Villingen in spätstaufischer Zeit (Michael Buhlmann)

Das sog. Reichssteuerverzeichnis von 1241

 

  1. Stauferzeitliches Villingen 

Mit dem Tod Herzog Bertholds V. (1186 – 1218) endeten über zweihundert Jahre Zähringerherrschaft über Villingen, eingeleitet mit der Villinger Markturkunde Kaiser Ottos III. (983 – 1002) vom 29. Mai 999, ausklingend mit der Entwicklung Villingens zur hochmittelalterlichen Stadt unter ebendiesem Berthold als fundator ville Vilingen. Nicht jedoch die mit den Zähringern verwandten Herzöge von Teck oder die Grafen von Urach setzten sich in Villingen fest, sondern es waren die staufischen Könige und Kaiser, die Villingen – wohl für mehrere Jahrzehnte – zu einer „Königsstadt” machten, Ansprüche ihrer politischen Gegner auszugrenzen versuchten und damit das ehemalige Konkurrenzverhältnis zwischen Staufern und Zähringern im (oberen) Neckarraum zu ihren Gunsten entschieden. Jedenfalls sind staufische Aktivitäten in Villingen für die Zeit um 1220, um 1240 und für die 1240er Jahre bezeugt. Zwei Diplome des staufischen Herrschers Friedrichs II. (1212 – 1250) für das Zisterzienserkloster Tennenbach belegen den Einfluss, die Stadtherrschaft des Königs „in unserem… Ort Villingen” (1218/19).

Eine Schiedsurkunde für das Zisterzienserkloster Salem (1225) informiert erstmals über die innere Verfassung der Stadt: Es erscheinen die „Bürger Villingens” (cives), der Ort wird als „Stadt” (civitas) bezeichnet, die Zeugenliste der Urkunde nennt einige Villinger Bürger, Angehörige der Oberschicht, nennt „jene 24, durch die die Stadt regiert wird”, nennt aber auch den Stadtschultheißen Konrad (den Älteren?) und den (ehemaligen) „Verwalter” Konrad von Winterstetten und damit die beiden Pole der städtischen Verfassungsentwicklung: die Bürger der Stadt – die Bürgergemeinde, vertreten durch die Vierundzwanzig als Gerichts- und Ratsorgan und dessen Mitglieder, die sich zweifelsohne aus der wirtschaftlich potenten Oberschicht (der Kaufleute und Fernhändler?) rekrutierten, und der Stadtherr, der vertreten wird durch den Schultheißen bzw. den „Verwalter” (procurator).

Die Ausformung der Villinger Bürgergemeinde (universitas) ging in den nachfolgenden Jahrzehnten weiter. Zum Jahr 1244 ist ein Villinger Stadtsiegel bezeugt. Das spitzovale Siegel zeigt im Siegelbild einen Reichsadler und hat als Umschrift:

„† S[iegel] der Bürger in Villingen”. Das Stadtsiegel von 1253 ist ein Schildsiegel; die Stadtsiegel des 13. Jahrhunderts sind Ausdruck der selbstständigen Bürgergemeinde, die sich in spätstaufischer Zeit herausbilden konnte. Eher unwahrscheinlich ist, ob zeitweise (in den 1230er Jahren?) Villingen unter der Herrschaft der Uracher Grafen stand. Graf Egino V. von Urach (1230 – 1236/37) hatte eine Einigung mit König Heinrich (VII., 1220 – 1235) (1224) und Kaiser Friedrich II. (1226) erreicht, der die Anerkennung der Uracher Vogtei über St. Peter im Schwarzwald, das ehemalige zähringische Hauskloster, folgte (1226). In den 1240er Jahren verfügte der staufische König Konrad IV. (1237 – 1254) offensichtlich über die Villinger Stadtherrschaft. In einem in Villingen ausgestellten Diplom, das auf einen 5. September wohl 1239 oder 1240 datiert, befiehlt der Herrscher u.a. dem Villinger Schultheißen, das Kloster Salem, dessen Leute und dessen Besitz zu schützen. Das gleich zu behandelnde Reichssteuerverzeichnis führt Villingen als Königsstadt auf (1241). Auch wenn die Absetzung Kaiser Friedrichs II. durch Papst Innozenz IV. (1243 – 1254) auf dem Konzil zu Lyon (1245) in Deutschland und die Wahl der Gegenkönige Heinrich Raspe (1246 – 1247) und Wilhelm von Holland (1247 – 1256) eine politische Erosion zu Ungunsten der Staufer bewirkte, blieben die Königsstädte im Allgemeinen auf der Seite der staufischen Herrscher. Das galt ebenfalls für Villingen, dessen Bürger der Papst in einem Schreiben vom 26. Januar 1249 als „Anhänger Friedrichs II.” bezeichnete. Spätestens mit dem Tod König Konrads IV. (1254) erlosch aber die staufische Stadtherrschaft über den Baarort. In der Folgezeit konnten sich hier die Grafen von Fürstenberg durchsetzen; Villingen verlor seine Stellung als Königsstadt.

 

  1. Reichsgut, Regalien, Reichssteuerverzeichnis

Reichsgut waren die Besitzungen (und Rechte) des fränkisch-ostfränkisch-deutschen Königs, die er zum Zweck der Herrschaftsausübung einsetzen konnte. Daneben verfügte der Herrscher auch über das Hausgut, also über Besitz der Adelsfamilie, der er selbst angehörte. Da eine Abgrenzung von Reichsgut und Hausgut auch im Mittelalter schwierig war, vermengten sich im Verlauf der Jahrhunderte des frühen und hohen Mittelalters immer wieder diese für den König nutzbaren Besitzgruppen. Auch veränderten sich im Laufe der Zeit die Besitzgrundlagen des Königtums geografisch; das Reichs- bzw. Hausgut der karolingischen Herrscher lag im austrasisch-lothringischen Raum der spätmerowingisch-karolingischen Epoche, das der ottonischen Könige im sächsisch-thüringischen Gebiet des 10. und 11. Jahrhunderts, das der salischen und staufischen Könige und Kaiser im Mittelrheingebiet, in Südwestdeutschland oder im Elsass des hohen Mittelalters. Dabei traten immer wieder „Königslandschaften” in Erscheinung, d.h. Räume und Gebiete mit verdichtetem Reichsbesitz, die damit dem Königtum besondere machtpolitische Einwirkungsmöglichkeiten boten. Zusammen mit dem Besitz verfügte der König auch über weitreichende Rechte, die wir Regalien (regalia, iura regalia) nennen. Diese Regalien haben sich rechtlich erst im Verlauf des Mittelalters ausgebildet, u.a. während des Investiturstreits (1075 – 1122; Temporalien) und unter Einwirkung des römischen Rechts (12./13. Jahrhundert), und betrafen Einrichtung und Betrieb von Münzstätten, Märkten, Zöllen, das Forstregal und den Wildbann, den Bergbau oder das Spolienrecht, um nur einige der Königsrechte aufzuzählen. Regalien konnten verliehen, eingeschränkt oder abgetreten werden, was z.B. Kaiser Friedrich II. in zwei Reichsgesetzen, der Confoederatio cum principibus ecclesiasticis („Vereinbarung mit den geistlichen Fürsten”, 1220) und dem Statutum in favorem principum („Gesetz zu Gunsten der Fürsten, 1232), getan hat. Das Reichskirchengut war nach dem Wormser Konkordat (1122), das den Investiturstreit beendete, der Temporalienbesitz der Reichskirchen. Das Reichskirchengut machte zusammen mit dem Reichslehngut und dem unmittelbar vom Herrscher nutzbaren Krongut das Reichsgut aus. Das Reichslehngut war das an königliche Vasallen, Dienstleute und Getreue verliehene Reichsgut; es wurde im Zuge des Eindringens des Lehnswesens in die Verfassung des deutschen Reiches (11./12. Jahrhundert) ebenfalls auf eine (neue) rechtliche Grundlage gestellt.

Für die Zeit der ottonisch-salischen Reichskirche im Rahmen des entstehenden deutschen Reiches (10./11. Jahrhundert) ist von einer intensiven Inanspruchnahme der Bistümer und Reichsabteien auszugehen. Allgemein übertrugen die Herrscher damals Besitz und Rechte an die Reichskirchen und erwarteten im Gegenzug die Mithilfe der Kirchen im Zuge des Königsdienstes (servitium regis). Dieser Umverteilung von Besitz und Rechten entsprachen die größeren Einwirkungsmöglichkeiten des Königs bei der Besetzung (Investitur) der wichtigsten Positionen innerhalb der Reichskirche. Im Gegenzug dazu hatten Bistümer und Klöster Abgaben und Dienste für Königtum und Reich zu erbringen. Das servitium regis umfasste im Wesentlichen: Gebetsgedenken für Herrscher und Herrscherfamilie, Abgaben und Dienste für die Verpflegung des Königs (Königsgastung) und für das Heerwesen, Beteiligung an königlichen Hoftagen und an Heerzügen.

Das Reichs- und Königsgut der Stauferzeit und seine Organisation waren eine Folge von Investiturstreit und Territorialisierung. Die Servitialabgaben der Reichskirchen an den König hatten die verfassungsgeschichtlichen Umbrüche an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert überlebt. Im 12. Jahrhundert werden Servitialzahlungen der Reichsklöster an die deutschen Herrscher erkennbar. Neben den Bistümern und Klöstern trug 10 natürlich das Krongut der hochmittelalterlichen deutschen Könige einen beträchtlichen Teil zur Versorgung von König und Königshof bei. Leider sind wir im Allgemeinen darüber schlecht unterrichtet. Aus der Stauferzeit ist immerhin eine Reihe von Güterverzeichnissen überliefert, die Einblick geben in Verwaltung und Leistungen des Reichsguts. Es handelt sich hierbei um das Tafelgüterverzeichnis (ca. 1150 oder später), das Lehnbuch des staufischen Ministerialen Werner II. von Bolanden (ca. 1200), das Urbar der Reichsmarschälle von Pappenheim (13. Jahrhundert, 1. Hälfte), ein Verzeichnis von Rechten und Einnahmen des Reichs im Amt (officium) Pfullendorf (ca. 1220), das Reichssteuerverzeichnis (1241), die Abrechnung des Amtmanns Gerhard von Sinzig (1242) sowie die Goslarer Vogteigeldlehnrolle (1244).

Das Reichssteuerverzeichnis der precarie civitatum et villarum („Bitte an Städte und Orte”) ist damit eines der wenigen mittelalterlichen Dokumente, die Auskunft geben über die Organisation von Königsterritorium und Reichsgut in spätstaufischer Zeit. Veranlagt wurden durch König Konrad IV. Städte, Verwaltungsbereiche, Grundherrschaften, Judengemeinden, wahrscheinlich mit jährlicher Regelmäßigkeit und auf der Grundlage der staufischen Prokurationen als regionalen Verwaltungseinheiten im Königsterritorium. Von einer allgemeinen Besteuerung kann also nicht die Rede sein; die „Reichssteuer” bezog sich als Bede (exactio, petitio) nur auf die Personen, Institutionen und Städte, die auf Grund des ihnen zustehenden Königsschutzes und der königlichen Vogtei zu einer finanziellen Gegenleistung verpflichtet waren. Die Liste enthält Steuernachlässe und -befreiungen; Zahlungsanweisungen geben

Einblick in die „Buchführung” der königlichen Steuerverwaltung.

Das Reichssteuerverzeichnis fußt auf den Städten der staufischen Könige, wie sie sich gerade um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert auf Reichsgut, aber auch auf staufischem Hausgut (Allodialgut) entwickelt haben. Die in Geld wohl regelmäßig (jährlich) erhobenen Steuern kamen der Reichs- und Hausgutverwaltung vor Ort zugute, etwa für den Bau von Stadtmauern, aber auch überregional dem deutschen König selbst, etwa wenn von den „Ausgaben des Königs” wohl im Zusammenhang mit dem Königshof und der Königsgastung die Rede ist. Die Abrechnung des Sinziger Amtmanns Gerhard spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache. Die verzeichneten „Städte und Orte” der Reichssteuerliste stehen für das Reichs- und Hausgut, für Grundherrschaften, Reichskirchengut, Kirchenvogteien u.a., d.h. für die Vielzahl von Rechten und Einwirkungsmöglichkeiten, die das staufische Königtum um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland (noch) besaß. Dabei werden Schwerpunkte königlichen Einflusses etwa in Schwaben, Franken und entlang des Rheins sichtbar; in Norddeutschland war das staufische Königtum kaum vertreten.

Das Reichssteuerverzeichnis ist nach staufischen Prokurationen geordnet. Prokurationen sind zusammengefasste Reichsgutkomplexe und königliche Amtsbezirke unter der Leitung eines Prokurators. In spät- und nachstaufischer Zeit sollten sich aus manchen Prokurationen Landvogteien entwickeln, für die staufische Zeit sind Prokurationen schon für die Zeit Kaiser Friedrichs I. (1152 – 1190) bezeugt.

Das Verzeichnis führt zudem – getrennt von den anderen Einnahmen – die Steuern von Judengemeinden auf, Ausfluss des königlichen Judenschutzes und eines sich in staufischer Zeit ausbildenden Judenregals. Dass die Judensteuern gesondert ausgewiesen wurden, erklärt sich aus den unterschiedlichen Arten der Steuererhebung; die Judengemeinden wurden als Ganzes besteuert, die Voraussetzungen für die Erhebung der sonstigen Steuern lagen im Bereich der königlichen Grundherrschaft. Die prekäre „Randlage” der jüdischen Minderheit im deutschen Reich zwischen Duldung, Vertreibung und Tötung (Judengemeinden, Pogrome) hatte in die „Kammerknechtschaft” der Juden im Rahmen des Judenschutzes als Schutzherrschaft des Königs geführt; die Juden waren keine Rechtssubjekte mehr, sondern Rechtsobjekte, über die auch finanziell verfügt werden konnte.

Die Reichssteuerliste erwähnt dann noch mit dem (Reichs-) Schenken und dem Truchsess zwei Amtsträger des königlichen Hofes. Mit dem Schenken 11 ist Konrad von Winterstetten gemeint, der spätestens seit 1220 in Diensten Kaiser Friedrichs II. stand, der namentlich ungenannte Truchsess ist wahrscheinlich Konrad von Schmiedelfeld, der im Umfeld König Konrads IV. nachzuweisen ist.

 

III. Villingen im Reichssteuerverzeichnis 

Konrad von Winterstetten ist uns in der Salemer Urkunde von 1225 schon als „Verwalter” Villingens begegnet. Konrad stand in staufischen Diensten und übte am Hof des staufischen Königs Heinrich (VII.) das Hofamt des Schenken aus. Er bestimmte Erziehung und Politik des erst 1228 mündig gewordenen Königs mit, neben einigen staufertreuen Bischöfen, Geistlichen, Adligen und (Reichs-) Ministerialen. Konrad stammte aus der oberschwäbischen Adelsfamilie der Tanne-Waldburg (bei Ravensburg) und nannte sich ab 1214 nach der bei Biberach gelegenen Burg Winterstetten. Das Verhältnis der Tanne zu den Staufern war eng, auf der Waldburg sollen zwischen 1220 und 1225 die Reichskleinodien aufbewahrt worden sein, Konrad tritt seit 1220 im (Reichs-) Schenkenamt in Erscheinung, später war er Suevie procurator et prefectus Suevie („Verwalter und Vorsteher Schwabens”) und verwaltete zeitweise, wahrscheinlich um oder kurz nach 1220, im königlichen Auftrag den Ort Villingen, wo er am 2. April 1225 anlässlich seines Schiedsspruchs zwischen der Zisterzienserabtei Salem und der Stadt Villingen anwesend war. 1238 konnte Konrad zusammen mit Gottfried und Heinrich von Hohenlohe ein Ritterheer nach Italien führen, das mit Hilfe einer Sondersteuer der Königsstädte finanziert wurde. Inwieweit Villingen an dieser Abgabe beteiligt war, entzieht sich aber unserer Kenntnis. Um 1240 gründete der Reichsschenk ein Nonnenkloster in Baindt (nördlich Weingarten), um 1242/43 ist Konrad wahrscheinlich verstorben.

Als „Verwalter und Vorsteher Schwabens” leitete Konrad die staufische Prokuration in Schwaben, der mit Sicherheit Villingen und andere schwäbische Königsstädte angehörten. Vielleicht nennt das oben genannte Schreiben König Konrads IV. von 1239/40 einige dieser Königsstädte, wenn sich der Herrscher an die Schultheißen von „Villingen, Rottweil, Schaffhausen, Esslingen, Ulm und Überlingen” wendet. Diese Orte stehen auch im Reichssteuerverzeichnis auf benachbarten Positionen und zum Teil in derselben Reihenfolge: Esslingen, Ulm, Villingen, Rottweil, Schaffhausen, Esslingen (Judengemeinde), Ulm (Judengemeinde), und Überlingen (Judengemeinde). In Umrissen wird damit die schwäbische Prokuration als Teil des Territoriums der staufischen Könige im Südwesten Deutschlands erkennbar.

Aufgereiht im Reichssteuerverzeichnis unter den Königsstädten des deutschen Südwestens, zahlte Villingen einen Betrag von 42 Mark „für die Ausgaben des Königs”, Ausgaben, die – wie erwähnt – direkt für den Herrscher und seinen Hof bestimmt waren. Die Stadt rangierte – wohl auch auf Grund einer niedrigeren Einwohnerzahl – mit ihrer Steuerleistung betragsmäßig eher im unteren Drittel der staufischen Königsstädte, wenn wir aus der Liste z.B. Biberach (70 Mark), Bopfingen (50 Mark, Judengemeinde: [2 Mark]), Buchhorn (10 Mark), Esslingen (120 bzw. 152 Mark, Judengemeinde: 30 Mark), Giengen (25 Mark), Lindau (100 Mark), Pfullendorf (30 Mark), Rottweil (60 bzw. 40 Mark), Überlingen (50 bzw. 82 ½ Mark, Judengemeinde: 2 Mark), Ulm (80 Mark, Judengemeinde: 6 Mark) und Wangen (10 Mark) vergleichend heranziehen. Eine Judengemeinde hat es in Villingen im hohen Mittelalter nicht gegeben. Die Stadt lag, was den (Fern-) Handel anbetraf, eher im Abseits, die wichtigeren Handelsstrecken von Nord nach Süd verliefen entlang des Rheins. Immerhin war aber Villingen so wichtig, dass sich König Konrad IV. hier Anfang September 1239 oder 1240 aufhielt.

 

  1. Zusammenfassung

Das sog. Reichssteuerverzeichnis von 1241 listet Villingen unter die staufischen Königsstädte Schwabens auf und verweist somit darauf, dass der Baarort damals unter der Stadtherrschaft der Stauferherrscher Friedrich II., Heinrich (VII.) und Konrad IV. gestanden hat und Teil der schwäbischen Prokuration im staufischen Königsterritorium gewesen ist. U.a. die Entwicklung der Villinger Bürgergemeinde machte in staufischer 12 Zeit große Fortschritte (Rat der Vierundzwanzig, Stadtsiegel, Stadtschultheiß). Königsstadt und Bürgergemeinde unterlagen Schutz und Förderung des Stadtherrn; die Villinger Bürger hatten umgekehrt eine Steuer (Bitte, Bede) an den Stadtherrn und König zu entrichten. Dass diese nicht allzu hoch ausfiel, zeigt die geringere wirtschaftliche Potenz Villingens im Vergleich mit anderen (schwäbischen) Königsstädten an. Die Steuer ist mithin ein Maß für den Stand der Villinger Stadtentwicklung um die Mitte des 13. Jahrhunderts.

Abb. 1: Reichssteuerverzeichnis von 1241.

Reichssteuerverzeichnis von 1241

(Text der Übersetzung):

„Hier beginnen die Steuern der Städte und Dörfer.

Von Frankfurt 250 Mark. Ebenso von Gelnhausen 200 Mark. Ebenso von Wetzlar 170 Mark. Ebenso von Friedberg 120 Mark, von denen die [eine] Hälfte dem Herrn Kaiser und die [andere] Hälfte für den Mauerbau bereit steht.

Ebenso von Wiesbaden 60 Mark; jene stehen für den Mauerbau zur Verfügung.

Ebenso von Seligenstadt 120 Mark; jene stehen für den Mauerbau zur Verfügung.

Ebenso die Juden der Wetterau 150 Mark.

Ebenso von Oppenheim 120 Mark; die Juden ebendort 15 Mark.

Ebenso von Nierstein 10 Mark.

Ebenso von den zwei Dörfern (Ober-, Unter-) Ingelheim 70 Mark, von denen der Bruder Sebastian das Hofwerk vollenden muss.

Ebenso ist (Ober-) Wesel befreit für vier Jahre, weil es die Vogtei abgekauft hat für 300 Mark; die Juden ebendort 20 Mark.

Ebenso von Boppard 130 Mark; die Juden ebendort 25 Mark.

Ebenso von Sinzig 70 Mark; die Juden ebendort 25 Mark, von denen sie vier Mark zahlen für die Ausgaben des Herrn von Schmiedelfeld.

Ebenso von Düren 40 Mark, deren [eine] Hälfte dem Kaiser und deren [andere] Hälfte dem Mauerbau zur Verfügung steht; die Juden ebendort 10 Mark.

Ebenso die Juden in Aachen 15 Mark.

Ebenso von (Kaisers-) Werth 20 Mark; die Juden ebendort 20 Mark.

Ebenso von Duisburg 50 Mark; die Juden ebendort 15 Mark.

Ebenso von Nimwegen 40 Mark.

Ebenso von den vier H Abb. 1: Reichssteuerverzeichnis von 1241. öfen bei Dortmund 25 Mark; die Juden ebendort 15 Mark.

Ebenso die Bürger von Dortmund (300) 100 Mark kölnisch.

Ebenso die Juden in Worms 130 Mark.

Ebenso die Juden in Speyer an Hart[mut] 80 Mark.

(Ebenso die Juden in (Kaisers-) Lautern.)

Ebenso vom Amt in (Kaisers-) Lautern 120 Mark.

Ebenso von der Vogtei in Weißenburg 80 Mark.

Ebenso von Hagenau 200 Mark.

Ebenso vom Amt in Trifels 150 Mark.

Ebenso von Erstein 40 Mark.

Ebenso von Hochfelden (20) 15 Mark.

Ebenso von Brumath 15 Mark.

Ebenso von Geudertheim 6 Mark.

Ebenso von Kronenberg 150 Mark.

Ebenso von (Ober-) Ehnheim 150 Mark.

Ebenso von Schlettstadt 150 Mark.

Ebenso von Colmar 160 Mark.

Ebenso von Mühlhausen 80 Mark.

Ebenso von Kaisersberg und Gregoriental 70 Mark.

Ebenso von Basel 200 Mark.

Ebenso von Rheinfelden 40 Mark.

Ebenso von Neuenburg 100 Mark.

Ebenso von Breisach 100 Mark.

Ebenso von Mahlberg (15) 10 Mark.

Ebenso von Ortenberg 20 Mark.

Ebenso von Haslach 40 Mark.

Ebenso von Offenburg 60 Mark; davon geht die [eine] Hälfte an den Kaiser und die [andere] Hälfte für den Mauerbau.

Ebenso die Juden von Straßburg 200 Mark.

Ebenso die Juden von Basel 40 Mark.

Ebenso die Juden von Hagenau 15 Mark.

Heilbronn ist befreit wegen der Stadtmauer.

Ebenso von Weinsberg 60 Mark.

Ebenso von Wimpfen 40 Mark.

Ebenso von Mosbach 25 Mark.

Ebenso von Schefflenz 15 Mark; davon empfängt der Vogt fünf [Mark].

Ebenso von Odenheim 6 Mark; davon empfängt der Abt 3 [Mark].

Ebenso von Ebersbach 20 Mark für die Stadtmauer.

Ebenso von (Neckar-) Gemünd 20 Mark, und diese stehen für den Mauerbau zur Verfügung.

Ebenso von Heidelsheim 100 Pfund Heller für die Stadtmauer.

Ebenso ist Waibstadt abgebrannt.

Ebenso von Weil (der Stadt) 100 Pfund Heller für die Stadtmauer.

Ebenso von (Schwäbisch) Hall (200) 170 Mark.

Ebenso von Rothenburg 90 Mark; (die Juden ebendort 10 Mark.)

Ebenso die Juden von (Schwäbisch) Hall 8 Mark.

Ebenso von Dinkelsbühl 40 Mark.

Ebenso von Feuchtwangen 20 Mark.

Ebenso Aufkirchen nichts, weil es abgebrannt ist.

Ebenso von Weißenburg 40 Mark.

Ebenso von (Schwäbisch) Gmünd 160 Mark; die Juden ebendort 12 Mark.

Ebenso Augsburg nichts, weil es abgebrannt ist. Und die Juden ebendort nichts, weil sie abgebrannt sind.

(Ebenso von Schongau.) Ebenso (von (Donau-) Wörth) die Bürger von

Nördlingen (200) 100 Mark für eine vorgefallene Unregelmäßigkeit.

Ebenso von (Donau-) Wörth von denen, die nicht abgebrannt sind, 120 Mark; (und die, die abgebrannt sind, sind davon befreit).

Ebenso wird von Harburg nichts gegeben, weil es abgebrannt ist.

Ebenso von Bopfingen 50 Mark.

Ebenso von Giengen (30) 25 Mark.

Ebenso von Lauingen (90) 80 Mark.

Ebenso von Staufen [bei Dillingen] 10 Mark.

Ebenso von Essingen [Esslingen] 5 Mark.

Ebenso von Esslingen 120 Mark; und sie zahlen für die Ausgaben des Herrn König 152 Mark.

Die Bürger von Ulm 80 Mark.

Ebenso die Bürger von Biberach 70 Mark.

Ebenso die Bürger von Schongau 30 Mark.

Die Bürger von (Kauf-) Beuren 90 Mark.

Die Bürger von Memmingen 70 Mark.

Die Bürger von Altdorf und Ravensburg 50 Mark.

Ebenso die Bürger von Pfullendorf für die Ausgaben des Herrn König 30 Mark.

Ebenso von Wangen 10 Mark.

Ebenso von Buchhorn 10 Mark.

Ebenso von Lindau 100 Mark.

Ebenso ist Konstanz frei für ein Jahr wegen des Brandes; es zahlt für gewöhnlich 60 Mark, die [eine] Hälfte an den Kaiser und die [andere] Hälfte an den Bischof.

Ebenso von Überlingen (110) 50 Mark; und sie zahlen für die Ausgaben des Herrn König (52) 82 ½ Mark.

Ebenso von der Vogtei in Kempten 50 Mark, die gegeben werden an den Marschall Heinrich von Altmannshofen für ein Reitpferd und Streitrosse, die bei ihm gekauft wurden.

Ebenso von der Vogtei des heiligen Gallus [St. Gallen] 100 Mark.

(Ebenso von Rottweil 90 [Mark]).

Ebenso von Villingen für die Ausgaben des Königs 42 Mark.

Ebenso von Rottweil (60) (40) 60 Mark und für seinen Mauerbau 40 Mark.

Ebenso zahlt Schaffhausen für die Ausgaben des Königs 227 Mark.

Ebenso (von Zürich haben sie neulich dem Herrn

Schenk [Konrad von Winterstetten] [Geld] gesandt).

Zürich gibt jetzt nichts, weil sie neulich 150 Mark gegeben haben, die sie dem Herrn Schenk [Konrad von Winterstetten] auf Befehl des Königs gesandt haben.

Ebenso die Juden von Esslingen 30 Mark.

Ebenso die Juden von Ulm 6 Mark.

Ebenso die Juden von Konstanz 20 Mark.

Ebenso die Juden von (Donau-) Wörth und von Bopfingen 2 Mark.

Ebenso die Juden von Überlingen 2 Mark.

Ebenso die Juden von Lindau 2 Mark.

Ebenso die Bürger von Bern 40 Mark.

 

Dies sind in Kölner Pfennigen 1488 Mark.

Dem Schenken [Konrad von Winterstetten] müssen noch gegeben werden 234 ½ Mark und dem Truchsess [Konrad von Schmiedelfeld?] (165) 150 Mark und dem Notar W[alter] 7 ½ Mark.”

 

Anmerkungen:

Quellen und Literatur:

Brühl, C., Fodrum, gistum und servitium regis. Studien zu den wirtschaftlichen Grundlagen des Königtums im Frankenreich und in den fränkischen Nachfolgestaaten Deutschland, Frankreich und Italien vom 6. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, 2 Bde., Tl.1: Text; Tl.2: Register und Karten (= KHA 14), Köln-Graz 1968, S.215f; Buhlmann, M., Die frühe schriftliche Überlieferung zum Ort Villingen (9.–13. Jahrhundert), in: GHV XXVIII (2005), S.71–81; Buhlmann, M., Stadt, Königtum und Reich – Villingen im 13. Jahrhundert, in: GHV XXX (2007), S.24–32; Buhlmann, M., Villingen im Reichssteuerverzeichnis von 1241 (= VA 87), Essen 2016; Constitutiones et acta publica imperatorum et regum inde ab a. MCCLXXIII usque ad a. MCCXCVIII (1273–1298), hg. v. J. Schwalm (= MGH. Constitutiones et acta publica imperatorum et regum, Bd. 3), 1904–1906, Ndr Hannover 1980, S.1–5; EdG = Enzyklopädie deutscher Geschichte; FSGA A = Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Reihe A: Mittelalter; GHV = Villingen im Wandel der Zeit. Geschichts- und Heimatverein Villingen; KHA = Kölner Historische Abhandlungen; Kirchner, G., Die Steuerliste von 1241. Ein Beitrag zur Entstehung des staufischen Königsterritoriums, in: ZRG GA 70 (1953), S.64 104; Maulhardt, H., Zotz, T. (Hg.), Villingen 999–1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich (= VAI 70), Waldkirch 2003; Metz, W., Staufische Güterverzeichnisse. Untersuchungen zur Verfassungsund Wirtschaftsgeschichte des 12. und 13. Jahrhunderts, Berlin 1964, S.98–115; MGH = Monumenta Germaniae Historica; VA = Vertex Alemanniae. Schriftenreihe zur südwestdeutschen Geschichte; Toch, M., Die Juden im mittelalterlichen Reich (= EdG 44), München 1998; VAI = Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg; Weinrich, L. (Hg.), Quellen zur deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis 1250 (= FSGA A 32), Darmstadt 1977, S.510–519, Nr.127; ZRG GA = Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung.

Die biblische Botschaft der Fenster im Villinger Münster (Kurt Müller)

Bei der letzten Renovation des Münsters 1978 – 1982 stellte man sich auch der Aufgabe, eine Neugestaltung aller Kirchenfenster im Hauptschiff zu wagen. Der Kölner Künstler Elmar Hillebrand wurde mit der Arbeit betraut. Sein Thema lautete: die Machttaten Jesu und seiner Jünger. Die Grundfläche aller Fenster bekam eine ann barocker Formensprache orientierte gleichmäßige Gestaltung. In jedem Fenster erzählt ein Medaillon eine biblische Begebenheit zum Thema. Die Bilderreihe auf den Fenstern schildert nun eine Fülle biblischer Begebenheiten, und sie stellt eine Einladung für die Besucher dar, bei einem meditativen Gang entlang der Fenster, sich zahlreiche biblische Themen bewusst zu machen. Wir beginnen den Rundgang auf der Südseite hinten:

Abb. 1: Der Prophet Elia auf der Flucht, 1 Kg 19,1.

„Der Engel Jahwes rührte ihn an und sprach: Steh auf, iss, denn sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte in der Kraft jener Speise 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg, dem Horeb”.

Wer aus der Hektik oder der Hast des Alltags heraus ins Münster tritt, fühlt sich vielleicht durch dieses Bild eingeladen, eine geistliche Pause einzulegen und durch die Begegnung mit Gottes Wort neue Kraft für den Lebensweg und die Aufgaben des Alltags zu finden. Iss und trink, sonst ist der Weg zu weit für dich, ist eine gute Einladung zu einer meditativen Pause entlang der Münsterfenster.

Abb. 2: Die Berufung der ersten Jünger, Mk 3, 16.

„Er sah Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die Netze auswerfen. Sie waren nämlich Fischer. Da sprach Jesus zu ihnen: Kommt mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen. Sofort verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.”

Eine Einladung zur Nachfolge prägt das öffentliche Wirken Jesu von Anfang an. Nicht das neugierige Beobachten seines Wirkens, nicht die kritische Auseinandersetzung seiner Botschaft ist die Erwartung Jesu an einen Menschen. Er erwartet den Aufbruch zur Nachfolge und in seiner Nähe das immer tiefer Vertrautwerden mit dem Sinn und dem Heilswert seiner messianischen Sendung.

Abb. 3: Petrus der Fels, Mt 16,18.

„Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.”

Die Einladung zur Nachfolge ist adressiert an viele Menschen. Aus Zuhörern werden Sympathisanten, Jünger, Apostel und eine große Zahl von Menschen. Von Anfang hat Jesus eine geordnete Struktur seiner Gemeinde beabsichtigt. Er hat Verantwortung übertragen, Ämter eingesetzt und dem Petrus das Felsenamt übertragen.

Abb. 4: Die Heilung des Gelähmten, Apg 3,1.

Petrus sprach: „Silber und Gold besitze ich nicht. Was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi des Nazoräers wandle! Und er fasste ihn bei der Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Gelenke fest. Er sprang auf und konnte gehen.”

Petrus und Johannes machen die Erfahrung, dass sie nicht nur viel Aufmerksamkeit erleben bei der Verkündigung der Botschaft Jesu. Sie erfahren, dass ihnen in der Nachfolge Jesu auch viel Kraft und Mut geschenkt wird, ja dass sie sogar an der Wunderkraft Jesu teilnehmen dürfen. „In Gottes Namen“ sagen wir selber auch oft und wir dürfen darauf vertrauen, dass sich darin auch für uns eine Kraftquelle erschließt.

Abb. 5: Der Sünderin wird vergeben, Lk 7,36.

„Sie trat weinend von rückwärts an die Füße Jesu heran und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.”

Eine dramatische Szene. Im Haus eines vornehmen Pharisäers, der Jesu Verhalten genauer beobachten wollte, hat eine in der Stadt bekannte Sünderin mit dieser provozierenden Geste Jesu und den Pharisäer herausgefordert. Der stolz auf seine Rechtgläubigkeit vertrauende Pharisäer wird belehrt: Ihre vielen Sünden sind vergeben, darum hat sie viel geliebt, wem aber wenig vergeben wird, liebt wenig. Zur Frau sagt Jesus: Dein Glaube hat dich gerettet, geh hin in Frieden.

Abb. 6 Petrus schreitet übers Wasser, Mt 14,22.

„Sogleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt.”

Nach der wunderbaren Brotvermehrung verließ Jesus die Jünger und das Volk und stieg auf einen Berg um zu beten. Die Jünger wies er an, das Boot zu besteigen und voraus zu fahren trotz starkem Wind und Wellengang. Mitten auf dem See meinten die Jünger ein Gespenst zu sehen, weil Jesus auf den Wellen schreitend ihnen erschien. Er rief dem Petrus zu: Komm! Der stieg aus dem Boot und schritt auf Jesus zu. Aber in Angst begann er zu sinken, da fasste ihn Jesus rettend an der Hand. Die Einladung: Komm kann uns Menschen in vielerlei Weise zur Nachfolge Jesu einladen. Wir dürfen vertrauen, dass seine Hand uns nicht loslässt, wenn wir beherzt seiner Einladung folgen.

Abb. 7: Die Ostergeschichte von Emaus, Lk 24,13.

„Sie sprachen zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns redete und die Schrift aufschloss?”

Diese einprägsame Ostergeschichte wird auf dem Fenster erzählt, das sich ganz nah am Altar befindet. Dort wo die Menschen das eucharistische Brot empfangen ist allen zu wünschen, dass ihnen die Frucht der Feier, die österliche Gewissheit geschenkt wird: Er ist wahrhaft auferstanden und uns wie den Seinen erschienen.

Abb. 8: die Verklärung auf dem Berg Tabor, Mt 17,1.

„Herr es ist gut, dass wir hier sind. Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, und Mose und Elia eine.”

Dieses Bild von der Verklärung Jesu und des Erscheinens von Mose und Elia ist gut geplant in der Mitte des Münsters in der Nähe des Altars. Hüttenbauen heißt so viel wie: Hier ist es gut, hier wollen wir bleiben, sicher und daheim sein. Im Münster sitzen oder knien, das bedeutet für viel Gläubige: sicher und daheim sein, gern und oft dahin zurück zu kommen. Daher schätzen und lieben viele Menschen ihre Pfarrkirche, in der sie getauft, getraut und in der sie sonntags beim Gottesdienst ihren Lieblingsplatz aufsuchen.

Abb. 9: Die Frau am Jakobsbrunnen, Jh 4,5.

„Jeder, der von diesem Wasser trinkt wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das ins ewige Leben sprudelt.”

Der Samariterin öffnet Jesus die Augen, dass sie ihren fragwürdigen Lebenswandel erkennt, und er beschenkt sie mit dem Wasser des Lebens, also mit Wort und Sakrament des Messias. Unser Gottesdienst soll eine solche Gelegenheit sein, bei der wir neue Klarheit über unser Leben finden und bei der wir beschenkt werden mit Wort und Sakrament des Messias.

Abb. 10: Paulus in Athen, Apg 17,16.

„Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten einige, andere sagten: Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.”

Paulus, der jüdische Gesetzeskenner und Prediger, wagt den Auftritt in Athen, der Hochburg antiker Philosophie und Weisheit. Das Bild zeigt die Akropolis mit den stolzen antiken Heiligtümern. Im Vordergrund sehen wir Männer, die aussehen wie Sokrates oder einer der Philosophen. Paulus scheut sich ich und hat keine Angst, vor den Großen seiner Zeit zu predigen. Jeder Christ braucht keine Angst zu haben vor der Weisheit und Lehre der Menschen heute. Jesus sagt: Wer sich zu mir bekennt zu dem werde ich mich bekennen vor meinem Vater.

Abb. 11: Die Heilung des blinden Bartimäus, Mk 10,46

„Jesus wandte sich ihm zu und sprach: Was willst du, das ich dir tun soll? Der Blinde antworte: Rabuni, dass ich wieder sehen kann. Da sprach Jesus zu ihm: Geh, dein Glaube hat dir Heilung gebracht. Und sogleich sah er wieder und folgte Jesus nach.”

Es gibt die leidvolle Erfahrung der leiblichen Blindheit. Es gibt auch, was die Wahrheit des Glaubens und die Wirklichkeit Gottes angeht, eine oft nicht leidvoll sondern keck und mutig vorgetragene Blindheit des Herzens und der Seele. Wer gegen die Blindheit des Herzens angeht, der ist ein Gottsucher und am rechten Platz bei der nachdenklichen Betrachtung der Bilder in unserem Münster.

Abb. 12: Die Auferweckung des Lazarus, Jh 11.

„Und nach diesen Worten rief er mit lauter Stimme: Lazarus komm heraus! Da kam der Tote heraus, Füße und Hände in Binden gewickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden. Jesus sagte zu ihnen: Bindet ihn los und lasst ihn gehen.”

Wo es ernst ist, da geht es um Leben und Tod und darum geht es auf diesem Bild von der Erweckung des Lazarus, also ist hier der ernste Schwerpunkt der Bilderreihe auf den Fenstern. Der Stein ist schon vom Grab weggenommen, man sieht den toten Lazarus. Jesus steht im Kreis seiner Apostel, über ihm eine fahle Sonne und in der Mitte des Bildes trauernd die Schwester des Lazarus. Sie steht für alle Menschen, die um einen teuren Angehörigen trauern. Sie bezeugt in alle Trauer hinein: Jesus lebt und alle die an ihn glauben werden in Ewigkeit nicht sterben.

Abb. 13: Die Steinigung des Stephanus, Apg 7,55.

„Siehe ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Er rief: Herr Jesus nimm meinen Geist auf, Herr rechne ihnen diese Sünde nicht an.”

In letzter Konsequenz führ das Zeugnis für Jesus zum Martyrium. Wir sehen rechts im Bild von einem blauen Agitator aufgehetzt eine johlende Menge. Stephanus ist schon getroffen auf die Knie gesunken. Einer hebt einen großen Stein wuchtig über seinen Kopf, es regiert die nackte Gewalt. Die Rohheit und Härte ist scheinbar stärker als der Zeuge, aber in Wahrheit steht der Himmel offen für den Martyrer, das zeigt auch das Wolkenbild über der Szene.

 

Abb. 14: Jesus segnet die Kinder, Mk 10,13.

„Lasst die Kinder zu mir kommen, wehret ihnen nicht, denn für solche ist das Reich Gottes.”

Im Zusammenhang mit Kindern wird heute vornehmlich von Betreuungsplätzen, Bildungseinrichtungen und Zukunftschancen gesprochen. Die Notwendigkeit, in der Pfarrkirche eigens klein gestaltete Kinderbänke für den Gottesdienst vorzuhalten, ist nirgendwo mehr notwendig. Das Bild zeigt deutlich: Die Mütter stehen in einer Gruppe beieinander und unterhalten sich. Die Kinder drängen sich ganz selbstverständlich zu Jesus hin. Kinder haben eine natürliche Offenheit für Beziehung und Freundschaft, eben auch für Beziehung und Freundschaft mit Jesus. Das sollten wir fördern und nicht behindern.

 

Abb. 16: Der Prophet Jona Mt, 12,38.

„Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Seeungeheuers war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.”

Das mit reichlich Legenden ausgestattete Büchlein des Propheten Jona wird im Matthäus Evangelium verwendet. Drei Tage im Bauch des Seeungeheuers stehen für drei Tage Jesu im Schoss der Erde. Dann aber, und das gilt jetzt für alle Gräber, wird der Schoss der Erde sich öffnen. Die Auferstehung Jesu und aller die an ihn glauben, das ist das Schlussbild unserer Reihe durchs Villinger Münster.

 

Bildnachweis:

Bilder Jochen Hahne

Verborgene Schätze aus dem 14. Jahrhundert (Edith Boewe-Koob)

Bei der Auflösung des Lehrinstituts St. Ursula im Jahr 2015 wurden unter anderem auch hochinteressante Fragmente gefunden. Es sind Blätter ehemaliger liturgischer Handschriften, die hauptsächlich zu Brevieren 1 gehörten, und die im 14. Jahrhundert auf Pergament in einer gotischen Textura geschrieben wurden. Wie die späteren Eintragungen der Konventschreiberinnen des Villinger Klarissenklosters zeigen, waren die Fragmente als Einbände von Rechnungsbüchern der Klarissen vorgesehen. Dazu wurden die Handschriften aufgelöst, nachdem sie obsolet geworden waren, um als Einzel – oder auch Doppelblätter für Einbände der Rechnungsbücher benutzt zu werden. Obwohl es einen Handel mit abgelösten Fragmenten gab, wäre es möglich, dass die kompletten Handschriften im Villinger Kloster benutzt wurden. Heute sind die als Einbände vorgesehenen Fragmente von größerer Bedeutung als der geplante Inhalt. Da die Einbindung unterblieb, kamen die Fragmente in das kleine Klostermuseum, wo sie einige Jahrhunderte keinerlei Beachtung mehr fanden.

Das Besondere an diesen liturgischen Fragmenten ist, dass zwischen den fortlaufenden lateinischen Texten sogenannte Einsprengsel eingetragen wurden, die Angaben zu dem Ablauf der jeweiligen Stundengebete in mittelhochdeutsch anzeigen. Diese Einsprengsel sind keine Nachträge, sondern gehören zur Anlage der Handschrift. Diese besondere Form der Aufzeichnungen wurde in Frauenklöstern, oder für diese geschrieben 2 und gehören in diesem Fall zu einem franziskanischen Frauenorden (Klarissen).

Von den gefundenen Fragmenten werden drei der interessantesten handschriftlichen Blätter abgebildet und erläutert. Da die Fragmente keine Signatur besitzen, wurden zum besseren Verständnis vorläufig Signaturen vergeben. Fragment aus dem Klarissenkloster zu Villingen (A.B. Fr.1)

„Anno 1607 das 17 bmoch Appolonia Moßerin angefangen den 6 augusti gehertt zuo verechnen den 6 Augusti Anno 1608.” (Apollonia Moser war von 1591 – 1612 Äbtissin des Villinger Klarissenklosters).

Abb. 1: Fr. 1, folio 1r, ganze Seite.

Das Fragment besteht aus einem Pergament- Doppelblatt und beinhaltet Lektionen aus den Büchern der Propheten Daniel, Osea, Joel und Amos. Die Lektionen wurden ab dem 3. Sonntag im November gelesen. Auch in den späteren Brevieren stehen diese Texte 3. Nach der zweiten Lektion wurde ein Einsprengsel eingefügt.

…Div vierde divoche Des manodes novembris vahet man an div buoch der zwels wissagen. Vnde list mans vnz an den advent von den selben an dem woe`chteiglichem ampte.”

„Die vierte Woche des Monats November beginnt man mit dem Buch der 12 Weissagungen (12 Propheten), die man bis zum Advent liest. Davon auch beim wöchentlichen Amt.”

Das zweite Fragmentblatt bildet keine Fortsetzung des ersten Blattes. Auch hat eine andere Hand den Text geschrieben, der fragmentarisch ohne Angabe mit einem Vers beginnt. Es folgen die Laudes-Antiphonen des Offiziums von Trinitatis.

Das Dreifaltigkeitsfest wurde erst 1334 in den römischen Kalender durch Papst Johannes XXII aufgenommen. Es gab bereits Ende des 8. Jahrhunderts Votivmessen zu Ehren der Dreifaltigkeit, die aber noch kein offizielles Fest bedeuteten 4. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde die Verehrung der Dreifaltigkeit als Fest um die erste Jahrtausendwende von dem Benediktinerorden eingeführt 5.

Es erstaunt, dass bereits in den frühen Antiphonarien das Fest Trinitatis in den Offizien aufgenommen wurde. Die auf dem Fragment aufgezeichneten Laudes-Antiphonen sind teilweise, auch in der Reihenfolge, identisch mit den untersuchten Quellen 6, die hauptsächlich zu dem „Cursus Monasticus” gehören.

 

(In Festo Sanctissimae Trinitatis)

Ad Laudes

A = O beata et benedicta et gloriosa trinitas… (H, R, D, S)

A Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M, F, L)

A O beata et benedicta et gloriosa trinitas… (H, R, D, S)

V Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M, F, L)

A O uera summa sempiterna trinitas… (H, R, D, S)

V Miserere, miserer, miserere nobis… (E, M,)

A Te iure laudant te adorant te glorificant… (H, R, D, S)

V Tibi laus tibi gloria tibi graciarum… (E, M)

 

Ad Benedictus

A Benedicta sit sancta trinitas… (H)

Abb. 3: Fr. 1, folio 2r, linke Spalte.

„Div capitel spricht man ze den ziten als andem svnnintage.”

„Die Kapitel werden zu den Stundengebeten, wie am Sonntag gebetet”

Einige Hymnen, Gesänge und Gebete, die sich alle auf Trinitatis beziehen, bilden den Abschluss des Fragments.

Fragment aus dem Klarissenkloster (A.B Fr. 2) Auf dem Pergament – Doppelblatt des Brevier – wurde auf der Rückseite in Gegenrichtung folgender Eintrag handschriftlich aufgezeichnet.

„Anno 1609 das 19 buoch Appolonia Moßerin angefangen den 6 augusti gehörttt zuo verechne de(n) 6 augusti 1610”

(Apollonia Moser war von 1591-1612 Äbtissin des Villinger Klarissenklosters).

Abb. 4: Fr. 2, folio 1r, ganze Seite.

Dieses Fragment ist Teil eines ehemaligen Breviers,zu dem einige der gefundenen Fragmente gehörten. Der Inhalt des Pergament-Doppelblattes besteht aus Texten, die dem ersten Buch der Machabäer entnommen wurden. Zu Beginn, auf folio 1, steht eine fragmentarische Lectio aus dem Buch Esther (Hesther) 7. Die Texte der nachfolgenden Lektionen und Gesänge gehören zum 1. Buch der Machabäer 8, Aus den Büchern der Propheten und auch der Machabäer wurden die Texte hauptsächlich in mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Handschriften aufgezeichnet, ebenfalls sind die Texte in den Brevieren des 17. und 20. Jahrhunderts 9 zu finden.

Abb. 5: Frag. 2, folio 1r, linke Spalte.

Nach der Lectio aus dem Buch Esther wurde das erste Einsprengsel aufgezeichnet.

„Merke singet man die vor gescriben Ystorie an dem ffinften sonnentage daz da gebristet daz er vollet man von der Ystorie Adonay domine. An dem ersten samztage kalendns octobris.”

„Merke: Singt man die vorgeschriebenen Gesänge (Responsorten un Antiphonen) am fünften Sonntag, falls sie nicht vollständig sind, singt man das Responsorium „Adonay Domine” an dem ersten Samstag in den Kalenden des Oktobers.”

Nach einer Antiphon zum Magnifikat folgt das nächste Einsprengsel.

„In dem ersten svnnentage octobris singet man disiv nvitatoria Venite exultemus Preocupemus Suoch div Invitatoria bi den andern nah dem xwelftentage an dem man div singet man hie nah ein andr vnz an den. advent also daz man d´lengeste wirt singet ob es not ist. Ymnus Primo dierum o(mnium) Hinaht vahet man an div Buoch machabeorum. daz erste leset nwn dvrch zwo wochen. daz and´ bmoch macinhabeoram dvrch die anderen zwo.”

„An dem ersten Oktobersonntag singt man die Invitatorien „Venite exultemus” und „Preoccupemus”. Benutze die Invitatorien an den zwölf Tagen, die man nacheinander bis zum Advent singt. Das längste wird, wenn nötig, zweimal gesungen. Es folgt der Hymnus des ersten Tages. Anschließend beginnt man mit den Büchern der Machabäer. Das erste Buch wird innerhalb von zwei Wochen gelesen, das andere Buch (das zweite) die beiden letzten Wochen.”

Die folgenden Texte wurden den Büchern der Machabäer entnommen, aufgeteilt in Lektionen, Responsorien und Antiphonen. Bei den angegebenen Gesängen zeigt sich im Vergleich mit den Quellen des CAO und anderen Quellen eine eventuelle Beziehung zu der Handschrift aus Ivrea (E).

(Alle 13 Responsorien des Fragments sind ebenfalls in E, von den 11 Antiphonen sind 8 in der selben Handschrift aus Ivrea. Die 13 Responsorien des Fragments sind auch identisch mit den Angaben in den Handschriften von St Gallen (H) und Rheinau (R). wie auch in Benevent (L). Von den 11 Antiphonen des Fragments ist nur jeweils 1 Antiphon in St. Gallen (H) und Benevent (L) vorhanden).

Vor dem letzten Einsprengsel wurde noch der Hymnus „Aeterne rerum” gesungen.

Abb. 6: Fr. 2, folio 2r, ganze Seite.

„Die vnder gescribene antphone spricht man zedem Mag. an dem werchtagelichen ampte vnz an die kaldàs nonembris.”

„Die anschließenden Antiphonen singt man zum Magnifikat im Amt an den Wochentagen in den Kalenden des Novembers.”

Die Eintragungen auf dem Fragment enden nach den elf angegebenen Antiphonen und den zwei Lektionen, deren Texte dem ersten Buch der Machabäer für die folgenden Wochentage entnommen wurde.

 

Fragment aus dem Klarissenkloster (A.B. Fr. 3)

Über den eigentlichen Text des Fragmentes wurden von der Konventschreiberin des Villinger Klarissenklosters die Angaben für den Einband eines vorgesehenen Rechnungsbuches eingetragen.

Anno 1615 Jar das dritt Buoch maria Cleopha Duocherin Angefangen den 6 Augusti gehert zuo verechnen den 6 August Anno 1616.

(Maria Cleopha Durcher war von 1612 – 1624 Äbtissin des Klarissenklosters zu Villingen).

Abb. 7: Fr. 3, folio 1r, ganze Seite.

Dieses Fragment, das ebenfalls Teil eines Breviers ist, besitzt neun Lektionen, drei Responsorien und sieben Antiphone, deren Texte aus dem Buch Job entnommen wurden. Die Lektionen wurden nach den aufgezeichneten Antiphonen gelesen. In einigen der verglichenen Quellen wurden die Texte Jobs „In Kalendris Septembris” und „In Kalendris Octobris” eingesetzt. Auf dem Fragment wurde für die Leseordnung keine Angabe gemacht. Fest steht, dass die Texte Jobs im Herbst gelesen wurden. Nach den drei Responsorien steht ein Einsprengsel.

Abb. 8: Fr. 3, folio 1r, linke Spalte.

„Die vndern gescribene antiphe siget man ze dem Mag. durch zwo wochin.”

„Die anschließenden Antiphonen werden zum Magnifikat innerhalb zwei Wochen gesungen.”

Der Text auf folio „1r” beginnt mit dem fragmentarischen Vers eines Responsoriums. Es folgen drei Responsorien mit Versen und sieben Antiphonen. Beim Vergleich mit den Quellen aus CAO und anderen Handschriften, konnte festgestellt werden, dass die drei Responsorien, in Ivrea (E), und von den sieben Antiphonen des Fragments sechs in der Handschrift aus Ivrea vorhanden sind. In den Handschriften von St. Gallen (H) und Rheinau (R) sind die Responsorien ebenfalls mit den Eintragungen auf dem Fragment identisch, während bei den Antiphonen nur drei mit den Angaben des Fragments übereinstimmen.

 

Zusammenfassung:

Die untersuchten Pergamentfragmente gehören zu Brevieren des 14. Jahrhunderts, die in gotischer Textura geschrieben wurden. Die Schrift wurde von geübten Händen ausgeführt, sie ist gut lesbar und ihr Erscheinungsbild homogen. Die Texte der ehemaligen Handschriften wurden in zwei Spalten geschrieben, und die Initialen über zwei bis sieben Zeilen dekorativ in rot und blau gezeichnet und oft mit der anderen Farbe (rot mit blau, blau mit rot) ausgeschmückt. Von großer Bedeutung sind die Einsprengsel, die meistens rot unterstrichen wurden, und in den liturgischen Handschriften einiger Frauenklöster als Anlage, die zum liturgischen Ablauf der Stundengebete gehören, eingesetzt wurden.

Die wichtigsten Übereinstimmungen mit den Quellen des CAO:

Fragment 2 von 13 Responsorien im Fragment, davon 13 Responsorien in Ivrea (E), St. Gallen (H), Rheinau (R) und Benevent(L). Von 11 Antiphonen des Fragments davon 8 Antiphonen in Ivrea (E), 1 A. in St. Gallen (H), Rheinau (R) und Benevent (L).

Fragment 3 von 3 Responsorien des Fragments ebenfalls 3 in Ivrea, St. Gallen und Rheinau und 2 R. in Benevent(L). von 7 Antiphonen des Fragments, davon 6 in Ivrea (E), 3 in St. Gallen (H), Rheinau (R)und 2 in Benevent (L).

Es wäre durchaus möglich, dass die kompletten Handschriften im Klarissenkloster Villingens in den Offizien benutzt wurden. Denn als Ursula Haider mit ihren Mitschwestern aus Valduna im Vorarlberg nach Villingen kam, um die dortige Sammlung im Jahr 1480 in ein Klarissenkloster umzuwandeln, waren für Messfeier und Stundengebete liturgische Bücher notwendig. Dadurch wäre es denkbar, dass Ursula Haider die Handschriften aus Valduna mitbrachte um gleich bei ihrer Ankunft in Villingen mit ihren Mitschwestern die vorgeschriebenen Offizien feiern zu können, denn in der Villinger Sammlung am Bickentor befanden sich keine Handschriften für den strengen Klarissenorden. (Der Klarissenorden ist der zweite franziskanische Orden, mit der Regel der hl. Clara von Assisi). Falls diese Hypothese stimmen könnte, müsste noch erforscht werden, woher die liturgischen Bücher nach Valduna kamen.

Nicht nur für Villingen, sondern allgemein für die Liturgiewissenschaft sind diese Fragmente mit den Einsprengseln von großer Wichtigkeit, und es ist eine besondere Fügung, dass diese Fragmente gefunden wurden.

 

Anmerkungen: 

1 Brevier = Sammlung der Gebete und Gesänge der täglichen Stundengebete der Ordensgemeinschaften und Welt-geistliche der kath. Kirche.

2 Herrn Prof. Dr. Felix Heinzer, der wertvolle Anregungen gab, sei herzlich gedankt.

3 Breviarium Romanum, Pars Autumnalis, Antverpiae M. DC. XCVIII. Breviarium Romanum, Pars Autumnalis, Ratisbonae et Romae MCMXV.

4 Dürig, Walter: Dreifaltigkeitsfest (VII), Bd. 3, Herder-Verlag Freiburg, 1959, Sp. 562.

5 Beritz, Karl-Heinrich: Das Kirchenjahr, H.Beck-Verlag München, 1994, S. 142.

6 E = Ivrea (Ivree, Chapitre 106, 11. Jh.). M = Monza (Monza Chapitre c. 12.75, 11. Jh.). H = Hartker (St. Gallen, 390 – 391, 10./11.Jh.). R = Rheinau (Zürich, Zentralbibliothek, Rh. 28, 13. Jh.). D = Saint Denis (Paris, Bibl. Nat. lat. 17296, 12. Jh.) F = Saint- Maur les Fossès, (Paris, Bibl. Nat. lat. 84, 12. Jh.). S = Silos (London, Brit. Museum, add. 30850, 11. Jh.). L = Saint Loup de Bénevént, Chapitre V. 21, 12. Jh).

7 Die Texte von Esther wurden im September gelesen.

8 Die Texte des 1. Buches der Machabäer wurden ab dem ersten Sonntag im Oktober, die Texte des zweiten Buches ab 4. Oktobersonntag eingesetzt.

9 Siehe Endnote 3.

 

Quelle:

  1. B Klosterarchiv St. Clara / St. Ursula

An der Schwelle zur Universität:der philosophische Kurs in Villingen (Michael Tocha)

Wer im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit an einer Universität studieren wollte, hatte die Wahl zwischen drei Fakultäten: Medizin, Jura und Theologie. Zuvor musste jeder Student die philosophische oder Artistenfakultät durchlaufen. Die Bezeichnung rührt her von den sieben „freien Künsten” (lat. Artes liberales). Sie bestanden in Antike und Mittelalter aus der Dreiergruppe (trivium) der elementaren Fächer Grammatik (d.h. Latein), Rhetorik und Dialektik und der Vierergruppe (quadrivium) der höheren „philosophischen” Fächer Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Im Humanismus verschoben sich die Inhalte, zu den höheren Fächern gehörten jetzt Logik, Dialektik, Mathematik, Physik, Metaphysik und Ethik. Bemerkenswert ist, dass Philosophie nicht nur das Spezialfach war, das wir heute darunter verstehen, sondern Denkmethoden, Sprach- und Debattierfähigkeit sowie Mathematik und Naturwissenschaften einschloss. In dieser Bandbreite lieferte sie das unverzichtbare intellektuelle Rüstzeug für jeden akademisch Gebildeten (man sieht, dass die „Kompetenzorientierung” der heutigen Pädagogik keineswegs neu ist).

Die elementareren Grundlagen für einen Besuch der Universität wurden an Lateinschulen gelegt. Wie der Name aussagt, erwarb der Schüler hier die nötigen Kenntnisse der Bildungssprache Latein, die teilweise bis über das 18. Jahrhunderts hinaus an Schulen, Universitäten und in gelehrten Veröffentlichungen in Gebrauch war. Seit dem 16. Jahrhundert nun ist zu beobachten, dass nicht nur die obere Grammatik, Rhetorik und Poesie, sondern auch der vorbereitende Unterricht in den philosophischen Wissenschaften von der Universität zunehmend auf die Schule übergingen. Die alte Artistenfakultät verschmolz allmählich mit der Lateinschule, so entstand das Gymnasium.

1 Dabei bildete sich eine durchaus unterschiedliche Gymnasiallandschaft heraus. Die meisten Schulen hatten die sprachlich-literarischen Fächer in ihren Lehrplan aufgenommen, aber zunehmend mehr boten im Rahmen eines „philosophischen Kurses” auch Naturwissenschaften, Philosophie und die Anfangsgründe der Theologie an. Solche Schulen hießen später „Lyzeum”. Indem sowohl Universität wie Lyzeum den philosophischen Kurs anboten, wurde dieser zu dem Bereich, in dem sich die beiden Bildungseinrichtungen überschnitten.

Auch in Villingen sind solche Entwicklungen festzustellen. Schon 1669 hatte der Stadtpfarrer Dr. Mötz in seinem Plädoyer für die Schule der Benediktiner die ganze Bandbreite des gymnasialen Unterrichts aufgezählt, nämlich Unterricht „in Latinitet alß auch in der Music”, aber auch die „Sibente Schuel und Philosophia”.

2 Vor allem die letztere Nennung ist in unserem Zusammenhang bemerkenswert – „Schuel” (Schule, schola) bedeutet nämlich Klasse, und die siebente ist diejenige, die nach Abschluss der sprachlichen und musischen Schulfächer in die „philosophia”, also die Stoffe der

Artistenfakultät, einführt. Sie gehörte für Mötz offensichtlich zum Programm einer vollständigen höheren Schule. Allerdings dürfte zu diesem frühen Zeitpunkt in Villingen noch kein Bildungsangebot dieser Art bestanden haben. Dazu kam es erst 1711: Nachdem der Bürgermeister und der Rat der Stadt zwei Jahren lang unter dem Druck der Bürger und der Zünfte beratschlagt hatten, trugen sie den Benediktinern die Einrichtung eines philosophischen Kurses an ihrem Gymnasium an. Abt Michael Glückherr musste jedoch ablehnen, weil er nicht genügend gebildete Lehrkräfte in seinem Kloster fand. Daraufhin wandte sich die Stadt an die Franziskaner; diese trauten sich den philosophischen Kurs zu. Beide Seiten schlossen einen Vertrag, wonach ein qualifizierter Pater mit der Lehre beauftragt werden sollte; in einzelnen Monaten sollten öffentliche Disputationen stattfinden, zu denen auch die Kapuziner und Benediktiner und andere Gebildete aus der Stadt einzuladen seien. 3 Dabei mussten vorformulierte, manchmal sogar im Druck vorgelegte Thesen in lateinischer Sprache von den Schülern erläutert und verteidigt werden. 4 Hier wird deutlich, dass die Disputationen Veranstaltungen mit hohem Prestige waren:

Kloster und Schule konnten nach außen demonstrieren, welches Niveau bei ihnen herrschte und zu welchen Leistungen sie fähig

waren. So brachten sie einen Hauch der weiten akademischen Welt in das meist ja bescheidene Geistesleben der kleinen Stadt.

Die Blamage, dass sie den philosophischen Kurs den Franziskanern hatten überlassen müssen, konnten die Benediktiner ab der Jahrhundertmitte wieder wettmachen. 1749 wurde der Bau ihres Gymnasiums samt Theatersaal vollendet und damit dessen Geltungsanspruch in der Konkurrenz mit den Franziskanern auch im Stadtbild unübersehbar. Der Ton zwischen den beiden Orden und ihren Schulen wurde dadurch noch gereizter, als er ohnehin schon war. Die Benediktiner öffneten sich neuen (wenn auch nicht unbedingt modernen) Inhalten, z.B. setzten sie Griechisch und Hebräisch auf ihren Lehrplan. Auch kann man bei ihnen eine allmähliche Umorientierung weg von mittelalterlichen und jesuitischen Denkweisen hin zu aufgeklärten Ansätzen beobachten. 5 Daher hatten sie die besseren Karten, als die österreichische Regierung 1773/4 mit ihren Reformabsichten Ernst machte und die beiden Gymnasien zusammenlegte. Auch der philosophische Kurs ging nun an die Benediktiner über, ab 1777 hieß ihre Schule offiziell „Lyzeum”. Davon wurden in Vorderösterreich insgesamt vier eingerichtet, neben Villingen noch in Konstanz, Feldkirch und Ehingen.

Die österreichischen Schulbehörden verfolgten mit diesen Maßnahmen den Plan, den Zugang zum eigentlichen Universitätsstudium zu dezentralisieren und zu vereinfachen; ein Ziel war, „den Aeltern die Kosten zu ersparen, daß sie ihre Söhne nicht gleich nach geendeten untern Schulen auf die Universität nach Freyburg schicken müssen.”

So durchliefen nun bis 1806 jährlich rund ein Dutzend Schüler – sie waren zwischen 15 und 17 Jahre alt – das „Philosophiestudium” an der Villinger Benediktinerschule. Es umfasste mit Logik, Ethik und Metaphysik die Philosophie im engeren Sinne, darüber hinaus aber auch Mathematik, Physik und Naturgeschichte, Weltgeschichte und Urkundenlehre sowie Kameralwissenschaft, eine praxisorientierte Mischung aus juristischem, geografischem und wirtschaftskundlichem Einführungsunterricht, zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Staates. 7 Die Schule hatte Schülerverzeichnisse und Berichte über die Lehrinhalte an die Universität Freiburg zu schicken, die den Lehrbetrieb in staatlichem Auftrag kontrollierte. 8 Um zum Fachstudium an den drei klassischen Fakultäten zugelassen zu werden, mussten die Schüler vor Freiburger Professoren eine umfassende Abschlussprüfung, das „Rigorosum”, ablegen – eine Vorform des wenige Jahrzehnte später eingeführten Abiturs. 1806 wurden Kloster und Lyzeum der Benediktiner aufgehoben, der Schulbetrieb lief nach wenigen Jahren aus. Rund ein Jahrhundert lang war es nun nicht mehr möglich, in Villingen die Berechtigung zum Studium an einer Universität zu erwerben.

 

Anmerkungen:

* „Die Philosophie ist die Mutter der schönen Künste” (Cicero), Eingangssatz des Franziskaner-Thesenblatts von 1756, vgl. Anm. 4

1 Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Anfang des Mittelalters bis zur Gegenwart, Bd. I, Berlin u. Leipzig 1919, S. 344

2 SAVS OO10

3 Protocollum Venerabilis conventus FF. Min. S. Francisci Conventus Villingae conceptum Anno 1696, Leopold-Sophien- Bibliothek Überlingen, Ms. CXVI, S. 50 f. Der Verfasser dankt Herrn Johann Dietrich Pechmann, Mönchweiler, für Bereitstellung und Übersetzung dieser Quelle.

4 Das Franziskanermuseum besitzt ein gedrucktes Thesenblatt der Benediktiner von 1695, vgl. Zersägt. Ein Krimi um barocke Theaterkulissen. Katalog zur Ausstellung Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen 30. November 2013 bis 23. Februar 2014, Villingen-Schwenningen 2013, S. 124, sowie ein Thesenblatt der Franziskaner von 1750, vgl. ebd., S. 119. Die Staatliche Bibliothek Regensburg bewahrt eine in Rottweil gedruckte Zusammenstellung von Thesen aus der universalen Philosophie auf, die 1756 in einer großen Disputation in Villingen von vier Ordensangehörigen verteidigt wurden (als Digitalisat der Bayerischen Staatsbiliothek unter http://reader.digitalesammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11301991_00001.html, Aufruf 30. 1. 2017). Den beiden Franziskanerdokumenten liegt das philosophische System des mittelalterlichen Scholastikers Johannes Duns Scotus (1266- 1308) zugrunde, der sogar noch im Zeitalter der Aufklärung die Leitfigur franziskanischer Geistigkeit darstellte.

5 Vgl. Michael Tocha: Grundkurs in katholischer Aufklärung: Andreas Benedikt Feilmoser, seine Lehrer und die Bildungswelt der Benediktiner in Villingen, in: FDA 136, 2016, S. 133 – 157

6 Franz Quarthal: Die Behördenorganisation Vorderösterreichs von 1753 bis 1805 und die Beamten in Verwaltung, Justiz und Unterrichtswesen (= Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg 43), Bühl 1977, S. 182 Nr. 97, zit. Nach Karl-Heinz Braun: „Wo die Fackel der Aufklärung leuchtet!” Zu Freiburger Traditionen, in: Jahres- und Tagungsbericht der Görres-Gesellschaft 2010, http://www.goerresgesellschaft. de/fileadmin/userupload/Ordner_mit_Dateien_von _alter_Seite/ archiv/Jahresbericht_2010 (Aufruf 21. 6. 2017), S. 25

7 Vgl. Peter Stachel: Das österreichische Bildungssystem zwischen 1749 und 1918, http://www.kakanienrevisited. at/beitr/ fallstudie/PStachel2.pdf (Aufruf 21. 6. 2017), S. 3 f.

8 Vgl. GLAK 100, 726-728; Universitätsarchiv der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg, Bestand A 77, bearb. v. Dieter Speck, Freiburg 2000, S. 18, https://www.uniarchiv. uni-freiburg.de/bestaende/Pertinenzprinzip/altbestaende/ Gymnasien/a0077 (Aufruf 18. 7. 2017).

 

Die evangelische Gemeinde in Villingen zu Beginn der1930er Jahre, insbesondere die Renovierung der Kirche 1934 (Wolfgang Rüter-Ebel)

Anfang der 30er Jahre hatte die noch recht junge evangelische Gemeinde in Villingen gut 3.000 Gemeindemitglieder. Pfarrer war seit vielen Jahren Adolf Barner. Seit 1896 war er in der vier Jahre zuvor gegründeten Kirchengemeinde Villingen. Im Jahre 1902 wurde die Pfarrstelle errichtet und somit unabhängig von der Kirchengemeinde Mönchweiler. Er begleitete die Gemeinde durch ruhige Zeiten des Wachstums, sowie durch die Umbrüche zu Zeiten des Weltkrieges und der anschließenden Neuorganisation in der Weimarer Republik. Adolf Barner war zeitweise auch (Hornberger) Dekan, Landessynodaler und Kirchenrat. 1926 war es von Villingen aus zur Bildung einer ersten Diasporagemeinde gekommen: Bad Dürrheim mit umliegenden Dörfern im Brigachtal wurde abgetrennt und bekam einen eigenen Pfarrer.

Nachdem Adolf Barner in seinen ersten Jahren noch im „alten Mesnerhaus” an der Kirche gewohnt hatte, war dann das „neue” Pfarrhaus am Benediktinerring gebaut worden, das er fortan mit seiner Familie bewohnte. (1978 – mit dem Ruhestand von Pfarrer Guggolz – wurde es verkauft.)

Seit 1923/24 wurde der ehemalige Chorraum der Kirche, nachdem eine Zwischendecke eingezogen worden war, als Gemeindesaal zur Gemeindearbeit verwendet. Ein weiteres Gemeindehaus stand damals nicht zur Verfügung.

Schon in den 20er Jahren gab es Pläne zu einer grundlegenden Renovierung der Kirche. Doch wurden diese zunächst wegen des Projekts „Kinderschule” zurückgestellt. 1927/28 kaufte die Kirchengemeinde ein Grundstück in der Wehrstraße, auf dem dann der erste evangelische Kindergarten eingerichtet wurde. Im Juli 1929 war dieser eröffnet worden. Die Kinder wurden von Kinderschwestern aus Nonnenweier betreut, die nebenan im Schwesternhaus an der Mönchweilerstraße wohnten. (Nach dem Krieg im Jahre 1947 wurde am Schwedendamm ein zweiter evangelischer Kindergarten eröffnet.)

Zu Beginn der 30er Jahre verfügte die evangelische Kirchengemeinde also neben der Kirche und dem alten Mesnerhaus (samt Garten) in der Gerberstraße über das Pfarrhaus im Benediktinerring und über das Grundstück samt Gebäuden an der Wehrstraße. Die Kirche dürfte in keinem guten Zustand gewesen sein – schon 1911 war ein größerer Betrag zur Renovierung bereitgestellt worden, 1913 hatte man die Orgelempore vergrößert. Finanzielle Probleme gab es dann 1923 mit der Inflation. Doch nachdem der Ankauf des Grundstücks in der Wehrstraße bewältigt war, ging es an die längst fällige Renovierung der Kirche. Diese fiel in die ersten Jahre des National- Sozialismus 1933 und 1934.

Im Dezember 1933 datiert ein Brief der Kirchengemeinde mit dem Antrag auf behördliche Genehmigung. Darin heißt es: „Der Evang. Kirchengemeinderat hat (…) den Beschluss gefasst, (…) das Innere unserer Kirche zu erneuern. Es sind folgende Arbeiten geplant: Erneuerung der schadhaften Emportreppe, der Emporbrüstung, des Fussbodens im Mittelgang, Wandbrüstungstäfer, neue Bestuhlung, Innenputz und Anstricherneuerung, Kamineinbau und Einbau einer Zentralheizungsanlage.”

Unter dem Stichwort „Volksmission” fanden zu jener Zeit monatliche Vortragsabende statt. So etwa im Januar 1934 über „nationale Erziehung”, im Februar über „modernes Schicksalsforschen und christliche Vorsehung” und im März wurde über die Frage gesprochen: „Brauchen wir als Christen noch das Alte Testament.”

Im Sommer 1934 sollte die neu renovierte Kirche dann eingeweiht werden, genauer gesagt am Sonntag, dem 15. Juli. Man dachte daran, „dieselbe ganz einfach und schlicht durch einen Festgottesdienst am Sonntagmorgen und eine geistliche Abendmusik zu begehen.” Als Festprediger nahm man Kontakt mit Pfarrer Bähr auf, der 1886 der erste selbständige Vikar in Villingen gewesen war. Und Pfarrer und Kirchenrat Adolf Barner fragte in Karlsruhe an, ob nicht der Landesbischof selbst zur Feier kommen würde.

Der Landesbischof sagte zunächst zu, war dann aber kurzfristig doch verhindert. Dabei hatte man schon ein Begrüßungsgedicht verfasst:

„Willkommen! jauchzt vom Turme Ein jeder Glockenschlag.

Herr Bischof, mit Dank und Freude Begrüssen wir Sie heute an unserem Fest- und Weihetag. (…)”

Auch auf andere geladene Gäste musste man verzichten: So etwa auf den Direktor des städtischen Verkehrsamtes und der Kurverwaltung, der sich mit deutschem Gruß wegen Veranstaltungen des Schwarzkragentreffens entschuldigen ließ, und ebenso auf die Vertreter der katholischen Gemeinden, nämlich der „Erzbischöflichen Pfarrkuratie St. Fidelis” und des „Münsterpfarramtes”.

Ein besonderer Höhepunkt sollte die Fertigstellung der beiden glasbemalten Fenster im Kirchenschiff sein. Diese waren nicht in der ursprünglichen Bauplanung enthalten gewesen (siehe oben) – dies lässt möglicherweise darauf schließen, dass sich dahinter eine großzügige Spende verbirgt.

Das „Evangelische Stadtpfarramt Villingen” bedankt sich Ende Juni 1934 beim Künstler Vollmer, Offenburg:

„Nun erst, nachdem ich bei voller Beleuchtung die beiden glasbemalten Fenster. „Der gekreuzigte Christus” zum Andenken an die Gefallenen der Gemeinde und „die Himmelfahrt Christi” gesehen habe, kann ich Sie auch zugleich im Namen der Gemeinde von ganzen Herzen zu dieser in jeder Hinsicht wohl gelungenen Arbeit beglückwünschen und Ihnen herzlich danken. Sie haben da etwas geschaffen, etwas so Kraftvolles und Farbenprächtiges, zugleich Herz und Gemüt Erhebendes, das Ihnen als Künstler Ehre macht und der Gemeinde jeden Sonntag ein immer neuer Quell der Freude sein wird. Es wird eben dies Werk, das seinen Meister lobt, Sie allen denen empfehlen, die es zu Gesicht bekommen. Besonders danken wir Ihnen und Ihren Mitarbeitern aber auch dafür, dass Sie mit Anspannung aller Ihrer Kräfte an dem Werk so gearbeitet haben, dass es zur bestimmten Zeit fertig wurde. Mit der Fertigstellung Ihrer Bilder kam auch die Zusage des Herrn Landesbischof D. Kühlewein, dass er unserer Feier am 15. Juli beiwohnen wird, wozu ich auch Sie nochmals herzlich einlade.

Mit deutschem Gruß”

Abb. 1: Kriegsgedächtnisfenster.

Abb. 1: Kriegsgedächtnisfenster.

Der Festgottesdienst fand dann an jenem Sonntag um 9 Uhr statt. Außer dem Landesbischof hatte kurzfristig auch Pfarrer in Ruhe Karl Bähr absagen müssen. Nach der Begrüßungsansprache von Dekan Barner und dem Weiheakt von Dekanstellvertreter Pfarrer Eisinger aus Triberg ergriff der junge Vikar Konrad Barner, der eben aus Villingen stammte, zur Predigt das Wort. Im Bericht heißt es: „Der Festgottesdienst erhielt durch 2 herrliche Chöre des Kirchenchors unter der Leitung von Herrn Direktor Essig seine besondere Weihe.”

Die Festpredigt des jungen Herrn Barner ist überliefert und liegt sogar in gedruckter Form vor. Insgesamt liest sie sich durchaus fromm. Viel ist davon die Rede, dass Christus für die neue Kirche neue Menschen braucht. Nicht alle Zwischentöne sind nach 80 Jahren mehr gut herauszuhören, doch an einer Stelle wird er sehr deutlich:

„Wie war’s denn in der Urgemeinde?” fragt er. „Mit dem Kommen des Heiligen Geistes ging mit den Jüngern eine große Veränderung vor sich. Sie wurden neue, andere, geheiligte Menschen. – So ist’s heute noch. Wo ein Menschenherz sich völlig für den Herrn Jesus öffnet und ER mit seinem Heiligen Geist einziehen kann, da gibt’s Revolution, da findet ein Thronwechsel statt, da gibt’s etwas Neues, anderes, Geheiligtes.

Was eine Revolution ist, wisst ihr. Wir haben ja in unserem geliebten Vaterland erst eine solche erlebt und stehen noch unter dem Eindruck der gewaltigen Tat. Unser Führer, Adolf Hitler, wurde uns dazu von unserem Gott gesandt, und wer bisher es noch nicht erfasst hatte, dass er ein besonders Begnadeter, unter einem besonderen göttlichen Schutz Stehender ist, dem hat hoffentlich der 30. Juni die Augen darüber geöffnet. Adolf Hitler mit seinen treuen, ihm völlig ergebenen, von heißer Liebe zu ihm entbrannten Männern durften das große Werk der völkischen Erneuerung schaffen.”

Im Weiteren spricht Konrad Barner davon, dass Gott noch Größeres schenken will, nämlich eine innere, geistliche Erneuerung. Diese Hitler-Passage scheint ihm so eine Art Gleichnis gewesen zu sein. Zum Verständnis: was war am 30. Juni 1934 gewesen, also zwei Wochen vor der Einweihung der Kirche hier? Der so genannte „Röhm-Putsch”. Unter diesem Namen war die Aktion von der nationalsozialistischen Propaganda veröffentlicht worden. In Wirklichkeit war es eine geplante Säuberungsaktion gegenüber der Hitler zu mächtig gewordenen SA. Die Hitler-Anhänger hatten ein Blutbad angerichtet, einige Dutzend Vertreter der gegnerischen Gruppe wurden umgebracht, dabei eben Ernst Röhm, weitere Führungsmitglieder der SA, und auch Kurt von Schleicher. Er war der Vorgänger von Adolf Hitler im Amt des Reichskanzlers gewesen.

Lokale Zeitungen berichteten von der Einweihungsfeier:

„Im Rahmen des Arbeitsbeschaffungs- Programms der Reichsregierung hat die hiesige evangel. Kirchengemeinde ihre Kirche dieser durchgreifenden Instandsetzung und Verbesserung unterzogen. Ausgehend von der Sicherung und Erhaltung der schönen Stuckdecke, über die Erneuerung des hundertfältig geflickten Wandputzes, der vom Zahn der Zeit stark mitgenommenen Bodenbeläge, Ersatz der hellen Verglasung durch dämpfendes Kathedralglas, durch Einbau neuen Wandtäfers und neuer Bestuhlung, Umbau der Beleuchtung für indirektes Licht, Verlegung der Kanzel an einen akustisch besseren und für die Raumordnung wertvolleren Platz, durch Erstellung eines würdigen, schlichten Altars, überragt vom einfachen Kreuz, Ersatz der unhaltbaren Ofenheizung durch eine saubere und wirtschaftlichere Dampfheizung, alles mit wohlabgewogenen Farben würdig und feinsinnig abgetönt und durch Einbau von zwei vorzüglich gelungenen Glasgemälden: Kreuzigung und Auferstehung, ersteres als Kriegsgedächtnisfenster mit entsprechender Inschrift, ist jetzt ein Gotteshaus entstanden, das dem berechtigten Wunsch der Gemeindemitglieder nach endlicher würdigerer Gestaltung des Kircheninnerns voll und ganz Rechnung trägt. – Wenn jetzt noch der anschließende Gemeindesaal in Farbe und Ausführung glücklich mit dem Hauptraum zusammengestimmt wird, dürfte der Gesamteindruck noch vollkommener, vorzüglicher werden.”

Ganz anders beurteilte man 1983, als die Kirche wiederum renoviert wurde, die Gestaltung von 1934: „Beherrscht (…) war das Innere von einer 1934 geschaffenen, unproportioniert wirkenden, neugotischen Ausstattung, zu der neben Altar, Kanzel und Bänken auch eine sehr dominierende Lambris gehörte. Weiterhin ungünstig auf den Raumeindruck wirkt die 1913 vergrößerte Orgelempore. Die Erhaltung der als störend empfundenen Ausstattung von 1934 stand nicht zur Diskussion, wenngleich man im Hinblick auf die Finanzsituation das Gestühl zunächst im Raum belassen muß: Die Wiedergewinnung des Barockraumes war das erklärte Ziel!”

Auch die Gestaltung der beiden Glasgemälde von 1934 „Kreuz und Auferstehung” sorgte später immer wieder für Diskussionen in der Kirchenge33 meinde. Dies hat seinen Grund in der Beschriftung des einen Fensters als „Kriegsgedächtnisfenster”. So ist unter dem Kreuz mit dem sterbenden Jesus zum einen der Vers aus dem Johannesevangelium zu lesen: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde. (Joh 15, 13)”, und daneben ist zum anderen notiert: „Unseren 81 gefallenen Helden in Dankbarkeit die evangelische Kirchengemeinde Villingen – 1914 – 1918”.

Konnte man dieses nationale Gedenken 1934 offenbar ohne Probleme, ja eher sogar mit Begeisterung, in einer evangelischen Kirche anbringen, so entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg nach und nach eine andere Haltung zu solchem Heldengedenken. Wichtige Schritte dabei dürften die deutsch-französische Freundschaft gewesen sein, dann auch in den 80er Jahren die Friedensbewegung. Man lernte, dass dieser Bibelvers zum einen auch auf Kriegsgräbern in England und Frankreich zu lesen ist, und dass die dortigen Familien mit gleichen Gedanken an ihre im Krieg umgekommenen Kinder dachten. Zum anderen lernte man, den Gebrauch dieses Jesus-Verses aus dem Evangelium in solchen Zusammenhängen als Missbrauch zu sehen.

Wie lässt sich dieses Verhalten zu Beginn der Nazi-Diktatur einordnen? Nun, grundsätzlich galt den meisten Christen in der evangelischen Kirche die sogenannte nationalsozialistische Revolution nach innen als „Reinemachen”, nach außen als Rettung vor dem marxistischen Bolschewismus, wurde also mehr oder weniger lebhaft begrüßt. Der von Hitler in den Boden getretenen Demokratie hat kaum jemand in der Kirche eine Träne nachgeweint.

Auch in Baden gab es damals Kirchenparteien. Die stärkste Partei in der Badischen Unionskirche zurzeit der Weimarer Republik war die „Kirchlich- Positive Vereinigung” (KPV). Sie wurzelte in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und war der Treue zur Bekenntnistradition verpflichtet. Diese Partei wurde geschickt in ein neues Bündnis „Kirchliche Vereinigung für positives Christentum und evangelisches Volkstum” hineingenommen, und mit der Hitlerschen Bewegung konnte man den verhassten kirchlichen Liberalismus mit dem parlamentarisch-demokratischen System gleich mit abschaffen. (Unser Vikar Konrad Barner im vorderen Teil dieses Aufsatzes dürfte ein treffendes Beispiel dieser Frömmigkeit sein.)

Die Liberalen waren nämlich die zweitstärkste Partei. Die „Kirchlich-Liberale Vereinigung” (KLV) war dem Kulturprotestantismus verpflichtet. Sie hatte ein unrühmliches Ende, als sie im Frühjahr 1933 mit dem Strom schwamm, sich auflöste und den Deutschen Christen anschloss. – Die dritte, deutlich kleinere, Kraft war in Baden der Bund Religiöser Sozialisten (BRS), die eine Versöhnung von Kirche und proletarischer Arbeiterschaft anstrebten. Der BRS war dabei ausdrücklich internationalistisch und pazifistisch.

Als im Jahre 2012 die Johanneskirche erneut renoviert wurde, ließ der Ältestenkreis eine kommentierende Tafel am „Heldenfenster” anbringen. Darauf ist zu lesen:

„Kirchengebäude sind immer auch Zeugen der Zeitgeschichte. Unterschiedliche Zeiten hinterlassen auch ihre jeweiligen Spuren – auch die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Diese beiden Fenster – oben und gegenüber – wurden 1934 gestiftet und eingebaut.

1992 hat der Ältestenkreis der Johannesgemeinde dazu einen kommentierenden Text verfasst. Darin heißt es: „Jesus Christus spricht: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden das Erdreich besitzen (Matthäus-Evangelium 5, 5). Deshalb sagen wir: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Wir gedenken der Toten vergangener und gegenwärtiger Kriege. Den Lebenden zum Nachdenken.”

Villingen 2012 – Der Ältestenkreis der Johannesgemeinde”

 

Anmerkungen:

Quellen:

„Ich habe lieb die Stätte deines Hauses” – Festschrift zur Renovierung der Johanneskirche, 1983

„Ich habe lieb die Stätte, da deine Ehre wohnt” – Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Evangelischen Kirchengemeinde Villingen, 1. Teil – Beiträge zur Geschichte der Kirchengemeinde, 1992

Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Villingen, xx Georg Gottfried Gerner-Wolfhard, Kleine Geschichte des Protestantismus in Baden, Karlsruhe 2013

Widerstand (Erwin Teufel)

Der Ehrenvorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins hat mich gebeten, meine Ansprache aus Anlass der 50. Wiederkehr des 20. Juli 1944 am 19. Juli 1994 im Neuen Schloss in Stuttgart im Rahmen eines Festaktes für die Ausgabe 2018 des Jahresheftes zur Verfügung zu stellen. Ich komme dieser Bitte gerne nach.

Abb. 1: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Am 20. Juli 1994 jährt sich zum 50. Mal das Attentat Graf Stauffenbergs auf Hitler vom 20. Juli 1944. Es scheiterte ebenso wie alle anderen Attentatspläne zwischen 1935 und 1945.

Über den Unternehmungen der Widerstandskämpfer lag eine ungeheure Tragik. Attentate kamen nicht zur Ausführung, weil die Täter, wie der Stuttgarter jüdische Student Helmut Hirsch, im Dezember 1936 vorzeitig verhaftet wurden. Oder, weil die Anschläge ihr Ziel verfehlten wie im Fall des Bürgerbräukeller-Attentats des Schreinergesellen Johann Georg Elser. Oder, weil militärische und zivile Widerstandsgruppen durch außenpolitische Scheinerfolge wie das Münchener Abkommen desavouiert wurden.

Die Folgen des Scheiterns waren entsetzlich. Die militärischen Anführer, Oberst Graf Stauffenberg und General Beck wurden noch in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli im Hof des Oberkommandos des Heeres in der Berliner Bendler-Straße erschossen. Viele führende Persönlichkeiten aus dem Widerstand wurden in den darauf folgenden Monaten zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sie fehlten beim Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates nach dem Kriege. Viele ihrer Angehörigen wurden in Sippenhaft genommen oder wurden von ihren Kindern gewaltsam getrennt. Viele landeten im KZ und wurden erst bei Kriegsende von den Amerikanern befreit. An die 7.000 Frauen und Männer wurden in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem 20. Juli in den Folgemonaten verhaftet. Der Unrechtsstaat und seine Mordjustiz ließen noch einmal ihre ganze Grausamkeit und Wut spüren. Später und bis in unsere Tage hinein wurde und wird immer wieder gefragt: Hatte das Attentat zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch einen Sinn?

Die militärische Lage war verzweifelt: im Westen, im Osten, im Süden rückten die Kriegsgegner näher. Spätestens seit dem 6. Juni, der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie, war die totale Niederlage nicht mehr abwendbar. Die Alliierten wollten, wie Churchill es formulierte, „den Sieg um jeden Preis”. Etwas anderes als die totale Kapitulation kam für sie nicht mehr in Betracht. „Der bedingungslosen Kapitulation setzten Stauffenberg und seine Freunde den bedingungslosen Entschluss zum Handeln entgegen.” So formuliert Joachim Fest.

 

In den Widerstandsgruppen selbst gab es über die Frage nach dem Sinn eines Attentats ein hartes Ringen, aber keine einhellige Meinung. Die Kreisauer waren, anders als die Gruppe um Goerdeler, in dieser Frage gespalten. Das Attentat war nicht ihr Weg, und doch waren sie bereit, das eigene Leben in die Waagschale zu werfen. Ihre Gesinnung ähnelte der von Sophie Scholl: „Es fallen so viele Menschen für dieses Regime, es ist an der Zeit, dass jemand dagegen fällt.”

Henning von Treskow gab die Antwort. „ … Das Attentat muss erfolgen, … es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat.”

General Beck, der 1938 den Kriegstreiber Hitler nicht bremsen konnte, sagte es nicht weniger deutlich: „Es geht nur noch darum, dass aus dem Kreis des deutschen Volkes selbst die Handlung gegen das verbrecherische System erfolgt. Die Konsequenzen müssen nach allem, was geschehen ist und was versäumt wurde, von Deutschland getragen werden.”

Das war die moralische Seite. Das Attentat sollte aller Welt zeigen, dass das Gewissen in Deutschland nicht abgestorben war. Die Attentäter wollten vor der eigenen Bevölkerung die Quelle aller nationalsozialistischen Verbrechen bloßlegen. „Den Totalitätsanspruch des (nationalsozialistischen) Staates gegenüber dem Bürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen.”

So hatte es Peter Graf York von Wartenburg formuliert. Sie wollten das Bewusstsein für Recht und Unrecht wieder herstellen. Dafür und für die eigenen wie für die Versäumnisse der anderen waren sie bereit, mit ihrem Leben einzustehen.

Über dem moralischen Motiv darf die politische Wirkung nicht übersehen werden. Erst durch das Attentat vom 20. Juli wurde der Welt klar, dass es Widerstand in Deutschland gab.

Ich möchte eine ganz persönliche Erfahrung auf die Frage nach dem Sinn des Attentats zu jenem Zeitpunkt anfügen. Als Bürgermeister der Stadt Spaichingen habe ich in den 60-iger Jahren ein Gefallenendenkmal errichten lassen. Wir haben die Namen der Toten des Krieges und der Gewalt auf eine Mauer gemeißelt. Tausend Opfer in einer kleinen Stadt. Oft habe ich vor dieser Mauer gestanden. Die Hälfte der Toten stammen aus der Zeit nach dem Juli 1944. Hätte die Hälfte der Toten des Zweiten Weltkrieges noch gerettet werden können?

Die Männer des 20. Juli waren nicht der Widerstand. Sie waren dessen politisch-militärische Spitze. Der Widerstand speiste sich aus vielerlei Quellen. Es wurde leider kein Strom daraus, der das System hätte wegspülen können. Aber er entwickelte individuell oder in kleinen Gruppen organisiert eine beachtliche Kraft. Von all dem drang bis zuletzt wenig nach außen.

Dieses Schweigen oder das absichtliche Nicht zur- Kenntnis-Nehmen war mit dem Attentat vom 20. Juli endlich durchbrochen. Das Attentat vom 20. Juli wurde zum unbestreitbaren Zeichen dafür, „dass es in Deutschland Leute gab, die bereit waren, Hitler zu bekämpfen und ihr Leben dafür einzusetzen” (so Freya von Moltke in einer Rückschau vierzig Jahre später).

Was unter der nationalsozialistischen Herrschaft im Namen Hitlers von Deutschen Millionen Menschen in Deutschland und in Europa an Leid und Tod zugefügt wurde, lastet auf Dauer auf unserem Volk. Und wir müssen uns der geschichtlichen Wahrheit nicht nur stellen, wir müssen sie selbst erinnern und Lehren daraus ziehen, damit nicht jede Generation ihre eigenen blutigen Erfahrungen machen muss.

Was unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland an Widerstand geleistet wurde, in einer Zeit, in der jede Regung von Widerstand tödlich war, gehört zum Besten unserer Geschichte. Weil auch das erinnert werden muss und als Beispiel den kommenden Generationen vermittelt werden muss, deshalb diese Gedenkstunde heute.

Der Widerstand hatte nationale Bedeutung und Zielsetzung. Und deshalb verbietet sich jede Begrenzung auf ein Bundesland. Dass aber die Nationalsozialisten in freien Wahlen in weiten Teilen unseres Landes Baden-Württemberg und bis in den März 1933 hinein keine Mehrheiten bekamen, ehrt die Generation unserer Eltern und Großeltern noch heute. Dass kleine und große Zeichen des Widerstandes bis zum Opfer des eigenen Lebens im deutschen Südwesten geleistet wurden, darf nicht vergessen werden, weil es das Fundament ist, auf dem unser freiheitlicher Rechtsstaat in Baden-Württemberg und in Deutschland steht.

Deshalb fördert das Land die „Karlsruher Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten”, die in diesen Tagen zum 20. Juli in Baden und Württemberg bemerkenswerte Porträts herausgegeben hat. Deshalb geht eine Ausstellung des Hauses der Geschichte ins ganze Land und vor allem auch in solche Städte, in denen der Widerstand an Beispielen aufrechter Mitbürger konkret aufgezeigt werden kann. Deshalb habe ich diesen Staatsakt angeregt und den Stuttgarter Karl Dietrich Bracher als Redner gewonnen, den führenden Mann der Totalitarismusforschung und einen der großen Lehrer und Festiger der Demokratie im Nachkriegsdeutschland.

Wir gedenken heute der Frauen und Männer des Widerstands, der Bürger und der Soldaten, die nach dem Attentat des 20. Juli ihr Leben lassen mussten. Wir gedenken ihrer Angehörigen, ihrer Frauen, ihrer Kinder, ihrer Eltern und Geschwister, die der Willkür der Schergen ausgeliefert waren und die ihr schweres Schicksal mit bewundernswerter Tapferkeit getragen haben. Wir gedenken all derer, die sich dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat nicht beugten und dafür Verfolgung und KZ auf sich nahmen. Wir gedenken der vielen Namenlosen, die verfolgte jüdische Mitbürger bei sich versteckt hielten, obwohl sie dabei ihre eigene Freiheit und ihr Leben riskiert haben. Wir gedenken all derer, die als politische Gegner des Nationalsozialismus das Land verlassen mussten, die ihren Beruf verloren oder in Lagern landeten. Wir gedenken der Geschwister Scholl, ihrer Tat und ihres Opfers.

Mit großem Respekt nenne ich heute auch das Haus Bosch, Robert Bosch und Hans Walz und mehrere Vorstandsmitglieder. Das Haus Bosch war eine Anlaufstelle, ja eine Schaltstelle des Widerstands über Jahre hinweg. Im Gegensatz zu vielen Negativbeispielen aus der deutschen Wirtschaft gereicht diese Haltung des Hauses Bosch unserem Land und seiner Wirtschaft zur Ehre.

Wir verneigen uns vor dem Mann, der diese Tat wagte und durchführte, der sein Gewissen über sein Leben stellte. Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er gehört zu den großen Söhnen unseres Landes.

Wir gedenken insbesondere der Männer hier aus dem Südwesten, die wegen des 20. Juli von den Nazis umgebracht wurden, des württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz, des Karlsruher Rechtsanwalts Reinhold Frank, des großen, im Elsaß geborenen und in Südbaden aufgewachsenen Sozialdemokraten und Gewerkschaftlers Julius Leber. Ich nenne den Kopf des Widerstands Karl Friedrich Goerdeler, der viele Verbindungen in unser Land hatte.

Mit jedem, den man nennt, tut man Hunderten Unrecht, deren Mut, Gesinnung und Gewissen, deren Tat und Opfer genauso beispielhaft war, wie das der hier zu Recht mit Namen genannten.

Aus der beachtlichen Zahl der Ungenannten und zum Teil Unbekannten möchte ich einen – stellvertretend für alle herausgreifen, auf den ich selbst erst vor wenigen Tagen gestoßen bin, den Bauernknecht Richard Reitsamer. Ihn nenne ich auch deshalb, weil 1933 viele sogenannte kleine Leute weiter blickten als viele Akademiker. Richard Reitsamer wurde 1903 in Freiburg geboren. Er arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof im Schwarzwald und während des Krieges auf dem Trenkwalderhof bei Meran. Dreimal widersetzte er sich dem Gestellungsbefehl. Als Begründung sagte er vor dem Gericht: „Mit dem Frieden ist alles zu gewinnen, mit dem Krieg ist alles zu verlieren. Als gläubiger Christ kämpfe ich nicht für Hitler.” Er wurde zum Tode verurteilt und am 11. Juli 1944 in Bozen hingerichtet. Sein Grab auf dem Bozener Friedhof ist inzwischen aufgelöst. Niemand hat ihm ein Denkmal gesetzt, aber wir sollten ihm heute für alle Gleichgesinnten ein Denkmal setzen.

Der Blick auf den 20. Juli 1944 und die Frauen und Männer, die ihr Leben gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft riskierten, erspart uns aber auch 50 Jahre später nicht die Frage: Wie konnten die Nazis überhaupt an die Macht kommen? Wie konnten sie so viel Macht über Deutschland gewinnen, dass die Deutschen ihre Freiheit erst in der Katastrophe der totalen Niederlage wiedergewinnen konnten?

Die Frage schwelt wie eine offene Wunde. Sie gehört für immer zu unserer Geschichte. Aber auch der 20. Juli gehört zu unserer Geschichte und ist ein kleiner Lichtstrahl in der Finsternis dieser schrecklichen Zeit. Eine Lehre des Dritten Reichs ist – und darauf hat Professor Bracher immer wieder hingewiesen – Wehret den Anfängen!

Im Ansatz muss totalitärer Gesinnung widerstanden werden. Wenn Radikale durch Revolution oder Wahl die Macht haben, ist es zu spät. Ist ein diktatorisches Regime erst mal etabliert und mit allen Machtmitteln des Terrors ausgestattet, bedarf es eines Volkes von Helden, um es wieder loszuwerden. Heldenvölker aber gibt es in Geschichten, nicht in der Geschichte.

Nein, bei der Frage, wie konnte das alles kommen, müssen wir früher ansetzen – bei der Weimarer Republik und bei den frühen Erfolgen der Hitlerherrschaft. Dass der Spuk bald vorüber sein würde, glaubte damals mancher, erwarteten viele, die keine Parteigänger waren.

Die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz war eine Illusion mit katastrophaler Wirkung. Die Sozialdemokraten widersetzen sich, sie büßten es neben den Kommunisten als erste. Bei anderen herrschte die Meinung vor: Mit Hitler könnte man sich auf der Grundlage national-konservativen Denkens und obrigkeitsstaatlicher Ordnungsmuster arrangieren.

Im Kirchenvolk grummelte es 1933/34: mutige Pfarrer beider Konfessionen warnten früh und mahnten, aber die Kirchenleitungen suchten damals noch die Sicherung des binnen- kirchlichen Lebens.

Und die Nürnberger Rassengesetze von 1935? Sie blieben ohne kollektive öffentliche Antwort aus der Bevölkerung. So war es auch nach der Reichsprogromnacht – obwohl beides Stufen auf dem Weg zum Holocaust waren. Es war wohl so, wie es Heinz Maier-Leibnitz in einem Rückblick einmal formuliert hat: Ein jedes Milieu lebte „in einer Welt für sich”. Gegen Übergriffe wehrte man sich nur, wenn die eigene Welt betroffen war. Es fehlte der Blick für das Ganze, auf den jeweils anderen. Es fehlte insbesondere der Blick für Menschenrechtsverletzungen bei politischen oder ideologischen Gegnern.

Uns Nachgeborenen steht es nicht zu, über die damals Handelnden und Betroffenen zu urteilen, uns steht es nicht zu, die Menschen von damals posthum eines Besseren zu belehren. Uns fehlt die Gleichzeitigkeit der Erfahrung. Aber wir kennen die Erfahrungen, die sie damals erst noch machen mussten. Wir haben die Verpflichtung und Chance, die richtigen Folgen aus den Erfahrungen der Erlebnisgeneration für unsere eigene Zukunft zu ziehen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dies ist der Kern unserer Freiheit”, sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Abschiedsrede als Bundespräsident. Daraus ergibt sich als wichtigste Folgerung: Wo zur Gewalt gegriffen wird, in Wort oder Tat, wo Nationalismus am Werk ist, wo Fremde bedroht werden, wo andere Überzeugungen nicht geachtet werden, muss jeder einzelne Widerstand leisten. Wegsehen ist nicht gestattet, Einmischen ist gefordert. Zivilcourage ist keine heroische Haltung einzelner sondern Bürgerpflicht für jeden.

Der badische Pfarrer Max Josef Metzger, der 1944 wegen seiner radikal-pazifistischen Haltung von der Gestapo verhaftet wurde, hat noch in der Todeszelle (6.2.1944) gedichtet:

„Ich muss gesteh’n, ich hab sie nie gelernt, die Kunst, das Krumme krumm zu lassen! Ich konnt‘ im ganzen Leben nicht erfassen, dass man bei Notstand höflich sich entfernt …”

Nein, auch wir dürfen uns nicht bei Notstand höflich entfernen. Was heute von uns gefordert wird, ist zumutbar. Uns droht heute keine Todesstrafe, sondern höchstens der Streit mit Uneinsichtigen. Das sollten uns die Menschenrechte, die Freiheit, der Friede, der Rechtsstaat wert sein.

Und eine zweite Folgerung: Jeder Bürger muss wissen, wem er zuarbeitet, wenn er sich rechts- oder linksextremistischen Parteien anvertraut. Vordemokratische Verhaltensmuster und schlichte Feindbilder sind keine Lösung für schwierige Probleme. Versagten wir heute als Bürger und Demokraten, gäbe es für uns keine mildernden Umstände mehr. Wir kennen ja die Erfahrungen, die die Menschen damals gemacht haben. Das Lernen aus der Geschichte beginnt mit dem Eingestehen der eigenen Verführbarkeit, der eigenen Bequemlichkeit oder Ahnungslosigkeit.

Gedenkstunden wie die heutige können ein

Beitrag zu solchem Lernen sein.

 

Anmerkungen:

Bildunterschriften:

Abb. 1: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Rückblick auf das Benediktinergymnasium:das Treffen der Ehemaligen 1840 (Michael Tocha)

Der Anstoß kam Jahrzehnte später, und aus der Ferne: Im Februar 1840 schlug der königlich württembergische Regierungsregistrator Zacharias Huber in Reutlingen seinem früheren Villinger Mitschüler, dem Oberamtspfleger Frueth in Oberndorf, „eine Zusammenkunft der noch lebenden ehemaligen Benediktiner-Studenten” vor. 1 Dieser gewann den Villinger Münsterchordirigenten Fidelis Dürr dafür, die Vorbereitungen in die Hand zu nehmen. Aufschlussreich für die Kommunikationswege des 19. Jahrhunderts ist, wie Dürr den Plan bekannt machte: Er setzte Einladungen in die „Karlsruher Zeitung” und den „Schwäbischen Merkur” sowie das „Villinger Wochenblatt”, das zusätzlich von den Villinger Handelsleuten Lukas und Benedikt Ummenhofer und dem Offenburger Amtsrevisor Killy in ihrem Bekanntenkreis verbreitet wurde. Ausdrücklich eingeladen wurde Franz Sales Wocheler, der Dekan von Überlingen, der einzige noch lebende frühere Mönch von St. Georgen und Professor am Klostergymnasium.

So kamen am 11. Juni 1840, dem Tag des Villinger Stadtpatrons Barnabas, 65 Herren in Villingen zusammen, „Greise mit grauen Haaren und Männer noch in vollster Kraft.” Für alle lag die Schulzeit bei den Benediktinern schon mindestens 25, für manche bis zu 50 Jahre zurück. Senior war Dr. Thaddäus Handtmann, zu österreichischer Zeit Amtmann in Villingen. Wocheler (62) hatte nicht anreisen können, vermutlich aus gesundheitlichen Gründen. Von den Gästen waren 40 ehemalige Benediktinerschüler, die übrigen städtische Honoratioren einschließlich des Bürgermeisters Wittum. Obgleich die anwesenden Benediktinerschüler nur eine Zufallsauswahl darstellen, zeigen sie doch, auf welche Berufe und Stellungen im Leben das Gymnasium vorbereitet hatte. Die größte Gruppe hatte kommunale und staatliche Ämter und Verwaltungsposten inne, fast ebenso viele waren Geistliche, viele aber auch Händler, Handwerker und Gastwirte.

Das Festprogramm begann um 9 Uhr mit einem feierlichen Hochamt in der Benediktinerkirche. Ihr Zustand war beklagenswert, aber Dürr hatte erreicht, dass ihm die städtischen Werkleute zugewiesen wurden, „um den Tempel zu reinigen und herzurichten.” Am Portal wurde die bezeichnende Inschrift „Sic transit gloria mundi”, so vergeht der Ruhm der Welt, angebracht. Viele der Gäste sangen im Chor mit, so wie sie das schon als Schüler getan hatten. Nach dem Hochamt besichtigte man das Schulgebäude. Um 12 Uhr ging es dann zu einem „Männer-Gastmahl” in den Postsaal, wo der Wirt und Postmeister Kammerer „durch gute und prompte Bedienung” das Seine dazu beitrug, dass Rührung und Wehmut der Rückblicke übergingen in heitere Studentenlieder und donnernd jubelnde Toasts auf die alte Schule und die Stadt Villingen.

Nach dem Treffen ließ Dürr in Villingen ein „Gedenkbüchlein” drucken. Die Verklärung der alten Zeiten spricht darin fast aus jeder Zeile. Mit Stolz denkt man an grammatische Wettkämpfe, mit frommem Sinn an die morgendlichen Gottesdienste, man sieht sich im Kreis mit einem Lehrer im Schatten der Linden an der Lorettokapelle Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (10) sitzen. Das gegenwärtige Zeitalter hingegen sei barbarisch; was wertvoll war, wurde „hinweggefegt vom Sturmwind der Revolution von Westen” her. Dass die Kirche in Ruinen, die Mönchszellen verödet, die Bücher verschleudert sind, löst Trauer aus. „Kein harmonisches Geläute ertönte von dem herrlichen Thurme. Vergeblich wurde Silbermanns Orgel auf dem Chore gesucht. Längst waren ihre Töne verklungen.” Geblieben aber sind Verehrung und Dankbarkeit für die Lehrer, die den Schülern Schätze an Weisheit und Religion hinterlassen hätten. Denn diese empfingen damit das Rüstzeug, ihre jeweilige Stellung im Leben zu meistern, aber auch eine Hoffnung über die Vergänglichkeit hinaus. Zacharias Huber, der Initiator des Treffens, lässt zum Abschied anstoßen auf ein „Wiedersehen in lichten Himmelshöhen” und leitet daraus den Rat ab, heiter auf der Bahn des Lebens zu wandeln, „denn arm ist der, den unsere Erde / nimmermehr erfreuen kann.” Diese Worte deuten an, dass die „Georgier”, wie die Texte sie nennen, nicht nur Wissenschaft und Bildung hochhielten, sondern auch zuversichtliche Lebensbejahung vermittelten. Von solchen Verdiensten konnte man im Villingen des Jahres 1840 vielleicht wirklich nur noch träumen.

Anmerkungen:

1 Alle Zitate aus Fidelis Dürr: Gedenkbüchlein oder Congress der alten Benediktiner-Studenten zu Villingen am Barnabastage den 11. Juni 1840, Villingen 1840, passim. Das Schriftband über diesem Text ist aus dem Titelblatt kollagiert.

Mit diesem Beitrag endet die Serie der „Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen”

Eugen Bolz 1881 – 1945 Württembergischer Minister, Staatspräsident und Widerstandskämpfer (Thomas Schnabel)

Eugen Bolz 1 war ein gläubiger Katholik und überzeugter Parlamentarier. Bereits im Januar 1912 wurde er mit gerade einmal 31 Jahren in den Reichstag gewählt. Ende desselben Jahres schickten ihn die Zentrumswähler als ihren Vertreter auch in den Halbmondsaal, den württembergischen Landtag in Stuttgart. Allerdings konnte er zunächst keine große parlamentarische Aktivität entwickeln, da bereits am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach.

Abb. 1: Eugen Bolz (1881 – 1945) Denkmal in seiner Geburtsstadt Rottenburg a.N. (Ausschnitt).

Bolz stand allem Militärischen eher kritisch gegenüber. Vom 30. März 1915 bis zum 25. Mai 1916 war er als Leutnant im Oberelsass stationiert und hatte an Stellungskämpfen teilgenommen.

Danach war er in Brüssel und in Berlin bei der Reichsentschädigungskommission und im Reichstag beschäftigt. Er erhielt mehrere Orden. Dem Krieg stand er sehr ablehnend gegenüber. In seinem Kriegstagebuch schrieb er schon zu Beginn:

„Ich halte auch den jetzigen Krieg für den größten Wahnsinn der Geschichte. Drum hab ich mich auch nie angestrengt. Ich mache meinen Dienst und tu meine Pflicht. Ich melde mich nirgends, ich lasse mich kommandieren; das waren meine offen ausgesprochenen Grundsätze.” 2

Das Ende des Krieges begrüßte er und die politischen Veränderungen im Gefolge der Niederlage schienen ihm eine logische Fortsetzung der bereits im Königreich eingeleiteten demokratischen Reformen. So wies Eugen Bolz in den Verfassungsberatungen Anfang 1919 in Stuttgart darauf hin, dass es auch ohne die Revolution zu weiteren Fortschritten bei den politischen Freiheiten gekommen wäre. Allerdings hätten erst der Druck von unten und die Gefahr einer Revolution die bestehenden Hindernisse beseitigt. Deshalb stelle man sich, trotz der überstürzten Umstände auf den Boden dieser neuen Freiheiten, „die dem Verfassungsentwurf zugrunde gelegt sind. Wir sehen darin nur eine naturgemäße Entwicklung, die über kurz oder lang doch hätte eintreten müssen. So wie aus dem Absolutismus sich allmählich die konstitutionelle Monarchie entwickelt hat, so mußte auch die konstitutionelle Monarchie schließlich zur Demokratie führen, sobald sich das Volk dazu reif fühlte, selbst die Regierung in die Hand zu nehmen.” 3 Die Demokratie war kein Fremdkörper im Südwesten, sondern ein politisches System, das von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung befürwortet wurde.

Gleichzeitig wandte sich Bolz vehement gegen alle revolutionären Bewegungen. So erklärte er am 1. Februar 1919 „die Schaffung einer Verfassung und die Wiederherstellung der Ordnung” zu den vordringlichsten Aufgaben der Landesversammlung 4. Ordnung war für ihn ein zentrales Motiv seiner politischen Arbeit, die unter allen Umständen aufrecht zu erhalten war. So äußerte er sich im April 1919 sehr drastisch gegenüber allen Generalstreikbestrebungen. „Ich glaube, wahnsinnigen Fanatikern gegenüber gibt es kein anderes Mittel, als die Anwendung der Gewalt, weil sie mit anderen Mitteln nicht zu belehren sind.” 5 Deshalb stand Bolz auch allen nicht demokratisch legitimierten Organen sehr kritisch gegenüber, wie z.B. den Räteorganen – spätestens nach der Verabschiedung der Verfassung. „Für Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte als politische Organe ist kein Boden mehr. Politische Vorrechte einzelner Berufsgruppen sind mit der Verfassung unvereinbar…” 6

Die grundlegenden politischen Ansichten und Einschätzungen von Eugen Bolz werden schon in den ersten Jahren der Weimarer Republik deutlich, und in wesentlichen Teilen bestimmten sie auch seine Einschätzungen am Ende der Weimarer Republik. Entgegen der regelmäßigen Vorwürfe von Kommunisten und Sozialdemokraten, auf dem rechten Auge blind zu sein und die Gefahr durch die Nationalsozialisten zu unterschätzen, positionierte sich Bolz 1923 eindeutig. „Die national- sozialistische Bewegung, die Hitlersche Bewegung schätze ich vom Standpunkt der Sicherheit des Staates aus genau so ein wie die kommunistische, weil die nationalsozialistische Bewegung der Hitlerschen Richtung in allererster Linie das Ziel hat, ohne Parlament, ohne Partei, ohne Benützung der verfassungsmäßigen Mittel durch eine eigene militärische Organisation die Gewalt im Innern an sich zu reißen.” 7 Die Klarheit dieser Aussage führte sogar zu einem Zwischenruf des kommunistischen Abgeordneten, wonach sich Bolz damit vor den Nationalsozialisten blamiert habe.

Kritisiert wurde von Bolz also in erster Linie der gewaltsame Versuch der Nationalsozialisten „ohne Benützung verfassungsmäßiger Mittel” an die Macht zu kommen. Diese Konzentration auf den gewaltsamen Umsturz erschwerte es Bolz dann zu Beginn der dreißiger Jahre, die Bedrohung der Weimarer Republik durch die nach Hitlers Legalitätseid beim sogenannten Ulmer Reichswehrprozess 1930 eingeschlagenen Weg der NSDAP an die Macht als ebenso gefährlich einzuschätzen wie die weiterhin revolutionär auftretenden Kommunisten.

Auch bei den heftigen Turbulenzen des Jahres 1923 hatte Bolz schon „ein viel zu großes Vertrauen” „zu dem württembergischen Volk und seiner Vernunft,… als daß ich glauben möchte, es würde sich durch ein paar Aufwiegler zu so etwas (einen Bürgerkrieg, T. S.) verleiten lassen.” 8 In diesem Jahr hatte er mit seiner Einschätzung völlig recht.

1923 legte er auch seinen grundlegende politische Position offen, als er sich vor die im Landtag angegriffenen Beamten seines Ministeriums und die Polizei stellte, „weil ich glaube, daß unsere württembergische Politik auf dem rechten Wege ist und auf eine schiefe Bahn käme, wenn sie nach einseitigen

parteipolitischen Richtungen sich einstellen würde. Diese mittlere Linie haben wir zum Nutzen unseres Volkes eingehalten und ich bin dafür, daß sie eingehalten wird, und eine andere Politik treibe ich nicht, solange ich Minister des Innern bin.” 9 An diese Maxime hielt er sich bis an das erzwungene Ende seiner Amtszeit im März 1933.

Obwohl Bolz den Schwerpunkt seiner Aktivitäten in Stuttgart sah, nahm er seine Aufgabe als Reichstagsabgeordneter des Zentrums in Berlin sehr ernst. Dies zeigt sich auch an der regen Teilnahme an den Sitzungen seiner Fraktion. Am 27. September 1921 wollte ihn die Zentrumsfraktion sogar zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden wählen. Bolz lehnte „aus persönlichen und dienstlichen Gründen” ab. 10 Dabei nahm er schon früh und sehr dezidiert Stellung. Ein wichtiges Thema für ihn waren immer die Finanzen, die in der Weimarer Republik, angesichts der vielfältigen, die Demokratie ständig in Frage stellenden Krisen, eine noch größere Rolle spielten als in sogenannten normalen Zeiten, die die Bundesrepublik doch bisher überwiegend erleben durfte.

Deshalb holte er Ende Juli 1920 in der Sitzung der Reichstagsfraktion des Zentrums zu einem Rundumschlag über die Finanzwirtschaft des Reiches aus, die das finanzpolitische Selbstverständnis von Eugen Bolz während der gesamten 14 Jahre der Weimarer Republik widerspiegelten. „Er weist auf die trübe Finanzlage hin, die durch immer neue Bewilligungen für alle möglichen Dinge noch verschärft werde. Er betont die Notwendigkeit weitgehendster Einschränkung der Neuausgaben, der Bewilligung neuer Stellen und die Ablehnung neuer Einstufungen der Beamten. Er bemängelt die Genehmigung des neuen Lohntarifs und zeigt, daß infolge der Vorgänge im Hauptausschuß für Beamtenbesoldung und andere Zwecke noch ungeheure Summen angefordert werden dürften. Er kritisierte die Unklarheit des Notetats, die Schaffung immer neuer Beamtenstellen u.a. Er wendet sich gegen erhöhte Anrechnung der Kriegszeit für die Pensionen, das Wachsen des Umfangs der verschiedenen Ämter durch Errichtung immer neuer Zweige, was er ausführlich am Reichsamt des Innern nachweist. Er wendet sich gegen die Besetzung des Hauptausschusses bei Beratung von Beamtenfragen durch Vertreter der Organisationen, wodurch nur der Korruption Vorschub geleistet werde. Er verlangt, daß das Reich keine neuen Aufgaben übernimmt und bereits übernommene Aufgaben abbaut oder einschränkt. Er klagt Parlament und Regierung an, in der Finanzfrage nicht scharf genug eingegriffen zu haben.” 11

Neun Monate später am 23. April 1923 erklärte Eugen Bolz in der Fraktionssitzung in Berlin: „Wir sind schon bankrott, innere Finanzen können auch durch bestgehendes Wirtschaftsleben nicht mehr saniert werden, wir müssen Bankrott offiziell erklären, um Eindruck auf das Ausland zu machen, Entente macht uns doch bankrott.” 12 So sehr damit auch Außenpolitik gemacht werden sollte, so sehr zeigt dies auch den finanzpolitischen Realitätssinn von Eugen Bolz, auch wenn der faktische Bankrott des Reichs dann erst im Herbst 1923 erklärt wurde.

Eugen Bolz trug in Württemberg ganz wesentlich dazu bei, dass in den zwanziger Jahren eine rigide Sparpolitik betrieben wurde, die dazu führte, dass es im Land die geringste Pro-Kopf- Verschuldung unter allen Ländern im Deutschen Reich gab. Diese Finanzpolitik ermöglichte es der württembergischen Regierung dann in der Weltwirtschaftskrise die Staatsschulden dramatisch zu erhöhen, um die Stauerausfälle zu kompensieren und Notstandsarbeiten wie z.B. den Neckarkanal zwischen Heilbronn und Stuttgart zu finanzieren. An der finanzpolitischen Seriosität des Landes änderte dies nichts. Noch Ende 1932 konnte Württemberg als einziges deutsches Land große Auslandskredite aufnehmen. Allerdings wagte die württembergische Regierung kein großes staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm, da Bolz zu sehr die Brüningsche Deflationspolitik unterstützte.

Bolz machte in Württemberg sehr schnell Karriere. Bereits im Oktober 1919, noch nicht einmal 39 Jahre alt, wurde er Justizminister. Im Juni 1923 übernahm er das Innenressort, das er bis 1933 innehatte. Von 1928 bis 1933 amtierte er zusätzlich noch als Staatspräsident. Zunächst arbeitete er in einer Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und Linksliberalen, später in einer bürgerlichen Minderheitsregierung und nach den Landtagswahlen vom Mai 1924 in einer Mitte-Rechts-Koalition aus DNVP, Württembergischer Bauern- und Weingärtnerbund und Zentrum. Obwohl Staatspräsident Bazille in weiten Kreisen der Republik als Reaktionär betrachtet und seine Schulpolitik als äußerst rückständig eingeschätzt wurde, funktionierte die Zusammenarbeit.

Für Eugen Bolz gehörte diese Offenheit nach (fast) allen Richtungen zu den zentralen Aufgaben des Zentrums. So forderte er am 12. Mai 1925 in einer Diskussion der Reichstagsfraktion für seine Partei die Freiheit, „nach links oder rechts zu gehen, wenn die Verhältnisse dazu zwingen.” 13

Bei der Landtagswahl vom Mai 1928 hatte die Regierungskoalition ihre Mehrheit verloren. Eine Weimarer Koalition aus SPD, Liberalen und Zentrum wäre rechnerisch möglich gewesen. Obwohl die SPD in Württemberg nicht besonders weit links stand, lehnte das Zentrum dessen Regierungsbeteiligung ab. Das Hauptmotiv für diese Entscheidung erläuterte Eugen Bolz in einem Gespräch mit Theodor Heuss. „Das Zentrum müsse, wozu es in all den Jahren nie gekommen wäre, diesmal parteiegoistisch denken. Wenn es den Bauernbund in die Opposition entlasse, so sei die Gefahr einer Erschütterung der Zentrumsposition vor allem im ländlich bäuerlichen Oberland verstärkt” 14

Da sich beide liberalen Parteien weigerten, den deutschnationalen Kultminister Bazille mitzutra47 gen, DNVP und Bauernbund aber nicht bereit waren, ihn fallen zu lassen, konnte sich keine parlamentarische, mehrheitsfähige Koalition bilden. Allerdings übernahm Bolz von Bazille den Posten des Staatspräsidenten zusätzlich zum Innenministerium und regierte mit wechselnden Mehrheiten im Landtag.

Er sah darin kein Problem, vielmehr ein Kennzeichen des parlamentarischen Systems von Weimar, da es auf allen Ebenen immer wieder ausgesprochene Minderheitsregierungen oder Regierungen mit einer sehr umstrittenen Mehrheit gegeben habe. In der Bundesrepublik gab es zwar nach der letzten Bundestagswahl von 2013 vereinzelt ähnliche Vorschläge, aber diese fanden keine Zustimmung, weder bei der Parteien, noch in den Medien oder der Bevölkerung.

Allerdings war das damalige mit dem heutigen Staatsministerium nicht vergleichbar. So arbeiteten zwischen 1928 und 1932 gerade einmal sechs Beamte des höheren Dienstes im Staatsministerium. Allein deshalb wäre es schon personell nicht in der Lage gewesen, eine selbständige, gegen die Fachressorts gerichtete Politik zu betreiben. Seine wichtigste Aufgabe bestand, seit 1926 im Gesetz über das Staatsministerium und die Ministerien geregelt, „in der Wahrnehmung der württembergischen Reichsratsvertretung. Alle seitens der Reichsregierung mit Bezug auf Reichsgesetzgebung und Reichsverwaltung an die Landesregierung gerichteten Schreiben gingen an das Staatsministerium und wurden dort gesichtet und auf ihre politische Bedeutung geprüft.” 15

Im April 1929 erläuterte Bolz in einer Landtagsdebatte sein Verständnis der Arbeit für die Republik, da seiner Regierung immer wieder vorgeworfen wurde, dass ihr eine klare und richtige Einstellung fehle. Demgegenüber erklärte Bolz: „Die beste Empfehlung der Republik ist, wenn nicht allzuviel von ihr geredet wird und man sich bemüht durch sachliche Arbeit, die Republik dem Volke nahe zu bringen, ohne große Worte zu machen.” 16 Diese Aussage hatte aber auch damit zu tun, dass in der Regierung Befürworter der Republik, wie das Zentrum, mit Gegnern der Republik, wie den Deutschnationalen und dem Bauernbund zusammenarbeiteten.

Allerdings war ihm eine funktionierende Verwaltung ein Herzensanliegen. Darauf wies er immer wieder hin. Nicht ohne Stolz erklärte er im Landtag, „daß die Verwaltung in Württemberg eine durchaus geordnete und fortschrittliche ist. Man kann auf dem Gebiet unserer Verwaltungstätigkeit in dem letzten Jahrzehnt einiges finden, das nach einer positiven Leistung aussieht und das in manchem auch vorbildlich genannt werden kann.” 17

Dazu trug ganz wesentlich bei, dass die Minister der Regierung allesamt Beamte waren. Sie glichen sich, wie Waldemar Besson ausführte, „nach Vorbildung und Amtsauffassung viel zu sehr, als daß Mehrheitsentscheidungen oder gar das Überstimmen des zuständigen Ministers ihrem Arbeitsstil entsprochen hätte. Tunlichst vermied man überhaupt politische oder grundsätzliche Erörterungen. Durch die Jahre hin ähnelten die Sitzungen des Staatsministeriums weit mehr den Besprechungen von Kanzleidirektoren” 18 als den Debatten von Parteipolitikern. So funktionierte die Regierung auch in den sich nach 1929 verschärfenden politischen Auseinandersetzungen reibungslos und auch der Eintritt des ersten Nichtbeamten, des Rechtsanwalts Reinhold Maier als Wirtschaftsminister 1930 änderte daran kaum etwas.

Vermutlich verstand Bolz eine Regierung als eine Art „Oberverwaltung”, die fern allen Parteihaders gute Verwaltungsarbeit leisten sollte. Der SPD-Abgeordnete Kurt Schumacher, nach 1945 Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten und Gegenspieler von Konrad Adenauer, beschrieb dies in einer Landtagsdebatte sehr treffend. „Die württ. Regierung möchte am liebsten ganz ungestört von jeder politischen Kritik regieren. Man hat seit Jahren beobachten können, wie sie sich bemüht hat, bei jeder größeren politischen Gelegenheit eine rechtzeitige Stellungnahme des Landtags zu vermeiden. Sie möchte sich am liebsten als eine Art Verwaltungsgemeinschaft auftun… Sie möchte die Grundlinien ihrer Tätigkeit nicht der politischen Kritik aussetzen, was sicher sehr bequem, aber auch sehr kurzsichtig ist. Ich behaupte, daß alle Kritik am parlamentarischen System, wie sie von den extremen Feinden des parlamentarischen Systems vorgebracht wird, dem Parlamentarismus nicht so sehr schadet, wie diese Art der württ. Regierung, die dem Parlamente die Freiheit der politischen Stellungnahme nimmt, es ohnmächtig gegenüber der Regierung macht, und es so in der Öffentlichkeit herabsetzt.” 19 Mit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Staatskrise ab 1929/30 sollte sich diese Tendenz noch deutlich verstärken.

Auch heute noch heiß umstrittenen Thema stand Bolz sehr skeptisch gegenüber. Er unterstützte die Position des Reichsrates, der 1929 Einbürgerungen im großen Stil mit Rücksicht auf die eigene Arbeitslosigkeit, der Wohnungsnot und des Bevölkerungsüberschusses ablehnte. Außerdem müsse man gegen Einbürgerungsgesuche aus dem Osten noch einen schärferen Maßstab anlegen, „wegen des Unterschieds des Kulturkreises zwischen dem Osten und uns” Besonders irritierte Bolz die relativ hohe Zahl von sogenannten Ostjuden aus dem ehemals österreichischen Galizien. „Ich stehe der Judenfrage völlig objektiv und wohlwollend gegenüber, aber das darf ich doch aussprechen, daß der Zuwachs, z.B. gerade von Ostjuden, für uns nicht so willkommen ist.” 20

Anfang Januar 1930 gelang es Bolz schließlich, die beiden liberalen Parteien zum Regierungseintritt zu bewegen, sodass seine Regierung bis zum Ende der Legislaturperiode im April 1932 über seine solide Mehrheit verfügte. Anfang 1930 plädierte Bolz auch öffentlich für einen Zusammenschluß von Baden und Württemberg, für den das württembergische im Unterschied zum badischen Zentrum schon nach dem 1. Weltkrieg eingetreten war. Allerdings forderte er ein langsames Zusammenwachsen. Die Lust und Liebe der Bevölkerung solle nicht durch zwangsweise gesetzliche Gleichmacherei gestört werden. „Im Übrigen ist die Geschichte Badens und Württembergs im letzten Jahrhundert eine ziemlich gleichartige. In beiden Ländern hat sich ein starkes Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit entwickelt. Sollte das in einem vereinigten Baden und Württemberg nicht auch möglich sein?” 21 Zu den von Bolz gewünschten Verhandlungen kam es allerdings erst nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges.

Die letzten Regierungsjahre von Eugen Bolz waren von der Weltwirtschaftskrise und ihren politischen Folgen überlagert. Die tiefste Ursache sah er im Krieg mit seinen enormen Verlusten. „Wenn wir uns vorstellen…, wie viele Milliarden allein der Krieg verschlungen hat und wie wir durch den unglücklichen Ausgang des Krieges unser Auslandsvermögen bis auf den letzten Pfennig verloren haben, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir in der Nachkriegszeit beim Ausland pumpen mußten und wenn unsere heutige Wirtschaft zu einem guten Teil auf Auslandsgeld angewiesen ist, das uns mit seiner Zinslast genau so drückt, wie die Tributlasten aus dem verlorenen Krieg. Nicht vergessen darf man, daß eine weitere Ursache der heutigen wirtschaftlichen Not die gewaltsame Unterbrechung der wirtschaftlichen Beziehungen der Völker durch den Krieg und die lange Verhinderung einer vernünftigen wirtschaftlichen Verbindung in der Nachkriegszeit ist.” 22

Während man dieser Einschätzung auch heute noch weitgehend zustimmen kann, stehen wir heute seinen wirtschaftlichen Rezepten eher skeptisch gegenüber. Bolz wollte, auch wenn er urspünglich eine andere Position vertreten hatte, durch rigoroses Sparen auch bei den Löhnen, billiger produzieren, um damit die Erzeugnisse besser verkaufen zu können. Die Kaufkrafttheorie, nach der die Menschen mehr verdienen müssen, um auch mehr einkaufen zu können, lehnte er in dieser Situation ab. Diese rigide Sparpolitik führte zu einer immer größeren Verelendung der Bevölkerung und damit zu einer politischen Radikalisierung.

Allerdings glaubte Bolz an die nüchterne Urteilskraft seiner Landsleute. Dem NSDAP-Abgeordneten und späteren Ministerpräsidenten zwischen 1933 und 1945 Christian Mergenthaler hielt er in einer heftigen Debatte entgegen: „…, ich habe den Glauben an den gesunden Sinn unseres Volkes und namentlich unseres Schwabenvolkes, daß es sich nicht allzulange nur verhetzen und mit Phrasen abspeisen läßt, sondern daß es, wie es den Schwaben eben liegt, sich fragt, was soll dabei herauskommen, warst du richtig beraten. Ich bin überzeugt, daß es dann wieder den Weg zurückfindet zu dem „Brei” in der Mitte, der nötig ist, um unser deutsches Volk zur Gesundung zu führen.” 23

Die Hoffnung in die Vernunft der Schwaben trog ihn nicht völlig. Bei den Reichstagswahlen vom September 1930 schnitt die NSDAP in Württemberg mit unter 10% reichsweit am schlechtesten ab und auch in den folgenden Jahren verlief der Aufschwung sehr viel langsamer als in den meisten anderen Teilen des Reiches. Maßgeblichen Anteil daran hatte neben den stabilen politischen Verhältnissen auf Landes- und Gemeindeebene, vor allem die weniger dramatisch verlaufende Wirtschaftskrise und die relativ geordneten Finanzen im Land. Allerdings führte letzteres dazu, dass Württemberg Millionen aus den Sozialversicherungen an das Reich abführen musste und von dort weit unterdurchschnittliche Zuschüsse erhielt. Dieses Phänomen kennen wir ja bis heute als Länderfinanzausgleich, in den der Südwesten als einziges Land seit Gründung der Bundesrepublik ununterbrochen einbezahlt hat.

Die Landtagswahlen vom April 1932 hatten jedoch auch in Württemberg deutliche Gewinne für die Nationalsozialisten gebracht, sodass die Regierung keine Mehrheit mehr hatte. Die Pläne mit der NSDAP eine evangelisch betonte oder „katholiken-reine” Regierung zu bilden, scheiterten in kürzester Zeit. Aber auch nach der Einbindung des Zentrums zeigte sich schnell, dass die Nationalsozialisten nicht in der Lage waren, ein konkretes Regierungsprogramm vorzulegen. Am 23. Mai scheiterten die Regierungsverhandlungen an den Forderungen der NSDAP, die für sich das Staatsministerium und das Innenministerium und damit die staatlichen Machtmittel beanspruchte, was sowohl vom Zentrum als auch von den Demokraten kategorisch abgelehnt wurde. Die NSDAP brach daraufhin die Verhandlungen ab. 24

Um die NSDAP von der Macht fernzuhalten, änderte eine Mehrheit von Bauernbund bis zur SPD die Geschäftsordnung des Landtags. Danach war nun die absolute Mehrheit der Stimmen für die Wahl des Staatspräsidenten vonnöten. Somit blieb die alte Regierung Bolz weiterhin geschäftsführend im Amt. Da sie schon seit 1931 weitgehend mit Notverordnungen regierte, also ohne Zustimmung des Landtags, änderte sich am Regierungshandeln kaum etwas. Bolz betonte deshalb auch Ende Juni 1932 im Landtag, dass es sich um eine „verfassungsmäßige Regierung mit allen Rechten und Pflichten einer Regierung” handelt, „wie sie in der Verfassung niedergelegt sind und zwar ohne jede Einschränkung” Er verwies außerdem noch auf die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 24. August 1931, die bis zum Ende der Weimarer Republik galt. Danach hatte die Regierung, ohne auf die Zustimmung des Landtags angewiesen zu sein, „die besondere Vollmacht und die besondere Pflicht…, in allen finanziellen Fragen das zu tun, was notwendig ist zur Instandhaltung der finanziellen Ordnung.” 25

Damit war das Königsrecht des Landtags, nämlich die Zuständigkeit für die Finanzen praktisch aufgehoben. Allerdings waren fast alle Parteien nicht mehr bereit, weitere Einsparungen vor dem Wahlvolk zu vertreten. Das galt selbstverständlich für die radikalen Parteien links und rechts, aber auch für die meisten anderen Parteien. Eugen Bolz erklärte dies auch im Landtag ganz offen, als es im Herbst 1932 um weitere Kürzungen bei den Personalausgaben und die Einführung einer Schlachtsteuer ging. Er regierte aufgrund der Notverordnung, um die württembergischen Finanzen, „die bisher in Ordnung waren, nicht verludern zu lassen.” „… in der klaren Erkenntnis, keine Zustimmung beim Volke zu finden und keine Zustimmung beim Landtag zu finden” habe sich die Regierung zu diesem Schritt entschlossen. 26

Zur Zusammenarbeit mit dem Landtag war er nur dann bereit, wenn sich die Parteien aufraffen würden und nicht nur nach agitatorischen Gesichtspunkten reden und Anträge stellen, sondern wirklich aufs große Ganze sehen würden. „Wenn das die Parteien tun, dann, glaube ich, ist die Möglichkeit zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Landtag und der Regierung geboten, wie wir sie wünschen, und zwar zu einer Zusammenarbeit, die dem ganzen Land frommt und am Ende vom Lande anerkannt wird, wenn es uns gelingt, die Finanzen in Ordnung zu halten.” 27

Ob Bolz an eine solche Möglichkeit glaubte, muss angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Stuttgarter Landtag bezweifelt werden. An der Richtigkeit seiner Politik hatte er keine Zweifel. Es gelang ihm zwar, die württembergischen Finanzen in reichsweit einmaliger Form in Ordnung zu halten, aber die Veränderungen auf Reichsebene Ende Januar 1933 verhinderten, dass seine Regierung von dieser Leistung noch profitierte.

Immer wieder wird die Haltung von Eugen Bolz zum Nationalsozialismus vor 1933 kritisiert. Noch in jüngeren Veröffentlichungen zur Polizei in Württemberg während der Weimarer Republik wird ihm eine gewisse Blindheit auf dem rechten Auge oder bestenfalls Naivität vorgeworfen. 28

Bolz war zweifellos ein national eingestellter Politiker, was damals allerdings der Regelfall bis weit in das linke Parteienspektrum war. Schon 1923 hielt er eine nationale Bewegung im Volke für absolut notwendig – gerade angesichts der Bedrohungen von außen. Allerdings sollte die nationale Frage weder zu parteipolitischen Zwecken missbraucht noch in revolutionärer Weise verwirklicht werden. „Wenn die nationale Frage zu einer Parteifrage wird”, so Bolz vor dem Stuttgarter Landtag am 15. Dezember 1923, „so liegt darin die Gefahr, dass andere, die andere parteipolitische Anschauungen haben, dadurch abgestoßen, naturgemäß in eine Gegnerschaft kommen, und dass dann die nationale Bewegung als solche zum Kampfobjekt zwischen verschieden parteipolitisch eingestellten Gruppen führt.” 29

Er forderte immer wieder das Zusammenhalten des deutschen Volkes und seiner Parteien. Nach seinem Verständnis waren Parteien in Krisenzeiten, sowohl zu Beginn der zwanziger als auch zu Beginn der dreißiger Jahre ”in erster Linie dazu berufen, das Volk aufzuklären und zu führen, und sie hätten in erster Linie die Verpflichtung, die auseinanderstrebenden Volksmassen zusammenzuführen zur Erkenntnis des einen Notwendigen. Diese Aufgabe wird jedoch von vielen verkannt. Anstatt zu einigen, werden die Parteigegensätze in den Vordergrund geschoben, und das Volk wird auseinandergetrieben. 30

Gegen alle revolutionären Veränderungen gingen Bolz und seine württembergische Polizei konsequent vor. Dies galt auch für die Nationalsozialisten. Im Vorfeld des Hitlerputsches vom 9. November 1923 ließ Bolz die im Land befindlichen Funktionäre der NSDAP in Schutzhaft nehmen und die Parteibüros von der Polizei besetzen. Noch energischer ging er gegen alle kommunistischen Umtriebe vor. So warfen ihm KPD-Abgeordnete immer wieder ein systematisches Spitzelsystem vor, das von Bolz allerdings bestritten wurde, da dafür z.B. 1924 jährlich nur 25.000 Reichsmark zur Verfügung stünden. 31

Der Innenminister räumte allerdings ein, dass es für die Polizei ungleich schwerer sei, „die verbotenen Wege bei den Organisationen der Rechten aufzudecken”, obwohl auch dort gesetzwidrige Zwecke verfolgt werden würden. Demgegenüber sei „die ganze Betätigung der Kommunisten, nach dem Inhalt der Erlasse der kommunistischen Zentrale,… darauf eingestellt, ihre Organisation und ihre Funktionäre für jederzeitiges Losschlagen vorzubereiten.” „Was die Geheimhaltung unerlaubter Ziele betrifft, (ist) man auf der rechten Seite etwas vorsichtiger…, als auf der linken.” Diese Auffassung teilte im Übrigen auch der sozialdemokratische Parteivorsitzende Wilhelm Keil in derselben Landtagssitzung im Oktober 1924 in einem Zwischenruf. 32

Durch die heftigen politischen Auseinandersetzungen während des Beginns und am Ende seiner Amtszeit als Innenminister wird Eugen Bolz vor allem als Polizeiminister wahrgenommen, dessen Einstellungen zu den rechten und linken Extremisten im Vordergrund stehen. Dabei war er der Minister mit den weitgehendsten Aufgaben, da es daneben nur noch das Kultministerium, das Finanz- und das Justizministerium gab. Das Wirtschaftsministerium war zwar auch vorgesehen, wurde aber nicht immer mit einem Minister besetzt, wie z.B. zwischen 1924 und 1930. 33

Die Aufgaben des Innenministeriums umfassten auch die Aufgaben des heutigen Verkehrs- und Sozialministeriums. Bolz war also für den Wohnungsbau ebenso zuständig wie für das Verkehrswesen, die Elektrizitätsversorgung und den für Württemberg so wichtigen Ausbau des Neckarkanals. Manche Debatten sind durchaus heute noch aktuell, wie am 2. Februar 1928, als sich Innenminister Bolz zur Frage von Radfahrwegen äußerte. Es ging um einen Antrag, beim Neubau und der Erweiterung von Staatsstraßen überall „ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse Radfahrwege anzulegen” Bolz sah „die Schwierigkeiten für die Radfahrer bei dem starken Autoverkehr”, glaubte aber, dass solche Radfahrwege „in erster Linie in der Umgebung von größeren Städten in Frage” kommen würden. Eine allgemeine Vorschrift zur Anlegung von Radfahrwegen bei Neu- und Ausbau von Staatsstraßen lehnte er allerdings ab, da dies so enorme Mittel verschlingen würde, „dass wir bei den sonstigen großen Aufwendungen, die wir haben einen etwaigen Beschluss nicht durchführen könnten.” 34

Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 und der zunehmenden Radikalisierung der Bevölkerung, trat die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung beim gleichzeitigen Versuch, die wirtschaftliche und finanzielle Lage nicht völlig aus dem Ruder laufen zu lassen, in den Mittelpunkt aller politischen Bemühungen von Eugen Bolz.

Auch jetzt musste er sich im Landtag immer wieder mit Vorwürfen auseinandersetzen, dass die Polizei auf dem rechten Auge blind sei und vor allem linke Unruhestifter konsequent verfolge. Zwar räumte Bolz den Beamten politische Meinungsfreiheit ein, drohte aber z.B. im Februar 1931 gleichzeitig unmißverständlich mit Konsequenzen, „wenn ich Leute in der Polizei herausfinde, die sich radikal betätigen” „Wenn mir solche Fälle bekannt werden, werde ich den betreffenden Beamten heraussetzen ohne Rücksicht auf seine Stellung” Gleichzeitig war er sich der Stabilität des württembergischen politischen Systems sicher. „Ich glaube, wir haben in Württemberg nichts zu fürchten. Wir haben die Kraft auch bei politischen Verwicklungen Herr zu bleiben und wir haben den Willen dazu, die ganze staatliche Macht einzusetzen, wenn es nötig ist… Ich habe die Überzeugung, daß weder die kommunistische Bewegung uns über den Haufen rennen wird, noch die nationalsozialistische. Auch letztere Bewegung wird von selbst wieder abflauen, wenn die Leute lang genug ihre Sprüche dem Volk vordoziert haben.” 35

Die Hoffnung von Eugen Bolz vom Februar 1931 bewahrheitete sich allerdings nur teilweise. Die nationalsozialistische Bewegung flaute nicht ab, sondern wuchs immer stärker an. Auch wenn Württemberg von besonders heftigen Auseinandersetzungen und bewaffneten Kämpfen auf der Straße weitgehend verschont blieb, plädierte Bolz immer wieder vehement für einen starken Staat und ein Verbot aller parteipolitischen Kampfverbände von rechts und links. Im Juni 1932 erklärte er vor dem Landtag in Stuttgart. „Ich habe mich seit Jahren immer auf den Standpunkt gestellt, in allen Konferenzen der Innenminister in Berlin, daß das Uniformtragen und die Verbände eine schwere Gefahr für den inneren Frieden sind. Ich habe seit Jahren unablässig den Standpunkt vertreten, daß man alle diese Verbände ohne Unterschiede der Richtung von rechts bis links verbieten sollte.” 36

Diese Position hatte Eugen Bolz schon unmittelbar nach dem gescheiterten Kapp-Putsch in einer Rede in der Nationalversammlung vertreten. „Der Schutz der Verfassung verlangt auch die Bestrafung des Verfassungsbruchs. Mit den straflosen Revolutionen und mit den Amnestien muß endlich Schluß gemacht werden… Um eine politische Beruhigung unseres Volkes zu erreichen, verlangen wir, daß energischer als bisher gegen die politische Verhetzung unseres Volkes vorgegangen wird.” 37 Leider konnte er sich mit seiner richtigen Einschätzung weder 1920 noch 1932 durchsetzen. Die politische Verhetzung nahm immer mehr zu und die regelmäßigen Amnestien führten die Verurteilungen für politische Verbrechen ad absurdum.

Mit dem Sturz von Heinrich Brüning in Berlin und der Ernennung von Franz von Papen begann das Ende der Weimarer Republik. Papen löste den Reichstag auf, hob das SA-Verbot auf und setzte die geschäftsführende, SPD-geführte Regierung in Preußen sowie nahezu alle demokratischen Polizeipräsidenten ab. Bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 errang nicht nur die NSDAP mit über 37% der Stimmen ihren größten Triumph bei freien Wahlen, sondern es ergab sich auch eine parlamentarische Mehrheit aus NSDAP und Zentrum. Da die von Hindenburg gestützte Regierung von Papen sowohl von der NSDAP als auch vom Zentrum abgelehnt wurde, kam es Ende August zu Koalitionsverhandlungen in Berlin, an denen auch Eugen Bolz teilnahm, die allerdings durch die erneute Reichstagsauflösung schnell gegenstandslos wurden. Bei den Besprechungen hatte Bolz von Hitler, wie er seiner Frau schrieb, einen besseren Eindruck, als er bislang vermutet hatte. „Seine Ausführungen waren konsequent und klar und die Auffassungen decken sich im allgemeinen weitgehend mit den Unseren.” 38 Als das Zentrum auch noch einem Mißtrauensantrag der KPD gegen die Regierung Papen zustimmte, kam das Weltbild vieler Zentrumswähler ins Wanken, wie sich auch bei den darauffolgenden Wahlen zeigen sollte.

In den letzten noch verbleibenden Monaten bis zur Kanzlerschaft Hitlers behielt Bolz seinen Kurs bei und bekämpfte in den Reichstagswahlen vom 6. November 1932, aber auch noch am 5. März 1933 die Nationalsozialisten mit Nachdruck. So lehnte er im Dezember 1932 eine Übertragung einer Rede von Gregor Strasser, dem zweiten Mann hinter Hitler in der NSDAP, im Stuttgarter Rundfunk ab – allerdings mit dem Hinweis auf die Überparteilichkeit des gesamten Nachrichten- und Vortragsdienstes. 39

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933 zu der keinerlei Notwendigkeit bestanden hatte, nutzten die Nationalsozialisten ihre Chance und übernahmen innerhalb weniger Monate die komplette Macht in Deutschland. In Württemberg fand die Machtübergabe an die Nationalsozialisten sogar unter parlamentarischen Rahmenbedingungen statt. Der neue nationalsozialistische Ministerpräsident und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr wurde vom Landtag in sein Amt gewählt. Im übrigen Reich wurden in fast allen Ländern von Berlin aus Reichskommissare eingesetzt.

Bolz engagierte sich aber weiterhin in der Reichspolitik. So verlangte er in der Fraktionssitzung in Berlin am 20. März 1933 „eine Aussprache über die parteipolitische Auswirkung des Wahlkampfes” 40 Wenige Tage später, am 24. März forderte er eine Erklärung in der Presse über die Haltung des Zentrums zum neuen Staat. „Die Wähler wollen Klarheit über unsere Einstellung zur veränderten Lage.” 41 Bei den internen Diskussionen über die Haltung des Zentrums zu dem von Hitler geforderten Ermächtigungsgesetzes sprach sich Bolz gegen eine Zustimmung aus, beugte sich aber der Fraktionsmehrheit und stimmte dann am 27. März 1933 ebenfalls für das Ermächtigungsgesetz, der formalen Basis für die nationalsozialistische Politik der nächsten Wochen und Monate.

Am 31. März wurden die Landtage aufgelöst und entsprechend der Ergebnisse der Reichstagswahl vom 5. März neu gebildet – unter Ausschluss der Kommunisten. So hatten Nationalsozialisten, Bauernbund und Deutschnationale eine sichere Mehrheit auch in Stuttgart. Bolz war auf Platz eins der Zentrumsliste in den Landtag geschickt worden. Nach der Annahme eines württembergischen Ermächtigungsgesetzes am 8. Juni 1933 kam das von Berlin aus angeordnete Ende des Länderparlamentarismus. Bis 1945 sollte im Südwesten kein Parlament mehr tagen.

Eugen Bolz hatte bereits Anfang Juni sein Landtagsmandat niedergelegt, um sich ausschließlich seinem Reichstagsmandat zu widmen. Ob er sich noch Illusionen über eine weitere politische Tätigkeit machte, ist unklar. Auf einem Parteitag der Christlich-Sozialen Schwesterpartei in Österreich am 5. Mai 1933 in Salzburg war er der einzige Vertreter des deutschen Zentrums. Er weigerte sich, etwas über die Verhältnisse in Deutschland zu sagen. Allerdings drängte er seine Parteifreunde, aus den Erfahrungen in Deutschland zu lernen. „Ich möchte nur wünschen, daß Sie die nötige Energie und Entschlußkraft aufbringen, um rechtzeitig die nötigen Reformen durchzuführen. Wenn Ihre Tagung von einem solchen Mut und von einer solchen Entschlußkraft getragen ist, dann wird die Christlichsoziale Partei in Österreich auch in Zukunft herrschen.” 42 Einige Wochen danach nahmen die Nationalsozialisten diese Aussage zum Anlass, um Eugen Bolz am 18. Juni in Stuttgart ins Hotel Silber, dem Sitz der politischen Polizei vorzuladen und nach kurzem Verhör unter unwürdigen Umständen auf den Hohenasperg zu transportieren und dort zu inhaftieren. Als er am 12 Juli 1933 wieder entlassen wurde, gab es in Deutschland keine politischen Parteien mehr. Eugen Bolz zog sich unfreiwillig ins Privatleben zurück.

Auch wenn Eugen Bolz nach relativ kurzer Zeit wieder aus der Haft freikam, hörten die Schikanen nicht auf. Obwohl er 14 Jahre württembergischer Minister und über 20 Jahre Reichs- und Landtags53 abgeordneter gewesen war, wurde er mit der Pension eines Amtsrichters abgespeist – der Position, die er vor seinem Eintritt in die Politik innegehabt hatte. Besonders betroffen machte ihn aber auch die Reaktion vieler Volksgenossinnen und Volksgenossen, die ihn bis 1933 sehr hofiert hatten, nun aber die Straßenseite wechselten, wenn sie seiner gewahr wurden, um ihn nicht in aller Öffentlichkeit grüßen zu müssen. Nur wenige politische Freunde, aber auch ehemalige politische Gegner wie der spätere Bundespräsident Theodor Heuss oder Reinhold Maier, der frühere Wirtschaftsminister und spätere Ministerpräsident von Württemberg- Baden und Baden-Württemberg trafen sich weiterhin mit ihm. 43 Auch der württembergische Polizeipräsident Rudolf Klaiber, der von 1923 bis 1938 amtierte, scheint den Kontakt mit ihm auch nach 1933 nicht gemieden zu haben. 44

Nach 1933 hat sich Eugen Bolz wohlweislich kaum noch schriftlich geäußert, abgesehen von einer programmatischen Schrift von 1934 „Katholische Aktion und Politik” 45 Dabei hat er einige grundlegende Positionen aufgestellt, die auch heute noch von Bedeutung sind. So beschäftigt er sich mit den Schranken der Staatsgewalt, die vor allem durch das natürliche und göttliche Gesetz definiert sind. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die zweite Schranke sah Bolz im Gemeinwohl. „Bei offensichtlichem u(nd) dauerndem Mißbrauch der Staatsgewalt besteht ein Notwehrrecht des Volkes.” 46 Auch das Völkerrecht gehört aus seiner Sicht zu den bindenden Schranken jedes Staates; ebenso wie „die natürliche Rechts- und Freiheitssphäre der menschlichen Persönlichkeit” 47

Für uns sind dies Selbstverständlichkeiten, aber 1934 waren sie weitgehend abgeschafft. Der Staat war für ihn niemals absolutes Ziel und absoluter Maßstab. 48 Er sieht das nationalsozialistische Deutschland schon zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zur katholischen Lehre. „Unchristlich ist auch der totale Staat, der sich das Recht anmaßt, den einzelnen Menschen ganz in allen seinen Beziehungen und Betätigungen zu erfassen.” 49

Allerdings gibt es auch Formulierungen, die uns heute fremd sind. So fehlt ein klares Bekenntnis zur Demokratie, vielmehr sei der Katholik „nicht gebunden an irgend eine Regierungsform, an eine besondere gesellschaftliche Ordnung, an irgend eine besondere politische Richtung, an (…) irgend einen Versuch im gesellschaftlichen u(nd) bürgerlichen Leben der Völker” 50 Ebenfalls irritierend ist in unserer Zeit die Vorstellung, dass der Einzelne nur schwer entscheiden kann, welche Parteianschauungen in Einklang mit christlicher Lehre und Sitte sind. „Darum nimmt es der Katholik dankbar an, wenn die Kirche selbst die Gewissen aufruft, leitet und dem Einzelnen die Unterscheidungsmerkmale zur eigenen Gewissensentscheidung gibt.” 51

Über diese Schrift von 1934 hinaus, wissen wir wenig über seine konkreten Vorstellungen unter dem Nationalsozialismus Seine wahren Gedanken und Überlegungen konnte er nicht mehr niederschreiben. 1936 schrieb er einmal „Ich denke viel ans Leben und ans Sterben” 52 und zum Jahreswechsel 1937/8 berichtete er seiner Frau, dass ihm ausgelassene Freude zur Begrüßung eines neuen Jahres schon immer fremd gewesen sei, „um wie viel mehr heute, wo alles unsicher ist und dunkle Schicksale drohen” 53 Auch die großen Erfolg der deutschen Wehrmacht in den ersten beiden Kriegsjahren blendeten ihn nicht.

Im März 1942 kam es zu ersten eingehenden Gesprächen zwischen Goerdeler, dem Kopf des zivilen Widerstandes gegen Hitler, der von Robert Bosch finanziert wurde, und Eugen Bolz in Stuttgart. Von da an war er dem Widerstand verbunden, ohne in die konkreten Planungen eingebunden zu sein. 1944 erklärte sich Bolz bereit, in einem Kabinett Goerdeler, nach einem geglückten Attentat gegen Hitler, das Kultusministerium zu übernehmen, nachdem er ursprünglich für das Innenministerium vorgesehen gewesen war. 54

Nach dem Scheitern des Aufstandes gegen Hitler am 20. Juli 1944 geriet auch Eugen Bolz schnell ins Visier der Gestapo und wurde am 12. August 1944 aufgrund einer Denunziation verhaftet. Nach schweren Folterungen fand seine Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter Leitung von Roland Freisler am 21. Dezember 1944 statt. 55

Noch vor dem Volksgerichtshof unter seinem berüchtigten Vorsitzenden Roland Freisler bekannte sich Eugen Bolz in seiner, zusammen mit anderen Angeklagten nur siebenstündigen Verhandlung dazu, „daß er kein Nationalsozialist sei” „Er vermisse”, wie es im Urteil hieß, „bei uns”, also den Nationalsozialisten, „die individuelle Freiheit!” 56 Nach einem Bericht über den Prozeß, der Hitler vorgelegt wurde, hieß es sogar: „Er gab offen zu, daß er Gegner des Nationalsozialismus ist.” Bolz rechnete ab 1942 mit einem Zusammenbruch des Regimes und arbeitete deshalb, wie er in seinem Gerichtsverfahren einräumte, aktiv daran mit, ein danach drohendes Vakuum oder einen Sieg des Bolschewismus in Deutschland zu vermeiden. Dafür traf er sich mehrfach mit weiteren Verschworenen des Widerstandes aus allen politischen Lagern, vor allem aber mit ehemaligen Politikern aus dem katholischen Zentrum. Das kennzeichnete Freisler in seiner zynischen Art mit den Worten „die Fraktion sammelte sich wieder.” 57 In der Urteilsbegründung seines im wörtlichsten Sinne kurzen Prozesses hieß es in der verqueren Sprache der Nationalsozialisten: „Er erkennt eben nicht das Gesetz unseres nationalsozialistischen Volkslebens an, das uns jetzt gebietet, alle, restlos alle Kraft darauf zu verwenden, zu siegen; kein Quentchen Kraft auf anderes, wie etwa die Beseitigung einer Gefahr nach unserer Niederlage, also nach unserem Tode, zu verwenden;… BOLZ hat also an dem hochverräterischen Treiben GOERDELERS aktiven Anteil gehabt (…). Er wußte natürlich auch, daß solche Gedankengänge und Pläne, solch zersetzender Defätismus, umgewandelt in Verrat, gerade das ist, was unsere Feinde sich bei uns wünschen. Er habe sich also mit zum Knecht unserer Kriegsfeinde gemacht (…). Dadurch ist er für immer ehrlos geworden. Er mußte um unserer Selbstachtung, um unseres Sieges, um der Sicherheit der kämpfenden Front und Heimat willen dafür mit dem Tode bestraft werden.” 58

Eugen Bolz reichte ebenso wie seine Frau noch ein Gnadengesuch ein, machte sich aber nur geringe Hoffnungen, zumal auch der von Frau Bolz angesprochene päpstliche Nuntius in Berlin Cesare Orsenigo kein Verständnis für das Verhalten von Bolz aufbrachte. Auf die nahende Befreiung setzte er keine Hoffnung. Einem optimistischen Mitgefangenen erklärte er „Sie schlagen uns vorher den Kopf herunter.” 59

Die Nationalsozialisten hatten den Krieg zwar schon längst verloren, aber sie rissen nicht nur Millionen von Soldaten noch völlig sinnlos in den Tod – allein zwischen Januar und Mai 1945 starben noch etwa 1,4 Millionen deutsche Soldaten und Hunderttausende von Zivilisten, Kriegsgefangene und KZ-Insassen – sondern exekutierten bis wenige Stunden vor dem jeweiligen alliierten Einmarsch noch politische Gegner. Am 23. Januar 1945 um 15.43 wurde Eugen Bolz in Plötzensee enthauptet. Am selben Tag starben u.a. Graf Moltke, der Kopf des Kreisauer Kreises und der Karlsruher Rechtsanwalt und ehemalige Zentrumsmann Reinhold Frank aus Karlsruhe, den Eugen Bolz für den Widerstand gewonnen hatte. Die Leiche von Eugen Bolz wurde verbrannt und seine Asche wohl in alle Winde zerstreut. So versuchten die Nationalsozialisten die Erinnerung an ihn zu tilgen. 60

Eugen Bolz war der bedeutendste württembergische Politiker der Weimarer Republik, vermutlich sogar der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er trug über 14 Jahre maßgeblich dazu bei, dass die politische Lage in Württemberg deutlich stabiler war als im übrigen Reich, die Finanzen vergleichsweise geordnet, die Verwaltung einen hervorragenden Ruf hatte, die Weltwirtschaftskrise das Land nicht so hart traf, wie das übrige Reich und die NSDAP immer unter ihren Reichsergebnissen blieb, auch noch am 5. März 1933.

Warum war Württemberg diese „Insel im Krisenmeer”? Neben der vergleichsweise guten wirtschaftlichen und finanziellen Lage war das staatliche Gewaltmonopol im Lande nie ernsthaft in Frage gestellt. Norbert Elias sieht in „der strukturellen Schwäche ihres Gewaltmonopols und der zielbewußten Nutzung dieser Schwäche zur Zerstörung des parlamentarisch-republikanischen Regimes durch bürgerliche Organisationen” den wesentlichen Grund für das Scheitern der Weimarer Republik. 61 Als Justiz- und vor allem als Innenminister hat Eugen Bolz dieses Gewaltmonopol mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt – nach rechts und nach links. Bereits in der Nationalversammlung formulierte Eugen Bolz nach dem gescheiterten Kapp-Putsch am 29. März 1920 sein Grundanliegen, das seine Politik bis 1933 bestimmte. „An uns liegt es, mit wachsamem Auge zu sorgen, daß die Möglichkeit zu neuen Umsturzversuchen von rechts und von links im Keime erstickt wird. Schutz der Verfassung nach rechts und links muß die Parole der neuen Regierung sein, muß aber auch die Parole des Volksteils sein, der Ruhe, Ordnung und Recht will.” 62

Eine der schönsten und kürzesten Würdigungen zu Eugen Bolz stammt von Reinhold Maier, dem politischen Kontrahenten und Kabinettskollegen von 1930 bis 1933 mit dem sich Bolz nach 1933 immer wieder traf. Maier schrieb Mitte Februar 1945, als er von der Hinrichtung von Eugen Bolz erfuhr, in sein Tagebuch: „Eine Persönlichkeit, die wir vermissen werden.” 63 In diesem Sinne hat Reinhold Maier in seinem Porträt, das jeder Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg für das Staatsministerium in der Villa Reitzenstein von sich malen ließ und lässt, Eugen Bolz in einer besonderen Form geehrt. In seinem Bild ist im Hintergrund ein Bild von Eugen Bolz zu sehen, seinem letzten demokratischen Vorgänger im Amt. 64 Vielleicht sollten auch wir heute an eine Persönlichkeit wie Eugen Bolz etwas mehr erinnern.

Anmerkungen zu Eugen Bolz-Aufsatz in Villingen

1 Vgl. dazu allgemein Max Miller, Eugen Bolz. Staatsmann und Bekenner, Stuttgart 1951; Joachim Sailer, Eugen Bolz und die Krise des politischen Katholizismus in der Weimarer Republik, Tübingen 1994; Raberg, Eugen Bolz zwischen Pflicht und Widerstand, Leinfelden-Echterdingen 2009; Waldemar Besson, Württemberg und die deutsche Staatskrise 1928 – 1933. Eine Studie zur Auflösung der Weimarer Republik, Stuttgart 1959; Joachim Köhler (Hrsg.), Christentum und Politik. Dokumente des Widerstands zum 40. Jahrestag der Hinrichtung des Zentrumspolitikers und Staatspräsidenten Eugen Bolz am 23. Januar 1945, Sigmaringen 1985.

2 Zit. nach Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne. Katalog zur Grossen Landesausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2014, S. 18.

3 Württembergische Verfassunggebende Landesversammlung, 9. Sitzung vom 1. Februar 1919, S. 195.

4 Ebd., S. 203.

5 Württembergische Verfassunggebende Landesversammlung, 14. Sitzung vom 14. April 1919, S. 304.

6 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 35. Sitzung vom 12. Juni 1919, S. 767.

7 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 197. Sitzung vom 19. Juli 1923, S. 4846.

8 Ebd., S. 4845.

9 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 198. Sitzung vom 20. Juli 1923, S. 4882.

10 Die Protokolle der Reichstagsfraktion der Deutschen Zentrumspartei 1920-1925, bearbeitet von Rudolf Morsey und Karsten Ruppert, Mainz 1981, S. 233.

11 Ebd., S. 45/6.

12 Ebd., S. 45/6.

13 Ebd., S. 172.

14 Zit. nach Thomas Schnabel, Württemberg zwischen Weimar und Bonn 1928 bis 1945/46, Stuttgart 1986, S. 48.

15 Waldemar Besson, Württemberg und die deutsche Staatskrise 1928 – 1933. Eine Studie zur Auflösung der Weimarer Republik, Stuttgart 1959, S. 42.

16 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 39. Sitzung vom 18. April 1929, S. 843.

17 Ebd.

18 Besson (wie Anm. 15), S. 42.

19 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 79. Sitzung vom 6. März 1930, S. 1947.

20 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 39. Sitzung vom 18. April 1929, S. 843/4.

21 Zit. nach Thomas Schnabel, Badens Mitgift. Der Beitrag Badens zum Südweststaat, in: 50 Jahre Baden-Württemberg. Badens Mitgift. Reden zum Landesjubiläum. Festakt am 12. April 2002 in Freiburg; Freiburg 2002, S. 37.

22 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 120. Sitzung vom 25. Februar 1931, S. 3006.

23 Ebd., S. 3011.

24 Schnabel (wie Anm. 14), S. 123/4.

25 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 12. Sitzung vom 28. Juni 1932, S. 198.

26 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 17. Sitzung vom 11. Oktober 1932, S. 360.

27 Ebd., S. 361.

28 Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.), Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 2013, S. 32.

29 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 209. Sitzung vom 15. Dezember 1923, S. 5140.

30 Ebd., S. 5139.

31 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 13. Sitzung vom 23. Oktober 1924, S. 275.

32 Ebd.

33 Regierungsblatt für Württemberg Nr. 36 vom 12. November 1926, S. 239 – 242.

34 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 190. Sitzung vom 2. Februar 1928, S. 4841.

35 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 120. Sitzung vom 25. Februar 1931, S. 3010.

36 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 12. Sitzung vom 28. Juni 1932, S. 199.

37 Eduard Heilfron, Hrsg., Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1920 in ihrer Arbeit für den Aufbau des neuen deutschen Volksstaates, 9. Band, Berlin o.J. (1920), S. 263

38 Schnabel (wie Anm. 14), S. 134.

39 Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 25. Sitzung vom 1. Dezember 1932, S. 584/5.

40 Die Protokolle der Reichstagsfraktion und des Fraktionsvorstands der Deutschen Zentrumspartei 1926 – 1933. Bearbeitet von Rudolf Morsey, Mainz 1969, S. 623.

41 Ebd., S. 632.

42 Zit. nach Schwäbischer Merkur Nr. 106 vom 7. Mai 1933, S. 2.

43 Persönliche Auskunft von Mechthild Rupf-Bolz, der einzigen Tochter von Eugen Bolz gegenüber dem Verfasser.

44 So die Aussage im Entnazifizierungsverfahren von Rudolf Klaiber, Staatsarchiv Ludwigsburg EL 902-20, Bü 95410.

45 Neu ediert in: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen” Eugen Bolz 1881 bis 1945, hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Ubstadt-Weiher 2017.

46 Ebd., S. 155.

47 Ebd., S. 156.

48 Ebd., S. 159.

49 Ebd., S. 157.

50 Ebd., S. 179.

51 Ebd., S. 181

52 M. Miller (wie Anm.1), S. 472.

53 Ebd., S. 474.

54 Joachim Scholtyseck, Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler 1933 – 1945, München 1999, S. 473/4.

55 M. Miller (wie Anm. 1), S. 511.

56 Hans-Adolf Jacobsen, Hrsg., Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 in der SDBerichterstattung. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, Band 2, Stuttgart 1989, S. 687.

57 Ebd., S. 684/5.

58 Ebd., S. 689.

59 M. Miller (wie. Anm. 1), S. 513.

60 Ebd. S. 517.

61 Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. Von Michael Schröter, Frankfurt 1989, S. 294.

62 Heilfron (wie Anm. 37), S. 263.

63 Reinhold Maier, Ende und Wende. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1944 – 1946, Wuppertal 2004, S. 150.

64 Vgl. dazu Thomas Borgmann, Die Villa Reitzenstein. Macht und Mythos, Tübingen 2016, S. 148.

„Die Neustädter Straß’ ”: Wo einst die Fuhrleute nach Freiburg zogen Wolfgang Bräun

Ein letzter Grenzstein vor dem Sachsenwäldle

Schleichweg mehr, wenn es darum geht, beruflich, studentisch oder als Einkaufsbummler auf kürzestem Weg nach Freiburg zu gelangen: Tannheim, rechts weg in Richtung Zindelstein, an der Breg entlang nach Hammereisenbach und dann über Urach, St. Märgen und St. Peter; macht 66 Kilometer bis Ebnet. Auch mit dem Rad wäre so was in einem Tag zu schaffen, doch nicht auch um das Jahr 1783, als die „geschworenen Geometer Broz & Vozeler“ erstmals eine „Neustädter Straß“ in ihrem Plan über die „K.K. Vorderöst. Stadt Villingen samt Unterkirnach“ benannten. Ihre Beschreibung begann in der Roten Gasse, dem Beginn „Neustädter Straß“, die deshalb so heißt, weil an ihr roter Sandstein gebrochen wurde, obwohl in der ganzen Umgebung die Oberfläche aus Muschelkalk besteht. Weil aber der gesamte Weg „mit Steinen aus dem Bruch eingeworfen wurde“, so Hans Maier 1964 in seinen „Flurnamen“, ist die Rote Gasse schließlich zu einer Ortsstraße geworden.

Abb. 1: Die handkolorierte Karte aus den 60ern zeigt den westlichen Teil der Stadt.

Erbaut wurde die Straße in Richtung Freiburg im 14. Jahrhundert, weil man das Bündnis zwischen Freiburg, Villingen und Rottweil aus 1340 zu „gegenseitigem Schutz und Trutz“ bekräftigen und stützen wollte. Gegen den Bau anderer Verbindungsstraßen zwischen Breisgau und Schwaben schützten sich die Städte Freiburg und Villingen durch „erkaufte Privilegien“, wobei man in der Folge „eifersüchtig darüber wachte, dass ihrer Straße von keiner Seite Abtrag getan wurde“. Doch war selbst durch Prozesse und Beschwerden nicht zu verhindern, dass die Wege durchs Höllental und das Simonswäldertal ausgebaut wurden und die an Bedeutung verlor.

Abb. 2: ein Grenzstein an der ehemaligen „Neustädter Straß“.

Waren es doch ab und an auch katastrophale Unwetterereignisse, die dazu führten, dass die Straße stark beschädigt wurde und man sich darüber stritt, wer den Unterhalt zu leisten hatte, weshalb dies meist nur in dürftigem Zustand geschah. So wurde sie nach und nach unbefahrbar und im 30-jährigen Krieg lauerte auch noch die räuberische Gefahr überall.

Doch darf man sich von alten Straßen keine allzu großen Vorstellungen machen, schreibt der ehemalige städtische Obervermessungsrat Maier, glichen diese doch eher heutigen Feldwegen, wie die 1.000 Meter vom Walkebuck zur Runstal-Ruine (ein
toller Spaziergang, weiter bis zum Glaserbrückle und
zurück übers Sandwegle) und mit Steigungen, die einst mit Karren und Zugtieren nur nur mit Mühe zu nehmen waren…

Bildunterschriften:

Abb. 1 Durch die Rote Gasse führte einst der Weg nach Herzogenweiler und weiter nach Freiburg und von dort hierher. Die handkolorierte Karte aus den 60ern zeigt den westlichen Teil der Stadt.

Abb. 2 Versteckt, vergessen und doch markant: ein Grenzstein an der ehemaligen „Neustädter Straß“ der alten Stadt Villingen aus vergangener Zeit, gleich neben dem Turm der St. Konradskirche am Walkebuck.

Bild/Repro: wob.

Das Antoniusfeuer.Die Geschichte einer vergessenen Krankheit (Hans Georg Enzenroß)

Colmar, das unter den großen Kriegen der älteren und jüngeren Vergangenheit vergleichsweise wenig gelitten hat, ist Ziel vieler Besucher. Sie alle besichtigen die schöne Altstadt mit ihren Fachwerkbauten, das Gerberviertel und die Dominikanerkirche mit Martin Schongauers Madonna im Rosenhag. Die meisten aber kommen wegen des Isenheimer Altars, entstanden zwischen 1512 und 1516, jenem grandiosen Kunstwerk des 1528 in Halle verstorbenen Mainzer Hofmalers Mathis Neithart Gothart, den alle Welt unter dem Namen Matthias Grünewald kennt.

Abb. 1: Matthias Grünewald, Die Versuchung des Heiligen Antonius, Bildausschnitt Isenheimer Altar (1512/1516), Colmar.

So auch die Mitglieder des Villinger Geschichts- und Heimatvereins bei ihrem Tagesausflug zum Colmarer Unterlindenmuseum. Bei der Betrachtung des Altars wird ihnen nicht entgangen sein, dass auf der Tafel, die die Versuchungen des Heiligen Antonius zum Thema hat, in der linken unteren Ecke eine Figur vorkommt, die nicht so recht zu den übrigen, sehr lebhaften, surrealistischen Wesen zu passen scheint. Das Gesicht ist verfärbt und leidend, die Arme verdorrt und die Füße flossenartig verändert, der Leib ist aufgetrieben und von zahlreichen, mißfarbenen Abszessen bedeckt. (Abb. 1) Nach langen kunst- und medizinhistorischen Diskussionen ist man heute der Meinung, dass Grünewald hier eindrucksvoll die Symptome einer Krankheit dargestellt hat, die im Mittelalter epidemisch auftrat, zahllose Opfer forderte, und die wegen ihrer unerträglichen, brennenden Schmerzen als Antoniusfeuer bezeichnet wurde. 1 So führen uns die Gemälde des Altars nicht nur in die Welt des Glaubens, sondern auch in ein Kapitel der Medizingeschichte.

Der Altar ist ein Auftragswerk der Antoniter von Isenheim unter ihrem damaligen Präzeptor Guido Guersi, einem Italiener, für deren dortige Klosterkirche. Der sicher vereinbarte Vertrag oder etwaige Entwürfe des Malers sind leider nicht überliefert. Nur die Kirche St. Michael und das Präceptorat erinnern heute noch in dem kleinen elsäßischen Städtchen, 20 km südlich von Colmar, an das ehemals bedeutende Kloster der Antoniter. Der Antoniterorden war als Laienbruderschaft 1095 von einem französischen Adligen im heutigen Saint Antoine de L’Abbaye, nahe Grenoble, gegründet und bald vom Papst als geistlicher Orden anerkannt worden. Der Adlige hatte gelobt, sich mit seinem ganzen Vermögen der Pflege der vom höllischen Feuer Befallenen zu widmen, sollte sein erkrankter Sohn von dem Leiden geheilt werden. Die tatsächlich eintretende Heilung wurde der Fürbitte des Heiligen Antonius zugeschrieben, den man zum Schutzheiligen der am Antoniusfeuer Erkrankten auserkoren hatte.


Abb. 2: Francisco de Zurbaran (1598 – 1664) Der Heilige Antonius, Palazzo Pitti, Florenz.

(Abb. 2) Dessen Reliquien waren 1070 als Geschenk des byzantinischen Kaisers Romanus IV an einen Grafen der Dauphine für geleistete militärische Dienste nach Saint Antoine de L‘ Abbaye gekommen, wo sie nach einer Odyssee von Ägypten über Byzanz eine neue Ruhestätte fanden. Bald strömten ganze Pilgerzüge in den kleinen Ort in der Dauphiné. Es entstand am Wallfahrtsort neben dem Kloster ein Spital, um die zahlreichen Kranken zu versorgen. Der Heilige Antonius, der Schutzpatron des Ordens, stammt aus dem ägyptischen Dorf Qeman und ist zwischen 250 und 260 n. Chr. geboren. 2 Nach dem Tod seiner Eltern verschenkte er sein gesamtes Erbe an die Armen und zog sich in die Einsamkeit der Wüste zurück. Sein Leben als Eremit in der Thebaischen Wüste und sein Kampf gegen Dämonen, die ihn in vielfacher Gestalt bedrängten, ist uns von Athanasius, Erzbischof von Alexandria und ein Zeitgenosse des Heiligen, überliefert. Nach einem langen Leben starb er im Jahre 356 n. Chr. Sein Ruhm als Wundertäter überstrahlte bald den aller anderen Heiligen, er wurde überall verehrt, und es entstanden zahlreiche Niederlassungen des Ordens, vor allem in Frankreich, viele mit einem angegliederten Spital. Da sich diese Spitäler ausschließlich der Behandlung des Antoniusfeuers widmeten, darf man sie als die ersten Spezialkrankenhäuser der Medizingeschichte betrachten.

Dieses erstaunlich modern anmutende Konzept hatte zur Folge, dass sich die Klostermediziner große Erfahrung mit dieser Erkrankung erwarben und sie beachtliche Erfolge bei ihrer Behandlung erzielten. Das Ansehen und auch das Vermögen des Antoniterordens wuchs, und zu Ende des Mittelalters gab es in Westeuropa, vor allem in Frankreich, etwa 300 Niederlassungen des Ordens. Viele dieser Niederlassungen, wahrscheinlich auch die in der Villinger Rietstrasse, dienten als Stützpunkte, von denen aus der Orden seine zuweilen agressive Almosengeschäftigkeit betrieb. So waren sie nicht überall beliebt, die nahende Reformation verstärkte die zunehmende Abneigung gegenüber dem Orden. In einem Spottgedicht aus dieser Zeit, das zwar nicht von Martin Luther stammt, aber in einem seiner Bücher überliefert wurde, heißt es unter anderem über die Antoniter: „Anthoni herrn man dise nennt/ in alle landt man si wol kennt / das macht ihr stets terminiren / das arm volck sie schentlich verfüren / mit trauung sanct Anthoni Peyn / Bettlen ser, auch lerns ire schwein / Schwartz, darauf blaw creutz, ist ir kleyd / Sind alle Buben, schwer ich ein eyd.“ 3 Heute gibt es die Antoniter nicht mehr. Mit der Entdeckung der Ursache des Antoniusfeuers im 17. Jahrhundert und entsprechenden Massnahmen ging die Häufigkeit der Erkrankung merklich zurück, und der Orden verlor an Bedeutung. Durch päpstliches Dekret wurden die letzten 33 in Deutschland verbliebenen Häuser 1777 in den Malteserorden überführt, die Klöster Köln und Höchst, die sich als einzige in Deutschland dem Dekret widersetzt hatten, wurden 1803 säkularisiert.


Abb. 3: Hieronymus Bosch, Ausschnitt aus Das Jüngste Gericht (um 1500), Wien.

Neben der elenden Gestalt auf dem erwähnten Tafelbild des Isenheimer Altars begegnen uns die Opfer des Antoniusfeuers auf vielen Bildern und Holzschnitten des Mittelalters, am häufigsten und eindringlichsten auf denen des Hieronymus Bosch (um 1450 – 1516), der wie kaum ein Maler die Jenseitsphantasien seiner Zeit sichtbar gemacht hat. In seinen Höllenvisionen des „Jüngsten Gerichts“ (Wien), entstanden um 1500, sehen wir eine Gestalt vor einem Feuer sitzen, die einen Menschen am Röstspieß dreht und mit einer Schöpfkelle begießt. (Abb. 3) Auch in ihrer Bekleidung mit einem schwarzen Umhang in der Art einer Gugel 4 erinnert uns die Gestalt an die von Grünewald auf seinem Isenheimer Altar: schwarz verfärbte Unterschenkel und Füße, ebensolche Arme und Hände, Verkümmerung der Muskulatur an den oberen und unteren Extremitäten, aufgetriebener Leib und eitrige Hautblasen. Die Übereinstimmung mit dem Grünewaldschen Dämon ist evident. Bosch hat hier nicht nur die sichtbaren Veränderungen der Mutterkornvergiftung dargestellt, sondern mit dem Menschen am Grillspieß auch die Höllenqualen, die diese Krankheit bereitet.


Abb. 4: Hieronimus Bosch, Ausschnitt aus Die Versuchung des Heiligen Antonius (zw. 1495 und 1515), Lissabon.

In seinem Bild „Die Versuchung des Heiligen Antonius „(1505/1510, Lissabon) fällt uns ein Mann mit rotem Rock und hohem, schwarzen Hut auf, der einen abgetrennten Unterschenkel auf einem weißen Tuch vor sich liegen hat, daneben, fast in Bildmitte, ein offenbar blinder Mann, umhängend eine Drehleier, der auf einer hölzernen Gehhilfe dem Heiligen zustrebt. Der fehlende Unterschenkel weist ihn als ein Opfer des Antoniusfeuers aus, der immerhin die Krankheit überlebt hat. (Abb. 4) Auch bei Pieter Brueghel d.Ä. (um 1525 – 1569) finden wir Verkrüppelte, so in seinen Bildern „Die Krüppel“ (Abb. 5) und „Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit“, wo wir neben zahlreichen Menschen mit fehlenden Extremitäten eine Bettlerin mit ihrem Sohn erkennen, der beide Unterschenkel verloren hat.

Abb. 5: Pieter Brueghel d.Ä. Die Krüppel (1568), Paris.

(Abb. 6) Zahlreiche Gemälde, Holzschnitte und Zeichnungen könnten die wenigen Beispiele ergänzen.

Bei der medizinischen Literatur dieser Zeit steht man vor der Schwierigkeit, dass die Erkrankung mit zahllosen anderen Namen bezeichnet wird, neben Antoniusfeuer finden wir Namen wie ignis sacer, ignis gehennae, ignis invisibilis, ignis persicus, heisser Brand, esthiomenus, pruna, mal des ardents, um nur die gebräuchlichsten zu nennen. Immerhin weisen die meisten auf das Feuer hin, das als Synonym für die unerträglichen Schmerzen und die Höllenqualen steht. In dieser Vielzahl von Begriffen drückt sich aus, dass der Arzt jener Zeit ein Beobachter und Beschreiber einzelner Symptome war, sein Ziel war damals noch nicht die Erforschung ätiologischer Zusammenhänge. Aus den zahlreichen Berichten über abgelaufene Epidemien, hauptsächlich aus Frankreich, können wir uns ein Bild von der Krankheit und dem Leiden der Betroffenen machen. Die Beschwerden betrafen vor allem die Arme und Beine, die zunächst kraftlos wurden und die, vor allem bei Belastung, stark schmerzten. Die Muskulatur wurde schmächtig, verschwand langsam, die Haut wurde blass, später schwarz und pergamentartig als Zeichen des Gewebsunterganges. Diese Veränderungen betrafen vor allem die peripheren Gebiete, Zehen und Finger, aber auch Hände, Füße, Unterschenkel und Unterarme. Wenn sich das absterbende Gewebe nicht infizierte, also von Bakterien befallen wurde, mumifizierte es und fiel entweder von selbst ab oder wurde von Wundärzten amputiert, was wegen der ebenfalls abgestorbenen Schmerzrezeptoren und Nervenbahnen relativ schmerzarm geschehen konnte. Wie dies vor sich ging, erfahren wir aus dem „Feldtbuch der wundtarztney“ des Hans von Gersdorff, das 1517 in deutscher Sprache in Straßburg erschienen ist. 5 In dem Kapitel „Von der Abschneydung“ lesen wir, dass der Patient vor dem Eingriff gebeichtet und das Sakrament empfangen haben sollte, der Chirurg zumindest die Messe gehört haben, „so gibt jm got glück zu seiner würkung“. Die Einzelheiten des chirurgischen Vorgehens sollen hier übergangen werden. Sehr viel häufiger wird es jedoch zu einer Infektion des abgestorbenen Gewebes gekommen sein mit darauffolgender Sepsis und zur damaligen Zeit dem sicheren Tod des Patienten. Auch die inneren Organe, hier vor allem der Darm, konnten befallen sein. Die Kranken hatten den Eindruck, dass „…ein inneres Feuer ihre Eingeweide verzehre.“ Eine der Folgen war dabei die Entwicklung einer Bauchwassersucht mit aufgetriebenem Leib. Neben dieser Form des Antoniusfeuers kennen wir noch eine solche, bei der das Zentralnervensystem befallen wird. Die Patienten klagen am häufigsten über Mißempfindungen an Armen und Beinen.


Abb. 6: Pieter Brueghel d. Ä. Bildausschnitt aus „Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit“ (1568), Wien. Auf der rechten unteren Bildseite ist eine Bettlerin mit ihrem Sohn zu sehen, der beide Unterschenkel verloren hat. Links oben findet man mehrere Menschen mit fehlenden Extremitäten.

Sie werden als Ameisenlaufen oder Kribbeln beschrieben, daher auch die Bezeichnung Kriebelkrankheit. Die auffallendste Störung ist ein Krampfanfall, der oft von einer Epilepsie nicht zu unterscheiden ist. Hauptsächlich die Beugemuskulatur ist betroffen, die Muskeln sind bretthart gespannt, der Anfall ist mit stärksten Schmerzen verbunden.


Abb. 7: Sklerotien (Mutterkorn) in Roggengetreide.

Erstmals im 17. Jahrhundert wurde eine in der Sologne, einem sumpfigen Gebiet südlich von Orleans, auftretende Antoniusfeuerepidemie mit durch Mutterkorn verunreinigtem Getreide in Verbindung gebracht. 6 Das Getreide bestand zu einem erheblichen Teil aus Mutterkorn, das wegen seiner dunklen Färbung gut erkennbar war. Vor allem Roggen war befallen, (Abb. 7) und da Roggen das Getreide der Armen und Ärmsten war, waren diese am meisten betroffen. Die damals gemachten Beobachtungen hatten zur Folge, dass man sich bemühte, durch verbesserte Reinigung das Mutterkorn aus dem Getreide zu entfernen. Auch die Agrartechniken wurden verbessert, etwa durch bessere Drainage der Felder. Trotz allem kam es im 18. Jahrhundert, vor allem in Frankreich, zu mehreren Epidemien. Auch in Deutschland traten Krankheitsfälle auf, hier seltsamerweise fast nur solche mit Befall des Zentralnervensystems. Die letzte große Epidemie des Ergotismus convulsivus in Deutschland ereignete sich 1879 in Hessen in der Gegend von Frankenberg, charakteristischerweise wie alle Ergotismus-Epidemien im Herbst, wenn das neue Korn vermahlen und verbacken wird. 7 Selbst im 20. Jahrhundert traten noch vereinzelt Epidemien auf. Immer wieder sollen solche in Rußland vorgekommen sein, eine größere 1927 in der Gegend von Kasan, einer Stadt an der Wolga. Ob es sich 1951 bei den rätselhaften Krankheitsfällen in Pont-Saint-Esprit (Provence) um eine Ergotismus-convulsivus-Epidemie durch vergiftetes Brot gehandelt hat, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.

Das Mutterkorn des Roggens ist das Dauerstadium des Schlauchpilzes Claviceps purpurea, der auch auf anderen Süßgräsern wächst, es stellt die Überwinterungsform des Pilzes dar. Das als Sklerotium bezeichnete Mutterkorn wirkt als übergroßes Getreidekorn, das sich aus den Spelzen der Ähre hervordrängt. Gefärbt ist es hell- bis violettbraun (Abb. 8) Wird der Roggen reif, fallen die Sklerotien zu Boden und bleiben über Winter dort liegen. Im Frühjahr, wenn die Witterung warm und feucht ist, beginnen sie zu keimen. Zur Keimung ist eine vorübergehende kalte Periode erforderlich.


Abb. 8: Sklerotium (Mutterkorn des claviceps purpurea in einer Roggenähre.

Die keimenden Sklerotien bilden Sporen, die bei warmer und feuchter Witterung als feine Wolke in die Luft geschleudert werden und durch den Wind, aber auch durch Insekten, auf die Narben der Roggenblüten getragen werden. Die Sporen bilden auf den feuchten Blütennarben ein Pilzgeflecht aus, aus dem sich die bereits beschriebenen Sklerotien entwickeln. Dies ist in groben Zügen der Entwicklungszyklus des Pilzes.

Die Sklerotien enthalten eine Vielzahl an Substanzen, für unsere Geschichte ist von Bedeutung ihr Gehalt an sogenannten Alkaloiden, Abkömmlingen der Lysergsäure und allesamt eng miteinander verwandt. Etwa 80 verschiedene Alkaloide sind im Mutterkorn enthalten. Am bekanntesten sind Ergotamin, Ergometrin und Ergotoxin. In richtiger Dosierung werden diese Alkaloide auch als Medikamente verwendet, so vor allen Dingen in der Geburtshilfe zur Wehenauslösung und zur Blutstillung bei nach der Geburt auftretenden Gebärmutterblutungen. Auch in der Migränebehandlung werden sie eingesetzt. Die Substanzen wirken auf die sogenannte glatte Muskulatur, die auch in den Gefässwänden vorhanden ist und hier die Weite der Gefässe reguliert. Die Alkaloide verengen die Gefässe und vermindern so die Durchblutung des Gewebes. Wirkt die Substanz lange genug ein, stirbt das Gewebe auf Grund des chronischen Sauerstoffmangels ab und es kommt zu den oben geschilderten Erscheinungen. Schwieriger wird die Erklärung der Wirkung auf das Zentralnervensystem. Vielleicht hilft hier das Wissen weiter, dass einer der Abkömmlinge der Lysergsäure, das Halluzinogen LSD (Lysergsäurediäthylamid) bis auf eine Seitenkette die gleiche Strukturformel hat wie Ergotamin und Ergometrin. Das Vorkommen psychotischer Symptome wird zumindest verständlicher. Ergotamin wurde als erstes reines Mutterkornalkaloid 1918 von dem bei der Firma Sandoz arbeitenden Schweizer Biochemiker Arthur Stoll (1887 – 1971) isoliert. Die Synthese von Lysergsäurediäthylamid (LSD) gelang dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann (1906 – 2008), ebenfalls bei Sandoz, im Jahre 1943 bei seinen Forschungsarbeiten über die Secale – Alkaloide, deren natürliche Substanzen er als Ausgangsmaterial und Vorlage für die synthetische Herstellung von neuen Arzneimitteln benutzte. In einem Selbstversuch nahm er am 19. April 1943 in seinem Labor in Basel eine, wie sich später herausstellte, sehr hohe Dosis von LSD ein. Unter schwersten Halluzinationen erreichte er mit Mühe auf seinem Fahrrad sein Zuhause, wo ihm, neben anderen Erscheinungen, seine Nachbarin als „…bösartige, heimtückische Hexe….“ erschien. 8 Von den Anhängern des LSD wurde später der 19. April als „Bicycle day „gefeiert. 1949 wurde LSD erstmals als Medikament von der Firma Sandoz in den Handel gebracht. Als sog. Psychotomimetikum diente es auch Psychiatern dazu, sich im Selbstversuch in die vermeintliche Welt ihrer psychotischen Patienten zu versetzen, insbesondere beim Krankheitsbild der Schizophrenie. Umstritten ist der Einsatz von LSD als Medikament in der Psychiatrie bis heute, gänzlich abzulehnen sind Überlegungen, LSD als chemische Waffe bei Geheimdienstaktionen zur Bewußtseinsveränderung der handelnden Personen einzusetzen. Anfang der 1950er Jahre, zu Beginn des Kalten Krieges, sollen hierzu in den USA Versuche an Freiwilligen, aber auch an Menschen, die nicht gefragt wurden, durchgeführt worden sein. 9

Vor Alkaloiden im Brotgetreide brauchen wir uns heute nicht mehr zu fürchten. Die moderne Landwirtschaft verwendet Getreidesaatgut, das reichlich Pollen ausbildet, die zur Zeit der Blüte die Fruchtkörper besetzen und den Sporen des Schlauchpilzes keinen Platz lassen. Außerdem hat man pilzresistente Getreidesorten entwickelt. Die Feldränder werden vor der Getreideblüte vorsorglich gemäht, um dort pilzbefallene Gräser zu entfernen und einen Befall von hier aus zu verhindern. Auch die Oberflächenbearbeitung der Äcker, wie zum Beispiel das Unterpflügen der abgefallenen Sklerotien in grössere Tiefe dient der Vorsorge. In den Mühlen schließlich wird das Getreide von Sklerotien und anderen Fremdkörpern gereinigt. In den modernen, computergesteuerten Großmühlen ist der Sicherheitsstandard hoch. Das Getreide läuft über verschieden weite Siebe, um abschliessend einen Farbscanner zu passieren, wo das noch im Getreidestrom verbliebene, dunkel gefärbte Mutterkorn erkannt und wenig später durch einen Luftstoß, zusammen mit einem geringen Anteil normaler Getreidekörner, eliminiert wird. Als Letztes erfolgt eine chemische Untersuchung des Mehls, ob die festgelegten Grenzwerte für Mutterkornalkaloide eingehalten wurden.

In älteren populären medizinischen Darstellungen des Mittelalters wird gern auf die großen gesundheitlichen Probleme der mittelalterlichen Gesellschaft hingewiesen: mangelnde Hygiene vor allem in den Städten, die Vernachlässigung des Körpers, die großen Seuchen und Hungersnöte oder die theoretische und praktische Unzulänglichkeit der mittelalterlichen Medizin. Inzwischen hat sich die Medizingeschichtsschreibung von Vorurteilen dieser Art gelöst und begonnen, auch das Mittelalter sachlicher zu schildern. Gesundheit war, trotz aller Jenseitsbezogenheit, auch für den mittelalterlichen Menschen ein gottgeschenktes Gut von hohem diesseitigen Wert. Sie galt ihm, nach Glaube und Hoffnung auf ein seliges Leben nach dem Tode, sicher ebensoviel wie Familie, städtische oder ländliche Gemeinschaft, Essen und Trinken, Kleidung und Arbeit. 10. Und so sehen wir, ausgehend vom Isenheimer Altar, vor dem zahllose Pilger und Kranke Gesundheit erflehten, beim Gang durch die Geschichte des Antoniusfeuers, wie genaue Beobachtung und logische Schlußfolgerungen zur Aufdeckung der Ursache dieser Erkrankung, zu Vorsorge, Behandlung und endlich deren Verschwinden führte. Schließlich fanden die Alkaloide des Mutterkorns sogar noch Eingang in die Schulmedizin. Die Verursacher des Antoniusfeuers erwiesen sich bei richtiger Dosierung auch als Träger von therapeutisch wertvollen pharmakologischen Eigenschaften, ein Giftprodukt hat sich in eine reiche Fundgrube von Heilmitteln gewandelt, sicher ganz im Sinn und Geist des gütigen Helfers der Mutterkorn-Opfer, des Heiligen Antonius.

Anmerkungen:

1 Beim Antoniusfeuer handelt es sich um eine Vergiftung durch Mutterkornalkaloide, die zu Durchblutungsstörungen vor allem der Extremitäten führt. Sichtbar wird diese an der Verschmächtigung der Muskulatur, pergamentartiger Veränderung der Haut und dem Absterben von Gewebe. Die Einwirkung auf die inneren Organe hat eine Bauchwassersucht zur Folge, erkennbar am aufgetriebenen Leib. Abszesse sind Zeichen einer Sepsis. Alle diese Symptome sind auf dem Gemälde zu sehen. Die psychotischen Symptome sind vielleicht am Gesichtsausdruck ablesbar.

2 Der Schutzpatron der Antoniter, der Heilige Antonius (der Große), ist nicht zu verwechseln mit dem Heiligen Antonius von Padua, der um 1190 in Lissabon geboren wurde. Wilhelm Busch hat es in seiner Bildergeschichte „Der Heilige Antonius von Padua“ mit der Unterscheidung nicht so genau genommen, ob aus Unwissenheit oder künstlerischer Freiheit, weiß man nicht. Motive der Bildergeschichte scheinen eher dem Leben von Antonius dem Großen entnommen, auch das im letzten Kapitel erscheinende Schwein, das stets mit den Antonitern in Verbindung gebracht wird, verweist auf den in Ägypten geborenen Heiligen. In den letzten Versen bitten Heiliger und Schwein um Einlass in den Himmel, der ihnen auch gewährt wird. „Willkommen! Gehet ein in Frieden. Hier wird kein Freund vom Freund geschieden. Es kommt so manches Schaf hinein, Warum nicht auch ein braves Schwein.“ Der Verleger der Bildergeschichte, Moritz Schauenburg, wurde 1870/71 in Offenburg wegen „Herabwürdigung der Religion und Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Schriften“ angeklagt, aber freigesprochen. Wilhelm Busch soll diese Wertung seines Gedichtes persönlich sehr getroffen haben.

3 Die Erwähnung der Schweine beruht darauf, dass es den Antonitern als einzigem Orden erlaubt war, Schweinezucht zu betreiben (Antoniusschweine), die frei in den Städten herumliefen und deren Ernährung der öffentlichen Mildtätigkeit anheim gestellt blieb, bevor sie im Herbst wieder eingefangen wurden. In der Kunst wird der Hl. Antonius daher fast immer mit einem Schwein dargestellt.

4 Gugel, mittelalterliche Kopfbedeckung, die auch die Schultern bedeckte.

5 Hans von Gersdorff, Feldtbuch der wundtarztney, Nachdruck der Erstausgabe, Straßburg 1517. Darmstadt 1967.

6 Dodart, Lettre de M.Dodart, de l Academie Royale des Sciences, a l Auteur du Journal, contenant des choses remarquables, touchant quelques grains. Journal des Scavans de l An 1676. Amsterdam 1766, 79 – 85.

7 Siemens, Fritz, Psychosen beim Ergotismus. Arch.f.Psychiat.u. Nervenkrank.11 (1881) 108 – 116, 367 – 390

8 Zitiert aus Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt, Handbuch der Rauschdrogen, Fischer, Frankfurt a.Main, 2004

9 Marlon Kuzmick, in Peter Knight Hrsg. Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. Bd 2. ABC Clio, Santa Barbara/ Denver/ London 2003, S. 447).

10 Wolfgang U. Eckart, Geschichte der Medizin, Springer Verlag Berlin, Heidelberg, New York. 4. Aufl., 2000. weitere verwendete Literatur: Veit Harald Bauer, Das Antonius-Feuer in Kunst und Medizin, Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH, 1973. Heinrich Schipperges, Die Kranken im Mittelalter, Lizenzausgabe der C.H.Beck schen Verlagsbuchhandlung, München für die Historische Buchgemeinschaft Reinhard Mohn GmbH, Gütersloh, 1990.

Bildnachweise:

Bilder 1 – 6 stammen aus https://commons.wikimedia.org. Sie sind gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roggen mit Mutterkorn. jpg. Autor Burgkirsch at german wikipedia. Bilder 7 und 8 stammen aus https:/commons.wikimedia.org/wiki/ File:Mutterkorn 090719.jpg. Autor R. Alten-kamp, Berlin.