Die Zeit der Staufer (Dr. J. Fuchs)

»Die Zeit der Staufer«. Unter diesem Motto standen die Aktivitäten über das Land Baden-Württemberg hinaus, zu dessen 25jährigem Bestehen insbesondere die Stauferausstellung im Landesmuseum Stuttgart beitrug. Für Villingen und für den Geschichts- und Heimatverein Villingen stand am Anfang die Frage, inwieweit man sich hier für die Stauferzeit in unserer Stadtgeschichte engagieren solle, ohne das Stadtgründergeschlecht der Zähringer zu verleugnen. Die Anforderung des Scheibenkreuzes und des »Pilger«-Jakobus der Santiagotradition von Stuttgart sowie die Tatsache, daß die Stadterweiterung nach Süden und die dreifache Befestigung von Villingen von den Staufern nach 1218 erfolgte, ließ keine andere Wahl, als sich in den Stauferchor miteinzugliedern, auch auf die Gefahr hin, Mißverständnissen ausgesetzt zu sein. Aus diesem Grund dürfte es sich rechtfertigen, in diesem Heft einen Beitrag über die frühe Zeit der Stadtgeschichte zu bringen.

Nicht vergessen möchten wir außerdem die Tatsache, daß unser heute aus aktuellem Anlaß vielzitiertes Wappen aus staufischer Zeit stammt und wir unseren, bis heute überlieferten Adler als Reichsadler interpretieren. Darum seien die beiden ältesten Siegel nebenan abgebildet. Als bedeutsam betrachten wir ebenfalls die Tatsache, daß die Villinger Stadtgeschichte einige Stauferurkunden und eine größere Zahl Urkunden aus staufischer Zeit im Stadtarchiv erhalten hat. Darum die Unterstreichung dieser bedeutsamen Tatsache in der Abbildung nebenan. Für den Leser, der sich nicht ausführlich mit der Stadtgeschichte beschäftigen kann, hängen wir hier einige Sätze über die frühe Zeit der Stadtgeschichte an, wie diese in einem viel verbreiteten Büchlein der Stauferstädte im Frühjahr herausgebracht worden war:

Villingen darf als alemannische Dorfgründung angesehen werden und ist erstmals 817 in einer St. Galler Urkunde Ludwigs d. Fr. erwähnt. 999 erhält ein Graf Berthold Markt-, Münz- und Zollrecht und den Marktgerichtsbann »für seinen Ort Filingun«. 1119 ist ( Ende des 15. Jhs.) als Stadtgründungsdatum genannt. 1218 zieht der Hohen-staufe Friedrich II. Villingen als Reichsstadt an sich. Die ersten Nachrichten beginnen für Villingen ( Stadtarchiv ) im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts zu fließen, als der Papst einen Streit zwischen den Klöstern St. Georgen und Tennenbach schlichtet. Villingen, das die Grafen von Urach als Erben der Zähringer beanspruchen, gerät in die Fehden zwischen Reich und Zäh-ringererben, bis Heinrich von Urach-Fürstenberg ab 1253 als starke Persönlichkeit die Stadt unter seinen Einfluß bringt. Die Schaffung des Heilig-Geist-Spitals, Herrufung der Johanniter ( 1253 ) und Franziskaner ( 1268 ), Bau des Münsterchores, Stiftung des Fürstenbergkelches sind Zeichen seiner Defacto-Herrschaft, die er aber de jure 1283 vor seinem Tod ( Jan. 1284) auch nicht gewinnt: Villingen wird nur als »ewiges Reichslehen« vergeben.

 

Erstes Siegel der Stadt Villingen aus reichsstädtischer, staufischer Zeit vom Jahr 1244. Dieses Siegel hat die spitzovale, geistliche Form.

 

Das zweite Villinger Siegel von 1253 zeigt stilistisch denselben »Reichsadler«, der eine Stufe weiter auf das große Villinger Stadtsiegel von 1284 zugeht.

 

 

Urkundentexte der Münsterturmkapseln (Dr. J. Fuchs)

Die beiden Turmkapseln der Türme des Pfarrmünsters UNSERER LIEBEN FRAU zu Villingen wurden im Rahmen der Münsterrenovation am 22. 12. 76 und 10. 9. 77 heruntergenommen und geöffnet. Nicht, wie es im Bericht heißt, bei Abfeuerung zweier Pistolenschüsse, sondern aufgrund der Notwendigkeit der Reparatur. So wandeln sich Gefühle und Zeiten.

Wir bringen nachfolgend die Texte beider Kapseln in chronologischer Reihenfolge mit wenigen Streichungen. Der älteste Text von 1739 sagt aus, daß »Creitz«, Knopf und »Hannen« wiederum renoviert wurden, d. h. die alte Turmbekrönung wurde verwendet. Erstaunlich vielleicht am meisten, daß auf der südlichen Kugel vom Jahr 1486 die Rede und eine Aufschrift von 1610 noch immer sichtbar ist. Die zweite Urkunde, diesmal im Südturm, sagt, daß Helm und Turm neu gemacht wurden mit Kupfer, da die 12 Jahre zuvor mit Bley gemachte geplatzt war.

Die dritte Urkunde ist von 1839. Sie spricht vom Tod von 210 Russen, die am Nervenfieber hier gestorben sind und wahrscheinlich bei den Franziskanern begraben wurden. Sodann wird das berühmte Hungerjahr 1816 sowie das neue Badische Gemeindegesetz von 1831 ins Gedächtnis gebracht. Lediglich die Gründung der Höheren Bürger- und Gewerbeschule im Jahr der Aufzeichnung schien noch erwähnenswert.

Die umfangreichste Aufzeichnung ist von 1881 in die Nordturmkugel gebracht worden. Förderer und Roder waren die Autoren. Ihre Auswahl ist bereits vielschichtig. Sie lautet in Kürze:

1832 Dauchinger Madonna aus Villingen entfernt 1847-51 Niedertorabriß, dafür Amtsgericht

1848 Waisen- und Leihkassengründung im Revolutionsjahr

1852 »Vorzeichen« am Münster abgerissen

1854 Altstadtkirche abgerissen

1852 Gründung der Freiwilligen Feuerwehr

1857 Mädchenschule gegründet

1863 Ende des Viehaustriebes

1865-78 Neue Kanäle

1865 Aufhören der Hochwacht auf dem südlichen Münsterturm

1872 Brunnenschalen aufgestellt

1874 Gasbeleuchtung

1873-78 Brigachkorrektion — 3 Bahnlinien

1876 Altertümersammlung gegründet

1880 Neue Münsterorgel

1881 Katastervermessung

1881 Das Heilig-Geist-Spital beherbergt 65 Erwachsene und 40 Kinder

Zuvor war berichtet worden, daß 1837 das Kornhaus in der Oberen Straße abgerissen wurde und ins Spital zog, letzteres im selben Jahr im Franziskanerkloster sich einrichtete.

(Urkunde vom 23. Wonnemonath 1739ten Jahrs ) No. 3

Jhm Jahr Jeßu Christ Am Daußendsibenhundert dreyßig undt Neun Jahr zue Zeiten der regierenten Ihro löblichen Hayligkeit Clementz der 12te eoden Jhro Remischen Kayserl. Mayastet Carolus der 6te. Jn der regierung Jst dißes Creitz undt auch knopf undt der hannen wüdterumb renoviert wordten. Auch zue gleich der Helm wid. ter mit lauther neyen Ziegel gedeckt worden. Sindt ahn Ziegel 3800 stuckh. Jeder vor 4 Kreitzer undt 400 Grennen auch Jeder vor 9 Creitzer bezahlt worden. Zue dißer Zeit regiert alhier Jn dem hochlöbl. gotts hauß Sant gergen Abbt undt brelat Jronimus Schuech alhier ge bürdtig. Ihre Hochwürdten Herr Jacob Benedict Schuech alß Statt . . . , H. Johann Evangelist Ungerer, Herr Joseph Vorschitz, Herr Christoph Wütumb, Herr Joseph Bayer alle für Caplan und Helfer. Herr Johann Xavier Doldt Dagmesser. Diß wahren die Herren Geistl. Jn unser lieben frowen . . . Münster. Weldtlich obrigkeit regierent damahlen die Ehren vösten fürßüchtigen hoch gelehrten für Nemben und wohl weißen Herren Johannes Berger Neyen — Undt Herrn Cyprian Winterhalter Alten Burger Meister, Herrn Frantz Glickher Ambts schultheiß. Der mahl manglet ein Schuldtheiß. Herr Joseph Andoni Demel Stattschreiber. Jhm löbl. Statt gericht sindt dermahlen Herr Frantz Grieninger, H. Andres Bertch, H. Jodocus Bähr, H. Johannes Feurstein, H. Philipp Jacob Umenhofer, H. Abraham Nutz, H Johannes Bayer. H. Conradt Schlenkher, H. Benedict Meyer, H. Hans Georg Kreitzner. Herren Ambts Zunft Meister sindt dermahlen H. Johann Baptist Witumb Obrist Zunft Meister, H. Phillipp Votzeler, H. Mölchior Schumpp, H. Mathieß Holl, H. Longinuß Haußer, H Benedict Berger, H. Josef Umenhofer, H. Andoni Schleicher, H. Johanneß Frech. Alt Zunft Meister sind der mahlen Herr Johanneß Eißellin Obrist Zunft Meister H. Johannes Zihler, H. Joseph Schilling, H. Zachariaß Steidtinger, H. Johannes Handtmann, H. Bernharth Handtman, H. Andoni Stortz, H. Johaneß Bichweiler, H. Andoni Mayer. Jn dießer Zeit hat Jhro Remische Kayserl. Mayastet mit den Dürken Jn Ungarn Krieg gefiehret schon drey Völdtzug sindt aber kayerseits sehr unglucklich gewesen undt Jn dißen drey Jahren Eine Armee von den schönsten leithen über 50 000 Mann verlohren undt Jhm Herbstmonat 1739 gezwungen mit den Dürken früdt zu machen undt hat der kayßer Jhme Dürken schöne und berümbte Festung Belgrat sambt ganz Servien und Banat überlaßen mißen welche Festung Eine Vormauer der gantzen Christenheit geweßen über welches süch die gantz Christenheit höchstenß bestürtzet hat. Diß wahre Ein uhnglicklicher Krieg gewesen. Jn dißem 1739 Jahr haben mir gahr ein Naßes Jahr gehabt undt den gantzen Somer über 5 Wochen nit schön Wed-ter gehabt lauter Regen undt Sturm Wündt die Winter frücht sindt dorch zimlich geradt, auch gueth Ein ge-heimßet worden aber die Somer frücht sind schlecht undt gar übel Ein gebracht worden auch Einige Jhm Völdt verdorben und den 28ten Wonnemonat noch Einiges Jhm Völst gestandt. Vor der Erndt Zeit hat daß Viertel Kernen 28 Groschen goldt, rog 24 Groschen, Gerste 24 Groschen, Bohnen 26 Groschen, Haber daß Viertel 24 biß auf 30 Creitzer, der beste Schaffhauser . . . rothen Wein hat vor der Erndt 30 fl. kostet, der Küntziger thal Wein der ahm beste 6 fl. Margrefler auch 6 fl. Ellßeßer 6 fl. Breißgauer der . . . 16, 17, 18 fl. Jn dießem Jahr Ist aber der Wein Jn allen landten ja wohl gerath, daß kaum Ein man Einen reichlich Herbst hat denken megen ob aber diß gueth werdt kan ich der mahlen nit melt, weillen der Wein umb diße Zeit noch nit zue schatzen geweßen man hat Jhm Breißgauer der ohm umb 1 fl. kaufen können undter Werth auch gleich nach dem Herbst dieß ist der Neye. Die Maß Ellßeßer, Margrefler, Kinzinger thal auch Schaffhauser. Der beste hat 14 Critzer goldten der alte.

Der Allmächtige Ewige Gott wolle durch sein göttlich gnadt auch die Himelßkönigin Muther Gottes Maria Einen Ehrsamen Raath undt gesambt gemeinen Weßen und Bürger auch Jnwohnerschaft ihn anherigen früdtlich Standt und gueth gehorsam zue mahl fortahn gnedtiglich und vätterlich Erhalten undt bewahren. Ker Knopf halthet Jhm Maß 41/2 Viertel Haber Maß. Actum Villingen den 23ten Wonnemonat 1739ten Jahrs.

Johanneß Berger

Ambts Burger Meister

Inhalt der Kupferkapsel südl. Münsterturm ( erhalten von Herrn Flaschner Heine am 7. 9. 77 )

Abschrift ( angefertigt am 14. 9. 77 )

J. N. D. N. Ch.

Es zaiget die beyliegende Schrift, daß Anno 1739 der Helm auf dießem Thurm ganz neu gemacht und mit Bley gedeckt worden, man hat aber damahls für besser finden wollen, wan die bleyern blathen bei denen Fugen nicht wie bey dem alten Helm gefalzet, sondern gelöt worden, es hat sich aber mittler dießer Zeit gezaiget, daß weils bey Unwetter, da das Holzwerk verschwollen, das gelöte Bley nichtnachgeben könne, die blatte ent-zwey gesprung, dergestalten, daß weg vielen öffnungen daß Wasser biß zu dem Hochwächter eingetrung umb weils allgemach das Holzwerk angegriffen worden, warr es die Unumbgänglich noth, diesen Helm wieder frisch zu decken, worüber ein löbl. Magistrat aus genugsamer überlegung für das aller nutzlichste ermessen diesen Helm mit Kupfer zu decken, womit auch heut als den 5ten Juny 1751 der anfang im Namen des allerhöchsten gemacht worden: Zu dieser Zeit Regierte als Römischer Kayser Franziscus Primus von dem Haus Lothringen vermählet mit Maria Theresia Regierenden Erz Herzogin zu Österreich, Königin in Ungarn und Böhmenb, Unsere allergnädigste Landesfürstin. Unterderen glorwürdigster Regierung warr von anno 17 her, als zuu Achen in Niederland der Frieden geschlossen worden, in Europa ein allgemeiner Frid. Zu dieser Zeit waar in dem löbl. Gottshaus St. Jörgen Abbt und Prälat, Hieronymus Schueh von hier gebürtig, Stadtpfarrer war Hr. Benedict Schueh, Capläne in dem pfarrmünster Hr Johann Ungerer, Hr Joseph Vorschütz, Hr Christoh Wittumb, Hr Joseph Schmid, Hr Benedict Häßler, Tagmesser. Der Magistrat war besezt, wie nachfolgt: Hr Zacharias Xaverius Kegel Ambtsbürgermeister, Hr Johannes Berger Alt Bürgermeister, Hr Franz Grüninger ambtsschultheiß, Hr Dr Philipp Jacob Umenhofer alt Schultheiß. Franziscus Gregorius Haußer ( der dießes geschrieben) Rathschreiber. Richter Hr. Benedict Mayer, Hr Abraham Niz, Hr Conrad Schlenker, Hr Johamm Eyßelin, Hr Jos. Antoni Handtmann, Hr Johan Baptist Wittumb, Hr Joseph Schilling, Hr Benedict Berger Ambtszunftsmeister, Hr Zacharias Neidinger, Hr Bernhard Hantmann, Hr Antony Mayer, Hr Nikolaus Schleicher, Hr Anthony Zinkh, Hr Johann Knoll, Hr Domi-nicus Walz. Altzunftmeister Hr David Fleig, Hr Melchior Schump, Hr Mathis Holl, Hr Johann Bichweiler, Hr Johann Schmid, Hr Thomas Berger, Hr. Joseph Mayer, Hr Franz Kammerer, Hr Antony Schertle. Die Direktion umb hatten Hr Altbürgermeister Berger und Hr Baumeister Hantmann. Die Kupferschmiedte den Helm zu decken übernohmen waaren Michael Umenhofer, Johannes Walz und Johannes Umenhofer dery Bürger von hier welchen man die Arbeit überhaubts Umb 3500 fl. Reichswehrung peraecord Verdung, Martin Hermann und Mathis Vozeler, beide Schreinermeister gaben besonders Vernünftige anschläge wie man daß werkh am allerdauerhaftigsten machen könnte. Der ganze kosten beläuft sich nach vorläufig Ungefährer berechnung auf 1500 fl. Reichsgelt.

Diß jahr waar ein überaus nass und schädlicher Frühling, es regnete von dem mittleren Merzen biß zu End März gleichsamb Unaufhörlich, so daß die Feldfrüchten besonders in wärmerer Gegend wo es einen früheren trieb hatte, sehr übelsaussehen haben. Man konnte wegen anhaltendem Unwetter die Sommerfrüchten allerdings nicht in den Boden bringen. An dem Futter war dieß Frühjahr ein solcher mangel, daß man das heu auch Umb die baare bezahlung nicht leicht haben könne. Es hat auch die Frucht, welche im anfang des Frühlings wohl feyl waar, bey immer anhaltendem regen stark aufgeschlagen und gilt nunmehr das Viertel Kernen 54,57 Kreuzer, auch 1 fl., Kockhen 44,45 Kreuzer ger-ten 45,49 Kreuzer, bohnen 49,51 Kreuzer Erbßen 45,49 Kreuzer Mühlfrucht 36,39 Kreuzer haaber 21, 22, 24, 26, 29 Kreuzer. Die geringere maaß wein kostet 14, die besser 16, der beste auch 20 Kr.: ausser Anno 1746 war von Vielen jahren her kein gutes weinjahr mehr und scheint es auch dießes Jahr einen gering herbst zu geben, weilen die traub durch das arg Regenwetter und kälte an dem trieb Verhindert und zum theil von dem so genandten Brenner oder Schwärze angegriffen worden. Das gelt cursiert in einem hohen preiß. Der mehrste curs in golt Sorten ist in französischen Schilt Douplonen vom Ludovico dem 15ten jez regierender König in Frankreich à f. 45,50 auch 55 Kr., Spanische Douplone ä 7 f. 40,45 Kr., Holländische Ducaten à 4 f. 15 Kr. sie kopfgewichtig 4 f. 20 Kr. Kroon- oder französische Federn-thaler ä 2 f 24/26 Kr. französische von dem Ludovico dem 14ten geschlagene gulden stückh ä 1 f. 40 Kr. Dießes war gleichsamb die einzig cursierende grobe silbers münz. Andr Münz besteht mehrenteils in zürcher und St. galler 30 Kr. und 15 Kr. stückh. Unterwälder und Pfälzer 18 Kr. stückh, was die Scheibmünz ist, besteht die selbe in zerschiedentlichen 2 Kr., 1 Kr. f. 1/2 Kr. stückh, worunter Unterpfälzische und Monthortley.

Von der Zeit an als der Helm wie oben gemeldt Anno 1731 et 39 New gemacht ward seynd in Europa sonders grosse änderung beschehen. auf absterben Karls des fiten Römischer Kayser, mit welchem die männliche Lienie abgestorben, und die Preußen darauf in Schlesien eingefallen, Bayern aber auf die österreichische Erbland die an Vord. macht, da erhuben sich aller End und orthen Krieg in Europa, Bayern machte mit Frankreich ein

Bündniß und diese beiden fielen alls Kayserliches Erbland feintlich an und der Herr Churfürst aus Bayern brachte es mit Beyhülf des Königs in Frankreich dahin, daß er Kayser wurde. Anno 1744 ruckten die Franzosen in diese Vorderösterreichischen streiten alls Hülfs Völker von Bayern ein, und außer den Trouppen, welche in der Vöstung Freyburg lagen, waar kein Mann österreichischer Trouppen in dem land, weßwegen sich auch alle Umbliegenden orth außer Freyburg, ohne allen Widerstand ergeben mußten. und bei dießen misslichen Zeiten und Umbständen mußte allhießige Statt, welche bis dahin Niemahl in den feind Hand gekommen, sich ebener massen notgedrung ergeben.

Es haben solche Elends zeiten auch das allhiesige gemeint weeßen also verarmen gemacht, daß es Ehrhin Niemahls so wahr. Die Franzosen, welche den ganzen Winter dahier verblieben, nahmen bey ihrem Abmarsch alle Stückh, Munition und Kriegsgeräthschaft, so immer zu transportieren wahr mit sich und was nicht bequemlich sich transportieren liesse, wurde in den Zeughaus-garten verbracht, oder dem gemeinen Mann preisgegeben. Der löbl. Magistrat gab sich alle müh die Stückh und Munition bey dem Friedensschluß und auch hienach zu requirieren, es war aber Umbsonst die Vöstung Freyburg wurde zu der Zeit auß dem grund demoliert und in die Luft gesprengt.

Gott der Allmächtige erhalte sambtliches geringer weeßen in Fried und ruhe, und wende von uns und unsseren Nachkümlingen, so mißliche Zeit läuft, Mild väterlich ab. Dießer Brief ist geschrieben und in dem Helmknopf eingelegt word im Jahr Nach Christigeburt im taussend und sieben hundert ein und fünzig, den 5ten tag, Juny. Übertragen: v. W. Rapp, städt. Verw. Assistent.

Urk. v. 22. Okt. 1839 aus einer Kupferkapsel 35,5 x 14,2 x 8,5 cm des nödl. Turmknaufs

 

 

 

Unter den Gemeinderaths Mitgliedern Bürgermeister Paul Wittum Jurist, Gemeinderath Melchior Hartmann Beck, Baptist Konstanzer Kaufmann, Martin Kienzler Weinhändler Johann Schmid Eßigsieder, Anton Weber Schreiner und Jakob Schupp Kaufmann u. Rathschreiber Joseph Görlacher und zugleich Kirchenpfleger Stadtrechner Gottlieb Ott, — Dann Dom. Stiftungsvorstand Oberamtmann Karl Blattmann Regierungs Comißär, Bürgermeister Karl Wittum Jurist, Dekan und Stadtpfarrer Anton Schmid, Franz Josef Dold Althechtwirt, Michel Ummenhofer Lilienwirth, Lukas Ummenhofer Kaufmann, Martin Kienzler Weinhändler, Martin Hummel praktischer Arzt, und Actuar Josef Flaig wurden im heurigen Jahr EINTAUSEND ACHTHUNDERT DREISSIG u. NEUN die beiden Thürme der Pfarrmünster-Kirche von den Gebrüdern Straub Mahler und Gregor Straub Maurer — Bürger von hier neu verkittet. — Bei diesem Anlaße hat der Mahler Johann Straub unterm heutigen den Hahn auf dem einen Thurme eingeschmiert und den Knopf geöfnet und gegenwärtige Urkunde hineingelegt, worauf er zwey Pistolenschüße abfeuerte. Im nämlichen Jahr wurden die neuen Läden bei den Glocken von den hiesigen Schreiner Meistern Anton Körner und Josef Fleig angebracht. Ferner wurde die Pfarrmünster-Uhr in diesem Jahr von Uhrmacher Mathias Stocker dahier renoviert und bereits neu hergestellt, und das Zifferblatt vom Mahler Johann Straub erneuert. Weiter wurde in diesem Jahr die Pfarrmünster-Orgel von Orgelbauer Matias Heino von Kappel unter dem Chorregent Fidel Dürr repariert, und von den Maklern Benedikt Flaig und Barnabas Säger angestrichen und vergoldet. — In den Jahren 1830 und 1831 wurde die Pfarrmünster-Kirche von den überhäuften Heiligen Bildern erleichtert, geweiselt, der Boden um zwey badische Fuß aus der Erde erhöht, die Stühle wurden von den Schreinermeister Anton Weber dahier neu hergestellt, und der Steinplattenbelag vom Maurermeister Andreas Staiger von hier neu eingelegt. In den Jahren 1830, 1831, 1832 wurden die Felder der Pfarrmünsterpflege unter dem Kirchenpfleger Josef Görlacher durch den Geometer Xaver Grüninger vermessen, und durch den Gemeinde-rath Josef Zeller umsteint; solche betragen neu badisches Maas 142 Jauchert Acker- und 61/4 Jauchert oder 41/2 Mansmatt Wiesfeld — und sind das erstemal auf bestimmte Zeit/: 18 Jahre:/ verpachtet worden; der Pachtertrag beläuft sich auf fl. 763.36 x. Der Anschlag der Liegenschaften ist fl. 16180; der Kirchenparamenten fl. 32776; — Das Gesamtvermögen fl. 80000. — Das schöne liegenschaftliche Gut der hiesigen Stadt an Acker, Wiesen, Allmend, insbesondere aber der große Stadtwald wurden in den Jahren 1837 u. 1838 durch Geometer Anton Wehrle vermeßen, den herrschaftlichen Forsttaxator Bernhard abgeschätzt und durch den städtischen Bezirksförster Friedrich Hubbauer und Steinsetzer Georg Anton Stern umsteint, nachdem zuvor das so-solange und hart drückend auf der Stadtwaldung gelastete Waidrecht der Unterkürnacher Bürger mittelst ihnen abgetretenen Waldparzellen und Geldentschädigung im Gesamtbetrag von fl. 48520 glücklich abgelöst worden war. — Die Stadt Villingen besitzt neu badisches Maas Acker und Wiesen und Allmend 3413. Jauchert, Waldung 9100. Jauchert. Der Anschlag aller Liegenschaften beträgt fl. 210900. Das Gefäll Kapital fl. 26300. u. die Schulden fl. 118208. — Die jährliche Einnahme fl. 24000. — Im Walde können in den nächsten 20 Jahren Forstculturplan gemäß nach der neuesten Schätzung 7000 Maße-Klafter 4 schütziges Holz/: statt bisher 3000. und früher 4000 Klafter:/ geschlagen werden. Im Jahr 1827 wurde die in der Hauptstraße beim Marktbrunnen und vor der Post gestandene Fruchthalle abgebrochen, und in das ehemalige Spitalgebäude in der Riethstraße bei der Pfarrmünsterkirche verlegt. Die Fruchthausverwalter sind Mathä Willmann schon 40 Jahre, Karl Stern 15 Jahre. — Im nämlichen Jahr wurde der Waisenspital in das vormalige Minoritten-Kloster an der Ringmauer oestlich der Stadt, und die Knabenschulen wurden in das vormalige Benediktiner Kloster transferirt. — Im Jahr 1834 wurde der hiesige Waisenspital unter dem Spitalverwalter Jakob Zech und Spital-meister Lorenz Weishaar frisch organisirt, namentlich die Selbstadministration der Güter bis auf einen geringen Theil, welcher beibehalten wurde, mit gutem Erfolg abgeschaft. — Auf dem Landtage 1833 kam ein Gesez über die Ablösung der Zehnden in unserm Grosherzogthum Baden zu Stande; die Zehnden der hiesigen Stadt werden im nächsten Jahr 1840 zur Ablösung kommen. Das muthmasliche Ablösungskapital wird. fl. 120.000 betragen. Der bisherige jährliche Ertrag derselben hat nach einem 20 jährigen Durchschnitt fl. 7100. abgeworfen. — Im Jahr 1831 erhielten die Gemeinden in unserm Grosherzogthum Baden unter dem bürgerfreundlichen Regenten Leopold die Selbständigkeit in einem Gemeindegesez. — Im Jahr 1814 sind in Folge des Kaiserlich Rußischen Feldspitals No. XV. welcher dahier gelegen, 210 Personen am Nervenfieber gestorben; darauf tratt im nämlichen Jahr die Viehseuche in einem heftigen Grade dahier ein. — Im Jahr 1814 war dahier und bereits allgemein in Folge des naßen 1816er Jahrgangs eine außerordentliche Theuerung der Lebensmittel, es kostete der alt Villinger Sester Kernen fl. 8 x — Gersten fl. 6 15 x — Mischelfrucht fl. 4 48 x — Haber fl. 7 — oder das neu badische Viertele Kernen fl. 6 46 x — Gersten fl. 4 10 x — Mischelfrucht fl. 3 12 x — Haber fl. 2.

Nas neu badische Pfund Ochsenfleisch 14 x, Kalbfleisch 13 x, Schaaffleisch 13 x, gerauchten Speck 32 x, Rindschmalz 38 x, Schweineschmalz 40 x, das rauhe Villinger Viertel Erdäpfel fl. 1 20 x. Der gegenwärtige Preis der Lebensmittel ist folgender:

Das neu badische Pfund Ochsenfleisch 14 x, Kalbfleisch fl. 1 4 x, Mischelfrucht 52 x, Haber 24 x; Das neu badische Pfund Ochsenfleisch 10 x, Kalbfleisch 7 x, Schaaf-fleisch 9 x, gerauchten Speck 20 x, Rindschmalz 26 x, Schweineschmalz 24 x. Das neue badische Viertel Erdäpfel 20 x. Im Jahr 1814 galt die neu badische Mark. Wein . . fl. 1 = 12 x — fl. 1 = 20 x — fl. 1 = 24x Bier 16 x. Gegenwärtig der Wein 24 x — 32 x — 40 x 48 x. Das einfache Bier 6 x, das Doppel Bier 8 x, das Braun oder Lagerbier 10 x, das Ulmer = Bier 12 x. —Zur Zeit bestehen dahier eine Knaben Elementar Schule mit 3 Klaßen, 1 höhere Bürgerschule mit 3 Klaßen und 4 Jahrkursen und 1 Gewerbschule mit 3 Jahrskursen, sowie eine Zeichnungs- und Musik Schule. — Ein weibliches Lehrinstitut ertheilt den Mädchen in 4 Klaßen unter der Frau Vorsteherin Theresia Unsöld den Unterricht in den Elementargegenständen, und in der Idustrieschule werden sie im nähen und im stricken unterrichtet; alles unentgeldlich. Die Gewerbsschule und die höhere Bürgerschule sind erst in den Jahren 1838 und 1839 gehörig ins Leben getretten. — Gegenwärtig beträgt die Zahl der hiesigen Bürger 753 und der Seelen 3820.

Villingen, den 22. Oktober 1839.

Der Gemeinderath

Wittum Bürgermeister et Josef Görlacher

Rathschreiber

Inhalt der Kupferkapsel südl. Münstertum ( erhalten v. Herrn Flaschner Heine am 7. 9. 77 )

Abschrift ( angefertigt am 14. 9. 77 )

Am 29ten Juli 1907 Vormittags haben wir die Kugel samt Zubehör ( Sonne und Stiefel) abgenommen. Es waren hiebei zugegen Ignatz Görlacher, Schlossermeister und Landtagsabgeordneter, als Mitglied des Stiftungsrath: Karl Kaiser Zimmermeister und Gemeinderath, Andreas Mayer Bauführer, Friedolin Beyerle von Weil der Stadt ( Württemberg) Blechnergeselle und Karl Biessinger Lehrling und der Unterzeichnete. In der Kugel befand sich eine Bleikapsel, enthielt eine Urkunde aus dem Jahre 1750, ein Fläschchen mit hl. Oel, ein kleines Holzkreuz, ein Blatt mit einem sogenannten Muttergottesle und 2 Spielkarten Schippen- und Ecksteinsechser. Diese Kapsel übergab Herr Görlacher dem H. H. Stadtpfarrer Scherer. Die Urkunde wurde in den Lokalblättern veröffentlicht und wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Abschrift hievon kommt wieder in den Knopf. Auf dem Stiefel zwischen Knopf und Sonne ist folgendes eingraviert: Anno 1739 ist dieser Helm von Neuem gemacht, Aufgerichtet und Gedeckt worden. Der Zeit wäre Herr Cyprion Winterhalter Amtsbürgermeister, Herr Johann Berger Amtsschultheiß, Herr Franz Glückher Altschultheiß, Herr Joh. Anton Dehml Stadtschreiber, Herr Johann Eiselin Oberamts-Zunftmeister. Damahlen habe ich, Zacharias Neidinger, Gürtler des Raths und Zunftmeister den Knopf und Zugehör wiederumb ausgebessert und vergoldet. Gott sei Ehr in Ewigkeit. Der Thurm war früher mit Blei gedeckt, derselbe hat sich jedoch nicht gut gehalten und wurde der Thurm also im Jahre 1739 mit Kupfer gedeckt um die Bauschsumme von 350 Gulden, nach dem jetzigen Geld etwa 600 Mark. Auf einem Blatt an der Sonne ist eingravirt der Name Hans Wittum Baumeister 1610, die Buchstaben M.S.B. und ein österreichischer Adler. Auf der Kugel selbst sind verschiedene Aufzeichnungen eingekratzt, jedoch findet man daraus keinen Zusammenhang, verschiedene Jahreszahlen 1517, 1530; Eines ließ sich unter anderem entziffern: ich Jakob Ber saß auf dem Knopf. Da man zählt 1489, war alt 74 Jahr. Die sämtlichen Gegenstände am Thurm z. B. die Sonne, der Stiefel zwischen Kugel und Sonne auf den sogenannten Wimpporgeln sind sehr schadhaft und erforden neu Ersatzungen. Die Kugel für sich ist noch gut erhalten und stark von Kupfer, hat einen Durchmesser von 65 c/m, eine Höhe von 45 c/m, Gewicht 10 kg. Die Sonne für sich 35 c/m Durchm. samt Strahlen 1,10 mtr. und 8 kg. Gewicht. Sämtliche hier angeführten Theile wurden theils neue ersetzt und von Goldschmiedt Julius Bannholzer in Rottweil im Feuer vergoldet und am 7. September 1907 von mir und meinen Gehelfen wieder befestigt. Erwähnen will ich noch einen Fall, der mit einer früheren Ausbesserung und Veränderung des Münsters und mir selbst in Zusammenhang steht. An der südlichen Seite des Seitenschiffes bei der Doppelthür befand sich ein sogenanntes Vorzeichen ( Vorbau im gothischen Styl) (Das ganze Modell des Münsters befindet sich in der städtischen Alterthümersammlung im alten Rathhause) Dieses Vorzeichen wurde im Jahre 1853 abgebrochen und die Dachrinnen am Seitenschiff durchgeführt; hiebei verunglückte mein lb. Vater, der damalige Flaschnermeister Johann Nepomuk Oberle, stürzte von der Leiter und starb 3 Tage nach dem Unfall an inneren Verletzungen erst 29 Jahre alt. Meine Mutter war Agathe geb. Werner, gest. 1864. Geboren bin ich am 8. März 1854, lernte nach meiner Schulentlassung 1868 das Blechnerhandwerk und gründete 1879 mein Geschäft. Verheirathete mich am 12. April 1880 mit Theresia geb. Fischer (Fischerbecks ) geb. am 8. Oktober 1858. Kinder: 1. Anna Oberle geb. 10. Juli 1882, verh. mit Heinrich Häberle Schlossermeister, Hugo Oberle, geb. 24. März 1885 gelernter Blechner und z. Zeit beim Militär, Lina Oberle geb. 12. Dezember 1886.

Wolle der allmächtige Gott und Vater unserer Pfarrgemeinde und der ganzen Vaterstadt ein gnädiger Beschützer sein.

Villingen den 7ten September 1907.

Johann Nepomuk Oberle,

Blechnermeister und Gemeinderath.

Villingen am Tage Allerheiligen 1881.

Der Gemeinderath der hiesigen Kreisstadt

Jul. Schupp Bürgermeister.

Schon seit Jahrzehnten bemerkte man an diesem Thurme auf der südlichen Seite der Gallerie ein Auseinandergehen des Mauerwerks, ein Umstand, der immer bedenklicher, ja gefährlich zu werden drohte. Eine genaue Untersuchung durch das Erzbisch. Bauamt und andere Bauverständige führte zu der Nothwendigkeit, die schadhafte Stelle rings um den Thurm auf 25-35 Fuß von der Gallerie an abzubrechen und neu herzustellen. Aehnliches geschah mit dem Dachstuhl. Die Zimmerarbeit sammt Gerüst übernahm Xaver Rebholz u. Comp. von Bettenhausen (Würtbg.), die Maurer- und Steinhauer-arbeiten Werkmeister Mall von Donaueschingen. Anfangs April 1881 wurde der Neubau begonnen, und Ende Oktober zum Abschluß gebracht. Die 1739 aufgesetzten Hafner-Ziegel, einzelne ergänzt, zieren abermals den Helm des Thurmes. Beim Abbruch des alten Dachstuhls fanden sich vielfach in den Sparren Eisensplitter vor, herrührend aus der Zeit der Belagerungen von 1633 und 1704. Da auch der andere Thurm, sowie die Münster-kirche selbst einer größern Baureparatur bedürfen, so wurden sämmtliche Baukosten zu der Summe c. 33.000 Mk. veranschlagt, welche von der Einwohnerschaft in mehreren Jahren durch Umlagen zu decken sind. Eine umfassendere Restauration der Kirche, hauptsächlich des Chors, hat im Jahr 1862 stattgefunden. Der große im Rococostil erbaute Hochaltar wurde entfernt und durch einen gothischen, in Holz geschnitzten ersetzt, auch die vier Nebenaltäre neu hergestellt. Das Altarblatt des einen (Christus segnet die Kinder) ist gemalt von Hofmaler W. Dürr aus Freiburg, einem geborenen Villinger, das des andern (der verl. Sohn) von Maler Heinemann in Hüfingen. Die drei Hauptfenster des Chors zieren sinnige Glasmalereien, die Hauptfeste des Kirchenjahres darstellend. Die Entwürfe hiezu sind von den genannten Künstlern, die Fenster selbst von dem Glastechniker Heimle in Freiburg angefertigt. Im Jahr 1852 wurde das sog. Vorzeichen, das am Portal der südl. Langseite des Münsters angebaut war, abgebrochen. Dasselbe stand auf 5 Säulen, wovon 2 gemauert und 3 stark massiv aus Stein gehauen waren, und hatte ein gewölbtes Plafond von Holz, nebst einer Bedachung von Kupfer. Die auf dem südl. Thurme seit Jahrhunderten befindliche Hochwacht kam 1866 in Abgang, weshalb das Nachschlagen der Stunden auf der großen Glocke von dieser Zeit an unterbleiben muß. Auch die Orgel wurde 1880 und 1881 einer größern Reparatur unterworfen mit einem Kostenaufwand von nahezu 3200 Mk, bestritten aus den Ueberschüssen des Loretto- und Bickenkapellenfonds. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die schöne große Marienstatue ( Steinbild ), die erste Zierde des frühesten Hauptaltars in U. L. Fr. Münster in Folge mehrmaliger Bauveränderungen mit Zerstörung alter Grabmonumente zu Anfang der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts als herrenloses Gut in Privatbesitz kam und nun die Pfarrkirche in Dauchingen schmückt. Als im Sept. d. J. zur Feier der silbernen Hochzeit unseres erlauchten Fürstenpaares Friedrich und Luise, sowie der gleichzeitigen Vermählung der Prinzessin Victoria mit dem Kronprinzen Gustav von Schweden in Karlsruhe unter Theilnahme des ganzen badischen Landes glänzende Festlichkeiten und namentlich auch eine Ausstellung kunstgewerblicher Gegenstände des Alterthums veranstaltet wurden, beschickte auch der hiesige Münsterschatz die letztere mit mehreren Werthsachen, darunter die beiden Monstranzen, das silberne Vortragkreuz, der goldene, mit Edelsteinen besetzte Fürsten-berger Kelch (13. Jhdt. ). Bei dieser Veranlassung machte ein Kunsthändler auf das genannte Kreuz ein Kaufgebot von 10.000 Mk. und auf den Kelch ein solches von 5000 Mk.

Leider kam im Jahr 1854 die Altstadtkirche zum Abbruch, an deren Stelle wurde eine kleinere Kapelle erbaut. Diese Kirche, dem Stadtpatron Barnabas geweiht, blieb bis zum 15. Jhdt. immer noch die eigentliche Pfarrkirche. Sie war frühgotisch, geräumig und mit dem Thurm eines der ältesten Baudenkmale der ganzen Gegend; nur letzterer blieb vom Abbruche verschont. Seit 1839 mußte der Gottesacker in Folge der Bevölkerungszunahme schon 3 mal vergrößert werden. — Am 6. August 1848 zerstörte eine große Feuersbrunst in der Riet-straße 7 Wohn- und 5 Oekonomiegebäude, darunter die schon in alter Zeit bekannten Gasthäuser zur Flasche und zum Mohren.

 

Die Bewegungsjahre 1848 und 1849 mit nachgefolgter Reaktionszeit gingen auch für Villingen nicht spurlos vorüber und brachten in viele Familien Unglück. Mehrere Jahre hindurch war die Bürgerschaft mit vieler Einquartierung belastet, wobei das Knabenschulhaus ( ehemal. Benediktinerabtei ), sowie das frühere Gymnasiumsgebäude zur Kasernierung von Truppen dienten. Nachdem unsere Stadt an den Folgen schon vorausgegangener langer Kriegszeit durch Seuchen, Hun-gersnoth und Elend aller Art in den Zwanziger Jahren zu leiden gehabt hatte, so daß ihre Seelenzahl unter 3000 herabsank und in einzelnen Gassen das Gras fußhoch wuchs, so hat in den letzten fünf Decennien ein Aufschwung zum Bessern unverkennbar stattgefunden. Die Stadtmauern, die einer Ruine glichen, wurden abgebrochen, die Gräben aufgefüllt und Spazierwege mit Bäumen und Gesträuch in ganzer Rundung der Stadt darauf angelegt, ebenso der Niederthor- und der Zinserthurm, sowie die Erkel an den 4 Thoren abgetragen ( 1841-75 ). Auf der Stelle des Niederthores un der angebauten Häuser steht jetzt das Großh. Amtsgerichtsgebäude und Gefängniß; die Grundsteinlegung fand im Jahr 1847 statt. Auch das alte Gebäude der ehemal. Vetter-Sammlung bei der Klosterfrauen-Schanz ist niedergerissen und daselbst das Mädchenschulhaus von Grund aus neu erbaut worden (1859 ).

Mit einem Kostenaufwand von mindestens 250.000 Mk. hat die Stadt eines der großartigsten Unternehmen, die Trockenlegung und Entsumpfung, ausgeführt. In sämmtlichen Straßen und Gassen wurden die offenen Kanäle und Rinnen tiefer gelegt und gedohlt, wodurch die Anlage zu früher periodisch auftretenden Krankheiten beseitigt ist und die untern Theile der Häuser für Wohnungen und Keller hergerichtet werden konnten ( 1865-78 ).

Im Jahr 1874 führte dahier ein Stuttgarter Geschäft die Gasbeleuchtung ein; sämmtliche Straßen und Gassen, auch die öffentlichen und viele Privatgebäude erhalten gegen eine Taxe ihr Licht von dem vor dem niedern Thor bei dem Gutleuthaus erbauten Gaswerk. — Zur Gewinnung eines bessern Trinkwassers wurden die Quellen in den Walddistrikten des Wieselbaches gesammelt in Reservoirs und aus diesen in eiserne Röhren in die Stadt geleitet ( 1872 ). 36 Brunnenschalen aus Granit zieren jetzt die öffentlichen Brunnen, deren es —mit den Privatbrunnen — gegenwärtig 45 sind. Der auf dem Marktplatz in der Straßenkreuzung seit Jahrhunderten gestandene 4-Röhrenbrunnen mußte 1872 wegen Hinderung des Straßenverkehrs entfernt werden.

Ein anderes größeres Unternehmen wurde von 1875-78 ausgeführt — die Correction der Brigach. Vom Käsbach bis zur Niederthorbrücke erhielt dieselbe ein anderes Bett, in Folge dessen 2 Mühlen vor dem Bicken- und niedern Thor angekauft und entfernt werden mußten, Die große steinerne Brücke mit 4 gewölbten Bogen vor dem Bickenthor, an deren granitenen Mauern seit Jahr. hunderten so manche Sturmfluth und mancher Eisgang abgeprallt, wurde abgebrochen und durch eine eiserne ersetzt. Da, wo ehedem der Lindenwasen und Krautgärten sich befanden, ist durch Auffüllung eine Straße vom Bicken- zum niedern Thor angelegt; längs derselben erheben sich Neubauten ( d. östliche Vorstadt ), die nun die Brigachstraße bilden. Die beim Gasthaus Paradies durchbrochene Stadtmauer ermöglichte es, aus der Stadt durch die Anlagen und mittelst eines eisernen Fußsteges über die Brigach bequem nach dem Bahnhof zu gelangen. In Folge dieser Flußcorrection ist etwas früher auch die Herstellung einer Eisenbrücke vor dem obern Thor nöthig geworden, die der Staat auf seine Kosten übernahm. — Eine gänzliche Umwälzung und Neugestaltung so mancher territorialen und ökonomischen Verhältnisse hat der Bau der Schwarzwaldbahn herbeigeführt. Seit 1841 wurde die Agitation für eine Kinzigthal-Bodenseebahn energisch hier betrieben, und es darf nicht verschwiegen bleiben, daß die erste Anregung zu einer Versammlung aller Interessenten von Offenburg bis zum See von hier ausgegangen ist. Diese Versammlung hat am 24. Febr. 1844 in Villingen stattgefunden, welcher Tag mit Recht als Anfangspunkt einer erfolgreichen Bewerbung um diesen Schienenweg angesehen werden darf. Die Strecken im Kinzigthal und am See wurden zuerst in Angriff genommen und beendet, und wir hatten die freudige Genugthuung, daß durch rastlosen Fortgang des Bahnbaues die Strecke Donaueschingen-Villingen am 15. Aug. 1869, jene des Schwarzwaldes-Hausach-Villingen am 10. November 1873 eröffnet werden konnte, daß also mit letzterm Tage das Ganze den Abschluß erhielt. Die Bahnlinie Rottweil-Villingen ( Oberneckarbahn ) wurde schon am 26. August 1869 dem Verkehr übergeben. Das Planum oder die Bodenfläche des zum hiesigen Bahnbetriebswerk hergerichteten Gebäudes ( circa 43 Morgen) soll die Bauverwaltung mit Feldankauf, Auffüllung, Dohlen- und Wegbauten . . . läufig 300.000 fl. zu stehen gekommen sein.

Tief einschneidend in landwirtschaftlicher Beziehung war für die hiesige Gemeinde die Abschaffung des Viehaustriebes und dadurch die Einführung der Stallfütterung ( 1863 ). Seit unfürdenklichen Zeiten bestanden hier drei sog. Hirten- oder Herdgemeinden, der obere-, niedere- und der Riedstrich, die das Nutzvieh (Kühe, Kalbinnen) jeweils im Sommer auf der noch ungetheilten Allmend weiden ließen. Da nach Gesetz und Recht die Gesammtbürgerschaft, nicht die Viehbesitzer allein, auf den Bürgergenuß Anspruch hat, so mußte diese Almendnutzung auch gleich vertheilt werden; in Folge dessen bildeten sich zur Bewirtschaftung drei Gesellschaften: eine Beurbarungs- und zwei Almendtheilungsgesellschaften. Gegenwärtig findet auf hiesiger Gemarkung die Katastervermessung, Feldbereinigung und Neuanlage der Feldwege statt. Die Kosten sind auf 100.000 Mk. veranschlagt, werden aber diese Summe muthmaßlich übersteigen.

Das Armen- und Waisenspital zum hl. Geist beherbergt gegenwärtig 65 erwachsene Personen und 40 Kinder. Die Administration desselben ist den barmherzigen Schwestern übertragen. Ein sog. Fremden-, Gesellen- oder Dienstbotenspital, 1848 errichtet, sichert jedem Theilnehmer in Krankheitsfällen gegen ein Monatsgeld für 8 Wochen freie Verpflegung zu.

Die freiwillige Feuerwehr, die drittälteste im Land, wurde 1852 gegründet und zählt dermalen c. 300 Mitglieder (Hauptmann H. Osiander ). — Unter Garantie der Stadtgemeinde wurde 1848 dahier eine Waisen-, Spar-und Leihkasse errichtet, konnte aber in Folge der damaligen Bewegung eigentlich erst 1853 in Wirksamkeit treten. Der Jahresumsatz ist gegenwärtig zwischen 4 bis 5 Millionen Mark. Die Ueberschüsse oder der Reingewinn werden von der Stadt zu gemeinnützigen Zwekken verwendet. — Der Vorschußverein besonders für Gewerbe und Landwirtschaft ist 1867 ganz auf Grund genossenschaftlicher Satzungen errichtet worden. Derselbe zählt 524 Mitglieder und hat einen Jahresumsatz von ca. 3 Millionen Mk. Eines der ältesten, für die gewerblichen und socialen Verhältnisse unserer Stadt wichtigen Institute ist der Gewerbeverein. Der Anfang desselben datiert schon in das Jahr 1840, sein Bestand wurde jedoch in den Bewegungsjahren von 1848/49 unterbrochen, so daß er sich erst 1857 wieder neu constituieren konnte. Die Zahl der Theilnehmer hat sich gegenwärtig auf 270 vermehrt. Aus seiner Mitte kam die Anregung und Ausführung der beiden, 1858 und 1876 dahier abgehaltenen Schwarzwälder Industrie-Ausstellungen, die während ihrer 4 wöchentlichen Dauer von Fremden, selbst aus entfernten Gegenden massenhaft besucht wurden. Die erste füllte die Säle des ehemal. Benediktiner-Klosters durch alle 4 Stockwerke, für die andere wurde dortige Kirche — Parterre und Gallerie —nebst Hofraum entsprechend hergerichtet. — Daß aber auch die Gewerbthätigkeit der hiesigen Einwohnerschaft in Zunehmen begriffen ist, darf hier gleichfalls consta-tiert werden. Hauptsächlich ist es die Uhrenmacherei, darunter größere Fabriken, nebst allen Nebenzweigen, die viele hundert Hände beschäftigt, so daß Villingen jetzt zu den Hauptorten der Schwarzwälder Uhrenindustrie gezählt wird.

Die Musikwerk-( Orchestrion) Fabrikation zählt z. Zeit 5 Etablissements. Ferner befinden sich hier: eine Tuchfabrik nebst Spinnerei (Dold ), 7 Mahl- und 2 Kunstmühlen, 3 Sägemühlen mit Schnittwaarenhandel, 1Kleinhammer, mehrere mechanische Werkstätten, 1 Glockengiesserei (Grüninger ), 1 Metalltuchweberei, mehrere Bierbrauereien und Weinhandlungen, c. 48 Gasthäuser, Wirtschaften und Restaurants. Die alte, schon durch Hans Kraut ( 1570 ) berühmt gewordene Villinger Hafnerei wird seit neuerer Zeit in geschmackvoll modellierten Arbeiten der Majolicafabrikation (nach Vorlagen) mit Erfolg betrieben ( J. Glatz ). Das erste in Villingen erschienene Wochenblatt (Der Schwarzwälder) wurde am 25. Oktober 1839 ausgegeben, die Errichtung der ersten Buchdruckerei zu Villingen geschah im März 1848, beides durch Ferd. Förderer. Das Kriegerdenkmal vor dem Bickenthor wurde von der Stadt errichtet (Bildhauer Ummenhofer ) und feierlichst eingeweiht am 2. September 1875, am Jahrestage der Schlacht von Sedan, den Nachkommen zur Erinnerung an die glorreichen Thaten des deutschen Kriegsheeres 1870/71, das welschen Uebermuth gezüchtigt und Deutschlands Einheit, Macht und Größe geschaffen hat. 125 hiesige Bürger und Bürgersöhne, eingereiht in die verschiedenen badischen Regimenter, hatten die Schlachten, Belagerungen und Gefechte im Elsaß, in den Vogesen und viele auch die 3 tägige Schlacht an der Lisaine mitgemacht, sind auf dem Feld der Ehre gefallen, mehrere andere in Folge von Verwundung und Strapazen seither gestorben.

Im Jahr 1876 gründete der Gemeinderath eine Alterthümersammlung aus hier noch vorhandenen antiquarischen Gegenständen; dieselbe ist im alten Rathause untergebracht und zählt nach dem aufgestellten Repertorium schon über 1000 Nummern. Herrn Stadtrath Förderer gehört d. Verdienst, durch die Anlage und sorgsame Pflege dieser Sammlung das Interesse für Villingens große Vergangenheit wieder neu belebt zu haben. Möge der durch Professor Chr. Roder gegenwärtig vorgenommenen Neuordnung des Stadtarchivs in nicht gar langer Zeit d. Geschichte d. Stadt nachfolgen!

Wenn in Folge der Gewerbefreiheit der Besuch d. städtischen Kaufhauses sich auch etwas vermindert hat, so verbleibt doch immer noch, je nach Ausfall der Ernte, ein jährlicher Umsatz zwischen 60-70.000 Ltr. oder 6-700.000 Mk. Im Frühjahre 1847 standen hier die Fruchtpreise wie seither nicht wieder in der Höhe. Damals galt in der hiesigen Fruchthalle der badische Sester Kernen 3 fl. 18 Xer, Roggen 2 fl. 30 Xer, Gerste 2 fl. 8 Xer, Haber 57 Xer, Mischelfrucht 2 fl. 12 Xer; ein Pfd. Weißbrod kostete 12 Xer, 2 Pfd. Schwarzbrod 14 Xer.

Nach der letzten 1880 geschehenen Zählung beträgt die Gesammteinwohnerzahl Villingens 6000, worunter 650 Evang. und 15 Israelit. Das Steuercapital beziffertsich 1881 auf: Grund- und Häusersteuer 7.173.000 Mk, Erwerbsteuer 5.398.000 Mk. Kapitalrentensteuer 3.181.440 Mk; Gesamtsumme 15.752.440 Mk. Viehstand: 191 Pferde und Fohlen, 1219 Stück Hornvieh, 460 Schweine, 200 Ziegen. Die Volksschule besteht für Knaben und Mädchen aus 7 Klassen sammt der Fortbildungsschule. Außerdem besitzt Villingen ein 6 klassiges Realgymnasium, sowie eine Gewerbschule mit 3 Jahreskursen ( dabei Modellier- und Zeichnungsunterricht). An der Mädchenschule wird der Unterricht von den Lehrfrauen des hiesigen Ursulineninstituts ertheilt; dasselbe erhält Zöglinge nicht blos aus Baden, sondern auch aus Würtemberg, Baiern, Oesterreich, Elsaß, d. Schweiz, Frankreich.

Für die Pastoration der hiesigen Katholiken bestehen neben der Stadtpfarrei 4 Kaplaneien, von denen nur 2 besetzt sind; Stadtpfarrer ist Jos. Amann aus Pfullendorf. Die Evang. haben 1858 die frühere Johanniterkirche nebst Anbau käuflich erworben und zu ihrem Gottesdienst herrichten lassen; die Seelsorge geschieht durch den Pfarrer von Mönchweiler. Bei der neuen Gerichts- und Verwaltungsorganisation des badischen Landes 1866 wurde Villingen zu einer der 11 Kreishauptstädte des Großherzogthums erhoben. Hier ist der Sitz des Großh. Bezirksamts, Amtsgerichts, die Domänenverwaltung und Obereinnehmerei, Bezirksforstei, eines Bezirksarztes, zweier * . . , eines Steuercommissärs und Steuereinnehmers, ferner verschiedener Bahnbeamtungen, eines kais. Postamts und einer Telegraphenanstalt. Die Gemeindeverwaltung wird besorgt durch 1 Bürgermeister, 8 Gemeinderäthe, 2 Rathschreiber, 1 Stadtrechner, 1 Oberförster, 1 Baumeister nebst anderem Dienstpersonal. Zur Controle des Ganzen besteht ein Bürgerausschuß von gegenwärtig 48 Mitgliedern. Das Gemeinderatscollegium ist z. Zeit aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Jul. Schupp, Bürgermeiste‘ seit 1868; Ferd. Förderer, Gemeinderath 1848/49 und abermals seit 1857; Ferd. Stocker seit 1867; Ferd. Weiß haar seit 1871; Joh. Ev. Schleicher seit 1877; H. Osian der seit 1878, H. Utz seit 1877; Jos. Meder seit 1880: Joh. Storz seit 1880. Wir schließen mit dem Wunsche es möge das, was unsere Zeit geschaffen, auch unsern Nachkommen zum Heil und Segen gereichen. Möge sie Gemeinsinn und verständige Thatkraft immerdar durch dringen und unsere theure Vaterstadt bis in die fernsten Zeiten vor Unheil bewahrt bleiben. Das walte Gott!

Compos. Förderer

supplev. et scrips. Roder

 

* Wort fehlt wegen Durchschuß mit einer Kugel.

Folgende Schriftstücke enthielt die Kassette des Nordturmes Münster, gefunden am 22.12.76:

»Der Schwarzwälder« vom 4. Oktober 1881.

Geschichten und Bilder aus Baden v. 20. September 1881. Die Romeius-Sage zu Villingen.

Katalog über die vom 22. August bis 26. September 1858 zu Villingen abgehaltene Industrie-Ausstellung des badischen Schwarzwaldes (Druck v. Ferd. Förderer 1858 ). Dreizehnter Jahresbericht über die landwirtschaftliche Kreis-Winterschule Villingen für 1881. Als Einladung zu der am 31. März stattfindenden öffentlichen Schlußprüfung.

Übersicht der Fruchtmarktpreise von 1869-1880.

Aufruf »An unsere Mitbürger« vom 28. Mai 1876. Katalog der Schwarzwälder Industrie-Ausstellung zu Villingen vom 15. August bis 20. September 1876. (Druck von M. Linsemann 1876 )

Verzeichnis der Gegenstände, welche in der Alterthümer-Sammlung der Stadt Villingen z. Z. sich befinden. ( Druck von M. Lindemann 1876 )

Gedenkbüchlein oder Congress der alten Benediktiner-Studenten zu Villingen am Barnabastage den 11. Juni 1840.

Satzungen für die von der Stadtgemeinde Villingen garantierte Spar- und Waisenkasse ( Druck von C. Görlacher 1881).

Julius Schupp, Bürgermeister seit 16. Dezember 1868. Baden in den Jahren 1852 bis 1877. Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Regierungs – Jubiläum Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich. Verlag von A. Bielefeld’s Hofbuchhandlung.

»Der Schwarzwälder«, Sonntag 4. April 1875.

Echo vom Wald, Triberg, Dienstag, den 2. August 1881. Realgymnasium Villingen, Jahresbericht für das Schuljahr 1880/1881. Zugleich Einladung zu der am 29. und 30. Juli stattfindenden Prüfung. ( Buchdruckerei von C. Görlacher. 181.)

Zugleich Einladung zu der am 29. und 30. Juli stattfindenden Prüfung. ( Buchdruckerei von C. Görlacher. 1881.)

Satzungen der Kranken-Anstalt Villingen zu Verpflegung von Dienstboten, Fabrik- und Handarbeitern, Gewerbsgehilfen und Lehrlingen in der Kreishauptstadt Villingen (Druck von C. Görlacher. 1881.)

Abschrift der Urkunde vom südlichen Münsterturm Urkunde.

Nachdem schon seit einiger Zeit der baufällige Zustand des südlichen Turmes unseres lieb: Frauen Münsters besorgniserregend geworden war, wurde der katholische Stiftungsrat dahier auf Wunsch der Einwohnerschaft beim kath. Oberstiftungsrat in Karlsruhe vorstellig, der dann sowohl zur Neuerrichtung des Turmes, wie auch zu einer durchgreifenden Restauration des ganzen Gotteshauses seine Zustimmung erteilte. So begann man im Juli 1905 mit den Arbeiten: Der ganze mittlere Teil des südlichen Turmes wurde bis zum Helm abgetragen und wieder neu aufgebaut, wobei in dem, zwecks Neuvergoldung herabgenommenen Knopfe und Sterne des Helmes sich eine Urkunde aus dem Jahre 1751 fand, von der eine Abschrift angefertigt und dieser Urkunde beigelegt wurde, während das Original in dem städtischen Archiv Aufnahme fand; ferner wurde die ganze innere Ausstattung einer gründlichen Renovierung unterzogen, deren Einzelheiten aus folgenden Kostenvoranschlag ersichtlich sind: Südlicher Turm 76 000 Mark, Münster-kirche 131 547 Mk., Empore 490 Mk., Innere Einrichtung 62 400 Mk., Gerüst 29 000 Mk., Heizung und elektrische Beleuchtung 10 000 Mk., Verschiedenes: 11 152 Mk., zusammen 325 000 Mark. Die Kosten der inneren Einrichtung mit 62 400 Mk. verteilen sich wie folgt: Apostel-Kreuzweg 9 100 Mk., Hochaltar 20 000 Mk., Kommunionbank 1 000 M., Seitenaltäre 16 000 Mk., Kanzeldeckel 1 500 M., Chorstühle 2 000 Mk., Zwölf Apostel-Leuchter 600 M., Taufstein 500 M., Orgel 10 300 M., Komuniongitter: 1 400 M. Von der im Voranschlag angesetzten Gesamtsumme von 325 000 Mk. wurden circa 70 000 Mk. durch Stiftungen, Geschenke und Sammlungen aufgebracht, während der Restbetrag durch die Kirchensteuer zu decken ist. Die Bauleitung lag in den Händen des Erzbischöflichen Bauinspektors Herr Raimund Jeblinger und August Hesse, Architekt, in Freiburg. Bauführer war Herr Andreas Maier. Die Arbeiten wurden an folgende Meister vergeben: Gerüstherstellung u. Zimmerarbeit: Karl Kaiser, Engeßer u. Flöß und Wilhelm Singer; Maurer- und Stein-hauerarbeit: Faulhaber, Baugeschäft in Rottweil a. /N., Bildhauerarbeit: Joseph Ummenhofer, Gypserarbeit:

Johann Kistenfeger, Blechnerarbeit: Joh. Nepomuk Oberle und Friedrich Zapff, Dachdeckerarbeit: Paul Zimmermann. Die innere Ausmalung besorgte Herr Kunstmaler Schilling u. Sohn in Freiburg. Der Hochaltar wurde von Gebrüder Metzger in Überlingen gemacht, die Seitenaltäre, Stationen u.s.w. von Gebrüder Moroder ( Franz Simmler’s Nachfolger) in Offenburg; die Glasgemälde von Merzweiler in Freiburg, die Orgel von Wilhelm Schwarz in Überlingen und die Glocken von Benjamin Grüninger Söhne dahier.

 

Mundartgedichte (Hansjörg Kindler)

dehom isch dehom

er hät ebbis gseah
vu de welt

und wa si ihm botte hät
uf de zunge vegau lau
aber er gäb vil drum
wenn er no e oezigmol
i de stubbe hocke kinnt
und si motter käm rii
mitere schüssel voll
gsottene herdepfel
und bibbilikäs

moderne kunscht

vesegglet
si is
oder
vestommer

nint
i trau

sellene nit

wo vezellet

si häbet
ells

vestande

 

Gedanken zur Geschichte unserer Stadt im 11. und 12. Jahrhundert (Hermann Preiser)

Die Marktgründung, die Rolle des Stalberg und der Warenburg, sowie die Stadtgründung.

Es ist keine leichte Aufgabe, sich mit einem Zeitraum der Villinger Geschichte zu beschäftigen, von dem mit Ausnahme der Marktverleihung, keine weiteren Quellen vorhanden sind, die sich mit der Ausübung des Marktes und der Stadtgründung befassen; für uns ist es eine urkundenlose Zeit. Trotzdem haben wir allen Grund, über diesen Zeitabschnitt nachzudenken, denn gerade in jener Epoche hat sich für Villingen ganz entscheidendes ereignet; Villingen ist aus dem dörflichen Status, den andere Siedlungen der Umgebung dauernd, oder bis in die jüngste Zeit hinein beibehalten haben, herausgewachsen und hat sich im Mittelalter zu einer der bedeutendsten Städte Süddeutschlands entwickelt.

Die Marktgründung allein war es nicht. Manche Märkte haben auch später ihren dörflichen Charakter behalten, sondern der Markt mit der neuen bewehrten Stadt. Beides zusammen haben erst Villingen zu dem gemacht, was es im Mittelalter geworden ist.

Zunächst wollen wir prüfen:

1. Wer war jener Graf Berthold, welcher für seinen Ort Villingen das Marktrecht erhielt,

2. aufgrund welcher Verdienste konnte sich jener Berthold diese Vergünstigung erbeten,

3. was für Gründe haben Graf Berthold bewogen, gerade Villingen als geeigneten Platz für einen Markt vorzuschlagen?

Schon bei der Prüfung der ersten Frage stoßen wir auf große Schwierigkeiten. Die Forschung nach der Herkunft der Zähringer war schon im letzten Jahrhundert ein beliebtes Thema, und sehr viele Geschichtsschreiber haben sich mit den Vorfahren der Zähringer beschäftigt; so u. a. Leichtlin 1831, Fickler 1849, Baumann 1881, Krüger 1891, Heyck 1891, Ganter 1891, Büttner 1958, Keller 1964, Klewitz 1966, List 1967 usw., und diese Forscher kommen zu teilweise ganz verschiedenen Ergebnissen.

Der erste Berthold (Bertold ), der bezeugt ist, war jener Graf der Baar, einige glauben in ihm auch einen Herzog zu sehen, der mit dem Alemannenherzog Nebi die Klostergründung auf der Reichenau vorbereitete und mit dem genannten Herzog zum fränkischen Hausmaier Karl Martel nach Jobila an der Maas eilte, um die Erlaubnis zu dieser Klostergründung einzuholen und Pirmin als ersten Abt bestätigen ließ. Wahrscheinlich ist es jener Berthold, welcher auf der Reichenau begraben wurde. Nach Baumann 1) dürften die später erscheinenden Bertholde wohl Abkömmlinge jenes alemannischen Adelsgeschlechtes sein, und nicht fränkischen Ursprungs, wie der Villinger Oberförster Ganter in seinem Band »Bezelin von Villingen« schreibt 2), was auch K. S. Bader schon berichtigt hat3).

Der um das Jahr 900 geborene Graf Berthold, welcher i. J. 955 im Kampf gegen die Ungarn auf dem Lechfeld gefallen ist, ist wahrscheinlich als ein Graf der Bertholdsbaar, welche damals ein weit größeres Gebiet umfaßte als unsere heutige stark verkleinerte Baar, anzusehen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erscheinen schon eine ganze Anzahl Bertholde oder Birchtilo, welche Namen miteinander identisch sind, da oft dieselben Grafen mit dem einen oder anderen Namen erscheinen, so daß es oft sehr schwer ist, die einzelnen zu unterscheiden.

Allein in der für Kaiser Otto II. i. J. 982 unglücklich verlaufenen Sarazenenschlacht in Calabrien sind 3 Bertholde gefallen, darunter wohl auch der Breisgaugraf, dem i. J. 990 wieder ein Bichtilo als Breisgaugraf folgte, welcher als Gründer des Klosters Sulzburg anzusehen ist4). Heyck5) und viele andere Forscher sehen in diesem Berthold bzw. Birchtilo jenen Grafen, welcher sich im Gefolge des Schwabenherzogs Herimann am 2. Romzug von Kaiser Otto III. beteiligte und mit einer Reiterschar den vom Kaiser nicht anerkannten Gegenpapst Johannes von Platentia, welcher auf Veranlassung des römischen Machthabers Crescentius, den auf Vorschlag des Kaisers gewählten Papst Gregor V. verdrängte, gefangen nahm. Einige Geschichtsschreiber berichten hier zu, daß der Breisgaugraf jenen Johannes nach der Gefangennahme grausam verstümmelte, d. h. ihn blenden und Nase, Ohren und Zunge abschneiden ließ 6 . Mathilde Uhlirz betont aber in den Jahrbüchern des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III. 7), daß die Mißhandlung des Gegenpapstes nicht bei der Gefangennahme durch die Truppen, sondern erst später in Rom erfolgt ist, und beruft sich auf Heyck, der schreibt, daß nur ein Mißverständnis früher die Verstümmelung des Gegenpapstes auf Bertholds Schultern gewälzt hat und die Schar, die ihn fing, an den Vorgängen in Rom nicht beteiligt war 8).

Alle Geschichtsschreiber erwähnen, daß der Kaiser den Breisgaugraf Berthold noch während jenes Romzuges für seine Verdienste belohnt hat und auf Bitte des Schwabenherzogs Herimann II. den Wunsch Bertholds erfüllte und das für die Stadtgründung notwendige Marktrecht mit allen dazu gehörigen Privilegien wie Münze, Zoll, Marktgericht usw. für seinen ihm gehörigen Ort Villingen verliehen hat. Dieses geschah noch in Rom am 29. März 999.

Ein Teil der Fürsten ist im Frühjahr 999 nach Deutschland zurückgekehrt, an der Spitze Herzog Heinrich von Bayern und in dessen Begleitung auch ein Graf Birtilo, wahrscheinlich mit bestimmten Aufträgen und Weisungen 9).

Damit ist bewiesen, daß ein Graf Birthilo ( Berthold ) das Marktrecht für seine Verdienste beim 2. Romzug des Kaisers erhalten hat; aber lange noch nicht, daß es sich hier um den Breisgaugrafen handelt, denn in der Marktrechtsurkunde ist nur ein Graf Berthold ohne Nennung einer bestimmten Grafschaft genannt. Trotzdem haben bis vor kurzer Zeit alle Geschichtsschreiber jenen Grafen Berthold als den Breisgaugrafen angesehen. Fickler schreibt aber schon 1849, daß bei einer früheren Veranlassung die Identität des Kriegsmannes Berthold mit dem gleichnamigen Breisgaugrafen stillschweigend zugegeben wurde, aber nicht erwiesen ist 10). Die Tatsache, daß im Jahre 990 ein Berthold als Breis-gaugraf bezeugt ist, welcher i. J. 993 das Kloster Sulzburg stiftete, und daß im Jahre 997 und 998 ebenfalls ein Berthold als Graf im Thurgau anzutreffen ist, verleitete zu der Annahme, daß der Breisgaugraf auch die Grafschaft im Thurgau innehatte.

List bringt nun im Jahresheft Schauinsland 1967 des Breisgaugeschichtsvereins den Nachweis, daß der Breis-gaugraf und der Thurgaugraf nicht, wie Heyck behauptet, identisch seien 11), sondern daß hier zwei verschiedene Bertholde zu unterscheiden sind. Demnach ist der Gründer von Sulzburg der Breisgaugraf, der erste Marktherr von Villingen aber der Thurgaugraf. Letzterer hatte engste Beziehungen zum Schwabenherzog, der auf dem Hohentwiel saß und in dessen Gefolge mit dem Kaiser nach Rom zog.

Eine noch größere Verwirrung herrschte mit der Zuordnung des Grafen »Bezelin von Villingen«. Heyck hält diesen Bezelin identisch mit dem Kleriker Bezelin, welcher im Zusammenhang mit dem Kloster Sulzburg erwähnt wird, also als Sohn des Breisgaugrafen 12). Andern Forschern erscheint die Identität der beiden Bezelinie aus verschiedenen Gründen für unmöglich und suchen dies auch zu beweisen. Krüger hält den Villinger Bezelin als Sohn des Thurgaugrafen Landolt 13) und gleichzeitig als denjenigen, der mit dem Villinger Marktrecht begabt wurde 14), was Ganter schon aus Altersgründen entschieden ablehnt.

Der heutige Stand der Forschung ist folgender:

Der Breisgaugraf Berthold ab 990 ist der Gründer von Sulzburg; er starb i. J. 1004 und gehört in die Familie der Grafen von Altenburg, denen auch die Habsburger entstammten. Sein Sohn ist der »Kleriker« Bezelin. Dieses Geschlecht setzte sich, wie schon Fickler nachgewiesen hat, in den Grafen von Nimburg fort 15).

Berthold der Thurgaugraf ist der Sohn des Thurgaugrafen Landolt, und er war es, der den Kaiser i. J. 998 auf seinem Romzug begleitete und für seine Verdienste das Marktrecht für Villingen erhielt. Dieser Berthold war 1014 tot. Seine Gemahlin war Berta von Büren und sein Sohn der Bezelin von Villingen.

Den Namen Bezelin mit dem Beinamen von Villingen erfahren wir aus einer Ahnenliste, in welcher dieser Bezelin als Sohn der Berta von Büren, der Schwester des Friedrich von Büren, dessen Sohn sich nachher Friedrich von Staufen nannte, vermerkt ist. Jene Stammtafel ließ Friedrich von Staufen ( Barbarossa) in seiner Ehe-scheidungsangelegenheit anfertigen, um nachzuweisen, daß seine damalige Frau mit ihm im 3. Grad blutsverwandt ist. Der Nachweis einer solchen Verwandtschaft genügte zur Ehescheidung.

Den Beinamen »von Villingen« wird jener Bezelin wohl dem Umstand verdanken, daß er von seinem Vater die Marktgerechtigkeit Villingens übernahm. Ob er zeitweise in Villingen seinen Wohnsitz hatte, ist möglich, aber nicht nachzuweisen. Die Warenburg stand zu jener Zeit noch nicht. Bald nach dem Tode seines Vaters übernahm Bezelin auch die Grafschaft in der Ortenau und ist nachher meistens als Begleiter des Kaisers anzutreffen. So ist er in den Jahren 1015, 1018 und 1021 im Gefolge des Kaisers festzustellen; er begleitete den Kaiser auch im Jahre 1022 bei seiner Heerfahrt nach Unteritalien, wo er bei einer Entscheidung als Urteilssprecher beigezogen wurde 17).

Bezelin von Villingen starb im Jahre 1024 und ist der letzte Vorfahre des Zähringergeschlechts. Sein Sohn ist »Berthold mit dem Barte«, der die Burg Zähringen erbaute. Da dieser erste Zähringer seine Burg nicht auf Eigengut, sondern auf Reichsgut erbaute, ist ein weiterer Beweis dafür, daß seine Vorgänger nicht die Breisgau-grafen sind, welche in jenem Gebiet doch begütert waren.

Der Markt Villingen

Bevor wir uns mit dem Markt Villingen beschäftigen, soll die Entwicklung des Marktwesens nach der Römerzeit vor Augen geführt werden. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches ging der Handel auf einen Bruchteil des früheren Umfanges zurück; nördlich der Alpen wurde sogar auf Tauschhandel zurückgegriffen 18) Gothein schreibt, daß es lange gedauert hat, bis der Handel bei den germanischen Völkern ständige Sitze erhielt; bis dahin wurde der Handel mit ausländischen Handelswaren dem Fremdkaufmann überlassen. Zuerst waren es die Syrier, dann die Juden und neben diesen auch die Venetianer, welche besonders die Kirchenfeste besuchten und dort ihre Luxuswaren feilboten 19).

Im frühen Mittelalter war der Handel ganz von Byzanz abhängig, welches die Erzeugnisse aus dem Orient, Gewürze aus Indien und China ganz in seiner Hand hatte. Byzanz war damals Stapelplatz für die arabischen Händler; erst später hat Venedig diese Rolle übernommen. Es gab auch nordische Händler, besonders Friesen, die mit ihren Schiffen von Vorderasien die mitteleuropäischen Flüsse hinauffuhren und selbst in Straßburg in Erscheinung traten. Eingeführt wurde zu jener Zeit nur das, was im eigenen Land nicht erzeugt werden konnte, z. B. Gewürze, Spezereien, Metalle, Seide und andere Luxusgegenstände für den wohlhabenden Teil der Bevölkerung, sowie u. a. Weihrauch für den Kult 20).

Am Anfang der Karolingerzeit begegnen uns bereits einheimische Kaufleute am Oberrhein, die einen regelmäßigen Handelsverkehr zwischen Ober- und Niederrhein ausbildeten. Der Besuch von Jahrmärkten war zu jener Zeit die Hauptform des Handels; der karolingische Kaufmann ist Wander- und Fernkaufmann. Seine Aufgabe war es nicht nur, sich um die Beschaffung der Waren am Erzeugungsort zu kümmern, sondern er hatte dieselben auch auf eigenes Risiko an die Verkaufsplätze zu bringen. Der Kaufmann war den größten Teil des Jahres unterwegs; nur im Winter lag er an einem festen Platz im Winterquartier, wo er seine Waren stapelte. Die Jahrmärkte wurden deshalb meistens im Frühjahr und im Herbst bei der Aus- und Einreise abgehalten. Der Sicherheit wegen schlossen sich die Kaufleute oft zu Gemeinschaften zusammen und zogen so von Marktort zu Marktort 21).

Der Markttermin war anfänglich nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt, denn wegen den großen Transportschwierigkeiten war lange Zeit hindurch eine genaue Festlegung eines bestimmten Termins unmöglich. Erst allmählich dürfte sich der Weg, der die gleiche Route bereisenden Kaufleute auf bestimmte Jahrmarktstermine eingespielt haben. Von jener Zeit ab wußte der Fernhändler, daß er zu einem bestimmten Zeitpunkt eine große Anzahl anderer Händler antraf, an die er seine Ware absetzen und Gegenstände eintauschen konnte. Aus diesem Grunde war der Jahrmarkt gegenüber dem Wochenmarkt immer von mehrtägiger Dauer. Für den Beginn des 10. Jahrh. sind uns die ersten Jahrmärkte überliefert.

Die Gegenstände des Handels waren jetzt schon vielfältiger und bestanden vornehmlich aus Salz, Gewürzen, Rauchwaren, Metallen, Waffen und anderen Schmiedearbeiten, Bernstein, Schmuck und Glaswaren, Tuche und Webwaren, Wolle Seide, Wachs und Honig, sowie Öl, Pelze und Sklaven 22) .

Die frühesten Märkte lagen immer an wichtigen Verkehrswegen, ob zu Wasser oder zu Lande, und immer in der Nähe von befestigten Siedlungen, wie an alten noch befestigten Römerstädten, Klöstern oder Bischofs-sitzen, die oft als Burgen bezeichnet wurden. Hier konnte der Kaufmann seine schutzbedürftige Ware stapeln und sich zu Zeiten der Not in diese Befestigungsanlagen zurückziehen 23).

Die uns nächstgelegenen Märkte zur Karolingerzeit scheinen in Chur, Zürich, Basel und Straßburg bestanden zu haben 24). Konstanz, der älteste mittelalterliche Markt am Bodensee, ist zwar nicht ganz so alt und ist wohl eine Stiftung von König Ludwig IV., »das Kind« von 900-911, an den Konstanzer Bischof Salomon, denn die ältesten Konstanzer Münzen zeigen das Bildnis dieses Bischofs, der um das Jahr 910 regierte 25) . Konstanz gewann nicht nur als Bischofssitz, sondern auch als Umschlagplatz des Handels für die nähere und weitere Umgebung, sowie wegen seiner günstigen Lage als Ausgangspunkt zu den Alpenpässen nach Italien, als Sammelplatz für die Ausfuhr immer größere Bedeutung und wurde deshalb schon früh ein Mittelpunkt für die über die Alpenpässe gekommenen Händler 26).

Im 10. Jahrhundert setzte im ganzen Reich eine auffallende wirtschaftliche Entwicklung ein; der wachsende Lebensstandard verlangte die vermehrte Einfuhr von Handelsgütern. Der Ort Villingen mußte damals schon ein wichtiger zentraler Platz gewesen sein, denn die von der Kinzig heraufführende Schwarzwaldstraße, nicht die neue über Triberg, verband die alten Märkte Straßburg und Konstanz. Aber auch die alte Römerstraße, die von Vindonissa über Hüfingen nach Rottweil und weiter ostwärts führte, wurde damals noch benutzt, nach alten Berichten wurde sie sogar bis Ende des 18. Jahrhunderts begangen, und berührte beim heutigen »Zollhäusle« die Villinger Gemarkung (Rottweil-Schaffhauser Weg). Der Fernhandel benutzte immer Brennpunkte des Verkehrs, und man kann ruhig sagen, daß Graf Berthold mit Villingen den richtigen Platz für einen Markt ausgewählt hat, zumal in weitem Umkreis kein Markt bestand. Die Neugründung eines Marktes wurde zwar nicht immer, aber doch mit Vorliebe dort vorgenommen, wo eine schon vorhandene Kaufmannssiedlung einen Erfolg für die Dauerhaftigkeit eines Marktes versprach, und Hamm vermutet, daß sich in Villingen eine Winterniederlassung reisender Kaufleute gebildet und sich allmählich zu einer Dauerniederlassung entwickelt hat 27).

Die Baar und das Brigachtal waren zu jener Zeit schon gut besiedelt, denn alle Ortschaften werden im 8. und 9. Jahrhundert in St. Galler Urkunden erwähnt. Es müssen in diesen Orten schon vor der Marktgründung Spezialisten, also Handwerker wie Töpfer, Schmiede gesessen haben, die für ihre Erzeugnisse Abnehmer bei den Bauern fanden, welche auf ihren Höfen manches brauchten, was sie nicht selber herstellen konnten. Aber auch Kaufleute waren notwendig, die fremde Erzeugnisse beischafften und einheimische Überschüsse weitergaben. Für die Errichtung eines Marktes in Villingen war sicher ein Bedürfnis vorhanden.

Die Fernkaufleute müssen aus verschiedenen Richtungen nach Villingen gekommen sein, um ihre Waren abzusetzen und am Ort produzierte aufzukaufen. Wir ersehen daraus, daß der Jahrmarkt selber zu jener Zeit ein reiner Händlermarkt, also eine Art Messe war. Dem kleinen Händler, der den Jahrmarkt besuchte, blieb es vorbehalten, die Handelswaren an die Handwerker und Verbraucher zu vermitteln.

Für die Zwecke des Verbrauchers bildete sich später der Wochenmarkt, welcher lediglich dem Nahverkehr diente, was auch daraus ersichtlich ist, daß beim Jahrmarkt der König den Marktfrieden sichert, beim Wochenmarkt dagegen der Grundherr. Eine weitere Unterscheidung sehen wir darin, daß der Jahrmarkt, wie es früher auch in Villingen war, eine Woche dauerte, der Wochenmarkt aber meistens nur einen halben Tag.

Bevor ich auf die Einzelheiten der Villinger Marktrechts-urkunde eingehe, will ich dieselbe im Wortlaut nach der Roder’schen Übersetzung anführen 28):

»Im Namen der heiligen ungeteilten Dreifaltigkeit, Otto, durch die Gunst der Gnade des Allerhöchsten römischer Kaiser, Augustus. Wenn Wir den gerechten Bitten Unserer Getreuen Zustimmung gewähren, so glauben Wir ohne Zweifel, daß jene Uns um so getreuer sein werden. Daher tun Wir der gesamten Menschheit des gegenwärtigen Jahrhunderts zu wissen, daß Wir auf das Ersuchen des erlauchten Herzogs Herimann Unserem Grafen Berthold gegeben, verliehen und bewilligt haben das Recht und die Gewalt, in einem ihm gehörigen Orte genannt Villingen, einen öffentlichen Markt zu gründen und einzurichten mit einer Münze, einer Zollstätte und dem ganzen öffentlichen Gerichtsbann, auch in der Grafschaft Bara, welche wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet. Und Wir haben kraft kaiserlichen Befehls, indem jeder Widerspruch der Menschen fern sein soll, beschlossen, daß dieser von Unserer höchsteigenen Bewilligung ausgehende Markt mit aller öffentlichen Handlung gesetzlich sei, und zwar mit dieser Rechtsbestimmung, daß allen, welche den schon genannten Markt besuchen wünschen, unbehelligt und in aller Ruhe und Feierlichkeit hin- und zurückgehen ohne jegliche Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreibung alles dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann. Und so irgend ein sterblicher sich unter-finde, diese vorliegende Bestätigung des genannten Marktes in etwas zu verletzen, ungültig zu machen oder zu brechen, soll er wissen, daß er eine solche staatliche Buße zu erlegen habe, wie jener zu erlegen schuldig ist, welcher den Markt zu Konstanz oder zu Zürich durch irgendwelche Verwegenheit zu verletzen oder stören würde; er soll die kaiserliche Buße bezahlen dem vorgenannten Grafen Berthold, oder wem dieser sie bezahlt wissen will. Auch soll er der genannte Graf die Befugnis haben, den Markt zu vertauschen, zu verschenken, wie immer ihm belieben mag. Und damit Unsere Bewilligung unauflöslich und immerwährend bleibe, so haben wir diese Urkunde, wie man unten sieht, mit eigener Hand bekräftigt und mit Unserem Bleisiegel zu besiegeln befohlen.

Zeichen Ottos des unbesiegten Kaisers Heribert, Kanzler anstatt des Erzbischofs Willigis bezeugt es 29).

Gegeben am 4. Tag vor den Kalenden des Aprils (März 999 ), im Jahre der Geburt unseres Herrn 999, in der 12. Idiction, im 16. Jahre des Königtums Otto III., im 3. seines Kaisertums, Geschehen zu Rom: es gereiche zum Glück«.

Wir dürfen nicht übersehen, daß sich aus den Märkten durch die Marktzölle und Bußen beträchtliche Einnahmen erzielen ließen und daß sich der König durch Vergabe von Marktprivilegien an Bischöfe, Klöster, hohe Adlige usw. Gefolgsleute für seine Machtbestrebungen sicherte. Diese Verpflichtung dem König gegenüber ist in der Villinger Markturkunde besonders deutlich hervorgehoben, denn wir lesen darin wörtlich: »Wenn Wir den gerechten Bitten Unserer Getreuen Zustimmung gewähren, glauben Wir ohne Zweifel, daß jene Uns um so getreuer sein werden«.

Die Urkunde zeigt uns auch, daß nur ein Graf Berthold genannt wird, ohne Hinweis auf einen Breisgaugraf, und daß sich Herzog Hermann II. sehr um das Zustandekommen dieses Marktes aufgrund Bertholds Verdienste bemüht hat.

In der Markturkunde lesen wir ferner »in einem ihm gehörigen Ort Villingen«. Dieser Ort Villingen wird von den Forschern verschieden gedeutet. Gothein glaubt, daß der Graf nur im Besitz eines Hofes und einer Mühle an der Brigach gewesen ist, weil Klöster und andere Herrschaften zu jener Zeit ebenfalls in Villingen begütert waren. Ich halte diesen geringfügigen Besitz des Grafen in Villingen kaum glaubhaft, denn Villingen mußte schon vorher für Berthold ein wichtiger Platz gewesen sein, und wahrscheinlich hatte er dort ein festes Haus mit einem Verwalter für seine Güter besessen. Der Eigenbesitz muß von seinen Vorfahren herrühren, und es ist auch gar nicht ausgeschlossen, daß jener Baargraf Hildibald mit Berthold verwandt war. Die Tatsache, daß die Zähringer die Warenburg und die neugegründete Stadt Villingen auf eigenem Grund erbaut haben, spricht dafür, daß unser Berthold einen umfangreichen, wahrscheinlich zusammenhängenden Grundbesitz in und um Villingen sein Eigen nannte. Gothein betont auch, daß Graf Berthold die öffentliche Gewalt hier nicht besaß, weil in der Urkunde ein Graf Hildibald als Verwalter der Grafschaft genannt ist. Auf alle Fälle wurde aber spätestens mit der Marktverleihung in die Amtsgewalt des Hildibald eingegriffen, wenn anfangs auch nur hinsichtlich des Marktes, denn in der Markturkunde heißt es »mit dem öffentlichen Gerichtsbann auch in der Grafschaft Bara«. Das mit dem Markt verbundene Gericht beschneidet demnach die Rechte, des Grafen Hildibald, wenn nicht schon frühere uns unbekannte Rechte des Grafen Berthold vorauszusetzen sind. Wie anderwärts wird auch in Villingen der Jahrmarkt im Schutze eines befestigten Sitzes angelegt worden sein. Vielleicht ist von dort aus der Privatbesitz des Grafen Berthold verwaltet worden 30).

Es ist anzunehmen, daß Graf Berthold seinem Markt Villingen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, daß sich derselbe entwickelt hat und er oder sein Nachfolger bald einsehen mußte, daß der Platz der alten Siedlung links der Brigach für die Bildung einer Marktgemeinde ungünstig gelegen war, und daß sich auf der großen ebenen Fläche rechts der Brigach ein weit besseres Gelände anbot, wobei man schon an eine Stadtgründung dachte. Märkte haben städtebildende Kraft. Vermutlich ist die Warenburg auf der rechten Brigachseite erbaut worden, als die erste Phase der Stadtplanung begann.

Die Warenburg wurde Stützpunkt der Zähringerherrschaft im Brigachtat und wahrscheinlich wurde bald auch der Markt dorthin verlegt. Die Kaufleute konnten wohl bei der Burg ihre Waren deponieren und einen Umschlagplatz errichten.

Davon dürfte »Warenberg« und »Warenburg« ihren Namen erhalten haben. Während im altdeutschen Wörterbuch das Wort »wara« mit wehren oder acht haben und »wari« mit Verteidigung, Kampf usw. gedeutet wird, übersetzt das Mittelhochdeutsche Wörterbuch von Lexer »ware« mit Kaufmannsgut, wobei in Grimms Deutschem Wörterbuch steht, daß dieses Wort seit dem 13. Jahrhundert belegt ist. Nachdem die Wortbildung erst später nach der Erbauung der Warenburg einsetzte, könnte meine Auffassung zutreffen.

Ganter macht sich die schon von andern geäußerten Gedanken zu eigen und behauptet in seinem Buch »Bezelin von Villingen«, worin er auch die Herkunft der Zähringer von den Franken ableitet, daß die Warenburg ihren Namen dem fränkischen Kammerboten und Thurgaugrafen Waro oder Warin, der schon 774 gestorben ist, verdankt und daß derselbe zeitweise seinen Wohnsitz auf dem Warenberg aufgeschlagen hatte 31).

Karl Siegfried Bader nimmt Ganters phantasiereiche Schrift, wie er sie nennt, kritisch unter die Lupe und bestreitet, daß die Warenburg, ebensowenig wie die andern Bergburgen der Baar und des oberdeutschen Gebiets in fränkische Zeit zurückreichen 32).

Wie u. a. H. M. Maurer feststellt 33), kannte die fränkische Zeit noch keine Adelsburgen. Das Burgbau-Regal lag bis zum Anfang des 11. Jahrh. in den Händen des Königs, widerrechtlich erbaute Burgen mußten auf seinen Wunsch abgebrochen werden. Die erste Herzogsburg in unserer Landschaft, nämlich die auf dem Hohentwiel, entstand um das Jahr 1000. Erst nach dem Anfang des 11. Jahrhunderts ging das Burgbau-Regal auf die Herzöge über, welche dieses Recht im Laufe der Jahre an ihre Grafen und Ministerialen weitergaben. Vor der Mitte des 11. Jahrhunderts saßen die führenden Adelsgeschlechter meistens in gesicherten Herrenhöfen, die in oder nahe bei den Dörfern standen. Nach diesem Zeitpunkt aber, besonders im 12. und 13. Jahrhundert, schossen die Adelsburgen, die jetzt auf den Höhen errichtet wurden, wie Pilze aus dem Boden; aber erst ab dem Ende des 11. Jahrhunderts wurde es Brauch, daß sich der Adel nach ihren Höhenburgen benannte.

Der Zug von der Ebene auf die Höhen läßt sich in vielen Fällen genau verfolgen. So nannte sich noch im Jahre 1112 ein Adlinger »Conradus de Geisingen«, und derselbe Conradus urkundet im Jahre 1138, also 26 Jahre später, als »Conradus von Wartenberg« 34). In einem weiteren Beispiel sehen wir, daß der im Jahre 1152 genannte »Bertholdus von Engen« im Jahre 1171 als »Bertholdus von Hewen« urkundete 35).

Karl Siegfried Bader hat die Geschichte der Warenburg ausführlich beleuchtet; er ist der Meinung, daß es sich bei dieser Burg um eine Zähringerfeste handelt, der die Aufgabe zufiel, das Brigachtal zu decken und die Rolle des Marktes zu überwachen. Bader bestätigt auch, daß im Zusammenhang mit dem Markt die Warenburg erbaut wurde 36).

Mit der Warenburg war eine eigene Herrschaft über das Brigachtal verbunden, die spätestens mit deren Erbauung zustandekam, wenn sie nicht schon früher bestand, denn Graf Hildibald treffen wir letztmals i. J. 1007 an. Die genannte Herrschaft umfaßte die Orte Rietheim, Marbach, Klengen, Überauchen, Beckhofen und Grünin-gen, war also ein Bestandteil der jüngeren Baar, welche vorher von Aasen aus verwaltet wurde, sowie umfangreichen Grundbesitz bei der Burg. Auch 1/3 des Kornzehnten zu Volkertsweiler und Sommertshausen gehörte lt. Zehntrodel vom J. 1441 zur Warenburg. Die Burg bildete demnach den Mittelpunkt einer alten Herrschaft im Brigachtal, zu der ursprünglich wohl auch das Dorf Villingen links der Brigach gehörte.

Beim Übergang der Stadt Villingen an das Haus Österreich war der größere Teil der Herrschaft Warenburg mit den vorher genannten Orten im Kaufvertrag mit eingeschlossen, während der kleinere Teil mit den hochrichterlichen Rechten den Fürstenbergern verblieb 37). Das Niedergericht verblieb aber bei der Herrschaft, auch als die Herrschaft von den Österreichern mehrmals verpfändet wurde und i. J. 1466 durch Kauf an die Stadt gelangte. Wie wir aus den Quellen ersehen, wurde noch im 16. Jahrh. zweimal im Jahre auf dem Warenberg im Namen des Hauses Österreich in Anwesenheit eines Obervogts und Gerichtsschreibers, eines Knechts und eines Pfarrers und einer Menge Volk Gericht gehalten. Nach altem Brauch wurde anschließend jedesmal von der Stadt zu Gast geladen, was der Stadt für Speis und Trank acht und mehr Gulden verursachte 38).

Roder beschreibt die Warenburg wie folgt: »Eine Viertelstunde südlich von Villingen, wo sich der Höhenzug des Warenbergs (50 m) östlich gegen das Brigachtal sanft absenkt, bemerkt man einen durchschnittlich 2,5 m hohen gegen Westen in die natürliche Bodenerhebung übergehenden Erdwall, an welchen sich nach innen ein jetzt noch teilweiser 5 m tiefer, 30-40 Schritt breiter Graben anschließt. Die Grundform bildet ein Quadrat von je 110 Schritt Länge der Seiten. Der davon ausgehende Raum ist (i. J. 1890) ein mit 50 jährigem Tannenbestand bewachsenes Trümmerfeld von Bausteinen und Ziegeln, aus welchen am südlichen Ende ein 5 m hoher, ebenfalls überwachsener Hügel hervorragt. Dieser aus Gemäuer mit Mörtelverbindung bestehend, läßt sich deutlich als der Überrest eines Geviertturmes von je 7 m Breite erkennen. Das ganze nennt man Warenburg 39)«.

Man nimmt an, daß die Stadt die Burg nach dem Kauf der Herrschaft verfallen ließ, nachdem ihr sowieso alle in ihrer nächsten Umgebung liegenden befestigten Sitze ein Dorn im Auge waren, denn der Rat berichtet i. J. 1556, daß die Burg nur noch ein alter Burgstall ohne Dach und einem Haufen Steine sei 40).

Im Jahre 1556 gingen die zur Burg gehörigen Güter mit dem Laible in den Besitz der Spitalverwaltung über, welche anstelle des alten Meierhofes i. J. 1567 einen neuen aus Stein erbaute, welcher aber im 30jährigen Krieg ( 6. 1. 1633), als sich General Horn der Stadt näherte, auf Anordnung von Oberst Äscher, um dem Feind keinen Unterschlupf zu bieten, von der einheimischen Besatzung in Brand gesteckt wurde.

Der über dem Eingang jenes Meierhofes angebrachte Schlußstein mit Wappen wurde später über der Eingangstüre zur Gaststätte Ott in der Färberstraße eingesetzt, wo er sich heute noch befindet 41).

Der Markt und die neue Stadt

Nach Erbauung der Stadt wurde auch der Markt in diese verlegt; der Markt erhielt ein neues Recht, welches sich wohl aus dem besonderen Recht der freien Kaufleute, das sich im Laufe der Zeit auf die übrigen Bewohner ausdehnte, entwickelt hat.

Auch die alte Siedlung Villingen mitsamt der Kirche, welche noch jahrhundertelang die Pfarrkirche für die neue Stadt blieb, wurde aus der Herrschaft Warenburg ausgeklammert.

Die gräflichen oder herzoglichen Beamten, die auf der Warenburg den Markt kontrollierten, sind ebenfalls in die Stadt gezogen und haben dort ihres Amtes gewaltet. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß diese Herren die ersten Schultheißen der Stadt wurden, denn der Schultheiß stand ursprünglich im Dienste des Grundherren, und erst viel später wurde derselbe von den Bürgern und vom Rat gewählt. Vielleicht haben diese ersten Schultheißen die Wohntürme bewohnt, von denen einige in der Stadt standen, denn nur hochgestellte Leute bzw. solche vom Adel hatten das Recht, solche Wohntürme zu erstellen. Wahrscheinlich bildeten diese Türme den Abschluß der ersten Stadtbefestigung, denn die heutigen Tortürme sind frühestens zur Stauferzeit entstanden.

Die Namen der ersten Schultheißen Villingens sind uns nicht überliefert; interessant ist aber, daß ein großes Gewann direkt unter dem Warenberg sich Stähelinshalde nennt 42). Die Stähelins, die auch in Stockburg saßen, spielten im 13. und 14. Jahrh. in Villingen noch eine große Rolle. Wahrscheinlich war der 1223 genannte Schultheiß »Cunradus« ein Stähelin. Im Jahre 1236 finden wir einen Stähelin als Zeuge bei einer Schenkung der Gräfin Adelheid von Fürstenberg an die geistlichen Schwestern in Villingen 43), und im Jahre 1265 44) und oftmals darnach sind die Stähelins als Schultheißen und Bürgermeister von Villingen vermerkt.

Die Anlage der Stadt

Der Villinger Stadtarchivar Dr. Fuchs hat als erster nachgewiesen, daß die Stadt Villingen nicht in einem Zuge, sondern in zwei Etappen erbaut worden ist, wobei die nördliche Hälfte der ältere Stadtteil ist 43). Es wundert mich, daß diese Feststellung nicht mehr Aufsehen erregt hat, galt es doch bisher als feststehend, daß alle, auch die ersten Zähringerstädte, nach einem festen Plan — Rondel mit vier in der Mitte sich kreuzenden Hauptstraßen — erbaut worden sind.

Man bringt zwar das älteste Villinger Stadtwappen mit dem österreichischen Bindeschild in Beziehung, aber können wir in diesem Wappen nicht auch die Abbildung des ältesten Stadtbildes sehen und damit eine Bestätigung für die Feststellung von Dr. Fuchs finden? Dieses Wappen wird zwar oft umgedreht gezeigt, aber richtig dürfte wohl das blaue Feld mit dem weißen Balken, die nördliche Hälfte darstellend, und der weiße Balken als Hauptstraße die beiden Blöcke trennen, während das weiße Feld der linken Wappenseite die südliche noch unbebaute Hälfte zeigen würde. Andere Zähringerstädte, wie z. B. Freiburg i. Br., führen das Zähringerkreuz, vier sich kreuzende Hauptstraßen, in ihrem Wappen.

Im ältesten Stadtteil Villingens finden wir Häuserblocks mit sehr großen Innenhöfen. Hier haben sich die Kaufleute und die Gewerbetreibenden angesiedelt. Es ist sehr gut möglich, daß bei der Stadtgründung die Handwerker der Umgebung in die Stadt hereingeholt wurden, wie es nachweislich die Fürstenberger später im Falle der Konkurrenzgründung Vöhrenbachs zwangsweise getan haben. Alle wichtigen Gebäude standen in der alten, der nördlichen Stadthälfte. Der Platz für die Kirche wurde dort ausgespart, das Rathaus steht dort und ebenfalls die Rabenscheuer, das älteste Haus Villingens. Vielleicht war jenes das gemeinsame Haus der Kaufleute, ihr erster Warenspeicher.

Erst in der zweiten Hälfte des Ausbaues, beim Bau der südlichen Stadthälfte, haben die Bauern, wenigstens der größere Teil von ihnen, ihre bisherigen Höfe außerhalb der Stadt aufgegeben und haben sich in dieser angesiedelt. Ihretwegen wurde der bisherige Bauplan etwas verändert und die Hauptstraßen rückseitig mit Versorgungsgassen versehen, um Ställe und Scheunen für das Vieh anzulegen.

Aufgrund dieser Sachlage kann man mit Sicherheit sagen, daß sich in Villingen das Zähringerkreuz entwickelt hat, das von den nachfolgenden Zähringerstädten nachgeahmt wurde. Das sehe ich als einen Beweis dafür an, daß Villingen die erste Zähringerstadt ist.

Die Freiburger glauben zwar immer, daß Freiburg älter als Villingen sein muß, weil der Rechtszug von Freiburg nach Villingen gelaufen ist 45). Freiburg hat zwar das ältere bekannte Stadtrecht, aber es ist sehr gut möglich, daß sich Villingen, nachdem Freiburg die Metropole der Zähringer wurde, sich dessen Stadtrecht im Laufe der Zeit anpassen mußte. Dr. Fuchs weist auch mit Recht auf die selbständigen Rechtsbestimmungen im Stadtrecht von 1371 hin 47). Welche Stadt nun zuerst vollendet war, mag dahingestellt bleiben, aber jedenfalls wurde mit der Erbauung Villingens früher begonnen. Man muß immer die Tatsache berücksichtigen, daß für Villingen der Markt den Ausgangspunkt zur Stadtgründung bildete, für Freiburg aber umgekehrt die Stadt für den Markt. Freuen würde ich mich, wenn mein bescheidener Beitrag zu weiteren fruchtbaren Diskussionen anregen und sich auch die Forschung noch mehr mit diesem Zeitabschnitt Villingens befassen würde, um die noch im Dunkel liegende Zeit unserer Stadtgeschichte etwas aufzuhellen. Einen Wunsch möchte ich noch zum Schluß äußern! Die Reste der Ruine Warenburg sind die ältesten Zeugen aus der Zeit der Stadtgründung, und sie und ihre allernächste Umgebung befinden sich in einem verwahrlosten Zustand. Ich weiß, daß unsere Stadt und die Denkmalspflege z. Z. kaum Mittel zur Verbesserung dieses Zustandes bereitstellen kann; aber wäre nicht ein Weg zu finden, um auf freiwilliger Grundlage mit wenig Mitteln die Grundmauern freizulegen und zu konservieren, wobei natürlich die Sicherstellung jedes kleinsten Bodenfundes, der weitere Aufschlüsse bringen kann, gewährleistet sein muß. Alsdann sollte die Forstverwaltung einen Weg um die Ruine anlegen und einige Ruhebänke aufstellen. Der Gang dort hinauf würde sich dann noch mehr lohnen, denn wir hätten dann zwei große Zeugen unserer Geschichte, den Magdalenenberg und die Ruine der Warenburg, in ordentlichem Zustand nahe beisammen, und mancher würde noch mehr zum Nachdenken über die Geschichte unserer Heimat angeregt werden.

Literatur und Anmerkungen

1) F. L. Baumann, Gaugrafschaften im württb. Schwaben (1879).

2) Hubert Ganter, Bezelin von Villingen (1891) S. 13 ff.

3) K. S. Bader, Kürnburg, Zindelstein u. Warenburg, in: Schauinsland Heft 64/1937 S. 115.

4) K. List, Stifter des Klosters Sulzburg i. Breisgau, in: Schauinsland Heft 84/85 (1966/67) S. 268.

5) E. Heyck, Die Herzöge von Zähringen ( 1891 ) S. 7.

6) L. Ranke, Jahrb. d. Deutschen Reiches unter dem sächsischen Hause ( 1840 ) Bd. 2 S. 99. R. Holtzmann, Gesch. der sächsischen Kaiserzeit 9001024 ( 1955 ) S. 345.

7) Mathilde Uhlirz, Jahrb. d. Deutschen Reiches unter Otto II. u. Otto III. (1954) Bd. 2 S. 259.

8) Heyck, a. a. 0. Anmerkungen S. 7 f.

9) Uhlirz, a. a. 0. S. 299.

10) C. A. B. Fickler, Quellen und Forschungen zur Gesch. Schwabens u. Ostschweiz ( 1849 ) S. CI.

11) List, a. a. 0. S. 274.

12) Heyck, a. a. 0. S. 6 ff.

13) E. Krüger, Zur Herkunft der Zähringer, in: ZGO Bd. 45 ( 1891 ) S. 571.

14) ebd. S. 572

15) Fickler, a. a. 0. S. CVI.

16) List, a. a. 0. S. 271 ff.

17) Heyck, a. a. 0. S. 14 f.

18) A. Schulte, Gesch. d. mittelalterl. Handels u. Verkehrs zwischen Westdeutschland u. Italien ( 1900 ) Bd. 1, S. 69.

19) E. Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes (1892), S. 64.

20) Schulte, a. a. 0. S. 75.

21) Gothein, a. a. 0. S. 64

22) H. Planitz, Die Deutsche Stadt im Mittelalter (1954 ) S. 57.

23) F. Rößler, Sachwörterbuch zur Deutschen Geschichte (1958), S. 1223.

24) Berta Borchert, Untersuchungen zur Gesch. d. Marktwesens im Bodenseeraum ( 1956 ), in: ZGO Bd. 104 S. 318.

25) 0. Feger, Auf dem Weg vom Markt zur Stadt (1958 ), in: ZGO Bd. 106 S. 2.

26) Borchert, a. a. 0. S. 138

27) E. Hamm, Städtegründungen d. Herzöge v. Zähringen in Südwestdeutschland ( 1932 ) Veröff. des Alem. Inst., Freiburg, Bd. 1, S. 95.

28) P. Revellio, Beiträge z. Gesch. d. Stadt Villingen (1964).

29) Der genannte Erzkanzler (Erzbischof) Willigis hatte sich mit dem Kaiser entzweit und deshalb nicht an diesem Romzug teilgenommen.

30) Ich halte es für durchaus möglich, daß dieser Sitz schon vorher als Mittelpunkt der Siedlung auf dem Stalberg stand, denn die Mauerreste, die noch nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Stalberg anzutreffen waren, können diese Vermutung nur bestätigen. Dem Stalberg wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Schleicher leitet den Namen Stalberg in seiner i. J. 1872 erschienenen Schrift: »Villingen unter den Grafen von Fürstenberg« von dem Wort »Burgstalberg« ab, wobei er annimmt, daß sich der Name im Laufe der Zeit abgeschliffen hat und die Anfangssilbe Burg verschwunden ist. Er schreibt aber auch, daß zu jener Zeit auf dem Stalberg noch die Grundmauern umfangreicher Gebäulichkeiten anzutreffen waren, die, wie er meint, mit denen des Schlößlebühl und Rundstal in Beziehung stehen. Jene Grundmauern auf dem Stalberg sind inzwischen verschwunden, und auch den genauen Platz konnte ich mangels weiterer Anhaltspunkte nicht mehr ausmachen.

In einem Güterrodel vom Jahre 1506 wird ein Feldstück »stalberg gen der stainmur« genannt. Ich bezweifle aber, ob sich dasselbe auf die von Schleicher erwähnten Gundmauern bezieht, denn links vom Zollhäusleweg, gegenüber dem Pfarrwald, gibt es ein Gewann, das »Steinmaurle« genannt wird.

Maier schreibt in seinem Flurnamenbuch, daß der Name Stallberg auf eine frühere Bebauung in irgend einer Form hinweist. Ob es römische Bauten waren, oder etwa nur ein Stall zum Unterstellen von Weidevieh oben stand, meint er, ließe sich durch Nachgrabungen feststellen, glaubt aber eher, daß wahrscheinlich das erstere der Fall ist, weil schon 1506 nur noch formlose Steintrümmer vorhanden waren, an welche sich keine Erinnerung mehr an den früheren Zustand knüpften. Früher hat man gerne Mauerreste, die man nicht zu deuten wußte, den Römern zugeschrieben, und es ist auch gar nicht ausgeschlossen, daß die Römer zur Sicherung jenes Straßenstücks, das nur ca. 1-1,5 km östlich vom Stalberg vorbeiführte, an diesem zweifellos strategisch wichtigen Punkt einen Sicherungsposten hatten, der aber nicht die Ursache zu ausgedehnten Gebäulich-keiten sein konnte. Auch im Ortsteil Bühlingen der Stadt Rottweil gibt es einen »Stahlberg«, und Dr. Hecht vermutet, daß auch hier ein Gebäude stand, nachdem nebenan die Römerstraße vorbeiführte.

Es erhebt sich nun zwangsläufig die Frage, was mit den lt. Schleicher noch vorhandenen Grundmauern geschehen ist. Heute finden wir beim Stalberg viele kleinere aufgegebene Steinbrüche, und es wäre möglich, daß nachdem man die Grundmauern abgetragen hatte, an jener Stelle weiterhin Steine gebrochen wurden für die Erstellung naheliegender Gebäude, wie z. B. dem »Ho-henstein« und dessen Bierkeller.

31) Ganter, a. a. 0. S. 36.

32) K. S. Bader, a. a. 0. S. 115 f.

33) H. M. Maurer, Die Entstehung der mittelalterlichen Adelsburg in Südwestdeutschland ( 1969 ), in: ZGO Bd. 117, S. 296.

34) F. L. Baumann, Die Freiherren v. Wartenberg ( 1877) in: FDA, Bd. 11. S. 149.

35) Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch ( 1905 ), Bd. 2, S. 59.

36) Bader, a. a. 0. S. 116.

37) Stadtarchiv Villingen, Urkunde H 25 ( Inventar Bd. 1, Nr. 505, S. 104).

38) Schleicher, a. a. 0. S. 4.

39) F. X. Kraus Kunstdenkmäler (1890) Bd. 2, S. 15.

40) Stadtarchiv Villingen, Urkunde H. 37 ( Inventar Bd. 2 Nr. 2969 S. 140 ).

41) Schleicher, a. a. 0. S. 6.

42) Stadtarchiv Villingen, Urkunde E 53 ( Inventar Bd. 2 Nr. 2443 S. 75 ).

43) Fürstenbg. Urk. Buch, Bd. 1, Nr. 390, S. 171.

44) Codex Dipl. Salemitanus ( 1883 ) Bd. 1 S. 462.

45) J. Fuchs, Die Stadt Villingen im 12. und 13. Jahrh. ( 1972 ), in: Villingen und die Westbaar, Veröff. des Aleman. Inst., Freiburg, Bd. 32, S. 92 f.

46) F. Beyerle, Untersuchungen zur Gesch, des älteren Stadtrechts von Freiburg i. Br. und Villingen ( 1910 ), S. 5.

47) J. Fuchs, a. a. 0. S. 90 f.

 

 

Wilhelm Dürr (Dr. J. Fuchs)

Wilhelm Dürr, am 10. Mai 1815 als Sohn des Chorregenten Fidelis Dürr und der Elisabeth Dürr geb. Holl ( geb. 1784) in Villingen geboren, war ein Kind seiner Vaterstadt, das sich von den vielfältigen Strömungen des 19. Jahrhunderts nur in seinen ihm angemessenen Ideen prägen ließ. Die am Anfang des Jahrhunderts sich ausbreitenden liberalen Bestrebungen, gegen die beiden letzten großen Vertreter des Absolutismus, Josef II. und Napoleon, gerichtet, hatten sich bald unter dem Einfluß der Philosophie und Literatur zusammen mit den übrigen geistigen Kräften der Zeit zum Nationalismus der Romantik gewendet. Von der romantischen Wurzel waren jene Männer, welche sich von der preußischen Staatsphilosophie Hegels von der Allmacht des Staates abgewendet hatten — manche wie Nietzsche bis zur »Macht der Negation« sich treiben lassend — jener Haltung zugestrebt, die so beredt aus den bärtig-honorigen Gestalten jener Zeit wie z. B. aus dem Ölbild von Dürrs »Künstler in der Karlsruher Künstler-Galerie« zu uns sprechen.

Die schwer entwirrbaren Strömungen des 19. Jahrhunderts, die ebenso in der Kunst hervortraten, formten auch den Mann, dessen Großvater angesehener Bäckermeister und Landwirt war, dessen Vater Musik studiert, Messen und Kirchenlieder komponiert und die städtische Musik in Villingen geleitet hatte und der vom väterlichen Haus in der Schulgasse aus das von Benediktinern als Weltpriester geleitete Gymnasium besucht hatte. In der Schulgasse konnte Wilhelm Dürr die damals reiche Sammlung an Kunstschätzen aus dem säkularisierten Benediktinerkloster bewundern, die sein Vater gesammelt hatte. »Außer dieser Sammlung«, sagt Prof. Dieffenbacher 1915 von Dürr, »mögen auch die reichen Kunstschätze seiner Vaterstadt Villingen auf Wilhelm gewirkt haben«.

Schon sehr früh, 15-jährig, kam Wilhelm Dürr durch den mit der Familie Dold in Villingen verwandten k. k. Regierungsarzt, Dr. Andreas Handtmann, nach Wien. Auf Dr. Handtmann beziehen sich wohl jene Worte in dem, den jungen Wilhelm so kennzeichnenden Brief aus Wien vom 28. 12. 1939, der weiter unten zitiert ist. Manche Kunstströmungen, vor allem klassizistische, dann das in Rom durchbrechende Genre, wirkten auf ihn, u. a. durch Moritz von Schwindt, besonders mit seinen 1827 veröffentlichten »Kinderbelustigungen«. Abhängig war Dürr jedoch zeitlebens von den großen Wiener Genre-Malern der Romantik, Josef Danhauser, Matthias Ranftl, Peter Fendi und Franz Eibl. Sie haben das Alt-Wiener Sittenbild geschaffen, dessen Charakterzug es ist, das epische Element hervorzuheben, eine lehrreiche oder heitere Geschichte zu geben. Die äußerst saubere, mikroskopisch zeichnende und bis in endlose Feinheiten hinein lasierende Manier hat Dürr von den genannten Wiener Romantikern gelernt, und er bleibt zeitlebens von ihnen abhängig. Mit besonderer Meisterschaft beherrscht Dürr schon früh die Technik der Um-rißzeichnung.

Der Zeitpunkt der Hinwendung Dürrs zur christlichen Historienmalerei ist nicht genau bekannt: er scheint in Wien besonders unter dem Einfluß Leopold Kupelwiesers, dem er auch als Portraitist viel zu verdanken hat, den »Nazarenern« sich zugewandt zu haben. 1837 hat Dürr seine Akademiestudien unterbrochen und von Villingen aus über Wien die Romreise angetreten. Vom 28. 12. 1839 stammt jener bereits erwähnte, ihn kennzeichnende Brief, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wien den 28ten Dezembr. 39. Lieber Vater!

Am hl. Abend bin ich hier angekommen, und wurde wieder wie das Kind, das lange in der Fremde war, aufgenommen. Herr Doktor wie auch die Bürgerl fand ich ganz wohl und munter. Meine Reise hieher ist ganz glücklich und mit viel humoristischer Würze abgelaufen, es war eine ächte Künstlerreise, gemüthlich und launig, nichts desto weniger, spielte mein Geldbeutel, trotz aller Sparsamkeit eine etwas tragische Rolle, denn viele Gast-wirthe stehen zuweilen in magnetischem Raporte mit diesen nach und nach immer leerer werdenden Körpern. Dieses Schicksal erlitt mein kleiner lederner Geldbeutel, dem großen der im Koffer war, mußte ich nur einmal ins Eingeweide langen um 12 Kronnen herauszunehmen die mich von München bis Wien aushielten. Wien fand ich wieder am alten Platz, und, sonderbar, ich bin hier wieder so zu Hause, als wäre ich blos von einer Vacanzreise zurückgekehrt, es gefällt mir wieder ganz gut hier, und bin auch bereits schon wieder völlig eingewienert. Ich besuchte schon größtenteils meine Bekannten wieder, die sich sehr über meine Wenigkeit erfreuten. Gestern lieber Vater genoß ich einen herrlichen Ohrenschmauß. Ich war in Mozarts Figaro. o hät ich Euch nur auf einige Stunden herzaubern können! ich war ein volliger Narr, das war non plus ultra. In München kann man die Kunst sehen, in Wien hört man sie. Robert der Teufel hörte ich in München äusserst brillant vorgetragen aber das Orchester steht dem Wiener, weit nach, gerade wie Majerbeer, dem unsterblichen Mozart. Könte man Wien und München in Eines zusammenschmelzen, es wäre ein wahres Elisium.

Doch auf dieser Erde ist nichts vollkommen, sonst hätte ich mir heut früh mein Hühneraug nicht operieren dürfen. Den Pater Veith hörte ich heute wieder zum ersten male predigen, es war wahrer Balsam für mein Herz, daß unsere Villinger-Redner bisher nur mit lauem Wasser, und faulen Eyern anfüllten. Den jungen Akermann verließ ich wohl, in München, er gefällt sich wie mir scheint recht gut dort, er ist in einem guten Hause wo man auf ihn acht gibt. Ich vergaß mein akademisches Zeugniß das geschriebene mitzunehmen seyd so gut lieber Vater und schickt es mir und zugleich das Maaß von einem neu badischen Schuh, was ja der Schreiner aufs Papier zeichnen kann, es ist mir wegen der Größe der Leinwand zum Altarblatt. Wer hätte auch bey jenem heroischen Einpacken auf alles dieses denken können. Gerne wünschte ich auch meine Lieder zu haben die mir schon oft so viel Freude machten, und die drey gemalten Skizzen vergaß ich auch, sie sind in dem grün ledernen Portefeulle vom Hr. Onkel seelig. Aber das Ding alles zusammen würde zu schwer werden, und den Transport zu sehr erhöhen. Wir haben hier wahres Frühlingswetter. Aber in Jtalien sollen Ueberschwemmungen große Verhörungen angerichtet haben, so daß Reisende in ihrem Fortgange gehemmt wurden, und genöthigt waren umzukehren. Aber ich hoffe bis ich von hier abreise was in 2 Monaten erst geschehen wird, sollen diese Gefahren, und Hindernisse wieder gehoben sein. Gestern war ich bey meinem lieben Lehrer Cupelwieser, der eine kindische Freude über meine Ankunft hatte, er endet gegenwärtig ein 22 Fuß hohes altarbild in die hie ßige Domini-kanerkirche. Mein Seesturm will ich zuvor frisch übermalen und ihn damit überraschen. Herr Doktor und die Burgerl grüßen Euch alle herzlich, und Burgerl wird den ihrigen nächstens schreiben. Lebet wohl lieber Vater, schreibet mir recht bald. Gott sey mit Euch und mit mir.

Euch alle herzlich grüßend

bin ich stets Euer dankbarer

froher Wilhelm.

N. B.

Jhr möget so gut sein und die Max fragen, wieviel Geld die Burgerl der Obermajerinn geben soll? und es beym Retourschreiben hier anmerken.

Der eben zitierte Brief gibt einen tiefen Einblick in den Charakter des »dankbaren« und »frohen« Sohnes, man darf sagen, in den ganzen Wilhelm Dürr, den »frommen« und den »heiteren«.

Dürr hat sich von 1837 bis 1839 mindestens zeitweise in Villingen aufgehalten, und in dieser Zeit schuf er, 24-jährig, das liebevolle Bildnis seiner Mutter.

Geht man in der Frage nach der Entwicklung des für die Neuzeit so bedeutenden 19. Jahrhunderts eine Schicht tiefer, so darf man feststellen, daß die Verwurzelung dieses Mannes den Versuchungen kultureller und künstlerischer Strömungen standgehalten hat, wie sie in seiner Jugend mit den Nazarenern auf ihn eindrangen. Nur wenige Skizzen und Zeichnungen verraten diese verbreitete Strömung, in die Dürr in seiner römischen Zeit geraten war. Gerade in diesen Jahren lassen sich deutliche Schöpfungen starken Humors in karikaturistischen Formen, aber auch in sehr ernsthaften Werken zeigen, wie Dürrs starke Persönlichkeit in ihre Empfindungstiefe die manchmal oberflächlichen und süßlichen Formen überwand.

Wenn in der Zeit der Mondlandung auch einmal der Gedanke ausgesprochen wurde, wir sollten froh sein, daß wir nicht im Zeitalter der Romantik leben würden, weil sonst der Überschwang der Gefühle und das Sich-Überschlagen der hochgesteigerten Publizität nicht mehr erträglich wäre, so muß man sich fragen, ob jene Meinung unseren Vorfahren des vergangenen Jahrhunderts gerecht wird, oder ob es nur die Pseudohaltung des Wilhelminischen Zeitalters betreffen kann. Angesichts der Leistung eines Mannes wie Dürr, als Gesamtpersönlichkeit weit über einer schematischen Betrachtung stehend, darf man betonen, wie notwendig es ist, sich mit Persönlichkeit und Werk über die festgelegten Begriffe der Geschichte hinaus zu bemühen.

Aus diesen Überlegungen heraus wagen wir es wieder, diesen in seiner ganzen Persönlichkeit deutlich hervortretenden Sohn unserer Stadt vor Ihr Auge zu stellen. Letzteres darf hier deshalb betont werden, weil die Kunst in Villingen immer in jedem Jahrhundert ihres Bestehens eine starke Pflege gefunden hat. Allerdings konnten in den übrigen vorangehenden Jahrhunderten die Villinger Künstler mehr ihrer Stadt dienen, als Wilhelm Dürr, der notgedrungen an Orten mit weiterreichender Kultur-Wirkung, Weiterbildung und Brot suchen mußte. Ob man, um einzelne Maler zu nennen, an Balthasar Gödescher, 1462 geboren, von dessen Werk nur noch einige Teile in der Franziskanerkapelle vorhanden sind, denkt, oder an Anton Bein um 1570, von dessen Werken viele noch vorhanden sind, und der eine der frühesten Karten, dessen Original von 1607 in Innsbruck ist, für den Pürschgerichtsbezirk gezeichnet hat, oder ob man die Malersippe Schilling der Barockzeit hervorhebt, von denen viele Werke ebenfalls in Villingen und Umgebung erhalten sind; von Johann Sebastian Schilling konnte das Museum (jetzt) ein ausgezeichnetes Portrait erwerben.

 

 

Auf dem Bild der Familie Blessing in Villingen/Schw. sehen wir von links nach rechts: Johann Baptist Blessing, Bauer und Säger, 1770-1853 — Großvater —. Wolfgang Blessing Orchestrionhersteller, 1842-1925 — Kind —. Maria Blessing geb. Wolpert, 1818-1893 — Mutter —. Maria Agathe Coelestine Blessing geb. Glückheler, 1769-1845 — Großmutter —. Wolfgang Blessing, Bauer und Säger, — 1812-1873 — Vater —. Nachdruck mit ausdrücklicher Erlaubnis des Gemälde-Eigentümers.

 

»Das Bild, von dem nachmaligen großherzoglich-badischen Hofmaler Wilhelm Dürr, einem Sohn Villingens, gemalt, vermittelt einen Einblick in die Weihnachtszeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch fehlt der heute über allem dominierende Christbaum. Lediglich ein kleiner Zweig mit Äpfeln, Nüssen und Backwerk behangen, zeigt den Übergang zu dem aus dem Norden stammenden Christbaum. Die wenigen, ja bescheidenen Spielsachen, wie Nußknacker und Spielklötzchen, versinnbildlichen, daß Weihnachten bereits zu einem weltlichen Fest des Schenkens und damit des Freudebereitens geworden ist. Was wäre Weihnachten ohne die festlichen Schalmeienklänge des 18. und 19. Jahrhunderts in unserem alemannischen Bereich. Deshalb war es üblich, daß zumindest einer aus der Familie an Weihnachten zum Musikinstrument griff. Der Kleine kann es kaum erwarten, seinem im Alter erblindeten Großvater nachzuahmen. Er greift buchstäblich nach dem Instrument. Aber auch die Mutter erfreut sich an der einfachen Hausmusik. Im Hintergrund kommt der Vater gerade von der Stallarbeit, um im Kreise seiner Lieben Weihnachten zu feiern. Der Hofhund, vermutlich vorausgeeilt, darf natürlich nicht fehlen. Damit aber ob allem gerade die in bäuerlichen Kreisen hochgeachtete Ordnung gewahrt bleibt, hält die Großmutter die Zuchtrute in der Hand.«    Beitrag von Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, Villingen.

Im Herbst 1840 war Wilhelm Dürr nach Rom gekommen, das er Ende Mai 1842 wegen Wechselfiebers verlassen mußte. Seine »Rückkehr aus Italien«, 1842, ist im Besitz unserer Sammlung. Eltern und Geschwister, die Mutter in der hohen Villinger Haube, stellt er uns selbst vor.

Ein Jahr nach seiner Rückkehr malte Dürr das anmutige Bild seiner Jugendfreundin Mina Petzold. Das Bild hat Dürr für ein Altarbildnis verwendet, was er oft tat. Daraus erklärt sich auch die raffaeleske Haltung.

1844 heiratet Dürr Berta Gruny, die Tochter des Amts-Chirurgs Ferdinand Gruny und der Annemarie Gruny, die bereits verstorben waren, aus St. Blasien. Am 11. 11. 1844 fand die Trauung im Villinger Münster statt.

Das erste sichere Datum seiner neuen Wohnstätte in Freiburg ist 1847 (bis 1887 ). Bis dahin wohnte das junge Paar im 2. Stock des elterlichen Hauses in Villingen. Ein Jahr vor der 48er Revolution gründete Dürr in Freiburg die »Ponte-Molle-Gesellschaft«, dem Jahr also, in dem die deutschen Künstler in Rom sich kaum mehr auf die Straßen wagen konnten, von dem früheren tollen Treiben des Ponte Molle in Rom nichts mehr blieb. —Schon 1850 gehörte Dürr dem Kunstvereinsausschuß in Freiburg an. Zuvor, 1848, fand im Freiburger städtischen Kaufhaussaal eine Ausstellung des Kunstvereins für das Großherzogtum Baden statt, bei der Dürr mit 5 Portraits und einem Genrebild »Das Ständchen« vertreten war.

Im Jahre 1851 erhielt Dürr auf Veranlassung des Stadtrats Pyhrr den Auftrag, die Bilder an den beiden Stadttoren in Freiburg, wahrscheinlich nach alter Vorlage, wieder zu malen, was er zur großen Zufriedenheit ausführte. 1902 wurde das Martinstorbild durch Maler Fay aus Köln erneuert und eben bei der Renovierung des Turmes mit Kalk überstrichen.

Dieffenbacher schreibt auf Seite 14 seiner Abhandlung: »Ein Jahr darauf schuf Dürr ein Turmgemälde für seine Vaterstadt. Ein Bild des Riesen Romeias war früher auf der äußeren Stadtmauer beim Obertorturm angebracht. Als dann in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diese niedergelegt wurde, wäre die Erinnerung an das alte Bild verloren gegangen, wenn nicht ein Zeichenschüler, Nepomuk Oberle, eine Kohlezeichnung davon an die Gartenmauer seiner Wohnung gemacht hätte. Der frühere Archivar und Gewerbeschulhauptlehrer J. W. Schleicher veranlaßte die Wiederherstellung des Ro-meias. Das am St. Michaelsturm befindliche Gemälde wurde nach einer Aquarellskizze Dürrs ausgeführt; es stellt einen riesigen Landsknecht mit einer Hellebarde in der Rechten dar, der mit seiner Linken einen ausgehängten Torflügel hält. Das Bild wurde 1891 erneuert, ist aber heute in einem ähnlich schlechten Zustande bzw. zerstört wie das Martinstorbild«. (Dieser Hinweis möchte ein Beitrag zur heutigen Diskussion um dieses Bild am Romäusturm sein.)

Mit der Ernennung Dürrs zum »Badischen Hofmaler« 1852 durch den jungen, 26-jährigen Großherzog, seine Förderung durch Johann Wilhelm Schirmer ( aus Düsseldorf) und den wie Dürr katholischen Architekturmaler Adolf von Bayer, welcher ihm zahlreiche Altar-bildaufträge verschaffte, war das Fundament für die gute wirtschaftliche Situation Dürrs gelegt. 1855 erhielt Dürr den Auftrag, für die Freiburger Ludwigskirche eine »Christi Himmelfahrt« zu malen. 1857 trat er durch zwei Beiträge zum »Friedrich-Luisen-Album« besonders hervor. 1873 finden wir Dürr als Mitbegründer des »Schauinslandvereins«, ein Organ, in dem Dürr u. a. am damaligen Kulturkampf teilnahm.

Wie wir sahen, hat Dürr schon mit 24 Jahren das starke Mutterbildnis geschaffen, das über seiner liebevollen Behandlung die ungemein scharfe Charakterisierungsfähigkeit so früh hervortreten läßt. Weit mehr tritt das psychologische Verständnis und die Einfühlung in den Charakter des Darzustellenden in den Skizzenbüchern zutage, besonders, wenn er die zahlreichen Maler- und andere Freunde zeichnete. Man spürt deutlich in der Nähe des Umgangs die Strahlkraft der Charaktere in seiner Darstellung, die oftmals an der äußersten Grenze zur Karikatur hin erst Halt macht, obwohl er immer genau die Linie zwischen beiden Stilarten zu wahren weiß. Seine sorgfältige, glatte Malweise hat er im Wien der Fügerzeit bei den beiden Lampi, die durch ihre Bilder ungeheueres Aufsehen erregt hatten, gelernt und vom vielbeschäftigten Portraitmaler der Biedermeierzeit Johann Ender oder dem Fügerschüler Michael Daffinger auf dem Gebiet der Miniaturmalerei beachtliches geleistet hat. Auf den Dürr’schen Portraits ruht ein Sonnenstrahl aus der Wiener Bildniskunst, wie sich Dieffenbacher in etwa ausdrückt, welche einem stark ausgeprägten koloristischen Sinn das äußerst peinlich und liebevoll ausgeführte Detail, man beachte die gemalten Spitzen, hinzufügt. Leider konnte die Feinheit der Beobachtung und die Treffsicherheit der Wiedergabe des Geschauten im Kostümdetail nicht häufig wiedergegeben werden, da die während der wichtigsten Jahre seines Schaffens im Land — wir wissen es von Villingen, von dem Jahrzehnt nach der 48er Revolution — große Armut herrschte und meist nur Kopfbildnisse — und diese wiederum häufig in kleinem Format — bestellt wurden.

Ein kurzer Blick auf die Reihenfolge der von ihm gemalten Portraits zeigt, daß er dem Bildnis der Mutter und der Jugendfreundin noch ein weiteres bedeutendes, das des jugendlichen Alban Stolz, der damals seinen -»Kalender für Zeit und Ewigkeit« — Abführmittel gegen Todesangst — schrieb, hinzufügte. Dürr hat Al-lan Stolz in seinem Todesjahr noch einmal gemalt, allerdings nach einer Vorlage aus Stolz‘ mittleren Jahren. Im Villinger Jahr 1842 schuf Dürr das gelungene Bild des Gymnasiasten Thimotheus Merkel. In die frühere Freiburger Zeit gehören die Wappenbilder ( Bildhauer Knittel), das Ehepaar Stadler und Sporer und das wohl stärkste Bild Dürrs von 1851 des Geheimrats Dr. Josef Kern ( Karlsruhe, Privatbesitz ). Kern war wohl die bedeutendste Persönlichkeit im damaligen Freiburg. Er war schon im 85. Lebensjahr, als Dürr ihn malte. Die ganze Haltung, jeder Zug des energischen Gesichts verrät die einstige politische Bedeutung des bis ins hohe Greisenalter tätigen Mannes.

Die Reihe der im Skizzenbuch dargestellten Freunde Wilhelm Dürrs führt Friedrich Michael von Boeck an, und geht bis zu so kauzigen Gestalten wie die des Stadtpfarrers Oswald Bremeier. Ebenso wie männliche Portraits hat Dürr Frauenbildnisse zu gestalten gewußt. Gerade hier trat seine Begabung, Charaktere fein zu individualisieren, in Erscheinung. Leider sind die meisten Bildnisse in Privatbesitz, z. T. auch in Norddeutschland, so wir diese Begabungsseite Dürrs hier kaum kennen. Ähnlich verhält es sich mit den Kinder- und Jugendbildern. Einige Proben seiner Kinderdarstellungen finden sich auf Gruppenbildern, auch auf dem schönen Weihnachtsbild der Familie Blessing aus Villingen, oder auf dem kleinen, reizvollen Gemälde »Besuch von Künstlern in der Karlsruher Gemäldegalerie«, Augustiner-museum Freiburg. Es darf an dieser Stelle die Zwischenbemerkung erlaubt sein, daß ein Zweck dieser Vorstellung darin besteht, die Besitzer und auch die Händler von Dürr-Bildern und anderen Villinger Kunstwerken darauf hinzuweisen, daß Stadt und Museum Villingen am Kauf von lokalgebundenen Kunstwerken interessiert sind. Der Vollständigkeit halber soll nicht versäumt werden, auf die zahlreichen Puttendarstellungen hinzuweisen, besonders auf jenes Puttenfries, das früher in einer Nische seiner Freiburger Hauses war und später an den Gymnasialoberlehrer P. Schmitz in Köln ging. In den Bereich der Portraitdarstellungen wären auch am Rande die zahlreichen Landschafts- und Gesellschaftsdarstellungen, die bei Dürr vor allem in seinen Illustrationen zu Hebel’schen Gedichten nie ohne Menschen und Kinder denkbar sind, einzureihen, so in den Gedichten »Der Schmelzofen«, »Es leb der Markgraf und si Hus«, »Das Gedicht der Karfunkel«, dann in dem sehr bekannten »Zufriedenen Landmann« oder »Auf den Tod des Zechers«, die Dürr in den letzten Freiburger Jahren gemalt hat, ebenso wie seine Illustrationen zu dem Alban-Stolz-Kalender, die vor allem in den 70-er und 80-er Jahren geschaffen wurden. Im hohen Alter war Dürr noch täglich unermüdlich tätig, immer getreu seinem Grundsatz »nulla dies sine linea«, kein Tag ohne einen Strich, ohne ein Werk oder eine Skizze.

Es ist ebenso bekannt, daß er sich der Ausbildung seiner Kinder, vornehmlich der seines Sohnes Wilhelm, der den Vater in manchem künstlerisch erreichte, im Stilleben übertraf, gewidmet hat. In jenen Jahren hat er, wie bereits erwähnt, sich noch sehr stark mit der religiösen Malerei beschäftigt. Aus seinen wenigen Münchener Jahren, wo er 75-jährig starb, ist nicht sehr viel bekannt. Man kann lediglich feststellen, daß sehr vieles von seinem Werk in München geblieben war und sehr viele Stücke in den Besitz von Kunsthändlern gekommen sind. Auch heute noch darf man es als eine besondere Aufgabe ansehen, das Werk dieses Mannes und seiner beiden Kinder, von denen Marie Dürr, welche das starke Gemälde des Geheimrats Schaaf ( im Museum »Altes Rathaus Villingen« ) geschaffen hat, noch nicht erwähnt wurde, so weit wie möglich zu sammeln, zumindest aber ein Werkverzeichnis aufzustellen.

Die berechtigte Erwartung auf eine kunstgeschichtliche Analyse des Werkes Wilhelm Dürrs und seiner Zeit kann hier nicht erfüllt werden. Eine Überladung mit kultur- und kunstgeschichtlichen Fakten und Daten würde ein kleines Portrait von Persönlichkeit und Zeit wohl eher trüben, als den hier und heute beabsichtigten Gedanken Ihnen im kurzen vor Augen zu führen. Den ernsten und zugleich mit Witz und Humor begabten Wilhelm Dürr in seiner tiefreligiösen Art, von der uns viel überkommen ist, der die längste Schaffenszeit seines Lebens in Freiburg seßhaft war, in seinen Beziehungen weit über das Land hinaus darzustellen und diesem Mann mehr zu widmen, als nur den flüchtigen Gedanken einer halben Stunde, war diese Aufgabe. Dies nicht nur, weil er aus seiner Kunst uns ein weniges nachempfinden lassen kann, weil er seine Gedanken ins Bild bannen konnte, sondern auch, weil er, wenn auch nur nahe, an die ganz großen Persönlichkeiten herankommend, so doch Bleibendes vermitteln konnte.

 

Mundartgedichte (Hans Hauser)

Der Leviten dreizehnte Lesung

Los nu! Zersch traisch si uf de Händ

me mont, daß er eu fresse wend.

Zmols findsch du nint meh bsunders dra,

schwätzsch grad no klei weng a si na

und loosch si mootze, gottvesprich,

bisch do, do ’s gäng au uni dich.

Kunsch munnig i di Stubbe rii

und hängsch di Nas i d’Zittig nii,

es Brot isch läb, de Schunke z’räß,

de muulsch weg jedem Hafekäs,

si hät kon reachte Suntig meh,

du lisch dehom ufs Kannepee.

So ka e Wiib nit glückli sii

und kunt no doo en Nochber nii

und duet si klei weng ästemiere,

und kanere e weng flattiere

no hängt si sich a seller na

und du bisch selber schuldig dra.

 

 

Der Stammhalter

Wie hät mer umtuen Sorge ghet,

jetz liit er gsund im warme Bett

und gspürts im Schloof, vu jetzet ab

gilt nu no er und frait si drab.

Jetz bättet und gend zuenim acht

er isch e Stearnli i de Nacht,

amend vu ennedra en Bott.

Schloof, Büebli, waahs und helf der Gott.

De Herrgett woest scho wanner duet,

wa kunt du bisch i siiere Huet

und gohts au mengmol durenand

es feilt ihm koes us siire Hand.

 

Hans Brüstle – Ein Lebensweg (Hans Hauser)

Diese kurze, stichwortartige und dennoch, wie ich glaube, klare Aufzeichnung seines Lebensweges ist sicher ganz in seinem Sinne. Er würde sie billigen, eher noch einiges streichen. Ich hoffe, daß ich so seinem Wesen gerecht werde.

Hans Brüstle ist nun ein Jahr tot, aber er ist nicht »weg«. Ich sehe ihn vor mir hergehen mit leicht wiegendem Gang, den Körper nach vorne geneigt, mit einem kräftigen Kopf, immer in Gedanken.

Geboren 1907 in Oberkirch im Schwarzwald lebte er mit seinen Eltern seit 1908 in Villingen. Sein Vater war Baumeister, seine Mutter ein hübsches Bauernmädchen aus dem Unterland. Seit 1937 verheiratet. Seine Frau holte er aus dem Bergischen Land in den Schwarzwald. Aus der Ehe sind zwei Söhne und eine Tochter hervorgegangen.

Zunächst mittlere Reife und dann durch den Tod seines Vaters im ersten Weltkrieg Unterbrechung der Schule und Banklehre. Daneben und darnach Weiterbildung zum Volksschullehrer in Lahr, Karlsruhe und Heidelberg.

Zuerst war er Leiter der deutschen Schule in Turin ( Italien ), danach Lehrer in Oberkirnach und Villingen. Gleichzeitig Weiterbildung zum Mittelschullehrer. Zuletzt Leiter der Karl-Brachat-Realschule in Villingen und nach seiner Pensionierung Leiter deren Abendrealschule in Villingen.

Eine der Haupteigenschaften Hans Brüstles war sein ungewöhnlicher Fleiß. Nichts schob er von sich weg, allem war er aufgeschlossen, zu allem aufnahmebereit. Trotzdem war ihm das Auftreten in der Öffentlichkeit ein Greuel, lautes Getue suspekt. Bescheiden und anspruchslos stand er Formalismen verständnislos gegenüber. Er schirmte sich gegen andere ab, er brauchte sie nicht, war aber den andern gegenüber jederzeit hilfsbereit. Nie haben ihn Menschen beeinflußt, immer nur die Bücher. Nie auch suchte er Menschen zu beeinflussen, er erklärte nur seinen Standpunkt. Basta!

Er war skeptisch und in seinem Urteil über andere rasch und eindeutig, zuweilen abrupt —aber leise. Nie hörte man schroffe Unhöflichkeit von ihm, er suchte nie den Konflikt sondern immer den Ausgleich, zum Teil auf eigene Kosten, was nicht heißt, daß er damit seinen Standpunkt aufgab.

Diesem Wesen passend zugeordnet war seine Liebe zum Klavier- und Orgelspiel. Stundenlang konnte er sich diesem Spiel allein und abgeschlossen hingeben.

Seine Arbeit mit der deutschen Sprache schlug sich in der Mitarbeit an vielen Schulbüchern nieder. Hinzu kam die Beschäftigung mit der Geschichte. Seine Liebe zur Heimat Schwarzwald und Baar ließ ihn sich mit der Heimatgeschichte auseinandersetzen. Er war Mitgründer und Vorstand im Geschichts- und Heimatverein Villingen und gleichzeitig im Museumsbeirat. Außerdem war er Mitglied und im Vorstand des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Donaueschingen.

Bei diesen Tätigkeiten ist eine reiche Ernte heimatkundlicher Schriften aus seiner Feder hervorgegangen:

1960 Villingen und die Baar. Eine Bibliographie.

1964 Heimatkundebuch Baar-Schwarzwald.

( Zusammen mit Herrn Karl Wacker, Verlag Boltze, Allensbach )

1971 Villingen — Aus der Geschichte der Stadt.

( Erste zusammenfassende Stadtgeschichte Villingens. Neckar-Verlag Villingen)

1977 Das wilde Heer. (Eine Sammlung einiger hundert Sagen aus dem Schwarzwald. Verlag Rombach, Freiburg. )

Hinzu kommen unzählige Beiträge in der »Badischen Heimat«, in den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, in den Jahresheften des Geschichts- und Heimatvereins Villingen und anderen Medien über Siedlungs- und Hausformen der Baar, über alemannische Siedlungsnamen, über alemannische Mundart, über Persönlichkeiten und Künstler dieses Raumes, Fasnachtsbräuche, Masken usw.

Dazwischen liegen (ganz verhehlt) lyrische Versuche in seinen beiden schmalen Bändchen »Variationen I und II« ( Verlag Karlsruher Bote ).

Hans Brüstle wird dem Geschichts- und Heimatverein Villingen unvergeßlich bleiben.