Wo bleiben die Jaag-Puppen? (Redaktion)

Narrozunft will kleine Mäschgerle für die Stadt erhalten. Geschichts- und Heimatverein unterstützt das Bemühen

Seit vielen Jahren erfreuen sie die Villinger, denen Geschichte und Brauchtum ihrer Heimatstadt besonders am Herzen liegt: Die von Ingeborg Jaag geschaffene Puppensammlung mit Personen und Darstellungen der hohen Tage in der Zähringerstadt.

 

Kurz vor Redaktionsschluss des GHV-Jahresheftes lösten sie eine heftige Diskussion aus, an der sich auch der Geschichts- und Heimatverein beteiligt. Die Narrozunft entschloss sich, die wertvolle Sammlung zu erwerben um zu verhindern, dass sie in eine andere Stadt — Interessenten sitzen in Rottweil und Hüfingen — abwandert. Zunftmeister Klaus Hässler macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die Stadt Villingen-Schwenningen, die die Frage nach einem Ankauf der Puppen für eine Dauerausstellung noch immer nicht geklärt hat.

Wie schnell wertvolles Kulturgut der Stadt verloren gehen kann, haben die Villinger allzu gut noch in schlechter Erinnerung. Die Zunft kann es bis heute noch nicht verwinden, dass vor einigen Jahren die wertvolle Schemen-Sammlung des Villinger Rechtsanwaltes Kurt Müller verkauft wurde und heute im Schloss Langenstein zu bewundern ist. Der GHV wurde mit diesem Verlust vor zwei Jahren beim Besuch des Fasnetmuseums im Hegau bitter konfrontiert. „Das darf nicht wieder passieren‘, erklärt der GHV-Vorsitzende Günter Rath anlässlich der Diskussion um den Verbleib der Jaag’schen Puppensammlung.

Der Geschichts- und Heimatverein begrüßt die Entscheidung der Narrozunft, die vielbewunderten kleinen Mäschgerle von ihrer Schöpferin zu kaufen und sie zunächst einmal zur Fasnetzeit im Schaufenster des Wäsche-Fachgeschäftes Schilling in der Oberen Straße auszustellen. Der GHV hofft zusammen mit der Narrozunft, dass bald eine befriedigende Lösung gefunden wird und die Fasnetfiguren ihren Platz in einer Dauerausstellung im Franziskaner-museum finden. (hc)

NACHTRAG

Kurz vor Drucklegung dieses Heftes erreichte uns noch eine gute Nachricht. Die Narrozunft und die Stadt haben eine annehmbare Lösung gefunden: Die Puppensammlung wird von der Narrozunft gekauft und jeweils in der Fasnetzeit, zwischen Dreikönig und Aschermittwoch, im Franziskanermuseum ausgestellt. Der GHV hofft, dass sich später doch noch die Möglichkeit ergibt, die wunderschönen Miniaturen ganzjährig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

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Auf den Spuren des Klosters St. Georgen (Willi Meder)

Seit einiger Zeit beschäftigt sich in St. Georgen ein Gremium bestehend aus Vertretern verschiedener Gruppierungen damit, Spuren des ehemaligen Klosters St. Georgen sichtbar zu machen. Eine zweiwöchige Veranstaltung in der Lorenzkirche, der ehemaligen Leutekirche des Klosters, war der Anfang. Vorträge und musikalische Veranstaltungen ergänzten die Ausstellung von Gegenständen und Bildern.

Das 1084 gegründete Benediktiner-Kloster des heiligen Georg hatte eine wechselvolle Geschichte. Von seiner großen Bedeutung im 12. und 13. Jahrhundert zeugen nur noch alte Urkunden und Akten. Als Württemberg die gesamte Schirmvogtei über das Kloster besaß, führte Herzog Ulrich zwangsweise den evangelischen Glauben in St. Georgen ein und vertrieb die Mönche. Nach einer kurzen Zwischenstation in Rottweil bauten diese ihre Besitzung in Villingen zu einem Kloster aus. Es hieß nun „Kloster St. Georgen, dermalen zu Villingen“. Nach der Zerstörung der Klostergebäude in St. Georgen im Jahre 1633 wurden diese nie mehr aufgebaut. Nachdem die Ruinen noch über 200 Jahre lang das Ortsbild bestimmten, führten Brandunglücke und die rasche Entwicklung des Ortes im 19. Jahrhundert zum fast vollständigen Verschwinden der Klosterüberreste. Dies machte es für die Veranstalter sehr schwierig, Klosterspuren aufzuzeigen. Einzige greifbare Zeugen aus der St. Georgener Klosterzeit sind am Ort ein paar Grabplatten von Erbbegräbnissen, einige Steine von der Klosterkirche und ein kleiner Rest der ehemaligen Klostermauer. Alles andere opferte St. Georgen seiner Entwicklung zur und als Stadt. So galt es, das Kloster, den Klostergeist und die wenigen weitverstreuten Dinge aus der Klosterzeit zu finden und ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen. Eine vielbeachtete, von manchen auch kritisch gesehene, Videoanimation des Architekten A. Schwarz, stellte vor allem die ehemalige große Klosterkirche und deren Standort in der heutigen Stadt dar. Dass dieses Video nur eine fiktive Vorstellung geben konnte, lag an fehlenden bildlichen Überlieferungen vom Kloster und dessen Kirche. Trotzdem konnte es die überlieferte Größe der Kirche anschaulich vor Augen führen und war ein wichtiger Punkt im Veranstaltungsablauf.

Die Bedeutung der uralten Regel des heiligen Benedikt auch für heutige Menschen stellte der Beuroner Mönch, Bruder Jakobus Kaffanke, unter dem Titel: „Neige das Ohr deines Herzens“ vor. Auch in der evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen ist noch klösterliches Erbe zu finden, wie die Erfahrungen des frühern Seelsorgers der Lorenzgemeinde, Pfarrer Paul, zeigten.

Was der alte gestickte Äbtestammbaum, welcher ebenfalls ausgestellt war, bildlich darstellt, konnte Barbara Henze in ihrem Vortrag „St. Georgener Mönche als Äbte auswärtiger Benediktinerklöster“ noch vertiefen. Die Lesung des katholischen Pfarrers Paul Dieter Auer mit Anekdoten aus bene-diktinischen Klöstern beleuchtete die heiteren Seiten des Klosterlebens. Wenn die angeführten Vorträge das Klosterleben, die Bedeutung des St. Georgener Klosters und die Nachwirkungen der Vergangenheit erfahren ließen, so waren die musikalischen Veranstaltungen der Teil, der ganz andere, sinnliche Erfahrungen brachte. Dies galt vor allem für die von Reinhard Jäckle in Auftrag gegebene Komposition „Fundstücke“. Der Komponist Bruno Leuschner knüpfte an die musikalische Seite des Georgldosters und seines großen Abtes Theoger, der sich auch als Musikwissenschaftler einen Namen machte, an. Es war ein Erlebnis, was Leuschner, zusammen mit dem kleinen Kammerorchester, zu Gehör brachte.

Thronende Madonna (um 1290)

 

 

 

Heilige Laurentius (Anfang 16 Jh.)

 

Apostel- und Heiligenfiguren des 13. bis 16. Jahrhunderts aus St. Georgen, die sich heute im Dominikanermuseum in Rottweil und in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe befinden, konnten nicht ausgeliehen werden. Sie wurden deshalb mit Bildern in natürlicher Größe vorgestellt. Immerhin waren so die noch erhaltenen Schnitzwerke aus der Klosterzeit zu sehen. Dabei handelt es sich um eine thronende Madonna mit Kind um 1260, sechs Apostelfiguren aus der Zeit um 1360, um das Bildnis Johannes des Evangelisten und eines Heiligen mit Buch und Mütze um 1470, sowie eine Beweinung Christi von 1510. Bei allen Plastiken wurde die farbige Fassung abgenommen. Vom alten Hochaltar der Lorenzkirche aus der katholischen Zeit stammen die Figuren des heiligen Georg, des heiligen Laurentius, der heiligen Maria mit Kind, der heiligen Barbara und der heiligen Katharina. Sie haben noch ihre farbige Fassung.

Aus Handschriften des 15. Jahrhunderts, welche einst in die Klosterbibliothek gehörten, stammten die vergrößerten Abbildungen der Buchmalereien. So waren allein aus der Handschrift „Christus und die minnende Seele“ 22 Abbildungen, deren Aussagen auch heute noch für das religiöse Leben hilfreich sind, zu sehen. Aus der Handschrift „…ler und exempel aller exemplar,    Passyon als beschrieben hond die hailgen Evangelisten, mit vslegung der hailgen leerer“ wurden zehn Bilder gezeigt. Aus „Hora canonicae“, einem Stundenbuch des 15. Jahrhunderts waren 20 Abbildungen entnommen. Der kleine Ausschnitt machte deutlich, welche Schätze die Bibliothek einst wohl besessen hat. Fünf Bücher aus der Klosterbibliothek des Georgklosters während seiner Villinger Zeit wurden freundlicherweise vom Franziskanermuseum in Villingen zur Verfügung gestellt. Die handschriftlichen Einträge auf den vorderen Buchseiten, teilweise mit Abtsnamen, ließen an der Herkunft keinen Zweifel.

Das Faksimile der Urkunde von Kaiser Friedrich I. Barbarossa aus dem Jahr 1163 war ein Beispiel für weitere St. Georgener Kaiser- und Papsturkunden welche im Generallandesarchiv in Karlsruhe lagern. Von der Weihe der gotischen Klosterkirche am 29. September 1496 und der dabei ausgestellten Urkunde zeugte ebenfalls ein Faksimile.

Die schon vor einigen Jahren in die Lorenzkirche verbrachten Grabplatten von evangelischen Äbten und von Stifterfamilien waren in die Kloster-spurenausstellung einbezogen.

Es war für die meisten Besucher neu, dass es ab 1566 bis zur Säkularisation 1803 sowohl katholische wie auch evangelische Äbte für das Kloster gab. Die katholischen Äbte residierten in Villingen. Nach den ersten evangelischen Äbten, welche noch in St. Georgen wohnten und nach einer Übergangszeit, in der die Äbte noch zeitweise am Ort wohnten, gab es noch elf Titularäbte, die St. Georgen wohl nie besuchten. Diese Tatsache der zwei Abtsreihen zeigt ein Teil der unglücklichen Geschichte des Klosters. Ebenfalls als Leihgabe des Villinger Franziskaner-museums konnte eine Wappenscheibe des Abtes Johannes Kern aus Ingoldingen gezeigt werden. Die Glasscheibe zeigt das Familienwappen des Abtes und seine Amtsinsignien. Am unteren Rand ist die Inschrift: „Johanes Abpt zu sant Jorgy uff dem schwarzwallt. Anno 1544“ zu finden.

Drei besondere Steine mit Figuren und Verzierungen aus dem Lapidarium ergänzten die Ausstellungsstücke.

Zwei Abendmahlskelche, ein Krankenkelch, Taufschalen und Taufkannen aus dem Besitz der Lorenzgemeinde waren Zeugen der früheren liturgischen Geräte. Ein Kelch von 1496 stammt aus der katholischen Klosterzeit und hat alle Wirren der Reformation und Gegenreformation überstanden. Die feine spätgotische Arbeit trägt die Inschrift: „Hilf Gott Cunrade Kammerer aus Rohrbach“ Der Kelch wurde von den St. Georgener Kirchspielsangehörigen gen dem aus St. Georgen vertriebenen Abt um sechs Gulden abgekauft. Seither hat die evangelische Kirchengemeinde bei ihren Abendmahlsfeiern diesen Kelch in Gebrauch.

 

Eine Leseecke der Stadtbibliothek mit themenbezogener Literatur lud zur weiterer Information ein. In einer Projektarbeit der 10. Klasse der Robert-Gerwig-Schule, einer Lernstraße zum Thema Kloster, war ein Anziehungspunkt für Kinder und Jugendliche geschaffen worden. Themen wie: Leben im Kloster, Aufgaben der Mönche, Musik aus Klöstern, Lebensbild des heiligen Benedikt und Darstellung der Klostergeschichte anhand einer Zeitperlenschnur wurden äußerst interessant dargeboten. Wie Pergament und Schreibfedern hergestellt wurden interessierte jung und alt. Die Möglichkeit zur Gestaltung von Schmuckblättern wurde eifrig genutzt. Es zeigte sich, dass bei entsprechender Gestaltung die Schüler Spaß an der Geschichte haben.

Der Ortsbrand 1865 zerstörte neben dem Kirchenschiff auch den alten Hochaltar der Lorenzkirche. Es konnte nur ein Altarflügel davon gerettet werden. Die beiden Tafeln dieses Flügels werden in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe aufbewahrt und können ebenfalls nicht ausgeliehen werden. Sponsorengelder ermöglichten es, originalgetreue Kopien in Auftrag zu geben. Die St. Georgener Künstlerin Eva Jäckle hat mittlerweile beide Tafeln kopiert. Nur wenige Personen können feststellen, dass sie vor Kopien stehen. Zur Ausstellung im März 2002 wurde das Bild mit dem Erzengel Michael und dem heiligen Sebastian fertig.

Die Darstellung der Geburt Christi war dann im Advent 2002 zu bewundern. Beide Tafeln sind als Leihgaben der Stadt St. Georgen und der Fa. Papst Licensing an der Ostseite in der Laurentiuskirche angebracht.

In einem zweiten Teil der Reihe „Klosterspuren“ konnte im Sommer 2003 eine Glasgalerie mit Steinen aus der Klosterzeit eingeweiht werden. Sie ermöglicht nun, diese interessanten steinernen Zeugen aus der Zeit der Benediktiner in St. Georgen im Klosterhof dauernd zu betrachten. Eine entsprechende Beschreibung bringt dem Betrachter die Steine näher.

Das ganze Projekt erfährt weitere Fortsetzungen. So werden unter anderen die Umrisse der gotischen Klosterkirche noch deutlicher im Straßenpflaster der Gerwigstraße markiert. Informationstafeln gegenüber der Gerwigschule zeigen dann dem Betrachter die wichtigsten Stationen der Geschichte St. Georgens.

Die Zusammenarbeit der Stadt St. Georgen, der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden, dem Verein für Heimatgeschichte und fallweise auch anderer Gruppen, lässt nach den bisherigen Ergebnissen noch weitere interessante Dinge erwarten.

 

D‘ Lorettokapell (Lambert Hermle)

Ballade

 

 

 

 

 

A di’e dreihundert Johr, wenn nit no meh,

stoht e Kapell uf de Lorettohöeh,

drum wurd der Buckel eso au g’nannt

und bildet schier d’Grenz an Schwarzwaldrand.

Vu dert dobe häsch en Blick,

guck’sch übers Städtle und mit Glick,

do kasch sogar no d’Alpe säeh,

au d’Schwäb’sche Alb i näschder Näeh.

Au siehsch do zruck i d’Villinger G’schicht

und di’e hät hit no so ihr G’wicht,

sie kunnt mer äliwel i de Sinn,

hock ich vor Sem Käpelle oder au drin.

Die „Spanisch Erbfolg“ bestimmt di’e Ziet,

’s herrscht Krim‘ eg iber ’s Land, d‘ Hoemet und d’Liet,

Kanonedunnder und Bulverdampf,

bestimmet de däglich Iberlebenskampf.

Und so liet vor Villinge e Franzoseheer

mit dreiß’gduusig Manne, wenn nit no meh

und schließet ’s Städtle gringsum

’s herrscht Not und Angscht, so groß wie ni’e.

Doch d’Borgerschaft hät Gottvutraue,

duet uf Mariens Fürbitt baue,

schepft us Nägelinskreuz Vuheißig di’e netig Kraft

und leit do demit e geistig Ringmuur witer um d’Stadt.

Und als di’e Not am gröschde war,

gelobt de Magistrat und Borgerschar bi Rettung z’baue

e Lorettokapell, uf Marschall Tallards Kommandostell.

Und dann am siebte Belagerungsdag,

de Feind holt us zum entscheidende Schlag,

setzt zmols vum Himmel en Blatschrägä

er löscht ’s Feuer, fillt Gräbe, vuhinderet

Sturmlaufe gli.

De Franzos zieht ab und Villinge isch g’rettet,

de Gottesmutter Maria wurd dankt, zu ihr wurd

fescht bättet,

sie ischt jo di’e Patronin iserer Stadt,

di’e is widder Schutz gewähret hat.

„Einigkeit bringt Vöstigkeit“,

trotz großer Not, di’e weit und breit,

wurd di’e Kapell gebaut und g’weiht —

“ Zur Ehre Mariens in Ewigkeit“.

Amen

 

Die Ehrenwache der Lorettokapelle (Kurt Müller)

Die Lorettokapelle auf der Hammerhalde, die aus Dankbarkeit er die Errettung aus der Tallard’schen Belagerung 1704, also vor 300 Jahren, gebaut wurde, muss dringend saniert werden. Der Geschichts- und Heimatverein wird dieses Vorhaben unterstützen.

 

Im Jahr 2004 sind 300 Jahre vergangen nach der Tallard’schen Belagerung, die vom 16. bis 22. Juli 1704 die Stadt Villingen in höchste Gefahr brachte, aus der sich die Villinger gerettet sahen, durch die Fürbitten der Gottesmutter Maria und durch den Schutz des Nägelinkreuzes. Beim diesjährigen Bittamt vor der Lorettokapelle, zu dem sich zahlreiche Gläubige aus allen Pfarrgemeinden versammelt hatten, hielt Dekan Müller eine Predigt, in der er auf das kommende Jubiläum und auf die historische Bedeutung der Kapelle einging. Er nannte es einen klugen und weitsichtigen Gedanken, dass die Stadtväter bei der Festlegung des Bebauungsplanes für die Hammerhalde, der nun die einst einsam gelegene Kapelle ganz in die Wohnbebauung einschließt, mit der Benennung der Straßen die Kapelle gleichsam mit einer Ehrenwache umgeben hätten. Wegen des nahen Waldes hätte man Tannenstrasse wählen können, Steinpilzallee oder Heidelbeerweg. Es kam anders und besser. Er führte aus: Die Waffen ruhen, der Spanische Erbfolgekrieg ist längst vorbei aber der einstigen Kombattanten begegnen uns auf den Straßenschildern und in der Postanschrift unserer Zeitgenossen:

Leopoldstraße, gemeint ist Kaiser Leopold I.

(1640-1705), der mit Ludwig XIV. jahrelang um das Spanische Thronerbe Krieg führte in Deutschland, in den Niederlanden und in Italien, nachdem im Jahr 1700 König Karl II. von Spanien gestorben war. Leopold war eigentlich der Herr der Vorderösterreichischen Festungsstadt Villingen.

Türkenlouisstraße, dahinter verbirgt sich der Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden (16551707). Er war als kaiserlicher Feldmarschall und Oberkommandierender der kaiserlichen Truppen am Oberrhein mit den Vorgängen um Villingen direkt befasst.

Tallardstraße, Marschall Graf Camille de Tallard, Herzog von Hostun ist seit 1703 Marschall von Frankreich und der Kommandant der Belagerer von Villingen 1704. Er starb 1728.

Willstorfstraße, Freiherr von Willstorf ist 1703 von Markgraf Ludwig zum Festungskommandant in Villingen ernannt worden. Unter seiner Führung hat die Österreichische Besatzung im Verein mit den Bürgern der Belagerungsarmee solange getrotzt bis Tallard zum Abzug genötigt war.

Johann-Jakob-Riegger-Straße, er lebte von 1668 bis 1737. Er war 38 Jahre lang Münsterpfarrer in seiner Heimatstadt. Er war der geistliche Gegenspieler der Belagerer. Mut aus der Kraft des Glaubens sprach er den Belagerten zu. Er regte beim Rat der Stadt das Gelübde an, dass man beim günstigen Ausgang der Fatalität eine Lorettokapelle zum Dank vor der Stadt erbauen würde. Dies Gelübde haben die Bewohner erfüllt und aus „gemeiner Stadtmittel“ die Kapelle erbaut an der Stelle, an der man Tallards‘ Feldherrnzelt vermutet hatte.

Bürgerwehrstraße, dieser Name läßt an die 900 bewaffneten, nach Zünften gegliederten Bürger denken, die bei der Verteidigung auf den Türmen und auf den Mauern Dienst taten. Das Andenken an die tapferen Frauen und Kinder darf nicht vergessen werden, die Tag und Nacht beim Brände löschen, Verwundete versorgen, Proviant beschaffen, ihren Männern und Vätern beistanden.

Schanzenweg, ringförmig ist der Schanzenweg ein Gedächtnis an die großen Schanzen, die der Markgraf über die Höhen des ganzen Schwarzwaldes bauen ließ. Aber auch an die Approchen, Laufgräben und Fauchinen mit denen die Belagerer unter ständigem Beschuss von den Türmen der Stadt zur Leibe rücken wollten.

Im Verlauf des Spanischen Erbfolgekriegs spielte natürlich auch Prinz Eugen von Savoyen (16631736) eine wichtige Rolle. Sein Besuch nach der Belagerung ehrte die Stadt. Wenn nicht schon ein bescheidenes Sträßchen in der Nähe des Eisweihers seinen Namen getragen hätte, dann hätten die Stadtväter vielleicht den Hausnummern am Affenberg den Namen Prinz Eugen gegeben, was den Bewohnern sicher lieb gewesen wäre. Diese Reminiszenzen gelten nicht der Verklärung einer Vergangenheit, deren kriegerische Ereignisse wir ganz und gar nicht mehr zurück wünschen. Die Erinnerung an bewegte, gefahrvolle Zeiten und ihre Überwindung befördert die Dankbarkeit über den Frieden, den wir seit bald 60 Jahren genießen und lässt den Erhalt oder Erwerb des Friedens auch für andere Völker erhoffen und erbitten.

Der Schlussgedanke gilt der Straßenbezeichnung „An der Kapelle“. Das ist ein zutreffender Name, denn die Kapelle steht unmittelbar daneben. Mein Wunsch ist nun, dass dies auch in ferner Zukunft so bleiben möge, und dass es nicht eines Tages heißen muss „An der Kapelle“, weil da einmal eine Kapelle stand. Denn Straßennamen, durch die nur Vergangenes benannt wird, haben wir etliche in der Stadt. Die Warenburgstraße gibt es noch, aber kaum sichtbar nur Ruinen der Warenburg. Die Vockenhauser- und Runstalstraße erinnern an längst untergegangene Siedlungen und Weiler vor der Stadt. In der German- und Waldhauserstraße, sowie „An der Klosterhalde“ leben nur, aber wenigstens dem Namen nach, zwei kleine und gänzlich verschwundene Klöster fort. Um solch ein Schicksal für die Kapelle zu wehren, werden wir sie im Jahr 2004 renovieren und ich erhoffe mir dazu Unterstützung in der Öffentlichkeit.

 

Die herausragende Stellung der Villinger Münsterkanzel (Heinrich Adrion)

Die Entstehung fast aller spätgotischen Predigtkanzeln fällt im deutschen Sprachgebiet in die Zeit zwischen ca. 1460 und 1520. Dies trifft auch für die Villinger Münsterkanzel zu, die im Hinblick auf die Tätigkeit ihres Meisters im nahen Mönchweiler ab 1511 1) höchstwahrscheinlich kurz vor 1510 errichtet wurde.

Während fast alle spätgotischen Kanzeln hinsichtlich ihrer Bauweise — dreiteiliger Aufbau des Bauwerks aus Stützzone, Kanzelkorb (auch Kanzelkorpus genannt) und Kanzeltreppe — grundlegende Gemeinsamkeiten aufweisen, gibt es bei ihrer skulpturalen Ausschmückung, welche die Kanzel in aller Regel erst zu einem Kunstwerk erhebt, reichste Vielfalt.

Besondere Aufmerksamkeit schenkten die spätgotischen Bildhauer vor allem der Ausschmückung des Kanzelkorbs, dessen Brüstungsfelder mit ihren klar umrissenen Flächen sich für Reliefdarstellungen geradezu anboten. So weisen beispielsweise nahezu alle bedeutenderen Kanzelschöpfungen im schwäbischen Neckargebiet (Herrenberg, Tübingen, Urach, Waiblingen u. a.) am Kanzelkorb Darstellungen der vier lateinischen Kirchenväter auf, deren berühmteste Abbildungen die Wiener Kanzel in St. Stephan zieren.

Reliefdarstellungen am Treppengeländer kommen an spätgotischen Kanzeln hingegen so gut wie überhaupt nicht vor. Bei den wenigen Ausnahmen handelt es sich jeweils um Einzelreliefs,2 nirgends jedoch, wie in Villingen, um eine großangelegte, zusammenhängende Relieffolge. Eine absolute Ausnahme bildet die Kanzel in Villingen, die mit einer Szenenfolge aus der Passion Christi geschmückt ist, die unten am Treppengeländer mit der Händewaschung des Pilatus anfängt und im letzten Brüstungsfeld mit der Grablegung Christi endet.‘ Offenbar ist dieser Kanzeltyp mit einem um die gesamte Kanzel verlaufenden Bilderzyklus in der deutschen Spätgotik mit der Villinger Münsterkanzel nur dieses eine Mal zur Ausführung gelangt.

Ergebnis:

Unter sämtlichen Kanzeln der deutschen Spätgotik ist die Villinger Münsterkanzel mit ihrem kanzelumspannenden, hochdramatischen Reliefzyklus ein einmaliges Vorkommnis. Diese Sonderstellung gilt möglicherweise für den gesamten mitteleuropäischen Raum nördlich der Alpen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Villinger Kanzelreliefs gehören zu den auffälligsten Leistungen der deutschen Bildnerkunst ihrer Zeit. Bereits ein kurzer Blick auf das Passionsgeschehen beweist, dass wir es hier nicht nur mit hoher Darstellungskunst zu tun haben, sondern vor allem mit einer neuen bildhauerischen Darstellungsweise, die deutlich über die Spätgotik hinausweist.

Grundvoraussetzung für die künstlerische Bewältigung eines so umfangreichen, bewegten Bildprogramms, wie es uns an der Villinger Kanzel begegnet, war u. E. eine für die Zeit um 1500 völlig neue Auffassung von der Gestalt als Handlungsträger. Erst sie ermöglicht in einer bewußten Wegwendung von der Spätgotik eine Bildnerkunst, in der Personen, die mit ihrem ganzen Körper und oft unter großer Willensanstrengung agieren, die Bildszenen bestimmen. Eine neue Plastik der Tat tut sich hier machtvoll kund in engem Zusammenhang mit einer gleichermaßen neuen Auffassung von der Funktion des Raumes. Insofern handelt es sich bei den Villinger Kanzelreliefs um eine bahnbrechende bildhauerische Leistung, die zu ihrer Zeit bei Steinbildwerken nicht ihresgleichen kennt.

Entlang der Treppenbrüstung sind es die römischen Soldaten, welche die Hauptakzente der fortlaufenden Handlung setzen. Danach tragen Personen aus der Anhängerschaft Christi das Geschehen weiter, so z. B. Nikodemus (oder Josef von Arimathia?), der den Leichnam vom Kreuz abnimmt, oder die beiden Träger in der Grablegungsszene, die Christus in den Sarg betten.

Das gesamte Passionsgeschehen ist von tiefer Leidenschaftlichkeit und kraftvoller Dynamik geprägt. Das Handeln der Personen ist immer von der jeweiligen Situation aus begründet, so daß nirgends der Eindruck von reinem Aktionismus aufkommen könnte.

Die Villinger Reliefs lassen sich unschwer einordnen in jene „neue deutsche Kunst um 1500“, der Wilhelm Pinder eine kleine Anzahl höchst auffälliger Bildwerke zuordnete und in der er eine „selbständige Wendung der deutschen Kunst hinweg von allem, was die Spätgotik getragen hatte“, erblickte. 4)

Dennoch ist an den Villinger Kanzelreliefs auch die herkömmliche Spätgotik noch deutlich wahrnehmbar. So tragen beispielsweise Maria hinter dem römischen Hauptmann zu Pferd, Maria Magdalena bei der Kreuzabnahme oder die trauernden Heiligen der Grablegungsszene als Einzelfiguren durchaus spätgotische Wesenszüge. Auch ist die Münsterkanzel allein schon durch das Thema der Passion, einem der großen Anliegen aller spätgotischen Kunst, in diese eingebunden.

Genau diese Synthese aus Altem und Neuem verleiht den Villinger Passionsreliefs eine ungewöhnliche Faszination.

Ergebnis:

Die Kanzelreliefs im Villinger Münster sind u.W. die einzigen Steinbildwerke im deutschen Sprachraum, in denen wenige Jahre vor Beginn der Reformation und dem damit verbundenen Ende der Spätgotik eine neue, zukunftsweisende Bildhauerkunst ihre vollendete Ausprägung erfahren hat.

Nach der Straßburger Münsterkanzel von 1485 und der Wiener Kanzel in St. Stephan (nach neuesten Erkenntnissen zwischen 1498 und 1502) ist die Villinger Münsterkanzel dank ihrer einzigartigen Reliefplastik die zeitlich letzte große Kanzelschöpfung der deutschen Spätgotik.

Anmerkungen

1) D.-E. Maier, St. Antoniuskirche von Mönchweiler, ein benediktinisches Kleinod, 1995, S. 2, Geschichte des Ortes und der Kirche.

2) Einzelreliefs am Treppengeländer spätgotischer Kanzeln kommen vor: in Hagnau (Elsaß), St. Georg, St. Georgs Kampf mit dem Drachen von 1500; in Annaberg (Sachsen), Stadtkirche St. Annen, Ein Bergmann bei der Arbeit und ein 4. Kirchenvater, für den an der Kanzelbrüstung kein Platz mehr war von 1516; in Kank (Böhmen), Laurentius auf dem Rost von 1502; in Halle (Sachsen-Anhalt), Dom, 4 Einzelreliefs der Kirchenväter von 1526; vgl. dazu: Karl Halbauer, predigstül, Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1997, S. 30 und 443.

3) Karl Halbauer, a.a.O., S. 30.

4) Wilhelm Pinder, Vom Wesen und Werden deutscher Formen, Bd. III, 2. Aufl. Köln 1953, S. 236.

 

Zwischen Abwehrkampf und Angriffslust (Christian Schulz)

Villingen im Dreißigjährigen Krieg nach den Tagebüchern des Benediktinerabtes Georg II. Gaisser von Sankt Georgen

Zu den herausragenden Figuren der Villinger Lokalhistorie und der Regionalgeschichte des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises muss der Sankt Georgener Benediktinerabt Georg II. Gaisser gezählt werden. Dieser Rang gebührt ihm nicht in erster Linie wegen seines ordenspolitischen Engagements während des Dreißigjährigen Krieges oder wegen seiner Bemühungen um eine Reform des von ihm geleiteten Klosters, sondern aufgrund der Tagebücher, deren Anfertigung er 1621 begann und erst knapp vor seinem Tod 1655 abbrach. Es handelt sich dabei in einer an Selbstzeugnissen eher armen Epoche um eine außergewöhnlich umfangreiche und aussagekräftige, über die Grenzen Südwestdeutschlands hinaus bedeutsame autobiographische Quelle, die auf Tausenden von Seiten vorwiegend in lateinischer, gelegentlich auch in deutscher Sprache die Wahrnehmung, Deutung und Bewältigung der Konflikte des Konfessionellen Zeitalters durch einen katholischen Geistlichen dokumentiert.1)

Georg II. Gaisser wurde 1595 als Sohn eines Klosteramtmanns im oberschwäbischen Ingoldingen geboren und gelangte bereits als Kind nach Villingen in die Obhut seines Onkels Michael, welcher damals den örtlichen Benediktinern vorstand.

Glasfenster mit Klosterwappen über dem Hauptportal der Benediktinerkirche in Villingen

 

Bevor der junge Georg 1619 die Priesterweihe empfing und acht Jahre später selber zum Abt vonSankt Georgen aufstieg, kam er in den Genuss eines mehrjährigen Unterrichts an drei verschiedenen Hochschulen, wobei das Theologiestudium an der vorderösterreichischen Landesuniversität Freiburg im Breisgau nach kurzem Intermezzo im bayerischen Ingolstadt das Ende der akademischen Laufbahn markierte. Seinen Bildungsgang gestartet hatte der Kleriker im fürstbischöflich-augsburgischen Dillingen an der Donau bei der Gesellschaft Jesu, deren dortige Semi-Universität auch vielen seiner Ordensbrüder die spezifisch jesuitische Mischung aus konfessioneller Orthodoxie und humanistischer Gelehrsamkeit einpflanzte.2)

Geprägt wurde Gaissers Existenz durch den Kampf um die Rückerstattung der in der Reformationszeit vom protestantischen Herzogtum Württemberg okkupierten und säkularisierten Abtei Sankt Georgen an den seit der Mitte des 16. Jahrhunderts im benachbarten Villingen ansässigen Benediktinerkonvent. Nachdem Kaiser Ferdinand II. 1629 vor dem Hintergrund habsburgischer Waffenerfolge in der ersten Kriegsphase das Restitutions-edikt erlassen hatte und auch die kurze Herrschaft des lutherischen Königreichs Schweden über den Süden des Heiligen Römischen Reiches im Zuge der Schlacht bei Nördlingen 1634 beendet worden war, konnten die Mönche ihren angestammten Besitz tatsächlich wiedergewinnen und eine Rekatholisierung der Untertanen des Klosterterritoriums in die Wege leiten. Dieses Aufbauwerk brachen dann aber 1648 die Verfügungen des Westfälischen Friedens mit einer Bestätigung der württembergischen Einverleibung des Monasteriums unwiderruflich ab, so dass sich die Mönche zur Umwandlung des Villinger Exils in eine dauerhafte Residenz gezwungen sahen. Als Mitglied einer umtriebigen Generation von Vertretern der alten Orden hatte Gaisser einst Abschied von der bescheidenen Passivität seiner Vorgänger genommen und musste nun verbittert und unversöhnt den Stab an Nachfolger übergeben, die sich mit den unverrückbaren Fakten zu arrangieren verstanden.3)

Bei aller Überzeugung von der Wahrheit des katholischen Bekenntnisses und der Legitimität der eigenen Rechtsansprüche begegnet uns in den Tagebüchern dennoch kein konfessionalistischer Scharfmacher, sondern ein beharrlicher Pragmatiker, der juristische Argumentation an die Stelle religiöser Polemik setzte. Insofern verwundert es kaum, wenn der skeptische und mitunter melancholische Abt sich von den Gewalttaten aller Parteien des Dreißigjährigen Krieges distanzierte, eine umfassende Dehumanisierung beklagte und das moralische Versagen seiner Mitmenschen anprangerte. Obwohl dem belesenen Gaisser der zeitgenössische Gedanke vom Krieg als einem Strafgericht Gottes nicht völlig fremd war, zog er jeder apokalyptischen Sinngebung die tröstliche Hoffnung auf Frieden und zivilisatorischen Neuanfang vor, die er aus der Lektüre der klassischen antiken Literatur und Philosophie schöpfte.4) Auch die alltäglichen Lebensbedingungen der ländlichen und städtischen Bevölkerung an Brigach und Breg sowie den Oberläufen von Donau und Neckar spiegeln sich in den Notizen des Prälaten auf eindrückliche Weise wider. Für die Misere einer zwar wehrhaften, aber trotzdem drangsalierten, dezimierten und ausgeplünderten Bauernschaft machte Gaisser ein Söldnertum verantwortlich, dass sich seines Erachtens in den höheren und niederen Rängen vornehmlich durch Brutalität, Disziplinlosigkeit, Gier und Unverschämtheit auszeichnete. Zwischen beiden Extremen siedelte der Abt die Einwohner Villingens an, welchen er von den mächtigen Honoratioren bis hinunter zum urbanen Bodensatz sowohl die Rolle der mutigen Opfer soldatischer An- und Übergriffe als auch diejenige der das Umland verwüstenden Täter zuwies. Und wirklich zeigte dieses befestigte Zentrum der Schwarzwald-Baar-Region im Dreißigjährigen Krieg den Nachbarn ein janusköpfiges Profil: attraktiver, weil zuverlässigen Schutz versprechender Schonraum einerseits und gefürchteter Ausgangspunkt für Aggressionen gegen Land und Leute andererseits.5)

 

Abtswappen in Sandstein gehauen am Schulgebäude gegenüber der Benediktinerkirche

 

Innerhalb der österreichischen Vorlande, also der habsburgischen Territorien zwischen Vogesen und Lech, gehörte Villingen wie das nahe Bräunlingen zur Gebietseinheit Vorderösterreich. Deren Name wurde erst 1753 im Zusammenhang mit der theresianischen Verwaltungsreform auf alle südwestdeutschen Herrschaften der Kaiserfamilie auch in Schwaben und Vorarlberg ausgedehnt. Noch zu Lebzeiten von Abt Gaisser bezeichnete Vorderösterreich lediglich die Besitzungen Habsburgs im Elsass, Sundgau und Breisgau, am Hochrhein, in der Ortenau sowie im Schwarzwald. Ihre den Oberbehörden in Innsbruck nachgeordnete Administration wanderte infolge militärischer Bedrohung 1632 vom oberelsässischen Ensisheim in die freilich bereits sechs Jahre später von weimarischen Truppen eroberte Rheinfestung Breisach ab. Bis 1665 entstammten die Landesherren für mehrere Jahrzehnte einer Tiroler Nebenlinie der habsburgischen Dynastie — so auch der dezidiert katholische, 1632 verstorbene Erzherzog Leopold V., dessen noch junger Sohn Ferdinand Karl erst 1646 nach einer gemeinsamen Regentschaft seiner Mutter Claudia von Medici mit den beiden Kaisern Ferdinand II. und Ferdinand III. die Regierungsgeschäfte übernehmen konnte. Das nach innen durch eine Zunftverfassung organisierte Villingen repräsentierte sich nach außen durch seine Mitgliedschaft in einer der drei Kurien der sogenannten vorderösterreichischen Landstände am Oberrhein und auf dem Schwarzwald, nämlich jener der Städte und Landschaften.6)

Nachdem im November 1632 eine vom kaiserlichen Kommandanten Johann Werner Aescher von Büningen geführte, über 500 Mann starke Schutztruppe in Villingen eingetroffen war7), musste die solchermaßen gewappnete Stadt zum Auftakt des folgenden Jahres eine erste Belagerung durch württembergisches Militär erdulden. Obschon man auf den Ort [Agnitae sphaerae [Feuerkugeln]8) abschoss, verlief die Unternehmung im Sande und wurde nach nur knapp zwei Wochen maximo […] ludibrio atque damno [begleitet von sehr großer Schadenfreude]9) beendet. Einige Monate darauf versuchte eine herzogliche Belagerungsarmee im Verein mit schwedischen Soldaten aufs Neue, den Widerstand der österreichischen Besatzung und der von der städtischen Verfassung zu bewaffnetem Verteidigungsdienst verpflichteten Bürger zu brechen. Dass dies trotz vehementer Beschießung wiederum nicht klappte, hing wesentlich — so meinte der Abt — mit dem außerordentlichen Mut und der Solidarität der urbanen Bevölkerung zusammen.10)

Im Sommer 1634 nahm die dritte der von Württemberg heraufbeschworenen Belagerungen ihren Lauf. 11) Eine unverwechselbare Originalität verlieh ihr das Experiment der Angreifer, Villingen durch Stauung der dicht an der Stadtmauer vorbeiziehenden Brigach zu überfluten und so zur Kapitulation zu nötigen. Gleichwohl war diesem Trick genauso wenig Gelingen vergönnt wie dem Rest der Kampagne, die laut Gaisser lediglich remisse [lasch] 12) betrieben wurde und dank effizienter Attacken der städtischen Besatzung auf ihre militärischen Gegner und auf die um den Lebensmittelnachschub bekümmerten Bauern aus dem württembergischen Schwarzwald nie recht in Fahrt kam. Brutale Villinger Offensiven gegen lutherische Ortschaften führten dort enorme materielle Schäden und den Tod von Zivilisten herbei: Mindestens zweimal befanden sich auch wahrscheinlich absichtlich umgebrachte Pastoren unter den Opfern.

Nachdem es ihm unter abenteuerlichen Umständen geglückt war, aus dem locker abgeriegelten Villingen zu entweichen, riskierte Gaisser im letzten Belagerungsmonat eine Reise in den unruhigen Bodenseeraum. Sie verfolgte in städtischem Namen als auch aus eigener Initiative primär den Zweck, mit dem Haus Habsburg sympathisierende Militärführer zu raschen Aktionen zum Vorteil der Eingeschlossenen zu überreden. Bei diesen Gesprächen erfreute sich der Abt vieler liebenswürdiger Worte, konnte jedoch keine konkreten Ergebnisse vermelden, die allerdings nach dem Ende der Einkesselung Villingens im Anschluss an die herbe schwedische Niederlage bei Nördlingen im September 1634 auch nicht mehr erreicht zu werden brauchten.13)

Bis zu diesem erlösenden Geschehnis mussten die Einwohner Villingens seit der zweiten Hälfte des Jahres 1632 auch außerhalb der Belagerungszeiten fortwährend um Leben, Freiheit und Eigentum bangen, wenn sie aus der Stadt gingen, um Waren und Nachrichten zu transportieren oder auf dem Feld und im Wald zu arbeiten.14) Zwar mühten sich die stationierten österreichischen Truppen, diesen von Soldaten der anderen Seite verursachten Gefahren durch Verteidigungseinsätze und Präventivschläge zu steuern, erfüllten ihr Soll aber kaum in befriedigendem Ausmaß, was sich Gaisser mit Uneinigkeit der Kommandanten, konfusem Vorgehen sowie Mangel an Vorsicht erklärte.15) Nicht selten glitten die Ausfälle der Villinger Besatzung in blutige Raubzüge gegen Bauern und Durchreisende ab — eine eingewurzelte Beschäftigung für die teils ernsthaft um ihre Existenzgrundlage besorgten, teils bloß beutehungrigen Söldner des Dreißigjährigen Krieges. Kritische Anfragen des Abtes bezüglich der Ausplünderung der Umgebung verhallten bei ihnen ungehört oder bewirkten ungestümen Jähzorn: Wan sich der abbt der sachen viel beladen wöll, so wöllen sie ihne selbsten erschueßzen.16)

Bald wurde es in Villingen zur Tradition, durch feierliche Prozessionen und heilige Messen an die gemeisterten Belagerungen zu erinnern 17). Weit über die Grenzen der Region hinaus sprachen sich die ungewöhnlichen Leistungen der Verteidiger herum: Ein von Gaisser erwähnter, namenlos bleibender Benediktiner aus Mehrerau bei Bregenz schrieb der Stadt gar eine aus diesen Ereignissen erwachsene Berühmtheit zu.18) Die vermeintliche Prominenz ließ sich indes nicht ungetrübt genießen, denn das Loblied auf Villinganorum civium virtutem, quae antehac in triplici obsidione […] orbi inclaruerit [die Standhaftigkeit der Villinger Bürger, welche nach bislang dreimaliger Belagerung auf der ganzen Welt bekannt geworden sei], sangen auch gerne die kaiserlichen Militärs, um zögernde Einwohner psychologisch geschickt zu gesteigerten defensiven Anstrengungen zu ermuntern oder zur Duldung einer aufgestockten Zahl von Soldaten zu motivieren. 19)

Hatten sich in den Jahren der Umzingelung Gemeinschaftsgeist und Hilfsbereitschaft in Villingen intensiv bemerkbar gemacht, kehrten doch alte Konflikte zwischen verschiedenen Personen und Gruppen immer wieder schnell hinter die Mauern zurück, was etwa für Gaissers mal schwelende, mal offen ausgefochtene Händel mit der städtischen Obrigkeit diagnostiziert werden muss. Der Klostervorsteher vertrat die Auffassung, dass der Rat ihm und seiner Abtei wie überhaupt allen Monasterien völlig abgeneigt sei und ein mönchenfeindlich gernuet an den Tag lege. Beweise für diesen Verdacht fand der Kleriker in den nach seinem Dafürhalten überzogenen Sachleistungs-und Geldforderungen an seinen Konvent für militärische Aufgaben der Stadt und in der arroganten Art, wie Einwände dagegen abgewiesen würden.20) Um die Berechtigung und Höhe seines Anteils an kommunalen Zahlungen für habsburgische Kriegsbelange rang Gaisser ein ums andere Mal mit den Villinger Amtsträgern, die ihrerseits ein beträchtliches Interesse an Vermeidung oder Abschwächung von finanziellen Bürden für die Stadtbevölkerung hatten und lieber den als Klotz am Bein wahrgenommenen Ordensmann bluten lassen wollten. 21) Gaissers Fazit: Es sei consuetudo Villingensium [Villinger Gewohnheit], das Kloster Sankt Georgen bei Geldgeschäften über den Tisch zu ziehen.22) Die Herabwürdigung des Abtes ging so weit, dass nach der Festsetzung eines Klosteruntertanen wegen mutmaßlichen Diebstahls der Rat keine Beschwerdebriefe des als unzuständig und machtpolitisch zweitklassig beurteilten Gaisser annehmen mochte und sogar ankündigte, auch die Überbringer eventueller Schreiben zu inhaftieren.23) Im Rahmen eines Streits um die Rechte an fünf Bauernhöfen im Kirnachtal drohten aufgebrachte Ratsherren dem Prälaten den Abriss einer Mauer an, welche zum Villinger Pfleghof der Abtei Sankt Georgen gehörte.24) Etwas später tat anlässlich derselben Kontroverse der von Gaisser in beider Todesjahr als sein bester Gefährte 25) charakterisierte Bürgermeister Engesser dem Abt kund, er werde den Villinger Benediktinern fortan vielleicht seine schützende Hand versagen, was den wehrlosen Konvent gänzlich der Repression des Rates ausliefern würde.26) Tatsächlich geriet Gaisser kurz darauf noch mehr in Bedrängnis: Refertur mihi senatus decretum esse hoc: deinceps mihi pascua publica esse prohibita, muncipali jure me excludendum [Es wird mir berichtet, dass der Rat beschlossen habe, mir künftig den Zugang zur öffentlichen Weide zu verbieten und mich von den bürgerlichen Rechten auszuschließen].27) Als weiteres Druckmittel und Zeichen städtischer Besitzansprüche entdeckte der Magistrat die Abwälzung von Villinger Einquartie-rungspflichten auf die Kirnachtaler Untertanen des sich vorderhand vergebens widersetzenden Abtes, der sich bei nächtlichen Pöbeleien als Schelm, Dieb, Mörder, Hechß titulieren lassen musste. 28)

Das Benediktinerkloster in Villingen in einer stark schematisierten Zeichnung von Guido Renner aus dem Jahr 1805.

 

Hier wird offenkundig, dass Gaisser zu den normalen Bürgern Villingens gleichfalls ein angespanntes Verhältnis hatte. Zwar schätzte der Prälat ihre Wachsamkeit und ihre riskanten, oft mit Gefangenschaft oder Tod endenden Verteidigungsbemühungen,29) konstatierte daneben aber eine rücksichtslose, auch das Sankt Georgener Klostergebiet nicht verschonende Aggressivität.30)

Nach einer den Villingern von einem anderen Geistlichen gehaltenen Bußpredigt, in der ihnen angekreidet wurde, dass sie sich immisericordiam in pauperes, blasphemiam, et inimicitias seu discordias [Unbarmherzigkeit gegenüber den Armen, Gotteslästerung und Feindseligkeiten beziehungsweise Zwietracht] hätten zu Schulden kommen lassen, notiert Gaisser, dass der Sündenkatalog allemal ergänzt werden müsse um die Tatbestände cupidi-tatem et rapacitatem, quae multos incolas tenebat in aliena invadere semper paratos [Gier und Raubsucht, von denen viele Einwohner, immer zur Aneignung fremden Eigentums bereit, beherrscht waren]. 31)

Im Anschluss an eine feindliche Attacke warfen ein paar Städter dem Sankt Georgener Klosteruntertanen Michael Pfaff vor, die ihm darüber zur Verfügung stehenden Informationen vorsätzlich nicht in Villingen gemeldet zu haben — und dies ganz im Sinne des Abtes, der sich beim Gegner habe einschmeicheln wollen. Von Protesten Gaissers begleitet, wurde der sich äußerst ungerecht behandelt fühlende Pfaff auf bürgerlichen Druck hin von Soldaten arretiert und mehrere Tage lang unter unerquicklichen Bedingungen eingesperrt 32) Absoluter Tiefpunkt der Animositäten war aus der Perspektive des Abtes zweifellos die weitgehende Zerstörung der Klosterbauten in Sankt Georgen im Oktober 1633, zu der Gaisser bei einer Besichtigung der Ruinen anmerkt: Horror sane me ad medullas intimas usque pervasit [Fürwahr durchlief mich ein Schauder bis in das innerste Mark].33) Auf der Basis einer städtischen Entschließung wurden Ende Februar 1634 die noch unversehrten Gebäude, die in den Augen der Villinger Verantwortungsträger ein potenzielles Versteck für gegnerische Armeen darstellten, ebenfalls niedergebrannt und dabei Todesopfer billigend hingenommen? 34) Wegen seiner angeblich unsolidarischen und einseitig die Interessen der gering geachteten Bauern aus dem Klosterterritorium berücksichtigenden Gesinnung hätte so mancher Einwohner Villingens eine dauerhafte Entfernung Gaissers aus der Stadt sehr begrüßt. Wie angriffslustig etwa das Ratsmitglied Clemens Seger diese Antipathie kundtat, gibt der Abt folgendermaßen wieder: Jetz solte man meine Hof alle verbrennen, die Underthonen niederhauwen und hernach mich zuo der Statt hinauß jagen, also mich meine Underthonen beschützen lehren.35) Speziell in der aufgeheizten Atmosphäre vor der ersten Belagerung wurden solche Vertreibungswünsche auch von anderen offiziellen Vertretern der Kommune frank und frei geäußert, wenn zum Beispiel der damalige Bürgermeister in Verkennung der strategischen Bedeutung seiner Stadt die eigentliche Schuld an der von schwedischen und württembergischen Truppen hervorgerufenen Bedrängnis auf die Anwesenheit des mit dem benachbarten Herzogtum zerstrittenen Sankt Georgener Konvents schob: wür Villinger haben so lang kein ruow noch sicherheit, allweil der abbt hie ist, und wan er nit fort will, so wöllen wir in selbst aufferti-gen, darvor ist doch kein ruow.36)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dieser Anschauung stand er nicht allein, denn in Villingen war durchaus ein Konsens darüber zu erzielen, dass monachos esse hujus communis necessitatis calamitatisque caussam unicam ac superesse uni-cam reconciliandi vicini hostis rationem, si curia Georgiana eidem tradatur [die Mönche die einzige Ursache dieser gemeinschaftlichen Notlage seien und dass es nur eine Methode zur Versöhnung mit dem feindlichen Nachbarn gebe, nämlich die Übergabe des Sankt Georgener Pfleghofes an Württemberg].37 Trotz aller Differenzen besaß die Stimme des Abtes bei Teilen der Bevölkerung aber immerhin so großes Gewicht, dass ihn jene Bürger, die 1640 gegen den Plan einer neuerlichen österreichischen Besatzung in der Stadt aufbegehrten, zum Fürsprecher ihres Anliegens gegenüber einem Abgesandten der Innsbrucker Regierung bestimmten.38)

Die dritte für den Prälaten problematische Villinger Gruppe waren die höheren Dienstgrade der kaiserlichen Armee. Den prinzipiell um harmonisches Einvernehmen mit ihnen bemühten Gaisser behelligten sie mit ihren dauernden Forderungen nach materieller Unterstützung und konnten ihn durch den dabei angeschlagenen Ton so in Angst versetzen, dass er eines Nachts alle möglichen Vorkehrungen zur Verhinderung eines befürchteten militärischen Übergriffs auf den Benediktinerkonvent traf, bloß weil er zuvor dem Kommandanten Aescher dessen Bitte um vorübergehende Versorgung seiner Pferde nicht erfüllt hatte 39) — demselben Aescher, der von Gaisser nach den Belagerungen noch als Mann bewundert worden war, der globorum ignivomorum violentiam irritam esse fecerat [die Gewalt der Feuerkugeln unwirksam machte].40)

Die meisten Villinger legten indes gegenüber den auswärtigen, wegen den von ihnen in Stadt und Umland verursachten Kosten und Schäden allgemein mit Missvergnügen betrachteten und wiederholt Tumulte anzettelnden Soldaten ein entschiedenes Auftreten und großes Selbstbewusstsein an den Tag, womit es ihnen beispielsweise gelang, kaiserliche Militärangehörige in die Schranken zu weisen, die bei ihrem Abzug noch außerordentliche Dienstleistungen erpressen wollten.41) Anderen Verbänden, von deren Vorgesetzten eine Gefahr für Eigentum und Sicherheit auszugehen schien, verweigerten die Bürger jegliche Kooperation und sogar den Zutritt zur Stadt.42) Wenn es ihnen zur Abwehr soldatischer Belästigungen notwendig dünkte, schreckten sie auch nicht davor zurück, Anordnungen der Erzherzogin Claudia zu widersprechen.43)

Noch bevor überhaupt der erste ortsfremde Militärangehörige die Stadt betreten hatte, hegten manche Bürger schon Argwohn gegen die Soldaten, welche ihnen die vorderösterreichische Verwaltung zur Abwehr des ängstlich erwarteten schwedischen Vormarsches schicken wollte: sed hoc ipsum grave aliquibus visum est, perpendentibus iniquam sortem sub licentia et malitia hujusmodi hominum futuram, cum tarnen, si hostis ingruat, par-va spes sit oppidi per ipsos defendendi, quin plus verendum esse, ne ipsismet avaris et a fide catholica praecipua ex parte alienis militibus praedae sint futuri [Aber gerade dies erschien einigen bedrückend, wenn sie erwogen, dass ihr Los unter der Zügellosigkeit und Bosheit derartiger Menschen ungünstig sein werde; während doch die Hoffnung auf Verteidigung durch sie bei einem Überfall des Feindes gering sei, stehe eher zu befürchten, dass die Bürger selbst zur Beute der räuberischen und dem katholischen Glauben zum größten Teil abgeneigten Soldaten werden würden].44)

Zwei Angehörige einer bayerischen Einheit begingen den Fehler, zum Abschied ein Pferd des Schultheißen mitgehen zu lassen und damit städtische Reiter auf den Plan zu rufen, die einen der Missetäter umbrachten und den anderen gefangen nahmen.45) Dann und wann eskalierten innerhalb der Stadt die Zwistigkeiten derart, dass zivile und militärische Gruppen bewaffnet aneinander gerieten, sich erhebliche, auch Frauen in Mitleidenschaft ziehende Verletzungen zufügten und von ihren jeweiligen Obrigkeiten kaum zur Räson gebracht werden konnten.46) Obwohl Gaissers Tagebücher überwiegend von solchen Aufsehen erregenden Zuspitzungen im Zusammenleben von Bürgern und Truppenangehörigen in Villingen berichten, dürfte die alltägliche Interaktion doch streckenweise auch von friedfertigem Miteinander bestimmt gewesen sein, von dem der Abt aber nur wenig mitteilt. Eine Passage, in der zwei Soldaten Erwähnung finden, die sich wegen einer jungen Frau duellieren, die beiden eine Heirat in Aussicht gestellt hat, deutet zumindest an, dass Annäherungen und Verbindungen zwischen Militär-und Zivilbevölkerung kein Ding der Unmöglichkeit waren.47)

Bei Bedarf ließ sich regelrecht gemeinsame Sache machen, denn trotz der Versorgungsengpässe, welche durch die in der dörflichen Nachbarschaft ins Werk gesetzten Plünderungen und Raubzüge auftraten, betätigten sich einzelne Bürger als Hehler und kauften Söldnern das von diesen gestohlene Vieh ab, um es den bäuerlichen Eigentümern anschließend für einen höheren Preis zurückzuerstatten. Eine Variante dieses Vorgehens war, feindlichem Militär die geraubten Rinder gewaltsam zu entreißen und sich die Rückgabe von den Sankt Georgener Klosteruntertanen teuer bezahlen zu lassen.48) Dass sich das Unrechtsbewusstsein angesichts dieser Praktiken in Grenzen hielt, zeigt die groteske Reaktion einiger Villinger auf einen Protest Gaissers gegen den Handel mit Vieh, welches zuvor seinen Untertanen von Soldaten weggenommen worden war: der Prälat sey beßzer Schwödisch als kayßerisch, gunne den Würtenbergischen mehr guots alß den burgern. Si wöllen bald ihne selbsten vor die Statt hinauß jagen.49

Ein ungleiches Kräfteverhältnis zwischen den Stadtbewohnern und ihren ländlichen Anrainern manifestiert sich auch in der Entscheidungsmacht über Einlass oder Abweisung von Flüchtlingen, die desto weniger willkommen waren, je niedriger ihre gesellschaftliche Position eingeschätzt wurde. Gewiss hatte Villingen durch den bisweilen massiven Andrang von Schutzsuchenden schwere Lasten zu schultern, für die sich allerdings die zuständigen Stellen an den Aufgenommenen gründlich schadlos hielten. Die Sankt Georgener Klosteruntertanen etwa hatten ihr Scherflein in Form von Nutztier-und Getreidelieferungen oder Transport- und Arbeitsleistungen beizutragen und mussten im Verweigerungsfall den Einzug ihres mitgebrachten Besitzes in Kauf nehmen.50)

Öfters bestanden zwischen dem zu vorsichtigem Taktieren neigenden Villinger Rat einerseits und den in Anbetracht unvorteilhafter Entwicklungen schnell von Panikstimmung befallenen Bürgern andererseits Meinungsverschiedenheiten über die im Hinblick auf die Kriegsgefahren zu treffenden Entscheidungen und das notwendige Ausmaß der Nachgiebigkeit gegenüber politischen und militärischen Forderungen. Verstärkt kamen diese Disharmonien im Umfeld der Belagerungen zum Vorschein, besonders als eine Bürgergesandtschaft mit Erfolg, aber ohne Wissen und Einwilligung der düpierten Stadtväter bei der vorderösterreichischen Verwaltung bewaffnete Hilfe für Villingen anforderte, nachdem als skandalös empfundene Anhaltspunkte für den Verdacht aufgetaucht waren, dass der Magistrat die Stadt unter den Schutz des Herzogtums Württemberg stellen könnte.51)

Ausführlich schildert und kommentiert Gaisser in diesem Kontext eine Zusammenrottung zahlreicher Villinger im September 1632, als ein württembergischer Angriff auf die Stadt zum Greifen nahe schien und die erhitzten Bürger und Hintersassen gegen den der Feigheit bezichtigten Rat sich ihres Verteidigungswillens zu versichern wünschten. Der Abt sieht den Volksauflauf, an dem teilzunehmen manche Zauderer freilich erst mit Waffengewalt und anderen Einschüchterungen überzeugt werden mussten, vor allem von hohlem Verbalradikalismus geprägt, wittert dahinter aber auch die von moderaten Kräften vereitelte Absicht mittelloser Zeitgenossen, chaotische Zustände zu provozieren, um sich dann des Eigentums Wohlhabender bemächtigen zu können.52) Zu einem heftigen Tumult wuchs sich auch ein Dissens im Spätherbst 1640 aus, als der Villinger Bürgermeister zwei Einwohner verhaften ließ, die veranlasst hatten, dass Reitern aus dem Regiment des Obersten von der Leyen der offiziell erlaubte Zugang zur Stadt verwehrt wurde. Ein deswegen ebenfalls zur Inhaftierung ausersehener Wachtposten sträubte sich tätlich gegen seine Festsetzung, was wiederum andere Männer zu einer lautstarken und von Drohungen begleiteten Demonstration vor dem Haus des Bürgermeisters mit dem Ziel der Freipressung der Eingekerkerten bewog.53)

Krawall, Kabale, Kollisionen: Es ist kein schmeichelhaftes Bild, welches der Sankt Georgener Abt Georg II. Gaisser über weite Strecken seines Tagebuches von Villingen im Dreißigjährigen Krieg und den damals dort lebenden Menschen entwirft. Lokalpatrioten mögen sich jedoch damit trösten, dass ihre Stadt für einen prominenten, längst der Weltliteratur zuzurechnenden Roman des 17. Jahrhunderts eine sehr viel freundlichere Kulisse abgibt. Im durchaus gastfreien Villingen nämlich begegnet der Titelheld von Grimmelshausens barockem Bestseller „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ 1638 zufällig seinem alten Kameraden Ulrich Herzbruder, päppelt diesen vom Schicksal tüchtig gebeutelten Weggefährten hoch und bricht mit ihm schließlich zu einer Wallfahrt ins schweizerische Einsiedeln auf.54) Fromme Marienverehrung und tätige Nächstenliebe – im tugendsamen Verhalten der beiden Fremden spiegelt sich die hellere, gleichwohl in Gaissers eindrucksvollem Zeitdokument konsequent unterbelichtete Seite der doppelgesichtigen Villinger Kriegsrealität.

Anmerkungen:

1 ‚ Vgl. Georg Gaissers Tagbücher. Von 1621 bis 1655, in: F [ranz] J[oseph] MONE (Hg.), Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, Band 2, Karlsruhe 1854, S. 159-528 (im Folgenden zitiert als: GGT). Deutsche Übersetzung von Otto STEMMLER: Tagebuch des Abt Michael [!] Gaisser der Benediktinerabtei St. Georg zu Villingen, *1595 +1655, Band 1: 1621-1635, Band 2: 1636-1655, o.O. o.J. [Villingen-Schwen-ningen 21984]. Lateinische Zitate aus den Tagebüchern Gaissers wurden von mir für den vorliegenden Aufsatz ohne strenge Orientierung an der Übersetzung STEMMLERS ins Deutsche übertragen, wenn dies für das Textverständnis angemessen erschien. Hierbei gebührte einer Wiedergabe des Aussagesinns die Priorität vor philologischer Genauigkeit.

2 Vgl. Michael TOCHA, Besinnung und Aufbruch: Die Villinger Benediktiner und die Universität Dillingen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 23 (1999/2000), S. 53-59. – DERS., Reformation oder katholische Erneuerung. Villingen und Schwenningen im konfessionellen Zeitalter, in: Heinrich MAULHARDT / Manfred REINARTZ / Ute SCHULZE (Red.), Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, hg. von der Stadt Villingen-Schwenningen aus Anlaß des Jubiläums 1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht Villingen im Jahre 1999, Villingen-Schwenningen 1998 (=Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen 15), S. 202-216. – Anton SCHINDLING, Die katholische Bildungsreform zwischen Humanismus und Barock. Dillingen, Dole, Freiburg, Molsheim und Salzburg: Die Vorlande und die benachbarten Universitäten, in: Hans MAIER / Volker PRESS (Hgg.), Vorderösterreich in der frühen Neuzeit, Sigmaringen 1989, S. 137-176.

3 Vgl. Wolfgang SEIBRICH, Gegenreformation als Restauration. Die restaurativen Bemühungen der alten Orden im Deutschen Reich von 1580 bis 1648, Münster 1991 (=Beiträge zur Geschichte des alten Mönchtums und des Benediktinertums 38).

4 Vgl. Christian SCHULZ, Strafgericht Gottes oder menschliches Versagen? Die Tagebücher des Benediktinerabtes Georg Gaisser als Quelle für die Kriegserfahrung von Ordensleuten im Dreißigjährigen Krieg, in: Matthias ASCHE / Anton SCHINDLING (Hgg.), Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Münster 2 2002, S. 219-290.

5 Vgl. Christian SCHULZ, Theater des Schreckens. Der Dreißigjährige Krieg aus der Sicht des Sankt Georgener Abtes Georg Gaisser, in: Momente. Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg 3/2002, S. 31-37.

6 Vgl. Franz QUARTHAL, Vorderösterreich in der Geschichte Südwestdeutschlands, in: Vorderösterreich – nur die Schwanzfeder des Kaiseradlers? Die Habsburger im deutschen Südwesten, hg. vom Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, Stuttgart 21999 (Ausstellungskatalog), S. 14-59. – Dieter STIEVERMANN, Österreichische Vorlande, in: Anton SCHINDLING / Walter ZIEGLER (Hgg.), Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500-1650, Band 5: Der Südwesten, Münster 1993, S. 256-277. – Walther Ernst HEYDENDORFF, Vorderösterreich im Dreißigjährigen Kriege. Der Verlust der Vorlande am Rhein und die Versuche zu deren Rückgewinnung, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12 (1959), 13 (1960), S. 74-142 und 107-194.

7 Vgl. GGT vom 7. November 1632.

8 GGT vom 12. Januar 1633.

9 GGT vom 24. Januar 1633.

10 Vgl. GGT vom 30. Juni-11. September 1633.

11 Vgl. GGT vom 16. Juli-6. August 1634.

12 GGT vom 25. Juli 1634.

13 Vgl. GGT vom 9. August-18. September 1634.

14 Vgl. GGT vom 21. Januar 1634, 15. April 1634 und 4. Mai 1634.

15 Vgl. GGT vom 9. Februar 1634 und 20. Februar 1634.

16 Vgl. GGT vom 3. Mai 1634 (dort auch das Zitat) und 8. Mai 1634.

17 Die Eintragungen Gaissers zu dieser Thematik sind Legion. Vgl. zum Beispiel GGT vom 24. Januar der Jahre 1642, 1645, 1648, 1650, 1653 (Gedenken an die Aufhebung der ersten Belagerung 1633) und vom 4. August der Jahre 1634, 1636, 1642, 1648, 1649, 1651 und 1654 (Gedenken an einen Sieg über die feindlichen Truppen während der zweiten Belagerung 1633).

18 Vgl. GGT vom 23. August 1637.

19 Vgl. GGT vom 13. Dezember 1638, dort auch das Zitat.

20 Vgl. GGT vom 16. April 1632, dort auch das Zitat.

21 Vgl. GGT vom 1. April 1636 und 5.-12. August 1642.

22 Vgl. GGT vom 13. Februar 1643, dort auch das Zitat.

23 Vgl. GGT vom 10. Dezember 1643.

24 Vgl. GGT vom 11. März 1644.

25 Vgl. GGT vom 11. Juli 1655.

26 Vgl. GGT vom 22. Oktober 1645.

27 GGT vom 8. Februar 1646.

28 Vgl. GGT vom 16. Juni 1647 und 27.-29. Juni 1647, das Zitat am 28. Juni 1647.

29 Vgl. GGT vom 15. März 1634, 4. April 1635, 11. Juni 1638, 10. September 1642 und 11.-16. November 1643.

30 Vgl. GGT vom 7.-10. Januar 1634, 27. März 1638, 5. Dezember 1638 und 25. Mai 1648.

31 GGT vom 20. Januar 1634.

32 Vgl. GGT vom 12.-16. Mai 1643 und 21. Mai 1643.

33 GGT vom 23. September 1634.

34 Vgl. GGT vom 22./23. Februar 1634.

35 GGT vom 11. April 1634.

36 GGT vom 4. November 1632.

37 GGT vom 31. Juli 1632.

38 Vgl. GGT vom 13. Mai 1640.

 

39 Vgl. GGT vom 15. April 1638.

40 GGT vom 20. Januar 1635.

41 Vgl. GGT vom 16. November 1637.

42 Vgl. GGT vom 25. Januar 1635, 20. Februar 1635, 18. April 1638 und 26./28. März 1640.

43 Vgl. GGT vom 13. Mai 1640.

44 GGT vom 5. Mai 1632.

45 Vgl. GGT vom 1. April 1643.

46 Vgl. GGT vom 6. November 1645, 1./2. Mai 1646, 17. Juli 1646 und 15./16. Mai 1647.

47 Vgl. GGT vom 7. Juli 1642.

48 Vgl. GGT vom 26. Februar 1638 und 12./13. Mai 1643.

49 GGT vom 30. März 1634.

50 Vgl. GGT vom 3. März 1638, 12. Juni 1638, 21. August 1642 und 27. Juni 1644.

51 Vgl. GGT vom 28./29. Oktober 1632 und 6./7. November 1632.

52 Vgl. GGT vom 9. September 1632.

53 Vgl. GGT vom 11. November 1640.

54 Vgl. Hans Jakob Christoffel VON GRIMMELSHAUSEN, Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch, nach dem Erstdruck von 1669 hg. von Alfred KELLETAT, München 1975, S. 379-391 (Ende des vierten und Beginn des fünften Buches).

 

Von der neuen „Aussichtskanzel“ der Volksbank: Blick auf die Benediktinerkirche

 

Erinnern Sie sich noch? Villingen im Wandel der Zeit. (Helmut Kury)

Wie sich Villingen im Laufe der Zeit verändert hat, wird dieses Jahr im grafischen Werk von Richard Ackermann (1892 — 1968) gezeigt.

Die Bilder stammen aus drei Zyklen:

Von 1920 Kreidezeichnungen mit dem Titel „Alt-Villingen“, von 1924 Zehn Lithographien „Villingen“ und von 1968 „Villingen, die Stadt der schönen Türme und Tore“.

Wandel auch im künstlerischen Werk von Richard Ackermann:

Die Bilder von 1920 noch düster, romantisch, realistisch, ausgearbeitet, abgeschlossen.

Die von 1924 zeigen schon deutlich den Zeitgeist des Expressionismus. Sie sind hell, skizzenhaft, lassen Überschüssiges weg, sind durch Verzicht eigentlich viel wesentlicher.

Richard Ackermann lebte vorwiegend in Villingen und fand seine Motive in seiner Heimat.

„Aber nie ist ihm die historische Vergangenheit Hemmnis oder Ballast, sondern sie ist ihm eigenwillige Dimension, in der der Beschauer ein Stück seines Selbst erlebt und in die er seine Gegenwärtigkeit hineinprojiziert. Äußere Motive sind für ihn nur Anlass um sie auf seine Weise zu interpretieren und sich gleichsam von innen her in die Welt einzufühlen“ (Gustav Heinzmann).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder hat Richard Ackermann die Ansichten seiner Heimatstadt in Serien dargestellt. 1964 in Zeichnungen „Rund um Alt-Villingen“ und in seiner letzten Mappe mit elf Lithografien „Villingen, die Stadt der schönen Türme und Tore“. In diesem Zyklus versucht Richard Ackermann eine moderne Sehweise seiner Stadt.

Unromantisch, ornamental, doch die Architektur real darstellend, gemagerte Lineatur, Hell-Dunkel abwägend. Betrachtet man die den Bildraum füllenden Schraffuren und Formen genau, kann man unzählige Menschengestalten entdecken, wie zufällig im Ornament verwoben. Sind wir es, die mit den Türmen und Toren leben, diesen Gedächtnismalen der Vergangenheit, die uns Geborgenheit geben und Heimat sind?

 

Das Motiv seines Großvaters Dominik Ackermann d. J., das unser Titelbild zeigt, hat Richard Ackermann 1939 wieder aufgenommen und neu belebt. Sein Wächter trägt aber keine Hellebarde, sondern bläst das Herterhorn.

 

Zyklus von 1920

 

Schulgasse

 

 

An der Bickenkapelle

 

 

An der Gerbergasse

 

Zyklus von 1924

 

Niedere Straße

 

 

Obere Straße

 

 

 

Oberetorkomplex

 

 

Stadtmauer am Romäusturm

 

Zyklus von 1968

 

Obertor-Turm

 

 

 

Johanniter-Turm

 

 

 

Siechen-Turm

 

 

 

Romäus-Turm

 

 

 

 

 

Die Passionsstele am Stationenweg (Kurt Müller)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Initiiert vom Geschichts- und

 

 

 

 

Heimatverein Villingen e.V. und finanziert durch Spenden seiner Mitglieder, konnte am 6. Oktober 2002 an gut geeigneter Stelle, am Ende des Stationenweges, in der Nachbarschaft des Friedhofes, eine 220 cm. hohe Stele enthüllt werden. Professor Klaus Ringwald hat die drei Flächen des bronzenen Kunstwerkes mit den Szenen von drei Kreuzweg-stationen gestaltet. Oberbürgermeister Professor Matusza hatte die Überlassung des Grundstücks und die Finanzierung des Fundamentbereichs durch die Stadt Villingen-Schwenningen ermöglicht. Der Künstler stellte sein Werk vor, nannte mit Dank die Mitarbeiter in der Gießerei, die Verantwortlichen des Grünflächenamtes und deutete die Reliefs mit der Schrift auf den drei Seiten der Stele. Dekan Kurt Müller, der die Texte entworfen hatte, sprach ein Segensgebet. Günter Rath, der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, übergab das kostbare Werk der Wertschätzung und der Fürsorge der Öffentlichkeit, die in großer Zahl an der Einweihungsfeier teilgenommen hatte. Von den üblichen, in den meisten katholischen Kirchen zu entdeckenden 14 Kreuzwegstationen wurden drei ausgewählt:

Jesus wird zum Tod verurteilt.

Klein, noch unter der untersten Stufe steht wehrlos der angeklagte, gefesselte Jesus. Fünf Stufen höher, fast auf dem Richterstuhl sitzend wäscht Pilatus nach gefälltem Urteil sich „in Unschuld“ die Hände. Der deutende Satz lautet:

DIE HANDLANGER
DAS UEBEL JEDER
EPOCHE

 

 

 

 

 

 

 

 

Der biblische Inhalt und der Sinn der 14 Kreuzwegstationen ist heute wohl nicht mehr allen Passanten sofort geläufig. Deshalb und auch aus gestalterischen Gründen deckt erklärende Schrift jeweils den unteren Teil der drei Flächen. Zum Todesurteil über Jesus lautet der Text:

MENSCHEN URTEILEN
SIE VERURTEILEN

ZU ALLEN ZEITEN
GAB ES STANDHAFTE
ZEUGEN
DIE VOR DEN
TRIBUNALEN
NICHT ZERBRACHEN

WAHRHEIT
UND WERTE
RUFEN NACH
ZEUGEN
UND
BEKENNERN.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Stirnseite der Stele, jedem Vorübergehenden direkt zugewandt, erscheint das Geschehen von Golgotha „Es ist vollbracht“. Um den sicheren Tod zu konstatieren, stößt der Soldat (in der Legende Longinus genannt) mit der Lanze in die Seite Jesu. Die beiden Schächer und alle übrigen Zeugen der Hinrichtung sind ausgeblendet. Nur Johannes und Maria Magdalena in sprechender Gebärde verweisen auf den die Welt erlösenden Tod. Der zweiteilige Text lautet:

DAS KREUZ
AM WEG
KREUZT UNSERN
LEBENSWEG

DA STICHT EINER ZU
AUF HOHEM ROSS
AM FUSS DES BALKENS
NAMENLOSE KLAGE
EINER
MIT FRAGENDER GESTE

WER STIRBT
DA FUER WEN
WARUM?
DIE RICHTIGE
ANTWORT
IST WICHTIG.

In kleinerer Schrift nennt der Text unten die Begründung für die Errichtung der Stele:

AM WEG VON DER
BICKENKAPELLE
ZUR ALTSTADT ZUM
FRIEDHOF
BEGEGNETEN UNSERE
VORFAHREN BIS ZUM
BAU DER EISENBAHN
DEN 14 STATIONEN
EINES KREUZWEGS
MIT DIESER STELE.
IM JAHR 2002 VOM
GESCHICHTS UND HEIMAT-
VEREIN ERRICHTET
SOLL DIE ERINNERUNG
AN DIESEN STATIONEN-
WEG LEBENDIG BLEIBEN.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach Osten lautet die Station: „Jesus wird ins Grab gelegt“. Da ist das neue Grab in das noch niemand gelegt worden war. Josef von Arimatea und Nikodemus, die wichtigen Akteure, sind aus dem Bild. Kein Leinentuch, keine Spitzereien, nicht hundert Pfund Myrrhe und Aloe. Nur Maria von Magdala sieht wohin man ihn gelegt hat. Die Komposition erinnert an eine Theaterbühne: Schwappt der Vorhang nun endgültig zu und das Spiel ist aus oder ist der dunkle Vorhang der Grabesnacht zurückgezogen und eine Zukunft im Licht beginnt? Der Satz am Grab weist in die rettende Richtung:

TOD WO IST
DEIN SIEG
TOD WO IST
DEIN STACHEL

Die Inschrift verkündet:

EINER WIRD
INS GRAB GELEGT
DAHIN ZIELT ALLER
MENSCHEN
LEBENSWEG

SCHEINBAR HAT
DER TOD GESIEGT
AN OSTERN HATTE

KEINER GEDACHT

DER AUFERSTANDENE
LEBT
IHM NACH FUEHRT
UNSER LEBENSWEG
IN DIE WEITE.

Damit ist dem untergegangenen Stationenweg ein Denkmal gesetzt. Man kann noch ein paar Erinnerungen an diesen, für die Villinger bedeutsamen Weg wachrufen. Über die steinerne Brigachbrücke, vor dem Bickentor, führte der Weg an der Bickenkapelle vorbei zur Altstadtkirche, zum Friedhof. Im Leben oft begangen war das in der Regel der letzte Weg im Leichenzug zum Gottesacker. Die Anzahl der Bildstöcke und ihr Inhalt sind nicht mehr genau rekonstruierbar. Vermutlich stammten die Stationen aus unterschiedlichen Zeiten und waren nicht die jetzt üblichen 14 Stationen des Kreuzwegs. Eine erhaltene Auflistung von 1755 kennt noch zehn Stationen. Zählt man aber die Bickenkapelle, das Nägelinkreuz, die Kreuzabnahme und das Heilige Grab in der Altstadtkirche dazu, dann kommt man wohl auf 14 Stationen. Die wertvollste davon, Gott sei Dank erhalten, ist die Schächergruppe, die 1492 von der Sebastianbruderschaft gestiftet, im Vorzeichen der Altstadtkirche aufgestellt war. Die Kopie davon ziert jetzt den Turm der Friedhofskirche und die Originale sind im Chorraum der Franziskanerkirche geborgen.

Am ehemaligen Gutshof des Klosters St. Ursula hatten sich die beiden letzten Bildstöcke bis zum Neubau des Gymnasiums Am Hoptbühl erhalten, allerdings ohne Bild oder Relief. Der Weg führte damals über freies Feld ohne Strassen, ohne Eisenbahn. Als Stationenweg war er sicher eine Einladung zur Besinnung, zum meditativen Umgang mit Fragen nach Lebensziel und Lebensende. Der Stadtpfarrer Johann Jakob Riegger beschreibt in seinem Nägelinskreuzbüchlein von 1735 welches spirituelle Angebot der Weg für die Villinger bereit hielt: „Kan man in der Still eine kurz- und doch gute Wahlfahrt in die Alt-Statt auff den Gottes-Acker verrichten: als zum Exempel/ man betet im hinauß gehen den ersten/ bei denen Begräbnussen den anderen/ und im wider heimgehen den dritten Rosenkranz/ und gewinnet mit disem Psalter vollkommenen Ablaß/ kan solches denen Abgestorbenen schenken; und verrichtet alles in einer Stund.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Passionsfrömmigkeit in Villingen

Bei Kriegsgefahr, in Krankheit, bei Seuchen und Hunger waren die Menschen viel unmittelbarer mit Sterben und Tod konfrontiert als wir heutigen. Trost und Kraft schöpften sie aus der Betrachtung des Leidens Christi, aus der Bereitschaft zur Nachfolge Jesu auch auf dem Kreuzweg. Beim Bemühen sich in das Leiden Christi zu versenken, sich mit ihm zu identifizieren wird natürlich auch der Wunsch wach, die Schauplätze seines Lebens, Leidens und Sterbens mit eigenen Augen zu sehen, leibhaftig zu erfahren. Das ist der Wurzelgrund der Wallfahrt ins Heilige Land zu den heiligen Stätten, die schon ganz früh begonnen hat, im vierten Jahrhundert. Die Epoche der Kreuzzüge brachte eine enorme Kenntnis des Orients ins Abendland. Die Herrschaft des Islam behinderte die Wallfahrt nicht sehr. Sie erlebte im 15. Jahrhundert eine neue Blüte und bis heute fahren Jahr für Jahr Tausende von Pilgern aus allen Ländern nach Palästina. Einer der ersten Pilgerberichte aus dem heiligen Land stammt von der Pilgerin Eteria aus dem Jahr 393. Sie war wohl eine Nonne aus Südfrankreich und ihr Bericht nennt eine Fülle von heiligen Stätten und liturgischen Gebräuchen im heiligen Land. Der heilige Bischof Konrad von Konstanz ist im zehnten Jahrhundert drei mal ins heilige Land gepilgert. Die Wallfahrt des Franziskanerpaters Stefan Fuchs im letzten viertel des fünften Jahrhundert ist für uns in Villingen wichtig, weil er Beichtvater im Klarissenkloster war, und seine Wallfahrt darin reiche Folgen zeitigte. Auf Ersuchen des Rates der Stadt und auf Vermittlung des Franziskanerprovinzials Heinrich Karrer, kam im Jahr 1480 Ursula Heider aus Valduna in Vorarlberg nach Villingen, um die Frauen in der Sammlung am Bickentor zu einem geschlossenen Klarissenkloster zusammenzuführen. Ihr schenkte oder lieh der Pater Stefan Fuchs sein Pilgerbüchlein, in dem alle bedeutsamen Stätten im heiligen Land und in einem Anhang auch die Hauptkirchen Roms und die wichtigsten Wallfahrtsorte der Christenheit aufgelistet waren. Seit Ursula Heider Äbtisin im Bickenldoster war, galt die strenge Klausur. Die Nonnen durften nie mehr ihr Kloster verlassen. Ursula Heider fasste den Plan, alle heiligen Stätten und Wallfahrtsorte auf kleine Pergamentblätter zu vermerken und diese Pergamentinschriften an zahlreichen Plätzen im Kloster, in der Kapelle und im Kreuzgang anzubringen. Sie lud ihre Schwestern ein beim meditativen Aufsuchen dieser mit Schrift vermerkten Plätze eine „peregrinatio spiritualis“, eine geistliche Pilgerfahrt zu unternehmen. Es ist erstaunlich, dass sie es von Villingen aus wohl durch die Vermittlung von Franziskanern zustande brachte, dass Papst Inozenz XIII. ihr 1491 für alle diese markierten Denkplätze im Klarissenkloster die gleichen Ablässe verlieh, wie beim leibhaftigen Besuch der Schauplätze im fernen Palästina oder in Rom den Pilgern zuteil werden konnten. Aufgrund dieser einmaligen, päpstlichen Privilegien hat Ursula Heider dann 1492 die Pergamenttäfelchen durch steinerne Stationstafeln ersetzt. 70 davon haben sich bis heute an unterschiedlichsten Stätten im Kloster und in der Schule St. Ursula erhalten. 210 waren es ursprünglich gewesen. Die Texte haben sich im Archiv erhalten. Dass es dabei für die Klarissen wirklich um eine geistliche Pilgerfahrt, um ein gesamtmenschliches Miterleben der Heils-ereignisse ging, belegt eine, auf ältere Vorlagen zurückreichende Handschrift in St. Ursula aus dem Jahr 1659. Darin werden für die geistlich fruchtbare Feier der Karwoche detaillierte Anweisungen gegeben, wie und wann die einzelnen Stätten besucht werden sollten und was dabei zu tun, zu bedenken und zu beten sei. Das heiligmässige Leben der Ursula Heider hat nicht nur ihren Konvent geprägt und im Kloster der Verehrung des Leidens Christi den Weg bereitet, ihr Beispiel hat ansteckend gewirkt hinein in die Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es kann sein, dass deshalb im gleichen Jahr 1492 die Sebastiansbruderschaft die Schächergruppe in das Vorzeichen der Altstadtkirche gestiftet hat. Der Text zum Bild „Anas huß ietz gewicht zu er all engel.“ (Haus des Annas jetzt zu Ehren aller Engel geweiht, sieben Jahre Ablass), „die römisch Kijrch und Statio St. Sixt papa et martyris.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht hängt mit der Passionsmystik, die in St. Ursula gepflegt wurde, auch das ikonographische Programm zusammen, das wohl der Rat und der Pfarrer dem Künstler Konrad Rötlin aus Rottweil auftrugen, als sie ihm kurz nach 1500 den Auftrag erteilten, für das Villinger Münster eine steinerne Kanzel zu schaffen. Dieses fast fünf hundert Jahre alte Kunstwerk ist der wertvollste Schmuck im Langhaus des Münsters. Kunstgeschichtlich zwischen

Spätgotik und Renaissance anzusiedeln, zeigt der Kanzelaufstieg und der Kanzelkorb die Passion Jesu in sieben Bildern. Nicht nur im Innern des Münsters begegnet man dem Kreuzweg. Im 16. Jahrhundert wurde das große Fresko von der Kreuzabnahme durch Josef von Arimatäa in das Gewölbe des Oberen Tores gemalt. Stark beschädigt wurde es in einem komplizierten Verfahren auf Anregung von Dr. Josef Fuchs dort abgenommen und ist jetzt im Eingangsbereich des Franziskaner in Sicherheit. Das Riettor zeigt zur Rietstraße hin ein Bild von der Annagelung Christi. Nach einem älteren Vorbild wurde dieses Fresko von Albert Säger (1866-1924) erneuert. Die Platzierung eines solchen Bildes am Stadttor ist vermutlich begründet durch den nebenanliegenden ehemaligen Friedhof der Franziskaner, jetzt Osianderplatz genannt, oder durch die Tatsache, dass der Weg zum Hochgericht durchs Riettor hinausführte. In Zusammenhang mit der Passions-frömmigkeit ist auch eine Villinger Besonderheit zu sehen, die freilich in anderen Städten schon früher im Brauch war. 1585 am Katharinentag, am 25. November wurde angeregt durch die Franziskaner eine Bruderschaft begründet, deren Aufgabe es sein sollte „die Passion in gewissen Jahren ewiglich zuhalten.“ Das bedeutet im bestimmten Rhythmus in Villingen ein Passionspiel aufzuführen. So wurden dann fast zwei hundert Jahre lang die Villinger Passionspiele unter der Leitung der Franziskaner mit der Beteiligung vieler Bürger aufgeführt. Dieses geistliche Spiel dauerte Stunden am Gründonnerstag und am Karfreitag. In der größten Form waren 140 Schauspieler daran beteiligt. Zahlreiche, auch von weit herkommende Zuschauer nahmen jeweils daran Teil. Der Text ist im Fürstlich Fürstenbergischen Archiv in Donau-eschingen erhalten und hat im Verlauf der Zeit manche Veränderungen erfahren. Manchmal wurde nur in der Franziskanerkirche gespielt, dann im Garten auf der Südseite des Klosters. Die Kreuzigung fand manchmal auf dem Marktplatz statt, Prozessionen verbanden die einzelnen Spielorte.

Geistliche und weltliche Obrigkeit sahen das ursprünglich fromme Mysterienspiel sich zunehmend in ein Spektakel verwandeln. Akteure und Zuschauer vergaßen den Ernst der Sache. Passionsspiel wurde von manchen als Possenspiel missverstanden und so kam schließlich nach auf und ab, nach Blütezeit und Krisenphasen am 5. April 1770 das endgültige Verbot des Spiels und der Prozession. Die kirchlichen Behörden in Konstanz hatten dem Verdict der vorderöstereichischen Regierung zugestimmt. Reste der Passions-kulissen erinnern im Chor der Franziskanerkirche an diese Zeit der geistlichen Spiele in Villingen.

Die Kreuzwege in den Villinger Kirchen

Wer sich mit den vorgetragenen Gedanken etwas beschäftigt hat, wird vielleicht mit erneuerter Aufmerksamkeit beim Betreten einer der Villinger Kirchen auf die Kreuzwegsdarstellungen achten. Seit der grundlegenden Renovierung der Benediktinerkirche sind dort als Ersatz für die schlichten, schwarzweißen Drucke des Beuroner Kreuzwegs 15 Stationen eines ländlich-barock gemalten Kreuzwegs angebracht. Dieser Kreuzweg mit stark von den üblichen Stationen abweichenden Bildinhalten stammt aus der Pfarrkirche in Kettenacker in Hohenzollern und wurde uns aus dem Depot des erzbischöflichen Ordinariates geschenkt. Restaurator Rau hat die Bilder gereinigt und neu gerahmt. Sie fügen sich vorzüglich in den Rahmen der übrigen Ausstattungsstücke der Benediktinerkirche.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Wiedereinrichtung des Münsters von 1905 bis 1909 wurde in Zusammenhang mit der hölzernen Wandverkleidung im inneren Sockelbereich und mit der Aufstellung der Windfänge auch ein damit verbundener neuer Kreuzweg mit 14 Stationen geplant und bei der aus Südtirol stammenden Offenburger Holzbildhauerwerkstatt Gebrüder Moroder in Auftrag gegeben. Das dunkle Eichenholz der aufwendigen Rahmen bringt die aus hellem Holz in Relief geschnitzten figurenreichen und ausdrucksstarken Stationen gut zur Geltung.

In Zusammenhang einer Renovation der Klosterkirche St. Ursula 1911, hat die Altarbaufirma Marmon aus Sigmaringen (von ihr stammt auch der Hochaltar im Münster) nicht nur die Seitenaltäre umgearbeitet sondern auch den Kreuzweg geschnitzt. Fast freistehend agieren die Personen auf schmalen Konsolen. Auf den kurzen Wandflächen bewirken die nah beieinander stehenden Stationen einen dramatischen Eindruck des Passionsgeschehens.

 

 

 

 

 

 

Die Heilig Kreuz Kirche auf dem Bickeberg verdankt ihren Titel dem Nägelinkreuz. Sie ersetzt gewissermaßen die zerstörte Kapelle vor dem Bickentor. In ihrer Werktagskapelle haben 14 Kreuzwegstationen Aufstellung gefunden, die der bekannte Villinger Maler Richard Ackermann in seinem unverwechselbaren, expressionistischen Stil gemalt hat. Nicht alle Stationen sind ganz durchgearbeitet, weil die Bilder nur Entwürfe waren für inen von Richard Ackermann gewünschten und geplanten, aber nicht zur Ausführung gelangten Kreuzweg von den Kasernen hinauf zur Lorettokapelle. Die eine Hälfte der Bilder war im Archiv des Münsterpfarrhauses und die andere Hälfte war in Besitz von Frida Heinzmann. Sie schenkte die Bilder her mit der Bedingung, dass alle vereint an einem würdigen Platz der Öffentlichkeit zugänglich sein sollen. Das ist in der Heilig Kreuz Kirche verwirklicht.

Für die 1955 erbaute und betont schlicht eingerichtete Pfarrkirche St. Fidelis wurde 1958 bei Anton Kapius am Starnberger See ein Kreuzweg in Auftrag gegeben. Die Lindenholzreliefs sind im nördlichen Seitenschiff in zurückhaltendem Licht angebracht und durch den breiten Gang davor recht eigentlich meditativ begehbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Pfarrkirche St. Bruder Klaus am Goldenbühl hat der in Ravensburg arbeitende Bildhauer Josef Henger 1964 einen Kreuzweg geschaffen. Aus verschiedenen Teilen gegossen aber zusammengefügt zu einem einzigen wuchtigen Akkord in Bronze, schildern die Szenen den Gang Jesu vom Richterstuhl des Pilatus bis zum Ostermorgen. Im Verbund mit dem Altar, dem Tabernakel, dem Altarkreuz, der Marienstatue und einem großen Relief des Hl. Josef hat Hänger damit der Kirche einen prägenden Akzent gesetzt.

Der Kreuzweg in der Hauskirche des Altenheims St. Lioba verdankt seine Existenz besonderen Umständen. Als das neue Villinger Krankenhaus erbaut wurde, taten noch eine erhebliche Anzahl von Ordensfrauen der Vinzentinerinen aus Freiburg Dienst an den Krankenbetten. Für sie und für die Patienten wurde eine verhältnismäßig große Kapelle gebaut, und für die evangelischen Christen gab es damals eine eigene evangelische Krankenhauskapelle. Bei der Aufstockung des Krankenhauses, um Raum zu schaffen für neue Operationssäle, wurde die Kapelle kleiner und verlor an Höhe. Ökumenisch genutzt ist aber nun eine sehr ansprechende, warme und künstlerisch wertvolle Kapelle geschaffen worden. Aber der Kreuzweg von 1966 aus der großen alten Kapelle hatte keinen Platz mehr und mußte weichen. Er hat einen würdigen Platz gefunden in St. Lioba und ist der Beachtung mehr als Wert. Martin Henninger, damals Dozent an der Straßburger Kunstakademie hat die Stationen als Rheinisches Steingut geformt, ganz mit Erdfarben koloriert und gebrannt. Somit ist in St. Lioba der einzige Kreuzweg aus Keramik in Villingen zu bewundern.

 

 

 

 

 

 

 

In der architektonisch am modernsten anmutenden Pfarrkirche Villingens, in St. Konrad ist auch der Kreuzweg in moderner Technik ausgeführt. In den schar-tenartigen, kleinen Fenstern sind in Betonglasskunst die einzelnen Stationen eingelassen. Durch die tiefen Nischen, die in die doppelten Betonschalenwände hinein, sich verjüngend nach Außen führen, kommen die an sich kleinen Stationen groß zum Leuchten. Je nach Sonnenstand ist mal da mal dort in den Stationsfenstern ein Funkeln wie von Edelsteinen zu beobachten, denn das farbige, gebrochene Material ist französisches Kathedralglas. Der freischaffende Künstler Maximilian Bartosz aus Konstanz ist der Schöpfer dieser sakralen Schmuckstücke in St. Konrad.

Damit ist der Rundgang an den Kreuzwegen der Villinger Kirchen vorbei abgeschlossen.

 

Als Schlußgedanken möchte ich erwähnen, dass seit 1993 (also in diesem Jahr zum zehnten mal) Mitglieder des Villinger Geschichts- und Heimatvereins unter Führung von Adolf Schleicher bei der Fußwallfahrt zum Dreifaltigkeitsberg, jeweils am Montag nach dem Dreifltigkeitsfest als letzten Teil ihres in der Nacht begonnenen Pilgermarsches den direkten Steilanstieg zum Dreifaltigkeitsberg bewältigen müssen. Dabei begegnen ihnen in 14 Kapellen am Weg die Kreuzwegstationen. Ich wünsche mir, dass dieser Kreuzweg auch in Zukunft von zahlreichen Fußpilgern gegangen wird und dass auch die übrigen Kreuzwege in Villingen ihre segensreiche, meditative Kraft zum Leben und zum Glauben entfalten können.

 

Was sagen uns die mittelalterlichen Bürgerbücher ab 1336? (Werner Huger)

Wie lassen sich die Bürgerbücher‘ in das Verständnis unserer Zeit übertragen? Was und wer ist ein Bürger? Wem gehört z.B. ein Haus? Kaum zu glauben, dass beispielhaft in den zwei nachstehenden lapidaren Eintragungsformulierungen der Schlüssel zu einer Fülle spannender Informationen steckt:

„Item, Johans Loseli ist burger an sinem halben hus, waz Dietmars, wider Regelins hus“ (Ebenso, Johann Loseli ist Bürger an seinem Haus geworden, das dem Dietmar gehört hatte, gegenüber dem Haus des Regelin) „Item, Anna, relicta Hainrich Murers, ist burgerin an irem halben huse, an dem tail wider der Glungginen huse in Brunnengassen“2) (Ebenso, Anna, Witwe des Hainrich Murer, ist Bürgerin an ihrem Haus geworden, das mit seiner Seite dem Haus der Glunggin in der Brunnengasse gegenüberliegt)

Die Eintragungen sind knappe, standardisierte Formulierungen, nur ausnahmsweise länger als zwei handschriftliche Zeilen. Sie variieren gelegentlich oder besitzen substanzielle Ergänzungen. Die Textinhalte dokumentieren einen rechtlich bedeutsamen Sachverhalt und sind somit Urkunden.

Da sie in einem sogenannten Bürgerbuch gesammelt werden, ist dieses ein Urkundsbuch und zählt, wie zu wiederholen sein wird, zur Gruppe der Stadtbücher. Aus ihm ist zu entnehmen:

1. Eine Person (oder eine Personenmehrheit) wurde Eigentümer einer Liegenschaft. Das kann ein Haus, eine Hofstatt, eine Scheuer, ein Keller, ein Garten3), ja sogar eine Wiese oder ein Acker außerhalb der Stadtmauern4) sein.

2. Jeder Einzelne „ist burger“ an dieser Liegenschaft, d. h. er ist ins Bürgerrecht aufgenommen. Als amtliche Bestandsbücher haben deren Eintragungen rechtliche Bedeutung, ebenso wie ihre Löschung (s. weiter unten und Fußnoten 6, 7 und 8). Das Verfahren wird jahrhundertelang, bis auf unsere Tage, praktiziert.

Während der Zeit unserer Bürgerbücher ist Villingen als einstige aus dem Marktrecht des Grafen Berthold (999) erwachsene Gründungsstadt ein verfassungsrechtliches Gebilde mit eigener Rechtsordnung, deren ungebrochener Zustand der Stadtfriede ist. Wer ihn bricht verfällt einer Geldstrafe oder, im schweren Falle, der Acht, wie aus den Gerichtsbüchern (innerhalb der BB teilweise editiert; Nr. 2055 ff. u.a.) zu sehen ist. Der Friede erstreckte sich über die Stadtmark, d.h. einerseits den Stadtkern innerhalb der Mauern und andererseits auf das Weichbild mit dem Bannbereich von Wald und Flur („statt und auf dem väldt“). Der Bannbezirk ist z.B. auf der Villinger Pirschgerichtskarte von 1607, mit der ältesten Abbildung der Stadt, ablesbar (Original in Innsbruck). Die Banngewalt erstreckte sich auch auf die Dependenzorte im Kirnach- und Brigachtal.

Schwere Rechtsbrecher innerhalb dieses Gebiets verfielen ausschließlich der städtischen Pirsch-gerichtsbarkeit als Hochgericht, andere der Niedergerichtsbarkeit.

Die städtische Obrigkeit, als wichtigste Institution, besteht aus dem autonom gebildeten Rat und dem Gericht, die sich wechselseitig ergänzen, dem Schultheissen und dem Bürgermeister sowie, als landesherrliche Stadt, dem hochadeligen Herrn des Hauses Habsburg-Österreich. Die städtische Selbständigkeit im Recht und in der Verwaltung war schon während der Zeit der Grafen von Fürstenberg (bis 1326) mehr und mehr durch herrschaftlich übertragene Sonderrechte erweitert und gesichert worden. Aus dem beanspruchten und zugestandenen Satzungsrecht entwickelte sich das weitergehende Stadtrecht, das sich in mehreren schriftlich niedergelegten Gesetzes-, Erlass- oder Vertragsregelungen niederschlug.

Seite 1 des 3. Bürgerbuches, Einträge Nr. 2513 bis Nr. 2532 (Der Abdruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs VS)

 

 

Erwähnt seien für den Zeitraum der Bürgerbücher lediglich die Vereinbarungen Herzog Albrechts von Österreich (1326), die Bestätigung der alten Freiheiten der Stadt durch König Karl IV. (1348), die Erlaubnis Herzog Leopolds von Österreich an die Stadt nach eigenen Bedürfnissen Gesetze zu machen oder aufzuheben (1369) und schließlich das ebenfalls autonom entstandene Stadtrecht von 1371, d. h. das „gesetzet buoch“, das „der schulthais, der burgermaister und der ratze Vilingen gemachet und ab dem alten gesetzt buoch geschriben und ernüwert“ (haben) sowie das Stadtrecht von 1592.5) Mit diesen Rechtsquellen erfassen wir den zeitlichen Rahmen der Bürgerbucheintragungen.

Von den Landbewohnern klar abzugrenzen sind die Bewohner der Stadt. Wir erkennen sie aus dem Erlass König Maximilians, dem Villinger Landesherrn, von 1495. 9) Es sind die „burger“, „burgerinnen“, „beisessen“ und „einwoner“. Schon die Reihenfolge der Aufzählung zeigt eine sozialhierarchische, binnenständische Gliederung. Als „Bürger“ bezeichnen wir fürs Erste Personen, die das volle Bürgerrecht genießen, d. h. die alle daraus abzuleitenden Rechte besitzen, die aber auch umfassende Gemeinschaftspflichten haben. Die wichtigsten Pflichten waren die Steuern und (für Männer) die Wacht. Es konnte, wie die Bürgerbücher (BB) zeigen, offensichtlich nur Bürger sein, wer Eigentum an einer Liegenschaft besaß. Nur für ihn galten im vollen Umfang Genuss und Pflichten des Bürgerrechts mit seinen Befehlen, Erlaubnissen und Empfehlungen. Die „beisessen“ hiessen in Villingen „seidner oder hintersaß“, „hinderseßling“ oder „hindersaesse“. 10) Hintersasse ist, wer als Einwohner der Stadt gegenüber dem Vollbürger ein geringeres Bürgerrecht hat, sie waren z.B. nicht ratsfähig und hatten kein Grundeigentum; sie waren „Halbbürger“ oder Schutzverwandte, mit nur begrenztem Anteil an genossenschaftlichen Rechten, etwa beim anteiligen Tierausschlag zur Weide (1 Stück statt 2) bzw. dem unentgeltlichen Bürgernutzen, der ihnen versagt blieb, aber auch begrenzten Pflichten.. Sie „sassen“ „hinter“ dem Eigentumsvorrecht auf Grund und Boden eines Bürgers, waren dinglich abhängig und hatten nur den Besitz eines Hauses, einer Scheuer usw. Im Schutze der Stadt war ein „Sa(e)ßhus“, wie es die BB bezeichnen, demnach ein Haus das ein Hintersasse besaß, das ihm aber nicht gehörte.11) Der soziale und rechtliche Aufstieg ins Vollbürgerrecht war auch einem Hintersassen durch den Eigentumserwerb an einer Liegenschaft möglich. So wurde z. B. Hanns Mo(e)delin „burger an sinem sa(e)ßhus“.12) Ob Liegenschaftseigentum oder -besitz: Um als „fremder oder ußlendischer“ zum Bürger oder Hintersasse angenommen zu werden, bedurfte es laut Stadtrecht von 1592 13) des Nachweises von 100 (60) Gulden eigenem baren Gutes, ein freier Mann zu sein (manrecht) und der Vorlage einer schriftlichen „Leibledigerklärung“ (lödigzellung), d. h. der Erklärung nicht Leibeigener zu sein; (dazu: BB S. 311 Nr. 3516) — Die Frage, ob im Falle eines Vollbürgers das Bürgerrecht auch über einen Kapitalstock, d. h. über ein Eintrittsgeld in adäquater Höhe, erlangt werden konnte, ist hier nicht zu prüfen. Sie ist im Hinblick auf die zahlreichen Aus- bzw. Satzbürger eher zu verneinen. — Im Gegensatz zum Hintersassen erweiterte sich für den künftigen Bürger die obige Nachweispflicht um den zu schwörenden „Burger aidt“, wo es heißt: „Das Haus ist main und will laisten alle die recht, die ain burger von rechts wegen laisten soll, mainer gnädigsten herrschaft von Österreich alls getrew und alls hold zu sein alls ander ire burger one alle gevärde“ (= mit eifrigem Bestreben). In den BB ist 1584 die Rede von „in ofnem rath mit mund und handt zu d(iesem) burgrecht wie sich gebirt“ (Nr. 4357).14)

Ausbürger (ußburger), d. h. ins Bürgerrecht aufgenommene aber außerhalb des Stadtgebiets ihren Lebensmittelpunkt besitzende Personen, die nur gelegentlich in der Stadt wohnten, konnten ihren Bürgereid über eine schriftliche Urkunde, d. h. „brief und sigel“ leisten. (Fußnote 14)

Im § 44 des Stadtrechts von 1592 15) ist in der Eidesformel ausgeführt „was ein ieder auf die verlesne articul schweren solle“. Demnach waren hier in einer unfassenderen Regelung auch alle Hinter-sassen und alle Einwohner eidespflichtig. Schwörtag, an dem man vor dem Bürgermeister, vom Stadtschreiber vorgesprochen, den Eid ablegte, war am St. Johannstag (Johannes der Täufer, 24. Juni) in der Barfüßer-(=Franziskaner)kirche. Eidesfähig war man ab 16 Jahre.“16)

Im Gegensatz zum „Gast“, d. h. einem Fremden im Schutze der Stadt, der sich nur vorübergehend in ihr aufhielt (das Wort hat sich noch in der Bezeichnung „Gastwirt“ erhalten), erscheint 1400 in Ergänzung des Stadtrechts von 1371 der Ausdruck „altsidling“. Dieser „Alteingesessene“ konnte in eine Zunft (oder Bruderschaft) eintreten bzw. eine Lehre machen obwohl er nicht Bürger war. Vater oder Mutter konnten nichtsdestoweniger über ein Haus das Bürgerrecht besitzen.

An dieser Stelle sollten wir auf die weiter oben erwähnte königliche Urkunde von 1495 zurückkommen, wo die sogenannten „einwoner“ bezeichnet sind. Es handelt sich zweifellos um die allgemein in Städten quantitativ und qualitativ beachtliche untere Schicht des sozialen Systems. Die von ihr erfassten Menschen tauchen zwangsläufig in unseren Bürgerbüchern nicht auf. Sieht man von deren gesellschaftlicher Isolierung, ihrem mangelnden Wohlstand und ihren Abhängigkeiten ab, so war deren einziger Vorzug die zumindest rechtlich zugestandene persönliche Freiheit. Der Umfang dieser Unterschicht ist quellenmäßig nur indirekt aus Stadtbüchern, z. B. den Steuerbüchern, zu erschließen. Es kann sich auch um Personen handeln, die später durch den Liegenschaftserwerb (etwa über den Erbweg, Testament oder Schenkung) ins Bürgerrecht aufrückten. Wir finden die „einwoner“ fraglos unter den wirtschaftlich schwachen Handwerkern, den über die obligatorische Wanderschaft aufgenommenen Gesellen (Knechte) — sofern man diese nicht unter die „Fremden“ zu rechnen hat —den ortsansässigen „dienenden Knechten“ des Handwerks, den Dienstboten, Taglöhnern — also den Lohnempfängern; dazu kommen unehelich Geborene, unehrliche Berufe (z. B. Scharfrichter u. a.), und vor allem das Heer der Armen und der Bettler. 16a) Der „altsidling“ muss eine Gattung der erwähnten „einwoner“ gewesen sein. Ab 1503 taucht der „altsidling“ mehrfach in den BB auf, und zwar immer in Verbindung mit dem erworbenen Bürgerrecht an einer Liegenschaft, obwohl „ain alter sidling“ sich offensichtlich auch einkaufen konnte („sein burger machen“). 17) „Järlich auf weihenachten“ musste jeder Steuerpflichtige, der ins „stürbuch“ eingeschrieben war, sei es Bürger, Aus-(Satz-)bürger, Hintersasse u. a., einen „Steürer aid“ schwören. Der Grundeigentum besitzende Bürger bezahlte einen „hoffstattzinß“, daneben gab es auch einen „gartenzehendten“.18) Diese Form der Grundsteuer, wie wir sie heute nennen würden, als periodisch wiederkehrende Leistung, konnte durch eine zweifellos ertragswirksame einmalige Kapitalzahlung (hauptguot) abgefunden werden. Die Steuer ging an das „zinnßsambler ampt“ (= städtische „Finanzamt“). Neben den Liegenschaften, also dem unbeweglichen Vermögen, musste auch das bewegliche, die Fahrnisse („fahrende haab“), vor allem Luxus und „Überzähliges“ (Überflüssiges), versteuert werden. 19) Überall wo in den Bürgerbüchern die Rede ist von „frei lödig aigen“ oder „nach gewohnlichem hofstatt zünß frei ledig aigen20)‘ ist davon auszugehen, dass eine entsprechende Kapitaleinlage die künftige Zinszahlung entbehrlich machte.

Es gilt auf eine besondere Art von Bürger zurückzukommen, die wir schon bei der Eidespflicht erwähnten: die Aus- und Satzbürger. Bei der ständischen Gliederung jener Zeit handelt es sich bei einem beachtlichen Teil der Personen um Angehörige des Nieder- oder Hochadels, der Geistlichkeit und der Klöster.21)

Dieser Kreis war nicht nur politisch sondern vor allem auf Grund der agrarwirtschaftlichen Strukturen am Zugang zur Stadt interessiert. Der dort installierte Markt ist, begrifflich verallgemeinert, der Treffpunkt von Angebot und Nachfrage. Konkret war die privilegierte Stadt mit ihren Wochen- und Jahrmärkten punktuell der Ort ökonomischen Austauschs, mit freiem Zugang und großer Transparenz. Der Rohstoff-, Waren- und Dienstleistungsmarkt ergänzt sich durch die Kapital- und Geldmarktgeschäfte. Daneben war die Stadt als Stapelplatz für die Produkte der Grundherren ein gesicherter, beschützter Ort. Das erworbene — und manchmal zeitlich begrenzt zugestandene Bürgerrecht — war deshalb von unschätzbarem Vorteil, verschaffte es doch einen begünstigten Zugang zum Markt gegenüber einem Fremden. Wo sich über den Liegenschaftsbesitz noch die ehemaligen Verwaltungssitze, die sogenannten Pfleg-höfe, erhalten haben, lassen sie sich bis heute in der Topografie der Stadt nachweisen.22) Am städtischen Verwaltungsitz waren die Feudalherren über den Pfleger, dem Verwalter, als Vertreter in der Regel ständig anwesend. Ansonsten war für die Satz- bzw. Ausbürger kennzeichnend, dass sie zwar ins Bürgerrecht aufgenommen waren, aber nur zeitweise anwesend waren, und außerhalb ihren Mittelpunkt hatten. Gegenüber dem ansässigen Stadtbürger wurden ihre Rechte und Pflichten von Fall zu Fall vertraglich geregelt. So waren sie von manchen städtischen Lasten befreit und zahlten als Ablösung einen Satz (Satzgeld).

In den BB 23) steht beispielsweise „die vrowa von rotenmunster (= Zisterzienserinnen des Klosters Rottenmünster bei Rottweil) werdent verstüren II lib. (= Pfund) ste(uer?) jerliches gelttes, hant sie kuffet dez Meringershuse“ oder: „der abet von Sant Plesin (= Sankt Blasien) sol verstüren aine halbe wise… und aine halbe huse an riet staiße (Straße?)“. Sieht man von den Sonderregelungen für die Aus- und Satzbürger ab, gehörte inhaltlich zum Bürgerrecht, wie angedeutet, die Ansässigkeit der Person, d. h. ihre Anwesenheitspflicht, denn wer „jar und tag“ abwesend ist, „den sol man ab dem burgreht schriben“, kurz: dem soll man das Bürgerrecht entziehen und ihn nur gegen ein Bußgeld wieder aufnehmen.24) Die städtische Stammbevölkerung erneuerte sich sowohl durch den Generationenwechsel (Geburt und Tod) als auch durch die ergänzende Zuwanderung aus dem ländlichen Umland, mit dem Schwerpunktradius von rd. 30 Kilometer und einigen zehn Personen pro Jahr. Die Bürgerbücher sprechen hier eine beredte Sprache. Andreas Nutz hat mehr als 200 Orte ermittelt, zu denen hundertfache Beziehungen existierten. Allein für Schwenningen ist er 44 Mal fündig geworden.25) Als sich die Reformation ausbreitete und im 16. Jahrhundert der Bund zwischen Protestantismus und Territorialfürstentum geschlossen war, versiegte die Zuwanderung aus dem württembergisch-ausländischen Schwenningen. Schwenninger Liegenschaftserwerber, und damit Neubürger, verschwinden aus den Bürgerbüchern. Grundsätzlich besaß die Stadt eine Sogwirkung, die sich über das Wohlstands- und Sicherheitsgefälle sowie die personalen Abhängigkeiten in ländlichen Grundherrschaften gegenüber städtischer Verfassungs- und Wirtschaftsordnung mit ihrer zünftlerischen Eingebundenheit ins freie Handwerkertum manifestierte. Erstaunlich ist nur, wie viele Menschen in den Aufzeichnungen der Bürgerbücher offensichtlich aus den personalen Bindungen der Grundherrschaft — Hörige und Leibeigene — entlassen wurden und in die Stadt abwandern konnten; vielleicht bestand hier eine Wechselwirkung zwischen ländlicher Ernährungsbasis und Bevölkerungszunahme.

Die überwiegende Zahl der Bürgerbucheintragungen, also der Personen die über eine Liegenschaft den Bürgerrechtsstatus besaßen, betrifft Männer. Ab 1593 werden allerdings fast nur noch jene erwähnt, die in den städtischen Rat und das Gericht oder in ein öffentliches Amt (Bürgermeister, Schultheiß, Stadtknecht, Ratsdiener u. a.) gewählt bzw. aufgenommen wurden. Bis 1593 sind rd. 600 Männer aufgeführt die sich einem Beruf, einer Tätigkeit, einem Amt (z. B. Büttel, Herter) oder einem Stand (Adel, Geistliche, kilchherre (Patronatsherr), Äbte oder Äbtissinnen und deren Konvente) aber auch einzelnen Personen: Dekan, rector ecclesia, Leutpriester, Kaplan, Mönch, Bruder zuordnen lassen. Wir haben nur die durch den direkten Liegenschaftserwerb ins Bürgerrecht aufgenommenen Männer gezählt. Zahlreiche Verweisungen auf die vorangegangenen Eigentümer, z. B. den Verkäufer, den verstorbenen Mann, Vater oder Angehörigen, ebenso den Nachbarn u. a. vergrößern zwar die Anzahl der beruflichen Merkmale, ohne inhaltlich Neues zu bieten. Während vor 1509 die Zahl der beruflichen Merkmale kaum auftaucht, nimmt sie danach auffällig zu. Dennoch stellen sie keine systematische Erhebung dar sondern sind Erwähnungen als Nebenprodukt. Man muss die Häufigkeitsverteilung der Berufe oder Tätigkeiten (z. B. Nebenerwerb) der ohnehin unvollständig überlieferten Bürgerbücher als nicht hinreichend werten, weil die Eintragungsursachen für eine Liegenschaft durch die Wechselfälle des Lebens (Tod, Verkauf, Zwangstilgung u. a.) zufällig sind und außerdem über lange Zeiträume hinweg aufgeschrieben wurden. Nichtsdestoweniger ist unübersehbar, dass manche Berufe häufiger genannt sind als andere.

Das spricht dann für eine bestimmte Berufsdichte. Nach der Reihenfolge sind zu nennen:

Bäcker (54), Schneider (50), Schuhmacher (48), Schmiede (46), Gerber (36), Müller (30), Metzger (23).

Weiter lassen sich folgende Berufe oder Tätigkeiten nachweisen: Wirt, Weber, Zimmermann, Schreiner, Sattler, Schlosser, Wagner, Hafner, Kürschner, Scherer, Tuchmacher, Krämer, Handelsmann/kofman (= Fernkaufleute), Glaser, Spengler, Messerschmied, Kupferschmied, Waffenschmied, Kessler, Büchsenmacher, Pulvermacher, Goldschmied, Schindelmacher, Färber, Küfer, Hutmacher, Fischer, Vogelsteller, Bader, Medicus, Apotheker, Seiler, Brauer, Windenmacher, Maurer, Maler, Geiger (Musikant), Schafmaier (Schäfer), Aus-scheller (preco), Herrenknecht, Fuhrmann, Mäher, maister bzw. schulmaister (Lehrer), einfacher Handwerker (faber, cerdo), Pflüger, Schelmen-schinder (= Abdecker), Ganter (Versteigerer?), Unternehmer/Erbauer (molitor), Schreiber sowie die Ämter Stadtschreiber, Baumeister, Büttel, Stadtknecht, Ratsdiener, Pfleger (= Verwalter), Hirte und Herter (Großvieh), Bannwart; ergänzende Aufzählungen finden sich im Eidbuch der Stadt von 1573. Außer dem Schinder tauchen nirgendwo die Tätigkeiten der sozialen Unterschichten und der Ehrlosen, z.B. Henker, auf, wahrscheinlich weil sie keinen eigenen Grundbesitz hatten.

Als Vollmitgliedschaft in der Gemeinde ist das einstige Bürgerrecht weder an ein bestimmtes Lebensalter noch Geschlecht gebunden. Aus einer sozialen Unterschicht konnte man grundsätzlich über den Liegenschaftserwerb aufsteigen. Kinder konnten laut Stadtgesetz das Bürgerrecht erben.26) Sie standen unter dessen Schutz und genossen im entsprechenden Rahmen die Vorzüge. Bei einer Erbteilung konnten sie aber auch davon ausgeschlossen werden oder ihrerseits das Bürgerrecht aufgeben.27) Im allgemeinen gab es den Liegenschaftserwerb über folgende Möglichkeiten:

a) stadtgesetzliches Erbrecht für Ehegatten, Kinder und Verwandte,

b) privatrechtliche Verfügungen durch Testament, Schenkungs- Ehe- und Kaufvertrag (evtl. Erbvertrag),

c) den Erwerb über die Zwangsverwertung.

Auf diese Weise kam es zu einer bunten Vielfalt an Bürgerrechtserwerbungen von Einzelpersonen und Personenmehrheiten. Auch die Bürgerbücher nehmen gelegentlich direkten Bezug auf privatrechtliche Erwerbungen (Kauf) und das gesetzliche Erbrecht. So heißt es zum Beispiel, dass sich eine Witwe mit ihren Kindern an Stelle ihres verstorbenen Mannes an einer Scheuer ins Bürgerrecht aufnehmen ließ, „lut der gesetzt“ (1493).29)

In rd. 304 Fällen berichten die Bürgerbücher eine Witwe (relicta u. a.) „und irü leint den ungeholffen ist, sint burger an irem hus“ (Scheuer, Keller, Hofstatt usw.). Gemeint sind die unversorgten Kinder die der verstorbene Vater zurückgelassen hat — also die Halbwaisen. Diese mögen im heutigen Rechtssinne geschäftsunfähig oder beschränkt geschäftsfähig gewesen sein. Und weil vielleicht unter 16 Jahren, waren sie auch noch nicht eidesfähig (vgl. Fußn. 16). Man kommt nicht umhin, innerhalb des Vollbürgerrechts von Einschränkungen zu sprechen. Vermutlich waren männliche „Ungeholfene“ auch nicht wehrfähig (Wacht!).

Wenn auch nicht „geschäftsfähig“, so waren sie doch „rechtsfähig“, wie man an der Fähigkeit erben und das Bürgerrecht erwerben zu können sehen kann.

Überraschend verschwindet in den überkommenen Teilen der Bürgerbücher, nach der fortlaufenden Nummerierung 3901 der editierten Bücher, ab dem Jahr 1481 die Registrierung von Frauen allgemein und damit auch der Witwen und jener mit „irü ungeholfen kint“, um dann nur noch einmal 1487 (Nr. 4032) mit einer Witwe „samt iren kindern“ aufzutauchen. Man muss die Antwort auf das Warum schuldig bleiben. Vielleicht entsprang es einer administrativen Verordnung für eine andere Eintragungssystematik; mit dem Wechsel der Schreiber ist es nicht zu erklären.

In den rund 150 Jahren von 1336 bis 1487 sind über den Erwerb einer Liegenschaft, meist einem Haus, einer Scheuer, eines Kellers u.a. etwa 634 Frauen „burgerin“ geworden. Davon waren nicht weniger als 475 Witwen oder Witwen mit unversorgten Kindern. Die restlichen Frauen sind nicht selten über einen Erbfall bedachte Töchter, auch als geistliche Frauen: Nonnen, Schwestern oder Frauenkonvente.

Es lohnt sich einen Blick auf die in modifizierter Schreibweise vorkommenden Frauennamen jener Zeit zwischen 1336 und 1487 zu werfen. Von den rd. 635 Namen entfielen auf:

Adelheid (95), Katharina (90), Anna (89), Mechthild (67), Elisabeth (64), Margareta (48). Zusammen sind das 71 % aller vorkommenden Namen. Beliebt waren der Reihenfolge nach auch: Irmgard (22), Agnes (21), Brigitta (20), Klara (15), Luitgart (11), Gertrud (10), Hedwig (8), Lucia (4), Veronika (4) und Ursula (3). Erstaunlicherweise taucht in dieser katholischen Stadt nicht ein einziges Mal der Name Maria auf.

„… ist burger an sinem halben hus, waz Hainrich dez Sailers, wider Benczen den Banwarten“, „… ist burger an siner halben schür, was Cloeßelins dem hindern, wider Cloeßelins schür“, „Adelhait, relicta (= Witwe) … ist burger an irem halben kelrre (Keller), waz Spaetten, von Humbrehtzhofen, wider Henni Mangoltz swester huse“ (Nr. 834, 2172 u. a.). So lauten, wahllos herausgegriffen, über zweieinhalb Jahrhunderte, stereotyp die rd. 4000 vergleichbaren Eintragungen. Unter Verweisung auf das Stadtrecht von 1371, § 49 (a. a. 0.), mit der dort eingeräumten Zweiteilung des Hausbesitzes und dem damit verbundenen Bürgerrecht, ist dem Bearbeiter der Bürgerbücher30) ein substanzieller, ein Eigenschaftsirrtum über die lapidare Formel „halben“ hus u. a. unterlaufen. Allein die tausendfache Wiederholung des Schlüsselwortes „halben“ bei den einschlägigen Liegenschaften verbietet die scheinbare Logik einer Realteilung in zwei Hälften. Das Mittelhochdeutschem 31) und die tradierte Grundbucherfahrung bieten die Lösung: „halbe“, „halp“, „halben“ bedeutet lt. mhd. Wörterbuch „lokal und kausal die Seite oder die Richtung anzeigend“, „halben“ ist als ein Umstandswort (Adverb) mit räumlicher Bedeutung zu interpretieren (Beispiel: daneben, dahinter) sowie als Verhältniswort (Präposition), Genetiv, mit wiederum räumlicher Bedeutung, z. B. unweit, seitlich, längs, jenseits — oder gegenüber. Es hieße dann „von der einen Hälfte seines Hauses usw. in Richtung zum XY gegenüber“. Das Grundbuch kennt von früher her noch die alte Lagezuweisung „einerseits — andererseits“, eine Formulierung die sich, als variierende Lesart zu „halben“ und „wider“, mit „ainthalb“ und „anderthalb“ schon in unseren Bürgerbüchern im Jahre 1489 findet.33) Danach müsste das oben angeführte erste Beispiel, ebenso alle vergleichbaren, folgendermaßen gelesen werden:

„… ist Bürger an seinem Haus, das dem Seiler Hainrich gehört hatte, gegen den Bannwart Benczen“. Dass allerdings mit „halbe“ eine Hälfte gemeint sein konnte, belegen einzelne Beispiele, wenn von „hus getaillet“ die Rede ist oder von „verstüren aine halbe wise … und aine halbe huse“ bzw.

.. ist burger an aime halben hus“, „uff sins vatters halbe aigen schür“.33)

Die privaten Liegenschaftsobjekte sind heute nicht mehr oder nur mit einem Näherungswert für den ehemaligen Standort lokalisierbar. Sie sind in den meisten Fällen inzwischen entweder abgerissen, umgebaut d.h. abgetrennt oder hinzugefügt, durch Zukauf verbunden, funktional verändert, Flächen überbaut oder gänzlich neu und größer errichtet. Ihr Standort ist ferner durch die vielfache Auflösung von Eigentums- und Nachbarschaftsnamen ohnehin nicht mehr nachvollziehbar. Hausnamen, wie man sie aus verschiedenen alten Städten kennt, z. B. Konstanz: „Haus zur schwarzen Katze“, „zum weißen Bär“, „zur wilden Sau“, „zum blauen Schild“, „zum roten Gatter“ usw., hat es in Villingen nicht gegeben. Derartige originelle Bezeichnungen sind hilfreich für das Auffinden der Häuser und halten sich über Jahrhunderte im Bewusstsein der Bevölkerung. In Rottweil, unserer Nachbarstadt, gab es Ansätze für Hausnamen, der Versuch wurde aber eingestellt.34 Selbstverständlich gibt es in Villingen noch datierbare historische Substanz bürgerlicher Gebäude, z.B. das Haus Färberstraße 1, dessen Umbau für das Jahr 1375 fassbar ist, deren Besitzkontinuität aber höchstens für die letzten zweihundert Jahre erforscht werden kann. An die mittelalterliche Lage lässt sich jedenfalls nicht mehr anknüpfen. Wie die BB zeigen gab es keine durchlaufende Nummerierung innerhalb der Gassen und Straßen. Durchlaufende topografische Systeme gab es frühestens im 18., dann zwei mal im 19. Jahrhundert und, auf den alten Stadtkern bezogen, noch einmal mit dem Gemeinderatsbeschluss vom 31.10.1904, wo u. a. die Eisengasse, als vermutliche Wortabschleiffung von „Zaissengasse“, auf ihrer Strecke zwischen Rietstraße und Brunnengasse der Färberstraße zugeschlagen wurde. In Villingen wurde, lt. Häuserforscher Walter K. F. Haas, auch nie eine Hausnummern-Konkordanz versucht.

Die bürgerlichen Objekte sind bestenfalls einem Stadtviertel (Oberort, Hüfinger Viertel, im Riet, Hafnerort usw.) oder einer Straße (Niedere, Riet-, Obere-, Bickenstraße) oder einer Gasse (Zaissen-, Hafner-, Käs-, Brunnen-, Ros(s)en- Gerbergasse usw.) zuweisbar.

In den Bürgerbüchern werden mehrfach mit der Standortangabe „gerwer gossen“ (Nr. 4523, 4302, 4311, 4317, 4326, 4363 u.a.) Angehörige des Gerberhandwerks mit ihren Liegenschaften genannt.

Auf der rückwärtigen Hofstatt des Hauses Gerberstraße 19 (20. Jahrh. „Gerber Jäger`) wurden anlässlich einer archäologischen Untersuchung 1992 (unser Bild 1993) u.a. rechteckige und runde in den Boden eingelassene Holzkonstruktionen einstiger Gerberbottiche freigelegt. (Zeitstellung unbekannt). Runde Gruben fanden sich später auch innerhalb des Hauses.

Die „Zaissengasse“ (von mhd. „zeisen“ = (Wolle) zupfen) war möglicherweise einst die gesamte Färberstraße. In den BB verbinden sich nicht weniger als 80 Nennungen, die meisten, mit der Zaissengasse. Wenn die „Eisengasse“ ehemals zur „Zaissengasse“ gehörte, so waren es jedoch dort nur etwa 15 Häuser, zuwenige wie es scheint für 80 Eigentümerwechsel in 250 Jahren. Ein Standort der mit der Zehntscheuer im Riet den Nachbarn nennt ist schon viel. Näher wie mit folgender Formulierung kommt man allgemein an keine Liegenschaft:

„an dem kaeferrberg an dem taill wider der statt werckhus“ (1481).35)

Da sich die Lage des „werckhaus“ im „oberen orth“ befindet, wird die Eingrenzung noch genauer. Der Standort wird vom Westende der Kanzleigasse tangiert und könnte an der Stelle des heutigen Münsterzentrums mit den Veranstaltungssälen gelegen sein; denkbar wäre aber auch das südliche Gegenüber bei des einstigen „Graven hus“, das heute noch die Kanzleigasse 13 ist.

Die Bürgerbücher geben Auskunft über die zeitaktuellen Eigentumsrechte, d. h. über die Herrschaftsrechte einer Person oder Personenmehrheit an einem Grundstück. Die Liegenschaft befindet sich innerhalb der Stadtmark, dem Kern oder dem Außenbereich (Wiesen, Felder, Wald), die vom städtischen Friedkreis und der Zuständigkeit des Stadtgerichts erfasst wird. Die BB sind ein Register, das von amts wegen, seitens der städtischen Obrigkeit, angelegt ist und von ihr über den Schreiber geführt wird. Die Eintragungen besitzen formalrechtliche Bedeutung und stellen eine offizielle Erklärung gegenüber jedermann dar. Wie ein gangs angedeutet, genießen sie öffentlichen Glauben, d. h. man kann sich auf eine Eintragung verlassen. Wo sie nicht mehr gilt, ist sie noch lesbar durchgestrichen. Diese Praxis wird bis heute geübt, allerdings wird der Text nicht mehr durchgestrichen, sondern wie beim Grundbuch und dem Handelsregister (rot) unterstrichen um die Lesbarkeit zu erhalten. Die BB müssten zumindest dem, der ein berechtigtes Interesse nachwies, zur Einsicht offen gestanden haben. Vom städtischen Friedkreis erfasst, sind alle Berechtigten in die bewahrende Sphäre des allgemeinen Bürgerrechts aufgenommen. Eigentümer konnte nur sein, wer zwangsläufig mit dem Erwerb der Liegenschaft Bürger wird; daher die Formulierung „ist burger an sinem hus“. Grunderwerb und Bürgerrecht bedingen sich zwar wechselseitig — doch in der Regel kann man kein Bürger sein ohne Grunderwerb. Dabei ist der Grunderwerb der auslösende Akt. Die materiell-rechtlichen Ursachen des Grunderwerbs liegen außerhalb der Buchregistrierung. Wir würden sie heute dem Sachen- und Erbrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches zuordnen. Sie betreffen, um es zu veranschaulichen, das Testament, die familien- und erbrechtlichen Verträge, den Schenkungsvertrag, den Kaufvertrag u. a.. Dieses materielle Recht, in Ergänzung des formellen Registerrechts, ist vielfältig in den mittelalterlichen Stadtrechten von Villingen (1371, 1592) und sonstigen Rechtsregelungen anzutreffen. Gelegentlich ist es aus den Eintragungen, wie gezeigt, erkennbar. Akten haben sich darüber nicht erhalten, zumal davon auszugehen ist, dass ein Vertrag, z. B. ein Kaufvertrag, wie noch heute im Privatrecht, vom Grundsatz der Formfreiheit bestimmt gewesen sein dürfte. D. h., es gab keine zwingenden Formvorschriften, wie etwa die Schriftform oder die öffentliche Beglaubigung. Noch im 19. Jahrhundert war in Villingen der Kaufvertrag für ein Haus formlos möglich, d. h., das Objekt wurde „aus der Hand verkauft“, also per Handschlag wie beim Viehhandel. Nichtsdestoweniger bedurfte es zur Beweissicherung der formalen gemeinderätlichen Beurkundung mit unterschriftlicher Mitwirkung der Vertragspartner und der einzelnen Gemeinderäte als grundbuchrechtlicher Vorgang. Damit galt der beabsichtigte und nunmehr eingetretene rechtliche Erfolg als festgestellt und bezeugt (deklaratorische Wirkung der Eintragung). Die in den mittelalterlichen Bürgerbüchern vorkommenden Eigentumsfortschreibungen an Liegenschaften dürften demnach ebenfalls formlos, d.h. mündlich oder in der Folge stadtrechtlicher Regelungen (z. B. Erbfall), zustande gekommen sein, allerdings auch hier mit der Voraussetzung beweissichernder amtlicher Beurkundung in der Form der Eintragung ins Bürgerbuch, wobei u. a. eine der Eintragung vorausgehende Billigung durch den Rat, als Mitwirkungsorgan im Sinne eines formalen Kenntnisnameverfahrens, gleichfalls angenommen werden muss.

Unsere Bürgerbücher sind dem Grunde nach eine besondere Art der sogenannten Stadtbücher, die einerseits privatrechtliche Regelungen des Grundstückrechts beurkunden. In dieser Eigenschaft sind sie Katasterfortschreibungen und eindeutige Vorläufer der Abteilung I des Grundbuchs. Andererseits erfassen sie die Stellung einer Person als Bürger, mit der damit verbundenen Vollberechtigung als Gemeindemitglied. Mit der Eigenschaft eines schriftlich niedergelegten Bürgerverzeichnisses schreiben sie vor allem die Bürgererneuerung fort („… scripta sunt civilia innovatum“).36) Bürgerbücher wie sie in der nachfeudalistischen Zeit des 19. Jahrhunderts gegliedert und personenstandsrechtlich im Beamtenstaat, z. B. über das Großherzoglich Badische Bezirksamt, zentralbehördlich systematisiert wurden, waren die mittelalterlichen Bücher nicht.37) Die Eintragungen in den alten Bürgerbüchern spiegeln, dinglich wie Personal, mit ihren Fortschreibungen einen in der damaligen Zeit verlaufenden Prozess wieder. Wir beobachten einen mit rechtlichen Konsequenzen verbundenen „Umschlageffekt“.

Ein Aspekt in der rechtlichen Verbindung zwischen Liegenschaft und Bürgerrecht sollte nicht unerwähnt bleiben:

Der umfassende Stadtfriede trifft im Hausfrieden auf eine Sonderform, die sich als Gesetzesfriede in den stadtrechtlichen Regelungen niederschlägt. So wurden z. B. einschlägige Rechtsbrecher strenger bestraft. Bürger an einer Liegenschaft zu sein („ist burger an sinem hus“), bedeutete demnach Anspruch auf diese Form des Rechtsfriedens zu besitzen. Das konnte dann zu dem scheinbar sonderbaren Umstand führen, dass eine Person an zwei oder drei verschiedenen Objekten „burger“ ist. 38) Personal kann man aber nur einmal das Bürgerrecht besitzen. Dinglich konnte man dagegen über die Formel „ist burger an …“ den bürgerrechtlich geschützten Hausfrieden als eine Form individuellen autonomen Rechts wiederholt für sich in Anspruch nehmen.

Scheuer Goldgrubengasse 23

 

Die große Mehrzahl der im Bestandsverzeichnis unserer Bürgerbücher genannten Grundstücke betrifft Häuser. Sie werden in ihrer Güte manchmal unterschiedlich dargestellt: hölzernes, gemauertes und steinernes, hinteres oder vorderes, kleines oder großes Haus und Turm.“ Mit dieser Übersicht ist gezeigt, dass es noch den Holzbau gab, wenngleich die zentralen Lagen an den Straßen, so ist aus dem Stadtrecht von 1371 zu schließen, wohl ausschließlich Steinbauten, sogar mit Ziegelbedachung, gewesen sind. Wie die Bürgerbücher wissen lassen, konnte man auch an einer Hofstatt Bürger werden. Die Hofstatt ist ein rechtlich eigenständiges Stück Grund und Boden, auf dem das Haus steht oder stand, mit möglichen Nebengebäuden, Stellflächen, dem Baumgarten oder Gärtchen und dem Misthaufen. Das Haus kann vergehen, die Hofstatt bleibt. Bürger wurde man auch über das Eigentum an Wiesen (Äckern) und an Gärten außerhalb und innerhalb der Mauer. Auffällig und damit bedeutsam ist der Bürger-rechtserwerb an Scheuern und Kellern. Sie waren wichtig für die wirtschaftlichen Vorgänge, sie waren reine Wirtschaftsgebäude.

Scheuer Goldgrubengasse 23. Im Mittelteil über dem Erdgeschoss in der Holzdecke die Öffnung in den Heuaufzugsschacht. Noch gibt es einige Exemplare in alten Gebäuden.

 

 

Scheuer Goldgrubengasse 23. Hinter den Holzläden rechts des Tores befand sich der Stall.

 

 

 

Scheuer Goldgrubengasse 27. Ehemalige Scheuer die zum Gasthaus „Lamm“ in der Niederen Straße gehört hatte.

 

Hausinterne Kellerabtiefungen dieser Dimension, wie hier im ausgebauten öffentlichen, d. h. städtischen Zeughaus, dem ehemaligen Komplex der mittelalterlichen Kürnegger/Vettersammlung, westlich des Oberen Tores, finden sich im Alten Villingen nur ganz selten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die überwiegend mit Buntsandsteinplatten belegte Bodenfläche liegt annähernd 1,6 bis 1,8 m unter historischem Höhengelände, knapp über dem Grundwasserspiegel. Diese Abtiefung schützt vor direktem feindlichen Artilleriebeschuss. Der Gesamtkomplex besitzt eine Kellerfläche von nahezu 250 qm. Die Decke wird von einem unterteilten Kreuzgewölbe gebildet; Höhenabstand 3,30 bis 4,45 m. In diesen Räumen haben wir allein im Dreißigjährigen Krieg die Lagerung von rd. 20 größeren und rd. 20 leichteren Geschützen und zahlreichem anderen Kriegsgerät (Vgl. Revellio, Beiträge . . S. 362) anzunehmen.

(Fotos Juli 1982)

Objekte des Grundstückrechtsverkehrs im Dienste der handwerklich-bäuerlichen Wirtschaft im Alten Villingen:

Die städtische Mischwirtschaft, Handwerk, Handel und Landwirtschaft, besaß als ergänzende Produktionsgebäude zahlreiche Scheuern. Von Revellio („Beiträge .“, S. 466) ist zu erfahren, dass die Stadt Villingen zu Anfang des 16 Jahrhunderts 676 Häuser und 102 Scheuern gezählt habe. 15 % reiner Wirtschaftsgebäude ist im Vergleich beachtlich. In den rund 250 Jahren zeitlicher Beobachtung der Bürgerbucheintragungen waren 750 Mal Scheuern Objekte des Grundstückrechtsverkehrs.

Die zwei ausgewählten Scheuern, an denen man das Bürgerrecht erwerben konnte, hier Goldgrubengasse Nr. 23 („Metzger-Weisser“) und Nr. 27 (ehemals „Lamm-Wirt“; restauriert) zeigen mit ihrer Stockwerkskonstruktion eine Bauweise wie sie in dem holzreichen Villingen (3800 ha Wald) neben dem reinen Bruchsteinbau, durchsetzt mit Ziegel, Brigachgerölle, ja sogar Kalksteinen, und dem (nicht mehr vorhandenen) Holzhaus öfter anzutreffen war: Das Fachwerk mit seiner tragenden Funktion. Dieses ist gekennzeichnet durch ein hölzernes Gerüst aus senkrechten „Ständern“, waagrechten Balken und schrägen Versteifungen. Die Zwischenräume („Fächer“) sind mit vermörtelten Bruchsteinen aus Buntsandstein u. a. gefüllt, oder mit Fenstern bzw. Türen „ausgefacht“. Die Außenflächen können verputzt sein und so die Skelettbauweise verdecken. (Blütezeit dieser Bauweise war das 16 Jahrhundert.)

Die Hofstatt fanden wir ausschnittsweise in wenigen Jahrzehnten rd. 95 Mal erwähnt. In 70 Jahren stießen wir 60 Mal auf Gärten als selbständige Objekte des Rechtsverkehrs, weitere 35 kamen hinzu. Keller werden im unmittelbaren Rechtsverkehr 40 Mal genannt, Verweisungen auf den Keller eines Nachbars erfolgten 30 Mal.

Die privaten Häuser hatten dagegen sehr oft innerhalb des Erdgeschosses Gruben geringer Abtiefung von kaum mehr als 50 Zentimeter, aber unterschiedlich großer Fläche, noch in der Kindheit des Verfassers auch im eigenen Elternhaus als „Kär“ (= Keller) bezeichnet. Insofern sind die in den letzten Jahren mehrfach archäologisch nachgewiesenen „Grubenhäuser“ nichts Ungewöhnliches.40) Die beurkundeten Keller müssen als externe, auf einer Hofstätte errichtete Bauten gesehen werden. Sie hatten manchmal erstaunliche Dimensionen. So sei der Keller des Frauenklosters Amtenhausen erwähnt, der heute noch auf dem rückwärtigen Teil des Areals Gasthaus „Stiftskeller“ existiert. Ebenso gilt es den ehemaligen Keller des Bärenwirts, erbaut um 1785, zu nennen; ihn stellen wir in der Fotografie vor, ebenso den hausinternen Keller des ehemaligen Zeughauses, mit der Nahtstelle zur einstigen Kirnegger/Oberen Sammlung.

 

Keller, die als selbständige Liegenschaft das Bürgerrecht über die Sache begründen konnten, finden wir z.B. im BÄRENWIRTS KELLER.

 

 

 

 

 

Mit städtischer Bewilligung vom November 1782 errichtete der Bärenwirt Joseph Wittum im Garten des 1782 der Josephinischen Reform zum Opfer gefallenen Dominikanerinnenklosters (Vettersammlung) um 1785 einen eigenen Keller mit massivem Steingewölbe, der oberirdisch überdacht war. Die Abtiefung beträgt rd. 1,50 m unter Gelände Ringanlage und liegt demnach auch hier über dem Grundwasserspiegel. Die Liegenschaft befand sich einst südlich der Schanze und entlang der östlichen inneren Ringmauer; sie war über einen Stichweg durch den Klostergarten mit der Bärengasse verbunden. Der Keller ist heute integrierter Bestandteil des östlichen Bautrakts im Kloster St. Ursula.

Scheuern und Ställe der städtischen Mischwirtschaft, mit ihrem hohen Grad an Selbstversorgung, waren, wenn es der Grundriss zuließ, selbst bei kleinen Häusern, integrierter Bestandteil des Wohnhauses. Kleine Häuser kannten Ställe für zwei bis drei Kühe, die dann wie in einer Käfighaltung auf engstem Raum untergebracht waren, dazu kam ein Schwein, vielleicht eine Ziege und ein paar Hühner.

Die Scheuern waren ansonsten gesondert auf einer Hofstatt oder einer Wiese vor den Mauern stehende Wirtschaftsgebäude, von gelegentlich beachtlicher Größe und unterschiedlicher Funktion.

Innerhalb der Mauern lagen sie bevorzugt entlang der rückwärtigen sogenannten Wirtschaftsgassen (z. B. in der Rosen-, Goldgruben- Zinser- oder der Mist-[heute Weber-]gasse usw.) sowie in den vom Wohnbau ausgenommenen Flächen oder Winkeln. Sie dienten landwirtschaftlich als Stauraum für Heu, Ackerfrüchte, Brennholz u. a. und Abstellraum für sperrige Geräte der Landwirtschaft z. B. Pflug und Wagen. Sie konnten funktional aber auch mit einem Stall versehen sein. Ferner waren sie Lager- und Werkstattraum für die handwerkliche Produktion: Gerber, Küfer, Brauer, Maurer, Schreiner/Glaser, Wagner, Zimmermann u. a. Für die wirtschaftlichorganisatorischen Abläufe der handwerklichbäuerlichen Stadtwirtschaft waren sie unverzichtbar. Aus Holz- und Riegelwerk errichtet, wird aber auch die „stainynen schür“ genannt.41) In den rd. 250 Jahren zeitlicher Beobachtung der Bürgerbucheintragungen waren 750 Scheuern Objekte des Grundstück-Rechtsverkehrs, das sind rd. 17 % aller Liegenschaftsänderungen. Weitere 43 Scheuern gehören entsprechend den Eintragungen direkt zum Haus oder sind Nachbarscheuern.

Schließen wir ab mit der Nachlese zweier historischer Ereignisse:

Scheuer, Bickenstr. 6, Rückgebäude Wiebelt.

Die beeindruckende Größe des hochragenden Ostgiebels dieses Wirtschaftsgebäudes, mit der Tiefe zweier Wohnhäuser, verrät, welche Ausmaße nicht Wohnzwecken dienende Liegenschaften gelegentlich erreichen konnten. Das über drei Stockwerke ausgeführte Haus besteht im Unterbau aus Bruchsteinmauerwerk. Der Fachwerkgiebel ist u.a. in die stehende Stuhlkonstruktion des Dachwerks integriert. Die dendrochronologische Datierung der Bauhölzer vom Dachstock bis ins Erdgeschoss liefert das Fällungsdatum Winter 1605/06 oder älter. Dieses Gebäude macht besonders deutlich, dass man über das Eigentum an einer Scheuer das Bürgerrecht erwerben konnte.

Aus der Broschüre unseres verstorbenen Ehrenmitglieds Dr. Johann Nepomuk Häßler, Villingen im Spanischen Erbfolgekrieg, 1954, erfahren wir auf Seite 75 ff. seiner seriösen Recherche, dass am 17. Mai 1704 der bayrische Kurfürst als Verbündeter der Franzosen sein Truppenlager zwischen Rietheim und dem Laible/Warenberg aufgeschlagen hatte. Er war auch am 20. Mai noch dort. Als er sich von Markgraf Ludwig von Baden, in Diensten des Kaisers, bedroht fühlte, befahl er den Abmarsch. Häßler teilt mit: Am Abend des 22. Mai kamen die Truppen des Kurfürsten nach Engen. Nun erfahren wir zu unserm Erstaunen folgenden Sachverhalt (BB Nr. 4624): Am 14. Juni 1704 starb Herr Martin Hüener, Villinger Ratsherr als zur selben Zeit „die statt von bayerfiirst bloquirt (= eingeschlossen) und gleich hernach von dem marchal de Talard grausamd belagert wardt …“. Verlässt man sich auf die Äußerung des Zeitzeugen, dann müssten noch bayrische Truppen zu einem Zeitpunkt vor Villingen gelegen sein, da sie nach unserem bisherigen Kenntnisstand nicht mehr hier sein konnten. So stellt sich die Frage, ob der Kurfürst über den 20. Mai hinaus ein begrenztes Truppenkontingent vor Villingen stehen ließ.

Dem städtischen Schreiber ist folgende Notiz erwähnenswert:

Anno 1711 schlug das hochgewitter in den obern thurn (= Oberes Tor), verschlug den halben dachstuol, undt güng der streich durch die völlige dik-ke der mauren herunder, bis undter das thor, allwo man es allzeit sehen kann, hernache ist der streich zum thor hinaus, undt in deß herrn Mehrhern gar-tenhäussle gefahren, selbiges völlig zehrschlagen und zehrrissen, wahr erschröcklich etc. (Nr.4008)

Anmerkungen

Abkürzungen:

BB = Bürgerbücher

OSTR = Oberrheinische Stadtrechte, zweite Abteilung: Schwäbische Rechte, erstes Heft: VILLINGEN, C. Winters Universitätsbuchhdlg., Heidelberg 1905, bearbeitet von Christian Roder

1) „Die Bürgerbücher der Stadt Villingen“ (1336-1593), Quellenedition, hrsg. vom Stadtarchiv VS, bearbeitet von Andreas Nutz und Gustav Walzer, Bd. 24 d. Veröffentlichungen des Stadtarchivs VS, Verlag Hermann Kuhn, VS 2001

Anmerkung: Unsere Analysen folgen der numerischen Reihung der Edition. Sämtliche Eintragungen von 1 bis 4865 wurden geprüft aber nur bis zur Eintragung Nr. 4451 ausgewertet. Statistischer Wert der Untersuchung:

Durch rund 47 „Achtereinträge“ (Gerichtseinträge) und weiterer 110 die eine nicht zur Thematik gehörende Aussage beinhalten verringert sich die effektive Eintragungszahl auf nur rd. 4700. Somit wurden 95 % der gesamten Eintragungen ausgewertet. Das liegt weit jenseits einer repräsentativen-mathematischen Stichprobenuntersuchung. Wir haben es bei 4700 mit einer kleinen vorhandenen Grundgesamtheit zu tun. Die überkommenen Bürgerbucheintragungen sind allerdings teilweise fragmentarisch. So fehlen z.B. im Band I 40 von 191 Seiten, also rund jede fünfte (vgl. BB, A. Nutz, S. 13). Im Bd. II fehlen lt. Bearbeiter und Herausgeber (a.a.O.) mehr als die Hälfte der Blätter. Selbst bei einem Gesamtverlust von angenommen 50% oder mehr der einstigen Grundmenge wäre dennoch jede zweite Eintragung statistisch erfasst; jede fünfte hätte für eine Aussage gereicht. Das entspricht einer sehr hohen Genauigkeit und bedeutet für unsere Zwecke eine zuverlässige reale Aussage. Zum Ausdruck „Bürgerbücher“: Es stellt sich für uns Heutige die Frage ob der Ausdruck „Bürgerbücher“ gerechtfertigt ist, nachdem sich mit jedem Eintrag (Ausnahmen!) der Eigentumserwerb an einer Liegenschaft verbindet. Hier ist zu differenzieren: Historisch ist der Ausdruck in den Handschriften durch die Obrigkeit vorgegeben und kann deshalb nicht in Frage gestellt werden; vgl. u.a. BB S. 224/226, S. 358, 361, 362, S. 424 Nr. 4594 sowie OSTR S. 137: Eidbuch v. 1573 „Zum burgerbuch“.

2) BB S. 110 Nr. 1292 und S. 266 Nr. 2937

3) BB S. 413 Nr. 4451 (1623)

4) BB S. 406 Nr. 4396 (1593)

5) Oberheinische Stadtrechte, vgl. oben Abkürzungen: OSTR

6) BB S. 310 Nr. 3505

7) BB S. 260 Nr. 2935 u.a.

8) BB S. 262 Nr. 2964, S. 266 Nr. 3005, S. 267 Nr. 3015/17 u.z.a.

9) OSTR S. 97,100(1V

10) OSTR S. 68 (Stadtrecht v. 1371, § 95), S. 84, 99 u.a.

11) BB S. 379 Nr. 4147

12) BB S. 377 Nr. 4129 und 4132 (doppelt registriert)

13) OSTR S. 168, § 4

14) OSTR Eidbuch d. Stadt V. von 1573, BB S. 352 Nr. 3979: Bürgereid eines Ausbürgers „brief und sigel“, BB S. 136 Nr. 4633, 4634, 4636 ff.

15) OSTR S. 202 § 44: Stadtrecht v. 1592 u. S. 65 § 95

16) OSTR S. 18 sowie S. 69 § 96 (Jahr 1400) u. S. 87

16a) Vgl. auch: Gesellschaftliche Unterschichten in den südwestdeutschen Städten, W Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967

17) OSTR S. 76 (§ 101), BB S. 375 Nr. 4103 (1509) u. S. 380 Nr. 4154 (1519), S. 349 Nr. 3952 (1506), S. 378 Nr. 4137 u.a.

18) BB S. 408 Nr. 4408

19) BB S. 408 Nr. 4404; Fahrnis-Steuer: OSTR S. 157, S. 440 Nr. 4760 „wen ain altter sidling sein burgerr machen will“

20) BB S. 408 Nr. 4410, S. 409 Nr. 4412

21) vgl. vor allem BB S. 177 ff. Nr. 2009 – 2054; vgl. auch BB A. Nutz S. 580 (Klöster)

22) Vgl. Bertram Jenisch / Karl Weber, Kirchen und Klöster im mittelalterlichen Villingen, in: Villingen und Schwenningen, Geschichte und Kultur, Veröffentl. d. Stadtarchivs VS, Bd. 15, Grundriss, Hermann Kuhn Verlag VS, 1998, S. 94; Angaben Nr. 12, 15, 16 (umstritten), 17, 18, 19 (eine Gasse nördlicher), 20

23) BB S. 223 Nr. 2510/2511 (um 1363)

24) OSTR S. 37 Stadtrecht v. 1371 § 15 sowie v. 1592 § 25 und OSTR S. 178

25) BB Andreas Nutz, S. 578 ff.

26) OSTR S. 43 Stadtrecht von 1371 § 33

27) BB S. 306 Nr. 3461 (Ausschluss), S. 86 Nr. 853 (Aufgabe)

28) Vgl. OSTR S. 6 ff.: stadtrechtl. Bestimmungen von 1294, OSTR S. 61 St.recht 1371 § 81 u. § 100 (Novellierung v. 1466)

29) BB S. 314 Nr. 3544 auch Nr. 3901 und 4032

30) BB Andreas Nutz, Seite 15 f.

31) Matthias Lexers, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, Hirzel Verlag Stgt., 36. Aufl., 1981, S. 79: halbe, halp, halben und S. 80 halp

32) BB S. 300 f. Nr. 3391 ff., S. 364 Nr. 4009/10/12

33) BB S. 49 Nr. 388, S. 50 Nr. 410, S. 128 Nr. 1408, S. 147 Nr. 1641, S. 223 Nr. 2511, S. 289 Nr. 3279, S. 299 Nr. 3385 und 3387, S. 303 Nr. 3424, S. 300 Nr. 3389, Nr. 4026, 4042 u.a.; sogar eine Drittelung kam vor: „… ist burger an sinem drittaile siner schür, wider Jaeckli Dürrhaimers saeligen schür.“ (anno 1408) s. BB Nr. 3225

34) Rottweil: Auskunft Stadtarchivar Dr. Hecht Konstanz: Auskunft Stadtarchiv

35) BB S. 364 Nr. 4003, vgl auch S. 291 Nr. 3299, S. 392 Nr. 4265 und Seite 292 Nr. 3369

36) BB S. 226: Titel von 1401

37) Vgl. Anleitung zur Führung der Bürgerbücher, Großherzogl. Bezirksamt, hier: Stockach, 20. August 1890

38) BB Nr. 72, 491, 666, 1662 in Verbg. 1663, 3721 in Verbg. 3723, 4347

39) BB hölzernes (hültzin hus): Nr. 282, 347, 396, 798, 799, 843, 1409, 1427, 1638, 1651, 1676, 1678, 1755, 1756, 1793, 1926, 1950, 1986, 1987, 2008; gemauertes (gemuret) oder steinernes (stainin) Haus: Nr. 282, 1455, 1638, 1676, 1679, 1950; kleines (clain) Haus und Häuschen (hüseli) sowie großes Haus (sim grossen): Nr. 373, 1305, 1524, Turm (thurn): Nr. 968, 1650; sowie hinderes (hindern) oder vorderes (vordem hus) Haus: Nr. 388, 396, 1455, 1676 u.a.

40) z.B. Archäologische Ausgrabungen in Bd./Wttbg, Theiss Verlag 1999, Luisa Galioto, S. 216, vor allem Bertram Jenisch, a.a.O. 1989, Seite 298

41) BB S. 236 Nr. 2642, S. 250 Nr. 2816

42) Villingen, Bickenstraße 6 (Haus Wiebelt), Rückgebäude, bauhistorische Kurzanalyse, Auftraggeber LDA Bd/Wttbg. in Freiburg; Ausführung Ingenieurbüro Burghard Lohrum, Ing. (grad.), 77955 Ettenheimmünster, Oktober 2000

Für die Überlassung der Untersuchungsergebnisse bedanken wir uns beim Gebäudeeigentümer und Mitglied des Geschichts- u. Heimatvereins Villingen e.V. F.K. Wiebelt GmbH & CO KG, Villingen, und hier in Sonderheit bei Frau Beatrice Wiebelt.

 

41

 

Fasnet Mändig Morge (Barbara Stern)

Scho am Morge um viere ich bin im Bett no g’läge

sind die Glonkis mit de Trummle duch d“ Schtadt zoge zum Wecke.

Früher hond viel Kinder au no ä Schellepartie g’macht

no war’s vorbei mit de Rue vo de Nacht.

Min erschte Gedanke der isch g’si

wie wurd am’end hit au ’s Wetter wohl sii?

Ich han d“ Vorhäng uf’zoge und ’s Fenschter ufg’macht

drusse war’s klar, klirrend kalt und no halbe Nacht.

Über’m Bicketor hät mer scho die erschte Sunnestrahle g’säe

’s war ä Traumwetter wie’s des sunscht nu im Bilderbuech ka gäe.

Deno wurd z’erscht emol ä Mählsuppe kocht

die wurd dick und heiß zum rmorgeesse brocht.

Noch dere Mehlsuppe do isch mer dann so richtig fit

sie macht satt und stopft aber guet isch si nit.

No zieht mer sich a des duret sii Ziit

weil’s bi me Narro halt gar viil zum a’lege giit.

Z’erscht duesch d‘ Finke rab ziehsch 2 Paar Socke a und schlupfsch i d‘ Bodine drinii

die sind schwarz und suber butzt so wie’n es mueß sii.

En dicke Mantel isch ’s näscht des giit ä imposante Figur

no hät de Narro die richtig Poschtur.

Hos, Kittel und Kappe also ’s Häs wie mer ‚z Villinge sait

isch us weißem Drill oder Grobem Leine und liit scho bereit.

Jetzt schlupfsch i d‘ Hos und stohsch abwartend na,

daß der ’s Mäschgerle die Hosebein innwändig binde ka.

Uf den Augeblick häsch g’wartet und di d’ruf g’freut scho ä ganze Ziit

schächlesch hälinge uf sie nab, wenn sie vor der uf de Knie danne liit.

De untere Abschluß isch’es griene vo de Narrohos

en rechte Villinger des natürlich woeß.

De Dschobe wurd a’glait der isch wie d‘ Hos handbemolt

oder muesch z’erscht nomol uf de Abtritt weil seil später nimme goht.

Ä rot Halsduech bind’sch der um d‘ Gurgel rum,

daß nint riibt oder druckt des isch nit dumm.

Deno kummet d‘ Rolle us Bronze mit 23 kilo G’wicht

4 Rieme überkreuz langsam kriegsch ä rot G’sicht.

Z’erscht die mit de große dann die mit de kleine Rolle dra

grad so wie ’s zu Großvaters Ziite au scho war.

Du machsch en Hopser, denn die Rolle mon ganz genau stimme

mer zelt 2 4 4 vorne und 2 2 4 hinne.

So dond si bim Narrosprung au richtig klinge,

 

wenn d‘ Liit a de Stroß zum Narromarsch ’s Burgerlied singet.

Mit de Bändel vom Kittel bind‘ mer si a d‘ Schultere na,

daß au jo kon Rieme me verrutsche ka.

Des isch ä Arbet jetzt fangsch scho a schwitze

zwischenie trinksch ä Viertele duesch zum Gruebe ä wäng sitze.

Wo isch denn d‘ Zipfelkappe die häsch doch grad no g’het?

Die mueß her sunsch isch de Narro nit komplett.

Endlich häsch si g’funde und es ka wiitergau

vo so ebbis derf mer sich nit hinderefir mache lau.

links a d‘ Rolle kunnt ’s Fulla ä scheen’s Siideduech zur Zier

„mach ä Doppelschleif na, daß i’s au jo nit verlier“.

Fulla und Masch sind wichtig, daß di ’s Mäschgerle kennt

und bim Umzug nit us Versehe mit ä me andere rennt.

Jetzt d‘ Kappe mit Fuchschwanz und de Scheme us Lindeholz

die isch handg’schnitzt und im Narro sin gröschte Stolz.

Ä Sackduech zwischenii, daß de Hoke vo de Kappe nit druckt

so ebbis kasch nit bruche do wursch sunscht verrruckt.

En Zipfel devo kunnt nochher no unne    Scheme drinii

zum de Schweiß ufsuuge des isch wichtig und mueß so sii.

De g’stärkt und g’fältlet Krage us 12 Meter Leinestoff

bindet dir ’s Mäschgerle um de Hals und macht en feschte Knopf.

„Stell mer nit d‘ Luft ab!“ saisch doch sie duet nu hintergründig gnitze

und mont „der Krage mueß jo schließlich au recht sitze“.

Deno zieht sie mit Deufelsg’walt i ällere Seelerue den Knopf a dem Krage nomol so richtig zue.

Zum Schluß d‘ Masch dra’bunde jetzt kasch bald gau

die schwarze Glassehändsche no und loß jo de Säbel nit schtau.

’s Mäschgerle zupft a der rum mit geübtem griff

so kunsch ohne Probleme durch de Narro-TÜV

Sie sait „Maschgere jetz bisch en scheene — so han is welle

Ich hoff es schtond recht viil Liit a de Schroß da’mer au kinnet schträhle“.

Du lachsch, duesch d‘ Scheme nab und denksch so häsch es welle hau,

denn schträhle ka mer im eigene Mäschgerle jo schließli au.

Du monsch „los emol pack au nu g’nueg Schnupfede i’s Grättli nii

nit daß de am Märtplatz scho nint me häsch wie’nes im letschte Johr isch g’si“.

No gosch d‘ Schtäge nab und wartesch vor em Hus

weil sich ’s Mäschgerle jo au erscht no richte mueß.

Du denksch so im Stille wie guet es doch isch,

daß de z’Villinge sii kasch und nit woandersch bisch.

Vergesse häsch äll‘ dinne Alltagssorge

a so e me schene Fasnet-Mändig-Morge.

Du machsch en Hopser und freusch dich uf den Tag

vo de Münsteruhr hersch grad de Halbenieneschlag.

Du gucksch an Turm nuf de Himmel isch blau und wolkelos

d‘ Sunne schint und du denksch wo bliibt denn mi Mäschgerle bloß.

Sie rieft vo obe rab „ich kumm jetzt go glii!“

 

und hängt sich scho bald druf’na bi dir ii.

Jetzt muesch goddig mache ’s isch scho ällerhöchste Ziit,

wenn de no rechtzeitig zum Ufschtelle a’s G’fängnis kumme wit.

„Mäschgerle bind mer d‘ Scheme — glii goht’es los“

d‘ Stadtmusik spielt de Narromarsch und die Freud isch groß!

Des isch hald oafach ä schönes G’fühl

do schtoht doch kon rechte Villinger schtill.

Die Maschgere schüttlet d’Rolle und juchz’get ganz lut,

denn d‘ Villinger Fasnet die liit iis im Bluet.

Ohne sie dät ebbis fehle und mir wäret nit froh

d’rum riefet mir au ’s näscht Johr wieder „Narri Narro!“

„Mitternächtlicher Spuk am Marktbrunnen“— 1924 gemalt von Richard Ackermann.