1284 — 1984 Siebenhundert Jahre Fürstenbergkelch

Geschichtliches und Geschichten um einen Kunstschatz. Ist es noch der echte Kelch?

Im 13. Jahrhundert kam die Stadt Villingen unter die Herrschaft der Grafen von Fürstenberg. Lassen wir im Folgenden Paul Revellio zu Wort kommen 1):

Hatten die Uracher noch im Jahre 1244 die Hoffnung ganz aufgegeben, je in den Besitz von Villingen zu kommen, so kam ihnen nun nach dem Tode Konrads IV. das Interregnum, die kaiserlose Zeit, in der die Interessen des Reiches brach lagen, besonders zugute. Jetzt gelingt es ihnen, ihren Anspruch auf Villingen durchzusetzen. Schon 1254 spricht Heinrich von Urach-Fürstenberg, dem die Stadt bei der Erbteilung im Hause Fürstenberg zufiel, von den Bürgern unserer Stadt Villingen, und 1257 bezeichnen die Bürger den Grafen als ihren Herrn, freilich, ohne daß das Reich seine Ansprüche offiziell aufgab. Rudolf von Habsburg rechnet die Stadt noch im Mai 1278 zu den Reichsstädten. Aber ein Vierteljahr später verzichtet der Kaiser auf Villingen. Der Verzicht geschah wenige Tage vor der entscheidenden Schlacht auf dem Marchfelde, wo Rudolf seinen gefährlichsten Gegner Ottokar von Böhmen gegenüberstand. Die Urkunde ist auf dem Schlachtfelde selbst — ze Marchegge —ausgestellt. Graf Heinrich zu Fürstenberg war einer der nicht allzu zahlreichen Großen gewesen, die dem bedrängten König auch in der Not zur Seite gestanden hatten. Schließlich fand der Kaiser 1283 eine Lösung, die die Interessen des Reiches nicht preisgab und doch den Verpflichtungen entsprach, die den König an den Grafen Heinrich banden: er verlieh die Stadt dem Grafen Heinrich als ewiges Reichslehen. Kurze Zeit vorher weilte König Rudolf von Habsburg selbst in den Mauern der Stadt. Er nahm an den Feierlichkeiten teil, bei denen den Söhnen des Grafen Heinrich der Ritterschlag erteilt wurde. Schon diese Feier zeigt, daß der Graf die Stadt besonders bevorzugte; seit den Tagen des Interregnums hatte er ihr seine Fürsorge zugewandt, die Fürsorge eines klugen und weitschauenden Mannes, der sich im Dienst für König und Reich seit langem bewährt hatte. Offenbar dachte er daran, die Stadt zum Mittelpunkt seines Territoriums zu machen. Er berief 1257 die Johanniter nach Villingen, damit kam ein Kollegium adliger Männer hierher, von denen manche in ihren Mannesjahren im fernen Orient auf vorderstem Posten gegen den Islam gestanden und im Alter in der Komturei ihren Ruhesitz fanden, nicht immer bequeme Bürger für die Stadt, aber Männer mit weitem Blick und voll Edelsinn. Im Jahre 1268 gründete er mit seiner Gemahlin Agnes das Franziskaner-kloster.

Heinrichs Witwe, die Gräfin Agnes, stiftete, unterstützt von ihren Söhnen, das Heiliggeistspital. Es hat, durch zahlreiche Stiftungen der Bürger vergrößert, in den sieben Jahrhunderten seiner Geschichte unendlich viel Gutes geleistet. Bis heute hat das Haus Fürstenberg das Recht, einen Pfründner für das Spital zu benennen. Heinrichs Verdienst ist auch der Wiederaufbau des Münsters nach dem Brande von 1271, der fast die ganze Stadt zerstörte. Unter ihm wurde mit dem Aufbau des Chors im neuen Stil der Gotik begonnen.

Beim Münster ist Graf Heinrich auch im Jahre 1284 begraben. Ihm stiftete er jenen kostbaren Kelch, dessen Fuß, mit Filigranwerk und Halbedelsteinen aufs reichste verziert, heute noch seinen und seiner Gemahlin Namen trägt:

ICH KELCH BIN GEIBEN

DVRCH GRAVE H. VON F IVSTEN

BEG VND DVRCH ANGNE

SEN SIN WIP VND DVRCH

IR KINDE SIBENIV

Ergänzend zu unserem Thema wollen wir anmerken, daß das Begräbnis des Grafen Heinrich „beim Münster“ eine ungenaue Bestimmung ist. In dem erneuerten Stadtrecht von 1371, das in seinem § 1 ausdrücklich auf ein älteres Recht verweist, das jedoch für uns heute nicht mehr vorhanden ist, finden wir eine Regelung, wonach nur Priester und Stifter „im“ Münster begraben werden dürfen.2) Der wichtigste „Stifter“ seiner Zeit war Graf Heinrich allemal. Warum soll er seine Grablege nicht „im“ Münster erhalten haben? Die Münstergrabungen der Jahre 1979/1980 erlauben hierzu eine Hypothese: Während die Schichten im Chorraum des Münsters, nicht zuletzt durch den Einbau einer Warmluftheizung zu Beginn des Jahrhunderts, stark gestört waren und deshalb kaum mehr Aussagen zulassen, fand sich im ersten Drittel des vorderen Kirchenschiffs, etwa in der Mitte des Kirchenraumes, unmittelbar vor den Fundamenten des mittelalterlichen Steinlettners aus dem 15. Jahrhundert eine einzige, aus einer Steineinfassung bestehende Gruft, die allerdings bei ihrer Ergrabung leer war. Sie ist leider nur auf einer Grundrißzeichnung dokumentiert.3) (Der Ausgräber hat die wissenschaftliche Auswertung der Münstergrabungen abgebrochen. Das Material liegt seither beim Landesdenkmalamt in Freiburg und wartet auf seine Aufbereitung.) Dieser Fundumstand erlaubt zumindest die Fragestellung, ob es sich um die Grablege des Grafen Heinrich von Urach-Fürstenberg gehandelt haben könnte.

Kehren wir zum Fürstenberg-Kelch zurück. Als wertvoller alter Kunstgegenstand war der Kelch nie sicher, im Laufe der Jahrhunderte den Besitzer zu wechseln. Über 500 Jahre schweigen hierzu die Quellen. Dann drohte ihm im 19. Jahrhundert gleich zweimal der Verkauf.4)

Nach Revellio hatte der Ausverkauf von wertvollem altem Kunstgut auch vor den Werken der Goldschmie-dekunst nicht halt gemacht. „In diesen Strudel wurde auch der Fürstenberger Kelch mit hineingezogen. Bereits 1805 sollte er nach dem Willen einzelner Stadtratsmitglieder verkauft werden, um damit Kriegskosten zu bezahlen. Der Verkauf wurde damals verhindert, dadurch, daß ein städtischer Beamter den Kelch von seinem seitherigen Verwahrungsort — es wird wohl das Rathaus gewesen sein — in die Hände des damaligen Stadtpfarrers zurückbrachte. 1830 sollte der Kelch veräußert werden, um zu den Kosten der Münsterreno-vation (s. o.) beizutragen. Diesmal verhinderten es weltliche Stiftungsratsmitglieder …“.

Was dann irgendwann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geschah, läßt sich nur noch durch eine mehr oder minder gesicherte mündliche Überlieferung darstellen. Der Berichterstatter hat mit seinen Gewährsleuten im Januar 1984 ein Gespräch geführt und dessen Inhalt über ein dabei verwendetes Diktiergerät protokolliert. Die Gesprächspartner waren der Mundartdichter Hans Hauser, ein ausgezeichneter Kenner der Villinger Geschichte und nach seiner Pensionierung langjähriger Führer durch das Museum im alten Rathaus, sowie Kaufmann Paul Grüninger, beide Herren sind Vorstandsmitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. Die Aussagen der beiden bleiben hier mit Ausnahme sprachlicher Richtigstellungen unredigiert, so daß der protokollarische Charakter und eine scheinbare Widersprüchlichkeit der Aussagen Hans Hausers zu denen von Paul Grüninger, soweit es die “ Reemtsma-Geschichte“ betrifft, erhalten bleibt. Die Ausführungen des Hans Hauser haben folgenden Inhalt: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war mit dem Fürsten zu Fürstenberg befreundet, besuchte diesen immer wieder in Donaueschingen und ging auch in der Gegend wiederholt auf die Jagd. Der Fürst zu Fürstenberg andererseits besaß am kaiserlichen Hof ein einflußreiches Amt. Eines Tages kam der deutsche Kaiser wieder einmal nach Donaueschingen zu Besuch. Zu seinen Ehren veranstaltete der Fürst ein Bankett. Als Trinkgefäß setzte der Fürst dem Kaiser den sogenannten Fürstenbergkelch aus Villingen vor. Der Kelch befand sich damals, wie auch heute, als Teil des Kirchenschatzes im Münsterpfarramt. Der Fürst hatte ihn deshalb in Villingen ausgeliehen. Allerdings verschwieg er dem Kaiser, daß der Kelch ihm gar nicht gehörte. Allmählich soll der Kaiser doch die Geschichte dieses Kelches erfahren haben und den Wunsch geäußert haben, ihn zu besitzen. Der Fürst konnte ihm natürlich diesen Kelch nicht schenken. Er versprach aber dem Kaiser einen gleichen Kelch anfertigen zu lassen und ihm diesen nachzuschicken. Daraufhin hat der Fürst in Berlin bei einem dortigen Goldschmied nach Vorlage des echten Kelches einen zweiten nachmachen lassen. Es sei kein Zweifel, daß der richtige Fürsten-bergkelch schließlich wieder nach Villingen zurückgekehrt sei. Hauser reklamiert hierfür stilistische Merkmale, auf die schon Paul Revellio verweist (a. a. 0., S. 71).

Nach Beendigung der Münsterrenovation. von 1978 —1982 fand aus Anlaß dieses Ereignisses im Erdgeschoß des alten Rathauses eine Sonderausstellung des Münsterschatzes statt. Darunter befand sich auch der Fürstenbergkelch. Hans Hauser, als damaliger Museumsführer, berichtet, daß eines Tages in der Ausstellung ein Mann erschienen ist, der der Sohn eines Direktors von Reemtsma gewesen sein soll. Dieser Mann hat zunächst einmal um den Brei herumgeredet, von einem Münsterschatz gesprochen aber auch vom Fürstenbergkelch und hat sich nach ihm erkundigt. Daraufhin erzählte ihm Hauser die Geschichte des Fürstenbergkelches. Der Mann sagte, daß sein Vater einen oder diesen Fürstenbergkelch in Ungarn oder in Wien auf einem Trödel- oder vielleicht auch Kunstmarkt gekauft habe. Dem Mann war klar, daß sein Vater nicht den originalen Fürstenbergkelch gehabt habe und deshalb wollte er hier einmal das Original sehen. Bei dem Exemplar des „Reemtsma“-Kelches handle es sich um den ehemaligen Kelch Wilhelms II., der ja eine Kopie gewesen sein soll. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll während seines Exils nach 1918 in Holland in Thorn diesen Fürstenberg-kelch, also das Zweitexemplar, verkauft haben. Von Thorn sei der Fürstenbergkelch nach Ostpreußen gewandert, ins Baltikum, zu einer baltischen Gräfin, die ihn dann wiederum verkauft habe, so daß er schließlich über verschiedene Märkte gewandert sei. Schließlich habe ihn der Direktor von Reemtsma gekauft. Hauser nennt hierfür eine Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Direktor von Reemtsma soll den Kelch seinerzeit wieder an die Königin Elisabeth II. von England weiterverkauft haben. Angeblich befindet sich das Fürstenbergkelch-Zweit-exemplar nunmehr im Tower in London. Der Schwiegersohn von Hans Hauser, Franz Straub, sei vor etwa zwei Jahren in England gewesen und habe im Museum im Tower nach dem Kelch gefragt. Von dem zuständigen Museumsmann sei ihm aber gesagt worden, daß die erworbenen Gegenstände der letzten Jahre sich im Magazin und nicht in den Ausstellungsräumen befänden.

Die Aussagen von Paul Grüninger haben folgenden Inhalt:

In der Mitte der 1960er Jahre erschien in seinem Tabakwarenfachgeschäft ein Bezirksvertreter des Hauses Reemtsma, der aus Mannheim kam, und hat sich zunächst einmal erkundigt, was es in Villingen zu sehen gibt. Grüninger empfahl ihm einen Rundgang durch die Stadt und zählte ihm dabei verschiedene Dinge auf. Danach fragte der Vertreter sehr direkt: „Ja, gibt es hier nicht auch einen Münsterschatz?“ Daraufhin hat Grüninger den Mann zu dem damaligen Dekan Max Weinmann geschickt mit seiner Empfehlung, dieser möge ihm den Münsterschatz zeigen. Später ist der Mann wieder zu Grüninger in dessen Geschäft an der Oberen Straße zurückgekehrt, hat sich bei ihm bedankt und gesagt, bei Dekan Weinmann sei es sehr interessant gewesen. Nach etwa vier Wochen kam der Bezirksvertreter aus Mannheim wieder und mit ihm ein zweiter Herr. Dieser zweite Mann war ein Herr Schlickenrieder aus Hamburg. Dieser Herr Schlickenrieder sei, so Grüninger, die Rechte Hand von Reemtsma gewesen. Sie sagten zu Grüninger, daß sie noch einmal zu Dekan Weinmann wollten. Am darauffolgenden Tag kamen die beiden Herren nochmals zu Grüninger. Herr Schlickenrieder erzählte Paul Grüninger dabei folgendes: „Jetzt kann ich Ihnen auch sagen, warum ich an dem ganzen Vorgang so lebhaftes Interesse hatte. Ich besitze nämlich das Duplikat des Fürstenbergkelches.“ Herr Schlickenrieder hatte sogar das Duplikat dabeigehabt, das er mit ins Pfarrhaus zu Max Weinmann genommen hatte, wo die beiden, der Geistliche und Schlickenrieder, die Exemplare miteinander verglichen hätten. Auch Paul Grüninger hat im Hotel Deutscher Kaiser (heute Hotel Ketterer), wo Schlickenrieder abgestiegen war, von diesem den Kelch persönlich zu sehen bekommen. Schlickenrieder sagte, er hätte sein Duplikat neben das Original bei Weinmann gestellt und den Dekan provozierend gefragt: „Welches ist nun der richtige Fürstenberg-kelch?“ Es sei aber ohne weiteres möglich gewesen, den alten Kelch von dem Duplikat zu unterscheiden.

Insbesondere im Bereich der Fassungen der Steine sei das deutlich geworden. Die alte Fassung des Kelches habe nämlich grampenartige Klemmen um die Steine, während beim Duplikat keine Grampen, keine übergreifenden Krallen, in die Steine hineingingen oder über die Steine griffen, sondern sie seien in einer ununterbrochenen Rundfassung eingearbeitet. (Anmerkung des Berichterstatters: Dekan Max Weinmann ist 1893 geboren. Wenn beide Herren einmal miteinander ministriert haben sollten, wie es sich aus dem Gespräch der beiden ergeben habe, so könnten beide Herren zur Zeit des Gesprächs Mitte der 1960er Jahre etwa 70 Jahre alt gewesen sein. Dekan Weinmann starb am 5. Januar 1968. Es ist also durchaus denkbar, daß im Jahre 1982 der Sohn des Herrn Schlickenrieder bei Hans Hauser in der Museumsausstellung war.)

Paul Grüninger berichtet weiter, daß er, als er im Hotel Deutscher Kaiser das Fürstenbergkelch-Duplikat von Herrn Schlickenrieder gezeigt bekam, eine Klangprobe vorgenommen hat, indem er mit dem Knöchel gegen die Wandung schlug. Hier wurde deutlich, daß dieses Zweitexemplar bei weitem nicht diesen Nachhallton gehabt habe, wie das Original ihn besitzt. Später hat Grüninger von Schlickenrieder nichts mehr gehört, aber vier oder fünf Wochen später erfuhr er dann, daß Herr Schlickenrieder gestorben sei. Daraufhin ging Paul Grüninger zum Stadtarchivar und frug ihn, ob es möglich sei, das Zweitexemplar des Fürstenbergkelchs für das Villinger Museum zu erwerben. Der Stadtarchivar habe dann an die Firma Reemtsma geschrieben. Diese habe ihm aber mitgeteilt, daß der Sohn des Herrn Schlickenrieder den Kelch im Besitz habe. Wiederum später erfuhr Paul Grüninger, daß der Kelch verkauft worden sei. An wen hat er nicht erfahren können. Paul Grüninger trägt zu Schlickenrieder sen. noch folgendes nach : Dieser soll die Fürstenbergkelch-Zweitausfertigung auf einem Trödelmarkt in Schlesien gekauft haben. (Anmerkung: Nach Auffassung des Berichterstatters war ein Kauf in Schlesien auf dem freien Markt nur vor dem Zweiten Weltkrieg möglich oder während des Krieges selbst, nicht jedoch danach, da dieses Gebiet bereits zur sowjetisch besetzten Zone oder zu Polen gehörte.)

Auf nochmaliges ausdrückliches Befragen sagte Paul Grüninger, es sei zweifelsfrei, daß das Original des Fürstenbergkelches sich in Villingen befinde, denn Schlickenrieder habe sein Exemplar im Pfarrhaus in Villingen ausgepackt und gründlich mit dem Original verglichen, wobei sich Dekan Weinmann und Schlickenrieder einig gewesen seien, daß Schlickenrieder ein Duplikat besitze. Angeführt wurden werktechnische Gründe, insbesondere die weiter oben erwähnte Fassung der Edelsteine.

So banal diese Darstellung durch den Berichterstatter erscheinen mag, so soll doch hiermit möglichen künftigen Gerüchten vorgebeugt werden, die dann entstehen könnten, wenn die Gewährsleute einmal nicht mehr leben. Abschließend sei auf das im Buchhandel 1982 erschienene „Pfründ-Archiv Villingen“ verwiesen, wo auf Seite XVIII ff. der Ansatz einer Expertise über den Fürstenbergkelch niedergelegt ist. Da sich diese allerdings mehr im kunsthistorischen Rahmen bewegt, wäre zur Beseitigung aller Zweifel die Untersuchung in einem entsprechenden Institut einer Universität empfehlens- und wünschenswert.

Werner Huger

Quellen

1) Paul Revellio Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring-Verlag Villingen 1964, Seite 70/71

2) Oberrheinische Stadtrechte, zweite Abteilung: Schwäbische Rechte. 1. Heft: Villingen; bearbeitet von Christian Roder, 1905, § 53, Seite 49

3) Siehe Jahresheft V des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, 1980, Seite 30

4) Paul Revellio, a. a. 0., Seite 9

Aktion Franziskusbrunnen

Am 13. Oktober 1984 wurden in Anwesenheit des Oberbürgermeisters der Stadt, namhafter Vertreter der Öffentlichkeit und der Bevölkerung die Übergabe der Franziskus-Stele am Brunnen beim Chor des Franziskaners und die Weihe vorgenommen. Als das Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, Schulamtsdirektor i. R. Helmut Heinrich, im Dezember 1983 der Hauptversammlung den Wunsch vortrug, der Verein möge seine Idee von einem Franziskusbrunnen mit in die Tat umsetzen, wurde einstimmig beschlossen, das Vorhaben in die Aktivitäten des Geschichts- und Heimatvereins einzubinden. Wir gaben dem Vorhaben das rechtliche Kleid, besorgten Teile der Organisation und machten uns vor allem daran, Spender zu finden. Große Unterstützung fanden wir seitens der Sparkasse Villingen-Schwenningen, von der sich besonders Direktor Klaus Haubner aufgeschlossen zeigte. Einer ersten Spende von 1000.— DM folgte eine mehrwöchige Ausstellung in den Schalterräumen der Sparkasse, die dann in das Schaufenster der Sparkassenfiliale am Marktplatz überwechselte. Nicht zuletzt dieser Initiative verdanken wir es, daß schon nach wenigen Monaten 10000.— DM an Spenden eingingen. Schließlich kletterte der Betrag auf 11500.— DM, so daß mit dem Tag der Einweihung des Brunnens die Stele bezahlt war. Bei der Einweihung begrüßte zunächst der 1. Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins die anwesenden Festgäste, um dann das Wort an den Künstler selbst zu geben. Helmut Heinrich erläuterte die (dee seiner Brunnen-Stele, in deren Zentrum in einer kunstvollen Schmiedearbeit von Klaus Walz, Franz von Assisi steht. Er wird flankiert von dem Friedensgebet des Heiligen, das Ausdruck unserer aller Sehnsucht nach Frieden ist. Danach übergab Helmut Heinrich den Brunnen feierlich dem Stadtoberhaupt, dem er zu dem neuen schönen städtischen Brunnen gratulierte.

Den Dankesworten des Oberbürgermeisters. Dr. Gebauer, folgte die Weihe durch den Franziskanerpater und Sohn der Stadt Villingen, Dr. Palmatius Säger, der in der Brunnenstraße, nur wenige Meter von dem Brunnen entfernt, geboren wurde.

Hu

Der Startschuß zur Aktion Franziskusbrunnen wurde anläßlich einer Ausstellung in der Schalterhalle der Sparkasse Villingen gegeben. Direktor Klaus Haubner übergibt dem Initiator, Helmut Heinrich, eine erste Spende von tausend Mark. — Zwischen beiden der Erste Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, Werner Huger. Im Vordergrund links das Vorstandsmitglied der Sparkasse, Günter Rath sen., ebenfalls Mitglied unseres Vereins.

 

Am Tag der Einweihung wohnten zahlreiche Gäste der Feier bei.

 

Gemeinsam enthüllen Helmut Heinrich vom Geschichts- und Heimatverein, der den künstlerischen Entwurf fertigte, und Oberbürgermeister Dr. Gebauer am 13. Oktober 1984 die Brunnenstele am Franziskusbrunnen.

 

Pater Dr. Palmatius Säger von den Franziskanern in Fulda, ein Sohn der Stadt Villingen, erteilte bei der Einweihung den priesterlichen Segen.

 

Drei Jahre nach der Einweihung des Romäusbildes am alten Michaels-, heute Romäusturm, konnte durch eine Spendenaktion der befreundeten Narrozunft am 27. September 1984 eine gegossene Schrifttafel in Anwesenheit zahlreicher Gäste enthüllt werden. Im Bild oben erfolgt der feierliche Akt durch den Oberbürgermeister Dr. Gebauer und den Ersten Zunftmeister, Christian Huonker, (mit dem Gesicht zum Betrachter).

 

Die Inschrift der Tafel, deren Wortlaut von Werner Huger gestaltet wurde.

 

 

— 4000 Jahre — Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung Ältester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle (Manfred Hettich)

Als ich am 31. Oktober 1983 eine meiner letzten regelmäßigen Begehungen (Frühjahr und Herbst) im Gebiet um das Magdalenenbergle unternahm, fand ich das hier in Originalgröße abgebildete Steinbeil der Jungsteinzeit. Es schaute mit dem spitzen Ende aus einer Ackerscholle hervor und fiel mir neben der Form vor allem durch die grünliche Farbe auf. Es ist das einzige und früheste Fundstück auf Villinger Gemarkung, das zuverlässig wissenschaftlich bestimmt und fachgerecht eingemessen worden ist. Ein durchlochtes Steinbeil (Steinhammer ?) das im letzten Jahrhundert bei der Brigachkorrektur gefunden wurde, ( Vgl. Hans Brüstle, Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Seite 5) ist für die Heimatforschung wertlos, weil keine konkreten Daten vorliegen. Es kann auch im Steingeschiebe der Brigach angeschwemmt worden sein.

Es war der Höhepunkt des „Fundjahres 1983“. Bei den Begehungen kam nämlich schon am 30. April ein Oberflächenfund zutage, und zwar die ebenfalls 1 : 1 abgebildete merowingerzeitliche Bronzenadel ( 7. — 8. Jahrhundert n. Chr.). Sie lag, vom Regen blank gewaschen, in der äußersten Furche eines Ackers im Gewann Wolfsgarten.

Am 26. Juli 1983 konnte ich das Bruchstück eines Glasringes aus der keltischen La Tène-Zeit (450/400 v. Chr. bis etwa Christi Geburt) als Lesefund auf der Scholle eines Wildackers beim Wolfsgarten bergen. Sämtliche Fundstellen liegen nur wenige hundert Meter vom Grabhügel des Magdalenenbergles in nordwestlicher Richtung entfernt. Alle diese Oberflächenfunde sind zwar für die wissenschaftliche Erforschung der Ur- und Frühgeschichte nicht spektakulär, sie sind jedoch Mosaiksteinchen für drei verschiedene Zeitepochen in dem bisher fundleer geglaubten Raum um das Magdalenenbergle, die unsere Erkenntnisse über die Villinger Siedlungsgeschichte erweitern können. Weitere Artefakte ( Lanzenschuh, Silexklinge u. a.) müssen noch ausgewertet werden.

Alle Bodenfunde sind einmalige Urkunden, meist aus einer Zeit, in der die Menschen noch nichts aufzeichnen konnten. Wer eine solche „Urkunde“ findet, hat gewissermaßen einen zwar belichteten aber nicht entwickelten Film in der Hand. Ohne archäologische Vorbildung kann er den Film nicht entwickeln; ohne die Datierung, ohne den Kulturzusammenhang, in dem das Fundstück steht, sagen ihm weder Bronzedolch, Feuersteinklinge oder Gewandnadel etwas. Erst der entwickelte Film und das abgezogene Positiv, d. h. die Bestimmung des Fundes und die Präparation, zeigen, was der Betrachter in den Händen hält. Wer also der heimatgeschichtlichen Forschung behilflich sein will, sollte nicht um des Sammelns willen Funde zu Hause aufbewahren sondern mit brauchbaren Notizen versehen, diese an die Geschäftsstelle des Geschichts- und Heimatvereins Villingen zur Weiterleitung geben oder sie gleich an das Landesdenkmalamt in Freiburg schicken. Er kann grundsätzlich davon ausgehen, daß ihm seine Funde nach der Auswertung wieder überlassen werden. So habe auch ich alle meine Funde dem Landesdenkmalamt zur exakten wissenschaftlichen Bearbeitung gegeben. Ich habe Herrn Dr. Dehn, der die prähistorische Abteilung federführend leitet, für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung aufrichtig zu danken. Ein besonderes Dankeschön gilt der Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes, Frau Dr. Verena Nübling, für die Bestimmung der Fundstücke, ihre Beschreibung und die zeichnerische Darstellung. Die nachstehenden Ausführungen von Frau Dr. Nübling sind wörtlich übernommen, die Zeichnungen in Originalgröße wiedergegeben. Nach der freundlichen Zustimmung des Herrn Ersten Bürgermeisters Kühn, sage ich ebenso besonderen Dank Herrn Roland Grammel vom städtischen Vermessungsamt, der in seiner Freizeit den Fundort des Steinbeils eingemessen und auf den Meßtischblättern festgehalten hat.

Nicht zuletzt ist es mir eine Freude, als Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen der Öffentlichkeit diesen Bericht übergeben zu können. Frau Dr. Verena Nübling vom Landesdenkmalamt Freiburg schreibt:

Neue Funde aus der Umgebung des Magdalenenberges

Der Magdalenenberg, ein Grabhügel der Hallstattzeit, mit antik ausgeraubter, zentraler Grabkammer und 126 weiteren Gräbern mit insgesamt 136 Bestattungen, ist einer der größten Grabhügel Mitteleuropas. Er liegt gut sichtbar auf einer kleinen Anhöhe über dem Brigachtal und wirkt als Anziehungspunkt weit über die Region hinaus.

Schon während der ersten Grabung in diesem Grabhügel (1890) kamen neben hallstattzeitlichen auch Funde anderer vorgeschichtlicher Epochen zutage. Die Ausgräber nennen an Oberflächenfunden neben mittelalterlichen und neuzeitlichen Scherben vor allem latenezeitliche Keramik sowie eine Gußform für Münzschrötlinge ( Rohform für keltische Münzen), die auf eine keltische Siedlung im Umkreis des Magdalenenberges hinweisen. Scherben einer Terrasigillata-Schale und eines Henkelkruges sind wahrscheinlich als Reste eines römischen Brandgrabes des 1. — 2. Jahrhunderts n. Chr. anzusprechen, das in die Hügelaufschüttung eingetieft worden ist.

Während der jüngeren Grabung (1970 — 1973) kamen Keramik, Metallteile und Leichenbrandstückchen zutage, die den Ausgräber, K. Spindler, vermuten ließen, daß bei Anlage des Grabhügels urnenfelderzeitliche Bestattungen zerstört worden sein könnten. Diese Bestattungen dürften im Materialentnahmebereich für den hallstattzeitlichen Grabhügel gelegen haben, der durch bodenkundliche Untersuchungen mindestens ein Areal von 300 : 400 m umfaßt haben müßte.

Diese verschiedenartigen Funde sprechen für vorgeschichtliche Siedlungsaktivitäten in der Umgebung des Magdalenenberges. Daher wird hier seit Jahren durch regelmäßige Begehungen der umliegenden Äcker der Versuch unternommen, solche Siedlungsspuren genauer zu lokalisieren. In den letzten 10 Jahren fand M. Hettich einige Fundstücke, durch die unsere Kenntnis dieses Gebietes wesentlich bereichert wurde.

Ein Steinbeil (Abb. 1) aus grünlichem Felsgestein gehört in die Jungsteinzeit. Das Beil ( Länge 15,5 cm, Breite 5,8 cm) wurde aus einem Geröllstück hergestellt. Unebenheiten der alten Oberfläche sind nur flüchtig geglättet. Der spitz zulaufende Nacken ist gepickt. Nur im Schneidenbereich ist das Gerät sorgfältig geschliffen. Alle Merkmale sprechen dafür, daß dieses Beil an das Ende der Jungsteinzeit datiert werden muß (etwa an die Wende des 2. Jahrtausends v. Chr.). Dieses Beil ist das bisher am weitesten in vorgeschichtliche Zeit zurückreichende Fundstück. Zwar läßt sich mit einem solchen Einzelfund noch keine jungsteinzeitliche Siedlung postulieren, doch signalisiert das Beil die mögliche Anwesenheit von Menschen der Jungsteinzeit in der Nähe des (späteren) Magdalenenberges.

 

Einige hundert Meter unterhalb des Magdalenenbergles befindet sich die Stelle auf dem Acker, wo im Oktober 1983 unser Mitglied Manfred Hettich ( im Bild) den bisher ältesten wissenschaftlichen Fund auf Villinger Gemarkung machte: ein Steinbeil der Jungsteinzeit, etwa 4000 Jahre alt.

 

Es ist ein wichtiges Indiz zur Siedlungsgeschichte. Unterhalb des Ackers, im Bereich der Bäume, fließt der Warenbach. Im Hintergrund ist ein Teil der Südstadt zu sehen.

Das Bruchstück eines Glasarmringes (Abb. 2) gehört in die Latenezeit. Der Armring ist profiliert (Durchmesser 8,8 cm, Breite 1,4 cm), besteht aus blauem Glas und trägt auf der mittleren Rippe eine umlaufende Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß. Er gehört ins 2. — 1. Jahrhundert v. Chr. und wurde etwa 600 m nordwestlich vom Magdalenenberg geborgen. Dieser Fund korrespondiert gut mit der latenezeitlichen Keramik und der Gußform für Münzschrötlinge, die 1890 entdeckt wurden. Eine bedeutende latenezeitliche Siedlung muß also in der Nähe des Grabhügels gelegen haben. Weitere Funde werden in Zukunft — hoffentlich — eine bessere Lokalisierung ermöglichen.

Nur knapp 200 m nordwestlich vom Magdalenenberg wurde eine Bronzenadel gefunden (Abb. 3). Die leicht gebogene Nadel hat unter dem polyedrisch geformten Kopf eine Verzierung aus vier Strichbündelgruppen, die durch je eine Fazettenzone getrennt sind. Der Nadelschaft wird in Kopfnähe dünner. Die Nadel gehört in die Merowingerzeit (ca. 6. — 7. Jahrhundert n. Chr.). Dieses Stück kann als Rest eines zerstörten Grabes angesehen werden, doch ist es möglicherweise auch zufällig in alter Zeit verloren gegangen.

In der Umgebung des Magdalenenberges wurde außerdem noch ein Flintstein geborgen, der, wie schon die Funde der Grabung von 1890 zeigen, die Bedeutung dieses Platzes im Mittelalter und in früher Neuzeit belegt.

Die hier vorgelegten Neufunde zeigen exemplarisch, daß kontinuierliche Begehungen auch bereits bekannter Fundstellen — in diesem Falle gar im Bereich eines vollständig untersuchten Grabhügels — neue Erkenntnisse ermöglichen. Sie belegen, daß auch unansehnliche oder scheinbar unbedeutende Funde Aussagen über die Nutzung des Gebietes um den Magdalenen-berg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ermöglichen.

 

 

Jungsteinzeitliches Steinbeil, das 1984 auf Villinger Gemarkung, beim Wolfsgarten, wenige hundert Meter nordwestlich des Magdalenenbergles gefunden wurde. Es ist der bisher älteste gesicherte Fund. Alter: rund 4000 Jahre. (Originalgröße)

 

 

Die Abbildung links zeigt das Bruchstück eines Glasarmringes. Dieser gehört in die Lätenezeit. Der in Originalgröße abgebildete Ring ist profiliert, besteht aus blauem Glas und trägt auf der mittleren Rippe eine umlaufende Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß, Dieses über 2000 Jahre alte Stück wurde, wie das Steinbeil und die rechts abgebildete Nadel, wenige hundert Meter nordwestlich des Magdalenenbergles gefunden.

Die Nadel rechts gehört in die spätgermanische Merowingerzeit. Die Nadel besitzt einen polyedrisch geformten Kopf und hatdarunter eine Verzierung aus vier Strichbündelgruppen, die durch je eine Fazettenzone getrennt sind. Sämtliche Funde belegen, daß auch unansehnliche oder scheinbar unbedeutende Funde Aussagen über die Nutzung des Gebietes um das Magdalenenbergle in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ermöglichen.

Finder: Manfred Hettich, 1984, Zeichnung: Dr. Verena Nübling, Landesdenkmalamt.

Daten und Fakten über die Quelle am Hubenloch und über das »Gasthaus zum Bad« an der Rietgasse (Walter K. F. Haas)

I. Quelle

1) Lage

1 Mannsmatt Wies beim sogenannten Schießhaus (am Fuße des Hubenlochs, etwa heutiges Parkhaus). In dieser Wiese befand sich eine Quelle mit Brunnenstube.

Anlieger dieser Wiese waren im Norden: Uhrenfabrikant Christian Maier ( sog. Schützenmaier),Westen: Engelwirt Anton Faller und Ignaz Säger, Süden: Uhrenmacher Josef Zeller

2) Eigentümer der Wiese

Benjamin Groß, verheiratet mit Agatha, geb. Kürner. Die Familie Groß war Eigentümer des heutigen Anwesens Rietstraße 36; schon 1766 wird Jacob Groß, Schlosser, als Eigentümer genannt. Um 1860 ging die Wiese über auf Jacob Groß, Radschlosser. ( Erbfolge)

Jacob Groß verkaufte diese Wiese im Jahre 1872 an den Musikwerkfabrikanten Lukas Paul Schön-stein. Noch im gleichen Jahre erstellte Schönstein auf diesem Grundstück seine Fabrikationsräume. (Später befand sich Schönstein mit seiner Produktion in dem Gebäude Nordecke Herdstraße/Bleichestraße. Dieses wurde aber erst 1910 erbaut.) Später diente das Gebäude u. a. als Gasthof ( Villinger Hof), Landwirtschaftsschule und Landwirtschaftsamt.

Heute steht auf einem Teil der ehemaligen Quellenwiese der Neubau der Industrie- und Handelskammer.

3) Laut Kaufbrief vom 1. 9. 1812 hatte von der Brunnenstube das Bauwerk im Boden die Stadt zu unterhalten, dagegen hatte der jeweilige Eigentümer der Wiese die Unterhaltungspflicht für die Gebäudeteile oberhalb des Erdbodens (Dach und übriges Holzwerk). 1865 wurde nochmals daran erinnert, daß der Besitzer der Badanstalt (im Riet) von der Stadt die Unterhaltung der Brunnenstube vor dem Riettor und der Wasserleitung von derselben bis zum Badbrunnen unentgeltlich zu fordern hat.

II . Gasthaus zum Bad mit Badanstalt

Noch 1827 wird es als Bauleutzunftstube bezeichnet, danach ist meistens vom „Badhaus“ die Rede. Heute die Fahrradhandlung Fleig, Rietgasse 5.

Vor 1840 wurde zur Aktivierung des Badbetriebes die Badgesellschaft gegründet.

Diese Badgesellschaft kann als Vorläufer der heutigen Villinger Kur- und Bad-GmbH betrachtet werden. Neben dem Hauptgebäude stand eine einstöckige Badanstalt. 1841 bestand die Badeinrichtung aus dreizehn Badewannen, einem Schwenkkasten, drei langen Tischen, fünf Spiegel, ein Dutzend Handtücher, zehn Paar kleine Vorhänge. Pächter des Badhauses war Johann Nepomuk Kammerer.

Eigentumsverhältnisse:

1841 Die Badgesellschaft, vertreten durch Adlerwirt Meinrad Hauger und Hechtwirt Paul Dold, verkauft an den Konditor Josef Anton Ziehler. Noch im gleichen Jahr verkauft dieser an den ledigen Metzger Michel Häsler.

1865 Durch Versteigerung geht das Badhaus über auf die Gesellschaft Leute & Comp..

Der Käufer war verpflichtet, fortwährend die Badanstalt bestehen zu lassen und dem Publikum zugänglich zu erhalten, auch zu gestatten, daß diejenigen, welche zum Hausgebrauche Wasser von dem bestehenden Pumpbrunnen abfangen, dieses ungehindert tun können. Dagegen hatte der Besitzer des Badhauses gemäß Erlaß der ehemaligen Regierung des Oberrheins vom 23. 12. 1809 das Recht, vom 1. Mai bis 31. Oktober jeden Jahres Wein und Bier auszuschenken und kalte Speisen abzugeben, auch an kranke Badgäste warme Speisen zu verabfolgen und sie zu beherbergen.

1866 Goldleistenfabrikant Josef Leute, Teilhaber der Firma Leute & Comp. verkauft an seinen Geschäftsgenossen Nikolaus Compost den hälftigen Anteil am Badhaus.

1883 Durch Versteigerung geht das Badhaus über auf die Wirtsgenossenschaft.

1887 Die Wirtsgenossenschaft, bestehend aus Johann Baptist Dold, Altposthalter, Anton Faller, Engelwirt, Johann Hall, Altrabenwirt, Wilhelm Schupp, Bärenwirt, Joh. Bapt. Schilling, Kronenwirt, Fridolin Steinmann, Flaschenwirt, Josef Storz, Schneckenwirt, verkaufen an den Schneckenwirt Josef Storz. 1897 10. August, Privatier Josef Storz stirbt und hinterläßt seine Kinder Marie Höld, geb. Storz, Ernst Gustav Storz, Großherz. Landgerichtsrat, Albertine Zier, geb. Storz, Theresia Storz, ledig.

1897 Albertine Zier, geb. Storz, übernimmt das zweistöckige Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Gasthaus zum Bad, mit zwei Balkenkeller und einstöckiger Badanstalt. In den Einwohnerbüchern von 1900 und 1902 heißt es noch unter „Gastwirthschaften mit Personalrecht“: Zier Albertine, Witwe, zum „Bad“; Pächter: J. B. Schilling, zur „Krone“, Afterpächter : Heinrich Ummenhofer. A. Zier verkauft 1909 an J. B. Schilling, Schilling verkauft 1909 an die Eheleute Friedrich Ummenhofer.

Quelle:

Contraktenbücher der Stadt

Eine mittelalterliche Heilquelle aus dem Hubenloch: Irrte oder mogelte Doctor Georgius Pictorius? (Werner Huger)

Bereits 1215 soll in einer pergamentenen Urkunde die Villinger Badestube erwähnt sein.1)

Über deren Herkunft konnten wir zumindest in den wichtigsten zugänglichen Quellen vor Ort keinen Hinweis erlangen.2)

(Es ist leider der Vorzug populärwissenschaftlicher Darstellungen, auf Quellenangaben gelegentlich verzichten zu können.)

Eine erste urkundliche Erwähnung des Villinger Badelebens innerhalb der Mauern fanden wir aber immerhin für das Jahr 1290. Dort ist die Rede von der Hofstatt eines Bades, die vor dem Oberen Tor zwischen den Mauern gelegen ist, „area aestuarii ante Portam superiorem oppidi Vilingen inter duos muros situata …“. ( FU. V 216) 2a)

Erst verhältnismäßig spät taucht eine weitere Notiz auf.

1540 schwört ein Paulin Hael, Metzgerknecht von Wangen, dem Bürgermeister und Rat von Villingen Urfehde, nachdem er im Rietbad gestohlen hatte. 3) Die Bezeichnung „Rietbad“ oder „Bad“ ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Verschwinden begriffen. Es handelt sich um das heutige Haus Rietgasse 5, der Fahrzeughandlung Hermann Fleig. Noch im Einwohnerbuch von 1902 finden wir unter „Privat-Anstalten“ — warme und kalte Bäder — den Heinrich Ummenhofer zum „Bad“ in der Riethgasse 514. Wenige Jahre später zog hier das „Uhrenwerk Schwarzwald“ ein. Damit war eine jahrhundertealte Tradition, die sicher lange vor das Jahr 1540 zurückreicht, zu Ende.

Das „Neuw bad“ dagegen wird schon 1525 in der Chronik des Villinger Ratsherren Heinrich Hug (Seite 127) genannt.4)

Hans Maier führt aus: „Ein Badhaus vor dem Riettor stand auf dem Gebiet der heutigen Landwirtschaftsschule. Am Fuße des Hubenlochsentspringt eine Quelle, der man im Mittelalter heilkräftige Wirkung zuschrieb. Sie wurde in einer mit Quadern erbauten Brunnenstube gefaßt und in einer Deichelleitung in das Neue Bad und von da durch die Ringbefestigung über den Hof des Franziskanerklosters ( . . . ) in das Rietbad (    ) geleitet. Das Franziskanerkloster hatte das Recht, für seine Zwecke dieser Leitung Wasser zu entnehmen.“5)

( Anmerkung des Verfassers: Die Landwirtschaftsschule, die auch das Landwirtschaftsamt enthielt, wurde um 1979 abgebrochen. Auf dem Gelände steht seit 1981 das neue Gebäude der Industrie- und Handelskammer, Romäusring 4.)

Beim Aushub der Baugrube für die IHK wurden Teile einer alten Deichelleitung freigelegt bzw. zerstört. Ihre bisherige Erhaltung war darauf zurückzuführen, daß das Landwirtschaftsamt mit seinen Baufundamenten nur den vorderen Teil der Bodenfläche, entlang der Ringstraße, bedeckte; der gegen den Hang zugekehrte Teil war Hof- bzw. Freifläche, etwa für einen Schopf, ohne tieferen Eingriff in den Boden. Der Verfasser hat damals an Ort und Stelle ein ausgehobenes und am Grundstücksrand gelagertes Teilstück der Deichelleitung von etwa zwei Meter Länge liegen sehen. Gleichzeitig war zu beobachten, daß sich in der Baugrube erheblich Wasser aus einem Quellhorizont des Hubenlochhanges, dem Gewann Schützenrain, ansammelte. Leider unterblieb, bevor die Bauarbeiten aufgenommen wurden, eine archäologische Untersuchung, so daß heute fast alle Schichten als zerstört gelten müssen. Mit dem „Neuen Bad“, seiner Quelle und deren Wasser wollen wir uns aus chemisch-analytischer, geologischer und medizinhistorischer Sicht beschäftigen. Es wird zu zeigen sein, daß neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten.

Zweifel über den Standort des im 16. Jahrhundert genannten „Neuen Bades“ auf dem Gelände der heutigen Industrie- und Handelskammer schließen wir nicht zuletzt deshalb aus, weil sich noch für die Mitte des 19. Jahrhunderts dort eine Brunnenstube nachweisen läßt. 6)

Der um 1500 in Villingen geborene Georg Maler studierte an der Universität Freiburg. Er promovierte zum „artzney Doctor“ und latinisierte seinen Namen in Georgius Pictorius. Revellio nennt in „Polyhistor und Arzt“.7)

Am Sitz der kaiserlich-vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim (Sundgau /Elsaß) war er zum „Phisicus“ bestellt; dieses Wort nun einfach mit „Amtsarzt“ zu übersetzen, wäre ungenau. Man muß in ihm vielmehr einen hohen Medizinalbeamten sehen, der nach heutigen Maßstäben vielleicht im Range eines Ministerialdirektors anzusiedeln wäre. Er starb 1565. Unter den zahlreichen fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen dieses namhaften Sohnes der Stadt Villingen befindet sich ein „Badenfartbüchlein“, das 1560 gedruckt wurde. Es ist ein Badeführer durch 38 „componierter mineralischen teutsches lands wildbädern“ ( = natürliche Quellen).8)

Unter den Badeorten mit auch heute noch mehr oder minder erlauchten Namen findet sich seine Heimatstadt, der er wie folgt ein balneologisches Denkmal setzt:9)

Von dem Neuwenbad

Es quillt an der statt Villingen ein vast nützlicher brun den man heisset das Neuwbad / und wiewol er schwäbel mit alaun halt / so ist er doch nit warm / sonder man muß in wermen / umb der ursach willen dz die minoer uber die er fleußt so weit von seinem qual / dann er under dem erdtrich auß eine berg allda / Haubeloch genannt fliesset / un ist sein hilff / thut der schwäbel / wie Galenus lehrt zu stercke die müde glid:

dan er trücknet die feuchten nerven / ist nütz der leben / dem miltz / und magen / lediget alle unreinigkeit der haut / und vertreibt den krampff / macht wol durstig aber gut gesellen leschen / disem bad zu lieb solt mancher weit herkomen / dann die narung ist so uberflüssig daß einen die wal treibt ob er visch / fleisch / oder wildprät haben wolle / un wiewol da kein wein wachset/so trincket man doch den besten / bleibt nit bey einerley. Das Wirtshauß so dem bad das negste / heisset zu der morin

 

Brunnenstube und Badehaus vor dem Riettor. Ausschnitt aus einer Federzeichnung der Stadt Villingen von 1685 — 1695 (GLA Karlsruhe). Der Turm rechts, Nr. 13, ist das Riettor, links, Nr. 4, das Franziskanerkloster, Nr. 15 ein Wachturm, der heutige Sankt Elisabethenturm, Nr. 14 der Michaelsturm, heute Romäusturm; links neben ihm, außerhalb der Mauern, die überdachte viereckige Brunnenstube, daneben, vom Romäusturm halb verdeckt, das Badehaus zur Verabreichung der Kuren. (Siehe Pfeile)

 

Außer der Ortsbestimmung „Neubad“, wo das Wasser verwendet wird, erfahren wir, daß es aus dem Berg „Haubeloch“ fließt. Selbstverständlich sind aus der antiken Kulturtradition Pictorius und seiner Zeit, lange bevor es die empirische Chemie im modernen Sinne gab, mineralische Lösungen von Schwefel und Alaun in Thermalwässern bekannt, denn er rechtfertigt deren Vorkommen in der Kaltwasserquelle des Hubenlochs aus seiner Sicht mit dem langen, abkühlenden unterirdischen Weg, den das Wasser durch den Berg nehmen mußte, seit es, wie man glaubte, über die heißen Minerale geflossen ist. (Zwei Drittel der von ihm aufgeführten Badewässer enthalten angeblich Schwefel, Alaun oder beide zusammen.)

Indem er Galenus (129 — 199 n. Chr.) zitiert, bemüht er für die Indikationen den berühmten griechisch-römischen Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel, der im 16. Jahrhundert noch zu den traditionellen medizinischen Autoritäten gehörte.

Die lediglich kurze Bemerkung in der dritten Südkurierfolge, daß Pictorius „übrigens ein Zeitgenosse des Paracelsus“ gewesen sei, ist in Wahrheit einer der Schlüssel zu unserem „vast ( = stark) nützlicher brun“, der Schwefel mit Alaun enthalten soll. Wir werden das später zu begründen versuchen.

Halten wir fest : Es ist die Absicht des Doctor Pictorius, das Quellwasser aus dem Hubenloch durch seinen angeblichen Gehalt an Mineralstoffen, nämlich Mineralsalzen des Schwefels oder sonstigen Schwefelverbindungen, wenn nicht gar elementaren Schwefel, als heilkräftig auszuweisen. (Den Hinweis auf ein „Heilbad vor der Stadt“ finden wir u. a. noch 1632 in den Aufzeichnungen des Abts Gaisser.) Im Gegensatz zu gewöhnlichem Brunnen- oder Leitungswasser müßten dann grundsätzlich qualitative — z. B. die besonderen Bestandteile wie „Schwefel mit Alaun“ — und quantitative Unterschiede, also abweichende Prozentgehalte der Mineralstoffe, auffallend in Erscheinung treten. Wenn dem so wäre, muß man fragen, warum sich das Wissen um eine solche besondere Quelle nicht bis auf unsere Tage erhalten hat. Nichtsdestoweniger spekuliert Dr. Ulrich Rodenwaldt 1976, „ein Quellwasser, das ein Gipsvorkommen (CaSO4 • H2O) im Kalkgebiet ausgelaugt hat, ist in diesem Gebiet durchaus denkbar.“ 10)

Manchmal, lange bevor sich Juristen und Chemiker der Begriffsbestimmung heilkräftiger Bade- oder Trinkquellen angenommen hatten, gab — und gibt — es Quellen oder Brunnen, die „unter einem ganz bestimmten Namen bekannt waren (und sind), vielfach mit dem Wunder eines Heiligen in Verbindung gebracht wurden und manchmal Zustrom ganzer Wallfahrten bildeten, weil dem Wasser dort allgemein oder zu ganz bestimmten Tagen Wunderkräfte beigelegt wurden.“11) Dabei kann es sich um mineralarme kalte Quellen handeln, denen das Außergewöhnliche anhaftet und die vielleicht gerade deshalb gelegentlich nachweisbare Heilwirkungen haben. Ein klassisches Beispiel dafür ist unsere Romäusquelle im Stadtwald, wo täglich Leute, zum Teil von weit her, Unmengen dieses Wassers, aus welchem Grunde auch immer, in Kanistern nach Hause transportieren. Längst sind die Hintergründe der „Entdeckung“ dieser Quelle vergessen.

Geblieben ist das geheimnisvolle Dunkel, welches das scheinbar Besondere dieses an sich lediglich erfrischenden Schwarzwaldquells umhüllt. Dabei gab es vor 50 Jahren sehr vordergründige Motive, die dem Quell ans Tageslicht verhalfen. Es war jene Idee von der Kneippkur-Stadt, die sich im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Nationalsozialisten bei Antritt ihrer Macht in den Jahren 1933/34 im Kurgarten, dem Kneippbad mit seinen eiskalten Arm- und Wassertretbädern verwirklichte — und in der willkommenen „Entdeckung“ der Romäusquelle durch einen „Naturfreund“ namens Weiß, der die Quelle „auspendelte“. Der Verfasser hat den kleinen rundlichen und etwas skurrilen Herrn 1945 in gemeinsamer französischer Internierung in der Villinger „Bubeschul“ näher kennengelernt, wo Weiß nach dem morgendlichen Appell auf dem Schulhof die dort eingelassenen kristallinen Steine mit seinem Pendel magisch überzog, was ihm das Pendel gelegentlich mit zarten Ausschlägen dankbar lohnte. Tatsächlich sollen im Wasser der Romäusquelle Spuren eines radioaktiven Elementes gefunden worden sein, offensichtlich sind diese aber ebensowenig wie der geringe Anteil an Mineralien von indikativer Bedeutung.

Heilquellen und Heilwässer sind nach heutiger Definition „Wässer, die aus ursprünglichen oder künstlich (z. B. durch Bohrung) erschlossenen Quellen stammen und ohne Zusatz oder Entzug irgendwelcher Bestandteile medizinisch nachweisbare krankheitsheilende, -lindernde oder -vorbeugende Eigenschaften haben, so daß sie zu Trink- und Badekuren gebraucht werden können. Heilquellen und Heilwässer unterscheiden sich von anderen Quellen durch einen Gehalt an Mineral- und anderen Stoffen, z. B. Kohlensäure, durch Radioaktivität oder durch höhere Temperatur“. Im Sinne der Verordnung für Tafelwässer sind Mineralwässer jene, die in 1 Kilogramm mindestens 1000 mg ( = 1 Gramm) gelöste Salze oder 250 mg freies Kohlendioxid enthalten.12) Zu den verschiedenen Arten gehören für unseren speziellen Fall sogenannte Sulfatwässer, wie z. B. Natrium- (Glaubersalz-wässer), Magnesium- (Bitterwässer), Calcium- (Gipswässer), Eisen- ( Eisenvitriolwässer) und Aluminium-Sulfatwässer (Alaunwässer I.

Daneben gibt es — unabhängig vom Gesamtgehalt an gelösten festen Mineralstoffen — Wässer, die besonders wirksame Bestandteile enthalten. Wiederum auf unseren Fall bezogen : Schwefelwässer mit Hydrosulfit-Ionen und teilweise freiem Schwefelwasserstoff.

Wir wollen hier nicht umfassend sein. Uns interessiert nur die Frage, inwieweit der von Pictorius behauptete „Schwäbel mit Alaun“ des Hubenlochwassers mit den heutigen chemischen, juristischen und medizinischen Kriterien eines Heil- oder Mineralwassers übereinstimmt. D. h., wir wollen wissen, ob dieses Wasser hinsichtlich seiner Wirksamkeit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ansprüchen der heutigen Balneologie genügen kann.

Dazu war es erforderlich, das Quellwasser des Huben-lochs an der traditionellen Stelle zu suchen, es zu finden und Wasserproben chemisch analysieren zu lassen sowie auf geologische Strukturen und mögliche Veränderungen der letzten 400 Jahre zu achten.

( Für Pictorius und seine Zeitgenossen waren mineralogische Analysen nur mit einfachen physikalischen Methoden, z. B. Eindampfen der Flüssigkeit und Beurteilung des Rückstandes, möglich.)

Wir wußten zwar, wo wir zu suchen hatten, aber eine Probegrabung wäre nicht zu finanzieren gewesen. Der Weg zum Erfolg war deshalb geradezu banal. Wir gingen nämlich zum Hausmeister der Industrie- und Handelskammer und fragten ihn, ob ihm etwas von einer Quelle aus dem Hubenloch bekannt sei. Er sagte, der Quellaustritt an der südwestlichen Grundstücksecke sei gefaßt und das Wasser über eine Rohrleitung ins Haus geleitet worden, wo es über das Kanalnetz abfließe. Wir betraten zusammen das Kellergeschoß, wo er in der Südwestecke eine Tür aufschloß. In einem kleinen Raum unter der Treppe, durch den Rohrleitungen laufen, war am Boden ein Gitterrost eingelassen, den er emporhob. Darunter befand sich ein Betonkubus von etwa 1,5 cbm Inhalt. In ihm floß in halber Höhe aus einem Rohr unser gesuchtes Wasser. Der Rohraustritt befindet sich rund 1,5 Meter tiefer als das Straßenniveau im Romäusring (Frostsicherheit!). Der Hausmeister teilte uns mit, der Quellaus-tritt befände sich am Fuß des Berghanges, in einem Quellhorizont, der auf einer Breite von rund zwei Meter gefaßt wurde, etwa 20 Meter von dem Sammelbecken entfernt; von der Gesamtlänge würden 14 Meter auf dem Gelände der IHK verlaufen, der Rest liege etwa sechs Meter hinter dem Schnittpunkt der Grundstücksgrenzen IHK ( Romäusring 4), Anwesen Baumann- Dold ( Romäusring 5) am Abstieg des städtischen Hanggeländes (Schützenrain) und dort in etwa drei Meter Tiefe. Diese ungefähre Ortsbestimmung wurde von unserer Vorstandsdame, Frau Stadträtin Uta Baumann, der das Anwesen Romäusring 5 gehört — und wo sich auch die Geschäftsstelle des Geschichts – und Heimatvereins befindet — bestätigt. Anders ausgedrückt: Das Quellwasser tritt demnach bei 703,5 Meter Meereshöhe, d. h. unter Niveau, aus dem Quell-horizont des Bergrückens, Hubenloch genannt, aus und fließt heute abgeleitet in nordöstlicher Richtung. Auf seinem 14 Meter langen Weg über das Grundstück der IHK hat das Wasser ein Gefälle von 0,08 %. Sein Auslauf ist in der Südwestecke des Kellergeschosses des IHK-Gebäudes. Am 19. Mai 1984 erfolgte durch uns eine Wasserentnahme. Die Schüttung betrug in 27 Sekunden vier Liter das sind 0,148 sec-Liter. Ins Bild gesetzt: Die Ausflußmenge entspricht dem Wasseraustritt eines voll geöffneten Haushalts-Wasserhahnes, d. h., ein Wassereimer mit zehn Liter Inhalt ist in rund einer Minute (67,5 Sekunden) gefüllt; in einer Stunde sind es dann 600 Liter oder das Fassungsvermögen von drei modernen Badewannen mit 180 bis 200 Liter Inhalt. Der genaue Quellaustritt ist also durch uns nur in einer Näherung feststellbar, ebenso die zu vermutende ursprüngliche Schüttmenge der Quelle. Beide sind dennoch hinreichend bestimmt, denn

1. hat sich in den vergangenen 400 Jahren zumindest der Quellhorizont im Gestein wohl kaum verändert,

2. würde auch die heutige Schüttung für einen mittelalterlichen Badebetrieb (einige 1000 Liter Wasser im Tag) ausreichen.

Die Wasserentnahme im Mai fällt in eine Zeit, in der Quellen ohnehin am reichlichsten fließen. Dazu kommt, daß der Winter 1983/84 schneereich war. Andererseits hat es sowohl auf dem Höhenrücken des Hubenlochs als auch in seinen Randzonen oberflächenverändernde Baumaßnahmen gegeben, sei es durch die Anlage von Sportflächen, die eine Trainage erhielten oder durch Weganlagen bzw. Bebauung der Randzonen mit Gebäuden. Große Teile des Oberflächenwassers dürften demnach nicht mehr zur Grundwassermenge im Innern des Berges beitragen. (Bei starken Niederschlägen kann es aber zu erheblichen Wasseransammlungen kommen, die in die nahen Grundstücke im Vorfeld des Schützenrains eindringen. Nicht umsonst heißt das angrenzende Stadtviertel „Riet“.) Die Temperatur des Wassers bei seinem Austritt haben wir mit acht Grad Celsius gemesssen. Wir haben auch das Wasser verkostet. Es ist geschmacklich unauffällig und angenehm zu trinken. Anschließend verbrachten wir eine Wasserprobe in das autorisierte ‚Chemisch-Physikalische Labor Wahlwies zur Bestimmung der einschlägigen Mineralbestandteile.

Um den mit chemischen Analysen weniger vertrauten Leser nicht zu langweilen, setzen wir das Ergebnis der wissenschaftlichen Auswertung des Wassers an den Schluß unseres Berichts und stellen dann gleichzeitig das Ergebnis der Untersuchung des nicht aufbereiteten Wassers der großen klassischen Quelle des alten Dorfes Villingen, der heutigen Altstadtquelle, vom Dezember 1982 gegenüber.13)

Die schlüssige Zusammenfassung also vorweg:

Für das Quellwasser aus dem Hubenloch gibt es keine Anhaltspunkte, daß es jemals „Schwäbel mit Alaun“ enthielt, die seine Hervorhebung als Bad mit entsprechenden medizinischen Indikationen rechtfertigen würden.

Sein Gehalt an Mineralstoffen insgesamt entspricht einem mineralarmen Wasser. Es ist Trinkwasser im allgemeinen Sinne und in seiner mineralischen Zusammensetzung mit dem der historischen Altstadtquelle vergleichbar. Reiner Schwefel oder sonstige Schwefelverbindungen, wie z. B. Schwefelwasserstoff, waren nicht nachweisbar. Die Sulfat-Ionen des Säurerestes SO4 können in Verbindung gebracht werden mit den relativ hohen Anteilen der Metall-Ionen Calcium, Natrium und Magnesium sowie dem geringen Anteil von Aluminium- Ionen. Insgesamt besitzt das Wasser noch nicht einmal den dritten Teil gelöster Stoffe, um allgemein von einem Mineralwasser sprechen zu können. ( 1 g in 1 Liter) Ein handelsübliches Mineral- oder Heilwasser besitzt mindestens einen zehnmal so hohen Anteil an gelösten Stoffen.

Zwischen den beiden Gebäuden, Industrie- und Handelskammer, rechts, und Haus Baumann -Dold, links, Romäusring 5, befindet sich im Hintergrund, am Fuße des Hubenlochs (Schützenrain), unter der Erde der Quellhorizont des „vast nützlicher brun „, den Doctor Pictorius beschreibt. Hier ist auch die Brunnenstube zu suchen (s. Federzeichnung auf Seite 2 dieses Beitrags).

 

Wir müssen leider Abschied nehmen von der freundlichen Empfehlung aus dem Jahre 1560 unseres lieben Landsmannes Doctor Georgius Pictorius, „disem bad zu lieb sott mancher weit her komen“, weil „sein hilff thut der Schwäbel“ für müde Glieder, die Leber, Milz,den Magen, die Unreinheit der Haut und den Krampf. Wir müssen auch Abschied nehmen von den Empfehlungen der kulinarischen Genüßlichkeiten als Begleitangebot anspruchsvollen Kurlebens im Wirtshaus „zu der Morin“. Dieses Gasthausgibt es längst nicht mehr. Standortmäßig ist es mit. dem heutigen Spielwarenhaus Reinhard Bauer in der Rietstraße zu identifizieren.14)

Hat sich Pictorius geirrt oder, sich selbst schmeichelnd, in einer liebenswürdigen Reverenz für seine Heimatstadt Villingen werbend gemogelt, um es unwissenschaftlich salopp zu sagen.

Prüfen wir deshalb noch zwei Sachverhalte: den geologischen und den medizin- historischen.

Es gilt dem Einwand zu entgegnen, „ein Quellwasser, das ein Gipsvorkommen (CaSO4 • 2H2) im Kalkgebiet ausgelaugt hat, ist in diesem Gebiet durchaus denkbar“. (Siehe Dr. Rodenwaldt, weiter vorne)

Wir befinden uns geologisch für das ganze Hubenloch im Bereich des etwa 40 Meter mächtigen Unteren Muschelkalks, der auf der kalkarmen Bundsandstein-platte aufliegt und zur südwestdeutschen Stufenlandschaft gehört.15) Alle Trias-Formationen fallen in unserer Raumschaft von West nach Ost mit einer Neigung von vier bis fünf Grad ein. Bei der Altstadtquelle auf der Ostseite der Brigach ist der Übergang der Schichtstufe des Unteren Muschelkalks zum flacheren Anstieg des etwa 30 Meter starken Mittleren Muschelkalks, der wiederum vom steiler ansteigenden rund 60 Meter starken Oberen Muschelkalk abgelöst wird, dessen Abschluß die wellige Hochfläche ( um 760 Meter Meereshöhe) zwischen „Lämmlisgrund“, „Kops-bühl“ und der früheren Schwenninger Gemarkungsgrenze bildet. Dieses rund zwei Millionen Quadratmeter große Gebiet ist, soweit hier genannt, das Einzugsgebiet der größten, etwa 15 Sekundenliter schüttenden Altstadtquelle, deren Wasser auch heute noch nicht wassertechnisch aufbereitet wird. Natürlich konnten auch wir nicht eine stratigraphische Untersuchung der geologischen Schichten auf ihren lokalen Mineralgehalt durchführen, aber wir setzen eine Hypothese gegen Vermutungen. Massive Gipsvorkommen sind für den Unteren Muschelkalk untypisch. Sie gehören in den Mittleren Muschelkalk. Am Übergang vom Unteren Muschelkalk in die „salinare Fazies“ des Mittleren Muschelkalks können allerdings lokal auftretende „Gipslinsen“ unter Umständen erwartet werden.

An der Stelle des rechten Teils des Hauses R. Bauer in der Rietstraße befand sich das alte Gasthaus „zum Mohren“. (Auskunft: Häuserforscher Walter K. F. Haas, Villingen.)

 

Wir können sie nicht nachweisen. Erwartungsgemäß ist der Sulfatanteil (SO4) im Wasser der Altstadtquelle ( = 32,64 mg/1) um ein Drittel höher als bei der Hubenlochquelle ( = 21 mg/1). Man muß es damit begründen, daß im Einzugsbereich der Altstadtquelle das Oberflächenwasser der Niederschläge nach dem Oberen Muschelkalk auch den entscheidenden Mittleren Muschelkalk durchdringt, ehe es im Altstadtbereich zum Quellwasser wird. Für den zutage ausstreichenden Mittleren Muschelkalk, wie es bei den Hanglagen des östlichen Mittleren und Unteren Steppachs der Fall ist, sind Auslaugungen üblich, so daß allgemein eine untere Abteilung (5 bis 6 m) als Reste des alten Salzlagers angenommen werden kann, deren Sulfate im Bereich des bewegten Grundwassers der Auflösung zum Opfer fallen, wobei noch lokale Linsen von Gips denkbar sind. Solche Vorgänge vollziehen sich selbstverständlich in erdgeschichtlichen Zeiträumen, bei denen 400 Jahre keine Rolle spielen dürften. Sollten solche Gipslinsen auf beiden Seiten der Brigach im Muschelkalk vorkommen oder vorgekommen sein, so war ihr Bestand zur Zeit des „Neubades“ wohl kaum wesentlich größer als heute. Bei den sieben Tiefbohrungen nach Kochsalz auf der Schwenninger Gemarkung im 19. Jahrhundert, etwa fünf Kilometer Luftlinie östlich des Hubenlochs wurden die ersten Schwefel enthaltenden Mineralien, vor allem Gips (CaSO4 • 2H2O) und wasserfreies Anhydrit (CaSO4) auch Schwefelkies ( FeS2) im Mittleren Muschelkalk erst bei 100 und mehr Metern unter der Erdoberfläche, d. h. bei 600 Meter Meereshöhe abwärts, angetroffen. Stratigraphisch steht in Schwenningen zwar als oberste Schicht Gipskeupermergel an, aber „in oberflächennaher Lage ist er meist ganz oder teilweise der Ablaugung anheimgefallen“. (Wir können also für ein frühes Bad in Schwenningen, gespeist aus natürlicher Quellschüttung, mit den gleichen Voraussetzungen wie in Villingen rechnen. Quellen auf dortigem Gebiet trockneten allerdings sehr leicht monatelang aus.)

Aus geologischer Sicht spricht demnach nichts dafür, daß die heute in den Quelischüttungen vorkommenden schwefelhaltigen Mineralverbindungen vor 400 Jahren größer waren.

Es wird nun zu prüfen sein, ob wir aus medizin-histo-rischer Sicht zumindest einer Erklärung für die Anpreisung des „Schwäbel mit Alaun“ näherkommen. Jeder Wissenschaftler — und damit jeder Arzt — muß sich mit den Strömungen, Erkenntnissen und Lehren seiner Zeit auseinandersetzen. Das gilt besonders für einen Arzt wie Pictorius, der als hoher Medizinalbeamter seiner Regierung gegenüber verantwortlich ist. Wir verwiesen schon eingangs auf die von Pictorius angeführte spätantike Autorität des 1500 Jahre vor ihm lebenden Arztes Galenus, der die therapeutische Wirkung des Schwefels bei bestimmten körperlichen Gebrechen lehrte. Die noch auf Galenus zurückgehende herrschende Lehrmeinung wird im „Badenfartenbüchlein“ an der Formulierung „trücknet die feuchten nerven“ deutlich. Galenus ist für die öffentliche Meinung der damaligen ärztlichen Fachwelt natürlich über Zweifel erhaben. Damit ist jedoch gleichzeitig gezeigt, in welchem bescheidenen Rahmen sich noch im 16. Jahrhundert die Möglichkeiten der Therapie bewegten. Tatsächlich liegen wirkliche Fortschritte erst im 19. Jahrhundert und ganz besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin war der Unterschied im Umfang der Diagnostik einerseits und der begrenzten therapeutischen Möglichkeiten andererseits eklatant. Man wird deshalb beachten müssen, daß die Ansprüche, die man an die Qualität pharmazeutischer Mittel in den vergangenen Jahrhunderten stellen konnte, auch soweit sie dem Mineralbereich angehörten, gelegentlich und zwangsläufig auf einem wesentlich niedrigeren Erwartungshorizont lagen.

Sich auf Galen zu berufen war für Pictorius zeitgemäß und ebenso unbedenklich möglich, wie Hippokrates, Aristoteles und eine Reihe anderer zu zitieren. Wir meinen, dieser Name hatte unter anderem auch Alibifunktion. Es steckte wohl in Wahrheit ein ganz anderer dahinter, der selbst dazu aufforderte: “ . . . ir müsset mir nach mit euerem Avicenna, Galeno …“ und von dem es nicht gerade zweckmäßig war, daß man ihn unbedingt hervorhob, weil er leicht zum Widerspruch herausforderte: Paracelsus. 1 6) Ohne besondere Hervorhebung erwähnt ihn Pictorius nur dreimal kurz im Badenfahrtenbüchlein.

Schwäbischer Abstammung, in Einsiedeln ( Kanton Schwyz) als Sohn eines Arztes geboren, lebte Theophrast von Hohenheim, der sich lateinisch Paracelsus nannte, von 1493 bis 1541. Er war Doktor der Medizin. In mehr als 200 Schriften hat er seine Erkenntnisse und Lehren niedergelegt. „Sein stürmischer, revolutionierender Geist ging die Buchstabenwissenschaft und herkömmliche Medizin an, die er zu reformieren bestrebt war.“ Nicht umsonst wurde er heftig angefeindet. (Ausführlicheres erfährt der Leser aus der Literatur, die in Fußnote 16 genannt ist.) Paracelsus wird mit seinem Wirken in der Geschichte unterschiedlich beurteilt. Vor allem seine Zeitgenossen „lehnten ihn weitgehend ab“. Schließlich hatte er es gewagt, gegenüber dem klassischen „Establishment“, wie wir heute in „neudeutsch“ sagen würden, auf Distanz zu gehen. Wenn Pictorius in seinen weiteren Empfehlungen17) Anweisungen für eine gesunde Lebensweise gibt, etwa auf ein ausgewogenes Maß an Schlaf zu achten, richtig zu essen, übermäßigen Alkoholgenuß zu meiden u. a., dann verrät er, daß er in der Tradition des Paracelsus steht, der in seiner Schrift „Über die Medizin“ die „vorbeugende und heilende Auswirkung einer naturgemäßen Lebensweise“ zu einem der Grundgesetze seiner Lehre erhoben hatte. Schon in seiner Kindheit in Villach ( Kärnten) waren ihm neben anderen Mineralien Sulfate und Alaun bekanntgeworden. Er verfaßte das „früheste Zeugnis der wissenschaftlichen Balneologie“, der Bäder- und Heilquellenkunde. Und schließlich wurde er zum Wegbereiter der Lehre vom Stoffwechsel. (Siehe weiter unten) In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also gerade zu der Zeit, da 1560 das „Badenfartenbüchlein“ des Doctor Pictorius erschien, gab es eine Phase, wo der inzwischen verstorbene Paracelsus als Arzt und Philosoph im Ansehen stieg. Für unsere Betrachtungen ist von besonderer Bedeutung, daß Paracelsus als „Begründer der pharmazeutischen Chemie“ gilt» 8)

Die allmähliche Wende von der Alchemie zur Chemie setzt im 15. und 16. Jahrhundert ein. Träger der chemischen Bildung wurden die Ärzte. Einmal ging es darum, die Lebensvorgänge, Gesundheit und Krankheit als chemische Prozesse — nicht zu verwechseln mit der heutigen Biochemie — zu erklären, aber auch entsprechende Heilmittel zu schaffen. Was damals geschah, war dennoch nicht wissenschaftliche Chemie im heutigen Sinne, die sich mit den Elementen als Grundstoffe, ihren Verbindungen und chemischen Eigenschaften befaßt. Für Pictorius und seine Zeitgenossen sind die Stoffe, wie der erwähnte „Schwäbel“ und „Alaun“ Träger bestimmter Eigenschaften, deren Fehlen oder Überschuß im Körper Krankheiten verursacht. Nach dieser Lehre kann ein gestörtes Gleichgewicht durch Zuführung chemischer Stoffe wieder hergestellt werden.

Man setzt Paracelsus an den Beginn dieses neuen Abschnitts, der sogenannten „latrochemie“ (gr. iatros = Arzt). Ein bekannter Ausspruch von ihm ist: „Chemisches Wissen schafft Macht über Krankheiten“. Die Heilmittel, die er selber herstellte, bestehen sowohl aus Pflanzensäften als auch aus Mineralstoffen. Im Kampf gegen die „Quacksalberei und Ausbeuterei der in lebensfremder Scholastik befangenen damaligen Ärzte“, ist demnach unser Doctor Pictorius auf der Höhe der „Forschung“ und Erkenntnis seiner Zeit, wenn er das Wasser mineralhaltiger Quellen zur äußeren und inneren Anwendung in seinem „Badenfartenbüchlein “ anpreist.

Wir halten es im übrigen für denkbar, daß Pictorius in Freiburg (1528) oder von dort aus, dem 1527 im nahen Basel als Stadtarzt tätigen und Vorlesungen haltenden Paracelsus persönlich begegnet ist.

Fassen wir auch hier zusammen : Den Empfehlungen des regierungsamtlichen Arztes Doctor Georgius Pictorius für ein gesundes, naturnahes Leben, aber auch für die Anwendung mineralischer Heilmittel in der Verabreichungsform entsprechenden Quellwassers liegen die Erkenntnisse und Lehren der klassischen Autoritäten und die seiner Zeit, der latrochemie, als damals hochmodern zugrunde.

So gesehen ist er ein Schüler des Paracelsus, der durch seine — kraft Amtes — autorisierten Veröffentlichungen ebenfalls mitwirkte, das Ansehen des großen Arztes in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu mehren.

Während in warmen und heißen Quellen, wie z. B. in den bereits von den Römern genutzten Wässern Badenweilers, Badens in der Schweiz oder Baden-Badens, erhebliche Mengen von Mineralsalzen gelöst sind, die schon bei geringer Abkühlung des Wassers massenweise ausgefällt werden, müssen andere, so auch das Wasser des „Haubelochs“, aus heutige Sicht als mineralarm und für Heilzwecke bedeutungslos bezeichnet werden. Ihre Heilanzeigen können auch nicht in der damals angenommenen Form des „Gleichgewichtsausgleichs der Stoffe“ gesehen werden. Was immer den Arzt Pictorius zu seiner Empfehlung veranlaßt haben mag: wir wissen es nicht. Liest man, was er über das Wasser, „in seiner vermischung Schwäbel mit wenig Alaun“, von Baden im Aargau (Schweiz) schrieb, so hat er wahrscheinlich den nach Erwärmen des harten Hubenlochwassers allmählich ausgefällten Kesselstein, einem hauptsächlich aus Kalk bestehenden Gemenge, mit Gelblichfärbung durch Eisenanteile, für „Schwefel mit Alaun“ gehalten; dann allerdings wären die behaupteten Heilanzeigen erst recht nicht auf die genannten Mineralien zurückzuführen.19) Seine Ausführungen verlieren sich im Dunkel einer Betrachtungsweise, die wir offensichtlich heute nicht mehr nachzuvollziehen vermögen. Wir wissen aber, daß es außerhalb der exakten Wissenschaften das Phänomen der Heilung gibt. Wenn Pictorius und seine Zeit die Ursachen dafür unter anderem in der iatrochemischen Behandlungsweise sahen, so hat das mit Scharlatanerie nichts zu tun, denn sie handelten nicht wider besseres Wissen. Für den Heilungsuchenden kann Einbildung die Wirkung von Arznei haben. Die Heilmethode bedarf nicht des wissenschaftlichen Beweises.

Mit den Erkenntnissen der heutigen Chemie, Pharmazie, physikalischer Meßtechnik und ärztlicher Kunst, kurz all dessen, was wir wissenschaftlichen Fortschritt nennen, sind wir Heutige um so viel „schlauer“ als es im 16. Jahrhundert unser Landsmann Georg Maler, genannt Pictorius, der angesehene Arzt, war. Was er in seiner Heimatstadt Villingen den Menschen zur Gesunderhaltung und Heilung empfohlen hat, beantworten wir vielleicht mit der Arroganz eines Schmunzelns. Dabei hätte gerade unsere Zeit den Rat eines Paracelsus und eines Pictorius wohl nötiger denn je.

Im heutigen Haus Rietgasse 5, Fahrzeughandlung H. Fleig, befand sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Gastwirthschaft mit Personalrecht “ zum „Bad“, in der auch „warme und kalte Bäder“ verabreicht wurden.

 

Es ist das mittelalterliche „Rietbad“, das 1540 in einer Urkunde genannt wird.

Das Erdgeschoß und das 1. Obergeschoß sind durch Umbauten bis in die jüngere Zeit teilweise auch im Boden nachhaltig verändert. Hinter der heutigen Schaufensterfront befand sich einst die Schankstube, deren umlaufende Sitzbänke von der Frau des damaligen Eigentümers erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgenommen wurden, nachdem in Folge der Vertreibungen aus dem deutschen Osten die gewerblich verwendeten Räume notdürftig zu Wohnzwecken genutzt werden mußten.

Erhalten haben sich an der Nordostseite des Hauses zwei gewölbte, für den Wirtshausbetrieb unverzichtbare Kellerräume, die, mit Rücksicht auf den Grundwasserspiegel, nur etwa ein Meter abgetieft sind. Vollständig erhalten blieb ein altes, ursprünglich über drei Stockwerke reichendes Dachgeschoß mit „liegenden Stühlen“, von deren Konstruktion Hermann Schilli 1 „Schwarzwaldhäuser „, Badenia Verlag Karlsruhe, 1978, S. 94) schreibt, “ . . . das Dach sitzt wie auf Stühlen, deren Beine schräg unter die Dachneigung gestellt sind. Diese Zimmerungsart ist nachmittelalterlich.“ Die Seitenstabilität gewährleisten sogenannte Andreaskreuze, eine längst aufgegebene Zimmermannstechnik.

In der Nordwestecke des Dachbodens fand der jetzige Eigentümer Fleig 1955, nach dem Kauf des Hauses, eine, wie er sagte, 8 — 10 Zentimeter im Durchmesser starke eiserne Vollkugel, die einen Balken angeschlagen hatte und auf den Speicherboden herabgefallen war. Sie existiert leider nicht mehr. Nach fachkundigen Berechnungen des Mitglieds des Ge-schichts- und Heimatvereins, Heinz Strengert, kann es sich nur um die Kugel eines sechspfünder Feldgeschützes gehandelt haben ( Zwölfpfünder 11,5 — 11,8 cm Durchmesser). Gemessen am Alter des Dachstuhls käme für den Einschuß zeitlich die Tallardsche Belagerung von 1704 in Frage.

Eine mittelalterliche Heilquelle aus dem Hubenloch:

Quellennachweis:

1) Klaus Willner, Villinger Badeleben (1 1, Südkurier vom 27.4.84, Nr. 98

2) Hans-Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, zwei Bände, Ring Verlag Villingen, 1971 Christian Roder, Oberrheinische Stadtrechte, Abteilung: Schwäbische Rechte. Erstes Heft: Villingen; Heidelberg 1905

2a) Zitiert nach F. X. Kraus, Die Kunstdenkmäler des Groß-herzogthums Baden, II. Band, S. 102, Freiburg 1890

3) H.-J. Wollasch, a. a. 0., Bd. I, Seite 257, Nr. 1364

4) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, in : Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1962, Seite 88

5) Hans Maier, a. a. 0.

6) Siehe hierzu den nachfolgenden Beitrag von Walter K. F. Haas: Daten und Fakten über die Quelle am Hubenloch und über das Gasthaus „zum Bad“ an der Rietgasse

7) Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1964, Seite 467

8) D. Georgius Pictorius, Badenfahrtbüchlein, Nachdruck des Werkes aus dem Jahre 1560, Verlag Herder Freiburg i. Br., 1980, Seite 8

9) a. a. 0., Seite 75/76

10) Ulrich Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen, Revellio-Druck, Villingen 1976, Seite 88

11) „Nur ein Glas Wasser „, Pressestelle Deutscher Naturbrunnen, Bad Godesberg, Seite 25

12) „Nur ein Glas Wasser“, a. a. 0., Seite 24

13) Chemisch-physikalische Wasseruntersuchung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erläuterungen zu

I) Auftraggeber: Stadtwerke Villingen-Schwenningen Labor: DVGW — Forschungsstelle am Engler — Bunte —Institut der Universität Karlsruhe (TH ), Bereich Wasserchemie. — Mitteilung vom 10.1.1983 an die Stadtwerke Vllg.-Schw.. Von dieser Aufstellung wurden nicht alle angegebenen Werte aufgeführt. Die Originalangaben lauten auf mol /m 3 oder mmol /m3 und mußten auf mg /I umgerechnet werden. Dazu diente der Umrechnungsschlüssel der auf der Rückseite der Aufstellung angegebenen gerundeten Werte.

Nach Auskunft der Stadtwerke ist das Wasser der Altstadtquelle, entgegen allen übrigen genutzten Wassern, nicht aufbereitet, also in seiner Beschaffenheit ursprünglich, nachdem es auch nicht in die Trinkwasserversorgung eingeleitet wird, sondern hauptsächlich der Industrie als Brauchwasser zur Verfügung steht.

Siehe auch Anmerkung unter 111.

II) Auftraggeber: Geschichts- und Heimatverein Villingen Labor: Chemisch-physikalisches Labor Wahlwies

Die Werte wurden vom Labor in mg /I (Milligramm pro Liter) mitgeteilt, und zwar Ende Mai 1984 ( Kationen) und Mitte Juni 1984 (Anionen).

Anmerkungen :

Wasser, das durch Kalkstein fließt, löst selbstverständlich Karbonate, ohne daß es hier notwendig wäre, bei beiden Quellwassern die Anteile an HCO3 Ionen zu quantifizieren. Sie sind lediglich für die Härte des Wassers von Bedeutung:

Die Summe der Erdalkalien (Ca + Mg) ( x 5,6) ergibt die Gesamthärte in °dH.

Die Säurekapazität bis 4,3 (x 2,8) ergibt ca. die Karbo-nathärte in °dH; diese ist bei der Altstadtquelle 2,5 x 2,8 = 7. Dagegen liegen für das Hubenlochwasser keine Werte vor; hier ist aber die Gesamthärte schlüssig höher. (Wo Niederschläge durch pflanzenbedeckte Bodenschichten dringen, erhalten wir kohlensäurereiche Sickerwässer, weil die Konzentration von CO2 in der Bodenluft etwa hundertmal so groß ist wie sonst in der Luft üblich. Das führt chemisch in den Gesteinsschichten zu einem Korrosionsvorgang für die Auflösung des Kalks nach folgender Formel:

CaCO3 + CO2 + H2O —› Ca++ + 2HCO3—. In wässriger Lösung ist der Kalk also dissoziiert als Calcium und Hydrogenkarbonat.)

Das Labor Wahlwies, Herr Dipl. chem. Höckendorf, teilte mündlich mit, das Hubenlochwasser entspreche mit seinen Mineralwerten qualitativ einem Trinkwasser, wie es auch im Hochgebirge der Kalkalpen angetroffen wird. Die Sulfatmengen sind unbedeutend. Auf ausdrückliche Rückfrage sagte er, daß das untersuchte Wasser keinen elementaren Schwefel enthalte und auch sonstige Schwefelverbindungen nicht nachgewiesen werden konnten. Alaune sind chemische Verbindungen der allgemeinen Formel MelMeill(SO4)2 • 12 H2O. Der wichtigste Alaun, der auch für die Heilkunde in Frage kommt, ist der Kalialaun, KAI(SO4 )2 • 12 H2O. Seine sämtlichen elementaren Bausteine sind im Wasser des Hubenlochs enthalten, so daß deren Kombination theoretisch das Vorhandensein von Alaun zuließe, allerdings nur in so geringen absoluten Mengen, daß jede indikatorische Relevanz verneint werden muß.

Wir wissen nicht, welchen Inhalt der Begriff „Alaun“ im 16. Jahrhundert, verglichen mit den heutigen wissenschaftlichen Kriterien, besaß. Sicher war damals der Begriff aus der Alchemie heraus empirisch bestimmt und könnte sich stofflich durchaus mit dem decken, was wir heute mit dem Wort Alaun bezeichnen.

14) Mündliche Mitteilung des Villinger Häuserforschers Walter K. F. Haas. Das Gasthaus hieß „Mohren“. Vielleicht war es damals in Händen einer verwitweten Wirtin, eben der „Morin“.

15) Vgl. zu den folgenden Ausführungen oben: Geyer und Gwinner, Einführung in die Geologie Baden /Württembergs, E. Schweizerbart ’sche Verlagsbuchhandlung, 2. Auflage, Stuttgart 1968, vor allem S. 32 —40. Hans Maier, a. a. O., S. 1 — 4 und Karte im Anhang.

Günter Schulz, Geschichte der Saline Wilhelmshall bei Schwenningen, 7. Band der Schriftenreihe der Großen Kreisstadt Schwenningen, 1967, S. 13 — 36. Ferner: Geyer und Gwinner, a. a. O., S. 48.

16) Ernst Kaiser, Paracelsus, Rowohlt Taschenbuch, 1984

17) Vgl. Klaus Willner, Villinger Badeleben (3),SÜDKURIER v. 12. 5. 84 Nr. 110

18) Vgl. Lüthje — Gall — Reuber, Lehrbuch der Chemie, Band II, Salle Verlag Frankfurt a. M. u. a.

19) Das Mineralwasser in Baden (Schweiz, Kanton Aargau) ist eine 47° Celsius warme „Schwefeltherme“ mit Na-trium-calcium-chlorid-Sulfatwasser. Die Gesamtmine-ralisation beträgt 4 525 mg / Liter. Davon sind 77,2 mg undissoziierte Bestandteile, deren Einzelqualität uns nicht bekannt ist, also auch nicht, ob sie elementaren Schwefel oder sonstige Schwefelverbindungen, z. B. H 2S, enthalten; die Menge wäre jedoch absolut wie relativ sehr gering. Von dissoziierten Molekülen sind für unsere Betrachtung folgende bedeutsam: Kationen : Natrium 718 mg /Liter, Kalium 64,2, Magnesium 101,1, Calcium 541, Aluminium 0,01; Anionen: Chlorid 1 106 mg/ Liter, Hydrogenkarbonat Karbonat 488, Sulfat 1411.

Das Niederschlagswasser versickert in den wasserdurchlässigen Schichten des Muschelkalks im westlichen Jura, sinkt in eine Tiefe von etwa 1 500 m, wo es sich entsprechend erwärmt. Die Verweildauer im Erdreich beträgt etwa acht bis zehn Jahre. Es löst im anliegenden Gestein die Mineralbestandteile heraus und diese treten an der tiefsten Stelle des Badener Juraklus, wo der Muschelkalk durch die Limat angeschnitten wurde, zutage. (Quelle: Informationsprospekte des Verkehrsbüros Baden, 1984)

Die Abscheidungen in den Rohren, von denen Pictorius spricht und die er als Schwefel bezeichnet, sind Mineralien, die mit abnehmendem Lösungsgrad des sich abkühlenden Wassers ausfallen. Da Karbonate (Kalk) eine geringe Löslichkeit haben, fallen diese zuerst aus, schließlich würden dann auch die Sulfate, wohl in Form von Gips, ausfallen. Beide Stoffe kristallisieren.

Chemische Verbindungen sind bekanntlich Stoffe mit neuartigen chemischen und physikalischen Eigenschaften, die zu denen der Ausgangsstoffe, z. B. Schwefel als Element, keine Beziehungen mehr haben. Wir halten es deshalb nicht für möglich, daß Pictorius mit dem wissenschaftlichen Stand seiner Zeit in der Lage war, die Ablagerungen in den Rohren qualitativ hinreichend zu bestimmen und in ihnen Schwefel, bzw. Alaun zu erkennen. Eine Analyse liegt uns nicht vor, aber wir halten die Ablagerungen für ein Kalk-Gipsgemenge, entsprechend der Wasseranalyse weiter oben, also Kesselstein.

Für das Hubenlochwasser sind die Voraussetzungen etwas anders. Es ist kein Thermalwasser aber ebenfalls ein Karbonatwasser nebst Sulfat, nur mit wesentlich geringeren Anteilen. Ausfällungen lassen hier auch nur den Schluß auf Kesselstein zu.

 

31

 

Archäologie auf der Baar: Neue Funde bei den Grabungen auf den Alamannenfriedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau 1984

 

Repräsentative Ausstattung eines wohlhabenbenden Alamannen des 7. Jahrhunderts (Niederstotzingen )

 

1984 wurden auf den alamannischen Friedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau erneut Bestattungen freigelegt, die wir auswahlhaft im Bild vorstellen.

Die Arbeiten erfolgten durch das Landesdenkmalamt Freiburg, Abtlg. Bodendenkmalpflege. Beide Grabungen leitete Klaus Nietkamp.

„Ortsnamen auf -ingen sind durch unzweifelhaft zugehörige Friedhöfe für die Zeit vom 4./5. Jahrhundert (…) bis ins 7. Jahrhundert hinein ( …) datiert.“ (S. „Die Alamannen“, Seite 31)

Die Reihengräberfelder von Schwenningen und Neudingen gehen mit ihren ältesten Belegungen auf das frühe 6. Jahrhundert zurück. Funde, wie sie dieses Jahr gemacht wurden, haben auch einen Aussagewert für die alamannischen Verhältnisse der Siedlung Villingen, besitzt sie doch nicht zuletzt die gleiche Orts-namenform. 1921 wurden hier am Blutrain in der Altstadt Gräber angeschnitten, aus denen im einen Fall Revellio (S. 61 ff.) als Grabfund den „Bügel einer bronzenen Gürtelschnalle“ der frühalamannischen Zeit des 4. Jahrhunderts zu erkennen glaubt. Im übrigen wurden die Gräber, wie jene des Jahres 1903, mit verzierten Lanzenspitzen, Kurz- und Langschwert, altersmäßig nicht näher definiert, zumal sie noch nicht nach heutigen Methoden untersucht werden konnten.

Daß man im Bereich des alten Dorfes Villingen, der sogenannten Altstadt, mit der heutigen Friedhofskirche, keine archäologischen Funde mehr erwarten kann, hat seinen Grund in der kontinuierlichen Weiterbelegung des einstmals alamannischen, dann mittelalterlichen und schließlich heutigen Friedhofs. Es bleibt aber leider der Vorwurf an die Anonymität städtischer Verwaltung und Kulturpflege, vor allem der 1960er und 70er Jahre, hinter der sich Ignoranz und Inkompetenz verschanzen, mit einer „Baggermentalität“ die vielleicht letzten Spuren des geschichtsträchtigen Umfelds im Altstadtbereich für alle Zeiten zerstört zu haben.

Die Auswahl der abgebildeten Gräber erfolgte zufällig, weil ein Aufsuchen der Grabungen für den Berichterstatter nur wenige Male möglich war. Umso beglückender ist es, daß gerade die einmalige Bestattung in Neudingen fotografisch festgehalten werden konnte. —Um die Bedeutung der abgebildeten Grablegen verständlich zu machen, zitieren wir die allgemeinen Ausführungen aus „Die Alamannen“, Seite 58/59: Während der sogenannten Reihengräberzeit hatte einem Verstorbenen das ins Grab zu folgen, was zum Erhalt seiner rechtlichen und bildlichen Persönlichkeit notwendig war. Beim Manne war dies zunächst seine Tracht mit Hose, Kittel und Schuhen, sodann als ein ganz wesentlicher Bestandteil der Leibriemen aus Leder, stets mit einer Metallschnalle verschlossen.

An diesem Leibriemen war die Tasche, später auch das einschneidige Hiebschwert, der Sax, befestigt. Der Leibriemen wurde im 5. Jahrhundert in der Regel nicht umgebunden, sondern zu Häupten, zu Füßen oder seitlich neben dem Toten niedergelegt, eine aus dem römischen Bereich übernommene Sitte. Im 6. Jahrhundert band man dann dem Toten häufig seinen Gürtel um; die ältere Sitte wurde gelegentlich noch geübt und lebte gegen Ende des 6. Jahrhunderts wieder auf, um im 7. Jahrhundert dann erneut zu dominieren. Die Gürtelbeigabe war in der Folgezeit eines der wenigen Elemente der Beigabensitte, die sich noch lange ins Mittelalter hinein sporadisch hielten.

Es liegt in der so ganz anderen Tradition der zweischneidigen Spatha, daß diese von Anfang an einen eigenen Aufhängegurt besaß. Im Gegensatz zu Leibriemen und Sax wurden Spathagurt und Spatha zu keiner Zeit dem Toten umgeschnallt mitgegeben. Das Schwert lag zur Rechten oder Linken des Verstorbenen, zuweilen auch zwischen den Beinen, häufig ruhte die Schwerthand noch auf dem Griff. Der Spathagurt war um die Waffe gewickelt. Diese Form der Beigabe entsprach im übrigen auch weitgehend deren Gebrauch im Leben: Als Instrument oder vielmehr Abzeichen von Macht und Wohlstand wurde eine Spatha mehr demonstrativ vorgezeigt denn im Kampfe erprobt. Sie gehörte jedoch zusammen mit Sax und Schild zu denjenigen Teilen der Grabausstattung, welche den Toten persönlich angingen und auch dort, wo große Grabkammern zur Verfügung standen, stets noch in den Sarg gelegt wurden; beim Schild war dies aus Platzgründen nicht möglich, ihn legte man auf den Sarg oder stellte ihn daneben, In der größeren, weiten Raum bietenden südlichen Grabkammerhälfte wurden weitere Waffen deponiert : Streitaxt, Lanze, Ango, Helm, Panzer, Pfeil und Bogen finden sich überraschenderweise hier und nicht im Sarg. Dazu Trense und Pferdegeschirr, Geräte, vor allem die Dinge, die der Wegzehrung und der Repräsentation im Jenseits dienten : Gefäße, zumeist Trinkgeschirr aus Ton, Glas und Holz und Bronzegefäße. Aus Gräbern mit guten Erhaltungsbedingungen sind auch hölzerne Sitz- und Liegemöbel sowie Prunkgewänder überliefert.

Zu den Beigaben der reichsten Männer gehörten aber auch ungewöhnliche Dinge, Pferde beispielsweise, die seit etwa 500 neben den Bestattungen ihrer Herrn beigesetzt werden, zunächst aufgezäumt und mit der Trense im Maul, später oft geköpft; die Trense findet sich dann im Grab des Mannes. Daneben gibt es weitere Tierbestattungen, etwa von Hunden, gelegentlich ein Hirsch, vermutlich auch einmal ein Vogel ( Falke?), dies alles jedoch außerordentlich selten.

Die Wissenschaft hat ein Qualitätsgruppenschema für die Grabbefunde aufgestellt. Archäologische Merkmale, die sich bei Männer- und Frauengräbern an den Beigaben orientieren, katalogisiert man mit gemeinverständlichen Bezeichnungen wie

arm, ausgesprochen ärmlich             = Gruppe A

wohlhabend, durchschnittlich wohlhabend    = Gruppe B

überdurchschnittlich wohlhabend         = Gruppe C

ungewöhnlich reich                = Gruppe D

Nach diesem Schema erfolgt die Beschreibung der Schwenninger und Neudinger Gräber.

Gräberfeld Schwenningen :

Es liegt „Auf der Lehr“ (Gewanname), einem seit längerem überbauten Stadtbereich nördlich des zentralen Marktplatzes. Ein bis 1984 unbebaut gebliebenes und als Parkplatz genutztes kleines Areal, zwischen Straße und Häuserrückfronten, ist der Rest eines in seinen Ausmaßen heute nicht mehr feststellbaren Reihengräberfeldes der Alamannen. Es befindet sich in der direkten Verlängerung der Sturmbühlstraße zur Spittelstraße, wo demnächst eine Entlastungsstraße durchgezogen werden soll. In einem heute überbauten Bereich hat 1938 Hermann Rupp eine erste Grabung durchgeführt. Er deckte vier Gräber des frühen 6. Jahrhunderts auf. Darunter war das Grab „einer um 530 verstorbenen Frau mit einer der reichsten Grabausstattungen, die aus der Völkerwanderungszeit bisher bekannt geworden sind“. Mit Beginn der Grabungen 1984 waren dem Landesdenkmalamt elf Gräber bekanntgeworden, nachdem in den 1950er Jahren Dr. Ströbel aus Schwenningen noch einmal den Spaten angesetzt hatte. ( Es ist allerdings unklar, ob damals nicht noch weitere Gräber aufgedeckt wurden.) Klaus Nietkamp hatte bis Mitte September 1984 etwa 60 weitere Bestattungen des frühen bis späten 7. Jahrhunderts freigelegt. Es sind Alamannen der Merowingerzeit. Sie lagen in reinen Erdgräbern, wobei es Hinweise auf Grabkammern gibt. Die Bestattungen erfolgten in gezimmerten Särgen. Gräber des 6. Jahrhunderts fehlen bisher ganz.

Bei unserem Besuch der Grabung im August 1984 lagen gerade die zwei abgebildeten Gräber frei. Das erste sieht zwar aus wie eine Doppelbestattung, was aber nicht bewiesen ist. Vielmehr sehen Nebeneinanderbestattungen in der Reihe immer wieder so aus. Die Grablegen sind offensichtlich beigabenlos und auf jeden Fall in die Gruppe A = ärmlich bzw. ausgesprochen ärmlich einzustufen. Das zweite Bild zeigt einen Mann mit voller Waffenausstattung, den man der Qualitätsgruppe B = wohlhabend oder durchschnittlich wohlhabend zuordnen kann. Auf dem Bild sind sichtbar: Lanzenspitze an der rechten Kopfseite, der Sax, das kurze, dolchartige einschneidige Hiebschwert, am Waffengurt in Bauchhöhe, und die zweischneidige Spatha, deren Vorfahre das zweischneidige Langschwert der römischen Auxilartruppen des 2. und 3. Jahrhunderts war. Bei allen Gräbern ist die Ausrichtung der Toten west — ost, mit Kopf im Westen. Diese Orientierung dominiert bei den Körperbestattungen seit dem Einsetzen der großen Reihengraberfelder ab dem 5. Jahrhundert.

 

Alamannische Nebeneinanderbestattung des 7. Jahrhunderts n. Chr. in Schwenningen.

 

Wohlhabender Mann mit voller Waffenausstattung, 7. Jahrhundert n. Chr., alamannischer Friedhof Schwenningen.

 

Gräberfeld Neudingen:

Südlich des Dorfes Neudingen an der oberen Donau, heute einem Stadtteil Donaueschingens, liegt im ansteigenden Gelände, Richtung Fürstenberg, ein Gewann mit der aufschlußreichen Bezeichnung „Auf Löbern“. In dem Neubaugebiet wurden bei der Errichtung der ersten Häuser alamannische Gräber zerstört, bis dann ab 1978 eine systematische Grabung begonnen wurde. Inzwischen sind über 300 Gräber vom Beginn des 6. bis zum 7. Jahrhundert freigelegt worden. Das Reihengräberfeld erweist sich damit, nach Hüfingen, als das zweitgrößte im oberen Donautal. Der Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege im Landesdenkmalamt Freiburg, Dr. Fingerlin, hat in einem Lichtbildervortrag beim Geschichts- und Heimatverein Villingen im Januar 1983 ausgeführt, daß man Bestattungen gefunden habe, die nach ihrem Inventar mit dem merowingerzeitlichen Königshof in Neudingen und der dort ansäßigen Familie in Verbindung stehen können. Aufsehen erregte in den ersten Grabungsjahren in diesem Zusammenhang das Grab einer Frau, in dem durch die guten Erhaltungsbedingungen nicht nur Bretter und Bohlen des Grabeinbaus sehr gut konserviert waren, sondern „auch wesentliche Teile des hölzernen Inventars, bestehend aus einer Bettstatt, Resten eines Stuhls (?), hölzernem Geschirr und verschiedenen Gerätschaften“. Dr. Fingerlin führte weiter aus: „Wichtigster Fund war das Unterteil eines großen rahmenförmigen Webstuhls mit vier Fuß brettern, eines technisch schon recht aufwendigen Geräts, mit dem man auch komplizierte Gewebe und Stoffmuster herzustellen vermochte“. Das eigentlich Erregende war eine auf einer Holzstrebe des Webstuhls eingeritzte Runeninschrift, die zum ersten „Schriftdenkmal“ des epigraphisch armen südgermanischen Raumes wurde, das auf einem hölzernen Gegenstand überliefert ist. Die Übertragung lautet: Liebes (Zuneigung) für Imuba von Hamal. Blidgung schrieb die Runen.

Abgesehen von der kultur- und sozialgeschichtlichen Bedeutung der verhältnismäßig langen Inschrift, wird plötzlich der Herzschlag liebender Verbindung zweier Menschen spürbar.

Wenn Dr. Fingerlin 1983 noch reiche Adelsgräber wie in Hüfingen, mit exklusiver Ausstattung, vermißte, erfüllte sich im August 1984 die Hoffnung. Mitte August lag das Pferdegrab frei, am 29. August fotografierten wir das dazugehörige, inzwischen fertiggeputzte Reitergrab des frühen 7. Jahrhunderts. Es ist, wie gesagt, das bisher reichste, und der Tote, den es birgt, war ein Mann des Ortsadels. Für sich allein gehört es schon in die Gruppe C = überdurchschnittlich wohlhabend, ob es zusammen mit dem beigegebenen Pferd schließlich zur Gruppe D = ungewöhnlich reich gehört, vermögen wir nicht zu entscheiden. Diese wohlhabende Person wurde nicht nur in einer sehr tiefen sondern auch in einer umfänglichen Grabkammer mit 2,80 Meter Länge und 1,30 Meter Breite, aus Bohlen gefertigt, beigesetzt. In dem gezimmerten Sarg innerhalb der Kammer lag der Tote nicht nur in der inzwischen vergangenen Gewandung, er besaß vielmehr folgende Beigaben: an seiner rechten Seite die zweischneidige Spatha, das Langschwert, als Prunkwaffe (auf der Fotografie schlecht zu sehen, weil sie auf der Schmalseite, der Schneide steht). Über einem reich verzierten Leib- oder Waffengurt, besetzt mit tauschierten Beschlägen, liegt auf der typischen linken Seite in Höhe des Leibes, das kurze Hiebschwert, der Sax. Zu seinen Füßen, wohl noch innerhalb des Holzsarges, ist eine bronzene Schale mit 22 cm Durchmesser abgestellt. Unterhalb davon liegt ein Köcher mit Pfeilen. In der südlichen Kammerhälfte, des ebenfalls west —ost bestatteten Toten — vom Betrachter des Bildes aus: links — wurde oben der Schild eingebracht, dessen Schildbuckel zu sehen ist. Unterhalb davon liegen die Trense mit Zaunzeug und Steigbügeln, bestehend aus zahlreichen Beschlägen, wie Riemenverteiler und Riemenzungen, die alle reich mit Silbereinlagen verziert sind (Tauschierung). Des weiteren befindet sich in diesem Bereich ein kleineres Tier, das ein Hund gewesen sein könnte. Als unteren Abschluß sehen wir im rechten Winkel zum Fußende der Bestattung die Spitze einer Lanze.

 

Alamannisches Gräberfeld in Neudingen an der Donau (Grabung 1984).

 

Unmittelbar östlich, d. h. an das Fußende der Grabkammer anschließend, befand sich das zu dem Adelsgrab gehörende Pferdegrab, das allerdings nicht so tief lag und deshalb auch zuerst freigelegt worden war. Als spätere Form einer Pferdebestattung wurde das Tier geköpft. Wo der Kopf geblieben ist, ob er etwa oberirdisch sichtbar auf dem Grab angebracht wurde, darüber läßt sich nur mutmaßen. Es war bereits das vierte Pferdegrab auf diesem Friedhof, bis Mitte September 1984 war noch ein fünftes freigelegt worden. Entsprechend der damaligen Sitte wurde die Trense des geköpften Pferdes im Grab des Mannes niedergelegt. Als Teil des Besitzes, der dem Herrn ins Grab folgt, ist das Pferd ein Statussymbol, das den Edlen kennzeichnet. Dem Betrachter wird auffallen, daß es ein verhältnismäßig kleines Tier ist. Allgemein wird von den Pferden der Germanen gesagt, daß sie nicht so hochgezüchtet gewesen seien wie die heutigen Pferde „und nicht einmal so groß wie die heutigen Panjepferde sondern fast ponyhaft kleine Tiere; ihre Widerristhöhe betrug 120 — 135 cm, so daß ein großer Mann, wenn er ritt, den Boden mit den Füßen berühren konnte“.

Bei Abschluß der Grabungskampagne 1984 waren neben weiteren Gräbern vor allem zwei reicher ausgestattete Frauengräber freigelegt worden, wovon eines einen massiv silbernen Armreif enthielt, der für germanische Trachtbeigaben untypisch ist. Es könnte sich um eine Importe oder ein Beutestück handeln.

Hu

Literatur:

Hannsferdinand Döbler, Die Germanen, Bertelsmann Lexikon Verlag, 1975

Rainer Christlein, Die Alamannen, Konrad Theiss Verlag, 1979

Alemannisches Pferdegrab. Das Tier wurde im geköpften Zustand dem auf der nächsten Seite abgebildeten und ungewöhnlich reich ausgestatteten Toten des frühen 7. Jahrhunderts mitgegeben. Siehe hierzu obigen Text. (Neudingen, 1984)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fabrikant Hermann Preiser, Zweiter Vorsitzender, wurde Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins

Aus dem Vereinsgeschehen

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus Anlaß der Vollendung seines 75. Lebensjahres verlieh der Geschichts- und Heimatverein Villingen seinem zweiten Vorsitzenden bei der letzten Jahresversammlung im Dezember 1983 die Ehrenmitgliedschaft. Das Wirken Hermann Preisers ist in zweierlei Hinsicht zu würdigen:

1. Seine wissenschaftliche Arbeit.

Er ist einer der besten Kenner der geschichtlichen Verflechtungen der Stadt Villingen. Mit seinen substantiellen Kenntnissen ist er einer der letzten Bewahrer stolzer geschichtlicher Vergangenheit. Neben seiner Vortragstätigkeit hat er mit wissenschaftlicher Akribie zahlreiche Themen bearbeitet und sie im Druck niedergelegt, so z. B. „Fürstabt Hugo II. von Villingen und die Thermen bei Ragaz“, „Der Villinger Glockenraub in Schwenningen“, die umfangreiche Publikation „Die Herren von Kürneck“, „Die Wasserbelagerung im Jahre 1634“, „Gedanken zur Geschichte unserer Stadt im 11. und 12. Jahrhundert“, „Klosterguetili und andere klösterliche Kostbarkeiten“, „Die Warenburg in Villingen — die Martinskirche in Kirchdorf: geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander?“, und in diesem Jahresheft stellen wir dem Leser die umfangreiche Fleißarbeit der „Villinger Glockengeschichte“ vor.

2. Seine Tätigkeit für den Geschichtsverein.

Seit der Gründung des Vereins hat sich Hermann Preiser um die Führung und Leitung des Vereins verdient gemacht. Da sind zunächst einmal die Exkursionen zu nennen, die er organisierte und leitete, zum Beispiel : Von St. Gallen nach der Ta-minaschlucht in der Schweiz, Vier Tage Südtirol, Schenkenberg- und Zeilenkapelle bei Emmingen ob Eck, Von Murten über die Burg Habsburg nach Vindonissa in der Schweiz, Flurbegehung über die südliche Gemarkung vom Runstal zur Warenburg, Zwei Tage in die Schweiz zur Kiburg nach Näfels, wo 1388 die Villinger ihr Fähnlein verloren. Diese Aufzählung erschöpft nicht seine vereinsinterne Tätigkeit. Hervorzuheben ist vor allem auch seine Tätigkeit im Vorstand selbst. Sein Engagement wird nur verständlich, wenn man seinen Eifer kennt, der genährt wird durch den drängenden Wunsch, Geschichte und Heimat zu erforschen. Sein innerer Antrieb ließ ihn die vielen persönlichen Opfer an Zeit und Geld vergessen, die er selbstlos für die Sache zur Verfügung stellte. Die Liebe zur Heimat und die Identifikation mit ihrer Landschaft hat bis auf den heutigen Tag den Pulsschlag des Herzens bestimmt. Auf diese Weise war auch das Leben im Geschichts- und Heimatverein und dessen Existenz überhaupt stets ein für Hermann Preiser nahes Anliegen. Unübersehbar ist, daß sich diese Einstellung besonders in kritischer Zeit des Vereins bewährt hat. Als nach dem Tode des zeitlich ersten Vorsitzenden, Hans Brüstle, die Impulse zu versiegen drohten, war es vor allem Hermann Preiser, der in ernster Sorge und Verantwortung das Ruder ergriff, um das Schiff wieder in die See hinaus zu steuern.

Dieses, für den Verein so fruchtbare Wirken, veranlaßte die Mitgliederversammlung, Hermann Preiser die Ehrenmitgliedschaft des Geschichts- und Heimatvereins zu verleihen. An dieser Stelle wünschen wir ihm noch viele Jahre Gesundheit und Schaffenskraft.

Hu

Die Idylle eines Sammlers: Das Privatmuseum des Karl Kratt

 

 

Haus Rietgasse 14, im Riet.

 

Man sagt, es sei ein Spezialmuseum für Schlösser, Schlüssel und Beschläge, das mit seinen Schätzen jedem öffentlichen Museum erhöhtes Ansehen bringen würde. An die 600 Schlösser und Schlüssel, von der späten Gotik, der Renaissance, dem Barock bis ins 20. Jahrhundert, beherbergt das alte Haus des Karl Kratt, in der Zinsergasse 14, im Riet.

Doch leider, es wartet kein Museumsführer. Die Tür ist verschlossen. Drückt man auf den Klingelknopf und hat man Glück, öffnet sich im Obergeschoß des zweistöckigen Hauses das Fenster und der Kopf von Karl Kratt, Villinger, Jahrgang 1910, erscheint. Höflich, aber doch merklich zurückhaltend, erkundigt er sich nach den Wünschen des Besuchers. Da erkennt er den Mann vom Geschichts- und Heimatverein, in dem er ja selbst Mitglied ist, und eilt zur Tür. Schon beim Betreten des Hauses stehen wir mitten im Museum; rechts eine große alte Truhe, darüber das verrauchte Bild aus einem Gasthaus, links eine Schmiedearbeit, im Hintergrund eine alte Uhr und dies und das.

Kaum hat sich die Tür hinter uns geschlossen, sind wir in einer anderen Welt. In der unteren Stube, ganz Gründerzeit, machen wir es uns bequem. Kaum zu glauben, daß dies einmal der Stall war, in dem die Eltern von Karl Kratt noch drei Kühe stehen hatten, während der Vater seinen Haupterwerb bei der Eisenbahn fand, die damals erst seit wenigen Jahren durch den Schwarzwald dampfte.

1925 begann Karl Kratt seine Lehre als Werkzeugmacher bei der SABA in Villingen. 1930 — es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise — teilt Karl Kratt das Los der Arbeitslosigkeit mit vielen. Doch der zwanzigjährige Geselle ist unternehmungslustig. Er begibt sich auf die Wanderschaft, die ihn bis nach Kiruna in Schweden, dem nördlichsten eisfreien Hafen, und ins norwegische Narvik führt. Schließlich kehrt er zur SABA zurück und arbeitet dort bis zu seiner Berentung 1974. Als Werkzeugmacher technisch interessiert, kommt er im Jahre 1950 zufällig auf den Geschmack, Schlössser, Schlüssel und Beschläge zu sammeln. Daraus wird eine

 

 

Der „Husgang“ des Karl Kratt ist bereits Museum geworden. Im Hintergrund der Zugang zur unteren Stube. Die Treppe führt zum Ausstellungsraum, der Werkstatt und den Wohnräumen.

 

 

 

Der Raum im Obergeschoß, wo die schönsten Exponate dargeboten werden. An der Wand kostbare Schlösser und Schlüssel von der Renaissance bis heute. Unter der Treppe zwei alte Kriegskassen. Auf dem Tisch unten rechts wertvolle Kapellenschlösser.

 

Leidenschaft, ja Besessenheit. Das sieht dann im Einzelfall so aus, daß er nur wegen des Schlüssels zu einem bestimmten Schloß dreimal mit dem Zug nach Haslach ins Kinzigtal fährt, um ihn dann schließlich doch nicht zu bekommen. Was er denn für ein altes Schloß bezahlen muß, wollen wir wissen.•“Mit Geld ist da gar nichts zu machen“, sagt er, „man muß tauschen: antike Uhren, Waffen usw.“. Wir gehen die steile enge Treppe nach oben. „Vorsicht, daß Sie nicht den Kopf anschlagen“, meint er von hinten unten. Oben betreten wir gleich rechts einen kleinen Raum, über der ehemaligen Scheuer, in dem er eine Auswahl der schönsten und kostbarsten Schlösser und Schlüssel ausgestellt hat. Respektvoll schaut sich der Gast um. Der Blick geht über Vorhängeschlösser aus dem 17. Jahrhundert zu Tor- und Türenschlösser aus Eisen und sogar aus Holz. Die Jahrhunderte sprechen eine formenreiche Sprache. Auf dem Gesicht von Karl Kratt steht Freude; vielleicht sogar mehr: das Leuchten des Triumphes. Stück für Stück nimmt er sich vor, erklärt Alter, Herkunft, Funktion und technische Beschaffenheit. „Diese zwei Schlösser sind aus dem Jahre 1608 aus Rattenberg am Inn; dieses hier ist zwar jünger und aus der Barockzeit, aber deshalb für mich kostbarer, weil es vom ehemaligen Tor des Benediktinerklosters in St. Georgen auf dem Schwarzwald stammt“, und er fügt hinzu, dieses Jahr sei die Neunhundertjahrfeier der Klostergründung. Wir schauen uns die Kasten- und Schrankschlösser an. Er deutet auf einige Exemplare, die auf dem Tisch liegen: „Dieses hier sind vor allem Kapellen-Schlösser“. Als er die Ratlosigkeit des Besuchers bemerkt, erklärt er: „Die „Kapelle“ ist ein Teil des Schlosses, und zwar ein zentraler Gehäuseteil, in den der Schlüssel eingeführt wird. Stellte man diese kleine „Kapelle“ senkrecht, würde sie in ihrer jeweiligen Schmiedeform an die Spitze einer Kapelle als Gotteshaus erinnern. In diesem Gebäude befindet sich das „Gewirre“, auch „Eingerichte“ oder „Besatzung“ genannt. Durch diese besonders gestaltete metallene Vorrichtung muß sich der jeweils dazu passend durchbrochene Schlüsselbart drehen, um anschließend auf den Riegel zu drücken, der von einer Feder gehalten, sich nach leichtem Widerstand öffnen läßt.“ Gemäß alten Zunftvorschriften mußte sich der Schlüssel so durchs „Gewirre“ drehen, daß „kein Tröpflein Öl“ mitgehen konnte. Die Meister solcher Kunstwerke waren die Schlosser, die als Kleinschmiede zur Zunft der Schmiede zählten. Sie waren gleichzeitig Könner in der Löttechnik, ohne die eine „Kapellenfertigung“ nicht möglich gewesen wäre. Ihre höchste technische Vollendung erlangten die „Kapellen – Eingerichte“ in der Renaissance.

Immer wieder führt er ein neues Schloß mit Schlüssel vor. Man staunt über das technische Meisterwerk, das den Entsperrungsvorgang des Schlosses so erschwerte, so daß kein Dietrich etwas genutzt hätte. ( Dafür kannte man schon früh „Brechschrauben“, eine mechanische Konstruktion, mit der sich aufgesetzte Schlösser aus ihrer Befestigung herausreißen ließen.) Was nicht minder ins Auge des laienhaften Betrachters fällt, ist immer wieder die ästhetische Gestaltung, die Schönheit von Schloß, Schlüssel und Beschlag.

 

Renaissance-Schloß, 1608, aus Rattenberg am Inn.

 

 

Blick auf das sogenannte Gewirre des Schlosses durch das sich der Schlüsselbart dreht.

 

Allein daraus läßt sich eine Kunst- und Kulturgeschichte ablesen. Dann fällt der Blick auf eine Kriegskasse aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist Karl Kratt schon deshalb teuer, weil er ihre Herkunft aus der Gegend, wenn nicht gar aus Villingen selbst, vermutet. Diese geschmiedete Truhe besitzt neun große Riegel, die gleichzeitig von einem einzigen Schlüssel bewegt werden, und gotisierende Verzierungen. Daneben steht eine kleine eiserne Schatulle, die man für einen Wandsafe halten könnte. Es ist tatsächlich ein kleiner Tresor aus dem Jahre 1865. Im Deckel befindet sich ein Schloß mit zwölf Riegeln. Wird in ihm der Schlüssel bewegt, werden gleichzeitig vier kleine Glocken angeschlagen: Eine der frühesten Alarmeinrichtungen. Das Schlüsselblech auf der Oberseite des Deckels, in dem sich das Schlüsselloch befindet, ist außen mit einer kreisrunden Metallscheibe überdeckt, die sich in einer Führung nach oben erst wegschieben läßt, wenn man das winzige Löchchen kennt, das hinter einer Zierleiste verborgen ist und in das man den Dorn der Spitze des Schlüsselschafts vorderhand eindrücken muß.

Eine etwa nur ein Liter Inhalt fassende würfelförmige Reiseschatulle zur Sicherung von Geld und Preziosen, mit sogar zwei eingebauten Schlössern, aus dem Jahre 1673 erinnert uns, nun selbst an den Aufbruch zu denken. Drunten auf der Gasse geht der Blick noch einmal zum Dach des mittelalterlichen Hauses, wo Karl Kratt eine ehemalige Kirchturmuhr in einem Türmchen auf den First gesetzt hat. Es ist Mittagszeit. Langsam geht der Besucher die schmale Gasse durchs Riet zurück. Es ist, als sei man aus einer ganz anderen Welt aufgetaucht und man muß sich erst wieder zurechtfinden in all dem, was an bewegtem Leben um einem geschieht. Noch einmal kehren die Gedanken zurück zu dem Sammler, der so lebhaft seine Leidenschaft betreibt. Es ist ein einsames Museum, in das er sich zurückgezogen hat.

Es ist das Museum eines Liebhabers, dem seine Liebhaberei ein großes Stück Lebensinhalt geworden ist. Was wird sein, wenn es den alleinlebenden Manne einmal nicht mehr gibt? Wird ein öffentliches Museum den Wert der Sammlung zu schätzen wissen und sich seiner würdig erweisen? Wird das, was einmal Eifer und Opfer mühevoll zusammengetragen haben, in einem Magazin verstauben oder gar in alle Winde zerstreut werden?

Werner Huger

 

Kunstvoll geformte Schlüssel mit „Kapelle“.

 

Unermüdlich ist Karl Kratt mit seiner Sammlung beschäftigt; hier in der hinteren Stube, die in seiner Jugend noch der Stall war.

 

 

Tresordeckel ( 1865), Innenseite, mit zwölf Riegeln und vier Klingeln als Alarmanlage. Außenseite: Verschlußdeckel vor dem Schlüsselloch mit geheimem Öffnungsvorgang.

 

 

Scharfe Messer aus der Mühle: Wüßten Sie, was eine »Schlifi« ist? (Werner Huger)

Althochdeutsch „slifan „, mittelhochdeutsch “ slifen „, mundartlich ( Lautklang) „schlifä“, hochdeutsch : schleifen, ist, wie man sieht, ein altes Kulturwort, das sich abgewandelt in allen Mundartzonen deutscher Zunge findet. Eine der abgeleiteten Bedeutungen ist „gleiten lassen“, glätten aber auch schärfen.1)

Im Winter machen die Kinder aus gefrorenem Wasser eine „Schliferä“ und sagen: „Mir gond gi schliferä“. Für Neu -Villinger : Dort, wo nasser Untergrund gefroren ist, wird die Oberfläche in eine brettbreite glatte Gleitfläche verwandelt; die Kinder nehmen einen Anlauf und gleiten stehend darüber, je weiter je besser.

„D‘ Schlifi“ dagegen ist ein Haus, wo handwerklich „geschliffen“ wird, d. h. an Schleifsteinen Metallgegenstände bzw. -werkzeuge im weitesten Sinne mit einem „Schliff“ versehen werden. ( mhd. „slifstein“ ist der Schleif- oder Wetzstein) — So empfiehlt sich noch Ende des letzten Jahrhunderts Karl Neininger „zur Schleife“ in Villingen „den Herren Fabrikanten, Schmiedemeistern, Feilenhauern usw.“.

„Schlifi“ ist das Kurzwort von „slifemili“ oder „schlifemuli“, um nur zwei der unverbindlichen Schreibweisen vergangener Jahrhunderte auszuwählen. Die „muli“ oder „mili“ bezeichnet allgemein den Ort, wo in einem Haus mit Hilfe der Wasserkraft mechanische Arbeit verrichtet wird. Das heutige ausschließliche „Korn mahlen“ ist für die frühere Bedeutung zu eng. Es gab die Kornmühle, die Sägemühle und die Schleifmühle. Im Lautklang der Mundart sagen wir auswahlhaft noch heute: Feldnersmilli, Rin-demilli, Breitemilli, Herremilli, Kutmilli, Ölmilli, und alle liegen oder lagen in der aufgezählten Reihenfolge an der Brigach. ( Rindenmühle und Kutmühle sind noch in Betrieb, Herrenmühle und Ölmühle stehen noch, werden aber nicht mehr betrieben, Feldner-und Breitenmühle sind abgegangen. Weitere Aufzählungen ersparen wir uns, weil nicht zum Thema gehörig.)

Der Standort einer alten „Mühle“ ist stets energieorientiert, d. h. es werden die günstigen Wasserkräfte eines Baches ausgenutzt, wenngleich bis auf den heutigen Tag die Öffentliche Hand dafür ein Entgelt nimmt. Mit Ausnahme des „krisenorientierten“ Standorts zwischen den Mauern ( z. B. Grabenmühle) lagen alle Mühlen regelmäßig vor den Toren und nicht selten so nahe, daß die wehrhafte alte Stadt, beschützend wie eine Glucke die Küken, Sicherheit gewährte. Aber nicht nur räumlich-wehrhaft sondern auch rechtlich im Zwing und Bann sowie personenrechtlich erstreckte sich der Schutz auf die Inhaber von „mülinen, so zu der statt gehören“, denn diese waren unter der genannten Voraussetzung Vollbürger.2)

Zurück zur „Schleifmühle“. Es ist schon fast vergessen, daß es in Villingen vor den Toren zwei davon gab. Die nächstliegende war die Schleife beim Krebsgraben, der heute in seiner Fließrichtung etwas verändert wurde, rund 500 Meter Luftlinie nordwestlich des Oberen Tores, jenseits der Brigach, unmittelbar nördlich über der Eisenbahnlinie, nahe der Einmündung des Krebsgrabenbaches in die Brigach. Früher war das die Obere Friedrichsstraße, heute Neuwiesenweg Nr. 6. Noch bis zum 20. Jahrhundert bestand zwischen Stadt und Schleife Sichtverbindung, so daß Abt Georg Michael II. Gaisser vom Benediktinerkloster St. Georg zu Villingen in seinem Tagebuch aus dem Dreißigjährigen Krieg, während der Sommerbelagerung vom 30. Juni bis 5. Oktober 1633, unter dem 25. Juli notieren konnte: Der Feind äschert unter den Augen der Stadt und der Bürger, die von der benachbarten Mauer aus zusehen, die benachbarte Schmiede, das „Schleufelin M. Veitten Grueningers“ ein.3) Vom 18. Juni 1634 bis 9. September ist die legendäre Wasserbelagerung durch die mit den Schweden verbündeten Württemberger und Franzosen. Am 16. Juli wird um halbsechs Uhr in der Stadt „durch Signal die Anwesenheit der Feinde zur Warnung verkündet“.

Es waren Franzosen, mit denen es vor den Mauern zu einem Scharmützel kam. Abt Gaisser: „Mit diesen fochten unsere Reiter glücklich und machten ohne eigene Verluste mindestens sechs von den Feinden nieder. Darunter war der Rittmeister de la Tour genannt worden, der, unbesonnen auf die scheinbar fliehenden Unseren losstürmend, von Gewehrschützen, die in einer Hütte verborgen waren („im Schleufelin“) erschossen wurde. Die anderen . . . werden niedergehauen „.4)

Wenn Abt Gaisser weiter oben von der „benachbarten Schmiede, das Schleufelin . . .“ schreibt, dann zeigt das an, daß offensichtlich Schmiedearbeiten als Kom-plementärtätigkeiten ausgeübt wurden — z. B. im Rahmen einer Messerschmiede (schmieden und schleifen!) — und zeigt auch, welcher Zunftorganisation das Schleiferhandwerk zuzurechnen ist: der Schmiedezunft. Darüberhinaus ist insgesamt handwerkliche Arbeit Komplementärtätigkeit. Die meisten Bürger einer kleinen oder mittleren Stadt wie Villingen waren bisin die Neuzeit hinein sogenannte Ackerbürger und die Stadt eine Ackerbürgerstadt. Das heißt, von Ausnahmen abgesehen, z. B. die Ehrsamen Müßiggänger oder Bürger des Stadtadels, bewirtschafteten die Gewerbetreibenden städtisches Gemarkungsland mit Ackerbau und Viehhaltung, wenn sie nicht gar ausschließlich Stadtbauern waren. Das gilt damit auch für unsere beiden „Schleifen“, von denen eine, wie noch zu zeigen sein wird, die Landwirtschaft bis heute betreibt. Leider ist derzeit nicht feststellbar, bis wann das Handwerksgewerbe in der Krebsgraben-Schleife ausgeübt wurde. (n der Familie Maurer, die die Hofstatt seit mehr als hundert Jahren besitzt, gibt es keine Erinnerung mehr daran. Die Landwirtschaft wurde dagegen seit eh und je betrieben und erst 1958 aufgegeben. Der jetzige männliche Sproß ist Walter Maurer, sein Vater war Johann Maurer (gest. 1980)5), dessen Vater hieß Viktor und der Großvater von Johann war Johannes. Unter diesem brannte die alte Schleife ab.

 

Eine Bleistiftzeichnung aus dem Skizzenbuch des Dominikus Ackermann (1824 — 1880) hat uns das Aussehen der alten Schlifi am Neuwiesenweg bewahrt. Der Vorgängerbau wurde 1633, im Dreißigjährigen Krieg, von Franzosen eingeäschert.

 

Das jetzige, nicht mehr bewohnte Schleife-Bauernhaus wurde erbaut, nachdem um 1882 in Folge Funkenflugseiner vorüberkeuchenden Lokomotive das auf dem linken Bild gezeigte Haus abbrannte.

 

Sie stand nämlich sehr nahe am Bahndamm, auf dem erst seit 1873 die Züge verkehrten. Im Jahre 1881 oder 1882 setzte der Funkenflug einer vorüberkeuchenden Lokomotive das Schindeldach des alten Hauses in Brand. Beim Wiederaufbau errichtete man das neue Haus weiter nördlich des Bahndammes, wo es heute mit seinem Ökonomieteil verlassen dasteht, nachdem sich die Familie auf der Hofstatt daneben ein neues Wohnhaus gebaut hat. Von dem alten Haus ist durch Zufall und erfreulicherweise eine Zeichenskizze auf uns überkommen, die wir hier abgebildet haben. Sie stammt von Dominikus Ackermann (1824 — 1880)6), dem Sohn des berühmten Bildhauers Dominikus Ackermann, der als „Ölmüller“ in die Kunst des Maskenschnitzens eingegangen ist.

Zwei Kilometer Luftlinie südwestlich vor den Mauern der Stadt lag und liegt die andere „Schlifi“. Sie wird auf der topographischen Karte des Landesvermessungsamtes Baden -Württemberg von 1984 als „Schleifehof “ bezeichnet, was darauf schließen läßt, daß hier noch Landwirtschaft betrieben wird. Es ist die Familie des Bauern Willi Hirt, Viehhof 2, in deren Eigentum die Hofstatt seit 1904 ist, nachdem der bereits weiter oben erwähnte Karl Neininger die Schleife aufgab und an einen Onkel des jetzigen Eigentümers verkaufte. Das alte Bauernhaus, in dessen nordwestlicher Ecke im Erdgeschoß die Schleife war, ist, wenn auch teilweise baulich verändert, auf heute überkommen. Man kann von außen an der Fenster- und Türeinteilung noch sehen, wo die Werkstatt war. Der Schopf im Nordwesten, in dem sich das Wasserrad befand, steht nicht mehr an der alten Stelle; er wurde abgetragen und vor Jahrzehnten südlich des Hauses wieder aufgestellt. Vom alten Schopf lief eine Welle in die Hauswerkstatt, wo über eine Transmission die Wasserkraft auf Schleifsteine übertragen wurde. Von dem Endzustand hat sich aus der Familie des letzten Schleifers, Karl Neininger, eine mit zarten Bleistiftfarben angefertigte Laienzeichnung erhalten, die wir ebenfalls abbilden.

Das fließende Wasser, das die Schleifmühle benötigte, wäre hier der Oberlauf des Warenbachs, kurz nach der Einmündung des Wieselsbachs. Man stellt jedoch mit Erstaunen fest, daß das Haus gar nicht am Bach liegt sondern knapp hundert Meter südlich zurück. Der Kenner wird nun einwenden, man habe das Wasser sicher über eine Deichelleitung oder eine sonstige Stichleitung zugeführt. Leider liegt das Haus im ansteigenden Gelände an seiner tiefsten Stelle fünf Meter höher als der Bachlauf. Die Gründe liegen sicher in der Hochwassergefahr, die erheblich war, bevor die Quellbäche des Warenbachs zwecks Einspeisung ins städtische Wassernetz gefaßt wurden, zumal auch der Lauf des Baches noch nicht begradigt war. Nur einige zehn Meter westlich des Hauses befindet sich ein Damm von etwa vier Meter Höhe, der an der untersten Stelle für den freien Bachlauf durchstochen ist und der einst der Stauung diente. Das heutige Gewann „Neue Weiher“ wird als Stauwasser schon 1650 „bey dem neuwen weyer“ genannt. Aber selbst von hier aus erfolgte keine unmittelbare Wasserzuleitung. Das Wasser wurde vielmehr, wie schon Hans Maier schreibt, in etwa 1,2 Kilometer Entfernung abgeleitet7), und zwar am Unteren Wieselsbach, der zum Oberlauf des Warenbachs gehört, unweit des Glaserbrückles. Das Wasser wurde entlang des südlichen Talhanges mit wenigem Gefälle als künstlicher Bach zur Schleife hin kanalisiert. Nun sind Wasserableitungen über kürzere Strecken nichts besonderes. Bei dieser Länge des künstlichen Wasserlaufs wird man aber an eine der Grundlagen der Besiedlung und wirtschaftlichen Erschließung des Alpenraums und bei uns des Hotzenwalds erinnert: die sogenannten Wuhren. Wir möchten erstmalig für das alte Villingen in dieser Wasserführung, außerhalb des engeren Stadtgebiets in freier Landschaft, ein Wuhr erkennen. Dieses Wuhr ist heute verfüllt, man kann aber seinen Lauf noch über größere Strecken an der Oberfläche in Vertiefungen oder am Bewuchs beobachten. (Im weitesten Sinne sind natürlich auch die heute verfüllten oder verdolten Gewerbekanäle Wuhren.)

Für diese Schleife lassen sich immerhin acht mittelalterliche Quellen im Stadtarchiv ermitteln, die älteste von 1417.8) Hier ist in einem Aniversarienbuch (auch: Aniversalienbuch = Nekrologium = Verzeichnis von Todestagen zwecks Abhaltung von „Jahrtagen“, d. h. Seelenmessen) die Rede vom „warenbach bi der schlifmili“. 1450 wird sie als „Fledis muly“ bezeichnet, desgleichen 1471; dabei geht es um Streitigkeiten bei Zehntrechten. 1516 wird die „slifemulle zuo Villingen under der statt am Warenbach“ städtisches Eigentum, denn „Diepoltt Marx, den man naemt Diell, der messerschmid zuo Villingen“ verkauft sie an „Schultheiß, Bürgermeister und Rat zuo Villingen“. Lehensnehmer der „ballier mulle uff dem nider an-gell sampt dem Garten am Warenbach“9) wird 1521 „Thoman Bentzing, burger zuo Villingen“, ebenfalls als Messerschmied ausgewiesen, der gleichzeitig seine „schluffmulle by Marpach“ an die Stadt überträgt. Schließlich verkauft die Stadt 1542 die Schleifmühle an „Marte Rytzer, messerschmid zuo Villingen“. Sogar ein Mitglied der kaiserlichen Familie des Hauses Habsburg war einmal Eigentümer der „Flodins mule zu Villingen“, nämlich „Leopold, ertzhertzog zu Österreich“10), der sie einem „Hanns Heinrich Bletz von Rottenstein“ 1621 zu Lehen gibt.11)

Fast ein Gegenstück dazu bildet der Umstand, daß ein Hintersasse12), also ein Nicht-Vollbürger, „Jacob Guoth, müller unnd hindersäss“, von den Einkünften seiner Mühle, der „Flädlinß, anietzo aber die Schleifenmühlin genandt, vor dem Nidern thor gelegen…“, Zinsen und Tilgung aus einem erhaltenen Darlehen verpfänden konnte.

Mit dieser Notiz befinden wir uns, wie auch bei der vorangehenden, zeitlich wieder im Dreißigjährigen Krieg und damit in der Zeit der Ereignisse um das „Schleifelin“ am Krebsgraben. Wir wollen für beide Zeugen alten Handwerks die wechselvolle Geschichte nicht weiter verfolgen sondern es bei diesem kurzen Blick durch das Guckloch heimatlicher Geschichte bewenden lassen, dafür aber dem Leser noch einige Abbildungen vorstellen.

Abbildungen siehe nächste Seiten

Literatur und Quellen

1) Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 21. Auflage, Verlag Walter de Gruyter & Co, 1975, Seite 655 Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. Hirzel Verlag Stuttgart, 36. Auflage, 1981, Seite 198

2) Oberrheinische Stadtrechte, Zweite Abteilung: Schwäbische Rechte; Erstes Heft: Villingen, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, Seite 43 und 179

3) Tagebuch des Abt Michael Gaisser, Band I, Stadtarchiv Villingen, 1972, Seite 437

4) derselbe, Seite 575/576

5) Seiner Witwe, Frau Paula Maurer, verdanken wir die mündlichen Auskünfte

6) Das Skizzenbuch des Dominik Ackermann ist im Besitz von Frau Frida Heinzmann, Kunsthandlung, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. Sie vermittelte auch die Abbildung der Werkstatt in der Schleife am Warenbach. Wir danken ihr an dieser Stelle.

7) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Vllg., 1962, Seite 89, Nr. 320

8) Die Quellen wurden in der aufgeführten Reihenfolge abgehandelt: Pfründarchiv Villingen, Villingen 1982, S. 187 (1) Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, bearbeitet von Hans-Josef Wollasch, Ring Verlag Villingen, 1970, Band I, Seite 88 Nr. 433, S. 112 Nr. 539, S. 196 Nr. 988, S. 209 Nr. 1060, S. 261 Nr. 1389, S. 317 Nr. 1675, S. 318 Nr. 1681

9) Wenn Hans Maier, a. a. O., Seite 41 Nr. 12, meint, Bedeutung und Herkunft des Wortes Anger oder Angel seien unklar, so ist das nicht der Fall. Dazu verweisen wir auf Friedrich Kluge, a. a. O., Seite 22: mhd. Anger, ahd. angar, westgermanisch: angra; „Angel „: . . . die unter Angel entwickelte Sippe mit der Grundbedeutung „Krümmung“: der dem gewundenen Flußlauf folgende Grünstreifen liefert der frühesten Viehzucht die nötigen Weiden „. Eine solche Auslegung paßt in Villingen für den Oberen-, Bicken-, Niederen Anger oder Angel ( Brigach, Warenbach ).

10) Kaiser Ferdinand I I. ( 1578 — 1637), römisch -deutscher Kaiser, war 1619 von den Kurfürsten gewählt worden. Nachkommen aus der Ehe mit Maria Anna von Bayern waren sieben Kinder, die zum Teil sehr früh starben. Der zuletzt geborene Sproß war Erzherzog Leopold Wilhelm 11614 — 1662), der damals also sieben Jahre alt war. —Sein Bruder Ferdinand IV. wurde später Kaiser Ferdinand III.

Vgl. hierzu Richard Reifenscheid, Die Habsburger in Lebensbildern, Verlag Styria Wien/Köln, 1982, Seite 156 ff. und 164

11) „Die Burg Rotenstein der Familie Bletz war württembergisches Lehen „. Ein Eberhard Bletz von Rotenstein, der das Bürgerrecht von Rottweil besaß, war nach 1505 Abt des Benediktinerklosters St. Georgen auf dem Schwarzwald. Vgl. hierzu : Winfried Hecht, „Zu den Beziehungen zwischen Kloster St. Georgen und der Stadt Rottweil „, in: Festschrift 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald, Seite 70 und Fußnote 55. Die im 20. Jahrhundert abgetragene Burg lag auf ei nem Steilhang des Eschachtals, etwa fünf Kilometer flußabwärts von Horgen. Im Rottweiler Archiv taucht das Geschlecht der Bletz mehrfach auf, leider nicht im 17. Jahrhundert.

12) „hindersäss“ = Hintersasse, in Villingen auch Seidner genannt. Er besitzt nicht das volle Bürgerrecht, ist nicht „burger“. Im Stadtrecht, siehe oben a. a. O., werden sie immer getrennt genannt.

Man bezeichnet ihn auch als Schutzverwandter oder -bürger. Ursprüngliche Kennzeichen sind die geringen bürgerlichen Rechte aber auch Pflichten bzw. Lasten.

 

Zwei Kilometer Luftlinie südwestlich vor den Mauern der Stadt Villingen liegt noch eine „Schlifi „. Schon 1417 genannt, war sie um 1621 sogar im Eigentum eines Mitglieds der kaiserlichen Familie: Erzherzog Leopold Wilhelm aus dem Hause Habsburg. Im Hintergrund, auf der anderen Seite des Warenbachs, steht die einstmals zum Hof gehörige Hauskapelle.

 

Rechts neben der Giebelfront, wo heute der Misthaufen zu sehen ist, stand ein Schopf, in dem sich das Wasserrad befand. Das Wasser wurde über ein Wuhr von hinten entlang der Hausfront geleitet. Vom Wasserrad führte eine Welle ins Erdgeschoß des Hauses.

 

In der rechten unteren Ecke des Hauses war die „Schlifi“, auf dem Bild erkennbar an den vorhandenen ehemaligen Türen in der unteren Längsfront.

 

Geschäftsempfehlung um die Jahrhundertwende.

 

 

Diese Bilder sind nach einer Pastellzeichnung der Jahrhundertwende reproduziert. Das erste zeigt zwei Söhne des Karl Neininger aus dem obigen Inserat, nämlich Friedrich und Martin, wovon der letztere schon 1918 starb. Mit dieser Familie ging das Handwerk des Schleifens hier zu Ende. Für gröbere Arbeiten, etwa dem Schleifen einer Pflugschar, waren die mächtigen Schleifsteine auf dem nächsten Bild vorgesehen. Die großen Schleifsteine aus der alten Schlifi am Warenbach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese beiden Bilder auf der linken Seite zeigen zunächst die im Jahre 1883 in Stein erneuerte Hauskapelle des Schleifehofs am oberen Warenbach während der Renovation im Frühjahr 1984.

 

Daneben ein Kruzifixus über dem Altar, der vordergründig an eine spätmittelalterliche Arbeit erinnert, aller Wahrscheinlichkeit nach aber ins 19. Jahrhundert gehört. ( Vgl. hierzu die obigen Ausführungen)

Links und rechts stehen zwei Bildtafeln der Gottesmutter und des Lieblingsjüngers Johannes: Arbeiten, die stilistisch an die „Nazarener “ erinnern und zweifelsfrei ins 19. Jahrhundert gehören.

So wie man heute noch im Schwarzwald neben alten Bauernhöfen kleine Hauskapellen findet, die der frommen Andacht der Bauernfamilien dienen, gehörte auch die umseitig abgebildete zum „Schlifi -Hof „. Einer Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1965 (Verlag unbekannt) entnehmen wir, daß J. Neininger sie 1848 zunächst aus Holz erbaut haben soll. An gleicher Stelle sei 1883 das neue, in Stein errichtete „Schlifi -Käpelle“ entstanden. Wieder war Schleifehofbauer Neininger der Erbauer. Das Innere des Raumes, der etwa 30 Personen Platz bietet, wird von einem etwas überlebensgroßen Kruzifix beherrscht. Dieses habe lange Jahre auf dem Hauptweg des Friedhofs gestanden und sei 1863 einem vom damaligen Stadtpfarrer und Dekan J. B. Kuttruf gestifteten Sandsteinkreuz, das auf einem hohen, beschrifteten Sockel stand, gewichen.(Letzteres existiert seit etlicher Zeit nicht mehr.) Der restaurierte Korpus sei dann in die neue Schleife-kapelle gekommen und schließlich 1936 unter Denkmalschutz gestellt worden. Bei einer oberflächlichen Betrachtung erinnert das qualitätsvolle Kruzifix mit seinem „homogenen Gesamteindruck“ an ein spätmittelalterliches Werk des 16. Jahrhunderts. Wir haben Felix Muhle um seine Meinung gebeten, soweit diese für eine erste Inaugenscheinnahme formuliert werden kann. Seine Ausführungen erheben nicht den Anspruch einer hinreichenden Expertise. Er führt aus: Der Kruzifixus, seine gestreckte und gespannte Haltung, schließt Hoch- und Spätbarock als Entstehungszeit weitgehend aus. Dargestellt ist der noch lebende Christus, ein in der Spätgotik vorkommender, von Veit Stoß zur Vollkommenheit gebrachter Typus. Dieser Tradition entspricht auch die plastische Oberflächengestaltung, etwa der Rippen, die Muskelspannung der Beine, die Heraus-hebung der Adern, die Verengung in der Bauchgegend und der hochgewölbte Brustkorb. Letzterem gegenüber sind die Arme viel zu kurz. Die Hände und Füße sind etwas globig geformt. Dem Gesicht fehlt es an der, bei gotischen Stücken üblichen, formalen Prägnanz, z. B. bei den Augen und dem Mund. Die Brustwunde sitzt an einer ungewöhnlichen Stelle. Einige Faltenzüge des Lendentuches weisen Knickungen und Stauchungen auf, wie sie im spätgotischen Formenschatz vorkommen. Sie werden aber nicht konsequent geführt, die Knickeverdichten sich zu unübersichtlichen Knäueln.

Das Aussehen der Figur ist wesentlich bestimmt durch die Fassung des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie ist blaß und weist violette und grünliche Schattierungen auf. Die Details sind unpräzise. Unter einer rötlichen Zwischenschicht befindet sich eine weitere, bläßliche Ölfassung ohne Grundierung. Daraus läßt sich auf eine Entstehung der Figur im 19. Jahrhundert schließen. Natürlich ist es nicht unmöglich, daß frühere Fassungen im 19. Jahrhundert abgelaugt worden sind.

Mit diesen Einschätzungen von Felix Muhle müssen wir uns derzeit für die Bestimmung des Kruzifixus zufrieden geben. Das Kruzifix sind zwei flankierende Bildtafeln beigestellt. Das eine ist Maria, die Mutter Gottes, das andere der Lieblingsjünger Johannes. Die Arbeiten werden dem Villinger Maler Säger zugeschrieben. Da die bildliche Ausmalung dem Stil der „Nazarener“ der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entspricht, meint Felix Muhle, daß es sich wohl nur um den Villinger Maler Barnabas Säger gehandelt haben könne. Auf Wandkonsolen links und rechts der Bildtafeln standen noch lange nach dem 2. Weltkrieg die Plastiken des heiligen Wendelin und des heiligen Josef. Die Figur des Wendelin wurde gestohlen, die des heiligen Josef, eine Arbeit des 19. Jahrhunderts, wurde von Pius Neininger aus der Kanzleigasse 14, einem Nachfahren der Neininger vom Schlifihof, dem auch heute noch die Kapelle gehört, in Sicherheit gebracht. Im Jahre 1984 hat sich ein großherziger Gönner, Erwin Straub aus Villingen, daran gemacht, das Innere der Kapelle auf eigene Kosten zu renovieren. Auf diese Weise wurde die Kapelle seit der zweiten Jahreshälfte als Andachtsraum wieder dem stillen Beter zugänglich.


 

»gloggen slahen und sturm Wien …« Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute (Hermann Preiser)

Die Glocken haben schon bald nach dem Beginn des christlichen Zeitalters im Leben des Menschen eine besondere Rolle gespielt, ja man kann sagen, daß sie den Christen von der Wiege bis ins Grab begleiten.

Aber schon viel früher kannte man Glocken oder Glöcklein, die wir im Volksmund „Schellen“ nennen. Ursprünglich hatten die Glocken noch andere Formen als heute und waren anfangs aus Blechen zusammengenietet. Die ersten Glockennachrichten stammen aus China; dort waren schon 3000 Jahre v. Chr. Gongs aus gehämmertem Kupfer im Gebrauch, ja die Chinesen erfanden ein Glockenspiel in einer einzigen Glocke, indem sie schon beim Guß des Glockenmantels kleine Stutzen auf ihm anbrachten, wobei jeder beim Anschlagen einen andern Ton erklingen ließ.

Bei Ausgrabungen in Assyrien wurden gegossene Bronzeglöcklein gefunden, und auch die Hohenpriester hatten kleine Glöcklein an ihren Feststagsgewändern hängen.

Die Griechen verwendeten bereits Glocken und G Glockenspiele zu kultischen Zwecken. Auch auf ihren Märkten gab man Glockenzeichen und die Wächter auf den Stadtmauern trugen Glocken in der Hand, um Warnungszeichen zu geben.

Bei den Römern waren Glocken in Tempeln, bei Leichenfeiern, im Zirkus und auf den Märkten in Gebrauch. Auch Kindern und Tieren pflegte man im alten Rom Glöcklein zum Schutze gegen Dämonen umzuhängen. Der Gebrauch der Kuhglocken bei uns geht wohl unter anderem darauf zurück.

Der im Jahre 606 verstorbene Papst Sabinus verordnete, daß die kanonischen Tageszeiten mit Glockenschlägen zu verkünden und die Gläubigen mit Glockenschlag zu rufen seien. Auf dem Konzil zu Aachen im Jahre 964 wurde angeordnet, daß die Priester das Läuten der Glocken besorgen sollen und im Jahre 964 führte Papst Johann XIV. die Glockenweihe ein.

Während in Italien im Gebiet von Campanien, von dort stammt die Bezeichnung „Campana“ und „Campanille“, bedingt durch das reiche Kupfererzvorkommen jener Gegend, schon sehr früh sich Handwerker mit der Glockenherstellung befaßten, wurde in Mittel-und Westeuropa die Kunst des Glockengießens ausschließlich von Mönchen ausgeübt. Englische Mönche sollen die ersten Glocken nach Deutschland gebracht haben. So ließ der englische Abt Gubect von Wersmouth durch einen Boten dem im Jahre 786 verstorbenen Bischof Lullus von Mainz eine Glocke überbringen.

In den Benediktiner-Abteien Fulda, St. Gallen, Reichenau, Niederaltaich, Freising u. a. wurde die Kunst des Glockengießens besonders gepflegt. Berühmt war der Benediktinermönch Tanco aus St. Gallen, den Kaiser Karl der Große nach Aachen holte, um den Guß der Glocke für die dortige Münsterkirche zu vollziehen.

Nach kanonischem Recht mußte seit dem Jahre 1169 jede Kirche eine Glocke haben und deshalb baute man für ihre Aufhängung eigene Türme.

Ab wann sich in der ersten Pfarreikirche des Dorfes Villingen — draußen in der Altstadt beim Friedhof —Glocken befanden, ist uns nicht überliefert. Man kann aber spätestens seit der Mitte des 11. Jahrhunderts davon ausgehen, denn damals wurde vermutlich der jetzige Turm der Friedhofskapelle als Turm der Altstadtkirche erbaut. Kirchtürme wurden nur der Glocken wegen erstellt, vorher brauchte man keine Kirch- bzw. Glockentürme.

Man weiß, daß mit dem ersten Bau unseres Münsters nach 1120 begonnen wurde. Für einen Glockenturm haben wir weder schriftliche noch baugeschichtliche Anhaltspunkte, was nicht ausschließt, daß zumindest ein Dachreiter vorhanden war. Der zentrale romanische Rechteckchor des Baues II um 1220, mit seinen ungewöhnlich starken Fundamenten, verglichen mit den Fundamenten des übrigen Mauerwerks der Kirche, berechtigt zu der Vermutung, daß über ihm, noch vor den Doppeltürmen, ein einzelner Chorturm errichtet war; vgl. hierzu: Jahresheft V / 1980 des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Seite 30 ff.. Schließlich werden in der Auszugsordnung des Villinger Stadtrechts von 1294 die Villinger Münsterglocken zum erstenmal erwähnt. Es heißt darin, wie man ausziehen soll, wenn ein „geschelle“ wird bei drohender Gefahr, „von roube, von brande“ usw. und wenn man die „großen gloggen hüten“ einmal, soll sich der alte und der neue Rat mit dem Schultheiß auf dem „Kilchplatz “ versammeln und beraten, was man tun soll. Nachdem in dieser Auszugsordnung von der großen Glocke geredet wird, darf man annehmen, daß in jener Zeit schon mehrere Glocken im Turm hingen. —Wie wir an dem in gotischer Zeit erbauten Südturm heute noch sehen können, war das Läuten der Sturmglocke auch von außen möglich. Im Mauerwerk seiner Südseite befindet sich etwa in Augenhöhe ein Stahltürchen, hinter dem das Seilende verschlossen war. Mit dem Hinweis auf das Läuten der Sturmglocke erkennen wir zum erstenmal, daß sich auch in Villingen ein Rechtsbrauch zur Benützung einer Glocke für außerkirchliche Zwecke herausgebildet hatte. ( Vgl. Elsbeth Lippert „Glockenläuten als Rechtsbrauch“ im Band 3 „Das Rechtswahrzeichen“ — 1939 — von Karl S. Bader.)

Wer die ersten Glocken für die Villinger Kirchen gegossen hat, ist uns leider nicht bekannt. Interessant ist aber, daß das im 13. Jahrhundert in Villingen urkundlich auftauchende Geschlecht der Glunk (Glunggen) drei Glocken im Wappenschild und eine über der Helmzier zeigt; und zwar in einer sehr alten Glockenform, die auf ein hohes Alter hinweist. Diese Glunggen waren in Villingen bedeutende Persönlichkeiten und bekleideten auch das Schultheißenamt. Worauf diese Glocken in dem Wappen zurückgehen, ist nicht bekannt.

Die älteste in Villingen erhaltene Glocke ist die „Alphabet – Glocke“, im Museum Altes Rathaus, vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Dieser Glockentyp trägt statt einer Inschrift um die Schulter das ABC.

 

Bei der Prüfung des Urkundenmaterials im Villinger Stadtarchiv und beim Studium der geschichtlichen Veröffentlichungen sind sehr viele Hinweise auf unsere Glocken zu finden. So schenkte am 9. Juni 1291 Graf Konrad von Fürstenberg, der Kirchherr zu Villingen und Domherr zu Konstanz war, zur Konsekration der Kapelle, des von seiner Mutter Gräfin Agnes von Fürstenberg gestifteten Armenspitals, eine Glocke, den Altar und Kirchengeräte. ( FUB 1/615) Die Spitalglocke durfte aber erst geläutet werden, wenn die Münsterglocken ausgeläutet hatten (Berweck „Heiliggeist-Spital“, 1963) und nur mit einer Glocke.

Die älteste Glocke, die wir heute in Villingen besitzen, ist die sogenannte Alphabet-Glocke im Rathaus-Museum. Diese ABC-Glocken tragen anstelle einer Inschrift, um den Glockenhals verteilt, die Buchstaben des Alphabets, und zwar zum Teil in unvollständiger Reihenfolge, wie auch bei unserer Glocke. Alphabet-Glocken wurden in der Zeit von etwa 1300 bis 1500 hergestellt. Experten behaupten, daß die unsrige zu den ältesten Glocken dieses Typs gehört und vermutlich gegen 1380, wenn nicht schon früher, gegossen wurde. Folgt man dem Inventarbuch der Altertümersammlung Villingen, wurde sie 1380 gegossen. Den Sinn der auf den Glocken angebrachten Buchstaben vermutet Walter in seiner Glockenkunde ( 1911) darin, daß bei der Glockenweihe vom weihenden Bischof mit dem Hirtenstab das griechische und lateinische Alphabet in die Asche gezeichnet wird, was bedeuten soll, daß der Glockenruf für alle Menschen, für die des Morgenlandes und des Abendlandes, gelten soll. Unsere Alphabet-Glocke hing unter dem Namen „Vigil- oder Vesperglöcklein“ im Münsterturm. Zeitweise wurde dieses Glöcklein von der Bevölkerung auch „Spendenglöcklein“ genannt, denn als nach der verheerenden Pest 1349/1350 ein großer Teil der Villinger Bevölkerung dahingerafft wurde, hat man das Vermögen der ohne Nachkommen Verstorbenen einer Stiftung, der sogenannten „Elendsjahrzeit-Stiftung“ zugeführt, woraus jährlich an Maria Geburt (8. September) und an Maria Verkündigung ( 25. März) ein Essen an die Armen ausgegeben wurde, wobei der „Bettelvogt“ als Zeichen für die Ausgabe dieser Spende, das Spendenglöcklein läuten ließ. Anfang des 19.

Jahrhunderts wurde diese Spende in eine Brotspende umgewandelt und später ganz aufgehoben. Diese Glocke kam später in die Altstadtkirche, und vor deren Abbruch mit zwei weiteren Glocken wieder ins Münster. Dort hing sie unter dem seitherigen Namen „Vesper“- oder „Vigilglöcklein“ bis zum Ende der Münsterrenovation im Jahre 1908 im südlichen Münsterturm. Vor dem Guß des neuen Münstergeläutes (1909) sollte diese mit den anderen alten Münster-glocken eingeschmolzen werden, wurde aber wegen ihres Alters davor bewahrt und von der Stadt für die Altertümersammlung erworben. ( (nventarbuch 23. Juni 1910 gekauft) Den letzten Weltkrieg hat diese Glocke, weil sie nicht gemeldet war, und auch ihres Alters wegen glücklich überstanden. Nachdem durch die Ablieferung der meisten Glocken im Zweiten Weltkrieg auch der Turm der Friedhofskapelle leer war, ließ Bürgermeister Edwin Nägele im Jahre 1947 diese Glocke aus unserer Sammlung in den Turm der Friedhofskapelle bringen, damit wenigstens wieder den Toten zum letzten Gang geläutet werden konnte. Als dann 1954 das Münster unter Dekan Weinmann sein neues Geläute bekam, hat man diese Glocke wieder heruntergeholt und gegen die einzige während des Krieges dem Münster verbliebene Glocke (257 kg, gegossen 1909 von Grüninger) ausgewechselt und unter dem Turm abgestellt, wo sie bald in Vergessenheit geriet, denn Dr. Revellio, der ehrenamtliche Betreuer des Archivs und städtischen Kulturguts, hatte den Wert dieser Glocke völlig verkannt und der Stadt geschrieben, daß sie für das Museum ohne Wert sei. Als man neun Jahre später daran dachte, im Turm der Friedhofskapelle ein elektrisches Läutwerk einzubauen, hat der Glockenexperte Josef Metzger von hier, bei einer Besichtigung des Turmes, die unter dem Treppenaufgang stehende, verstaubte Glocke wieder entdeckt, worauf sie wieder an ihren alten Platz im Museum kam.

Auch die Kapellen außerhalb der Stadt waren mit Glocken versehen. (n einem päpstlichen Ablaßbrief von 1342, ausgestellt in Avignon, wurde für die Jacobs-kirche bei Nordstetten für diejenigen, die u. a. beim Läuten der Abendglocke mit „gebogenen Knien“ (gebeugten Knien) drei Ave beten oder der Kapelle etwas an Gold, Silber oder Gewändern zukommen lassen, (Pfründarchiv 1982, S. 178) einen Ablaß gewährt. Im Jahre 1456 haben Villinger Bürger mit Genehmigung des Kirchherrn „Erhart Tüffer“ eine Bruderschaft, genannt „der wild Harsch“, gegründet und auf einer Wiese vor dem Oberen Tor die Neustiftkapelle gebaut. In den Statuten dieser Bruderschaft steht, daß Bruderschaftsmitglieder, die bei ihrem Tod nicht so viel hinterlassen, um bestattet zu werden, auf Kosten der Bruderschaft beerdigt werden, und soll der 7. und 30. gehalten werden mit „glüt“, also mit Geläute. (Pfründarchiv 1982, S. 39)

Mit einer Urkunde vom 20. November 1438 hat der Generalvikar des Bischofs Heinrich von Konstanz den Dominikanerinnen der Vettersammlung erlaubt, „ein Glockenhäusle“ zu bauen, „auch mit einem Glöcklein“ die Leute zur Messe und anderem Gottesdienst einzuladen, unbeschadet der pfarrlichen Rechte. (Urk. L. Nr. 10 Bickenkloster)

Am 20. Mai 1474 hat der Bischof von Konstanz dem Villinger Pfarrer den Auftrag gegeben, „unter Läutung der großen Glocke“ den Einwohnern bekanntzugeben und zu verbieten, die Johanniter – Kirche zu besuchen, weil über dieselbe wegen der Gefangennahme eines Priesters durch Graf Konrad von Fürstenberg das Interdikt verhängt ist.

Im Jahre 1491 hatten die Klosterfrauen des Bickenklosters den Wunsch, vom Papst den Ablaß „aller heiligen Orte des Landes und der sieben heiligen Hauptkirchen“ zu bekommen und fanden in dem Franziskaner „doctor Conradus de Bondorff „, der zu einem Generalkapitel nach Assisi reisen mußte, einen Fürsprecher beim Papst, der nach vieler Mühe und Ausnützung seiner dortigen Beziehungen, trotz Einspruch maßgebender Kardinäle, die Bewilligung des Ablasses erreichte. Als bei der Rückkunft, die „ehrwürdigen Vätter“ den Klosterfrauen die Botschaft überbrachten, daß ihnen die große Gnade vom päpstlichen Stuhl gegeben war, „wurden sie alle mit unseglicher freut erfilt und empfuengen die herren mit leutung der glogen . . .“. An anderer Stelle der Klosterchronik steht: „Man füeng auch an zu leüdten von dem us-gang der prozession bis zu ent der selbigen“. (Glatz, Chronik d. Bickenklosters u. Urk. X Nr. 14 d. Bickenklosters) Hier wird zum erstenmal die Glocke des Bickenklosters genannt. Vermutlich hatte das Kloster schon viel früher eine.

 

 

Im Südturm befindet sich oberhalb des Glockenstuhls und im oberen Drittel des konischen Dachteils das mit Ausgucklöchern versehene ehemalige Wächterstübchen. Darüber ist der Schallraum des Sturmglöckchens.

 

Die dreischiffige Pfeilerbasilika des Villinger Münsters besitzt im Osten am Chor zwei gotische Türme. Links der Nordturm, rechts der Südturm.

 

Von dem kleinen Ausguckraum des oberen Bildes geht es über einen schmalen Treppenteil abwärts ins Innere des ziegelgedeckten konischen Dachteils.

 

Die hier gezeigte Tür am Treppenende ist, ebenso wie die gesamte Zimmermannskonstruktion, sehr alt. Ihre ursprüngliche Funktion ist nicht zu deuten, denn sie mündet ins Leere hinter dem Ziegeldach.

 

Das Wächterstübchen im engeren Sinne ist dieser Ausguck-teil für den Mann auf dem „Wendelstain“. Diese mittelalterliche Bezeichnung ist allgemein die Benennung für den Kirchturm und kommt zweifellos von der steinernen Wendeltreppe im Turminnern.

 

 

Neben anderen Spenden Villinger Bürger hat die „Andli    zwei silberne, übergoldete „Schellelein“ im Jahre 1493/1494 beim Bau der Ölbergkapelle im Klostergebäude gespendet. ( Weinmann, Bickenkloster, S. 2)

In den Chroniken der Klarissinnen ( Bickenkloster ) wird öfters der Gebrauch einer Tischglocke erwähnt. Schon die erste Äbtissin Ursula Haider hatte mit einem Glöcklein Zeichen bei den Stundengebeten gegeben. (Glatz, S. 39 u. 53) Die Art und Weise, wie die Mahlzeiten einzunehmen waren, wurde ebenfalls durch die Regel vorgeschrieben. Wenn das Glöcklein ertönte, versammelten sich alle im Refektorium. Wenn man anfing zu lesen, wurde wieder ein Zeichen mit dem Glöcklein gegeben und die Uhr (Sanduhr) umgedreht. Auch nach beendeter Mahlzeit gab die Äbtissin wieder ein Zeichen mit ihrem Glöcklein zum Abtragen der Teller und Schüsseln, Salz und Brot, zum Einsammeln der Tischtücher und zur Danksagung und nachher noch zum Kapitel.

Die ersten Räderuhren waren sogenannte Türmer-Uhren, die dem Turmwächter durch ein Weckzeichen die einzelnen Stunden anzeigten, worauf dieser das Stundenzeichen von Hand durch Anschlag an die Glocke gab. Diese Uhren hatten nur einen Stundenzeiger. Seit dem 15. Jahrhundert sind in Deutschland sogenannte Schlaguhren bekannt, bei denen das Schlagwerk selbständig vom Gehwerk ausgelöst wird. ( Maurice, „Von Uhren und Automaten“, 1969, S. 16 und Wahr „Alte Uhren „, 1954) 1402 wurde in Augsburg zu St. Ulrich und St. Afra eine solche Uhr aufgestellt. Die Stiftskirche in Stuttgart erhielt eine solche Uhr im Jahre 1530. (Sattler, Gesch. d. Herzogtums Württemberg, 1784, S. 1 — 3) Wann im Villinger Münster eine mit einer Glocke verbundene Uhr eingebaut wurde, ist nicht festzustellen. Die erste Villinger Kirchenuhr, die 1398 bis 1401 von dem Rottweiler Meister Claus Gutsch gefertigt wurde, stand wahrscheinlich im Langhaus des Münsters und hatte ein 24-Stunden-Zifferblatt. Sie war eine „Schau -Uhr“ mit Planetarium und ewigem Kalender und wurde auch Drei-Königs-Uhr genannt, weil stündlich die Heiligen Drei Könige an Maria vorüberzogen und sich vor ihr verneigten. ( Krauss, Kunstdenkmäler d. Kreises Villingen, 1890, A. Fischer, Villingens Vergangenheit, S. 86 u. Kurz, Schwenninger Uhren, S. 58)

Vorbild für diese Uhr, die sicher eine große Anziehungskraft besaß, war die Straßburger Münsteruhr. Daß die beschriebene Villinger Münsteruhr anfangs schon die Stundenzeichen vermittelt hat, ist wohl kaum anzunehmen, denn es hätte einer sehr komplizierten mechanischen Vorrichtung bedurft, um den Stundenschlag von der zu ebener Erde stehenden Uhr auf eine Glocke im Turm zu übertragen. Eher hat sich der Turmwächter dieser anstelle einer Türmer Uhr bedient. Die Sturm- und Schlagglocke befand sich über der Turmwächterstube des südlichen Münsterturms. Bis 1907 war am südlichen Münsterturm auch eine Sonnenuhr ( Fischer, Vil. Verg., S. 86), die nach der Renovation 1978 bis 1982 seit 1983 wieder angebracht ist.

Die von der Stadt dem eingebürgerten Adel ausgestellten Dingbriefe enthalten meistens gewisse Vergünstigungen für den Kriegsfall, d. h., daß sie beim „Läuten der Sturmglocke“ (siehe Stadtrecht) vom Auszug befreit sind. Im Dingbrief des Hans Freiburger vom 5. Mai 1476 steht „würde man die gloggen slahen und sturm lüten“ so ist er nur in der angegebenen Weise schuldig, „mit dem baner auszuziehen in der stadt, es si uff der mure oder den toren“, soll er helfen wie andere Bürger. ( Roder, Repet. 4/999) Der Dingbrief des Hans Yfflinger zu Villingen vom Jahre 1515 lautet ähnlich : „Begäbe es sich aber, daß man die gloggen slahen und sturm wurd lüten, so ist er und seine Kinder nicht schuldig mit dem Banner auszuziehen, sondern er soll in der statt, es sy uff den mure oder unter den toren helfen das best zu thun“. ( Roder, Repet. 4/1006) Es sind noch weitere solche Dingbriefe vorhanden.

1513 wird in Hugs Villinger Chronik die „große Mün-sterglocke“ erwähnt. Hug schreibt, „am 7. September 1513 war ein großer Jammer wegen der einundzwanzig in der Schlacht bei Mailand (gemeint ist Novara) umgekommenen Villinger Kriegsknechten“, darunter war auch der Büchsenmacher Romyas Mans, unser sagenhafter Romäus. Hug schreibt, man hatte der Toten, „wie es Gewohnheit ist mit luten der großen Glocken gedacht“ (5. 51).

Mit Romäus ist auch ein Hans Kießling gefallen. Dieser war wohl der Sohn des „Oswald Kißling, der glogkengiesser von Biberach, der jung zu Villingen gesessen“, so wird er in einem Villinger Urfehdebrief 1496, dem er wegen „Mißhändel“ zustimmen mußte, genannt.

 

 

Glockenstuhl des Südturms. Über der obersten Glocke ist der Einstieg zum Wächterstübchen.

 

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An der äußeren Südwand des Südturms befindet sich in Augenhöhe ein Eisentürchen zum Seilende der Sturmglocke.

 

Gesiegelt hat diesen Urfehdebrief dessen Vater, lockengießer in Biberach ( Riß). ( Inventar 1/739) Jener Oswald Kißling ist demnach nach Villingen gezogen. Ob er aber in Villingen Glokken gegossen hat, ist nicht nachzuweisen und deshalb kaum anzunehmen, weil im Spitalarchiv eine Quittung des Konstanzer Glockengießers „Niclaus Oberecker“ aus dem Jahre 1525 liegt, die über den Betrag von 5 fl. und 12 Batzen lautet, für „das nüwe Glöglin“ im Spital zu Villingen. Trotzdem müßte aber nachgeforscht werden, ob nicht eine Verbindung zwischen den Nachfahren der Kißlings und der Rebles zu Villingen, die die Glockengießerdynastie in Villingen begründet haben, bestand.

Die Kißlings in Biberach nannten sich später Killing und waren weitbekannte Glockengießer. Sie haben z. B. 1519 die große Glocke des großen Turms und 1520 die große Glocke des kleinen Turmsder Stiftskirche in Stuttgart gegossen. (Glockenkunde i. Württemberg i. Württ. Jahrbücher 1857 11/103)

Es wird noch an mehreren Stellen in Hugs Chronik auf den Glockenschlag hingewiesen, so z. B. am 15. April 1519, wo es heißt „und do mir in Kesbach kommend, so schlug es zway“, am 16. April, „als es funfe schlug“, am 8. Juni 1525, „bis es 10 schlug, zogh man zu roß und zu fuß den kalchofen ab zum niederen Thor herin“, am 20. Juni 1525, „bot man in all zunften den verordneten mit gewehr und Harnisch uff dem Kilchhof kummend, so bald es 9 schlug … , da schlug es 10 und do es 12 schlug, so verbran das Dorf (Schwenningen) in alle macht und ferbran gar bis an 3 kleine hussle“ (S. 130).

Aus Hugs Chronik erfahren wir auch, daß die aufrührerischen Bauern verschiedener Dörfer der Umgegend, nachdem für sie so unglücklich verlaufenen Bauernkrieg, ihre Sturmglocke (das ist jeweils die größte Glocke) sowie ihre Waffen nach Villingen bringen mußten, von wo sie Lutz von Landau und der österreichische Kommissar Friedrich von Enzberg als Beute hinwegführten.

Als unsere Stadt 1525 im Bauernkrieg durch mehrere Tausend in der Umgebung versammelten Bauern bedroht wurde, läutete man in höchster Not zu Rat, und am Ostermontag früh um vier Uhr versammelte sich der Rat mit der Geistlichkeit und gesamten Bürgerschaft in der Franziskanerkirche und sie gelobten, dem Hause Österreich treu zu bleiben. ( Revellio, S. 271)

Am 29. Dezember 1569 wurde in Villingen eine Mes-nerordnung erlassen, nach der ein Mesner „in der alten Stadt“ (= Altstadtkirche), wenn man eine große Glocke läutet „1 Maß Wein und für 1 Pfg. Brot“, für das Läuten der Mittelglocke „4 ß (= Schilling)“ erhielt. Wenn eine große und eine Mittelglocke erwähnt wird, muß es noch eine kleine Glocke gegeben haben. Die beiden Münstermesner bekamen für die große Glocke zu läuten jeweils „3 ß“ und „von der clag“ (= Totenglocke) zu läuten „1 ß“.

In der Ratsverfassung werden die Glocken öfters erwähnt. Nach einem Eintrag vom 7. Februar 1508 läutet man bei einer Hinrichtung die große Glocke wie beim Stürmen, nämlich in zwei kurzen Abständen auf einer Seite der Glocke, während später das auf dem 1573 in der Oberen Straße erbauten Kornhaus befindliche „Armsünder -“ oder „Malefiz-Glöcklein“ beim Gang zum Richtplatz geläutet wurde aber auch für solche, die mit der Steuer im Rückstand waren, trat es in spätere Funktion.

Am 15. Oktober 1477 ist vom Toraufläuten und vom Ave-Maria-Läuten die Rede. Bei diesem Läuten wurden die Stadttore geöffnet bzw. geschlossen. Der Müller der Breitenmühle mußte zu den Heiligen schwören, daß er, sobald die Sturmglocke des Feuers wegen ertönt, die bei seiner Mühle liegende Schwelle, welche das Wasser in zwei Teile, nämlich in die Brigach und in die Kanäle der Stadt trennt, die Stellfalle, unverzüglich herablasse, damit alles Wasser in die Stadt läuft. (J. Fuchs, Die Ratsverfassung der Stadt, S. 46/47/63)

1541 und in den darauffolgenden Jahren war „Barthle Röble“ Torhüter am Riettor. 1552 wurde sein Sohn Hans Reble geboren, der um 1570 (1580 ?) in Villingen eine Glockengießerei errichtete (Türkensteuerliste W 3a 8b). Er goß 1601 die große Münsterglocke mit rd. 65 Zentner, die 1908/09 zum Umguß für das damals neue Geläut verwendet wurde. Gestorben ist er 1615. ( Vgl. Karl Walter, weiter unten) Bereits 1513 wird in einer Urkunde Hans Reblin, Schlossergeselle aus Pfullendorf genannt. Die genealogische Verbindung ist nicht geklärt. Dem Können des Hans Reble stand man wohl anfangs noch mißtrauisch gegenüber, denn im Kontraktbuch der Stadt vom 8. 12. 1597 ist eine Schadloshaltung desselben gegenüber der Gemeinde Spaichingen, betr. Glocken zur Probe, wegen evtl. Mängel verzeichnet. Die Glockengießerei ging später auf seinen Sohn Christoph Reble über; dieser wurde 1591 geboren und starb 1649. Durch Heirat ging die Glockengießerei im Jahre 1645 an seinen Schwiegersohn Joachim Grüninger (1624 — 1674) über. ( Vgl. Karl Walter., Glockenkunde, Regensburg u. Rom 1913, S. 846) Dem Vorstandsmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Paul Grüninger, der in der zweiten Generation von der Glockengießer-Linie abzweigt, verdanken wir weitere Hinweise. So ist zu erfahren, daß der Begründer der Grüningerschen Glockengießerdynastie bereits zu Wohlstand und Ansehen gelangte. Aus den Originalakten des Klosters St. Ursula ist folgendes zu entnehmen:

1672, Januar den 6., hat Herr Joachim Grüninger, des Rats und Glockengießer allhier, dem Meister Johann Huerer ein Gut abgekauft, auf welches unser Gotteshaus 200 Gulden Kapital stehen hatte, welche er, Herr Joachim Grüninger, uns in Bargeld erlegte und so haben wir ihm, wie bräuchlich ist, den Hauptbrief dafür herausgegeben. — Irgendwann vor 1872 befand sich die Gießerei an der inneren Ringmauer im Südwesten, wenig südlich des ehemaligen Bügeleisens, wozu auch das heute noch sogenannte „Glockehiisli“ gehörte, das hinter dem Romäusgymnasium bastionartig am Ende der heutigen Mauer als kleines, halbrundes Wohnhäuschen hervortritt. (m November 1872 erwarben die Grüningersöhne Adelbert und Benjamin das ehemalige Amtshaus der Johanniter in der Bickenstraße 24 und erstellten dahinter im Hof ( heutiger Bereich des Landratsamtes) eine Glockengießerei größeren Umfangs. Ergänzend bemerkt Paul Grüninger, ihm sei durch mündliche Überlieferung bekannt, daß sich im ausgehenden Mittelalter, zu Zeiten der Reble, die Gießerei an der inneren Ringmauer auf dem Käferberg zwischen der ehemaligen Käferburg (an der Kanzleigasse) und dem Riettor befunden haben soll. Diese Standortbezeichnung hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich. Auch die Grüningersche Gießerei am „Glockehiisli“ und die auf dem ehemaligen Johanniterterritorium befanden sich ja unmittelbar an der inneren Stadtmauer. Noch heute ist an der Oberflächenbebauung zu erkennen, daß der Zwischenbereich zu den Wohngebäuden baulich freigehalten war, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Bewegungsfreiheit im Verteidigungsfalle, wodurch zweifellos die Brandgefahr, die von einer Glockengießerei zwangsläufig ausging, erheblich verringert wurde.

 

Sogenanntes „Glockehisli “ an der südwestlichen inneren Ringmauer, hinter dem Romäusgymnasium. Es gehörte zur ehemaligen Grüninger ’schen Glockengießerei, die vor 1872 in diesem Bereich ihren Standort hatte.

 

1924 erfolgte ein großer Neubau für die Glockengießerei im Gewann Goldener Bühl, wo das Gebäude heute noch als Teil des Aluminiumwerks steht. Dieses namhafte Geschlecht der Grüninger goß bis in die 1930er Jahre in Villingen an die 2000 Glocken, die überall hin sogar bis Mexiko gelangten. Nach der Zwangspause des Zweiten Weltkriegs verlegte der letzte Glockengießer aufgrund der Einwirkung der französischen Besatzungsmacht die Gießerei in die Nähe von Neu -Ulm. Schon anfangs der 1950er Jahre ging es mit diesem Familienzweig nach 300 Jahren Glockengießertradition unrühmlich zu Ende. Inzwischen ist die Glockengießer-Linie im männlichen Stamm ausgestorben.

Kehren wir jedoch noch einmal zu Hans Reble und zum Guß der großen Münsterglocke von 1601 zurück. Wahrscheinlich hatte man schon lange für diese Glokke gesammelt, denn 1592 vermachte der reiche Villinger Bürger Hans Runk in seinem Testament, neben anderen Stiftungen für Münster und Altstadtkirche „50 fl. an die vorhabende große Glogge, so man sy giesen würde “ ( (nventar 1/1590). Kefer schreibt in seinen Collectanen, daß 1592 1200 Personen an der Pest hier verstorben seien und der Rat der Stadt versprochen habe, zur Abwehr eine große Glocke für das Münster machen zu lassen. Diese berühmte große Glocke wurde von Reble am 12. November 1601 gegossen. Sie wurde am 12. September 1602 geweiht und aufgezogen. Vom Guß bis zum Aufzug war ein dreiviertel Jahr vergangen, denn es war damals nicht so leicht, diese schwere Glocke mit 90 Zentner auf den Münsterturm hinaufzubringen. (n Straßburg, Nürnberg und Zürich hatte man sich Rat geholt und Gerät zum Hinaufziehen ausgeborgt. Es war also kein Wunder, wenn diese Glockenweihe für die Villinger ein ganz großes Ereignis war. Den beteiligten Handwerkern, dem Abt Gaißer vom Benediktinerkloster, der die Weihe vornahm, den Priestern, Beamten und anderen Honoratioren der Stadt, zusammen fünfunddreißig Personen, wurde aus diesem Anlaß ein Festtrunk gereicht und sicher wurde die spendenfreudige Bevölkerung auch nicht vergessen. Der städtische Werkmeister erhielt wegen seiner Verdienste an der Aufrichtung des Glockenstuhls und am Aufzug der Glocke einen Ehrenbecher, der heute im Museum aufbewahrt wird. Die Glocke war mit dem Relief der zwölf Apostel und der Kreuzigung Christi sowie mit den Wappen der damaligen Villinger Amtsträger verziert. Der geschickte Villinger Bildhauer Hans Amann, der sein Wappen auch an der Glocke angebracht hatte, war der Modellierer dieser Verzierungen. ( Revellio, S. 108/109) Die Glockeninschrift lautete:

Gott zu Lob und seiner werten Mutter Ruhm und Ehr einem wohlweisen Rat.

Durch Steuer und Hilf ganzer Bürgerschaft

Bin ich gegossen und gemacht

Zu Villingen in der berühmten Stadt

Als man zählt sechszehnhundertein Jahr

den 22. Monats November fürwahr.

D’rum gebe Gott allen Denen,

Die an mich gesteuert, das wahre Leben,

deren alle Namen geschrieben sind

in einem neuen Buch.

Bei vielen Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts wurde in zahlreichen Fällen auf das Glockenläuten hingewiesen. Am 7. Juli 1585 sagte die „Walpurga Geßler, daß der Teufel sie auf dem Heimweg bei der Bickenkapelle angesprochen habe und sie zu beschleichen begehrte,“ worauf sie sagte: „Bhüt mich Gott, man läutet das Ave Maria.“ 1626, Juli 27., sagte der Teufel, laut einem Hexenprozeß, zur Delequentin, sie sollte ein Wetter machen, das aber die große Glocke verhindert hat. Ferner sagte 1626 die Elisabeth Schwarz aus, daß mehrmals das sofortige Läuten der großen Glocke das Eintreten eines Gewitters verhindert habe. Wir ersehen daraus, daß auch in Villingen das Wettern läuten mit der großen Glocke bei Ankündigung eines Gewitters üblich war. Die Rottweiler hatten zu diesem Zweck eine besondere Läutemethode eingeführt, indem sie greulich durcheinander läuteten, immer wieder kurz aufhörten und dann wieder anfingen. Ein Mesner dort wurde gerügt, weil er nicht schnell genug zu läuten anfing, als sich ein Gewitter anzeigte. In Konstanz bekamen 1443 die hierfür angestellten Männer vier Pfund für das Wetterläuten. Vom Kloster Weingarten wird erzählt, daß, wenn ein böses Gewitter über die Weingartener Gemarkung heraufzog, man nur die Hosanna -Glocke (unter diesem Namen war immer die große Glocke gemeint) zu läuten brauchte, worauf sich die Wolken über den See, Richtung St. Gallen, verzogen, was der Sage nach die St. Galler veranlaßte, die Glocke zu rauben, daß sie aber nur bis zum See kamen, wo sie ihnen wieder abgenommen wurde.

Abt Gaißer vom Benediktinerkloster St. Georgen zu Villingen war gegen die Anstellung eines Küsters als Lehrer, weil derselbe nicht lesen und schreiben könne und das Geläute beim Gewitter vernachlässige und Katholische und Lutherische nebeneinander beerdige. ( Martini K(. St. Georgen, S. 234)

Im „Denkbüchlein“ der Juliane Ernestin, der späteren Äbtissin von St. Klara, lesen wir: „Den 11. January im 1633. Jahr, zieht der Michel Ruch (gemeint ist der feindliche Kommandant Oberst Rau) mit voller Gewalt und belagert unsere Stadt und sagt ihm nur das “ Ratzennest“, ist den ganzen Tag ein solcher unerher-ter dickher Nebel gewesen, daß man in der Stadt mit allen Glocken dawider gelitten hat, wie gegen das Wetter.“

1785 verbot die fürstenbergische Regierung in Donau-eschingen das Wetterläuten zur Abwehr von Blitzgefahr, wobei jedoch ein kurzes Gebetszeichen als begründet zugelassen wurde. Einige Jahre später aber wurde ersteres auf Drängen des Volkes wieder gestattet, obwohl es die fürstenbergische Regierung als „Vorurteil und gefährlich“ erklärte. ( Lauer, Gesch. d. kath. K. i. d. Baar, 1921, S. 295)

1787 hat auch die österreichische Regierung das Wetterläuten verboten. In vielen Teilen Tirols wird heute noch gegen das Wetter geläutet. Ich habe das vor einigen Jahren in Völs am Schlern ( Südtirol) selbst erlebt. Ich hatte in meinem Urlaub im katholischen Gemeindesaal einen Vortrag über die Alpenflora gehalten. Als mitten in meinem Vortrag ein heftiges Gewitter aufkam, war der anwesende Pfarrer nach einigen Minuten aufgestanden, um gegen das Wetter zu läuten. Er erzählte mir am nächsten Tag, daß ihm von der Bevölkerung schwere Vorwürfe gemacht worden seien, weil er nicht schnell genug mit dem Läuten angefangen habe.

Worauf führte man den Glauben an die Verhinderung oder Vertreibung des Unwetters durch das Läuten mit der großen Glocke zurück? Wahrscheinlich, weil man sich vom Umgang mit geweihten Dingen einen besonderen Schutz versprach. (n diesem Fall sollte der Klang der geweihten Glocken ein Unheil verhindern, weshalb man schon seit frühester Zeit Wert darauf gelegt und sogar zur Pflicht gemacht hatte, die Glocken zu weihen. So erließ schon um das Jahr Tausend Papst Johann XIV. eine Bulle über die Glockentaufe um „die Luft von Teufeln zu reinigen“.

Als im Jahre 615 Clotar die Stadt Sena in Burgund belagerte, begab sich Bischof Lupus in die Stephans-kirche und rührte, um das Volk zu versammeln, die Glocke. Es wird berichtet, daß durch den seltsamen ungewohnten Klang die feindlichen Soldaten so erschreckt wurden, daß sie eiligst die Flucht ergriffen. Überall hatte der Glockenklang für die Heiden etwas Erschreckendes, vor dem sie bestürzt flohen.

Nach einer Rechnung vom Jahre 1609 kostete in Villingen eine Glocke von 2 1 /4 Ztr. mit Zeug, Schwen-kel und Aufhängen 138 fl. und 14 1/2 Batzen. (Mone, ZGO 12/ ..

Nach Notizen der ehrwürdigen Klosterfrau Gabriele (gest. 1977) erhielt die Klosterkirche des Ursulinen schon unter Ursula Haider, wenn nicht früher, eine Glocke, die 1593 beim Vesperläuten zersprungen ist.

Einer namentlich nicht gekennzeichneten handschriftlichen Notiz, die mir 1984 über das Münster Pfarramt zuging, entnehme ich folgenden Hinweis: „Aus der Chronik: (zusätzlich handschriftlich ergänzt: „St. Ursula!“) 1615 wurde die Glocke von Meister Christoph Reble, Villingen, gegossen, sie wog 2 z 88 lb.

Inschrift auf der Glocke:

Ave Maria, gratiaplena

MCD X V gos mich Reble und Benoco (letzter Name undeutlich) Villingen“

(Bemerkung: Die Anordnung der römischen Zahlen kann nicht stimmen, denn wie oben geschrieben, wäre es das Jahr 1415; richtig wäre M DCX V)

In den Baurechnungen der Bickenkapelle befindet sich eine Rechnung vom Jahre 1619 von Christoph Reble „für Arbeit an dem kleinen Glöcklein“.

Während der Winterbelagerung im Januar 1633 wurden das Bickenkloster bzw. die Klosterkirche besonders stark mitgenommen. Nachdem durch feindliche Geschütze Breschen in die Mauer und in die Kirche geschlagen wurden, hat man in der Nacht schnell die Glocke und die Orgel abgebaut und im Franziskaner-kloster verwahrt. In einer Chronik des Bickenklosters lesen wir darüber: „Die Orgel und die Glocke hat unser getreuer Schaffner mit Hilfe der lieben Bürger unter Lebensgefahr bei finsterer Nacht herabgebracht. Gleich am anderen Tag ist unsere Kirche niedergelegt worden, hat den Graben ausgefüllt und wurde zur Straße“. ( H. Reh, St. Klara während des Dreißigjährigen Krieges)

Der Benediktinermönch Gästlin erwähnt in seinem Tagebuch, daß man am 25. Januar, nach Aufhebung der Belagerung, morgens fünf Uhr in der Franziskaner-kirche unter schuldiger Danksagung das „Te Deum“ gesungen und mit allen Glocken der Stadt zusammen geläutet hat, was die Einwohner nicht wenig erquickt hat, nachdem während der Belagerung kein Glockenstreich noch das Schlagen der Uhr gehört wurde, alles ward wie in einer einsamen Einöde mit traurigem Stillschweigen erstummet. ( Roder, Beitr. z. Gesch. d. St. V. in Heft 3 d. Ver. f. Gesch. d. Baar, S. 93)

Vier Wochen später, nach der Belagerung durch die Württemberger, holte die kaiserliche Besatzung von Villingen die drei Glocken aus dem Schwenninger Kirchturm, was uns die Schwenninger heute noch vorhalten, denn in den Schwenninger Schulen wurde noch vor nicht allzulanger Zeit in der Geschichtsstunde auf den Villinger Glockenraub immer besonders hingewiesen. ( Über den Glockenraub in Schwenningen wird im Jahresheft X — 1985/86 — zu berichten sein. Die Redaktion.)

Einem Ratsprotokoll von 1611 entnehmen wir, daß nur noch am Mittwoch und Samstag den Verstorbenen geläutet werden soll. Es waren derer zuviele, die während der schrecklichen Pestseuche gestorben sind, um jedem einzelnen zu läuten.

Über den Wiederaufbau der Klosterkirche wird berichtet „Am Aschermittwoch 1655 begannen die Zimmermeister die Bäume zu fällen. Das Holz ließen die Herren der Stadt herbeiführen. Auch Bürger halfen mit. Am 5. April wurde der Bau begonnen, im August wurde das Gebälk mit Hilfe der Bürgerschaft bereitet. Am 27. und 28. September wurde das Dachwerk samt dem Turm aufgerichtet und die liebgewordene Glocke aufgehängt. Es geschah mit viel Mühe und Arbeit. Viele Personen mußten mithelfen, was große Kosten für Essen und Trinken verursachte. Im Turmknopf wurde eine Urkunde über den Wiederaufbau eingeschlossen.“

Aus den Aufzeichnungen im Stadtarchiv ersehen wir, daß es in Villingen seit 1610 eine Vereinigung gab, die sich „ledige Gesellschaft der Bürgersöhne zur Erhaltung der guten Ehrbarkeit “ nannte, auf Zucht und Ordnung bedacht war und 1799 in ihren Statuten festsetzte, daß nach dem Läuten der Abendglocke um zehn Uhr nachts sich keiner mehr im Wirtshaus aufhalten dürfe. Auch den Wirten wurde der Feierabend vorgeschrieben. So durften die „Schildwirte“ ihr Lokal bis zehn Uhr abends offenhalten, während den „Zapfwirten“, das sind solche, die nur Wein über die Straße verkaufen durften, also keinen Ausschank hatten, Kunden nur bis zum Läuten der Abendglocke zu bedienen erlaubt war. ( Roder, Rep. 3/688)

1668 gab es einen Streit wegen des Kaufs eines Glöckleins für das Seelenjahrzeithaus, weshalb von der juristischen Fakultät ein Rechtsgutachten eingeholt wurde. Unser Benediktinerabt Michael Gaißer wurde sehr oft zur Glockenweihe herangezogen, so hat er

1620 die Glocken in Tannheim,

1630 die Glocken in Hüfingen,

1636 die Glocken in Erzingen,

1645 die Glocken in Mundelfingen,

1645 die Glocken in Tegernau,

1640 die Glocken in Waldau,

1640 die Glocken in Wolterdingen,

1652 die Glocken in Saig,

1653 die Glocken in Ebnet,

1654 die Glocken in Herzogenweiler,

1654 die Glocken in Vöhrenbach

geweiht.

1641 stifteten Joh. Wilh. Ingold und Frau von hier auf ewige Zeiten ein Salve mit vorhergehendem Läuten. Zum Wächterstübchen, oben im südlichen Münster-turm, das dem Aufenthalt des Turmwächters diente, führen ab den zwei letzten Obergeschossen steile freistehende Treppen. Darüber befindet sich der Schallraum für die Sturm- und Schlagglocke. Hauptaufgabe des Turmwächters war die Feuerwache. Außerdem mußte er auf der großen Glocke, die sich im anderen Turm befand und befindet, über ein Zugwerk die vollen Stunden nachschlagen. Brach in der Stadt ein Brand aus, was er aus dieser Höhe leicht feststellen konnte, gab er mit der Sturmglocke Feuersignal. Wenn außerhalb der Stadt ein Brand zu beobachten war, er folgte sein Signal mit der Trompete, und zwar in die Richtung, wo der Brandherd lag. Daneben durfte er gegen ein Trinkgeld den Brautleuten, wenn sie aus der Kirche traten, einen Marsch auf seiner Trompete blasen (Stöhr, Collectanen v. Kefer, S. 99/100). Wie wir aus den Ratsprotokollen ersehen, mußten die Turmwächter oft gerügt werden, weil sie bei den langen Wachen eingeschlafen waren. Aus diesem Grund, um den Wächter kontrollieren zu können, mußte er, wie oben erwähnt, die Stunden nachschlagen. ( Dieses Nachschlagen ist heute noch, wenngleich inzwischen elektrisch gesteuert, zu hören.) Ferner mußte er den Scharrwächtern ( Nachtwächter), die die Stunden auszurufen hatten, antworten. Tat er es nicht, mußte er jedesmal eine Strafe von 30 Kreuzern bezahlen.

1774 wurde der Hochwächter Johannes Nydinger seines Dienstes enthoben, weil er geschlafen und die Feuersbrünste in Dürrheim und Donaueschingen nicht bemerkt hatte. Da man einsah, daß diese Wächter nicht 24 Stunden wach bleiben konnten, wurde 1781 ein dritter Turmwächter eingestellt, so daß sie sich gegenseitig alle zwölf Stunden ablösen konnten. Diesen Wächtern fiel auch die Aufgabe zu, die Glockenläuter bei aufkommenden Gewitter zu alarmieren.

1905 bis 1909 wurde das Münster aufwendig erneuert. U. a. wurde der Südturm mit der Uhr ab dem Sockel-geschoß neu aufgeführt. Das Mauerwerk wurde in diesem oberen Teil des Turmes dem alten Aussehen mit Änderungen nachempfunden. Der oberste Teil mit dem Schallraum der Glocken erhielt in den Schallöffnungen neogotische Gestalt.

Südlicher Münsterturm um 1840, nach einer Zeichnung von R. Gleichauf (Revellio, a. a. O., S. 107).

 

Bei der vorstehenden Abbildung mit den Münstertürmen von 1840 entsteht der Eindruck, daß sich zwischen den Wimpergen und dem Wächterstübchen des südlichen Münsterturms einst ein kubischer Bauteil befunden habe, den man als einen Aufenthaltsraum für den Turmwächter deuten könnte. Wie das Vorstandsmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Architekt Dipl. Ing. Dieter Ehnes durch Studien vor Ort ermittelte, handelt es sich aber nur um die perspektivische Wirkung, wie sie sich dem Zeichner bot.

Bei der Belagerung 1704 durch Marschall Tallard wurde in der Nacht vom 20. auf 21. Juli mit allen Glocken geläutet und Priester, Greise und Kinder zogen in einer Prozession betend durch die Stadt. ( Fischer, Vill. Verg. S. 49) In diesem Jahr hatten die Franzosen die Glocken aus Aasen, Kirchdorf und Kappel mitgenommen. ( Lauer, S. . . .) Auch aus Württemberg führten die Franzosen nicht weniger als 300 Glocken weg. (Württ. Glockenkunde, S. 149)

1732 wurde zur freudigen Erinnerung an den Rastatter Frieden von 1714 unter Pfarrer Riegger die Münster-uhr mit einem Viertelstundenrad versehen, so daß sie wieder, und zwar auch auf der großen Glocke, die viertel und ganze Stunde schlug. (Vill. Pfarrchronik u. Nägel inkreuzbüchlein)

1740 „Den 3. Dezember wurde mit dem Geläute aller Gloggen auf Befehl des Kardinals und Bischofs von Konstanz wegen dem betrübten Todesfall des Kaisers Karl VI. von zwölf bis ein Uhr der Anfang gemacht und sechs Wochen lang damit fortgefahren“. ( Aus d. Protokoll der hiesigen Franziskaner, Abschr. Kefer) 1741, 19. October “ . . Den 19. um neun Uhr vormittags fuhren die Commissäre unter Läutung aller Gloggen in die Franziskanerkirche, wo nach dem feyerlichen Hochamte die Bürgerschaft den Eid der Treue mit Aufhebung zweyer Finger, nach der von Stadtschreiber Joseph Demel vorgelesenen Form ablegte.“ (Commissäre der Maria Theresia, Königin von Ungarn und Österreich.)

Anno 1742 den 27. Jänner verbrannte zwischen elf und zwölf Uhr in der Nacht ein Haus in dem Ried fast ganz, und obschon die Bürger tätig Hand angelegt hatten, so konnte die stark ausbrechende Flamme dennoch vor Anziehung der Sturmglocke nicht gedämpft werden. ( Kefer aus Protokoll d. Franziskaner)

1758 erhielt die Klosterkirche ein neues Glockentürmchen

„Anno 1771 den 10. May kamen drey Bußprediger an. Sie wurden mit Prozession und unter Glockenge läute in die Stadt eingeführt“ und so wieder hinausbegleitet. (Vill. Chronik v. Merkle)

Beim Bau der Benediktinerkirche wurden keine Kosten gescheut, um den Turm mit einem kostbaren Geläute zu versehen, das der Villinger Glockengießer Josef Benjamin Grüninger 1767 gegossen hat. Der aus Dürr-heim stammende Bildhauer Philipp Rauch gab den sieben Glocken eine meisterhafte barocke Zierde.

Einige Jahre später, 1781 — 1783 („Die Baar“, Badische Heimat, 8. Jhg. 1921, Sonderausgabe) hat Benjamin Grüninger, wohl der bedeutendste dieser Glokkengießerfamilie, das aus 15 Glocken bestehende kostbare Geläut für das Kloster St. Blasien gegossen. Mit den Glocken der Benediktinerkirche war eine Kunstuhr mit Glockenspiel verbunden, die im Lande so bekannt war, daß Großherzog Friedrich nach Aufhebung des Klosters 1809 diese mitsamt der Silber-mannschen Orgel der evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe vermachte.

Vom Münsterpfarramt erhielt ich folgende maschinenschriftliche Notiz in Fotokopie nebst handschriftlicher Ergänzung „von 1807 bei der Säkularisation“ und „Von diesen Glocken ist keine in Villingen geblieben „:

Inventarium

Ueber die in dem ehevorigen Stifte St. Georgen in der Kirche und Thurm befindliche Effekten.

Glocken und Uhr

(m Thurm befinden sich neun Glocken.

1 te wiegt beiläufig    3 950 Pfund

2 te    1 875 do.

3 te    1 075 do.

4 te    504 do.

5 te    254 do.

6 te    130 do.

7 te    61 do.

Diese bilden zusammen ein Glockenspiel — dann folgt die Loretho Gloke 90 do.

die Meßglocke 150 do.

Summe:    8 089 Pfundt.

Die große Thurn Uhr ganz von Eißen mit einem 4 fachen eißernen Ziferblatt welche zugleich mit zwey besondern Gloken versehen u. in der Kirche ebenfals zeigt und schlägt.

Die Villinger Stadträte hatten vergebens versucht, diese sieben wertvollen Glocken für das Münster zu retten und hatten darauf hingewiesen, daß in anderen aufgehobenen Klöstern noch genug entbehrliche Glocken hängen. Auch zwei Deputierte, die man zu diesem Zweck nach Karlsruhe schickte, kehrten

unverrichteter Dinge zurück. (m Jahre 1813 wurden diese Glocken, zusammen mit der großen Glocke von St. Blasien, in Karlsruhe aufgezogen. ( Revellio, S. 174/175)

Am 17. April 1789 wurde durch ein Dekret der vorderösterreichischen Regierung in Freiburg angeordnet, daß die St. Nepomukkapelle entbehrlich, die gestifteten Messen im Münster abzuhalten und das Kapellengebäude, Altar und Glocken an den Meistbietenden zu verkaufen und der Erlös an die kaiserlich-österreichische Kammer in Freiburg abzuliefern seien. (Stöhr, Collectanen v. Kefer)

Durch den Vertrag von Luneville vom 9. März 1801 war Villingen und der Breisgau für kurze Zeit vom Hause Österreich an den Herzog von Modena gekommen, und beim Tode dieses Herzogs 1803 wurde von dieser Regierung ein sechswöchiges Trauergeläut von zwölf bis dreizehn Uhr befohlen.

Als Großherzog Friedrich 1811 starb, wurde von der Regierung ein Trauergeläut von täglich dreimal für drei Wochen angeordnet. (Roder, Rep. 4/1620)

Nach der Auflösung des Franziskanerklosters wurde 1808 um die Überlassung der größeren Glocke an die Bickenkapelle gebeten, weil deren Glocke einen Sprung hatte, was aber die großherzogliche Regierung in Karlsruhe ablehnte mit der Bemerkung, diese Glokken seien armen Pfarreien zu überlassen und die Bickenkapelle zu schließen. ( Roder, Repet. 4/ S.1201)

Ferner wurde angeordnet, daß das Metall der zersprungenen Glocke öffentlich zu versteigern sei und dies in allen umliegenden Ortschaften bekanntzumachen sei. (Münsterarchiv Bi. IX/2 Bickenkapelle betr.)

Über die Bürgermeisterwahl 1841 ist zu lesen, daß der abgetretene Bürgermeister, Rechtspraktikant Karl Wittum, wieder gewählt wurde, und als Oberamtmann Blattmann das Resultat verkündigte, ertönte das Zeichen der großen Glocke. (Schwarzwälder, Villinger Tagblatt)

In der Benediktinerkirche wurde nach Ablieferung ihres Geläutes die kleine Glocke des abgebrochenen Kornhauses aufgehängt; durch freiwillige Gaben wurden aber 1841 wieder vier Glocken gestiftet. ( Fischer, Vill. Verg. S. 71)

1841 wurden auch in Villingen eine Glocke, ein Feuerstahl und Feuersteine gestohlen, und zwar die der Lorettokapelle, die einige Tage später im Stadtwald auf gefunden wurden. (Südkurier, 21.6. 1978)

Als in Villingen 1858 eine große Gewerbeausstellung stattfand, bewegte sich nach Versammlung im Alten Rathaus und Anwohnung beim Festgottesdienst der Zug der Festzugsteilnehmer unter dem Geläute aller Glocken, dem Donnern des Geschützes und den Klängen der Militärmusik, die den eigens zu diesem Zweck komponierten Festmarsch spielte, durch die Riet-und Obere Straße zum Hofe des Ausstellungsgeländes. Der Bickenkapellen-Mesner machte 1889 eine Eingabe an das Pfarramt um Erhöhung seines Lohnes, weil ihm das Geld von den Leichen ( Beerdigungen) verlorenging, was auch genehmigt wurde. Seit altersher gingen nämlich die Leichenzüge an der Bickenkapelle vorbei auf dem Stationenweg zum Friedhof. Während des Vorbeigehens an der Kapelle mußte der Mesner die Glocke läuten, wofür er eine Gebühr von sechs Kreuzer bekam, die ihm jetzt verlorengingen, weil er durch den Bau der Schwarzwaldbahn seinen Garten verloren habe und die Leichenzüge einen andern Weg nehmen müssen (Münsterarchiv).

1894 befand sich auf dem alten Rathausgiebel noch ein eiserner Glockenträger mit kleinem Glöcklein. Das Geläute der Glocken, die sich 1880 in den beiden Münstertürmen befanden, war nicht besonders harmonisch und ein Villinger schrieb damals, daß man sich darob schämen müsse, daß in einer Stadt, in der ein so hervorragender Glockengießer seine Werkstatt habe, ein solch unharmonisches Geläute erklinge. Die Münsterpfarrer und der Stiftungsrat hatten sich schon lange mit der Anschaffung eines neuen Geläutes befaßt. Nach 1880 wurden weitere Vorstöße in dieser Sache unternommen und in kurzer Zeit war durch freiwillige Spenden das Geld für die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sechs Glokken beisammen, wobei mit Glockengießer Grüninger vereinbart wurde, daß er die sieben alten Glocken zum Umguß in Zahlung nimmt. Die Villinger Wirtezunft hatte eigens zu diesem Zweck 1 000 Mark gestiftet, die sie später, bei der Auflösung der Zunft, auf 6000 erhöhte. Der katholische Oberstiftungsrat in Karlsruhe, der von der damaligen großherzoglichen Regierung streng überwacht wurde, machte aber große Schwierigkeiten und wollte nur die Anschaffung von drei Glocken genehmigen, wobei einige der alten Glocken im Münster verbleiben sollten. Man war sich aber in Villingen einig, daß dies wiederum nur eine halbe Sache wäre und hat sich von verschiedenen Sachverständigen Gutachten eingeholt; so von Orgelbauinspektor Molitor von Konstanz, vom Orgelbauinspektor Domkapellmeister Monsignore Schweitzer von Freiburg und von Chordirektor Hermann Häberle und Hauptlehrer Boos in Villingen. Domkapellmeister Schweitzer schrieb u. a. am 9. 8. 1897 „Die ganze Verfassung des Geläutes in musikalischer Hinsicht ist ungeordnet, technisch und künstlerisch wenig wertvoll.“

Das Gutachten von Häberle und Boos lautete :

7. Oktober 1888 Gutachten

„Vom wohllöblichen Gemeinderat und der katholischen Stiftungskommission dahier wurden die beiden Unterzeichneten aufgefordert, ein Gutachten über das im Pfarrmünster befindliche Geläute abzugeben. Diesem geehrten Auftrag sind wir nachgekommen und geben hiermit unsere Erklärung im folgenden ab.

Bei genauer Prüfung der Glocken auf den Ton hat sich ergeben, daß die

Große Glocke C

Frauenglocke E

Salveglocke E

Zwölfuhrg locke    G

Totenglocke H

Ablaßglocke H

Vesperg locke B

stimmen. Beim Überblick dieser Töne zeigt sich ein Zusammenfinden von Tönen, welche weder auf ein harmonisches, noch melodisches Geläute Anspruch haben können. Abgesehen davon, daß die Töne E und H zweimal vorkommen und die anderen Töne zum Grundton C im Verhältnis zu den Schwingungen auffallend variieren, kann das Geläute rücksichtlich der Zahl und eigentümlichen Dimensionen der einzelnen Glocken unmöglich den gehofften Effekt machen. Nicht unerheblich schädigend auf einen wohlklingenden Ton ist die Verschiedenartigkeit im Guß selbst; daher das Ungleiche, Störende in der Klangfarbe. Aufgrund der allgemeinen Angaben dürfte sich ein Umguß sämtlicher Glocken nicht nur empfehlen, sondern derselbe ist rücksichtlich unserer örtlichen Verhältnisse sogar dringend geboten. Daß dieses Bedürfnis inzwischen längst gefühlt und anerkannt worden ist, beweist das freundliche Entgegenkommen einer Corporation hiesiger Bürger, welche zu diesem Zweck aus freien Stücken eine ansehnliche Summe als erste Spende angeboten haben. Der Umguß der kleineren Glokken mit Beibehaltung der größeren, dürfte sich umso-weniger empfehlen, als der Aufwand von so namhaftem Betrage ist, der Sache durchaus nicht dient und die wirkliche Absicht nicht erreicht würde.

Als Beweis führen wir an: Die große Glocke ist nachweislich aus den Geschäftsbüchern des Herrn Grüninger auf den Ton A gegossen worden; sie stimmt aber beim Anschlag C, jedoch beim Nachklang ist ihr ursprüngliches A erkennbar. Der Grund hierfür ist begreiflich; es ist allen bekannt, daß unten im Kranz ein größeres Stück herausgebrochen ist. Unter solchen Umständen wäre das Geläute wieder nicht rein und sauber und das kostspielige Unternehmen hätte den gefühlten Mangel wieder nicht beseitigt. Unsere bewährten Meister und Mitbürger, die Herren Grüninger würden durch den Umguß sämtlicher Glocken zu Nutz und Frommen der Stadt Villingen ein Werk erstellen, das auf Jahrhunderte hinaus den Beweis liefern würde, wie sehr es die gegenwärtige Bürgerschaft verstanden hat, das Schöne, Edle und Erhabene zu betätigen.“    Herrn. Häberle, Chordirektor

Boos, Hauptlehrer.

Nach langem Hin und Her wurde erst 1908 vom katholischen Oberstiftungsrat in Karlsruhe die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sieben Glocken auf dem Fundament einer sogenannten Brummglocke zur Münsterrenovation genehmigt und die Erlaubnis erteilt, die alten Glocken mit Ausnahme der Totenglocke, die wieder in die Friedhofskapelle soll, umzugießen. Letztere hatte einen Sprung.

Nachdem sich die Genehmigung solange hingezogen hatte und die Villinger ihr neues Geläute zur Beendigung der Münsterrenovation fertig haben wollten, hatte der hiesige Stiftungsrat schon vorher Vorbereitungen zum Guß treffen lassen, was dem Oberstiftungsrat zu Ohren kam und ihn zu einem geharnischten Brief nach Villingen veranlaßt hat.

Dieser lautete :

Karlsruhe, 29. November 1907

„Das Geläute für das Münster betr.

Dem Stiftungsrat ist zu eröffnen und die Eröffnung im Protokollbuch zu bescheinigen, daß er nicht befugt ist, weitere Verhandlungen in dieser Sache abzulehnen. Wie auch dem Stiftungsrat Villingen bekannt sein sollte, ist der Katholische Oberstiftungsrat vorgesetzte Behörde des Stiftungsrats und führt die Aufsicht über die Verwaltungsführung des Stiftungsrats (§ 11 der landesherrlichen Verordnung vom 20. November 18611. Ebenso sollte dem Stiftungsrat bekannt sein, daß die Anbringung neuer Glocken nicht ohne höhere Genehmigung zulässig ist, und zwar auch dann nicht, wenn die Anschaffung aus milden Mitteln erfolgt (vergl. Erzbischöfliches Anzeigenblatt 1895 S. 211) . Ferner ist die Veräußerung der alten Glocken nicht ohne höhere Genehmigung gestattet (§ 33 der Dienstanweisung für Stiftungsräte vom 29. Mai 1863). Die Mitglieder des Stiftungsrats sind geeignet zu belehren. Wir verweisen noch auf § 6 Abs. 2 der Dienstinstruktion, wonach in allen Fällen, in denen eine Genehmigung notwendig ist, an uns berichtet werden muß.

Wir sehen also noch einem Bericht des Stiftungsrats wegen Genehmigung der neuen Glocken entgegen. Vor erfolgter Genehmigung dürfen die alten Glocken nicht aus dem Turm entfernt werden; zur Entfernung einzelner derselben ohne höhere Genehmigung war derselbe nicht zuständig. Wir erwarten, daß sich der Stiftungsrat an die bestehenden Vorschriften hält.“

Unterschrift unleserlich Der damalige Münsterpfarrer, Kaplan ( bald, setzte unter dieses Schriftstück die lakonischen Worte „Wer lacht da“ (Glockenakten i. Münsterarchiv).

5. Juni 1908. „Gestern mittag wurden die sieben Glocken, welche für unser prächtig restauriertes Münster bestimmt sind, von Domkapellmeister Schweitzer geprüft. Derselbe war voll des Lobes über das tonreiche wohlklingende und weittragende Geläute und bezeichnete es als ein Meisterwerk der hiesigen berühmten Firma Grüninger. Unsere herzliche Gratulation. Um elf Uhr heute vormittag, gerade als das neue Realgymnasiumgebäude seiner Bestimmung übergeben wurde, läuteten die alten Glocken zum letztenmal; es war ihr Sterbegeläute. Welche Gedanken mögen dabei nicht den größten Teil der Einwohner beschlichen haben? Mit dem Abbruch des alten Glockenstuhls wurde bereits begonnen. Der Münsterplatz ist gesperrt.“

Über die Glockenweihe berichtet das Villinger Volksblatt am 14. Juni 1909 folgendes: Die Glockenweihe gestaltete sich gestern ( 13. Juni) zu einem Freudentag für die ganze katholische Gemeinde. Am Freitag schon wurde auf der Südseite des Münsterplatzes ein starkes Gerüst erstellt, an welches die sieben prachtvollen Glocken aufgehängt und mit Tannenreis und Blattpflanzen geschmückt wurden. Gegen drei Uhr gestern mittag verkündeten Böllerschüsse den Beginn der Feier. Die Festpredigt hielt Hochw. Kurat Haller aus Heidelberg, ein gebürtiger Villinger und Neffe der Herren Glockengießer Adelbert und Benjamin Grüninger. In meisterhaften, packenden Worten verstand es der Festredner, den Kopf an Kopf harrenden Gläubigen die Bedeutung der Glocken und ihre Bestimmung zu schildern. Mögen seine an den feierlichen Akt geknüpften Wünsche alle in Erfüllung gehen.

Der Guß verlief ohne Unfall mit Hilfe Gottes, den Meistern und Gesellen, im Verein mit den umstehenden Zuschauern, die um seinen Beistand anflehten. Nach der Predigt begab sich die Geistlichkeit, mit der Stadtmusik an der Spitze, in feierlicher Prozession nach dem von Menschen dicht gefüllten Münsterplatz, um die Weihe der Glocken, die Waschung, Salbung und Räucherung vorzunehmen. Zu dieser Handhabung waren anwesend :

Kaplan Lang und Kaplan lbald von hier,

Pfarrer Schüber von Unterkirnach,

Pfarrer Bechtold von Pfaffenweiler, die Mehrzahl der Gemeinderäte,

die katholischen Stiftungsräte,

die Herren Glockengießer Grüninger.

Zum Schluß intonierte dieStadtmusik das „Te Deum „, in das die Menge kräftig einstimmte. Um 16.45 Uhr war die Feier, die bei Alt und Jung wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben wird, beendigt.

Die Glocken wurden am 18. Juni 1909 aufgezogen. Die Gesamtkosten der sieben Glocken, mit dem neuen Glockenstuhl, betrugen rund 44.000 Mark, ein Betrag, der sich durch die an Zahlungsstatt gegebenen acht alten Glocken auf 25.000 Mark ermäßigte.

Der Oberstiftungsrat in Karlsruhe hat dann erst am 17. Februar 1910 die Bezahlung der Glocken genehmigt.

Wie schon angeführt, wurden die alten Münsterglokken zum Umguß für das neue Geläut verwendet. Die Bemühungen des damaligen Pfarrers I bald und des großherzoglichen Landeskonservators Wagner, wenigstens die alte große Glocke von Reble zu retten, waren leider vergeblich. Obwohl der Oberstiftungsrat am 18. Mai 1907 schrieb, daß die alten Glocken keinen Altertumswert beim Verkauf an ein Museum hätten, schrieb das erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg am 18. Juni 1907, wenn unter den alten Glocken eine für die Altertümersammlung ( heutiges Rathausmuseum) Wert hätte, solle der Versuch gemacht werden, diese dorthin zu verkaufen. Es wurde hierzu sogar ein Staatszuschuß versprochen, aber der hiesige Spendenaufruf zum Kauf dieser Glocke mit einem Metallwert von 7.600 Mark verlief ohne Widerhall. Ganze sechs Mark wurden gespendet, so daß die Stadt vom Kauf dieser Glocke für die Altertümersamm lung absah. Wahrscheinlich war die Bevölkerung durch die Spenden für das neue Geläute zu stark strapaziert.

Revellio hat später dieser alten ehrwürdigen Glocke einen Nachruf gewidmet und bedauert, daß zu jener Zeit in Villingen keine Leute waren, die den Wert dieser Glocke erkannten. Der Landeskonservator empfahl, wenigstens von dieser Glocke ein Gipsmodell anzufertigen, was auch geschah, und nach Empfang einer Abbildung bedauerte er in seinem Dankschreiben nochmals, daß der Erhalt dieser wertvollen Glocke, „die zu den schönsten im Lande“ zählt, nicht möglich war.

( Revellio, Beiträge .    S. 108 ff.)

 

Die Glocken der Münstertürme, gegossen in der Glockengießerei Benjamin Grüninger Söhne, einst Bickenstraße 196; ( heute Nr. 24) genauer: in der Gießerei hinter diesem Gebäude, an der inneren Ringmauer und zwischen dem Großherzoglichen Bezirksamt, einem Teil des heutigen Landratsamtes, sowie der evangelischen Johanneskirche. Der Guß erfolgte ab 1906, die Glockenweihe war 1909. Entgegen dem Bericht des Villinger Volksblatts (s. Text weiter vorne) wurden die Glocken nicht „in einem starken Gerüst aufgehängt „. Es sind vielmehr die neuen Glockenstühle aus Stahl, die an Stelle der hölzernen aus dem Mittelalter traten und die sich auch heute noch in den Türmen befinden. Auf der linken Bildhälfte sind das Gestühl und die Glocken des Südturms, die rechte Seite zeigt den Inhalt des Nordturms mit der größten Glocke, as 108 Ztr. (1,94 m); ferner alle übrigen: des, es, f, as, b, des. Diese Glocken überlebten den Ersten, nicht aber den Zweiten Weltkrieg; sie wurden im Kriegsjahr 1942 von den Türmen geholt.

 

Die drei Personen in der Mitte des Bildes sind:

Links, der Mann mit dem „Nikolausbart“, Josef Benjamin IV. Grüninger, gest. 1912, der Erbauer der im Jugendstil errichteten „Grüninger-Villa“, Ecke Güterbahnhofstraße / alte Schwenninger Straße, unmittelbar östlich des heutigen Fußgängerüberwegs über die Bahngeleise. ( Das Haus steht derzeit leer und macht leider einen heruntergekommenen Eindruck. Es ist denkmalwürdig.) In der Mitte, der jüngere Mann mit dem kahlen Kopf, ist Josef Benjamin V., gest. 1927, dessen erhaltenswerte Grabstätte mit der Glocke auf dem Friedhof zu sehen ist. (Wir haben sie in diesem Heft abgebildet.) Der rechts vor ihm stehende Herr, ebenfalls mit Bart, ist Georg Adalbert, der Bruder von J. B. IV., ein Mitgesellschafter, gest. 1918. Es ist der Großvater des heutigen Vorstandsmitglieds des Geschichts- und Heimatvereins, Paul Grüninger. Mit Benjamin VI. Grüninger ging zu Beginn des 1960er Jahre die Glockengießerlinie zu Ende. (S. Text)

Dieses in der Altertümersammlung aufgestellte Gipsmodell ist nach dem Zweiten Weltkrieg, angeblich bei einer Umgruppierung, zerbrochen.

Das neue Münstergeläute war wirklich ein Meisterwerk der Glockengießer Grüninger, und es war so hervorragend im Klang, daß es wegen seines hohen musikalischen Werts im Ersten Weltkrieg (1914 — 1918) von der Ablieferung verschont wurde. (ch erinnere mich noch gut daran, wie nach den ersten großen Siegen des Ersten Weltkriegs mit allen Glocken der Stadt zusammen geläutet wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg, um das Jahr 1920, scheint sich nur noch eine Glocke auf dem Benediktinerturm befunden zu haben. Den Hinweis liefert ein Beitrag aus einer namentlich und zeitlich nicht mehr feststellbaren Tageszeitung aus Villingen, der nachstehend im vollen Wortlaut abgedruckt ist. Es muß jedenfalls vor 1921 gewesen sein, wie aus einer späteren, weiter unten aufgeführten Bemerkung des evangelischen Stadtpfarrers Otto Nußbaum (1899 — 1945) zu entnehmen ist. Von zeitgeschichtlichem Interesse ist vor allem auch, wie weit man damals noch vom ökumenischen Gedanken entfernt war.

Offener Sprechsaal.

( Freier Ort für freies Wort. Für die Artikel unter dieser Rubrik übernimmt die Redaktion lediglich die preßgesetzliche Verantwortung.)

Die Glocken der evangel. Kirche in Villingen betr. Villingen, 12. Juli. Der Aufruf des prot. Herrn Dekans Barner hier an die Mitbürger von Villingen, die protestantische Gemeinde in der Beschaffung von neuen Glocken mit Geldmitteln zu unterstützen, hat in katholischen Kreisen vielfach ernstes Befremden erregt. Man ist allerdings sich nicht ganz klar, ob von Katholiken auch eine Gabe gewünscht wurde. Wenn dies der Fall wäre, so müßte man doch unsern andersgläubigen Mitbürgern zu bedenken geben, daß wir für unsere katholischen Bedürfnisse gerade genug der milden Unterstützung bedürfen. Wie viele Tausende benötigen wir allein für unsere Benediktinerkirche. Für die Renovation, Neueindeckung des Turmes, ein vollständig neues Geläute — die jetzige Glocke ist doch vom Münstergeläute geliehen. Von sonstigen Bedürfnissen wollen wir heute gar nicht sprechen. Wir sind der Ansicht und mit uns viele kathol. Mitbürger, daß jede Konfession allein für ihre Bedürfnisse aufkommen sollte — die Katholiken für die ihrigen, und die Protestanten für die ihrigen.

Im Zweiten Weltkrieg galten leider andere Bewertungsordnungen. Laut „oberem Befehl“ waren nur solche Glocken von der Ablieferung befreit, die einen besonderen Altertumswert hatten und wenn mehrere dieser Art vorhanden waren, nur eine davon. Es galt der Grundsatz : Alter ist wertvoller als Klang. Zu diesem Zweck wurden von der „Reichsstelle Metall“ alle Glocken in die Gruppen A, B, C und D eingestuft. Nur die in „D“ eingereihten Glocken wurden von der Ablieferung verschont. Nachdem alle Bemühungen des damaligen Münsterpfarrers, Dekan Weinmann, zur Rettung des Geläutes umsonst waren, hat er versucht, es wenigstens im Ton auf einer Schallplatte festzuhalten, was aber technisch nur schlecht gelungen ist. Auch die Fideliskirche sowie die evangelische Kirche in der Gerberstraße, deren Turm als ehemalige Johanniter-kirche 1336 vollendet wurde, mußten die Glocken bis auf die kleinste abgeben. Selbst die kleinen Glöcklein der Bicken- und Lorettokapelle mußten geopfert werden.

Geht man davon aus, daß 1914 — 1918 neben dem Münstergeläute auch die Glocke der Lorettokapelle nicht abgegeben werden mußte, dann hat sich dort gemäß eines handschriftlichen Hinweises, der über die Münsterpfarrei 1984 zu erhalten war, bis zum Zweiten Weltkrieg der Bestand so dargestellt: „1819 (nventar Glocke wog ( ?) 105 Pfund“. Es müßte sich um die 1841 vorübergehend gestohlene und im Wald wiedergefundene Glocke gehandelt haben, wie wir weiter vorne schon lesen konnten.

Der ebenfalls weiter oben erwähnten handschriftlichen Mitteilung aus dem Bickenkloster, die uns ebenfalls über die Münsterpfarrei erreichte, entnehmen wir, daß „eine Notiz aus dem Jahre 1942, als die Münsterglocken abgegeben werden mußten“ lautet: „Unsere Glocke wurde belassen wegen Altertumswert und zu geringem Gewicht.“ (Darauf wird weiter unten zurückzukommen sein.)

Für die evangelische Kirchengemeinde hat ihr damaliger Pfarrer an der Johanneskirche in der Gerberstraße, Otto Nußbaum, am 11. Februar 1942 folgende Aufzeichnungen gemacht:

Abgabe der Bronzeglocken

Am 5. 2. 42 erfolgte die Benachrichtigung der Kreishandwerkerschaft über die Abgabe der Glocken. Jedoch wurden die Glocken schon am 3. und 4. 2. 42 vom Turm herabgenommen. Der Gemeinde wurde es unmöglich gemacht, von ihren Glocken Abschied zu nehmen. Der unterzeichnete Geistliche gedachte der Glocken am darauffolgenden Sonntag im Gottesdienst mit Verlesung des Wortes des Herrn Landesbischofs.

Abgeliefert wurden folgende Glocken :

1) Die grösste mit 1000 kg, Ton f, im Jahre 1853 gegossen mit Aufschrift: Hallt laut durch Thal und Höhn ihr Glockenklänge wieder, Denn Gott schaut gnadenreich auf diesen Bau hernieder. Hallt laut zu seiner Ehr, dringt mächtig himmelan, Und preiset fort u. fort, was Er an uns getan! Der Evang. Gemeinde Villingen am 9. 9. 1863 übergeben.

Kirchengemeinderäte waren: Theodor Nüssle, Pfarrer, Joh. Georg Uibel, Friedr. Hielbauer, Andreas Maier, Georg Schuler

Gegossen von Benjamin Grüninger in Villingen 1853.

2) Die nächstgrösste mit 568 kg, Ton as, mit Aufschrift :

Über der Heimat liegt Not und Leid,

Herr, lass mich künden bessre Zeit.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.

Für die im Krieg 1914/18 abgegebenen 2 Glocken wurden 3 neue aus freiwilligen Gaben gestiftet u. im Oktober 1921 der Gemeinde übergeben. Der Kirchengemeinderat: A. Barner, Stadtpfarrer u. Dekan, K. Grosshans, Chr. Hils, W. Killius, C. Kurz, Joh. Messner, J. B. Neininger, Vikar H. Bach, Missionar

Gegossen v. Benjamin Grüninger Söhne in Villingen 1921.

3) Die nächstgrösste mit 341 kg, Ton h, mit der

Aufschrift :

Vergiss der teuren Toten nicht.

Christus spricht:

Ich bin die Auferstehung und das Leben.

Zum ehrenvollen Andenken an die im Kriege

1914/18 gefallenen tapferen Söhne der Evang.

Gemeinde Villingen.

Gegossen von Benjamin Grüninger Söhne Villingen 1921.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, bei der Besetzung Polens, mußten beim Einmarsch in Warschau auf höhere Anordnung zum Gedenken des Sieges und der Gefallenen sieben Tage lang zwischen 12 — 13 Uhr alle Glocken der Stadt erklingen. Später durften die einzelnen Glocken nur noch zwischen 8 — 18 Uhr geläutet werden.

Es war die Zeit des hohlen Pathos, das auch in einem Beitrag zur Glockengeschichte seinen Niederschlag fand und den wir mit seiner Einleitung zitieren. Ein angesehener Bürger, der sich viel mit Heimatgeschichte befaßte (J. H.) schrieb damals in der Villinger Tageszeitung unter dem Titel „Villinger Glocken in Geschichte und Schicksal“: Auch die Villinger Glocken sind in diesen Tagen von den Türmen herabgestiegen, um sich zur Verteidigung des Vaterlandes zur Verfügung zu stellen. Daß der Abschied der tönenden Begleiter der Stunden des Lebens einer Stadt vielen Bewohnern nahegeht, ist nicht zu verwundern. Die Empfindungen des Herzens müssen aber zurücktreten vor der Erkenntnis, daß keine Möglichkeit unausgeschöpft bleiben darf, unserer Wehrmacht die besten und stärksten Waffen zu geben. …

Schaut man nach vierzig Jahren noch einmal zurück und erinnert sich der Lage, dann ist Bedrückung ein mildes Wort über das, was man aus den leidvollen Folgen menschlicher Verirrungen erfahren mußte.

Nach Kriegsende waren von der Münsterpfarrei nur noch folgende Glocken vorhanden:

Im Münster: Eine Glocke, 357 kg, 1906 — 1909 von Grün inger gegossen,

im Benediktiner: Eine Glocke, 177 kg, 1924 von Grüninger gegossen,

im Kloster St. Ursula : Eine Glocke, 175 kg, 1615 von Reble gegossen. (S. weiter oben handschriftliche Notiz aus dem Kloster)

Nach Kriegsschluß befanden sich in Lagern bei Hamburg und Bremen noch größere Stückzahlen abgelieferter Kirchenglocken, die nicht mehr zum Einschmelzen gekommen waren und die später, soweit sie identifiziert werden konnten, an die Heimatkirchen zurückgegeben wurden. In den Kreis Villingen kamen zurück: Eine Glocke der Bickenkapelle, 35 kg, von Meinrad Grüninger 1791 gegossen. Sie konnte nicht mehr in die Kapelle heimkehren, diese war am 20. Februar 1945 durch einen Bombenvolltreffer zerstört worden. Ferner zwei Glocken von Rohrhardsberg, eine Glocke von Buchenberg, eine Glocke von Tennenbronn.

Glockenfriedhof am Hamburger Hafen, 1946.

 

 

Im November 1872 erwarben die Grüningersöhne Adalbert und Benjamin das ehemalige Amtshaus der Johanniter in der Bickenstraße 24 und erstellten dahinter im Hof, entlang der inneren Ringmauer, ihre neue Glockengießerei.

 

Von Süden gesehen geht der Blick über den Hof des heutigen Landratsamtes. Rechts ein Teil des ehemaligen Großherzoglichen Bezirksamts, links die evangelische Johannes-kirche mit Turm, im Hintergrund das ehemalige Amtshaus mit der Rückseite. Über dem Dach die Spitze des Bickentores. An Stelle des verbindenden Neubaus, rechts, stand die Glockengießerei bis 1924.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken der einzelnen Pfarreien wieder ergänzt. Inzwischen war eine durch den verlorenen Krieg bedingte Bevölkerungsverschiebung in Gang gekommen, die alle bisherigen kleinstädtischen Dimensionen sprengte. Es kam, hauptsächlich durch vertriebene Landsleute bzw. Umsiedler, zu einer Bevölkerungsvermehrung um mehr als das Doppelte. Neue Pfarreien und kirchliche Gemeinschaften entstanden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wollten wir alle bis zum Jahre 1984 mit der Geschichte auch ihrer Glocken auflisten. Mit Ausnahme der Pfarrei Bruder Klaus beschränken wir uns auf die „klassischen“ Gotteshäuser und hier nur soweit, als Informationsmaterial erhältlich war.

Das Münster bekam seine neuen Glocken 1954. Das Geläut war am 6. August 1954 von Schilling in Heidelberg gegossen und am 12. September 1954 von Abt Dr. Ohlmeyer vom Stift Neuburg eingeweiht worden. Dekan Max Weinmann wies bei der Weihe darauf hin, wie schmerzvoll es gewesen sei, als im Februar 1942 die alten Glocken von den Türmen geholt worden seien und daß es für die Pfarrei ein freudiges Ereignis war, als am Pfingstmontag 1945 wieder ein dreistimmiges Geläute aus zum Teil geliehenen Glokken erklang, wozu vorübergehend auch die Glocke von der Grabstätte der Familie Grüninger verwendet wurde, die man bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von ihrem Sockel genommen hatte, wo sie heute wieder zu sehen ist. ( Die Sache brachte Dekan Weinmann damals einigen Ärger, weil er wohl vom Villinger Glockengießer Grüninger die Erlaubnis erhalten hatte, aber versäumte, dessen auswärtige Geschwister anzufragen.)

Das jetzige Münstergeläute hat die gleichen Töne wie das vorherige. Zu den Einzelheiten, insbesondere der glockenmusikalischen Seite, erhalten wir dankenswerterweise über den Pfarrgemeinde-und Stiftungsrat folgende Mitteilung:

Glockenweihe vor dem Münster, 1954.

 

Das 1954 gegossene Münstergeläute ist genau disponiert wie das Vorkriegsgeläute Es wurde allerdings aus Kombinationsgründen eine c“-Glocke eingefügt und umfaßt heute 8 Glocken.

Die Glockeninschriften lauten :

a) Auf allen Glocken: „Gegossen im Marianischen Jahr 1954“

b) Den einzelnen Glocken:

1. as° = 5.400 kg

„Christkönig“

König der Glorie, Christus, komme mit dem Frieden!

Gestiftet von der Stadtgemeinde Villingen zum Gedächtnis der Toten beider Weltkriege und zum Andenken an das Jubiläum der Tallardschen Belagerung im Jahre 1704.

2. des‘ = 2.100 kg

„Maria“

glorreich in den Himmel aufgenommen, bitte

für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!

3. es‘    = 1.400 kg

„St. Josef“

hilf in aller Not, in unserem Leben und im Tod.

Gestiftet von Familie Josef Kaiser und Magdalena geb. Schrodi.

4. f‘    = 1.000 kg    (Taufglocke)

„St. Johannes der Täufer“

Stimme eines Rufenden in der Wüste.

Gestiftet von Familie Hermann Schwer und Johanna geb. Schöller.

5. as‘    =    600 kg

„St. Petrus und Paulus“

Hirte der Herde, St. Petrus und Künder der Wahrheit, St. Paulus, bittet für das Volk und tretet ein für die Geistlichkeit.

6. b‘    =    450 kg

„Bruder Klaus“

Heiliger Niklaus, Vater des Vaterlandes, führe Deutschland in Freiheit friedlich vereint zu ehrvollem Ruhm.

Gestiftet vom Münsterpfarrer und den Mitgliedern des Münsterstiftungsrates U. L. Frau.

7. c‘    =    350 kg

„HI. Pius X“

(Omnia restaurare in Christo)

Alles erneuern in Christo!

8. des“ =    250 kg

„H(. Schutzengel“

Heiliger Schutzengel mein, laß mich dir empfohlen sein.

Gestiftet von Familie Gustav Eigeldinger.

Aus läutetechnischen Gründen (die seinerzeitigen Läutemaschinen haben diese Maßnahme bedingt) wurden die Klöppel der Christkönig-und Marienglocke gleich nach ihrer Einbringung in die Türme gekürzt. Diese Maßnahme ist, wie jüngst vom Erzbischöflichen Glockeninspektor Kurt Kramer in Karlsruhe festgestellt wurde, sehr nachteilig und schadet auch den heutigen Läutemaschinen. Die Klöppel werden deshalb noch im laufenden Jahr 1984 in ihren alten Zustand gebracht.

Wie Experten wissen, ist das heutige Münstergeläute glockenmusikalisch nicht vollständig. Der Tonsprung zwischen der großen Glocke as° (108 Zentner) und der zweitgrößten Glocke des‘ (42 Zentner) beträgt eine Quarte, was es normalerweise nicht gibt. Die dem Münstergeläute fehlende Glocke entspricht etwa der großen Glocke von St. Fidelis in Villingen. Bautechnische Gründe des St. Fidelisturmes verhindern die ursprünglich angestrebte akustische Verschmelzung der Klangkörper von St. Fidelis und Münster. Ferner läuten die Münster- und St. Fidelisglocken nur selten gemeinsam.

Ein Freundeskreis Münstergeläute hat sich deshalb die Vervollständigung dieses Geläutes zur Aufgabe gemacht. Als Ergänzung käme eine b°-Glocke (68 Zentner) in Frage. Technische Schwierigkeiten gibt es laut Prüfungsbericht des Glockeninspektors nicht. Die Kosten für den Glockenguß einschließlich Erz betragen 65.000— DM. Hinzu kommen die Kosten für die Installation der Glocke im Turm.

Der Freundeskreis hat diese Aktion im Einvernehmen mit Pfarrgemeinde- und Stiftungsrat der Münster-pfarrei schon im Jahre 1978 ins Leben gerufen. Auf ein Kanzelwort oder auf eine sonstige offizielle Spendenaufforderung wurde aber damals im Wissen um die großen Spendenleistungen der Pfarrgemeinde für die Münsterrenovation verzichtet.

Erst anläßlich des Jahresabschlußgottesdienstes an Silvester 1983 hat der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Herr Dr. August Kroneisen, in seinem Jahresbericht erstmals offiziell der Pfarrgemeinde von dieser Aktion berichtet. Obwohl diese Bemühungen sozusagen in aller Stille und wie gesagt ohne offizielle Unterstützung ins Leben gerufen wurden, haben Gönner bis jetzt die stattliche Summe von 44.000— DM gespendet. Ferner hat ein Villinger (ndustriebetrieb eine Sachspende von 2 t Kupfer im Wert von 10.000.— DM zugesagt. Das Vorhaben wird ausschließlich aus Spendengeldern finanziert; Kirchensteuergelder werden also nicht in Anspruch genommen. Aller Voraussicht nach kann bei gleichbleibender Spendenfreudigkeit der Glockenguß 1984 in Auftrag gegeben werden, so daß möglicherweise zu Weihnachten 1984 diese Ergänzungsglocke zur Freude aller Villinger läuten wird.

Die erste, mehr behelfsmäßig im Jahre 1926 entstandene Fideliskirche, die gleichzeitig die erste Kirche in der Südstadt wurde, hat man im Jahre 1953 abgerissen. Die Grundsteinlegung für die neue Kirche war am 8. 11. 1953. Die Weihe des Grundsteins erfolgte durch den Geistlichen Rat Dekan Weinmann. Am 14. 11. 1954 hat Bischof Augustin Olbert die fertiggestellte Kirche geweiht. Über das neue Geläut der Kirche berichtet das Gutachten des Dr. Johannes Maier, Erzbischöfl. Musikdirektor und Fürstl. Hohenz. Archivrat, aus Sigmaringen, unter dem 20. März 1958: Gutachten über das neue Geläute der kath. Stadtpfarrkirche
St. Fidelis in Villingen

8. 11. 53 Grundsteinlegung! Weihe des Grundsteines durch Geistl. Rat Dekan Weinmann

14. 11. 54 Weihe der Kirche durch H. H. Bischof Augustin Olbert

Der Unterzeichnete hat am 13. (((. 1958 in der Glokkengiesserei von F. W. Schilling / Heidelberg das neue Fünfgeläute für die kath. Stadtpfarrkirche St. Fidelis in Villingen einer eingehenden Abnahmeprüfung unterzogen, über welche, wie folgt, gutachtlich zu berichten ist:

Im Werkhof der Giesserei wurden frei aufgehängt fünf Glocken respektablem Gewicht, welche äusserlich hinsichtlich Sauberkeit der Glockenoberfläche, klarer Profilierung der Reliefs in Schnittechnik einen guten Eindruck machten. Die Glocken tragen erfreulicherweise nur sparsame (nschriften, besonders gefallen hat mir in ihrer äusseren Zier die mächtige Christkönigsglocke.

Mit Präzisions-Stimmgabeln wurde an die musikalische Untersuchung der fünf Glocken gegangen und folgende Haupt- und Harmonietöne derselben ermittelt:

Glocke    I ca. 3000 kg    II ca. 2300 kg

Christkönig    St. Fidelis

Schlagton    b — 6/16    des‘ — 4/16

Prim    b — 6/16    des‘ — 4/16

Terz    des‘ — 4/16    fes‘ — 1/16

Quinte    f‘ — 6/16    as‘ — 4/16

Oberoktav    b‘ — 6/16    des“ — 4/16

Unterokt.    — 6/16    des — 4/16

Dezime    d“-4/16    f“— 2/16

Duodezime    f“-6/16    as“ — 4/16

llI ca.1500 kg    IV ca. 1100 kg    V ca. 640 kg

Muttergottes    St. Elisabeth    Bernh. v. Baden

es‘ — 6/16    ges‘ — 4/16    as‘ — 4/16

es‘ — 6/16    ges‘ — 4/16    as‘ — 4/16

ges‘ — 4/16    bb — 2/16    ces“ — 2/16

b‘ — 6/16    des“ — 4/16    es“ — 4/16

es“ — 6/16    ges“ — 4/16    as“ — 4/16

es — 6/16    ges — 4/16    as — 4/16

g“ — 4/16    b“ — 4/16    c“ normal

b“ — 6/16    des“ — 4/16    es“‚ — 4/16

Hinsichtlich Reinstimmung und Innenharmonie dieses neuen Fünfgeläutes für St. Fidelis in Villingen wäre zu sagen :

Es spricht sehr viel für die verantwortungsbewusste und genaue Gussvorbereitung der bekannten Glockengiesserei von F. W. Schilling, wenn diese fünf Glocken so tadellos aus der Grube kamen, dass kaum wesentlich nachgeschliffen werden musste um zu dieser vorzüglichen, nahezu mathematisch strichreinen Rein-stimmung und Innenharmonie zu gelangen.

Alle Werte stehen harmonisch etwas tiefer als die Normalstimmungen der genannten Töne, wodurch das herrliche Geläute noch gewichtiger herauskommt. Die Mollterzen sind jeweils bei den 5 Glocken etwas angehoben und damit der naturreinen Mollterz angenähert, was Meister Schilling aus glockenmusikalischen Gesichtspunkten besonders liebt damit die Mollterz weich und leuchtkräftig hervortritt.

Es wurden folgende Nachhallwerte bei den fünf Glokken abgestoppt :

160 Sek. / 140 Sek. / 110 Sek. / 90 Sek. / 75 Sek. Diese Nachhallwerte sind gut zu nennen, sind jedoch für die letzte Beurteilung einer Glocke nicht entscheidend. Glockenmusikalisch gesehen hatte ich von sämtlichen fünf Glocken des neuen Geläutes für St. Fidelis in Villingen einen sehr tiefen, ausgezeichneten Eindruck. Bei aller Resonanzkraft wirklich lebhaft auf-singender Glocken hat dieser Schillingsche Guss so ausserordentlich viel Wärme, Beseeltheit.

Man spürt aus dem Wogen dieser Glocken, dass die hohe Verantwortung und gläubige Herzwärme eines hochbetagten Glockengiessers hinter ihnen steht.

Bei längerem Anhören nach den Klöppelanschlägen wurden u. a. bei der Werkprüfung folgende Notizen gemacht :

Christkönigsglocke : hervorragende Grundglocke, breit und warm ausladend, in strömender Resonanz, i. d. Intonation voll, sonor und warm.

St. Fidelisglocke: fulminant in dem Ausstrahlen ihrer Resonanzquellen, eine Fidelisglocke, die grosse Wärme u. herrliche Ruhe u. Glaubenszuversicht ausschwingt. (m Unteroktavbereich gesättigt u. voll.

Marienglocke : in der (ntonation tragfähig, schwer und voll singend, dabei mild beseelt, ausgesprochen edel und warm.

St. Elisabeth: eine Elisabethenglocke von milder Resonanz, im Unteroktavbereich bestens fundamentiert, im Obertonbereich leuchtkräftig und warm singend. Bernhard v. Baden : eine freundliche, dem Landespatron gewidmete Randglocke nach oben, obertönig gut aufgehellt, leuchtkräftig tragend, ohne jedwede Härte der Intonation.

In abschliessendem längeren Anhören des Gesamtgeläutes und von Teildispositionen wurde der sichere und beglückende Eindruck gewonnen, dass Meister Schilling hier wiederum ein ganz vorzüglicher Guss gelungen ist, zu dem die empfangende Gemeinde nur beglückwünscht werden kann.

Dr. Johs. Maier

Erzbischöflicher Orgel-und Glockeninspektor

Stellvertretend für alle nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen neuen Pfarreien hier die Daten über St. Bruder Klaus, draußen im Goldenen Bühl, in der Offenburger Straße:

Grundsteinlegung: 5. Mai 1963

Bauzeit :    1963/64

Weihe:    13. Dezember 1964 Glocken:

Guß-Datum :    8. November 1963

Gießerei :    Friedrich W. Schilling, Heidelberg

Glockenweihe :    8. Dezember 1963

Glocke 1:

cis‘ — 6, 0 1519, 2300 kg, H(. Bruder Klaus von Flüe

Glocke 2:

e‘ — 4, 0 1241, 1324 kg, St. Maria Königin

Glocke 3:

fis‘ — 5, 0 1109, 918 kg, H(. Papst Pius X.

Glocke 4:

gis‘ — 6, 0 983, 638 kg, HI Johannes Vianney

Glocke 5:

h ‚ — 4,O 870, 447 kg, HI. Josef

 

Zu einem Denkmal aus der Geschichte der Stadt und alter Villinger Geschlechter ist inzwischen diese Grabstätte von Benjamin V. Grüninger, gest. 1927, auf dem Villinger Friedhof geworden. Benjamin V. war der letzte Grüninger aus der seit 1645 in Villingen wirkenden Glockengießer-Dynastie, der hier seine letzte Ruhe fand. (Sein Sohn Benjamin Vl. ist nicht in Villingen bestattet.)

 

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde diese Glocke „kriegsdienstverpflichtet „, d. h., man holte sie von ihrem Sockel, um sie anstelle der „eingezogenen“ Glocken zu läuten. Nach dem Krieg ist sie als Symbol des Friedens auf die Ruhestätte zurückgekehrt.

Unser Aufruf richtet sich an die Stadt — und hier zuvorderst an das Garten- und Friedhofsamt —dieses Kulturdenkmal zu erhalten, falls die Angehörigen nach Ablauf der Belegungszeit das Grab aufgeben sollten!

Über den Bestand und gewisse Probleme berichtet ein Aktenvermerk des Amtlichen Glockensachverständigen H. Rolli, mit Verteileradressen, von 1974, unter der Überschrift: „Turm und Geläute der Benediktinerkirche in Villingen“

Am 5. September 1974 habe ich mit Herrn Schneider, Schonach, und Herrn Architekt Obergfell, Villingen, Turm und Geläute der Benediktinerkirche, Villingen, inspiziert. Es wurde folgendes festgestellt:

(n dem etwas leicht gebauten (älteren?) Stahlglockenstuhl hängen 5 Glocken mit folgenden Tönen und Gewichten und Anschlagzahlen:

1)     ges‘        905 Kg        54 Anschläge / Min.

2)     b‘        536 Kg        58 Anschläge / Min.

3)     des“        307 Kg        62 Anschläge / Min.

4)     es“        303 Kg        65,5 Anschläge / Min.

5)     f“        210 Kg        68 Anschläge / Min.

Die Glocken sind 1955 von F. W. Schilling in Heidelberg gegossen. Sie hängen an Holzjochen und werden mit Maschinen von Hörz geläutet.

Beim Einzelgeläute wird der Turm durch Glocke 1 und 2 und in geringem Mass auch durch 3 in starke Schwingung versetzt. Es handelt sich dabei offensichtlich durch Aufschaukelung infolge Resonanz mit der Turmeigenschwingzahl. Meines Erachtens kann man die starken Bewegungen dem Mauerwerk des Turmes auf die Dauer nicht zumuten.

(ch habe daher angeraten, Herrn Prof. Dr. F. P. Müller, T. U. Karlsruhe, den Auftrag zu geben, eine Schwingungsuntersuchung vorzunehmen. Aufgrund ihres Ergebnisses können dann Abhilfemassnahmen im Benehmen mit der Glockengiesserei Heidelberg und mit mir besprochen und geplant werden.

Zur einstweiligen Information erhalten Durchdruck von diesem Aktenvermerk:

1) das Münsterpfarramt, Villingen

2) Prof. Dr. F. P. Müller, Betoninstitut T. U. Karlsruhe

3) Architekt Obergfell, Villingen, Konstanzerstr. 22

4) Glockengiesserei Heidelberg

5) Firma Schneider, Schonach

Von den heutigen evangelischen Kirchen sei, der Beschränkung wegen, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg einzige, die Johanneskirche in der Gerberstraße genannt. Auch sie erhielt, wie das Münster, im Jahre 1954 neue Glocken, und zwar drei Stahlglocken des Bochumer-Vereins, nachdem ihr schon zuvor Grü-ninger die bronzene Taufglocke geschenkt hatte.

Inzwischen sind fast vierzig Jahre seit Ende des Krieges vergangen. Die Bevölkerungsbewegungen sind im wesentlichen zum Stillstand gekommen und wo neue Kirchen mit ihren Glocken benötigt werden, sind sie errichtet. So mag eine Bildnotiz im SÜDKURIER vom 4. Mai 1984 ( Nr. 103) von Interesse sein. Dort heißt es: Der Bedarf an Kirchenglocken in Baden-Württemberg geht zurück: Wurden 1950 noch 1680 Tonnen Glocken gegossen, so waren es 1982 lediglich noch 188 Tonnen. Von einem Wandel der Aufgaben einer Glockengießerei spricht Jürgen Notheis, technischer Leiter der Glockengießerei Metz in Karlsruhe. Es scheint bezeichnend für die Zeiger der Zeit, daß auf dem Bild in der Zeitung eine Glocke zu sehen ist, die ihren Weg ins ferne Guadelupe nehmen wird.

Dennoch, wenn der Ton der Glocken zu schwingen beginnt, nimmt er auch uns mit in die tröstliche Gewißheit österlicher Erwartung, macht uns feierlich und gebannt und wo der Glaube schwindet, ist er, um es mit Goethes Faust zu sagen, ein Ruf zurück ins Leben.