Die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim in ihrer Wirkungsgeschichte* (Heinrich Maulhardt)

Vorwort

Vor fast genau 16 Jahren, im März 1999, fand an derselben Stelle im Theater am Ring eine Tagung statt, die neben dem Stadtarchiv Villingen-Schwenningen dieselben Mitveranstalter hatte: die Abteilung Landesgeschichte des Historischen Seminars der Universität Freiburg sowie das Alemannische Institut Freiburg. 1 Mein Beitrag zu dieser Tagung galt damals der Wirkungsgeschichte einer anderen Urkunde, der Villinger Marktrechts-urkunde aus dem Jahre 999, die damals nach 1899 zum zweiten Mal im Verlauf der Villinger Geschichte den historischen Anlass für ein Jahrhundertjubiläum bot. Das Referat endete mit dem Ausblick, dass die beiden großen Stadtbezirke, Villingen und Schwenningen, im Jahr 817 zum ersten Mal schriftlich belegt sind: „Die nächste Jahrhundertfeier wird es 2017 geben, oder vielleicht ist dann das Interesse an Jahrhundertfeiern gänzlich verschwunden.“ Der Anflug an Skepsis von damals, was Jahrhundertfeiern bzw. Jubiläen anbetrifft, hat sich nach 16 Jahren in der Gegenwart nicht eingestellt. Das Gegenteil ist der Fall, wir haben es mit einem Jubiläumsboom zu tun, auf den ich im Laufe meines Beitrages noch zurückkommen werde.

Fragestellungen

Das Thema meines Beitrages lautet „Die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim in ihrer Wirkungsgeschichte“. Dass es sich bei der Urkunde vom 4. Juni 817 um die Ersterwähnung handelt, um den „Namenstag“ und nicht um den „Geburtstag“, davon gehe ich zunächst einmal aus, aber wer weiß. Die Ergebnisse dieser Tagung werden wir an deren Ende bilanzieren, vielleicht ändert sich an dieser Aussage doch etwas, der wissenschaftliche Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten. Jedenfalls folgen wir – wenn auch nicht ganz – einer bayrischen Anleitung über die Planung von Jubiläen, die „erneut verstärkt betont, dass für die Feier eines historischen Jubiläums zunächst unter Ausschluß der Öffentlichkeit und möglichst drei bis vier Jahre vorher in kleinem Kreis das Datum überprüft werden sollte, um es hieb und stichfest zu machen.“ 2

Um die Wirkungsgeschichte der Urkunde von 817 in der Vergangenheit zu rekonstruieren, möchte ich zunächst folgenden Fragen nachgehen: Wann ist die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim zum ersten Mal festgestellt worden und von wem? Welche Bedeutung hatte diese Kenntnis für die jeweilige Erinnerungsgemeinschaft zum Zeitpunkt der „Entdeckung“ und in späterer Zeit? Ist diese Erkenntnis als Jubiläum gewürdigt worden?

In der Urkunde von 817 geht es im Gegensatz zur Marktrechtsurkunde von 999, in der Graf Berthold von Kaiser Otto III. das Markt-, Münz- und Zollrecht für seinen Ort Villingen erhält, nicht um ein Programm für einen Ort zur Entwicklung in Richtung Stadt. In der Urkunde von 817 ist nicht die Dorfgemeinschaft tangiert. Eher zufällig wird der Ortsname erwähnt.

Die Urkunde der Ersterwähnung, ihre Geschichte und Erinnerung

In der Urkunde Ludwigs des Frommen vom 4. Juni 817 schenkt der Kaiser dem Kloster St. Gallen die gräflichen Einkünfte aus 47 Bauernstellen (Mansen). Darunter befinden sich solche in Villingen, Schwenningen und Tannheim. Das Original der Urkunde befand sich stets im Archiv des Beschenkten, des Klosters St. Gallen, das 719 gegründet wurde. Peter Erhart schreibt: „[…] die Urkunde war […] äusserst beliebt und dies bereits seit ihrer ersten Ausfertigung, denn noch im 9. Jahrhundert wurden nicht weniger als 5 Abschriften angefertigt. Kein anderes Herrscherdiplom wurde derart oft kopiert, was [seine] Bedeutung eindrucksvoll unterstreicht.“ 3

Vom Inhalt der Urkunde konnten nur die Eigentümer von Originalen oder Abschriften derselben Kenntnis haben. Da die Urkunde nur einzelne Mitglieder der damaligen Dorfgemeinschaften unserer Stadtbezirke betrifft, nicht aber deren Verfassung berührte, gab es von ihr weder ein Original noch eine Abschrift im Stadtarchiv, und auch keinen Grund im weiteren Verlauf des Mittelalters sich ihrer vor Ort als Dorfgemeinschaft zu erinnern. Die erste schriftliche Erwähnung im Druck in Verbindung mit Villingen findet sich in den ab 1645 gedruckten Traditiones Monasterii S. Galli. 4 Es handelt sich um eine Wiedergabe des ganzen Textes mit den Ortsnamen von Villingen, Schwenningen und Tannheim und natürlich auch allen anderen in der Urkunde enthaltenen Orten. Von den ursprünglich 24 gedruckten Exemplaren lassen sich heute noch zwölf nachweisen. Ihre Verbreitung beschränkte sich auf das Kloster selbst und befreundete Gemeinschaften. 5 Es handelte sich demnach um eine Drucksache, die nicht öffentlich zugänglich war.

Der nächste Abdruck erfolgte durch Marquard Herrgott im Jahre 1737 6 und danach im Codex Diplomaticus Alemanniae von Trudpert Neugart (1742 – 1825) aus dem Jahre 1791. 7 Neugart stammte aus Villingen, war Theologe und ging nach einer dreijährigen Lehrtätigkeit als Orientalist an der Universität Freiburg (1767 – 1770) zu Fürstabt Martin Gerbert (1720 – 1793) ins Kloster St. Blasien, wo er Geschichtsforschung betrieb. Um es gleich vorweg zu sagen: Schwenningen und Tannheim werden in diesem Urkundenbuch genannt und Schwenningen wird von Neugart auch als Schwenningen bei Villingen identifiziert. Es ist einer der beiden ersten für ein erweitertes Publikum gedachten Drucke der Urkunde. Neugart bezieht sich in seiner Urkundenedition ebenfalls auf die Traditiones Monasterii S.Galli. 8 St. Blasien war wie St. Gallen ein Benediktinerkloster, was auf das dortige Vorhandensein der Traditiones schließen lässt.

25 Jahre nach dem Druck von Neugart heißt es im Artikel von Johann Georg Benedikt Kefer (1774 – 1833) im „Historisch-statistisch-topographischen Lexicon“ des Großherzogtums Baden von 1816: „Villingen war anfänglich ein Dorf, welches schon in Urkunden Kaiser Ludwigs des Frommen vom Jahr 817 vorkömmt. Es stand damals unter der Kaiserlichen Kammer. Dieses Dorf lag aber nicht an dem Platze, wo gegenwärtig die Stadt Villingen steht; sondern etwa eine Viertelstunde davon entfernt in der Gegend, wo die sogenannte Altstadt liegt, und der Begräbnisplatz der Stadt ist.“ 9

Abb. 1: Stadtansicht von Villingen, im Vordergrund die Altstadtkirche. 1845 gez. K. Corrade, von G. M. Kurz. Quelle: Bertram Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Archäologische Zeugnisse und Quellenüberlieferung. Mit Beiträgen von Burghard Lohrum und Manfred Rösch Stuttgart 1999, S. 58.

Der gebürtige Villinger Kefer studierte in Freiburg Theologie und kehrte als Priester in seine Heimat zurück. Er interessierte sich sehr für die Villinger Geschichte und muss Neugart selbst und dessen Codex gekannt haben. Später, nach 1814, wurde er Präfekt des Gymnasiums in Freiburg und erhielt 1822 den Lehrstuhl für Dogmatik an der dortigen Universität. Die historischen Materialsammlungen Kefers nutzen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Lokalhistoriker. Der Begründer der Villinger Altertümersammlung Ferdinand Förderer (1814 – 1889) notierte 1875 in das Repertorium seiner Sammlung, dass Villingen 817 in einer Urkunde Ludwigs des Frommen zum ersten Mal erwähnt werde. 10 Der spätere Villinger Stadtarchivar Christian Roder (1845 – 1921, in Villingen tätig 1876 – 1893) bestätigte wenige Jahre später die Ersterwähnung und dass der Name der Stadt erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit dem Doppellaut geschrieben wurde. 11 Jedenfalls war spätestens seit Roder im städtischen Bewusstsein, dass das Jahr 817 mit der ersten Nennung des Namens Villingen in Verbindung gebracht werden muss. Jedoch ist bisher trotz der intensivierten Erforschung des Urkundenbestands des Klosters St. Gallen keine ältere Quellenstelle gefunden worden.

Abb. 2: Villingen und Altstadt nach dem Gemarkungsplan von 1895. Das erschließbare Siedlungsareal um die Altstadtkirche ist schraffiert. Alemannische Gräber am Blutrain (1) und Hohenstein/Klein Eschle (2) sowie mittelaterlicher Siedlungsfund bei der Gärtnerei Ebert (3) Hoptbühl (4). Quelle: Bertram Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Archäologische Zeugnisse und Quellenüberlieferung. Mit Beiträgen von Burghard Iohrum und Manfred Rösch, Stuttgart 1999, S. 33.

Schon Christian Roder bewertete die Nennung Villingens in der Urkunde historisch richtig: „Die urkundliche Nennung eines Orts gibt keineswegs einen genügenden und sichern Maßstab für dessen Alter ab. Sie beruht lediglich auf einem Zufall.“ 12 Dass Villingen älter sein muss, leitete er nicht nur von dem urkundlich früher genannten nördlich gelegenen Nachbarort Nordstetten (Ersterwähnung: 764) ab, 13 sondern auch von der Namensforschung (-ingen-Orte)
Befunden der Archäologie, die 1903 am „Blutrain“ südöstlich vor der Stadt (Eisenwaffen, Reste eines Schildbuckels) bei der Ausgrabung von Reihen- und Plattengräbern gemacht wurden. 14 Die heutige Forschung geht davon aus, dass Villingen-Alt-stadt als älteste Siedlung im Villinger Raum in das späte 4. Jahrhundert, die Zeit der alemannischen Landnahme, zu datieren ist. 15

Auch was die historische Bedeutung der Erstnennung für die Stadtgeschichte anbetrifft, liegt Roder wohl richtig: Nicht die Urkunde von 817, sondern die Markt-rechtsurkunde von 999 bildet „den eigentlichen Ausgangspunkt für die Geschichte der Stadt Villingen“. 16

Interessant ist allerdings, dass Villingen nach 817 insgesamt 182 Jahre nicht erwähnt wird und nach 999 fast 200 Jahre nur sehr wenig. Es wäre sehr erfreulich, wenn wir zu dieser Überlieferungslücke, insbesondere für die Jahre vor 817 und zwischen 817 und 999, mehr Informationen zur Geschichte unseres Raumes erhalten würden. Unsere letzte gemeinsame Tagung zur Marktrechtsurkunde hatte bereits für die Zeit zwischen 999 und 1218 neue Erkenntnisse gebracht.

4. Die Bedeutung der Ersterwähnung für Villingen – Villinger Jubiläumsfeiern

Die Kenntnis der Ersterwähnung Villingens hat bis vor wenigen Jahren für die Villinger Erinnerungsgemeinschaft keinen Anlass für eine besondere Würdigung in Form einer Jubiläumsfeier oder einer Eintragung auf dem Ortseingangsschild gefunden. Allein an dem Brunnen auf dem Münsterplatz in Villingen gibt es einen Hinweis. Den Brunnen schuf in der Zeit von 1986 – 1989 der Künstler Klaus Ringwald (1939 – 2011), er informiert unter anderem über Meilensteine der Villinger Geschichte. Die Chronik beginnt auf den pfeilerartigen Flächen des Brunnens mit der ersten von 32 Tafeln. Darauf ist zu lesen: „817 erste Nennung ‚ad filingas‘ in St. Galler Urkunde durch Kaiser Ludwig den Frommen“. 17

Die Villinger haben spätestens im 19. Jahrhundert zwar die Bedeutung der Jahreszahl 817 zur Kenntnis genommen, in der Vergangenheit aber andere historische Ereignisse zur Bestärkung ihrer Identität gewählt. Bedeutung für Jubiläen in der Villinger Geschichte hatten von heute aus betrachtet zwei Ereignisse, die mit den Jahreszahlen 1119 und 999 und ausdrücklich nicht mit 817 verbunden sind. Anno 1119 ist die statt Villingen von den hertzogen von Zäringen erbauen worden, heißt es in der Villinger Chronik des Ratsherrn Heinrich Hug, 18 der 1495 mit seiner Chronik begann und sie 1533 beendete. Dieses angebliche „Gründungsdatum“ nahm im Jahr 1719 der damalige Stadtpfarrer Johann Jakob Riegger zum Anlass für ein Jubel und danckfest des 600-jährigen Bestehens der Stadt, 19 das er auf die vermeintliche Stadtgründung durch Berthold II. von Zähringen bezog. Zu den Feierlichkeiten, die er dem Magistrat der Stadt vorschlug, zählten eine Messe, der Statt undt dem pfarrmünster zur Ehre. Nach der Messfeier sollte die Stadt mit einem freüd undt gedächtnuß trunckh auf den zunftstuben sich freygebig erzeigen. So würdt Gott und den menschen in allem genug geschehen. Darüber hinaus verband Riegger das städtische Jubiläum mit einem persönlichen. Er feierte 1719 sein 50-jähriges Priesterjubiläum. Rieggers Vorschläge wurden vom Magistrat der Stadt angenommen, an der Jubiläumsmesse im Villinger Münster nahmen 1.800 Personen teil. 20 Diese Feier verband religiöse und stadtpolitische Elemente und kann mit Recht zu einer der ältesten städtischen Jubiläumsfeiern in Deutschland gezählt werden. 21 Es ist hervorzuheben, dass das Jubiläum auf bürgerliche Initiative zurückgeht und kein ausschließlich kirchliches Jubiläum war. Jubiläen stammen ursprünglich aus dem kirchlichen Bereich. Im Jahr 1300 initiierte Papst Bonifaz VIII. das Heilige Jahr. Seit 1475 existiert alle 25 Jahre ein reguläres Heiliges Jahr. Dieses Zeitintervall hat sich seitdem als Maßeinheit für Jubiläen etabliert. 22

Bei dem Riegger’schen Jubiläum ging es einerseits um religiöse Aspekte (Festhalten an Gott und dem wahren katholischen Glauben), andererseits aber auch um erinnerungskulturelle Momente (Stadtgründung, Unbesiegbarkeit). Es bezog sich – wie Jubiläen im Allgemeinen – auf aktuelle Bedürfnisse einer Gemeinschaft, der Villinger, und versuchte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Bezug zu setzen: „Historische Jubiläen werden von einer Erinnerungsgemeinschaft dazu genutzt, ihre Vergangenheit zu deuten, diese zur Erklärung ihrer Gegenwart zu verwenden und dem Kollektiv darin eine Perspektive auf die Zukunft zu eröffnen“, schreibt Catrin B. Kollmann in ihrer 2014 erschienenen Dissertation „Historische Jubiläen als kollektive Identitätskonstruktion“. 23 Michael Hütt fasst in seinem Katalogbeitrag zur Jubiläumsausstellung 1999 die Zukunftsperspektive der Feier von 1719 zusammen: „Die 600-jährige Geschichte der allzeit katholischen, unbesiegbaren Stadt verpflichtet zur Nachfolge. An der Überlieferung darf nicht gerüttelt werden, will man nicht Gefahr laufen, des durch die Vorfahren erlangten Heils verlustigt zu gehen.“ 24 Dass das Jahr 1119 kein zweites Mal nach 1719 Anlass für ein Jubiläum bot, hat wohl seine Ursache darin, dass es spätestens nach 100 Jahren, 1819, offensichtlich kein Bedürfnis dazu mehr gab. Villingen war zu dieser Zeit seiner in österreichischer Zeit bestehenden relativen kommunalen Autonomie beraubt und befand sich sowohl geografisch als auch hinsichtlich seiner Bedeutung am Rande des großherzoglich-badischen Staats, dessen Herrscherhaus auch nicht dem katholischen Glauben angehörte.

Mit dem neuen Herrscherhaus in Verbindung bringen ließ sich dagegen eine andere Urkunde, die Marktrechtsurkunde von 999. Dieses Privileg hat zweifellos dem jeweiligen Ortsherrn und den Villingern die Möglichkeit eröffnet, das Gemeinwesen zu einer Stadt zu entwickeln. Von der Marktrechtsur-kunde ist in Stadtpfarrer Rieggers Jubiläumsprojekt von 1719 nur beiläufig die Rede, 25 ohne sie jedoch zu einem Jubiläumsereignis zu machen. Die große Stunde der Marktrechtsurkunde kam erst in ihrem 900. Lebensjahr. Bis dahin fand ihre Existenz nur zweimal eher marginale Beachtung: Zum einen Ende des 13. Jahrhunderts, als sich Graf Heinrich von Fürstenberg bemühte mit der Urkunde seinen Anspruch auf die Stadt geltend zu machen und die Rechtsnachfolge der Zähringer darzulegen. 26 Zum andern im Jahre 1805, als Furtwangen sein Marktrecht erweitern wollte, was es für Villingen zu verhindern galt. Im 19. Jahrhundert diente die Urkunde als Beweis für die ununterbrochene (treue) Verbindung zwischen Villingen und dem neuen Landesherrn, dem badischen Großherzog. Ferdinand Förderer schreibt im Repertorium der Altertümersammlung: „Dieser Berchtold oder Graf Bezzelin ist der Vater Bertholds I. von Zähringen, des obersten Gliedes der seitdem ununterbrochenen Stammfolge unseres erhabenen Herrscherhauses, weshalb auch Villingen mit Recht die Ehre anspricht, die Wiege des Stammes der Zähringer, das erste und älteste Besitzthum unseres Regentenhauses zu sein.“ 27 Christian Roder, der 1899 den Festvortrag hielt, äußerte sich damals in ähnlicher Weise. Einerseits wurde die Verbindung mit dem Herrscherhaus betont, andererseits hoben bei den Feierlichkeiten die Redner die Leistungen der Stadtgemeinde hervor. Im Festumzug von 1899 zur 900-Jahr-Feier wird übrigens auf die Zeit vor 999 nicht eingegangen, also auch nicht auf die Urkunde von 817. Annemarie Conradt-Mach schreibt zum Festzug, den damals 25.000 Menschen in Villingen sahen: „Als letzter historischer Schauwagen vor den Trachtengruppen kam der Wagen Nr. 21 ‚Villingen kommt an Baden – 1806′ angeführt durch eine Huldigungsgruppe. Dieser Wagen wurde allgemein als Krönung des Umzuges angesehen, quasi als Endziel einer 900jährigen Villinger Geschichte, überhöht allein dadurch, dass die Ehrenjungfrauen einem echten (?) Zähringer auf der Tribüne huldigen durften als Glanz- und Gipfelpunkt der Historie!“ 28

Den Anlass für eine demokratische städtische Jubiläumsfeier bietet die Urkunde von 999 eigentlich nicht. Monika Spicker-Beck ist beizupflichten, wenn sie darauf hinweist, „dass mit der Marktrechtsurkunde der Gegenpol der Bürgerinteressen symbolisiert wurde und diese Urkunde daher schwerlich Bestandteil des bürgerlichen Selbstbewusstseins werden konnte.“ 29 Die in der Urkunde vergebenen Rechte wurden bekanntlich nicht der Bürgerschaft, sondern dem Stadtherrn verliehen. Im Gegensatz zu 1899 zeigte die Jubiläumsinitiative Pfarrer Rieggers von 1719 schon eher bürgerliches Selbstverständnis.

Auch wenn 1806 die relative kommunale Autonomie Villingens ein Ende fand, war der gleichzeitige Anschluss Villingens an Baden 100 Jahre später, 1906, ein Jubiläum wert: „Jos. Moder widmete der ‚alten und ehrwürdigen Stadt Villingen‘ ein Gedicht von 241 Strophen. Er besang darin vor allem die jüngste 100jährige, badische Geschichte.“ 30 Darüber hinaus wurde das Berthold-Denkmal errichtet. Die Darstellung Bertholds, gestützt auf sein Schild und Schwert, sollte den badischen Herrschaftsanspruch ausdrücken. Die Erinnerung an bürgerliche Selbstständigkeit, wie sie noch in Pfarrer Rieggers Projekt von 1719 aufscheint, verschwand dagegen. Beide Feiern, 1899 und 1906, reflektierten in hohem Maße die Gegenwart Villingens um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, nämlich Villingen als treuer Vasall des Großherzogs von Baden und am Rande seines monarchischen Staates.

Das Jubiläum der Marktrechtsurkunde wurde 1999 zum zweiten Mal mit großem finanziellem Aufwand begangen. Die Kosten betrugen damals mehr als das Doppelte der für 2017 geplanten Feierlichkeiten. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert existierte die Stadt Villingen nicht mehr. Sie fusionierte 1972 mit Schwenningen zur Stadt Villingen-Schwenningen. Am großherzoglichen Herrscherhaus kann es 1999 nicht gelegen haben, dieses hatte bereits 1918 abgedankt. Da es wie bereits erwähnt bei Jubiläen und bei der Auswahl von historischen Ereignissen, die sie begründen, um aktuelle Impulse geht, muss es sich 1999 um andere Gründe für eine so große Feier gehandelt haben.

Das Motto des Jubiläums lautete 1999 „1000 Jahre Marktrecht Villingen. Villingen-Schwenningen feiert“, doch lag der Schwerpunkt zweifellos im Stadtbezirk Villingen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Villinger Marktrechtsurkunde fast 900 Jahre für Jubiläumszwecke, zur Bestärkung der eigenen Identität nahezu uninteressant war, 1899 dagegen die Nähe zum Monarchen eine große Rolle spielte, dann stellt sich die Frage, was die Villinger in der demokratischen Gesellschaft am Ende des vorigen Jahrhunderts dazu trieb, ein so „großartiges“ Jubiläum zu gestalten? Zweifellos wirkt die Zahl 1000 initiativ, erklärt aber nicht allein die damalige Festgestaltung. Als Zeitzeuge, ich war damals Mitglied der Steuerungsgruppe, einer Art Festkomitee, kann ich das rückblickend nur so interpretieren: Seit dem 1. Januar 1972 existierte die Stadt Villingen nicht mehr, Ergebnis einer am 28. März 1971 erfolgten demokratischen Abstimmung. Die kulturelle Identität einer Kommune, und das betrifft Villingen wie Schwenningen gleichermaßen, ebenso wie die infolge der Kommunalreform dazugekommenen Dorfgemeinschaften, verschwindet nicht. Das war auch bei der Städtefusion so nicht gewollt. Zweifellos spielen, um den Ehevergleich aufzunehmen, Gegensätze, Konkurrenz, Behauptung der Identität bzw. Angst vor Identitätsverlust in der „Städteehe“ eine Rolle und diese Beziehungen haben auch ihre Auswirkungen auf Jubiläumsereignisse. Größenordnung und Programm des damaligen Jubiläums waren

geprägt von der Situation des Villinger Stadtbezirks, der zu diesem Zeitpunkt keine selbstständige Stadt mehr war und als Teil der Gesamtstadt wirtschaftliche Krisen erleben musste. Die Urkunde von 999 bot deshalb eine willkommene Gelegenheit für die Selbstvergewisserung der Stadt.

Doch nicht immer war es dieses Datum, das den Anlass für ein Jubiläum lieferte. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde auf keine der beiden Urkunden Bezug genommen. Vielmehr wurde am 5. und 6. Juni 1937 „300 Jahre Villinger Wasserbelagerung durch die Schweden im Jahre 1634 anlässlich des Saarbesuches“ gefeiert. 31 Die Wasserbelagerung war bereits bei der Feier zur 100-jährigen Zugehörigkeit zu Baden ein Programmpunkt gewesen. Damals schrieb der Villinger Lehrer Otto Stemmler das Theaterstück „Ein Ruhmestag aus Altvillingens Heldenzeit“ mit allegorischem Nachspiel. In vier dramatischen Bildern wird darin geschildert, wie „das von einem übermächtigen Feind, nämlich den Württembergern und den Schweden, belagerte Villingen sich allein durch den Mut und die Tapferkeit seiner Bürger und Bürgerinnen befreien kann.“ 32

Was war geschehen? Nach der Saarabstimmung im Januar 1935 kam das Saargebiet, das seit 1920 abgetrennt war, wieder vollständig ans Deutsche Reich. Schon am Abstimmungstag, dem 13. Januar, begann die Patenschaft der Stadt Villingen für Friedrichsthal im Saarland. Beurkundet wurde die Patenschaft erst im Heumonat [Juli] 1937. Der große Kampf der Saarländer um die Befreiung der Saar wurde verbunden mit dem eigenen Kampf ums Sein: Sie [die Stadt Villingen] trotzt‘ dereinst von Fremdherrschaft belagert – verlassen, trostlos, doch granitfest ihrem Feind – Damals – […], lautete die Botschaft der Stadt Villingen an ihr Patenkind Friedrichsthal. 33 Die politische Mitteilung besagte: Friedrichsthal und Villingen waren und sind von Feinden umzingelt und bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Der militärische Kampf ums Sein steht auf der Tagesordnung.

Auf dem Programmzettel für die Festtage 1937 ist unter anderem zu lesen: 13 Uhr Alarm in Villingen! Die Stadtsoldaten werden zu den Waffen gerufen, 13.30 Uhr Magistratssitzung auf dem Marktplatz […] ‚Ausfall‘ der Besatzung und der Stadtsoldaten vom Riettor aus, um die Schweden aus dem Lager zu vertreiben. Gegen 14 Uhr Gefecht am vorderen Warenberg. In der Zeitung „Schwarzwälder“ vom 3. Juni 1937 heißt es: […] es sei noch darauf hingewiesen, dass auch Gruppen von unserer Nachbarschaft sich am Feste beteiligen, auch Angehörige der Wehrmacht, des Arbeitsdienstes, der SS und des SA-Reitersturmes um zusammen mit den Villinger Mitwirkenden ihr Bestes zu geben. 34 Über das Ereignis liegt im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen ein Film vor. 35 Das „Fest“ war eine politische Konstruktion mit einer deutlichen politischen Botschaft und Perspektive. Eigentlich hätte die Jahrhundertfeier 1934 und nicht 1937 stattfinden müssen. Die dreijährige Abweichung störte die Veranstalter nicht. Das historische Ereignis wurde als Veranstaltung zur Kriegsvorbereitung genutzt, die wenige Jahre später 1939 sich einstellende Kriegssituation wurde bereits „spielerisch“ simuliert und „festlich“ eingeübt.

5. Die Bedeutung der Ersterwähnung für Schwenningen und Tannheim

Die Erwähnung Schwenningens in der Urkunde von 817 war mit der Herausgabe des „Codex Diplomaticus Alemanniae“ durch den Villinger Trudpert Neugart 1791 – wie bereits erwähnt – öffentlich bekannt. Neugart lokalisierte Schwenningen ad Nicri fontes prope Villingam. 36 In der Schwenninger Stadtchronik von Pfarrer Paul Schmid und Stadtschreiber Johannes Kohler im Jahre 1899 wird die Ersterwähnung Schwenningens auf die Urkunde Ludwigs des Frommen bezogen. 37 Allerdings gab es im 19. und 20. Jahrhundert auch andere Meinungen. Die Historiker Franz Ludwig Baumann (1879), Walter Schultze (1895) und Hans Jänichen (1970) identifizierten den Namen mit dem östlich gelegenen Schwenningen auf der Alb bei Stetten am kalten Markt. 38 Die Forschungen von Michael Borgolte zum Urkundenbestand des Klosters St. Gallen in den Jahren 1980 – 1984 39 haben jedoch schlüssig gezeigt, dass es sich doch um unseren jetzigen Stadtbezirk Schwenningen handelt. Dieser ‚letzte Beweis‘, dass Villingen und Schwenningen ihre Ersterwähnung der selben Urkunde zu verdanken haben, hat den Geschichts- und Heimatverein Villingen veranlasst, diese Nachrichten in zwei Beiträgen von Dieter Knaupp zu Schwenningen und Herbert Muhle zu Villingen 40 in seinem Jahresband 1987 zu veröffentlichen. Damit war ein historischer Bogen von der Ersterwähnung der beiden großen Stadtbezirke in die Gegenwart gespannt. Und damit nicht genug: Auch die Stadtbezirke Tannheim, Nordstetten und Weilersbach erscheinen im Urkundentext. Tannheim ist übrigens im „Lexicon“ des Großherzogtums Baden von 1816 ebenfalls ein Artikel gewidmet, in dem die Ersterwähnung mit der Urkunde von 817 in Verbindung gebracht wird. 41

Tatsache ist, dass Villingen, Schwenningen und Tannheim bis vor wenigen Jahren die Urkunde von 817 nicht als Anlass genommen haben, ihre Identität zu beweisen. 42 Ein Jubiläum der Ersterwähnung wurde bisher nicht begangen. Der Stadtbezirk Schwenningen feierte 2007 „100 Jahre Stadt Schwenningen“ und zu Tannheim konnte kein vorheriges Ortsjubiläum ermittelt werden.

Die Urkunde hatte vor Ort keine Wirkung im historischen Sinne. Als historisches Ereignis fand sie – außer im akademischen Bereich – in unseren betroffenen Stadtbezirken fast 1200 Jahre keine oder wenig Beachtung. Eine auf die Stadtbezirke bezogene lokale Identität wurde mit der Urkunde von 817 bisher nicht konstruiert. Warum kommt die Urkunde jetzt ins Spiel?

6. Die Urkunde von 817, die Tagung vom März 2015 und die 1200-Jahr-Feier 2017

Die Idee, die Urkunde von 817, in der unter anderem die Namen Villingen, Schwenningen, Tannheim, Nordstetten und Weilersbach auftauchen, zum Anlass eines Jubiläums zu machen ist neu. Dazu noch einmal Catrin Kollmann: „Historische Jubiläen werden von einer Erinnerungsgemeinschaft genutzt ihre Vergangenheit zu deuten, diese zur Erklärung der Gegenwart zu verwenden und dem Kollektiv darin eine Perspektive für die Zukunft zu geben.“ 43

Seit 1972, dem Jahr der Gründung der Stadt Villingen-Schwenningen, hat sich eine neue Erinnerungskultur gebildet. Was unsere Urkunde anbetrifft, will es der Zufall, dass immerhin fünf Stadtbezirke darin genannt werden, drei davon zum ersten Mal. Für das Mittelalter dürfte die Häufung von Namen unserer Stadtbezirke zumindest in einer Kaiserurkunde einmalig sein. Unter diesem Aspekt ist die Urkunde also ein guter Anknüpfungspunkt für die große Mehrheit der Bevölkerung von Villingen-Schwenningen weit in die Vergangenheit zu blicken und diese mit der Gegenwart und Zukunft in Verbindung zu bringen. Unsere Tagung hat zweifellos die Aufgabe, das geschichtliche Ereignis, das am Anfang dieses Erinnerungsbogens steht, die Kaiserurkunde von 817, zu erhellen, das Geschichtsverlangen zu artikulieren. Zum andern sind die Erinnerungsgemeinschaften auf der Ebene der Stadtbezirke nicht verschwunden. Villingen-Schwenningen ist vielfältig und doch politisch seit über 40 Jahren eine Einheit. Die Erinnerungsgemeinschaften überlappen sich und viele Menschen in dieser Stadt sind als Zugezogene hierhergekommen, dazu zähle ich selbst seit 25 Jahren, dazu zählen unser Oberbürgermeister und viele andere mehr.

Für die neue Erinnerungsgemeinschaft Villingen-Schwenningen hat die Urkunde offensichtlich eine Bedeutung. In der vom Gemeinderat im November 2014 verabschiedeten Beschlussvorlage zum Jubiläum 2017 heißt es: „Die urkundliche Ersterwähnung […] soll in einem großen Veranstaltungs- und Festreigen gefeiert und reflektiert werden. Damit ergibt sich die Chance, die Geschichte der gemeinsamen Stadt, ihre Stärken und Möglichkeiten in Gegenwart und Zukunft in vielfacher Weise für die Bürgerschaft erlebbar zu machen. Die geplanten Aktivitäten in den Stadtbezirken sollen über das Jahr 2017 hinaus wirken. Zugleich ist das Jubiläum eine hervorragende Möglichkeit, Villingen-Schwenningen landesweit ins Rampenlicht zu rücken […] Im Idealfall gelingt so eine Bündelung möglichst vieler Kräfte in der Stadt verbunden mit einer Stärkung der städtischen Beteiligungskultur, die über das Jubiläumsjahr wirkt und Identität fördert. Dies kann der Imagebildung dienen: VS soll als Stadt der Innovation und gleichzeitig als Ort von hoher Lebensqualität nach innen und außen markant und positiv sichtbar werden.“

In seinem Kommentar zu diesem Gemeinderatsbeschluss schrieb Journalist Eberhard Stadler vom Südkurier unter der Überschrift „Stadtfest 2017 – Kein Rettichfest“: „Der Reiz dieses Stadtfestes liegt darin, dass Villingen-Schwenningen erstmals gemeinsam feiert. Aus diesem Ansatz sollte sich Verbindendes und Zukunftsweisendes kreieren lassen.“ 44

Wie das Jubiläum sich dann tatsächlich manifestieren wird, ob sich das aus der Urkunde von 817 abgeleitete Geschichtsverlangen mit der Gegenwart und Zukunft Villingen-Schwenningens verknüpfen lässt, bleibt offen. Für Villingen-Schwenningen ist die Urkunde von 817 bestimmt nicht das wichtigste Ereignis, das wäre die Gründung der Stadt selbst, die zudem auf besondere Weise 1971 beurkundet wurde, nämlich durch ein Landesgesetz. Wie sich das Jubiläum 2017 darstellen wird, wie Villingen-Schwenningen erinnert und gedenkt, informiert und aufklärt, versinnlicht und erlebt hängt letzten Endes von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt ab. Der Ausgang ist offen. Unsere Tagung lässt die Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen wirken. Wir geben den historischen Impuls.

* Überarbeiteter Vortrag, gehalten am 12. März 2015 anlässlich der öffentlichen Tagung im Theater am Ring Villingen-Schwenningen, 12. bis 14. März 2015, mit dem Thema: „817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen. Alemannien und das Reich in der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen.“ Veranstalter: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Abteilung Landesgeschichte, Alemannisches Institut Freiburg i. Br. e.V.

Vgl. den Tagungsband: 817 – Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen, Alemannien und das Reich in der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen. Herausgegeben von Jürgen Dendorfer, Heinrich Maulhardt, R. Johanna Regnath und Thomas Zotz. Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2016. ISBN 978-3-7995-1166-7

Anmerkungen:

1 Die Tagungsergebnisse sind veröffentlicht in der Publikation: Villingen 999 – 1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich, hg. von Heinrich Maulhardt und Thomas Zotz (Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Bd. 27 = Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br., Nr. 70), Waldkirch 2003.

2 Ingrid Heeg-Engelhart, Die erste Erwähnung eines Ortes, Anmerkungen zur Problematik historischer Jubiläen und deren Erforschung, in: Historische Jubiläen. Planung – Organisation – Durchführung, hg. vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e. V. (Forum Heimatforschung, Sonderheft 1), München 2000, S. 87 – 105, hier S. 99.

3 Für diesen Hinweis bin ich dem St. Galler Stiftsarchivar Peter Erhart dankbar. Zu den fünf Abschriften siehe Chartularium Sangallense, Bd. 1 (700 – 840), bearb. von Peter Erhart unter Mitwirkung von Karl Heidecker und Bernhard Zeller, St. Gallen 2013, Nr. 227 a – e.

4 Traditiones Monasterii S. Galli: traditio Pavlo Post Mortem s. Galli facta, St. Gallen ca. 1700 [Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Signatur 100 B 76683 RH].

5 Für diesen Hinweis bin ich dem St. Galler Stiftsarchivar Peter Erhart dankbar.

6 Marquard Herrgott, Genealogia diplomatica augustae gentis Habsburgicae, Bd. 2, Wien 1737, vgl. S. 18 f., Nr. XXXVI; vgl. Chartularium Sangallense 1 (wie Anm. 3), S. 216 f.

7 Codex Diplomaticus Alemanniae et Burgundiae Trans-Iuranae intra Fines Dioecesis Constantiensis CEV Fundamentum Historiae eiusdem Dioecesis, Tomus I, hg. von Trudpert Neugart, St. Blasien 1791, S. 163 mit dem Volltext der Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen vom 4. Juni 817.

8 Vgl. ebd., Praefatio VII.

9 Johann Georg Benedikt Kefer, Villingen, in: Historisch-statistisch-topographisches Lexicon von dem Großherzogtum Baden, hg. von Johann Baptist Kolb, Bd. 3, Karlsruhe 1816, S. 324.

10 Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS), Bestand 2.2, Nr. 8373 = Ferdinand Förderer, Altertümerrepertorium (1875),

S. 191 f.

11 SAVS, Best. 2.1 BBB 14 = Christian Roder, Manuskript zur Stadtgeschichte Villingen, S. 423.

12 Ebd., S. 28.

13 Ebd.

14 Ebd., S. 21.

15 Bertram Jenisch: Villingen – Archäologische Zeugnisse der Besiedlung im 11. und 12. Jahrhundert, in: Villingen 999 – 1218 (wie Anm. 1), S. 59 – 78, hier S. 62.

16 Roder, Manuskript (wie Anm. 11), S. 34.

17 Der neue Brunnen auf dem Münsterplatz in Villingen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 14 (1989), S. 58 – 64, hier S. 61.

18 Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 bis 1533, hg. von Christian Roder, Tübingen 1883, S. 1.

19 Vgl. Michael Hütt, „Die Sechs hundert Jahr alte und allzeit Catholische Statt Villingen“. Ein Jubelfest im Jahr 1719, in: Menschen, Mächte, Märkte, Schwaben vor 1000 Jahren und das Villinger Marktrecht, hg. von Casimir Bumiller, Villingen-Schwenningen 1999, S. 61; Monika Spicker-Beck: 999 und 1119. Wege der historischen Überlieferung und Geschichtsschreibung in Villingen, in: ebd., S. 69 – 90.

20 Vgl. Hütt, Sechs hundert Jahr (wie Anm. 19), S. 61.

21 Vgl. Catrin B. Kollmann: Historische Jubiläen als kollektive Identitätskonstruktion. Ein Planungs- und Analyseraster, Stuttgart 2014, S. 23.

22 Vgl. ebd., S. 22.

23 Vgl. ebd., S. 39.

24 Vgl. Hütt, Sechs hundert Jahr (wie Anm. 19), S. 65.

25 Vgl. Heinrich Maulhardt: Die Villinger Marktrechtsurkunde in ihrer Wirkungsgeschichte, in: Villingen 999 – 1218 (wie Anm. 1), S. 11 – 18, hier S. 16.

26 Vgl. ebd., S. 14 f.; Spicker-Beck, Wege (wie Anm. 19), S. 69 – 90, hier S. 84 f.

27 Maulhardt, Marktrechtsurkunde (wie Anm. 25), S. 17 f.

28 Annemarie Conradt-Mach, Städtische Jubiläumsfeiern, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jubiläumsausgabe 23 (1998/99), S. 57 – 61, hier S. 59.

29 Spicker-Beck, Wege (wie Anm. 19), S. 73.

30 Conradt-Mach, Jubiläumsfeiern (wie Anm. 28), S. 60.

31 Vgl. SAVS (wie Anm. 10), Bestand 2.2, Nr. 5149.

32 Annemarie Conradt-Mach, „Freudig tret ich in deinen jungen Staat Badenia!“ Geschichtsbewußtsein und bürgerliches Selbstverständnis im 19. Jahrhundert am Beispiel der badischen Stadt Villingen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 23 (1999), S. 100 – 115, hier S. 108.

33 NSZ Rheinfront – Blick in die Heimat – vom 26. Februar 1936, in: SAVS (wie Anm. 10), Stadtchronik VS 361.

34 Artikel „Die Jubiläumsfeier der Villinger Wasserbelagerung“ in: Der Schwarzwälder – Villinger Tagblatt Nr. 124 vom 3. Juni 1937, S. 8; siehe auch die Ausgaben vom 5. und 7. Juni 1937.

35 Vgl. Codex Diplomaticus Alemanniae (wie Anm. 7), S. 63 Anm. e.

36 Vgl. Codex Diplomaticus Alemanniae (wie Anm. 7), S. 63 Anm. e.

37 Paul Schmid / Johannes Kohler, Stadtchronik von Schwenningen (handschriftlich), S. 9; gedruckt in: Paul Schmid, Schwenningen a. Neckar. Ortschronik, Schwenningen 1902, S. 22.

38 Vgl. Dieter Knaupp, Die urkundliche Ersterwähnung Schwen-ningens, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 12 (1987), S. 111 – 113.

39 Vgl. Michael Borgolte, Das Königtum am oberen Neckar, in: Zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Das Land am oberen Neckar, hg. von Franz Quarthal, Sigmaringen 1984, S. 67 – 110, insbesondere S. 100 f.

40 Herbert Muhle, Erstnennung Villingens: „ad Filingas“. Die Königsurkunde von 817 im Stiftsarchiv St. Gallen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 12 (1987), S. 105–110.

41 Historisch-statistisch-topographisches Lexicon 3 (wie Anm. 9), S. 275.

42 Eine Durchsicht der Villinger und Schwenninger Tageszeitungen im Stadtarchiv hat ergeben, dass es weder eine 1100-Jahr-Feier noch eine 1150-Jahr-Feier in den Jahren 1917 und 1967 in Villingen und Schwenningen gab.

43 Kollmann, Jubiläen (wie Anm. 21), S. 77.

44 Eberhard Stadler, Stadtfest 2017 – Kein Rettichfest, in: Südkurier, 14. November 2014, S. 22.

Jahresrückblick 2016 (Helga Echle)

Das zurückliegende Vereinsjahr bescherte unseren Mitgliedern eine Fülle von interessanten Veranstaltungen.

Den Anfang machte eine Führung durch die Firma Continental Automotive GmbH Villingen. Die frühere Firma Kienzle Apparate Villingen erbaute in den siebziger Jahren das neue Werk in der Heinrich-Hertz-Straße, das später in den Besitz der Fa. Mannesmann-Kienzle und anschließend an die Fa. Continental überging. Die interessierten Mitglieder bekamen einen umfangreichen Einblick in die weltweite Firmenstruktur und eine spannende Führung in der Produktionslinie von Tachometern und Mautgeräten.

Abb. 1: Die Besuchergruppe bei Continental.

 

 

 

 

 


Im Februar hielt Herr Michael Buhlmann wieder einen überaus interessanten Vortrag, passend zum bevorstehenden Stadtjubiläum über „Die Urkunde Ludwigs des Frommen für das Kloster St. Gallen, ein Beginn der Geschichte von Villingen und Schwenningen.“

Ebenfalls im Februar blickten zahlreiche Mitglieder der GHV Villingen hinter die Kulissen des Theater am Ring. Sie informierten sich auf und hinter der Bühne des Theaters über die faszinierende Technik des Bühnenturms, der 1998 in Betrieb ging. Der technische Leiter Stephan Krist zeigte der Gruppe die andere Seite eines Theaterbetriebs anschaulich und sehr kurzweilig und erklärte seine verantwortungsvolle, interessante Aufgabe.

Die verschiedenen technischen Anlagen von den vielfältig einsetzbaren Scheinwerfern, den vielseitig nutzbaren Vorhängen, dem Schnürboden bis hin zur „Regiesstelle“ einer aufwändigen Schaltanlage beeindruckten die Teilnehmer sehr.


 

 

 

 

 

In der sehr gut besuchten Mitgliederversammlung des GHV Villingen konnte Werner Echle, seit einem Jahr Vorsitzender, Herrn Ministerpräsident a.D.Dr. h.c. Erwin Teufel mit Gattin und Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon begrüßen. Er gab seinen ersten Rechenschaftsbericht ab. Hasko Froese informierte über die Finanzsituation des Vereins.

Abb. 4: Professor Friedemann Maurer (Mitte) mit dem Initiator des Vortrags, Eberhard Härle (links) und dem 1. Vorsitzenden Werner Echle (rechts).

In ihrem Amt für weitere 2 Jahre wurde die Schriftführerin Helga Echle einstimmig bestätigt. Der GHV konnte auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2015 zurückblicken und insgesamt eine positive Bilanz vorlegen.

In Rahmen der Jahreshauptversammlung wurde dem langjährige Vorsitzenden Günter Rath für seine Verdienste im Geschichts- und Heimatverein Villingen die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg verliehen.


Am 16. März erlebte eine Gruppe des GHV eine Führung mit Frau Dr. Anita Auer durch die Ausstellung „Das Korn der frühen Jahre“, 7000 Jahre Agrargeschichte in Baden-Württemberg, in der die hochinteressanten Ergebnisse von 25 Jahren Forschungsarbeit zur Geschichte unserer Kulturlandschaft durch das Labor für Archäobotanik präsentiert wurden. Man erfuhr, wovon sich die Menschen ernährten, wie die Landschaft gestaltet wurde und wie man die Erträge nutzte.


Die Wirtschaft, so glauben wir oft, folgt eigenen und objektiven Gesetzmäßigkeiten – Angebot und Nachfrage, Dynamik von Geldströmen, Zwang zu Innovation und Rationalisierung. Im Grunde aber wird sie von und für Menschen betrieben und folgt daher menschlichen Antrieben; Wirtschaftsgeschichte ist wesentlich Humanwissenschaft. Diese Sicht leitete Prof. Friedemann Maurer bei seinem Vortrag vor dem Geschichts- und Heimatverein Villingen über die regionale Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Als Pädagoge und Philosoph hatte er sich zum Ziel gesetzt, die treibenden Kräfte bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Schwarzwaldes anthropologisch zu erklären: Die Traditionen dieser Landschaft seien die Widerspiegelung einer Lerngeschichte, die Welt, die dabei entstand, eine Leistung der Menschen. Die Firma „Johann Morath und Söhne“, heute „IMS Gear“ in Eisenbach, führte Maurer als Beispiel für Beharrungskraft und Leistungsfähigkeit des Schwarzwälder Gewerbes auch unter widrigen Umständen an.

Wirtschaft, so Friedemann Maurer abschließend, besteht nicht nur im Zusammenwirken von Kapital und Arbeit, sondern ist wesentlich angewiesen auf Bildung – und auf menschliche Eigenschaften wie Ausdauer in der Entbehrung, Anpassungsfähigkeit und Weltoffenheit. Im Schwarzwald ist dieser Zusammenhang anschaulich zu beobachten, als Beispiel einer Lern- und Sinngeschichte der menschlichen Gemeinschaft.


Die erste Tagesexkursion 2016 führte den GHV nach Offenburg und Kappelrodeck. In Offenburg lernten die Teilnehmer bei einer Stadtführung die Stadt und deren Geschichte kennen. Sie waren überrascht von der Schönheit und der reichhaltigen Geschichte der Stadt. Ein Vergleich mit Vil-lingens Geschichte ergab manches Gemeinsame,

wie z.B. die Stadtbefestigung, die in Offenburg im Pfälzischen Erbfolgekrieg im Jahre 1689 von den Truppen Ludwigs XIV. leider vollständig zerstört wurde, eine Spitalstiftung sowie die Zugehörigkeit zu Habsburg. Über die Ereignisse der badischen Revolution 1848, für die Offenburg das Zentrum war, erfuhren die Teilnehmer ebenso wie über die Wirtschaftsentwicklung in der bevorzugten Lage der Stadt.

In Achern und Kappelrodeck lernten die Besucher, aufgrund der Vermittlung und Organisation des GHV-Mitglieds Uwe Lauinger, dessen Vater aus Achern stammte, das Weingut Köninger kennen. Der junge, sehr aktive und ehrgeizige Tobias Köninger erklärte, wie er diesen Betrieb gegründet hat und mit welcher modernen Betriebsphilosophie und -strategie er mit einem Sortiment an qualitativ hochwertigen Produkten auf einem erfolgreichen Weg ist.

Abb. 5: Tobias Königer erklärt die Weinherstellung.

Ein Mönch aus Villingen bringt Kultur an den Bodensee: Diese kühne These trug Michael Raub, Historiker und Lehrer am Wirtschaftsgymnasium, dem Geschichts- und Heimatverein vor. Im Mittelpunkt stand Franz Sales Wocheler, der 1790 im Alter von 12 Jahren als Schüler an das Villin-ger Benediktinergymnasium gekommen war und 1797 in den Orden eintrat. Als junger Mönch unterrichtete er am Klostergymnasium und war Seelsorger in Pfaffenweiler. 1820 wurde er

Stadtpfarrer in Überlingen; dort gründete er den Schulfonds und die heute noch bedeutende Leopold-Sophien-Bibliothek.

Als Wocheler nach Überlingen kam, war der Glanz der ehemaligen Reichsstadt verblichen, die allgemeine Bildung in schlechtem Zustand. Hier fand der neue Stadtpfarrer ein wichtiges Betätigungsfeld. 1830 ergriff er die Initiative, die Schulen der Stadt neu zu organisieren. Ein Jahr später stiftete er der Stadt seine eigene, aus über 10.000 teils kostbaren Bänden bestehende Büchersammlung, darunter viele aus Villinger Klöstern. Sie bildete den Grundstock der Leopold-Sophien-Bibliothek, der ersten öffentlichen Bibliothek Badens. So hat der von den Reformideen aus seiner Villinger Zeit geprägte Geistliche in der Tat die Kultur am Bodensee voran gebracht, wofür ihm die Stadt Überlingen 1878 vor dem Münster ein Denkmal setzte.

Abb. 6: Herr Dr. Michael Raub (links) mit dem Initiator des Vortrags Michael Tocha.

In einer sehr unterhaltsamen und lehrreichen theatralischen Stadtführung führte Gunther Schwarz mit seinem Ensemble die Gruppe des GHV in die Geschichte Villingens durch das Mittelalter bis in die frühe Neuzeit. Im Mittelpunkt stand das „Alte Rathaus“, in dem die Führung endete. Diese ging vom Franziskaner über die ehemalige Herrenstube in der Rietstraße bis zum Alten Rathaus, in dem die Baugeschichte dieses Gebäudes erklärt wurde.

Im ehrwürdigen Ratssaal präsentierte das Ensemble als Höhepunkte die besonderen schauspielerischen Auftritte einer Betschwester und des

Jakob Kraut. Thema hier war vor allem die Zeit der Hexenprozesse um das Jahr 1641.

Mit viel Humor, Witz und Ironie gestaltete das Ensemble eine über zweistündige kurzweilige, spannende aber auch nachdenkliche und dramatische Führung, in der es mit überzeugenden schauspielerischen und musikalischen Begabungen die GHV-Mitglieder überraschte und begeisterte.

Besondere Erlebnisse waren ein Abstecher in die Camargue mit Rundgang in St. Gilles und Besuch der Salzgärten von Aigues Mortes, die Besichtigung des Papstpalastes und der bekannten Brücke in Avignon. Ein Besuch in der ehemaligen Heilanstalt in St.Remy-de-Provence, in der Vincent van Gogh sein letztes Lebensjahr verbrachte und etliche seiner ausdruckvollsten Bilder malte, sowie die Besichtigung der Ockerbrüche in Roussillon und des Pont du Gard in Nîmes rundeten das Bild dieser vielfältigen Landschaft ab.

Abb. 7: Das Ensemble der Theatralischen Stadtführung.

Vom 31. Mai bis 08. Juni lernten 43 Teilnehmer des Geschichts- und Heimatvereins Villingen auf der Jahresexkursion die an Geschichte und Kultur reiche Provence kennen. In dieser Region mit einer vielfältigen und abwechslungsreichen Landschaft besuchte die Gruppe mehrere geschichtsträchtige Städte mit vielen Kulturdenkmalen und lernte auch Land und Leute und deren typische Küche kennen. Die Rhone war ständiger Begleiter auf dieser Fahrt.

Der Reiseleiter Klaus Weiss von der Fa. albaTours verstand es ausgezeichnet, mit seinem reichen Wissen den Teilnehmern die Geschichte dieser schönen Gegend im Gesamtzusammenhang mit der europäischen Entwicklung zu erklären. Mit vielen wertvollen und fachkundigen Informationen über Kultur, Land und Leute, Landschaften, aber auch Politik, aktuelle Ereignisse, Fauna und Flora machte Herr Weiss die Jahresexkursion zu einem besonderen Erlebnis. Die noch vorhandenen Kulturdenkmale aus der Römerzeit sowie die künstlerisch wertvollen Kirchen waren Schwerpunkte bei den Besichtigungen.

Abb. 8: Der Pont du Gard in Nîmes.

Unter Leitung des zweiten Vorsitzenden Andreas Flöß besuchte eine Gruppe des GHV das Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Unter dem Motto „Architektur als Kunst“ wurden auf dem Campus bei einer Architekturführung die Bauten namhafter Architekten wie z. B. Frank Gehry, Tadao Ando oder Zaha Hadid erklärt und bewundert.

Außer der Architektur auf dem Campus erhielt der GHV auch eine interessante Führung durch die Produktionsstätte der Fa. Vitra, in deren Mittelpunkt die Fertigung des sehr erfolgreich produzierten „Lounge Chair“ Stuhles stand. Der Besuch im Vitra Haus mit Möbelarrangements in unterschiedlichen Zeit- und Stilrichtungen von den großen Klassikern bis zu heutigen Entwürfen rundeten mit einmaligen Eindrücken diesen Besuch ab.


Ausgebucht war die Exkursion des GHV in die Trompeterstadt Bad Säckingen, die von Dekan i. R. Pfarrer Kurt Müller und dem Vorsitzenden Werner Echle geplant und geleitet wurde.

Abb. 9: Eines der Gebäude im Vitra-Museum.

Bei einer Stadtführung lernten die Villinger die Geschichte der schönen Stadt kennen, deren Entstehung dem Leben und Wirken des Heiligen Fridolin zu verdanken ist.

Bekannt ist die Stadt vor allem durch die Legende um den „Trompeter von Säckingen“ von Joseph Viktor von Scheffel, mit dem Kater Hiddigeigei, sowie durch die längste, überdachte Holzbrücke Europas.

Die Besichtigung des Münsters mit dem Fridolinsschrein war der Schwerpunkt dieses Tages. Pfarrer Kurt Müller erklärte den Teilnehmern in seiner bekannten, beliebten und angenehmen Art schon während der Fahrt die Geschichte des Heiligen Fridolin und des Münsters. Auch über die Stele seines befreundeten und den Villingern wohlbekannten Klaus Ringwald konnte er vieles erklären. Ähnlich wie beim Münsterbrunnen in Villingen hat Ringwald auf der Stele die Säckinger Stadt-Geschichte mit dem Leben des heiligen Fridolin, dem Trompeter von Säckingen und die traditionelle Bäderkultur dargestellt.


Der GHV besuchte vom 30. 06. 2016 bis 03. 07. 2016 den Harz mit der alten Kaiserstadt Goslar und den Nachbarstädten Quedlinburg und Wernigerode. Helga Echle hat diese Fahrt vorzüglich geplant und vorbereitet. Die Teilnehmer waren begeistert von dieser bisher den meisten unbekannten Landschaft. Bei einer ausgezeichneten Stadtführung lernte man die UNESCO-Welterbestadt Goslar und die „Bunte Stadt am Harz“ Wernigerode kennen. Bei einer kleinen Harzrundfahrt wurden die Teilnehmer mit den Ähnlichkeiten zum Schwarzwald vertraut gemacht.

Bei einer Führung durch die eindrucksvolle historische Altstadt Quedlinburgs mit dem Schlossbergensemble, die seit 1994 als Welterbe der UNESCO geschützt ist, lernte die Gruppe dieses Kleinod und deren Geschichte kennen. Quedlinburg erhielt 994 das Markt-, Münz- und Zollrecht von Otto III. verliehen, also 5 Jahre vor Villingen. In der sehr geschichtsträchtigen Stiftskirche St. Servatii erlebte die Gruppe eine hervorragende Führung mit vielen Informationen aus der Geschichte Heinrichs I, der in dieser Kirche mit seiner Frau Mathilde begraben wurde. Es war genau sein 1080 Todestag, an dem die GHV Gruppe die Grablege besuchte.

Abb. 10: Blick von der längsten überdachten Holzbrücke Europas zum Fridolinsmünster.


Bei seiner Exkursion zum Wasseraufbereitungs-betrieb der Bodenseewasserversorgung in Sipplin

Abb. 11: Ein Teil der Gruppe vor der Kaiserpfalz in Goslar.

Dr. Enzenroß stimmte auf der Hinfahrt mit Ausführungen zum Leben in früheren Jahrhunderten ein, in denen oft durch verunreinigtes Wasser Krankheiten, wie z B. Cholera, die damals schlimmste Krankheit, sich verbreiteten. Wohltuend waren anschließend bei der Führung in der Aufbereitungsanlage Sipplingen die Informationen über die heutige erstklassige Qualität des Trinkwassers aus dem Bodensee.

Dieses Wasser wird auch nach Villingen geliefert. Mit Pumpwerken, aber vor allem durch natürliches Gefälle können ca. 4 Mio. in ganz Baden-Württemberg bis nach Bad Mergentheim mit Trinkwasser versorgt werden.

Abb. 12: Im „Quellbecken“ trtitt das Bodenseewasser erstmals zutage.

Den kunstgeschichtlichen Teil der Exkursion erlebte der GHV durch die Führung im Münster St. Nikolaus, in Überlingen. Der langjährige ehemalige Mesner Wolfensberger erklärte den Hochaltar von 1616 -einer der berühmtesten deutschen Schnitzaltäre- der von Jörg Zürn geschaffen wurde.

Abb. 13: Pumpwerke im Wasserversorungswerk Sipplingen.

Neben der Kirche steht ein Denkmal des ehemaligen Villinger Benediktinermönchs Franz Sales Wocheler, der von 1811 – 1820 Dekan und Stadtpfarrer in Überlingen war und sehr viel für die Bildung in der Stadt getan hat. Günter Rath wusste viel Interessantes über diesen Mann zu erzählen.


Architekt Konrad Flöß, langjähriges aktives Mitglied im GHV, hat zum „Tag des offenen

Denkmals“ am 11. September 2016 einen Beitrag unseres Vereins übernommen. Er bot 2 Führungen zu Wegkreuzen in Villingen an, die vom GHV saniert wurden. Er hatte sich für diese Führungen gut vorbereitet und recheriert, um den ca. 55 Teilnehmern viel Interessantes zu vermitteln.


Auf Anregung unsere Vorstandsmitglieds Andreas Flöß wurden auf einer Sonderexkursion im Ruhrgebiet, mit Schwerpunkt Industriearchitektur, die Stadt Essen sowie die Margarethenhöhe, ein Beispiel für die Umsetzung der Gartenstadtidee in Deutschland, besichtigt. Ebenso stand eine Besichtigung der Villa Hügel, Repräsentationsort des Unternehmens Krupp, auf dem Programm. Weitere Stationen waren das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein sowie die Kokerei, in der Kohle zu Koks veredelt wurde. Die Teilnehmer lernten die Produktionsabläufe der einst größten Zentralkokerei Europas kennen. Die Besichtigung des Gasometers in Oberhausen und des Hafens in Duisburg rundeten das Programm ab.

 

Abb. 14: Blick auf die Zeche Zollverein in Essen.

Unter dem Thema „Helden, Herrscher, Heilige“ konnten sich viele Besucher des Franziskanermuse-ums nicht so recht etwas vorstellen. Frau Dr. Anita Auer führte jedoch mit großem Wissen und Erklärungen, die auch zum Schmunzeln anregten, zu ausgesuchten Ausstellungsstücken. Die Teilnehmer waren sich einig, dass dies eine der interessantesten Führungen im Franziskaner-Museum war.


Ausgebucht war auch die Fahrt nach Schonach zum Besuch der Ringwaldausstellung. In 3 Gruppen wurden die Gäste durch die sehenswerte Ausstellung geführt und mit dem Schaffen und den Exponaten von Klaus Ringwald vertraut gemacht. Es gab auch viele Informationen, die selbst „Ring-waldkenner“ zum Staunen brachten.


„Der Wald als Wasserlieferant und Lebensraum“ war das Thema einer Waldbegehung. Der große Kreis der Besucher erfuhr viel über die Arbeit des Forstamtes, den Waldschutz sowie Gefahren und Aktionen gegen das Waldsterben. Dass der Wald auch als wichtiger Wasserlieferant für Villingen dient, wurde anhand eingefasster Quellen und einer Pumpstation deutlich gemacht. Ebenso wurde ausführlich und anhand von Darstellungen über den Biber, seinen Lebensraum und seine „Schädigungen“ berichtet.

Die Teilnehmer waren sich einig: Die Villinger lieben ihren Wald.

Abb. 15: Der ehemalige Leiter des Städt. Fortamtes informiert über das Forschungsprojekt gegen das Waldsterben.

Die Besichtigung des Deutschen Phonomuseums in St. Georgen zeigte den Besuchern 150 Jahre Entstehung und Entwicklung von Tonkonserven. Auf 1.000 Quadratmetern wird hier so ziemlich alles präsentiert, was jemals Töne konservierte: frühe Walzen-Diktiergeräte ebenso wie das Tefifon, ein erstes Tonband- Kassetten-System aus den 50er-Jahren.1907 stellten die Gebrüder Steidinger, die aus einer Uhrmacherfamilie stammten, Federwerke für Grammophone her – bis zu 50.000 Stück im Monat.

Die Teilnehmer zeigten sich begeistert von den alten Geräten, die zum Teil mit riesig großen Trichtern noch funktionsfähig sind, was die diversen Vorführungen belegten.

Auch eine Sammlung alter Schwarzwälder Uhren, hergestellt von St. Georgener Uhrmachern, gab es zu bestaunen.


Nach Redaktionsschluss fanden noch unter großer Beteiligung eine Tagesexkursion zur Besichtigung der Stuttgarter Weissenhofsiedlung sowie eine Führung mit Professor Schnabel im Haus der Geschichte statt.


Ebenfalls eine große Anmeldeliste verzeichnete der Besuch des Uhrenindustriemuseums im November.


Abb. 16: Der festlich gedeckte Saal im Hotel Diegner.

 

Mit dem wieder gut besuchten, stimmungsvollen „Besinnlichen Abend“ im Hotel Diegner endet ein an Veranstaltungen reiches Vereinsjahr 2016.

Paul Revellio ein großer Historiker der Villinger Stadtgeschichte (Wolfgang Bräun)

Abb. 1: Paul Revellio.

Villingen

Schon sind es bald 18 Jahre, seit die Villinger 1999 mit großem Pomp, mit üppigem Festzug und feierlichen Jubiläumstagen ihre 1000-jährige Geschichte feierten. Neben solch großen Gedenktagen gibt es aber auch jene, die seit Jahrzehnten den Reiz der Stadtgeschichte bestimmten und keinesfalls vergessen sind. Denn 1964 publizierte Professor Paul Revellio, seit 1952 Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenbürger der Stadt Villingen zu dessen 75. Geburtstag 1961, mit über 500 Seiten samt 150 Abbildungen und Fotos die bemerkenswerten, ja bis heute phänomenalen „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“.

Revellio (* 24. September 1886 Hüfingen; † 1. Juli 1966 Villingen) wurde als Sohn des Buchdruckers Carl Revellio in Hüfingen geboren. Er besuchte dort die Volksschule und danach das Gymnasium in Donaueschingen, worauf er das Studium der Geschichte an der Universität Freiburg aufnahm und er dort 1913 bei Heinrich Finke mit seiner Dissertation „Hans, der Gelehrte von Schellenberg“ promovierte.

Ab 1919 bis 1952 avancierte Revellio zum Gymnasialprofessor für Deutsch und Geschichte am Real-Gymnasium Villingen und war begleitend auch Stadtarchivar in Villingen (1919 – 1966). Aus dieser Position heraus veröffentlichte Revellio zahlreiche Beiträge zur Früh- und Kunstgeschichte seiner Heimat, mit wesentlichen Forschungsbeiträgen zur vor- und frühgeschichtlichen Fundstellen in der Baar, was ihm auch durch seine Funktion als Grabungsleiter bei der römischen ‚villa rustica‘ in Engen-Bargen möglich wurde. Und Revellio versäumte nicht, den Aufbau und den Erhalt des Franziskaner-Museum in Villingen zu fördern.

Gesammelte Raritäten

Revellio gestaltete während seiner Dienstzeit in den 20er Jahren auch die Villinger Altertümer-sammlung, die zuvor ein loses Sammelsurium an Raritäten war. Ein Faible hatte Revellio auch für den Hafner und Künstler Hans Kraut, für die Villinger Wandteppiche und den Druck eines Museumsführers.

Schließlich war es auch Revellio, der 1929 die Gemeinderäte überzeugen könnte, die Schwarzwaldsammlung von Oscar Spiegelhalder zu kaufen. Sie ist bis in unsere Tage von überragender volkskundlicher Bedeutung.

Abb. 2: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen.

Bescheidener Dank. Im Vorwort zu seinem historischen Werk benennt Revellio, dass die umfangreiche Textsammlung auch als „bescheidener Dank“ gelte für eine ihm zuteil gewordene Ehre. Denn zu seiner Pensionierung 1952 hatte man ihn für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und zum 75. Geburtstag erhob man ihn in den Stand eines Ehrenbürgers der Stadt Villingen

Auch wenn sich die Herausgabe von Revellios Werk gerade nicht jährt, dann soll ihm als leidenschaftlichem Historiker, der mit einem überaus populären, dicken und spannenden Buch, der Pflichtlektüre für jeden Stadtführer, einen Markstein gesetzt hat, zum Jahrestag seines Todes vor 50 Jahren gedacht werden.

Denn für unzählige Villinger sind Revellios Beiträge noch immer „eine Fundgrube für jeden Heimatfreund“. Seit damals, 1964, herausgegeben zu einem doch niedrigen Preis, wohl nicht zuletzt deshalb, weil das Werk als vierte Folge der Schriftenreihe der Stadt aufgelegt wurde.

Arbeitsames Leben

Das Werk selbst ist mehr als ein Inventar an Beiträgen aus einem überaus arbeitsamen Leben als Schulmann und Historiker, als Archivar und verdienter Kustos der städtischen Sammlungen. Es ist ein Repetitorium, ein Nachschlagewerk für die heimatgeschichliche Orientierung.

Revellio schreibt 1964: „Mehr denn je braucht man jetzt die gesunden und bewahrenden Kräfte der Vergangenheit; sie aus dem Schutte, den eine unglücklichen Gegenwart über sie gehäuft, wieder freizulegen…“.

Bis heute ist das Werk erhältlich, auch in lokalen Antiquariaten, und so bleibt es eine Lektüre, die verständlich und spannend und in populär-wissenschaftlicher Darstellung den heimatkundlichen Laien erfreut und verwöhnt.

Seit mehreren Jahrzehnten ein „quellenreiches Neuland“ mit zahlreichen Abbildungen (150), die im individuellen Geschichtsbewusstsein vieler Bürger Platz genommen haben.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Paul Revellio    (* 24. September 1886 Hüfingen; † 1. Juli 1966 Villingen)

Abb. 2: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen

Ehrenvorsitzender Günter Rath erhält Ehrennadeldes Landes Baden-Württemberg (Werner Echle)

Günter Rath war 33 Jahre lang für unseren Geschichts- und Heimatverein Villingen ehrenamtlich tätig. Nach acht Jahren Mitgliedschaft im Beirat und zwei Jahren als zweiter Vorsitzender leitete er von 1993 – 2015 insgesamt 23 Jahre lang den Verein als erster Vorsitzender. Für dieses große Engagement erhielt Günter Rath – auf Initiative seines Nachfolgers – im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 09. März 2015 die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg überreicht.

Zu dieser Veranstaltung konnte der Vorsitzende Werner Echle den Oberbürgermeister unserer Stadt Herrn Dr. Rupert Kubon begrüßen, der die Ehrung im Namen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann vornahm. Als besondere Geste gegenüber Günter Rath freute er sich, dessen langjährigen obersten Dienstvorgesetzten Herrn Ministerpräsident a. D. Dr. h.c. Erwin Teufel mit Gattin willkommen heißen zu dürfen. Außerdem erwiesen viele Vereinsmitglieder und Wegbegleiter dem langjährigen Vorsitzenden in großer Verbundenheit ihre Reverenz.

Der Oberbürgermeister ging in seiner Laudatio auf die besonderen Leistungen von Günter Rath ein. Er erwähnte die vielen Veröffentlichungen, Projekte und Förderungen, die der Verein unter seiner Führung realisiert hat. Beispielhaft sind zu nennen: die Unterstützung der Silbermannorgel, der Weihnachtsmarkt, die Stele am Stationenweg, der Geschichts- und Naturlehrpfad sowie die Einrichtung einer eigenen Geschäftstelle.

Abb. 1: Oberbürgermeister Dr. Kubon bei der Verleihung (Foto Jochen Hahne).
Abb. 2: Dr. h.c. Erwin Teufel beim Grußwort (Foto Jochen Hahne).

Ministerpräsident a.D. Dr. h.c. Erwin Teufel überraschte den Geehrten und die Anwesenden mit einem Grußwort. Ein besonderes Lob hatte er für die ehrenamtliche Arbeit, die sein langjähriger Mitarbeiter im GHV geleistet hat und unterstrich in diesem Zusammenhang die Unverzichtbarkeit des Ehrenamtes für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Er äußerte vor allem die Wertschätzung für Rath, dessen Kreativität er auch in Diensten des Landes Baden-Württemberg erlebt hat.

Günter Rath schloss seine Dankesworte mit dem Wunsch an die Stadt: „Ich wünsche mir, dass sich die Stadtverwaltung Ihrer Verantwortung gegenüber der historischen Stadt bewusst ist.“

Wir alle können dankbar sein, dass Günter Rath sich im Verein und in der Stadt um die Gemeinschaft besonders verdient gemacht hat.

Der Pädagoge und Lokalhistoriker Hans Brüstle (Wolfgang Bräun)

Manchmal muss man Jahrtage etwas „zueinander hin biegen“, damit sie in eine Retrospektive passen. Das gilt für Hans Brüstles populäre Veröffentlichung in 1971, also vor 45 Jahren, aber auch für die Dezember-Jährung 2017 zu seinem 110. Geburtsjahr und schließlich dem 40ten Todestag 1976. Ein einst populärer Zeitgenosse (1907 – 1976), den es insgesamt zu würdigen gilt als Lehrer, Lyriker, Schriftsteller, Lokalhistoriker und GHV-Mitbegründer.

Viele Villinger, die heute in ihren 6oer Altersjahren und auch weit älter stehen, dürften sich als ehemalige Schüler der damaligen Realschule noch an ihn erinnern: Lehrer und Rektor an der später nach Karl Brachat benannten Realschule.

Geboren 1907 bei Oberkirch im Schwarzwald kam er mit seinen Eltern 1908 nach Villingen, wo sein Vater als Baumeister wirkte. Der hatte „ein hübsches Bauernmädchen aus dem Unterland“ als Frau und Mutter seiner Kinder erwählt, so eine sympathische Erinnerung.

Sohn Hans machte zunächst seine mittlere Reife, musste jedoch seine Schulzeit auf den Tod des Vaters im ersten Weltkrieg unterbrechen und absolvierte eine Banklehre. Während seiner Berufsausbildung strebte er lehr- und lern-pädagogisch begleitet zum Volksschullehrer in Seminaren in Lahr, Karlsruhe und Heidelberg.

Lehramt. Hans Brüstle ließ sich nach Hans Hausers (1907 – 1991) Erinnerung in erster Anstellung auf die Leitung der deutschen Schule in Turin ein, worauf er später einem Lehramt nach Ober-kirnach und in Villingen folgte, bis Hans Brüstle zum Mittelschullehrer avancierte und er später die Realschule in Villingen bis 1973 leitete.

Doch auch die Pensionierung stoppte seine Passion nicht: Brüstle widmete sich engagiert der Abendrealschule.

Abb. 1: aus: GHV Heft III 1977.

Aus der Ehe 1937, seine Frau holte er aus dem Bergischen Land hierher in den Schwarzwald, wurde er Vater zweier Söhne und einer Tochter.

Hans Brüstle war für viele Zeitgenossen nicht nur Villinger geworden, er wurde auch zu einem lokalen Typen, den viele an seinem leicht wiegendem Gang erkannten und daran, wie er Kopf und Körper neigte, stets so, als ob ihn nachhaltig Gedanken bewegten, so Hans Hauser in einem Nachruf auf Brüstle.

Hans Brüstle galt als überaus fleißig, nichts wurde auf- oder weggeschoben. Stets war er allem aufgeschlossen und bereit, vieles aufzunehmen. Es sei ihm jedoch ein Gräuel gewesen, in der Öffentlichkeit auftreten zu sollen. Alles populär geltende Getue war im suspekt. Viel eher war er bescheiden und anspruchslos, den Formalismen verständnislos abgeneigt.

Abb. 2: Mit eher wenig Lust zu großem Auftritt: Hans Brüstle mit seinem Hauptschul-Abschlussjahrgang 1952/53 – mit im Bild die Villinger Buben von einst: Hermann Schuhbauer und Gerhard Schubnell.

Standpunkte. Brüstle erweckte gar den Eindruck, als schirme er sich ab, weil er andere nicht brauche, ohne aber Hilfsbereitschaft zu verweigern.

Drum ließ er sich auch nie beeinflussen, was er jedoch durch Lektüre seiner Bücher immer zuließ. Brüstles Standpunkte galten als klar und unumstößlich, ohne beeinflussen zu wollen.

Stets galt Hans Brüstle als skeptisch mit meist raschem Urteil über andere, oft auch wohl ein wenig ruppig aber doch leise, so Hans Hauser.

Brüstles Art war trotz aller Eigenarten nie schroff oder unhöflich, viel eher habe er den Konflikt gescheut und suchte auszugleichen. Oft zum eigenen Nachteil, ohne jedoch seine Haltung aufzugeben.

Heimatgeschichte. Diesem Wesen war seine Liebe zum Klavier- und Orgelspiel passend zugeordnet, dem er sich stundenlang allein hingeben konnte.

Brüstle arbeitete mit an vielen Schulbüchern und liebte die Beschäftigung mit der Heimatgeschichte im Schwarzwald und auf der Baar. Grund genug, auch Mitgründer und Vorstand im Geschichts-und Heimatverein Villingen und gleichzeitig Museumsbeirat wie auch Mitglied und im Vorstand des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen zu werden.

Fasnet und Schemen. Als geradezu reich gilt die Ernte seines Schaffens ab 1960 an heimatkundlichen Schriften. Lokal herausragend: Villingen – aus der Geschichte der Stadt (1971); begeisternd „Das wilde Heer mit einigen hundert Sagen aus dem Schwarzwald (1977)“, erschienen bei Rombach in Freiburg. Und auch die Fasnet blieb ihm nicht fremd, wobei es ihm oft die Schemen und deren Tradition angetan hatten. Es folgen auch „lyrische Versuche“ in schmalen Bändchen „Variationen I und II“.

Reiche Vergangenheit. Interessant dann auch Brüstles Vorwort 1971, sah er sich doch in der Riege all derer, die sich der Villinger Geschichte und deren Chronik widmeten: Johann G. Baptist Käfer (1744 – 1833); J. N. Schleicher (1807 – 1875),

Ch.    Roder (1845 – 1921) und Paul Revellio
(1886 – 1966): „Die kurze Geschichte der Stadt – mit ihrer Kunstgeschichte“ des Co-Autors Josef Fuchs – gilt als berechtigt, weil sie das Bedürfnis einer breiten Leserschaft nach einer geschlossenen Stadtgeschichte befriedigt. Gleichzeitig aber auch unsere heranwachsende Jugend an das geschichtliche Leben einer reichen und bewegten Vergangenheit heranführen möchte.

Abb. 3: Titel von Brüstles Villinger Stadtgeschichte.

 

Zu Ferdinand von Freiburg (Winfried Hecht)

Im XXXI. Jahrgang dieser Zeitschrift wurde 2008 vom Verfasser des vorliegenden Beitrags erstmals in groben Zügen die Geschichte der Villinger Familie Freiburger (Fryburger, von Freiburg) skizziert. 1 Auf Grund der dürftigen Quellenlage musste diese Darstellung der Geschichte der Familie für das 17. Jahrhundert vergleichsweise unvollständig bleiben, vor allem was Ferdinand von Frieburg betraf, von dem sich allenfalls zusätzlich zeigen ließ, dass er in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges und in den Jahren danach in Villingen eine gewisse Rolle gespielt haben muss. Immerhin war schon bisher für Februar 1637 dokumentiert, dass Ferdinand von Freiburg zusammen mit Johann Thomas Schuch als Bürgermeister der Stadt Villingen einen Anteil an den Einkünften „seiner“ Stadt an den Baumeister der Stadt Eglisau am Hochrhein verkauft hat. 2 Und 1641 tritt Ferdinand von Freiburg noch einmal beim Verkauf eines Hauses in Erscheinung. 3

Nun hat in anderem Zusammenhang Frau Dr. Edith Boewe-Koob dankenswerterweise dem Verfasser eine Kopie des Jahrzeitenbuchs der Villinger Vetternsammlung zugänglich gemacht. Dieser zu wesentlichen Teilen bis 1728 redigierten Quelle sind eigentlich völlig unverdächtig an zwei Stellen gerade über Ferdinand von Freiburg wertvolle Angaben zu entnehmen, nachdem ihn schon die Villinger Vetternsammlung in ihrer Spätzeit als „einen zweiten Stüfter dises Convents“ betrachtete.

In der genannten Quelle ist zu lesen 4, der „wohledel“ Junker Ferdinand von Freiburg habe nach dem 1635 während der Pestzeit erfolgten Tod seiner Gemahlin, einer geborenen von Steulin (?), ferner eines Töchterleins und eines noch kleinen Sohnes, „so auch jung verstorben“, sein Amt als Bürgermeister „aus betrübnuss“ niedergelegt. Während er früher in dem Haus „am Pfarrhof, wo jetzt die Kanzlei ist“, wohnhaft gewesen sei, habe sich der ehemalige Bürgermeister nun mit bischöflicher Erlaubnis „in die Kost“ der Vetternsammlung begeben und sei in das „obere“ Stüblein gezogen, welches darauf nach ihm als „junckherrn Stüble“ bezeichnet wurde. Ferdinand von Freiburg war also in seinen späteren Lebensjahren Pfründner in der Vetternsammlung.

Der Vetternsammlung tat Ferdinand von Freiburg in den folgenden Jahren viel Gutes. Er stiftete dem Kloster Früchte und Gülten, namentlich mit einem Grundzins in Dauchingen und aus dem „oberen Garten“ zu Villingen sowie „mit Silber und anderem“. Er starb am 7. September 1669 5, wurde aus der Vetternsammlung „ausgetragen“ und bei „denen Vätteren Franciscanern im Chor begraben“. Als „ein sonderbarer guetthäter“ habe er zu Lebzeiten die Klosterfrauen der Vetternsammlung „vor letztem Untergang erhalten“, heißt es in unserer Quelle. Zu seiner ewigen „Danckhgedächtnus“ werde in der Sammlung ein Jahrtag „mit gantzer Vigil und einer Heiligen Messen begangen“.

Anmerkungen:

1 a. a. O S. 74 – S. 78 und hier besonders S. 77

2 Inventar Villingen II S. 322 Nr. 1704

3 Inventar Villingen II S. 46 Nr. 2210

4 Archiv St. Ursula in Villingen, AB 66 6a. Jahr – Zeithen Buech… renoviert den 5. Tag Augusti 1728 p. 32

5 Wie Anm. 4 p. 29

Das Villinger Münster (Gerhard Ächtner)

Abb. 1: Modell des Villinger Münsters.

Das Münster steht als ein Wahrzeichen der Stadt auf einem großen Platz in der Innenstadt. Es wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Der Baubeginn lag zwischen den Jahren 1130 – 1150. Ursprünglich war das in der Stadt gelegene Münster eine Nebenkirche, Pfarrkirche wurde es 1537. Bis dahin war die Altstadt-Kirche, die sich beim Friedhof befand, die Pfarrkirche.

Da ich schon einige historische Gebäude im Modell nachgebaut hatte, kam mir der Gedanke, ich könnte auch ein Gebäude vom Stadtzentrum bauen. Nach langen Hin- und Her Überlegungen und stundenlangem Anschauen des Gebäudes kam der Entschluß: Ja, es soll das Münster werden. Da habe ich mir etwas angetan.

Nun zu meinem Münster-Bau. Da ich ohne Baupläne kein Modell gebaut habe, fragte ich mich, was mache ich jetzt. Ich vereinbarte einen Termin beim Dekan Müller, vielleicht habe ich Glück und er hat alte Baupläne. Dekan Müller hat mir sofort geholfen, und ich bekam die gewünschten Pläne. Nochmals vielen Dank dafür.

Dann ging es los: Den ganzen Grundriss festlegen, damit die Maße genau stimmen. Habe dann angefangen erst einmal eine Schicht Sandsteine am Grundriß gesetzt. Jetzt hatte ich die Größe des Objekts. Das sah schon einmal ganz gut aus. Und so wuchs es Stück für Stück. Ich war dann sehr oft auf dem Münsterplatz, habe im Detail Bilder gemacht, diese zusammengeklebt und die Steingrößen festgelegt. Es waren ungefähr 350 Bilder. Die Dachschrägen habe ich den Plänen entnommen.

Nordturm und Südturm sind oben auf 2/3 Höhe achteckig, es war schwierig, es genau so zu bauen. Da das Münster zu 95% aus Sandstein besteht, sollte es auch eine ausreichende Festigkeit bekommen. Ich habe mich bei einem Villinger Steinmetz beraten lassen, und er besorgte mir einen Zwei-Komponenten Kleber, der sehr gut war. Der Nachteil war, ich konnte nur 3 – 4 Steine richten, dann kleben. Der Kleber war in 20 – 30 Sekunden dann steinhart. Es sind ungefähr 3.400 Sandsteine. Die Dachziegel sind einzeln gebohrt, gesenkt und genagelt, ca. 12.800 Stück. Das Münster hat insgesamt 66 Fenster. Beleuchtet ist das Modell, so wie es in Wirklichkeit ist. Die Turmuhr hat ein grünes Zifferblatt mit römischen Zahlen und ist funktionsfähig.

Ich hoffe, ich habe einen kleinen Einblick gegeben. Man kann das Modell im Franziskaner Museum besichtigen.

Das Villinger Hallenbad (Berthold Ummenhofer)

Am 18. Dezember 2015 konnte das 50-jährige Jubiläum des Bestehens des Hallenbades in Villingen gefeiert werden. In der Geschichte der Stadt Villingen sind Ereignisse, welche sich vor etwa 50 Jahren zugetragen haben und somit auch im Jahrbuch des GHV sind 50 Jahre nicht unbedingt erwähnenswert. Wenn aber berücksichtigt wird, dass es schon Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts Überlegungen und fertige Planungen gab, in unserer Stadt ein Hallenbad zu bauen, rechtfertigt dies sicherlich eine Rückschau auf diese Überlegungen, Planungen und letztendlich die Vollendung des Hallenbades im Jahr 1965. Insofern teilt sich dieser Bericht in zwei Abschnitte: Diskussion, Planung usw. in den 20er Jahren sowie Diskussion, Planung und Vollendung nach dem II. Weltkrieg.

Obwohl die Stadt Villingen Anfang der 20er Jahre nur 14.000 Einwohner hatte, dachte man an den Bau eines Hallenbades. Zunächst gedacht war ein Standort auf dem Warenburgplatz, man wollte dort die Abwärme des Gaswerkes (befand sich auf dem Gelände des heutigen Arbeitsamtes) für die Beheizung des Hallenbades nutzen, so erwähnt in der Festschrift anlässlich der Eröffnung des Hallenbades von Herrn Stadtoberbaurat Julius Nägele. Bereits damals dachte man also schon an energiesparende Maßnahmen. Allerdings lässt sich dieser Standort nicht in den Protokollen bzw. Bauplänen nachvollziehen, es war in den alten Bauplänen nur vom Standort beim Gaswerk, also im Bereich Landwattenstraße die Rede. Überhaupt fand sich in den Ratsprotokollen nur ein kurzer Hinweis zur Sitzung am 1. Februar 1923. Dort heißt es unter Punkt 1:

Schwimmbaderstellung. Das vom Bauamt aufgestellte Schwimmbadprojekt wird erörtert. Es ist auf Antrag des Gemeinderates Junghans zunächst in eine Erörterung darüber einzutreten und festzulegen, in welcher Reihenfolge die verschiedenen z.Z. schwebenden Projekte zur Durchführung kommen sollen.

Daraus lässt sich schließen, dass mehrere Projekte anstanden und Gemeinderat Junghans eine Art Investitionsplan forderte. Allerdings ist im Archiv eine umfangreiche Bauakte mit umfangreichen Zeichnungen über das Aussehen des Bades und maschinenschriftlichen Texten vorhanden (Akte Best. 1.16 Nr. 7211). So beantragte die Sozialdemokratische Partei Villingen durch Herrn Wilhelm Schifferdecker mit Schreiben vom 24. 8. 1922:

Ein wirksames Mittel zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit der heranwachsenden Jugend und der Erwachsenen ist die Schaffung einer ausreichenden Badegelegenheit für die gesamte Jahreszeit mit Schwimmgelegenheit. Aus den angeführten Gründen beantragen wir, dass den angeregten Fragen die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet und ihre Durchführung alsbald in die Hand genommen wird.

Mit Stellungnahme vom 8.1.1923 an den Gemeinderat legte das Stadtbauamt einen umfangreichen Entwurf über die Erstellung eines Schwimmbades, bestehend aus drei Blatt Zeichnungen und diversen Erläuterungen, vor. Unter Punkt 1 dieser Stellungnahme ging das Bauamt zunächst auf den Bauplatz ein und erwähnte unter anderem, dass die Wahl des Bauplatzes in erster Linie von der zum Betrieb des Bades erforderlichen Wärmequelle abhänge.

Der Betrieb eines Schwimmbades durch eigenen selbsterzeugten Dampf sei bei den heutigen Brennma-terialpreisen einfach undurchführbar. Es seien durch den Betrieb des Bades wie es der Entwurf vorsieht täglich mindestens 22 Zentner Koks erforderlich, wodurch ein Aufwand von 66.000,– Mk entsteht. Bei einem angenommenen durchschnittlichen Besuch des Bades von 100 Personen täglich entstünde schon ein Aufwand für Brennmaterial von 660 Mk pro Person.

Abb. 1: Entwurf von 1923.

In dieser Stellungnahme wird dann empfohlen, den Bauplatz in die Nähe des Gaswerkes zu legen, dass ohne großen Verlust eine Ausnützung des daselbst gewonnen Dampfes möglich wäre. Diese Argumentation wird dann noch mit umfangreichem Zahlenmaterial unterlegt. Zur äußeren Gestaltung wird vorgeschlagen, eine einfache und doch dem Zweck des Gebäudes entsprechend würdigen Weise gedacht. Jede überflüssige Höhenentwicklung der Schwimmhalle sei aus wärmetechnischen Gründen zu vermeiden. Als Kostenaufwand wird, man befand sich in einer Inflationszeit, die heute unvorstellbare Summe von 130 Millionen Mk genannt. Als erstes wird darauf hingewiesen, dass zunächst auch die Möglichkeit bestünde, nur das Vordergebäude mit den darüber liegenden Wohnungen zum Preis von 35 Millionen Mk zu erstellen. Bei der Rentabilitätsrechnung ging man davon aus, dass ein jährlicher Aufwand von 10 Millionen Unterhaltskosten und 6 Millionen Betriebsaufwand, also jährlich 16 Millionen anfallen würden.

Abb. 2: Entwurf 1930 von Friedrich Nieddelmann + Sohn

Bei der Rentabilitätsrechnung wird auf das Schwimmbad in der Waldstraße und das Volksbad in der Schulgasse eingegangen. Das Bad in der Waldstraße sei im Jahr 1921 von 12.000 Personen (ohne Reichswehr) besucht worden, bei einem Ganzjahres-betrieb wurde bei der Rentabilitätsberechnung davon ausgegangen, dass etwa 25.000 Personen jährlich als Besucher gerechnet werden könnten. Somit würde sich der Zuschuss pro Besucher auf 400 Mk belaufen. Es wird vorgeschlagen, das Volksbad in der Schulgasse aufzuheben und die dort vorhandenen Wannen und Brausen könnten selbstredend beim Neubau des Bades Verwendung finden. Die Stadt könne es sich nicht leisten, zwei Bäder zu betreiben (Volksbad und Hallenbad). Bei Aufhebung des Volksbades würden allein schon Kosten für das jährliche Brennmaterial (Koks) in Höhe von 2,5 Millionen eingespart.

Im Protokoll vom 13.2.1923 (nicht ersichtlich, ob ein Gemeinderatsprotokoll oder Protokoll eines Gespräches der Fraktionsführer) geht die Stadtverwaltung unter Zugrundelegung des o. g. Entwurfes auf das Schreiben bzw. den Antrag der Sozialdemokratischen Partei vom 24.8.1922 ein. Dort heißt es unter anderem:

Der Vorschlag sieht einen Aufwand von 130 Millionen Mark vor, dürfte aber bei den jetzigen Preisen sich um das Doppelte erhöhen (also nur etwa 35 Tage nachdem das Stadtbauamt seine Sellungnahme veröffentlicht hat).

Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass der Gemeinderat bei der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zunächst einmal festzulegen habe, welche der verschiedenen z. Zt. in der Schwebe sich befindlichen Projekte am dringlichsten sind. Von den Fraktionsführern wird übereinstimmend erklärt, dass vorab Mittel für den Wohnungsbau bereitzustellen seien, in erster Linie aber die Mittelstandsoder Stadtküche und sodann die Leichenhalle in Verbindung mit der Friedhofserweiterung in Betracht kämen. Diese Unternehmungen würden die Finanzkraft der Stadt wohl schon derartig beeinflussen, dass die Erstellung des Schwimmbades vorerst zurückstehen müsse.

Damit war das Projekt zunächst vom Tisch, allerdings wohl nie die Diskussion in den politischen Gremien bzw. der Bevölkerung. Mit Schreiben vom 2. 9. 1926 wandte sich die sozialdemokratische Fraktion, hier wieder Herr Schifferdecker, an den Stadtrat Villingen. Im Schreiben wird erneut die Errichtung eines größeren (Hallen)Schwimmbades, durchaus auch in Etappen, beantragt. Unter anderem wird darauf hingewiesen, dass die bestehenden Badeanstalten unzulänglich seien und eine immer größer werdende Anzahl von Badegästen von den Anstalten Gebrauch mache. Im Sinne der Volksgesundheit und Hygiene sei dies erforderlich. Auch wird im Schreiben argumentiert, dass Villingen aufgrund seiner verkehrspolitischen Lage als die Schwarzwaldhauptstadt bezeichnet werde. Die Fraktion der Sozialdemokraten habe den sehnlichsten Wunsch, dass unsere Stadt auch auf dem Gebiet der kommunalpolitischen Leistungen diese Stelle einnähme.

Überhaupt scheint das Thema Bäder oder Hallenbäder in den 20er Jahren ein übergreifendes politisches Thema gewesen zu sein. So schreibt die Karlsruher Zeitung in ihrer Ausgabe vom 28. 2. 1927 unter anderem:

Mit dem Bau von Bädern liegt in den Städten und Gemeinden ein Bedürfnis vor, das in früheren Jahren fast gar nicht befriedigt worden ist und das auch in den langen Kriegs- und Nachkriegsjahren nicht befriedigt werden konnte, obwohl es heute weit dringender als früher sich geltend macht. Weiter heißt es: Es ist noch nicht lange her, dass die Gesellschaft für Volksbäder die Parole ausgab „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad“. Die Bereitschaft, Bäder einzurichten sei in vielen Städten nicht groß. Erst wenn hierin ein Wandel geschaffen ist, wird sich eine Forderung durchsetzen können, die seit langem von allen Ärzten und Jugendbildnern gestellt wird, nämlich die der obligatorischen Einführung des Schwimmunterrichtes an allen deutschen Schulen.

Im Villinger Volksblatt vom 1. 9. 1928 wird unter „Sprechsaal“ auf Folgendes aufmerksam gemacht:

Die heißen Wochen haben dem städtischen Freibad eine riesige Besucherziffer jeden Alters und Geschlechts gebracht. Dabei hat sich aber herausgestellt, dass das Bad für die hiesige Stadt viel zu klein ist. Es ist kein Vergnügen, unter einer so großen Menschenmasse zu baden. Ganz und gar ungeschicklich aber ist es, wenn Schulkinder und Erwachsene zusammen baden, wir denken da vor allem an die weibliche Seite.

Ganz aufschlussreich auch ein Artikel aus dem „Volkswille“ vom 25. Juli 1928: Wenn die Badezeit da ist, begegnet man in der bürgerlichen Lokalpresse Ausführungen über die Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit des hiesigen Badewesens. So auch dieses Jahr wieder. Es ist dies ein Zeichen über die Unzufriedenheit der Zustände auf diesem Gebiet. Dieses Jahr wirkt sich dies noch schlimmer aus, da die Nachbargemeinden neue Schwimmbäder, Dürrheim sogar ein schönes Strandbad errichtet hat, das sogar von Villingern stark besucht wird. Die Überzeugung ist hier allgemein, dass die Stadt Schwenningen ebenfalls ein Schwimmbad, sogar ein Hallenschwimmbad mit Strandbad hätte, wenn es nicht so wasserarm, sondern im Besitz des Villinger Wasserreichtums wäre.

Aufschlussreich auch ein Artikel im Villinger Volksblatt vom 21. 12. 1928:

Gegenwärtig wird hier in der Öffentlichkeit viel die Frage diskutiert, ob Villingen ein Strandbad oder ein Hallenbad einrichten soll. Wie wir hören, trägt man sich bei der Stadtverwaltung mit dem Gedanken, dieselbe in absehbarer Zeit dem Bürgerausschuss vorzulegen. Für ein Strandbad käme zunächst der Platz bei der Feldnermühle in Frage. Das kleinste derartige Projekt, ohne Gebäude, käme auf etwa 70.000 Mk zu stehen. Selbstverständlich wäre bei Durchführung des Projektes das Hallenschwimmbad für längere Zeit erledigt.

Allerdings wird auf die wetterbedingte nur kurze Nutzungsmöglichkeit hingewiesen, und so kommt das Villinger Volksblatt im genannten Bericht zur Auffassung, dass letztendlich nur ein Hallenbad die richtige Lösung sei. Weiter wird (zum Hallenbad) angemerkt:

Da die Heizung durch das Gaswerk erfolgen soll, käme für die Erstellung des Hallenbades der Platz bei dem Gutleutehaus in Frage, der zudem den Vorzug hat, in der Nähe des Bahnhofes gelegen zu sein.

Interessant in diesem Bericht auch, dass die Kosten sich im Bereich von 450.000,– bis 500.000,-Mark belaufen dürften. Es wird auch auf andere wichtige Dinge hingewiesen, welche die Stadt möglicherweise vor einem Hallenbad errichten sollte. Es sind dies die Erstellung des Mütterheimes, die Erweiterung des Krankenhauses, ebenso die weitere Lösung der Spitalfrage, namentlich die eventuelle Erstellung eines Städtischen Gutshofes. Weiter wird an die bessere Ausgestaltung der Altertumssammlung, die anderweitige Unterbringung der Polizei und an die Kinderschulfrage erinnert.

Mit Stellungnahme vom 7. 12. 1928 legt das Stadtbauamt eine Kostenaufstellung zur Errichtung eines Strandbades (ohne den Standort zu nennen) vor. Diese belaufen sich für das Strandbad auf 49.200 Mark, ein Empfangsgebäude in einfacher Ausführung ohne Café auf 64.000 Mark, Brücken- und Weganlagen verursachen einen Aufwand von 30.000 Mark, Gesamtaufwand somit 143.200 Mark. Falls das Projekt noch mit einer Sportwett- und Schwimmbahn mit Sprungbrett-schanze ausgeführt werden würde, wäre ein weiterer Aufwand von 6.000 Mark erforderlich, der Einbau eines Cafés im oberen Stock des Empfangsgebäudes sollte dann noch einmal einen Mehraufwand von 30.000 Mark erfordern.

Mit Schreiben vom 17. 8. 1929 wandte sich der Villinger Verkehrsverein an den „Verehrlichten Stadtrat“, beschwert sich unter anderem über die Sauberkeit des Wassers im städtischen Schwimmbad an der Waldstraße und dringt auch, solange ein Hallenbad aus finanziellen Gründen nicht erstellt werden könnte, auf die Schaffung eines Strandbades. Vom Verkehrsverein wird aber nicht die Feldnermühle, sondern, ohne nähere Bezeichnung, ein Strandbad in der Nähe des Kirnacher Bahnhofes vorgeschlagen. Begründet wird dies mit dem Vorteil, dass Villingen ein Wald-Strandbad hätte, welches auch leicht mit der Bahn erreicht werden könnte. Auch die Nähe zum Waldhotel wird erwähnt, da die Nähe zum Waldhotel diesem auch größeren Nutzen bringen würde.

Die Diskussionen über den Bau eines Bades scheinen dann deutschlandweit bekannt geworden zu sein. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass ein Architekt Hans Heinrich Grotjahn aus Leipzig mit Schreiben vom 19. 8. 1929 seine Dienste anbietet und auf seine Erfahrungen verweist. In einem Schreiben der Stadt an eine Firma H. Schaffstaedt GmbH Gießen bezieht man sich auf ein Gespräch mit einem Vertreter dieser Firma und den Herren Oberbürgermeister Lehmann und Stadtbaurat Ganter. Der genannten Firma wurden Lagepläne von zwei Plätzen zugesandt mit der Bitte, Skizzen und Kostenpläne zu erstellen. Leider wird in diesem Schreiben nur darauf hingewiesen, dass der Zugang von der Schwedendammstraße aus erfolgen solle, der zweite Platz ist nicht erwähnt. Wenn der Zugang von der Schwedendammstraße zu erfolgen hat, kann davon ausgegangen werden, dass man sich wieder über einen Standort auf dem Warenburgplatz Gedanken machte, zumal in diesem Schreiben von Hallen- und Freibädern die Rede ist.

Im Protokoll vom 6. 11. 1930 ist zu lesen:

Dem Stadtrat wurde in seiner heutigen Sitzung das Projekt des Hallenschwimmbades, welches auf dem ehemaligen Mayerschen Anwesen am Romäusring (heute Theater am Ring) zu stehen kommen soll, vorgelegt. Stadtbaurat Ganter machte nähere Angaben zum Objekt. Der Oberbürgermeister erklärte, dass an Ausführung des Projektes bei den gegenwärtigen Verhältnissen vorerst nicht gedacht werden könne, dass aber nunmehr die Tatsache bestehe, dass ein entsprechendes Projekt vorliege und dies jederzeit zur Ausführung kommen könne sobald die erforderlichen Mittel vorhanden sind. Erstmals wird also ein Standort ohne Anbindung an das Gaswerk erwähnt.

Der „Volkswille“ schreibt dazu am 10. 11. 1930 unter anderem:

Ob die neue Idee der Verbindung des Hallenschwimmbades mit einer Fernheizungsanlage jemals durchführbar ist, soll dahingestellt bleiben. Solche Fernheizungsanlagen gibt es in anderen Städten; ob sie aber für die hiesigen klimatischen Verhältnisse zweckmäßig erscheint, ist zumindest fraglich. Der Platz auf dem früheren Mayerschen Anwesen wird aufgrund der Nähe zur Stadt als außerordentlich günstig angesehen, es wird von Kosten in Höhe von 350.000,– Reichsmark gesprochen.

Interessant zum Schluss des Berichtes über die nicht verwirklichte Geschichte eines Hallenbades zwischen den Kriegen ist vielleicht noch die Tatsache, dass sich ein Herr Franz Flockenhau aus Düsseldorf mit Schreiben vom 9. 5. 1931 um eine Stelle als Bademeister für das neue Hallenbad beworben hat. Die Stadt teilt im Schreiben vom 11. 5. mit, dass eine Vormerkung für die Stelle eines Bademeisters für das zukünftige Hallenbad zwecklos sei.

Der II. Weltkrieg und die Nachkriegszeit ließen die Verwirklichung des Hallenbades wiederum nicht möglich erscheinen. Aber kaum war die totale Niederlage überwunden und Industrie und Wirtschaft wieder intakt, tauchte im Rahmen des sich abzeichnenden Wirtschaftswunders die Forderung nach dem Bau eines Hallenbades wieder auf. Im Jahr 1955 brachte der Gemeinderat auf Vorschlag des OB Severin Kern das Hallenbad auf den Weg, als er das Bad in einen Zehnjahresplan aufnahm. Die Stadt war zwischenzeitlich auf 25.000 Einwohner gewachsen. Verfestigt wurde diese Absicht durch die Aufnahme des Hallenbades in den Sportstätten-Leitplan der Stadt Villin-gen im Jahr 1958. Erleichtert wurde die Entscheidung auch dadurch, dass der Anschluss an die Bodenseewasserversorgung bevorstand bzw. mit der Eröffnung sichergestellt war. Im damaligen Zehnjahresplan rechnete man mit Kosten von 1,5 Millionen DM. Tatsächlich betrugen die Gesamtkosten dann 6 Millionen DM, städtische Mittel waren 4 Millionen, Spenden und Totomittel 2 Millionen.

Ende 1959 wurde ein Hallenbadförderverein gegründet. Initiator und Vorsitzender war Herr Dipl.-Ing. A. Stockburger, welcher es sich nicht nehmen ließ, bei der Eröffnungsveranstaltung am 18. 12. 1965 mit Frack und Zylinder vom Sprungturm zu springen. Stadtoberbaurat, Architekt Julius Nägele, schreibt in der Festschrift, welche anlässlich der Eröffnung herausgegeben wurde über die Planung und den Bau, ebenso auch über architektonische und gestalterische Überlegungen. In der Festschrift heißt es dazu:

Nach Prüfung des Programmes durch die Deutsche Sportstättenberatungsgesellschaft Köln-Müngersdorf, den Bäderbaufachmann Baudirektor Stephan, Karlsruhe, und durch Herrn Dr. Fabian vom Deutschen Schwimmverband, beschloss der Gemeinderat die Ausschreibung eines öffentlichen Wettbewerbes unter gleichzeitiger Aufforderung von drei Architekten, die bereits Erfahrung im Bau von Hallenbädern besaßen. Insgesamt 25 Architekten reichten Entwürfe ein, es wurden durch das 15-köpfige Preisgericht zwei erste Preise verliehen, wobei Herr Architekt Dipl.-Ing. Goesmann, Hannover der Vorrang gegeben wurde. Bauleitender Architekt vor Ort war der ortsansässige Architekt R. Sturm.

Aus dem Protokoll des Preisgerichtes ist zu entnehmen:

„Dem Verfasser ist es gelungen, die geschickt gruppierten Bautrakte weitgehend dynamisch zu gestalten und sie mit Sicherheit in der gärtnerisch feinfühlig gegliederten Umgebung einzuordnen.“ Oder auch: „So spannend wie das Innere ist die äußere Gestaltung, die eine souveräne Beherrschung der Gestaltungsmittel verrät.“

Zur Konstruktion wird berichtet:

Bedingt durch die Hanglage und durch die Tiefe des auch von unten zu kontrollierenden Schwimmbeckens (Erbebengefahr im Südschwarzwald) musste das Bauwerk weit in die Erde eingreifen. 25 Meter weit gespannte geschweißte Stahlträger ruhen auf schlanken Stahlstützen der Südfassade und auf Stahlstützen im nördlichen Hallenteil. Die großen Giebelwände in der Halle sind aus Murgtaler Granit. Die Hallendecke ist aus Schwarzwaldkiefer in schmalen Brettern schallschluckend ausgebildet. Neben dem Hallenbad wurden auch eine Sauna und Dienstwohnungen errichtet. Seine eigenwillige Bauform ist dem Schwarzwaldbauernhaus als dem Zeichen unserer Landschaft entnommen (Grußwort von OB Severin Kern, Festschrift zur Eröffnung).

Baubeginn war am 18. Juni 1963, das Richtfest fand am 9. 10. 1964 statt, Probefüllen der Becken erfolgte im Frühjahr 1965 durch die Freiwillige Feuerwehr Villingen, Eröffnung war nach nur 30 Monaten Bauzeit am 18. 12.1965. Der Eintrittspreis für Erwachsene betrug 0,60 DM, für Kinder und Jugendliche 0,30 DM. Das Hallenbad Villingen war das erste Hallenbad, welches nach dem II. Weltkrieg in Südbaden eröffnet wurde.

Am Sonntag, dem 19. 12. 1965 wurde die Eröffnung mit einem ansprechenden Rahmenprogramm gefeiert. Dies unter Teilnahme des Schwimmclub Villingen, der örtlichen DLRG, des Schwimmund Skiclub Schwenningen, der deutschen Meistern im Turm- und Kunstspringen Michael Kastner, München und Joachim Scherf, Freiburg, sowie, als besondere Attraktion, der „Isarnixen“ aus München.

Es gab aber auch Kritik. So bemängelte der Elternbeirat des Gymnasiums, dass ihre Kinder, welche an Stelle des Pflichtsportunterrichtes Schwimmunterricht erhielten, für diese Schwimmstunde 0,30 DM bezahlen sollten. Weiter wurde bemängelt, dass Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr beim Eintrittspreis den Erwachsenen gleichgestellt würden. Einige interessante Anmerkungen aus der durch den Gemeinderat verabschiedeten Hausordnung:

Es ist verboten, wild herumzulaufen, zu lärmen oder zu singen. Auch dürfen keine Radios oder Phonogeräte mitgebracht werden, das Rauchen ist lediglich in der Milchbar gestattet, Hunde haben im Bad natürlich auch nichts zu suchen. Ein Punkt, der die „Gleichberechtigung“ – wie sich OB Kern ausdrückte – dokumentiert besteht darin, dass sowohl männliche als auch weibliche Besucher Bademützen tragen müssen (Südkurier vom 17. 12. 1965).

Über einen weiteren interessanten Aspekt zur Geschichte des Bades kann auch Hansjörg Fehrenbach, Ehrenratsherr der Narrozunft, damals Bauzeichnerlehrling im Stadtbauamt Villingen, berichten. 1963 erschien ein Bildband mit dem Titel: „Die schönsten Schwimmbäder der Welt“. Darin wurde unter anderem über das neuerbaute Olympiabad in Rom berichtet, ebenso über weitere, international bedeutende Bäder. Da das Villinger Hallenbad zur Zeit des Erscheinens des Bildbandes (1963) noch im Bau war, wurden Fotos von dem detailgetreuen und hervorragend gearbeiteten Modell im Massstab 1:100 gezeigt. Des weiteren erschien 1970 ein umfangreicher Bildband „Bäderbauten“, auch darin ist das Villinger Hallenbad neben anderen bedeutenden Bädern zweisprachig umfangreich erwähnt. Auch dieser Bildband wurde international vertrieben. In einem Kommentar von Südkurier-Redakteur Heinz Wegmann heißt es am Tag der Eröffnung: Das endgültige Urteil über geistiges Profil und wirtschaftliche Zweckmäßigkeit architektonischer Schöpfungen bleibt späteren Generationen vorbehalten. Heute, zwei Generationen später, kann bestätigt werden, dass die damaligen Stadtväter, Architekten und Fördermitglieder die richtige Entscheidung getroffen haben.

Einst pompöse Adresse: Das „Café Central” (Wolfgang Bräun)

Schachspiel auf hohem Niveau – Wo erstes Speise-Eis und feine Seife die kleinen Mädchen begeisterte

Abb. 1: Niedere Straße mit dem Café Central.

Wo ab 1927 mit Schuhen gehandelt wurde, nämlich beim ‚Salamander‘ oder genauer beim Schuhhaus Häsler, war zuvor das „Café Central“. Ein ehemals ‚pompöses‘ Café mit Konditorei, das zunächst einem Markus Späth gehörte, der in späteren Jahren von 1927 bis 1942 auch Wirt der „Blume-Post“ war. Die Attraktion für die Villinger Bevölkerung war damals neben der Confiserie auch das für Villingen erste Speise-Eis, womit sich das „Central“ damals auch als erstes Eis Café am Platz angepriesen hatte.

Als das Gebäude im Jahre 1912 einem Brand zum Opfer fiel, schuf die Baufirma Kistenfeger die Fassade im Jugendstil, wobei in der Recherche unklar blieb, ob tatsächlich auch die „Riegeler-Brauerei“ vom Kaiserstuhl als finanzstarker Bauherr aufgetreten war.

Wie aus Zeitungsnotizen um 1905 über die Belebung des Cafés hervorgeht, waren es auch zahlreiche Schachspieler, die damals einen Schachclub gegründet hatten. Als Gründungsvorstand wird der Bank-Assistent Münch genannt, als Stellvertreter Post-Assistent Westenberger; weitere Mitglieder waren der Weinhändler Effinger, Lokführer Josef Hirt, Diplomkaufmann Josef Honold, Kaufmann Gustav Killy, Dr. Fritz Mayer und die beiden Schwenninger Uhrmacher Stähle und Wiedemann. Unter dem nachfolgenden Vorsitzenden Minnich verkehrte man dann häufig im „Café Späth“ oder eben dem „Central“, weil es ganz zentral in der Niederen Straße lag.

Eine Zeit, in der sich die Mannsbilder Villingens am Sonntagnachmittag aber auch zum königlichen Spiel im „Falken“ in der Rietstraße einfanden. Man schätzte dabei aber eher die gesellige Partie und nicht so sehr das scharfe Turnierspiel, denn es kam in jener Zeit kaum zu Wettspielen gegen auswärtige Clubs.

Abb. 2: Galt einst als pompös: das Café Central.

 

Pompös. Auf das Ende des ersten Weltkriegs kam 1919 das Club-Leben wieder stärker auf und man war dem Schachspiel wieder leidenschaftlich zugeneigt. Mitte der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts war das ‚pompöse‘ „Café Central“ weiterhin der niveauvolle Treffpunkt für Villingens Elite unter den Schachspielern.

Abb. 3: Rechtsanwalt Bernhard Schloß mit Familie.

 

Abb. 4: Portrait Wilhelm Keller.

 

Spieler wie die Lok-Führer Josef Hirt und Wilhelm Keller, H. Ketterer, H. Bopp, Rechtsanwalt Schloß, Bankdirektor Münnich und auch ein Dr. Podel waren die treuen Seelen des Vereins und garantierten in den 30er Jahren den Grundstock für ein erfolgreiches Club-Leben ohne gesellschaftliche Unterschiede.

Allesamt korrekte, aber wohl auch gestrenge Mannsbilder, die dann meist auch häuslich und familiär keinen Zweifel ließen, wer der Herr im Hause sei und eben damals noch meist allein das Haushaltsgeld verdienten.

Abb. 5: Wilhelm Keller (1880 – 1978).

 

Da schmeckte dem O’Lokführer der Ruländer zur Schachpatie, wenn er auch an eine Limonade für die ihn begleitende Tochter eher nicht dachte. Die aber ging gerne aus ganz anderem Grund gerne mit ins „Central“.

Wie sich die damals wohl zehnjährige Tochter Luise (* 1917) des Wilhelm Keller noch heute gut erinnert, ging sie eigentlich aus ‚kosmetischen Gründen‘ mit: „Denn nirgendwo in der Stadt roch die Café-Haus-Toiletten-Seife stärker nach 1000 und einer Nacht als im Café Central…!“

Reichsmark. Wenig später waren es jene Passionisten des königlichen Spiels, die sich in jener Zeit auch schon mal für eine Reichsmark ein Spiel gegen den damaligen deutsch-russischen Großmeister Efim Dmitrievicˇ Bogoljubow (* 1889 – 1952) leisteten, wenn der Berufsspieler „Bogo“ – wohnhaft in Triberg – mal wieder bis zu zwei Dutzend Simultan-Partien gegen die Freunde des lokale Schachclubs anbot. Und er diese meist auch gewann. Bis auf jene eine, die sich Keller und Bopp gemeinsam für jeweils 50 Reichspfennige leisteten und sie – der Erzählungen nach – die Partie mit „matt“ gewannen.

Abb. 6: Berufsspieler: Efim DmitrievicˇBogoljubow (* 1889 – 1952).

 

Vorstand. Im Jahre 1930 wurde Rechtsanwalt Bernhard Schloß Vorstand des Schachclubs, der von 1909 ab Mitglied im Bürger-Ausschuss und somit Stadtverordneter war. Als jüdischer Mitbürger wurde er noch 1932 bei der letzten Wahl vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gewählt und hat in dieser Funktion vielfach für die Demokraten im Gemeinderat Stellung bezogen.

Lange zuvor bei der Wahl 1912 war er Spitzenkandidat auf einer der Listen der Fortschrittlichen Volkspartei. Doch schon im Jahr 1925 wurde ihm vorgeworfen, er sei beim Verbandstag des Landesverbandes Südmark des Deutschnationalen Jugendbundes an gewalttätigen Gegendemonstrationen beteiligt gewesen. Im folgenden

Strafverfahren verurteilte man ihn wegen erschwertem Landfriedensbruch zu sechs Monate Gefängnis auf Bewährung.

Weltmeister. Damaliger Höhepunkt im Villin-ger Schach-Leben war das große Turnier von 1934, für das die vierte und fünfte Partie des Weltmeisterschafts-Kampfes zwischen Dr. Alexander Aljechin und dem Großmeister Bogoljubow im April 1934 in der „Blume Post“ ausgetragen wurden.

Nach 1945 war erstaunlich, welche große Zahl von Schachfreunden sich 1946 im Gasthaus „Schlößle“ trafen um den Verein erneut zu gründen.

Erster Vorsitzender wurde Gustl Ruppert, der jedoch nicht verhindern konnte, dass anfangs der fünfziger Jahre die Zahl der Schachspieler auf zwanzig sank.

Mit Leopold Bächle, der wieder nach Villingen zurückkam, wehte dann über den Schachbrettern ein frischer Wind. Heinz Ritter, der schon früher Vorsitzender war, übernahm 1953 erneut die Vereinsführung.

Es gelang den Villingern, sich im badischen Schachverband wieder einen guten Namen zu verschaffen. Bei nur einer Ausnahme blieben die Mannschafts-Meisterschaften des Bezirks Schwarzwald stets in Villingen.

Nach dem Tod von Heinz Ritter im Jahr 1964 übernahmen Hans Schwarz und Hans Schneider die Führung des Villinger Schachclubs. Doch die freundschaftlichen Begegnungen wurden weniger, weil die angesetzten Verbands-Spiele oft mit weiten Reisen verbunden waren und den Club belasteten.

Wie in anderen Schachclubs auch nahm statt der Turniere das Blitzschach zu. In Villingen spielten der Chronik nach eine ganze Reihe hervorragender „Blitzer“. Stets vorne mit dabei Walter Jock, Heinz Weber, Leopold Bächle, Günter Schneckenburger, Heinz Gerstenberger und Norbert Borgmann.

Na dann gilt wohl bis heute: Weiß zieht und gewinnt…!

Abb. 7: Detail Café Central.

 

Schach- Weltmeisterschaft 1934 auch in Villingen

Die Schachweltmeisterschaft 1934 war der 14. Zweikampf um den Titel des Weltmeisters im Schach. Sie fand als Rückkampf der Schachweltmeisterschaft 1929 vom 1. April bis 14. Juni 1934 in zwölf deutschen Städten statt. Titelverteidiger Alexander Aljechin besiegte Efim Bogoljubow mit 8 zu 3 Siegen bei 15 Remis-Partien. Das Match war ursprünglich auf das beste Ergebnis aus 30 Partien sowie sechs Siege angelegt, wobei Aljechin beim Stand von 15 : 15 seinen Titel behalten sollte. Nach 26 Partien befand er sich bereits uneinholbar in Führung, womit das Duell entschieden war.

Nach Bogoljubow wurde eine Schach-Eröffnung benannt: die Bogoljubow-Indische Verteidigung: 1.d2-d4 Sg8-f6 2.c2-c4 e7-e6 3.Sg1-f3 Lf8-b4+. Auch eine Variante im schottischen Vierspringer-Spiel (1. e2-e4 e7-e5 2. Sg1-f3 Sb8-c6 3.Sb1-c3 Sg8-f6 4. d2-d4 Lf8-b4) wurde als Morphy-Bogoljubow-Variante benannt.

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb 1: Magistrale und totale Niedere Straße mit dem Café Central (rechts neben dem Zifferblatt der Uhr).

Abb. 2: Galt einst als pompös: das Café Central, wo gegenüber ab 1907 und dann ab 1927 Häsler- und später Lurchis Salamender-Schuhe verkauft wurden.

Abb. 3: Rechtsanwalt Bernhard Schloß mit Familie: er wurde 1930 Vorstand der Schachspieler und saß als jüdischer Mitbürger bis 1933 auch im Bürger-Ausschuss.

Abb. 4: altern. Ein weiterer Schachfreund hat Wilhelm Keller einst porträtiert.

Abb. 5: Gewann einst gemeinsam mit seinem Schachfreund Bopp simultan gegen Bogoljubow: Wilhelm Keller (1880 – 1978).

Abb. 6: Deutsch-russischer Großmeister und Berufsspieler: Efim Dmitrievicˇ Bogoljubow (* 1889 – 1952). Im April 1934 spielte er an zwei Tagen zwei WM-Turnier-Spiele in der „Blume Post“ als Herausforderer von Alexander Aljechin. Beide spielen zuvor und danach in vielen anderen Städten.

Abb. 7: Detail Café Central.

Bilder/Repros: Archiv wob.

Recht und Ordnung in Villingen – Auszüge aus den Ratsprotokollen des 18. Jahrhunderts (Ute Schulze)

Die Ratsprotokolle sind eine wichtige Informationsquelle für viele Bereiche des täglichen Lebens. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen wurden in diesem Gremium beraten und entschieden. Im Folgenden sollen einige Schlaglichter einen Eindruck vom sozialen Miteinander in Villingen vermitteln.

Es fällt auf, dass bei moralischen Fragen wie ledige Mutterschaft oder Ehebruch im Rat nur ‚Verfehlungen‘ von Frauen verhandelt werden. Hier einige Beispiele:

10. Nov. 1734 „Cäzer Mädle, ein Tropf“, die schon zum zweiten Mal ledig schwanger wurde, wird, da sie für eine Geldstrafe zu arm ist und aufgrund ihrer Verstandesschwäche und schwachen Persönlichkeit weder für eine Kerker- noch eine Schanzenstrafe in Frage kommt, mit 20 Ruten-streichen auf den entblößten Rücken gezüchtigt. Als Zeugen wohnen der Exekution Dr. Ummenhofer und Herr Kreuzer bei.

23. Sep. 1754 Die Tochter von Mathias Klen [sic!], die ‚zwei Stunden vor Straßburg‘ von einem Schweizer geschwängert wurde und nach Villingen zurückgekommen ist, wird aus der Stadt entfernt. Sie soll Stadt und Land meiden und den Kindsvater suchen.

30. Jan. 1758 Dem Rat wird aus der Bürgerschaft vorgetragen, dass sich eine Frau in der Stadt aufhält, die vor einigen Jahren mit einem ‚Kerl‘ verheiratet war, der schon sechs ‚Weiber‘ gehabt hat. Die Frau soll vom Bürgermeisteramt sofort ausgewiesen werden.

3. Sep. 1770 Die ledige Maria Anna Engesser, die sich im schändlichen Laster der Unzucht vergangen hat und zum zweiten Mal schwanger ist, wird der Stadt verwiesen, damit ihr die Gelegenheit zu weiterem sündhaften Umgang mit Bürgerskindern abgeschnitten werde. Sie hat zumal auch kein Bürgerrecht.

15. Okt. 1770 Maria Anna Engesser, die schon zum zweiten Mal sich gegen das sechste Gebot („Du sollst nicht ehebrechen“) verfehlt hat soll aus der Stadt gewiesen werden, kann also nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen. Sie bekommt aber keine weitere Strafe.

18. Mrz. 1771 Die Tochter der alten Bärenwirtin, die sich schon zweimal gegen das sechste Gebot vergangen hat, soll die Stadt räumen, da sie ohnehin nicht verbürgert ist. 23. Mai 1771 Aus der Bürgerschaft wird berichtet, dass die Tochter der alten Bärenwirtin, die der Stadt verwiesen ist, sich noch hier aufhält. Sie soll gleich aus der Stadt geschafft werden.

27. Mai 1771 Caecilia Geiger ist für acht Wochen zur Straßenarbeit verurteilt, weil auch sie zweimal Ehebruch begangen hat mit dem Ehemann Xaver Dinkel von Säckingen. Außerdem soll sie vier Wochen lang einen Strohkranz tragen.

30. Sep. 1771 Das schändliche Laster der Unzucht greift stark um sich. ‚Ehrlose, liederliche Weibspersonen, welche sich schänden lassen‘, tragen bei Gottesdiensten und Prozessionen ohne Unterschied zu den ehrliebenden Bürgersfrauen und Jungfrauen Spitzen und Bänder. Daher soll durch die Zünfte bekannt gemacht werden, dass geschändete und gefallene ledige Frauen und Mädchen keine Spitzen und Bänder an ihren Hauben haben dürfen. Bei Verstoß gegen diese Verordnung drohen empfindliche Strafen. Randbemerkung: Diese Verordnung gilt auf jeden Fall für die, die sich käuflich ergeben und wenn eine Ledige Ehebruch begeht.

26. Sep. 1774 Die ledige Francisca Reichlin, welche das zweite uneheliche Kind zur Welt gebracht und die nötige Anzeige nicht gemacht hat, ist deswegen für acht Wochen zur Schanzarbeit verurteilt worden. Nun bittet sie wegen ihres kranken Vaters, die Strafe auszusetzen und zu verschieben. Der Bittstellerin wird bewilligt, die Strafe zu einem späteren Zeitpunkt abzuleisten.

Eine soziale Randgruppe waren auch Wohnsitzlose. Mit diesem Thema setzte sich der Rat wiederholt auseinander u. a. am 15. Dezember 1789. Die ledige Juliana Homburger aus Hilzingen wurde wegen Vagabundierens aufgegriffen und nach durchgeführtem summarischen Verhör wieder aus dem Arrest entlassen und vom bewaffneten Schutzmann an die Grenze geführt und der Pass abgenommen. Dieser wird an das Obervogteiamt Hilzingen zur Nachricht abgesandt.

Am 28. März 1792 übergibt Rat v. Bandel das summarische Verhör der Katharina Fischer von hier wegen Vagabundierens und ist der Meinung: Der bisher ausgestandene achttägige Arrest der Fischer sei als Strafe ihres Herumziehens anzurechnen, dann dieselbe zu einem anständigen Lebenswandel zur Vermeidung schärferer Strafe ernst und gemessen anzumahnen und ihrem Vogt Singer aufzutragen, ihr von ihrem Vermögen

40 x. abzugeben. Ratsbeschluss: Katharina Fischer soll auf unbestimmte Zeit ins Arbeitshaus der Seelenjahrzeit verwiesen werden mit dem Verweis, dass sie nach Wohlverhalten behandelt und nach gezeigter Besserung wieder entlassen werde. Davon ist Dr. Weiß zu verständigen, damit er sie beobachte, ihr verhältnismäßige Arbeite anweise und über ihr Betragen sowie den anzuweisenden Arbeitslohn dem Rat Bericht erstatte.

Auch Straftaten kamen vor wie folgende drei Beispiele zeigen.

16. Okt. 1788 In der Untersuchungssache Katharina Beutler von Truchtelfingen wegen Diebstahls und Vagabundierens wird vorgeschlagen, die Beklagte für ein Jahr in das Gefängnis in Alt-Breisach zu verbringen. Von vorhandenen acht Gulden seien die Unterbringung, Versorgung und der Transport zu zahlen. Da sie a. am Beginn des Verhörs boshaft und hartnäckig gelogen hat, eine dem Bettel nachziehende Vagabundin ist, beim vergangenen Herbstmarkt einen auf 9 f. 16 x. sich belaufenden Diebstahl begangen hat und d. die Beschädigten wieder zu ihren Sachen gelangen können, wird sie zu einem halben Jahr Zuchthaus verurteilt und am folgenden Samstag eine Stunde an den Pranger gestellt.

16. Mrz. 1790 Laut vorgenommener medizinisch- und chirurgischer Besichtigung des verstorbenen Joseph Anton Bruker, welcher von seinem jüngeren Bruder erstochen worden ist, hat sich herausgestellt, dass der Tod diesen Unglücklichen sowohl durch Verwundung des Grimmdarmes [letzter Teil des Dickdarms] als durch Verletzung einer Nieren unvermeidlich gewesen ist, und dies um soviel eher habe geschehen müssen, weil ihm am Anfang nicht gleich mit rechtmäßigen Mitteln begegnet worden ist.

18. Mrz. 1790 Über das summarische Verhör des hier inhaftierten Johann Bruker wegen der seinem verstorbenen Bruder zugefügten tödlichen Wunde ist die Meinung: Da Johann Bruker noch im Kindesalter folgsam nach § 5 des Gesetzes über Verbrechen und derselben Bestrafung unfähig eines Kriminalverbrechens ist, ferner selber laut summarischem Protokoll seine Übeltat ohne bösen Vorsatz begangen hat, so sei seine Übeltat als ein politisches Verbrechen anzusehen, selber mit Einrechnung der bisherigen Inhaftierung mit zeitlicher dreiwöchentlicher Arreststrafe, jede Woche freitags und mittwochs bei Wasser und Brot dann mit jedes Mal von drei zu drei Tagen zu wiederholender öffentlichen Züchtigung mit 25 Rutenstreichen zu einer heilsamen Warnung zu bestrafen, weil:

Er selber wegen seines Alters keines Kriminalverbrechens fähig, gleichwohl aber laut ärztlichem Gutachten an dem Tod seines Bruders durch die zugefügten Wunden schuld, also erwiesenermaßen ein höchststrafbarer und rachgieriger Bube ist, dessen Leidenschaften in der ersten Jugend durch geführte Strafe eingedämmt werden müssen.

Ferner, da das ärztliche Gutachten ausweist, dass Johann Bruker, der Vater, seinen verwundeten Sohn sehr vernachlässigt und geistliche und weltliche Hilfsmittel versäumt habe, sei er auf den 29. März früh 9 Uhr zur Verantwortung einzuberufen. Am Samstag, den 20. März um 11 Uhr wird mit der Strafe der begonnen, dann 23. und 26. jedes Mal um 11 Uhr mit der körperlichen Strafe fortgefahren werden, wovon die Normallehrer zu verständigen sind.

8. Apr. 1790 Unter dem 30. März zeigt Rat Dr. v. Bandel an, das Johann Bruker bei dem auf den 29. März festgesetzten Termin nicht erschienen sei. Daher soll er bei Androhung angemessener Strafe erneut auf den 12. April 9 Uhr früh geladen werden.

15. Apr. 1790 Es wird die Äußerung des Johann Bruker wegen begangener Nachlässigkeit gegen seinen tödlich verletzten Sohn Joseph Anton Bruker in pleno verlesen. Die Majoritätsentscheidung lautet: Johann Bruker soll wegen seiner Saumseligkeit ernsthaft getadelt werden. Darüber hinaus ist D. Majer der Gebrauch aller Arznei bei Androhung angemessener Polizeistrafe untersagt. Die Ratsdiener werden wegen ihrer Nachlässigkeit bei der Vorladung der Parteien bei Androhung künftiger Strafen ermahnt, Rat Fischer ist der besonderen Meinung, dass Johann Bruker wegen seiner Saumseligkeit 24 Stunden einzukerkern sei, weil selber durch seine Saumseligkeit Schuld war, dass sein Sohn weder mit geistlichen weder mit zeitlichen Hilfsmitteln gehörig versehen worden ist.

7. Okt. 1790 In der Untersuchungssache der Katharina Salomon, Dienstmagd bei Frau Deputat Schertle wegen häuslichen Diebstahls in Höhe von 1 f. 24 x. Es gibt ein Geständnis. Es wird die Meinung geäußert: Frau Schertle soll wegen der gestohlenen 1 f. 6 x. Geld und 18 x. für Seife Katharina Salomon den Dienstbotenlohn einbehalten, ihr aber Kleider verabfolgen lassen. Beklagte aber wäre über den bereits dreitägigen Arrest noch weitere zwei Tage ohne den heutigen bei Wasser und Brot und täglich zwei warmen Suppen noch in Arrest zu belassen. Entscheidung: Solle gleich mit einem Verweis entlassen werden.

Ledige Bürgerstöchter gerieten immer dann in den Fokus des Rats, wenn sie nicht gemäß der gesellschaftlichen Norm lebten. Die Stadtväter hatten ein Problem mit selbstständiger Haushaltsführung. So wurde am 6. September 1770 folgender Beschluss gefasst: Da verschiedene ledige Bürgerstöchter aus dem Dienst ausgetreten sind und eigene Haushalte führen, sollen die Zunftmeister Erkundigungen einziehen, um wie viele es sich handelt, und dem Magistrat melden. Deutlich wird hier auch, dass die Zünfte als gesellschaftliches Kontrollorgan fungierten.

Die Töchter des blinden Martin Stöhr gerieten ins Blickfeld des Rates, weil sie ‚müßig zu Hause beisammen saßen‘. Daher eröffnete man dem Vater am 17. November 1777, er solle seine Töchter in Dienst schicken, andernfalls würde er aus der Stadt verwiesen. Doch der Fall war damit nicht erledigt, wie weitere Protokolleinträge zeigen.

22. Feb. 1779 Den Töchtern von Martin Stöhr soll aufgetragen werden, sich binnen acht Tagen in Dienst zu begeben, andernfalls würde der Vater mit samt seinen müßig herumsitzenden Töchtern aus der Stadt geschafft.

11. Mrz. 1779 Margaretha Stöhr, welche der Stadt wegen zweimaliger ‚mit Verlaub Hurerei‘ verwiesen worden ist, kommt das dritte Mal schwanger in die Stadt und vor den Rath und verlangt, dass man sich ihrer annehmen solle. Da sich diese ‚liederliche Weibsperson‘ zum dritten Mal verfehlt und sich des Bürgerrechts verlustig gemacht hat, soll dieselbe hinausgeschafft und an die Obrigkeit verwiesen werden, unter welcher dieser Fall steht.

10. Sep. 1781 Dem Martin Stöhr solle angeboten werden, seine Töchter innerhalb von acht Tagen in Dienst zu schicken, andernfalls würde er aus der Stadt geschafft. Sein Sohn Joseph bat darum, dass seine Schwestern bei den alten Eltern bleiben dürfen, um für diese zu sorgen. Der Rat bewilligt eine Tochter. Die anderen v. a. Margaretha Stöhr sollen auswärts in Dienst treten.

26. Aug. 1782 Margaretha Stöhr, die sich ohne Magistratserlaubnis wieder in der Stadt befindet, wird zu zwei Tagen Haft verurteilt. Die übrigen Stöhr-Mädchen sollen in Dienst treten oder binnen 14 Tagen aus der Stadt geschafft werden.

Man sieht, dass der Rat sich mit seinen Anordnungen nicht immer gleich durchsetzen konnte. Dies zeigt auch der Fall von Catharina Vetter, die sich unerlaubt mehrfach in der Stadt aufhielt.

5. Mai 1774 Catharina Vetter, die sich gegen den obrigkeitlichen Befehl unterstanden hat, sich hier weiter aufzuhalten, soll durch die bewaffneten Schutzmänner an die Grenze geführt werden. Ihr ist unter strenger Strafe untersagt, dies Territorium wieder zu betreten.

6. Mrz. 1775 Catharina Vetter bittet um den Einlass in die Stadt mit zwei kranken Kindern. Dies wird ihr unter Strafandrohung abgeschlagen, da sie sich ohne Erlaubnis und bei mehrfacher Ermahnung mit einem Auswärtigen verheiratet und fälschlich angegeben hat, sie habe in der Schweiz das Bürgerrecht bekommen.

8. Jun. 1775 Catharina Vetter mit ihren 2 Kindern, welche wider das obrigkeitliche Verbot hierorts schon geraume Zeit sitzen geblieben und mit Betteln der Bürgerschaft zu Lasten gefallen ist, soll bis morgen die Stadt verlassen.

2. Dez. 1776 Catharina Vetter, welche schon oft und wiederholt von hier abgewiesen worden ist, sich selbst auch schon anerboten hat, hinaus zu gehen, hat um ein Zehrgeld angehalten. Es sind ihr einige Gulden bewilligt worden. Sie soll sich mit ihren Kindern jedoch sofort aus der Stadt entfernen.

17. Nov. 1777 Catharina Vetter, die sich trotz obrigkeitlichen Verbots hier niedergelassen hat, soll durch die Ratsdiener fortgeschafft werden.

7. Dez. 1778 Catharina Vetter bittet, ihr das Besitzrecht zu gestatten. Dies wird ihr auf Zahlung der entsprechenden Summe zugestanden. Sie soll das Recht aber jährlich neu beantragen. Beim Tod oder Weggang ihrer Kinder soll sie kein Recht mehr haben.

Auch die Abwicklung von Ehescheidungsverfahren wurden dem Rat vorgelegt. Hier drei Beispiele:

Luzia Oberle gegen Johann Dold – Ratsprotokoll 2. Okt. 1787, mit Datum 25. September bittet Mohrenwirt Johann Dold, seine Ehe vor einem Vergleich im Hinblick auf das zeitliche Vermögen nicht zu scheiden und, dass seine Frau zur gesetzlichen Verhandlung ohne Beistand zugelassen wird. Johann Dold wird mit seiner Bitte verwiesen, bis das gegen ihn laufende Konkursverfahren und die Eigentumsklage seiner Frau abgeschlossen sind. Er soll den Magistrat auch nicht mehr mit unnötigen Klagen behelligen, andernfalls müsse man ihn als böswilligen Kläger behandeln.

11. Dez. 1787, mit Eingang 10. Dezember 1787 reicht Rat Fischer das Verhandlungsprotokoll Luzia Oberles gegen ihren Ehemann Johann Dold ein.

1. Die verlangte Ehescheidung von Tisch und Bett, 2. die Zueignung des noch existierenden zugebrachten Vermögens betreffend.

Die Ehescheidungsklage samt dem Protokoll wird gelesen weil:

beide Teile sich mit der Trennung von Tisch und Bett einverstanden erklärt haben, das schriftliche Zeugnis des Pfarrers vorliegt, Luzia Oberle sich wegen des zeitlichen Vermögens auf die Eigentumsklage beruft, auf Grund derer ihr Johann Dold eine Zuwendung von 200 Gulden versprochen, sein Versprechen aber nicht gehalten hat, stattdessen sind mehrere Schulden Dolds ihr aufgebürdet worden, selbst wenn die versprochene Zuwendung noch vorhanden wäre, diese gemäß allerhöchster Weisung vom 1. Juli 1787 Luzia Oberle zustünde. Entscheidung: Die Ehe ist zu scheiden. Etwa noch vorhandenes Vermögen wird Luzia Oberle zuerkannt.

Baptist Schlenker gegen Otilia Limberger: 10. Nov. 1789, in der Ehescheidungssache des Baptist Schlenker und dessen Ehefrau Otilia Limberger haben sich beide Teile wiederum miteinander ausgesöhnt und beisammen zu leben sich einverstanden erklärt.

Baptist Neugart gegen Elisabetha Grießhaber, Ratsprotokoll vom 7. Okt. 1790, unterm 6. Oktober übergibt Rat Knoll Baptist Neugarts und dessen Ehefrau Elisabetha Grießhabers zu Protokoll gegebene Äußerung betreffend die zwischen den beiden herrschenden Streitigkeiten und der deswegen angesuchten Ehescheidung. Entscheidung: Den Eheleuten ist aufzutragen, dass sie sich zu Herrn Pfarrer in der Kirnach begeben und, wenn sie trotz des Zuspruchs des Herrn Pfarrer auf der Ehescheidung beharren würden, so sollen Sie ein Zeugnis hierüber dem Pfarrer abverlangen und als dann das Ehescheidungsgesuch gehörig einreichen.

Anmerkungen:

1 Stadtarchiv Best. 2.1 AAA b/10ff. Da die Protokolle chronologisch geordnet sind wird auf einzelne Belegstellen verzichtet.