Zum gedenken: Dr. med. Johann Nepomuk Häßler

 

Wir gedenken

 

 

 

 

 

 

 

Dr. med. Johann Nepomuk Häßler

1899 — 1981

Mit dem Tod von Dr. Häßler, der am 27. Februar 1981 verstarb, hat unser Verein ein altes verdientes Mitglied verloren. Er gehörte schon viele Jahrzehnte einem Kreis geschichtsinteressierter Männer Villingens, dem Vorläufer des heutigen Geschichts- und Heimatvereins, an.

Neben seinem Arztberuf, den er mit großer Hingabe in Villingen und dessen Umgebung versah, galt von jeher sein persönliches Interesse besonders der Heimatgeschichte.

Der Verstorbene entstammte einem alten Villinger Geschlecht, dessen Stammbaum er bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen konnte. Villingen verdankt ihm die Geschichtsbände über die Belagerung im Spanischen Erbfolgekrieg und über die Geschichte der Lorettokapelle sowie andere Forschungsergebnisse.

Es war auch kein Wunder, daß sich Dr. Häßler, dem das Wohl seiner Heimatstadt besonsders am Herzen lag, als über die Vereinigung von Villingen mit Schwenningen diskutiert wurde, sich leidenschaftlich für die Erhaltung der Selbständigkeit Villingens eingesetzt hat.

Für seine reichen Verdienste wurde der Verstorbene mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und vom Villinger Geschichtsverein zum Ehrenmitglied ernannt.

Hermann Preiser

Auf den Spuren der großen Pilgerwallfahrt des Mittelalters nach Santiago de Compostela, Spanien, zum Grabe des Apostels Jakobus:Wo stand die St. Jakobskapelle in Villingen? (Werner Huger)

Zu allen Zeiten und in allen Kulturreligionen der Welt ist es frommer Brauch, entfernte heilige Stätten zu besuchen: die Wallfahrt. Auch die christliche Religion kennt hunderte von verehrten heiligen Stätten, allein in Deutschland sind es rund 350 Wallfahrtsorte. In der Geschichte des Abendlandes sind die drei herausragendsten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. Die Pilgerfahrt nach Compostela gilt dem Grab des Apostels Jacobus major. Zeitweilig war sie im Mittelalter bedeutender als Rom. Man nannte Santiago de Compostela auch das „westliche Jerusalem „. —

“ Das Grab des Apostels Jacobus ist das glorreichste unter allen Gräbern der Heiligen aller Nationen „, meinte der heilige Bonaventura. Die Pilger kommen aus allen europäischen Ländern. Das deutsche Sprachgebiet ist sehr früh, schon im 9. Jahrhundert, vertreten. Bereits Notker der Stammler (gest. 912), vom Kloster St. Gallen, verweist auf den Jakobskult in den oberdeutschen Gegenden, wozu unser Raum gehört.

 

Ehemaliger Standort der abgegangenen St. Jakobskapelle bei Nordstetten; s. hierzu. Seite 39. Die Person auf der Wiese bezeichnet etwa den Mittelpunkt.

 

Kaiser und Könige, Heilige, geistliche und weltliche Fürsten und Herren pilgerten nach Compostela im spanischen Galicien (Nordwestspanien), ganz zu schweigen von der großen Masse der bescheidenen Pilger, die bis auf den heutigen Tag das ferne Ziel suchen. Zahlreich sind die Gründungen von Jakobskirchen, —kapellen und —hospizen in allen Ländern und die der Jakobsbruderschaften, von deren Mitgliedern eine besondere Pilgerqualifikation verlangt wurde. Erstere markieren noch heute sehr oft den Verlauf der Pilgerstraßen. Für das Gebiet des alten Römisch-Deutschen Reiches lassen sich im allgemeinen drei verschiedene Sammelpunkte der Pilger nennen. Sammelpunkt der Oberdeutschen war das Kloster Einsiedeln. Der oberdeutsche Weg führte wohl mit seinem Hauptzweig „von Frankfurt über Heidelberg an den Bodensee“ nach Einsiedeln ( — die deutschen Wege sind noch kaum erforscht — ) oder, wie Revellio schreibt, durchs Gutach- und Kinzigtal über den Brogenpaß auf dem Schwarzwald, um südlich Villingen durchs Steppachtal, der alten Schweizer Straße folgend, über Hüfingen, Schaffhausen oder Zurzach, Zürich, nach Einsiedeln zu gelangen. Von Mönchweiler nach Sommertshausen (einem Weiler südlich Obereschach) führt noch heute der alte Pilgerweg durchs „obere Nordstetten “ ins nördliche Steppachtal, hinweg über die alte Rottweiler Straße, wo er in den sogenannten „Totenweg “ übergeht, der, sich südlich fortsetzend, die Verbindung der Altstadt von Villingen mit den Höfen des oberen Nordstetten herstellt. Zwischen dem oberen Nordstetten und der alten Rottweiler Straße haben sich noch die Flurnamen „St. Jakob“ und „Jakobsgasse “ erhalten. In diesem Gewann stand eine St. Jakobskapelle. Wir finden von ihr Abbildungen auf der Rottweiler Pirschgerichtskarte von 1564 (siehe Bild) und der Karte vom Villinger Pirschgerichtsbezirk von 1607 (im Tiroler Landesarchiv Innsbruck). Die Kapelle (St. Jacobus et St. Verena in Nordstetten de parochia in Villingen) findet 1342 Erwähnung in einem päpstslichen Ablaßbrief. Wohl aus jener Zeit stammt auch als einzig erhaltenes Relikt die Steinplastik, die heute im Villinger Museum aufbewahrt wird. Sie zeigt St. Jakob, der ein Pilgerpaar krönt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle vom Feind „umschanzet und ihr viel Böses zugefügt „. Der Rat der Stadt beantragte daraufhin im Jahre 1658 beim Bischof von Konstanz, die Kapelle nicht mehr zu erneuern sondern den Gottesdienst ins Münster zu verlegen. “ Das Vermögen der Kapelle betrug damals 2400 fl. zu 5% verzinst und aus 24 Jauchert Äcker „. Es wurde dem sehr bedürftigen Münsterfond einverleibt. Damit fand die Kapelle ihr Ende, sie wurde abgebrochen.

Im Frühjahr 1981, nach der Schneeschmelze und nachdem die ersten Regen die Maulwurfshügel ausgewaschen hatten, hat der Verfasser die Stelle der fast vergessenen Kapelle gesucht und sie dort gefunden, wo zahlreiche rote Ziegelbruchstücke ihren Standort verrieten. Der Ort ist gekennzeichnet durch die auf dem Bild auf der Wiese stehende Person. — Dicht bei der kleinen Straßenbrücke über den Steppach im nördlichen Steppachtal, zweigt von der alten Rottweiler Straße die jetzt asphaltierte „Jakobsgasse “ nach Norden ab und zieht leicht ansteigend gegen das obere Nordstetten. In halber Entfernung, bevor es leicht abwärts geht, finden wir etwa 50 m rechts (östlich) zwischen dem Weg und dem Ende des Heckenrains auf der Wiese die Stelle, die unserer Erinnerung und Bewahrung anheim gegeben ist.

Werner Huger

Quellenangaben :

1. Hermann J. Hüffer : Von Jakobus-Kult und Pilgerfahrt im Abendland, in : Vera und Hellmut Hell „Die große Wallfahrt des Mittelalters „, Verlag Ernst Wasmuth Tübingen 1979, Seite 7 — 31

2. Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, „St. Jakob bei Villingen „, Ring Verlag Villingen 1964, Seite 99 — 103

3. Gerhard Elsner : Das Wunder vom gehenkten Jüngling, in: Sonderdruck aus Konradskalender 1981, Badenia Verlag Karlsruhe, Seite 47 — 51

Da die Villinger St. Jakobskapelle für alle Zeiten verschwunden ist, können wir nie mehr rekonstruieren, wie ihr Kirchenraum einmal ausgesehen hat. Der Verfasser ist deshalb auf einen „Trick“ verfallen. Die Legende berichtet, fast wie in einem Kriminalfall, von einer Pilgerfamilie — Vater, Mutter, Sohn — der auf ihrer Wallfahrt zum Grabe des heiligen Jakob in Compostela Übles widerfährt. In einer Herberge der Stadt Domingo de la Cabzada, wo sie übernachten, verliebt sich das Wirtstöchterchen in den Sohn. Weil er ihre Liebe nicht erwidert, wird aus Leidenschaft Haß. Der Wirt, als rächender Vater, steckt nachts, während die Familie schläft, einen kostbaren Becher ins Gepäck der Gäste. Am nächsten Tag holt er dann eilends die Gerichtsdiener und beschuldigt die Gäste des Diebstahls. Der Becher wird gefunden, das Urteil schnell gesprochen, der Sohn sogleich weggeführt und am Galgen gehenkt. Dennoch ziehen die Eltern zum Grabe des Heiligen und beten zu ihm. Auf der Rückreise kommen die Eltern erneut zum Galgenhügel, wo sie ihren Sohn noch lebend am Galgen vorfinden, weil der heilige Jakob ihn die ganze Zeit über gestützt hatte. Schleunigst begeben sie sich zum Richter, der gerade Hühnchen am Spieß brät, und berichten von dem Wunder.

In derb-realistischer Weise zeigt das Bild wie die gerupften Brathähnchen vorn Spieß des ungläubigen Richters davonfliegen.

 

Die Eltern des durch die Gnade des Heiligen erretteten Sohnes knien vor St. Jakob und danken ihm. Der Heilige ist in die typische Kleidung der St. Jakobspilger gehüllt.

 

Unwillig meint der, sowenig wie diese Hühnchen am Spieß noch einmal fliegen könnten, könne der Gehängte noch einmal leben. Kaum gesagt, fangen die gebratenen Hühner mit ihren Stummelflügeln an zu schlagen und zischen, wie von der Startrampe geschossen, vom Bratspieß ab durchs Fenster. Das Wunder ist geschehen. Der junge Mann wird vom Galgen geführt, der böse Wirt dafür aufgeknüpft. Noch einmal ziehen Vater, Mutter und Sohn zum Grabe des Heiligen, um ihm für die wunderbare Errettung zu danken.

Um 1515 berichtet Nikolaus Bertrand, daß alle Jakobskirchen und —kapellen mit dieser Legende ausgemalt worden seien, also wohl auch unsere Kapelle zu Villingen. Nun gibt es aber in Überlingen am Bodensee eine 1424 gestiftete Jodokskapelle, die auch eine St. Jakobskapelle ist. Erst in diesem Jahrhundert entdeckte man in ihr große Jakobusfresken, die in einer szenenreichen Darstellung des 15. Jahrhunderts, auf der linken Wandseite im Innern, von der Wunderlegende des heiligen Jakobs berichten. Die Form manchmal derber Realistik wird als besondere Eigenart der Malerei von Konstanz und Umgebung während des 15. Jahrhunderts bezeichnet. Könnten so nicht auch die Wandmalereien in der Villinger St. Jakobskapelle ausgesehen haben?

 

 

 

Villinger »Kloster-Guetili« und andere klösterliche Köstlichkeiten (Hermann Preiser)

Zu einer Zeit, als mit dem Villinger Bickenkloster noch keine Schulanstalt verbunden war, haben die Schwestern dieses Klosters — damals waren sie noch Klarissinnen, die den Franziskanern unterstanden —u. a. auch durch Herstellung und Verkauf von Backwerk zu ihrem Lebensunterhalt beigetragen. Die Bezeichnung „Kloster —Guetili “ war in Villingen für ein    bestimmtes Weihnachtsgebäck (Ausstecherli) allgemein üblich, und bei den alten Villingern wird dieser Name heute noch gebraucht. Manche Bürgersfrauen hatten sich von den Klosterschwestern das Rezept geben lassen, aber keiner war es gelungen, den einmaligen Geschmack des im Bickenkloster gefertigten Kleingebäcks zu erreichen.

Maßgebend für die Herstellung war nicht nur das Rezept selber oder die richtige Ausmischung der Zutaten, sondern vor allem die Art der Zubereitung des Teiges und das Backen im Holzkohleofen.

Auch Lebkuchen wurden seit dem 16. Jahrhundert in größerem Umfang im hiesigen Kloster gebacken. Die ersten Lebkuchenhersteller waren überhaupt die Klöster und die Lebkuchen der Villinger Klosterfrauen waren so berühmt, daß sogar der Freiherr Werner von Zimmern nur dann seinen Zins für das vom Kloster geborgte Geld zahlte, wenn dieselben ihm zu Neujahr von ihren guten Lebkuchen schenkten. Dem Pfarrherrn von Wolterd ingen wurde zwischen den Jahren 1670 —1680 alljährlich ein dreipfündiger Lebkuchen um einen Gulden geliefert.

Aus dem Ausgabenbuch des Klosters ersehen wir, daß große Mengen Bienenhonig zur Lebkuchenherstellung eingekauft wurden. Die Gewürze zu diesem Backwerk waren sehr teuer und mußten manchmal von weit her z. B. im Jahr 1525 aus Frankfurt/M. bezogen werden.

Ein anderes Weihnachtsgebäck, die „Springerle“, wurde ebenfalls im Kloster gebacken und die Schwestern ließen sich zu dessen Herstellung kunstvolle Model von Villinger Holzschnitzern und Töpfermeistern anfertigen, wovon noch eine größere Anzahl im Kloster und im Villinger Heimatmuseum verwahrt wird.

Auch Heilmittel haben zu damaliger Zeit die Villinger Klosterfrauen zubereitet. Besonders wurden „Lungenwasser“ und „Wermutsaft“ genannt, und wahrscheinlich wurde auch eine Art Kräuterlikör oder Magenbitter hergestellt, denn bereits i. J. 1512 werden „Kornrosen“ und später „Prunella, Patenken, Bathonien, Cramille, Rosmarin, Ehrenpreis und Angelika-wurzeln zum Brennen“ erwähnt. Aus diesen Kräuterauszügen bezw. Destillaten haben sich auch die berühmten Klosterliköre entwickelt, und die vorher in der Aufzählung genannte Angelikawurzel ist die Droge, die heute noch dem „Benediktiner“, neben anderen Zusätzen, den führenden Geschmack gibt.

Den Alkohol hierzu haben sich die Klosterfrauen, was heute kaum noch bekannt ist, selber hergestellt und zwar haben sie dazu selbstgebranntes Kirschwasser verwendet. Nach dem Wiederaufbau der im Dreißigjährigen Krieg teilweise zerstörten Klosterkirche, wurde im Jahr 1655 im Turmknopf eine Urkunde eingeschlossen, in der die Namen der damals im Kloster lebenden Frauen, mit einer kurzen Charakterbeschreibung derselben, vermerkt wurden. In dieser Urkunde wird die Schwester Anna Maria Stöffelin, 53 Jahre alt, 40 Ordensjahre zählend, „Kirschwasserbrennerin“ genannt, mit dem Anfügen, daß sie ihr Gebet fleißig verrichte und sie selber fügte noch hinzu, daß sie „gern ein gutes Weinle trinke und gern ausschlafe“ .

Auf das Kirschwasserbrennen im Villinger Kloster finden wir noch einen weiteren Hinweis. So haben die Schwestern des St. Germanklosters, als im Dreißigjährigen Krieg ihr Kloster zerstört wurde und sie Aufnahme im Bickenkloster fanden, dessen Schwestern zum Dank „Kirschen zum Brennen“ gekauft.

Wir sehen also, daß sich in früherer Zeit wohlhabende Bürger Villingens im Bickenkloster ihr Weihnachtsgebäck und anderes Backwerk besorgten und wer Husten oder das Bauchweh hatte, holte sich bei den Klosterfrauen bittere Tropfen oder sonst ein wohltuendes Wässerlein.

Hermann Preiser

 

So backt man Kloster—Guetili:

Zwei Pfund Mehl (etwa ein halbes Pfund zur Teigbereitung zurückbehalten), ein halbes Pfund Butter, ein Pfund feiner Kristallzucker, ein gestrichener Kaffeelöffel Natron, ein Päckchen Anis, ein viertel Liter süßer Rahm, acht (sechs) Wasserglaseier.

Mehl, Butter und Zucker werden auf dem Nudelbrett fein gerieben. In der Mitte der geriebenen Masse macht man eine Vertiefung, gibt die ganzen Eier, Rahm, Natron und den Anis zu. Hierauf wird alles nur mit dem Messer so durcheinandergeschafft — nicht kneten ! — bis der Teig fast wie ein Spätzleteig ist, nicht zu fest und nicht zu locker.

Ofenhitze 230 Grad.

Anmerkung:

Etwa ein halbes Pfund Mehl zum eventuellen Nachgeben bei der Teigzubereitung zurückbehalten, Teig nicht kneten, nur auf dem mit Mehl bestäubten Nudelbrett wälzen, den Teig in kleinen Portionen auswallen und mit einer durchlöcherten Ringform ausstechen; vorher die Teigportion mit Mehl bepinseln (klebt sonst).

Auf ein mit Mehl bestreutes Blech setzen (vorher mit Butter bestreichen).

Nach dem Backen die Unterseite abbürsten.

Das Rezept wurde im SÜDKURIER vom 24. 11. 1979, Nr. 272 / Seite 13, so abgedruckt.

Johrmärt

 

Si kummet (me verstoht si kum,

amend ell ander Woert)

vu obe rab, vu enne rum

und no vu andere Oert.

 

Me hört si nit, si kummet z ’nacht

ganz still denandernoo,

bis iserom vum Schlof verwacht

isch scho de Johrmärt doo.

 

Do isch e Grenn, e Ghetz, e Gschwatz

und Glächter zwischet nii,

do striitet si um Liecht und Platz,

’s will jedes s’Vürnehmst sii.

 

Do isch e Ghämmer und en Krach,

word gwuelet, gnaglet, gsägt,

doh isch no jeder unter Dach,

no het sich elles glegt.

 

Wos so proletet und so schellt,

do kunnts mer gspässig vür,

si bauet is e neui Welt

us Latten und Papier.

 

De billig Jacob vorneweg,

der macht am meiste Gschroe,

vum Kleadli bis zum Bäredreck

verkauft der ells eloe.

 

Do stellt on sini Bilder us,

’s het koes en Hooke dra,

die kamer, kunnt mer nimme drus,

uffhenke wie mers maa.

 

Wer in e Musikbudi guckt

hört scheppere und Schrea,

me mont, es wur on drin verdruckt

und ’s wär e Uglück gscheah.

 

Me schießt uff Bleamli,

daß es kracht, me kennt noh isern Guu,

und seller, wo die Bleamli macht,

lebt oerdili devuu.

 

On bietet Fleckewasser aa,

do gond ell Moose weg,

und wenn des nimme helfe ka,

no weaslet mer halt d’Fräck.

 

Do schwätzt en schwarze Zaubersmaa

lut uf en andre ii,

und streckt ihm e Glas Wasser na,

de ander suufts as Wii.

 

En Cowboy zoegt am nääschte Stand

en brav abgriechte Hund,

und elles findet’s interessant

well ’s übers Wasser kunnt.

 

E Teifili im Wasserglas

fehrt lustig uff und ab

und bindt om elles unter d’Nas

vum Wiegli bis is Grab.

 

Und so mit Gschroe und Dideldum

findt sich de Kroom zum Kroom.

Es macht scho am e Wetter rum,

i mon, i bliib dehom!

 

 

Hans Hauser

Dieses Gedicht ist entnommen aus: „Diel i de Nacht“ Alemannische Gedichte Verlag H. Müller, VS—Villingen Erhältlich in allen Buchhandlungen)

 

 

 

Wohntürme – die »Paläste« des Hohen Mittelalters (Werner Huger)

 

„Turm am Ort“ Schaffhausen – Ursprünglich Teil der Stadtbefestigung, später Wohnturm eines ritterlichen Geschlechts

 

Martini 1347. Über den schmalen Verkehrsweg von Freiburg her rumpelt, zwischen den Geleiserillen und den Pfützenlöchern hin-und hergeschüttelt, der Karren zur Stadt. Soeben biegt er um die Waldecke. Der Höhenrücken neigt sich abwärts. Dort unten, wo sich das Tal zur flachen Aue verbreitert, liegt sie in ihrer unverwechselbaren Gestalt. Der Mann auf dem Karren hebt die Hand vor die Stirn über die Augen, um besser zu sehen. Türme sind es vor allem, die ihre Silhouette bestimmen: Die schweren Tortürme in den vier Himmelsrichtungen, die Wehrtürme in der Mauer dazwischen, die feste Mauer selbst. Eigentlich eine riesige Burg, denkt der Mann. Aus dem Schmutzigbraun der hingeduckten Dächer steigen ein wenig filigran die Türme der Stadtkirche und der des Johanniterordens, einige Dachreiter klösterlicher Gotteshäuser oder Kapellen und — merkwürdig, eigentlich nie beachtet, wieder Türme, mitten zwischen den Dächern aufsteigend, wehrhaft und hoch, komisch; die will er sich nachher einmal genauer ansehen, nimmt sich der Mann vor. Der Wagen holpert, von der Wache eingelassen, unter dem Torturm in die Stadt. Eieiei, hier stinkt’s noch mehr als bei uns im Dorf, denkt sich der Mann, und schnäuzt zwischen zwei Fingern seine Nase. Er schaut sich um. Auch nicht besonders groß die Häuser hier, viele einstöckige und viel Holz, sehen trotzdem manchmal aus wie unsere Lehmhütten, aber fast alle aneinander gebaut, hält besser und gibt warm im Winter, wenig Grünland dazwischen — so geht es ihm durch den Kopf. Da sind etliche zweistöckige Häuser. Allerhand. Unten Stallung, im Stock darüber Wohnung, dann steiles Dach mit Gaupe und Speicher, Wände und Dachflächen kaum voneinander abgesetzt. Schön warm, von unten und oben. Er fühlt es förmlich an diesem kalten Novembertag. Da sind ein paar vornehme zweigeschossige Häuser, gibt’s halt nur in der Stadt: Kaufhaus, Pfleghof, Konventshaus, Amtshaus. Mensch, hier sind sogar dreigeschossige: Rathaus, Spital?

Zwischen Stadtbach und dem Misthaufen vor dem Haus rechts, überspringt er die morastige Stelle, wo die u-förmige hölzerne Entwässerungsrinne beschädigt ist. Ein Huhn flattert erschreckt auf, ein Schwein grunzt. Noch zehn Schritte, dann steht er davor: Ein Turm, mitten unter den Häusern, alles weit überragend, ganz aus Stein, mindestens acht Ellen breit (etwa 6 m) und „Dunnderwetter !“, entfährt es ihm, mindestens 19 Ellen (etwa 15 m) hoch!. Das müßte mein Weib sehen, denkt er, der ist ja himmelhoch — ein, ja, wie soll man sagen, ein richtiger Wolkenkratzer!

„Bigott!“, entfährt es ihm aufs neue, „jetzt hanino en neu Wort erfunde 1“ — und er weiß nicht, über was er sich mehr wundern soll.

Mit dieser im Scherz gemeinten Bemerkung unseres erfundenen Bauern wollen wir das Stilmittel belletristischer Schilderung verlassen. Es sollte uns nur dazu dienen, die Gefühle ahnen zu lassen, die einen Menschen befallen haben mochten, wenn er im 12., 13. oder wie hier auch im 14. Jahrhundert zum erstenmal aus seiner ländlichen Umgebung heraus und in die Stadt kam, wo ihn völlig neue Dimensionen verwirrten.

„Allgemein sind die Türme kennzeichnend für eine frühe Ausbreitung der Stadt. Ihr Bau erfolgte zur Hauptsache im 12. Jahrhundert und zu Beginn des 13. in Übereinstimmung der maßgeblichen lokalen Gewalten (Kirche, Bürger, Stadtherrn) „. 1) Diese für Zürich getroffene Feststellung läßt sich im Kern auf alle deutschen Städte übertragen, die in der Zeit der Städtegründungen wie Pilze aus dem Boden schossen. Jeder steinerne Bau hat im Hohen Mittelalter den Wert einer zusätzlichen Befestigung. Das gilt in besonderem Maße für Türme jeder Art. Wenn hier von Wohnturm gesprochen wird, so ist das eine Art der Typenbezeichnung; andere sind Patrizier-, Ritter -, Adels- und Geschlechterturm. (Letztere ist eine aus dem Italienischen übernommene und eingedeutschte Bezeichnung, die dem deutschen Beispiel nicht gerecht wird. 2)

In der Sache wichtig ist jedoch lediglich seine Unterscheidung zum Wehr- und Torturm. Die letzteren stehen immer in einem eindeutigen Zusammenhang mit der Stadtmauer.3) Gleichzeitig wird deren Wehrfunktion an der Ausstattung und der Gestaltung der Außenfassade erkennbar (Schießscharten, Gußerker u. a.). Bei der allmählich wachsenden und sich erweiternden Stadt gelangen Tor- und Wehrtürme älterer Mauern und Entwicklungsperioden zwangsläufig mitten in den Altstadtkern und erschweren so eine Typenfindung, wenn nicht archäologische und bauhistorische Befunde eventuell nur vorliegenden Abbildungen zu Hilfe kommen. Es gibt auch Grenzfälle zwischen Wehr- und Wohnturm, die nicht abgeklärt sind.4)

1) Jürg Meier a.a.O. S. 231

2) Ders. S. 231

3) Richard Strobel a.a.O. S. 94

4) Ders.    a.a.O. S. 94

Wir finden sie in zahlreichen Städten, beispielsweise in Stuttgart, Würzburg, Zürich und in der näheren Entfernung in Konstanz, als ein Beispiel sei hier das Haus zur „vorderen Katz“ genannt (s. Abbildung), in Schaffhausen „Turm am Ort“ (s. Abbildung) und in Villingen der Turm, der im Hause Färberstraße 1 steckt, der spätere Umbauten erfahren hat. Während wir hier allgemein und exemplarisch über Wohntürme berichten, werden wir in einem zweiten und dritten Teil zunächst auf die Gegebenheiten in Villingen und dann auf das Beispiel Färberstraße 1 eingehen, über das gerade in diesen Tagen bisher unbekannte Erkenntnisse im stadtgeschichtlichen Zusammenhang gewonnen werden konnten.

Wenn wir im folgenden den Wohnturm klassifizieren, werden wir keine umfassenden Kriterien anfuhren. Wir nehmen den Tadel berufener Fachleute in Kauf. Es geht um das Verständnis der Laien. Im wesentlichen sind nachstehende Merkmale und Funktionen eines Wohnturms zutreffend:

1. Hervorstechendes Merkmal ist seine ausnahmslose Bauausführung in Stein. (Das ist für Profanbauten des Hohen Mittelalters keineswegs selbstverständlich. Ein Indiz ist der große Stadtbrand Villingens im Jahre 1271.)

Haus „zur vorderen Katz“ in Konstanz. Ursprünglich wohl Wehrturm, später Wohnturm.

 

2. Der Turm steht isoliert, ist also nicht Bestandteil eines geschlossenen Gebäudekomplexes innerhalb der Stadt, etwa einer Stadtburg. Er kann über Aufbauten — meist aus Holz — und Anbauten, in der Regel aus Stein, verfügen. (Vgl. hierzu die Abbildungen des Brunnenturms in Zürich und des Turms „am Ort“ in Schaffhausen.)

3. Vier und mehr Obergeschosse, bei quadratischem oder rechteckigem Grundriß.

4. Die Fassade besitzt Fenster, oft mit reichen Arkaden (Maßwerk, Säulchen oder profilierten Pfosten). Auch Schießscharten kommen vor.

5. Entscheidend ist selbstverständlich, daß der Turm primär Wohnzwecken dient. Interessanterweise wird ein Kamin als Erstausstattung nicht vorausgesetzt. In einer weiteren Funktion dient er einflußreichen Familien zur Repräsentation aber auch dem Schutz und Trutz.

Diese Darstellung wird wörtlich oder sinngemäß und aus den Texten abgeleitet, von Jürg Meier und Richard Strobel bestätigt. ( 5. deren Veröffentlichungen im Literaturverzeichnis.) Im übrigen wird sie noch heute durch den Augenschein bestätigt. (Vgl. die Abbildungen.)

Ergänzend ist hinzuzufügen:

Wohntürme im engeren Sinne werden als solche erbaut. Im weiteren Sinne wird man jene Türme hinzuzurechnen haben, die einst anderen Aufgaben im Tor- und Wehrbereich dienten, während der Stadtentwicklung aber in den Häuserbestand integriert wurden und Wohnturmfunktion erhielten. Andererseits kann es vorkommen, daß aus einem frühen Wohnturm ein Wehrturm wird, wie beim Obertorturm in Schaffhausen geschehen.5)

Eine enge Abgrenzung der Merkmale von festen Wohntürmen ist selbst für die einzelnen Städte kaum möglich. Die sich auftuenden Fragen verlangen von einer Siedlungslandschaft zur anderen, ja von einer Stadt zur anderen, neue Antworten. So werden z. B. in der Regensburger Literatur immer wieder Gebäude als Türme bezeichnet, die eigentlich gar keine sind.5a) Dabei wird kritisch angemerkt, daß etwa Pult- oder Satteldach oder ein hoher steinerner Giebel eines heutigen alten Hauses kein Kriterium zu sein braucht. Auch die Mauerstärke muß als Prüfstein ausscheiden. Der Römerturm in Regensburg, der die Aufgaben eines tatsächlichen Wohnturms hatte, besitzt ein mächtiges Sockelgeschoß von fast vier Meter Mauerstärke. Das ab 1. OG aufsitzende Bruchsteinmauerwerk hat eine Stärke von 1,65 m bis 1,20 m, wobei — für die Baustatik jener Zeit typisch — in jedem Geschoß die Mauern etwas zurückspringen. Andererseits besitzen mehrere hohe Türme im Erdgeschoß nur 90 cm starke Mauern.6)

Welche Bevölkerungsschicht bewohnte nun solche Türme? Wir sagten schon, jeder steinerne Bau hat im Hohen Mittelalter den Wert einer zusätzlichen Befestigung. Auch die Wohntürme — oder wie immer wir sie nennen — sind ein Typus mittelalterlichen Burgenbaus. 7) Ihre Gebäulichkeiten konnten sowohl zur Wohnung als auch zur Verteidigung dienen. Im Früh- und Hochmittelalter tritt als Inhaber des Befestigungsrechts vor allem der König auf .8) Die Übertragung dieses Hoheitsrechtes ( Regal) erfolgte als Ausdruck seiner Reichspolitik im Innern an Adel und Geistlichkeit. Für Zürich kommt Jürg Meier zu dem Ergebnis, die Besitzer der Steinhäuser seien im 11. und 12. Jahrhundert ritterlichen Standes gewesen und hätten sich aus den Kreisen des hohen und des Ministerialadels rekrutiert. Für das 13. und 14. Jahrhundert stellt er dann „freizügigere Tendenzen“ fest, „welche den Besitz von Steinhäusern allen vermögenden Schichten und selbst den zu Ansehen gelangten Bauern erschlossen“.9) In ihrer Blütezeit wurden die Türme in der Mehrzahl an „Dienstleute der Klöster, seltener zugezogenem Landadel oder Gefolgsleuten des weltlichen Stadtherrn übertragen.“10) Diese für Zürich und Schaffhausen getroffene Feststellung gilt, wenn es sich um „Gefolgsleute des weltlichen Stadtherren“ handelt, zweifellos auch für Villingen. Soweit es sich um belehnte Ritter handelte, standen sie dem weltlichen Stadtherrn bei Kriegszügen mit ihrem Schwert zur Verfügung, andererseits waren sie mit ihren festen Bauten „Beschützer der städtischen Expansion“. „An ihre Anwesenheit knüpfte sich das Interesse der zähringischen Politik, welche dabei eine Festigung des städtischen Gemeinwesens erstrebte.“ 11) —

In der Zeit der Zunftkämpfe, im 13. und 14. Jahrhundert, als der Kampf mit dem Stadtherren um die Unabhängigkeit und den Anteil am Stadtregiment seitens der Handwerkerzünfte geführt wurde, stehen die „Geschlechter“ gegen sie. Auch dieseTatsache unterstreicht die Nähe der Geschlechter zum Stadtherrn.

5) Vgl. Jürg Meier a.a.O. S. 229

5a) Richard Strobel a.a.O. S. 103

6) Richard Strobel a.a.O. S. 100/101 und 107

7) Jürg Meier a.a.O. S. 204

8) Ders.    a.a.O. S. 207

9) Jürg Meier a.a.O. S. 204

10) Ders. a.a.O. S. 231

111 Ders. a.a.O. S. 231

 

(Auf die besondere Lage in Villingen wird noch einzugehen sein.) — Es ist müßig, nach den Erbauern oder Besitzern der Türme im Hohen Mittelalter zu fragen. Sie sind insgesamt nicht hinreichend belegt, wenngleich Namen bekannt sind. So stellt Jürg Meier für Zürich fest, daß der Ursprung stadtadliger Familien im 11. Jahrhundert aufgrund schriftlicher Quellen selten erschlossen werden kann. „Beim niederen Adel werden frühestens im 12. Jahrhundert Familiennamen gebräuchlich. Familien, die nicht dem Adel angehörten ,erh ielten sogar erst im 13. Jahrhundert einen Geschlechtsnamen.“12)

Was für Zürich gilt, kann auf andere deutsche Städte, insbesondere unserer Raumschaft, übertragen werden: Die lehensmäßigen Verbindungen der frühen Zeit verlieren sich allmählich. Im 14. Jahrhundert wechselten die Türme in der Art „sonstiger Liegenschaften“ den Besitzer.1 3) Als reine Wertobjekte haben sie jeden direkten machtpolitischen Hintergrund verloren. Reiche Familien machten sich daran, sie umzubauen und durch Hinzukäufe zu erweitern. ( Vgl. hierzu die Abbildungen des Brunnenturms in Zürich und des Turms „am Ort“ in Schaffhausen.)

Zürich : Brunnenturm

 

12) Jürg Meier    a.a.O. S. 211

13) Ders. a.a.O. S. 231

Ende des 14. Jahrhunderts plante z. B. die reiche Kaufmannsfamilie Runtinger in Köln so großzügig, daß die palaisartige Neugestaltung und Erweiterung sogar den Ausbau eines großen Festsaals von rund 200 qm ermöglichte.14) In Zürich rekrutierten sich die späteren Inhaber der Türme ebenfalls aus allen vermögenden Schichten, wozu auch Juden und „Cawertschen“ (italienische Geldausleiher) zählten.15) Das ausgehende 15. und das beginnende 16. Jahrhundert läuten endgültig den Niedergang der Wohntürme ein. Neuzeitliche bauliche Strömungen kommen auf und nehmen den Wohntürmen den repräsentativen Wert von vornehmen Bürgerhäusern.16 ) Die Renaissance und das Barock sprechen das Aus.

Eine Besonderheit der Wohnturmperiode sind die italienischen „torri gentilizie“, die Geschlechtertürme. Sie sollen deshalb kurz erwähnt und in ihrer Funktion gegen die „nördlichen Ebenbilder“ abgegrenzt werden.17) Die Darstellung folgt der Unterscheidung, die Meier für die oberitalienischen Geschlechtertürme und die Adelstürme von Zürich trifft.18) Wie wir aus der Geschichte wissen, hatten die aufblühenden oberitalienischen Handelsstädte immer mehr ihre Verpflichtungen dem Kaiser gegenüber vernachlässigt. Es verwundert deshalb auch nicht, daß das kaiserliche Burgenregal in ganz Italien großzügig gehandhabt wurde.

 

Zürich: „Bilgeriturm “ — nach dem Geschlecht der Bilgeri —

14) Barbara Beus    a.a.O. S. 140

15) Jürg Meier    a.a.O. S. 214

16) Jürg Meier a.a.O. S. 214

17) Eine Abbildung war leider nicht möglich

18) Jürg Meier a.a.O. S. 229-231

Auch verschiedene Interventionen, hauptsächlich Kaiser Friedrichs I. (Babarossa), änderten nichts. Es wurde für jede Familie von Rang und Namen allmählich üblich, bei ihren Stadtsitzen entsprechende Turmanbauten vorzunehmen. Es wimmelte von Türmen in den größeren Städten Oberitaliens. Für Bologna werden gegen 200 Stück angegeben (Regensburg etwa 60). „Oft wurden eine ganze Reihe von Türmen von einem Geschlecht oder einer Partei gemeinsam erstellt und verwaltet. Man versprach sich, dieselben gegenseitig offen zu halten und wenn nötig zum Entsatz herbeizueilen. Es war untersagt, einen Turm ohne Einwilligung der anderen Parteigänger oder der Geschlechtsangehörigen zu veräußern. In Erbteilungen blieben die Türme den Familien meist als unteilbarer Gemeinbesitz erhalten. Sie verbürgten die Sicherheit einer ganzen Sippe und bildeten so den symbolischen Mittelpunkt, um den sich die Familie in Zeiten der Not scharte. In der konsularischen Periode der italienischen Städte im 11. und 12. Jahrhundert, während der Regierungszeit der aus dem niederen Adel und Großbürgertum zusammengesetzten Räte, gehörten die steten Parteikämpfe zum unabdingbaren Merkmal der frühen städtischen Entwicklung.“ Es waren also feste Stützpunkte in den Fehden einflußreicher Familien oder gesinnungsmäßiger Gruppierungen gegeneinander, ein Politikum ersten Ranges. Anders als in Deutschland war es gerade die Person eines starken Stadtherren oder die Bürgerschaft selbst, die sich gegen den „Staat im Staate“ als Gegenbewegung wandte. Ab dem 13. Jahrhundert zielen immer mehr Maßnahmen erfolgreich auf die Beseitigung der Türme. Die Kontinuität mächtiger Stadtherren, wie sie bei uns mit den Zähringern beginnt, verhindert von vorneherein eine familiäre oder gruppenpolitische Machtkonstellation in der Art und Weise der italienischen „Familienburgen“, die — und das ist zu betonen — stets Wehrtürme waren ! Auch sachen – und erbrechtlich — um im modernen Sprachgebrauch des Bürgerlichen Gesetzbuches zu sprechen — war die Ausgangslage anders. „In Italien waren die Türme für den Fortbestand einer Sippe von entscheidender Bedeutung“. Nimmt man Zürich als Beispiel, so fehlen diese starken Bindungen der Geschlechter zu ihrem Turm. Für Wohntürme im vorherrschenden Sinne bestimmten „der Verkauf, die Pfandschaft und der Erbgang sowie vereinzelt nachgewiesene Lehensverhältnisse “ die Möglichkeit des Inhaberwechsels.

Wie war das nun in Villingen? Wir sind sehr oft auf Hypothesen angewiesen. Aber auch solche sind in der Diskussion erlaubt, wenn sie nicht zum „so war es“ gemacht werden. Der empfindliche Mangel liegt für Villingen im Fehlen einer systematischen Häuserforschung, wie sie z. B. für Nördlingen in einer dreißigjährigen Lebensarbeit durch den dortigen Stadtarchivar vorliegt. Der Villinger Häuserforscher Walter K.F. Haas hat vielversprechende Ansätze und ein Konzept vorliegen. Es wäre ihm zu wünschen, daß allgemein erkannt und gewürdigt würde, welches Feld sich hier für die Stadtgeschichtsforschung öffnet. — Um 1120 (1119) entstand auf dem rechten Brigachufer planmäßig die mittelalterliche Stadtanlage.19 ) Die Stadtherren waren bis 1218 die Herzöge von Zähringen. Danach, ohne hier näher darauf einzugehen, der Kaiser, die Fürsten-berger, die Habsburger. 20) Die Gründung des ersten Baues der Villinger Stadtkirche (Münster) ist „wohl eher in die Mitte des Jahrhunderts (12. Jahrhundert; die Redak.) anzunehmen.“ 21) Von Profanbauten ist für diese Zeit auch in der Literatur keine Rede. Es ist bezeichnend, daß man in der seriösen Sekundärliteratur ( Revellio, Brüstle) noch nicht einmal im Sachwortverzeichnis einen Hinweis auf die Burg des Stadtherren im Stadtgebiet, die Ke(ä )ferburg, findet und im Text erst indirekt darauf stößt. 22) Läßt sich das Dunkel der Quellenlage für das 12., 13. und 14. Jahrhundert überhaupt noch befriedigend aufhellen? Es ist anzunehmen, daß sich Alter und Bauherrschaft von Wohntürmen des Hohen Mittelalters aus den schriftlichen Quellen ebensowenig erschließen lassen wie in Schaffhausen oder Zürich. 23) Mögen auch die Herrschaftsverhältnisse in Schaffhausen andere gewesen sein, was hier keiner Darstellung bedarf, so erlauben doch die üblichen Rechtsverhältnisse jener Zeit den Schluß, daß bei der räumlichen Nähe und Verbindung zur Stadt Villingen und auch durch die vergleichbare Größe ähnliche Verhältnisse in Villingen anzutreffen waren. „In Schaffhausen läßt sich neben Zürich die beachtlichste Anzahl von Adelstürmen nachweisen (11 Türme) „. 24) Es gibt heute in Villingen keine rein erhaltenen Wohntürme mehr. Sie sind alle das Opfer späterer Umbauten geworden. Leider sind für die späte Zeit die Quellen nur sporadisch und nur in wenigen Teilaspekten erforscht. Setzen wir das Vorhandensein von Wohntürmen voraus, dann ergeben sich aus rechtlicher Sicht aufschlußreiche Perspektiven. In der frühesten erhaltenen Urkunde zur Stadt -und Ratsverfassung der Stadt Villingen geloben die Fürstenberger als Stadtherren 1284 ihren „lieben burgeren“ u. a. „Der selbe herre der sol der stat ze Villingen kaine burch noch vesti naher machen noch och in der stat, wan alse iezent an gemachet ist“.25) Die Fürstenberger verzichten also auf ihr Befestigungsrecht innerhalb und außerhalb der Stadt. Das mag erklären, warum es in der weiter oben erwähnten Zeit der Zunftkämpfe zwischen Geschlechtern und Zünften ruhig blieb. „Aber während es in vielen Städten zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Geschlechtern und Zünften kam, hören wir in Villingen nichts davon“. 26) Zeitlich noch weiter zurück reicht eine Rechtslage, nach der bereits 1225 ein aus den „Vierundzwanzigern“ bestehender Rat vorhanden war, der sich aus den Geschlechtern ergänzte und das Gemeinwesen regierte. 27) Ein machtpolitisches Spannungsfeld, wie wir es von anderen Städten kennen, scheint es also nicht gegeben zu haben. An „italienische Verhältnisse“ zu denken, wäre völlig abwegig.

Schließen wir demnach „befestigte Positionen“ des Stadtherrn in Form „stadtherrentreuer Wohnturm-verteidiger“ aus. Aber selbst ohne den machtpolitischen Hintergrund unterstellen wir dem Turmhaus in Villingen den „repräsentativen Wert eines vornehmen Bürgerhauses“. ( 5. hierzu weiter unten: „Bollerin“-Turm.) Auch als Herzog Albrecht von Österreich die Stadt Villingen in seinen Schutz nimmt,gelobt er 1326, ihre bisherigen Rechte zu halten: “ ir lip und ir gut l’azzen beliben in den rehten und vriheit, als su von dem edeln man, graven egen seligen von Fürstenberg … gehabent . . . “ 28) Vielleicht haben wir es hier auch mit den schon für Zürich zitierten „freizügigen Tendenzen “ zu tun, wo um diese Zeit „alle vermögenden Schichten“ Besitzer von Wohntürmen sein konnten. —

19) Paul Revellio a.a.O. S. 65 ff.

20) Näheres hierzu bei Revellio und Brüstle a.a.O.

21) Thomas Keilhack a.a.O. S. 37

22) Hans Brüstle a.a.O. S. 26 Fußnote

23) Jürg Meier a.a.O. S. 224

24) Jürg Meier a.a.O. S. 224

25) Oberrheinische Stadtrechte, a.a.O., Seite 5; gemeint sind die jetzige Ruine Warenburg auf dem vorderen Laible und die ehemalige Burg am Keferbergle.

26) Paul Revellio a.a.O. S. 72

27) Ders. a.a.O. S. 72

 

Welche Häuser kommen nun in Villingen mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit als ehemalige Wohntürme in Frage? (Es kann sich hier nur um eine Ad – hoc-Aufstellung handeln. Alles weitere bleibt künftiger Forschung vorbehalten.) Da ist zunächst einmal das Haus Obere Straße 26 (Schilling). Noch auf der späteren Federzeichnung von 1685 bis 1695 ist das Haus als Turm zu sehen. (Siehe Jahresheft V, 1980, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Seite 26) Es kann ein ehemaliger Wohnturm gewesen sein. 1806 wird es als Kilianen -Turm bezeichnet, 1825 gehört es einem Anton Körner modo Stadtrechner Otto, 1837: Herrichtung (Umwandlung; die Red.) zu einem Wohnhaus, 1838: große Reparatur, 1842 wird es als „Wohnhaus von Mauer“ (d. h. aus Stein; die Red.) bezeichnet. Der Eigentümer ist ein Dominikus Kaiser, Müller. Heute in seiner Substanz überhaupt verschwunden ist der sogenannte „Wadle“—Turm. 1766 ist ein Michel Wadle, Büchsenschmied, Besitzer eines vierstöckigen steinernen Turms. Er stand an der Ecke Niedere Straße 11 und Schlösslegasse, heutiger Eingang Schlösslegasse 2, ehemals S. Bloch. Der Turm wurde 1786 abgetragen und eine bügerliche Behausung daraus gemacht.29)

 

Villingen: Haus Obere Straße 26 (Schilling) — ein ehemaliger Turm, wie an den Eckquaderungen deutlich zu sehen ist

 

28) Oberrheinische Stadtrechte a.a.O. S. 21

29) Die Auskunft über die beiden Häuser stammt von dem Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas, Triberger Straße 12, VS — Villingen

 

 

Wohnturm in Konstanz

 

Im Haus Niedere Straße 28, früher Alfons Riegger, heute Schrempp, das sich noch imposant mit vier Obergeschossen und hohem Giebel darbietet, befindet sich im Innern in rund sieben Metern Tiefe eine parallel zur Niederen Straße verlaufende Mauer, die im ersten Obergeschoß etwa 1,35 m breit ist und bis auf den Dachboden oberhalb des 4. OG hinaufführt. Im 1. OG befand sich ein rundbogiges Fenster, nach innen breiter als nach außen und so groß, daß ein Mensch sich durchzwängen konnte. Es ist heute zu einem Durchgang verbreitert, der die hinteren Räume des Hauses mit den vorderen verbindet. In einem weiteren Obergeschoß soll sich noch ein zweites gleichartiges Fenster vermauert in der Wand befinden. (Auskunft des Eigentümers Schrempp) Ein früher vorhandener Turm mit rund 7 x 7 m Grundfläche muß angenommen werden. Ob ehemals Wehrturm (Dr. Zahn) ist nicht bewiesen. Auch das Haus Niedere Straße 10 (heute Bäckerei Hoch) scheint mit seiner schmalen Fassade und der großen Giebelhöhe ein Turm gewesen zu sein. Ein Turm — ob erst Wehr- und später Wohnturm konnte zunächst nicht entschieden werden — war nach den jüngsten Erkenntnissen das Haus Färberstraße 1. Darauf wird zurückzukommen sein. — Weitere Vermutungen, welche Häuser noch Turmcharakter gehabt haben könnten, sind zu unbestimmt und sollen deshalb nicht ausgesprochen werden.

Im Jahre 1968 wurde eine neue Aufnahme der Bau-und Kunstdenkmäler der Stadt Villingen begonnen und abgeschlossen, für die ein Herr Dr. Zahn zeichnet. Seine Bemühungen waren wichtig und nützlich für die Denkmalpflege. Natürlich ist es unmöglich, daß das Inventarverzeichnis, dem für die einzelnen Häuser eine Beschreibung und eine Baugeschichte beigefügt ist, wissenschaftlichen Ansprüchen der Häuserforschung genügt. Dazu bedarf es Jahrzehnte gründlichster Untersuchungen in verschiedenen Bereichen. So wird beispielhaft vom Haus Färberstraße 1 gesagt: „1. Hälfte 17. Jahrhundert, Erneuerung 1804 ( EV ), Satteldach, im 1. OG eine spätgotische Holzbalkendecke „, wovon außer der Hausnummer gar nichts stimmt! Nicht vertretbare Ungenauigkeiten finden sich auch bei der Beschreibung des Hauses Niedere Straße 28. Sie ließen sich bei genauem Hinsehen sicher beliebig vermehren. Man darf aber die lobenswerte Absicht nicht aus dem Auge verlieren, deshalb trifft den Ersteller des Inventarverzeichnisses hier kein Vorwurf.

Man sieht das Ergebnis ist dürftig. — Die Freiherren Yfflinger —Granegg waren in Villingen seit Ende des 15. Jahrhunderts begütert. Aus den Regesten des Inventars über die Bestände des Stadtarchivs Villingen erfahren wir unter dem Datum 1544 Okt. 27 — ( 341/1) 1424 „Jacob Stoll genempt Maler von Villingen, schaffner im Tennenbacher hoff zuo Fryburg im Pryßgoew “ verkauft im Auftrag des „appt unnd convennts zu Tennenbach ir huß sampt dem thurn, genempt der Bollerin thurn, unnd garten zu Villingenn, dem Cunrat Yfflinger zu Villingen „.30) (Obengenannter Cunrat Yfflinger (von Wellendingen) von Villingen war im Rat der Stadt und vielleicht auch Bürgermeister.) Diese sehr späte Quelle verweist wenigstens auf einen Turm der bewohnt wird. Außerdem erfahren wir den Namen seines adligen Eigentümers. Wo der “ Bollerin „— Turm stand oder steht, ist nur zu vermuten.

Wenden wir uns im letzten Teil dem einzelnen Haus zu, genauer dem Haus Färberstraße 1 in Villingen, laut “ Adreßbuch der Großherzoglich Badischen Kreishauptstadt Villingen “ von 1900, dem Haus Eisengasse 428. (Die Färberstraße begann erst unterhalb der Brunnenstraße.) Hierzu die persönliche Vorgeschichte: Das Haus wurde 1891 von meinem Großvater Ignaz Huger von einem Tuchmacher gekauft. Es blieb im Familienbesitz und gelangte 1978 auf dem Erbweg an mich. Obwohl persönliche Bindungen bestehen — mein Vater und ich sind darin geboren und aufgewachsen — entschloß ich mich wegen des insgesamt miserablen Zustands für einen Abbruch und Neuaufbau. Da schaltete sich das Landesdenkmalamt ein und stellte durch seine Fachleute fest, daß es sich bei dem Haus um einen mittelalterlichen Wohnturm handle.

Es blieb also nur die Sanierung und Modernisierung ab Januar 1981. Einigermaßen brancheerfahren gab ich an Architekt, Statiker, Bauhandwerker und Zimmerleute den Auftrag, bei allen Arbeiten darauf zu achten, ob bauhistorische oder archäologische Spuren und seien sie anscheinend noch so unbedeutend, auftauchen und bat, diese mir zu melden. Außerdem ließ ich mir von signifikanten Holz- und Balkenteilen Stücke absägen, die ich nach Stuttgart an die Universität Hohenheim verbrachte, um sie von Dr. Becker dendrochronologisch bestimmen zu lassen. Der Aufwand hat sich ohne Zweifel gelohnt. Es ist denkbar, daß die gewonnenen Erkenntnisse bei der künftigen Erforschung alter Häuser der Innenstadt dienlich sein werden. Aus schriftlichen Quellen, hier Grundbuch und Brandversicherungskataster — jedoch ohne Ur-barien — , hat mir der Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas dankenswerterweise wenigstens bis zum Jahre 1766 die Besitzer nennen und damit verbunden bauhistorische Hinweise geben können. 1766 ist Michel Steinmanns Wittib (Witwe) Besitzerin des „vierstöckigen steinernen Hauses „. 1825 erfolgt die Bewertung als “ dreistöckiges Wohnhaus von Mauer, zwei Steingiebel samt Stall „mit 400 fl. (Gulden) . Die Zahl der Stockwerke von 1766 und 1825 braucht kein Widerspruch zu sein. Noch heute kann man sich im Sprachgebrauch von Laien nicht darauf verlassen, was sie meinen, wenn sie sagen „dreistöckig “ oder „vierstöckig“. Manche denken dabei nur an die Obergegeschosse andere auch an das Erdgeschoß. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich 1825 noch ein Stall im Haus befand. Es ist ein Indiz, über wieviele Jahrhunderte sich der Ackerbürger gehalten hat. Noch in meiner Bubenzeit, in den 1930er -Jahren, gehörten die Landwirte aus der Brunnenstraße mit ihrem Stall und dem Misthaufen an der Webergasse, dem früheren Mistgässli, zu der Umgebung, in der wir uns herumtrieben. Dazu kamen noch das Riet, die Rosengasse, die Goldgrubengasse u. a. 1837 vermerkt das Brandversicherungskataster für das Haus in der Färberstraße eine Werterhöhung um 500 fl. (Gulden) „wegen Reparatur“. Eine Verdoppelung in der Bewertung, bei der es ja nicht um den Verkehrswert ging, ist auffällig, selbst wenn man eine Geldentwertung von 1825 — 1837 in Kauf nimmt. „Wegen Reparatur “ könnte, aus dieser Quelle abgeleitet, auch Umbau bedeuten.

30) Hans-Josef Wollasch a.a.O. Band 1, Seite 267

Luftbild rechte Seite: Das Haus Färberstraße 1 ist mit seiner Rückseite durch einen Pfeil gekennzeichnet. Die Turmstruktur ist deutlich erkennbar.

 

Es steht inzwischen fest, daß weder der Grundriß noch die Höhe verändert wurden. Zum Bestand des Hauses in seinem jetzigen Zustand gehört nämlich ein Dachstuhl, der von der Denkmalpflege in Freiburg bei einer ersten Besichtigung zeitlich vor dem Dreißigjährigen Krieg eingeschätzt und als gotisch bezeichnet wurde. Im Juni 1981 kam dann von der Universität Hohen-heim (Dr. Becker) das dendrochronologische Ergebnis mehrerer Balkenproben. Die Hölzer wurden zeitlich „eindeutig gesichert „, und zwar auf die Jahre 1374 und 1375 ! Für drei Proben wurde als Fällungsjahr Herbst/Winter 1374 und für eine Tannenprobe Frühjahr 1375 ermittelt. Das bedeutet, der Dachstuhl wurde 1375 eingebaut. Begründung: 1. Im Winter baut man keinen Dachstuhl oder baut ihn mindestens nicht zu Ende. 2. 1375 wurde zweifellos noch Holz benötigt, das Ende 1374 nicht geschlagen war. 3. „Bauhölzer sind in früheren Zeiten — entgegen den heutigen Bestimmungen — in der Regel ad hoc geschlagen und unmittelbar nach der Fällung im saftfrischen Zustand verzimmert worden“ .31) Weil nun die Konstruktion eines gotischen Dachstuhls aus einem Bürgerhaus von grundsätzlicher und für die Bauhistorie Villingens von besonderer Bedeutung ist, soll im folgenden der Fachmann zu Wort kommen. Der Statiker, Diplom-Ingenieur Rupert L. Heimerl, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, schreibt:

Als im Januar 1981 mit dem Umbau begonnen wurde, machte unser Ingenieurbüro, das mit der konstruktiven Bearbeitung des Projekts beauftragt worden war, im Rahmen der Bauüberwachung eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Bausubstanz sowie der tragenden Bauteile.

Dabei konnten neue Erkenntnisse über die Baugeschichte des Hauses gewonnen werden.

Die noch vorhandenen Hölzer und Balken des Daches und des 3. Obergeschosses erlaubten die Rekonstruktion eines gotischen Dachstuhls. (s. Zeichnung)

Seinen Aufbau möchte ich später noch genauer beschreiben. Zunächst aber soll die Frage geklärt werden, warum wesentliche Teile der ursprünglichen Konstruktion im Laufe der Zeit entfernt wurden, oder weshalb in die Bausubstanz überhaupt eingegriffen wurde.

31) Ernst Hollstein a.a.O. S. 37

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Aspekt, welche Teile der Konstruktion für das Gebäude fix waren, also weder verändert noch herausgenommen werden konnten.

Im 1. Teil dieses Berichts soll der Nachweis erbracht werden, daß die äußere Form des Hauses einschließlich Dach seit über 600 Jahren unverändert geblieben ist.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hat es lediglich Eingriffe in die Fassade gegeben :

1. Vergrößerung der Fenster zur Färberstraße hin (im 1. und 2.0G)

2. Späterer Einbau der beiden Fensteröffnungen im 3. OG

3. Änderung des Eingangs und der straßenseitigen Öffnungen im EG entsprechend der jeweiligen Nutzung wie z. B. für Handwerkszwecke oder Tierhaltung

Die hier genannten Punkte bedeuten keine zeitliche Reihenfolge. Das Dach hatte im ursprünglichen Zustand noch keine Gaupe.

Denn: Der nachträgliche Einbau des Ladeerkers ist daran ersichtlich, daß Dach und Gaupe keine zimmer-mannsmäßige Einheit bilden, da der mittlere Sparren hierfür kurzerhand abgesägt wurde. Dieser Eingriff kann aber zeitlich schon früh angenommen werden, es handelt sich hier mit ziemlicher Sicherheit um eine Heugaupe des Mittelalters. Jetzt konnte man den Dachboden als Stauraum besser nutzen und beschicken. Hier lagerten Futtermittel u. a., welches für die Tierhaltung im EG notwendig war sowie die Reisigwellen für den Hausbrand — als Vorrat für die langen Winter. (Die praktischere Lagerung von Brennholz zu ebener Erde war jetzt eben durch die Viehhaltung zumindest eingeschränkt).

Damals konnte man das 3. OG (und somit den Dachraum) nur über eine geradläufige, schmale und sehr steile Stiege erreichen. Abwärts wurde sie wie eine Schiffstreppe im „Rückwärtsgang“ benutzt. In den Speicher führte über eine Falltür nur eine Leiter.

Diese Behauptung möchte ich im folgenden (indirekt) begründen :

Zwischen dem 2. und 3. OG mußte die beachtliche Höhe von über 3 Meter überwunden werden. (Auf diese ohnehin merkwürdige Geschoßhöhe werde ich später noch zurückkommen). Da alle Balken der Decke über dem 2. OG aber parallel zur Straße bzw. zum hinteren Giebel spannen, blieb für den Einbau einer „normal begehbaren Treppe“ vom 2, ins 3. OG bei diesen beengten Grundrißverhältnissen nur eine Möglichkeit: nämlich den Treppenlauf entlang der hinteren Giebelwand zu führen. An der Stelle wurde sie auch tatsächlich eingebaut und bestand hier als Holztreppe bis zum Jahre 1981.

Bis zu deren Einbau befand sich aber am Austritt dieser Treppe eine Strebe des gotischen Dachstuhls. (s. Zeichnung Pkt. A)

Man stelle sich vor: Gerade oben an den letzten Stufen versperrt quer ein schräg von unten nach oben verlaufendes Holz den Weg. Diese Barriere mußte also entfernt werden. Daß die Strebe früher vorhanden gewesen ist, war an den sog. Anblattungen der verbleibenden Hölzer ersichtlich. (A. = halbseitige Einschnitte sich kreuzender Hölzer). Durch die Demontage wurde aber gleichzeitig das gotische Dachgerüst in statischer Hinsicht gestört.

Der ehemals völlig freitragende Dachstuhl mußte nun in der Mitte zwischengestützt werden. Die neue Stützung erfolgte dadurch, daß im 3. OG über den schon vorhandenen Trennwänden der darunter liegenden 3 Geschosse ebenfalls eine Wand eingezogen wurde. (In der Zeichnung gestrichelt).

Jedoch besitzen diese Wände kein Fundament, denn sie hatten nur raumabschließende Funktion, erhielten jetzt aber aus dem Dach erhebliche Lasten. (Tragende Funktion).

Das hatte zur Folge, daß sich das ganze Haus und damit der Dachstuhl im Laufe der Zeit an dieser Stelle stark senkte. Zur Nutzung des 3. OG als zusätzliches Wohngeschoß war das Entfernen der übrigen 3 Streben des gotischen Dachstuhls erforderlich. Dies war aus statischer Sicht durch die neu eingezogene Wand möglich. Außerdem konnten nun die beiden Fenster eingebaut werden.

Die gesamte Umbaumaßnahme muß also in einem zeitlichen und funktionellen Zusammenhang gesehen werden.

In neuerer Zeit wurde die auf den Dachboden führende Leiter ebenfalls durch eine Treppe ersetzt. Dabei entfernte man 2 Säulen der mittelalterlichen Dachkonstruktion und ersetzte sie — etwas versetzt —durch Pfosten aus gesägtem Holz, ein Indiz für eine Maßnahme im 19. Jahrhundert. (Mittelsäulen des Dachgebindes in Achse I).

Durch das Einsetzen der Speichertreppe wurde zudem das doppelte Joch an der Rückwand zerstört. Auf die Folgen der Maßnahme in Bezug auf das Tragverhalten kann hier aber nicht weiter eingegangen werden.

An dieser Stelle möchte ich nun das Prinzip und die Bestandteile des gotischen Dachgerüsts erklären :

Die Haupttragstruktur bestand aus zwei identischen Dachgebinden. Der Zwischenbalken wird nur für den Dachboden benötigt. (s. Grundriß Dachboden).

Die Last aus den beiden Mittelsäulen (Pkt. F und G) wurde über ein Sprengwerksystem nach außen abgetragen. (s. Querschnitt) Der Fuß der vorderen Streben (Straßenseite, Pkt. B) saß auf einem innenseitigen Mauerabsatz.

Der nach außen wirkende Strebenschub wurde durch das Gewicht der Mauer kompensiert. Daher besitzt die Fassade oben eine Wölbung nach innen.

Die Kraft der hinteren Streben (Pkt. A) wurde in das Joch an der Rückwand eingeleitet.

Die nach oben laufenden Streben (Pkt. C und D) haben statisch eine. ähnliche Funktion, an ihnen wurde der Bundbalken (Pkt. E) zusätzlich „aufgehängt“. Durch diese Konstruktion konnte der Hausgrundriß frei überspannt werden, d. h. es wurde keine Stützung in der Hausmitte benötigt (im Gegensatz zu später, als das 3. OG zum Wohngeschoß umfunktioniert wurde).

Da man die hintere über 17 m hohe Giebelmauer unverändert ließ (s. Teil 2 des Berichts), mußten die Lasten der beiden Firstpfosten durch die Konstruktion eines doppelten Jochs an der Rückwand abgefangen werden. ( s. Zeichnung)

Außerdem wurden damit auch die Lasten aus dem Dachboden abgetragen. Die 4 schrägen Verstrebungen („Schwertungen“), die paarweise angeordnet sind, erhöhten dessen Tragkraft und Stabilität um ein Vielfaches.

Die Firststiele ( Pkt. H1 und H II) bestehen heute noch, es sind zwei ca. 6 m lange Baumstämme, die vom First oben bis unten auf den Dachboden reichen.

Dafür wird der Terminus „einstöckig“ verwendet, der eng mit unserem heutigen Begriff Stockwerk zusammenhängt.

Für die Mittelsäule (Pkt. F) gilt entsprechendes, denn sie ist etwa 4,5 m lang und ebenfalls aus einem Stück. Eine weitere Besonderheit des gotischen Dachgerüsts besteht darin, daß die beiden Mittelpfetten als sog. „liegende“ Pfetten ausgeführt sind. Sie liegen mit ihrer Querschnittsebene in der Neigung der Dachfläche, und tragen ihre Last über Eck in eine keilförmige Ausklinkung der Säulenköpfe ab.

 

 

 

 

Sämtliche Teile der mittelalterlichen Dachkonstruktion besitzen mehrfache Anblattungen.

Die Holzverbindungen sind sog. Kreuzungen, diese Verblattungen wurden durch „Holznägel “ (Eichenholz) gesichert. ( Keine Eisenteile wie Nägel etc.) Durch eine derartige zug- und druckfeste, räumliche Verstrebekonstruktion wurde die Standsicherheit des hohen Dachstuhls gewährleistet. ( Eine rechnerische Erfassung erfolgte damals in der Regel nicht).

Im Hinblick auf das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung möchte ich noch die Feststellung machen, daß Hölzer wie z. B. Kopfbänder nach dem Aufrichten des Dachgerüstes angebracht werden konnten. Dem Wortsinn nach sollen Bänder binden, zusammenhalten. (hier: den Kopf des Firstpfostens und den Sparrenkopf )

Diese bautechnische Tatsache wird durch die exakte Datierung der Probenummer 2 der Baumringunter-suchung bestätigt: Die hier untersuchte Holzprobe ist das Kopfband des Dachgebindes I , ein Stück Tannenholz, das im Frühsommer 1375 noch benötigt wurde. Für die Dachkonstruktion wurde, soweit bisher untersucht, Nadelholz (Tanne und Fichte) verwendet.

Es wurde „gebeilt“, das verletzte die Kapillargefäße weniger als beim Sägen und sicherte ein höheres Alter. Durch Forschungsarbeiten ist erwiesen, daß das Bauholz immer saftfrisch verzimmert wurde, d. h. daß Einschlag und Erstellung zeitlich identisch sind.

Dabei sei bemerkt, daß die benötigten großen Stamme im Winter gefällt wurden, also vor der Saftzeit, wodurch das Holz weder stark reißen noch sich verwerfen konnte.

Das belegt im übrigen die vorzügliche Materialkenntnis und sorgfältige Bearbeitung der Werkstoffe der mittelalterlichen Bau- und Zimmermeister.

Einer jener großen Stämme liegt bei der Probenummer 1 der Laboruntersuchung vor.

Es handelt sich hier um einen 66- jährigen Fichtenstamm, gefällt im Winter des Jahres 1374.

Der Balken hatte eingebaut eine Länge von ca. 7,5 m und befand sich unter der Decke über dem 2. OG.

Er diente statisch der horizontalen Abstützung der vorderen Fassade und des hinteren Giebels.

(Die Aussteifung erfolgte also etwa in der Mitte der maximalen hinteren Wandhöhe).

Erst im Zuge der Umbauarbeiten 1981 konnte diese Funktion erkannt werden. Der durchgehende Balken machte infolge der Deckenverkleidung zunächst den Eindruck, als handle es sich hierbei um einen Holz-unterzug für die darüber befindliche Balkenlage. (Unterzug = Zwischenstützung)

Zwischen dem Fichtenstamm und den Balken war aber ein Luftspalt von 5 — 10 cm, d. h. das Deckengebälk lag hier gar nicht auf.

Diese Tatsache sowie der Querschnitt der Deckenbalken über dem 2. OG ist nachher noch von Wichtigkeit. (Teil 2)

Bautechnisch gesehen besteht somit zwischen dem Baumstamm und der Fassadenwand ein ursächlicher Zusammenhang, aus dem folgt:

– Der Grundriß des Hauses ist seit dem Jahr 1375 unverändert!

– Konstruktive Gesichtspunkte beweisen zudem, daß zu diesem Grundriß dieser Dachstuhl gehört.

– Es ist ein gotisches Dachgerüst, aufgerichtet im Frühjahr 1375.

Die Synopse aus Baumringdatierung und statischem System weist das Alter des Gebäudes in der heutigen Form mit genau 606 Jahren aus.

Im 2. Teil des Berichts soll nun die Frage untersucht werden, ob es vor dem Jahr 1375 hier ein anderes Bauwerk gegeben hat, oder ob das jetzige Haus aus einem früheren, also noch älteren Gebäude hervorgegangen ist.

4 Fakten sprechen für einen Umbau eines Bauwerks vor 1375, das eindeutig Turmcharakter besitzt:

1. Im 1. Obergeschoß existiert in der seitlichen (Aussen-) Wand — zur Rietstraße hin — eine deutlich sichtbare Mauerfuge. Hier ist der sonst recht gute und kontinuierliche Verband des mit „Speckkalk“ (Weißkalk) gemauerten Bruchsteingefüges offensichtlich gestört. Kleinere Stücke wurden hier als „Lückenfüller“ eingesetzt.

2. Bei den Umbauarbeiten 1981 wurden hinter der jetzigen Fassade, also im Innern des Hauses, Reste eines alten Steinfundaments freigelegt.

3. Dieses konnte aber leider nicht mehr exakt eingemessen werden. Verläßliche mündliche Aussagen bezüglich der Lage sowie einfache bautechnische Überlegungen in Verbindung mit Pkt. 1 lassen jedoch auf einen praktisch quadratischen Grundriß schließen. (7 x 7 Meter)

4. Die über 17 m hohe Rückwand besitzt in einer Höhe von ca. 8 m außen einen Vorsprung von etwa 15 cm. Es liegt also eine der Turmstatik entsprechende Differenz der Mauerstärken vor.

Die Geschoßhöhe des 2. OG von über 3 m bei einem einfachen Bürgerhaus ist für die Proportionen des Mittelalters zu groß. Diese Höhe war nicht geplant, sondern sie muß sich zwangsläufig ergeben haben.

Diese Tatbestände lassen sich durch folgenden Ansatz auf einen gemeinsamen Nenner bringen :

Ungefähr bis zum Jahr 1374 stand an der Stelle des heutigen Hauses Färberstraße 1 ein über 17 m hohes Turmbauwerk.

Die nach Westen zeigende Seite des viereckigen Turms wurde damals vollständig abgetragen. Die heute noch bestehende, nach Osten gerichtete Rückwand gibt Aufschluß über die ursprüngliche Höhe des Turms. Ausgehend von der Überlegung, daß beim Abtragen auch der (vordere) Eckverband, der im allgemeinen aus etwas größeren Quadern gemauert war, entfernt werden mußte, kommt man — bei genauem Einmessen der vorher erwähnten Mauerfuge in der seitlichen Wand — auf eine ehemals quadratische Grundrißform.

Die offene Seite wurde, nachdem man die Mauerflucht um 2 m vorgerückt hatte, wieder geschlossen. So entstand die heutige Fassade, die nach der Straßenachse ausgerichtet ist. Eine entscheidende Rolle bei der gesamten Umbaumaßnahme spielte damals die bereits genannte Balkenlage über dem heutigen 2. OG. Sie muß dem ehemaligen Turmgebälk zugeordnet werden.

Dafür gibt es zwei Gründe:

1. Die Balken sind so stark gewählt, daß sie die Turmbreite frei, d. h. ohne Stützung, in der Mitte überbrücken konnten, aber der Abstand der einzelnen Balken ist mit 1,50 m für eine Wohnungsdecke zu groß. Dieser Mangel wurde später durch das zusätzliche Einziehen von weit kleineren Balken behoben, vermutlich dann, als man das 3. OG für Wohnzwecke nutzen wollte. (s. Teil 1)

2. Um die Stabilität des Bauwerks, vor allem während des damaligen Umbaus (vom Turm zum Haus) nicht zu gefährden, mußte man das Gebälk belassen.

Rückwand (Osten ) des Hauses Färberstraße 1. Aufgenommen von einem Blechdach über dem anschließenden Hof in Höhe von mehr als einem Stockwerk; trotzdem ist der Turmcharakter des zum 1. Baues Färberstraße 1 gehörenden Mauerwerks unverkennbar. Der hier abgebildete Bauzustand reicht zeitlich vor das Jahr 1375!

 

Außerdem wäre das Entfernen der Balken und ein Neueinziehen auf anderem Höhenniveau wegen der (parallelen) Spannrichtung mit Schwierigkeiten verbunden gewesen. Der an der heutigen Fassade liegende sog. „Streichbalken“ konnte ergänzt werden.

Auf diesen Umstand also ist die große Geschoßhöhe des 2. OG zurückzuführen. Das Gebälk wurde demnach beim Abtragen des Gemäuers und dann beim Aufrichten des Dachstuhls im Jahre 1375 als Arbeitsplattform benutzt, das hatte einige technische Vorteile.

Die neue Traufhöhe des Hauses ergab sich dann aus den konstruktiven Möglichkeiten. Einerseits konnte man das Dach nicht steiler anstellen, wodurch die Traufe niederer geworden wäre, andererseits ließ das erforderliche Sprengwerk keine andere Wahl. Somit legte man die beiden Bundbalken (Pkt. E) so hoch, daß man eine normale Stehhöhe hatte.

Ich vermute, daß man die Traufhöhen der Nachbarhäuser an die des Hauses Färberstraße 1 angepaßt hat. Vielleicht könnte diese Vermutung eines Tages bestätigt werden.

Durch eine Laboruntersuchung einer Holzprobe des o. g. Deckengebälks ließe sich m. E. das Alter des Turms bestimmen, doch das soll künftiger Forschung vorbehalten bleiben.

Soweit also Rupert L. Heimerl.

Nach den weiter vorne dargestellten Merkmalen, handelt es sich bei dem Haus Färberstraße 1 um einen gotischen Wohnturm. Er gehört zu jenem Typus, der mit seinem Turmvorgänger „einst anderen Aufgaben im Tor- und Wehrbereich diente, während der Stadtentwicklung aber in den Häuserbestand integriert wurde und Wohnturmfunktion erhielt“. Welcher Art diese Aufgaben waren, läßt sich heute noch nicht sagen. Auf jeden Fall ist dieser Turm ein Fixpunkt der Stadtentwicklung. Bliebe abschließend noch eine Hypothese in bauhistorischer Hinsicht vorzutragen : In etwa 14 m Höhe befindet sich in der Nordwand des Hauses Färberstraße 1 gegen das Haus Rietstraße 11 (heute Hornstein mit dem Geschäft Tschibo) ein schmuckloses Fenster, dessen Außenseite (gegen Norden) nur eine relativ schmale Öffnung besitzt, die eine steinerne Einfassung hat. Nach innen verbreitert sich die Laibung. Für besondere Lichtverhältnisse war das Fenster nicht geschaffen. Es ähnelt einer Schießscharte. Irgendwann wurde die äußere schmale Lichtöffnung mit Bruchsteinen verschlossen. Das Fenster gehörte funktional zu dem erwähnten Turm, der ja als Vorgänger des heutigen Bauzustands immer noch in dem Gebäude steckt und drei Seiten seiner Mauerflächen bildet. Der Sturz über der Gesamtlaibung des etwa 60 cm tiefen Fensters bestand aus einer Holzbohle, von der Fachleute sagen, sie würde in dieser Art stets baugleich mit dem Fenster eingesetzt. Auch sie verbrachte ich an die Universität Hohenheim. Leider war die Jahrringzahl nicht ausreichend, um sie dendrochronologisch mit der erforderlichen Sicherheit zu bestimmen. Es gab aber signifikante Anzeichen, wonach das Holz in die Zeit zwischen 1306 bis etwa 1340 passen könnte. Da das Fenster ja einmal eine Funktion hatte, also offen war, muß die Verschließung von außen zu dem Zeitpunkt erfolgt sein, als der Nachbar das heutige Haus Rietstraße 11 in der Höhe baulich erweiterte. In dem 1371 erneuerten Stadtrecht findet sich im § 46 folgende aufschlußreiche Bestimmung:

Wir haben gesetzet: Swa ainer ain hofstat ald ain garten het stossent an ain andern, und der (deren) liehter gend her uber die hofstat ald uber den garten, wil der an in buwen, so sol er in von der liehter wegen daran nut ierren, er lasse in buwen, es wer denne, das er vor sinem hus veld hetti uf der hofstat ald uf dem garten, so vil das wer, das sol er im lassen ligen und sol nun untz dar buwen; es wer denne, das er brief oder lebent gezug hetti, das er im die liehter nut verbuwen solt…

Mit dieser Regelung wurden also Baubegrenzungen in der Höhe grundsätzlich einer freieren Lösung öffentlich-rechtlich und privatrechtlich zugeführt. — Die Traufenhöhe des Hauses Färberstraße 1 ist mit dem Jahr 1375 vorgegeben. Ob und wann eine Angleichung der Traufenhöhe und dann auch der Gebäudehöhe des Hauses Rietstraße 11 ( Hauptstraße!) erfolgte, ist derzeit nicht zu sagen. Sie könnte aber eine Folge der neuen Rechtsordnung von 1371 sein. Dieser Hinweis ist vielleicht bedeutungsvoll für die Beurteilung der gesamten Traufenhöhe der repräsentablen Häuser der Innenstadt seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert, an denen sich, soweit es die Hauptstraßen betrifft, die Bauordnung des ausgehenden 20. Jahrhunderts neu orientiert. — Der Befund des Hauses Färberstraße 1 ist jedenfalls zu einem Kriterium der baugeschichtlichen Forschung im Zentrum der alten Stadt geworsden. Ich wünsche verständigen Laien und berufenen Fachleuten, daß ihnen dieser Bericht Hilfe und Anregung für weiteres Forschen ist.

Werner Huger

 

Die dendrochronologische Kurve der Hölzer Haus Färberstraße 1.

 

LITERATURVERZEICHNIS:

Beus Barbara:    Familienleben in Deutschland, Rowolth -Verlag 1980,S. 140

Brüstle Hans:    Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Neckar-Verlag Villingen, 1971

Gruber Karl:    Die Gestalt der deutschen Stadt,

Callwey -Verlag München, 3. Auflage, 1977, S. 89

Hollstein Ernst:    Die Abhängigkeit des dendrochronologischen Datierungserfolges von Holzart, Holzqualität und Konservierung; in: Sonderdruck aus: Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst-und Holzwirtschaft Reinbeck bei Hamburg, Nr. 77, Holzbiologie, Juli 1970 ,S. 37/38

Keilhack Thomas:    Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen — Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte, in : Geschichts-und Heimatverein Villingen, Jahresheft V, 1980, S. 37

Meier Jürg :    Die Adelstürme von Zürich, in : Nachrichten des Schweizerischen Burgen-vereins, Watt / Regensdorf ZH, Xl. Jahrgang, 1967, 7. Band, März/April Nr. 2 sowie Fortsetzung Nr. 2/1967

Oberrheinische    Erstes Heft: Villingen. Bearbeitet von

Stadtrechte:    Christian Roder, Heidelberg 1905

RevelIio Paul:    Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring-Verlag Villingen, 1964, S. 55, 67 ff., 72

Souchal Francois:    Kunst im Bild — Das Hohe Mittelalter — Holle Verlag Baden-Baden, S. 183

Strobel Richard:        Wehrturm, Wohnturm, Patrizierturm in Regensburg; aus: Festschrift Karl Oettinger, Erlanger Forschungen, Reihe A, Band 20, Erlangen 1967

Wollasch Hans-Josef:     Inventar über die Bestände des Stadtarchivs, Band 1: Urkunden, Ring-Verlag Villingen, S. 267

Zahn Wolfgang:        Inventarverzeichnis über alle in der Altstadt befindlichen, ganz oder teilweise unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, Villingen 1969

Ferner erhielt ich wertvolle Hinweise durch den Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas, die nicht veröffentlicht sind, von mir aber an der entsprechenden Stelle gekennzeichnet wurden.

 

Auf den Spuren Villinger Künstler. Doch kein Opfer des Zweiten Weltkriegs: Hans Kraut-Ofen blieb erhalten!

 

Wer dem verdienten Dr. Paul Revellio die Mitteilung gab, ist nicht mehr zu klären. An zwei Stellen, Seite 149 und 227, seiner „Beiträge zur Geschichte dei Stadt Villingen „, Ring-Verlag Villingen 1964, beklagt Revellio den Verlust des Prachtofens von Hans Kraut der “ im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe ein Opfer des 2. Weltkriegs wurde „. Tatsächlich wurden die Stadt Karlsruhe und mit ihr das Schloß, in derr das Badische Landesmuseum untergebracht war, im 2. Weltkrieg stark zerstört. Man vermutete unter den Trümmern auch den Hans Kraut-Ofen.

Irgendwann nach dem Kriege, ohne daß Revellio davon erfuhr, fand der Ofen, in seine Teile zerlegt und in Kisten verpackt, vor der Zerstörung bewahrt, den Weg zurück ins Badische Landesmuseum im wiederaufgebauten Karlsruher Schloß. Dort steht er heute im ersten Obergeschoß in der Abteilung Renaissance Das Hinweisschild bezeichnet ihn wie folgt: Kachelofen auf St. Peter auf dem Schwarzwald, Villingen 1587, Hans Kraut.

Leider fehlte dem Handwerker, der ihn zusammenfügte, technisches Geschick beim Wiederaufbau.

Die Redaktion des Jahresheftes stellt ihn in Fotografien des Jahres 1981 seinen Lesern neu vor.

 

Ausschnitte vom Karlsruher Hans Kraut-Ofen

 

 

 

 

 

Das bisher angenommene Todesdatum ist falsch: Wann starb der Keltenfürst vom Magdalenenbergle wirklich? (Uta Baumann)

 

Auf dem westlichen Höhenrücken des Laible bei Villingen erhebt sich der Hügel des weitaus größten hallstättischen Fürstengrabes in Westeuropa. Der Hügel hat einen Basisdurchmesser um 104 m, seine antike Höhe dürfte zehn Meter betragen haben, die Erdschüttung wird auf rund 46000 m3 geschätzt. Der Hügel beherbergte in seinem Zentrum die Grabkammer eines Keltenfürsten der Hallstattzeit, die aus ca. 90 dicken Stämmen großwüchsiger Eichen in meisterlicher Zimmermannsarbeit erbaut wurde. Die Grundfläche der Kammer betrug etwa 40 m2, die Höhe rund 1,50 Meter. (Die Bodenlage ist heute im Franziskanermuseum zu besichtigen, wo eine eigene Ausstellung mit zahlreichen Funden alles Wissenswerte vermittelt.) Bliebe für den eiligen Leser nur noch festzuhalten, daß nach der Grablege des Fürsten ein gewaltiger Steinhügel aus gebrochenem Buntsandstein mit einem Durchmesser von 30 m und einer Höhe von 3,50 m, insgesamt 2500 m3 Felsblöcke, als Mantel über die Grabkammer gehäuft wurde. Danach wurde in jahrelanger Arbeit der Hügel mit herbeigeschafftem Erdreich aufgeschüttet. Schon wenig später wurde der riesige Hügel für die keltischen Menschen zum Bestattungsplatz, indem sie, heutigen Bestattungsbräuchen gleich, Gräber eintieften. Weitere 126 Gräber — wenngleich die ursprüngliche Zahl größer war —, sogenannte Nachbestattungen, mit zahlreichen Grabbeigaben — Gefäße, Schmuck, Waffen — konnten in ihnen nachgewiesen werden. Im Übergang von Hallstatt D 1 zu Hallstatt D 2, d. h. nach kaum einem halben Jahrhundert, bricht die Belegung des Hügels, für uns unerklärlich, plötzlich ab. — In fast vierjähriger Feldarbeit von 1970 bis 1973 wurde der Hügel nach den modernsten archäologischen Methoden vollständig untersucht. Während sich das Zentralgrab des Fürsten als antik beraubt erwies und keine nennenswerten Funde zurückgeblieben waren, erwiesen sich jedoch der gesamte Kammerboden und die unteren Lagen der Seitenwände in sehr gutem Zustand und über zweieinhalb Jahrtausende konserviert.

Der Magdalenenberg nach seiner Wiederaufschüttung

 

Das allein war schon eine erregende Entdeckung. Dieser Fundumstand ermöglichte eine dendrochronologische Untersuchung der Hölzer. Bei der Dendrochronologie handelt es sich um einen Wissenschaftszweig, der durch die Vermessung der Wachstumsringe und der Synchronisation von Ring-breitenfolgen bei Baumhölzern (in der Regel Eiche, auch Tanne, gelegentlich Fichte) unter bestimmten

Voraussetzungen eine absolute, d. h. nach dem abendländischen Kalender jahrgenaue Datierung (im Gegensatz zur sogenannten C 14-Methode) des Fällungsda-tums geben kann. — Der Begründer der Westdeutschen Eichenchronologie, Ernst Hollstein, Trier, konnte für die Zentralkammer und den Eingangsweg des Fürstengrabes das Jahr 577 vor Christus ermitteln. Da die Hölzer nachweislich unmittelbar nach der Fällung verbaut worden sind, können Todeszeitpunkt des Fürsten und Beginn des Kammerbaus zeitlich gleichgesetzt werden. Das Sterbedatum des Fürsten wäre somit das Spätjahr 577 vor Christus. Und dieses Datum ist falsch! Hat die Wissenschaft versagt? Nein. Aber sie hat mit einer Hypothese gearbeitet, die sich erst durch neuere Erkenntnisse als falsch erwiesen hat. Hollstein war zunächst darauf angewiesen, die Baum-ringdaten der römischen und vorrömischen Zeit nach dem Fällungsjahr von Bauhölzern der spätantiken Rheinbrücke von Köln zu berechnen. Jahrringkurven für jene Zeit, die das sogenannte Überbrückungsprinzip gewährleistet hätten, standen ihm (noch) nicht zur Verfügung. Er besaß aber eine schriftliche Quelle, eine Lobrede auf den römischen Kaiser Konstantin, die uns berichtet, daß „die schwierigen Gründungsarbeiten an dieser Brücke im Jahre 310 nach Christus im Gange waren“. Fundamentpfähle dieser Brücke hat Hollstein untersucht und, nach der Synchronisation untereinander, deren letzten Jahrring (Waldkante) mit dem Jahr 310 n. Chr. gleichgesetzt. Durch Verzahnung und Überlappung mit anderen Hölzern konnte er so eine Jahrringkurve auch für die vorrömische Epoche erarbeiten. — Unter dieser Prämisse hat er, wie er selbst betont, die Berechnung des Alters der Grabkammer im Magdalenenbergle durchgeführt.

— Inzwischen sind einige Jahre vergangen, neue archäologische Fundstätten wurden ergraben, die in sechs Fällen der augusteischen Zeit Hölzer ans Tageslicht brachten, „die durch Keramik, Münzen und historische Quellen relativ scharf belegt sind, sowie aus einer befestigten Höhensiedlung der vorangehenden Epoche“. Die im Jahre 1979 vom Dendrochronologischen Laboratorium des Instituts für Ur- und Frühgeschichte Köln errechnete Korrektur der Hollsteinschen Eichenchronologie von

+ 27 Jahren

verlangt nun auch eine Berichtigung der Altersangabe für die Grabkammer des Fürsten im Magdalenenbergle um denselben Zeitraum. Danach ist der Keltenfürst 577 + 27 Jahre also im Jahre 550 vor Christus gestorben, und die erste antike Beraubung seiner zweifellos immens reich ausgestatteten Grablege erfolgte im Jahre 503 vor Christus.

Anmerkung:

Es taucht auch die Jahreszahl 551 auf, die wissenschaftlicher seit vertreten wird.

Trotz wiederholter Anfragen war von Hollstein keine Antwort zu erhalten.

Literaturangaben :

Ernst Hollstein :    Die Jahrringe vom Magdalenenberg, Villingen 1974;

Derselbe:    Bauholzdaten aus augusteischer Zeit, in : Sonderdruck aus Archäologischen Korresspondenzblatt; 9. 1979. Heft 1, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz;

Konrad Spindler: Der Magdalenenberg bei Villingen mit Beiträgen von Ernst Hollstein und Eduard Neuffer, Theis Verlag 1976;

Derselbe:    Magdalenenberg I, Neckar Verlag, Villingen 1971

 

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Zur Topographie, Geologie und zum Klima um Villingen (Hans Brüstle)

Dieser Beitrag unseres verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Hans Brüstle wurde entnommen aus:

Hans Brüstle, Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Neckar—Verlag Villingen 1971

Villingen mit seiner 6788 ha großen Gemarkung hat teil an zwei gegensätzlichen Landschaften: dem Schwarzwald und der Baar. 58% der Villinger Gemarkung gehören zur östlichen Schwarzwaldabdachung, einer nach Osten leicht geneigten waldbestandenen Buntsandsteinfläche. Der Rest der Gemarkung zählt zur Baar, einer von Ackerfluren und Wiesen durchzogenen Hochfläche auf Muschelkalkuntergrund.

Der höchste Gemarkungspunkt liegt im Schlegelwald (975 m ü.d.M.), der tiefste bei der Ölmühle im Brigachtal (698 m ü.d.M.). Die Gemarkungsfläche ist etwa einem west-östlich gerichteten liegenden Rechteck zu vergleichen mit einer größten Länge und geringsten Breite von rd. 19 km /6,5 km. Die Nordwest-und Westgrenzlinie ist stark gegliedert und eingebuchtet, im Südosten dagegen zipfelartig verlängert.

Der Doppelcharakter der Villinger Landschaft fällt Soweit sich die Daten auf die alte Gemarkung Villingen beziehen, sind diese selbstverständlich in die der inzwischen gebildeten Stadt Villingen -Schwenningen aufgegangen.

schon rein äußerlich ins Auge. Im Westen erhebt sich die fast eintönig wirkende Waldfläche, das Buntsand-steingebiet der Villinger Gemarkung. Sie wird durchflossen vom Hauptfluß Brigach und ihren Nebenflüssen Kirnach, Wieselsbach und zum Teil auch von den Wassern des Krebsgrabens. Ziegelbach und Steppach fließen auf Muschelkalk.

Etwa in der Höhe des Kurgartens wechselt die Brigach aus dem Waldbereich in das Gebiet des Muschelkalks über, dem Auge erkennbar an dem nun breiter und flacher werdenden Gelände.

Nördlich der Stadt schlägt der Fluß einen Bogen und fließt nun an der Ostseite Villingens entlang nach Süden durch eine Landschaft, die in Stufen bis zum Aussichtsturm auf der „Wanne“ ansteigt und dort in eine Hochfläche ausläuft. in einem breiten Band begleitet diese Hochfläche, von Norden nach Süden ziehend, die Brigach über die Gemarkung hinaus.

Der Aufbau und die Bodenarten der Villinger Landschaft sind bedingt durch zwei Gruppen von Gesteinsarten. Es sind erstens die Tiefengesteine Granit und Gneis und zweitens die Schichtengruppen des Buntsandsteins, des Muschelkalks, des Keupers und des Jura. Mit Ausnahme des Jura sind alle Gesteinsgruppen auf Villinger Gemarkung anzutreffen.

Der dem Schwarzwald zugehörige Teil der Gemarkung besteht aus Granit und Gneis. Der Gneis bildet die Grundmasse, ist aber von Granit durchsetzt. Die westöstlich gerichteten Täler unserer Gegend verlaufen teils im Granit, teils im Gneis. Das ist insofern bemerkenswert, als die Formen der Talbildung sich infolge der verschiedenen Verwitterungsweisen des Granit und des Gneis dementsprechend gestaltet haben.

Das Kirnachtal bietet hierfür ein anschauliches Beispiel. Die untere Kirnach fließt durch Granit, der Bach hat sich hier ein enges Tal mit Steilhängen gegraben. Der Mittel – und Oberlauf der Kirnach liegt dagegen im Gneis, und hier ist ein breiteres Tal mit flachen Hängen entstanden.

Auf Villinger Gemarkung wird das Tiefengestein des Schwarzwaldes (Granit und Gneis) von einer mehrere Kilometer breiten Buntsandsteintafel überdeckt. In sie haben sich die Brigach, die Kirnach und der Wiesels-bach tief eingegraben. An ihren Talhängen wird das Urgestein indessen wieder sichtbar. (Uhustein, Schotterwerk im Brigachtal).

Der ganze Villinger Stadtwald steht also auf einer über dem Grundgestein liegenden Buntsandsteinplatte, die ihrerseits nach Osten zu von Muschelkalk überlagert wird.

Die Muschelkalkschichten (unterer, mittlerer, oberer Muschelkalk) gehören dem Mittelalter der Erdgeschichte an, einer Zeit, in der Mitteleuropa zeitweilig von einem Meere überflutet war. Dieses Meer lagerte Stoffe ab, die langsam versteinerten und übereinander mächtige Schichten bildeten. Der Name Muschelkalk rührt von den zahlreichen Versteinerungen her, die nach dem Zurückweichen des Meeres in den Schichten gefunden wurden und heute noch zu finden sind, vor allem Muscheln, Schnecken, Krebse und andere Meerestiere. In dem Steinbruch auf der „Wanne“ können solche Muschelkalkschichten besichtigt werden. Im Südostzipfel unserer Gemarkung ist in einer relativ geringen Ausdehnung Keupergestein anzutreffen. Es gehört wie der Muschelkalk zum Mittelalter der Erdgeschichte.

Die Grenze zwischen Buntsandstein und Muschelkalk teilt unsere Gemarkung in fast zwei gleiche Hälften. Die Schnittlinie verläuft etwa von Runstal über den Friedengrund und den Affenberg nach Vockenhausen (abgegangener Ort). Sie bildet gleichzeitig auch die Scheide zwischen Schwarzwald und Baar.

Im Muschelkalkgebiet erweitern sich die Täler der Brigach, des Warenbaches, des Krebsgrabens zu flachen Auen, die mit Schwemmland der jüngeren Erdzeiten angefüllt sind (Eiszeit, Neuzeit). In einer solchen Mulde, von der Brigach in Jahrtausenden ausgewaschen, dem sogenannten „Villinger Kessel“, liegt die Stadt Villingen.

Die Beschaffenheit der obersten Bodenschicht hängt von ihrem Untergrund ab, aus dem sie durch Verwitterung entstanden ist. Gneis und Granit z. B. unterliegen verschiedenen Verwitterungsbedingungen. Ihre Böden sind daher auch in der Nutzbarkeit nicht gleich. Gneis verwittert zu leichten Böden, die noch Feldanbau gestatten. Granit liefert kalkarme, wenig humose Böden, die für die Landwirtschaft nicht ertragreich sind.

Ähnlich verhält es sich mit dem kalkarmen, sandigen Buntsandsteinboden. Auch er ist für den Ackerbau kaum zu nutzen. Dagegen ist er geeignet für den Waldanbau. Die Villinger Forstwirtschaft hat auf diesem Boden einen Waldbestand (Weißtanne, Fichte, Kiefer) geschaffen, der heute zum zweitgrößten im Lande Baden—Württemberg zählt.

Vor der Waldgrenze gegen die Stadt zu kommen indessen auch für die Landwirtschaft nutzbare Sandböden vor, so im Runstal, Friedengrund, Engelhard, Volkertsweiler und beim Germanswald.

Wie für die Forstwirtschaft ist der Buntsandstein auch für die Wasserversorgung von Bedeutung. Das geringe Neigungsgefälle der Villinger Buntsandsteinplatte und ihre dichte Waldbedeckung haben zur Folge, daß ein Großteil der Niederschläge in den Boden eindringt, über wasserundurchlässigen Schichten (Ton, Grundgestein) sich ansammelt und als ergiebige Waldquelle wieder zutage tritt. Hierzu zählen vor allem die zahlreichen Quellen im Einzugsgebiet des Wieselsbaches, von denen eine große Anzahl in den vergangenen Jahrzehnten dem städtischen Wasserleitungsnetz angeschlossen worden sind. Zusammen mit der Altstadtquelle beim Friedhof (im Muschelkalk) konnte der Wasserbedarf bis in unsere Zeit gedeckt werden; erst die immer rascher steigende Einwohnerzahl machte den Anschluß an das Bodenseewassernetz nötig.

Im Gegensatz zu dem Buntsandsteinboden im Westen der Gemarkung liefert das Villinger Muschelkalkgebiet nährstoffreiche, wasserdurchlässige und für den Anbau von Futterpflanzen und Getreide günstige Böden, insbesondere auf der Hochfläche östlich der „Wanne“.

Das Villinger Klima — abgesehen von der Waldgemarkung — gehört zum Klima der Baar, das eine niedrige mittlere Jahrestemperatur aufzuweisen hat. Sie liegt in Donaueschingen bei 6,2°, in Villingen bei 5,7°. Die Hochflächenlage der Baar begünstigt die Anstauung von kalten Luftmassen. Sehr stark sind nächtliche Wärmeausstrahlungen, so daß hohe Temperaturschwankungen nicht selten sind! Noch im Mai und Juni kann es geschehen, daß Obstblüten und Kartoffeln in freien Feldlagen erfrieren. Auch die Jahreszeiten weisen oft unvermittelte Übergänge auf, so zwischen Winter und Sommer, so daß das Frühjahr häufig kaum in Erscheinung tritt.Das Villinger Klima ist gekennzeichnet durch kurze, sehr oft heiße Sommer und lange, milde Herbste. Die Winter sind in der Regel lang, kalt und schneereich.

Die Niederschlagsmenge im Stadtgebiet beträgt 867 mm, auf der Hochfläche östlich der „Wanne“ nur 800 mm, ist hier also bedeutend niedriger als z. B. im Schlegelwald (1180 mm) oder im Hochschwarzwald (1200 — 1400 mm).