Jahresrückblick 2014 (Helga Echle)

Das Vereinsjahr 2014 bescherte uns wieder viele interessante Veranstaltungen.

Eine aufmerksame Gruppe besuchte im Januar die Städtische Galerie im Stadtbezirk Schwenningen. Frau Ursula Köhler führte wie immer fachkundig durch die Ausstellung „Richard Haizmann – Bilder und Skulpturen“ des 1895 in Villingen geborenen Künstlers. Die Begegnung mit den Werken des Künstlers war für die Besucher äußerst interessant und wertvoll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einen unterhaltsamen Nachmittag erlebten 50 Teilnehmer beim Besuch des Skimuseums in Hinterzarten. Das Skimuseum ist in dem 400 Jahre alten Hugenhof zuhause, der in mühevoller Arbeit nach einer Idee von Olympiasieger Georg Thoma, von ehrenamtlichen Helfern restauriert wurde. Georg Thoma erzählt aus seinem Leben.

In diesem einzigartigen Museum wird die über hundertjährige Skigeschichte des Schwarzwaldes aber auch das harte Leben der Schwarzwaldbauern im Winter anschaulich dargestellt. Georg Thoma erzählte äußerst lebendig und kurzweilig seinen Werdegang vom Hütejungen in einem abgelegenen Schwarzwaldbauernhof, Holzfäller und Postboten bis zum gefeierten Olympiasieger. Georg Thoma legte mit seinem Erfolg den Grundstein für das 1997 eröffnete Skimuseum in dem anschaulich in Wort, Bild und Ton die Geschichte des Wintersports im Schwarzwald dargestellt wird.

 

Die Besucher lauschen Georg Thoma gespannt.

 

Im März fand die jährliche Mitgliederversammlung statt mit dem Bericht des Vorsitzenden und dem Kassenbericht des Schatzmeisters. In ihren Ämtern für jeweils 2 Jahre wurden der 2. Vorsitzende Dr. Helmut Kury und die Schriftführerin Helga Echle einstimmig bestätigt. Der GHV konnte auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2013 zurückblicken und insgesamt eine positive Bilanz vorlegen.

Ebenfalls im März waren wir zu Gast im Franziskanermuseum. Frau Dr. Anita Auer berichtete spannend und anschaulich über „Essgewohnheiten im Mittelalter“ Die ausgestellten Kochutensilien und der gedeckte Tisch spiegelten wider, wie das enfache Volk sich damals ernährte und seine Speisen zubereitete.

Die Wirtschaftsgeschichte der 60er und 70er Jahre der Stadt Villingen-Schwenningen ist noch kaum erforscht. Nach der äußerst günstigen Zukunftsperspektive unserer Stadt in der Nachkriegszeit machten sich bereits in den 60er Jahren, vor allem in der Uhrenindustrie, erste Krisenerscheinungen bemerkbar. Es folgten Firmenverkäufe und Konkurse sowie diverse Entlassungen von Arbeitnehmern. Über die Ursache und Hintergründe dieser Entwicklung sowie über die Reaktionen auf die Krisenerscheinungen informierte Frau Dr. Annemarie Conradt-Mach in ihrem aufschlussreichen Vortrag „Das Ende des Wirtschaftswunders. Industrielle Entwicklung in den sechziger und siebziger Jahren in der Doppelstadt“.

 

Die Gruppe vor dem Castello Pollenzo in Portugal.

 

Anfang Mai erlebten mehr als 40 Mitglieder beeindruckende Tage in Portugal. Unter der sach- und fachkundigen Leitung von Klaus Weiss erlebte die Gruppe eine Vielfalt an Landschaft und Kultur. Begonnen wurde in Lissabon, wo das Castelo de São Jorge, die Festung des Hl. Georg, das älteste Bauwerk Lissabons sowie das Jerónimus- Kloster mit dem zweistöckigen Kreuzgang und der hohen dreischiffigen Hallenkirche besichtigt wurden. In Sintra, der einstigen Sommerresidenz der portugiesischen Könige bis 1580, 200 m hoch auf einem Bergsporn gelegen, wurde u.a. der Palacio Da Pena besichtigt. Über Tomar mit seiner gewaltigen Burg der Tempelritter ging es nach Obidos. Einen Höhepunkt der Reise bildete sicher der Besuch des Wallfahrtsortes Fatima mit der großen Basilika. Der Name ist arabisch und erinnert an die langen Kriege gegen die Sarazenen. Weitere Stationen waren Coimbra und die Stadt Guimaraes, die allen Portugiesen als die Wiege der Nation gilt. Selbstverständlich wurden auch die guten portugiesischen Gerichte und Weine probiert, bevor es von der Provinzstadt Porto, dem wirtschaftlichen Zentrum Portugals, wieder nach Hause ging.

50 Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen waren mit dem früheren Forstamtsleiter und GHV-Beiratsmitglied Eberhard Härle bei den Holzwerken Dold in Buchenbach zu Gast. Mit diesen hatte Herr Härle Mitte der 1980er Jahre eine bis heute bestehende Geschäftsbeziehung aufgebaut: rund 45 Prozent des städtischen Holzes werden nach Buchenbach geliefert; dabei erweist sich Villingen-Schwenningen mit der zuverlässigen just-in-time-Lieferung hochwertigen Holzes als Premiumpartner. Am Sägewerk wurden die Exkursionsteilnehmer von Erwin Dold, Firmenchef in der vierten Generation, gastfreundlich begrüßt und erhielten weitere Informationen, wie hier über 200 Mitarbeiter die Stämme sägen, hobeln und zu Massivplatten oder Pellets verarbeiten. Beeindruckt waren die Besucher aus Villingen davon, wie der Gedanke der Nachhaltigkeit die Holzwirtschaft bestimmt: Holz ist als nachwachsendes Naturprodukt wertvoll. Deshalb werde bei Dold gleichsam noch der letzte Span dem firmen- eigenen Kraftwerk zugeführt, das den Strombedarf von 2000 Haushalten decken könnte.

 

Der Inhaber des Sägewerkers Erwin Dold begrüßt Herrn Härle mit der Reisegruppe.

 

Am Nachmittag machte die Gruppe Station bei Brüninghoff-Holz an der ehemaligen Tannheimer Säge. Der Geschäftsführer Herbert Riegger erläuterte den Weg seiner bis dahin selbstständigen Firma Schwarzwald Abbund unter das Dach dieses westfälischen Familienbetriebs. In den beiden Hallen konnten die Gäste die Produktion von Abbund-elementen für Zimmereibetriebe am Bau und von Teilen von Fertighäusern, die bis nach Norwegen geliefert werden, beobachten.

 

Herbert Riegger erläutert seinen Betrieb.

 

 

Aus aktuellem Anlass wurde eine Fahrt nach Freiburg angeboten zum Thema „Baustelle Gotik, das Freiburger Münster“. Besucht wurde die Jubiläumsausstellung im Augustinermuseum, im Museum für Stadtgeschichte und im Münster, die mittelalterliches Bauen in allen Facetten zeigt. Anlass ist die Weihe des Chorraumes vor 500 Jahren. Bei einer eindrucksvollen Führung im Augustinermuseum erfuhren die Besucher alles über die Planung, Organisation, Finanzierung und Realisierung der Baumaßnahme des Freiburger Münsters.

 

 

Baumodell des Freiburger Münster im Augustinermuseum.

 

Pfarrer Alfons Weisser führte eine aufmerksame Mitgliederschar nach Bad Mergentheim zum Besuch der Stuppacher Madonna. Dazu heißt es: „Wohl kaum ein Marienbild in der Welt ist wundersamer in seiner Farbgestaltung, verhaltener und zugleich ergreifender in seinen Zeichen, umfassender und dichter in seinen Symbolen – als das Marienbild der Stuppacher Madonna.“

 

Die Stuppacher Madonna.

 

 

Das Marienbild fand im Jahre 1812 Heimat im hohenlohisch-fränkischen Dorf Stuppach, einem südlichen Teilort der Deutschordensstadt Mergentheim und befindet sich in einer Seitenkapelle der dortigen Pfarrkirche Mariä Krönung. Das berühmte Marienbild von Matthias Grünewald (Mathias Gotthardt Nidhard), gilt als eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Tafelmalerei.

 

Die Besucher lauschen den Ausführungen von Pfarrer Alfons Weißer.

 

Zusätzlich ins Programm aufgenommen wurde eine Exkursion im Juni unter der Leitung von Dekan Josef Fischer in den Kraichgau und nach Schwetzingen.

In Steinsfurt bestaunten die Mitglieder das Lerchennest, ein altfränkisches Kleinbauerngehöft aus dem frühen 17. Jahrhundert. Mit der Instandsetzung des Fachwerk-Kleinods in den Jahren 1973/74 ergab sich die Chance – entsprechend der geschichtlichen Bedeutung des Anwesens – an die Vorkommnisse der Nacht zum 5. August 1730, den Fluchtversuch des späteren Königs von Preußen, zu erinnern. Die Namensgebung geht auf die Begegnung des Kronprinzen mit dem Bauern Lerch zurück. Das Lerchennest ist eine Besonderheit der baden-württembergischen Museumslandschaft, denn in dem ehemaligen kurpfälzischen Dorf Steinsfurt und nicht in Berlin oder Brandenburg befindet sich das einzige Museum, das über das Leben und Wirken des Preußenkönigs Friedrich dem Großen (1712-1786) informiert. Hier schlug sein Fluchtversuch 1730 fehl, bei dem er sich dem Regiment seines strengen Vaters (Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.) entziehen wollte.

 

Das „Lerchennest“, das Friedrich der Große-Museum.

 

 

Nach dem Mittagessen im Heimatort von Dekan Fischer bewunderten die Besucher den großen, prächtigen Schlosspark von Schwetzingen.

 

Erklärungen vor dem Schwetzinger Schloss.

 

 

Die kleine Jahresexkursion führte unter der Leitung von Günter Rath wieder einmal in die Bayrische Hauptstadt München. Nach einem Weißwurstfrühstück im Palais-Keller gab es eine Führung in der Münchner Residenz. Sie gilt als größtes Innenstadtschloss Deutschlands und wurde in ihrer über 600jährigen Geschichte laufend erweitert und umgebaut. Der Höhepunkt am nächsten Tag war der Besuch des Lenbachhauses. Es beherbergt die weltweit größte Sammlung zur Kunst des „Blauen Reiter“. Nach einer mehrjährigen Renovierungszeit und mit einem Anbau versehen, erstrahlt es nun seit Mai 2013 wieder in neuem Glanz. Den Abschluss bildete ein Besuch im Freisinger Dom, eigentlich „Dom St. Maria und St. Korbinian“, umgangssprachlich auch „Mariendom“. Er ist die Konkathedrale des Erzbistums München und Freising. Hier finden die Priester-weihen des Erzbistums, regelmäßige Gottesdienste und kirchenmusikalische Veranstaltungen statt. Eine eigene Gemeinde hat der Mariendom jedoch nicht. Bis zur Erhebung Münchens zum Erzbistum im Jahre 1821, war der Freisinger Dom Sitz des Bischofs und Kathedrale des damaligen Bistums Freising.

Die Besucher zeigten sich beeindruckt vom filigranen Stukkwerk der Gebrüder Asam, vom Hochaltar mit dem Marien-Motiv von Peter Paul Rubens und von der meisterlichen Schnitzkunst des gotischen Chorgestühls.

Großen Anklang fand auch die Fahrt zur Landesausstellung „Das Konstanzer Konzil“ an den Bodensee.

Bereits im Bus informierte der Leiter der Reise, Pfarrer Kurt Müller ausführlich über die Hintergründe dieses „Weltereignisses im Mittelalter“. Das Konstanzer Konzil, ein kirchliches Gipfeltreffen der Mächtigen jener Zeit, fand von 1414 bis 1418 statt. Gesandte trafen sich in Konstanz, um dem Zerfall der Kirche entgegenzuwirken. Im Konzilgebäude als historischem Schauplatz der einzigen Papstwahl auf deutschem Boden wurde das Großereignis hier nach 600 Jahren durch viele Exponate aus jener Zeit wieder erlebbar. Dem Besuch der Ausstellung folgte nach dem Mittagessen ein Spaziergang durch die Stadt mit Besuch der Dreifaltigkeitskirche. Sie war auch Aufnahmeort für Konzilsgäste unter anderem König Sigismund, der dafür Fresken in der Kirche stiftete.

 

Erläuterungen von Pfarrer Kurt Müller in der Dreifaltigkeitskirche.

 

Ende August /Anfang September unternahmen 40 wissbegierige Mitglieder eine Reise an die Ost- see unter der Leitung von Hasko Froese. Die Reise stand unter dem Thema „Backsteingotik“. Besichtigungsschwerpunkte waren dabei Städte, die über besondere Bauwerke aus Backstein aus der Zeit der Gotik verfügen. Auftakt war die Backsteinbasilika St.Nikolai in Wismar. Weiter ging es nach Lübeck mit Besichtigung u.a. von Holstentor, Rathaus, Buddenbrookhaus, Marienkirche und Dom. Schwerin war das nächste Reiseziel mit dem Schloss, dem Rathaus und dem Dom. Es folgte Güstrow, bekannt geworden durch den Bildhauer und Grafiker Ernst Barlach. Ein besonderes Meisterwerk der Backsteingotik, nämlich das Münster, bestaunte die Gruppe als nächstes in Bad Doberan. In Stralsund beeindruckten bei strahlendem Sonnenschein das Rathaus, das Johanniskloster, die Nikolaikirche und das Kütertor.

 

Die Reisegruppe in Stralsund.

 

 

Bevor es zu einer Schifffahrt nach Warnemünde ging, konnten in Rostock noch das Kuhtor, die Nikolaikirche, das Alte Hafenhaus, die Universität und das Rathaus bewundert werden. Nach dieser Fülle an begeisternden Eindrücken machte die Gruppe auf der Heimfahrt noch Halt in Weimar, der Stadt von Goethe, Schiller und Liszt.

Gengenbach die Stadt der Türme und Tore begrüßte bei herrlichem Spätsommerwetter die Besucher des GHV in ihren Mauern. Bei einem geführten Rundgang erfuhren die Gäste viel von der Geschichte, die einiges mit Villingen gemeinsam hat. Schon in vorchristlicher Zeit wurde auch die dortige Gegend von Kelten besiedelt. Über Römer und Alemannen kam die Stadt zum fränkischen Königshof, bis sie 1230 die Stadtrechte verliehen bekam. Nachdem die Stadt im pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 in Schutt und Asche gelegt wurde, zeigt sie sich nach dem Wiederaufbau in ihrem heutigen anmutigen Stadtbild. Herausragend sind das imposante Rathaus und der „steinerne Ritter“ auf dem Marktplatzbrunnen. Viel bewundert wurden die hübschen engen Gässchen mit ihren gepflegten Fachwerkhäusern.

 

Gruppe mit Stadtführerin vor dem ehemaligen Abteigebäude, das nach dem Brand von 1689 im Barock neu aufgebaut wurde (1696 – 1700) mit schönem Treppenhaus.

 

 

Die zweite Station dieses Tages war ein Besuch beim Weingut Siegbert Bimmerle. Der Chef persönlich erzählte engagiert von dem 1936 gegründeten Familienunternehmen und über die Vielfalt an unterschiedlichen Lagen und Böden für die Rebsorten. Bei einem Rundgang konnten sich die Besucher vom Einsatz modernster Anlagen überzeugen, wie z. B. einer Anlage zur temperatur- gesteuerten Gärung oder Maischegärbehältern für Rotweine.

 

Eine neugierige 40köpfige Gruppe besuchte das im Umbau befindliche „Alte Krankenhaus“ in der Herdstraße und die angegliederte „Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe“ mit Internat. Architekt Andreas Flöß, der die Umbau und Sanierungsmaßnahmen leitet, erklärte Baustil und Bauweise des ehemaligen Krankenhauses. Bei einem Rundgang erläuterte Dr. Enzenroß, dass dieses Krankenhaus für seine damalige Zeit als sehr modern galt, denn es verfügte über Röntgengerät, OP-Saal und Dampf- Sterilisator. Im EG gab es eine chirurgische und im OG eine internistische Abteilung mit insgesamt ca. 70 Betten. In der ehemaligen Kapelle, die bis heute erhalten wurde, deutete Pfarrer Alfons Weißer die 1931 entstandenen Wandmalereien des Villinger Malers Waldemar Fleig (siehe auch Jahresheft XXXII, 2009). Die Besucher konnten auch, unter Führung des Internatsleiters Sowinski, einen Blick in das moderne Internat werfen, in dem z.Zt. ca. 440 Schüler aus allen Teilen des Landes untergebracht sind. Es schloss sich ein überaus fesselnder Rundgang durch die Landesberufsschule mit deren Leiter Robert Fechteler an, bei dem er erläuterte, welche Berufszweige an dieser Schule gelehrt werden. Passend dazu konnten jeweils die Lehrräume besichtigt werden, in denen die Schüler ihre praktische Ausbildung absolvieren, wie z.B. Hotelrezeption, Lehrraum für Restaurant und die großen Küchen.

 

Im ehemaligen Alten Krankenhaus Villingen.

 

 

Eberhard Härle lud zu einem Spaziergang auf einem Teilstück des Geschichts- und Naturlehrpfades ein. Vom Feldbergweg ging es über die Ahornalle, eine der zahlreichen Verbindungen der Stadt mit dem Wald und von Oberförster Ganter angelegt, zum Ortsrand des Spitalwaldes mit einem herrlichen Ausblick über Marbach und Bigachtal. Über Judas-Thaddäus-Kapelle, Laible, Magdalenenberg mit dem neu eröffneten Teilstück des Keltenpfades und Magdalenenberg-Eiche ging es Richtung Tannhörnle. Den Abschluss bildete eine Einkehr im Sportheim Pfaffenweiler.

Unterwegs gab Herr Härle an den jeweiligen Hinweistafeln und auch zwischendurch wichtige Hinweise über Geschichte, Flora und Fauna dieses Gebietes.

Eine große Zuhörerschar interessierte sich für den Lichtbildervortag von Pfarrer Kurt Müller über „Die wechselnde Rolle der Klöster in Villingens Stadtgeschichte“.

Äußerst anschaulich und kurzweilig berichte- te er, dass es vor 1220 wohl keine klösterlichen Niederlassungen in Villingen gab. Zuerst gab es bis 1480 sogenannte „Sammlungen“ von Frauen die Gutes taten in der Armen- und Krankenpflege. Danach kam Ursula Haider aus Valduna mit 7 Schwestern, die – obwohl sie nur wenige Jahre hier wirken konnte – eine prägende Figur in Villingen war. Das Bickenkloster war ursprünglich auch eine Versammlung von Frauen, von

„Klarissinnen“. 1782 wurde das Bickenkloster ein Ursulinen-kloster, ein Lehrorden, der sich um die Erziehung junger Mädchen bemüht. Heute leben noch 2 Schwestern in dem Kloster.

Pfarrer Müller ging auch auf die vielen anderen Klöster ein, die es einst in Villingen gab, z.B. das Germanskloster (außerhalb der Stadt), das Kapuzinerkloster sowie die kleine Gruppe der Antoniter, die Johanniterkommende, und nicht zu vergessen die Franziskaner, denen wir heute noch die große Kirche (heute Konzerthaus) verdanken. Das Wirken der Benediktiner hat ein besonderes Kleinod in Villingen hinterlassen: Die mit viel Mühe und Kosten renovierte Benediktinerkirche mit ihrer wieder rekonstruierten Silbermann- Orgel.

Er stellte fest: Was früher Mönche und Klosterfrauen Gutes an den Menschen taten wird heute von kirchlichen und sozialen Werken übernommen.

Mit Des Wächters Runde, – ein Stadtführungs- theater -, ließen sich im Oktober Mitglieder des GHV in das Villingen Anfang des 16. Jahrhunderts entführen. Als der Nachtwächter seinen abendlichen Kontrollgang antritt, bittet am Riettor Vatz Wöhrlin, ein Händler aus Freiburg, zu später Stunde um Einlass. Er nimmt ihn und die Besucher mit auf seine Runde. Sie begegnen dabei dem Juden Salomon, einer Pilgergruppe auf dem Weg nach Compostella, dem Bildhauer Conrad Rötlin, der Hexe Elisabeth Schwarzin, die bei den Besuchern einen betroffenen Eindruck hinterließ, dem Bauernführer Joos Fritz und seinem Werber Michael von Dinkelsbühl, Barbara Reutlin aus der Zaisengassen und Remigius Mans, der Stadtlegende, die sich gerade am Lagerfeuer wärmt. Die Zuschauer waren begeistert von dem fast dreistündigen Bilderbogen voller Leben und Gefühlen, aber auch gefüllt mit geschichtlichen Hintergründen, durch 20 Schauspieler, Musiker, Techniker und Küchenpersonal. Der Abend klang bei einem Nachhock in der „Schwarzen Mohrin“ mit allerlei Kurzweil und dem „Nachtwächter im Innendienst“ (Lambert Hermle) aus.

Einer großen Zuhörerschar erzählte Professor Dr. Werner Mezger in seiner bekannt unterhalt- samen Art über Bräuche in der Advents- und Weihnachtszeit. Unter dem Titel Mehr als Kitsch, Konsum und Kerzen und anhand von reichem Bildmaterial ging er der Frage nach: Was bedeutete die Advents- und Weihnachtszeit früher und wie gestaltet sich diese besondere Zeit des Jahres in der modernen Konsumgesellschaft von heute. Außerdem gab es farbenfrohe Einblicke in Brauchtumsformen aus ganz Europa, die in ihrer Exotik teilweise ebenso rätselhaft wie faszinierend sind. Er sprach dabei vielen Besuchern aus der Seele, dass alte Bräuche mehr bewahrt werden sollten.

Mit dem vorweihnachtlichen stimmungsvollen Besinnlichen Abend im Hotel Diegner, bei der der bisherige 1. Vorsitzende Günter Rath noch einmal die Ansprache hielt, verabschiedete sich ein reichhaltiges, gelungenes Vereinsjahr 2014.

Besuch in der Barlachstadt Güstrow (Hans Georg Enzenroß)

 

Abb. 1: Güstrow heute, Marktplatz.

 

Für das damals noch kleine Städtchen Güstrow fand der in Wedel bei Hamburg geborene Ernst Barlach, als er 1910 zu der in Güstrow lebenden Mutter zog, große Worte. Er hatte in Dresden studiert und danach sich in Paris, Berlin und Florenz aufgehalten. „An Berlin denke ich mit Schauder und Graus, und Italien war ein trister Aufenthalt gegen Güstrow.“ Auch heute noch zieht das mittelalterliche Güstrow viele Besucher an, so auch die Mitglieder des Villinger Geschichts- und Heimatvereins auf ihrer Reise zu den Zeugnissen der mittelalterlichen Backsteingotik. Dabei kamen sie auch nach Güstrow, das sich heute Barlachstadt nennen darf. Das Schicksal dieses bedeutenden Künstlers und das seiner Werke ist so exemplarisch für die Deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945, dass der Besuch der Stadt auch darüber nachdenken läßt.

1228 wurde Güstrow erstmals als Stadt erwähnt, 2 Jahre zuvor war mit dem Bau des Domes begonnen worden. Der Dom, die Pfarrkirche St. Marien und das im 16. Jahrhundert errichtete Renaissanceschloss sind die Wahrzeichen der Stadt. Im Dreissigjährigen Krieg residierte zeitweilig Wallenstein in der Residenz. Als eine der ersten Städte Mecklenburgs erhielt Güstrow ein Theater (1828), das seit 1957 den Namen Barlachs trägt. Am Güstrower Theater begann übrigens Hans Albers 1912/13 seine Karriere. Im 17. – 20. Jahrhundert gab es neben Kriegen und Revolutionen immer wieder auch wirtschaftlichen Aufschwung. Der Bau von Fabriken, des Wasser- und Elektizitätswerkes, der Anschluß an das Eisenbahnnetz, um nur einige Beispiele zu nennen, förderten das Wachstum der Stadt, es entstanden die Vorstädte im Westen und Norden. Am Ende des zweiten Weltkrieges war es das Verdienst von Güstrower Bürgern, dass die Stadt nicht zerstört wurde, sie wurde am 2. Mai 1945 kampflos der Roten Armee übergeben.

Stolze Giebelhäuser aus Renaissance, Barock und Klassizismus prägendie Güstrower Altstadt (Abb. 1). Der Marktplatz wird dominiert vom Rathaus (1797) im klassizistischen Stil und von der gotischen Pfarrkirche St. Marien aus dem 14. Jahrhundert.

Im Innern birgt diese eine gewaltige Triumpf- kreuzgruppe (1516), die neben Maria und Johannes auch Adam und Eva zeigt. Triumpfkreuze, auf einen Balken montiert oder hängend und dem Langhaus zugewandt, fanden die Reisenden in vielen der gotischen Kirchen, oft mit Rankenwerk verziert, einem Charakteristikum gotischer Triumpfkreuze. Die Kreuzesbalken versinnbildlichen den Baum des Lebens. Der figurenreiche Hochaltar (1522) ist ein prachtvolles Schnitzwerk des Flamen Jan Borman, die Tafelbilder an den Flügeln stammen von einem Brüsseler Meister.

Dass das mittelalterliche Stadtbild erhalten blieb und in den letzten 20 Jahren so viel für die Restauration getan werden konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. In den 1950 iger Jahren sollten die Städte der damaligen DDR ein „sozialistisches Aussehen“ erhalten. Es wurden Pläne für die Erneuerung der Stadtkerne entworfen, so auch für Güstrow. Glücklicherweise konnten diese Bestrebungen sich nicht durchsetzen, zum einen wegen Geldmangels aber nicht zuletzt auch wegen des Widerstandes kulturgeschichtlich interessierter Bürger. 1975 wurde dann in der DDR ein Denkmalpflegegesetz verabschiedet, mit dem der Grundstein gelegt wurde gegen den Abriß historischer Bausubstanz und für den Erhalt und die Pflege historischer Stadtkerne. Güstrow gehörte zu den 22 Städten, deren Stadtkerne unter Schutz gestellt wurden. Nach der Wende wurde Güstrow dann in das Programm „Städtebaulicher Modellvorhaben“, jetzt des Bundes, aufgenommen. Im Stadtzentrum sind vielfältige Ergebnisse dieser seitdem erbrachten Sanierung sichtbar.

Der Dom (Abb. 2) wurde 1226 vom Fürsten Heinrich Borwin gestiftet. Der Platz um ihn herum, die ehemalige Domfreiheit, unterstand dem Domkapitel, die Gerichtsbarkeit der Stadt galt hier nicht.

 

Abb. 3: Porträtstele Uwe Johnson.

 

1994 wurde der Platz, das älteste Siedlungsgebiet der Stadt, saniert. Neben einigen restaurierten Gebäuden fällt die Porträtstele des Schriftstellers Uwe Johnson vor dem Gymnasium ins Auge, der 1952 hier sein Abitur abgelegt hat. 2007 wurde sie auf Initiative des Güstrower Kunst-und Altertumsvereins aufgestellt (Abb. 3).

Uwe Johnson wurde 1934 in Cammin/ Pommern geboren. Am Ende des Krieges floh die Familie zunächst nach Anklam, dann nach Güstrow, wo Uwe Johnson zur Schule ging. Das Ziel seines Germanistikstudiums in Rostock und Leipzig war, Verlagslektor zu werden. Sein Studium schloss er mit einer Arbeit über Ernst Barlachs Romanfragment „Der gestohlene Mond“ ab. 1959 zog er nach Westberlin, für ihn eine Übersiedlung, für die DDR Republikflucht. Zeitweilig lebte er in Rom, dann in New York, zuletzt ab 1974 in Sheerness on Sea auf der Themseinsel Sheppey in Kent. 1984 ist er dort verstorben. Bekannt ist sein vierteiliger Roman „Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl“, der 1999 / 2000 für das Fernsehen verfilmt wurde.

Abb. 2: Der Dom.

 

Im Dom finden sich eine Reihe bedeutender Kunstwerke, zu den ältesten Stücken gehört ein Taufbecken aus Muschelkalk (um 1300). Der Hochaltar (um 1500) stammt aus der Werkstadt von Hinrik Bornemann. Beeindruckend sind auch die Wandgräber aus der Renaissancezeit und die Figuren der 12 Apostel an den Pfeilern des Mittelschiffs. Deren Entstehung wird auf 1530 datiert und dem Lübecker Claus Berg zugeschrieben.

 

Abb. 4: „Der Schwebende“. Die von dem Gitter eingerahmte Bodenplatte enthält die Namen der Kriegsopfer.

 

Die meisten kommen jedoch wegen Barlachs „Schwebendem Engel“, einem Denkmal zu Ehren der im ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder der Domgemeinde. 1926 erhält Barlach vom Güstower Gemeinderat den Auftrag, ein Mahnmal für den Dom zu gestalten. Ehrenmale werden zur damaligen Zeit zu Tausenden in deutschen Gemeinden aufgestellt, meist von Vereinen oder Kirchenge- meinden. Sie heroisieren in ihrer Darstellung den Krieg, zumeist sind leidende oder sterbende Krieger dargestellt, die Waffe noch in der Hand.

 

Abb. 5: Gesicht des „Schwebenden“.

 

Da war Barlachs Plastik ungewöhnlich (Abb. 4). Eine schwebende Gestalt, dicht über der Erde hinziehend, leicht himmelwärts steigend, vielleicht den Sieg des Geistes über die Gewalt darstellend, soll zugleich Erinnerung an das unsägliche Leid des Krieges, Versöhnung und Mahnung verkörpern. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen, das Gesicht der scheinbar schwerelos schwebenden gewaltigen Bronzefigur trägt unverkennbar die Züge der Künstlerin Käthe Kollwitz, unbeabsichtigt, wie Barlach versichert („Da ist mir wohl ihr Gesicht dazwischengekommen. Hätte ich dies beabsichtigt, währe es mir wahrscheinlich nicht gelungen“) (Abb. 5). Der „Schwebende“ war von Anfang an stetigen Angriffen ausgesetzt, eine „Verunglimpfung unserer Helden“, bis er schließlich 1937 als „rassenfremd und entartet“ aus dem Dom entfernt wurde. Sorg- fältig in einer Kiste verpackt und in der Garage des Landesbischofs gelagert, wurde er 1941 gegen Quittung („Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler“) zu Rüstungszwecken eingeschmolzen.

 

Abb. 6: Gertrudenkapelle.

 

Die Einschmelzung hat Ernst Barlach nicht mehr erlebt, er starb 1938. Dass die Plastik heute hier wieder als eines der großen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts bewundert werden kann, ist mutigen Freunden des Künstlers zu verdanken, die aus dem noch vorhandenen Gipsabdruck einen Zweitguß erstellten. Der heute vergessene Bildhauer Hugo Körtzinger versteckte diesen während der gesamten Kriegszeit in seinem Atelier in Schnega, Niedersachsen, in der Abgeschiedenheit des Wendlandes. Dieser Zweitguß wurde 1952 in der Antoniterkirche in Köln installiert und von diesem neuerlich ein Gipsmodell zur Herstellung eines Drittgusses abgenommen, der seit 1953 in Güstrow hängt. Mit einem Gottesdienst wurde damals seine Heimkehr gefeiert. Ein letzter Nachguß findet sich noch auf Schloss Gottorf in Schleswig, dem dortigen Landesmuseum.

Am 11. Dezember 1981 gelangte der „Schwebende“ in den Focus deutsch-deutscher Politik. Helmut Schmidt, der damalige Bundeskanzler der BRD hatte den Wunsch, bei seinem damaligen Staatsbesuch „Den Schwebenden“ zu sehen. Im Dom begrüßte der Landesbischof Heinrich Radtke „… den Marxisten Erich Honnecker und den Christen Helmut Schmidt“ und pries den prächtigen Kirchenbau als ein Symbol, „das wir gemeinsam haben“. Die Backsteingotik sei Zeugin gemeinsamer Geschichte und Kultur, ebenso wie Ernst Barlach, dessen berühmte Bronzeplastik „Der Schwebende“ über dem Dom-Taufbecken hängt.

 

Abb. 7: Selbstbildnis Ernst Barlachs.

 

Auch er sei ein Stück „gemeinsamer Vergangenheit und Erinnerung“. Helmut Schmidt fügte hinzu, dass „Barlach auch unsere gemeinsame Zukunft sein könne“. Diese Sätze, die der Kanzler in der Bundestagsdebatte am 18. Dezember 1981 wiederholte, markierten nicht nur die Hoffnung vieler DDR Bürger, das Gemeinsame als Chance nicht aus den Augen zu verlieren, sie symbolisierten auch den wenig greif baren, gewissermaßen psychologischen Zweck dieser damaligen Reise.

Die Gertrudenkapelle, die die Reisenden noch besuchten, ist ein einschiffiger spätgotischer Backsteinbau aus dem 15. Jahrhundert (Abb. 6). Sie war Siechen- und später Friedhofskapelle. Seit 1953 sind dort die Kunstwerke Ernst Barlachs zu sehen. Seine langjährige Lebensgefährtin Marga Böhmer (1887 – 1969) hatte es gegen heftige Widerstände erreicht, dass dort das erste Barlach- Museum eingerichtet wurde, an einem Ort, an dem Barlach gerne gearbeitet hätte („Dies wäre ein Ort für einen Bildhauer meiner Beschaffenheit“). Marga Böhmer lebte noch bis zu ihrem Tode 1969 in einer kleinen Wohnung über dem Kapellen- raum, umgeben von Erinnerungsstücken an den Lebensgefährten und von unzähligen Katzen.

Ernst Barlach (Abb. 7) war Maler, Graphiker, Bildhauer und Schriftsteller. Er wurde 1870 in Wedel als Sohn des Arztes Dr. Georg Barlach und Luise Barlach, geb. Vollert, geboren. Sein Vater starb 1884, seine Mutter ertrank 1920 im Schweriner See „durch ein Unglück oder durch einen Anfall von Verzagtheit“, wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Sie hat sich wohl das Leben genommen. Nach nicht immer glücklich verlaufenden Lehr- und Wanderjahren in Deutschland, Paris, Italien und Rußland kehrt er 1910 nach Güstrow zurück, zu seiner Mutter und dem aus einer Verbindung mit der Näherin Rosa Schwab 1906 geborenen Sohn Nikolaus. Bis zu seinem Tod 1938 wird er in Güstrow wohnen bleiben, beerdigt werden aber wollte er beim Grab seines Vaters in Ratzeburg. Er war zu seiner Zeit ein bedeutender Dramatiker, dessen Stücke in renommierten Häusern aufgeführt wurden, zwei Dramen (Der blaue Boll, Die Sündflut) wurden im Württembergischen Landestheater Stuttgart uraufgeführt. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil, er war Mitglied der Preußischen Akademie der Künste in Berlin, Ritter des Pour le Merite. Aber wir dürfen annehmen, dass er unglücklich verstorben ist. Ab 1933, der Machtübernahme der Nationalsozialisten, mußte er heftigste Angriffe und Verunglimpfungen über sich ergehen lassen, denen er sich auch vorher schon wegen seiner Ehrenmale in Kiel, Hamburg, Magdeburg und Güstrow ausgesetzt sah. Diese Kriegerehrenmale entsprachen nicht dem gewünschten Heldenpathos und der Glori- fizierung des Soldatentums. Sie gaben der Trauer und dem Leid Ausdruck. Seine Denkmale wurden nun aus den Kirchen und von den Plätzen entfernt, seine Arbeiten durften nicht mehr ausgestellt werden, sie galten als entartet, rassenfremd. Seine Schriften durften nicht mehr gedruckt und verkauft, seine Theaterstücke nicht mehr aufgeführt werden. Es hatte ihm nichts genützt, dass er 1934 zusammen mit Georg Kolbe, Emil Nolde, Wilhelm Fürtwängler, Richard Strauß, Mies van der Rohe, Agnes Miegel und anderen im Völkischen Beobachter den „Aufruf der Kulturschaffenden“ unterzeichnet hatte, eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler. Am 24. Oktober 1938 stirbt Ernst Barlach in einer Rostocker Klinik an einer Lungenentzündung. Aufgebahrt wird er im Atelierhaus in Güstrow, wo seine Freunde Abschied nehmen. Käthe Kollwitz zeichnet den Toten und schreibt:

„Er liegt mit ganz zur Seite gesenktem Kopf, so, als ob er sich verbergen wolle“. Posthum wird er 2010 zum Ehrenbürger der Stadt Güstrow ernannt. Anerkennung seiner Mitmenschen zu Lebzeiten wäre ihm sicher lieber gewesen.

Literatur

Detlev Brunner: Helmut Schmidt und Erich Honnecker im Dezember 1981, Bundeszentrale für Politische Bildung, Deutschland Archiv (2011)

Ernst Barlach in Güstrow, Edition A.B.Fischer GbR, Berlin 2009 Der Dom zu Güstrow, DKV-Kunstführer, 9.Auflage, 2012 Barlachstadt Güstrow, Güstrower Verlags GbR.

Abbildungen

Abb. 1 Güstrow heute, Marktplatz, Foto Wilfried Steinhart Abb. 2 Der Dom, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 3: Porträtstele Uwe Johnson, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 4: „Der Schwebende“. Die von dem Gitter eingerahmte Bodenplatte enthält die Namen der Kriegsopfer, Ernst und Hans Barlach, Lizenzverwaltung Ratzeburg

Abb. 5: Gesicht des „Schwebenden“, Ernst und Hans Barlach, Lizenzverwaltung Ratzeburg

Abb. 6: Gertrudenkapelle, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 7: Selbstbildnis Ernst Barlachs, Foto Wilfried Steinhart

Villingen durch die Kamera betrachtet (Franziska Furtwängler)

Die Firmengeschichte des Fotogeschäfts Photo-Sauer

 

Abb. 1: Vorderansicht des Ladens Photo-Sauer vor der Umgestaltung in der Niederen Straße, Foto: Carl Sauer.

 

Wer heute durch die Niedere Straße läuft, wird es kaum übersehen. Das Eckhaus mit der Nummer 86, in dem sich eines der ältesten Fotogeschäfte Villingens befindet: das Geschäft Photo-Sauer. Das Geschäft, das seit den 1930er Jahren zum Villinger Stadtbild gehört, hat eine abwechslungs- reiche Geschichte, an die sich Adelheid Schweizer, die Tochter des Fotografenmeisters Carl Sauer, lebhaft zurückerinnern kann.

Denn ihre Eltern kamen ursprünglich nicht aus Villingen und es war purer Zufall, dass Carl Sauer ausgerechnet in der Stadt im Schwarzwald aus dem Zug stieg, um sie sich anzusehen. „Er konnte es selber nicht genau sagen warum, aber er stieg hier einfach mal aus“, erzählt seine Tochter heute, wenn sie gefragt wird, was ihre Eltern nach Villingen verschlug. Eigentlich wohnten der Fotografenmeister und seine Frau Ida in Wuppertal. Doch Ida, die schwer an Asthma und Bronchitis erkrankt war, wurde vom Arzt nur Besserung in Aussicht gestellt, wenn sie in eine höher gelegene Gegend umziehen würde. Und so setzte sich Carl Sauer eines Tages in den Zug Richtung Schwarzwald und fuhr einfach mal drauf los. Als der Zug unterwegs in Villingen hielt, stieg er spontan aus, um sich die Stadt anzusehen.

Berufliche Neugier führte ihn in ein Fotoatelier in der Niederen Straße und im Gespräch mit der Inhaberin, einer Fotografin, die in Villingen nur als „Fräulein Liese“ bekannt war, erfuhr er, dass diese das Geschäft bereits seit langer Zeit verkaufen wollte. Ein Wink des Schicksals?

Carl Sauer jedenfalls zögerte nicht lange und holte Ida nach Villingen. Das Ehepaar kaufte Fräulein Liese alle Gerätschaften des Ateliers ab und mietete sich die Wohnung über dem Fotogeschäft, das sich in der Niederen Straße 84 befand. Doch im ersten Jahr wollte es nicht so ganz klappen mit den Villingern. Den neuen Mitbürgern wurde mit Misstrauen begegnet, weil das Ehepaar Sauer evangelisch war, die Bevölkerung Villingens hingegen zum Großteil katholisch. Erst das Ausstellen der Hochzeitsfotos eines bekannten Vöhrenbachers im Schaufenster des Ladens brachte den herbeigesehnten Umschwung. Denn nachdem die Leute sahen, wie präzise Carl Sauer sein Handwerkszeug beherrschte, konnte er sie als Kunden gewinnen.

Zu dieser Zeit wurden alle Arbeitsschritte, die für die Fertigstellung einer Fotografie notwendig waren, direkt vor Ort durchgeführt. Die Sauers hatten Glück, dass sie nicht viel umgestalten mussten, denn im übernommenen Laden befanden sich neben dem großen Fotoatelier für Aufnahmen zwei Dunkelkammern, ein Tageslichtraum und ein Büroraum. Nur den Ladenbereich gestaltete Carl Sauer um, da er im Gegensatz zu „Fräulein Liese“ auch mit Fotoartikeln handelte und nicht nur ein reines Atelier betrieb. Neben einem Angestellten und den Lehrlingen, die Carl Sauer als Fotografenmeister ausbilden durfte, half auch Ida Sauer, die eigentlich gelernte Friseurin war, als Verkäuferin im Laden ihres Mannes mit.

Im Juni 1935 wurde dann Tochter Adelheid geboren, die sich noch genau daran erinnern kann, wie sie von mancher Kundschaft im Laden hin und wieder Schokolade geschenkt bekam. In der damaligen Zeit ein kleiner Schatz für ein Kind. Die Sauers hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon fest in die Gemeinschaft der Villinger integriert.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Viele Fotos, die in dieser Zeit entstanden, zeigen Soldaten in Uniform, die sich während ihres Heimaturlaubs fotografieren ließen. Es waren meistens die letzten Fotos, die von den Männern angefertigt wurden, denn viele von ihnen fielen an der Front. Neben den männlichen Lehrlingen und Angestellten wurde 1944 auch Carl Sauer, der bereits im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, eingezogen. Das Geschäft war in dieser Zeit geschlossen, denn nur noch Ida Sauer und Adelheid verblieben während des letzten Kriegsjahrs in Villingen.

Nach der Kapitulation und der Besetzung Villingens durch die Alliierten kam es zu vielen Plünderungen, da die Wohnungen und Geschäftsräume zu bestimmten Zeiten unter der Androhung der Todesstrafe nicht abgeschlossen werden durften. Bei einer dieser Plünderungen wurden die archivierten Negative von Vandalen größtenteils vernichtet, denn zu dieser Zeit dienten Glasplatten als Negative für Bilder. Die schöne Ordnung der Negativaschachteln zog Vandalen regelrecht an, erinnert sich Adelheid Schweizer. Es klirrte, wenn das zerbrechliche Glas der Negativplatten auf den Boden fiel und das schien den Plünderern in einer makabren Art und Weise zu gefallen. Später, als die Vandalen das Interesse verloren hatten, suchten Mutter und Tochter mit der Hilfe von Bekannten die intakten Glasplatten unter den Scherben heraus und entsorgten den restlichen Schutt schubkarrenweise in einem nahegelegenen Bombentrichter.

Als Carl Sauer im Herbst 1945 aus einer kurzen Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war von seinem seit 1934 akribisch geführten Archiv nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Zum großen Glück der Familie waren jedoch die Geräte, die zum Erstellen von Fotos notwendig waren, unversehrt geblieben. So konnte zumindest der Laden wieder eröffnet werden, denn nach wie vor mussten Ausweisbilder angefertigt werden.

An die entbehrungsreiche Zeit unter der bedrohlichen Befehlsgewalt der Marokkaner kann sich Adelheid Schweizer noch gut zurückerinnern. Die Marokkaner, die in den Laden kamen, waren für das Kind furchterregend: „Sie hatten ständig ihre Gewehre im Anschlag, fuchtelten rum und man glaubte jeden Moment, es geht ein Schuss los.“ Aber sie bezahlten für die Bilder und Fotoartikel, mal mit Fleisch, mal mit einem Stück Weißbrot oder Seife. Diese Art der Bezahlung war auch bei der übrigen Bevölkerung gang und gäbe und das Tauschgeschäft half dabei, dass die Familie nicht verhungern musste. Carl Sauer fertigte also Passbilder nicht mehr gegen Geld, sondern gegen Milch, Kartoffel, Brot, Briketts und Eier an.

Als die Marokkaner schließlich dem französischen Militär wichen, entspannte sich die Situation etwas. 1948 ging es mit der Währungsreform ein kleines Stück aufwärts. Jeder Erwachsene erhielt ein Willkommensgeld von 40 Mark, das den Sauers zwar kaum zum Bezahlen der Miete reichte, aber immerhin einen neuen Anfang markierte. Das Geschäft lief wieder, die Sauers konnten auch erneut Personal beschäftigen und mit dem deutschen Wirtschaftsaufschwung kam auch wieder mehr Kundschaft.

Es war keine Frage, dass Adelheid nach der Schule direkt ins elterliche Geschäft einstieg. Bei ihrem Vater machte sie von 1952 bis 1955 eine Ausbildung zur Fotografin. 1955 lernte sie dann Rolf Schweizer kennen, was sich privat wie geschäftlich als wahrer Glücksgriff herausstellen sollte. Sie heirateten am 25. April 1956. Das Paar bekam 1957 zwei Jungen, einen im Januar, einen im Dezember, Albert und Helmer.

Rolf Schweizer, der eigentlich gelernter Industriekaufmann war und sich mit Fotografie bis dahin noch nicht beschäftigt hatte, arbeitete bis zu diesem Zeitpunkt in der Seidenweberei in Donaueschingen in der Geschäftsführung. Das änderte sich jedoch, denn mit dem Leitgedanken „Arbeiten muss man überall und eigentlich sei Fotografie eine sehr interessante Sache“ begann Rolf Schweizer im Geschäft seiner Schwiegereltern eine Lehre. Diese konnte er durch seine frühere Ausbildung begünstigt und wegen seiner schnellen Auffassungsgabe auf nur knapp zwei Jahre verkürzen. Im Anschluss daran besuchte er sogleich die Meisterschule in Hamburg und erlangte im Dezember 1962 den Meistertitel im Photographenhandwerk. „Er ist der geborene Kaufmann“, sagte sein Schwiegervater von ihm und war glücklich, dass er das Geschäft in gute Hände übergeben würde.

 

Abb. 2: Rolf Schweizer und Carl Sauer.

 

1967 war der bisherige Laden dann endgültig zu klein und Rolf und Adelheid Schweizer kauften das Eckhaus, die Niedere Straße 86, für die stolze Summe von 80.000 Mark. Das Gebäude war heruntergekommen und die Bausubstanz so angegriffen, dass es nur noch zum Abriss taugte, der dann auch gleich durchgeführt wurde. Während der Umbauarbeiten ging der Geschäftsbetrieb in verschiedenen, verstreut liegenden Räumlichkeiten weiter. Es war ein großer organisatorischer Aufwand nötig, um den Geschäftsbetrieb reibungslos weiterführen zu können, da sich beispielsweise das Entwicklungslabor in einem anderen Gebäude befand als der Laden oder das Atelier. Allerdings schaffte es die Familie, die verschiedenen einzelnen „Bausteine“ des Geschäfts in der Nähe des Übergangsladens zu halten. Der Automat für die Fotofilme wurde zum Beispiel am Bretterzaun, der um die Baustelle führte, angebracht.

Als im März 1969 Richtfest gefeiert werden konnte, hatte das Haus nicht nur einen Stock mehr, sondern war auch unterkellert, was in der Villinger Innenstadt aufgrund eines hohen Grundwasserspiegels nicht gängig war. Bei der Wiedereröffnung war die Firma Photo-Sauer entstanden und ordnungsgemäß ins Handelsregister eingetragen, mit Carl Sauer als Inhaber und Rolf Schweizer als Prokurist. Bereits fünf Jahre später waren 14 Angestellte in verschiedenen Bereichen bei Photo- Sauer beschäftigt und Rolf und Adelheid Schweizer mussten manchmal bis spät in die Nacht arbeiten, weil es jede Menge Aufträge gab.

Anekdoten aus den folgenden rund 20 Jahren hat Adelheid Schweizer einige zu erzählen.

 

Abb. 3: Familienfoto von 1979 mit Carl Sauer (vorne), seiner Tochter Adelheid (rechts) und seinen Enkelsöhnen Albert (Mitte) und Helmer (links), Foto: Schweizer

 

Sie selbst arbeitete die ganze Zeit als Fotografin in der Firma mit. „Portrait“, meint sie, „Portrait war mein Ding.“ Ihre Arbeit in diesem Bereich wurde mehrfach auf der photokina in Köln, der bis heute größten Fotomesse der Welt, ausgezeichnet, die das Ehepaar regelmäßig besuchte. Außerdem war sie für alles, was damit zu tun hatte, verantwortlich. Auch die Schaufensterdekoration war ihre Aufgabe. Ihr Mann Rolf Schweizer war vor allem für die Kameras, Projektoren und das Zubehör sowie die Geschäftsführung zuständig, war aber auch ein sehr guter Fotograf.

 

Abb. 4: Laden von Innen.

 

Neben einem guten Auge für Licht und Schattenspiel musste ein Fotograf sich in Geduld üben. Vor allem an großen Festtagen wie Kommunionen, wenn der Andrang kaum zu überblicken war, brauchte es manchmal mehrere Versuche und Mitarbeiter, bis die Falten des Kleides ordentlich, das Lächeln des Kindes schön und die Kommunionskerze gerade gehalten wurde.

Doch kaum eine andere Geschichte blieb der Fotografin so sehr im Gedächtnis, wie der Auftrag der Bauchtänzerin. Diese wollte nämlich nicht nur von sich, sondern auch von ihrem „Arbeitsutensil“ Aufnahmen angefertigt haben. Und dieses „Arbeitsutensil“ war natürlich eine Schlange. Adelheid Schweizer verlegte diesen Termin extra nach Geschäftsschluss, um die restliche Kundschaft nicht mit dem exotischen Gast zu verschrecken. Als dann am Abend das Auto vorfuhr und gleich zwei Männer benötigt wurden, um den riesigen Flechtkorb mit der Schlange auszuladen, fragte sie sich, auf was sie sich da genau eingelassen hatte. Im Atelier legte sich die Bauchtänzerin die riesige Schlange um, die ihr gegenüber zutraulich, aber von den Fotostudiogeräten nicht besonders angetan war. Das fortwährend bedrohliche Verhalten gegenüber der Fotografin erschwerte die Arbeit so sehr, dass abgebrochen werden musste und es blieb bei diesem einmaligen Schlangenauftritt.

1985 starb dann Adelheid Schweizers Vater Carl Sauer, der bis zuletzt seinem Geschäft verbunden geblieben war. Eigentlich war es geplant, den jüngeren Sohn Helmer als Nachfolger ins Geschäft zu holen, doch es stellte sich heraus, dass dessen Talente anders gelagert waren. Als er eine Optiker- lehre begann, ließen ihn seine Eltern deshalb schweren Herzens ziehen. Mangels Nachfolger aus der eigenen Familie verkauften die Schweizers das Geschäft inklusive des Firmennamens 1991 an den jetzigen Inhaber, Herrn Liebig. Den gewaltigen Fotonachlass seiner Vorgänger verkaufte Liebig an das Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, wo die Sammlung unter der Bestandsbezeichnung 1.42.69 geführt wird.

2008 verstarb Rolf Schweizer nach langer Krankheit, doch Adelheid Schweizer wohnt bis heute in der Niederen Straße 86, über dem mit Freude und Erfolg gemeinsam betriebenen Geschäft. Villingen ist ihre Heimat, obwohl ihr Vater damals nur durch einen Zufall hier aus dem Zug gestiegen ist.

„Die Worth Gottes loben steht der Statt Villingen gezümlich” (Konrad Flöß)

 

300 Jahre Villinger Votivtafel in der Triberger Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“

Abb. 1: Tafelbild mit Tafel und 6 Kanonenkugeln darunter.

 

Am 1. Juli 1704, im Spanischen Erbfolgekrieg, überschritt der französische Marschall Tallard den Rhein bei Kehl und rückte mit etwa 29.000 Mann über Waldkirch durch das Prechtal nach Hornberg. Sein Ziel war zunächst die Hochebene von Hardt zwischen Rottweil und Villingen, dann wollte er über Tübingen und Urach nach Ulm ziehen, um sich mit den Bayern zu vereinigen. Er hatte dabei die Absicht, Villingen zu erobern und in der Stadt ein Hauptdepot für die weiteren militärischen Operationen zu schaffen.

Schon seit mehreren Tagen war die Stadt von französischen Truppen umschwärmt, und am 16. Juli begann die Belagerung. Laufgräben wurden ausgeworfen und die Stadt beschossen. Schon waren Breschen gelegt und die Villinger erwarteten den Sturm– da zog am 22. Juli der Feind ab. Tallard sah sich in seiner Hoffnung, die kleine Stadt in zwei Tagen zu erobern, getäuscht und die sechstägige Belagerung hatte ihn in seiner Hauptaufgabe, dem schnellen Vormarsch nach Bayern, aufgehalten.

 

Abb. 2: Detail Tafelbild: Die belagerte Stadt.

 

Zudem musste der französische Marschall fürchten, von Prinz Eugen, der bereits am 22. Juli von Rastatt über Horb in Vöhringen (Oberamt Rottweil) anlangte, abgeschnitten zu werden.

In der Not dieser Belagerung gelobte die Stadt Villingen eine Votivtafel in die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ nach Triberg zu stiften, was die Villinger nach dem Friedenschluss von Rastatt im Frühjahr 1714 dann auch umsetzten. Der Villinger Stadtrat beschloss am 8. Oktober 1714, ein imposantes Dankgemälde für die Wallfahrtskirche anfertigen zu lassen nach der Vorlage des Malers Johann Georg Glückher aus Rottweil. Das große Votivbild (Abb. 1) wurde am 21. November 1715 von den Villinger „Statt-Häuptern“ nach Triberg verbracht und in der dortigen Wallfahrtskirche ein Hochamt zelebriert.

An dieser Stelle soll zunächst die Geschichte des Votivbildes aufgezeigt werden. Dr. Ernst Batzer veröffentlichte 1914 in der Zeitschrift „Die Ortenau“, die Zeitschrift des historischen Vereins für Mittelbaden, den nachfolgenden Artikel über die Votivtafel:

„Für das Bild erhielt Georg Glückher 300 Fl (Anm: = Gulden). Es ist 4 m hoch und über 3 m breit und stellt in seiner Hauptfigur Villinga in den Stadtfarben blau und weiß dar. In langem Faltenkleid kniet sie vor der Himmelskönigin, die mit der rechten Hand ihren Mantel zum Schutze über sie ausbreitet. Ein Engel steht im Begriff, der schon gekrönten Villinga (die Stadt hatte schon eine dreimalige Belagerung 1633 und 1634 im Dreißigjährigen Krieg abgeschlagen) einen zweiten Lorbeerkranz aufzusetzen. Über diese Gruppe erscheint die Dreifaltigkeit: Gottvater mit der Weltkugeln, in der Mitte der Heilige Geist mit der Taube, dann der Erlöser. Mit der linken wehrt dieser den Blitzen, die die Stadt in Schutt und Asche legen sollen und deren untere Ausläufer zu Lorbeerblättern werden. Ein Engel unterstützt ihn. Zwei andere schwebende Engel tragen das Wappen der Stadt: Adler mit Pfauenschweif. Unten liegt die belagerte Stadt; vor ihr erblickt man den Marschall Tallard; er kommt aus dem Haubenloch heraus und reitet an der Spitze seines Stabes. Die Franzosen nähern sich der Stadt, deren deutliches Bild durch Schlachtenrauch verhüllt ist. Die Abbildung Villingens (Abb. 2) ist von 1715, nicht von 1704. Links befindet sich die Weihinschrift. Sie lautet: Deo Patri,/ Jesu filio, / spiritui sancto / conservanti,/ Mariae matri/ interpellanti/ Villinga grata,/ quia conservata / haeC Dona obtVLIt/ In anatheMa / ob LIVI onis (Zu Deutsch: Gott dem Vater, Jesu dem Sohn, dem Heiligen Geist, Maria der fürsprechenden Mutter hat das dankbare, weil glücklich gerettete Villingen dieses Geschenk dargebracht als Gabe gegen die Vergessenheit).

Im Herbst 1715 war das Bild vollendet und wurde im Münster zu Villingen von Sonntag, den 17. November, 4 Tage lang ausgestellt. Dann wurde die Votivtafel der Wallfahrtskirche Mariä zu Triberg „auf Mariä Opferung Tag (21. November) durch eine herrliche Abordnung dero gesambten Stattäuptern und übrigen Deputierten abgerichtet und deß Herren Prälaten Michael zu St. Georgen Hochwürden und Gnaden u. das Hoch-Ambt, die Lob- und Ehrenpredigt aber dasiger (Villingen) Herr Statt-Pfarrer Johann Jacob Riegger, der Heil. Schrift Candidus und jetziger Capitulus-Cammerer ec., bey dieser prächtigen Solemnität und einer sehr zahlreichen Volks- Mänge gehalten.“ Unter das Bild wurden sechs Kanonenkugeln von der Belagerung Villingens gehängt.

Mit der Zeit wurde das Gemälde schadhaft und auf Bitten des Dekans Beck in Triberg ließ es der Stadtrat von Villingen auf Kosten der Stadt im Jahr 1881 wiederherstellen. Die Restaurierung wurde dem Maler Leiber aus Villingen übertragen, der auch eine Kopie für die städtischen Sammlungen in Villingen herstellte. Schreiner Glatz in Villingen verfertigte den neuen Rahmen. Gelegentlich der Restauration der Wallfahrtskirche wurde das Bild in jüngster Zeit von dem Stuttgarter Künstler Haaga wieder aufgefrischt.“

Soweit zur Geschichte und Interpretation der Villinger Votivtafel nach E. Batzer.

Weniger bekannt ist der mit dem Transport ver- bundene Zwischenfall über den Wilhelm Maier in der „Geschichte der Stadt Triberg“ berichtet:

„Die Belagerung war aufgehoben worden, und also spendeten die Villinger 400 Gulden zu einem großen Tafelbild. Diese Tafel wurde von den Stadtvätern von Villingen und anderen Deputierten barfuss auf den Schultern nach Triberg getragen. Viel Volk begleitete diese denkwürdige Prozession. Als man mit dem Bild bei der Wallfahrtskirche ankam, war es zu groß, so dass es nicht durch die Tür gebracht werden konnte. Man zog daher einen Graben an der Türe und trug es senkrecht der Länge nach in die Kirche. Danach wurde ein feierliches Hochamtgehalten, welches der Prälat Michael von St. Georgen zu Villingen (Anm: Michael Glückher von Rottweil/ Abt. 1690 – 1733 – Bruder des Malers Glückher) zelebrierte. Die Festpredigt hielt der Kapitelskammerer, Stadtpfarrer Johann Jakob Riegger von Villingen“.

Soweit die Ausführungen des Wilhelm Maier.

Die Wallfahrtkirche Triberg „Maria in der Tanne“ (1699 – 1705) (Abb. 3) erfreute sich bei den Wallfahrern in der damaligen Zeit großer Beliebtheit. Es war also naheliegend, dass der Rat der Stadt Villingen gerade diese Gnadenstätte für das Votivbild wählte, umso mehr, da die barocken Altäre und die Kanzel für die Wallfahrtskirche in der Werkstatt des Joseph Anton Schupp zu Villingen geschaffen wurden.

 

Abb. 3: Die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ zu Triberg.

 

Wie allgemein bekannt ist, wurde ebenfalls während der Belagerung 1704 durch Marschall Tallard auf Anregung vom Münsterpfarrer Johann Jakob Riegger durch den Rat der Stadt Villingen das Gelübde ausgesprochen, außerhalb der Mauern eine Lorettokappelle zu errichten. Lambert Hermle, unser Vereinsmitglied, hat das historische Datum vom 21. November 1715 in Erinnerung gebracht. Aus Anlass dieses 300-jährigen Jubiläums sind wir alle eingeladen, von Villingen aus eine Fußwallfahrt zum Votivbild nach Triberg zu unternehmen. Der Verfasser wird 2015 über Termin und Ablauf informieren.

Literaturnachweis

Dr. Ernst Batzer, Die Ortenau, 1914 Triberg Heimatblättern/ Jahresheft 8, 2004

Klaus Nagel, 2014

Abbildungen

Abb. 1 und 2 stammen von Thomas Herzog-Singer (Foto-Singer, Villingen)

Abb. 3 Foto von Kurt Gramer aus Bietigheim-Bissingen

 

Ein Nageltisch mit einem Eisernen Kreuz (Martina Zieglwalner)

aus dem Brauereigasthaus Ott

Ein Schatz aus dem Ersten Weltkrieg hat nach knapp 100 Jahren einen Ehrenplatz in der Villinger Zehntscheuer gefunden: ein Nageltisch mit einem Eisernen Kreuz aus dem Brauereigasthaus Ott, der sich seit Ende der 80er-Jahre im Besitz der Historischen Narrozunft befindet.

Der Tisch entstand bei einer ungewöhnlichen Aktion: „Nagelungen waren eine besondere Art von Wohltätigkeitsveranstaltungen, bei denen in hölzerne Symbole Nägel eingeschlagen wurden, die man zuvor gekauft hatte“, erklärt Barbara Schneider 1998 in ihrem Beitrag über den Ersten Weltkrieg in der Reihe der Blätter zur Geschichte der Stadt. Um die Verbundenheit mit der Front zu zeigen, spendeten die Bürger Geld für Hinterbliebene oder Soldaten.

Auch viele Männer aus Villingen und Schwenningen starben oder kehrten schwer verwundet heim. Mit der deutschen Kriegserklärung an Russland am 1. August vor 100 Jahren und am 3. August an Frankreich entwickelte sich aus dem Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Serbien der Erste Weltkrieg. Vom Leid und der Not ahnten die Menschen zunächst noch nichts. „Hier in unserer Stadt hatte das Gerücht ›Mobil‹ natürlich allgemeine Erregung, aber keine Aufregung hervorgerufen“, ist im „Schwarzwälder“ über den 1. August 1914 zu lesen. Als der Kriegszustand bekanntgegeben wurde, sei eine Woge gewaltiger Begeisterung durch die Bevölkerung gegangen. „Der Marktplatz wies das Leben eines Bienenschwarms auf, überall wurden die Dinge beim Kaufhaus mit Interesse beobachtet. Die Haltung des Publikums war musterhaft, gern wurde den Weisungen der Polizeiorgane gefolgt und nirgends kam es zu irgend welchen Störungen des Verkehrs.“

Auch über Schwenningen ist zu lesen, dass die Mobilmachung begonnen hat. „Wir bitten die Einwohnerschaft, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren und auf die Schlagfertigkeit des deutschen Heeres volles Vertrauen zu haben“, heißt es noch ganz siegesgewiss. Dennoch sei es zu Hamsterkäufen und zur Stürmung der Banken gekommen, wie Barbara Schneider 1998 in ihrer Veröffentlichung festgehalten hat. Und schnell waren in der Garnisonsstadt Villingen Spuren des Elends zu sehen, die der Krieg für unzählige Menschen mit sich brachte: Bereits am 3. August 1914 habe im Villinger Spital ein Notlazarett (Abb. 1) mit 70 bis 80 Betten eingerichtet werden müssen, berichtet Barbara Schneider über die ersten Kriegstage.

 

Abb. 1: Garnisonslazarett im Villinger Spital, 1914.

 

So setzte im Alltag eine breite Welle der Hilfsbereitschaft ein, eben auch mit den Nagelungen, an die der Tisch der Narrozunft erinnert. „Eine eigenartige Sammlung haben einige Stammgäste der Brauerei Ott hier eingeleitet, auf den Stammtisch wurde ein großes Eisernes Kreuz gezeichnet. Diese Zeichnung soll mit Schuhnägeln beschlagen werden, für jeden Nagel ist ein kleiner Betrag zu entrichten, der für die Zwecke des Roten Kreuzes bestimmt ist.

 

Abb. 2: Brauerei Ott, 1915.

 

So erfüllt diese Sammlung nicht nur einen wohltätigen Zweck, sondern das entstehende Eiserne Kreuz ist auch für den Stammtisch eine bleibende Erinnerung an den Weltkrieg und zeigt, wie die Daheimgebliebenen auf alle Arten für die Unterstützung der im Feld stehenden Brüder bedacht sind“, war am 11. Februar 1915 im „Schwarzwälder“ zu erfahren.

Im „Ott“ in der Färberstraße (Abb. 2), das seit 1840 als Gasthaus mit Brauerei existierte und seit 1865 im Besitz der Familie Ott war, hielt der Tisch über Jahrzehnte den Weltkrieg im Gedächtnis, erzählt Hansjörg Fehrenbach, langjähriger Archivar der Narrozunft und heute Ehrenratsherr. Er vermutet, dass das Möbelstück noch vom ersten Inventar der Brauerei aus dem 19. Jahrhundert stammt. Später diente das „Ott“ von 1953 bis 1982 als Zunftlokal, mancher Stammtisch saß am Nagelbild.

Als 1982 mit Gertrud Mohr die letzte Nachfahrin der Ott-Dynastie starb, habe eine Erbengemeinschaft den Nachlass übernommen, zu der August Kroneisen zählte. Der langjährige zweite Zunftmeister und Ehrenratsherr habe sich dafür eingesetzt, dass der Tisch samt einem Gemälde mit zwei Narros dahin kommt, wo er hingehöre, nämlich zur Zunft, schildert Fehrenbach die Geschichte des wertvollen Erbstücks, das einige Mitglieder Ende der 80er-Jahre mühsam ins Dachgeschoss der Zunftstube hievten. Da habe der Tisch zwar ein Schattendasein geführt, aber keiner habe geglaubt, ihn über die enge Treppe jemals wieder nach unten zu bekommen. Im Zuge einer Wette sei es doch gelungen, stellt Fehrenbach mit einem Schmunzeln fest. So stand der Nageltisch (Abb. 3) seit 2004 als Blickfang im Lokal und war gefragt.

 

Abb. 3: Gemütliche Runden am Nageltisch.

 

Mit der Einweihung der Zehntscheuer als neuem Domizil setzt ihn die Zunft direkt am großen Fenster beim Eingang des Kulturdenkmals in Szene.

Literaturhinweis

Barbara Schneider: Der Erste Weltkrieg in Schwennigen und Villingen. In: Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, 1/98.

Abbildungen

Abb. 1 Garnisonslazarett Vom Schicksal der Soldaten zeugte das bereits am 3. Oktober 1914 eröffnete Garnisonslazarett im Villinger Spital.

Foto: Sammlung Manfred Hildebrandt

Abb. 2 Ott: Stammgäste der Brauerei Ott nagelten 1915 ein Eisernes Kreuz auf einen Tisch, um ihre Verbundenheit mit den Soldaten an der Front zu zeigen. Aus dem selben Jahr stammt auch diese Postkarte, die an Emil Ott in Philadelphia adressiert ist.

Foto: Sammlung Manfred Hildebrandt

Abb. 3 Nageltisch: Schätzen die gemütlichen Runden am Nagel- tisch aus dem Ersten Weltkrieg (von links): Peter Kerber, Hansjörg Fehrenbach, Holger Kayßer, Elmar Feiß und Christof Langenbacher.

Foto: Zieglwalner

Trauer um Hermann Colli (Günter Rath)

 

 

 

 

 

 

 

Am 31. März 2014 haben wir ein engagiertes und verdientes Mitglied auf seinem letzten Weg begleitet. Das Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hermann Colli, ist im März im Alter von 79 Jahren verstorben.

Hermann Colli war mit Leib und Seele Journalist und im Geschichts- und Heimatverein viele Jahre für die Pressearbeit zuständig. Mit seinen redaktionellen Beiträgen in den Villinger Tageszeitungen und im vereinseigenen Heft.

„Villingen im Wandel der Zeit“ hat er entscheidend dazu beigetragen, die Kenntnis über den Geschichts- und Heimatverein und sein Wirken einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Hermann Colli war im Geschichts- und Heimatverein fest verwurzelt, eine Persönlichkeit, die durch Ansehen und Kompetenz herausragte. Die Anerkennung für seine engagierte ehrenamtliche Tätigkeit wurde ihm seitens des Vereins durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft erwiesen. Es war immer wertvoll, ihn zu befragen und seine Antworten zu hören.

Hermann Colli wurde am 22. Mai 1934 in Warburg in Westfalen geboren und lernte dort das Bäcker- und Konditorhandwerk. 1957 führte ihn sein beruflicher Lebensweg nach Villingen, wo er auch sein privates Glück fand und er sich beruflich neu orientierte. Während seiner Tätigkeit als Kaufmann begann er, nebenberuflich für die Lokalzeitungen in Villingen und St. Georgen zu arbeiten, was schließlich zu einer festen Anstellung als Redakteur beim Südkurier führte.

Hermann Colli war ein gelassener Mensch und ein souveräner Gesprächspartner, ein Mann, der wusste, was er sagte und schrieb, was er wollte und was er tat. Er war ein nüchterner und realistischer Mensch, sein Leben wurzelte in einem festen Glauben, er wusste sich davon getragen.

Der Tod von Hermann Colli hat schmerzhafte Lücken hinterlassen, in seiner Familie, beim Geschichts- und Heimatverein, in der Kolpingfamilie und der katholischen Kirche seiner zur Heimat gewordenen Stadt Villingen, die größte in seiner Familie. Er war ihr Mittelpunkt, sie war sein Kraftzentrum, sein Rückhalt. Seiner Familie gilt unser Mitgefühl und unser Dank.

Sein liebenswürdiges Wesen, sein wacher Geist und seine stete sich aber nie aufdrängende Hilfsbereitschaft wird unvergessen bleiben. Die hohe Wertschätzung, die Hermann Colli als Journalist, engagiertes Vereinsmitglied und als Mensch entgegengebracht wurde, zeigt sich nicht zuletzt in der großen Zahl von Wegbegleitern, die ihm die letzte Ehre erwiesen.

Der Geschichts- und Heimatverein wird Hermann Colli ein ehrendes Gedenken bewahren.

Das stille Ende einer Villinger Feinkost-Ära (Marga Schubert)

Delikatessengeschäft Kiebler schließt nach 125-jähriger Geschichte im Haus Niedere Straße 76. Glanzzeiten in den 70er und 80er-Jahren erlebt – Inhaber- Ehepaar Grimm mit den Stammkunden alt geworden.

 

Abb. 1: Hansjörg und Brunhilde Grimm an ihrem letzten Tag in ihrem Feinkostgeschäft Kiebler.

 

VS-Villingen – Ganz still und leise, genauso ruhig und planmäßig, wie das Geschäft seit Jahr- zehnten geführt wurde, ging eine Ära edler Villinger Handelsgeschichte zu Ende. Feinkost Kiebler in der Niederen Straße, seit 125 Jahren und über vier Generationen mit alteingesessenen bekannten Villinger Familien, wie Häßler, Kiebler, Grimm und Neininger verknüpft, gibt es nicht mehr. Inhaber Hansjörg Grimm und seine Frau Brunhilde, geborene Neininger, schlossen am Samstag nach Geschäftsschluss die Ladentür des Feinkost- Geschäftes mit großer Wehmut für immer zu, setzten so den Schlusspunkt unter ihr und ihrer Vorfahren Lebenswerk. Viele Jahrzehnte lang war Feinkost Kiebler Inbegriff und beste Adresse für lukullische Delikatessen der feinsten Art.

„Aus Gesundheits- und Altersgründen ist es uns leider nicht mehr möglich, das Geschäft weiter- zuführen. Wir danken unseren Stammkunden für die über vier Generationen dauernde Treue zu unserem Geschäft“. So formulierten Hansjörg Grimm (78 Jahre alt) und Brunhilde Grimm, geborene Neininger (79) ihren Abschied in einem kurzen Schreiben, das sie an ihre Stammkunden verteilten. Darüber hinaus ging die Schließung, seit einem Jahr geplant und langsam eingeleitet, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit vonstatten.

Es tut weh, ein Lebenswerk aufzugeben, das können Hansjörg und Brunhilde Grimm nicht verbergen, „Wir werden das Geschäft und unsere treuen Stammkunden vermissen“, sagt Hansjörg Grimm wehmütig, seine Frau Brunhilde nickt genauso traurig und beide wischen schnell eine heimliche Träne weg, die sich aus den Augen stehlen will. War der Laden doch mehr ihr Zuhause als das heimische Wohnzimmer in ihrem Haus in Marbach. Denn die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten sie doch in der Niederen Straße in Villingen. Freizeit war bei sechs Arbeitstagen von früh bis spät für die beiden rührigen Geschäftsleute ohnehin ein Fremdwort. Deshalb gebe es auch keine Hobbys, die sie im „Ruhestand“ aktivieren könnten, meint Brunhilde Grimm lachend. Aber noch müsse in den nächsten Monaten alles nach und nach aufgelöst und geregelt werden, das wolle man in aller Ruhe tun – und dann weitersehen.

 

Abb. 2: 1931 blickt Johann Kiebler, nach dem Rechten auf der Niederen Straße

 

„Es nützt alles nichts, hoffentlich machen wir es richtig“, meint Hansjörg Grimm. „Oder ob man doch hätte weitermachen sollen bis zum Umfallen“, sinniert er vor sich hin. Doch dann siegt die Vernunft. „Mit fast 80 Lebensjahren muss einmal Schluss sein“, meint entschlossen Hansjörg Grimm – ein Mann, der immer den geraden Weg gegangen ist, immer selbständig geblieben ist, nicht bereit war, sich Diktaten größerer Einzelhandelskonzerne unterzuordnen. Darauf ist er heute stolz. Er war immer sein eigener Herr im Haus, seit er 1968 das Feinkostgeschäft eigenverantwortlich von seiner Mutter übernahm und zusammen mit seiner Ehefrau Brunhilde bis heute führte, in den letzten Jahren tatkräftig unterstützt vom Zweitältesten seiner drei Söhne.

 

Abb. 3: 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler.

 

1936 geboren, erinnert sich Hansjörg Grimm noch an schwierige Kriegsjahre, die er als Kind erlebte. Sein Vater Jakob Grimm hatte das Geschäft 1937 von seinem Großvater Johann Kiebler übernommen. Hansjörg Grimm weiß noch, dass man damals zeitweise im heutigen Franziskaner Konzerthaus (damals Osianderhalle) Kartoffeln verkauft hat. Eine uralte Kartoffel-Waage steht heute noch im Lager in der Niederen Straße. In der Weihnachtszeit habe man bei Kiebler auch mit Tannenbäumen gehandelt. „Mit einem Handkarren, der bis heute zur stilvollen Präsentation von Obst und Südfrüchten im Laden diente, mussten mühsam Kartoffeln und das Reichenauer Gemüse, das auf Güterwaggons angeliefert worden war, vom Bahnhof abgeholt werden“, erinnert sich Hansjörg Grimm. „Einmal war sogar die marode Brücke über die Brigach vor dem Bahnhof für Wagen dieser „Größenordnung“ gesperrt“, lacht Grimm angesichts der komfortablen Brigach-Überbrückung heute.

Besonders schwer war die Zeit für Hansjörg Grimms Mutter, als sein Vater 1945 zum Kriegsende noch fiel. Der Neustart nach der Währungsreform begann bei Kiebler mit einem Wagen Salz, den man bei Spathelf für 200 DM erstehen konnte. Dazu haben alle fünf Personen, die in der Familie Grimm damals lebten, ihr Währungsreform-Startkapital von je 40 deutsche Mark, das jeder bekommen hatte, zusammengelegt.

 

Abb. 4: 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler.

 

Ab 1950 ging es dann wieder aufwärts im Laden an der Niederen Straße 76. Die ersten Südfrüchte nach dem Krieg gab es beim Großhandel Harder, Meisser & Co in der Postgasse. Diese Firma hatte als einzige in der Region eine Bananenreifekammer im Keller. Das hat den jungen Hansjörg Grimm mächtig beeindruckt. 1957/58 begann auch bei Kiebler die Zeit der Feinkost und Südfrüchte. Der Name „Feinkost-Kiebler“ wurde geboren, als Hansjörg Grimm nach Lehr- und Schuljahren wieder nach Villingen zurückkehrte.

Bereits mit dreizehneinhalb Jahren hatte er eine Lehre beim damaligen bekannten Großhändler Spathelf begonnen. Anschließend arbeitete er in Sigmaringen und Baden-Baden, besuchte dann 1957 die damals schon anerkannte Fachschule für Einzelhandel in Neuwied. Noch heute bekommt Hansjörg Grimm als ehemaliger stolzer „Neuwieder“ regelmäßig deren Fachzeitschrift zugeschickt. 1960 heiratete Hansjörg Grimm Brunhilde Neininger aus der Villinger Hafnergasse. Diese hatte zwar bei Hut-Schweiner (später Hahne) in der Oberen Straße Modistin gelernt, doch sie stieg gerne in den Lebensmittelbereich mit ein. Näher kennen und lieben gelernt hatten sich die beiden Ur-Villinger Innenstädtler in der Berufsschule, in den katholischen Jugendgruppen und den damaligen Tanzkursen. Das Ehepaar zog 1974 aus der Wohnung über dem Feinkostladen ins Eigenheim nach Marbach. Doch richtige Marbacher sind die Beiden nie geworden, verbrachten sie doch die meiste Zeit in der Niederen Straße in Villingen. Dort genießt auch ein Anhänger mit VL-Nummernschild, mit dem bis heute noch Obst und Gemüse transportiert wurde, seinen Lebensabend. Hansjörg Grimm setzte die ganzen Jahre seinen sprichwörtlichen „Sturkopf“ durch, und wechselte nie zu einem VS-Schild. Dazu steht er – und lacht verschmitzt.

Nun sind Hansjörg und Brunhilde Grimm in ihrem Feinkostgeschäft und mit ihren Kunden alt geworden. „Viele ältere Kunden-Familien sind einfach weggestorben“, müssen die Eheleute feststellen. Die letzten Jahre sei es wirtschaftlich immer schwieriger geworden, Die Konkurrenz der großen Einkaufszentren mit ihren Feinkost-Abteilungen einerseits, aber auch die Umgestaltung der Niederen Straße zur Fußgängerzone brachten dem Laden heftige Umsatz-Einbrüche, räsoniert Grimm im Rückblick. Lieferanten wollten sein Geschäft nicht mehr direkt anfahren. Alles wurde schwieriger, Kunden blieben mangels Parkplätzen aus.

 

Abb. 5: 1985 fuhren noch Autos auf der Niederen Straße und parkten vor Feinkost Kiebler.

 

Die 70er/80er-Jahre dagegen, als Industrie und Wirtschaft in Villingen-Schwenningen noch boomten, große Unternehmerfamilien das gesellschaftliche Leben prägten, das waren für Feinkost- Kiebler die glücklichsten und erfolgreichsten Jahre. Daran erinnern sich Hansjörg und Brunhilde Grimm gerne. Als Haus- und Hoflieferant zum Beispiel für die Junghans-Villa, für die lukullische Ausstattung von Festivitäten bei Unternehmer- Familien wie Scherb, Kienzle, Binder oder Steidinger war Kiebler Feinkost die erste Adresse. Da gab es noch hochkarätige Empfänge, Firmenfeste und Jubiläen. Und die obligatorischen „Häppchen“ dieser Galadiners waren reich bestückt mit Kaviar und Gänseleber, seltenen Südfrüchten, edlem Käse und Schampus, geliefert von Feinkost Kiebler. Nicht zu vergessen die Geschenkkörbe mit allerlei Leckereien, in vielen Nächten im Hause Kiebler kunstvoll gestaltet, waren beliebt und begehrt. Erst später begann die Zeit der professionellen Party- Ausstatter.

Heute blättern Hansjörg und Brunhilde Kiebler noch gerne in Fotografien als Zeugen glanzvoller Zeiten mit Feinkost-Kiebler. Eine schöne Erinnerung zum Abschluss einer Ära, die mit der Zeit einfach ausgelaufen und jetzt zu Ende ist.

Zitat:

„Es ist schwer, ein Lebenswerk aufzugeben. Doch Alter und Gesundheit lassen uns keine andere Wahl“    Inhaber Hansjörg Grimm

Abbildungen

Abb. 1 (aktuell im Laden):Hansjörg und Brunhilde Grimm an ihrem letzten Tag in ihrem Feinkostgeschäft Kiebler. Bild: Schubert.

Abb. 2 1931 kosteten 10 Pfund Erdbeeren noch 3,80 Reichsmark und drei Kopfsalat 25 Pfennige. In der Hauseingangstür blickt der Großvater von Hansjörg Grimm, Johann Kiebler, nach dem Rechten auf der Niederen Straße.

Abb. 3 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler mit direktem Eingang ins Ladengeschäft. Der Hauseingang rechts blieb separat.

Abb. 4 1957: Feinkost Kiebler noch mit einem Lichtband über Schaufenstern und Eingang, das dann in späteren Jahren verschwand. Doch ansonsten sieht die Außenansicht von Feinkost-Kiebler heute noch so aus wie damals.

Abb. 5 1985 fuhren noch Autos auf der Niederen Straße und parkten vor Feinkost Kiebler.

Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (4) (Michael Tocha)

 

Fächer, Klassen, Bildungsziele

 

Abb. 1: Gentile da Fabriano, Grammatica (1411/12).

 

1669, als das schulische Engagement der Villinger Benediktiner noch in den Anfängen steckte, machte sich der Stadtpfarrer, Dekan und Notar Dr. jur. Johann Heinrich Mötz zum Fürsprecher der Eltern in seiner Gemeinde, die ihre Kinder „sowohl in der Latinitet alß auch in der Music“ und in der „sibenten schuel und philosophia“ bei den „hochwürdigsten Herren Prälaten“ unterrich- ten lassen wollten. Er schrieb am 18. Oktober einen Brief an Bürgermeister, Schultheiß und Rat und forderte sie auf, dafür zu sorgen, dass die Kosten des Schulbesuchs erträglich blieben. 1 Mit den genannten Stichwörtern umreißt Mötz das ganze Programm eines Gymnasiums in damaliger Zeit. „Music“ bedeutet die Ausbildung der Schüler zu Chorknaben und beinhaltet Unterricht in Singen, Notenlesen und Harmonielehre. Die „sibente schuel“ spielt auf die sieben Freien Künste an, unter anderem Grammatik, Dialektik, Geometrie und Astronomie. Sie sind im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit die Grundlage aller Wissenschaft.

Ihr Medium ist „Latinität“, die gründliche Kenntnis der lateinischen Sprache, in der alle schulischen Texte verfasst sind.

In diesem knappen Fächerkanon wird das Modell greifbar, das die Jesuiten in Fortentwicklung mittelalterlicher Ansätze gegen Ende des 16. Jahrhundert ausformuliert hatten und das in Grundzügen bis zur Säkularisation an fast allen Klosterschulen galt. Auch die Abfolge der Klassen ist dort festgelegt und überall gleich. Demnach gab es auch in Villingen zunächst sechs, später fünf Gymnasialklassen, darüber noch die Lyzeums- klasse (s.u.), die jeweils ein, öfter auch mehr Studienjahre umfassten. Eingangsvoraussetzungen gab es lange Zeit nicht, im Prinzip konnte jeder die Schule besuchen, sofern die Kostenfrage geklärt war. In der Regel kam man mit etwa 9 Jahren aufs Gymnasium. Der gymnasiale Bildungsgang begann mit der Klasse der „unteren Grammatik“ (grammatica infima) und führte über die „mittlere“ und „obere Grammatik“ (grammatica media, suprema) zu Poesie und Rhetorik. Die Klassen wurden durch Disputationen abgeschlossen, eine allgemeine Prüfung am Ende der Schullaufbahn gab es nicht, das Abitur kam erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf.

Latein von früh bis spät

Grammatik heißt so viel wie Sprachkunst und war in der Praxis vor allem intensiver Lateinunterricht. Latein war gewissermaßen das „Überfach“ der höheren Schule der Frühen Neuzeit; Vokabeln, Formen, Regeln und antike Texte prägten die gesamte Schullaufbahn, geschrieben und disputiert wurde nur in der Sprache der katholischen Kirche und der alten Römer. Cicero begleitete die Schüler in allen Klassen, in den höheren kamen die Historiker Cäsar, Sallust, Livius und Curtius hinzu, die poetische Lektüre bestand aus Ovid, Vergil und Horaz – wobei anzügliche Stellen streng ausgemerzt waren.2

 

Abb. 2: Cicero beim Schreiben (von Lektüre für spätere Klosterschüler …), Holzschnitt, Venedig 1547.

 

Die Kenntnis des Lateinischen war die Schlüsselkompetenz schlechthin. Sie wurde in den beiden höheren Klassen der Poesie und Rhetorik in der Interpretation und Produktion von Texten sowie logisch aufgebauten Debatten und Disputationen angewandt und vertieft. Bei alledem stand die formale Sprachbeherrschung im Vordergrund. Dennoch wollte das Gymnasium nicht nur Lateinschule, sondern gelehrte Studienanstalt sein, 3 daher wurden zunehmend auch Fachinhalte im engeren Sinn behandelt, vor allem Geschichte und Geografie, in der Lyzeumsklasse Philosophie, was Naturwissenschaften und Mathematik einschloss, und Theologie. Sie blieben aber lange Zeit Stoffe im Rahmen des lateinischen Sprachunterrichts und setzten sich erst spät und nur zäh als eigenständige Fächer durch.

Knapp hundert Jahre nach dem Brief von Pfarrer Mötz entstand in Villingen ein Dokument, das in einem Abschnitt die Reichweite des Lateinischen bis in den Alltag hinein erkennen lässt. In seiner Disziplinarordnung von 1766 verlangt Abt Cölestin Wahl, dass die Schüler während der Schulzeit ausschließlich Latein sprechen; jüngere, die noch nicht so viel können, sollen sich an die älteren halten und um Anleitung und Formulierungshilfe in der noch fremden Sprache bitten. 4 Solche Regeln gab es an zahlreichen Gymnasien, oft wurden auch Strafen angedroht, wenn Deutsch gesprochen wurde. So streng ist unser Abt nicht, er gesteht sogar zu, dass die Schüler in ihrer Freizeit die Muttersprache benutzen. Auch sonst ist jene Vorschrift nicht ganz so weltfremd, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag. Pädagogisch wirkt sie sogar recht modern: Schüler eignen sich den Unterrichtsstoff selbständig an, bewältigen damit konkrete Situationen im Leben, und die Stärkeren helfen den Schwächeren und fördern sie auf diese Weise. Offensichtlich sind Handlungsorientierung, Kompetenzen und Differenzierung nicht erst in heutiger Zeit erdacht worden. Und auf der praktischen Ebene war es der damaligen höheren Schule tatsächlich gelungen, Latein als lebende Fremdsprache zu etablieren: Eine latente deutsch- lateinische Zweisprachigkeit war in der Frühen Neuzeit ein Merkmal der Gebildeten. Latein war nicht nur für die Gelehrten, sondern allgemein für die gehobene Schicht das Medium abstrakter Welterfahrung und das Mittel sprachlicher Zucht – so gering die Lateinkenntnisse im einzelnen auch gewesen sein mögen. 5 Unsere Quellen belegen, dass wie die meisten höheren Schulen auch das Villinger Benediktinergymnasium bis in seine Spätzeit diesem humanistischen Ideal verpflichtet war. Das schloss auch Griechisch und sogar die „morgenländischen Sprachen“ ein. 6

Deutsch, Physik, Religion: Fächer am Rande

Welchen Sinn es für die Schüler hatte, dass sie sich über Hausaufgaben oder Freizeit in flüssigem Latein verständigen konnten (wenn sie es denn taten), ist eine andere Frage. Die klassische Ausrichtung von Gymnasium und Universität hatte unübersehbar ihre Schattenseiten. Die Pflege des Deutschen blieb dabei auf der Strecke – und das in einer Zeit, in der die deutsche Literatur mit Klopstock und Lessing, Schiller und Goethe zu ihrem Höhepunkt strebte. Lediglich die jährliche Aufführung der Schulkomödie fand traditionell auf Latein und Deutsch statt. Zwar erließen Kaiserin Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. seit den 1760er Jahren Verordnungen, die deutsche Sprache auch im Gymnasialunterricht stärker zu berücksichtigen; dadurch sollten der Blick für die Gegenwart geschärft, der kirchliche Einfluss zurückgedrängt und die Staatseinheit gestärkt werden. Zu ihren Mitstreitern gehörte auch der Freiburger Professor Paul Joseph Riegger, dessen Großvater Johann Baptist aus Villingen stammte. Und sogar eine benediktinische Programmschrift von 1754 hatte schon empfohlen, in der vorletzten Klasse Briefe auf Deutsch zu schreiben und im Unterricht Reden in der Muttersprache zu halten. 7 Inwieweit solche Neuerungen in Villingen umgesetzt wurden, ist nicht zu erkennen, jedenfalls finden sich dafür keine Belege, aber Hinweise auf die fortgeltende Stellung des Lateinischen. Ohnehin setzten sich nach dem Tod Kaiser Josephs II. 1790 wieder konservative Strömungen durch. So finden wir am Ende des 18. Jahrhunderts auch in den Stundenplänen der Villinger Benediktiner kaum zeitgemäße Inhalte und wenig Deutsch stattdessen Grammatik, Poesie und Rhetorik, Fächer mittelalterlichen, ja antiken Ursprungs mit Latein als Unterrichtssprache.

Auch andere wichtige Zeitströmungen wurden in den Klostergymnasien kaum zur Kenntnis genommen: „Der Aufstieg der französischen Kultur ging ebenso an der Schule vorbei wie die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.“ 8 Moderne Fremdsprachen wurden nicht gelehrt – in einer Zeit, in der die vornehme Gesellschaft ganz Europas Französisch sprach und die Oper italienisch gesungen wurde. Jedoch sind hin und wieder Patres mit guten Sprachkenntnissen bezeugt. Naturwissenschaftlichen Fragestellungen begegneten die Schüler oft nur in den antiken Texten – die Erkenntnisse eines Guericke, Newton oder Linné kamen darin nicht vor. In Villingen baute allerdings der letzte Abt Anselm Schababerle (1778 – 1806) eine Sammlung seltener Naturalien

„mit vielen Requisiten zur Vervollkommnung der Experimental Phisik“ 9 auf. Diese kamen auch im naturwissenschaftlichen Unterricht zum Einsatz. 10 Auch im Georgskloster war man also im Zeitalter der Aufklärung zunehmend aufgeschlossen dafür, die reale Welt statt aus traditionellem Bücherwissen durch Anschauung und Empirie zu erkennen.

Abb. 3: Aufnahmeblatt für die Marianische Kongregation, Eichstätt 1768.

 

Nur auf den ersten Blick überrascht, dass dem Religionsunterricht als Lernfach, der „catechesis“, bloß ein bis zwei Stunden gewidmet waren. Mehr war – im Sinne der kirchlich-klösterlichen Erziehungsabsichten – gar nicht nötig, war doch das ganze Schulleben religiös durchformt: religiöse und ethische Themen hatten in allen Klassen einen hohen Stellenwert, im Poetikunterricht wurden Gedichte auf Heilige verfasst, in Rhetorik Disputationen zu theologischen Streitfragen eingeübt. 11 Die Schüler waren in den liturgischen Tageslauf der Mönchsgemeinschaft eingebunden und als Chorknaben und Ministranten im Einsatz. Laut Schulordnung von 1766 mussten sie täglich die Messe besuchen und regelmäßig beichten und waren aufgefordert, in den höheren Klassen der Marianischen Kongregation, einer Verbindung mit frommen und karitativen Zielen, beizutreten. Dass man sich solchen Anforderungen unterwarf, war im ausklingenden konfessionellen Zeitalter für die meisten noch kein Problem. Nirgendwo wird der Unterschied zu modernen Erziehungsgrundsätzen deutlicher als an in diesem Punkt: während die Schule in der pluralistischen Gesellschaft das autonome, von Wissen und Gewissen geleitete Individuum zum Ziel hat, strebte die der alten Ordnung den guten (katholischen) Christen an, der sich durch Bildung seines Glaubens sicher ist und dadurch umso leichter in Gesellschaft und Staat einfügt.

Vom Gymnasium zum Lyzeum

Verlassen wir abschließend die Innenansicht des Villinger Benediktinergymnasiums und schauen sozusagen aus größerer Höhe auf die Schullandschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Im Unterschied zu heute fällt auf, wie wenige höhere Schulen es damals gab. Sie orientierten sich mehr oder weniger am Modell der humanistischen Gelehrtenschule und im katholischen Bereich an der oben erwähnten Studienordnung der Jesuiten, unterschieden sich dabei aber in Benennung, Lehrangebot und Anspruchsniveau. Nach den Eingriffen der österreichischen Reformpolitik in das Schulwesen 1764 – 1777 bestanden im Bereich zwischen südlichem Oberrhein und Bodensee gerade einmal fünf, die als „Gymnasien“ bezeichnet wurden: Außer Villingen waren das Freiburg, Donaueschingen (1778), Rottweil und Konstanz. Zu diesen kam noch eine Reihe klösterlicher und städtischer „Lateinschulen“ und „Pädagogien“, etwa in St. Blasien, St. Peter 12, Lahr, Emmendingen, Lörrach und Überlingen. In den vorderösterreichischen Landen war 1773/74 die Zahl der staatlich anerkannten Gymnasien von 11 auf 6 fast halbiert worden. Sie wurden alle von Ordensleuten betrieben. Vier dieser Anstalten durften auch die damals üblichen philosophischen Eingangskurse des Universitätsstudiums anbieten und sich daher „Lyzeum“ nennen – der Übergang zwischen höherer Schule und Hochschule war fließend. Neben Ehingen, Feldkirch und Konstanz gehörte auch Villingen ab 1777 zu diesem illustren Kreis. 13 Man erkennt aus dieser Übersicht, welchen Rang das hiesige Gymnasium ungeachtet aller zeitgenössischen Grundsatzkritik am Schul- wesen hatte: Es galt als eine der besten Schulen im ganzen Südwesten und als Eliteschule. 14 Wenige Jahrzehnte vor seiner Abwicklung strahlte der Schulstandort Villingen bis nach Oberschwaben und in die Rheinebene aus und zog Schüler nicht nur aus der Stadt und ihrer Umgebung, sondern einem Umkreis von bis zu 100 km an. 15

Verweise

1 SAVS OO10. Im Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen („Rodersches Repertorium“), Bd. II: Akten und Bücher, bearbeitet von Hans-Josef Wollasch, Villingen 1970/1971, S. 55, Nr. 2281, wird der Inhalt nicht zutreffend wiedergegeben.

Der Verfasser dankt Herrn Dr. Jochen Grenzdörffer, Brigachtal, für wertvolle Hilfe bei der Entzifferung des Originaldokuments.

2 Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Anfang des Mittelalters bis zur Gegenwart, Bd. I, 1919, S. 424 3 Vgl. ebd., S. 423

4 Vgl. Leges scholasticae pro studiosa iuventute in gymnasio Benedictino Villingano, Abschnitt X, GLAK 184 Nr. 715

5 Vgl. Richard van Dülmen: Kultur und Alltaginder Frühen Neuzeit. Bd.3:Religion,Magie,Aufklärung,München,2.Aufl.1999,S.181 6Vgl.GLAK184Nr.726;JohannBaptistSchönstein:KurzeGeschichte desehmaligen(sic!)Benediktinerstifts St. Georgen auf dem Schwarzwalde usw., Einsiedeln 1824, hrsg. von Josef Fuch, Villingen-Schwenningen 1988, o. Pag. (Abschnitt „Französischer Krieg“)

7 Dietmar Till: Barockrhetorik in Salzburg. Zur Stellung der Benediktiner im frühneuzeitlichen Rhetorikunterricht, in: Rohr, Christian (Hrsg.): Barocker Geist und Raum. Die Salzburger Benediktineruniversität, Salzburg 2003, S. 65 u. Anm. 67

8 R. van Dülmen, Kultur und Alltag 3, S. 183

9 J. B. Schönstein: Kurze Geschichte, o. Pag. (Abschnitt „Abt Anselm Schababer“)

10 Vgl. Philipp Ludwig Hermann Röder: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Schwaben, Bd. 2, Ulm 1792, S. 896. Vgl. auch den Aufsatz von Peter Graßmann, Die Welt im Kabinettschrank, in diesem Heft.

11 Vgl. Hermann Gedemer: Religion als Unterrichtsfach der höheren Schulen,in:FDA96,1976,S.218f.Einentsprechendes Thesenblatt aus dem Benediktinergymnasium ist überliefert, vgl.Michael Hütt:

„Wie ein beschlossener Garten.“ Villinger Stadtansichten vom

16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 248-250; Zersägt. Ein Krimi um barocke Theaterkulissen. Katalog zur Aus- stellungFranziskanermuseumVillingen-Schwenningen30.November 2013 bis 23. Februar 2014, Villingen-Schwenningen 2013, S. 124

12 Vgl. Christian Roder: Das Schulwesen im alten Villingen, in: ZGORh NF. 31, 1916, S. 244; Franz Kern: Philipp Jakob Steyrer, 1749 -1795 Abt des Benediktinerklosters St. Peter im Schwarzwald, in: FDA 79, 1959, S. 126-130

13 Vgl. Hansmartin Schwarzmaier, Meinrad Schaab (Hrsg.): Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Band 1, Teil 2. Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Alten Reiches, Stuttgart 2000, S. 753

14 Vgl. Ursula Pfeiffer: Erziehung als Politikum. Zur bildungs- geschichtlichen Deutung des Wirkens von Franz Sales Wocheler, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 127, 2009, S. 140

15 Vgl. Ute Schulze: Die Benediktiner von St. Georgen zu Villingen. Das Schicksal der Mönche vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis 1807, in: GHV XIII, 1999/2000, S. 82 f.

Der Komet von 1538 (Peter Graßmann)

und andere Villinger Wunderzeichenberichte

Abb. 1: Komet in einer kolorierten Federzeichnung aus dem 16./17. Jahrhundert.

 

Auf den Hügeln und Feldern rings um die Stadt versammelten sich die Menschen, aus den Türmen und Toren richteten sich neugierige Blicke gen Himmel: ein seltenes Naturschauspiel faszinierte und verängstigte die Villinger Bevölkerung. Der Zunftmeister Valentin Ringlin war Zeuge des Ereignisses und dokumentierte die Sichtung später in seiner Chronik. Eine von ihm angefertigte Zeichnung hielt den Anblick eines Kometen fest, dessen Erscheinung – über 150 Jahre vor der wissenschaftlichen Entzauberung der Himmelskörper – wie ein Menetekel den nächtlichen Himmel durchzog. Es war nicht das einzige Mal, dass ein astronomisches oder meteorologisches Phänomen Eingang in Ringlins Chronik fand, und so stellt sie nicht nur ein wichtiges Dokument für die Stadtgeschichte dar, sondern erlaubt auch Einblicke in die Gedankenwelt der Renaissance vor Genese der modernen Naturwissenschaft.

Die Aufzeichnungen Ringlins, der seit 1534 die Chronik des Ratsherren Heinrich Hug fortgesetzt und bis 1568 zahlreiche Ereignisse aus dem städtischen Leben dokumentiert hatte, sind heute noch in mehreren Abschriften erhalten. 1 Vom Original übernahmen diese nicht nur den Text, sondern auch die Illustrationen des Kometen, von denen hier exemplarisch zwei Beispiele aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe gezeigt werden. In demälterenDokumentausdem16./17.Jahrhundert 2 sehen wir den Kometen in einer kolorierten Federzeichnung als leuchtenden, gelb-roten Stern mit langem Schweif und begleitenden Funken (Abb. 1). Eine im Benediktinerkloster St. Georgen im 18. Jahrhundert angefertigte Abschrift 3 zeigt ihn in geometrisch strengerer Linienführung (Abb. 2). Die Einträge entsprechen sich in allen erhaltenen Exemplaren bis auf kleine Unterschiede und datieren die Sichtung auf den 6. Januar 1538: „Anno 1538 ist ain solcher Komet gestanden, umb den hailigen Drey Künig tag, wie hie verzaichnet ist.“ 4 In einigen Abschriften findet sich die ergänzende Angabe „und ist lenger dan zwen Spies gewessen“. 5 Gemeint ist der Reis- oder Reitspieß als populäres Längenmaß; der Schweif soll also über mehr als zwei Schaftlängen den Himmel bedeckt haben.

 

Abb. 2: Komet in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert.

 

Heute sind wir über den Kometen, der als C/1538 A1 klassifiziert wird, recht gut informiert, denn er zählt zu den besser dokumentierten Sichtungen der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zwar durchlief er sein Perigäum 6 bereits am 17. Dezember des Vorjahres, doch wurde er erst im Januar 1538 entdeckt. Über einen Zeitraum von 21 Tagen konnte er von Japan bis Mexiko rund um die Welt beobachtet werden. 7 Der Naturphilosoph Achilles Pirmin Gasser widmete dem Naturschauspiel eine kleine Abhandlung (Abb. 3), in der er alle ihm verfügbaren Informationen über Bahn, Größe und Distanz des Kometen zusammentrug. Darüber hinaus wurde er in Europa auch von den Gelehrten Gemma Frisius und Peter Apian beobachtet.

Kometen sind Himmelskörper mit meist einigen Kilometern Durchmesser, die ihren Ursprung in den äußeren Gebieten des Sonnensystems haben und in Sonnennähe die charakteristischen Leuchterscheinungen „Koma“ und „Schweif “ zeigen. Diese lassen sich auf die unter dem Einfluss der Sonnenwärme durch Sublimation freigesetzten Gase und Partikel zurückführen, die vom Sonnenwind verdriftet werden. Was wir heute wissen- schaftlich-nüchtern erklären können, war für die Menschen der Frühneuzeit jedoch ein allen bekannten Gesetzen widersprechendes Phänomen. Zwar bemühten sich empirisch orientierte Forscher schon im 16. Jahrhundert um natürliche Erklärungen für die Leuchterscheinungen, doch galten sie weiten Teilen der Bevölkerung als gottgesandte Wunder. Als solche wurden nicht nur Kometen verstanden, sondern auch eine große Bandbreite anderer Himmelserscheinungen, die sich nicht vorhersagen ließen und für die sich noch keine wissenschaftliche Erklärung etabliert hatte. 8

Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert verbreiteten Flugblätter die Meldungen über Sichtungen von „erschröcklichen“ Himmelszeichen und ermahnten die Menschen zu Buße und Reue, denn Kometen, Halos, Nordlichter oder merkwürdige Wolkenformationen galten als Vorzeichen und Warnungen (Omina) für das sündige Volk. Nach einer Erklärung für die Sichtungen suchten die meisten Menschen darum weniger in naturwissenschaftlichen Modellen als vielmehr in gegenwär- tigen und zukünftigen Ereignissen, die man mit dem „Prodigium“ in Verbindung brachte. Selbst der mathematisch versierte Gasser ermahnte seine Leser 1538 eindringlich: „Krieg, blutvergiessen und Auffrur bedeutt Er in mancherlay Practick, untugend und laster. Darum ir Häüpter und Oberen wachend unnd seind fürsichtig“. 9 Es verwundert daher nicht, dass Kometen und andere Himmelszeichen invielen Geschichtswerken ebenso vermerkt wurden wie politische oder militärische Ereignisse. Sie nicht festzuhalten hätte bedeutet, wichtige Hinweise auf den Lauf der Geschichte unberücksichtigt zu lassen. Geschichtswerke sind aufgrund ihres protokollarischen Charakters mit präzisen Zeit- und Ortsangaben darüber hinaus in besonderem Maße geeignet, den Wahrheitsgehalt des Wunders zu untermauern und dessen appelative Funktion somit zu multiplizieren. Die vermeintlich authentische Illustration („als hie verzaichnet“) wirkt dabei als zusätzliches Beweismaterial.

Außer dem Kometen von 1538 wurden in den Villinger Chroniken des 16. Jahrhunderts auch ähnliche Kometensichtungen im Jahr 1532 und im März 1555 dokumentiert. Alle Einträge sind vergleichsweise spärlich und enthalten kaum nähere Beschreibungen oder gar wissenschaftliche Informationen. Die Sichtung von 1532, die für Martin Luther ein Hinweis auf den baldigen Weltuntergang war, ist als C/1532 R1 klassifiziert und gut dokumentiert. Über einen Kometen im Jahr 1555 wird hingegen nur in einer chinesischen Enzyklopädie von 1726 berichtet. 10 Dieser soll allerdings im Oktober und November zu sehen gewesen sein. Womöglich hat Ringlin hier das Jahr verwechselt,dennEndeFebruardesdarauffolgenden Jahres wurde mit C/1556 D1 einer der größten Kometen des Jahrhunderts entdeckt.

 

Abb. 3: Abhandlung über das Naturschauspiel von Achilles Pirmin Gasser.

 

Neben den Kometensichtungen finden sich in der Hugschen Chronik Erwähnungen von weiteren sonderbaren Himmelserscheinungen. Am Morgen des 11. Januars 1514 erschien „ein weis Creutz mitten durch den Mon[d] undt auf jedter seithen ein Zeichen“, 11 im März 1549 sah man drei Sonnen, die Ringlin persönlich bezeugt („habs selbsten auch gesehen“). 12 In beiden Fällen handelte es sich um Haloerscheinungen, die durch Lichtbrechung an Eiskristallen verursacht werden (Nebenmonde bzw. Nebensonnen). Diese verstand man als Hinweis auf eine nahende Wetterverschlechterung, doch dass es sich hierbei mehr um Ausdruck eines Wetteraberglaubens als um eine meteorologische Interpretation handelte, wird daran deutlich, dass ihnen zugleich immer auch eine Endursache als Wunderzeichen Gottes zugeschrieben wurde. Dass die Hauptsonne bzw. der Hauptmond von Nebenkörpern flankiert wurde, konnte zum Beispiel als Hinweis auf eine bevorstehende Verschwörung gegen die Herrschenden gewertet werden. 13 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die explizite Beschreibung der Nebenmonde als „Zeichen“, womit eine semiotische Lesart apriori vorausgesetzt wird. Ringlins Bekundung, selbst Zeuge gewesen zu sein, kann analog zur Kometenzeichnung als Beglaubigungsstrategie gewertet werden, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. 14

In der breiten Bevölkerung förderte die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse und ihre Assoziation mit Feuer Angst und Unbehagen. Wie bedrohlich solche Naturerscheinungen wirken konnten, mussten die Villinger mehrfach erfahren. Für das Jahr 1535 vermerkt der Chronist, dass am 25. Juli „der himmell graußßammlich von feirflammen“ 15 gebrannt habe, diese auf die Erde gefallen seien und Häuser in Bülach und Lottstetten vernichtet hätten. Eine nachträgliche Deutung dieses für Wunderzeichenberichte typischen Ereignisses fällt schwer, doch ist bei solchen Formulierungen am ehestenanein Polarlicht(Auroraborealis) zudenken, das bei großen koronalen Massenauswürfen auch in Mitteleuropa beobachtet werden kann. 16 Die vom Sonnenwind ausgestoßenen Elektronen und Protonen folgen den Feldlinien des Erdmagnetfelds, die über Europa flacher und in größerer Höhe verlaufen als in den Polarregionen. Die hier beobachteten Lichter zeigen sich aufgrund der Ionisation von Sauerstoffteilchen in etwa 200 km Höhe daher meist in rötlicher Farbe, was leicht Assoziationen mit Flammen hervorrufen kann. Allerdings verband man mit dem Spektakel die Brände an der südlich gelegenen Schweizer Grenze, was gegen ein im Norden beobachtetes Ereignis spräche. Auch Purpurlichter, die bei Dämmerung im Westen beobachtet werden können, fallen demnach als Erklärung aus. Ob es sich um ein schweres Unwetter, um Strahlenbüschel oder ein anderes atmosphärisches Phänomen handelte, kann daher nicht beurteilt werden. In jedem Fall wird mit der Formulierung ein Bedrohungsszenario geradezu biblischen Ausmaßes gezeichnet. 17 Furchterregend war auch ein akustisches Ereignis, das sich bereits 1492 begeben hatte. Aus heiterem Himmel erscholl ein Knall („Klapff“), der so laut war, „dass die Leut meinten, es wären Häuser umgefallen“. 18 Dieser wurde durch einen Meteoroiden verur- sacht, der in einigen Kilometern Höhe zwischen Luzern und Villingen detoniert war. Zwar sind die Gedanken und Gefühle der Villinger bei diesem Ereignis nicht überliefert, doch wer die Bilder des Tscheljabinsk-Meteoroiden vom Frühjahr 2013 in Erinnerung hat, wird eine Ahnung davon haben, wie den damaligen Menschen zumute war. Die Reste des 127 kg schweren Steins 19, der schließlich bei Ensisheim in ein Feld einschlug, sind bis heute im dortigen Museum zu sehen. Für Kaiser Maximilian war der Meteorit dem Schrecken der ländlichen Bevölkerung zum Trotz ein gutes Omen, das ihm den Sieg über die Franzosen und Osmanen verkündete. 20

Hugs und Ringlins Chroniken enthalten insofern schöne Lokalbeispiele der frühneuzeitlichen Faszination für die als Wunderzeichen verstandenen Himmelsphänomene, denen in der Geschichtsschreibung stets eine besondere Rolle zukam. Ihre Deutung in der Vorstellungswelt der Renaissance mag uns heute fremd erscheinen, doch verbirgt sich hinter ihr dieselbe Faszination für den „gestirnten Himmel über uns“ 21, die so manchen noch heute beim Blick ins Firmament ergreift.

Literatur

Buchner, Otto: Die Feuermeteore, insbesondere die Meteoriten, historisch und naturwissenschaftlich betrachtet, Gießen 1859.

Fritz, Hermann: Verzeichnis beobachteter Polarlichter, Wien 1873.

Gasser, Achilles Pirmin: Von dem Cometen, so im Jenner des M.D.XXXVIII Jars […] gesehen ist worden kurtzer bericht, o.O. 1538.

Hoffmann-Krayer, Eduard et al. (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 8: Silber – Vulkan, Berlin/Leipzig 1936/37.

Kronk, Gary: Cometography: A Catalog of Comets, Volume 1: Ancient – 1799, Cambridge 1999.

Marvin, Ursula: The meteorite of Ensisheim: 1492 to 1992, in: Meteoritics Band 27, o.O 1992.

McSween, Harry: Ensisheim meteorite, in: Encyclopædia Britannica Online (http://www.britannica.com/EBchecked/ topic/1290732/Ensisheimmeteorite), abgerufen am 29.09.2014.

None, Franz Joseph: Villinger Chronik. Von 1119 bis 1568, in: Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, Zweiter Band, Karlsruhe 1854.

Schwegler, Manuela: Erschröckliche doch wahrhafftige Newe Zeitung. Subjektivität und Objektivität in frühneuzeitlichen Wunderzeichenberichten, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, Band 121, Berlin 2002.

Schwegler, Manuela: Kleines Lexikon der Vorzeichen und Wunder, München 2004.

Spicker-Beck, Monika: 999 und 1119. Wege der historischen Überlieferung und Geschichtsschreibung in Villingen, in: Bumiller, Casimir (Hg.): Menschen Mächte Märkte. Schwaben vor 1000 Jahren und das Villinger Marktrecht, Begleitband zur Ausstellung im Franziskanermuseum Villingen vom 14. März bis 1. August 1999, Villingen-Schwenningen 1999.

Verweise

1 Zur Hugschen Chronik vgl. Spicker-Beck 1999, S. 74 ff.

2 GLAK 65/686

3 GLAK 65/682

4 Ebd.

5 None 1854, S. 109. Vgl. auch SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

6 Erdnächster Punkt, 0.9358 AE (=139.993.687 km)

7 Vgl. Kronk 1999, S. 305 f.

8 Zu dieser Thematik vgl. Schwegler 2004, S. 45 ff.

9 Gasser 1538, o.S.

10 vgl. Kronk 1999, S. 309.

11 SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

12 Ebd.

13 Vgl. Hoffmann-Krayer et al. 1936/37, S. 65 ff.

14 Zu Beglaubigungsstrategien und allgemein den sprachlichen Charakteristika von Wunderzeichenberichten siehe Schwegler 2002.

15 SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

16 Für zahlreiche vergleichbare Berichte siehe Fritz 1873, S. 20 ff.

17 Siehe z.B. Offenbarung des Johannes, 20.9: „Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie.“

18 Buchner 1859, S. 35. Die Trajektorie des Boliden erfolgte in einem Winkel zwischen 25° Ost-Südost und 45° Südost von Ensisheim in geringer Inklination zur Ekliptik, vgl. Marvin 1992, S. 63.

19 Nach heutiger Klassifikation ein Gewöhnlicher Chondrit vom Typ LL6.

20 Vgl. Encyclopædia Britannica.

21 Frei nach Kant.

Abbildungen

Abb. 1 Der Komet von 1538 in der Hugschen Chronik, kolorierte Federzeichnung, 3,5 x 15,5 cm, 16./17. Jahrhundert, GLAK 65/686 54v.

Abb. 2 Abschrift der Hugschen Chronik aus dem Kloster St. Georgen, 18. Jahrhundert, GLAK 65/682 118.

Abb. 3 Bericht des Achilles Pirmin Gasser über den Kometen von 1538, Bayerische Staatsbibliothek München.

Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (3) (Michael Tocha)

 

 

 

Starthilfe aus Zwiefalten, Impulse aus Paris

Die Anfänge des Villinger Benediktinergymnasiums um die Mitte des 17. Jahrhunderts liegen im Dunkeln. Erst unter Georg III. Gaisser (1685- 1690) sind Initiativen zum Ausbau von Kloster und Schule deutlich sichtbar. Der Abt schilderte dem Magistrat mehrfach die beengten Verhältnisse und konnte 1687 mit der Stadt einen Vertrag über den Neubau von Kirche und Konventsgebäude samt Schule abschließen. In der Folge mussten noch Einzelfragen geklärt werden. Am 16. Juni 1689 teilte er der Stadt mit, er habe „von deß Herren Prälatens zu Zwifalten Hochwürde einen Bauverständigen Patrem, so in dergleichen Sachen schon vil Jahr practicirt“, zugewiesen bekommen. Dieser habe ihm viele wertvolle Hinweise gegeben und insbesondere einen Plan „zu einem Gymnasio“ mit den zugehörigen Nebengebäuden erstellt, den er „den Herren Nachparen selbst unter die Augen legen“ wolle. 1 Auf diese Weise unterstrich er die Solidität des Projekts: Die Abtei Zwiefalten genoss hohes Ansehen und hatte soeben ein eigenes Gymnasium in der vorderösterreichischen Stadt Ehingen gegründet. Mit Unterstützung von dort schien der Erfolg des Villinger Vorhabens fast schon garantiert.

Die Zusammenarbeit mit Zwiefalten und anderen Abteien hatte Tradition. 1603 hatten sich eine Reihe südwestdeutscher Benediktinerklöster zur Schwäbischen Kongregation verbunden, Villingen trat 1627 bei. Der Zweck dieses und ähnlicher Zusammenschlüsse war es, die Reform des Klosterlebens voran zu bringen, Eingriffe der Bischöfe in die klösterliche Autonomie abzuwehren und sich von der geistlichen Vorherrschaft der Jesuiten zu emanzipieren. Eins der Gebiete, auf denen sich das neu erweckte benediktinische Selbstbewusst- sein entfalten konnte, war das Bildungswesen. 1653 vereinbarten 40 Abteien in Österreich, Bayern und Schwaben, unter ihnen auch Villingen, die junge Benediktineruniversität in Salzburg „für immer aufrecht zu erhalten“. 2 (Der Villinger Beitrag, intellektuell wie finanziell, dürfte zu diesem Zeitpunkt allerdings eher bescheiden ausgefallen sein.) 1671 gaben die Jesuiten ihr Lyzeum in Rottweil auf; die oberschwäbische Benediktinerkongregation unter dem Vorsitz des Zwiefaltener Abtes Christophorus ergriff die Chance, es als Tochterakademie der Salzburger Universität weiterzuführen. Für St. Georgen zu Villingen nahm der Prior P. Georg Gaisser im Namen seines Abtes Johann Franz Scherer an der entscheidenden Sitzung am 13. April 1673 teil und brachte die 1000 Gulden in den Fonds ein, die die Stadt Rottweil dem Kloster schuldete. Ab 1688 war er der letzte Präses der Rottweiler Akademie, die 1691 an die Jesuiten zurückgegeben wurde. 3

Georg Gaissers langjähriger Einsatz für die Bildungsstätten seines Ordens in Salzburg, Rottweil und Villingen lässt sich herleiten aus seinem Profil als Intellektueller seiner Zeit und Autor von Büchern zur Geschichte der Benediktiner; noch wichtiger sind Impulse aus den Netzwerken gelehrter Mönche, in denen er sich bewegte. In diesem Zusammenhang hat Franz Quarthal angemerkt, dass der Einfluss der französischen Mauriner bisher zu wenig beachtet worden sei. 4 Dieser Hinweis könnte gerade in Bezug auf Georg Gaisser und Villingen weiterführen.

 

Abb. 1: „Dieses einfache und bescheidene Antlitz, bei dem nichts geziert ist, bietet dir von Mabillon das genaue Ebenbild, und in einem Schatz der Wissenschaft ein Wunder an Demut. Er starb am 27. Dezember 1707 im Alter von 76 Jahren.“ Mabillon fand in Georg III. Gaisser von Villingen seinen wichtigsten Zuarbeiter im deutschen Sprachraum. (Kupferstich von Alexis Loir nach einem Ölgemälde von Claude-Guy Halle, zwischen 1707 und 1713)

 

In Frankreich hatten sich um 1620 die meisten Benediktinerklöster zur Reformkongregation von St. Maur zusammengeschlossen. Ihr Merkmal wurde die wissenschaftliche Quellenforschung: in breit angelegten Forschungsprojekten sollte die alt kirchliche und benediktinische Überlieferung auf gesicherte Grundlagen gestellt werden, indem man aus zahlreichen Textvarianten den einen, „wahren“ Text rekonstruierte. Dabei ragt unter zahlreichen gelehrten Mönchen der Historiker Jean Mabillon aus der Abtei Saint-Germain- des-Prés in Paris als der berühmteste hervor. Neben ihrer Forschungsarbeit war den Maurinern aber auch die Schule wichtig; schon 1636 hatten sie sich verpflichtet „mit größten Eifer wieder dem alten Brauch unseres Ordens nachzuleben […], die Erziehung von Kindern zu übernehmen.“ 5 Um an Handschriften und Drucke zu kommen, waren die Mauriner auf die Zuarbeit von Mitbrüdern im katholischen Europa angewiesen. Hier nun spielte Georg Gaisser eine entscheidende Rolle: er unterhielt seit 1679 einen Briefwechsel mit Mabillon und gilt als sein frühester Mitarbeiter im deutschen Sprachraum; 6 Mabillon selbst bezeichnet ihn als „einzigartigen Förderer unserer Studien“. 7 Durch Gaisser wurde Villingen zum Knoten im deutschen Netzwerk der Mauriner: er schrieb zahlreiche Briefe an Ordensbrüder in Süddeutschland und der Schweiz und bat um Handschriften für Mabillon, diese wurden dann oft zunächst Gaisser anvertraut und von ihm nach St. Germain geschickt und kamen über ihn wieder zurück, ebenso wurden Briefe aus Einsiedeln, St. Gallen oder Muri in Villingen gesammelt, hier zu Paketen geschnürt und weiter nach Paris befördert. 8 1683 begegneten sich die beiden Männer, als Mabillon bei einer Bibliotheksreise nach Bayern und in die Schweiz auf dem Rückweg in Villingen Station machte. Sein Mitarbeiter und Biograph Thierry Ruinart kann Gaisser nicht genug hochschätzen: „Ich weiß nicht, wer bei ihrer Begegnung die größere Freude empfand; da waren zwei Herzen, die einander nahe standen.“ Dieser fromme und gelehrte Mönch habe als Sekretär der schwäbischen Benediktinerkongregation Zutritt zu vielen Abteien gehabt und von dort eine große Anzahl schöner Stücke mitgebracht, mit denen er Dom Mabillon bereichert und der Geschichte des Ordens große Dienste erwiesen habe. 9 In solchen Worten fällt von dem Leuchtturm in Paris her ein Lichtstrahl auf das äußerlich noch recht armselige Kloster in Villingen.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts deutete also auch hier vieles auf neue Aufbrüche in Wissenschaft und Bildung hin, und man würde annehmen, dass das Gymnasium alsbald hätte aufblühen müssen, wenn eine so gut vernetzte und vom Forschungselan der Mauriner durchdrungene Persönlichkeit wie Georg Gaisser seinen Ausbau vorantrieb. Doch das war nicht der Fall. Der Abt starb zu früh – 1690 im Alter von 51 Jahren. Anders als das Zwiefaltener Gymnasium in Ehingen entwickelte sich das Villinger Benediktinergymnasium in der Konkurrenz mit dem älteren Franziskanergymnasium nur mühsam. Der Bau von Kirche und Konvent verschlang alle Mittel, so dass das Schulgebäude erst 60 Jahre später errichtet werden konnte. In den Archiven findet sich auch kein Zwiefaltener Entwurf für einen Gymnasiumsbau, und wir wissen nicht, welchen seiner Patres der dortige Abt mit den Villinger Bauplänen betraut hat. 10 Zwar verdoppelte sich zwischen 1783 und 1786 die Zahl der Mönche von 12 auf 24, doch gab es außer Gaisser niemanden, der die Ordensgeschichtsschreibung im Sinne der Mauriner hätte voranbringen können. 11 Für eine nachhaltige Wirksamkeit des Villinger Benedik- tinergymnasiums waren um 1700 die Grundlagen noch zu brüchig.

Verweise

1 SAVS BB 47

2 Vgl. Magnus Sattler: Collectaneen-Blätter zur Geschichte der ehemaligen Benedictiner-Universität Salzburg,Kempten 1890, S. 78 f.

3 Vgl. ebd., S. 116 ff.; Martin Gerbert: Historia Nigrae Silvae Ordinis Sancti Benedicti Coloniae, Bd. II, St. Blasien 1788, S. 453; Georg Wieland: Benediktinerschulen und Ikonographie ihrer Kollegienkirchen im Zeitalter des Barock, in: Barock in Baden-Württemberg. Katalog der Ausstellung in Bruchsal, hrsg. v. Badischen Landesmuseum, Karlsruhe 1981, Bd. 2, S. 368 f.

4 Vgl. Franz Quarthal: Das Ehinger Kolleg in der benediktinischen Schultradition. Vortrag, gehalten am 21. Juni 1986 anlässlich der 300-Jahr-Feier des Gymnasiums Ehingen (Donau), http://elib.unistuttgart. de/opus/volltexte/2009/4479/ (Aufruf 22. April 2014), S. 2

5 Ebd.

6 Vgl. Franz Quarthal: Die Reformation im Spiegel südwest- deutscher benediktinischer Geschichtsschreibung des 17. und 18. Jahrhunderts. Zum klösterlichen Wissenschaftsbetrieb im Jahrhundert vor der Säkularisation, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 86, 1986, S. 335 7 „Studiorum nostrorum fautor singularis“, Io[annes] Mabillon, Iter germanicum, Hamburg 1717, S. 95, vgl. Christian Roder: Das Benediktiner- kloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seinen Beziehungen zur Stadt Villingen, in: FDA NF. 6, 1905, S. 41

8 Vgl. Gall Heer: Johannes Mabillon und die Schweizer Benediktiner. Ein Beitrag zur Geschichte der historischen Quellenforschung im 17. und 18. Jahrhundert, St. Gallen 1938, S. 118, 120 Anm. 75

9 „Je ne sçay lequel eut plus de joïe de Dom Mabillon ou du Pere Geisser dans leur entrevûë: c’étoient deux coeurs à peu prés l’un comme l’autre. Personne n’a jamais tant travaillé en Allemagne à ramasser des memoires pour les Actes des Saints & pour l’histoire de nôtre Ordre, que ce Pere Geisser: il en aimoit l’honneur au de-là ce que l’on peut imaginer voyant qu’il n’y avoit au monde plus capable de luy en procurer que le Pere Mabillon, il n’épargnoit rien pour l’aider dans les ouvrages que ce Pere entreprenoit. Ce pieux & sçavant Religieux a été long- temps Secretaire de la Congregation Benedictine de Suabe; cet office luy donnoit occasion de visiter luy-même plusieurs Monasteres: & comme on ne pouvoit luy refuser l’entrée dans les archives il en a tiré un grand nombre de belles pieces, don’t il a enrichi Dom Mabillon. Il est mort Abbé de S. George de Villingen, aprés avoir édifié toute l’Allemagne par sa vertu, & avoir rendu de grands services à nôtre Ordre dans sa Congregation.“ Thierry Ruinart: Abrégé de la vie de Dom Jean Mabillon, Paris 1709, S. 104 f.

10 Paul Revellio nimmt an, es könne nur P. Columban Summerberger der in Zwiefalten das Amt des Baumeisters ausübte, gewesen sein, vgl. Baugeschichte des Benediktinerstiftes zu St. Georgen in Villingen, in: SVG Baar, 1954, S. 72 u. 84 11 Vgl. F. Quarthal: Reformation, S. 336, Chr. Roder: St. Georgen, S. 42