Auf den Spuren Villinger Künstler

Die Veröffentlichung des HANS KRAUT- Ofens aus dem Badischen Landesmuseum im letzten Heft VI hat zu Anfragen über den Künstler geführt. — Es würde den Rahmen des Jahresheftes sprengen, wollte man Leben und Werk des Hans Kraut umfassend würdigen. Es sei deshalb auf nachstehende Literatur verwiesen, aus der wir ausschnittsweise zitieren:

Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1964, vor allem Seite 226 ff. und Hans Brüstle, Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Neckar Verlag Villingen, 1971, Seite 144 ff. der Kurzen Kunstgeschichte Villingens von J. Fuchs. — Beide Quellen sind im Buchhandel erhältlich.

HANS KRAUT kam aus Spaichingen oder Aldingen nach Villingen. Sein Geburtsdatum ist hypothetisch, gestorben ist er um 1596. In der langen künstlerischen Tradition der Villinger Hafnerei wird in der Renaissance des 16. Jahrhunderts Hans Kraut zu ihrem bedeutendsten Vertreter. Kenner meinen, so J. Fuchs, er sei der größte Künstler, den Villingen je in seinen Mauern hatte. Nach Revellio ragen seine Leistungen vielfältiger Töpferkunst über die Grenzen unserer eigenen Heimat in die gesamtdeutsche Kunstgeschichte hinein. Er hat die Fayencetechnik nördlich der Alpen eingeführt und sie mit Virtuosität gemeistert.

 

Wortlaut der Hinweistafel auf dem Londoner Hans Kraut-Ofen; Übersetzung im Text nächste Seite, oben rechts.

 

„Selten hat ein Töpfer so ausgezeichnetes technisches Können mit künstlerischer Begabung zu vereinigen gewußt, und selten nahm einer mit so weltoffenem Sinn alle die Anregungen seiner Zeitgenossen in sich auf und verwertete sie “ ( Revellio).

Zu seinen einzigartigen Werken gehört auch der “ Londoner Ofen“ im Victoria- und Albert-Museum in London.

Einer Anregung folgend, stellen wir diesen Prachtofen vor, den wir in London fotografieren ließen. Auf dem Sitzteil des Ofens steht, wie ersichtlich, ein Hinweisschild, dessen englischen Wortlaut wir im fotografischen Bild wiedergeben. Seine Übersetzung lautet:

OFEN glasiert und emailliert, irden (Töpferware), mit Malereien und Reliefs: Im oberen Teil lsaaks Opferung, der Triumpf Mordechais und die Kreuzigung, die Tugenden und die Neun Planeten; im unteren Teil, nach Stichen von Hans Sebald Beham, Patriarchen und ihre Familien. Aus einem Haus und vielleicht vormals im Kloster St. Wolfgang in Engen (Baden).

Gefertigt von Hans Kraut aus Villingen im Schwarzwald.

DEUTSCH, datiert 1578.

 

Hans Kraut „Londoner-Ofen“

 

Dieser Ofen hat aus Villinger Sicht eine bedauerliche Geschichte. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ist dieses Schmuckstück aus dem Engener Dominikanerinnenkloster der Gemeindeverwaltung Villingens zum Kauf angeboten worden. Diese war offenbar sehr haushälterisch. Der Ofen sei, schreibt Revellio, bereits im Ratssaal gelagert gewesen, da sei er, als Verhängnis besonderer Art, „durch Konrad Meder für 5000 Mark ins Ausland verschachert “ worden. (Das erklärt die Formulierung auf dem englischen Hinweisschild „Aus einem Haus … .“, die Redakt.) 1868 fand er im Victoria- und Albert-Museum seine bleibende Stätte.

 

Hans Kraut, „Londoner-Ofen“

 

 

 


Neuer Glanz im liebvertrauten Bild: Münsterrenovation 1978 – 1982; ein großes Werk ist zu Ende (Dr. August Kroneisen)

Zur beendeten Münsterrenovation schreibt das Vor-standsmitglied,des Geschichts- und Heimatvereins Villingen und Vorsitzender des Pfarrgemeinderats Münster, Dr. A. Kroneisen :

Für das Villinger „Münster Unserer Lieben Frau“, der Mutterkirche Villingens, wurde bereits bei der Planung der Stadt am rechten Brigachufer ein großer Platz in zentraler Lage ausgespart.

Bekanntlich galt die romanische Altstadtkirche beim Friedhof, von der heute nur noch der Turm erhalten ist, im alten „Filingun“, links der Brigach als Pfarrkirche für die damalige Villinger Gemeinde. Auf ihr ruhten die Pfarrechte, auch nach dem Bau des Villinger Münsters bis ins späte Mittelalter. Erst ab 1530 hat das Münster die Funktion der Hauptkirche übernommen.

Die Baugeschichte des Villinger Münsters geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Nach den neuesten 16-mo-natigen Grabungen in den Jahren 1976 und 1977, worüber im weiteren noch zu berichten sein wird, muß ein Bau I im romanischen Stil nach 1120 angesetzt werden. Zur Stauferzeit wird der erste Bau total abgerissen und um das Jahr 1220 eine etwas größere Nachfolgekirche errichtet, eine Basilikakirche mit Mittelschiff im Langhaus und zwei Seitenschiffen. Zu diesem romanischen Kirchenbau II gehören auch das heute noch erhaltene Westportal (Hauptportal) und das Doppelportal an der Südfront.

Um 1300 nahm das Münster seine heutige Gestalt an, die Romanik wurde von der Gotik abgelöst. Es entstand der gotische Hochchor mit den 2 flankierenden Türmen, das Mittelschiff wurde aufgestockt, ein Tonnengewölbe eingebaut. Nicht spurlos gingen Renaissance und Barock am Münster vorbei; namhafte Villinger Kunsthandwerker haben an der Ausschmückung der Kirche wesentlichen Anteil.

Immer wieder wird das Münster erweitert, erneuert, restauriert. Es ist zu vermuten, daß bereits Ende des 15. Jahrhunderts eine Restauration stattgefunden hat. Eine große Veränderung — das weiß man mittlerweile aus alten Urkunden — fiel in die Jahre zwischen 1682 und 1732. Während dieser Zeit wurden die beiden Seitenschiffe nach außen und in die Höhe gebaut und Barockfenster angebracht. Immer wieder sind Eingriffe in den Fußboden erfolgt, auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde dieser im Schiff wesentlich erhöht. Die im Dachstuhl eingehängte Holztonnen-decke wurde durch eine waagrechte Stuckdecke ersetzt, auch die Seitenschiffe erhielten Stuckdecken.

Was dann 1829 im Münster geschehen ist, hat der um Villinger Kunstschätze hochverdiente Pfarrer Johann Nepomuk Oberle aus Dauchingen in seiner Chronik festgehalten. Sein Bericht ist eine einzige Anklage gegen Ungeist einer Zeit, der jeder Sinn für die Bewahrung althergebrachter Kultur-Tradition abzugehen schien. Es wurde wertvolles aus der Kirche weggenommen, Altäre hinausgeschafft, vieles verkauft, gestohlen und „verderben“ lassen. Das eiserne Gittner ( Lettner), welches den Chor vom Langhaus trennte, wurde entfernt und an Ratschreiber Josef Görlacher billig verkauft; die Chorbögen, welche von den Seitengängen in die Türme führten, wurden zugemauert. Damals wurde auch der Fußboden aufgefüllt und die Sockel der Säulen vergraben, wie auch der schöne Fuß der Kanzel vom Jahr 1500. Der Boden wurde mit neuen Platten belegt, die alten ausgehoben, worunter sich noch Grabplatten von Geistlichen, Wohltätern oder für die Stadt interessante Personen befanden; die Grabplatten wurden verkauft, berühmte Namen verschwanden.

 

Die Abbildung unten soll verdeutlichen, wie das Münster in Villingen als romanischer Kirchenbau II nach 1 220 in Größe und Architektur ausgesehen haben könnte; vgl. Seite 1 dieser Dokumentation. (Diesem Rekonstruktionsversuch dient die Abbildung der romanischen dreischiffigen Säulenbasilika ohne Querschiff der ehemaligen Klosterkirche, heute Stadtpfarrkirche, in Stein am Rhein.)

 

Wie im Chorbogen zu lesen ist, fand von 1905 bis 1909 eine weitere Restauration statt. Damals wurden zum Einbau einer Warmluftheizung Gräben gezogen, der Fußboden im Chor und im Schiff ohne Rücksicht auf frühere Grablegungen aufgerissen. Die Warmluftheizung brachte Staub in Bewegung und verschmutzte das Innere der Kirche von Jahr zu Jahr immer mehr. Dazu kamen im 2. Weltkrieg Kriegsschäden von nahen Fliegerbombeneinschlägen, besonders am Stuck entstanden Risse und Abbröckelungen, zwei wertvolle farbige Chorfenster auf der Südseite gingen zu Bruch. Durch Abgase verwitterte außen der Sandstein, herabfallende Steine vom Südturm gaben den Anstoß zur letzten Renovation von 1976 bis 1982.

Bereits 1954 wurde unter dem Geistlichen Rat, Dekan Max Weinmann, dem Ehrenbürger der Stadt Villingen, ein Förderverein für die Münsterrenovation gegründet. Hätte man die Renovation zur damaligen Zeit begonnen, wären die Angehörigen der Münster-pfarrei über den Endzustand (1982) nicht glücklich gewesen. War doch seinerzeit vorgesehen, auch auf Vorschlag des damaligen Denkmalpflegers, “ tabula rasa“ zu machen, d. h. alles nicht stilechte, einschließlich des neugotischen Flügelaltars und der Seitenaltäre im Sinne eines Purismus aus dem Münster zu entfernen. Doch die Zeit und das damals fehlende Geld halfen mit, diesen „Bildersturm“ zu verhindern.

Das Münster Unserer Lieben Frau, wie es auf uns Heutige überkommen ist, nach Beendigung der Restauration 1982.

 

1963 übernahm Herr Geistlicher Rat und Dekan Bernhard Gebele die Leitung der Münsterpfarrei. Während seiner Amtszeit bis 1980 wurde in Gemeinschaft mit dem erzbischöflichen Bauamt in Freiburg : Oberbau-direktor Triller, Oberbaurat Laule, Bauleiter Reichenbach, dem „Finanzminister“ im Ordinariat, Domkapitular Prälat Dr. Bechthold, dem Landesdenkmalamt : Dr. Gebeßler, Präsident des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg, mit den Herren der Außenstelle Freiburg : Dr. Stopfei, Dr. Schmidt -Thome, Dipl. Ing. Meckes, Dr. Leusch sowie mit dem Bauausschuß des Pfarrgemeinderats Münster und dem Stiftungsrat die Renovation noch eingeleitet und wesentliche Akzente gesetzt.

Die künstlerische Arbeitsgemeinschaft mit Prof. Elmar Hillebrand aus Köln, Klaus Ringwald aus Schonach und dem Fachberater Prof. Dr. Albert Knöpfli, Landesdenkmalpfleger aus der Schweiz, einigte sich mit dem Landesdenkmalamt, den Innenraum nicht grundlegend zu verändern, die im Laufe der Zeit hinzugekommenen Stilelemente im wesentlichen zu belassen und die Renovation von 1905 bis 1909 zum Vorbild zu nehmen.

Zusammenfassend war das Ergebnis der Beratungen: Eine durchgängige Erneuerung des Münsters in einem Baustil war nicht möglich; zu viel, an dem die spendenfreudigen Villinger mit Liebe hängen, hätte geopfert werden müssen. Der Kompromiß war zu finden, indem die Ausstattung des Münsters wieder so hergestellt wurde, wie sie nach der letzten Renovation 1905 bis 1909 war.

Begonnen wurde 1976 mit der Außenrenovation der Türme, des Daches und der Fassaden. Riesige Gerüste wurden durch die Villinger Firma Isak außen, wie auch später im Kircheninnern erstellt. Am Südturm arbeitete bis 30.9.1978 die Fa. Georg Enzenroß, Villingen, am Nordturm die Fa. Andreas Eckert, Bad Krozingen-Tunsel. Zahlreiche brüchige Steine, Ornamente und 17 Wasserspeier mußten ausgewechselt und kopiert werden. Am West- und Südportal (beide vom romanischen Bau II noch erhalten) wurden Säulen und Steine ergänzt. Beide Türme und alle Dächer wurden neu eingedeckt, besondere Schwierigkeiten machte die Beschaffung der farbig glacierten Ziegel am Nordturm, in der Fa. Girnghuber, Marlkofen, fand man einen Hersteller der gesamten Ziegelbeschaffung. Für 2,7 Millionen Mark wurden die Schäden an den Türmen, Dach und Fassaden in über zweijähriger Bauzeit beseitigt.

Neben diesen Arbeiten begann am 29.3.1976 der Restaurator mit den Voruntersuchungen an Wänden und Decken sowie die Archäologen am 15.4.1976 mit den ersten Sondierungen im Boden der Kirche. Das Ergebnis des Restaurators zeigte u. a. eine zum Teil 1 cm dicke Verschmutzung der Stuckdecke vom Jahr 1701 ff. im Langschiff.

Zur gleichen Zeit wurde — zu Lasten der Stadt —eine neue Kirchturmuhr durch die Fa. Schneider aus Schonach eingebaut; mit der Einführung des Westminsterschlags war der Stiftungsrat einverstanden. Eine neue, moderne Schaltanlage für Glocken und Uhr mußte installiert werden.

Einen überraschenden Fund machte der Restaurator Lorch aus Sigmaringen bei einer Besichtigung des Südturms: Er entdeckte die Überreste einer Sonnenuhr, die nun wieder hergerichtet werden soll.

Am 1. Mai 1978 begann mit dem feierlichen Auszug der Pfarrei aus dem Münster in die nahegelegene Benediktinerkirche die Innenrenovation des Liebfrauen-münsters. Diese herrliche Barockkirche des früher hier ansässigen Benediktinerordens sollte auf den Tag genau 4 Jahre als „Ersatz“- Pfarrkirche für die Münster-pfarrei dienen.

Zunächst begannen unter Oberaufsicht des Landesdenkmalamtes Freiburg die Archäologen mit den Grabarbeiten in der Zeit vom 18. Juli 1978 bis 1. Oktober 1979. Wertvolle Erkenntnisse für die Entstehung und Baugeschichte nicht nur des Münsters sondern der Stadt Villingen kamen unter dem Leiter der Ausgrabungen Herrn Thomas Keilhack zutage. Verwiesen wird auf dessen Beitrag im Jahresheft V des Geschichts- und Heimatvereins Villingen: „Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen — Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte“. Ebenfalls auf die 3 Vorträge des Grabungsleiters, gehalten 1980 beim Geschichts- und Heimatverein Villingen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die medizinhistorischen Untersuchungen der Skelette der 494 gefundenen Bestattungen des Paläopathologen Dr. Dieter Buhmann, Saarbrücken. Der Belegungszeitraum der Gräber konnte wissenschaftlich nicht genau abgesichert werden, doch dürfte das Ende der Belegungszeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts liegen. Dr. Buhmann hat die Skelettteile auf Alter, Geschlecht und evt. Krankheitsursachen, die zum Tode führten, untersucht und darüber im Heft IV des Geschichts- und Heimatvereins über Teilergebnisse berichtet sowie ausführlicher im September 1982 in einem Lichtbildervortrag referiert. Ein Abdruck dieser Arbeit ist im Jahresheft 1983 des Geschichts- und Heimatvereins vorgesehen. Für die medizinische Wissenschaft interessant ist die Feststellung, daß bereits zu damaliger Zeit eine Trepanation eines Schädels (Entlastungsbohrung) nachzuweisen war, um nur eine Einzelheit der Untersuchungen zu nennen.

16 Monate lang wurde gegraben und untersucht, für die Münstergemeinde eine Geduldsprobe — „es geht mit der Renovation nicht vorwärts“ — für die Interessierten und für die Münster- und Stadtgeschichte ein wertvoller wissenschaftlicher Beitrag.

Ab Oktober 1979 wurde der Boden des Chors und des Kirchenschiffs teilweise bis 30 cm abgesenkt, die Säulenfundamente, die sichtbar wurden, mußten durch die Fa. Wolfsholz, die zur selben Zeit in der füheren Franziskanerkirche arbeitete, stabilisiert werden. Leitungen wurden verlegt und eine Fußbodenheizung durch die Villinger Fa. Wursthorn eingebaut. Der Hochaltar und die Seitenaltäre wurden um ca. 1 m tiefer gesetzt, die Stufen zum Altarbereich deshalb verringert.

Nach Fertigstellung der Heizung und Anbringung einer dünnen Betondecke wurde ein Gerüst im Chor und im Langhaus erstellt. Restaurateure, Stukkateure und Maler der Fa. Ernst Lorch, Sigmaringen, gingen ans Werk, um Stuckdecken und Wände zu säubern, zu konservieren, zu vergolden, was abgestumpft war, Schäden auszubessern. Sämtliche Bilder wurden restauriert. Im Chor waren es die zwei Riesengemälde, gemalt 1909 vom Freiburger Künstler Franz Schilling, einem Schüler des elsäßischen Malers Martin v. Feuerstein, über den noch zu berichten sein wird; auf der Nordseite wird das jüngste Gericht dargestellt, auf der Südseite die Schutzmantelmadonna, die ihren Mantel über die belagerte Stadt Villingen ausbreitet. Für letzteren Entwurf und Ausführung erhielt der Künstler 1909 von der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München die große Medaille. Aus der Hand des Franz Schilling stammen auch die Wappenentwürfe, die Seitengemälde in beiden Seitenkapellen, die vier Evangelisten und Kirchenväter auf der Rückseite der Flügel am Hochaltar, ebenso die Entwürfe zu den Glasfenstern im Chor.

Erneuert werden mußten die 4 Bilder der beiden erhaltenen neubarocken Seitenaltäre, Werke des genialen Künstlers Martin v. Feuerstein, Königl. Akademie-Professor in München, geboren 1856 in Barr im Elsaß, gestorben 1913 in München, die er 1908 geschaffen hat. Dargestellt werden am Marienaltar : „Maria Tempelgang“ und „Erziehung Mariens“ sowie am Josefs-altar : „Heilige Familie“ und „Vermählung Mariens“. Als man einen Künstler suchte, der in der Lage sein sollte, Martin Schongauers „Madonna im Rosenhag“ in Colmar durch zwei Seitenflügel zu ergänzen, fiel die Wahl auf Martin v. Feuerstein. Er hat die Aufgabe nach Meinung der Kenner hervorragend gelöst.

In der Werkstatt der Fa. Lorch wurde den Bildern im Langschiff von Theodor Baierl, die „7 Freuden und die 7 Schmerzen Mariens“, alle mit stuckierten und teilweise vergoldeten Rahmen sowie den „12 Aposteln“ (2 weitere: „Paulus“ u. „Barnabas“ befinden sich seit 1909 im städt. Museum) des Villinger Künstlers Anton Schupp, geschaffen 1715 bis 1719, durch Reinigung, Auffrischung, Ausflicken, Retuschieren sowie teilweiser Neufassung, neuer Glanz verliehen.

In beiden Seitenkapellen mußten in wochenlanger Feinarbeit die Decken — als Rippennetzgewölbe ausgebildet — und die Ornamente erneuert werden. In der Südkapelle, in der vor der Renovierung das Nägelinkreuz hing und verehrt wurde, mußten u. a. die alten Innungswappen restauriert werden. Diese Kapelle wurde nun als Taufkapelle hergerichtet, der alte Taufstein, der früher am Ölberg stand, dort aufgestellt. In der Nordkapelle wurde alles vorbereitet, das Nägelinkreuz an würdiger Stelle zur Verehrung aufzuhängen.

Die liturgischen Veränderungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil werden an diesem Bild deutlich: der neue Zelebrationsaltar von Ringwald in der vorderen Mitte des Chors, dahinter die Bank, rechts das Lesepult.

 

Das von den Gläubigen seit Jahrhunderten verehrte Nä-gelinkreuz hat jetzt in der Kapelle des Nordturms seinen Platz gefunden. Es hat seinen Namen von einem Bauersmann, Andreas Nägelin. Er soll es im 14. Jahrhundert gefunden und später in schwerer Krankheit der Stadt Villingen nach visionärer Eingebung vermacht haben, zur Abwehr allen Übels, worauf er selbst gesund wurde.

 

Dieses legendenumwobene Kreuz erreichte in der Barockzeit große Bedeutung als Wallfahrtskreuz und wird auf die Mitte des 14. Jahrhunderts datiert. In jahrelanger Arbeit wurde es in der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Institut für Technologie der Malerei, unter Leitung von Prof. R. E. Straub von Fräulein Irmgard Schnell restauriert. Ein neues Glasfenster, eine Darstellung der Leidenswerkzeuge Christi, entworfen von Prof. Hillebrand, wurde eingesetzt. In dieser Kapelle befindet sich auch in der Bogenleibung ein herrlich renoviertes Renaissanceornament, wohl das schönste im gesamten Kirchenraum.

Mitten in der Zeit der Münsterrenovation erfolgte der Wechsel in der geistlichen Leitung der Pfarrei. Geistlicher Rat Gebele schied am 19. Oktober 1980 aus Altersgründen aus, Herr Pfarrer Kurt Müller, noch Pfarrer der Bruder Klaus-Pfarrei in Villingen, wurde zum neuen Münsterseelsorger ernannt. Er war bereits früher, wie auch der Villinger Bürgersohn Pfarrer Alfons Weißer, jetzt Pfarrer am Münster auf der Insel Reichenau, an der Münsterrenovation interessiert und nahm an den großen Bauausschußsitzungen teil. Die Seelsorgearbeit konnte er erst ab der Investitur an Ostern 1981 übernehmen und in das renovierte Münsterpfarrhaus einziehen. In der Zwischenzeit versorgte Herr Vikar Peter Kreutler, jetzt Pfarrer in Murg, die Pfarrei.

Nachdem das Gerüst wieder abgebaut war, erfolgte die Verlegung des Fußbodens mit sechseckigen Sandsteinplatten in drei dezenten Farben, ein Musterentwurf von Prof. Hillebrand. Nach Prof. Knöpfli eine sehr gute Lösung, keine „Fußgängerzone“. Da der Boden — wie bereits beschrieben — tiefer gelegt wurde, traten die bisher unsichtbaren Fundamente der Pfeiler und der beiden romanischen Säulen zutage, der gesamte Kirchenraum erscheint heute höher.

Nur einen Nachteil für Kirchenbesucher hatte diese Absenkung des Bodens, es mußte auf beiden Längsseiten eine Stufe in Kauf genommen werden.

An den Seitenwänden wurde die Täfelung ergänzt, der Kreuzweg und die Windfänge von der Fa. Hupfer, Villingen, renoviert. Ein neuer Windfang aus massivem Eichenholz am westlichen Hauptportal wurde erstellt, ausgeführt durch die Fa. Neininger aus Tannheim, die ebenfalls die gesamte Sakristei neu einrichtete. Die Ministranten erhielten für Aufenthalt und Unterbringung ihrer Gewänder einen separaten Raum in der Mi-chaelskapelle, oberhalb der Sakristei im Nordturm.

 

Die spätgotische Kanzel des Münsters, um 1500, mußte mit besonderer Sorgfalt restauriert werden. Die Flächen sind ausgefüllt mit der Darstellung des Kreuzwegs. Der Meister dieses Kunstwerks ist uns namentlich nicht bekannt, obwohl er an sichtbarer Stelle am Kanzelaufstieg sein Meisterzeichen hinterlassen hat.

 

Unterhalb der Sakristei wurde die neue Gasheizungs-und Toiletten-Anlage eingebaut.

Wegen der Fußbodenheizung mußte ein neues Gestühl ohne Podeste erstellt werden, zumal das alte durch Wurmbefall beschädigt war. Der Mittelgang wurde erhalten, allerdings mit 1,50 m Breite etwas verschmälert. Die neuen Stollenbänke aus massivem Eichenholz der Fa. Unmäßig u. Co. aus Freiburg-Betzenhausen für 750 Sitzplätze, ein Entwurf von Prof. Hillebrand, bilden mit ihrer klaren Linienführung einen guten Gegensatz zu dem reichgeschmückten Kirchenschiff.

Neue Arkaden- und Kronleuchter, Entwürfe von Prof. Hillebrand, wurden von der Kunstschmiedewerkstätte Klaus Walz aus Villingen ausgeführt. Die alten steinernen Weihwasserkessel wurden, nach Behebung von Schäden durch den Restaurator Lorch, wieder aufgestellt, ebenso der Ölberg an alter Stelle.

Das einzige erhaltene gotische Kunstwerk im Innern des Münsters : Die Steinkanzel mit der Darstellung des Leidens Christi in 7 Bildern, wie es in der damaligen Zeit üblich war, von einem unbekannten Meister um 1500 geschaffen, wurde durch Ergänzungen an den Profilen, Figuren und am Fundament durch die Fa. Bauer-Bornemann aus Bamberg in alter Schönheit restauriert. Die Geschichte des Kreuzes in der Mitte der Kanzel wird nach der jetzt abgeschlossenen Restaurierung sicher wieder für Jahrzehnte und hoffentlich Jahrhunderte die Gläubigen in dieser Stadt beeindrucken und ansprechen. Sie legt Zeugnis ab von der tiefen Gläubigkeit früherer Jahrhunderte, auch des unbekannten Schöpfers des Kunstwerks, und von dem Streben, durch eigenes Schaffen den Glauben kund zu tun und im Stein ein Stück der Ewigkeit zu versinnbildlichen. Die Kanzel war im 2. Weltkrieg zum Schutz entfernt worden und wurde erst nach dem Krieg am 2. Pfeiler von vorne wieder aufgestellt, nachdem sie ursprünglich am 4. Pfeiler ihren Platz hatte.

Sehr viele Überlegungen und künstlerische Einfühlung erforderte die Ausgestaltung des Chors, zumal auch mit Blick auf die Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Wie bereits beschrieben, wurde der etwas abgesenkte Hochaltar, der auch als Sakramentsaltar dient und bei der letzten Renovierung von der Fa. Marmon aus Sigmaringen geschaffen wurde, belassen, restauriert und zum Teil neu vergoldet. Das alte Chorgestühl vom Villinger Künstler Martin Herrmann mußte aus Platzgründen entfernt werden — es soll nach Restaurierung in der Benediktinerkirche aufgestellt werden. Als „Ersatz“ schmückt das von Kunstschreiner Hummel aus Heiligenberg bei Salem überholte kleinere Chorgestühl aus der Johanniterkirche den Altarraum.

Diese Firma fertigte auch zwei neue Beichtstühle an und paßte sie den Formen des Chorgestühls an.

Eine Priesterbank aus Stein, entworfen von Prof. Hillebrand, unterteilt den Chorraum. Den Mittelpunkt bildet die neue Altarinsel, ein Kunstwerk des Schonacher Künstlers Klaus Ringwald. Der Zelebrationsaltar steht, was die Ausgrabungen bewiesen, an derselben Stelle wie die früheren Altäre des Baues I und II. Er besteht aus einem gelblichen rundumbehauenen Mo-nolit aus italienischem Quarzit, an den 4 Ecken mit lebendigem Rankenwerk überzogen. Auf allen 4 Seitenflächen wurden in je einem rautenförmigen Feld ein gegossenes Silbermedaillon eingelassen. Die Darstellungen sind Maria auf der Totenbahre, korrespondierend : Die Aufnahme Mariens in den Himmel, dann der Hirsch an der Tränke und der Pfau, Bote der kommenden Herrlichkeit. Der Ambo (Lesepult) ist aus demselben Material und ähnlich behauen wie der Altar.

Alle noch erhaltenen Chorfenster wurden ausgebaut und in Freiburg durch die Fa. Karl Isele gereinigt, danach erhielten alle Fenster im Chor und Langschiff eine Schutzverglasung. Die beiden zerstörten Chorfenster im Süden werden in nächster Zeit — nach Entwürfen von Prof. Hillebrand — von der ältesten deutschen Glasmalerei, Fa. Dr. H. Oidtmann, Linnich, ergänzt. Dargestellt wird u. a. die Jakobsleiter, Verbindung zwischen Himmel und Erde.

In mühevoller Arbeit wurde der Chorraum und der Altar durch die Fa. Bode-Christ ausgeleuchtet sowie die gesamte Installation im Kirchenraum ausgeführt. Zwei neue versilberte Holzleuchter an den Wänden, von Herrn Ringwald entworfen und gestaltet, deuten den ca. 1721/24 abgebrochenen Lettner an. Lautsprecher und Liedanzeiger wurden neu installiert, farblich den Pfeilern angepaßt.

Weshalb braucht das Münster nun noch eine neue Orgel? „1909 war das damals von der Fa. Schwarz aus Überlingen gebaute Instrument eine sehr gute Orgel, mit 32 Registern auf 2 Manualen und pnaumatischen Kegelladen. Im Jahre 1967 wurde ein Um- und Erweiterungsbau durchgeführt. Die Orgel wurde auf 3 Manuale und 47 Register erweitert. Sie erhielt ein neues elektrisch gesteuertes Rückpositiv mit Schleifladen, einen neuen elektrischen Spieltisch. Das vorhandene alte Material wurde, soweit möglich, umintoniert.

 

Das letzte der Reliefbilder der Münsterkanzel zeigt die Kreuzesabnahme.

 

Aus finanziellen Gründen mußte auf den Einbau von Schleifladen für Haupt- und Schwellwerk, ebenso Pedalwerk verzichtet werden. Die Diskrepanz war unüberhörbar: Gegenüber dem Rückpositiv sprachen die übrigen Werke mit ihren Kegelladen nur sehr schleppend an, so daß eine Homogenität des Plenums nicht zustandezubringen war. Ein Bach’sches Trio war nicht exakt realisierbar.“ Soweit die Ausführungen des Freiburger Orgelsachverständigen Prof. Dr. Hans Musch über die Situation 1977.

Die weitgesteckten Renovierungsarbeiten am Münster gaben Anlaß zu weiteren Überlegungen. Die im Zuge der Innenrenovation angestrebten Lösungen werden Gegebenheiten schaffen, die in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr zu verändern sind. Rein äußerlich waren durch den unförmigen Orgelkasten die Platzverhältnisse sehr ungünstig. Die äußere Form und Aufbau der Orgel, namentlich des Rückpositives, wurden vom Denkmalamt beanstandet. Hinzu kamen neue Denkanstöße im Zusammenhang mit der begonnenen Restaurierung des Franziskaner-Konzerthauses. Ein dort vorgesehener Einbau einer großen Konzert-Orgel kam aus finanziellen Gründen nicht zustande. Die fast einhellige Meinung der Experten aus vielen Sitzungen resultierend war so, daß man eine allen Ansprüchen gerechte Orgel für das Münster vorsehen möge. Die Stadt hat dann auch ihr besonderes Interesse dadurch bekundet, daß sie dafür Sonderzuschüsse bewilligte.

Unter diesen Gegebenheiten konnte nur noch ein Orgel-Neubau in Frage kommen.

Nach einer üblichen Ausschreibung ging der Zuschlag durch den Stiftungsrat an die Fa. Hubert Sandtner in Dillingen/Donau. Diese wird wertvolles Pfeifenmaterial nach entsprechender Umarbeitung wieder verwenden, der Spieltisch und das Rückpositiv der alten Orgel wurden verkauft. Zu erwähnen ist, daß ein Aus-und Wiedereinbau der alten Orgel, was während der Restaurierung des Münsters dringend notwendig gewesen wäre, ca. DM 250000.— gekostet hätte. Die neue Orgel, die bis Weihnachten 1982 teilweise spielbar sein und an Ostern 1983 eingeweiht wird, besteht aus 3 Manualen und Pedal mit 60 Registern; Glockenspiel und Cymbelstern können z. Zt. aus finanziellen Gründen nicht eingebaut werden. Die Orgel hat mechanische Spieltraktur, nach dem Vorbild der Barockorgel sowie elektrisch gesteuerte Registerzüge. Die Pfeifen stehen auf Schleifladen. Die äußere Prospektgestaltung der neuen Orgel wird sich der gelungenen Innenrenovation des Münsters hervorragend einfügen. Außer einer Bereicherung der musikalischen Gottesdienst-Gestaltung sind Orgel-Konzert-Reihen vorgesehen. Die von Bildhauer Ringwald entworfenen Bronzetüren des westlichen Haupteingangs und des doppelten Johannes-Südportals — das Münster war zuerst Johannes dem Täufer geweiht — werden erst im Laufe des Jahres 1983 fertiggestellt werden können. Die Reliefs, Darstellungen aus dem Marienleben am Hauptportal sowie Johannes des Täufers und des Evangelisten Johannes am Südportal, werden ein künstlerisches Meisterwerk sein.

Ebenfalls wird man auf neue Fenster in den Seitenschiffen aus finanziellen Gründen noch einige Zeit warten müssen. Vorgesehen ist nur die baldige Anschaffung von 2 bereits gestifteten Fenstern beiderseits vorne als „Musterfenster“, die zu Fensterspenden anregen sollen! Diese Fenster haben als Mittelpunkt je ein Medaillon mit Themen aus dem Leben Jesu, Vorschläge von Herrn Pfarrer Weisser, Insel Reichenau. Die Ausgaben für die Innenrenovation belaufen sich auf DM 4,8 Mill., so daß der Gesamtaufwand für die Restaurierung DM 7,5 Mill. beträgt. Davon kamen durch die Spendenfreudigkeit der Bevölkerung ca. DM 1,8 Mill. zusammen.

Die örtliche Bauleitung hatte im 1. Bauabschnitt, der Außenrenovation, Herr Oberbaudirektor a. D. Julius Nägele, im 2. Bauabschnitt, der Innenrenovation, Herr Architekt Hermann Hupfer.

Dem Bauausschuß bzw. Stiftungsrat gehörten während der Renovierungszeit an:

Frau Uta Baumann, Herr Emil Daiger ( bis 19811, Herr Karl-Heinz Fierhauser, Herr Dr. Fuchs (bis 1981), Frau Frida Heinzmann, Herr Dr. August Kroneisen, Frau Irmgard Lindner, Herr Ewald Merkle, Herr Wilhelm Moser (bis 1978), Herr Karl Säger, Herr Hubert Waldkircher.

Am 2. Mai 1982 fand zur Wiedereröffnung des Münsters die Altarkonsekration durch Herrn Erzbischof Dr. Oskar Saier, umrahmt von Mozarts Krönungsmesse, aufgeführt durch den Münsterchor unter Leitung von Chordirektor Eduard Wassmer, statt. In den Altar eingeschlossen wurden Reliquien der heiligen Märtyrer Urbicus und Virginia. Eine Festwoche mit verschiedenen Veranstaltungen schloß sich an. Zum Schluß seiner Predigt mahnte der Erzbischof, das künstlerisch schöne Münster nicht zum Museum werden zu lassen sondern darin die Nähe Gottes und Mariens im Gebet zu suchen. Auch der Präsident des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, Dr. Gebeßler, meinte in einer Bauausschußsitzung: „Wir verstehen eine Kirche nicht als Kunstdenkmal sondern als Gotteshaus, in dem der Gläubige zur Ruhe, zum Gebet, zur religiösen Erfahrung kommt und sein innerstes Empfinden auch ausdrücken kann.“

Hoffen wir, daß das Jahrhundertwerk der Münster-pfarrei Villingen lange in diesem Sinne in Frieden und Freiheit den Villinger Gläubigen und allen Besuchern dienen wird.

 

Das Bickenkloster in Villingen – Zum Jubiläum des 200-jährigen Bestehens des »Lehrinstituts St. Ursula« (Helmut Heinrich)

 

Eine ältere Aufnahme zeigt die Front an der Bickenstraße des „Weiblichen Lehrfrauen-Instituts St. Ursula — Villingen“.

 

Im reichen Bildungsangebot des Oberzentrums Villingen -Schwenningen hat das „Lehrinstitut St. Ursula“ seinen festen Platz. 380 Schülerinnen aus der Stadt und der Umgebung, Externe und Interne, besuchen die drei Schularten, das Progymnasium, den angeschlossenen Realschulzug und die Wirtschaftsschule. „St. Ursula, die Klosterschule“, wie die Bürger kurzweg sagen, ist „eine Schule in freier Trägerschaft“.

1982 sind es 200 Jahre seit der Aufhebung von St. Klara, dem Bickenkloster sowie der Auflösung des angrenzenden Klosters der Dominikanerinnen und der Gründung des „Lehrinstituts St. Ursula“ durch die Freiburger Ursulinen.

Bereits im 13. Jahrhundert bestand eine klösterliche Gemeinschaft von Tertiarinnen, die nach der Zisterzienser-Regel lebte, später jedoch ein offenes Kloster wurde. Zweihundert Jahre nachher war es ein Anliegen des Rates und der Bürgerschaft der Stadt Villingen, dieses Biggenkloster in ein beschlossenes Kloster umzuwandeln. Heinrich Karrer, der in Villingen geborene Franziskanerprovinzial und Visitator der Klarissen, erreichte, aufgrund seiner Beziehungen zum Heiligen Stuhl in Rom, daß Papst Sixtus IV. die Umwandlung der Villinger „Sammlung“ in ein beschlossenes Kloster St. Klara verfügte.

 

Ursula Haider, die erste Äbtissin von St. Klara. Der in Villingen geborene Franzis-kaner-Provinzial Heinrich Karrer holte diese heiligmäßige Frau aus dem Klarissenkloster Valduna in der Nähe von Rankweil in Vorarlberg. Am 29. April 1480 übernahm sie ihr Amt in Villingen, 1489 legte die körperlich leidende Frau die Leitung des Klosters in die Hände der Mitschwester Klara Wittenbach aus Valduna. Am 20. Januar 1498 ist die fromme, umsichtige und tüchtige Nonne fünfundsiebzigjährig gestorben. 1701 hat man ihre Gebeine erhoben und in die Südwestwand der Klosterkirche beigesetzt.

 

Und wieder war es der Franziskaner Heinrich Karrer, der die Äbtissin von Valduna bei Feldkirch, Ursula Haider, und einige ihrer Mitschwestern beauftragte, nach Villingen zu gehen. Am 18. April 1480 machte sich Ursula Haider auf den Weg, und am 29. April 1480, nach dem Empfang durch den Rat und der anschließenden HI. Messe im Münster „Unserer lieben Frau“ zogen alle zum kleinen Biggenkloster. Bald darauf erfolgte die „ewige Beschließung“. Es ist sehr interessant, die Geschichte der Beschließung und der recht abenteuerlichen Reise, die eine Nachfolgerin niederschrieb, zu lesen.

St. Klara zu Villingen war ein armes Kloster, „die Kapelle finster und feucht“. Durch Ursula Haider erfolgte der Ausbau. Sie widmete sich mit ganzer Hingabe der Vertiefung der Religiosität. Als fromme Frau und voll in ihrer Zeit wirkend, erreichte sie, als besonderen päpstlichen Gnadenerweis, die Ablässe der sieben Hauptkirchen und des Heiligen Landes für ihr Kloster zu erhalten ( Urkunde vom 30. August 1491/ Klosterarchiv St. Ursula). Die ursprünglich auf Pergament geschriebenen „Gnadengaben“ wurden später in Sandsteinplatten gehauen und, „gotischen Kirchlein gleich“, als Andachtsstätten in die Wände der Klosteranlage eingemauert.

Vierzehn Frauen lebten anfangs in dieser klösterlichen Gemeinschaft. Durch das heiligmäßige Leben Ursula Haiders, der „ehrwürdigen Mutter“, wuchs die Bedeutung des Klosters als Stätte der Verinnerlichung im Sinne der spätgotischen Mystik. Das erkennen wir auch in den kunsthandwerklichen Arbeiten der Klöster in jener Epoche. Die wertvollen Bildteppiche „Christi Geburt“ mit den Darstellungen des heiligen Franz von Assissi und des heiligen Ludwig, Bischof von Toulouse, die schöne „Anbetung der Könige“ sowie das feine Sticktuch „die Wurzel Jesse“ im Museum „Altes Rathaus“, VS-Villingen, sind aus dem St. Klara-Kloster zu Villingen.

Ursula Haider starb 1498; sie ruht neben dem Altar auf der rechten Seite des Chors in der Kapelle. Die Oktav ihres Todestages wird heute noch in einer besonderen Andacht begangen. Ein Gemälde im Konvent des heutigen Ursulinenklosters zeigt nach alter Überlieferung die Äbtissin Ursula Haider „bei dem schrecklichen Gewitter, das die Stadt zu vernichten drohte, auf den Knien, sich selbst als Sühneopfer darbietend, zur Rettung der Stadt“. In der Chronik über die Äbtissin wird dann von der Erscheinung der „Königin der Barmherzigkeit“ mit dem Jesuskind, der Zwiesprache und von der Rettung der Stadt berichtet.

Die Reformation brachte für das Kloster der Klarissen keine Veränderungen. Zur Zeit des Bauernkrieges 1525 gab es ernste Sorgen. Als der Konvent 1580 das einhundertjährige Bestehen von St. Klara beging, waren es 25 Schwestern, die hier lebten. Das Kloster konnte baulich erweitert werden, die Klosterkirche erhielt 1610 eine Orgel.

In den Wirren des 30-jährigen Krieges gelang es zwar den gegnerischen Heeren nicht, bei dreimaliger Belagerung 1633 und 1634 die Stadt zu erobern, doch waren die Zerstörungen des Klosters, das ja auf der Angriffsseite lag, beachtlich. Die Folgen waren Armut und teilweise eine Verringerung des Konvents, indem ein Teil der Schwestern von benachbarten Klöstern aufgenommen werden mußte. Schließlich wurden 1653 zwei Schwestern ausgesandt, für den Wiederaufbau des Kirchleins „das heilige Almuesen zu ersammeln“. Die Äbtissin Juliana Ernestin (1655 – 1665) gedenkt in einem Schreiben, das im Turmknopf der wieder errichteten Kirche aufgefunden wurde, voll Dankbarkeit all der Mühen der beiden Pilgerinnen, ihrer glücklichen Heimkehr und der 600 Gulden, die sie mitbrachten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand der neue Ostflügel, der Wohntrakt. Schließlich wurde der Aufbau der Kapelle abgeschlossen (1737).

Wenige Jahrzehnte später kamen neue Schatten und tiefe Besorgnis: Der Geist der Aufklärung richtete sich auch gegen Ordenspersonen. Kaiser Joseph II., der Sohn Maria Theresias, hob in den habsburgischen Landen die „beschaulichen Klöster“, die kontemplativen Gemeinschaften auf.

Es war an den Fastnachtstagen des Jahres 1782, als ein Schementräger an der Klosterpforte erschien und den entsetzten Klarissen die nahe Aufhebung des Klosters kundtat. Der Abt des Benediktiner-Klosters St. Georgen in Villingen, Anselm Schababerle, bestätigte diese Botschaft, hielt sich doch die kaiserliche Aufhebungskommission bereits in der Stadt auf. Die Klausur mußte geöffnet werden, der landesherrliche Kommissär M. von Gleichenstein, gab dem versammelten Konvent das Aufhebungsedikt bekannt. Die Klosterfrauen hatten sich zu entscheiden „in die Welt zurückzukehren“, oder in ein anderes Kloster, das der Unterrichtung der Jugend, oder der Krankenpflege diene, einzutreten.

Das kaiserliche Edikt wurde in seiner ganzen Härte verwirklicht, die Bestände mußten genau inventarisiert und unter „Schloß und Siegel“ gelegt werden. Zahlreiche Schriften verbrannten. „Zwischen Furcht und Hoffnung lebten die Töchter von St. Klara dahin und bestürmten den Himmel mit ihren Gebeten“ (Chronik des Klosters St. Ursula).

Doch die Klarissinnen wurden nicht allein betroffen. Das nahe Kloster der Dominikanerinnen ( einstige Vetter-Sammlung), von dem zwei Schwestern bereits an der von Maria Theresia eingerichteten „Normalschule“ unterrichteten, durfte nicht mehr weiterbestehen.

Eine Wende brachte ein Beschluß des Rates der Stadt Villingen, die beiden Konvente der Klarissen und der Dominikanerinnen zu vereinigen, die Annahme der Regel eines Lehrordens zu empfehlen, und den Ordensfrauen die Unterrichtung der Mädchen anzuvertrauen. Der kaiserliche Hof genehmigte den Vorschlag, so daß nach längeren Verhandlungen das Kloster St. Ursula in Freiburg im Breisgau beauftragt wurde, die beiden nun vereinten Villinger Frauenklöster in ein “ Ursulinen – Institut“ nach der Regel der französischen Gründerin dieses Lehrordens Anne de Xainctonge (1567 – 1621) umzuwandeln.

So war aus den alten „beschlossenen Klöster“ St. Klara und St. Katharina der neue Konvent St. Ursula hervorgegangen, tief verwurzelt in der klösterlichen Tradition von fünf Jahrhunderten, doch nun geöffnet hin zu den Anliegen der Welt durch die Aufgabe der Jugenderziehung.

 

Sr. Marie-Luise hat die Entwicklung der klösterlichen Gemeinschaften im nebenstehenden Stammbaum aufgezeichnet. Der Strang oben rechts, der „Vettersammlung „, ist die Linie der Dominikanerinnen; vgl. hierzu die Ausführungen im Text.

 

Es war am 16. Oktober 1782, als die zwei Klosterfrauen, begleitet von ihrer Superiorin im Bickenkloster eintrafen. Maria Lichtenauerin war als Oberin vorgesehen, die andere, Maria Salesia Königin, übernahm den Aufbau der Schule, die Organisation des Unterrichts und die Ausbildung der Lehrfrauen. Das waren anfangs schwere Jahre, vor allem für die Priorin, die ihr Amt „im heiligen Gehorsam und auf die Gnade des Herrn“ führte.

Frau Maria Lichtenauerin, nun die Schulpräfektin, bot recht bald Französisch als Unterrichtsfach an. 1783 folgten die ersten öffentlichen Prüfungen mit guten Ergebnissen. Da die „Klosterschule“ immer mehr Zuspruch erfuhr, erfolgte bald die Einrichtung eines Internats für auswärtige Schülerinnen.

Das Bemühen der folgenden Superiorinnen des Lehrinstituts St. Ursula galt dem Ausbau der Schule, der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte, der Schaffung von Schulraum und innerhalb der Gemeinschaft der Fürsorge für das Gotteshaus und der Pflege der Liturgie. Die beiden Seitenaltäre der Dominikanerinnen-Kirche wurden in die Kapelle von St. Ursula eingebaut, die der ehemaligen Klarissen, die „schwarzen Altäre“ wurden verkauft bzw. verschenkt.

Die kriegerischen Folgeereignisse der französischen Revolution, 1792 – 1807, wirkten sich störend auf das Klosterleben und den Unterricht aus. Ein Teil der Frauen floh. Einquartierungen von Soldaten, Unterbringung von Kriegsgerät und Requirierungen im Kloster verursachten vielfältige Belastungen.

Die Koalitionskriege und ihre Folgen brachten mehrfachen, recht unglücklichen Herrschaftswechsel über die Stadt. Schließlich fiel Villingen im Pariser-Vertrag vom 12. Juli 1806 an das Großherzogtum Baden. Nach harten Zeiten stellte der badische Kommissär den status quo wieder her, das Kloster blieb bestehen, doch war es viel ärmer geworden.

Durch das sog. Regulativ der badischen Regierung von 1811 erfolgten schwere Eingriffe in die Gemeinschaft. Dieser Erlaß „regelte“ das religiöse und berufliche Leben; die Aufnahme und die Ausbildung der Kandidatinnen und begrenzte weiterhin die Zahl der Klosterfrauen.

In einer Schrift, die 1824 erschien, richtete sich die „erweiterte und verbesserte Erziehungsanstalt an dem weiblichen Ursuliner-Institut zu Villingen „an die Eltern und „Vormünder“. Sie bringt darin auch die Einteilung der Unterrichtsstunden für die „Pensionaires“. Diese Kurse wurden von der Bevölkerung dankbar angenommen, boten sie doch eine Weiterbildungsmöglichkeit der Mädchen nach dem Besuch der Volksschule.

Anne de Xaintonge , die französische Gründerin der Gesellschaft der heiligen Ursula; geboren 1567 in Dijon, gestorben 1621 in Döle.

 

Während des Kulturkampfs brachte das Jahr 1876 mit der Aufhebung der konfessionellen Volksschulen die Einführung der Simultanschule. „Die Klugheit der Superiorin Xaveria Dietz, die dem Kloster von 1850 bis 1899 vorstand, und die einsichtige und opferfreudige Gesinnung der Institutsmitglieder“ brachten die Entscheidung, den Unterricht in Villingen wie bisher fortzusetzen. In seinem Bericht vom 22.10.1873 an das Großherzogliche Ministerium des Innern hatte Altbürgermeister Wittum bereits in seiner Eigenschaft als landesherrlicher Kommissär „die altehrwürdige Stätte am Bickentor zu Villingen als Musteranstalt im Sinne des Staates“ herausgestellt.

Es änderte sich in der konfessionellen Struktur der Schule kaum etwas, waren doch die wenigen evangelischen Schülerinnen, vor allem aus Nordstetten, schon immer in der Mädchenschule zusammen mit den katholischen Schülerinnen unterrichtet worden, wobei es keine Schwierigkeiten gab.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden in der Verfassung des Landes Baden die Beschränkungen den Klöstern gegenüber und ihren schulischen Einrichtungen aufgehoben.

1933 waren es in St. Ursula 56 Lehrfrauen, 2 Novizen, 24 Laienschwestern und eine Postulantin. Sie unterrichteten an der Volks-, Bürger- und Fortbildungsschule und hatten ferner eine sechsklassige „Realschule“ und eine Frauenarbeitsschule aufgebaut. Trotz des Abschlusses des Konkordats 1933 zwischen der national-sozialistischen Regierung und der katholischen Kirche zeigte sich doch recht bald die Absicht des Regimes, „die Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ voranzutreiben. Diese Bemühungen, das nationalsozialistische Gedankengut immer mehr zu verbreiten, vor allem unter der Jugend, hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Lehrtätigkeit in St. Ursula. 1940 mußte das „Lehrinstitut St. Ursula zu Villingen“, mit Schule und Internat, nach mancherlei Schikanen seine Pforten schließen. Es wurde ein Lager für Volksdeutsche aus der Sowjetunion und Rumänien in den Räumen der Schule und des Pensionats eingerichtet. Gegen Kriegsende diente es als Altersheim für Bewohner des Raumes Karlsruhe/Mannheim. Nach 1945 erfolgte die Wiedereröffnung des Pro-gymnasiums und der Wirtschaftsschule. Vier Jahre später konnte das neu ausgebaute Internat wieder auswärtige Schülerinnen aufnehmen.

1970/71 wurde der Erweiterungsbau, an der Bärengasse mit den Fachräumen für den naturwissenschaftlichen Unterricht, für den musischen Bereich und einigen Klassenräumen eingeweiht.

Mit Beginn des Schuljahrs 1977/78 wurde dem Pro-gymnasium ein Realschulzug angeschlossen. Der Schulkomplex St. Ursula verfügt durch die Einrichtung eines Sprachlabors, der Neuausstattung der Lehrküche und die schöne Turnhalle über alle Einrichtungen, die für Unterricht, Erziehung und Bildung notwendig sind. Der Unterricht einschließlich Arbeitsgemeinschaften kann voll nach der Stundentafel erteilt werden.

Heute steht Schwester Eva Maria Lapp dem Kloster St. Ursula als Superiorin vor, Schwester Gisela Sattler ist Leiterin der Schulen.

Wie Vieles wäre noch zu berichten. Da wären die bedeutenden Superiorinnen im vergangen Jahrhundert noch zu nennen und jene aus unseren unruhigen Jahrzehnten. In Dankbarkeit wollen wir zum Jubiläum auch an alle Lehrfrauen denken, die segensreich Generationen junger Mädchen unserer Stadt, des Umlandes und von weiter her erzogen, förderten, christliche Wegleitung gaben und geben, heute unterstützt durch weltliche Lehrkräfte, und an alle Schwestern, die, getreu ihrem Gelübde vielfältigen Dienst getan und tun für die klösterliche Gemeinschaft und die Stadt.

„Wer andere mit der Flamme der Wissenschaft

und der Liebe Gottes entzünden will,

muß selbst von heiliger Liebe brennen.“

Anne de Xainctonge

Klosterkirche St. Klara der Ursulinen mit Grab der ehrwürdigen Äbtissin, hinten rechts (Kreuz).

 

 

Das Klarissenkloster (links) und das Kloster der Dominikanerinnen (rechts) entlang der östlichen Stadtmauer. (Zeichnung Ende 17. Jahrhundert)

 

 

 

 

Bild am Romäusturm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einem kleinen Festakt vor Ort erfolgte am 10. Oktober 1981 in Anwesenheit des Oberbürgermeisters die Enthüllung des neuen Romäusbildes. Der Vertreter des Geschichts- und Heimatvereins Vil-lingen hielt die Festansprache. Es ist das Verdienst der Narrozunft Villingen mit ihrer „Aktion Romäusbild „, daß durch die Spendengroschen von Bürgern und Gewerbe das Werk möglich wurde. In Zusammenarbeit mit Professor H. K. Schlegel (Stuttgart) schuf der Villinger Malermeister Manfred Hettich das Bild.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das alte Romäusbild zeigt die restaurierte Form einer älteren Vorlage von Albert Säger (1891). Das Bild verrät den Stil der Historienmalerei, die für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts typisch ist. Es hatte nur wenige Jahrzehnte Bestand und war nach dem Zweiten Weltkrieg durch Verwitterung gänzlich verschwunden.

 

 

Das Franziskaner

Im alten Glanz: 1292 (Weihe) bis 1797

Kloster der Brüder des heiligen Franziskus. Seit 1268 Ort des Gottesdienstes und des Wirkens der Mönche für und mit der Bevölkerung. Versammlungsraum der Bürger bei wichtigen öffentlichen Anlässen.

Ohne Glanz: 19. Jahrhundert bis 1982

Pferdestall, Kaserne, Kriegsmagazin, Feldbäckerei, Scheune, Fruchtspeicher, im Dritten Reich Lager und Versteigerungsort der Möbel jener jüdischen Mitbürger, die ihre Stadt verlassen mußten, Herberge für Flüchtlingselend nach 1945, Lager für Rundfunk-und Fernsehgeräte und im Klosterbereich, außerhalb des Kirchenraums, „Spital“, d. h. Altersheim.

Neuer Glanz: 1982 Konzerthaus der Stadt, Museumserweiterung und Archiv.

Teilfertigstellung: Kirche, Kreuzgang und Erdgeschoß sowie Teile der Obergeschosse, Garderoben, Foyer.

Zur festlichen Eröffnung des Franziskaner- Konzerthauses am 17. September 1982 hatten sich auch Patres jenes Ordens eingefunden, der in diesem ehemaligen Kloster jahrhundertelang für die Menschen der Stadt wirkte.

 

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Stadtbau-direktor Karl Böhler, städt. Beauftragter für Denkmalpflege, drucken wir nachstehend zur Einführung seinen Beitrag „Zum Um- und Ausbau des ehemaligen Klosters“ ab, der in einer Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten im September 1982 erschienen ist.

Im Januar 1978 wurde das Planungs- und Nutzungskonzept für den Ausbau des ehemaligen Franziskanerklosters endgültig verabschiedet. Mit dem Theater am Ring, der Konzerthalle mit Foyer und Ausstellungsräumen, dem Museumsbereich im ehemaligen Klostergebäude und dem Osianderhaus sowie dem Stadtarchiv sollte ein einmaliges kulturelles Zentrum geschaffen werden.

Programm und Aufgabe waren bzw. sind

1. Nutzung des ehemaligen Kirchenraumes und Chores als Konzerthalle. Ausbau, Ausstattung und Gestaltung sind auf diese Zweckbestimmung auszurichten. Für die Meisterkonzerte war ein Fassungsvermögen von 800 bis 900 Besuchern anzustreben. Es war in Abstimmung mit der Denkmalpflege zu prüfen, ob durch eine Empore die gewünschte Besucherzahl erreicht werden kann. Besonderer Wert wurde auf die Raumakustik gelegt.

2. Für die Besucher waren angemessene Frei – und Bewegungsflächen anzubieten durch Einbeziehung des Kreuzganges mit einer Verglasung oder eine Überdachung des Innenhofs.

3. Das Refektorium soll für Repräsentationszwecke zur Verfügung stehen. Die ehemaligen Wirtschaftsräume und der überdachte Wirtschaftshof sollten für Wechselausstellungen eingerichtet werden. Ein kleines Theaterbufett war mit einzuplanen.

4. Alle übrigen Räume in den oberen Geschossen des ehemaligen Klostergebäudes waren für Museumszwecke auszuweisen, mit Ausnahme der Garderobenräume für Mitwirkende.

5. Das Osianderhaus soll im Erdgeschoß ein Regionalmuseum für Vor- und Frühgeschichte, im 1. und 2. Obergeschoß das Stadtarchiv aufnehmen.

Die Sanierung des ehemaligen Franziskanerklosters verlief in 3 Hauptphasen :

1. Sicherung und Erhaltung der wertvollen Bausubstanz. Das historische Erbe, das die Stadt Villingen – Schwenningen mit der Übernahme des ehemaligen Klostergebäudes und des Osianderhauses angetreten hat, stellte hohe Ansprüche hinsichtlich der Sicherung und Erhaltung unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten. Die Überlegungen nach einer neuen Nutzung gehen bis in die 60iger Jahre zurück, in die Zeit, als der Spitalfond zu der Erkenntnis kam, nur in einem neuen Haus könne der Auftrag der Stiftung, nämlich die Pflege und Betreuung der alten Menschen, voll erfüllt werden. Im Juli 1978 verließen die letzten Heimbewohner die Räume an der Rietgasse und Rietstraße. Damit stand der gesamte Gebäudekomplex frei für bauliche Maßnahmen. Ein erster Schritt war eine Bestandsuntersuchung der tragenden Konstruktion, der Mauern, der Decken und des Dachstuhls. Es war ein Neubeginn notwendig. Vorliegende Gutachten und durchgeführte Sanierungen erwiesen sich als nicht tragfähig. Es galt ein konstruktives Konzept zu finden ohne störende Eingriffe in den früheren Sakralraum und den Chor.

Hier zeigten sich erste Schwierigkeiten. Die bisher unkontrollierbare Eigenbewegung des gewaltigen Dachstuhles sowie die bis zu einer halben Mauerstärke überhängende Traufe der Ostwand haben zu einer Verformung geführt, die eine akute Gefährdung darstellte. Das meterdicke Mauergefüge mit seiner inneren und äußeren Schale ohne statische Bindung der Füllschicht war nicht in der Lage, bei einer Länge von 40 m und einer Höhe von 11 m alle auf sie einwirkenden Kräfte aufzunehmen.

Eine statische Sicherung konnte nur durch einen Vertikalpfeiler mit einer Rückverankerung zur Westwand im Boden und über den Dachraum erreicht werden. Nachdem das Landesdenkmalamt Bedenken gegen außenliegende Pfeiler anmeldete, wurde die Hallenwand an der Rietgasse in einer Breite von ca. 6 m auf die gesamte Höhe ausgebrochen und mit einem Stahlbeton-kern gesichert. Formal wurde so die alte Mauerflucht erhalten. Weitere Schäden, fast noch schwerwiegender, zeigte die Hallenwestwand. Nach der Säkularisation waren im nordwestlichen Teil der Halle Pferdestallungen untergebracht. Die Folge war eine fortschreitende Zerstörung des Mauerwerkes.

Durch zwei Maßnahmen konnte hier eine Sicherung erreicht werden : durch das Verfahren einer Vernadelung, d. h. ein diagonal versetzes Aufbohren der schadhaften Wand, das Einführen von Bewährungsstählen und das Ausgießen der Hohlräume mit Zementmilch. Dabei mußte mit großer Vorsicht zu Werke gegangen werden, damit die Putzschicht der Halleninnenwand für die spätere Restaurierung erhalten blieb. Eine weitere Sicherung konnte durch das Einziehen einer Empore erreicht werden. In das Flächentragwerk der Stahlbetondecke wurden alle umgrenzenden Wände verankert.

Ein neues Problem brachte das Öffnen der Chorwand sowie das Ausbrechen der Mauerbrüstungen und der Geschoßdecken. Hier wurde zunächst die Tragfähigkeit der schlanken Mauerpfeiler durch endoskopische Aufnahmen überprüft. Dabei zeigte sich, daß die Pfeiler nicht homogen hochgemauert, sondern im Innern mit Bruchmaterial verfüllt waren und große Hohlräume aufweisen. Dazu kamen die Zerstörungen durch das Einziehen der Geschoßdecken und der Fensterbrüstungen. Auch hier erfolgte eine Vernadelung nach dem bewährten Verfahren.

Die gesamten Sicherungsmaßnahmen haben einen Kostenaufwand von ca. DM 2,5 Mio. erfordert, wobei allein für die Dachstuhlsanierung ein Betrag von ca. DM 250000.— und für die Unterfangung der Wände im Bereich des Foyers ein Betrag von ca. DM 350000.—aufgewendet werden mußten.

Das Franziskaner-Areal in der Neuplanung.

 

2. Erst nach Abschluß der baulichen Sicherung konnte die 2. Phase, der Ausbau nach dem vorgegebenen Raumprogramm in Angriff genommen werden.

Schwerpunkte beim weiteren Vorgehen waren Fragen der Akustik, der Bauphysik, des Raumklimas, des baulichen Brandschutzes, der Einbruchsicherung.

Eine Konzerthalle stellt hohe Ansprüche an die Raumakustik. Ein Raum muß antworten, pflegen Akustiker zu sagen. Eine Antwort ist aber nur möglich, wenn alles stimmt, wenn die Verständlichkeit auch in den Randbereichen vorhanden ist. Schon bald wurde ein Akustiker zur fachlichen Beratung hinzugezogen, der bestimmend Einfluß auf die Gestaltung der Wände, der Decken, der Empore sowie der Einrichtung und Ausstattung nehmen sollte.

Die Bauphysik und das Raumklima brachten eigene Gesetzmäßigkeiten in die Diskussion zwischen Denkmalpfleger, Architekt und Ingenieur. Vorrangig standen die Belange der Denkmalpflege : Erhaltung und Sicherung der alten Wandmalereien, der Putzschicht und Putzstrukturen vorwiegend an der Westwand, an der Chorwand sowie im Chorraum, in Bereichen, die nach der Zerstörung von 1705 noch erhalten geblieben sind und die Säkularisation und die Folgejahre schadlos überstanden hatten.

Es galt ein Raumklima zu schaffen, das einmal den Ansprüchen von Ausstellungen und der musealen Nutzung entsprach und zum anderen dem Besucher einer mehrstündigen konzertanten Aufführung kein raumklimatisches Unbehagen aufkommen ließ. Die mönchischen Tugenden der Franziskaner, die Abhärtung und die Anspruchslosigkeit werden sicher auch heute noch geachtet, aber niemand wird mehr bereit sein, sich in diesen Tugenden zu üben. Wenn man bedenkt, daß seit der Entstehung des Franziskanerklosters der Kirchenraum mit dem Chor nie beheizt worden ist, Kälte und Feuchtigkeit das Raumklima bestimmt haben, war nunmehr die Frage, wie würde das Bruchsteinmauerwerk und das alte Holzwerk auf die geänderten Einflüsse reagieren. Durch Gründungsuntersuchungen konnte nachgewiesen werden, daß im Bereich der Rietgasse der Grundwasserspiegel sehr hoch anstand, d. h. das Bruchsteinmauerwerk wird, nachdem keine horizontalen Sperrschichten eingebaut werden können, immer eine aufsteigende Durchfeuchtung haben.

Nach einem 2-Stufen-Verfahren kann in einer ersten Stufe über eine Fußbodenheizung eine Raumtemperatur von ca. 120 erreicht werden, ausreichend für alle Ausstellungen und die museale Nutzung. Für Veranstaltungen konzertanter Art kann in einer zweiten Stufe durch ein im Boden und im Dachraum geführtes Lüftungssystem bis auf 20° hochgefahren werden. Dieses Hochheizen geschieht kurzfristig, nach Ende einer Veranstaltung wird die Raumtemperatur wieder abgesenkt. Damit soll vermieden werden, daß langanhaltende, hohe und trockene Raumtemperaturen zu nachteiligen Veränderungen im Mauerwerk und im Holz führen. Zur Unterstützung dieses Vorganges wurde die Innenseite der Hallenostwand auf die gesamte Länge mit einer wärmedämmenden Schale versehen. Die Meisterkonzerte, bisher ein fester Bestandteil im kulturellen Angebot der Stadt, sollen ebenso wie andere Konzerte im ehemaligen Franziskanerkloster ein neues Zuhause haben. Zur Verbesserung der akustischen Wirkung und der Sichtverhältnisse wurde ein mehrstufiges Hubpodest eingebaut, das, ergänzt durch mobile Elemente bei einer Szenentiefe von 14 m bis zu einer Höhe von 1,75 m ausgefahren bzw. aufgebaut werden kann. Mit dieser Einrichtung können große Chorwerke mit Orchesterbesetzung, Oratorien und Sinfonien ohne räumliche Enge aufgeführt werden. Für Künstler und Mitwirkende wurden im Obergeschoß des naheliegenden Südflügels Solisten- und Aufenthaltsräume geschaffen. Ein Konzerthaus für 800 — 900 Besucher erfordert auch ausreichende Frei – und Bewegungsräume. Während die Garderobenräume mit den Toiletten, erreichbar über eine großzügige Treppenanlage, in das Untergeschoß unter den Komödiengarten gelegt werden konnten, wurde der Kreuzgang, der ehemalige Küchentrakt, der eindrucksvoll gestaltete frühere Wirtschaftshof sowie das neu gefaßte Refektorium in die Foyerfläche mit einbezogen. So entstand eine interessante Raumfolge mit Zeugnissen verschiedener Zeitepochen auf einer Fläche von ca. 680 qm.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei der Kreuzgang mit seinem reichen gotischen Maßwerk aus der Hälfte des 15. Jahrhunderts ein. Die Verglasung eines Kreuzganges von dieser Einmaligkeit wird immer ein Wagnis und ein Risiko sein, weil das Glas in Material und Gestaltung oft überlieferte Werte zerstören kann.

3. Denkmalpflegerische Maßnahmen

Die bei den Restaurierungsarbeiten zu Tage getretenen reichen Funde, Zeugnisse vergangener Jahrhunderte, ihre Sicherung und Erhaltung bedürfen einer eigenen Würdigung und Interpretation. Unbestritten ist der hohe Stellenwert, den das Landesdenkmalamt diesem einmaligen Kulturdenkmal einräumte und das Bemühen der Stadt durch eine hohe Förderung unterstützte.

Vor 5 Jahren, vor Beginn der Arbeiten, konnte niemand den Umfang und das Ausmaß dieser großen Aufgabe erfassen und begreifen. Es war kein Bauablauf in festen Bahnen, sondern ein fortwährender Sanierungsprozess, ein Procedere im Sinne des Wortes, eine dauernde Herausforderung mit immer neuen Fragen und Notwendigkeiten an alle Teilnehmer des Arbeitskreises “ Franziskaner “ und nicht zuletzt auch an die Entscheidungsgremien.

Mit dem 1. Bauabschnitt ist ein großer und zugleich wichtiger Schritt getan.

Der Dank dafür gebührt allen, die zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, vor allem denen, die bereit waren, Lösungen zu erarbeiten, Risiken zu übernehmen und Entscheidungen mitzutragen.

Es bleibt zu hoffen, daß von dem großen Elan, mit dem die Stadt Villingen -Schwenningen an diese einmalige historische Aufgabe herangegangen ist, noch so viel Kraft verblieben ist, das Begonnene zu einem Ganzen zu vollenden.

 

Die ehemalige Klosteranlage und das heutige Konzerthaus. (Aufnahme des Modells)

 

 

Das Franziskaner-Konzerthaus ist fertiggestellt. Im ehemaligen Kirchensaal werden die letzten Vorbereitungen für den Festakt getroffen. Blick vom Chorbogen ins Saalinnere.

 

Festrede von Dr. Wolfgang Stopfel,

Hauptkonservator und Leiter der Außenstelle Freiburg des Landesdenkmalamtes Baden/Württemberg, Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

Mit der Einweihung zum Konzertsaal gewinnt diese Kirchenhalle eine Bedeutung als öffentlicher Versammlungsraum zurück, die sie über 500 Jahre lang gehabt hat, von ihrer Weihe 1292 bis zur Auflösung des Franziskanerklosters im Jahre 1797.

Das mag für eine Kirche merkwürdig klingen, erklärt sich aber aus ihrer Geschichte.

Im Jahre 1267 rief Karl-Heinrich von Fürstenberg die minderen Brüder des Hl. Franziskus in die Stadt Villingen zur Gründung eines Klosters. Sie erhielten zur Ansiedlung ein Gelände nahe der Stadtmauer, auf dem vorher bereits Häuser gestanden hatten. In langer Bauzeit, verzögert durch den großen Stadtbrand von 1271, wurden Kloster und Kirche erbaut. 1292 fand die Schlußweihe der Kirche statt.

Die Lage innerhalb der Stadt, aber nahe der Mauer, ist ebenso charakteristisch für die Kirchen der Franziskaner wie die Anpassung der Gebäude an die vorgegebene städtische Topographie : so ist die Franziskanerkirche nicht geostet, sondern hat den Chor im Süden. Schon in der Lage der Kirche und des Klosters innerhalb der Stadt zeigt sich, daß das Ideal der Bettelorden nicht die mönchische Abgeschlossenheit und die Konzentration auf das Chorgebet war, sondern das Wirken unter und mit der Bevölkerung einer Stadt. Die betont schlichten Kirchen der Franziskaner waren im wesentlichen große ungeteilte Räume für Predigt und Versammlung; unsere Kirche mit ihrem Schiff von 40 auf 17 Meter ist hierfür ein besonders einprägsames Beispiel.

Dieser größte Versammlungsraum des mittelalterlichen Villingen diente neben dem Gottesdienst wichtigen öffentlichen Funktionen. So wurde jährlich in der Kirche den Bürgern das Stadtrecht verlesen, in diesem Raum fanden Wahlen und die Vereidigung des Bürgermeisters, des Schultheißen und des Rates statt. „In den Zeiten der Not, im Bauernkrieg und in den fünf Belagerungen, sammelte sich das Volk, um Trost und Ermunterung zu finden bei den Franziskanern“, schreibt Albert Fischer in seinem Buch „Aus Villingens Vergangenheit“. Neben der Größe und der Gestaltung als möglichst ungeteiltem Predigtraum muß noch eine weitere Besonderheit nahezu aller Franziskanerkirchen hier erwähnt werden, weil sie für das Konzept dieser Restaurierung wichtig war : Die betont schlicht gehaltenen Kirchen wiesen nur ganz selten eine geschlossene Ausmalung nach einem einheitlichen Programm auf, wie wir es uns für die meisten Pfarrkirchen des Mittelalters vorstellen müssen. Die Franziskaner selbst ließen ihre Kirchen nicht ausmalen. Die Bürger aber nutzten die Wände der Kirche, um dorthin Andachts- oder Gedächtnisbilder zu stiften.

 

Während des Festaktes im Konzerthaus. Die Ausführenden des musikalischen Teils sind : Kammerorchester Villingen-Schwenningen Leitung: Musikdirektor Claus Oberle, Chor aus Mitgliedern des Bachchors Schwen-ningen, Motettenchors Villingen, Kirchenchors St. Franziskus Schwenningen und der Villinger Kantorei Leitung: Bernd Boie, Rüdiger Just.

 

Blick in den Kreuzgang, dessen Fensteröffnungen aus heiztechnischen Gründen verglast werden mußten.

 

So waren die Wände der Bettelordenskirchen oft mit einer Fülle von einzelnen verschieden großen Bildern aus verschiedenen Zeiten bedeckt, wie Sie dies noch heute besonders eindrucksvoll bei den großen italienischen Franziskanerkirchen, etwa in der Kirche der Frari in Venedig oder in St. Croce in Florenz sehen können. In Villingen teilten die Brüder vom HI. Franziskus über fünf Jahrhunderte das Schicksal der Villinger Bürger in Freud und Leid, ihre Kirche und ihr Kloster das Schicksal der Stadt. Bei der Belagerung von 1633 erlitt das Kloster große Schäden. Bei der Belagerung von 1704 wurde es fast vollständig zerstört, die Kirche schwer beschädigt. Aber schon in den Jahren 1706/07 wurde das Kloster wieder aufgebaut, die halbzerstörte Kirche zwischen 1711 und 1715 nach Plänen des Jodokus Bär, eines Vorarlberger Baumeisters, instandgesetzt. Bis zur Zerstörung besaß die gotische Kirche über dem Langhaus ein flaches hölzernes Tonnengewölbe, wie es auch für das Münster nachgewiesen ist und heute noch in seinen Abdrücken auf dem Dachboden des Münsters deutlich erkennbar blieb. Der hohe Chor der Franziskanerkirche war mit Maß-werkfenstern geschmückt. Entgegen älteren Quellenangaben legt das Ergebnis der Untersuchungen nahe, daß der Chor nie ein steinernes Gewölbe besaß.

Zwischen Chor und Langhaus stand ein Lettner, der die ganze Breite des Hauses einnahm und an die Außenwände stieß. Unter dem Lettner hindurch führten einige Stufen-in den Chor. Im Norden der Kirche fand sich eine Empore; die Balkenlöcher ihrer Auflager wurden bei der letzten Restaurierung gefunden.

Beim Wiederaufbau nach der Zerstörung von 1704 wurde die Kirche barockisiert. Die Langhauswand zur Rietgasse hin mußte im oberen Teil ganz neu aufgeführt werden, dabei kamen die neuen barocken Fenster nicht mehr an die Stelle der ursprünglichen gotischen.

Die Fenster an der Seite zum Kloster hin wurden jetzt oder schon früher vermauert, weil dem Kloster ein weiteres Stockwerk aufgesetzt wurde. Auch die bis dahin erhaltenen gotischen Maßwerkfenster des Chores wurden in etwas niedrigere Barockfenster umgebaut, in den hohen gotischen Chorbogen ein neuer rundbogiger Triumphbogen eingestellt. An der Nordseite blieben die gotischen Maßwerkfenster erhalten. Das Langhaus erhielt eine flache Stuckdecke — wie etwa gleichzeitig auch das Münster — , die später mit einem Dekkengemälde geschmückt wurde; auch der Chor erhielt eine flache Stuckdecke. Ein Lettner war nicht mehr vorhanden, an seine Stelle traten barocke Seitenaltäre. Die Barockkirche mit den vielen neuen Altären, in buntem Stuckmarmor ausgeführt, von dem Sie in der Ausstellung einige Stücke sehen können, muß einen festlichen Anblick geboten haben.

Aber nur wenige Jahrzehnte konnten sich die Franziskaner ihrer restaurierten Kirche erfreuen.

Nachdem schon 1770 die jahrhundertelang im Klosterhof aufgeführten Passionspiele verboten wurden und die Franziskaner auch ihr Gymnasium schließen mußten, wurde 1797 der Konvent endgültig aufgehoben. Die nun folgenden eineinhalb Jahrzehnte ungeeigneter Nutzung vermochten es, Klostergebäude und besonders die Kirche sehr weitgehend zu ruinieren. Als Amtshaus, Kaserne, Lazarett, Knabenschule und Spital wurde das Kloster nacheinander genutzt. Die Kirche traf ein schlimmeres Schicksal. Das Schiff diente als Viehstall und Scheune, der Chor wurde in drei Stockwerken in kleine Zimmer und Nebenräume abgeteilt. Nicht nur die Raumwirkung des Gotteshauses war völlig zerstört, die ungeeignete Nutzung führte auch zu schweren baulichen Schäden.

Es ist heute schwer, sich vorzustellen, wie dieser Raum zu Beginn der Restaurierungsarbeiten aussah.

Als ich ihn zum ersten Male sah, war es ein riesiger leerer Kastenraum ohne richtigen Boden, Wände und Decke bedeckt mit den Resten eines ehemals weißen Kalkanstrichs, verfleckt von der aufsteigenden Feuchtigkeit aus bis an die Fundamente herangeführten Jau-chengruben und Mistlegen. Unzählige Flickstellen im Mauerwerk zeugten von früheren Sicherungsarbeiten und von eingebauten und wieder herausgebrochenen Zwischendecken. An der Stirnwand zeichnete sich der ehemalige Chorbogen der Barockkirche ab, darüber durch Risse im Putz auch der gotische Chorbogen. Nach dem Herausbrechen der Einbauten im Chor, das nach dem Neubau und der Verlegung des Altersheimes möglich wurde, war zwar der Gesamtraum der Kirche erstmals wieder erlebbar, aber die hohen Fenster waren noch immer durch die alten Geschoßdecken zerstückelt, die Innenwand des Chores mit dem „Flickenteppich“ der Abdrücke ehemaliger Zimmerwände bedeckt.

Und dieser Raum sollte nun restauriert werden! Die Voraussetzungen dafür schienen nicht gut.

Schon anläßlich der Aufführung des Oratoriums „Die Schöpfung“ im Jahre 1972, bei der die hervorragende Akustik des Raumes offenbar wurde, waren ernsthafte Zweifel an der statischen Sicherheit des Gebäudes lautgeworden. Die Wiederherstellung der Standsicherheit erforderte schließlich das Einziehen eines Stahlbeton-Pfeilers in die Ostwand, die Vernadelung und Verpressung der desolaten Wände gegen das Kloster und der Chorwände, eine Sicherung des Dachstuhles und die Benutzung der neuen Empore als statisches Verbindungsglied zwischen den Außenwänden. Diese Arbeiten nahmen die größtmögliche Rücksicht auf den Malereibestand, der in seinem ganzen Umfang durch eine Untersuchung des Institutes für Technologie der Malerei aus Stuttgart im Jahre 1975 festgestellt wurde. So konnte trotz der Zement-Injektionen fast der gesamte Innenputz an der Westwand des Langhauses und im Chor gehalten werden. Die Ostwand des Langhauses verlor allerdings ihren alten Putz. —Auch bei bestem Willen war es nicht zu vermeiden, daß an der Oberfläche der injizierten Wände Verkrustungen durch ausfließende Zementmilch auftraten. Zusammen mit der aus den ehemaligen Dunggruben aufgestiegenen und aus den Mauern nicht vollständig zu entfernenden Jauche an der Westwand der Kirche und den vielen Öl- und Dispersionsfarbenschichten von den ehemaligen Zimmerwänden im Chor erschwerten sie die Freilegungsarbeiten der Restauratoren ganz außerordentlich.

Noch eine weitere Voraussetzung war Grundlage der Restaurierungsarbeiten: Von allem Anfang an war auch von der Denkmalpflege akzeptierter Grundsatz, daß die Nutzung der Franziskanerkirche als Konzertsaal mit allen zugehörigen Einrichtungen allen Restaurierungsüberlegungen übergeordnet werden müßte. Wenn die äußerst umfangreichen technischen Einrichtungen für die Heizung, Belüftung und Beleuchtung des Saales, für eine optimale Akustik und eine optimale Benutzbarkeit durch komplizierte Hubpodeste für die Bühne in diesem Gebäude untergebracht werden konnten und trotzdem noch eine Restaurierung des Kirchenraumes als Kulturdenkmal möglich war, so ist dies nur der hervorragenden Zusammenarbeit zwischen den Ämtern der Stadt Villingen -Schwenningen, Herrn Architekten Fuhrer und seinen Mitarbeitern samt allen Sonderfachleuten und dem Landesdenkmalamt zu verdanken. Für diese Zusammenarbeit, die sich lange Zeit in wöchentlichen Arbeitsbesprechungen manifestierte, möchte ich an dieser Stelle sehr herzlich danken.

Es waren lange und ernsthafte gemeinsame Überlegungen, die zum heutigen Restaurierungskonzept geführt haben. Nahegelegen hätte es, die Barockfassung zum Ausgangspunkt der Restaurierung zu machen. Von ihr sind nur die Stuckprofile der Chordecke und einiger Chorfenster erhalten. Es fehlte die Decke des Langhauses mit dem großen Deckengemälde; der barocke Chorbogen wäre statisch nicht zu halten gewesen und hätte neu aufgeführt werden müssen. Aber die Kirche war im Barock im wesentlichen weiß gestrichen und erhielt ihre Gliederung und ihre farbigen Akzente durch das große Deckenbild des Langhauses und die vielen farbigen Stuckmarmoraltäre. Ohne sie oder ein entsprechendes Äquivalent dafür wäre eine Wiederherstellung des barocken Raumgefüges nicht möglich gewesen. Zwischenzustände der Kirche aus der Gotik und der Renaissancezeit wurden nur in Spuren faßbar. Dagegen konnte die unmittelbar auf dem Putz sitzende ursprüngliche Quaderbemalung der Kirche in großen Partien freigelegt werden. Diese Fassung, von deren Art es nur ganz wenige ähnlich umfangreich erhaltene Beispiele in Deutschland gibt, wurde als Leitschicht gewählt und an störenden Fehlstellen ergänzt. Deutlich ist nun wieder das System ablesbar: graue Quader mit weißen Fugen im Chor und hinter dem Lettner an der Chorwand, graue Quadermalerei auf weißem Grund um die Fenster im Langhaus, weiße Quadermalerei mit roten Fugen an den Schmalseiten des Lettners.

 

Unter den Ehrengästen des Festaktes befanden sich auch Franziskanermönche, darunter — zweiter von rechts — ein Villinger Bürgersohn, Dr. Palmatius Säger OFM aus Fulda, gebürtig aus der Brunnenstraße 26. Die Patres sind eingerahmt von zwei Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins, ganz rechts: Stadtrat Heinz Härtge, links: Stadtrat Reinhard Bauer, ganz links Frau Bauer.

 

Alle darüberliegenden Reste späterer Bemalungen wurden selbstverständlich nicht zerstört, sondern blieben erhalten, so die Fragmente figürlicher Darstellungen im Chor und einer in vielen Teilen sichtbaren Ornamentierung um die Fenster. Die gotischen Fenstermaßwerke des Chores waren bei dem Umbau der Öffnungen in Barockfenster zum Teil gekippt wiederverwendet worden. Aus den im Mauerverband gefundenen Bruchstücken und einzelnen Funden unter dem Boden der Kirche konnten sie exakt in ihrer alten Form rekonstruiert werden.

Im Langhaus erhalten blieben auch die Spuren der Bemalung am Ansatz des ehemaligen Tonnengewölbes und die Spuren der vielen schon einmal erwähnten und für die öffentliche Funktion der Franziskanerkirchen so charakteristischen Andachtsbilder an den Wänden. Auf eine Ergänzung und damit Verfälschung einzelner Bilder wurde selbstverständlich verzichtet. Es sollte ja auch keine Kirche wiederhergestellt, sondern ein Konzertsaal geschaffen werden, dem man seine Geschichte noch ansieht und der gleichzeitig Teil des großen neuen Villinger Museums sein würde. Zu lesen ist an diesen Wänden noch vieles, und wer sich etwa aus den Spuren eines Heiligenscheines und des in der Hand getragenen Baumes die große Figur des heiligen Christophorus in Gedanken ergänzen kann, dessen Anblick vor einem bösen, unbußfertigen Tod bewahren sollte, der darf sich glücklich schätzen, daß er daran nicht gehindert wird, so wie — ungewohnt in diesem Zusammenhang — einmal Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Ist man nun oft bei Betrachtung solcher Werke genötigt, etwas hinzuzudenken, um womöglich durch Einbildungskraft sie in ihrer Vollkommenheit wiederherzustellen, so wird man durch falsche und ungeschickte Restauration, die durch ihre Gegenwart dem Sinn imponieren, nur zu oft an dieser Operation gehindert“.

Natürlich sind mit dem heutigen festlichen Tag die Arbeiten an der Franziskanerkirche oder gar am Franziskanermuseum noch nicht zu Ende. Auch die Restaurierung der Wand ist noch nicht abgeschlossen. Es werden später zum Beispiel noch die großen Ausblühungen an der Westwand zu überstreichen sein, die heute noch den Eindruck empfindlich stören. Aber um dies sinnvoll tun zu können, muß man warten, bis die chemischen Vorgänge im Wandputz unter dem Einfluß der Heizung zum Stillstand gekommen sind. Natürlich hätte man in einer Augenblickskosmetik diese Flecken für den heutigen festlichen Anlaß zu-streichen können. Aber warum eigentlich? Um die von nun an ewige Jugend dieses jahrhundertealten Gebäudes vorzutäuschen? Heute ist der letzte Tag der Vergangenheit der Franziskanerkirche in Villingen und der erste Tag der Zukunft.

Ich wünsche allen Bürgern von Villingen -Schwenningen, daß sie sich an beidem erfreuen möchten.

Abschließende Anmerkung der Redaktion :

Es soll nicht verschwiegen werden, daß Kultur auch ihren Preis hat. Worüber man heute noch stöhnt, hat für eine künftige Generation nur Erinnerungswert. Es sagt deshalb gar nichts, wenn man die geschätzten Kosten für die Fertigstellung der Gesamtanlage, einschließlich dem sogenannten Osianderhaus, mit 20 Millionen Deutsche Mark beziffert (Dr. Volker Lindner, Erster und Finanzbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen I. Sagen wir es mit einem Tauschwertbegriff : Für dieses Geld hätte man sich 1982 rund 50 in dieser Zeit übliche Einfamilienhäuser bauen können.

 

Aus dem Vereinsgeschehen: Der Mundartlyriker Hans Hauser wurde Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins

 

In einem Festakt wurde am 11. Juni ds. Js. dem Dichter unserer Heimat und Mitglied des Vorstandsbeirats des Geschichts- und Heimatvereins, Hans Hauser, aus Anlaß der Vollendung seines 75. Lebensjahres die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Im vollbesetzten kleinen Saal des Theaters am Ring herrschte eine festliche Atmosphäre. Neben zahlreichen Ehrengästen aus Kultur, Schule, Wirtschaft und Politik waren der Oberbürgermeister Dr. Gebauer und der Erste Bürgermeister Dr. Lindner als Vertreter der Heimatstadt des Jubilars erschienen. Ehrengast war auch der Hebelpreisträger Gerhard Jung aus Lörrach. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Lothar Späth, der Fraktionsvorsitzende der Christlich Demokratischen Union Deutschlands im Landtag, Erwin Teufel, gleichzeitig Wahlkreisabgeordneter sowie der Bundestagsabgeordnete Dr. Hansjörg Häfele hatten Gruß- und Glückwunschbotschaften geschickt. Den musikalischen Rahmen gestaltete ein Quartett des Kammerorchesters Villingen – Schwenningen mit Musik von Wolfgang Amadäus Mozart.

Das Vorstandsmitglied Werner Huger würdigte in einer Laudatio den Jubilar. Er führte u. a. aus:

— In einer Zeit, wo man glauben müßte, durch die literarischen Vorgaben der Jahrhunderte seien alle Worte bis zur völligen Entseeltheit abgenutzt, alle Gefühle hundertmal verbraucht, wo man glauben müßte, es gäbe keine Wortgefüge mehr, in denen die Sprache wieder neu und ausdrucksstark wird, wo ein Rilke die lyrische Aussage bis an eine äußerste Grenze geführt hat, ein Gottfried Benn noch einmal Zugang zu den unbetretenen Welten der Tiefe und zugleich der letzten Vergeistigung im Zerebralen fand, in einer solchen Zeit findet Hans Hauser noch einmal, und zwar in der Muttersprache, zu sprachlicher Geschlossenheit, zur Einheit von Inhalt und Form. — Die Gestaltung seelischer Vorgänge und Erlebnisse durch Hans Hauser gehört der Art nach zu dem was wir Erlebnislyrik nennen. Er ist damit einer seit Goethe vorgegebenen Tradition gefolgt. Seine Sprache bleibt dabei gegenständlich, natur- und wirklichkeitsgesättigt. Es wäre falsch zu glauben, daß er den leichteren Weg gewählt hätte. Im Gegenteil, nirgends ist die Übersetzung des unmittelbar erlebten Gefühls in die Sprache schwieriger, verlangt sie mehr Ehrlichkeit, als hier.

Hans Hauser nach der Überreichung der Ehrenurkunde; rechts Vorstandsmitglied Rechtsanwalt Wolfgang Blessing.

 

Die Möglichkeit der Kritik am Wesensgehalt der Sprache wird hier griffiger, die Sprache unterliegt leichter der Überprüfung auf Wahrhaftigkeit. Hans Hauser verliert sich nicht im nebulosen Schein von Wortchiffren und abstrakten Konstruktionen, bei denen man oft Zweifel haben muß, ob es sich wirklich um das Werk eines Dichters oder das Gestammel eines Neurotikers handelt. Es gehört zum ureigensten Wesen des Hans Hausers, in der Muttersprache zu schreiben. Liegt seine Überhöhung als Dichter einerseits in der inhaltlichen Gestaltung des Werks, so liegt andererseits seine Beschränkung in der Form der Mundart. Wie vielen — oder besser: wie-wenigen — ist es, leider, heute noch möglich, das archaische Idiom der Mundart zu verstehen, das sich in den zwanziger und dreißiger Jahren langsam verabschiedet und mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl endgültig verschwunden ist. Wie viele kann Hans Hauser noch bei der Hand nehmen und ihnen Geborgenheit und Trost in der Mundart geben?

Wir müssen uns bei einer Würdigung des Werks von Hans Hauser fragen, was das Spezifische, aus der übrigen Mundartliteratur Herausragende, ist. Ich sage es zunächst damit, daß ich darstelle, was sein Werk nicht ist. Sehr häufig ist nämlich Mundartliteratur gekennzeichnet durch eine herzliche Einfalt und beseelte Schlichtheit, ist Volksdichtung im guten Sinne. Dort aber, wo es gelingt, in einem lyrisch eigenen, unverwechselbaren Ton die alte Kluft von Bildungs- und Volksdichtung zu überwinden, die Herzen der Hohen wie der Geringen in gleichem Maße zu ergreifen und im Schlicht-Menschlichen zu verbinden, hat Hans Hauser seinen Platz. Seine Mundart ist nicht heimattümelndes Stilmittel schlichten, boden – und stammesverwurzelten Menschentums. Nein, bei Hans Hauser erhebt sich über die Mundart die Dichtung auf die Ebene großer Lyrik der Hochsprache. Aber sie bleibt Dienerin einer Naturpoesie, die aus einem ungebrochenen, starken und naturnahen Seelentum fließt, zeitlos gültig. — Insofern ist Hans Hausers Schaffen „naive Dichtung“ im besten Sinne der Schillerschen Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung „, und sie trifft sich hier mit dem Stil der Griechen aber auch Goethes.

In die Reihe der Gratulanten stellte sich als erster der Oberbürgermeister. Im Anschluß an seine Ansprache überreichte er Hans Hauser das Stadtsiegel. Der Erste Zunftmeister der Narrozunft Villingen,Christian Huonker, erfreute den Jubilar mit einer Nachbildung der Narro -Vater -Scheme. Mit einfühlsamer, künstlerischer Gestaltung würdigte in der Sprache der Poesie Hebelpreisträger Gerhard Jung den Jubilar und sein Wirken für die Heimat durch die Sprache der Mundart. Einen besonderen Akzent setzte er mit seiner Betrachtung über das Wesen und den Sinn von Heimat in der heutigen Zeit. Er sagte unter anderem, die Heimatvertriebenen von heute, seien die in den Betonburgen Alleingelassenen. Auch dürfe Heimat nicht einfach als Heimattümelei gar für den Fremdenverkehr verstanden werden, sondern müsse im Wandel der Zeit angemessene Ausdrucksform finden.

 

Ehrenmitglied Hans Hauser bei seiner Dankansprache.

 

Als Gratulant der Narrozunft überreicht der Erste Zunftmeister Christian Huonker dem Mundartlyriker die Nachbildung einer Narro -Vater -Scheme.

 

Mi Mottersproch (Hans Hauser)

Mi Mottersproch hockt, alt und schii,

im Spittelhof und sunnet si.

Wer kennt si noh? Wer frait si drab?

Si brosemet wie d’Ringmuur ab,

si tricknet mit de Brünne n

machts nimme lang, so manets mi.

Mengmol, wenn i nint z’triibe hau,

bliib i e Wiili binere stauh,

si woest, daß i si liide ma

und lacht mi us der Stockzaih a :

 

Die Riet im Obedsunneschii,

wa isch des für e Hoemet gsi!

Vum Törli unne bis zu iis

hond Kinder ballet dotzedwiis,

hond d’Bure’s Veah a d’Brünne glau

und Heu verzettlet, Mischt und Strauh.

Und elli Kriizstöck, wie mers denkt,

sind volle rote Nägili ghängt.

 

Din Turn, i Dine Buebejohr

e langi Ziit e n earnsti Gfohr.

Woesch noh, wies sellmol gange n isch,

wo de dra uffi klimmet bisch?

De bisch z’mols obe n abe keit

und hesch der’s Muul und d’Nas verheit.

So, het es ghoese, jetz hesch Rueh,

worsch’s welleweag moern nimme due.

Guck dert im Ahoern überm Tor

singt überluut wie närrsch en Stoor.

Dert hesch di mengmol umme druckt

und dief in bruuni Äugli guckt.

I mon, wenn sie Di gnomme het,

si hets bi Dir nit schleachter ghet;

’s kunnt anneweag nit wie mers denkt,

wem mer sich a n e Mannsbild hängt.

 

Jetz isches still ums Obedrot.

Koe Kindergschroe, kon Brunne goht,

es fliegt koe Schwälmli meh ums Huus,

es nachtet, und Di Spiil isch us.

I hör Di Motter wie im Troom:

„Es liftet Bättziit, kumm jetz hom !“

Hans Hauser

 

Dieses Gedicht ist entnommen aus: „Dief i de Nacht“ Alemannische Gedichte Verlag H. Müller, VS—Villingen

(Erhältlich in allen Buchhandlungen)

 

 

 

Joseph Anton Hops

War ebensowenig wie sein Vorgänger Hans Kraut ein gebürtiger Villinger. Er kam aus Mietingen und war Bildschnitzer. 1748 ersuchte er den Rat der Stadt um das Bürgerrecht. Um diese Zeit ist das Rokoko (abgeleitet von rocaille — Muschelwerk) auf dem Höhepunkt. In dieser Epoche des Augen-Menschen erlebt das Kirchen – Rokoko seinen Höhepunkt in Süddeutschland. Was die Kongenialität von Joseph Anton Hops anbetrifft, so zeigt sie verwandte Züge zu dem im Bodenseeraum und darüber hinaus wirkenden Joseph Anton Feuchtmayr ( Feichtmayr), 1696 — 1770, der als der ältere Meister auf ihn eingewirkt haben könnte. Jedenfalls sind beide durch eine ähnliche schöpferische Fantasie ausgezeichnet, wie an den Altären und den figürlichen Plastiken ablesbar ist. Während Feuchtmayr ein langes Arbeitsleben beschieden war, blieben Hops nur insgesamt 41 Lebensjahre.

Tabernakel mit seitlichen Reliquienvitrinen von Joseph Anton Hops, heute in der Pfarrkirche Honstetten im Hegau.

 

Er starb 1761 in Villingen. Als Hops in Villingen tätig wird, kehrt „das Neue, die strengen Formen des Barocks auflockernde malerische Gestaltung des sich entfaltenden Rokokos“ ein, wie Revellio schreibt.

Wir gehen hier bewußt nicht auf die in Villingen noch erhaltenen Kunstwerke ein und verweisen auf die einschlägige im Handel erhältliche Literatur. Vielmehr folgen wir den Spuren dieses Meisters, wo wir sie noch außerhalb der Stadt entdecken können. Da ist z. B. Donaueschingen : In der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Baptista finden wir neben der Kanzel des Villinger Bürgersohns, dem Kunstschreiner Martin Hermann (1688 — 1 782 ), die 12 Apostel entlang den Wänden des Langhauses. An ihnen hat neben J. M. Winterhalter und F. X. Biecheler J. A. Hops gearbeitet. —In Honstetten im Hegau entdecken wir in der Pfarrkirche „den reich verzierten Tabernakel mit seitlich anschließenden Reliquienvitrinen “ von J. A. Hops aus dem Jahre 1755, die aus der abgebrochenen Kirche des Kapuzinerklosters in Engen kamen; vgl. Abbildung.1)

 

Heilige Anna Selbdritt von J. A. Hops, Erläuterung siehe Seite 34 oben.

 

Der im Wohlstandszeitalter aufgekommene schamlose Kirchenraub hat auch hier nicht halt gemacht. Bei einer Einbruchserie 1981 wurden gleichzeitig die Orte Seelfingen, Winterspüren (Ortsteile von Stockach) und Honstetten heimgesucht. Vom Hops-Altar wurden zwei Putten und zwei Engelsköpfe weggerissen, die zusammen mit dem Korpus eines Kreuzes auf Nimmerwiedersehen verschwanden. (Siehe die leer herausstehenden Metallstifte oben zwischen den Reliquienvitrinen auf der Abbildung.)

Unsere nächsten beiden Bilder führen uns nach Stuttgart ins Württembergische Landesmuseum im Alten Schloß. Die zwei überlebensgroßen Figuren sind Meisterwerke der Schnitzkunst. Die Beschriftung weist sie wie folgt aus: Heilige Anna Selbdritt. Mutter Anna mit der jugendlichen Maria und dem Jesuskind. Anna ist Patronin der Ehe, Helferin für Kindersegen und glückliche Geburt. J. A. Hops 1720 — 61. Villingen 1750 — 1760.

 

Der jüdische Priester Zacharias. Erläuterung Seite 34 oben.

 

Die männliche-Figur ist wie folgt erläutert: Zacharias, jüdischer Priester, Gemahl der Elisabeth und Vater Johannes des Täufers. Auf der Brust den Choschen des Hohen Priesters, ein Brustschild mit 12 Edelsteinen, Sinnbild der 12 Stämme Israels. J. A. Hops 1720 — 61, Villingen 1750 — 60. Die lebhaft bewegten Gestalten mit ihren sprechenden Gebärden sind meisterlicher Ausdruck der aufgelockerten Form des Rokokos.

Über die Herkunft der beiden Figuren konnte vom Württembergischen Landesmuseum Stuttgart keine Auskunft erhalten werden.

1) Friedrich Thöne Vom Bodensee zum Rheinfall, Thorbecke Verlag 1975, S. 55

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wappentafel der Villinger Familie Werner (Werner Huger)

Die wundersame Reise einer Villinger Glasmalerei vom Museum in Villingen ins Museum nach Brixen (Italien)

Vorbemerkung: Die Abbildung der Glastafel erfolgte schwarz-weiß nach einem farbigen Dia. Bei der Wappentafel handelt es sich um die der Vorfahren der Uhrenfabrikanten Werner, deren Fabrikgebäude im Benediktiner-Ring gegenüber der Kirche noch steht.

Sie gehörten zu den Pionieren der industriellen Entwicklung in Villingen. Ihr Grabstein nebst Grab existiert noch heute an der östlichen Friedhofsmauer südlich des Kirchturms, ebenso das des Heinrich Osiander, von dem unsere Geschichte erzählt.

 

 

Heinrich Osiander war ein ehrenwerter und mächtiger Mann im kleinen Städtchen vor und nach der Jahrhundertwende. Er war Bürgermeister und später sogar Ehrenbürger der Stadt Villingen. Das Osianderhaus trägt noch heute seinen Namen. Es steht vornehm gerichtet beim Riettor und gehörte ihm. Er war, wie gesagt, ein Honoratior (lt. Duden: Standesperson, bes. in kleineren Orten). Wenn man ihm begegnete, trat man vom Gehsteig herunter auf die Straße und grüßte devot den Herrn mit dem gestrengen Gesicht. Kunstliebend war er übrigens auch, und für Geschichte hatte er was übrig. Stets pflegte er aus der Geschichte der Stadt zu zitieren, es mag dabei um sowas Wichtiges wie die Anschaffung einer neuen Feuerspritze oder sowas Unwichtiges wie die Länge der Forellen in der Brigach gegangen sein. Kunstliebend hieß unter anderem: er lieh sich so einiges aus dem städtischen Museum und nahm es mit nach Hause. Mit Geschmack hatte er sich die herrliche Glasmalerei des Wappens der Familie Werner aus dem Museum ans Morgenfenster seiner Wohnstube gehängt. Seine Mutter war eine geborene Werner. Einige abgeschnittene Siegel und ein von Prinz Eugen, dem edlen Ritter, persönlich signiertes Bild unterstrichen die Reputierlichkeit der bürgermeisterlichen privaten Residenz. Eines Tages wird man alles wieder zurückgeben. Eines Tages war er tot. —

Der heutige Platz zwischen dem Giebel der Franziska-nerkirche und der Rietstraße gehörte zum Haus und war gänzlich von einer mannshohen Mauer umschlossen. Der von ihr gesäumte alte Friedhof der Franziskaner war mit Bäumen und Büschen voll bestanden, dazwischen eine Gartenlaube. In ihr saß jetzt frühmorgens schon Witwe Osiander, zu Füßen die kleine Angestellte der Eisenhandlung Joseph Schleicher, H. Osianders Nachfolger, die sie sich zum Plaudern ausgeliehen hatte. Oben vom Fenster grüßte bunt im Sonnenlicht das Wappen der Familie Werner. Niemand traute sich. Eines Tages war sie tot. Der Sohn war Jurist, Kriegsgerichtsrat im Zweiten Weltkrieg sogar, aber sicher kannte er auch alle Bestimmungen des BGB über den gutgläubigen Eigentumserwerb. Ihn zog’s gen Süden. Er heiratete nach Sankt Ullrich, der schönen Heimat des Luis Trenker. Dort verband sich das Glaswappen aus Villingen am Fenster idyllisch mit dem Leuchte-gelb der Dolomitenkegel in der untergehenden Italiensonne. Eines Tages war Osiander junior tot. Die Witwe Osiander junior saß jetzt frühmorgens schon vor dem Haus im Garten zwischen Bäumen und Büschen und wunderte sich nicht schlecht, als in den 1960er -Jahren plötzlich drei wackere Villinger vor ihr standen. Sie war — ohne Ironie — eine ehrenwerte Frau: “ Nehmt mit was ihr findet, wenn’s sich mein Schwiegervater einst geliehen hatte.“ Sie fanden die Siegel, das Prinz Eugen -Bild mit Signatur, zahlten und nahmen die Sachen mit. Halt! , das wertvolle Glasbild — ja, leider, das hatte ihr Mann vor Jahren schon ans unweite Museum nach Brixen verkauft; für den Gegenwert hätte man ein Häuschen kaufen können — aber, so war es, leider leider. Es kann selbstverständlich besichtigt werden. Öffnungszeiten: Werktag 10 — 12 und 15 — 17 Uhr, Samstag/Sonntag 10.— 12 Uhr, montags geschlossen, ebenfalls vom 1. Oktober bis 31. Januar. Eintritt: 1200 Lire. Man findet es gleich rechts im Hausflur, eingelassen in der Wand, von hinten beleuchtet. Und es leuchtet so den ganzen Tag, viel schöner als am Fenster in der Stube an der Rietstraße, die weder Mittags -noch Abendsonne hatte — fürwahr!

Das also war die Geschichte eines ehemaligen Bürgermeisters und seines entliehenen städtischen Kulturguts.

 

Einst als Rollschuhbahn vorgesehen, bietet der Ringanlagenbereich zwischen Riettor und Kanzleigasse heute ein gemütliches Fleckchen zum Ausruhen.

 

 

 

 

 

Da staunt der Bäcker-Hug,und Unsere Liebe Frau wundert sich !Aus der Geschichte eines alten Hauses (Werner Huger)

Heute, 1982: Brunnenstr. 3

Einst: 1371 Käsgassen 1)

1766 Käsgässl Nr. 523 2)

1900 Käsgasse Nr. 384 3)

Die Geschichte eines Hauses erhält Leben durch die Menschen, die es besaßen und die in ihm wirkten. Immer ist es der funktionale Bezug zum Menschen, der letztlich interessiert. Der Geschichts- und Heimatverein wird von Zeit zu Zeit ein Haus herausgreifen, um es vorzustellen. Eine Absicht dabei ist, das wirklich Erfahrbare, den gesicherten Zusammenhang zu berichten.

Nicht selten verbinden sich nämlich, befragt man Leute, die es zu wissen glauben, nebulose und spekulative Vorstellungen miteinander. Sie stammen aus der ungesicherten Tradition der sich verändernden mündlichen Überlieferung. Was aber sind gesicherte Quellen, und wie lassen sie sich methodisch erschließen? Zum Wesen der Methodik gehört die Systematik, und hier bleibt einem nichts anderes übrig, als die Seiten von hinten nach vorne aufzuschlagen. Als erste Seite steht das Grundbuch. Gelingt die Überbrückung zum Brand-versicherungskataster („Schaetzung derer in der kay (serlich) königl ( ichen) v( order )r Österreichisch) en Statt Villingen unter der Brand-Versicherungsgesellschaft gehörige Häuser und Gebäude „: Beschreibung und Taxierung von 593 Häusern. — Stadtarchiv
Nr. (XX2) 3193.), dann ist die zweite Seite aufgeschlagen, und die endet mit dem Jahre 1766. Die nächste Seite wäre ein “ Kontraktbuch “ über Rechtsgeschäfte bei Grundstücken, das sich im Stadtarchiv befindet, wissenschaftlich aber nicht aufbereitet ist. Es reicht zeitlich nicht vor das 17. Jahrhundert. Was dann noch folgt, bleibt dem Zufall überlassen. Denn alle anderen stadtgeschichtlichen Quellen über den Häuserbestand sind, selbst wenn man sie jemals umfassend archivalisch bearbeiten und als gesammelte Urbarien (U. = in Buchform angelegte systematische Güterverzeichnisse) übersichtlich niederlegen würde, regelmäßig zu unbestimmt, um ein Gebäude lokalisieren zu können. Das aber ist die erste Voraussetzung, um aus seiner Geschichte zu berichten. (Nichtsdestoweniger sind Einzelangaben eine Quelle vor allem für die Rechts- und Wirtschaftsgeschichte einer Gesellschaft.)

Ein Beispiel : 4)

„1530 Juni 2.

Hainrich Hug, Burger und des rats zu Villingen verkauft gegen bar . . . aus und ab seinem Haus zu Villingen am Markt, ist ein egkhus by der Korn- und Brotloben anstoßend an Cunrad Büchlers und Jacob Birks, des Scherers Häusern . . .“.

Das Beispiel wurde bewußt gewählt. Es enthält, wie ersichtlich, recht deutliche Hinweise. Zum einen ist Hug jener bekannte Stadtchronist (Chronik von 14961537), zum andern läßt sich mit etwas Fleiß die Lage des Hauses eingrenzen. („Am Markt „, „Korn- und Brotloben“) , aber wer will dann sagen, welches Haus es wirklich war: „ist ein egkhus“, und wo standen oder stehen die Häuser von Cunrad Büchler und Jacob Birk? Da beißt man sich die Zähne aus. Im Gegensatz zu öffentlichen Gebäuden ist die Lokalisierung von Bürgerhäusern des Mittelalters bei uns nur selten möglich. Es änderte sich wiederholt die Methode der systematischen Erfassung, und die Namen von einst sind Schall und Rauch.

Bevor wir in die Einzeldiskussion eintreten, sei dem Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas gedankt. Er hat die Einzeldaten geliefert, ohne die diese Darstellung nicht möglich gewesen wäre.

Nun zu unserem heutigen Haus Brunnenstraße 3. Wir haben es ausgewählt, weil so unterschiedliche Geschichten, nicht zuletzt pikanter und amüsanter Natur, darüber im Umlauf sind.

Das Haus vom „Bäcker – Hug „, wie es bis zum Jahre 1964 bestand. Die Eckquader verraten ein hohes Alter. Die Fenster im 1. Obergeschoß sind spätgotisch. Der Giebel besitzt Renaissanceelemente.

 

Legende Nr. 1:

Das Haus soll eine klösterliche Sammlung gewesen sein. “ Es ist das einst zum Münster gehörende und als Mittelpunkt der Stadt bezeichnete “ Frauenhaus Unserer Lieben Frau „“, heißt es in einem Artikel, der am 31.7.1964 im Südkurier erschienen ist. „Wes Nam und Art die Insassen dieses Frauenhauses waren und welche Ordensregel sie observierten, ist ebenfalls nicht überliefert . . .“; und der Schreiber vermutet, daß es sich hier „um jene Art ‚Seelenschwestern ‚ gehandelt haben könnte, die sich in freien ‚Sammlungen ‚ zusammengetan und daß es vielleicht gerade jene Adels- und Patriziertöchter waren, die 1480, als die bekannte ‚Seelenschwestersammlung am Biggenthor ‚ unter der heiligmäßigen Äbtissin Ursula Haider in ein geschlossenes Kloster umgewandelt wurde, hier als erste untergebracht wurden „.

Legende Nr. 2:

Die Motivwörter „Frauen“ und „Adel“ tauchen wieder auf, nun allerdings in der pikanten Variante. Das Haus soll im Besitze einer dubiosen adligen Dame gewesen sein. Dazu habe ein Kreis nicht ganz so feiner Damen gehört, die zu besuchen nur ledigen Männern gestattet gewesen sei. Unser Mundartdichter Hans Hauser erzählt, wenn er als Kind mit seiner Mutter an diesem Hause vorbeigegangen sei, habe sie gesagt: „Guck‘ uf d’Siite, Bue!“

Legende Nr. 3:

„Dieses Haus erhielt seine Bedeutung durch seinen Besitzer, den Ratsherren und ersten Verfasser einer bedeutenden Stadtchronik, Heinrich Hug . ..“, heißt es in einem jüngst erschienenen, autorisierten Stadtführer.

Brunnenstraße 3, nach 1965. Die alten Quader und Fensterelemente wurden wieder eingebaut. Das Haus gehört heute einer Eigentümergemeinschaft.

 

Das neuerbaute „Hug-Haus“,

Für alle drei „Legenden“ gibt es keinen Beweis, oder er konnte auf Verlangen nicht vorgelegt werden. Wir werden uns jetzt, ausgehend von dem was man gesichert weiß, über das mögliche Zustandekommen der Histörchen verständigen.

1766 nennt das Brandversicherungskataster der Stadt Villingen das Haus im Käsgässle Nr. 523 das löblich Unser Lieben Frauen Pflegschaft Haus; dreistöckig, 500 Gulden.

1825 spricht das Brandversicherungskataster vom Haus Nr. 523 als Unser Lieben Frauen Pfleg-schaftshaus — von Mauer, 2 Steingiebel samt Keller und Stall, 500 Gulden. Eigentümer: Kirchenpfleg

1843 hat die hiesige Kirchenpflege unterm 30. Oktober 1843 versteigert: Das Haus — drei Stock hoch — im Käsgässle neben Jakob Glatz und Gregor Beck an Siebmacher Jakob Bracher

1862 Maria Ummenhofer geb. Bracher Ehefrau des Lilienwirts und Bäckers Josef Ummenhofer erhält von ihren Eltern das Haus in der Käsgasse.

1872 Landwirt Josef Benner von Stetten, Oberamt Rottweil

1876 Josef Thalweiser, Bäcker

1884 Alois Hirt, Bäcker von Marbach

1893 Philipp Kreutz, Bäcker von Sand, Amt Kehl Jan.

1893 Anton Rünzi, Bäcker von Kleinlaufenburg März

1897 Albert H i ß , Bäcker von Eichstetten, Amt Emmendingen

1907 Wilhelm H u g , Bäcker und Ehefrau Rosa geb. Wehrle, von Bleibach, Amt Waldkirch

1958 Albert H u g , Bäckermeister

Durch den Totalabbruch des Schuhhauses Kleinhans stürzte 1964 die östliche Giebelmauer in sich zusammen.

Das war das Todesurteil des alten Anwesens Brunnen-str. 3.

Die Auslegung:

„Unser Lieben Frauen Haus “ bedeutet nicht “ Frauenhaus“ sondern ist das Haus Unserer Lieben Frau.

Mittelhochdeutsch: „unser lieben vrouwen (vrowen, frowen) hus „; das ist aber nichts anderes als die mittelhochdeutsche konsonantische n -Deklination, Femininum, Singular, Genetiv. Im Klartext: Im Mittelhochdeutschen erfolgt die Antwort auf die Frage: „Wessen Haus ist es?“ nicht so : “ Das Haus Unserer Lieben Frau “ sondern “ Unser Lieben Frauen Haus“. Wir verwenden also die neuhochdeutsche Schreibweise aber die mittelalterliche Deklination der Einzahl beim “ Wesfall “ (Genetiv). Es handelt sich somit nicht um “ Frauen “ sondern nur um eine einzige : Unsere Liebe Frau, nämlich Maria, die Mutter Gottes, und diese Bezeichnung verweist auf das Münster.5) „Unser Lieben Frauen “ Pflegschaft Haus gehörte, wie wir erfahren haben, der Kirchenpflege. Es ist demnach das Haus der Vermögensverwaltung der Kirche “ Unserer Lieben Frau „, des Münsters. Diese war darin untergebracht (Modern würde man sagen, hier waren die Büros.). Nun war das originale Haus, wie auf der abgebildeten Fotografie ersichtlich, ein stattliches Haus. Das erlaubt die Annahme, daß es auch die Wohnung für einen oder gar zwei Pfleger enthielt.6)

Zur Erläuterung sei ausgeführt: Pfleger ist der Kurator, d. h. ihm obliegt die Obsorge für das Vermögensgut der Lieb- Frauen -Pflegschaft. Er hat das Geschäftsführungs- und Vertretungsrecht, d. h. Vollmacht im Innen- und Außenverhältnis; insofern ist er vergleichbar mit dem Vorstand einer heutigen Juristischen Person, er ist Leitungsorgan. Seine Tätigkeit umfaßt viele Aufgaben: Leitung der, wie wir heute sagen würden, „Sozialstation „, Verwaltung der Liegenschaften, Schließung von Verträgen jeder Art, Überwachung der Jahrtage, Vergütungen für Ministranten und Mesner, Beschaffungsplanungen usw.

Als Aufsichts- oder Überwachungsorgan fungiert in der Regel der Rat der Stadt. In dem Haus könnte ferner die Wohnung eines Kaplans gewesen sein und daß ein Stall vorhanden war, wird ebenfalls gesagt. Schließlich waren alle diese Leute Ackerbürger und im gewissen Umfang Selbstversorger. Soweit die Quellen reichen, sieht die Wahrheit anders aus als sie die mündliche Überlieferung uns berichtet. Die Bezeichnung “ Unser Lieben Frauen Pflegschaft Haus “ könnte, wie ausgeführt, aus dem religiösen Blickwinkel betrachtet, zur Annahme verleiten, das Haus sei eine klösterliche Unterkunft für Frauen gewesen. Tatsächlich gibt es dafür aber keinen Beweis, zumindest ist er bisher nicht aufgetaucht. Unsere obige Darstellung ist aus der inneren Logik des Sachverhalts richtig und dürfte auch für die Zeit vor 1766 gelten.

Auch bei der Überprüfung der “ Legende Nr. 2 “ bleibt der Begriff “ Frauenhaus“ im Spiel. Allerdings wird er hier im Sinne eines Freudenhauses verstanden. Das mittelhochdeutsche Wort “ vrouwenhus “ heißt Hurenhaus. In Villingen kennt man zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Ausdruck für dieses Etablissement die Bezeichnung „gmein frowenhuß“ oder „gemain frowenhuß“ ( gemain = niedrig), wie wir aus zwei Urkunden wissen.7 ) In der in der Fußnote erstgenannten Urkunde taucht eine Anna von Stouffen auf, die vom Bürgermeister und Rat “ daz gmein frowenhuß . . gelihen “ bekommen hatte. Weil sie sich aber nicht an die Bestimmung gehalten hatte, nämlich sich nicht mit Ehemännern abzugeben, wurde sie aus der Stadt verbannt. Da haben wir die dubiose Dame der Legende und natürlich auch die bienenhaften Damen, die ihren Nektar nur aus den Geldbeuteln lediger Männer schlürfen durften. Legende muß es schon deshalb bleiben, weil es kaum vorstellbar ist, daß in einem so stattlichen und an so exponierter Stelle der Stadt stehenden Haus ein Freudenhaus hätte betrieben werden können. Dafür gibt es den stillen Winkel des Rietviertels, die heutige Turmgasse beim Romäusturm, der noch auf dem Stadtplan des Martin Blessing von 1806 “ Freudenstadt “ — im Volksmund “ Freidestädtle “ —heißt. ( In Rottweil lautet die Bennenung der entsprechenden Örtlichkeit “ siiß Löchle „.)

Es bleibt noch die dritte Legende, die über den Chronisten Hug. Wir können sie ebenfalls so schnell abtun wie die ersten. Unterstellen wir, es käme heute ein geschichtsinteressierter Bürger aus der Ferne erstmals ins Städtle, der sich, sagen wir im Laufe eines Jahres, ein wenig durch die Stadtgeschichte hindurchgelesen hat. Ihm würde man nun das große stattliche Haus zeigen, das ja dem alten ähnelt (vgl. die Abbildungen), und dazu würde man bemerken: “ Das war dem Hug sein Haus „. Wie leicht könnte man da den „Aha-Effekt “ auslösen, was besagt, daß unser Neubürger messerscharf schließen würde: Uraltes, großes, zentrales Haus — und “ Hug „: „Aha „, das war der berühmte Chronist Heinrich Hug aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. So kam diese „autorisierte“ Legende wohl auch zustande. Jedoch : April, April ! In der Generationenfolge von Bäckern war es seit 1907 das Haus des Bäckers Wilhelm Hug und ab 1958 das seines Sohnes Albert, bis es 1964 abgebrochen wurde. Es war das Haus vom “ Becke -Hug „. Vor allem Sohn Albert war ein stadtbekannter Humorist, der zusammen mit seinem Bäckerkollegen Hermann Rible viele Jahre zu den Attraktionen des Balls der Narrozunft gehörte. Er lebt heute, 75jährig, im Hause seines Freundes Hermann Rible in der Gerbergaß.

Auch so entstehen Legenden. Da schmunzelt der Bäcker Hug!

1) Erneuertes Stadtrecht von 1371, in : Oberrheinische Stadtrechte, 2. Abteilung: Schwäbische Rechte, Erstes Heft: Villingen, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, Seite 55, letzter Absatz.

2) Brandversicherungskataster von 1766 der Stadt Villingen

3) Adreßbuch der Großherzoglich Badischen Kreishauptstadt Villingen von 1900, Frick -Verlag Villingen. Die Hausnummern von 1766 Nr. 523 und später 384 entstanden durch eine unterschiedliche organisatorische Erfassung und sind in der Sache identisch.

4) Rodersches Repertorium über das Pfarrarchiv Villingen — (CCC 12) 3245 im Stadtarchiv — Maria Magdalena Pfründe im Münster, Lit. K. 4

5) Vgl. H. J. Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band 1 S. 128 Nr. 614 … unser lieben frowenmunster ce Villingen. . . (1480)

S. 299 Nr. 1590 .. unnser lieben Frawen münster zu Villingen (1595)

S. 341 Nr. 1787 … ahn unser lieben frawen pflegschafft im münster (1695)

6) 1519 werden drei Pfleger genannt; vgl. Pfründarchiv Villingen, bearbeitet von Josef Fuchs, Villingen -Schwennin-gen 1982, S. 98 Nr. 42 – 243

7) H. J. Wollasch, a. a. 0., Bd. I, S. 166, Nr. (JJ 78 ) 809 Derselbe    a. a. 0., Bd. I, S. 199, Nr. (JJ 159) 1003

Auch das gibt es noch: E Holzbiig i de Brunnegass

 

… und de Maa, wo ’s Holz selber spaltet.