Hans Kraut wurde im Thieme-Becker, Lexikon der bildenden Künstler ein ausführlicher Beitrag gewidmet.

Die neueste Forschung, besonders von Dr. Konrad Strauß, München, ist in diesem abgedruckten Artikel noch nicht berücksichtigt! (ohne Literaturhinweise!)

H. K., Kunsttöpfer in Villingen, geb. 1532 in Spaichingen, einem östlich von Villingen gelegenen Flecken, + 1592 in Villingen; erwarb 1585 daselbst das Bügerrecht und wurde, vermutlich im selben Jahr, auch Ratsmitglied. Am 2. 10. 1590 verlieh ihm der Erzherzog Ferdinand von Osterreich, vielleicht für die Herstellung eines Prachtofens für eine hochgestellte Persönlichkeit, ein Wappen.‘ K. war ein schöpferischer Künstler und Handwerker, als Plastiker bedeutender wie als Zeichner. Seine Reliefs zeichnen sich durch die Schärfe der Formen aus, die Farbwirkung ist trotz der gewählten kräftigen Töne harmonisch. Bei seinen Entwürfen benutzte er bisweilen auch fremde Vorlagen. So finden sich in seinen Arbeiten Anlehnungen an holbeinische und raffaelische Ornamente. Seine im Renaissancestil gehaltenen Arbeiten zeigen Einflüsse sowohl der Nürnberger und Winterthurer als der Tiroler Hafnerei und der Majolikakunst von Faenza. Es herrschen die hellen Farben und zwar Gelb, Grün, Blau und weiß vor; bunt glasierte Reliefkacheln dieser Art wechseln mit andern in blauer figuraler Schraffeurmalerei verzierten ab. Als Grundfarbe kehrt meistens Grün wieder. — Erhaltene Arbeiten: Ofenkacheln (Altertümer-sammlung in Villingen Nr 192, 224, 321, 492, 864, 865, 924, 986, 1417); Pfeilerkacheln im Berliner Schloßmuseum; 4 grüne Reliefkacheln mit Motiven nach H. S. Beham im Landesgewerbemuseum Stuttgart; 2 Ofenkacheln mit Brustbildern in Zeittracht in der archäol. und ethnograph. Sammlung in Offenburg; Ofenaufsätze (Altertümersammlung in Villingen Nr 291-316), Ofenstücke (ebenda Nr. 945); ferner eine Majolika mit Wappen des Kaisers Maximilian II., des Erzherzogs Ferdinand von Osterreich und der Stadt Villingen, aus Anlaß der 1530 durch Ferdinand I. erfolgten Verleihung eines „Hauptpaniers, Stadtzeichen und Schildes“ an die damals österr. Stadt Villingen geschaffen und früher auf der Südseite des ehemal. städt. Kaufhauses am Marktplatz in Villingen eingemauert (Altertümersammlung Villingen Nr. 7); ein anderes Relief (ebenda Nr. 1977) mit Darstell. der Seeschlacht von Rhodos (1523) und 3 Schlachtschiffen der Johanniter und zweien der Türken, zur Erinnerung an den Johanniterkomtur Wolfgang von Maßmünster, Mitkämpfer dieser Schlacht, geschaffen; außerdem einzelne Fragmente in der Samml. Demmin-Wiesbaden, einige ihm zugeschriebene Ofenkacheln in der Sammlung des Grafen Wilczek (+) auf Schloß Kreuzenstein und Prachtöfen im Viktoria und Albert Mus., London (1577), früher in dem Hause des Ratschreibers Dorn in Engen, mit Dar-stell. aus dem Buche Esther, im Schloßmus. Karlsruhe, früher in dem ehemal. Benediktinerkloster, jetzigen Priesterseminar, in St. Peter im Schwarzwald, 1587 als Geschenk des Abtes Blasius Schönlin zu St. Georgen an Gallus Vögelin, Abt zu St. Peter, gefertigt, mit Darstell. der Wappen beider KLöster, der Apostel, Kirchenväter und mit gemalten Szenen aus dem N. Testament, vorwiegend in Gelb, Grün und Blau glasiert und mit eingebautem Sitz. Der in der Literatur mehrfach erwähnte, in Gold glasierte Kachelofen in der Wiener Hofburg ist heute dort nicht mehr nachweisbar. Im Pfarrmünster in Villingen befindet sich eine mit K.s Initialien bez. u. ihm zugeschriebene bronzene Gedenktafel auf den Amtmann Hieronymus Boldt aus St. Georgen mit Wappen und Inschrift in gotischen Minuskeln. K. zugeschrieben wird ein Ofen mit Darstell. des Rütlischwurs und weiterer Szenen aus der Tell- und Landenberggesch. im Schweiz. Landesmuseum, Zürich. — Von K.s 4 Söhnen übten Georg, geb. 1576 (von ihm wahrscheinlich eine medaillenförmige, den hl. Georg darstellende Modellierstudie im Mus. Villingen), und Hans Jakob, geb. 1568, das Töpferhandwerk aus. Der letztere war mit Anna Armbroster verheiratet, erwarb 1618 das Bürgerrecht, wurde 1641 Mitglied des Rats und Richterkollegiums und im selben Jahre in einen Hexenprozeß verwickelt und zum Tode verurteilt. Von seinen Arbeiten sind ein Ofen aus dem Jahre 1593 für den Grafen Heinrich von Fürstenberg und 12 grün glasierte Ofenkacheln mit allegor. Darstell. von 1598 (Altertümersammlung Villingen) bekannt. Noch einige weitere Nachkommen des Hans K. übten das Töpferhandwerk aus. Die Familie starb in der 2. Hälfte des 18. Jahrh. aus.

Zu umseitigem Bild: Wappenkachel von Hans Kraut im Mainfränkischen Museum Würzburg, Feste Marienburg. Farbglasur. Abb. ca. 2/3 Original-Größe. Eine der bestgelungenen Arbeiten von Hans Kraut, besonders hinsichtlich der Komposition und plastischen Durchgestaltung.

 

Villinger Holzmasken (Schemen)

Manfred Merz — Glatte Maske

 

(Fortsetzung von Heft 1)

Nach 1945 traten jüngere Maskenschnitzer mehr und mehr an die Stelle der alten Meister.

Unter ihnen soll hier vor allem Manfred Merz erwähnt werden, der nunmehr auf eine produktive Tätigkeit als Bildhauer von rd. einem Vierteljahrhundert zurückblicken kann. Merz stammt aus einer Familie, die väterlicherseits in Unterbaldingen auf der Baar beheimatet war. Zwei Brüder haben sich in der Kunst ausgezeichnet. Der eine war der Baarmaler Karl Merz (+-1970), der, aus der Trübner-Schule stammend, die Landschaft der Baar in seinen Bildern eingefangen hat. Er war auch ein bedeutender Porträtmaler. Dem Villinger Narro hat er in einem fast lebensgroßen Gruppen-Olbild ein unvergängliches Denkmal gesetzt.

Sein Bruder Eugen Merz, der Vater von Manfred, ließ sich in Villingen nieder und gründete hier eine Bildschnitzerwerkstatt. Viel hat das Stadtbild Villingens dem Bildhauer Eugen Merz zu verdanken. Die Figuren, die heute die Brunnen der Innenstadt zieren, stammen aus seiner Werkstatt: der Villinger Held Romeias, die Radmacher Wette, die Alt-Villingerin, die Trachtenträgerin aus der Baar und als Krönung dieser Figurenreihe: den Brunnennarro in der Oberen Straße.

Manfred Merz trat in die Nachfolge seines Vaters. Er hat dessen Wirkungsbereich um einen wesentlichen Sektor erweitert. Die Atmosphäre der Villinger Fastnacht mit ihrer prächtigen Entfaltung von Farben und Formen hat es ihm angetan. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der damals Zwanzigjährige als Maskenschnitzer begonnen und es darin zur respektablen Meisterschaft gebracht. Ein Vielschnitzer ist er dabei nicht geworden. Er läßt sich Zeit, auch wenn die Besteller drängen. Denn was er an Zeit verliert, gewinnt er an Qualität. Um so erstaunlicher ist trotzdem der Umfang seiner Produktivität, die sich im Laufe der Jahre allen drei Schemenarten zugewandt hat. Ihnen gilt gleichermaßen seine Liebe, obwohl er sich selbst bewußt als künstlerischer Nachfahre des Olmüllers Dominik Ackermann sieht, dessen glatte Maske ihm Vorbild geworden ist, ein hohes Ideal, dem er nachstrebt. Hatte sich die Villinger Maskenschnitzerei bisher darauf verlegt, die nicht glatte Maske, den Surhebel, vorwiegend entweder nach der drohend-dämonischen oder nach der mehr situationsbedingten komischen Seite zu gestalten, so hat Merz auch den hinterhältig lächelnden, den satirischen und ironischen Surhebel in seine Arbeit einbezogen. Zweifellos kam diese Variante dem Bedürfnis seiner Schaffenskraft entgegen, an den vielgestaltigen Formen des Surhebels sein ganzes schnitzerisches Können zu zeigen. Neben den althergebrachten dämonischen Surhebel, wie ihn Neukum noch konzipiert hatte, trat ein nun etwas freundlicherer, weniger mystischer aber nichtsdestoweniger gleich ausdrucksvoller Surhebel als echte Strählmaske. Auch Merzens „Murbili“-Maske zeigt alle Zeichen eigenwilliger Phantasie. Sie ist eine Fortentwicklung des herkömmlichen Typs. Aber mehr als bisher tritt das Pfiffig-Schelmische an dieser Maske hervor und verleiht ihr einen unverwechselbaren Charakter und besonderen Charme. Die Villinger Maskenschnitzer können mit Genugtuung feststellen, daß das Bedürfnis nach Schemen im Wachsen ist. Alle diese Masken sind als Sprechmasken gedacht. Es gehört mit zur Kunst des Maskenschnitzers, eine dünne, leichte Maske mit resonierender Wandung herzustellen. Merzens Masken sind dafür bekannt, daß sie diese Eigenschaft besitzen, denn sie sollen ja in erster Linie freies Sprechen nicht nur ermöglichen, sondern durch die Resonanz des Holzes den Ton etwas verfärben.

Manfred Merz — Surhebel und Murbili

 

Dieses Sprechen nennt man hier „Strählen“, was so viel bedeutet, aus dem, was über einen Gesprächspartner bekannt ist, das jeweils Passende herauszusuchen und auf humorvolle Weise mit der nötigen Pointe an den Mann zu bringen. Daß neue Variationen in der Gestaltung der Maske dazu beitragen können, zeigen die Arbeiten von Manfred Merz. Die Entwicklung in der Maskenschnitz-kunst ist nicht abgeschlossen. Wenn sie behutsam weitergeführt wird, kann sie nur daran profitieren. Manfred Merz kann hierzu wegweisend wirken.

Durch das sogenannte Strählen ist auch heute noch, wenn auch nicht ausschließlich, das Brauchtumsbild des Narros weitgehend bestimmt. Der Ton der Stimme, die aus der hölzernen Maske tönt, vereint sich mit dem Gang und dem gesamten übrigen Gehabe dieser Fastnachtsfigur vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Stadt zu einer geschlossenen unantastbaren Einheit. Allein schon der Maskenton mit seiner eigentümlichen Verfremdung kann bisweilen stellvertretend genommen werden für die Gesamterscheinung der Figur. Die Atmosphäre, die sie um sich verbreitet, stellt sich oft beim Anblick einer guten Maske wie von selbst ein. Mehrere Masken sind imstande,

die Wirkung zu erhöhen. Sie scheinen aus sich selbst zu sprechen. Sie sind die Träger eines beredten Schweigens. Es herrscht in Villingen noch der Brauch, nach Dreikönig eine oder mehrere Masken an die Wand zu hängen. Bisweilen häufen sich die Masken kurz vor Fastnacht an einer Wand des einen oder anderen Gasthauses. Dann hört der gute Narro seine Schemen bisweilen sprechen, und er wiederum spricht mit ihnen.

So geschah es auch vor rund 20 Jahren einmal vor Fastnacht im Gasthaus zum Hirschen. Ein unbekannter Sonntagsabendgast hat damals seine stumme Zwiesprache mit der versammelten „Maskenschaft“ an der gegenüber-befindlichen Wirtshauswand im Gästebuch mit folgenden Distichen beschlossen:

Vor mir hängt ihr nun ihr glänzenden Masken der Fastnacht; neben dem glatten Gesicht funkelt der Dämon auch. Doch wenn beim grauenden Morgen entfesselte Geister sich nahen, schwindet ihr hinweg aus der Nacht in den Tag. Blut und Fleisch verwandelt euch alle in redende Wesen, und die lebend’ge Kraft schenkt euch Sprache und Spruch.

 

 

 

Masken von Manfred Merz – Gruppenbild: Narro, Murbili und Surhebel.

 

 

 

Die Wasser-Belagerung im Jahre 1634 (Hermann Preiser)

Ölgemälde, ca. 70/120 cm, von Joh. Ant. Schilling, gemalt 1717, Wasserbelagerung 1634.

 

Vortrag von Hermann Preiser, gehalten am 2. 12. 1975 im Geschichtsverein Villingen.

über die Wasser-Belagerung im Jahre 1634 ist schon wiederholt geschrieben worden, aber niemand konnte sagen, wie weit das gestaute Wasser geflossen ist, da genaue zeitgenössische Aufzeichnungen darüber fehlen.

Bevor ich meine eigenen Untersuchungen bekanntgebe, möchte ich den Ablauf jener Belagerung in kurzen Zügen wiederholen*.

Wir wissen, daß nach dem Ende der zweiten Belagerung im Oktober des Jahres 1633 die Bürger der Stadt Villingen und ihre Besatzung in einer besonderen Notlage waren, weil die Ernte durch die Kriegsereignisse größtenteils vernichtet war.

Zwar sollten nach kaiserlichem Befehl die benachbarten Stände durch Zurverfügungstellung von Lebens- und Futtermitteln, sowie Vieh, zur Linderung der größten Not in der Stadt beitragen; aber diese Orte wehrten sich heftig, weil sie ebenfalls durch den Krieg gelitten und teilweise noch vom Feind besetzt waren. Zu alledem suchte Oberst Degenfeld, der sich nach Aufhebung der zweiten Belagerung mit seinem Kriegsvolk nach Rottweil zurück­ zog, von dort aus jede Lebensmittelzufuhr nach Villingen zu blockieren.

So war die Besatzung von Villingen gezwungen, wie es in Kriegszeiten üblich war, mit bewaffneter Hand für die Einbringung von Korn und Vieh zu sorgen, wobei vornehmlich die feindlichen württembergischen Orte bis in die Gegend von Freudenstadt und Sulz heimgesucht wurden, was oft zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Bauern führte.

Da durch die Beutezüge der Villinger Besatzung sowie der eigenen Truppen die württembergische Landschaft schwer zu leiden hatte, wurde Herzog Eberhard von Württemberg von vielen Seiten gedrängt, dafür zu sorgen, daß den Villingern Einhalt geboten und die lästigen Ausschweifungen deren Besatzung verhindert wird.

Nachdem ein schon im Januar 1634 vorgenommener Versuch des Herzogs wegen Freistellung einiger Regimenter zwecks neuerlicher Belagerung Villingens fehlschlug, wurde im Februar der württembergische Oberst Georg Friedrich Holtz mit seinem Fußvolk in die Nähe Villingens (zuerst nach Hochemmingen und dann nach Dauchingen) gelegt und zur Vorbereitung einer neuen Belagerung damit beauftragt, mit Hilfe eines zugewiesenen Fachmannes im Festungsbau, starke Verschanzungen vor der Stadt zu errichten, um von diesen geschützten Stellungen aus gegen Villingen vorzugehen. Zur Sicherung dieser Arbeiten wurde Holtz ein schwedisches, größtenteils aus Franzosen bestehendes Reiter-Regiment zugeteilt.

Am 10. April wurde man in der Stadt durch eine Nachricht und durch Auftauchen feindlicher Gruppen gewahr, daß eine neuerliche Belagerung bevorstand, und die Besatzung suchte so gut es ging, den Feind zu stören. Da aber die Truppen der Obersten von Holtz und von Gassion zu einer Belagerung nicht ausreichten und auch schwere Belagerungsgeschütze fehlten, weil dieselben zu jenem Zeitpunkt für die Belagerung an anderen Orten abgezogen waren, suchte man nach anderen Möglichkeiten, um die Stadt auf die Knie zu zwingen. Ende Mai tauchte nun erstmals der Plan auf, Villingen unter Wasser zu setzen, und nach den notwendigen Erkundigungen wurden die erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Herzog Eberhard sandte zu diesem Zweck den Werkmeister Killian Kessenbrot und den Zeugmeister Friedrich Reichstätter, die die fachgerechte Aufschüttung des Dammes an der engsten Stelle des Brigachtales zwischen Warenberg und Ölmühle zu bewerkstelligen hatten. Der Herzog versprach 1200 Schanzgräber für die Aufschüttung des Dammes zur Verfügung zu stellen; aber erst Mitte Juli nach Fertigstellung der Schanzen wurde systematisch an der Errichtung des Dammes gearbeitet. Das Vorhaben ging aber trotzdem langsam voran, weil von den zugesagten Schanzern und Fuhrleuten nur etwa 500 eingetroffen waren. Nachdem aber der Herzog immer heftiger auf die Fertigstellung des Dammes drängte, wurden die Bewohner vieler Orte aus dem „Fürstenbergischen“ und der Herrschaft Triberg zum Dammbau gezwungen. Heute nennt man das zwangsverpflichtet. Am 16. Juli konnte Holtz das errichtete befestigte Lager mit Brustwehr und Umschanzungen am Warenberg beziehen, und nach vielen vorhergehenden Scharmützeln mit der einheimischen Besatzung erschien auch am 16. Juli Oberst Gassion an der Spitze seines Reiterregimentes vor der Stadt, um sie durch einen Trompeter zur Obergabe aufzufordern, was vom Magistrat prompt abgelehnt wurde mit dem Bemerken, daß dem Kommandanten die Stadt Villingen von der Herrschaft Österreich gnädigst anvertraut wurde und daß der Bürgermeister und Rat, sowie die ganze Bürgerschaft dem Hause Österreich mit Eid und Pflichten verbunden sind und keinen fremden Herren anerkennen können, bevor sie dieses Begehren höheren Ortes vorgebracht haben. Der Oberst solle sich bis zum Eingang dieser Antwort gedulden, falls er aber inzwischen feindliche Absichten gegen die Stadt unternehme, werde man sich nach „äußerstem Vermögen und mit Gottes Beistand“, wie es schon in den zwei vorhergehenden Belagerungen erfolgt ist, wehren und den Feind von den Mauern vertreiben. Gassion verschanzte sich nach dieser Antwort ebenfalls am Warenberg.

Am 26. oder 27. Juli wurde man zum erstenmal in der Stadt gewahr, daß der Feind vorhatte, sie unter Wasser zu setzen, denn er hatte inzwischen von seinem Lager am Warenberg bis zur anderen Bergseite eine Brustwehr aufgeworfen, die schon so weit fortgeschritten war, daß man ihn nicht mehr vertreiben konnte. Die Stadt sandte sogleich nach allen Seiten Hilferufe aus, erhielt aber nur Vertröstungen und suchte so gut es ging, durch Ausfälle ihrer Besatzung den Dammbau zu hindern. Sechs Wochen lang wurde Tag und Nacht, immer wieder mit frisch herbeigeholten Kräften an der Aufwerfung des Dammes gearbeitet, und am 16. August war die Brustwehr zu einer solchen Höhe angewachsen, daß die Bewohner in größter Sorge waren, weil sie stündlich befürchten mußten, daß der Damm geschlossen wird. Es wurde nochmals an allen maßgebenden Stellen um Hilfe (Succurs) gebeten, und es wurden Pläne geschmiedet, den Feind mit einem Aufgebot von mehreren hundert Reitern und einem Corps Fußvolk in seinem Lager zu überfallen, wobei man sich vor allem Hilfe aus Uberlingen versprach, wohin Pläne der Verschanzungen geschickt wurden, um von dort aus den Oberfall in Bewegung zu setzen, wozu es aber nicht gekommen ist. Ein Zeitgenosse schreibt, daß, als die Württemberger ihren von der Villinger Besatzung gefangenen Rittmeister Schön loskaufen wollten, man ihnen zur Antwort gab, daß wenn man sie schon ersäufen wolle, dann müsse der Rittmeister bei ihnen bleiben und den ersten Suff tun.

Der Herzog konnte es kaum erwarten, daß mit der Schwellung des Wassers begonnen wurde, denn er wußte, daß man in Bälde Villingen zu Hilfe kommen wollte, und am 27. August wurde einem feindlichen Kurier ein Schreiben an den Herzog abgenommen, worin berichtet wird, daß der Dammbau beendigt sei, worauf der Magistrat die Bitte um den versprochenen Succurs an mehreren Stellen wiederholte. Tatsächlich wurde aber das Wasser bereits am Abend des 24. August angelassen.

Für die Villinger völlig überraschend haben die Belagerer am Samstag, den 9. September (1634), morgens 9 Uhr aufgrund eines in der Nacht eingetroffenen Befehls ihr Lager angezündet und sind „mit großer Confusion und Schrecken“ abgezogen. Grund war die völlige Niederlage der schwedischen und württembergischen Truppen in der Schlacht bei Nördlingen. Der Herzog mußte zur Sicherung seiner Leute die Belagerung aufheben und floh in aller Eile nach Straßburg, wohin ihm auch Oberst Holtz mit seinen Truppen folgte.

Nach dem Abzug des Feindes war noch die Stauung der Brigach zu beseitigen, was durch einen Abzugsgraben auf dem Rücken des Dammes, der sich durch das ausströmende Wasser schnell vergrößerte, herbeigeführt wurde. Außerdem mußten die in der Nähe liegenden Orte, welche Leute zum Dammbau bereitgestellt hatten, sich wieder an der Öffnung des Dammes beteiligen. Besonders die Leute aus dem „Fürstenbergischen“ wurden herangezogen, und im Villinger Stadtarchiv liegt eine Urkunde, worin die fürstenbergischen Amtsleute aus Geisingen der Stadt mitteilen, daß sie auf ihr Ersuchen aus Wolterdingen, Tannheim, Donaueschingen, Pfohren, Asenheim, Heidenhofen und Sunthausen bis Freitag und Samstag, den 22. und 23. September, einhundert Personen mit „Bickeln, Hauen und Schaufeln“ frühmorgens zur Zurichtung des Dammes aufgeboten haben und mehr nicht abstellen können, weil die armen Leute genug zu tun haben „um das Heugras sich zu erwehren“.

Für uns Villinger erhebt sich nun die Frage, wie weit das gestaute Brigachwasser gelangt ist und ob es bereits in die Stadt hineingeflossen ist. Von Zeitgenossen ist uns darüber gar nichts überliefert. Abt Michael Gaisser war zu jenem Zeitpunkt auf Hilfesuche in Konstanz und Über-

ngen. Im hiesigen Rathaus-Museum befindet sich ein Ölbild, gemalt von Johann Anton Schilling im Jahre 1717, welches die Wasserbelagerung zeigt und auf welchem das Wasser bis zum „zweiten Bronnen“, reicht, in dessen Nähe die Schaller’sche Mühle stand.

Schleicher entnimmt aus einem Bericht von damals, „daß der Feind das Wasser zu schwellen und nahe der Stadt gebracht hat und durch die Wendung der Dinge der Dammbau unterbrochen worden sei“.

J. G. Benedikt Kefer verdanken wir den ersten kurzen chronologischen Bericht über die Wasserbelagerung; er hat aber die Frage des Wasserstandes bei Aufhebung der Belagerung nicht angeschnitten. Schleicher hat sich für seine ausführliche Abhandlung über die dritte Belagerung auch des Dammes angenommen und denselben genau untersucht. Er schreibt, daß die Länge des Dammes zu seiner Zeit (1854) vom Rietheimer Weg bis zum Wehrbach 105 Ruthen beträgt und die Höhe in der Nähe des gegenwärtigen Durchstichs 16 Fuß über den Wasserspiegel gegenüber ursprünglich 22-25 Fuß. Nach seinen Angaben enthält die Erde aus der Mitte des Durchstichs 43% feinen Quarzsand und 57% Ton und Lehm. Mit Wasser vermischt bildet diese Erde einen zähen Teig. Wir ersehen daraus, daß der Damm fachmännisch angelegt und seinen Zweck erfüllt hätte. Schleicher bemerkt aber, daß der Damm, um eine Stauung des Wassers bis zum Marktplatz zu erreichen, mindestens die Höhe von 27 Fuß haben müßte und daß eine solche Stauung eine Wassermenge erfordert hätte, welche die Brigach, deren Wasserstand im August unter dem Mittel liegt, während der Belagerungszeit nicht erbringen konnte, besonders auch deshalb, weil ein großer Teil des Warenbachtales und mehrerer Niederungen sich mit Wasser füllen mußten, was die Belagerer übersehen hatten.

Im ersten Nägelinskreuzbüchlein des Stadtpfarrers Benedikt Schue vom Jahre 1735 lesen wir: „Bey der Wasser-Belagerung / da war der fluß Brige biß schon an den zwey in der Nider Straß lauffenden Röhrenbrunnen angeschwöllt / ist durch gewaltsamen Durchbruch des aufgeworffenen Dammes alles feindliche in das höchste Unwesen gekommen /“.

Hier wird also erstmals berichtet, daß das Wasser bis zum Brunnen am Marktplatz gelaufen sei und daß ein gewaltsamer Durchbruch des Dammes vorgenommen wurde, und hier also beginnt schon das Märchen von der Durchstoßung des Dammes mit dem Fäßchen Quecksilber. Albert Fischer stützt sich in seinem Band „Aus Villingens Vergangenheit“ hauptsächlich auf die Untersuchungen von Schleicher und schreibt: „Wie weit das Wasser in die Stadt eingedrungen war, darüber sind die Berichte geteilt; nach der einen Quelle soll das Wasser bis zum Marktplatz gedrungen sein, nach der anderen sei es nicht weiter hinauf bis zum zweiten Brunnen gekommen. Nach der Höhe des Dammes wäre letzteres als richtig anzusehen. Für den ersten Bericht, wonach das Wasser bis zum Marktplatz gestiegen sei, spricht allerdings die Tatsache, daß die Statue des hl. Nepomuk, die im Jahre 1711 vom österr. Botschafter in der Schweiz, Graf Ehrenreich von Trautmannsdorf, der Stadt für die wackere Haltung in den Belagerungen zum Geschenk gemacht hat, damals an der Stelle aufgestellt wurde, bis zu welcher in der Wasserbelagerung das Wasser gedrungen war; sie stand damals vor dem Haus Niedere Straße 12 (heute „Stern’s Bunte Stube“). Auf einer Seite des Denkmals befindet sich die Inschrift: „Dieses Standbild ließ 1711 Graf Trautmanns-dorf unter Beisteuerung des Magistrats in der Niederen Straße vor dem Hause 416 an der Stelle errichten, bis zu welcher nach der Sage in der Belagerung 1634 das Wasser der Brigach gestiegen war“. Letztere Inschrift wurde aber, wie ich feststellte, erst im Jahre 1898 anläßlich der Renovierung dieses Denkmals eingraviert.

Revellio hat, um einen besseren Überblick über die Vorgänge bei der Wasserbelagerung zu gewinnen und dieselbe aus der Sicht des Feindes kennenzulernen, die gegnerischen Kriegsakten im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv durchgesehen und dabei interessante Einzelheiten zutagegefördert. Es betont vor allem, daß nicht die Schweden, sondern die Württemberger die Erbauer des Dammes gewesen sind und daß sich der Feind schon viel früher, als die Villinger geahnt hatten, mit der Errichtung des Dammes befaßten. über den Stand des Wassers konnte er aber auch nur das anführen, was bereits gesagt worden ist.

Um der Sache, wie weit die Stauung gereicht hat, auf den Grund zu kommen, habe ich nun in den Jahren 1972 und 1973 selber Wassermessungen an der Brigach vorgenommen, wobei mir im ersten Jahr mein Sohn Siegfried und im zweiten Jahr mein Freund Georg Thomas behilflich war. Ich erwähne jetzt nur die letzte Messung am 4. September 1973, weil dieselbe gründlicher war.

Wir haben zunächst an einer Stelle der Brigach, bei der Ölmühle gegenüber dem sogen. Schwedendamm, die Breite des Flusses und die Wassertiefe in der Mitte der Brigach und an beiden Ufern gemessen. Anschließend haben wir ein 10 Meter langes Stück am Brigachlauf abgesteckt. Ich habe dann in die Mitte der Brigach einen großen Korken geworfen und die Zeit vom Aufprall auf das Wasser bis zum Passieren der 10 Meter gestoppt. Von drei solcher Meßversuche habe ich dann den Durchschnitt errechnet. Bei der Ausrechnung bin ich dann auf einen Wasser-Durchfluß von 0,41 m3/sec. gekommen. Daraufhin habe ich mich an das Wasserwirtschaftsamt in Donaueschingen gewandt mit der Frage, ob die Art meiner Messung richtig ist, worauf mir gesagt wurde, daß die Fließgeschwindigkeit mit einem Wasserflügel oder annähernd auch durch Einwerfen eines Treibholzes und Abstoppen der Zeit auf eine bestimmte Fließstrecke erfolgen kann, so daß meine Art der Messung grobrichtig ist. Ich wurde aber gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß seit dem Jahre 1958 das Brigachwasser an einem Pegel bei der Bahnhofsbrücke automatisch gemessen wird, weshalb ich mir die mittleren Tageswerte vom Pegel Villingen für die maßgebenden Tage der Monate August und September beschafft habe und an dem von mir gemessenen Tag am 4. September 1973 einen Tagesdurchschnitt von 0,23 m 3/s vorfand. Das sind 56% der Wassermenge, wie meine Messungen ergaben. Es ist aber zu berücksichtigen, daß vom Pegel am Bahnhof bis zur Ölmühle noch mehrere Zuflüsse erfolgen, nämlich das Wasser aus dem Kanal bzw. dem früheren Stadtbach, der heute verdohlt ist und unterhalb der Luisenbrücke in die Brigach mündet; dann die Steppach, zwar ein sehr kleines Bächlein, das aber infolge des Gefälles von Nordstetten her, sehr munter fließt, sowie der Warenbach, der sich gegenüber der Herrenmühle in die Brigach ergießt. Es sind aber noch Abweichungen denkbar, weil das Bachbett der Brigach bei der Ölmühle sehr uneben ist und 3 Tiefenmessungen vielleicht nicht genügen, sowie der Umstand, daß die vom Wasserwirtschaftsamt erhaltenen Daten den durchschnittlichen Tageswert innerhalb 24 Stunden darstellen, wobei sich während der verschiedenen Stunden oft Schwankungen ergeben. In Donaueschingen erfuhr ich aber noch, was vielen unbekannt sein dürfte, daß die Oberflächenmessung allein für ein ganz genaues Ergebnis nicht genügt, weil das Wasser an der Oberfläche eines Baches schneller fließt wie am Bachgrund. Zu einem genaueren Ergebnis führen Geschwindigkeitsmessungen, die unten am Bachbett, in mittlerer Tiefe und an der Oberfläche erfolgen, die aber nur mit einer mechanischen Vorrichtung möglich sind. Die Reibung am Grund hemmt die Geschwindigkeit des Wassers. Ich habe aus obengenannten Gründen nun die Ergebnisse meiner eigenen Messungen nicht verwertet, sondern die Durchflüsse am Brigachpegel, die ich mir, soweit sie noch nicht im gewässerkundlichen Jahrbuch veröffentlicht sind, von der Landesstelle für Gewässerkunde in Karlsruhe beschafft habe, zu meinen Berechnungen herangezogen. Da die Niederschläge in den einzelnen Jahren sehr großen Schwankungen unterworfen sind, habe ich den Durchschnitt der maßgebenden Tage der Jahre 1963-1973 benützt und für die Zuflüsse ab dem Pegel Villingen 10% hinzugerechnet. Ich komme so auf einen mittleren täglichen Wasserzufluß von 90.000 m3, also von 90 Millionen Liter pro Tag, welche Menge knapp 30% unter meinen eigenen Messungen liegt.

In den 16 Tagen der Stauung vom Abend des 24. August bis 9. September abends hätte sich nach den zugrunde-gelegten Daten das durch den Damm gebildete Becken um ca. 1.450.000 m 3 angefüllt. Nach den durch Vermessungsingenieur Georg Lux für mich freundlicherweise durchgeführten Geländemessungen und Berechnungen hätte sich das Wasser bei einer Wassertiefe von ca. 4 Meter am Damm bis über die Mündung der Steppach, also bis zum heutigen Schlachthof gestaut und sich nach Westen den Warenbach hinauf bis in die Nähe der Waren-bachbrücke am südlichen Ende der Bleichestraße ausgedehnt, wogegen es gegen Osten noch ein Teil der Steppachwiesen südlich des früher viel kleineren Friedhofes überschwemmt hätte. Der dazwischenliegende Bahndamm ist eine neuere Aufschüttung, durch welchen die Steppach heute in Röhren hindurchgeleitet wird. Nächst der Stadt hätte das Wasser bis zu den früheren Schützenwiesen zwischen Obrist-Äscher-Straße und Karlstraße gereicht. Das Baugelände dort wurde größtenteils aufgefüllt, was noch besonders deutlich am Haus Irslinger zu sehen ist, das tiefer als die Schwedendammstraße liegt. Man kann nun einwenden, daß die Niederschlagsmengen und die dadurch bedingte Wasserführung der Brigach vor über 300 Jahren ganz andere gewesen sind. Gewisse Unterschiede sind schon möglich, weil die Wassermengen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sind, aber man muß bedenken, daß nach dem 16. Jahrhundert keine Klimaänderung in unserer Landschaft stattgefunden hat und daß es für die heutige Beurteilung gar keine Rolle spielt, ob das Wasser 100 Meter weiter oder weniger gegen die Stadt vorgedrungen ist. Ich verweise aber auf das schon erwähnte Gemälde von Johann Anton Schilling. Dieses Bild, das im Jahre 1717 entstand, ist sicher kein Phantasieprodukt, und Schilling hat sich wahrscheinlich einer zeitgenössischen Vorlage bedient, wie bei seinem Gemälde von der Winterbelagerung 1633, wozu ihm eine alte heute noch vorhandene Federzeichnung als Vorlage diente, sonst hätte er den Damm nicht in allen Einzelheiten gezeichnet. Revellio schreibt, daß der Damm mit seinen Schanzen und Schleusen ein kleines Kunstwerk sei und daß auf diesem Bild das Wasser bis zum Platz der damaligen Schaller’schen Mühle beim heutigen Städtischen Elektrizitätswerk reicht, vor welchem in späteren Jahren der heutige Schlachthof erbaut wurde.

Das Ergebnis meiner Untersuchungen deckt sich zufällig ziemlich genau mit dem genannten Bild, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß das Wasser nicht bis an das Niedere Tor und noch weniger bis zum Marktplatz vorgedrungen ist. Schon eine Stauung bis zum Niederen Tor hätte noch einige Wochen erfordert, weil sich das Wasser nicht nur zur Stadt hin, sondern nach 3 Seiten ausgebreitet hat. In der Nähe des Niederen Tores wäre es allerdings kritisch geworden, weil sich dort das Becken verengt; zum Marktplatz aber hätte es einer Wassermenge von ca. 5.500.000 m3 bedurft. Wenn ein Teil der Stadt wirklich unter Wasser gestanden wäre, dann hätte dies zu einer solchen Katastrophe geführt, daß sie von den Zeitgenossen und Chronisten gebührend gewürdigt worden wäre. Die Häuser in der Stadt hatten zu damaliger Zeit überhaupt keine Keller, und wenn das Wasser in das untere Stockwerk hineingelaufen wäre, hätte es unabsehbare Gebäudeschäden hinterlassen.

Wie ist es nun zu der Sage gekommen, daß das Wasser bis kurz vor den Marktplatz, also bis zu der Stelle gelaufen ist, wo später das Nepomukdenkmal aufgestellt wurde? Es muß doch sicher irgend einen Grund gehabt haben. Sicherlich hat man ausgerechnet, wie weit bei der seinerzeitigen Dammhöhe das Wasser geflossen wäre, wenn die Belagerung nicht vorzeitig hätte abgebrochen werden müssen. Schleicher schreibt, daß der Damm mindestens 27 Fuß hoch hätte sein müssen, um eine Stauung bis zum Marktplatz zu erreichen. Der Fuß oder Schuh galt damals als offizielles Längenmaß und schwankte in den einzelnen Gegenden Deutschlands zwischen 25-34 cm. Schleicher nennt die ursprüngliche Höhe des Dammes ca. 25 Fuß und die fehlenden 2 Fuß machen, wenn wir den badischen Fuß mit 30 cm annehmen 60 cm aus. Heute besteht vom ursprünglichen Standort des Nepomukdenkmales beim Haus Stern bis zum Marktplatz eine Steigung von knapp 50 cm, wobei zu berücksichtigen ist, daß sich das Straßenniveau im Laufe der Zeit durch verschiedene Beläge usw. eine Kleinigkeit geändert hat. Man wußte also, daß das Wasser bei längerer Stauung bis zum Hause „Stern’s Bunte Stube“ gelaufen wäre. Diese Tatsache wurde aber im Laufe der Jahre verschwommen, und weil die Phantasie später meistens alles vergrößert, haben spätere Generationen geglaubt, daß das Wasser tatsächlich bis an die genannte Stelle vorgedrungen war.

Um jene Stauung zu erreichen, hätte die Auffüllung auch bei größeren Niederschlägen die mehrfache Zeit gebraucht; aber soweit wäre es gar nicht gekommen, denn als die Gefahr erkannt wurde, wurden vom Magistrat laufend Boten um Hilfeleistung ausgesandt. Schon Anfang August wurde Abt Michael Gaisser von Stadtschreiber und Syndikus Joh. Philipp Mayenberg um schnelle Verwendung um Succurs gebeten, und am 9. August begab sich der Abt zu Pferd auf die recht beschwerliche Reise zu den Kaiserlichen Kommandanten und Räten am Bodensee, die er in seinem Tagebuch in allen Einzelheiten beschrieb. Wegen der Nähe des Feindes mußte sich der Abt weltlich kleiden und einen großen Umweg machen. Er nahm zuerst seinen Weg durch den Germanswald nach Stockwald, wohin er sich durch einige Besatzungssoldaten begleiten ließ. Ein Stück weiter über das Langmoos und Roggenbach nach Vöhrenbach begleiteten ihn noch zwei Bürger. Von hier ritt Gaisser durch das Urach-, Schollach- und Wutachtal und weiter nach Schaffhausen. Der Abt schilderte manche interessante Erlebnisse dieser Reise; so z. B. daß sein Pferd (wahrscheinlich war es ein heißer Augusttag) mit ihm in einen Wassertümpel gekniet sei und sich benetzt hätte, wobei er völlig durchnäßt wurde und in einem Gasthaus seine Kleider trocknen mußte. Die letzte Wegstrecke führte ihn über Kloster Paradies, Dießenhofen, Stein a. Rh. nach Konstanz, wo er erst nach Nennung des Namens Villingen durch ein Tor eingelassen wurde und sofort Fühlung mit Oberstleutnant Singer aufnahm, dem er die ernste Lage Villingens schilderte und um schnelle Hilfe bat. Singer wunderte sich, daß die Hilfeleistung nicht nur für Villingen, sondern auch für Rheinfelden und Breisach solange aufgeschoben sei und sagte, daß die spanischen Truppen aufgehalten worden seien, versprach aber seinerseits für Villingen das Beste zu tun. Anschließend ging Gaisser zwecks Bitte um Hilfeleistung nach Überlingen, wo er einen ihm nachgesandten Boten aus Villingen erreichte, mit dem Ersuchen des Magistrats, wegen der großen Gefahr auf allerschnellste Hilfeleistung zu drängen. Gaisser gab dem Boten ein Schreiben nach Villingen mit, worin er, obwohl er noch keine Zusagen hatte, der Stadt Hoffnung machte und sie zu beruhigen versuchte. Im Verein mit weiteren eingetroffenen Villingern suchte Abt Gaisser in Konstanz weitere hohe Offiziere von der bösen Lage, in der Villingen schwebte, zu überzeugen. Oberst von Wolfegg, der Kommandant von Konstanz, versprach dem Abt den Einsatz seines ganzen Fußvolkes, wenn dasselbe durch Reiterei, die ihm fehle, gedeckt werde. Gaisser mietete sich darauf in Konstanz ein Segelschiff und unternahm eine beschwerliche 2-tägige Seereise zu Oberst von Vitzthum nach Lindau, der leider die erforderliche Reiterei auch nicht stellen konnte, weil das nahegelegene Buchhorn (Friedrichshafen) noch von den Schweden besetzt sei und vertröstete ihn damit, daß feststehe, daß die kaiserlichen und die mit ihnen vereinigten bayrischen und spanischen Truppen sofort nach einem Sieg über General Horn, Villingen zu Hilfe kämen. Er versicherte gleichzeitig, daß er sich sehnlichst wünscht, dem treuen Villingen helfen zu können, wobei er die Tapferkeit der Stadt Villingen besonders hervorhob. Sehr interessant ist, daß alle Offiziere der kaiserlichen Armee über die heldenmütige Verteidigung der Stadt während der vorausgegangenen 2 Belagerungen genauestens unterrichtet waren.

Am 11. September erhielt Abt Gaisser in Überlingen die Nachricht von der glücklichen Befreiung von Villingen und Buchhorn, weshalb er, wie er schreibt, dem Trunke stark zugesprochen habe. Das ist eine ganz menschliche Reaktion nach einer ausgestandenen Gefahr! Der Feind hatte nun auch Radolfzell aufgegeben, und baldige Hilfe für Villingen wäre in Aussicht gestanden, so daß es zu einer längeren Belagerung nicht mehr gekommen wäre. Wenn wir diese Wasser-Belagerung mit der Gesamt-Situation vergleichen, müssen wir sagen, daß sie nur eine kleine Nebenerscheinung am Rande des 30-jährigen Krieges war; sie war eigentlich nichts anderes als eine Strafexpedition des Herzogs Eberhard von Württemberg gegen die ihm mißliebige Stadt Villingen, und die Blamage des erneuten Rückzuges hätte er sich ersparen können. Die großen Entscheidungen im 30-jährigen Krieg sind anderwärts gefallen. Der Widerstand der Städte hatte aber einen doppelten Sinn; er hat nicht nur dieselben vor Besetzung und Plünderungen bewahrt, sondern die einzelnen Belagerungen von Villingen, Rheinfelden, Breisach, Radolfzell, Buchhorn usw. hatten dem Feind sehr viele Kräfte gebunden, die ihm nachher in den entscheidenden Schlachten gefehlt haben.

Unsere Stadt war aber nach diesen Belagerungen in einer so betrüblichen Verfassung, daß sie viele Jahre brauchte, um sich einigermaßen zu erholen.

Hermann Preiser

Quellen- und Literatur-Verzeichnis

Tagebuch des Abt Michael Gaisser (Juli, August, September 1634).

Nägelinskreuzbüchlein vom Jahre 1735.

J. B. Kefer, Collectanen über die Geschichte der Stadt Villingen.

N. Schleicher, Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen mit besonderer Berücksichtigung der Wasser-Belagerung (1854).

Albert Fischer, Aus Villingens Vergangenheit (1914).

P. Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen (1964).

Ergänzend zu obigem Artikel sei der Provisionszettel für die Küche des kaiserlichen Oberfeldherrn wiedergegeben. Aus: „Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen mit besonderer Beziehung auf die Wasserbelagerung 1634.“ Von Nepomuk Schleicher, 1854.

 

 

„Wilder Mann” ein mittelalterliches Baudenkmal (W. Haas)

400 Jahre Haus- und Familiengeschichte / Wird die Tradition fortgesetzt? Auszug aus der Lokalpresse, Juli 1968, von W. Haas

Villingen. Seit über drei Monaten gibt es den Gasthof „Wilder Mann“ nicht mehr. Daran ist nichts mehr zu ändern, auch wenn dieser Verlust bedauerlich ist und damit wieder eines der altehrwürdigen Gasthäuser aus dem Stadtbild verschwindet. Bereits im frühen 16. Jahrhundert, zu Lebzeiten des sagenhaften Lokalhelden Romaias Mann, ist eine Wirtschaft „Wilder Mann“ urkundlich erwähnt. Stadtarchivar Dr. Fuchs nimmt sogar mit Sicherheit an, daß der „Wilde Mann“ schon im 14. Jahrhundert bestand. Damit gehörte dieses Lokal sogar zu den ältesten Gasthäusern der Bundesrepublik.

Die kulturgeschichtliche Seite, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, ist ebenfalls bedeutungsvoll. Die wilden Leute, mit langen Haaren bedeckte Waldmenschen, spielten in den Sagen der Gebirgsländer schon immer eine große Rolle. Es waren fremdartige, unheimliche Wesen, die fernab von menschlichen Siedlungen lebten. Wilde Leute als Symbol der Naturnähe sind auch auf dem etwa 1468 entstandenen Basler Bildteppich zu erkennen. Auch das Wappen von Dänemark enthält zwei wilde Männer. Es wird von ihnen flankiert, und sie halten den Wappenschild mit einer Hand. Mit der anderen Hand halten die beiden wilden Männer jeweils eine lange, hölzerne Keule.

Mit dem Gasthof „Wilder Mann“ hat sich auch der Häuserforscher beschäftigt. Das Ergebnis seiner Nachforschungen hat er in der Form einer Chronik zusammengestellt, um so einige Daten und Fakten der Vergangenheit zu entreißen:

1563 Ringlin berichtet in der Fortsetzung der Chronik von Heinrich Hug: „Uff Judica (28. 3.) sind sechs camelthier allhie gewesen mit sampt einem moren in Hanns Speten Hauss zum wildenmann.“

1566 In der Tanzlaube zum Wilden Mann war eine schwarze, lebende Kalbin zu sehen mit sechs Füßen. Wer sie hat sehen wollen, mußte einen Fünfer geben.

1589 Bartlin Speht in einem württembergischen Missivbuch als Zeuge erwähnt wegen eines Roßdiebstahls. Ein Konrad Spät wird bereits 1443 urkundlich erwähnt.

1612 Gregorius Bawmann als Wirt der Herberge zum Wilden Mann wird im Ratsprotokoll genannt; 1632 Obrist Aescher ist im Wilden Mann abgestiegen.

1633 Laut Abt Gaissers Tagebuch durchschlug bei der Belagerung eine Kugel alle drei Stockwerke im Gasthaus zum Wilden Mann, riß in der Schenkstube der Wirtin ein Bein weg, zerriß ein Kind und tötete einen weiteren Menschen.

1658 Christian Bantlin als Gastgeber im Wilden Mann. Seine Tochter Barbara heiratete den Hafner Jakob Kraut. 1660 Math. Klaiser wird im Ratsprotokoll als Wildmann-würth genannt.

1701 und 1707 Hans Georg Moser wird als Wildmann-würth genannt; 1719 Hans Jerk Merckle genannt als Würth zum Wilden Mann; 1724 Der Wirt Georg Merkle genannt.

1766 Carl Merckle ist Eigentümer des dreistöckigen Hauses mit zweistöckiger Scheuer. Der Wilde Mann, Haus Nr. 78, wird mit 1000 Gulden angeschlagen.

1781 Wildmannwirt Ignaz Mayer geht wegen Wiedergenehmigung der Passionsspiele mit einer Deputation nach Freiburg.

1781/82 In dem rund 30 Jahre dauernden Kampf um die Ratsverfassung der Stadt und im Kampf der Schnabuliner, Mordiner und Finkenreiter um das Stadtregiment spielte der Wildmannwirt Ignaz Mayer eine große Rolle. Zunächst auf der Seite der Rebellen, wechselte er später als Finkenreiter hinüber in das Lager des Magistrats.

1784 Der Wilde Mann, inzwischen ein vierstöckiges Anwesen, wird mit 3150 Gulden angeschlagen.

1792 Ignaz Mayer wird zum Bürgermeister gewählt. Er amtierte bis 1817. Seine Tochter Walburga (1777-1839) verheiratete sich mit Franz Xaver Dold, Wirt zur „Blume“.

1825 Martin Mayer, verehelicht mit Maria Anna Hummel, ist Eigentümer des Wilden Mannes, der jetzt mit 5850 Gulden angeschlagen wird. Erstmals wird auch ein gewölbter Keller erwähnt. Martin Mayer war zu jener Zeit auch Eigentümer des sogenannten Glunkenhauses (Färberstraße 62), wo im Schlußstein des Türbogens zum Keller die Initialen „M M 1828“ eingemeißelt sind. Auf diesem Grundstück betrieben später seine beiden Söhne Johann Baptist und Emil August Mayer eine Malzfabrik. 1834 Martin Mayer stirbt. Seine Witwe verkauft das Wirtshaus zum Wilden Mann mit Keller, Scheuer, Stall, Bräuhaus, Kegelbahn und das auf dem Haus ruhende Tafern-, Real-, Bierbrau- und Schankrecht sowie ein Siebtel Anteil an der Bräugesellschaft (J. B. Schilling & Comp.) um 8300 Gulden an den aus Rötenbach stammenden ledigen Johann Heizmann.

1839 „Adler“-Wirt Franz Meinrad Hauger kauft von Heizmann das Gasthaus zum Wilden Mann um 10100 Gulden.

1839 Auf einem Gemälde von Joh. Nep. Ummenhofer, darstellend die Obere Straße, ist der Wilde Mann mit einem Erker abgebildet. Pius Beha ließ diesen Erker in den 1880er-Jahren abbrechen.

 

DER WILDE MANN kurz vor seiner „Pensionierung“. Das Gesicht des Hauses, die Fassade, wird sich durch einen Umbau bald verändern. Foto: privat

 

1843 Josef Grüßer, Müller, kauft von F. M. Hauger den Wilden Mann um 8000 Gulden. Der Wilde Mann hatte zu jener Zeit 10 Zimmer, einen Tanzsaal und Stallungen, in denen 70 Pferde eingestellt werden konnten. Ein Röhrenbrunnen im Hof wird auch erstmals erwähnt, der gegen einen jährlichen Canon von zehn Gulden an die Stadtkasse beibehalten wurde; 1846 Josef Grüßer stirbt im Alter von 38 Jahren.

1847 Der Wilde Mann wird zum Verkauf ausgeschrieben, ebenso 1848, 1852 und 1862.

1849 Thomas Meyer, Metzger, pachtet den Wilden Mann und führt alle Sorten Fleisch- und Wurstwaren. 1862 Johann Baptist Grüßer, Metzger, übernimmt den Wilden Mann um 8000 Gulden.

1869 J. B. Grüßer stirbt und hinterläßt Witwe und zwei Kinder.

1876 Pauline Grüßer, Witwe, geb. Sättele, verkauft den Wilden Mann um 24 857 Mark an Pius Beha, bisher Müller auf der Siechenmühle. Seine Ehefrau Christiana Reiser (1837-1900) ist eine Tochter des aus Kappel stammenden

Simon Reiser und eine Schwester des Landwirts Leo Reiser vom „Nordstetter Hof“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1904 Das dreistöckige Ökonomiegebäude mit Durchfahrt an der Hans-Kraut-Gasse brennt ab. Später entstand dort der Kinosaal der heutigen Camera-Lichtspiele.

1905 Georg Dreer, Bierbrauer von Kirchheim, Bayern, heiratet die Tochter Anna Beha.

1906 Pius Beha, ein Sohn des Sägers Isidors Beha und ein Bruder des Sägewerkbesitzers Josef Beha, stirbt im Alter von 73 Jahren.

1921 Nach dem Tod der Anna Dreer geb. Beha vererbt sich der Wilde Mann auf den Witwer, Gastwirt Georg Dreer.

1951 Frieda Schmid, geb. Dreer, Ehefrau des Bierbrauereibesitzers Karl Schmid in Spaichingen, erbt den Wilden Mann nach dem Tode ihres Vaters.

1942 Das Ehepaar Lotte und Josef Kupferschmid pachtet den Wilden Mann; 1958 Renovierung der Gaststätte, 1959 Rundbogendurchgang zur ehemaligen „Sonne“ gefunden. Später als Telefonzelle verwendet; 1968 Kaufmann Wilhelm Oberle kauft den Wilden Mann zur Erweiterung seines Möbelhauses; 1968 Der Wilde Mann wird am 1. April stillgelegt.

Mit dem „Wilden Mann“ ging ein gutes Stück gastronomische Tradition des mittelalterlichen Villingens zu Ende. Man darf jedoch hoffen, daß in Villingen ein neuer Gasthof „Wilder Mann“ erstehen wird zur Erinnerung an ein kulturgeschichtliches Zeugnis ferner Vergangenheit. H.

 

Alemannische Mundart

Im Lande Baden-Württemberg zeichnen sich zwei große Mundartgebiete ab: das Fränkische im Norden, das Alemannische mehr im Süden. Die Villinger Stadtmundart gehört zum Alemannischen, zu dem auch die Dialekte im Elsaß, im Allgäu und in der Schweiz zählen. Zu welcher Aussagekraft die alemannische Mundart fähig ist, sollen die folgenden Beispiele zeigen.

Joh. Peter Hebel (1760-1826)
Die Wiese

(Eingangsverse seines berühmten Gedichtes „Die Wiese“. Gemeint ist die Wiese, ein Fluß, der am Feldberg entspringt und bei Kleinhüningen im Kanton Basel in den Rhein mündet.)

Wo der Dengle-Geist in mitternächtige Stunde

uffeme silberne Gschirr si goldeni Sägese denglet,

(Todmaus Chnabe wüsse’s wohl), am waldige Feldberg,

wo mit liebligem Gsicht us tief verborgene Chlüfte

d’Wise luegt un check go Todtnau aben ins Tal springt,

schwebt my muntere Blick und schwebe mini Gidanke!

Feldbergs lieblige TocIter, o Wise, bis mer Gottwilche!

Loos, i will di jetz mit mine Lideren ehre

un mit Gsang bigleiten uf dine freudige Wege!

Im verschwigene Schoß der Felse heimli gibore,

an de Wulke gsäugt mit Duft und himmlischem Rege,

schlofsch, e Bütschelichind, in dim verborgene Stübli,

heimli, wohl verwahrt. No nie hen menschliche Auge

güggele dörfen und seh, wie schön mi Maideli do lit

im christallene Ghalt un in der silberne Wagle;

und kei menschlich Ohr het no si Otmen erlustret

oder si Stimmli ghört, si heimli Lächlen und Briegge.

Numme stilli Geister, si göhn uf verborgene Pfade

us und i, sie ziehn di uf und lehre di laufe,

genn der e freudige Sinn un zeige der nützliche Sache;

und es isch kei Wort verlore, was sie der sage.

Denn so bald de chasch uf eigene Füßlene furtcho,

schliefsch mit stillem Tritt us dim christallene

Stübli barfiß usen un luegsch mit stillem Lächeln an Himmel.

0, wie bisch so nett, wie hesch so heitere Äugle! Gell,

do ussen isch ’s hübsch, und gell, so hesch der’s nit vorgstellt?

Hörsch, wie’s Läubli ruuscht, un hörsch, wie d’Vögeli pfiife?

Jo, de seisch: „I hör’s; doch gangi witers und blib nit.

Freudig isch mi Weg und allewiil schöner, wie wiiter!“

 

Hermann Burte (1879-1960) (Dr. h. c.; Kleistpreis, Schillerpreis, Hebelpreis u. a.; Mundart des Markgräflerlandes)

Drei Scheine

Wenn d’Nacht verwacht im Land am Oberrhy

Se stöhnde uffem blaue Gwölb drei Schii.

E nooche hooche, haiter wie wenns heel isch,

Dasch Basel Schwyzer Freiheit evangelisch —

Mühlhuuse zue ne matte Schimmer,

wiis, do winke Elsis Hochburg und Paris —

Jez ob em Blaue, wo de Himmelpol isch,

Do denkt aim: Fryburg Münster Chrütz katholisch —

Drei Lichtschii wirke haimlig uf ys ine,

Vo alle goht mer kaine völlig ii:

Lieb Haimetland am Rhy, wie find i Dyne?

Lang Wy, schenk ii, do singt e Melodii, Wo d’Sunne lacht un liebe

Stärne schyne, I will in dir mit mir im Reine sy!

 

Das verlassene Mädchen

Der Drüübel waiket an der Landere

s‘ isch an der Zyt;

Die liebe Schwälmli fliege furt un wandere Wer weiß wie wyt —

My Schatz isch ab, er sei go Flandere —

Mi so verloh!

O wenn er lacht ob mir by Andere:

Hi soll er goh!

 

 

Gerhard Jung (1926; Hebelpreis 1974;

Mundart des Markgräflerlandes)

Sell mueß mr chönne

Egal ob mr jung isch,

egal ob mr alt isch,

e Zit, wo so hert isch,

so falsch un so chalt isch,

e Zit, voll mit Hunger,

mit Haß und mit Spott,

e li-Zit, wo keine de ander will chenne,

e Zit ohne Mensche,

e Zit ohne Gott:

De chasch sie bloß trage,

wenn „Du“ chasch sage.

Du! Sell mueß mr sage chönne,

trotz dere Zit.

Du — suscht nüt.

S mueß dr uf de Lippe brenne!

 

Karl Kurrus (1911; Kaiserstühler Mundart)

Wer tuat s

Not in der Welt,

regiare tuat s Geld. —

Rede un Predig:

Guats tua isch netig!

Wer hert s?

Wer tuat s?

Hersch es aü zehmol, hundertmol.

Nit murre,

nit grolle!

Der Teifel süfliart:

„Selli solle!“

Hans Hauser (1907; Villinger Stadtmundart)

Morge

I bi um d’Mitternacht verwacht

und hau mer Angst und Sorge gmacht.#

Jetz taget es. Zum viertemol

schleet’s Münster d’Stund, ’s schlooft ells noh wohl.

Mich triibt es nus, i find koe Rueh,

es Hochgricht nuff, Lorette zue.

Und wie n i stand, emol verschnuuf,

goht ob em Bluetroe d’Sunne n uff,

si hanget über d’Wanne rii

mit rote Ärm in Nebel nii

und schumet wie e Wäscheri.

Wie suber stond jetz Türn scho do,

und d’Gibel au denandernoo;

jetz wäscht si d’First und d’Gaupen ab,

jetz Dächer bis an Kearner nab,

jetz glüenet d’Schiibe geal und rot,

z’mols glitzeret ells. Um d’Ringmuur stoht

jetz Boom a Boom und Struuch im Tau.

Hei, danket iserm Hergett au!

Es liitet Bätziit. Tröstli stoht

des Liite jetz im Morgerot.

Die erste Kämig raichet drii,

’s word welleweag bi de Becke sii.

So, sind er uff? Helfichi Gott!

Si bachet is es tägli Brot.

Wa het mi nu so druckt die Nacht

und worum hau mer Sorge gmacht?

I woes es nimme, acht nit druff,

und ell Dag goht jo d’Sunne n uff!

 

Aus der Baugeschichte des Benediktinerklosters zu Villingen (H. Brüstle)

Seit dem 15. Jahrh. besaß der Benediktinerorden, dessen Kloster 1083 auf der Gemarkung des heutigen St. Georgen im Schwarzwald gegründet worden war, in Villingen ein Haus, die sogen. Alte Prälatur an der Nordwestseite der Stadtmauer. Daneben standen eine Kapelle und ein Konventhaus. Beide fielen 1637 einem Brand zum Opfer. Die Kapelle wurde wieder aufgebaut.

Nachdem nach 1648 das Kloster in Sankt Georgen endgültig an das protestantische Württemberg gefallen war, begannen die Mönche in Villingen mit dem Bau eines neuen Klosters. 1662-66 wurde der jetzige Nordflügel im Anschluß an die schon bestehende Kapelle erbaut. Dieser Trakt war der Ausgangspunkt der gesamten Klosteranlage. Parallel hierzu erstand das Langhaus der Kirche nach Plänen von Michael Thumb (1688). Erst 1719 wurde der Kirchenbau beendet; 1728 erfolgte eine Erweiterung des Chores bis zur Stadtmauer. Der Kirchturm selbst mit seinem schönen Turmhelm, ein Werk des Villinger Kunstschreiners Martin Hermann, war erst um 1756 fertig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bau des verbindenden Mittelflügels hatte 1728 seinen Abschluß gefunden. Unser Bild gibt einen frontalen Durchblick auf den Hochaltar. Die Kirche ist als Wandpfeilerkirche deutlich zu erkennen. Das Langhaus ist von einer Tonne überwölbt. Hochaltar und Altarblatt sind ein Werk von Künstlern aus der Villinger Malersippe Schilling.

Vor 96 Jahren (Josef Honold)

Am 28. August 1975 lief von Triberg her die erste Elektrolok im Villinger Bahnhof ein. Damit hatte die fast hundertjährige Zeitspanne der Dampflok ihr Ende gefunden. Es liegt nahe, heute einen Blick zurückzuwerfen auf die Zeit, als Villingen mit der Anbindung an die Schwarzwaldbahnstrecke seine ersten zaghaften Schritte in das Industriezeitalter hineintat. Aus der damaligen Presse ist hierzu folgendes zu entnehmen:

Anfang August (1868) gab das Handelsministerium bekannt, daß mit dem 16. August der regelmäßige Zugverkehr auf der Linie Villingen—Konstanz aufgenommen werden soll. Zur festlichen Gestaltung dieses Ereignisses wurde sofort ein Festkomitee ins Leben gerufen. Am 8. August meldete ein Extrablatt, daß gegen Abend mit dem Eintreffen einer Lokomotive zu rechnen sei. Die Nachricht trieb die Zuschauer in Scharen zum Bahnhof. Böllerschüsse verkündeten die dampfumwölkte Einfahrt des Dampfrosses. Der Eindruck auf die anwesenden Villinger war überwältigend.

Das eigentliche Eröffnungsfest fand am 15. August statt. Hierzu lud der Gemeinderat alle Staats- und Gemeindebeamten zu einer Besichtigungsfahrt Donaueschingen—Villingen ein. Unterwegs hielt der Zug an baulich wichtigen Stellen, und Direktor Bär von der Wasser- und Straßenbaudirektion Karlsruhe gab jeweils die technischen Erläuterungen. Zum Empfang am Bahnhof Villingen war inzwischen ein Festzug anmarschiert, an seiner Spitze das Musikkorps des 5. Infanterieregiments und der Sängerbund Villingen. Unter dem Dröhnen von

Böllerschüssen und mit einem Tusch des Musikkorps fuhr der Zug langsam in den Bahnhof ein. Der Festzug bewegte sich hierauf samt den neu angekommenen Gästen zum Marktplatz, wo Bürgermeister Schupp eine Rede hielt, worin er der Freude Ausdruck verlieh, daß nun nach einer langen Kette von Petitionen, die sogar bis in das Jahr 1842 zurückreichte, der für die Zukunft Villingens so lang ersehnte wichtige Tag gekommen sei. Ein Festessen von hundert Gedecken vereinigte die geladenen Gäste in der Blume Post, wobei auch ein Dankestele-gramm an den Großherzog abgesandt wurde.

Nachmittags vier Uhr fand ein großes Bankett in der festlich geschmückten Güterhalle statt.

Nur acht Tage später wurde auch die Strecke Rottweil—Villingen dem Verkehr übergeben. Am 24. August traf ein Sonderzug mit geladenen Gästen mittags um ein Uhr in Villingen ein, wurde vom Gemeinderat begrüßt und fuhr nach kurzem Aufenthalt nach Schwenningen zurück, wo sich die Hauptfestlichkeiten abspielten.

Für die Weiterführung der Bahnlinie in Richtung Offenburg war St. Georgen festgelegt worden. Die Linie führte von Villingen aus durch das Groppertal (ursprünglich war Mönchweiler vorgesehen). Die erste Haltestelle war der „Hammer“ (Unterkirnacher Bahnhof).

Von Karlsruhe war zu hören, daß nun auch für eine Seitenlinie Villingen—Marbach—Dürrheim die nötigen Etatmittel vorgesehen seien.

Entnommen aus: Villingen 1868-1884 von Josef Honold

 

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Aus der Villinger Chronik von 1794 bis 1812 (Jos. Simon Eisele, Christian Roder)

verfaßt von Jos. Simon Eisele, herausgegeben von Christian Roder

Anno 1798 fielen die Franzosen in die Schweiz ein; wir (Villingen) blieben daher in diesem Jahr von Soldaten (Einquartierung) frei. Der Friede sollte zu Rastatt geschlossen werden; bekanntlich aber kam er nicht zustande. Daher ging der Krieg aufs neue an.

Anno 1799, den 1. März, brachen die Franzosen abermals über den Rhein und schon den 3. März kamen ihre Vorposten hier an.

Den 4. März marschierte die Armee, Infanterie wie Kavallerie, hier durch, wo wir 33000 Mann und 36 000 Pferde erhalten mußten. Manche Leute gerieten dadurch so sehr in Not, daß sie den Wirten sogenannte Gottengelder, Zinn, Gaißen usw. versetzen mußten, nur um dem Feind genug Wein anschaffen zu können. Viele Bürger hatten 20, der Reichere 30 Mann im Quartier. Die Klosterfrauen mußten 100 Mann und die Kapuziner ebensoviel verpflegen. Bei den Benediktinern quartierten sich der General und alle Offiziere ein; General Jourdan war der erste davon. Anfangs zeigte er sich sehr höflich, bald darauf aber forderte er 550 Gulden. Der beste Klosterwein war ihm zu schlecht. Man mußte ihm Burgunder- und Champagnerwein holen lassen und über jede Mittagstafel 25 Speisen, ohne das Konfekt, aufstellen. Der Stadt forderte er auch 200 Gulden ab. Sie ließ 100 Malter Früchte zu Kommißbrot mahlen und sollte noch 6000 z Heu hergeben. Allein die meisten Bürger hatten keines mehr zu Hause. Daher wollten die Franzosen die Häuser visitieren, was aber vom Magistrat noch verbeten wurde. Der Mangel an Futter wurde endlich so groß, daß viele Bauern ihr Vieh aus Mangel dessen schlachten mußten.

Den 7. eiusdem mußten auf der Stelle 3 Backöfen in der Franziskanerkirche rechter Hand bei der Kanzel errichtet und die Kirchenmauer durchbrochen werden, um die Öfen in dem Kreuzgang anbringen zu können.

Den 15. eiusdem fiel die versilberte Statue von Kaiser Karl V., welche in Lebensgröße auf dem Marktbrunnen stand, mittags zwischen 12 und 1 Uhr von selbst in den Brunnen, welches von vielen als eine böse Vorbedeutung angesehen wurde.

Den 26. und 27. eiusdem kam die geschlagene französische Armee hier wieder an (nach ihrer Niederlage bei Ostrach und Stockach), wo General Jourdan der Stadt abermals eine Forderung machte, welche man nicht aufzubringen wußte. Alle Tage mußten bei 100 Malter Früchten zum Kommißbrot herbeigeschafft werden. Und als den Fleischhackern ihre Mastochsen ausgegangen waren, so nahm man den Bürgern ihre Ochsen aus den Ställen und schlachtete sie.

Den 31. eiusdem zogen die Franzosen endlich in der Nacht von hier ab. Zuvor forderte der General Jourdan von der Stadt noch 14 000 Gulden, und als diese nicht zusammengebracht werden konnten, hob er heimlicher Weise 7 bemittelte Bürger als Geiseln aus und führte sie nach Straßburg ab, wo sie bis nach Erlegung des Geldes verbleiben mußten. Es waren dies: Herr Dr. Syndicus Handtmann, Herr Benedikt Ummenhofer, Apotheker und Richter, Herr Talvogt und Richter Barnabas Mayer, Herr Jakob Dold, Blumenwirt, Herr Jos. Provence, Kaufmann, Herr Adrian Wickenhauser, Hirschwirt, und Anton Schertle, Metzger. Als endlich Herr Thurneisen in Basel der Stadt das Geld vorgeschossen hatte, kamen die den 17. April hier wieder an.

Anno 1800 fielen die Franzosen wieder über den Rhein. Den 26. April mußte der Landsturm von den hiesigen Bürgerssöhnen, wie aller Orten, nach dem Breisgau ausrücken. Sie nahmen einen eigenen Feldkaplan namens Georg Käfer (den späteren Theologieprofessor in Freiburg) mit, kamen aber nicht weiter als bis nach Waldkirch, wo die kaiserlichen Truppen aufgestellt waren . . . Den 2. Mai kam der Landsturm hier wieder an, weil die Kaiserlichen sich zurückzogen, nachdem die Franzosen bei Stein über den Rhein gesetzt hatten und den Unsrigen beinahe in den Rücken gekommen waren.

Den 20. Juli marschierten hier viele Franzosen durch und quartierten sich auf den umliegenden Bauernhöfen ein. In der Stadt lagen ungefähr nur 100 Mann und verblieben drei Monate lang. Die Bürger mußten alle Monat eine halbe Steuer bezahlen und alle 14 Tage eine Ration Haber, eine Ration Heu und eine Ration Stroh liefern. Während dieser drei Monate kostete es jeden Bürger 11/2 Steuer. Zum Glück hatten wir im nämlichen Jahre eine außerordentlich ergiebige Kornernte.

Den 10. Christmonat wurden 1500 Franzosen hier einquartiert.

Anno 1801, den 7. Jänner, wurde die ganze Bürgerschaft in die Pfarrkirche geboten, wo ihr der (französische) Kommandant zwei schriftliche Aufsätze vorlas, den einten für das Militär, den andern für das Civil, damit jeder wisse, wie er sich zu verhalten habe. Hierauf wurde das bürgerliche Gewehr abgefordert und in Verwahrung genommen.

Vom 15. November bis zum 17. Jänner (1801) hatten wir 34 000 Soldaten in Speis und Trank umsonst erhalten. Im Frühling dieses Jahres kam zwischen Frankreich, Österreich und England der Friede zustande (Lüneville, 9. 1. 1801).

Anno 1803, den 13. März, las der Stadtpfarrer Wittum ein öffentliches Patent von der Kanzel ab, daß wir einen neuen Landesherrn, nämlich den Prinz Ferdinand von Modena haben, welchem nach den Tode des Herkules Magnus, Herzogs von Modena, das Breisgau erblich zugefallen war.

Anno 1806, den 5. Jänner, kam ein württembergischer Kommissär mit 50 Mann Infanterie und 50 Mann Cavallerie hierher und nahm für die Krone Württembergs von der Stadt Besitz (im Frieden von Preßburg, den 26. 12. 1805, waren Villingen und Bräunlingen zu Württemberg gekommen).

Den 30. Mai wurde die Stadt von einem französischen General dem württembergischen Kommissär übergeben. Den 24. eiusdem wurde alles Gold, Silber, Kelch und Monstranzen und was in den Kirchen von Wert war, von dem württembergischen Kommissär aus dem Benediktiner-, Kapuziner- und Ursulinerkloster hinweggeführt und die Klöster aufgehoben.

Den 12. September kam ein französischer General mit einem badischen Kommissär hier an und übergab Villingen und Bräunlingen dem Großherzog von Baden.

Flucht aus dem Diebturm (Romeiusturm) (Werner Huger)

In Heinrich Hugs VILLINGER CHRONIK von 14951533 steht 1):

Im 97 jar uff concepsioniß Marie (8. December) do ward ainer gefangen, hieß Romiaß Manß und ward gelegett in den Diebturn2) von etlicher wortt wegen, die er gebrucht sollt haben gegen dem stattschriber und Hansen von Franckfurtt, was hie schulthaß; und lag in dem turn bis nach dem hochzitt winech (25. December). Do hatt man sin gebotten, geluten ratt3), und ward mit dem merer ratt erkent in den turn sin leben lang, und solt man im alle tag uß dem spitall geben 1 stuck brott und ain krug mit waser; aber was im sunst sin frind und ander gutt giner um gotz willen gabend, das mocht man wol liden. Do hat er gutt frind und giner, gab im je ainer ain tag der wochen zu essen im turn; und hat der gemein man gar ain groß mit-liden mit im, aber es moch im nitt zu hilff kumen. Und begab sich darnach in der fassten, das hertzog Jergen zug von Begern4) hie her kam; der wollt ritten in Hochburgund. Denselben grauffen und rittern lettend frum lutt Romiaß sach fur, warumb er so hertt gefangen wer, und was die ursach wer. Do battend fur in 3 grauffen und 7 ritter und frigheren. Aber es halff alls nut; ain ratt fermaintt, er raust im turn gestorben sin nach ir erkannuß. Und macht im ain ratt ain brugk uß flecklin5) in den turn und fersorgeten in faßt woll, des sy maintend; aber im mocht kain mensch da danen helffen.

Do ruff er die lieben helgen an und lugt, was im gutt mocht sin. Und ward im ain messer in turn ains fingers lang; dar-mit bracht er zu wegen mit der hilff gots und der lieben hellgen, das er ain spris nach dem ander in die mur bracht, bis er oben an die bine kam. Do hatter groß nott, dan die tromen all aiche groß sind; und arbaitt nu nachts und traib es so lang bis an unßers heren fronlichnams abend (13. Juni 1498)6) umb die 11 stund im tag. Do was er uff der bine im turn und russt sich zu mit den saillen, diel). Und do es nacht ward zwischen 10 und 11, do hat er sich ganz gerusst und fiel an aim saill zu ainer beg8) hinab bis uff as techlin vor dem turn, und ließend in die hend am sail und fiel herab uff dillen, die lagend da;

Damit war die Grundlage für die Romeius-Sage gelegt. Manches, was Heinrich Hug weiter über Romeius9) mitteilt, ist wenig konkret10). Es leistet der Romeius-Sage mehr Vorschub als es sie verhindert. Der von Hug beschriebene Ausbruch des Romeius aus dem „Diebturn“ hat die Phantasie besonders beflügelt11). Die erste und bis heute einzige in der Literatur bekannt gewordene Untersuchung des Turminnern mit dem Ziel, einen möglichen Fluchtweg aufzuzeigen, stammt von Christian Roder12). Er schreibt: Der Turm, in welchem Romeius gefangen lag, ist der noch stehende, massive, 38 m hohe St. Michaels turm, früher auch Diebsturm geheißen, in der Ringmauer an der westlichen Seite der Stadt. Nur schwere Übeltäter pflegte man in demselben zu verwahren. Das Verließ selbst ist 8,5 m unter dem Eingang auf der Sohle des Turms in dunklem Geviertraum ohne jede Seitenöffnung. Die Lichtweite je einer Mauer beträgt 4,10 m; in der Höhe von 4 m müssen früher Querbalken in die Mauer eingelassen gewesen sein, wie aus den viereckigen Einschnitten in derselben zu ersehen ist. Der Raum ist feucht mit stehendem Wasser an den Wänden. In der nordöstlichen Ecke gewahrt man eine etwas über die Erde herausragende viereckige Steinplatte, auf welcher ein cirka 11/2 Zentner schwerer, offenbar zur Fesselung der Gefangenen bestimmter Stein mit eingelassenem Eisenring liegt. Die Turmmauern haben unten eine Dicke von 2,60 m und bestehen hier aus zum Teil mächtigen Quadersteinen. In die Fugen der Mauern, besonders der nördlichen, sind mit eisernem Geräte Löcher tief eingekratzt, mittelst deren ein Mann von einiger Gewandtheit auch ohne eingetriebene Pflöcke etwa 3 m hinaufklettern kann. Hatte der Gefangene sich auf 4 m emporgearbeitet und durch eine eichene Diele des ersten Bodens über ihm eine Öffnung zum Durchschlüpfen zustande gebracht, was bei so primitivem Werkzeug wie ein Handmesser allerdings äußerst schwierig war, so gelangte er von diesem Boden zum zweiten, dann auf den hölzernen Stiegen zur oberen Bühne. Dort lagen Seile zum Hinaufziehen und Herablassen von Geschützen und Baumaterialien — ein Haspe ist noch vorhanden — und die Sache war soviel wie gewonnen 13).

Diese Darstellung mußte wohl oder übel bis heute geglaubt werden14). Wenn wir inzwischen zu veränderter Ergebnissen kommen, dann liegt es vor allem an dei exakteren Beobachtung, die uns durch die besseren technischen Hilfsmittel, besonders dem elektrischen Lichit und der Fotografie als Instrument nachträglicher Kontrolle, zur Verfügung steht15).

Roders Ausführungen sind im Kern realistisch. In wichtigen Punkten sind sie allerdings ungenau, zu wenig reflektiert, bzw. irrig. In der vorliegenden Form kann man sie deshalb nicht mehr verwerten.

Es wurden zwei neuere Untersuchungen durchgeführt. Die erste erfolgte am 19 Februar 1971. Hier wurde ausschließlich der innere Turmbereich ab Höhe des Eingangs zum Turm bis zur Turmsohle beobachtet und fotografiert sowie alle wichtigen Daten notiert16).

Blick oberhalb des Eingangs nach unten in das Turmverlies. Eingang bei der Strickleiter.

 

 

Erwin Thierer beim Ersteigen der Nordwand.

 

Dieser Turmteil diente in früherer Zeit als Gefängnis, wie sich überhaupt in mittelalterlichen Anlagen die Verliese nicht in einem Keller sondern im Turm unterhalb des in mehreren Metern Höhe liegenden Eingangs befanden. Beim Romeiusturm ist die Oberkante der Eingangsschwelle außen 5,90 m über dem derzeitigen, gepflasterten Boden. Ein schmaler Gang von etwa zweieinhalb Meter Länge führt durch die Mauer der Ostwand ins Innere. Die Turmsohle liegt rund 8,80 m unterhalb der Höhe der Eingangsschwelle. (In den Ringanlagen sind es an der nordwestlichen Ecke ab dem letzten oberirdisch sichtbaren Teil des Turms noch ungefähr 1,5 m bis zur Turmsohle in seinem Innern. Es bleibt dabei offen, wie weit die Fundamentierung reicht.)

Der Boden der Turmsohle besteht aus Stein, vermutlich keine Platten, vielmehr eingelassene Quader. Wände und Boden sind absolut trocken. Achtzig Zentimeter unterhalb der Höhe der Oberkante der Eingangsstufe befindet sich an der östlichen und westlichen Innenwand, auf mehreren Mauerkonsolen aufliegend, je ein Balken, der in Nord-Südrichtung verläuft 17). Im rechten Winkel auf diesen zwei Balken liegend, verlaufen in Ost-Westrichtung vier Balken. Der eine schließt an die Nordwand an, es folgen im regelmäßigen Abstand die nächsten zwei, die über den mittleren Teil des Raumes führen, der letzte grenzt an die Südwand. Es fehlen nur die abdeckenden Bohlen oder Bretter, um das Stockwerk fertigzustellen, denn hier lag der Boden des untersten Stockwerks des Turms auf: acht Meter rund über der Sohle18). Das Turminnere ist, der Architektur des Gesamtbaues folgend, quadratisch und hat eine Seitenlange von durchschnittlich 4,15 m. Der Fußboden ist mit Verwitterungsschutt, Taubenmist, zahlreichen toten Tauben und Gerümpel in unterschiedlicher Höhe bis etwa fünfzig Zentimeter bedeckt. Der ursprüngliche Fußboden wurde aus zeitlichen und technischen Gründen nur dort, wo es sich als sinnvoll erwies, hauptsächlich bei der Nordwand, im Umfang eines halben Quadratmeters freigelegt. Die Turmfundamente bestehen im Innern aus zum Teil mächtigen, mehrere Zentner wiegenden Bruchsteinen. Die Struktur ist mit der Außenseite des Turms, wie sie unterhalb des Eingangs zu beobachten ist, zu vergleichen. Für die Schließung des unregelmäßigen Stoßes zwischen den Steinen wurde Kalkmörtel verwendet. Der Raum war taghell ausgeleuchtet. Es wurden die Wände in Augenschein genommen. Ostseite: Bis zum untersten Etagenboden in rund acht Meter Höhe ist der Mörtel und sind die Steine unbeschädigt. Die Wand ist fugenlos und besitzt keine auffallenden bzw. erwähnenswerten Steinvorsprünge oder Löcher. Das gilt auch für die Südseite. Die Westseite zeigt etwa in der Mitte, etwas über einem Meter Höhe ab Fußboden, zwei auffallende Löcher geringen Umfangs und Tiefe in den Fugen nahe beieinanderliegend.

Schlüsse von Bedeutung lassen sich daraus nicht ziehen. Man kann annehmen, daß die Löcher von Menschenhand eingekratzt wurden. Auffallende Veränderungen zeigt als einzige die Nordwand des Turmes. Links von der Mitte der Wand liegen mehrere Löcher neben- und übereinander. Sie sind — ohne eine Entscheidung zu treffen —regelmäßig so groß, daß ein Mensch bequem seinen Fuß hineinstellen kann. Sie befinden sich immer an Stellen, wo der unregelmäßige Stoß der Bruchsteine die bindende Vermörtelung notwendig machte. Nach der Breite liegen sie ungefähr fünfzig Zentimeter auseinander, in der Höhe annähernd Schrittlänge. Eine genaue Symetrie besteht nicht, aber die Zuordnung ist auffällig. Die gesamte Breite der Löcherzone beträgt ungefähr ein Meter. In 4,20 m bis 4,60 m Höhe sind diese Löcher zu Ende 18a). Erwin Thierer erstieg diese Höhe ohne nennenswerte Anstrengung bei der Erprobung. Die restlichen knappen vier Meter der Nordwand bis zum Balken sind in der Richtung rechts von der Mitte ziemlich glatt. Man könnte hier nicht weitersteigen. Links von der Mitte, ungefähr in der Diagonalen zur nordwestlichen Turmecke hin, erlauben es Unregelmäßigkeiten in der gegen das Turminnere gerichteten Fläche der Mauersteine, ferner kleinere Löcher im Mauerwerk und sonstige unscheinbare, kleine Vorsprünge, wenn auch mit Gefahr, weiterzusteigen. Während von unten her die nach oben gegen die Mauer gerichteten Scheinwerfer mit den Unebenheiten der Wand ein Schattenrelief dem Betrachter von oben zuwarfen, bestätigte Fritz Kruckow, vom Eingang des Turmes her beobachtend, daß die Unebenheiten der Nordseite einen Aufstieg möglich machen müßten. Fritz Kruckow, der auch Bergsteiger ist, meinte, ein Bergsteiger würde auf den jeweiligen Vorsprüngen bei den vorhandenen Griffmöglichkeiten eine viertel bis eine halbe Stunde ausharren können. Auf sein Angebot hin, wurde Erwin Thierer ans Seil genommen, von oben fachgerecht gesichert, um den Aufstieg zu versuchen. Er überwand zunächst den Bereich, der durch die Wandlöcher gut zu ersteigen ist, wie er bewiesen hatte, mit Hilfe der Leiter bis in vier Meter Höhe. Von dort erkletterte er die restlichen vier Meter bis zum Balken in diagonaler Richtung und erreichte ihn in der nordwestlichen Ecke. Er benötigte dazu nur verhältnismäßig kurze Zeit.

Der Beweis, daß die Nordwand, so wie sie derzeit vorgefunden wird, von der Sohle bis in die Höhe von rund acht Metern, d. h. bis in den Bereich der untersten Bodendecke des Turmes, grundsätzlich erstiegen werden kann, wurde erbracht. Die Anstrengungen sind allerdings bedeutend, und die Gefahr des Absturzes besteht immer, vor allem dann, wenn es dunkel ist und alles ertastet werden muß.

Die notwendige Zurückhaltung erlaubt es dem Verfasser nicht, das gelungene Experiment als Beweis für die Flucht technik des Romeius zu würdigen. Die Flucht hat sich aber wahrscheinlich so ereignet.

Die zweite Untersuchung des Turminnern wurde am 14. Oktober 1972 durchgeführt 19). Der Verfasser überprüfte in einer Kontrollbeobachtung den Inhalt seiner Niederschrift vom 20. Februar 1971 unter besonderer Berücksichtigung der Roder’schen Angaben20). Es ist sicher, daß es früher in vier Meter Höhe über der Turmsohle keine Querbalken und damit auch keinen Boden gegeben hat, weil es keine angeblich viereckigen Einschnitte in der Wand dafür gibt. Es befindet sich ein einziges viereckiges Loch mit rund dreißig Zentimeter Seitenlänge in etwa vier Meter Höhe21). Es hat jedoch kein Gegenstück und keine sonst dafür passende Verbindung. Es liegt dafür in der Zone der übrigen Wandlöcher, die als vertikale Anordnung aufgefaßt werden müssen, und ist dieser zuzuordnen. Das Loch paßt zur Theorie der „Aufstiegszone“ Dieser Sachverhalt macht in Wahrheit einen Ausbruch noch verwegener. Wer heraus wollte, mußte bis zur Höhe von acht Meter steigen!

Der zweite Teil der Ortsbesichtigung galt der Beobachtung der Geschosse ab Turmeingang nach oben. Auf Höhe des Eingangs befindet sich kein Stockwerkboden 21a). Ein schmaler, podestartiger Steg führt gegen die Südwand zu einer Treppe. In halber Höhe zum nächsten Stockwerk winkelt diese sich ab und verläuft nun an der Westwand. Die Holzkonstruktion ist alte, rauhe Zimmermannsarbeit, die Balkenverbindung holzverzapft22). Zum erstenmal bringt eine rechteckige, mit den Längsseiten nach oben verlaufende Wandöffnung auf der Ost seite Licht in das Stockwerk über dem Eingang. Wiede winkeln sich die Treppen, diesmal standortversetzt, in Halbetagen an den Wänden hoch zum zweiten Obergeschoß über der Eingangspforte. Die Stockwerke haben einen gegenseitigen Abstand von durchschnittlich viereinhalb Meter23).

Fensteröffnung im 2. Obergeschoß über dem Eingang. Links alte Seilwinde, rechts alter Treppenaufgang zum nächsten Stockwerk.

 

Die Bodenkonstruktion ist die gleiche wie schon beim Verlies beschrieben: Konsolsteine in der Wand, darauf ein Längsbalken, darüber Querbalken, darauf der Bretterboden ohne besondere Befestigung. Das zweite Obergeschoß hat an der Ostseite ebenfalls eine rechteckige Lichtöffnung. Sie ist ein halber Meter breit und über zwei Meter hoch. Von der Öffnung beträgt die Turmhöhe bis zum früheren Boden an der äußeren Ostseite rund sechzehn Meter oder sechs Stockwerke eines modernen Hauses. In dem Raum befindet sich neben der Luke, im Nordteil und diesen von West nach Ost fast ausfüllend, eine querliegende, baumstammartige Welle, die an ihren Enden jeweils in einen fest verankerten, senkrecht stehenden Balken drehbar ausläuft. Es ist eine Seilwinde, die geeignet ist, aus dem Innern des Turms schweres Material nach oben zu bringen24). Ein Mensch könnte sich von hier aus nach außen abseilen.

Stein zur Anfesselung der Gefangenen mit Rest eines eingelassenen Eisenringes.

 

Bevor wir unter Würdigung des vorgefundenen Sachverhalts die Möglichkeit eines Ausbruchs andeutungsweise rekonstruieren, muß noch ein Fund erwähnt werden. Roder schreibt, daß auf der Sohle des Turms „ein ca. 11/2 Zentner schwerer, offenbar zur Fesselung der Gefangenen bestimmter Stein mit eingelassenem Eisenrin liegt“25). Im hellen Licht unserer Lampen entdeckte einer der Helfer am 19. 2. 71 einen Stein, der im Protokoll vom 20. 2. 71 wie folgt beschrieben ist: Er ist fast halbkugelig, besitzt zum Teil jedoch ebene Flächen, die ihn zu einem Zwischending von Kugel und stumpfen Kegel machen. Die Grundfläche ist plan. Der Durchmesser beträgt etwa dreißig Zentimeter. Man kann ihn ohne große Anstrengung hochheben. Er wiegt schätzungsweise zwanzig Kilo. Die Farbe ist hell. Im Zentrum, oben in der Wölbung, ist Eisen eingelassen, das schon stark oxidiert ist. Man kann aber deutlich erkennen, daß es sich um den unteren Kreisausschnitt eines Ringes handelt. . . . Er erinnert an die Eisenkugeln, die man mit Ketten den Häftlingen in späterer Zeit an den Beinen befestigte. . . .26). Der Stein wurde am 14. Oktober 1972 geborgen, gewogen, konserviert und dem Stadtarchiv Villingen für das Museum übergeben. Sein genaues Gewicht ist achtundzwanzig Kilogramm27).

SKIZZE W. Huger: Romeiusturm Villingen, Nordwand, innen

 

Der Leser mag sich nach den vorliegenden Schilderungen den Fluchtweg des Romeius nun selbst zusammenkombi-nieren. Dem Berichterstatter bleibt nur nochmals der Hinweis, daß eine Flucht von der Sohle des Turmes über die Wand bis zur Balkenlage in acht Meter Höhe eine gewaltige Anstrengung verbunden mit großer Gefahr — zumal bei völliger Dunkelheit — bedeutet. An den Balken angelangt, bieten diese gute Haltemöglichkeiten. Ein Brett oder eine Bohle des darüber befindlichen Bodens nach oben und auf die Seite zu drücken (nicht mit dem Messer durcharbeiten, wie Roder meint) ist nicht mehr so schwierig. Der Weg weiter nach oben, die schwere Eingangstür ist ja verschlossen, geht dann über die Treppen. Das Abseilen aus beachtlicher Höhe bei Nacht ist eine mutige Tat, wobei man nicht vergessen sollte, daß Mut, Verzweiflung und Angst nahe beieinander wohnen28). Ein Ausbruch, wie er uns von Heinrich Hug für Romeius beschrieben wird, ist überhaupt nur aus der Grenzsituation eines verlorenen Menschen zu verstehen. Der Lebenswille erzeugt eine ungewöhnliche Leistung, die sich im Laufe der Zeit zu einer sagenhaften Tat verklärt.

1) Heinrich Hugs „Villinger Chronik von 1495 bis 1533“, herausgegeben von Dr. Christian Roder, Professor am Realgymnasium Villingen, Tübingen 1883, Seite drei und vier. In der Roder’schen Wiedergabe des Textes erscheinen bei verschiedenen Wörtern Aktenzeichen. Sie wurden hier weggelassen. Die Datumspunkte, z. B. 8. December, wurden vom Verfasser eingesetzt.

Auf die Übernahme der Roder’schen Fußnoten wurde in der Regel ebenfalls verzichtet. Wo auf Fußnoten verwiesen wird, handelt es sich um die des Verfassers dieses Beitrags, teilweise in Verbindung mit den Roder’schen Anmerkungen.

2) Laut Roder ist der Diebesturm der jetzige S. Michelsturm; wiederum der jetzige Romäus-, Romeius- oder Romeiasturm. Der Verfasser entscheidet sich für die Bezeichnung „Romeius“, weil sie nach seinem Sprachempfinden auf die ältere Mundartform verweist.

3) Nach Roder: Der durch die Ratsglocke zusammenberufene Rat.

4) Nach Roder: Begern = Baiern (Bayern)

5) „brugk uß flecklin“ wird eine Holzpritsche sein; flecklin = Pflöcke (?) (Ein alter Villinger sagte dem Verfasser, der Ausdruck „flecklin“ oder „pflecklin“ für Pflöcke sei ihm noch vertraut.)

6) Er saß also bereits ein halbes Jahr im Turm. Das muß eine erhebliche seelische und körperliche Folter gewesen sein, bei völliger Dunkelheit, Stille, Kühle und Einsamkeit: Ein starkes Motiv für einen Ausbruch.

7) Textstelle unvollständig. Nach Roder sinngemäß: „die dort lagen“.

8) Nach Roder: Laden; (Öffnung).

9) Die vergangene Zeit liefert mehrere Schreibweisen: Romäus, Romeias, Remigius, Romyas, Romiaß.

10) Chronik a. a. 0. Seite 5 und 51.

11) Nachzulesen bei Hans Brüstle: Villingen — Aus der Geschichte der Stadt, Neckar-Verlag Villingen, 1971, Seite 102ff. vgl. auch Max Rieple, Sagen und Schwänke vom Schwarzwald, s. 65 ff: Vom Riesen Romeias, Rosgarten Verlag, Konstanz.

12) Die Veröffentlichung liegt dem Verfasser in Fotokopie vor. Leider fehlt der Einband mit Titel. Aus den Seiten 205 und besonders 209 unten ist zu entnehmen, daß es sich um ein Scheffeljahrbuch nach 1892, möglicherweise 1895 gedruckt, handelt.

13) Scheffeljahrbuch a. a. 0., S. 204 und 205.

14) Vgl. z. B. Hermann Alexander Neugart: Der unsterbliche Rebell, Verlag Müllerdruck, Villingen 1970, Anhang S. 162, Ziffer 27.

15) Der Herausgeber des Jahrbuchs, a. a. 0. Seite 205 — Fußnote —, schreibt, er habe mit Meister Roder zusammen in den letzten Herbstferien den Diebsturm untersucht und könne die obigen Angaben (in seinem Jahrbuch) an Zeugenstatt bestätigen. „Dort unten aber war’s fürchterlich“. Daraus ist zu schließen, wie unzureichend ihre Lichtquellen damals waren. Im hellen Licht einiger hundert Watt wird die gespenstische Finsternis entzaubert und für „fürchterlich“ ist dann „trostlos“ zu setzen.

16) An dem Unternehmen waren außer dem Verfasser beteiligt: Dr. Josef Fuchs, Leiter des Stadtarchivs Villingen, Oberstudiendirektor Gerhard Walther vom Wirtschaftsgymnasium Villingen, Oberstudienrat Fritz Kruckow vom Wirtschaftsgymnasium Villingen, (beide Herren schossen die vorzüglichen fotografischen Aufnahmen.) Erwin Thierer, Werkmeister bei den Stadtwerken Villingen, (er war für die technische Hilfe zuständig und lieferte durch seinen persönlichen Mut einen wichtigen Beweis), zwei Schüler des Wirtschaftsgymnasiums: sonstige Hilfe.

Allen Helfern, denen der Verfasser teilweise freundschaftlich verbunden ist, sei hier gedankt.

Technische Ausrüstung: Pickel und Schaufeln, Strickleiter, Steigleiter, Meß- und Zeichengerät, Bergsteigerseil, sonstige Seile, zwei elektrische Lampen mit zusammen 1500 Watt Leistung, fotografische Geräte u. a.

Der Aufenthalt im Turm dauerte von 15 bis 17 Uhr. Dennoch mußte aus Zeitgründen die an sich erforderliche und auch vorgesehene exakte zeichnerische Bestandsaufnahme unterbleiben. Die Protokollierung der im Turm gemachten Notizen erfolgte einen Tag später, am 20. Februar 1971. Das Protokoll und sämtliche fotografischen Bilder wurden dem Stadtarchiv Villingen übergeben.

17) Die achtzig; Zentimeter beziehen sich auf die Oberkante des Nord-Südbalkens. Die Form der Mauerkonsolen kann auch an der Außenwand des Turmes unterhalb des Einganges beobachtet werden.

18) Vgl. außerdem die Skizze in diesem Beitrag. Bodenlagen sind in den oberen Stockwerken noch zu sehen. Sie zeigen, wie es unten einmal ausgesehen hat. Vgl. hierzu die nachfolgenden Ausführungen.

18a) siehe hierzu die Skizze; als Arbeitsbezeichnung könnte man für den Löcherbereich „Aufstiegszone“ verwenden.

19) Wieder waren Oberstudiendirektor Gerhard Walther und Oberstudienrat Fritz Kruckow (beide Fotografie), außerdem ein Arbeiter der Stadtwerke beteiligt. Diesmal wurde nur eine Lampe mit mehreren hundert Watt eingesetzt, die vollständig ausreichte.

20) Jahrbuch a. a. 0.

21) siehe Skizze.

21a) Es gibt zur Zeit keine einleuchtende Erklärung, weshalb der erste Holzboden im Turm mehr als einen halben Meter unter der Eingangsschwelle lag.

22) Eine genauere Beschreibung unterbleibt, um den Bericht zu beschränken. Das Thema würde damit auch nicht bereichert.

23) Sie setzen sich fort bis unter das Dach.

24) Roder spricht von „ein Haspel“, vgl. a. a. 0.

25) Jahrbuch a. a. 0., S. 205

26) Protokoll des Verfassers vom 20. 2. 71 im Stadtarchiv Villingen.

27) Da irgendwann offenbar ein Stück abgeschlagen wurde, könnte der Stein ursprünglich dreißig Kilogramm gewogen haben. Es muß sich um den von Roder beschriebenen Stein handeln. Es gibt keinen anderen Stein auf der Sohle des Turms, und sicher hat niemand einen so schweren, unförmigen Stein jemals aus dem Turm geholt. Roder muß sich erheblich verschätzt haben.

28) Es darf übrigens nicht übersehen werden, daß entweder das Seil zu Ende war oder der Ausbrecher glaubte, in der Dunkelheit den Boden erreicht zu haben, jedenfalls ist der Sturz vom „techlin vor dem turn“, zweifellos ist die Überdachung am Eingang gemeint, aus acht Metern erschreckend.

 

 

 

 

Das Vesperbild des Villinger Heilig-Geist-Spitals (Dr. J. Fuchs)

Im Museum „Altes Rathaus Villingen“ befindet sich eine Holzplastik mit ca. 80% alter Farbfassung, von der Paul Revellio sagt, sie stamme aus der Kapelle des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals. Wie lange diese im Spital war und wann sie ins Museum kam, ist in der Stadtgeschichte bis jetzt nirgends aufgetaucht. Wir nehmen an, das sei bei Gründung der „Altertümersammlung im Alten Rathaus Villingen“ im Jahr 1876 dorthin gekommen. Grund zu dieser Annahme gibt uns ein handschriftliches Verzeichnis im Stadtarchiv, das vermutlich von dem 1889 verstorbenen Villinger Buchdrucker und zeitweisen Herausgeber des „Schwarzwälder“, Ferdinand Förderer, Mitbegründer der Altertümersammlung, stammt.

Die Frage des Standorts innerhalb der Stadt ist gleichzeitig die nach der Herkunft, d. h. des Stifters. Nicht nur heute erkennen wir den hohen Rang dieses Kunstwerks, auch schon zur Stifterzeit muß ein Auftraggeber gewesen sein, der Beziehung zu den bedeutendsten Künstlern der Zeit hatte. Wir wollen die Frage nach Standort und Stifter hier vorläufig stellen und sie am Schluß zu beantworten suchen. Als Standort kommen in Villingen in Frage: Unserer Frauen Kirche vor der Stadt, die Leutkirche in der Stadt (Münster), Johanniter, Franziskaner, Clarissen, Frauenkloster St. German, Frauenkloster St. Nikolaus (Nähe Bickenkapelle), Heilig-Geist-Spital. Mögliche Stifter sind: Die Stadt (Rat und Bürgerschaft wie im Falle des Scheibenkreuzes), die Fürstenberger bis 1326, der Zeit ihrer Funktion als Stadtherren, andere Stifter für die Klöster (niederer Adel oder reiche Kaufleute wie die Muntpratt im Fall des Muntpratt-Teppichs).

In jedem Fall aber dürfte das Auftauchen dieses „Andachtsbildes“ in Villingen mit einer neuen Form der Frömmigkeit, der Mystik, in Zusammenhang stehen. Das Eindringen der Mystik muß über die Zisterzienser mit ihrem großen Meister Bernhard von Clairvaux gesehen werden. Bernhards Kreuzzugspredigten sind bis Villingen gedrungen, zwei bedeutende Niederlassungen, Salem (Salmannsweiler) und Tennenbach hatten Besitzungen im Stadtbereich und häufig auch vertraglich mit der Stadt zu tun. Sodann sind es besonders die Schüler Meister Eck-harts, der um 1300 bereits seine große Wirkung hatte, Seuse in Konstanz und Tauler in Straßburg, die bereits um 1320 offenbar aufgrund eines guten Nährbodens im oberrheinischen Bereich ihre Ausstrahlung haben. Sowohl Konstanz wie Straßburg sind Orte, die mit der Stadt am Ostrand des Schwarzwaldes in gutem Kontakt stehen, Konstanz als Bischofssitz mit je einem bedeutenden Zähringer und Fürstenberger als Bischof, Straßburg, der Ort, von wo aus die Steinmetzen auch nach Villingen kamen und im Auftrag von Heinrich und Agnes von Fürstenberg zumindest bis 1282, dem Jahr des kaiserlichen Ritter schlags im Münster, den hochgotischen Chor des Münsters vollendeten. Diese Straßburger Meister sind es sicher gewesen, die die „Steinmadonna“, heute „Dauchinger Madonna“ geschaffen haben. Gerade dieser Tage gibt dir Aufdeckung der alten Fassung eine Herzwunde an diesem Standbild frei, das nur im Zusammenhang mit der Frömmigkeit jener Jahrzehnte gesehen werden kann. Unser Vesperbild steht in diesem Zusammenhang.

Die Quellen der deutschen Mystik, die es als Sonderform gibt, genauso wie die Sonderform des Andachtsbildes, besonders Vesperbild und Schmerzensmann, deren Darstellung es in Villingen eine Reihe gibt — um nur dir Kleinplastik am Sockel der Münsterkanzel zu nennen -werden vornehmlich aus den im Neuen Testament und den Apokryphen nicht genannten Szenen zwischen Kreuzabnahme und Grablegung Christi genommen und sind beeinflußt von Lebensgeschichten Jesu und Mariä und den Passionsspielen. Heinrich Seuse und Mechthild von Hackeborn stehen als Hauptpaten der spätmittelalterlichen deutschen Sonderform.

Sicher ist auch, daß in den Jahren um 1300 die ersten Andachtsbilder dieser Art auftauchen. Die Franziskanische Frömmigkeit, die sicher mit der vollen Entfaltung de: Villinger Franziskanerklosters mit dem großen Provinzialkapitel im Jahr 1291 eintrat, dürfte auch noch durch eine literarische Form der „Marienklage“ beeinflußt wor. den sein. Hier waren es das blühende Kloster der Zisterzienserinnen von Lichtental bei Baden-Baden, deren „Lichtentaler Marienklage“ weithin bekannt war: “ Weinen war mir unbekannt—eh ich Mutter ward genannt… ein Gedicht von heute noch ergreifender Eindringlichkeit und Formschönheit. Neben den gedanklich-mystischer Ursprüngen des Motivs sind die formalen nicht zu übersehen: Vereinzelung der Szenenfolge Kreuzabnahme — Beweinung — Grablegung. In den Vorbildern (byzantinische und italienische) ist die Verschmelzung der Klagen. den mit dem toten Christus noch nirgends geschehen Die Frage der zeitlichen Festlegung unseres Vesperbildes ist für die Kunstgeschichte unserer Stadt abgesehen vorn Anschluß an geistig – geistliche Zentren des Ober-und Hochrhein (letzteres wird erst heute unterschieden) von besonderer Bedeutung. Es muß bei Fehlen schriftlicher Belege auf die Interpretation der Form besonderer Wert gelegt werden.

 

Die formale Einordnung unseres Vesperbildes

Die frühesten Formen unseres Typs, die überhaupt erstmals gleich nach 1300 auftreten, sind charakteristisch ausgebildet: Maria sitzt aufrecht mit dem diagonal gelagerten, treppenförmig gebrochenen toten Christus, wobei der Sitz (Bank oder Hocker) nicht in Erscheinung tritt oder sichtbar ist. Die ersten norddt. Typen — Salmdorf bei Münster, Erfurter Ursulinenkloster und in Wetzlar —zeigen Maria als gramgebeugte Greisin. Als Ausgangszentrum der Vesperbild-Darstellung wird jedoch Franken und Thüringen angenommen mit Ausstrahlungen nach Westfalen (Telgte), Schwaben (Radolfzell, jetzt Freiburger Augustmermuseum), Bayern (St. Peter in Straubing) und Tirol (Neustift).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus unserer Sicht wird diese Aussage noch detaillierter zu behandeln und zu beweisen sein.

Im Verlauf des 14. Jhs. wird die Auffassung des Motivs intimer, kleiner in der Dimension, bis ab 1350 mit kindhaft kleinem Christus Darstellungen zu finden sind. Abgemergelte Körperlichkeit, erschütternder Ausdruck kennzeichnen die rheinischen Typen (Bonn, Köln), sind aber auch in Fritzlar (Domschatz) und in Schlesien bei den Zisterziensern in Leubus zu finden.

Die beiden Villinger Vesperbilder zeigen nun gerade in der Zeitfolge das Gegenteil von dem, was man allgemein zu beobachten glaubt: das jüngere Vesperbild aus dem Franziskanerkloster (15. Jh.) ist wesentlich größer als das ältere. Es ist uns in diesem Rahmen nicht möglich, auf die Forschung im Ganzen einzugehen und unsere Vesperbil-der, auch die späteren samt Gnadenstuhl und Schmerzensmänner, einer gründlichen Darstellung zu unterziehen. Unser Hauptproblem ist im Momemt die Erhaltung dieser bedeutenden Stücke, wobei in die Voruntersuchung und denkmalpflegerische Entscheidung ein Hineinstellen in den ganzen kunstgeschichtlichen und geistlichen Zusammenhang nicht entbehren kann. Wir haben vorläufig noch Zweifel anzumelden an der These vom Ausgangsort Franken/Thüringen und möchten mit unseren Andachtsbildern eine größere Eigenständigkeit der bodenseeschwäbischen-oberrheinischen Typen annehmen. Weitere Ausführungen müssen jedoch dem Verlauf der Voruntersuchung zur Restaurierung überlassen bleiben.

Dagegen sei noch eine Anmerkung zu besonderen Verhältnissen am Ort gestattet.

Wir müssen auf eine Erscheinung in unserer Stadtgeschichte verweisen, den Zusammenhang von Naegelinskreuz und Vesperbild. Das für die Frömmigkeitsgeschichte in Villingen so wichtige Nägelins-Kreuz-Büchlein, welches „unterthänigst gehorsamste Burger Matthias Casimir Sartori Buchbinder“ in Villingen nach der Tallard’schen Belagerung Villingens von 1704 herausgegeben hat, nimmt nach Inhalt und Form des Titelblatts Kreuz und Vesperbild in einem. Der Titel: „Nägelins-Kreuz oder das Wunder- und Gnadenreich — Bildniß unsers Erlösers — auch — seiner schmerzhaften Mutter — zur beständig — und immer fortdauernden Andacht und Verehrung . . . “

Die zweite Stelle, wo von der Kapellen, Verehrung, Gnade und gutthaten des Nägelin-Kreuzes erzählt wird, berichtet, daß der Rat der Stadt und die Bürger „seiner Gelübte getreu “ ein Kapell für den heiligen Kreutzschaftz errichteten und vor dem Bickentor die Stelle auserwählten. Jedenfalls wird vom Anfang des Gelübdes gesprocher und das Jahr 1300 genannt, wo erst wohl eine offene Kapell und 1624 wieder eine größere erbaut wurde. „Aller Gattung Elender, Kranken, und von geist- und leiblichen Anliegeheiten bedrängter Menschen nahmen hier zu diem Gandenkreuz sowohl, als auch der Schmerzen-Mutter ihre Zuflucht und festes Vertrauen“.

Wenn wir auch keine frühen Belege von Kreuz und Schmerzensbild haben, so sieht zumindest unser Autor eine so frühe Verbindung. Auffallend ist nun heute aufgrund neuester Forschung (Lexikon der Christlichen Ikonographie, Bd. 4, 1972, Spalte 450-457), daß man die ersten Vesperbilder in die ersten Jahre nach 1300 verlegen darf.

Der früheste Typus, der uns entgegentritt, zeigt Maria mit aufrecht sitzendem oder diagonal gelagertem und ruckartig treppenförmig gebrochenem totem Christus. Die frühesten Typen (Telgte, Westf.; Radolfzell, Schwaben; Bayern, St. Peter, Straubing, und Tirol, Neustift) zeigen den herabhängenden rechten Arm Christi. Während man die Treppenförmigkeit bei der Gestalt Christi und herabhängenden Arm bestätigt sieht, stimmt es mit der Greisenhaftigkeit Mariä nicht mehr richtig. Gerade hier ist schon ein Übergang zu spüren, wenn man in dem wohl stärksten Ausdruck des Gesichts von Maria etwas zu sehen vermag, was von den Vergleichstücken wohl kaum erreicht wird. Das mag allerdings auch daran liegen, daß die Farbfassung, wohl die Erste, noch erhalten ist und außerdem die Tränen sichtbar blieben.

Die auffallend aufrechte Haltung unseres Bildes gegen- über den frühen vergleichbaren darf man ganz sicher noch als vom spätromanischen Stil übernommen annehmen, genau so wie man die Gestaltung der Mundpartie mit der ganz frühen dt. Kathedralplastik in Einklang bringen darf, wie wir an einem Beispiel eines Sandsteinengels vom hiesigen Münster nachweisen können.

Eine ganze Reihe von interessanten Details wie die Verwendung von Farben und ihr Aufbau wie z. B. die Haarvergoldung unter dem Schleier, der Aufbau des Schleiers selbst oder etwa aufgebrachte Diagonalschraffur der auf dem Schleier aufgebauten Farben, wird erst die Voruntersuchung klären können.

Wir sind überzeugt, daß diese Untersuchung nicht nur den Wert unseres frühen Vesperbildes heben, sondern auch seine Bedeutung für die Erforschung dieses noch erweisen wird. Möglicherweise ergeben sich für die Kunst- und Frömmigkeitsgeschichte unserer Stadt noch Vergleichsmöglichkeiten, die sich durch das Auffinden einer Herzwunde an der sog. „Dauchinger Madonna“, der Hauptmarienplastik unseres Münsters, eben auch durch neue Methoden in der Erhaltung und Restaurierung ergeben haben.

Wie sich aus dem Holzschnittbild des Nägelinkreuzbüchleins ablesen läßt, trägt die unter dem Kreuz abgebildete Pieta, wie man seit dem 16. Jh. das Vesperbild nennt, den toten Christus unter einem Schutzmantel. Vom 16. Jh. an war es besonders verbreitet, kultische Plastik in kostbare und bestickte Gewänder zu kleiden. Ein ergreifendes Bild dieser Art besitzt unser Franzis-kanermuseum, das wir zum Vergleich hier abbilden (s. S. 12). Es soll stellvertretend für die in Villingen erhaltenen Vesperbilder stehen, die in einem späteren Beitrag auch bildlich vorgestellt werden.