        Wirtschaftslehre

Projektionslehre                           Bürgerkunde

Techn. Fachunterricht

1923 kamen dann noch die allgemeinbildenden Unterrichtsfächer Deutsch, Staatskunde und Religion dazu. Die Handelsabteilung an der Gewerbeschule Villingen nahm rasch an Bedeutung zu. Am 23. Februar 1906 beschloss der Gemeinderat, eine weitere Planstelle einzurichten und diese einem ausgebildeten Handelslehrer zu übertragen. Damit war ein weiterer Schritt zu einer selbstständigen Handelsschule getan. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges zählte die Handelsabteilung über 60 Schüler, diese wurden allein vom späteren Direktor der Schule Theodor Essig unterrichtet. Von 1915 bis 1918 war die Schule ganz geschlossen. Erst im Oktober 1918 wurde ihr mit dem „Handelsschulkandidat“ Karl Glatt, eine Lehrkraft zugewiesen. Er übergab seinen Dienst im Februar 1918 an den Handelslehrer Theodor Essig, der aus dem Krieg zurückgekehrt war.

 

Am 1. April 1921 wurde die Handelsschule, unter der Leitung von Herrn Handelsschulvorstand Theodor Essig, selbstständig. Im selben Jahr waren auch erstmals die Mädchen in der Überzahl (85 von 135 Schülern). Das ist bis heute so geblieben. Der Unterricht wurde damals von zwei hauptamtlichen und einer nebenberuflichen Lehrkraft in zwei Klassenräumen und einem Schreibmaschinensaal im Gebäude der damaligen Oberrealschule abgehalten.

Schon damals war man bemüht, den Schreibmaschinensaal modern auszustatten, allein es fehlte an Geld und Lehrkräften.

Um den Wünschen aus Industrie und Praxis zu entsprechen, hatte sich die Schule schon 1921 entschlossen, Unterricht in englischer Sprache anzubieten (1926 kommt Französisch dazu).

Auch um das gesundheitliche Wohl der Schüler und Lehrer machte man sich damals Sorgen. Der erste Weltkrieg war immer noch durch seine Folgen präsent: So kann man im Jahresbericht 1921 lesen:

„Besonders unter den Schülern der dritten Klassen fühlt man den Mangel an väterlicher Erziehung, welche wegen der durch den Krieg bedingten, jahrelangen Abwesenheit der Väter leider allzulange aussetzte.(…)

Der Gesundheitszustand von Lehrern und Schülern war ein zufriedenstellender. Dadurch, dass der Kaufmannslehrling unserer Tage schon mehr als eine bezahlte Arbeitskraft betrachtet wird, hat die Schule mehr als früher gegen das Bestreben, die Lehrlinge vom Unterricht ferne zu halten, anzukämpfen. Wir betrachten es deshalb als unsere Aufgabe, die Interessen der Lehrlinge bezüglich ihrer theoretischen Ausbildung durch strengste Handhabung der Schulordnung zu wahren.“

Auch die Sorgen um den Fleiß der Schüler haben sich in den letzten Jahrzehnten wohl nicht geändert, der Bericht fährt nämlich fort:

„Sehr zu beklagen ist, dass ein Teil der Schüler es am nötigen Fleiß im Unterricht und bei der Anfertigung der Hausaufgaben fehlen lässt. Der große Nutzen einer guten Schulbildung wird von vielen noch zu wenig erkannt und geschätzt. Eine wach- sende Verflachung und Blasiertheit unter der heranwachsenden Jugend muss leider festgestellt wer- den.“ Weiter heißt es: „Die Mädchen sind im Fleiß und der Aufmerksamkeit den Knaben weit überlegen“!

Doch auch für Ablenkung und praktische Erfahrungen wurde durch moderne Medien gesorgt:

„Zur Belebung des Unterrichts dienten, neben den zahlreichen Lichtbildervorträgen, Betriebsbesichtigungen. Es wurden angesehen: Bierbrauerei, Brennerei, Töpferei, Baumwollweberei, Maggiwerke, Salinenbetrieb, Müllerei, Getreidelagerei und Bankbetriebe, Seidenweberei.“ So der Jahresbericht 1921/22.

Obwohl man nun selbstständig war und die Klassen-, Schüler und Lehrerzahlen ständig zunahmen, blieb der Wunsch nach eigenen Räumen noch über 30 Jahre unerfüllt. Man war all die Jahre auf die Gastfreundschaft anderer Schulen, insbesondere des Gymnasiums, angewiesen. Probleme, wie unterschiedliche Unterrichtszeiten, die Bereitstellung eines Aufenthaltsraumes für die „Auswärtigen“, Platz für die Errichtung eines „Musterkontors“ (1924 eingerichtet), blieben dabei zwangsläufig nicht aus.

Von kurzzeitigen Entspannungsphasen abgesehen, sind Raumnot und Lehrermangel bis heute ein Dauerproblem.

Die stetige Aufwärtsentwicklung der Schule setzte sich fort. Bereits 1924 wurde der Schule ein weiterer Zweig angegliedert, die „Höhere Handelsschule“, eine zweijährige berufsvorbereitende Vollzeit- schule, die zur Mittleren Reife führte (Vorläuferin der heutigen Wirtschaftsschule). Diese Schulart wurde von den Jugendlichen gut angenommen und bekam auch bei der örtlichen Wirtschaft einen guten Ruf. Im Jahre 1924 hatte die Schule 248 Schüler und Schülerinnen und vier hauptamtliche Lehrkräfte sowie einen Referendaren. Von besonderer Bedeutung war auch das Schuljahr 1928/29. Es brachte gleich drei wichtige Neuerungen: die Aufteilung der dritten Klassen der Berufsschule in Fachklassen für Spedition, Großhandel und Kleinhandel und die erste Kaufmannsgehilfenprüfung, an der sich neben 60 Lehrlingen auch 52 Gehilfen beteiligten sowie die Einrichtung der „Einjährigen Höheren Handelsschule“ für Schüler mit mittlerer Reife. Damals mussten die Schüler noch Schulgeld bezahlen. Es wurde durch die Stadtkasse in 10 Raten erhoben. Schüler der Pflichthandelsschule zahlten DM 4,50 per Rate, Schüler der Höheren Handelsschule DM 12,00 per Rate.

Versucht man, an Informationen über die Zeit des Dritten Reiches zu gelangen, so werden Akten und Auskünfte dünner, wenngleich nicht weniger interessant.

Außer dem weiteren Anstieg der Schüler- und Klassenzahlen (1936/37 wird von einer Zunahme um 50%, im Vergleich zum Vorjahr berichtet), macht sich auch der Nationalsozialismus in der Schule bemerkbar. Der Jahresbericht des Direktors Theodor Essig 1934/35 vermerkt dazu:

„Wichtige weltgeschichtliche Ereignisse kenn- zeichneten das nun vergangene Schuljahr als ein Jahr von ganz besonderer Bedeutung. Im Innern erbrachte die fortschreitende Besserung auf allen Gebieten den Beweis des großen Vertrauens, das der Regierung des neuen Reiches aus allen Schichten der Bevölkerung entgegengebracht wurde. Dieser überwältigende Eindruck blieb auch auf unser Verhältnis zum Ausland nicht ohne Einfluß. Als zwei mächtige, tragende Eckpfeiler des neuen Reiches erwiesen sich im vergangenen Jahr die Heimkehr unserer Saar und die Rückgewinnung unserer Ehre und Gleichberechtigung. Auch auf unsere Schüler blieben diese gewaltigen Ereignisse, deren wir in einer Schulfeierstunde gedachten, nicht ohne Einfluß. Ihre Liebe zu Volk und Vaterland und ihre Treue und Verehrung zum Führer und Kanzler, Adolf Hitler, bekamen einen mächtigen, neuen Auftrieb.(…)“

Die Freizeit und wohl auch Zeit, die die Schüler besser zum Lernen gebraucht hätten, wird in diesen Jahren schon von der HJ bestimmt, von bis zu 4 Abenden pro Woche ist die Rede. Die aufkommende Problematik, die bis ins Ministerium gelangt ist, schlägt sich ebenfalls im Jahresbericht nieder.

„Die Beanspruchungen unserer Schüler durch die Veranstaltungen in der HJ haben im vergangenen Jahr nachgelassen. Die entsprechenden Erlasse des Ministeriums in Verbindung mit der badischen HJ-Führung haben in Verbindung mit persönlichen Rücksprachen mit der örtlichen HJ-Führung hier Besserung gezeigt. Am meisten belastet sind immer noch die in Lehrstellen befindlichen jungen Leute. Ist der örtliche HJ-Führer ein Mittelschüler (…), so unterliegt er leicht der Gefahr, die Freizeiten eines Mittelschülers als Maßstab für die Inanspruchnahme seiner H-Jungen zu benützen. Er denkt nicht daran, daß kaufm. Lehrlinge oft erst um halb 8 Uhr müde nach Hause kommen, noch zu Abend essen sollten und auch noch erst in den Abendstunden ihre Schul-aufgabe zu erledigen haben.“

Kritisch wird weiterhin angemerkt: „Im allgemeinen wird ja immer wieder die Beobachtung gemacht, daß es gerade die weniger eifrigen Schüler sind, die eine Abhaltung durch die HJ sich sehr gerne gefallen lassen und solche als Entschuldigung nehmen, wenn sie ihre Aufgaben nicht gemacht haben.“ Im gleichen Jahr (1934/35) wird festgestellt, dass in manchen Klassen 100% der Schüler in der HJ organisiert sind. 1936 sind 99% der Schüler der Höheren Handelsschule in der HJ. In der Pflichtschule beträgt der Prozentsatz nur 65%. In den folgenden Jahren wird immer wieder begeistert über Sportfeste und Feierstunden unter dem Banner des Dritten Reiches und dem Abbild des Führers berichtet. Natürlich hatten auch alle Lehrkräfte rückhaltlos zum neuen Staat zu stehen. Viele von ihnen waren im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) organisiert. Wie der Ablauf der Feiern, so änderten sich in diesen Jahren auch die Lehrinhalte in einigen Fächern drastisch. Erinnert sei hier vor allem an die sog. „Deutschkunde“ und die Vermittlung der Rassenlehre in verschiedenen Fächern. Auch die Schüler- und Lehrerbibliothek wird mit einschlägiger Literatur ausgestattet. Über den sittlichen Umgang, gerade seiner Schülerinnen, machte sich der Rektor 1935 auch so seine Gedanken.

„In den Klassen der Pflichthandelsschule macht sich besonders unter den Mädchen der Einfluß Villingens als Soldatenstadt sehr geltend. Mehrfach mußte gegen den Wirtschaftsbesuch von Schülerinnen mit Soldaten eingeschritten werden. Es handelt sich hier meist um Mädchen aus der dritten Klasse.“ Auch in späteren Jahren blieben der Verstoß gegen das Tanz- und Rauchverbot und der Umgang mit Soldaten in der Garnisonsstadt Villingen ein ernstliches Problem.

Am 18. August 1937 wird die Schule nach dem Fabrikanten Hermann Schwer benannt, dem Inhaber der Saba-Radio-Werke in Villingen. 1950 wird diese Benennung zurückgenommen, weil Hermann Schwer eine belastete Beziehung zum Nationalsozialismus hatte.

Ab dem Jahre 1938 finden sich in den Jahresberichten Bemerkungen über die Abwesenheit von Schülern und Lehrern aufgrund von Wehrübungen. Bereits die ersten Kriegsjahre trafen die Schule hart. Mit Kriegsbeginn (1. Sept. 1939) wurde die Schule mit sämtlichen Schulräumen von einer Fliegerstaffel beschlagnahmt und belegt. Im September wurden die Räume wieder freigegeben und der Unterricht in den beiden höheren Klassen mit nur zwei Lehrkräften wieder aufgenommen. Für die vier zum Kriegsdienst eingezogenen männlichen Lehrkräfte wurde ein Studienassessor aus Rastatt zugewiesen. In den folgenden Jahren wer- den die männlichen Lehrkräfte immer wieder eingezogen, abgeordnet, beurlaubt und teilweise durch weibliche Lehrkräfte ersetzt. Einige von ihnen kehren aus dem Krieg nicht wieder zurück. Wegen des Unterrichtsausfalls mussten die Prüfungsanforderungen in diesen Jahren ebenfalls her- abgesetzt werden. Wegen großer Kälte und um Licht und Kohle zu sparen, wurden 1940/41 die Herbst- und Weihnachtsferien zusammengelegt. Das Schuljahr wurde in drei Drittel aufgeteilt. Und die Schule wechselte ihren Träger. Sie wurde von der Stadtverwaltung Villingen an das Landratsamt Villingen überführt, das auch heute noch Schul- und Kostenträger ist.

In den Sommerferien und während der Schulzeit, an den Samstagnachmittagen und Sonntagen der Heu-, Getreide- und Kartoffelernte, leisteten auch Schüler der Handelsschule Villingen Erntehilfe, gemäß dem Erlass des Reichserziehungsministers.

1942 standen der Schule, bei 9 Klassen und 212 Schülern, noch ganze drei Lehrkräfte zur Verfügung. Erneut gibt es zu Beginn des Jahres 1942 zwangsweise „Kohleferien“. Für kurze Zeit wurde der Unterricht in das Sitzungszimmer des Stadtrates verlegt. Als jedoch die Kienzle Uhrenfabriken und Kaiser Uhren Räumlichkeiten anboten, zog man es vor, das Angebot der Firma Kaiser zu nutzen. So fand der Unterricht im Februar und März in den Repräsentationsräumen dieser Firma statt. Im ersten Nachkriegsjahr erhielten die Klassen der Handelsschule unter dem neuen Rektor Dr. Josef Rappenecker wieder vollen Unterricht. Direktor Essig, der die Schule von 1911-1945 geleitet hatte, wurde im Zug der politischen Säuberung pensioniert. Es wird auch von der mangelnden Ernährung der Schüler berichtet. Die Bücherei ist wohl von einer „Säuberung“ betroffen, nach der nur noch 50 Prozent des Bestandes vorhanden waren. Des Weiteren mussten wertvolle Bücher und Karten an die französische Wirtschaftsforschungsstelle abgegeben werden.

Kurz vor Schluss des Schuljahres 1946/47 konnte die Schule, nach fünfmaligem Umzug während des Krieges, wieder in das Gebäude am Romäusring (Erdgeschoss) zurückkehren. Doch die zuletzt als Lazarett genutzten Räume mussten erst einmal wieder hergerichtet werden. Auch mit der Schulküche sah es schlecht aus. Sie war in den Wirren des Krieges teilweise geplündert, teilweise mit ihrem Inventar „anderen Zwecken zugeführt worden“, so der Jahresbericht. Auch herrschte Not an Papier und Büchern.

Erst das Jahr 1953 brachte wieder eine besonders wichtige und langersehnte Veränderung. Erst damit konnte man in ein eigenes Schulgebäude einziehen, in die umgebaute und renovierte ehemalige Gewerbeschule an der Bertholdstraße, gegenüber der heutigen Tonhalle. Endlich hatte man auch nach außen den Status einer „richtigen Schule“.

1957 konnte man schließlich, Dank des zähen und unermüdlichen Einsatzes des damaligen Schulleiters, Studiendirektor Lothar Schill, die „Wirtschaftsoberschule“ (das heutige Wirtschaftsgymnasium) feierlich eröffnen.

Wegen dieser neu eingegliederten Schulart und dem Anstieg der Schülerzahlen in den anderen

Schularten, wurde das erst 1953 bezogene Schulhaus schon bald wieder zu klein.

Der Kreistag des damaligen Kreises Villingen beschloss deshalb im Frühjahr 1958 den Bau einer neuen Schule an der Herdstraße. Für die damals 594 Schüler war das Gebäude schon lange zu klein geworden und man hatte zwei Räume des Gasthauses „Zur Krone“ als Außenstelle nutzen müssen. Ostern 1961 konnte das neue, geräumige und gut ausgestattete Gebäude bezogen werden. Die Schülerzahl war inzwischen auf 627 angestiegen. Sie sollte in den folgenden Jahren weiterhin stetig wachsen.

Die wilden letzten Sechziger- und ersten Siebzigerjahre verlaufen an den Kaufmännischen Schulen I in Villingen scheinbar friedlicher als im Rest der Republik. Nach einem, wohl entgegen den Erwartungen, harmonisch verlaufenen Sommerfest, schreibt der damalige Direktor 1968:

„Ich bin sicher, dass die Handelslehranstalten Villingen, wenn sie auf diesem Wege weitergehen, von den allseits bekannten Entgleisungen der Schüler der Oberstufe nicht nur verschont bleiben werden, sondern darüber hinaus beispielgebend für eine nachahmenswerte Zusammenarbeit zwischen Lehrer- und Schülerschaft wirken können.“

Im gleichen Jahr 1968 muss die Schulleitung den Schulträger erneut auf auftretenden Raummangel hinweisen. Die Schule hat nun 1077 Schüler.

1971 war schließlich mit 1387 Schülern der absolute Höchststand erreicht. Die Raumnot wurde unerträglich.

Ein weiterer Punkt von großer Bedeutung für das Schulleben war die Umsetzung des Schulentwicklungsplans II, die im Schuljahr 1971/72 begann und die neben der Einführung des strengen Fachklassenprinzips in der Berufsschule auch die Abgabe der Bürogehilfinnen Klassen und der „Einjährigen Höheren Handelsschule“ (0-Klasse) an die Kaufmännischen Schulen Schwenningen mit sich brachte.

Erst 1975 beschloss der Kreistag des Schwarzwald- Baar-Kreises, im Rahmen seines umfangreichen Schulbauprogramms, einen Erweiterungsbau. Im Herbst 1981 wurde mit dieser Baumaßnahme begonnen und zu Beginn des Schuljahres 1982 konnten die beiden neuen Klassenzimmer und Fach-Räume bezogen werden. 1993 kommen die bis dahin selbstständigen Kaufmännischen Schu- len St. Georgen als Außenstelle zu den Kaufmännischen Schulen I VS-Villingen. Die Gesamtschülerzahl dort betrug 76. Doch bereits 1997 wird die Außenstelle wegen Schülermangels und aus Grün- den der Konzentration aufgelöst.

1998 erhält die Schule im Schulversuch die Ausbildungsgänge „Finanzassistent/-in“ und „Industriekaufmann/-frau mit internationalem Wirtschaftsmanagement und Fremdsprachen“ als Duales Berufskolleg für Abiturienten.

In den Jahren 2000 und 2001 finden Modernisierungsarbeiten statt, vor allem zur besseren Isolierung der Gebäude und Gestaltung der Klassenzimmer.

Heute besuchen 1200 Schüler die Kaufmännische Schule. Ihr Einzugsgebiet geht weit über Villingen hinaus. Auch heute noch bietet die Schule ihren Schülern, durch engen Kontakt zur Wirtschaft, ständige Modernisierung (z. B. Anschaffung moderner PCs und die Einbeziehung der neuen Medien und ihrer Anwendung in den Unterricht) und die laufenden Ergänzungen ihrer Sammlungen, die bestmögliche Vorbereitung für ihr späteres Berufsleben, bzw. Studium.

 

Geschichte gehörte immer zum Lieblingsfach (Wolfgang Bräun)

Hermann Preiser drückte als „Stift“ die Bank in der Handelsschule

Die „Eins“ im Betragen und die „Zwei“ für Fleiß und Mitarbeit in allen Halbjahres-Zeugnissen während aller drei Berufsschuljahre: das waren zu Beginn der 20-er Jahre die „Kopfnoten“ von Lehrling Hermann Preiser. Ein Gespräch mit dem 93-jährigen über seine Berufsschulzeit als „Stift“ erinnert ein wenig an früher geübte kaufmännische Tugenden, wenn im Jahre 2001, dem dreifachen Jubiläumsjahr für die Handelsschule, offiziell gefeiert wurde: 40 Jahre eigene Lehranstalt, 80 Jahre Selbständige Handelsschule in Villingen und 100 Jahre kaufmännische Ausbildung in Villingen. Hermann Preiser lernte vor 80 Jahren das Kaufmannswesen im elterlichen Betrieb an der Bahnhofstraße: einer Fabrik für Spirituosen und Essenzen, im Volksmund ganz einfach „de Schnaps-Preiser“.

Es war ein Muss, sich nach acht Jahren Volksschule eben auch noch dem Unterricht an der Berufsschule zu stellen, wo die Klassen nur nach Jahrgängen besetzt waren und wo von der Schulverwaltung keine Unterschiede in den Berufsbildern

Erinnerung an die gemeinsame Schulzeit: Zum Gruppenbild mit ihren Lehrern stellten sich die Schüler des Jahrgangs 1926 der Kaufmännischen Berufsschule Villingen, zu dem auch Hermann Preiser zählte.

 

gemacht wurde. Da hockten in den Klassen der Handelsgehilfe von der Badischen Landwirtschaftsbank, von der städtischen Werkskasse oder von der Genossenschaftsbank beieinander, und lediglich die Zahl der Mädchen je Klasse machte den Unterschied.

Preisers Lieblingsfach war die Geographie, gefolgt von der Geschichte, die damals noch als „Bürgerkunde“ unterrichtet wurde. Beim obligaten Unterricht in Stenographie war das Talent des Kaufmannsburschen nach dessen eigenen Angaben allerdings »nit so b’sunders«! Doch weil der Hermann ein überaus ordentlicher und disziplinierter Schüler war, fehlen in seinem Zeugnis auch jegliche Einträge zu Versäumnissen oder möglichen Schulstrafen.

Im Gespräch mit Senior Preiser spürt man noch den Stolz auf seine ersten Erfahrungen, die er während zwei Jahren beim Englisch-Unterricht gemacht hatte; damals gelehrt von Schulleiter Essig. Gebraucht hat der spätere Kaufmann und weithin bekannte Destillateur Hermann Preiser seine Kenntnisse in Englisch aber zunächst nicht. Dann eher noch die Kunst des Schriftwechsels oder das Wissen und Können um Soll und Haben in der Buchführung oder die Darstellung der Plakatschrift.

Wenn’s den stimmt, gab es aus der Handelsschule keine Aufgaben nach Hause, denn es wurde von den Stiften meist auch samstags gearbeitet. Und streng war das Lehrer-Trio aus Rektor Essig, Dr. Heim und Lehrer Mauch nach Hermann Preisers Erinnerung eigentlich auch nicht über die Maßen. Die gesellige Seite während der Lehrjahre spielte sich in der Freizeit im Katholischen Kaufmannsverein „Hansa“ ab, wo man in den Jahren der „Golden Twenties“ auch den Tanzkurs machen konnte. Weil die Lehrlingsvergütung sehr gering war, stand der sonntägliche Umtrunk mit einem Viertele oder zwei Bier allerdings nicht ständig auf dem Programm.

Für sich selbst und den Geschichts- und Heimatverein hat sich Hermann Preiser bis heute der Lokalgeschichte seiner Heimatstadt verschrieben, war er doch 22 Jahre 2. Vorsitzender im GHV und wirkt noch immer in dessen Beirat mit. Nostalgisch betrachtet hätte beim Schuljubiläum der Handelsschule deren eigener Kaufleute-Chor singen können?! Doch ist es lange her, dass Hermann Preiser mit dem KKV „Hansa“ unter dem Dirigenten Kammerer vom Quartett bis zum Oktett bei Höhepunkten im jährlichen Jahreslauf gesungen hat. Damals, als die meisten Berufsschüler noch richtig Kopf rechnen konnten.

Der „Weihnachtsteppich“ im Franziskanermuseum (Barbara Eichholtz)

Im Franziskanermuseum wird ein Teppich gezeigt, der sich deutlich von den beiden ebenfalls dort gezeigten Prachtteppichen mit der Krönung Mariens bzw. der Verklärung auf dem Berge Tabor unterscheidet: der sog.Weihnachtsteppich (Abb.1). Alle drei Teppiche dienten der gleichen Funktion – es sind Antependien1 – und zeigen die für diese Art Teppiche häufig anzutreffende Dreiteilung der Fläche mit zwei Heiligen, die das Hauptsujet rahmen, doch wirkt der „Weihnachtsteppich“ wesentlich bescheidener. Nicht nur hat er kleinere Ausmaße, ist vorwiegend im schlichten Klosterstich gestickt statt wie jene gewirkt, gedämpft farbig statt leuchtend bunt, sondern auch in der Thematik stellt er einen Gegensatz dar. Eingerahmt vom Hl. Franziskus und dem Hl. Ludwig von Toulouse, einem Bischof königlichen Geblüts, der die Krone ausschlug, um Franziskaner zu werden, zeigt der Teppich Christi Geburt im Stall mit der Anbetung der armen, schlichten Hirten, nicht der Könige in all ihrem Prunk. Das Thema ist uns von Kindesbeinen an durch die Erzählung im Lukasevangelium (2, 1-16) und vielen bildlichen Darstellungen so vertraut, dass wir gar nicht mehr genau hin-

 

Abb.1 Antependium mit Geburt Christi, Heiligem Franziskus und Heiligem Ludwig von Toulouse, um 1500, Wolle, bestickt.

Abb.2


sehen. „Wissen wir doch alles“. Wirklich? Die Darstellung des weihnachtlichen Geschehens war für Christen lange kein Thema, Ostern bzw. Karfreitag sind noch heute die höchsten Feiertage. Es galt als heidnisch, den Geburtstag zu feiern, wie es bei den römischen Kaisern üblich war, und das irdische Leben wurde nur als Durchgangsstation auf dem Weg ins wahre, nämlich himmlische, gesehen. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich Weihnachten als Fest etablieren konnte. Die ersten Weihnachtsdarstellungen stammen von Sarkophagen aus dem 4. Jahrhundert und zeigen das Christkind in einem trogähnlichen Behältnis zwischen Ochs und Esel2 (Abb. 2) bzw. zusätzlich einem Hirten mit Akklamationsgestus3 (Abb. 3)4. Ochs und Esel fehlen nie, wohl aber Maria und Joseph. Das darf nicht verwundern: Hat die Kirche sich doch anfangs schwer getan, Maria in das Heilsgeschehen einzuordnen, Joseph war sowieso nur der „Nährvater“. War Maria „Menschengebärerin“ und damit wie jede andere Frau einzuordnen oder „Gottesgebärerin“? Erst auf dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 entschied man sich nach langem Ringen für letzteres, Maria wurde verehrungswürdig und darf seitdem zusammen mit Christus abgebildet werden. Mit Joseph tat man sich noch schwerer. Auf Weihnachtsdarstellungen steht er oft abseits, schläft sogar oder ist in einer dienenden Nebenrolle tätig. Üblicherweise wird er als Greis gezeigt, der altersmäßig eher wie der Vater als der Ehemann Marias wirkt, worin sich die Auswirkung der mittelalterlichen Diskussionen um die Art der Vaterschaft spiegelt. Obwohl erst spät heiliggesprochen, erhielt er schon früh auch einen Nimbus (Abb. 4). Doch warum sind Ochs und Esel von Anfang an mit dabei? Warum sind sie so wichtig? Natürlich, in einem Stall sind sie nichts Ungewöhnliches, aber weder Lukas noch die anderen Evangelisten erwähnen sie.

 

Abb. 3 Sarkophag der Adelphia und des Valerius mit altund neutestamentlichen sowie apokryphen Szenen. Um 340-350. (Detail)


Abb. 4 Oberrheinische Schule. Die Geburt Christi, ca. 1420. Kunstmuseum Basel.


Gelehrte grübelten lange über die richtige Deutung, und noch bis heute ist die Symbolik dieser Tiere nicht vollständig entschlüsselt5. Der Kirchenlehrer Origines (um 185 – 253/254) bezog sie auf die Worte der Propheten Jesaja (1,3): „Ein Ochs kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn aber mein Volk Israel kennt’s nicht“ und Habakuk (3,2): „Zwischen zwei Tieren wirst du dich offenbaren.“

 

Abb. 5 Giotto. Christi Geburt, ca.1310. Padua, Scrovegnikapelle.

 

Daran anknüpfend deutete der griechische Kirchenlehrer Gregor von Nazianz (ca. 329 – ca. 390) die Prophetenworte als Christuskind, das den Ochsen, der an das jüdische Gesetz gespannt ist und den Esel, der mit der Sünde des heidnischen Götzendienstes beladen ist, von ihren Lasten befreit.6 Ähnlich sahen die Kirchenväter Ambrosius (340 – 430) im Ochsen das Sinnbild des Judentums, im Esel den Vertreter des Heidentums. Doch sind Ochs und Esel auch zugleich Zeugen des Geschehens, ebenso wie die Hirten und die Weisen. Verwunderlich bleibt warum auf dem „Weihnachtsteppich“ Maria – in einem weißen Kleid mit blauem Umhang – anbetend vor dem neugeborenen Kind kniet, das nahezu nackt und ungeschützt liegt. Müsste sie es nicht zumindest wärmend in ihrem Umhang bergen? Und warum hält Joseph eine Kerze, die eh kein Licht gibt? Byzantinische und von Byzanz beeinflusste Weihnachtsdarstellungen zeigen Maria in einer Höhle liegend, erschöpft von der Geburt, das Christuskind stramm gewickelt, wie es vor noch nicht allzu langer Zeit auch bei uns üblich war, dazu meist eine Hebamme, oft auch noch eine Frau, die das Neugeborene badet (Abb. 5). Diese Darstellungen beziehen sich auf das Protoevangelium des Jacobus, einer apokryphen Schrift7, die im vorderen Orient entstand und die Legenda aurea, eine im Mittelalter weitverbreitete Legendensammlung zum Neuen Testament8. Die Umstände der Geburt Christi werden hier auf eine Weise geschildert, die von uns leichter nachzuvollziehen ist, von den westlichen Kirchenvätem aber heftig bekämpft, schließlich sogar verboten wurde, sodass sich diese Darstellung im Westen nie durchsetzen konnte.

Ganz anders dagegen verhielt es sich mit den Visionen der Hl. Birgitta von Schweden (1302 – 1373), die diese aufschrieb und die in erstaunlich kurzer Zeit europaweit bekannt wurden: Birgitta war eine weitgereiste Frau, die auch die heiligen Stätten der Christenheit aufsuchte. Ihre Vision des weihnachtlichen Geschehens beeinflusste entscheidend die Darstellungen im westlichen Europa. Sie schreibt: „Als ich bei der Krippe des Herrn in Bethlehem war, sah ich eine schöne Jungfrau, die war schwanger und hatte einen weißen Mantel und ein blaues Gewand an … Und mit ihr war ein ehrbarer alter Mann, und sie hatten miteinander einen Ochsen und einen Esel … und ihr goldfarbenes Haar war über ihre Schultern gebreitet … da kniete die Jungfrau mit großer Innigkeit und Ehrbarkeit, um zu beten und … während sie so im Gebete war, erblickte ich eine Bewegung der heiligsten Frucht in ihrem Schoße; und plötzlich und in kürzestem Augenblicke war ihr Sohn geboren, von dem ein unaussprechliches Licht und ein Glanz von solcher Stärke ausging, daß die brennende Kerze, welche Joseph gebracht hatte, vor diesem göttlichen Lichtglanz wie erloschen war … ich erblickte das neugeborne, glorwürdigste Kind nackt und ganz leuchtend auf der Erde liegend, …“9

Unschwer ist zu erkennen, dass der Villinger „Weihnachtsteppich“ deutlich Bezug auf diese Vision nimmt, auch wenn das Strahlen des Kindes nur durch das helle Körperchen symbolisiert wird10. Es liegt auch nicht in einer Krippe, sondern einer Mulde, die durch ein Weidengeflecht umschlossen wird. Ein solches umschließt auf vielen Darstellungen das weihnachtliche Geschehen und symbolisiert als „hortus clonclusus“, d. i. der umschlossene Garten, die Jungfräulichkeit Mariens, hier könnte eine Anspielung darauf vorliegen, aber auch andere Deutungen sind möglich. Das Christuskind liegt bildparallel mit Blickrichtung auf Maria, der es seine kleinen Arme freudig entgegenstreckt. Marias linke Hand verharrt im Demutsgestus, sie kann das Wunder kaum fassen, ihre rechte Hand hingegen korrespondiert mit dem Gestus des Kindes. Hierdurch entsteht eine innige gefühlsmäßige Beziehung zwischen beiden, wie sie charakteristisch ist für spätmittelalterliche Christgeburtsdarstellungen und insbesondere auch für das Glaubensverständnis der Franziskaner. Ebenso erfuhr Joseph bei diesen eine gewisse Aufwertung11, die auch der Teppich zeigt, denn Joseph steht nicht mehr abseits, sondern kniet neben dem Christuskind, wachen Blickes und mit sprechendem Gestus wie Maria.

Umschlossen ist die kleine Gruppe von einem seitlich offenen, stallartigen Gebäude, das teilweise aus Holz, teilweise aus Stein errichtet ist, wie die Fugen der hinteren Begrenzung andeuten. Während im Byzantinischen seit etwa dem 6. Jahrhundert Weihnachten in einer Höhle stattfindet, weil Höhlen in Palästina und den angrenzenden Gebieten häufig von den Hirten als Stall genutzt wurden, findet man im westlichen Kulturkreis, vor allem in Nordeuropa, meistens den Holzstall, weil dies der hier gebräuchlichen Form des Viehunterstandes entsprach. Er wird zuweilen mit dem menschlichen Herz gleichgesetzt, das schlicht und einfach sein soll, um Gott zu empfangen.

Maria und Joseph beugen sich einerseits dem Kinde zu, sind andererseits aber auch zum Betrachter hin gewendet, ebenso wie die Hl. Franziskus und Ludwig, die sich sowohl zum Kind als auch zum Betrachter hin wenden. Der Stall mit dem Kind, Maria, Joseph, den Hirten, Ochs und Esel wird in der Art einer Guckkastenbühne dargeboten. Durch die Öffnungen sieht man rechts auf die Zinnen von Bethlehem, links auf die Verkündigung des Engels an die Hirten, die zugleich aber schon durch die mittlere Öffnung herein blicken, wie es als sog. Simultandarstellung im Mittelalter gang und gäbe war.

Stall und Heilige werden durch eine Überfülle von Pflanzen auf dunklem dreigeteilten Grund hinterfangen. Der Stall mit den beiden Heiligen steht auf einer Blumenwiese, deren Pflanzen symbolische Bedeutung haben, so können z. B. Erdbeeren für Gerechtigkeit oder Maiglöckchen für kommende Freuden stehen, der Löwenzahn mit seinen gezackten Blättern hingegen weist auf die Passion Christi hin. Hinter Franziskus, dessen Vision eines Seraphen12 mit Kruzifix gezeigt wird, durch den er die Wundmale Christ empfängt, erblickt man Ranken mit Kirschen, die u. a. auf Glückseligkeit und Ranken mit Lilien, die auf Unschuld und Keuschheit verweisen. Die Ranken mit Granatäpfeln hinter Ludwig symbolisieren Auferstehung und ewiges Leben, zugleich aber auch die Gemeinschaft der Heiligen.

Im Vergleich zu den Pflanzen, die sehr kunstvoll ausgeführt sind, wirken die Gesichter nahezu kindlich und etwas unbeholfen, aber gerade hierdurch sind sie so ansprechend. Das weihnachtliche Geschehen ist nicht prächtig, hoheitsvoll und dadurch distanziert wiedergegeben, sondern spricht unmittelbar an in seiner Schlichtheit, wie es auch in vielen Weihnachtsliedern anklingt: „Er ist auf Erden kommen arm“ oder „Er liegt dort elend, nackt und bloß“. Die Darstellung hat Aufforderungscharakter, denn wie Franziskus, Ludwig, Maria, Josef, die Hirten, Ochs und Esel, deren Haltung, Blicke und Gesten alle auf den Mittelpunkt des Geschehens, das neugeborene Christkind, gerichtet sind, das auch kompositorisch den Mittelpunkt der Darstellung bildet, so sollen auch wir staunend und andächtig das Wunder der heiligen Nacht erleben: „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering, er nimmt an sich ein’s Knecht’s Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ heißt es in einem anderen Weihnachtslied. Franziskus, der der gelehrten Theologie die gelebte Frömmigkeit entgegensetzte, soll, der Legende nach, 1223 erstmals im kleinen Ort Greccio das Weihnachtsfest mit der Aufstellung einer Krippe, Ochs und Esel daneben, begangen haben, denn Weihnachten war für ihn, neben Karfreitag, das höchste Fest. Er stammte, wenn auch nicht aus königlichem Hause, so doch aus sehr begüterten Verhältnissen. Beide, Franziskus wie Ludwig, verzichteten auf ein Leben in materiellem Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen, um in Demut Gott zu dienen.

Im Villinger „Weihnachtsteppich“, um 1500 entstanden, verdichtet sich so die zentrale Botschaft franziskanischer Frömmigkeit. Wenn man ihn durch die beiden Wappen links und rechts des Stalles auch den Konstanzer Familien Sattler von Croaria und Münchwil zuweisen kann13, die ihn wohl gestiftet haben, so ist sein Bestimmungsort doch nicht eindeutig festzulegen14. Heute stellt seine Aufbewahrung und Präsentation in den Räumen des ehemaligen Franziskanerklosters, auch wenn diese ihrer ursprünglichen Funktion seit langem verlustig gegangen sind, so etwas wie einen genius loci dar.

Anmerkungen:

1 Schmückende Verkleidung der Vorderseite der Altarmensa.

2 Giebel des Stilichosarkophags, Mailand, S. Ambrogio.

3 Akklamation = Beifall, Glückwunsch an Personen weltlicher oder geistlicher Macht. In der Antike im ganzen Mittelmeerraum üblich, von der Kirche übernommen.

4 Sarkophagdeckel, Rom, Vatikan, Museo Pio Cristiano.

5 Edith Neubauer: Die Magier, die Tiere und der Mantel Mariens. Freiburg/Basel/Wien 1995. S. 41.

6 Heinrich und Margarethe Schmidt: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. München S. 91 f.

7 D.h. Schriften, die den biblischen Schriften ähnlich, aber von der Kirche nicht anerkannt sind.

8 Jacobus de Voragine: Legenda aurea. Deutsch von Richard Benz. Heidelberg 1984.

9 Revelationes sancte Birgitte 7, c.21.

10 In textilem Gewebe wäre ein solches Strahlen auch technisch schwierig zu realisieren gewesen.

11 Lexikon der christlichen Ikonographie. Freiburg 1973. Bd. 7, Sp. 211 f.

12 Seraph = sechsflügeliger Engel, Jesaja 6,1 – 8.

13 Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964. S. 212 f.

14 Inventar-Nr. 11523.

„Gullerfiguren“ Villinger Tonfiguren der Familie Ummenhofer (Dr. Anita Auer)

Gullerfiguren stellen ein Villinger Spezifikum dar. Der Lenzkircher Uhrenfabrikant Oskar Spiegelhalder (1864-1925) sammelte beispielsweise bemalte Tonfiguren aus Villingen in seiner Schwarzwaldsammlung und somit als Zeugnis des Brauchtums dieser Region 1. Eine ähnliche Intention verfolgte der Kunsthafner Carl Kornhas (1857-1931), der Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe war. Er besaß eine große Sammlung von Villinger Krippenfiguren, von denen er 296 an die Städtischen Sammlungen verkaufte 2.

Vergleichbare Tonfiguren findet man in derselben Zeit in Ulm („Rommelfiguren“) und Zizenhausen bei Stockach. Die kleinen Tonfigürchen, die das Leben im reichsstädtischen Ulm festhielten, wurden jedoch von professionellen Hafnern gefertigt, während die Zizenhausener Figuren zwar ebenfalls wie in Villingen von Laienkünstlern hergestellt wurden, aber nicht als Vollplastiken, sondern vorwiegend als Reliefs. Sie wurden anfangs massenweise für Jahrmärkte und Wallfahrtsorte produziert, was sich in der Vielfalt ihrer Themen widerspiegelt.

Wer sich mit diesen „Gullerfiguren“ historisch auseinandersetzt, wird schnell mit der Tatsache konfrontiert, dass der vom Volksmund geprägte Ausdruck so nicht zutrifft. Denn neben dem als „Guller“ bezeichneten Dominikus Ummenhofer (1805-1876), fertigten noch andere Mitglieder der Familie Ummenhofer Tonfiguren, die alle als „Gullerfiguren“ bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich in Größe und Stil, geben in ihrer „Handschrift“ die verschiedenen Hersteller zu erkennen.

Warum beschäftigten sich angesehene Villinger Bürger mit dieser Kleinkunst, die nachgewiesenermaßen wenig Verdienst einbrachte? Möglicherweise war das Modellieren in Ton eine Winterbeschäftigung. Ton war zudem ein preisgünstiges Material. Man arbeitete für den Eigenbedarf. Nahm man Aufträge entgegen, dann nur für aus dem engsten Umkreis, von Bekannten und Verwandten. Die Wiedergabe der Umwelt im Kleinen stellte eine reizvolle Aufgabe dar, wobei Genreszenen, also Darstellungen des Alltags, vorwiegend in den Zusammenhang biblischer Geschichten eingebunden wurden. Was liegt näher im Winter als Figuren für Weihnachtskrippen herzustellen und damit eine Hauskrippe auch für die bürgerliche Mittelschicht erschwinglich zu machen?

Franz Xaver Ummenhofer (1774 -1843) war wohl derjenige, der innerhalb der Familie Ummenhofer mit dem Anfertigen von Tonfiguren begann. Er war Leinenweber im Hauptberuf. Als Nebenerwerb betrieb er wie viele Villinger in dieser Zeit eine kleine Landwirtschaft, zudem war er Mesner. Er hat als einziger seiner Familie Figurengruppen rein weltlichen Inhalts geschaffen: den „Zahnzieher“ und das „Konzert“.

Die Figurengruppe „Der Zahnzieher“ (Abb.1)3 ist in der Sammlung des Franziskanermuseums in zweifacher Ausfertigung vorhanden. Dies ist erstaunlich, weil die Figuren über einem Drahtgestell aus Ton frei modelliert wurden. Vermutlich gab es eine malerische oder grafische Vorlage, an die sich der Modelleur hielt, sonst wäre ihm eine nahezu identische Ausführung ein und derselben Gruppe schwer gefallen. Offensichtlich erfreute sich das lebensnahe Motiv großer Beliebtheit und wurde daher in Serie hergestellt.

Der „Patient“, ein Bauer in Baarer Tracht mit dem typischen schwarzen Filzhut auf dem Kopf, sitzt mit geöffnetem Mund, breitbeinig auf einem Baumstumpf. Sowohl mit dem Kopf als auch mit beiden Armen wendet er sich von demjenigen ab, der ihn von seinem Zahnschmerz befreien will. Der Zahnzieher, wohl ein Barbier, trägt eine Zipfelmütze, eine rote Weste und blaugraue Kniehosen. Die Ärmel seines weißen Hemdes hat er sich

Abb.1 Franz Xaver Ummenhofer: Der Zahnzieher, 1842, Franziskanermuseum. Foto: Singer


Abb. 2 Franz Xaver Ummenhofer: Das Konzert, Franziskanermuseum. Foto: Singer

bei diesem schweißtreibenden Geschäft hochgekrempelt. Um das Ausweichen des Patienten zu verhindern, kniet er mit dem linken Bein auf dem rechten des Patienten und hält mit der linken Hand dessen Kopf fest 4. Mit der rechten zwingt er ein langes, gebogenes Instrument zwischen die Kiefer des Malträtierten, dessen Schmerz an den weitaufgerissenen Augen und der stark gefurchten Stirn ablesbar ist. Der „Zahnzieher“ ist auf der Rückseite des Baumstumpfes mit dem Monogramm „X.U.“ signiert und in das Jahr „1842“ datiert.

Das „Konzert“ (Abb.2) besteht ebenfalls aus zwei Personen. Eine Dame sitzt auf einem bäuerlichen Brettstuhl am Spinett. Sie ist – verglichen mit ihrem „Gefährten“ – etwas unmodisch, leicht altertümelnd gekleidet mit Caraco5 und Rock aus demselben Material, dazu einer weißen Haube mit rotem Band. Der links neben ihr stehende junge Mann dagegen wirkt stutzerhaft, im Gewand des „Incroyables“ der Zeit um 1795-99: einem hochtaillierten Justeaucorps mit hohem Kragen, darunter einer Weste und einem mehrmals dick um den Hals gewickelten Tuch, engen Kniehosen mit Stiefeln und einem Dreispitz. Der junge Mann fasst mit der rechten Hand die Rücklehne des Stuhles und blickt mit einer galant auffordernden Geste der linken Hand auf die junge Frau, die etwas steif dasitzt und geradeaus blickt. Möglicherweise ist damit eine ebenso spöttisch-belustigende Szene dargestellt wie in der Figurengruppe „Der Zahnzieher“: eine Lehrer-Schülerinnen-Konstellation o. ä. Leicht ist in diesen szenischen Darstellungen das Vorbild des höfischen Porzellans des 18. Jahrhunderts zu erkennen. Wahrscheinlich wurden beide Figurengruppen als Stellbilder für das Vertiko oder den Fenstersims entworfen.

Auch beim Gestalten biblischer Themen erweist sich Xaver Ummenhofer als genauer Beobachter seiner Zeitgenossen, denn die Tischgesellschaft der „Hochzeit zu Kana“ von 1838 trägt Villinger Tracht. Herausgehoben und genauer beschrieben sei ein Paar (Abb. 3): die Dame trägt ein zweiteiliges rotes Kleid mit kurzen Ärmeln. Darunter wird ein Hemd sichtbar, dessen Kräuselsaum das Dekolleté verhüllt, und als Manschette unter den Ärmeln des Mieders hervorschaut. Ein blaugraues Tuch ist vorne in das Mieder gesteckt. Die Radhaube aus schwarzer Chenille ist nur eine Art Kranz, denn auf der Rückseite ist das braune Haar der Trägerin zu sehen. Der Herr trägt einen Justeaucorps mit großen Knöpfen und breiten Manschetten und dazu passende grüne Kniehosen, weiße Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe. Die rote Weste blitzt an den Jackenkanten hervor. Damit stellen diese Figuren eine wichtige Quelle für die Villinger Tracht in der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Was auf zeitgenössischen Porträts fehlt – nämlich zumindest die Kleidung von der Brust abwärts und die Rückseite – ist in diesen kleinen Figuren exakt und detailreich wiedergegeben. Die höchst unterschiedlich gestalteten Gesichter wirken porträthaft und verweisen möglicherweise auf lebende Zeitgenossen 6.

 

 

Abb. 3 Franz Xaver Ummenhofer: Paar aus der Hochzeit zu Kana, 1838, Franziskanermuseum. Foto: Maier

 

Xavers Sohn Domenikus Ummenhofer (1805-1856), der Uhrmacher und spätere Kirchenvogt, modellierte eine „Hochzeit zu Kana“ (Abb. 4) ganz anderer Art. Er arbeitete keine Einzelfiguren, sondern komponierte die Gesellschaft als Figurengruppe um einen Tisch. Seine Variante des Themas erinnert stark an Leonardo da Vincis Mailänder „Abendmahl“ von 1495-97, das als Vorlage über die Druckgrafik verbreitet wurde.

 

Abb. 4 Domenikus Ummenhofer: Hochzeit zu Kana, Franziskanermuseum. Foto: Singer

Wie dort handelt es sich um einen streng symmetrischen Aufbau. Der Tisch, dessen Platte leicht in Aufsicht wiedergegeben ist, stellt den unteren Bildrand dar und fasst die Personengruppe zusammen. Die Figur Jesus‘ bildet genau die Mitte, was dadurch betont wird, dass die Personen neben ihm sich auf die andere Seite neigen und seine Silhouette freistellen. Zudem ist sie die größte Figur. Von ihr ausgehend werden die Figuren zum Rand hin immer kleiner, ausgenommen die Dienerin. Exakt wird die mit beiden Armen ausladende Geste Jesu von der Vorlage kopiert ebenso wie die Kleidung mit Untergewand und über die linke Schulter asymmetrisch drapiertem Obergewand (nur die Farbigkeit wird umgedreht). Wie im Fresko des berühmten Vorbildes wird die Tischgesellschaft in kleinere Gruppen aufgelöst, die durch den Wechsel der Blickrichtung und der Gesten aufeinander Bezug nehmen. Einzelne Figuren und ihre Gesten wie der sich ans Herz fassende Johannes finden sich auch bei Domenikus Ummenhofer. Die antikisierende Gewandung verliert sich allerdings bei ihm zu den Rändern der Figurengruppe hin. Hier steht rechts eine Aufwärterin in der Kleidung des 18. Jahrhunderts (Caraco und Rock). Die direkt neben ihr stehenden Personen sind ähnlich „modern“ gekleidet. Mit der Herstellung eines Kreuzweges für St. Peter 1853 (Abb. 5) erweist sich Domenikus Ummenhofer als ambitionierter Künstler. Dieser Auftrag umfasste 90 Figuren, war also ungewöhnlich umfangreich. Zudem handelte es sich nicht um Miniaturen wie bei den Krippenfiguren, sondern um etwa 30 cm große Figuren. Für die Passionsszenen mussten diese nicht nur als Einzelfiguren hergestellt, sondern durch Blicke und Gesten aufeinander bezogen komponiert werden. Diese Aufgabe löste Ummenhofer gekonnt und zeigte sich dem größeren Format gewachsen.

Die Figuren des Bruders Michael Ummenhofer (1816 -1852)7 sind allein schon an ihrer Kleinformatigkeit zu erkennen. Seine „Flucht nach Ägypten“ (Abb. 6) ist ungefähr zwei Drittel so groß wie die Figuren von Franz Xaver Ummenhofer. Josef hat sein Bündel geschnürt und trägt es an einem Stab über die Schulter.

 

Abb. 5 Domenikus Ummenhofer: Kreuztragung aus dem Kreuzweg von St. Peter, 1853. Foto: Singer

 

Er führt die Eselin, auf der Maria mit dem Jesuskind seitlich sitzt. Josef und Maria tragen beide Hüte als Zeichen ihres Unterwegsseins. Die Eile des Aufbruchs, aber auch die Unruhe und Gefahr, in der sie sich befinden, wird durch die wehenden und stark gekräuselten Gewandsäume ausgedrückt. Maria, welche die Arme um ihr Kind legt und den Kopf ihm entgegenneigt, wirkt jedoch wie eine schützende Hülle für dieses kostbare Gut, das die Familie vordem Zugriff Herodes‘ retten will.

Domenikus Ummenhofers Sohn Fridolin (1831-1856) war Maler und fertigte ebenfalls Krippenfiguren. Von ihm sind nur wenige Beispiele erhalten, so eine Figur des Heiligen Josef (Abb.7). Sie ist auf dem Sockel mit „F.U.“ signiert und trägt die alte Inventarnummer der Städtischen Altertümer sammlung 2131 8.

 

Abb. 6 Michael Ummenhofer: Flucht nach Ägypten, Franziskanermuseum. Foto: Singer

 

Es handelt sich um einen Ankauf aus der Sammlung Bichweiler. Josef kniet auf einem Rasenstück und ist in die Anbetung des Kindes versunken. Er ist barhäuptig. Das graue, lichte Haupthaar und der Bart verdeutlichen den großen Altersunterschied zu seiner jugendlichen Frau. Josef trägt ein blaues, mit einem Seil gegürtetes Untergewand, einen roten Mantel und keine Schuhe. Die zugehörige Gruppe der Maria mit dem Kind ist nicht erhalten. Hierdurch wird die in vielen Krippenkompositionen zu beobachtende Herauslösung der Figur des Josef aus dem Weihnachtsgeschehen besonders hervorgehoben. Die Figur wirkt als wäre sie als für sich stehende kleine Skulptur entworfen worden: Josef scheint auf sich selbst bezogen, in sich ruhend, verträumt, wie schlafend: „Dieser immer wiederkehrende Ausdruck soll sagen, dass Joseph nicht der Vater des Kindes ist, aber mit Gott, dem Vater aller Väter und Ursprung der Botschaften durch Engel und Träume, im Gespräch“. 9

Um die eingangs gestellte Frage nach dem Grund für die Fertigung der „Gullerfiguren“ in Villingen zu beantworten, sei abschließend kurz zusammenfasst: Ton war zusammen mit Papier oder Brot das billigste Material, aus welchem Krippenfiguren hergestellt werden konnten. Die Verwendung dieses Materials ermöglichte eine kostengünstige Fertigung von Krippenfiguren in großer Zahl und damit die Ausbreitung von Hauskrippen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch in bürgerlichen Familien. Unter den Laienkünstlern, die sich in Villingen mit diesem Nebenerwerb beschäftigten, sticht die Familie Ummenhofer besonders hervor, da mehrere Generationen Krippenfiguren herstellten und es darin zu großer Fertigkeit brachten.

 

Abb. 7 Fridolin Ummenhofer, Hl. Josef, Franziskanermuseum, Foto: Singer

Anmerkungen:

1 Es handelt sich um sieben Figuren (Inv.Nrn. 7387-7393), die Spiegelhalder 1912 in St. Peter gekauft hat, und die er in die Zeit um 1810 datierte. Spiegelhalder bemerkte hierzu, dass die Figuren 1812 von Bräunlingen nach St. Peter gelangten: Mädchen in geblümtem Kleid, Schaf, Hirsch, fürstenbergischer Soldat, Mann mit Dreispitz, Bauer in Baarer Tracht mit Fass, Mann mit hoher Krätze.

2 Allerdings gingen 92 – darunter die „besten“ – während der Auslagerung im 2. Weltkrieg verloren.

3 Alle Abbildungen, mit Ausnahme von Abb. 3, sind freundliche Leihgaben der Sparkasse VS. Hier waren die Figuren im November 2000 im Rahmen der Ausstellung „Villinger Gullerfiguren des 19. Jahrhunderts“ zu sehen.

4 Diese Art der Zahnbehandlung geschah meist ohne irgendeine Form der Narkose und endete nicht immer im Guten. In ihrer Folge verstarb auch hin und wieder einer der Patienten.

5 Caraco: Schoßjacke, die als Hauskleidung getragen wurde: „Der C.hatte dreiviertellange, glatte Ärmel mit Aufschlag, ein tief hinuntergezogenes, unterschiedlich geformtes Dekolleté, das mit einem Folette, später mit einem Fichu (Halstuch, A.A.) ausgefüllt war. . .“ (Ingrid Loschek, Reclams Modeund Kostümlexikon, Stuttgart 1987).

6 In diesen Merkmalen gleichen die Figuren des Franz Xaver Ummenhofer jenen, welche heute Gisela Jaag herstellt. Auch sie arbeitet mit einer – dem Ton ähnlichen – formbaren Modelliermasse, sie stellt das Villinger Alltagsleben (allerdings speziell der Fastnachtszeit) dar und gibt ihren Figuren porträthafte Züge. Daher ist der Fastnachtsumzug von Gisela Jaag eine hervorragende Ergänzung und Erweiterung der Ausstellung der Gullerfiguren innerhalb der Neukonzeption der Dauerausstellungen im Museum Altes Rathaus.

7 Michael Ummenhofer war von Beruf Gastwirt.

8 Im Inventar ist sie allerdings als „Gullerfigur, Petrus'“ verzeichnet. Carl Kornhas identifiziert in seinem Aufsatz „Die Villinger Ton Krippenfigürchen des 19. Jahrhunderts“, in: Eckhart Jahrbuch, 1926, S. 88, als Josef.

9 Gerhard Bogner: Das große Krippen-Lexikon. Geschichte, Symbolik, Glaube, München 1981, S. 31.

 

Erinnern Sie sich noch? Villingen im Wandel der Zeit (Gerhard Hirt)

Ein Spaziergang in die Vergangenheit, mit Motiven, die der einheimische Kunstmaler Albert Säger (1866 -1924) mit seinen Bildern der Nachwelt hinterlassen hat: Mit seinen historischen Fassadenmalereien und Gebäudeausstattungen, die meist „Geschichten“ erzählten, hat er um 1900 wesentlich zum neuen Erscheinungsbild Villingens beigetragen, so Ulla Merle im Ausstellungskatalog 1998 „Beruf Künstler“. Manches ist nicht mehr so wie früher, anderes blieb erhalten. Geblieben ist – jedenfalls in der Erinnerung – überwiegend das Bild von unserer „liebwerten Stadt“.

Kaiserring mit Glockengießerei Grüninger (heute Seniorenresidenz), Turm der Johanneskirche, gemalt 1917.

 

Lorettokapelle um 1919.

St. Vituskapelle, am 27.12.1944 durch Bomben zerstört. Dahinter das Gutleuthaus (an der Bertholdstraße), das wenig später – am 30. 2.1945 – ebenfalls einem Luftangriff zum Opfer fiel.

Das Pförtnerhaus zum früheren Heilig-Geist-Spital in der Rietgasse, das vor einigen Jahren leider abgebrochen wurde.

Kaiserturm um 1917; damals fand man noch in den Anlagen (wie auf dem Bild ersichtlich) das „stille Örtchen für menschliche Bedürfnisse.“

 

Blick zum Münster durch die Rathausgasse, rechts vorne das frühere Ökonomiegebäude des Malers dieser Bilder, Albert Säger, daneben der Hofeingang zur früheren Metzgerei Münzer.

 

Blick in die Schulgasse, noch ohne das Gemeindezentrum Münster