Südwest und Fernost Berührungspunkte zwischen Villingen und Ostasien um 1900 (Peter Graßmann)

Beim Gedanken an Berührungspunkte zwischen Villingen und dem Fernen Osten mögen einem zunächst die indischen, chinesischen und vietnamesischen Restaurants in den Sinn kommen, die heute ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehören. Was aber hatten die Zähringerstadt und die fernen Kulturen Ostasiens historisch miteinander zu tun? Von hier brachen weder bedeutende Weltreisende wie Marco Polo auf, noch legten die Schiffe der Ostindien-Kompanie an den Ufern der Brigach an, und dennoch finden sich Spuren einer Ostasien-Begeisterung, wie sie vor allem um die Jahrhundertwende in ganz Europa zu beobachten war. Die Spurensuche führt in gutbürgerliche Gaststuben, in Kolonialwarenläden und auf Schlachtfelder am anderen Ende der Welt.

Kunst und Curiosa

Wir beginnen unsere Reise an einem Ort, an dem sich seit jeher Zeiten und Räume verdichten: Im Museum. Die 1876 gegründete Städtische Altertümersammlung, Vorläuferin des heutigen Franziskanermuseums, verfolgte nämlich nicht nur das selbst gesteckte Ziel, „das specifisch Villingische und Umgebung“ (sic!) zu sammeln, sondern präsentierte sich als wahre Kunst- und Wunderkammer, in der auch asiatische Objekte ihren Platz fanden. Von einer Caroline Fleck aus Paris stammen „1 chinesisches Büchle“, „1 japanisches Photographie Rähmle“ und „eine Schachtel mit Chinesischen Münzen nebst 2 Stück Chinesische Stickerei“, vom Maler Fridolin Leiber aus Bockenheim „Chinesische Maler Arbeiten auf Baumwollstoff“ und von Fidel Hirt – einem der fleißigsten Beiträger zur Sammlung – „ein Chinesisches Lotterie Loos“ und „eine Chinesische Uhrenkette aus Bambusfaser“. Daneben gibt es noch jede Menge chinesisches Porzellan, das durch seine feine Bemalung auffällt (Abb. 1). Gesammelt wurden die Gegenstände teils aufgrund

Abb. 1: Chinesisches Porzellan in der Abteilung „Nicht nur Kraut und Rüben“, Franziskanermuseum.

ihrer künstlerischen Qualität, teils aber auch unter der Bezeichnung „Curiosa“, also nur ihrer Seltenheit und ihrem exotischen Charakter wegen. Sie fallen damit in dieselbe Kategorie wie türkische Münzen, eine „Meeresmuschel aus Amerika“ oder „drei Muskatnüsse aus Indien“.

Abb. 2: Chinesische Figuren im Franziskanermuseum.

Irgendwo zwischen Kunst und Kuriosum siedelte man wohl die zwei Holzfiguren an, die fälschlich als „amerikanische Holzschnitzer-Arbeiten“ bezeichnet wurden (Abb. 2). In Wahrheit handelt es sich um chinesische Figuren, die einen der acht Unsterblichen (Bâxiân), Heilige aus der chinesischen Mythologie, darstellen, vermutlich Li Tieguai. Der Schenker der Figuren, Max Distel, war ein gebürtiger Villinger, der 1881 nach Nordamerika ausgewandert war und sich schließlich in St. Louis niedergelassen hatte. Seiner Heimatstadt treu verbunden, überließ er die Figuren 1885 der Altertümersammlung, wohl ohne selbst zu wissen, was es mit ihnen auf sich hatte. St. Louis besaß zu dieser Zeit eine kleine Gemeinschaft von etwa 300 chinesischen Migranten, die als Fabrikarbeiter angeworben worden waren. Der erste chinesische Siedler war 1857 in die Stadt gekommen, 1869 folgte eine große Einwanderungswelle, ein Jahr später die nächste. An der sogenannten „Hop Alley“ entstand ein florierendes Chinatown, das 1966 einem Sportstadion Platz machen musste. Vermutlich hatte einer der chinesischen Einwanderer die Figuren aus seiner Heimat mitgebracht – auf welchem Wege sie in den Besitz Distels kamen, wissen wir nicht.

Das erste China-Restaurant Villingens?

Während die Objekte der Altertümersammlung nur zahlenden Kunstinteressierten zugänglich waren, erfreuten sich andere fernöstliche Inspirationen großer Popularität. Zu ihnen gehörte die Weinstube „Zur chinesischen Nachtigall“ in der Niederen Straße 47, die 1898 vom Konditor, Gemeinderat und stellvertretenden Bürgermeister Albert Cammerer („Guetele Cammerer“) eröffnet wurde. Einem Gedicht von Cammerers Freund Georg Rabenstein zufolge erhielt das Lokal seinen Namen von dessen Haustier, einer Leiothrix lutea (Chinanachtigall): „De Albert hät en Vogel scho zehn Johr, Wi’e wärs ihr Liet, wenn mr dere Stub de Namä grad vu sellem Vogel giet?“. Allerdings dürften auch die mit dem Namen verbundenen Assoziationen eine Rolle gespielt haben, wie Fotos vom Innenraum des Lokals zeigen. Ein umlaufender Wandfries mit chinesisch inspirierten Darstellungen (Abb. 3), Menschen mit Schirmen und Fächern zwischen Seen, Bergen und Bambushainen, zierte die Wände. Die Chinoiserie bereicherte auf harmonische Weise die gründerzeitliche Salonatmosphäre und war seinerzeit ein echtes Novum in einer Kleinstadt wie Villingen. In den Großstädten gehörten solche orientalistischen Cafés hingegen längst zum

Abb. 3: Innenraum der „Chinesischen Nachtigall“.

vertrauten Erscheinungsbild. Exotismen entsprachen dem Geschmack der Jahrhundertwende, der sich des Fremden als Projektionsfläche für eigene Träume und Fantasien bemächtigte. Die Assoziation der östlichen Kulturen mit Luxus und Muße hat kulturhistorisch eine lange Tradition, reicht sie doch mindestens bis zu den Indienzügen Alexanders des Großen zurück. Im Barock gehörten Kleider und Möbel in der „Chinamode“ zur Standardausstattung jedes Adligen, der etwas auf sich hielt. Mit der Werbeindustrie des 19. und 20. Jahrhunderts erhielten die alten Stereotypen schließlich neue Nahrung und Tabak, Kaffee, Tee oder andere Luxusprodukte wurden nur zu gern mit orientalischen Klischees beworben. Dies mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass später das Lagerhaus des Villinger Kolonialwarenhandels Spathelf in der Lantwattenstraße den Spitznamen „Chinesentempel“ erhielt. Ausschlaggebend war hier jedoch vor allem das Erscheinungsbild des Gebäudes mit seinen einander überkragenden Stockwerken, das die Bevölkerung an ostasiatische Pagoden erinnerte: Form

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und Funktion verbanden sich durch die Fantasie des Betrachters zu einer stimmigen Gesamtheit (Abb. 4).

Abb. 4: Kolonialwaren-Großhandel Spathelf, sog. „Chinese- Tempel“.

Nicht selten wurden Chinesen und Japaner von der Werbung als servile Diener diffamiert, wofür man eine Bestätigung in den eigenen diffusen Vorstellungen etwa der japanischen Geisha-Kultur sah. So wundert es nicht, dass Variétes wie das berüchtigte „Chat noir“ in Paris (wo auch die ersten „chinesischen“ Cafés entstanden), aber auch bürgerliche Gaststuben in der badischen Provinz mit attraktiven Damen in chinesischen Kostümen warben – so die „chinesische Nachtigall“ auf einer lithographierten Ansichtskarte (Abb. 5). Eine zeitgenössische Vorlage mag Cammerer in den ganz ähnlichen Karten der Hamburger Kon

Abb. 5: Ansichtskarte der „Chinesischen Nachtigall“.

ditorei Georg Hübner gefunden haben, zu deren Räumlichkeiten ein japanischer Salon zählte. In der Villinger Kunst lassen sich die Chinoiserien und Orientalismen der Großstädte ansonsten nicht nachweisen. Immerhin stammt jedoch von einem Villinger Maler die Darstellung einer bekannten Tänzerin, die gerne exotisch kostümiert auftrat: Waldemar Flaig porträtierte 1927 Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm und zeigte dabei offensichtlich besonderes Interesse an dessen vielfarbigen floralen Mustern (Abb. 6).

Abb. 6: Waldemar Flaig: Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm.

Flaig war während seiner Berliner Zeit mit Barbakoff, die zu den angesehensten Tänzerinnen der 20er Jahre zählte, persönlich befreundet. Seit 1924 gehörten chinesische Tänze zu ihrem Programm, 1944 wurde sie von den Nazis ermordet.

Koloniale Verflechtungen

Den kulturellen Hintergrund solcher Asienbegeisterung um die Jahrhundertwende bildete freilich nicht nur naive Neugier, sondern auch harte Realpolitik in Form kolonialistischer Bestrebun

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gen. So waren insbesondere China und Japan im Verlauf des 19. Jahrhunderts in das Blickfeld europäischer Geostrategen geraten. Deutschland schloss bereits 1861, nur kurz nach der erzwungenen Öffnung des bis dahin isolierten Japan, einen Freundschaftsvertrag mit dem Land, in dem sich zu diesem Zeitpunkt bereits preußische Händler niedergelassen hatten. In China wiederum errichtete das Deutsche Reich 1897 das „Schutzgebiet Kiautschou“ mit der Hauptstadt Tsingtau. Proteste und Aufstände gegen die Kolonialpolitik der europäischen Mächte gipfelten im sogenannten Boxeraufstand von 1900, der mit der Ermordung des deutschen Gesandten von Ketteler begann und mit dem Einmarsch europäischer Truppen in die verbotene Stadt endete.

Villinger beteiligten sich nicht nur an der Niederschlagung des Aufstandes, wie einige erhaltene Feldpostbriefe bezeugen, sondern waren auch als Soldaten in der deutschen Kolonie Kiautschou stationiert. Zu ihnen zählte der junge Matrose

Abb. 7: Riegger und Obergfell im japanischen Kostüm.

Joseph Riegger, der seiner Schwester Paula um 1910 eine Postkarte schickte, die ihn und seinen Kameraden Obergfell in japanischem Kostüm zeigt – ein üblicher Soldatenjux, der in der badischen Heimat sicher für so manchen Lacher sorgte (Abb. 7). Später organisierten sich viele Veteranen in der „Vereinigung ehemaliger Tsingtauer“, darunter der Schwenninger Johann Georg Jauch, der als Seesoldat in China und Japan gedient hatte und 1915 in japanische Kriegsgefangenschaft geriet. Während dieser Zeit lebte seine Frau Marie in Tsingtau, später zog das Paar nach Shanghai und schließlich nach Villingen.

Die Wirkungen der geopolitischen Umwälzungen am anderen Ende der Welt waren bis hinein in die Fastnacht spürbar. Bei einem Themenumzug im Jahre 1896 wurde „Der japanisch-chinesische Krieg mit der Erstürmung von Port Arthur“ dargestellt – ein nicht sehr lustiges Thema, wie man meinen sollte. Port Arthur, das heutige Lüshunkou in China, war im November 1894 Schauplatz eines grausamen Massakers an der chinesischen Zivilbevölkerung (Abb. 8). Im folgenden

Abb. 8: Angriff auf Port Arthur in einer zeitgenössischen japanischen Darstellung.

ahr erzwangen Russland, Frankreich und das Deutsche Reich in der „Intervention von Shimonoseki“ die Rückgabe der Stadt und der Halbinsel Liaodong, weil sie eine weitere japanische Ausbreitung im Pazifikraum befürchteten. Der Villinger Themenumzug spielte daher auch subtil mit der damals in Europa herrschenden Angst vor der „Gelben Gefahr“, eines Erstarkens der politischen Mächte im Fernen Osten. Höhepunkt des Zuges, der auf dem Hubenloch begann, war laut Programmankündigung (heute im Franziskanermuseum ausgestellt) der „Einzug der Japaner und Chinesen in die Stadt“. Versprochen wurden „ächte schlitzäugige Steppensöhne“, denen man mit zeittypischer sprachlicher Unkenntnis rassistische Spottnamen verlieh. So nannte man den japanischen Regimentstambour „Wau-Wau“, den Kapellmeister „Ha-da-da“ und die chinesische Militärakademie „Hei-di-li-dei-dei“. Völlig absurd wurde es schließlich, als die chinesische Kavallerie auf (afrikanischen) Nilpferden einritt – ein deutlicher Hinweis darauf, wie gering man die chinesische Militärmacht einschätzte. Dementsprechend wurde der Einsatz der chinesischen Artillerie denn auch mit dem Hinweis „viel Geschrei und wenig Wolle“ angekündigt. Die Überlegenheit der Japaner hatte nach Ansicht der Veranstalter den einfachen Grund, dass sie „nach europäischem Muster gedrillt“ waren. Tatsächlich war die preußische Armee das Vorbild des Meiji-Militärs und europäische Offiziere beteiligten sich an der Ausbildung der Soldaten.

Kolonialistische Themen waren um die Jahrhundertwende überhaupt populär in der Villingen Fastnacht, so wurde 1890 „Die deutsche Expedition in Ostafrika“ mit der „Beschießung und Erstürmung eines aufständischen Negerdorfes“ gezeigt. Hinter solchem fastnächtlichen Spaß verbergen sich rassistische und kolonialistische Denkmuster, die unverhohlen zur Schau gestellt wurden. Ihre Fortsetzung findet die lange Tradition exotistischer Motive in der Fastnacht bis heute etwa in den allgegenwärtigen Chinesenkostümen.

Fazit

Die Berührungspunkte zwischen Villingen und Ostasien sind spärlich und indirekt, was bei der großen räumlichen und kulturellen Distanz auch nicht verwundert. Dennoch lässt sich zeigen, dass exotistische Strömungen, die von den Großstädten ihren Ausgang nahmen, auch in der damaligen badischen Kleinstadt ihren Niederschlag fanden. Sammler, Gastwirte und Fastnachtszünfte öffneten ein Fenster in die weite Welt – oder das, was sie sich darunter vorstellten.

Abbildungen:

Abb. 1:    Chinesisches Porzellan, Qing-Zeit, 18. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12667/8.

Abb. 2:    Chinesische Bâxiân-Figuren aus Wurzelholz, Qing-Zeit um 1850, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12704.

Abb. 3:    Der Innenraum der „Chinesischen Nachtigall“. Ein umlaufender Fries mit chinesisch inspirierten Darstel-lungen schmückt die Wände. Foto um 1910, Sammlung Siegfried Preiser.

Abb. 4:    Kolonialwaren-Großhandel J. Spathelf, Einwohnerbuch Villingen 1939. Hinweis von Wolfgang Heitner.

Abb. 5:    Lithographische Ansichtskarte der „Chinesischen Nachtigall“. Die chinesisch gekleidete Serviererin spielt mit Assoziationen und Klischees von exotischem Luxus. Um 1900, Sammlung Graßmann.

Abb. 6:    Waldemar Flaig: Tatjana Barbakoff in chinesischem Kostüm, 1927, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 10005.

Abb. 7:    Joseph Riegger, Schiffsartillerist der 4. Kompanie, und sein Kamerad Obergfell posieren während ihrer Dienst-zeit in Tsingau für eine Postkarte in japanischem Kostüm. Um 1910, Sammlung Graßmann.

Abb. 8:    General Yamaji führt den Angriff auf Port Arthur, Farbholzschnitt von Nobukazu Yõsai, 1894, British Library.

Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Tannheim (Ute Schulze)

Im Jahr 1929 beschloss der Militär- und Kriegerverein Tannheim, bei der Gemeinde den Antrag auf Finanzierung eines Kriegerdenkmals zu stellen. Der Bürgerausschuss genehmigte am 19. Januar 1929 einstimmig Gelder aus den laufenden Wirtschaftsmitteln. „Da sich jedoch die finanzielle Lage der Gemeinde infolge schlechten Erlöses aus Holz verschärft hat(te)“, wurde diese Möglichkeit ausgeschossen.

Am 11. Januar 1930 bestellte der Gemeinderat folgende 12 Herren zur Denkmalkommission: Bürgermeister Wilhelm Häsler, die Gemeinderäte Bernhard Müller, Johann Weißer, Eduard Wehrle, Leopold Ganter II, August Neininger und Otto Steiner, ferner Ratsschreiber Josef Häsler, Hauptlehrer Lorenz Grüner, Kapellmeister Wilhelm Riesle I, Altgemeinderat Bernhard Beck und Zimmermann Theodor Weißer. Das Gremium kam am 16. Januar 1930 zur ersten Sitzung zusammen. Man beschäftigte sich zunächst mit der Platzfrage. In Frage kamen hier der Platz beim Schulhaus, die Wiese südlich des Schulhauses, eine Friedhofserweiterung nach Westen mit je einem Grabstein für jeden Gefallenen, der Garten von Viktor Kreuz, das Gelände westlich der Kirche, das Terrain vor der alten Eiche auf dem Stankert u. a. Auch der Umbau der Friedhofskapelle zu einer „Kriegergedächtniskapelle“ wurde erwogen. Schließlich fiel am 12. Februar 1930 die Wahl auf den Platz bei der alten Eiche, da eine Erstellung innerhalb des Ortes nicht möglich schien. Am 15. Februar unternahm die Kommission eine Besichtigungsfahrt in die Umgebung, um sich andere Kriegerdenkmale anzusehen. Man besuchte Kappel, Lenzkirch und Rötenbach. In Donaueschingen berieten sich die Herren mit Diplomingenieur Anton Mall. Sie kamen zum Ergebnis, dass nur der Standort bei der alten Eiche in Frage käme. „Und zwar soll die Eiche das Denkmal selbst sein, rings um das Denkmal eine Anlage mit je einem Stein mit Inschrift für die Gefallenen Tannheims und von der Straße her ein Treppen-Aufgang zu der Anlage.“

Im Jahr 1929 beschloss der Militär- und Kriegerverein Tannheim, bei der Gemeinde den Antrag auf Finanzierung eines Kriegerdenkmals zu stellen. Der Bürgerausschuss genehmigte am 19. Januar 1929 einstimmig Gelder aus den laufenden Wirtschaftsmitteln. „Da sich jedoch die finanzielle Lage der Gemeinde infolge schlechten Erlöses aus Holz verschärft hat(te)“, wurde diese Möglichkeit ausgeschossen.

Am 11. Januar 1930 bestellte der Gemeinderat folgende 12 Herren zur Denkmalkommission: Bürgermeister Wilhelm Häsler, die Gemeinderäte Bernhard Müller, Johann Weißer, Eduard Wehrle, Leopold Ganter II, August Neininger und Otto Steiner, ferner Ratsschreiber Josef Häsler, Hauptlehrer Lorenz Grüner, Kapellmeister Wilhelm Riesle I, Altgemeinderat Bernhard Beck und Zimmermann Theodor Weißer. Das Gremium kam am 16. Januar 1930 zur ersten Sitzung zusammen. Man beschäftigte sich zunächst mit der Platzfrage. In Frage kamen hier der Platz beim Schulhaus, die Wiese südlich des Schulhauses, eine Friedhofserweiterung nach Westen mit je einem Grabstein für jeden Gefallenen, der Garten von Viktor Kreuz, das Gelände westlich der Kirche, das Terrain vor der alten Eiche auf dem Stankert u. a. Auch der Umbau der Friedhofskapelle zu einer „Kriegergedächtniskapelle“ wurde erwogen. Schließlich fiel am 12. Februar 1930 die Wahl auf den Platz bei der alten Eiche, da eine Erstellung innerhalb des Ortes nicht möglich schien. Am 15. Februar unternahm die Kommission eine Besichtigungsfahrt in die Umgebung, um sich andere Kriegerdenkmale anzusehen. Man besuchte Kappel, Lenzkirch und Rötenbach. In Donaueschingen berieten sich die Herren mit Diplomingenieur Anton Mall. Sie kamen zum Ergebnis, dass nur der Standort bei der alten Eiche in Frage käme. „Und zwar soll die Eiche das Denkmal selbst sein, rings um das Denkmal eine Anlage mit je einem Stein mit Inschrift für die Gefallenen Tannheims und von der Straße her ein Treppen-Aufgang zu der Anlage.“

Abb. 1: Entwurf Mall, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

In der Sitzung am 27. März 1930 wurde das Projekt insgesamt in Frage gestellt. Bezüglich der Positionierung waren „verschiedene persönliche Sachen in den Vordergrund getreten“. Außerdem befand man, dass die Gemeinde bereits den Kriegergedächtnisaltar in der Kirche und eine Kriegerglocke in der Friedhofskapelle gestiftet habe. In der Abstimmung sprachen sich die sechs

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Abb. 2: 1.106 Nr. 172 Altar.

Kommissionsmitglieder: Hauptlehrer Grüner, die Gemeinderäte Neininger, Steiner, Riesle und Altgemeinderat Beck gegen das Denkmal aus. Dafür waren Ratsschreiber Häsler, die Gemeinderäte Wehrle, Weißer, Ganter und Bürgermeister Häsler. Bei der nächsten Zusammenkunft am 12. April 1930, bei der nur 7 Mitglieder anwesend waren, beschlossen die Herren mit vier gegen drei Stimmen, beim Bezirksamt anzufragen, ob die Verwendung außerordentlicher Mittel genehmigt werden würde. Auf das diesbezügliche Schreiben vom 18. April erhielt man telefonisch vom Oberrevisor die Antwort, dass nur Wirtschaftsmittel eingesetzt werden dürften.

1936 nahmen die Bemühungen um das Denkmal erneut Fahrt auf. Am 9. Juli dieses Jahres fand eine Beratung durch die Mitglieder der Landesberatungsstelle für Denkmalerrichtung statt. Beim Ortstermin in Tannheim stellte man fest, dass der zunächst ins Auge gefasste Platz bei der Kirche nicht in Frage kam, da er sich in Kircheneigentum befand. Die Mitglieder der Beratungsstelle einigten sich auf den Platz beim Schulhaus. Die Anlage sollte so gestaltet werden, dass „der Schulhof, der in seinen Größenverhältnissen für Kundgebungen ausreichend ist, als Aufmarschplatz dienen“ konnte. Als nächstes schaltete man die Reichskammer der bildenden Künste ein. Der Landesleiter Baden empfahl den Bildhauer Hellmuth Hopp aus Freiburg für das Vorhaben. Dieser sandte am 20. Oktober 1936

Abb. 3: 1.106 Nr. 712 – erster Entwurf Hopp.

einen ersten Entwurf an den Bürgermeister. Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis das Bezirksamt diesen zur Genehmigung an das Landesamt für Denkmalpflege in Karlsruhe weiterleitete. Die im März 1937 von dort nach Tannheim gereiste Kommission kam aufgrund der Platzsituation auf den Gedanken, ein

Abb. 4: 1.106 Nr. 712 – Denkmalentwurf Hopp 1937.

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quadratisches Format zu wählen. So machte Hopp eine zweite Konzeption, die diese Vorgabe berücksichtigte. Der Tannheimer Gemeinderat war damit einverstanden. Am 22.04.1937 erhielt der Bildhauer den Auftrag für das Denkmal. Die Kosten von 4.970 Mark lagen im Rahmen der mit 5.000 Mark veranschlagten Bausumme. Die Darstellung auf dem Stein wurde dann doch nicht ein Soldatenkopf, sondern ein schlichtes Kreuz. Das Tannheimer Denkmal in seiner schlichten Gestaltung folgt damit nicht dem Zeitgeschmack der 1930er Jahre, der eher martialische Darstellungen bevorzugte. „Das Ehrenmal wurde 1954/55 auf den Friedhof versetzt und dort einem neugeschaffenen Denkmal für die Gefallenen

Abb. 5: 1.106 Nr. 712 – Denkmaleinweihung.

beider Weltkriege“ beigefügt. 2

Der Bildhauer Hellmuth Hopp (19.07.1908 3 – 1940?) war vor allem in Freiburg tätig. Seit 1933 erhielt er mehrere Aufträge für Plastiken im öffentlichen Raum. Z. B. fertigte er zwei Figuren im Torbogen der Universitätsklinik, Hugstetter Straße 55, die heute noch dort stehen: Mutter mit Säugling und männlicher Akt 1938/39. Noch im ersten Kriegsjahr zur Wehrmacht eingezogen, fiel er bei Cherbourg. 4

Bildbeschreibungen

Abb. 1:    Zeichnung Dipl. Ing. Mall, 1930, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

Abb. 2:    Kriegergedächtnisaltar, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

Abb. 3:    Entwurf zum Denkmal von Hellmuth Hopp, 1936, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

Abb. 4:    Denkmalentwurf Hopp, März 1937, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

Abb. 5:    Denkmaleinweihung, 1937, SAVS Best. 1.106 Nr. 712.

Abb. 6:    Das Kriegerdenkmal am heutigen Standort (Foto: Dr. Enzenroß).

Anmerkungen:

1    Wenn nicht anders vermerkt sind die Quelleninformationen der Akte SAVS Best. 1.106 (Ortsarchiv Tannheim) Nr. 712 entnommen. Zu Gefallenendenkmälern allgemein s. Folkhard Cremer: Versuch einer Sinngebung des Sinnlosen. Gefallenendenkmäler der Zwischenkriegszeit, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 4 (2017), S. 288-293, Tannheim S. 289.

2    Ebd.

3    Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdaten-bank – Online [https://www.degruyter.com/databasecontent?dbf_0=akl-fulltext&dbid=akl&dbq_0=Hopp%2C+Hellmuth&dbsource=%2Fdb%2Fakl&dbt_0=fulltext&o_0=AND&sort=name-sort], aufgerufen am 23.05.2018.

4    Ute Scherb: Freiburg im Nationalsozialismus. Eine Stadt gibt sich ein braunes Gesicht, in: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins „Schau-ins-Land“ 127 (2008), S. 133ff. Sie vermerkt im Kapitel „Arno Breker am Oberrhein? Der Freiburger Bildhauer Hellmuth Hopp“ zu seinem Tod „wenige

50 Jahre GHV – Ein Blick auf Vereinsleben und Aktivitäten (Günter Rath, Hans Georg Enzenroß)

Die Gründungsversammlung des Geschichts- und Heimatvereins Villingen fand am 10. Juni 1969 mit ca. 200 Personen statt. Dr. Nepomuk Hässler wurde zum 1. Ehrenmitglied ernannt und erhielt gleichzeitig das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Hans Brüstle wurde erster Vorsitzender und in einem ersten Schritt wurden 7 Arbeitsgemeinschaften gebildet. Bereits am 1. August nahm der Verein öffentlich Stellung gegen Pläne der Stadt wegen des Abrisses des historischen Baudenkmals „Mauer am Spitalgarten“. 1973 wurde die „Aktions- und Arbeitsgemeinschaft Stadtplanung- und sanierung Villingen“ gegründet. Am 12. 11. 1976 trat Hans Brüstle als Vorsitzender zurück, Dr. Faas wurde erster Vorsitzender. Hans Brüstle wurde zum ersten Ehrenvorsitzenden ernannt, verstarb aber leider schon am 2. Dezember 1976. 1981 lud der Verein zum Festakt aus Anlass des 75. Geburtstags von Hans Hauser ein und ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Von 1983 bis 1986 arbeitete der Arbeitskreis Innenstadt als „Initiative Münsterplatz“ an Ideen und Planung für die Neugestaltung des Münsterplatzes.

Am 8. Dezember schieden Werner Huger als Erster Vorsitzender und Hermann Preiser als Zweiter Vorsitzender aus. Nachfolger wurden Hubert Waldkircher und Günter Rath, am 8. Dezember 1992. Werner Huger wurde Ehrenmitglied und erhielt die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg.

Im Laufe seiner 50-jährigen Geschichte hat der Geschichts- und Heimatverein Villingen mit zahlreichen Exkursionen, Vorträgen, Projekt-förderungen und Meinungsbeiträgen seinem satzungsgemäßen Auftrag entsprochen, die Erinnerung und Vermittlung geschichtlicher Ereignisse wachzuhalten und bis in die Gegenwart zu pflegen, „Wissenschaft und Forschung in stadtgeschichtlicher und regionaler Hinsicht zu fördern, Kunst und Kultur, Denkmalschutz und Denkmalpflege zu gestalten und an der Gestaltung und Erhaltung des Erscheinungsbildes der historischen Innenstadt von Villingen mitzuarbeiten.“

Beim Festakt zum 25-jährigen Jubiläum 1994 präsentierte sich der GHV als angesehener Verein, dessen Ziele und Engagement breite Anerkennung in der Bevölkerung fanden. Die Mitgliederzahl hatte sich seit der Gründung von 81 spontan eingetretenen Mitgliedern auf 434 erhöht und steht heute bei knapp 600. In den ersten 25 Jahren seines Bestehens war er bereits zu einem Faktor geworden, der aus dem kulturellen Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken war, eine Entwicklung, die sich auch in den Jahren bis heute fortgesetzt hat.

1997 startete der GHV in Ergänzung zu seinen Jahres- und Tagesexkursionen zu seiner ersten Sonderexkursion, die ihn nach Rom führte. Beeindruckende Führungen durch das antike und christliche Rom begeisterten die Reisegruppe. Reisen unter anderem nach Israel und Jordanien, Prag, Brüssel, Südengland, Pompeij, Padua und Venedig, zu den Schlössern der Loire, in die Toskana, Erfurt, Quedlinburg, nach Andalusien, Sizilien, St. Petersburg, Schottland, Amsterdam und Burgund seien als weitere Beispiele genannt.

Der Franziskusbrunnen an der Westseite der Franziskanerkirche geht auf die Initiative des Lehrers und späteren Schulamtsdirektors Helmut Heinrich und des Kunstschmieds Walz zurück. Werner Huger hat als Vorsitzender diese Initiative spontan und bereitwillig unterstützt und gefördert. Der Brunnen trägt folgende Inschrift:

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„O Herr mach mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe wo man sich hasst, dass ich verzeihe wo man sich kränkt, dass sich verbindet wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage wo Irrtum herrscht, dass ich Glaube bringe wo Zweifel drückt. Dass ich Hoffnung bringe wo Verzweiflung quält, dass ich ein Licht anzünde wo Finsternis regiert, dass ich Freude mache wo Kummer wohnt. Ach Herr, lass mich trachten, nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich verstehe. Lass mich trachten, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer gibt, der empfängt. Wer sich selbst vergisst, der findet. Wer verzeiht dem wird verziehen und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“

(Franz von Assisi)

Das Münsterpfarramt hat nach vielen Gesprächen eine Grüninger Glocke von Professor Metzger erhalten, die früher in der im Krieg zerstörten Bickenkapelle hing. Der GHV hat den Sandsteinsockel finanziert, auf dem diese Glocke in der Benediktinerkirche für die Bevölkerung zur Besichtigung ausgestellt ist.

Heiß diskutiert wurde die Frage der Fassaden-gestaltung des Alten Rathaus im Jahr 1997, wozu der GHV zu mehreren Veranstaltungen einlud. Im gleichen Jahr enthüllten Herbert Schroff und Werner Jörres das Berthold Denkmal. Für die Pflege des Denkmals und seiner Umgebung kam der Geschichts- und Heimatverein viele Jahre auf. Im Rahmen der 1000-Jahr-Feier wurden auf Initiative des GHV und seines Beiratsmitglied Elmar Fuhrer 44 blaue Tafeln als „stumme Stadtführer“ an historischen Gebäuden durch die Stadt angebracht.

Mit der von Klaus Ringwald geschaffenen Stele gegenüber dem Haupteingang des Friedhofs erinnert der GHV an den Stationenweg, der zwischen der Bickenkapelle und dem Friedhof verlief und auf dem viele Generationen Villinger Bürger ihre Toten zur letzten Ruhe begleiteten. Es war auch ein besonderer Tag für den Geschichts- und Heimatverein, denn er hat die Stele gespendet und der Stadt zum Geschenk gemacht. Genauer gesagt: Die Mitglieder waren die Spender! Sie, und einige Sponsoren, haben in einer Sonderaktion das Geld für die Realisierung dieses Kunstwerkes aufgebracht und damit ein Zeichen dafür gesetzt, dass sie die Geschichte ihrer Heimatstadt „sichtbar und anschaulich“ lebendig halten wollen.

Abb. 1: Übergabe der Stele an die Stadt Villingen.

In einer schlichten Feier wurde die Stele, die der Geschichts- und Heimatverein Villingen zur Erinnerung an den einstigen Stationenweg der Stadt gestiftet hat, ihrer Bestimmung übergeben. Auf unserem Bild von links: Oberbürgermeister Manfred Matusza, der sie als Stadtoberhaupt dankbar entgegennahm, Professor Klaus Ringwald, der sie geschaffen hat, Dekan Kurt Müller, auf dessen Anregung die Anschaffung zurückgeht und der GHV-Vorsitzende Günter Rath.

 

Groß gefeiert wurde 2004 die 300. Wiederkehr der für den Feind vergeblichen Tallardschen Belagerung.

Im Jahre 2009 waren es immerhin schon stolze 15 Personen die, nun eingeteilt in Gruppen, ab Sonntag vor Fronleichnam die Wiesen und Wälder in der Region durchforsteten und eimerweise die Blüten oder Gräser sammelten. Die gesammelten Blüten wurden in der kühlen Benediktinerkirche gelagert, bis sie ihren Platz in den Blumenteppichen fanden. Seit vielen Jahren unterstützt der GHV gerne auch die Tradition der Villinger Fronleichnamsprozession und das große Engagement der Beteiligten.

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Auch sind inzwischen die wertvollen Historienbilder von Albert Säger in der Zehntscheuer der Narrozunft zu bewundern, unter ihnen das

Abb. 2: von links: Joachim Wöhrle, GHV Vorsitzender Günter Rath, der Leiter des Franziskanermuseums, Michael Hütt, GHV Schatzmeister Hasko Froese, Hanni Hirt und Doris Feld.

 

monumentale Bild vom Einzug Kaiser Maximilians in Villingen, dessen Restaurierung der Geschichts- und Heimatverein mit einem Betrag von 3.000 Euro unterstützte.

Vor dem 3,50 Meter breiten und 1,80 Meter hohen Historiengemälde, das Albert Säger 1901 gemalt hat, von links Zunftmeister Joachim Wöhrle, GHV Vorsitzender Günter Rath, der Leiter des Franziskanermuseums, Michael Hütt, der aus der Hand von GHV Schatzmeister Hasko Froese den Scheck in Höhe von 3.000 Euro entgegennimmt, sowie Hanni Hirt und Doris Feld. Mit seiner Spende übernahm der GHV die Hälfte der Restaurierungskosten für Sägers historisches Bild.

In den Jahren 1995 – 2002 beteiligte sich der GHV an den Renovierungskosten der Silbermann-Orgel in der Benediktinerkirche. Die Herausgabe einer Weihnachts-CD und die Ausrichtung einer Kunstausstellung in der Benediktinerkirche samt Herausgabe eines Ausstellungskataloges erbrachten einen hohen Spendenbetrag und ermunterte zusätzlich zahlreiche Mitglieder zu einer persönlichen Spende.

Neben der Beteiligung an mehreren Krippenausstellungen im Gemeindezentrum Münster und der Benediktinerkirche sowie im Alten Rathaus war der GHV drei Jahre auch mit einem Stand auf dem neu begründeten Weihnachtsmarkt

vertreten. Der Erlös wurde zu gleichen Teilen an das zu erbauende Palliativzentrum und die Katharinenhöhe gespendet. Eine viel beachtete Ausstellung zu den im Hause Schuh Keller gefundenen Theaterkulissen wurde vom GHV ebenfalls mit getragen. Zuvor hatte sich der Verein mit einem bedeutenden Geldbetrag an der Restaurierung der Bretter beteiligt.

2006 und 2007 organisierte und realisierte der GHV die Fortsetzung des Schwenninger Geschichts- und Naturlehrpfads auf Villinger Gemarkung unter dem Stichwort Geschichte vor Ort.

Vorbild und wahrscheinlich auch etwas Verpflichtung war das nahezu fertiggestellte Projekt eines solchen Pfades in und um Schwenningen. Als bei der Einweihung einer der letzten Stationen desselben am Hölzlekönig Oberbürgermeister Kubon den Erkenntniswert sichtbarer Spuren historischer Vergangenheit betonte, war dies im Verein der Beginn von Planung und Realisierung eines ebensolchen Pfades, der Anschluss und Weiterführung des Fertiggestellten sein sollte und der dadurch auch der Zusammengehörigkeit der beiden Stadtteile Ausdruck verleihen würde, indem man sie wandernd umrunden konnte. Werner Echle hat im Jahresheft Jahrgang XXXIV / 2011 die Realisierung des Lehrpfades ausführlich dargestellt und dabei die einzelnen Stationen tabellarisch aufgeführt. 1 An jeder Station, sei sie nun der Natur oder der Geschichte gewidmet, informiert eine Tafel über das Wesentliche. Charakteristisch für den Weg ist, dass er um die alte Stadt herumführt und an vielen Stellen einen Blick auf diese gestattet, so vom Blutrain, vom Laible und Magdalenenberg und von der Anhöhe hinter Nordstetten, wenn man auf das Biselli-Kreuz zuwandert.

Wir wollen einige wesentliche Stationen mit Literaturhinweisen aus unseren Jahresheften versehen, die dem interessierten Wanderer die Möglichkeit bieten, sich intensiver zu informieren und beginnen unseren Rundgang beim schon erwähnten Hölzlekönig, von dem aus wir

Richtung Villingen wandern, vorbei an den sogenannten Erbhöfen, deren Entstehung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eng mit der Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten zusammenhing.

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2 Vorbei am Aussichtsturm, der den Besuchern eine weite Sicht über den Schwarzwald und Richtung Bodensee bis zur Alpenkette ermöglicht, aber auch Menschen anzog, denen im Leben nicht zu helfen war, gelangen wir hinunter zum Friedhof, zur Altstadtquelle, dort wo sich die Stadt Villingen zu entwickeln begann. 3 Vorbei an der vom Geschichts- und Heimatverein errichteten Stele folgen wir einem heute imaginären Stationenweg bis zum Bickentor 4, dann an der Brigach entlang (hier kommt noch ein Fischlehrpfad des Angelsportvereins Villingen hinzu) hinauf zum Laible mit Resten der Warenburg 5 und dem bedeutenden keltischen Grabhügel. 6 An ein dunkles Kapitel auch der Villinger Geschichte erinnert uns das Sühnekreuz am Sandweg, neben dem 1942 der junge polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki an einer Eiche erhängt wurde. Dieser Station sei ein eigener kurzer Abschnitt gewidmet. Schleifenhof, Warenbachtal mit der Stelle, an der die Burg Runstal stand, folgen, dann Volkertsweiler, Kirnachtal, Römerweg, der nie einer war, vorbei an einem ehemaligen Mühlsteinbruch, Kapf, Kirnacher Bahnhof 7, hier mehr Natur als Geschichte, wenn man vom Kapf 8 einmal absieht, an dem eine alte Keltensiedlung gelegen war. Die Schwarzwaldbahn 9 überqueren wir bei der Rindenmühle, gelangen durch das sogenannte Kurgebiet zum ehemaligen Begräbnisplatz für russische Kriegsgefangene des STALAG V, dann durch Neubaugebiete der Nachkriegszeit mit einer Architektur, die die Wohnungsnot der damaligen Zeit sichtbar macht. Zwei weitere Neubaugebiete, später errichtet, werden durchquert, bis man über Nordstetten, Schilterhäusle, am neuen Klinikum 10 vorbei auf der anderen Seite der Klinikstraße den Schwenninger Rundweg erreicht und diesem nun folgen kann.

Das Sühnekreuz am Tannhörnle ist seit vielen Jahren Teil der Projekte des GHV. Schon als Schüler hatte man gehört, dass neben dem Sandweg zwischen Villingen und Pfaffenweiler im Krieg ein Pole an einer Eiche erhängt worden sei. Aber erst 1987, immerhin 42 Jahre

 

Abb. 3: Sühnekreuz am Tannhörnle.

 

nach Kriegsende, wurden erstmals Forschungen von Werner Huger bekannt, die dieser im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins veröffentlichte. 11 Der junge polnische Zwangsarbeiter Marian Lewicki war als Kriegsgefangener nach Villingen gekommen, er arbeitete in einem Villinger Handwerksbetrieb. Mit einer benachbart wohnenden jungen Frau bahnte sich eine Liebesbeziehung an, die denunziert wurde. Der 29jährige Pole wurde im März 1942 an der abgebildeten Eiche auf Anordnung des NS-Sicherheitshauptamtes erhängt.

(Abb. 2) 1988 errichtete der Geschichts- und Heimatverein Villingen ein Sühnekreuz am Ort des Verbrechens. 12 Zehn Jahre zuvor hatte Rolf Hochhuth seine Geschichte „Eine Liebe in Deutschland“ veröffentlicht, die sich im Südschwarzwald nahe der Schweizer Grenze ereignet hatte. Der polnische Regisseur Andrezej Wajda hat sie 1983 verfilmt.

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Viele weitere solcher Schicksale und die Orte, wo sie sich ereigneten, wurden nun bekannt. Auch die Villinger Geschichte bewegte die Menschen, Theaterstücke wurden geschrieben und aufgeführt, Schüler drehten einen Film über das Geschehen, ehrenamtlich wird die kleine Gedenkstätte gepflegt. Die Angehörigen von Marian Lewicki wurden in Polen gefunden, sie erfuhren so das Schicksal ihres Verwandten und den Ort, an dem er sein Leben verloren hat, den sie nun aufsuchen konnten. Hierüber und über einen Besuch in der Heimat Marian Lewickis berichtet H. Maulhardt in einem unserer Jahreshefte. 13

Seit vielen Jahren wird vom GHV unter Leitung unseres Mitglieds Konrad Flöß die nötige Renovierung von vielen Wegkreuzen (an der Lorettokapelle, in der Saarlandstraße und der Kalkofenstraße) betrieben und vom GHV finanziell unterstützt.

1999 wurde in Zusammenhang mit der 1000-Jahr-Feier zusammen mit dem Kloster St. Ursula eine Ausstellung angeboten und ein Begleitbuch mit dem Titel „St. Ursula – Ein Villinger Haus mit Geschichte“ herausgegeben. Neben den Jahresheften folgten weitere Bucherscheinungen: Kurt Müller, Kreuze in der Feldflur am Wegrand und an Hausfassaden (2008); Kurt Müller, Große und kleine Gotteshäuser beider Konfessionen in Villingen-Schwenningen; Villinger Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Begleitbuch zur Kunstausstellung in der Benediktinerkirche, Mitbeteiligung am Buch Geheimnisse der Heimat.

1994 wurde die Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg von unserem Ehrenmitglied Adolf Schleicher wiederbelebt, Konrad Flöß übernahm nach dem Tod Schleichers die Organisation und Führung.

2010 eröffnete der GHV seine neue Geschäftsstelle des Vereins mit Büro und Besprechungsraum sowie einem kleine Archiv in der Kanzleigasse.

2016 / 17 startete der GHV die Aktion „Rekonstruktion des Niederen Tores“ auf Initiative von Werner Echle und Andreas Flöß, die aber nicht realisiert wurde. Unterstützt wurden dagegen die Aktion „Schulkiste“ der Narrozunft für die Goldenbühl-Schule und die Nachbildung des historischen Marschallstabs der Katzenmusik für das Museum.

Diese sicher nicht vollständige Aufstellung von Aktivitäten und besonderen Veranstaltungen mag den Leserinnen und Lesern einen kleinen Ausschnitt aus dem Vereinsleben vor Augen

führen.

Man kann es nicht beweisen, Schriftliches gibt es nicht, aber annehmen darf man es schon, dass die Gründung des Vereins 1969 im Zusammenhang mit der geplanten Städtefusion zu sehen ist, für manchen Villinger/-in ein geradezu unvorstellbarer Vorgang. Es ist kein Zufall, dass im Namen des Vereins der Begriff Heimat vorkommt, fürchtete man doch durch eine Fusion den Verfall der Horizonte, die das eigene Lebensumfeld abschirmten. Villingen, die tausendjährige, gewachsene Stadt, als jahrhundertelang zu Vorderösterreich gehörend immer katholisch geblieben, mit selbstbewusstem Bürgertum, der Hort, den es zu bewahren galt gegenüber einem groß gewordenen Dorf ohne echten Mittelpunkt, erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur Stadt erhoben, seit jeher württembergisch-protestantisch, eine Arbeiterstadt. Man wollte nicht unbedingt eine Ausweitung der Bühne in fremde Räume und so errichtete man als Gegenbewegung, wie immer in solchen Fällen, anstelle der früheren Horizonte die Kulissen des Heimatlichen. Wir finden solche Gegenbewegungen auch heute. Die Nachdrücklichkeit und Häufigkeit mit der heute Heimat gefordert und proklamiert wird, hat ihre Ursache in der Konfrontation mit der rasch voranschreitenden Globalisierung und den weltweiten Flüchtlingsströmen, die auch uns erreichen. Aber der Heimatbegriff ist heute ein anderer als vor 50 Jahren, auch hier „Villingen im Wandel der Zeit“, wie der Titel unseres Jahresheftes lautet.

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Die Bevölkerungszusammensetzung hat sich gewandelt, heute haben etwa 50 % der Menschen in Villingen-Schwenningen einen Migrationshintergrund, auch sie möchten ihr Lebensumfeld als Heimat empfinden, in dem sie „gut und gerne leben“ können, wie ein Wahlplakat der CDU versprach. Hermann Bausinger gibt in seinem lesenswerten Aufsatz über die Geschichte des Begriffs Heimat einige Beispiele, wie in einer offenen Gesellschaft aktive Gestaltung der Heimat aussehen könnte: Heimatforschung ohne Romantisierung der „guten, alten Zeit“, sondern Darstellung der wirklichen Lebensverhältnisse der Menschen, Einmischung bei Bau-Sanierungen, bei denen zwar auf die historische Substanz Rücksicht genommen werden sollte, aber auch auf die Bedürfnisse der Wohnbevölkerung, die dort oft schon Jahrzehnte „daheim“ ist. Ein harmloses, aber zum Nachdenken anregendes Beispiel ist der Gebrauch des Dialekts, der eine Zeitlang eine Renaissance erlebte und als Zeichen besonderer Heimatverbundenheit galt. Sieht man heute auf die ethnische Mischung mancher Schulklassen und der Bevölkerung, so sollte man den Dialekt zwar nicht abschaffen, wie das übrigens schon Anfang des 19. Jahrhunderts für das Plattdeutsche gelegentlich gefordert wurde, aber einer unbeschwerten Kommunikation aller dient sein Gebrauch sicher nicht. 14

Dieser kurze Abschnitt mag zeigen, wie sich der Begriff Heimat, der ja auch Bestandteil des

Vereinsnamens ist, in den letzten 50 Jahren verändert hat und dass man sich im Geschichts- und Heimatverein Villingen damit auseinandersetzt. So sind Diskussionen über aktuelle Themen ebenfalls Bestandteil des Vereinslebens.

Literatur:

    1 Werner Echle: Der Geschichts- und Naturlehrpfad Villingen, Jg. XXXIV / 2011,114 – 118.

    2    Sabine Streck: Landwirte erleben die Weite der Erbhöfe, Jg. XXXIII / 2010, 88 – 91.

    3    Werner Huger: Die Altstadt-Quelle, Jg. XXVI / 2003, 20 – 30. Bernd Schenkel: Gymnasiasten vom Romäusring, Die Altstadtkirche, Jg. XXIV / 2001, 19 – 21.

    4    Kurt Müller: Die Glocke von der Bickenkapelle, Jg. XXXX / 2017, 8 – 9.     Kurt Müller: Erinnerung an die Bickenkapelle, Jg. XX, 1995 – 96, Kurt Müller: Die Bickenkapelle und das Nägelinkreuz, Jg. XXXI / 2008.

    5    Hermann Preiser: Die Warenburg, Jg. XIX / 1994 – 95, Hermann Preiser: Die Warenburg in Villingen – die Martinskirche in Kirchdorf: Geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander, Jg. VII / 1982.

    6    Peter Graßmann: „In mannigfacher Beziehung merkwürdig“ Die erste Ausgrabung des Magdalenenberges 1890, Jg. XXXIX / 2016, 109 – 116. Christina Ludwig: Ein „Museum im Freien – Der Keltenpfad am Magdalenenberg“ Jg. XXXVIII / 2015, 62 – 70. Konrad Spindler, Werner Huger: Der Magdalenenberg bei    Villingen, Jg. XXIX / 2006, 33 – 42. Manfred Hettich: – 4000 Jahre – Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung. Ältester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle, Jg. IX, 1984 – 85.

    7    Heinrich Maulhardt: Spurensuche: Der Bahnhof Kirnach-Villingen, Jg. XXXV / 2012, 58 – 67.

    8    Ohne Autor: Erneute archäologische Untersuchung der Wallanlage des keltischen Siedlungsareals auf dem Kapf beim Kirnacher Bahnhöfle, Jg. XIX / 1989 – 90.

    9    Michael Tocha: Robert Gerwig: Erbauer der Schwarzwaldbahn und Abgeordneter für Villingen im Reichstag. Jg. XXXVII / 2014, 22 – 28.     Jörg-Dieter Klatt, Wolfgang Riedel: Nächster Halt „Klinikum „. Jg. XXXX / 2017, 55 – 62.

10 Hans Georg Enzenroß: Vom Stadtkrankenhaus zum Zentralklinikum, Jg. XXXI / 2008, 79 – 81.

11 Werner Huger: Vom Villinger Galgen und von einer pseudogermanischen Eiche, Jg. XII, 1987 – 1988.

12 Werner Huger: Sühnekreuz im Tannhörnle, Jg. XIII, 1988 – 1989.

13 Heinrich Maulhardt: Gedenken an Marian Lewicki     (1918 – 1942) in Polen, Jg. XXXIX, 2016, 98 – 103.

14 Hermann Bausinger: Heimat in einer offenen Gesellschaft. http://hdl.handle.net/10900/47994.

Die Beiträge 1 – 13 können sowohl in den Jahresheften nachgelesen werden, wie auch im Archiv auf der website des GHV, www.ghv-villingen.de

Beitrag 14 findet sich im Internet unter dem angegebenen Link.

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Die Entstehungsgeschichte des Geschichts- und Heimatvereins Villingen e.V. (Werner Echle)

Am 10. Juni 1969 fand die Gründungsversammlung des heutigen Geschichts- und Heimatvereins Villingen e.V. statt. Der Verein feiert im Jahr 2019 seinen 50. Geburtstag. Es ist sicher verwunderlich, dass bei der jahrhundertelangen, sehr umfangreichen und wertvollen Geschichte dieser Stadt erst vor 50 Jahren dieser Verein gegründet wurde. Andererseits können wir dankbar sein, dass es damals einigen geschichtsbewussten und -interessierten Persönlichkeiten wichtig war, diese für die Stadt und deren Geschichts- und Heimaterforschung wichtige Aufgabe einem ins Vereinsregister eingetragenen Verein zu übertragen. Dieser Bericht soll Einblick geben über die Ge-schichts- und Heimatforschung in Villingen vor der Entstehung des Vereins bis zur Gründung im Jahr 1969 und den Beginn der Arbeit im Verein.

Was war vor 1969?

Stadtarchivar Dr. Heinrich Maulhardt hielt im Jahr 2006 einen Vortrag und veröffentlichte im Jahr 2007 einen Artikel in unserem Jahresheft mit dem Thema „Der Baarverein und die Villinger Stadtgeschichte“ aus dem Informationen hier zusammengefasst werden.

In Villingen gab es vor 1969 keinen eingetragenen Geschichtsverein aber schon immer Kenner, Forscher und Historiker, die sehr aktiv im heutigen „Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar“ (Baarverein) tätig waren. Dieser Verein hatte durch seine Aufgabenstellungen einen direkten Bezug zur Villinger Stadtgeschichte, vor allem zum mittelalterlichen Villingen.

Unter dem Namen „Literatur-Freunde an den Quellen der Donau“ wurde der Baarverein 1805 erstmals gegründet und im selben Jahr umbenannt zu „Hochfürstliche Fürstenbergische Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte und Naturgeschichte“.

Der Verein erlosch 1819 und wurde 1842 als „Verein für Geschichte und Naturgeschichte in Donaueschingen“ wiedergegründet.

Bei dieser und den weiteren Wiedergründungen 1870 und 1949 wurde das Aufgabengebiet „Fürstenbergische Geschichte“ und damit der historische Bezug zu Villingen stets erhalten.

Villinger Mitglieder im „Baarverein“

Im ersten Band der „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte“ aus dem Jahr 1870 ist das erste Villinger Mitglied J. Baer, Vorstand der höheren Bürgerschule in Villingen (heute Gymnasium am Romäusring), genannt.

Entwicklung der Zahl der Villinger Mitglieder als größter Stadt des Vereinsgebiets des Baarvereins:

                    Mitglieder aus Villingen               Mitglieder aus Donaueschingen

1980:                          5                                                          57

1889:                        29                                                          55

1909:                        13                                                           ?

1920:                      103                                                         86

1931:                        53                                                       127

Nach dem 2. Weltkrieg schwankten die Mitgliederzahlen für Villingen zwischen 41 und 53 Mitgliedern, aus Schwenningen kamen zwischen 7 und 19 Mitglieder.

Für die Schwankungen in den Mitgliederzahlen waren vor allem die Aktivitäten mit Berichten und Vorträgen über Villinger Themen ausschlaggebend.

Dr. Maulhardt schreibt, dass der Baarverein mit seinen Zielen „Erforschung der fürstenbergischen Lande und ihrer nächsten Umgebung“ auch Villingen und seine Geschichte mit einbezog. Die hervorragende Bibliothek, das vorzügliche Archiv, die guten Finanzen und

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Gleichgesinnte im Verein führten dazu, dass die Chancen zur Gründung weiterer lokaler oder regionaler Geschichtsvereine sehr gering war. Das war der Grund dafür, dass es im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keinen eigenständigen Villinger Geschichtsverein gab.

Villinger Forscher im Baarverein und dessen Vorstand

Die Villinger Geschichts- und Heimatforscher nutzten ihre Mitgliedschaft im Baarverein deshalb vor allem als Basis und Medium, um für Villingen aktiv zu sein und durch Veröffentlichungen und Vorträge die Geschichte ihrer Heimatstadt Villingen bekannt zu machen.

Sehr aktive und erfolgreiche Forscher aus Villingen im Baarverein:

Prof. Christian Roder (1845 – 1921)

Prof. Dr. Paul Revellio (1886 – 1966)

Dr. Nepomuk Häßler (1898 – 1981)

Josef Honold (1888 – 1967)

Gustav Walzer (1899 – 1966)

Hans Brüstle (1907 – 1976)

Hans Maier (Flurnamen der Gemarkung Villingen)

Benjamin Grüninger (Ehrenmitglied)

Dr. Josef Fuchs (Ausschussmitglied)

Im Vorstand bzw. erweiterten Vorstand oder im Ausschuss des Baarvereins waren folgende Villinger Persönlichkeiten:

Christian Roder 

Eugen Hirth

Paul Revellio    

Emil Winterhalter

Helmut Schellenberg    

Gustav Walzer

Josef Honold    

Dr. Nepomuk Häßler

Hans Brüstle     

F. K. Wiebelt

Dr. Josef Fuchs  

Hildegard Minges

Wolfgang Martin

Diese Villinger Forscher und Verantwortlichen im Baarverein haben große Verdienste um die Forschung der Geschichte unserer Stadt Villingen erworben und sind deshalb auch über unsere Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Die ersten Villinger Geschichtsvereine

Im Jahresheft 14 (1920) wird berichtet, dass sich innerhalb des Baarvereins zwei Ortsgruppen gebildet haben und zwar in Vöhrenbach und in Villingen. Als Vorsitzender der Villinger Gruppe mit 103 Mitgliedern ist der Villinger Prof. Eugen Hirth, Lehrer am Realgymnasium Villingen genannt. Zusammen mit Paul Revellio gestaltete er eine rege Vortragstätigkeit, die dazu führte, dass die Mitgliederzahl aus Villingen stark anstieg.

In einem Schreiben von Hirth vom 21.10.1920 an den Vorsitzenden des Baarvereins äußerte er zusammen mit Revellio den Wunsch, aufgrund der großen Mitgliederzahl und der Bedeutung der Villinger Geschichte einen selbständigen Verein zu bilden.

Ferdinand Förderer gründete im Jahr 1876 die Altertümersammlung in Villingen mit dem Ziel Gegenstände für das Museum zu sammeln und die Stadtgeschichte zu fördern. Die Altertümersammlung war kein Verein, sondern eine städtische Einrichtung, die nach dem Tod von Förderer zwei Jahrzehnte später von Paul Revellio wieder aktiviert wurde. Dies war eine Zeit, in welcher in der Stadt geschichtliches Bewusstsein erwachte und die Bürgerschaft geschichtliche Studien fördern wollte.

Einen Villinger Geschichtsverein gab es immer noch nicht, auch die beiden Stadtarchivare Christian Roder und Paul Revellio orientierten sich nach wie vor im Baarverein.

In der NS-Zeit kam es im Mai 1934 unter Leitung von Bürgermeister Schneider zur Gründung eines „Heimatvereins“, der allerdings marginal blieb.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg gab es Versuche, Geschichts- und Heimatvereine zu gründen, die nicht richtig auf die Beine kamen und zwar:

„Gesellschaft Alt- und Neu-Villingen e.V.“

Heinrich Hug Gesellschaft zur Förderung der Geschichtsforschung und des kulturellen Lebens der Stadt Villingen“ (1946)

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Villinger Vereinigung für Heimatpflege und Heimatkunde“

Im Jahr 1951 ist in aller Stille diese Vereinigung entstanden. Es war kein eingetragener Verein.

Anlass für die Bildung dieser Vereinigung war der Stadtratsbeschluss, die Herausgabe einer „gesammelten Geschichte der Stadt“ zu fördern.

Dieser Zusammenschluss der Villinger Mitglieder im Baarverein war Dr. Nepomuk Häßler zu verdanken, der auch Vorsitzender war. In den Einwohnerbüchern ab 1954 erscheint er als „Heimatverein“.

Aus dem Bericht von Dr. Maulhardt und den Hinweisen in der Presse kann man vermuten, dass für Dr. Häßler diese Gründung ein Schritt zum Aufbau des heutigen Geschichts- und Heimatvereins war.

Am 10. Dezember 1953 fand in festlichem Rahmen die Gründung des bereits konstituierten „Heimatvereins Kreis Villingen“ als Ortsgruppe des Vereins „Badische Heimat“ statt. Die Satzung des Vereins enthält Aufgaben und Ziele, die weitgehend der heutigen Satzung des GHV entsprechen.

Verantwortliche dieses Vereins waren:

Vorstand:

1. Vorsitzender Dr. Johann Nepomuk Häßler, stellvertretender Vorsitzender Rechtsberater Johann Baptist Blessing, Geschäftsführer Musikschriftsteller Theo Koob.

Beisitzer:

Studienrat Dr. Willmann, Hauptlehrer Hans Brüstle, Verwaltungssekretär Franz Grießhaber (Landratsamt), Direktor Hermann Brunner (Saba), Studiendirektor a. D. Professor Schilling, Dr. Karl Baier (St. Georgen), Landtagsabgeordneter Rektor Karl Brachat, Malermeister Richard Fuhrer (für Trachtengruppe), Dipl.-Kaufmann Josef Honold, Architekt Gustav Huger (für Narrozunft), Pfarrer Ludwig Jörder (Königsfeld), Malermeister Eugen Leute (Bürgerwehr), Kaufmann Alois Oberle, Studienrat Lothar Schill und Hauptlehrer Otto Streicher (Niedereschach).

Der Schwarzwälder Bote berichtet am 24.01.1958, dass Diplom-Kaufmann Honold in der Generalversammlung des Verkehrsvereins mitteilte, dass der Heimatverein neu gegründet werden solle, nachdem er praktisch eingeschlafen sei.

Bis zur Gründung des heutigen Vereins im Jahr 1969 sind dem Autor keine Informationen über die Auflösung oder Neugründung eines Villinger Geschichtsvereins bekannt.

Der „Heimatverein“ hat bis zur Neugründung im Jahr 1969 bestanden. Dessen langjähriger Vorsitzende Dr. Nepomuk Häßler, wurde bei der Gründungsversammlung des neuen im Vereinsregister eingetragenen Vereins am 10. Juni 1969 für seine Verdienste um die Geschichte der Stadt, die Erhaltung des

Stadtbildes sowie um die Kulturgüter zum ersten Ehrenmitglied des neugegründeten Vereins ernannt.

Gründung des „Heimat- und Geschichtsvereins Villingen e.V. im Jahr 1969

Endlich“ oder „es war höchste Zeit“ dass 1969 dieser heutige Verein gegründet wurde, obwohl die Stadt und ihre Bürger froh sein können, dass viele der genannten Persönlichkeiten bemerkenswerte Forschungen der Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte in unserer Stadt schon vorher im Baarverein oder

in Vorgängervereinen durchgeführt und veröffentlicht haben.

Die Bemühungen dieser ehrenamtlichen Forscher, das Interesse der Bürger in stadtgeschichtlicher und historischer Sicht zu fördern und den Menschen näher zu bringen und das zum Teil jahrelang angestrebte Ziel, dies in einem eigenen Verein machen zu können, war die Motivation für diese Vereinsgründung.

Dies beweist auch das große Interesse der Bevölkerung an dieser Neugründung.

Dass die bevorstehende Fusion der Städte Villingen und Schwenningen dabei eine große Rolle gespielt haben soll, kann aus den Unterlagen nicht bestätigt werden. Der Verein hat sich zu den Themen gemeldet, bei denen es darum ging, die Werte und die Tradition der 1000-jährigen Geschichte Villingens zu bewahren. (z. B.: Namen der Stadt, Wappenfrage, Straßennamen, Stadtbild, Stadtarchiv).

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Die Gründungsversammlung des Vereins fand am 10. Juni 1969 mit ca. 200 Personen und die erste Mitgliederversammlung am 07. Juli 1969 statt.

Der Verein hatte folgende Gründungsmitglieder:

Uta Baumann

Dr. Wilhelm Binder

Wolfgang Blessing

Hans Brüstle

Dr. Josef Fuchs

Frida Heinzmann

Hildegard Heinzmann

Gertrud Heinzmann

Dr. August Kroneisen

In der Gründungsversammlung wurde Dr. Johann Nepomuk Häßler für seine großen Verdienste um die Geschichte Villingens zum 1. Ehrenmitglied des Vereins ernannt. Er erhielt gleichzeitig das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

In der ersten Mitgliederversammlung am 07. Juli 1969 wird Hans Brüstle zum 1. Vorsitzenden gewählt. Im Jahr 1969 bildet der Verein sieben Arbeitsgemeinschaften.

Bisherige Vorsitzende des Vereins:

Hans Brüstle, 1969 – 1976

Dr. Karlheinz Faas, 1976 – 1982

Werner Huger, 1982 – 1990

Hubert Waldkircher, 1991 – 1992

Günter Rath, 1992 – 2014

Werner Echle, 2015 – 2019

Projekte des Vereins in den vergangenen

50 Jahren:

42    Jahreshefte,

120    Eintagesexkursionen,

90    Mehrtagesexkursionen,

ca. 700    Vorträge, Führungen, Besichtigungen

Herausgabe eines Jahrbuches:

Im Jahr 1962 stellte der Heimatverein an die Stadt einen Antrag auf finanzielle Unterstützung für die Herausgabe eines jährlichen Jahrbuches. In der Antwort vom 3.9.1962 an den Heimatverein Herrn J. B. Blessing wird auf Risiken und das Scheitern solcher Projekte bei einigen anderen Vereinen im Land verwiesen und mitgeteilt:

    „Der Heimatverein Villingen wird gebeten, in Kenntnis dieser Dinge von der Herausgabe eines Jahrbuches von Villingen vorläufig abzusehen.“

Seit 1973 ist die jährliche Veröffentlichung eines Jahresheftes heute „Im Wandel der Zeit“ eine der wichtigsten und wertvollsten Aufgaben des Geschichts- und Heimatvereins. Inzwischen sind 42 solcher kulturhistorischer Bücher entstanden, die viel zur Erforschung der Geschichte und unserer Heimat Villingen beigetragen haben.

Auf Antrag des Vereins vom 27.02.1978 hat der Verwaltungsausschuss der Stadt am 2.8.1978 beschlossen, erstmals für das Jahresheft III für 1977 einen Zuschuss von 2.500 DM zu gewähren. Seither unterstützt die Stadt jährlich die Herausgabe des Jahresheftes des Geschichts- und Heimatvereins Villingen.

Weitere Beiträge in diesem Jahresheft über Ereignisse im Verein von 1969-2018 sind:

Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte“? vom Ehrenvorsitzenden Günter Rath

Höhepunkte im 50-jährigen Vereinsleben“ von Günter Rath und Beiratsmitglied Dr. Hans Georg Enzenroß

Literatur:

Dr. Heinrich Maulhardt:

Der Baarverein und die Villinger Stadtgeschichte“ GHV-Jahresheft XXX/2007, S. 107 – 114

Aus der Vereinsgeschichte“ GHV-Jahresheft XXV/2002,

S. 107 – 108

                                                                                                                        11

                                                                                                        11

Geschichte erfahren (Klaus Weiß)

Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin neue Landschaften zu erforschen, sondern darin, Altes mit neuen Augen zu sehen.

Marcel Proust

Geschichte muss man „erfahren“ Schon der Name des Geschichts- und Heimatvereins unterstreicht den Satz von Marcel Proust: Folgt man den Spuren fremder und vergangener Kulturen, lernt man die eigene Region besser zu erfassen und zu verstehen. Zumal in einer Stadt, wo auf dem Magdalenenberg, dem größten hall- statt zeitlichen Grabhügel Mitteleuropas sich das Bild eines keltischen Fürstenhofes bietet. Wen reizt dies nicht zu „erfahren“, wo dieses Volk herkam und an welchen anderen Orten es seine Spuren hinterließ. Schließlich kommt das Wort „Erfahrung“ von „fahren“, was zeigt, dass der Mensch seit je das Bedürfnis hatte, sich zu bewegen, um damit seinen Erfahrungsschatz zu vergrößern.

Der Autor hatte das Glück und Privileg, Mitglieder des GHV Villingen seit nunmehr 10 Jahren auf den „Fährten“ – kommt auch von „fahren“ – fremder Völker und Zeiten begleiten zu dürfen. Auch wenn uns heute schnelle Jets und komfortable Reisebusse schnell ans Ziel unserer Wünsche bringen, so fühlt sich der geschichtsbewusste Reisende doch in der Tradition eines Phänomens, das wie kein anderes die Kultur der Menschheit weiter gebracht hat.

Reisen – Teil der menschlichen Natur und Kultur

Unsere europäische Literatur beginnt mit den Epen Homers, die sich hauptsächlich ums Reisen drehen. Die Helden brechen aus der gewohnten Umgebung, heute auch spöttisch „Komfortzone“ genannt, auf. Sie verlassen Haus, Hof und Familie, um die Entführung einer Frau, der schönen Helena, zu rächen. Dabei verbindet die Helden inzwischen wirklich nichts mehr mit dieser mythischen Schönheit. Nach vollbrachtem Kampf vor den Mauern Trojas geht die Reise zurück – aber mit Schwierigkeiten. Über zehn Jahre lang schlägt sich der Held Odysseus durch fremde Länder, stellt sich gegen die Missgunst der Götter, verführt schöne Frauen, wehrt Monster und Ungeheuer ab und liegt zum Schluss dann doch wieder in den Armen seiner Gattin Penelope. All diese Erfahrungen machten ihn zum klügsten aller Menschen und umschwärmten Vorbild zukünftiger Generationen. Zwei Aspekte zeigen Homers Reiseerzählungen. Reisende sind oft von irrationalen Motiven getrieben, wobei es sich nicht um eine sagenhaft schöne Frau handeln muss. Man hat gehört, gelesen, erfahren von einem Landstrich, den man unbedingt gesehen haben musste. Der Reisende genießt den Ortswechsel, schaut, staunt, freut sich über die neuen Eindrücke und Erfahrungen, ist dann aber doch froh, es sich wieder in seinem alten Ambiente bequem zu machen. Auch wenn die Gefahren der Reise sich als ganz übersichtlich erweisen, fühlt man sich doch ein bisschen wie der Held Odysseus, wenn die Freunde gebannt den Reiseberichten lauschen.

Aber warum zieht es den Menschen in die Ferne?

Doch liest man die Reiseberichte im Laufe von dreitausend Jahren, eröffnet sich eine erstaunliche Vielfalt an Motiven und Gründen, denen der homo sapiens – oft nicht freiwillig – gefolgt ist. Kaufleute und Pilger, Gelehrte und Künstler, Kuriere und Eroberer, Soldaten und Abenteurer haben stets die ungewisse, aber verlockende Ferne gesucht. Ebenso schillernd waren ihre Motive: die Suche nach einem besseren Leben, die Sorge um das Seelenheil, ein voreilig gegebenes Versprechen, Flucht vor den Gläubigern, Forscherdrang und Abenteuerlust bewogen viele Leute, die Enge ihrer Heimat hinter sich zu lassen.

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Die Sorge um das Seelenheil

Aufschlussreich wäre es zu erfahren, wie viele Villinger in längst vergangenen Zeiten den beschwerlichen Weg über die Alpen bewältigt haben, um in Rom, Jerusalem oder Santiago himmlische Unterstützung für ihr Seelenheim zu suchen. Durch den Besuch bestimmter Kirchen und einem vorgeschriebenen Gebet konnte man einen Ablass seiner jetzigen und sogar zukünftiger Sünden erreichen. So mancher Büßer unternahm die Reise, wenn ein Verbrechen auf seiner Seele lastete und er damit hoffte, den Rest seines Daseins ohne nagende Gewissensbisse zu durchleben. Eine solche peregrinatio poenitentialis (Bußwallfahrt) konnte der arme Sünder noch steigern, indem er (ungekochte) Erbsen in die Schuhe packte und so die Leiden des Alpenübergangs noch steigerte. Solche Episoden entlocken den heutigen Reisenden des GHV Villingen höchstens ein Schmunzeln. Wenn allerdings die Abfahrt lange vor dem Morgengrauen vor der Volksbank startet und die Reiseteilnehmer fröstelnd in den Bus einsteigen, dann fragt sich doch mancher, ob man hier nicht doch der Tradition der peregrinatio poenitentialis folgt.

Dass eine Wallfahrt dazu dient, Gott seine Dankbarkeit zu erweisen, zeigt eine alte Villinger Institution. Als im 18. Jahrhundert eine Viehseuche Bauern und Bürger in Not brachte, versprachen die Bürger der Stadt eine Wallfahrt, wenn sie bald von diesem Übel befreit würden. Als das Viehsterben schließlich aufhörte, gelobten Stadt und Umland 1763 eine regelmäßige Wallfahrt zum Dreifaltigkeitsberg. Industrialisierung und Wohlstand ließen dann irgendwann diese Tradition in Vergessenheit geraten, bis ein geschichtsbewusster Villinger, das Ehrenmitglied des GHV, Adolf Schleicher, den Bußgang wieder aufleben ließ. (Villinger Hefte Nr. 36/2013 und Nr. 37/2014, S. 93).

Der soziale Aspekt stand schon immer im Mittelpunkt

Neben der religiösen Erbauung erweisen sich solche Exkursionen stets als Gemeinschaftserlebnisse. Sie fördern den Zusammenhalt, Meinungen werden ausgetauscht, Erfahrungen verbalisiert, menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten aufs Korn genommen. Der Bestseller von Harpe Kerkeling über seinen Weg nach Santiago zeigt, dass auch in der heuten säkularen Zeit solche Wallfahrten die Menschen in ihren Bann schlagen. (Titel des Buches: „Ich bin dann mal weg.“) Seit je galt bei Pilgern, dass eine Wallfahrt nicht nur zu einem heiligen Ort, sondern auch zu sich selbst führt.

Diesen wichtigen Aspekt hat Geoffrey Chaucer, Vater der englischen Literatur, in seinen im 14. Jahrhundert geschriebenen Canterbury Tales umgesetzt. Die Pilger, eine unwahrscheinliche Gruppe von 28 Leuten treffen sich in einem Gasthof zu einer Wallfahrt zum Grab des hl. Thomas

Becket in Canterbury. Der Wirt macht ihnen einen genialen Vorschlag: Wer immer die beste Geschichte erzählt, gewinnt ein freies Abendessen, wenn sie zurückkommen. Das zahlt sich auch für den Wirt aus, denn er weiß, dass alle Pilger bei der Rückkehr mit dem Gewinner trinken und essen würden. So muss jeder Pilger vier Geschichten zu erzählen: zwei auf dem Weg zum Schrein des Heiligen und zwei auf dem Heimweg. In der Gruppe sind alle Bevölkerungsschichten vertreten, der Ritter ebenso wie der Bettelbruder, die Nonne neben der mannstollen Witwe von Bath. Diese hatte bereits fünf Männer unter die Erde gebracht. Da es noch kein Portal für Partnersuche gab, späht sie „stark, von heißem Blut, keck wie ’ne Elster und voll Übermut“ auf Wallfahrten nach dem sechsten Mann. Mit in der Gruppe der weinfrohe Büttel, der in der Betrunkenheit nur lateinisch redet neben dem gelehrten Arzt, der Oxforder Student neben dem zotenreißenden Müller, der gute Priester neben dem gerissenen Ablasskrämer usw.

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Wohin geht unsere Reise?

Weniger verwegen, aber nicht weniger originell erweist sich das Reisevölkchen, das sich regelmäßig aus der Zähringerstadt im Schwarzwald zu den geschichtsmächtigsten Zielen unseres europäischen Kulturkreises aufmacht. Ausschlaggebend für die Auswahl ist dabei der historische Bezug und die Erweiterung des persönlichen Horizonts. Deshalb kamen auch nie Ziele ins Gespräch, deren Reiz in einer oberflächlichen Exotik zu suchen ist und dem Reisenden nur den flüchtigen Eindruck des Staunens vermittelt.

Zitronen, Tempel und Vulkane

So kann die Exkursion an den Golf von Neapel von 2006 als Beispiel einer nachhaltigen Begegnung mit einer der geschichtsträchtigsten Regionen des Globus gelten. Wo sonst verbinden sich Historie, Botanik, Geologie und Archäologie so eindrücklich mit einer atemberaubend schönen Landschaft. Dass in Neapel unsere ruhmreiche Dynastie der Staufer durch die Hinrichtung Konradins 1268 ihr tragisches Ende gefunden hat, bezieht die Gäste aus den staufischen Kernlanden beim Besuch seiner Grabstätte in der Kirche S. Maria del Carmine in einen großen historischen Rahmen ein.

Doch bewegen sich die Reisen nie auf ausschließlich intellektuellem Terrain. Diese Exkursion nahm z. B. ihren Anfang bei einem Bauern, der den Gästen zeigte, dass es die traditionelle Landwirtschaft noch gibt und dass man sich auch heute dem Zwang der Monokultur entziehen kann. Ein Hof mit Schweinen, Kühen, Geflügel, Gemüse und Obst kennt man in unseren Breiten nur noch aus den Erzählungen der Altvorderen. Was die Schwarzwälder zum Staunen bringt ist die ganze Skala mediterraner Produkte von Artischocken über Auberginen, Oliven, Zitronen und Johannesbrot bis zum Weinstock, der sich – wie bei den Römern – als Ranken von Baum zu Baum zog.

Als ähnlich exklusiv erwiesen sich die Exkursionen: Pompeji, eine Stadt, die von einer Minute zur anderen ihre Existenz einstellte und 2000 Jahre später dem staunenden Touristen ihre Wohnkultur, ihre kommunale Struktur, den in Graffitis festgehaltenen Klatsch und etliche pornographische Enthüllungen preisgaben.

Die geistige europäische Heimat umfängt den Besucher wieder bei den Tempeln von Paestum. Mehr als 2500 Jahre alt und doch von ungebrochener Wirkung durch alle Epochen bis zur heutigen Architektur.

Mit den Staufern an den Stiefelabsatz!

Staufer und Normannen ließen das Reisevölkchen des GHV nicht mehr los, wobei bei der Reise des Jahres 2007 besonders das Vermächtnis des großen Stauferkönigs Friedrich II in den Mittelpunkt trat. Wir begegneten ihm sogar persönlich, als er von einem Fresko der Felsenkirche S. Margherita auf die Schwarzwälder schaute, neben ihm seine englische Frau Isabel und sein Sohn Konrad IV. Die Kirche wurde übrigens auf Empfehlung von Frau Hiekisch besucht, die sich mit der Malkunst des 13. Jahrhundert ausführlich beschäftigt hatte. Höhepunkt einer Apulienfahrt ist immer das faszinierende Bauexperiment des Castel del Monte des Architekturfans Friedrich, von wo der Besucher einen traumhaften Blick über die gewellte Landschaft des Stiefelabsatzes genießt.

Abb. 1: Eines der Ziele in Apulien, Castel del Monte.

Die Reisenden sind immer überrascht, welche Fülle an historischen Erinnerungen Apulien seinen Gästen bietet: Wer fühlt sich nicht an seinen Geschichtsunterricht erinnert, wenn er die Topographie des Schlachtfeldes von Cannae erlebt, wo den Römern durch Hannibal fast das Ende ihres imperialen Dranges geblüht hätte. Welche Zusammenhänge eröffnen sich doch im Heiligtum des Erzengels Michael auf dem Gargano, der zum Schutzpatron der Deutschen wurde und der ihnen den despektierlichen „deutschen Michel“ eingebracht hat. In die Urzeiten der Menschheit sieht sich der Besucher beim Gang durch die Höhlenwohnungen in Matera oder die Steinbauten der Trulli in Alberobello versetzt.

España und sein Goldenes Zeitalter

Ein anderer deutscher König und römischer Kaiser empfing die Reisegruppe im Jahr darauf im fernen Kastilien. Wir folgten Karl V, dessen Rolle im vergangenen Jahr der Reformation 2017 immer wieder beleuchtet wurde. Da er noch keine Hauptstadt hatte, begegnete er uns immer wieder an verschiedenen Stellen. Erst sein Sohn Philipp II machte Madrid zum Zentrum des Landes. Beide liegen in den düsteren Mauern des Kloster El Escorial, das wir nach dem nahegelegenen „Tal der Gefallenen“ besuchten. Faszinierend zu vergleichen, zu welcher Hybris sich ein Diktator – Francisco Franco – im 20. Jahrhundert versteigen konnte.

Abb. 2: Von Avila aus wurde Kastilien erkundet.

In Aranjuez holten den Besucher Erinnerungen an die Schultage ein: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“ so eröffnet Friedrich Schiller seinen Don Carlos. Das traurige Schicksal dieses Sohnes von Philipp erschien uns noch einmal in Alcalà de Henares, dessen größter Sohn Miguel de Cervantes die Welt mit dem komischen Gespann von Don Quixote und Sancho Pansa zum Lachen brachte.

Schwieriges Katalonien

Columbus aus Genua, Entdecker der Neuen Welt war es, der die Brücke zum Ziel des Jahres 2011 schlug. In Barcelona präsentierte er den staunenden katholischen Königen neben seinem Reisebericht farbige Papageien und verschüchterte Einheimische, die er – in seiner Ahnungslosigkeit – als Indios bezeichnete. Neben der Gotik der Kathedrale erschloss sich die Reisegruppe hier die farbenfrohe Welt des Modernisme, wie er vor allem von Antonio Gaudí im Parc Güell und in der Kathedrale der Sagrada Familia umgesetzt wurde. Das Interesse an moderner Kunst

Abb. 3: Eingang zum Parc Güell mit Blick auf Barcelona.

wich dann doch öfters einem nachdenklichen Wiegen des Kopfes, als wir den künstlerischen Niederschlag von Salvador Dalis exzentrischen Spinnereien in Figueres betrachteten. Natürlich kam das schwierige Verhältnis der Katalanen zu ihrer Zentralregierung in Madrid immer wieder zur Sprache.

Es war die sympathische Polin Barbara Dudek, die ebenfalls 2011 stolz und kenntnisreich die Villinger zu den historischen und künstlerischen Höhepunkten ihrer Heimat führte.

Wenn hinten fern in der Türkei …

Im Jahre 2012 führte die Reise zum alten Konstantinopel in deutlich exotischeres Terrain. Dabei sind die Türkei und ihre Bewohner den Schwarzwäldern beileibe nicht fremd. Gemeint sind nicht nur die türkischen Mitbewohner, die man als gute Nachbarn oder gar Freunde kennt. Leser der Villinger Blätter wissen, dass Türken, lange vor der Ankunft der ersten Gastarbeiter vom Bosporus die Schwarzwälder beschäftigten. Dort (Villinger

Abb. 4: Blick auf den Bosporus und Istanbul.

Hefte Nr. 37/2014, S. 50) lesen wir von einer „Türkentaufe“, die den staunenden Villingern 1646, also noch während des Dreißigjährigen Krieges im franziskanischen Schultheater vorgeführt wurde. Und unser Prinz Eugen, der edle Ritter, der übrigens badische Wurzeln besitzt, bereits 1710 im Mittelpunkt des Theaterstücks „Irene“ stand. Doch trotz dieser uralten Beziehungen kann sich niemand dem exotischen Reiz Istanbuls entziehen, mit seinen sinnbetörenden Bazaren, dem fremdartigen Ruf des Muezzins, der farbenfrohen Ausstattung des Top Kapi mit seinem Harem und der altehrwürdigen Hagia Sophia.

Rule Britannia

Zum anderen Ende unseres Kontinents, nach Cornwall, brachte Bernd Schnekenburgers Bus die Reiselustigen im Jahr 2013. Thematisch wurde auf dieser Reise die Zeit vom

Abb. 5: Stonehenge, Südengland.

paläolithischen Steinmal von Stonehenge bis zu den rührseligen Erzählungen einer Rosemarie Pilcher durchmessen. Auch auf dieser Exkursion waren es die alten Kelten, die die Villinger auf dem Weg begleiteten. In dieser Region soll die mythische Gestalt von König Arthur gewirkt haben. Im düsteren Castle von Tintagel soll sich seine Tafelrunde ihrer Heldentaten gebrüstet haben. In den Ruinen von Glastonbury fand er der Sage nach seine letzte Ruhe, neben ihm die treue Gattin Guinevra. Die römischen Bäder von Bath, die romantischen Gärten von Lanhydrock, die mächtigen Kathedralen von Salisbury and Exeter rundeten das Bild von Merry Old England ab.

Das Dolce Vita darf nicht zu kurz kommen!

Neben dem historischen Aspekt erschloss die zweite Reise des Jahres ins italienische Piemont auch gastronomische Erlebnisse. Ein Besuch in der Tenuta San Mauro inmitten sanftgewellter lieblicher Hügel machte den Schwarzwäldern klar, wie erst die jahrfüllende harte Arbeit des Weingärtners und seiner Familie zum Genuss hochgeschätzter Weine führt. Den leiblich-sinnlichen Genüssen hat sich nämlich das Land „am Fuß der Alpen“ – das bedeutet nämlich Piemont – verschrieben. Das Städtchen Bra, in dem wir wohnten, ist die Wiege von Slow Food, das den Konsum unverfälschter und ortsnaher Ernährung auf seine Fahnen schreibt. Alba dagegen gilt weltweit als Mekka der Trüffelsuche. Dieses Städtchen ist auch die Heimat des Konditors Pietro Ferrero, Erfinder von Kinderschokolade, Nutella, Mon Chérie, Rocher und anderer Leckereien, nicht nur für die Kleinen. Dabei war italienische Lebensart in Tälern des Schwarzwalds schon längst zu Hause. Es waren schließlich Arbeiter der Apenninen-Halbinsel, die schon vor dem Ersten Weltkrieg die Bahnschienen durch die schwierigsten Schluchten des „Foresta Nera“ (Schwarzwald) trieben. Wie gut sich deren Nachfahren bei den als eigensinnig geltenden Schwarzwäldern integrierten, zeigt wiederum ein Bericht der Villinger Hefte über die Familie Camilli (Nr. 37/2014, S. 77).

Besuch bei den „Schwaben“ am Atlantik

Der Völkerwanderung verdanken es Schwaben und Alemannen, dass sie mit den Portugiesen direkt verwandt sind, wie sich auf der Exkursion von 2014 zeigte. Statt sich zwischen Rhein und Neckar anzusiedeln, waren Scharen von Sueben an die Küste des Atlantik gezogen und hatten dort im fernen Lusitanien ein Königreich, das regnum Sueborum, errichtet. Ansonsten waren bei unseren Besichtigungen die portugiesischen Entdecker unsere steten Begleiter, wie sie das Kap der Guten Hoffnung umfuhren und den

Abb. 6: Tal des Douro, Portugal.

Europäern die Weiten des Amazonas erschlossen. Die Bodegas von Porto, das Weingut Quinta da Pacheca am Oberlauf des Douro, die Meeresfrüchte im Restaurant Ribamar in Nazaré zeigen, wie angenehm sich die Faszination der Geschichte mit den Genüssen des Landes verbinden lässt.

Die Insel der liebreizenden Venus

Eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung nahöstlicher Kultur spielte die Insel Zypern in grauer Vorzeit. Das Mineral Kupfer und die schlanke Zypresse leiten ihren Namen von diesem Eiland ab. Hier entstieg die liebliche Venus dem Schaum des Meeres. Und doch leidet das Land an politischer Teilung und dem Hass der Menschen. Mauern und Stacheldraht an einer gutbewachten Grenze waren den Deutschen seit dem Fall der Mauer zur Geschichte geworden, über die man im Unterricht hört. Nun erlebten wir es wieder beim Besuch beider Landesteile. Doch für die geschichtsbewussten Villinger gehörten noch viele andere Aspekte zur Insel: von den Funden der Bronzezeit über Homers Helden, von Richard Löwenherz und den Kreuzfahrern und den Strategien des britischen Empires bis zu den Ansprüchen der neureichen Russen von heute.

Mit Petrarca in die moderne Zeit

Als der junge Mann aus Florenz endlich oben war auf dem Mont Ventoux, am Ziel seiner Träume, schämte er sich. Er hatte einen Berg bestiegen –nur so zum Spaß. Und er konnte das nicht für sich behalten, er musste von der Verzückung und dem gleichzeitigen Erschrecken erzählen. Der Brief über „Die Besteigung des Mont Ventoux“ aus dem Jahr 1336 von Francesco Petrarca gilt als das erste literarische Zeugnis einer Vergnügungsreise.

Abb. 7: Pont du Gard, Provence.

Und die Villinger wollten es ihm gleichtun. Bei dieser Fahrt in die Provence des Jahres 2016 kam immer wieder zur Sprache, wie sich die Zeiten gewandelt hatten. Reisen vor 600 Jahren waren erzwungene Touren, der Not gehorchend, denn eitle Neugier (vanitas curiosa) galt als verwerflich im Mittelalter. Von solchen Skrupeln lässt sich heute kein Reisender mehr die Seelenruhe rauben. Wenn er sich Sorgen macht, dann darüber, wer zuhause die Blumen gießt, warum man gerade jetzt verreist, wo die Rosen ihre schönste Pracht entfalten, ob die Schnecken ihm den Salat zerfressen haben, wenn er wieder zurückkommt. Über die Gefahren der Reise verschwendet man kaum einen Gedanken, schließlich vertraut man den superbequemen Bussen der Firma Luschin und den Fahrkünsten von Bernd Schnekenburger. Anders war es noch bis vor 200 Jahren. Die Kutsche ohne jeden Komfort wurde denn auch von Goethes Zeitgenossen Karl Friedrich Zelter als „eiserner Altar“ bezeichnet, auf dem der Passagier „seine weichen Teile zum Opfer bringt“. Die Wege befanden sich meist in einem erbärmlichen Zustand, Rad- und Achsbrüche waren nichts Ungewöhnliches, die Wagen blieben im Morast stecken oder kippten immer wieder um. Und nicht nur in Italien lauerten Banditen am Wegesrand. Heute „erfahren“ die Reisegäste, entspannt zurückgelehnt im bequemen Bussessel von der Geschichte des Ziellandes, lernen kulturelle Gepflogenheiten kennen, kulinarische Besonderheiten, religiöse Traditionen, umweltfreundliche Initiativen.

Die Barbaren vom Ende Europas

So geschehen auf unserer letzten Fahrt 2017 nach Schottland. Schon die Kunde von dem keltischen Nationalgericht „Haggis“ trieb einige Reisegäste dazu, Strategien zu entwickeln, damit dieser Kelch an ihnen vorüber geht. Dabei stellte sich zur Überraschung der Mutigen heraus, dass die britische Cuisine inzwischen

Abb. 8: Whiskylager, Schottland.

erstaunliche Kreativität entwickelt hat. Als gelungen empfanden es alle Mitreisenden, als sich im Städtchen Carlisle die Möglichkeit bot, im Restaurant „The Viceroy“ mit einer gelungenen Speisefolge aus der indischen Küche das gastronomische Weltbild zu erweitern.

Heidenängste vor den wilden Horden des Nordens gab es dagegen bei Besuchern vom Kontinent schon in antiken Zeiten. Dies wurde der Villinger Gruppe deutlich, als sie auf dem Hadrianswall hörten, dass die römischen Soldaten aus den Garnisonen des sonnenverwöhnten Rheinlandes zum Dienst im rauen Caledonia abgeordnet wurden.

Doch dass der Norden der Insel nicht arm an Genüssen ist, zeigte sich beim Besuch einer Whisky Distillery in den Highlands. Und von wegen Barbaren! Das Land ist stolz auf ein unglaublich reiches literarisches Erbe von der „Schatzinsel“ und dem Roman von Dr. Jekyll und Mr. Hyde des Robert Louis Stevenson über die historischen Klassiker eines Sir Walter Scott, dessen Wohnung die Gruppe besuchte. Überhaupt war die Literatur ein geschätzter Begleiter auf dieser Reise. Wer war nicht bewegt vor dem Elephant House in Edinburgh, wo die Sozialhilfeempfängerin Joanne K. Rowling den ersten Band von Harry Potter schrieb! Es war aber unser Landsmann Friedrich Schiller aus dem schwäbischen Marbach, der die Reisegruppe durch das bewegte Leben der schottischen Königin Maria Stuart begleitete. Ihr Leben und Schicksal beschäftigte alle entlang den Stationen ihres Triumphes und ihres bitteren Endes.

So schließt sich nach jeder Fahrt zwar ein Kreis, er weitet sich aber bei jedem Ziel. Nach der Reise zu neuen Ufern kehrt man zwar zurück zum alten Gewohnten, doch das Alte ist vielfach angereichert durch die Erfahrungen in der Fremde.

So erging es unserem Landsmann Hölderlin, als er heimgekehrt aus der Ferne vom Hardter Hügel aus das Neckargestade bei Nürtingen sieht:

„Ihr milden Lüfte! Boten Italiens!
Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom!
Ihr wogenden Gebirg! o all ihr
Sonnigen Gipfel, so seid ihrs wieder?“

Hans Brüstles „Kleine Schrift” Erstes GHV-Jahresheft 1973 – 45 Jahre jährliche Geschichte(n) (Wolfgang Bräun)

Mit den besten Wünschen an die sehr geehrten Mitglieder für das Jahr 1974 schloss Hans Brüstle im Dezember 1973 für die Vorstandschaft des noch jungen Geschichts- und Heimatverein die Rundschreiben-Kopie – gedruckt als ehemals übliche Blau-Matrize – und meldete zuvor auf grad mal sechs Zeilen:

Abb. 1: Titel GHV-Jahresheft 1973.

„Zum Jahresabschluss erhalten Sie als Vereinsgabe eine kleine Schrift, die in bunter Folge einige Beiträge aus dem Leben Villingens enthält. Das darin enthaltene Verzeichnis der Villinger Künstler und Kunsthandwerker kann Ihnen jederzeit als Nachschlagewerk dienen. Wir hoffen, Ihnen damit eine Freude zu bereiten. Mit den besten Wünschen für 1974“ gez. Brüstle.

Abb. 2: Schreiben von Hans Brüstle.

Ganz sicher hat die damalige Vorstandschaft den Geschmack der Vereinsmitglieder getroffen, auch wenn die Broschüre grad mal 22 Seiten umfasste. Dafür gab es 16 Abbildungen zu den Beiträgen und auf dem „Cover“ und der Rückseite gleich zwei Ausschnitte zu Villingen aus der Pürschgericht-Karte des Anton Berin, die dieser um 1607 geschaffen hatte.

Die Inhaltsangabe mit zehn Positionen wies dann als Autoren aus: Hans Hauser, Hans Brüstle, „Baptist“ N.N., Traugott Wöhrlin, Hermann Burte, Gottfried Schafbuch und „Abt Gaiser“.

Abb. 3: Aquarell von Pieter Francis Peters.

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Den ersten Bildreiz auf Seite 3 machte damals sicher ein Schwarz-Weiß-Repro eines Aquarells von Pieter Francis Peters deutlich, auf dem dieser 1849 den südlichen Münsterplatz zum Motiv wählte – mit Altem Rathaus und dem getürmten sog. Vorzeichen am Münster-Seiteneingang, das später abgerissen wurde.

Es folgte ein langer Artikel von Fasnet-Kenner Hans Brüstle zu den „Villinger Holzmasken“ und den Schemen von Ackermann, Sieber, Moser und Neukum.

Und, wohl erstmals veröffentlicht, präsentierte Traugott Wöhrlin seine motivische Betrachtung der Erker in Villingen mit sechs prägnanten Zeichnungen.

Eine kurze Anekdote „De Heckerhuet“ bietet genüsslichen Lesestoff, und „ohne Vollständigkeit anzustreben“ reicht schließlich das Verzeichnis der Villinger Künstler von den Ackermanns über Josef und Theodor Göth bis hin zu Kraut, Phillip-Rauch, Säger, Schilling, Schupp sowie zu Ummenhofer und Walser.

Der GHV und Hans Brüstle, der wohl die Redaktionsleitung hatte, beleihen sich für zwei Seiten mit alemannischer Mundart bei Hebel, Burte, Ganther, Gäng, Hauser und Schafbuch.

Und schließlich gelten aus dem Tagebuch von 1621 – 1655 des Abt Gaiser dessen Einträge zum 8. September 1633 in der Übersetzung von Otto Stemmler als bedeutend:

[…] Die Württemberger, die das Äußerste daran setzen wollten, hatten alle Maschinen zur Eroberung der Stadt herangeführt; sie versuchten, mit größeren Geschützen den Mauerteil aufs Korn zu nehmen und beschosen zwar unschwer die Zinnen … […]

Abb. 4: Motivische Betrachtung der Erker in Villingen.

Aber die Besatzungsmannschaft und die gesamte Stadtbevölkerung, ja auch die Frauen und Kinder, die kriegsungewohnte Menschengattung, bekundeten eine solche seelische Standhaftigkeit und Tapferkeit, dass man glauben konnte, es sei mit der Größe der Gefahr auch der Mut gestiegen…[…]

 

Abschließend benennt die Redaktion noch einen Nachlass des ehemaligen Oberstudienrates Gustav Walzer, der seine Lebensarbeit darin sah, aus den Bürgerbüchern der Stadt vom 14. bis ins 18. Jahrhundert ein Personen-Verzeichnis zu schaffen, das auch derselben Forschung dienen könne…

Zwei Fotos aus den Jahren 1880 und 1886 mit der Niederen Straße und der Oberen Straße geben der Broschüre von vor 45 Jahren ganz sicher das Verlangen nach „mehr“… was natürlich längst und vielfach geschah.

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Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte? (Günter Rath)

„Der Mensch verwandelt sich und flieht von der Bühne, seine Meinungen fliehen und verwandeln sich mit ihm, die Geschichte allein bleibt unausgesetzt auf dem Schauplatz eine unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten.“ So heißt es in der Schrift Schillers „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, in der er seine Gedanken aus seiner Jenaer Antrittsvorlesung im Mai 1789 zusammengefasst hat.

Der Geschichts- und Heimatverein kann 2019 auf 50 Jahre seiner Neugründung im Jahre 1969 zurückblicken. Jubiläen sind nicht nur Gründe zum Feiern. Sie sind auch Anlässe zum Nachdenken. Jubiläen sind Schwellen zwischen der Vergangenheit und der Zukunft: Schwellen, die uns dazu bringen, inne zu halten, zurückzuschauen auf das, was geschah, zu bedenken, was davon gut und was nicht so gut war.

Dieses Be-Denken des Vergangenen muss nicht allein rückwärts gerichtet bleiben. Vielmehr kann und soll es uns auch dazu ermutigen, den Blick von der Vergangenheit wieder in die Zukunft zu richten und, wenn nötig, Korrekturen vorzunehmen, oder gar neue Ziele abzustecken. Jubiläen sind zwar Schwellen, aber keine Hemmschwellen.

Geschichte ist das, was uns alle angeht. Wer sich mit Geschichte befasst, versucht, das Gegenwärtige ins klärende Licht geschichtlicher Erfahrungen zu rücken. Das können Ereignisse in Politik und Geschichte sein, aber sie müssen es nicht sein. Das Bewahren dieser Ereignisse ist nicht im Zuge nostalgischer Gefühle entstanden, sondern steht für eine ungebrochene bodenständige Überlieferung. Selbstbewusste Menschen stehen dahinter.

Zu den wesentlichen Zielen des Geschichts- und Heimatverein gehört es, für historische Fragestellungen zu sensibilisieren, Initiativen anzuregen und Ratschläge zu bieten, Möglichkeiten engagierter Geschichtspflege aufzuzeigen, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Der aktive Umgang mit unserer Geschichte soll zur Gewinnung und Festigung unserer regionalen Identität beitragen. Geschichte ist kein Museumsgegenstand, sie wirkt mit Macht in unsere Gegenwart hinein. Es liegt an uns, was wir aus unserer Geschichte und Gegenwart für die Zukunft machen. Ihre Gefahren zu erkennen, ihre Chancen zu nutzen ist unsere Verantwortung. Deshalb ist es gut, dass wir dieses Jubiläumsjahr in besonderer Weise nutzen, an Vergangenheit und Zukunft zu denken. Auch unsere Zeit erleben wir als eine Zeit epochaler Umbrüche. Viele Menschen sind verunsichert durch die vielfältigen Formen des technischen Fortschritts und fragen sich: Wohin werden die uns führen? Anderen macht die Globalisierung der Wirtschaft Sorge. Sie sehen ihre Arbeitsplätze bedroht und zweifeln an der Fähigkeit und am Willen der Politik, Lebenschancen für alle zu sichern und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Viele fragen: Werden wir die Umweltprobleme in den Griff bekommen? Wir alle müssen uns fragen: Wie steht es um die Werte, die nicht an der Börse gehandelt werden? Wie steht es um Ehe und Familie? Wenn man sich vor große Aufgaben gestellt sieht, dann kann es ganz hilfreich sein und den eigenen Horizont weiten, den Blick in die Geschichte zu werfen.

Wir brauchen den Blick in die Geschichte, damit wir soziale und politische Entwicklungen erklären können, und damit wir unsere Verfassung und die gesellschaftlichen Institutionen besser verstehen. Johann Gustav Droysen hat gesagt: Das, was war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in einem gewissen Sinne noch ist. Ihm war der gesellschaftliche Auftrag wichtig, junge Menschen sollten angeregt werden,

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sich mit unserer Geschichte und ihren demokratischen Traditionen auseinander zu setzen, um, wie es Gustav Heinemann formuliert hat, „die Quellen unseres freiheitlichen und demokratischen Staatswesens freizulegen und uns zu ihnen zu bekennen.“

Es kommt darauf an, historisch sehen zu lernen, was man fast an allen Themen kann, weil jedes Spezialthema wieder zurückführt zu den Fragen, die hinter jeder historischen Frage stehen: was wir sind und wie wir es geworden sind.

Historisches denken ist auf Verstehen angelegt. So lehrt uns die Geschichte auch zu hören, unseren Ahnen zuzuhören. Geschichte ist Wissenschaft vom Menschen in seiner Zeit. Indem wir die Natur des Menschen erkennen und verstehen lernen, wächst auch unsere Fähigkeit, in der Gegenwart andere Menschen besser zu verstehen. Auf diese Fähigkeit des Verstehens gründet sich Vertrauen, und ohne Vertrauen ist dauerhafter Friede nicht möglich.

Geschichte macht den Menschen nicht klug für ein andermal sondern weise für immer. Dieser berühmte Satz des Historikers Jacob Burckhardt hat noch heute Bedeutung. Das Studium der Geschichte bietet dem politischen Menschen, wie Heimpel es nennt, nicht Ausbildung sondern Bildung, nicht Handlungsanweisung sondern Horizonte. Wir lernen aus der Geschichte nicht, was wir tun sollen, aber wir können aus ihr lernen, was wir bedenken sollen. Dafür, dass wir die Klarheit des Geistes erreichen, dafür brauchen wir die Historiker, denn wer sonst könnte uns den Spiegel vorhalten, der die Wege und Irrwege unserer Anschauungen zeigt, die hinter uns liegen, die wir aber kennen müssen, wenn wir wirklich neue Wege gehen wollen. In der Hessischen Landesverfassung (1946 durch Volksentscheid angenommen) heißt es im Paragraph 56: „Der Geschichtsunterricht muss auf getreue, unverfälschte Darstellung der Vergangenheit gerichtet sein. Dabei sind in den Vordergrund zu stellen die großen Wohltäter der Menschheit, die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Zivilisation und Kultur, nicht aber Feldherrn, Kriege und Schlachten. Nicht zu dulden sind Auffassungen, welche die Grundlagen des demokratischen Staates gefährden.“

In einer demokratischen Gesellschaft muss die Auseinandersetzung mit der Geschichte mehr sein als die Erinnerung an die häufig nur vermeintlich Großen in Staat und Politik, an ihr Handeln und an ihre Taten, die manchmal auch Untaten sind. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte muss das gesellschaftliche Leben in seiner ganzen Breite zu erfassen versuchen. Kulturelle, wirtschaftliche Aspekte der Entwicklung gehören dazu genauso wie politische und kurz- und langfristig bedeutende Ereignisse. Dass Geschichte die Entwicklung der Bürgergesellschaft ist, wusste schon Voltaire (französischer Philosoph und Schriftsteller). Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch „das Jahrhundert Voltaires“ als er schrieb, „die Schürfstätte der Historiker“ sei erstaunlich groß geworden und als er die Geschichte der Künste, also der menschlichen Zivilisation „als die vielleicht nützlichste Art der Geschichte“ hervorhob.

Die Kenntnis der Geschichte ist das Fundament für die Gestaltung der Zukunft. Der erfolgreiche Unternehmer Kurt A. Körber (das Unternehmen ist heute Teil der Körber AG, eines international agierenden Maschinenbaukonzerns. Körber gilt als eine der großen Unternehmerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik) vertrat schon in den Nachkriegsjahren die Ansicht, dass Wirtschaftswachstum allein keine Garantie für den Fortbestand unserer Demokratie ist und dass man nur aus einer eingehenden Kenntnis vom eigenen Standort und von der eigenen Vergangenheit sichere Fundamente für die Zukunft bauen kann. „Es gibt Zukunftsinvestitionen, die sich nicht in Heller und Pfennig auszahlen und dennoch lohnend sind.“

Es ist sicherlich ein Erfolgsmoment und ein Gütesiegel, wenn wir erfolgreiche historische Spurensuche am eigenen Wohnort betreiben, in der eigenen Region, in der Familie, unter Freunden und Bekannten. Bei der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte geht es um Heimatgeschichte im guten Sinn, ohne Kitsch und Betulichkeit: Was Industrialisierung für ein Dorf bedeutet, wie man bei der Integration, früher von Heimatvertriebenen, heute von Flüchtlingen verfahren ist und wie Fremde aufgenommen werden sollen, diese Fragen werden konkret erforscht durch Quellenstudien und Gespräche mit Zeitzeugen.

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Natürlich soll und kann die Beschäftigung mit der Geschichte in einem Geschichtsverein nicht Historiker schaffen, sondern es geht darum, dass historische Laien das Entscheidende lernen, nämlich in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihr eigenes Urteilsvermögen zu schulen und Erfahrungen mit wissenschaftlichen Methoden zu gewinnen.

Die Kenntnis der Geschichte und der Sinn für historische Zusammenhänge ist für die Gestaltung kommender Gesellschaften von großer Bedeutung. Geschichte hat eine aufklärende Funktion. Wer sich mit ihr beschäftigt, auf lokaler Ebene oder im Weltmaßstab wird nicht so leicht von kurzatmigen Prognosen und aufgeregten Propheten aus dem Gleichgewicht gebracht werden können, sondern er erreicht eine Form von Gelassenheit, die die wichtigste Voraussetzung ist für eine rationale Analyse und für begründetes (politisches) Handeln in der Gegenwart.

Die Beschäftigung mit der Geschichte stärkt darüber hinaus den Umgang der Generationen untereinander. Wir erkennen, wie die Generationen miteinander verbunden sind, und dass wir nicht erst heute in eine Umwelt hineingestellt sind.

Geschichte, Gegenwartsbezug und forschendes Interesse und Lernen sind die tragenden Pfeiler unseres Engagements im Geschichts- und Heimatverein seit nunmehr 50 Jahren. Das verlangt aber auch Menschen, die eine Sache tragen und bewegen. Im Jubiläumsjahr 2019 wie im Gründungsjahr 1969 sind die Zielsetzungen des Geschichts- und Heimatvereins gleichermaßen gültig und aktuell: Pflege und Erforschung des überlieferten heimatlichen Kulturguts, Erhaltung des Erhaltenswerten und sinnvolle Neugestaltung überlebter Formen und Gewohnheiten, wo es geboten erscheint, Förderung des Denkmalschutzes sowie des allgemeinen Interesses an Volks- und Heimatkunde, Pflege des heimatlichen Brauchtums. Möge das Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins auch weiterhin für jeden, der sich mit der Geschichte der alten Stadt Villingen und ihrer Umgebung beschäftigen will, Pflichtlektüre sein.

Goethes Wort „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen“ bleibe Auftrag und Verpflichtung auch in den kommenden Jahren.

Dem Geschichts- und Heimatverein wünsche ich für die Zukunft gutes Gelingen, die verdiente Wertschätzung der Öffentlichkeit, engagierte Mitglieder und danke allen, die sich in den vergangenen 50 Jahren für den Verein eingesetzt haben und es hoffentlich auch weiter tun werden.

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Fünf Jahrzehnte Geschichts- und Heimatverein Villingen / Anmerkungen aus kulturwissenschaftlicher Sicht (Werner Mezger)

Jubiläum – vom Sinn eines Rituals

Wenn ein Kulturwissenschaftler die freundliche Einladung erhält, etwas zum Jubiläum eines Geschichts- und Heimatvereins anmerken zu dürfen, so liegt es nahe, dass er einfach die drei Kernbegriffe des Schreibanlasses herausgreift und sie mit der schlichten Fragentriade „warum – wozu – weshalb“ konfrontiert. Also: Warum ein Jubiläum? Wozu Geschichte? Weshalb Heimat? Eben zu diesen drei Feldern sollen hier in gleicher Reihung je ein paar Denkanstöße skizziert werden. Soviel zu den inhaltlichen Schritten des folgenden Beitrags.

Beginnen wir mit der ersten und scheinbar banalsten der drei Fragen: Warum feiern wir überhaupt ein Jubiläum und warum gerade nach fünfzig Jahren? Jubiläen lassen sich bekanntlich nicht beliebig terminieren, sondern man begeht sie eben nur alle Jubeljahre, nämlich dann, wenn ganze, halbe oder Viertel-Jahrhunderte sich runden. Um diese heute selbstverständlich erscheinende Praxis zu verstehen, muss man historisch weit zurückgreifen: bis ins Alte Testament. Dort taucht das hebräische Wort „Jobel“ auf. Es bedeutete den Klang eines Horns, genauer eines Widderhorns. Und dieses wurde alle 50 Jahre geblasen, um anzuzeigen, dass nun nach siebenmal sieben, also nach 49 Jahren etwas Neues anbreche. Nach alttestamentlicher Auffassung und biblischer Zahlenmystik galt nämlich jedes 50. Jahr als Versöhnungsjahr, in dem alte Schulden erlassen und Sünden verziehen wurden. Im Lateinischen nahm das Wort „Jobel“ als „jubileum“ und als Verb „jubilare“ später eine eher heitere Bedeutung an: Freude, Frohlocken und fröhlich sein – jubeln im heutigen Sinn, aber immer noch mit der tief eingelagerten Metasemantik, dass im freudigen Feiern auch Schulden zu vergeben seien.

An beide Sinntraditionen, an das Feiern und an den Schuldnachlass, knüpfte dann Papst Bonifaz VIII. (1294 – 1303) im Jahr 1300 an, indem er dieses Säkularjahr, also das runde Hunderterjahr, zum ersten Jubeljahr oder heiligen Jahr der Kirchengeschichte erklärte. Die päpstliche Anordnung lockte große Menschenströme an, denn allen Pilgern, die während des besagten Jahres nach Rom kamen, wurde ein vollkommener Ablass gewährt. Künftig sollte nach dem Willen von Bonifaz VIII. jedes 100. Jahr in der Ewigen Stadt in dieser Weise als annus jubileus, als Jubeljahr, begangen werden. Da aber 100 Jahre eine lange Zeit sind, legte nur wenige Jahrzehnte später Papst Clemens VI. (1342 – 1352) fest, dass fortan schon jedes halbe Jahrhundert, ergo auch das in sein Pontifikat fallende Jahr 1350 als Jubeljahr zu feiern sei. Später wurden die Intervalle noch weiter verkürzt. Vorübergehend kam im Bestreben nach Verknappung der Abstände der Gedanke auf, entsprechend der Lebensspanne Christi jedes 33. Jahr besonders zu feiern – eine Idee, die sich aber wegen der schwierigen Merkbarkeit der Termine nicht durchzusetzen vermochte. Statt an unrunden Daten orientierte man sich lieber an den runden Zahlen des Zentenarsystems: an den vollen Jahrhunderten, ihrer Hälfte und schließlich auch ihren Vierteln. 1475 war dann unter Sixtus IV. (1471 – 1484) der endgültige Rhythmus erreicht. Ab da wurde alle 25 Jahre, also jedes Vierteljahrhundert, vom Papst in Rom ein Jubeljahr ausgerufen. Das ist die Regelung, die bis heute gilt.

Genau diesem durch die Päpste geschaffenen Modell der Jubiläen folgen mittlerweile auch unsere säkularen Formen der Strukturierung geschichtlicher Dauer und unsere Praktiken der festlichen Markierung zeitlicher Zäsuren.

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Ohne uns des theologischen Vorbilds noch bewusst zu sein, feiern wir analog zu den Intervallen kirchlicher Jubeljahre mit besonderer Intensität die 25., die 50., die 75. oder die 100. Wiederkehr wichtiger Daten, wobei diese vom eigenen Geburtstag über denkwürdige historische Ereignisse bis hin zum Gründungszeitpunkt bestimmter Institutionen wie eben auch des Villinger Geschichts- und Heimatvereins reichen können. Die ursprüngliche, alttestamentliche Form der Jubeljahre war ihre Wiederkehr in jedem 50. Jahr. Dass der GHV Villingen 2019 genau auf einen solchen Zeitraum zurückblicken darf, der dem biblischen Ausgangskonzept des Innehaltens nach siebenmal sieben Jahren entspricht, qualifiziert ihn gewissermaßen zum klassischen Jubilar.

Mit den Begriffen des Innehaltens, des Zurückblickens und der ebenfalls bereits erwähnten Denkwürdigkeit gelangen wir nach unserem kleinen historischen Abriss über die formale Entwicklung des turnusmäßigen Jubilierens zur inhaltlichen Ebene, nämlich zum Sinn eines Jubiläums, wie er sich heute darstellt. Jedes Jubiläum, das wir begehen, hat einen primär kommemorativen Charakter, das heißt: es erinnert an etwas – im Fall des GHV an dessen Gründung und seitherige Entwicklung. Jubiläen blicken aber nicht nur bilanzierend zurück in die Vergangenheit, sondern sie vergleichen Früheres mit Gegenwärtigem, ziehen Bilanz und leiten daraus Perspektiven für die Zukunft ab. Sie haben also eine retrospektive wie auch eine prospektive Funktion. Einfacher ausgedrückt: Jubiläen dienen dazu, dass wir uns nach einer gewissen Zeit fragen, wo wir herkommen, wo wir gerade stehen und wo es hingehen soll. Damit sind sie wichtige Momente der Standortbestimmung und der Selbstvergewisserung – aber nicht etwa im Sinne des Ausruhens auf Lorbeeren, sondern vielmehr des kritischen Überdenkens von Gewesenem zur Orientierung auf Künftiges.

Jubiläen, könnte man also sagen, reflektieren Vergangenheit als Ressource für die Zukunft. Und genau in diesem Reflexionsprozess zeigt sich weiter, dass Vergangenheit nicht statisch, sondern außerordentlich dynamisch ist. Indem wir nämlich an Jubiläumsterminen zurückblicken und dabei Vergangenes aus unserer jeweils aktuellen Sicht immer wieder neu bewerten, resümieren wir und produzieren wir zugleich Vergangenheit. Denn je nach Blickwinkel, historischer Distanz und mit der Zeit hinzugekommenen Erfahrungen stellt sich Vergangenes in stets etwas anderem Licht dar, was fortwährend neue Vergangenheitsbilder generiert. Wenn schließlich Vergangenheit durch Chronisten und Historiker zu Geschichte gerinnt, so haben Jubiläen hier ebenfalls eine Doppelfunktion: Sie feiern nicht nur Geschichte, sondern sie schreiben auch Geschichte. Insofern besitzen sie das Potenzial, unter bestimmten Bedingungen zu regelrechten Gelenkstellen historischer Entwicklungen zu werden. Ob und in welchem Maße dies auch auf das GHV-Jubiläum zutrifft, bleibt abzuwarten. Die Geschichte wird es zeigen.

Geschichte – Erinnern und Vergessen

Damit gelangen wir zu zweiten Leitfrage des vorliegenden Beitrags: Wozu Geschichte? Wenn es sich der Verein zur Aufgabe gemacht hat, seinem Namen entsprechend die Geschichte der Stadt Villingen und ihrer Umgebung zu erforschen, so zielt dies in erster Linie auf die Sicherung des kulturellen Gedächtnisses im lokalen und im regionalen Rahmen. Das ist hoch verdienstvoll, denn in der fortgeschrittenen Moderne, in der wir leben, entscheidet sich der tägliche Aushandlungsprozess zwischen Erinnern und Vergessen nur allzu oft zugunsten des Vergessens. Vieles von dem, was eigentlich zum Grundwissen über die Fundamente unserer Kultur gehören müsste, ist heute einem Großteil der Bevölkerung, selbst sogenannten bildungsbürgerlichen Kreisen, nicht mehr bekannt, geschweige denn vertraut. Besonders krass zeigt sich dies, wenn es um die christlichen Prägungen des Abendlands geht. Da werden selbst basale Dinge nicht mehr gewusst. Der Inhalt von Festen des Kirchenjahrs etwa,

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obwohl diese nach wie vor von allen als willkommene arbeitsfreie Tage geschätzt werden, ist vielen nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr klar. Weihnachten als Feier der Geburt Christi scheint noch am ehesten geläufig, die Frage nach dem biblischen Gehalt von Karfreitag und Ostern bringt viele schon in Verlegenheit, und spätestens bei Pfingsten versagen die Kenntnisse vollends. Alle Jahre wieder bringt die Presse eine Auswahl skurriler Umfrageantworten zu Kirchenfesten auf ihren Unterhaltungsseiten, die Bilanz ist aber alles andere als erheiternd, sondern hochgradig erschreckend. Man braucht kein Kulturpessimist zu sein, um hier von einer rasant um sich greifenden Veralzheimerung des kulturellen Gedächtnisses zu sprechen. Und das Bedenklichste daran ist, dass die meisten ihre Unwissenheit gar nicht einmal mehr als peinlich empfinden, sondern dass sie damit sogar noch kokettieren: „Mit sowas habe ich nichts am Hut.“ Wer trotz hiesiger Herkunft sein fehlendes christliches Grundwissen mit derlei Sprüchen abtut, gilt heute als aufgeklärt. In Wahrheit ist das aber kein Zeichen von Aufgeklärtheit, sondern ein Offenbarungseid in Sachen Allgemeinbildung. Die stetig wachsende Zahl derer, auf die diese düstere Bilanz zutrifft, kümmert das freilich wenig. Sie nehmen die Begrenztheit ihres Horizonts nicht als Defizit wahr, sondern sehen sich auf der Höhe der Zeit, halten sich für modern und leben als durchaus nützliche Mitglieder der Konsumgesellschaft in den Tag.

Wozu also Geschichte, wenn es auch ohne historische Kenntnisse zu gehen scheint? Diejenigen, die ein besseres Wissen über die Vergangenheit einfordern und gar dessen Vertiefung und Erweiterung anmahnen, sind längst in der Minderzahl. Die Welt geht offenbar dennoch weiter – es fragt sich nur wie. Menschen mit geschichtlich fundierter Kompetenz und kritisch reflektiertem Standpunkt, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem sie aus einem soliden historischen Hintergrundwissen schöpfend Perspektiven für die Zukunft entwickeln, nehmen ab. Traurige Beispiele für die Folgen der wachsenden Vergangenheitsignoranz findet man allenthalben. Sie reichen von privaten Irrwegen bis zu öffentlichen Pleiten. Nur zu oft verrennen sich etwa teuer bezahlte sogenannte Experten, die im Auftrag von Kommunen ohne Gespür für historisch Gewachsenes städtebauliche Projekte planen und im Streben nach Neuem um jeden Preis bewährte Strukturen zerschlagen, in Sackgassen. Die Aufzählung prominenter Exempel ersparen wir uns. Sensibilität gegenüber der Historie und die aktive Pflege von kulturellem Gedächtnis sind heute wichtiger denn je. Beidem sieht sich der GHV gleichermaßen verpflichtet. Nicht umsonst zitiert er auf seiner Homepage Erwin Teufel mit dem Satz: „Wir brauchen das Bewusstsein um die eigene Geschichte, damit wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten können.“ Dies ist ein gutes Leitmotiv, ein hoher Anspruch und nicht zuletzt ein Programm, das uneingeschränkt auch für die nächsten 50 Jahre Gültigkeit hat.

Angesichts des Bemühens aller im GHV Engagierten um ein lebendiges Geschichtsverständnis darf man allerdings die ernüchternde Frage nicht ganz ausblenden, ob Menschen wirklich aus geschichtlichen Erfahrungen Gewinn ziehen, ja zugespitzter noch, ob die Menschheit überhaupt jemals aus der Geschichte gelernt hat. Man wird darauf kaum mit einem vorbehaltlosen „Ja“ antworten können. Vielmehr sind Bedenken, ja sogar ernste Zweifel angebracht. Aber genau das darf kein Grund zur Resignation sein – im Gegenteil, es muss als Ansporn zur Suche nach neuen und noch viel intensiveren Wegen der Geschichtsvermittlung dienen. Denn eines ist klar: Wenn historisches Wissen gänzlich abhanden kommt, nimmt die ohnehin schon beträchtliche Orientierungslosigkeit der Gesellschaft weiter zu und überlässt mehr und mehr jenen Scharlatanen das Feld, die vorgeben, mit einfachen Mitteln Orientierungen liefern zu können, in Wirklichkeit aber ihrerseits ohne Konzept sind.

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Institutionen wie Geschichts- und Heimatvereine müssen hier gegensteuern – und speziell der Villinger GHV bleibt damit der Intention derer treu, die ihn 1969 ins Leben gerufen haben. Er wurde nämlich gegründet in einer Zeit, als die Studentenbewegung der 68er ihren Höhepunkt erreicht hatte und als die Beschäftigung mit lokaler Historie und mit historischen Kontinuitäten oder gar die Pflege von Überlieferungen modern gesprochen „mega out“ waren.

Tradition galt damals – fälschlicherweise, wie wir heute wissen, – als Synonym für „Stillstand“, und die vermeintlich erlösende Zauberformel hieß „Fortschritt“. Fortschrittlichen Kräften sollte die Zukunft gehören, Traditionsbewusste hingegen trugen das Stigma der ewig Gestrigen und wurden zum Gespött. Wer in dieser Situation den Mut hatte, einen Geschichts- und Heimatverein zu gründen, wie es in Villingen geschah, der widersetzte sich ganz bewusst dem Zeitgeist und schwamm gegen den mainstream, wenn es den Ausdruck damals schon gegeben hätte. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse um 180 Grad gedreht: Jede Art von Fortschritt wird heute mit größter Skepsis gesehen, während Tradition wieder Konjunktur hat und hohe Wertschätzung genießt. Nicht nur der GHV mit seinen vergleichsweise bescheidenen Mitteln auf lokaler und regionaler Ebene, sondern auch Weltorganisationen wie die UNESCO mit all ihrem Einfluss appellieren heute an das Geschichtsbewusstsein, sichern das materielle und immaterielle Kulturerbe der Menschheit und wachen über den Erhalt der kulturellen Vielfalt, die durch die Transformationsprozesse der Moderne, insbesondere durch die Globalisierung, bedroht ist wie nie zuvor.

Der GHV hat hier ungeachtet aller äußeren Anfechtungen oder besser: als bewusste Antwort darauf bereits 1969 visionär gehandelt. Indem er sich der Vermittlung von Geschichte verschrieb, das Nachdenken über menschliches Handeln in seiner Zeitgebundenheit förderte und noch vieles mehr in Gang setzte, stellte in erster Linie die Bedeutung der Kulturdimension Zeit ins Zentrum seiner Überlegungen und seines Handelns. Zeit ist jene flüchtige, physikalisch zwar messbare, aber philosophisch kam fassbare Größe, an die all unser Tun gebunden ist und die dem Menschen Möglichkeiten eröffnet und zugleich Grenzen setzt. Aurelius Augustinus, der große Kirchenlehrer hat an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert die bis heute berühmt gebliebenen Sätze formuliert: „Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber jemandem, der mich fragt, erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich sicher sagen: Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, und keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie aber sind nun jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist?“ (Confessiones XI, 14) Unser Dasein zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, unser Grenzgängertum auf dem schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, den wir Gegenwart nennen, die Erkenntnis, dass sich Wissen nur auf Vergangenes beziehen kann, während jegliches Künftige, ja schon der nächste Atemzug, den wir tun, nur noch im Bereich des reinen Vermutens liegt – all dies sind die letzten und tiefsten Fragen, wenn wir uns mit der Dimension Zeit und dem Wesen von Geschichte beschäftigen. Damit aber genug des philosophischen Exkurses, wenngleich er kein Abirren vom Thema ist, sondern aufs engste zur theoretischen Grundlegung des Vereins gehört, dem dieser Beitrag gewidmet ist.

Drei Kulturdimensionen – ein Modell zur Systematisierung

Was kann man nun, so lautet das ganz praktische Problem des Verfassers, als Kulturwissenschaftler einem seit 50 Jahren erfolgreichen Geschichts- und Heimatverein, der von Anfang an das Richtige getan hat und immer noch tut, zum Jubiläum mit auf dem Weg geben, ohne als besserwisserisch oder gar überheblich zu erscheinen? Vielleicht ein paar Kategorien der Kulturanalyse zur Standortbestimmung und zur Erweiterung von Blickwinkeln und Sichtweisen künftigen Forschens und Engagements. Das Phänomen Zeit, das dem Verein entsprechend seinem Namen in Form von Geschichte

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am meisten am Herzen liegt, ist nämlich nur eine der Dimensionen, in denen sich menschliches Kulturschaffen vollzieht. Neben der Zeit gibt es nämlich noch mindestens zwei weitere, ebenso zentrale Kulturdimensionen, die unser Denken, unser Handeln und unsere kulturellen Ausdrucksformen prägen: den Raum und die Gesellschaft. Das Modell der drei Kulturdimensionen haben die beiden schwedischen Ethnologen Sigurd Erixon und Albert Esköröd Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt und in der skandinavischen Volkskunde erfolgreich als Systematisierungshilfe und Analyseinstrument bei der Untersuchung kultureller Sachverhalte angewandt. Sämtliche Kulturphänomene, was immer darunter im Einzelnen zu verstehen sein mag, bewegen sich nämlich in der Dreidimensionalität von Zeit, Raum und Gesellschaft und werden durch sie bestimmt. Statt mit ihren Nominalbezeichnungen lassen sich die Kulturdimensionen auch mit je analogen Adjektiven beschreiben: Zeit ist die historische, Raum die geographische und Gesellschaft die soziale Komponente des Modells. Und benennt man zu jeder der drei Dimensionen schließlich noch den entsprechenden prozessualen Ablauf, so gehört zur historischen Ebene die Tradition, die Überlieferung eines Kulturguts durch die Zeit, zur geographischen die Diffusion, seine Verbreitung im Raum, und zur sozialen die Kommunikation, die Verständigung darüber in der Gesellschaft.

Wozu nun so viel trockene Theorie? Um zu substanziellen Aussagen über kulturelle Vorgänge gelangen zu können, ihr Ineinandergreifen zu verstehen und dabei keine wichtigen Aspekte zu übersehen, ist das beschriebene Modell sehr hilfreich. Mit seiner Idealtypik dient es in erster Linie dazu, Komplexität zu reduzieren. Konkret: es macht die in der Realität unentwirrbar interdependenten und auf den ersten Blick völlig undurchsichtigen Transformationsprozesse der jüngeren Vergangenheit und erst recht der Moderne zumindest tendenziell durchschaubarer, indem es drei klar definierte und leicht nachvollziehbare analytische Problemzugänge schafft. Freilich darf die Konstituenten-Triade des Modells ebenfalls nicht absolut gesetzt werden. Seziert man nämlich die immer stärkeren, nicht selten beunruhigenden, ja manchmal geradezu verstörenden Dynamiken der Gegenwartkultur in der besagten Rasterung Zeit, Raum und Gesellschaft, so erhellt dies nicht nur die kulturelle Entwicklung an sich, sondern zeigt zugleich, wie sehr auch die drei Kulturdimensionen selbst in Bewegung geraten sind und welche Folgen dies jeweils hat.

Beginnen wir mit der Dimension Zeit: Zeit ist, wie schon gesagt, eine physikalisch messbare Größe, die seit Jahrmillionen gleich verläuft. Sie hat ihre festen, natürlichen Rhythmen. Eine Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse in 24 Stunden bewirkt den Wechsel von Tag und Nacht, eine Sonnenumrundung der Erde in 365 Tagen und knapp 6 Stunden ergibt das Jahr. Objektiv stand dem Menschen im Durchschnitt noch nie so viel Zeit zur Verfügung wie heute, denn noch nie war die Lebenserwartung so hoch wie in unseren Tagen. Subjektiv aber sieht das ganz anders aus: Wir Kinder der Moderne nehmen Zeit als etwas wahr, was unsere Vorfahren noch hatten, was uns aber „chronisch“ fehlt. Dabei hat sich nicht etwa die Zeit gewandelt, nur unser Umgang mit ihr ist grundlegend anders geworden. „Tut mir leid, ich habe keine Zeit“, „mir läuft die Zeit davon“, „Zeit ist Geld“, „der Zeitdruck macht mich krank“ – das sind Formulierungen, die wir tagtäglich hören oder selber gebrauchen. Dieses Verhältnis zur Zeit, deren Messung uns heute übrigens mit geradezu unglaublicher Präzision möglich ist, obwohl (oder gerade weil) sie uns fehlt, erweist sich als typisch für alle westlichen Industriegesellschaften.

Fremd und unverständlich geworden ist uns die Fähigkeit unserer Vorfahren, Zeit als eine zyklische Größe wahrzunehmen, die quasi aus sich selbst kommt und wieder in sich selbst mündet. Frühere Generationen schätzten die regelmäßige Wiederkehr von Tag und Nacht, die Verlässlichkeit der Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter – lauter Zyklen, die in sich ruhten, sich rundeten und dann wieder von neuem begannen. Diese wohltuende zyklische Zeiterfahrung geht uns mittlerweile weitestgehend ab. Wir erleben Zeit nur noch als einen linearen Prozess, vergleichbar einem Strahl, der unumkehrbar in eine einzige Richtung läuft und irgendwann auf ein angstbesetztes Letztes hinführt, das wir tunlichst verdrängen: unseren Tod.

Aber das ist noch nicht alles: Uns beunruhigt außerdem das Gefühl, die Zeit laufe ständig schneller. In der Tat beschleunigen sich viele Prozesse tatsächlich: Das Wissen der Welt verdoppelt sich in immer kürzeren Abständen, wir erledigen immer mehr Aufgaben in immer weniger Zeit. Akzeleration nennt das die Wissenschaft. Zunehmend gehen wir dazu über, Dinge gleichzeitig zu tun. Wir telefonieren, während wir den Schreibtisch ordnen, hören Nachrichten, während wir Auto fahren. Und vor allem: Wir ignorieren sämtliche natürlichen Rhythmen der Zeit. Wir machen die Nacht zum Tage, baden im Winter in der Karibik und fahren im Sommer Ski auf Gletschern, vermischen auch immer mehr Arbeit und Freizeit, weil uns Notebook, iPad und Smartphone inzwischen überall hin begleiten und uns jederzeit erreichbar machen. Oft steht am Ende der Herzinfarkt, der genau besehen nichts anderes ist als ein Zeitinfarkt. Gesellschaften ohne unseren Zeitdruck kennen dieses Phänomen nicht.

Kommen wir zur zweiten der drei Kulturdimensionen: zum Raum. Da gibt es zunächst eine ganz einfache Feststellung: Die Welt ist kleiner geworden. Analog zur Zeit, die sich immer mehr zu verdichten und zu intensivieren scheint, schrumpft die Welt. Mit hohen Geschwindigkeiten, wie man sie sich früher nicht einmal hätten träumen lassen, legen wir große Distanzen zurück, eilen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent und verlieren darüber völlig das natürliche Gefühl für Räume und Weiten. Dass wir hier auch ganz direkt in Konflikt mit der Dimension Zeit geraten, sei nur nebenbei bemerkt. Wir fliegen im Jet gegen die natürlichen Zeitgliederungen an, gegen Tag und Nacht. Auf dem Flug von Europa in die USA haben wir, konträr zur Rotationsrichtung der Erde den Wechsel der Tageszeiten verzögernd, einen viel zu langen Tag. Und wenn wir wieder zurückfliegen, ist es – nunmehr wegen der Addition von Flugrichtung und Erdrotation – umgekehrt. Dieses unnatürliche Durcheinander nennen wir dann „Jetlag“.

Die Schrumpfung der Welt hat den Globus zu einer Art Dorf werden lassen. Ereignisse, die viele tausend Kilometer entfernt geschehen, verfolgen wir mit modernen Medien in Echtzeit, wohl wissend, dass sie uns trotz ihrer geographischen Distanz jederzeit unmittelbar berühren können. Zudem steigt durch die weltweite Vernetzung im ganz normalen Arbeitsalltag die Zahl extrem mobiler Menschen sprunghaft an, die heute hier, morgen dort, praktisch überall und eigentlich nirgends zuhause sind. Sie selbst bezeichnen sich gern als „Global Players“, die Forschung nennt sie auch „Globalisierungsnomaden“. Zu ihnen zählen längst nicht mehr nur Spitzenpolitiker, Tennisstars, Tenöre und Formel 1-Piloten, inzwischen gehören Dienstleister wie Ingenieure, Monteure, Einkäufer und Servicepersonal ebenso dazu. All diese global Gehetzten finden, wo immer auf der Welt sie hinkommen, nahezu identisch aussehende Arbeitsplätze, weitgehend gleich ausgestattete Hotels, dieselben Getränkemarken und Fastfoodketten vor. Spätestens dies macht deutlich: Globalisierung führt keineswegs notwendigerweise zu einer Vervielfachung kultureller Möglichkeiten, sondern sie birgt weit mehr die Gefahr der Einebnung kultureller Besonderheiten. Je kleiner die Welt wird, durch fortwährende Steigerung der Mobilität, durch transkontinental agierende Firmen, durch Massenmedien, Internet und andere Kommunikationsmittel, desto stärker gefährdet ist der Facettenreichtum der Kulturen. Nicht von ungefähr hat die UNESCO, wie schon gesagt, ihre Anstrengungen zum Schutz der kulturellen Vielfalt massiv verstärkt.

Bleibt noch die dritte Komponente unseres Kulturdimensionen-Modells: die Gesellschaft. Sie transformiert sich gegenwärtig besonders gravierend und für jedermann konkret sichtbar.

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Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum demographischen Wandel in Deutschland fasste schon vor ein paar Jahren die „Megatrends“ der Veränderungen der bundesdeutschen Bevölkerung in folgende drei Schlagworte: 1. weniger, 2. älter, 3. bunter. Mit „weniger“ ist der bereits seit geraumer Zeit zu verzeichnende Rückgang der Geburten gemeint, der dazu führt, dass die Anzahl der jungen Menschen stetig abnimmt. Die Beobachtung „älter“ zielt auf die ständig steigende Lebenserwartung, die dafür sorgt, dass immer mehr ältere und hoch betagte Menschen im Land leben, wodurch sich das zahlenmäßige Unverhältnis zwischen Jung und Alt noch weiter zuspitzt. Und der dritte Komparativ „bunter“ bezieht sich auf die Zuwanderer, die einerseits zwar den Bevölkerungsrückgang abmildern, andererseits aber – seit 2015 zumal – die Aufnahmegesellschaft heute vor riesige, bis vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal entfernt zu ahnende Herausforderungen stellen.

Vor allem die letztgenannte Problematik, ausgelöst durch Hunderttausende von Flüchtlingen, die Europa als Zufluchtskontinent sehen und hier wiederum vorzugsweise Deutschland als Ziel ihrer Hoffnungen anvisieren, schürt Ängste und sorgt für enorme Unruhe. Die unkontrollierte Zuwanderung von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, Schwellenländern, Armutsregionen und Hungerzonen polarisiert und spaltet die Politik. Migrations- und Integrationsfragen ziehen sich wie ein roter Faden durch fast alle öffentlichen Diskurse. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass ungeachtet hoffnungsvoller Erfahrungen aus Einzelbegegnungen Gruppenkontakte mit Angehörigen anderer Kulturen, deren Wertordnungen teils massiv von den unsrigen abweichen, stets die latente Gefahr von Kulturkonflikten in sich bergen. Der immer größere Aufgabenberg, der daraus für die Aufnahmebehörden, die Pädagogik, die Sozial- und Jugendarbeit, den Arbeitsmarkt und nicht zuletzt für Justiz und Polizei erwächst, scheint kaum zu bewältigen. Das Nebeneinander von Eigenem und Fremdem strengt an, ein harmonisches Miteinander von Eingesessenen und Hinzugekommenen liegt noch in weiter Ferne. Der soziale Alltag ist unübersichtlich geworden, und zwar keineswegs nur im urbanen Raum oder in Ballungszentren. Selbst in kleinen Dörfern, wo die Einwohner sich früher fast alle gegenseitig gekannt und gegrüßt hatten, bestimmen mittlerweile Anonymität, Distanz, nicht selten auch Misstrauen das soziale Klima. Spätestens in der Kassenschlange der Supermärkte am Ortsrand, die überall gleich aussehen, wird am Durcheinander der dort gesprochenen Sprachen deutlich, wie rasant die Gesellschaft sich transformiert. Kaum noch vorstellbar, dass „auf dem Land“ als Kommunikationsform früher durchweg die Mundart dominierte und aus dialektalen Nuancen sogar herauszuhören war, wer aus dem eigenen und wer aus dem Nachbardorf kam.

Heimat – eine dynamische Größe

Angesichts des Rückgangs lokaler Spezifik und des Fortschreitens globaler Einebnungsprozesse scheinen kleinräumige Kulturphänomene und regionale Unverwechselbarkeit eine immer geringere Rolle zu spielen, womit wir bei der letzten unserer eingangs gestellten Leitfragen angelangt sind: Weshalb Heimat? Konkreter gefragt: Besitzt Heimat überhaupt noch irgendeinen Stellenwert? Sind moderne Menschen für so etwas Herkömmliches gegenwärtig noch ansprechbar? Und ist gar ein Verein, der den Begriff „Heimat“ in heutiger Zeit als Teil seines Programms im Namen führt, wirklich noch zukunftsfähig? Unsere Antwort auf diese und die beiden Fragen davor lautet ganz klar: Ja. – In der Tat scheint Heimat unter dem Druck der Globalisierung und ihrer Begleiterscheinungen allmählich zu verschwinden, zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich das Gegenteil – nämlich dass eben gerade durch den Globalisierungsdruck Heimat wieder neu entdeckt, diskutiert und als Wert geschätzt wird. Die universale Gleichmacherei, die manche Forscher als „McDonaldisierung der Welt“ bezeichnen, setzt eine konträre Dynamik in Gang, die den drohenden Verlust kleinkammeriger Kulturformen mit der gezielten Reizinszenierung lokaler Besonderheit beantwortet.

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Jede Stadt, ja selbst jede kleine Gemeinde sucht heute angesichts der um sich greifenden Allerweltskultur nach Alleinstellungsmerkmalen, nach Charakteristika also, die es nur im eigenen Ort und nirgendwo sonst gibt. Globalisierung fördert automatisch zugleich Lokalisierung. Ja beide Vorgänge gehören so eng zusammen, dass ihre Wechselwirkung von der Wissenschaft schon seit einiger Zeit als „Glokalisierung“ beschrieben wird. Und eben hier spielt Heimat nach wie vor – oder besser: erst recht wieder – eine zentrale Rolle.

Welcher Part dies freilich ist und wie sich Heimat in der Postmoderne darstellt, dem sollen unsere folgenden Ausführungen gelten. Allem voran muss gesagt werden, dass Heimat nie isoliert betrachtet darf, sondern immer nur in Korrelation zur Welt. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Nur wer die Heimat kennt, kann die Welt verstehen. Und nur wer einmal in der Welt war, vermag die Heimat zu schätzen. Die Erfahrung der Fremde als Voraussetzung für das Verständnis des Eigenen findet sich nicht nur durch viele biographische Zeugnisse bestätigt, sondern wurde etwa für Handwerker über Jahrhunderte hinweg zu einem obligatorischen Bestandteil ihres beruflichen Werdegangs. Ehe sie sich in der eigenen Werkstatt niederlassen konnten, mussten sie zuvor ihre Wanderjahre absolvieren und als fahrende Gesellen weit herumgekommen sein, um schließlich das auswärts Gelernte daheim anwenden zu können: Die Heimat braucht Welt, und die Welt braucht Heimat.

Definitionsversuche des Begriffs Heimat, für die heutige Zeit zumal, gibt es in Fülle. Sie reichen von der eindeutig zu kurz greifenden Aussage aus Wahrigs Deutschem Wörterbuch von 1997, das Heimat einfach als „Ort, an dem man zuhause ist“ beschreibt, über die Feststellung des Liedermachers und Schauspielers Herbert Grönemeyer, für den Heimat „kein Ort, sondern ein Gefühl“ ist, bis hin zu Martin Walsers bewusst provozierender Formulierung, Heimat sei „der schönste Name von Zurückgebliebenheit.“ Wir wollen diesen Beschreibungsversuchen hier keinen weiteren hinzufügen. Es wäre gewiss ebenso fragmentarisch und unbefriedigend wie alle anderen. Viel wichtiger ist es, sich am Beginn jeder Überlegung zu Heimat der Tatsache bewusst zu werden, dass man sich unter Heimat niemals als etwas Statisches, allgemeinverbindlich Festgelegtes vorzustellen hat, sondern dass es sich bei ihr grundsätzlich um eine dynamische, manchmal sogar fluide, jedenfalls aber immer individuell variierende Größe handelt. Sie ist nicht einfach ein Fakt, sondern in erster Linie ein Konstrukt in unseren Köpfen. Das mag den Leser zunächst befremden. In den Kulturwissenschaften jedoch besteht darüber seit langem Konsens.

Wie subjektiv die Wahrnehmungen von Heimat sind, ist mit einem einfachen Experiment überprüfbar: Würde man einer Reihe von Personen, die ihren Hauptwohnsitz alle am selben Ort haben, je eine Landkarte vorlegen und sie auffordern, darin einzuzeichnen, was sie als ihre Heimat betrachten, so kämen dabei ganz unterschiedliche Konzepte von Heimat heraus. Wer immer am betreffenden Ort gelebt und diesen kaum einmal für längere Zeit verlassen hat, könnte seine Heimat vermutlich mit einem einzigen kleinen Kreis auf der Karte bestimmen. Wer sich am genannten Ort zwar zuhause fühlt, aber viel herumkommt, täte sich mit seiner Entscheidung schon schwerer. Wenn seit der Kindheit ein Umzug in eine andere Region oder gar mehrere Wohnortwechsel stattgefunden haben, so wird die Sache noch schwieriger. Gibt es dann zwei Heimaten, die alte und die neue, oder gibt es bei größerer Mobilität so etwas wie Lebensabschnittsheimaten, Heimaten unterschiedlicher Intensität? Ist Heimat die jeweils aktuelle Umgebung oder hat Heimat nicht doch eher mit Vergangenheit, mit der Welt unserer Kindheit zu tun? All das sind keine gesamtgesellschaftlich zu beantwortenden, sondern allein individuell zu entscheidende Fragen.

Unser Heimatbegriff ist aber nicht nur biographieabhängig, wie eben gezeigt, sondern er ist zudem noch situationsbedingt. Auch das lässt

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sich mit einem kleinen Experiment belegen: Wenn ein Villinger nach Schwenningen kommt, ist er – sofern er das überhaupt tut – dort ein Villinger. Wenn ein Villinger und ein Schwenninger zusammen – stellen wir es uns zumindest einmal vor – nach Stuttgart fahren, so stammen sie dort bereits aus Villingen Schwenningen. Wenn sie miteinander nach München reisen, dann gelten sie an der Isar ungeachtet der badischen Wurzeln des einen und der württembergischen des anderen alle zwei als Baden-Württemberger. Wenn sie gar einen Trip nach Paris machen, so sind sie an der Seine einfach nur noch zwei Deutsche. Und wenn sie zuletzt in Peking aus dem Flugzeug steigen, dann fühlen sie sich dort im asiatischen Alltag lediglich noch als Europäer. Mit wachsendem Abstand vom Wohnort wird also die Sicht auf Heimat immer weiter und unschärfer: nicht mehr nur lokal, sondern regional, national oder schließlich sogar kontinental. – Trotz dieser irritierenden Wandelbarkeit und trotz der Unmöglichkeit, sie auch nur annähernd objektiv zu fassen, sind unsere Vorstellungen von Heimat aber alles andere als bedeutungslos oder beliebig. Sie korrelieren vielmehr sehr fein mit unseren jeweiligen Befindlichkeiten, gehören unabdingbar zur kulturellen Ausstattung jedes Einzelnen von uns und machen einen entscheidenden Teil unserer Lebensqualität aus.

Dass Heimat keineswegs nur eine Chimäre ist, ein bloßes Phantasiegebilde also, das man einfach hinter sich lassen und quasi abstreifen kann, wird spätestens klar, wenn sich unsere Gefühlswelt aufgrund unerfüllter Sehnsucht nach zuhause durch Heimweh eintrübt. Nahezu jeder hat es irgendwann schon einmal selber erlebt als merkwürdiges Gemenge von Traurigkeiten über die temporäre oder endgültige Trennung von der gewohnten Umgebung, den Verlust von lieb Gewonnenem, den Abschied von Vertrautem. Im 18. Jahrhundert wurde das Heimweh von Medizinern sogar als regelrechte Krankheit eingestuft, in den zeitgenössischen Diskursen auch „Schweizer Krankheit“ genannt, weil man damals insbesondere bei jungen Arbeitsmigrantinnen in der Schweiz gravierende Fälle von Heimweh mit weit reichenden Folgen bis hin zum Suizid beobachtete. Heute, im Zeichen hoher Mobilität, versuchen wir das Heimweh salopp zu bagatellisieren und belächeln seine frühere Interpretation als pathologischen Befund wie eine Kuriosität. Dennoch kann es auch uns noch zuweilen empfindlich zu schaffen machen und uns dann unvermittelt spüren lassen, welche Kraft das Phänomen Heimat nach wie vor, ja gegenwärtig vielleicht sogar wieder verstärkt hat.

Heimat – historischer Wandel eines Begriffs

Was den Bedeutungsgehalt des Begriffs „Heimat“ angeht, so hat sich dieser im Lauf der Geschichte mehrfach gewandelt – ein Indiz für die Dynamik und Lebendigkeit der damit verbunden Vorstellungen. Ursprünglich war das Wort „Heimat“, von der germanischen Wurzel „heima“ für „Bleibe“ kommend, in erster Linie ein Rechtsbegriff. Es bezeichnete vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein schlicht den Ort, wo man das Recht hatte, sich häuslich einzurichten und zu bleiben, konkret also „Haus“ und „Hof“. Über eine Heimat in solch besitzrechtlichen Sinne verfügte demnach nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung. Die weitaus meisten Menschen waren ohne Wohneigentum und damit heimatlos. Und da ihnen eine irdische Heimat versagt blieb, wurden sie von der christlichen Katechese umso intensiver beschwichtigend auf die himmlische Heimat verwiesen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum die Euphemismen in Todesanzeigen bis heute überwiegend auf die Heimatmetapher zurückgreifen: Anstelle von „gestorben“ werden Sprachbilder wie „heimgegangen“ oder „in die ewige Heimat abberufen“ verwendet.

Ab dem 18. Jahrhundert traten neben den primär rechtlich-materiellen Sinngehalt des Heimatbegriffs zunehmend weitere Semantiken. Heimat wurde jetzt mehr und mehr auch als Kontrast zur Fremde verstanden – dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass viele Besitzlose als Arbeitsmigranten eben „in die Fremde“ mussten.

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Als Heimat galt nun das Nahe, Vertraute und Geborgenheit Vermittelnde – als Fremde hingegen das Ferne, Ungewisse und schwer Einschätzbare. Damit wuchs dem Begriff Heimat eine stark emotionale Komponente zu. Er wandelte sich zum Gefühlswert. Die Frühromantik schuf hierfür in einschlägigen Gedichten und Liedern die literarischen Grundlagen. Im Zeichen der industriellen Revolution, der massenhaften Landflucht und der meist vergeblichen Glückssuche Tausender in den rasch wachsenden Städten steigerte sich die sentimentale Aufladung von Heimat weiter. Diese mit Wehmut beschworene Heimat gehörte nun allen. Von ihr konnte jeder träumen – aber eben nur träumen.

Fortan bezeichnete Heimat im populären Gebrauch, der wesentlich über das Medium Volkslied vermittelt wurde, überwiegend etwas Vergehendes oder bereits Vergangenes. Die schönsten Heimatlieder stammen aus einer Zeit, in der das Besungene längst nicht mehr selbstverständlich, sondern bereits vom drohenden Untergang überschattet, wenn nicht schon untergegangen war. „Am Brunnen vor dem Tore“ entstand, als es den Lindenbaum als Ort der Begegnung und Beschaulichkeit kaum noch gab, und „Im schönsten Wiesengrunde“ besang mit dem Heimathaus in verträumter ländlicher Umgebung eine Idylle, die damals bereits der Urbanisierung zum Opfer gefallen war. Heimat als literarisch-musikalischer Topos wurde nun also, wie Konrad Köstlin es formulierte, zum „Signum des Verlusts“, während sich die Vorstellungen von Heimat auf einige wenige, teils noch bis heute geläufige Klischees vom unbeschwerten Landleben reduzierten.

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 erhielt der sentimentalische Heimatbegriff einen neuen Schub, weil man sich nun ohnedies aufs Kleinräumige und Provinzielle zurückzog und Werte wie Innerlichkeit propagierte. Damit wuchs ihm endgültig eine sehr stark rückwärtsgewandte und utopische Ausrichtung zu. Heimat wurde fortan zum Fluchtort vor neuen Wirklichkeiten und zu einer Art Verteidigungsbastion gegen Modernisierung. Überschaubarkeit, Verlässlichkeit, Dauer, Ordnung und Harmonie – diese Werte, allesamt in die Formel „Heimat“ eingelagert, standen gegen Wandel, Entfremdung, Unübersichtlichkeit, Massengesellschaft. Das Begriffspaar „Heimat und Fremde“ fand seine reale Entsprechung in zwei scharf kontrastierenden Modellen menschlicher Behausung: in der zum höchsten Ideal stilisierten Dorfidylle auf der einen und dem geschmähten Moloch Großstadt auf der anderen Seite. – Nun vollzog sich übrigens auch eine spezifische Aneignung von Heimat im Bürgertum. Man ging in die Sommerfrische, verließ die graue Stadt und begab sich aufs Land, um die in Liedern und in der Literatur entworfenen Heimatbilder wenigstens bruchstückhaft in der Realität wieder zu finden, sofern man es sich leisten konnte. Die etwas weniger Betuchten näherten sich der Heimat im Rahmen ihrer bescheideneren Möglichkeiten: Sie begannen sie zu erwandern und genossen sie als Naturerlebnis. Entsprechende Vereine entstanden: der Schwarzwaldverein (1864), der Schwäbische Albverein (1888) und andere.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrten sich die Bestrebungen, Heimat als zentrale identitätsstiftende Ressource zu erhalten und dies auch institutionell abzusichern: Die Heimatschutzbewegung formierte sich. Man entwickelte pflegende Konzepte und förderte ganz bestimmte, nach bürgerlichen Maßstäben ausgewählte Teile der Volkskultur, nämlich das Edle, Schöne, Sonntägliche. Was konsequent ausgeblendet blieb, waren das Schmutzige, das Elende, die mangelnde Hygiene, auch das Obszöne und Ordinäre popularer Kultur. In der bildungsbürgerlichen Organisation spektakulärer städtischer Fastnachtsbräuche ist diese bereits durch Aufklärung und Romantik in Gang gesetzte Veredelungs- und Ästhetisierungstendenz vormals widerspenstiger und unbotmäßiger Volksbelustigungen besonders deutlich erkennbar. Die Kölner Karnevalsreform von 1823 hatte für eine solch „gesittete“ Neugestaltung der närrischen Tage schon früh ein Konzept geliefert, das weit über das Rheinland hinausstrahlte – mit dem

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Effekt, dass in den folgenden Jahrzehnten auch im ganzen schwäbisch-alemannischen Raum „Carneval“ nach Kölner Vorbild gefeiert wurde. Erst zwischen 1880 und 1910 kehrte man im Südwesten unter weiterhin penibler Beachtung des bürgerlichen Verschönerungsgedankens zu den bodenständigen Formen der alten Fastnacht zurück.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde Heimatkunde Schulfach. Dabei bekam eine Metapher immer mehr Bedeutung, deren Veranschaulichungsmodell problematisch ist – nämlich diejenige von der „Verwurzelung“ des Menschen in seiner Heimat. Sie geht wesentlich auf Eduard Spranger zurück, der sie in seinem berühmten, 1923 erschienenen Aufsatz „Vom Bildungswert der Heimatkunde“ propagierte. Erst in den 1990er Jahren hat der schon einmal zitierte Konrad Köstlin das heute immer noch gern gebrauchte Sprachbild der heimatlichen Verwurzelung angesichts der Mobilität der modernen Gesellschaft mit der simplen Aussage konterkariert: „Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine“. – Im Dritten Reich, dessen Missbrauch des Heimatbegriffs als ideologisches Instrument ein Thema für sich wäre, wurden „Blut und Boden“ zu zentralen Schlagworten eines kämpferisch-aggressiven Verständnisses von Heimat. Das Genre des Heimatfilms stand im Dienste der NS-Ideologie, und neue Wortschöpfungen wie „Heimatschutz“ oder „Heimatfront“ unterwarfen die gesamte Heimatidee der militärischen Propaganda des Zweiten Weltkriegs.

Bei Kriegsende nahm das Thema Heimat angesichts des Heimatverlusts von rund 12 Millionen Menschen eine neue, ebenso dramatische wie tragische Wendung an. Die „Heimatverwiesenen“, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten genannt wurden, mussten nach traumatischen Trennungserlebnissen von ihrem Zuhause eine neue Bleibe im Westen suchen und finden. Dass die Unterbringung einer so riesigen Zahl von heimatlos Gewordenen in den vom Schicksal der Vertreibung verschonten Teilen Deutschlands keine sozialen Unruhen auslöste, sondern dass diese Herausforderung trotz der einen oder anderen Irritation im Endeffekt enorme Kräfte der Solidarität freisetzte, verdient bis heute höchste Bewunderung. Aus Notquartieren entstanden Unterkünfte, aus Unterkünften Siedlungen, aus Siedlungen eigene Orts- und Stadtteile. Ganze Wohnungsbauprogramme bekamen den Namen „Neue Heimat“. Ein Dach über dem Kopf zu haben, aber hieß noch lange nicht, wirklich daheim zu sein. Um Beheimatung im vollen Sinne zu erreichen, waren weit größere Anstrengungen notwendig. Wie sich damals alle Teile der deutschen Bevölkerung – die Vertriebenen ebenso wie die Aufnahmegesellschaft – miteinander arrangiert und gemeinsam den Wiederaufbau eines zerstörten Landes in die Hand genommen haben, war eine Leistung, die in dieser Größenordnung in der Geschichte ohne Beispiel ist.

Auch in den Folgejahrzehnten nahm der Heimatbegriff immer wieder neue Facetten an. Eben durch die Erfahrung von Flucht und Vertreibung, die unauslöschlich in die Biographie vieler eingeschrieben war, erlebte in den 1950er-Jahren die sentimentale Heimatidee wieder eine Renaissance. Rührselige Heimatfilme und Heimatromane, die jedoch weniger das Thema des Heimatverlusts aufgriffen als die Utopie einer intakten Heimat in harmonischen, meist alpinen Naturkulissen vermittelten, hatten jetzt Hochkonjunktur. Derartige mediale Inszenierungen von Heimat sollten wohltuend wirken und wurden zur Projektionsfläche einer heilen Welt. Ihr eigentliches Erfolgsgeheimnis aber war zweifellos der Beschwichtigungscharakter nach den bitteren Ereignissen der Historie. – In bewusst scharfem Kontrast zu diesen gefühlsbetonten Heimatimaginationen der Nachkriegszeit formierten sich ab den frühen 1970er Jahren lokale und regionale Heimatbewegungen ganz anderer Art, die sich offensiv gegen mediale Verdummung wandten und kämpferische Ziele verfolgten. Ihnen ging es um die Verteidigung einer lebenswerten Heimat angesichts der Gefährdungen durch neue risikoreiche Technologien.

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Am effektivsten waren hier im deutschen Südwesten die Gegner des geplanten Kernkraftwerks in Wyhl am Kaiserstuhl, die ihren Protest konsequent in Mundart artikulierten, eine ganz neue Kultur lokaler Liedermacher entstehen ließen und die Kraft des Alemannischen plötzlich zur Identifikationsgrundlage einer rasch wachsenden Bürgerbewegung machten. Heimat wurde damit zur Ressource unbequemer Auflehnung gegen die etablierte Politik – am Ende mit Erfolg.

Die Politik wiederum, aufgeschreckt durch solche Formen heimatverbundener Widerständigkeit, zeigte sich nun ihrerseits neu am Thema Heimat im Sinne eines aktiv zu gestaltenden Gemeinguts interessiert. Hatten die politischen Akteure noch kurz zuvor, getrieben von der Kritik der 1968er-Generation, alles im Verdacht der Provinzialität und Fortschrittsfeindlichkeit Stehende weit von sich gewiesen und sogar Heimatkunde als Schulfach abgeschafft – in Baden-Württemberg wurde sie zunächst durch „Sachkunde“, später durch „Menuk“ (Mensch, Natur, Umwelt, Kultur) abgelöst –, so unternahmen sie nun Anstrengungen in genau umgekehrter Richtung. Nach und nach etablierten die Bundesländer landesweite Veranstaltungen, mit denen das Heimatgefühl offiziell und mit dem Segen der Politik gefördert werden sollte. Nach dem Vorbild des „Hessentages“, der 1961 eine Art Vorläufer gebildet hatte, kreierten 1978 Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein spezielle Heimattage bzw. ein Landesfest, dann folgten Niedersachsen (1981), Rheinland-Pfalz (1984), das Saarland (1988), Sachsen (1992), Brandenburg (1995), Sachsen-Anhalt (1996), Thüringen (1996), Mecklenburg-Vorpommern (2000) und schließlich Nordrhein-Westfalen (2006). Man mag über Gestaltungsfragen streiten – ohne Zweifel sind jedoch diese Veranstaltungen ein redlicher Versuch, in einer Welt voller Veränderungen Heimat als wichtige Grundlage und Garant für Lebensqualität im öffentlichen Bewusstsein präsent zu halten und Identität zu stiften.

In jüngster Zeit verbinden sich mit dem Thema Heimat Herausforderungen, die an Komplexität wahrscheinlich alles Bisherige übertreffen, weil sie nunmehr globale Dimensionen haben: Der Zustrom von Geflüchteten und Schutzsuchenden aus unterschiedlichsten Regionen und Kulturen der Welt, der Europa als bevorzugtes Migrationsziel vor enorme Probleme stellt und in Deutschland spätestens seit 2015 einen Großteil des politischen Diskurses bestimmt, hat das öffentliche Nachdenken über den Stellenwert von Heimat neu entfacht und die Auseinandersetzung damit auch deutlich zugespitzt. Das Spektrum der Aktionsebenen reicht hier von der medialen Dauerdiskussion grundsätzlicher Fragen zur Beheimatung von Zuwanderern über eine zunehmende Vereinnahmung des Themas Heimat durch populistische Kreise bis hin zur Einrichtung eines Bundesministeriums, das in seinem Namen explizit den Begriff Heimat führt. Ein differenzierteres Eingehen freilich auf diese aktuellen Entwicklungen oder gar ihre Bewertung aus kulturanalytischer Sicht würden den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen. Beschränken wir uns also stattdessen auf ein paar abschließende und ordnende Gedanken.

Zukunft der Heimat und Heimat der Zukunft – drei Forderungen

Kommen wir am Ende noch einmal auf unser Modell der drei Kulturdimensionen Raum, Zeit und Gesellschaft zurück, wie es als Systematisierungshilfe auf die Gesamtheit aller kulturellen Phänomene und Prozesse zu deren besserem Verständnis anwendbar ist, so stellen wir fest, dass exakt diese Dreidimensionalität auch dem Heimatbegriff zugrunde liegt, weil unsere Vorstellung von Heimat sich zu gleichen Teilen aus einer räumlichen, einer zeitlichen und einer gesellschaftlichen Komponente konfiguriert. Die räumliche Dimension ist diejenige, an die wir in der Regel als erste denken, wenn die Rede auf Heimat kommt. Mit Heimat verbinden wir zunächst einmal irgendeine geographische Vorstellung, einen Ort oder eine Gegend. Dass allerdings die „mental maps“, die gedachten

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Landkarten, die wir dabei als heimatlich in unseren Köpfen haben, sehr individuell und unterschiedlich zugeschnitten sind, darf nicht vergessen werden. Loten wir die Semantik unserer Heimatvorstellung genauer aus, so zeigt sich: Neben dem meist primär wahrgenommenen Raumbezug ist dem Begriff Heimat eine mindestens genauso bedeutende zeitliche Dimension eingeschrieben. Mit Heimat verbinden sich stets auch Erinnerungen, meist diejenigen an die ersten Lebensjahre. Der mit wachsendem Alter mehr und mehr verklärte Blick in die verlorene Kindheit ist nichts anderes als die erträumte Rückkehr in eine Heimat, die es so nicht mehr gibt. In diesem zeitlichen Sinne bildet Heimat übrigens immer noch wie in der Romantik eine Metapher für Verlust. Das Allerwichtigste aber, was Heimat ausmacht, ist zweifellos die soziale Dimension. Wo Menschen sind, mit denen man sich versteht und bei denen man Verständnis findet, erlebt man Beheimatung. Gut nachbarschaftliches Nebeneinander und freundschaftliches Miteinander gehören ganz sicher zu den tragfähigsten Elementen, die in der komplexen Gesellschaft von heute Heimat begründen.

Aus dieser Bindung des Phänomens Heimat an die drei Kulturdimensionen ergeben sich – analog dazu – für eine gegenwartsadäquate und zukunftsorientierte Konzeptualisierung von Heimat drei Forderungen. Die erste, resultierend aus der Dimension Raum, lautet: Heimat braucht definierte Orte. Damit ist gemeint, dass Menschen irgendwo ein klar lokalisierbares Zuhause haben müssen, wo sie hingehören und wo sie sich geborgen fühlen. Selbstverständlich kann dieses Zuhause im Lauf eines Lebens wechseln, heute mehr denn je. Heimatorte können sich auch vermehren und nebeneinander bestehen, sie dürfen sich aber nicht verflüchtigen. Ein besonderes Augenmerk der Gesellschaft sollte sich in diesem Zusammenhang auf Neuankömmlinge und Migranten richten. Gerade sie müssen möglichst bald nach ihrer Ankunft eine stabile Bleibe und einen festen Ort der Behausung finden. Jedwedes behördlich verordnete oder von den Betroffenen selbst gewählte Hin und Her zwischen unterschiedlichsten Aufnahmeeinrichtungen, schlimmstenfalls noch in der Anonymität von Großstädten, ist für einen erfolgreichen Integrationsprozess hochgradig kontraproduktiv.

Die prinzipielle Ortsgebundenheit von Heimat darf freilich nicht etwa als Plädoyer für kleinbürgerliche Enge, provinzielle Unbeweglichkeit oder gar Kirchturmdenken gedeutet werden. Dies wäre ein fatales Missverständnis. Wer durch längeres Leben an einem Ort geprägt und dort beheimatet ist, muss unbedingt auch über die Grenzen seiner Heimat hinausschauen, sie temporär verlassen und anderswo Erfahrungen sammeln. Die Dialektik von Nähe und Ferne, wonach man erst fort gewesen sein muss, um heim zu kommen, gilt für die hochmobile Gesellschaft der Moderne in ganz besonderem Maße. Das Eigene gewinnt erst Konturen in Relation zum Fremden. Und diesem gegenüber sollte man sich nach Möglichkeit stets neugierig und offen zeigen. Auch das haben uns frühere Generationen gelehrt. Nicht nur wandernde Handwerksgesellen, von denen bereits die Rede war, sondern ebenso Kaufleute, Händler, Gelehrte, Künstler sorgten für einen ständigen Austausch zwischen Heimat und Welt. Weil sie alle sich mit wachen Augen in der Fremde Anregungen geholt und diese in die eigene Lebenswelt eingebracht haben, ist das kulturelle Erbe unserer unmittelbaren Umgebung so bunt und vielfältig.

Wenn wir von definierten Orten als notwendige Basis für die Entwicklung einer Heimatbindung oder zumindest eines Heimatbezugs reden, so gilt es – ohne kulturpessimistisch zu sein – noch an ein besonderes Problem veränderter Ortswahrnehmung und Raumaneignung in der Moderne zu denken: an die zunehmende Auflösung des realen Raums in der Virtualität der digitalen Medien. Sie macht sich vor allem im Dasein Jugendlicher bemerkbar. Wer als 12- oder 15Jähriger täglich mehrere Stunden damit zubringt, im virtuellen Raum zu surfen, wo die ganze Welt gleich nah und gleich fern ist, wer tage- oder nächtelang an der PlayStation mit computeranimierten Figuren durch

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phantastische artifizielle Spiellandschaften jagt, der verliert allmählich die Bindung an den physischen Raum, in dem er lebt. „Real life“ gegen „virtual reality“ einzutauschen, führt mit wachsender zeitlicher Ausdehnung zum schleichendem Realitätsverlust, mündet in eine rastlose Cyberspace-Odyssee und endet schließlich in der Heimatlosigkeit. Beheimatung ist nämlich nur an realen Orten möglich, im Internet kann niemand zuhause sein.

Unsere zweite Forderung, bezogen auf die Dimension Zeit, lautet: Heimat braucht kulturelles Gedächtnis. Um irgendwo heimisch werden zu können, sollte man nicht nur mit der Gegenwart der Umgebung vertraut sein, in der man sich bewegt, sondern auch etwas über deren Vergangenheit wissen. Früher wurden die Grundlagen hierfür meist schon durch innerfamiliäres Erzählen lokaler Geschichten und durch die einfache mündliche Weitergabe von Erinnerungen geschaffen. Mit der Ablösung der Mehrgenerationenfamilie durch die Kleinfamilie infolge zunehmender Mobilität änderte sich dies allerdings entscheidend: Die für den Entstehungsprozess von Generationen übergreifendem Gedächtnis enorm wichtige Großeltern-Enkel-Kommunikation ging rapide zurück und ließ den persönlichen Austausch über Unvergessenes aus der eigenen Nahwelt mehr und mehr versiegen. Der globale Eroberungszug moderner elektronischer Medien bis hin zu ihrer heutigen Omnipräsenz in sämtlichen Lebensbereichen reduzierte schließlich die Gesprächskultur selbst unter den Mitgliedern von Kleinfamilien auf ein Minimum und brachte die orale Weitergabe von kleinräumigem historischem Wissen so gut wie ganz zum Erliegen.

Nach dem weitgehenden Ausfall der vormals zentralen Instanz zur Herstellung von Vertrautheit mit lokaler Geschichte, nämlich der Familie, bedürfte es eines ganz erheblichen Engagements externer Sozialisations- und Bildungseinrichtungen, um entsprechende Kenntnisse als Basis für die historische Dimensionierung von Heimat zu vermitteln. Das Vorhandensein eines kollektiven Verständnishorizonts über die heimatliche Umgebung und ihre Geschichte ist vor allem deshalb so wichtig, weil es die Grundlage für identitätsstiftenden Gesprächsstoffs bildet. Erst wenn nämlich Menschen neben der Orientiertheit über das tagesaktuelle Geschehen in einem bestimmten Raum auch Wissen über dort früher Gewesenes miteinander teilen, sich darüber austauschen und gemeinsame Narrative haben, kann Identität entstehen. Heutige Schulen vermögen die notwendigen Voraussetzungen hierfür nicht mehr zu schaffen. Zur Verfolgung entsprechender Lernziele fehlen ihnen aufgrund des ostentativen Abrückens der Lehrpläne von vermeintlicher Kleinkariertheit und als Folge von falsch verstandenem pädagogischem Modernismus seit langem die geeigneten Instrumente: Die Verallgemeinerung der ehemaligen Heimatkunde auf eine weder explizit ortgebundene und noch dezidiert lokal- oder regionalhistorische Beschäftigung mit Mensch, Natur, Umwelt und Kultur dient nicht zur Förderung eines reflektierten und erst recht nicht eines konstruktiv-kritischen Heimatbewusstseins. Hieran etwas zu ändern, ist Lehrern durch Ausbildungsdefizite und mangelnde curriculare Vorgaben, für die einstmals als progressiv geltende Bildungstheoretiker die Verantwortung tragen, wie auch durch das Fehlen geeigneter Unterrichtsmaterialien kaum möglich.

Mindestens ebenso große Bedeutung wie dem schulischen Sektor, vielleicht sogar ein noch höheres Gewicht, kommt bei der Weckung von Interesse an der Heimat und ihrer Geschichte den Kindergärten zu. Sie sind nämlich die allerfrühesten außerfamiliären Agenturen der Kulturvermittlung – und dies sowohl für Kinder deutscher Herkunft als auch für solche aus fremdkulturellen Kontexten, aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund also. Gerade ihnen beim Hineinfinden in die historisch gewachsenen Denk- und Vorstellungswelten der Aufnahmegesellschaft zu helfen, sie behutsam an die Kultur der Einheimischen heranzuführen und sie mit deren Wertordnungen vertraut zu machen, ist eine Aufgabe von herausragender Wichtigkeit. Was hier Hunderte von Erzieherinnen –

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übrigens ohne dafür hinlänglich ausgebildet, geschweige denn angemessen bezahlt zu sein – Tag für Tag leisten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es sind, wie gesagt, in erster Linie die vorschulischen Kulturvermittlungsangebote, nicht die Schulen, mit denen die entscheidenden Grundlagen für Integration geschaffen werden – Basisarbeit, wie sie später kaum noch nachzuholen ist.

Die dabei von den Kindergärtnerinnen verlangte Leistung ist vor allem deshalb so anspruchsvoll, weil sie ein feines Gespür für die jeweilige Lebenssituation der Migranten voraussetzt, insbesondere für deren von außen oft nur sehr schwer einschätzbare kulturelle Befindlichkeit. Im Unterschied zu Migranten früherer Generationen – etwa Amerika-Auswanderern des 19. Jahrhunderts, die ihrer alten Heimat Europa endgültig den Rücken kehrten, allenfalls noch Briefkontakte pflegten, aber ansonsten gänzlich in der Kultur der Neuen Welt aufgingen – bleiben heutige Migranten durch die modernen Kommunikationstechnologien, durch Fernsehen, Mobilfunk und Internet, aber auch durch günstige Fernreisemöglichkeiten zeitlebens intensiv mit ihrer Herkunftsregion und der dortigen Kultur verbunden. Sie bewegen sich daher ständig in einem kulturellen Dazwischen, einem Spannungsfeld aus Primärkultur und Aufnahmekultur, das innerfamiliär in der Regel immer von der ursprünglichen kulturellen Prägung dominiert bleibt. Der angemessene Umgang mit eben dieser hochkomplexen Disposition, von der Forschung als Transkulturalität bezeichnet, die sich zwangsläufig auch auf die Kinder der Migranten überträgt, bedeutet für das Kindergartenpersonal die eigentliche Herausforderung. Die Kunst der Erzieherinnen muss nämlich darin bestehen, den kulturellen Baukasten, den Migrantenkinder von Haus aus mitbringen, einerseits grundsätzlich zu respektieren und ihn andererseits doch einfühlsam zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Die Erfüllung dieser Aufgabe, Zuwandererkinder unter Wahrung ihrer bisherigen kulturellen Identität zugleich auch in der Aufnahmekultur und deren geschichtlicher Gewachsenheit zu beheimaten, kommt fast einer Quadratur des Kreises gleich. Eine wirklich fundierte Vorbereitung hierauf müsste daher zentraler Bestandteil der – insgesamt deutlich aufzuwertenden – Ausbildung entsprechender Fachkräfte werden.

Unsere dritte und letzte Forderung, gekoppelt an die Dimension Gesellschaft, lautet: Heimat braucht menschliches Miteinander. Das mag im ersten Moment banal klingen, ist es aber keineswegs. Denn obwohl eigentlich jedem klar sein müsste, dass Heimat nur durch den Aufbau konkreter menschlicher Bindungen entstehen und durch die konsequente Pflege persönlicher Beziehungen, sprich: durch Nähe aufrecht erhalten werden kann, befinden sich weite Teile der jüngeren Generation, der sogenannten digital natives, heute in zunehmendem Maße auf einem fatalen Irrweg: Sie halten ihre Präsenz in sozialen Medien und den flüchtigen Austausch mit dortigen „Freunden“ für wichtiger als den viel näher liegenden Kontakt zu ihrer realen Umgebung. Die Verlagerung der Kommunikation in Online-Communities, häufig noch unter Preisgabe jeglicher Privatsphäre, täuscht Nähe allenfalls vor. Wirkliches Miteinander – und nur dieses kann beheimaten – lässt sich durch Chatten im Internet nicht ersetzen. Die aberwitzigen Bilder von sich selbst isolierenden Kindern und Jugendlichen, die unentwegt in ihr iPhone starren und mitten unter Menschen völlig einsam sind, nehmen wir schon als so selbstverständlich hin, dass sie uns kaum noch auffallen.

Jedoch auch unabhängig von dem merkwürdigen Paradoxon realer Vereinzelung aufgrund medialer Vernetzung muss die Kultur zwischenmenschlicher Verständigung heute erst wieder neu gelernt werden. Neuen Elan braucht der Dialog der Generationen im Zeichen des demographischen Wandels und einer ständig älter werdenden Bevölkerung ebenso wie das Bemühen um ein gutes und vorurteilsfreies Zusammenleben von Alteingesessenen und Zuwanderern. Um diese beiden Problembereiche gravitieren nämlich in letzter Konsequenz sämtliche Heimatdebatten der Gegenwart. Wer sich für Heimat engagiert,

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muss dabei wissen, dass sie stets die drei Dimensionen Raum, Zeit und Gesellschaft einschließt und dass die Konzepte von Heimat, wie wir gesehen haben, hochgradig individuell und von Person zu Person variabel sind. Heimat existiert nicht als Kollektivbesitz per se, sondern sie ist die Summe von vielen, nur bedingt kongruenten Vorstellungen Einzelner. Dies freilich als Schwäche zu deuten, wäre der falsche Schluss. Das Gegenteil trifft zu: Gerade der imaginative und plurale Charakter von Heimat macht ihre Stärke aus. Ideen, je bunter, desto kreativer, haben nämlich die Kraft, neue Wirklichkeiten zu schaffen. Das heißt: Mit unseren Sichtweisen von Daheimsein, von Identität und von Gemeinschaft generieren wir erst Heimat – Heimat, die man ständig neu denken, selbst erarbeiten und im Einvernehmen mit anderen aktiv gestalten muss.

Eben hierzu leistet der Geschichts- und Heimatverein Villingen, dessen Jubiläum den Anlass für die vorliegenden Anmerkungen gab, seit nunmehr fünfzig Jahren einen vorbildlichen Beitrag. Durch die Kompetenz und den Idealismus seiner Mitglieder, verdichtet im beharrlichen Erforschen der Vergangenheit, im wachen Beobachten der Gegenwart und im klugen Vorausdenken für die Zukunft, hat er die Bedeutung der Heimat und ihrer Geschichte ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Er hat hierbei nicht zuletzt gezeigt, wie die Wertschätzung des Eigenen und der respektvolle Umgang mit dem Fremden als kultureller Gewinn für sämtliche Beteiligten miteinander in Einklang gebracht werden können. Gezeigt aber hat er vor allem auch, dass man sich um Heimat fortwährend bemühen muss und dass Heimat eine permanente Aufgabe für jeden Einzelnen von uns darstellt. Zumindest ein Stück weit ist ihm damit die Mitwirkung an jenem Prozess gelungen, den Ernst Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ als zentrales Postulat formuliert und den er als den „Umbau der Welt zur Heimat“ bezeichnet. In diesem Sinne herzliche Gratulation zur stolzen Bilanz der zurückliegenden Aktivitäten, manifest geworden in einer Fülle von Veranstaltungen, Publikationen und Projekten, und alles Gute für die kommende Zeit: Ad multos annos – auf viele weitere erfolgreiche Jahre.

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Villinger Impressionen um 1970 Was war es für eine Zeit, in dem der Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. gegründet wurde?  (Ingeborg Kottmann)

Villinger Impressionen um 1970

Was war es für eine Zeit, in dem der Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. gegründet wurde?     Ingeborg Kottmann

Das Jahrzehnt der großen, der unvergesslichen Ereignisse, aber auch das Jahrzehnt der Gegensätze ging zu Ende. Die Bundesrepublik war etabliert, die erste Wirtschaftskrise gemeistert und die Gastarbeiter hatten ihre Speisen und Lebensgewohnheiten eingeführt, die auch die Gewohnheiten der Einheimischen umgestalteten und zur Wohlstandsgesellschaft beitrugen. Die ab 1950 zugewiesenen Flüchtlinge waren weitestgehend integriert. Die endgültige Teilung Deutschlands durch den Mauerbau und die Grenzsicherungsmaßnahmen waren von hier aus ein geschichtliches Ereignis, aber weit weg. Nah dagegen war das Wiedererstarken der Rechten Bewegung, die NPD, die in viele Kommunal- und Landesparlamente einzog. Zur Landtagswahl 1968 hatten 5 Parteien Kandidaten aufgestellt: CDU Karl Brachat; SPD Hans Frank; FDP/DVP Johannes Isslei; DL (Demokratische Liste) Walter Egle; NPD Horst Kuranski. Die NPD erreichte 9,8 Prozent und zog in den Landtag von Baden-Württemberg ein.

Auf der anderen Seite protestierten die Studenten gegen die erstarrten Strukturen in Universitäten und Gesellschaft, die „braune“ Vergangenheit und die Notstandsgesetze. Da die nächsten Universitäten Tübingen und Freiburg waren, spürte man in Villingen von diesen Unruhen weniger. Allerdings löste auch hier der Mord an Martin Luther King einen Schock aus, und man bejubelte den ersten Flug von Menschen zum Mond und den ersten Schritt Neil Armstrongs am 21. Juli 1969 auf dem Mond.

Politik / Verwaltung

Villingen hatte 37.198 Einwohner und war die Kreisstadt des Kreises Villingen mit 93.000 Einwohnern. Zu der Zeit gab es in Villingen noch Kurbetrieb und das Kneippsanatorium am Germanswald, 2.000 Übernachtungen mehr in den ersten neun Monaten 1969 als im Vorjahr. Wochentags war oft kein Bett mehr frei. Im Kreis Villingen gab es 131 Ärzte, die meisten 70 Spezialisten und 50 Zahnärzte.

Abb. 1: Best. 5.2.4, Nr. 57.

Die Französische Garnison war keine isolierte Insel mehr, Man nahm abwechselnd an den Empfängen teil und arbeitete freundschaftlich zusammen.

Damals wie heute wurde der Kontakt mit der Partnerstadt Friedrichsthal gepflegt. Immer wieder kamen Delegationen von Friedrichsthal nach Villingen und umgekehrt. Neben Empfängen standen auch Betriebsbesichtigungen und Treffen der Vereine auf dem Programm.

Zur Bundestagswahl 1969 kam viel Prominenz nach Villingen. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Walter Scheel und Willy Brand. Als Willy Brand kam, wurde er mit Gewitter und Starkregen empfangen, so dass die Veranstaltungen erst verspätet anfangen konnten.

Schon damals sehr begrüßt: Ein Plus bei den Gewerbeeinnahmen. Die meisten Gelder verschlangen die Schulen, die Straßensanierungen, die Sozialunterstützungen und die Personalkosten.

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Die Personalkosten der Stadt waren seit 1958 jährlich um 1 Mio. gestiegen. Wie viele Städte lebte man von den Rücklagen „Mit anderen Worten: Die Städte und Gemeinden gehen langsam aber sicher pleite, wenn in naher Zukunft nichts Entschiedenes zur Stärkung ihrer Finanzkraft geschieht.“ Dies könnte eine Schlagzeile von heute sein. Villingen gab pro Einwohner 14,16 DM an Zuschüssen für Jugend und Sozialhilfe aus, der Landesdurchschnitt lag bei 7,85 DM.

Schon früh führte die Stadt auf den verschiedenen Gebieten die elektronische Datenverarbeitung ein. Villingen war damit vielen Städten mit gleicher Einwohnerzahl weit voraus. Rationalisierungsmaßnahmen wurden in regelmäßigen Abständen überprüft.

Ein Großprojekt der Verwaltung war der Neubau für die Stadtwerke und den Werkhof. 1967 war der erste Bauabschnitt fertig: Verwaltungsgebäude, Lagerhallen und Sozialgebäude. Der 2. Bauabschnitt: Drei Lagerhallen für Werkhof, Fuhrpark, Tankstelle, Garagen, Holzlagerschuppen und Wohnhäuser ein Jahr später. Oberbürgermeister Kern sagte bei der Übergabe: „Markstein in der Geschichte der Zähringerstadt.“ Im Namen der Architektengruppe übergab der Friedrichshafener Diplomingenieur Hefele den Schlüssel an den Oberbürgermeister.

Irgendwie noch aktuell der Vorwurf an die

Verwaltung, die Bevölkerung über wichtige gemeindepoltitische Angelegenheiten zu spät zu informieren. Ein Beispiel war die Fällaktion von 30 Bäumen in der Schillerstraße, die der Verdolung des Baches weichen mussten. Hier wurden die Anwohner morgens durch den Lärm der Motorsägen geweckt. Die gemeinderätlichen Ausschüsse waren darüber auch nicht informiert worden.

Alltagseindrücke

Ein großer Aufreger war der Minirock, der auch in Villingen bald zu sehen war. Lockenköpfe wurden wieder modern. Der Mini-Rock erforderte eine schlanke Figur, daher kamen nun verstärkt Diäten auf dem Markt „Das Leben in vollen Zügen genießen – dank Wimpfena-Schlank“.

Wie in den Sechzigern üblich, spielten Sex und Moral eine tragende Rolle. Ein Anlass für massive Proteste bot der „Sexualkunde-Atlas“, den SPD-Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel bundesweit als Standardwerk an den Schulen einführen wollte. Vor allem kirchliche Vertreter kritisierten die „Selbstverständlichkeit“, mit der sexuelle Handlungen dargestellt wurden.

Wer Kolles „Aufklärungsfilme“ sehen wollte, musste nach Donaueschingen fahren. Die Emanzipation der Frauen steckte noch in den Kinderschuhen. „Frau“ für alle weiblichen, volljährigen als Anrede, außer es wird ausdrücklich eine andere gewünscht, wurde obligatorisch. Noch gab es aber den § 218 und in Villingen Verfahren wegen illegaler Abtreibung bzw. Hilfe zur Abtreibung.

Auf Partnersuche geht man heute per Internet, früher geschah dies per Zeitungsannonce. Aber es warben auch gewerbliche Eheanbahnungsinstitute per Anzeige für ihre Klienten. Man verkündete Familienfeiern wie Verlobung, Heirat oder Danksagungen für Hochzeitswünsche und Geschenke noch in der Zeitung. Die meisten Frauen waren mit 25 Jahren verheiratet.

Auch die Todesanzeigen waren zahlreicher, denn vielfach geschieht die Benachrichtigung heute durch Telefon oder Mail Kontakt.

Es gab damals zwei deutsche und je ein österreichisches und schweizerisches Fernsehprogramm – heute kaum mehr nachzuvollziehen – und farbig wurde das Fernsehen erst 1967.

Langsam machte man sich mehr Gedanken über die Qualität von Lebens- und Putzmittel. Die Bioläden kamen in Mode und man warb z.B. für ein biologisches Einweich- und Vorwaschmittel Bioluzil. Heute wieder in die Papiertüte, damals noch neben der Einkaufstasche die normale Transportmöglichkeit für die Einkäufe. Plastiktüten waren noch selten.

Aber die Vernichtung von Lebensmitteln hatte man auch damals nicht im Griff.

Verbandskästen im Auto waren nun gesetzlich vorgeschrieben. Gurte, die viele tödliche Unfälle verhindert hätten, gab es in vielen Fahrzeugtypen schon, wurden aber erst 1976 zur Pflicht in Deutschland. Einen Artikel kann man seither einmal im Jahr bringen: Tempo runter bei Glätte und Nässe, mehr Abstand halten, Winterreifen rechtzeitig aufziehen.

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Kirchliche Angelegenheiten

Pfarrer Hans Günter Michel hat sich seit den 50er Jahren für die Pflege von Soldatengräbern eingesetzt und hat 1967 mit Jugendlichen den französischen Soldatenfriedhof in Saarburg gepflegt. Er bekam dafür vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die silberne Ehrennadel. Pfarrer Michel war auch der 1. Vorsitzende des Stadt- und Kreisjugendrings.

Die Kirche spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle im Gemeindeleben. Bruder Klaus wurde von der Kuratie im Juni 1969 zur Pfarrei erhoben, Pfarrer Karl Eger. Die Kirche erhielt einen Kreuzweg von Josef Henger, Ravensburg.

Ausgerechnet während der Firmung mit Pontifikalamt mit Erzbischof Dr. Hermann Schäufele fiel der Putz von der Decke des Mittelganges im Münster und bewies den starken Renovierungsbedarf desselben.

Am 26.1.69 durften die Katholiken ihren ersten Pfarrgemeinderat wählen. In Villingen waren es ca. 21.000 Wahlberechtigte.

Wirtschaft

Wenn man die Zeitungen in dieser Zeit durchliest, fühlt man sich wie in einer anderen Welt oder wundert sich, wie wenig sich im Denken der Menschen geändert hat. Dass die Wirtschaftskrise im Abklingen war, sah man an den vielen Stellenausschreibungen der Firmen: SABA, Kienzle, Kodak, Schiesser, Telefunken, Bauknecht, Kundo, Kienzle, Kleider Müller, Dual, Hertie, Spar, Tengelmann, Triumph, Wigo, Jerger Uhren, Winkler, Grundig, Kaiser, auch Firmen aus der Schweiz suchten in ganz Baden-Württemberg neue Arbeitskräfte. Personal suchte man nicht geschlechtsneutral, sondern Betriebsschlosser, Stenotypistin, Geschäftsführer, Dekorateur, Friseuse, Kraftfahrer, Sekretärin, Techniker etc. Auch Heimarbeiter wurden noch viele gesucht, heute gibt es dies fast nicht mehr.

Der Immobilienmarkt war Richtung Bodensee ausgerichtet. Die Wohnungsangebote kamen ohne Preise und meist mit Chiffre in die Zeitungen. Heute wieder sehr aktuelle Themen: Wohnungsmangel und Mieterhöhung.

In den Gewerkschaften diskutierte man über Risiko und Chance der Automatisierung. Ein heißes Eisen war die lange Arbeitszeit von Eisenbahnern mit 56 Wochenstunden. Eine Prognose des Präsidenten des Landesarbeitsamtes, Dr. Sturm, traf nicht ein: „Im Jahre 2000 wird es vielleicht schon die 30 Stunden Woche geben.“ Allerdings die Arbeitslosenquote für den Bezirk Villingen war 1969 traumhaft 0,1 Prozent.

Im März 1968 machte sich das Label MPS Record von SABA unabhängig, da die neuen Besitzer kein Interesse am Studio hatten. 1969 organisierte das Studio eine Tournee durch 18 Städte mit Milt Buchner, Lee Konik, Albert Mangelsdorff, Attila Zoller, Mark Murphy und Dave-Pitz-Set. In den 60er Jahren war Villingen durch das Jazz Studio und den Jazz-Keller eine Hochburg des Jazz in der Region.

Wer ahnte damals, wie bald die Wirtschaftskrise vor allem die der Uhren- und Unterhaltungsindustrie kommen würde. Noch hoffte die Firma Kaiser-Uhren, die Krise bereits überstanden zu haben, denn der Umsatz hatte sich wieder erhöht.

Kienzle errichtete den Neubau an der Sommertshauser Halde. Paul Riegger, Vertriebsdirektor bei Kienzle-Taxameter und graue Eminenz, trat in den Ruhestand. Kienzle hatte gerade einen neuen Preisrechner für Tankautomaten entwickelt, der auch Geldscheine annahm.

Heute wieder aktuell: Personalmangel im Handwerk. Ende der 60er Jahre bekam vor allem das Metzgerhandwerk kein Personal. Ein Betrieb in Villingen musste deshalb vorübergehend schließen, dabei war die Arbeit nicht mehr so schwer wie früher und wurde auch gut bezahlt.

Damals noch lohnend Geldanlagen in Bundesschatzbriefen (5,8 – 8 Prozent) und Sparbüchern. Der bargeldlose Zahlungsverkehr begann sich langsam durchzusetzen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung war der Bau der Autobahn Stuttgart – Bodensee entscheidend. Eine sehr emotionale Diskussion löste die Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn aus.

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Ein neues Thema: Verbrauchermärkte vor der Stadt. In die Planungen für ein neues Einkaufszentrum in Dürrheim hat der Dürrheimer Bürgermeister Otto Weissenberger Schwenningen miteinbezogen. Das Gebiet des Mooses sollte nicht angetastet werden. Auch die Straßenführung musste dafür verändert werden.

Die Villinger Einzelhändler wandten sich gegen das Einkaufszentrum im Goldenen Bühl. Sie glaubten die Kaufkraft ließe sich nicht einfach verdoppeln, zumal in der Innenstadt zwei neue Warenhäuser entstanden und die Konkurrenz in Schwenningen vorhanden sei. Doch das Einkaufszentrum ließ sich nicht mehr verhindern, weil die Verträge bereits unterschrieben waren und die Stadt zugestimmt hatte. Allerdings wurde eine Verkleinerung der Verkaufsfläche erreicht.

In den folgenden Jahren folgte dem eine Konzentration im Lebensmittelhandel, der bis heute anhält. Viele Firmen wurden von anderen übernommen und die Namen verschwanden aus den Anzeigen, hier einige Namen, die 1969 noch für ihre Sonderangebote warben: Gottlieb, Tengelmann, VIVO, Kaiser’s Kaffee-Geschäft, Pfannkuch, Centra, Spar, Coop und P & Q.

Einige Versicherungsunternehmen, die heute kaum noch einer kennt, z. B. Aachen Leipziger, Volksfürsorge, kämpften um Kunden.

Auch die Geschäfte in der Innenstadt veränderten sich. An der Weihnachtsaktion 1968 nahmen folgende Geschäfte teil: „Villingens Sterntalergeschäfte empfehlen sich zum Weihnachtseinkauf“:

Abb. 2: Best. 5.2.4, Nr. 2364.

Schuhhaus Kleinhans, Oberle Einrichtungshaus, Henninger Elektro, Jos. Schleicher Gardinenhaus, Mode Schilling, Hosen-Eck, Schuhhaus Müller, Alles fürs Kind Bauer, Hugo Riegger, Foto Singer, Johann Grießhaber Schmuck und Uhren, Bekleidungshaus Jos. Rothweiler, Möbelhaus Jordan, Mode Broghammer, Elektro-Bode, Rudolf Riegger Innenausstattung, Hermann Fleig Nähmaschinen, Gallion Innenausstattung, Stoffe Hertenstein, Bruno Tröndle Wäsche und Mieder, Sanitätshaus Ley, Müller Uhren Schmuck, Drogerien Bettling, Butta-Stetter u. Strengert, Gustav Hässler Geschenke, Modehaus Haux, Elektro Schneider, Schuh Köstner, Valentin Riegger Lederwaren, Schuhhaus Hässler, Radio Schöller, Böck Herren-Knaben-Kleidung, Photo Sauer, Mode Torney, Pelzhaus Gaiser, Herrenkleidung Stiebitz, Hauck Accessoires u. Berufskleidung, Parfümerie Lochar, Möbelhaus Flaig, Möbelhaus Riesterer, Reste-Quelle, Görner Textil Pelze, Zoo Glökler, Wolle Flaig, Adolf Strohm Geschirr Gußeisen, Radio Mesaros, Papier Fackler, Treppte Reinigung, J. u. K. Hanßmann Öfen, Auto-Zubehör-Discount, Kajüte Tanzbar.

Dafür würde heute kein Textilhaus mehr werben: Trauerkleidung, denn auch die Trauersitten unterliegen einer Mode.

Der Gewerbeverein wollte keine Verbannung der Autos aus der Innenstadt, denn er befürchtete dadurch einen Abzug von potentiellen Käuferschichten. Ebenso lehnte er zu strikte denkmalpflegerische Vorgaben ab.

Noch gab es Schlussverkäufe zum Winter und zum Sommer und nicht das ganze Jahr über und nur dort und vor Weihnachten gab es lange Samstage.

Einige Veranstaltungen haben bis heute Bestand: Neujahrsschießen auf dem Hubenloch und die Fasnet. Ab 1968 ein Fastnachtsthema: „Vinningen oder Schwellingen“. Zunftmeister Franz Kornwachs wollte den Kontakt zur Schwenninger Narrenzunft, dessen Patenverein man ist, nicht verlieren. Zunftmeister der Schwenninger Narrozunft! (Südkurier) Willi Maier „Die Villinger meinen, wir Schwenninger könnten keine richtige Fastnacht machen.“

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Aber ganz ohne negative Schlagzeilen ging es auch damals nicht: Autoaufbrüche waren zahlreich, gestohlen wurden Tonbandgeräte und Autoradios. Der Polizei machte auch der Anstieg der Unfallfluchten Probleme. Auch wilde Verfolgungsfahrten durch die Stadt lieferten sich Polizei und flüchtende Verkehrssünder, die zumeist keinen Führerschein besaßen. Vandalismus gab es auch. So wurden oft Blumen aus den Töpfen gerissen. Damals in Papiertüten heute in Plastiktüten, Hausmüllentsorgung in öffentlichen Papierkörben. Wohnungseinbrüche machten schon herumreisende Diebesbanden, für einige war allerdings in Villingen Schluss. Insgesamt wurden 30 Straftäter verhaftet.

Auch in der Fastnacht war nicht alles erlaubt. Einschlagen der Fenster von St. Fidelis und der Benediktinerkirche, Stinkbomben in Lokale werfen und mit Wasserpistolen und Knallfröschen aus dem Hinterhalt auf Personen zielen blieb auch in der „fünften“ Jahreszeit verboten.

35 Frauen zwischen 20 und 59 Jahren, zumeist verheiratet und in geordneten Verhältnissen lebend, haben Geschäfte in Schwenningen und Villingen um ca. 50.000 DM betrogen. Sie wurden angeklagt wegen Diebstahl, Untreue und Hehlerei.

Heute wie damals noch immer ein Tabuthema: Kindesmissbrauch. Ein Stiefvater bekam dafür zwei Jahre Haft. Die Dunkelziffer dürfte damals jedoch noch höher gelegen haben als heute. Eine 15-Jährige erstach eine Kioskbesitzerin.

So gefährlich wie heute das Spiel mit dem Feuer, damit setzte ein Junge den Lagerschuppen der Stadtwerke in Brand und richtete einen Schaden von 6.000 DM an. Jugendliche entzündeten im Groppertal ein Feuer, es griff nicht auf den Wald über, weil der Sommer sehr unbeständig verlief. Die sommerliche Witterung wurde immer wieder von kräftigen Abkühlungsphasen mit heftigem Niederschlag unterbrochen. Am 29. Juli 1969 fielen in 36 Stunden ein Viertel des Jahresniederschlages. Die Sommergewitter ließen mehrfach Keller volllaufen. Im Winter 1968/69 kam es zu einem Schneenotstand auf den Straßen. Infolge des starken Schneefalls gab es allein im Dezember 7 Verkehrstote.

Heute kommen Füchse in die Stadt, damals wurden ihre Bauten als Überträger der Tollwut begast.

Die Schnelllebigkeit oder Wandelbarkeit im Bereich Telefon, Unterhaltungselektronik und PCs war rasant. 1968 waren zu Weihnachten noch Verkaufsschlager: Schmalfilme, Schmalfilmprojektoren und Kameras.

Dann noch dies: 350 Telefonanschlüsse waren ausgefallen. Heute eine Katastrophe, die Reparatur dauerte über eine Woche. Das Ortsnetz Villingen wurde am 14. 1. 69 an den vollautomatischen Auslands-Selbstwählferndienst angeschlossen, allerdings brauchte man Geduld, denn bis in den Niederlanden jemand abhob, dauert es mindestens zwei Minuten.

Im privaten Bereich begann die Umstellung auf Zentralheizungen, denn in der Zeitung wurden vermehrt alte Öfen, Beistellöfen und Kachelöfen angeboten.

Daueraufreger: Benzinpreissteigerungen.

Für die Rentenversicherung musste man noch Marken kaufen und in ein Buch einkleben. Hatte man es vergessen, wurde die Rente geschmälert.

Heute umstritten: die Schluckimpfung. 1967 war der Andrang so stark, dass der Impfstoff am Nachmittag ausging. In den Jahren danach war man im Gesundheitsamt besser auf den Andrang vorbereitet. Heiß diskutiert wurde die neue „Verhütungspille“, die meisten Ärzte befürworteten die Einnahme.

Im Kreis Villingen wurde der Verein „Lebenshilfe“ gegründet. Erster Vorsitzender war Dr. Axel Borchers.

Städtebau

Ein Thema war der Bau eines neuen Rathauses außerhalb der Stadtmauern. Für viele Bedienstete vor allem vom Rechnungsamt waren die Arbeitsbedingungen kaum noch haltbar, dunkle, oft sehr kalte Räume. Provisorien hatten Konjunktur in Villingen, das Rathaus war viel zu klein und es gab deshalb viele Außenstellen.

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Die Räume der Finanzbehörden waren und sind hellhörig, die Böden uneben und der Platz ist sehr begrenzt. Verwaltungsreformen scheinen ein Dauerthema zu sein, Sparen, Streichung von kostenintensiven Gebühren, Stellenstreichungen und Schulung der Mitarbeiter, damit teure Geräte auch genutzt werden können.

Noch stand der Straßenverkehr im Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Heute teure Oldtimer, damals noch auf den Straßen Borgward und der NSU RO80 mit Wanckel-Motor. 3,1 Mio. DM gab Villingen pro Jahr für Straßenbaumaßnahmen aus. Ab 1970 rollten die ersten Wagen über die teuerste Brücke in Villingen, die Bertoldbrücke, deren Bau sehr schwierig war, da der Schienenverkehr nicht unterbrochen werden durfte und der Untergrund sehr porös war.

Die Innenstadt hat sich auch verändert. Der Abriss der Blume-Post geschah, nicht alle waren dafür. Die Kürzung der Stadtmauer im Bereich des Franziskaners musste der Stadtbaudirektor Nägele massiv verteidigen. Die Mauer war baufällig geworden, vor allem, weil man die sie haltenden Schuppen demontiert hatte. Hierzu gab der neugegründete Geschichts- und Heimatverein seine erste Stellungnahme ab. Die Mauer stelle keine Gefährdung dar, das Franziskanerkloster wäre bis dahin im Grundaufbau vollständig erhalten gewesen, ein hoher städtebaulicher Schaden, da mittelalterliche Bossenquaderbogen und gotisches Maßwerks verloren seien.

Es gab viele Vorschläge auch ein Gutachten von Dr. Ing. Schmidt aus Augsburg, die sich des Themas annahmen. Ziele waren: kulturelle Aufwertung, Zusammenlegung von kleinen Häusern, Autoverkehr vor die Tore, abgestimmte Farbgebung. Stadtarchivar Dr. Fuchs lehnte einen Eingriff in die Struktur dieses Gebiets entschieden ab, da es eine selten vorkommende Konstruktion sei. Er warnte vor einer Uniformierung des Stadtbildes. Gerade die vor- und zurückweichenden Baufluchten, der Wechsel in der Höhe der Fenstersimse und Dachtraufen brächten reizende Aspekte. Allerdings gab es auch Befürworter, die gegen die Abrissbirne nichts einzuwenden hatten. Einige Besitzer ließen ihre Häuser zerfallen, bis sie einsturzgefährdet waren. Der Neubau der Metzgerei Paul galt als gelungener Beitrag zur Altstadtsanierung. Die Innenstadtsanierung beherrschte noch die folgenden Jahrzehnte.

Gebaut wurde viel: Kinderkrankenhaus mit Schwesternhaus, Werkhof, Friedhofserweiterung, Südzufahrt, Altstadtsanierung, Erschließung des Mittleren Steppach, Baugebiet Wöschhalde für 6.000 Menschen, Bebauungsplan für den Kopsbühl, Grundschule Steppach und Kindergarten am Warenbach, Niedere Tor Sanierung. Hier intervenierte der Gemeinderat und plädierte nach der Hälfte der Bauzeit erfolgreich für eine bessere Straßenführung, da die Verkehrsplaner die Größe der Busse unterschätzt hatten und diese daher kaum aus der Haltestelle ausfahren konnten, ohne die Umgrenzung zu überfahren.

Abb. 3: Best. 5.2.4, Nr. 2368.

Die Flut von Ampeln nahm zu. Aufregung herrschte über eine dritte Ampel auf der Goldenbühlstraße. Bürgermeister Müller verkündete, dass diese den Verkehrsfluss nicht hindere.

Oberzentrum –  Region Schwarzwald-Baar-Heuberg

Die anstehende Verwaltungsreform, die in Baden-Württemberg bevorstand, machte vielen eher Angst, denn man glaubte nicht daran, dass dies zur Vereinfachung der Verwaltung und zu Kosteneinsparung führen könnte. Die Neueinteilung der Kreise, d.h. die Aufgabe des Kreises Villingen, stieß auf Ablehnung. Es war bisher nur von der Bildung von Oberzentren gesprochen worden, doch bald wurden daraus Eingemeindungen von kleineren Orten in größere.

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Die Globalisierung nahm Formen an. Vielleicht war dies durchaus ein Gedanke, der zur Vereinsgründung führte. Man wollte in einer immer näher rückenden Welt das Besondere des Ortes erhalten. Dies war sicher auch der Anlass, warum die anderen ehemals selbständigen Orte alle eine eigene Ortschronik mit Hilfe des Stadtarchivs erstellten. Man brauchte einen Anker je mehr man an Daten aus der Welt erfuhr. 2

Abb. 4: Best. 5.2.4, Nr. 2370.

Ab 1967 starteten die Verhandlungen für ein Oberzentrum Villingen/Schwenningen. im Kreistag vertrat Kreisverordneter Dr. Haas die Meinung, dass ein Oberzentrum Villingen/Schwenningen gut sei, da es aufgewertet und besser ausgestattet werde. Er rechnete Dürrheim zum Oberzentrum.

Am 11.1.69 machte Wilhelm Binder den Vorschlag, einen Stadtkreis Villingen-Schwenningen zu errichten, dafür seien 100.000 Einwohner nötig. Er war der festen Überzeugung, dass diese Zahl bald erreicht sein werde. Das Regierungspräsidium unterstützte den Vorschlag.

Die VHS Schwenningen führte Forumsgespräche im Deutenberg-Gymnasium zu diesem Themenbereich durch. Villinger durften kostenlos mit dem Bus dorthin fahren.

Den Zusammenschluss der Städte bezeichneten viele 1969 noch als Zukunftsmusik. Man trat für die Politik der kleinen Schritte ein und die Fusion sollte Modellcharakter bekommen. Die Stadt Rottweil war gegen eine Stadtfusion, da sie die Aufgabe ihres Kreisstadtstatus fürchtete.

Gegen den Städtezusammenschluss wandte sich die „Aktion Villingen“. Man war der Ansicht, allein ginge es besser. Ein Argument der Aktion stellte sich als zutreffend heraus, die Kosten für die Verwaltung wurden nicht weniger.

Bei vielen Projekten in der Zeit dachte man daher zweigleisig. Man wollte viele Institutionen und Sportanlagen gemeinsam betreiben, dachte aber zugleich auch an die Alternative, wenn dies nicht gelänge. So gab es Überlegungen, ein gemeinsames Krankenhaus zu bauen. Die Überschrift lautete: „Die Weichen für den Bau des Kreiskrankenhauses sind gestellt“. Minimalziel war die Verwaltung der zwei Krankenhäuser unter einer Leitung.

„Soll Villingen ein eigenes Rollschuh- und Eisstadion bauen?“ Diese Schlagzeile gibt die Forderung des Roll- und Schlittschuhclubs Villingen 1932 wieder. Bisher lief man Schlittschuh auf dem Eisweiher an der Waldstraße. Nun möchte man ein Stadion auf dem Gelände des FC 08 errichten, damit zwei gleichartige Veranstaltungshallen nicht so eng beieinander liegen, wenn es zur Bildung eines Oberzentrums komme.

Auch ein großes Schwimmbad zusammen mit Schwenningen und Bad Dürrheim war in dem Gebiet zwischen den Städten angedacht. Der Gemeinderat wollte als Alternative ein neues Freibad in Steinkreuzwiesen geplant wissen, dass in Etappen gebaut werden könnte. Die Vorgaben waren: Wellenbad mit 21 x 50 m, ein Planschbecken, Wohnungen für das Personal, Umkleideräume (beheizt und unbeheizt) mit Schließfachsystem, Kiosk mit Sitzplätzen, Sprungbretter mit 1, 3 und 5 m Höhe und eine Überdachung bei schlechtem Wetter. Dr. Gebauer sprach sich daher auch gegen die Erweiterung des Freibades in der Lupfenstraße aus.

Kultur

Nach Jahrzehnte langen Debatten sollte 1968 eine neue Initiative unternommen werden, um eine Musikschule für Kinder und Jugendliche unter neutraler Leitung zu gründen. Als Vorbild galt Schwenningen. Als Grundlage diente ein jährlicher städt. Zuschuss.

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Initiatoren der Idee waren Kantor Heinrich Schmidt-Seeger und Schulamtsdirektor Helmut Heinrich. Die Kosten für Eltern pro Monat 9– 14 DM für wöchentlich vier Stunden.

Maler Richard Ackermann wurde anlässlich seines 75. Geburtstags geehrt im Matthäus Hummel Saal, Ausrichter Volksbildungswerk, Redner Helmut Heinrich, der Auftrag und Ausführung des Künstlers im Allgemeinen und anschließend das Werk des Künstlers im Besonderen vorstellte. Höhepunkt des Abends bildete das Referat Ackermanns über seine Farbbildmappe „Flammen und Strahlen“, eine Farbbildfolge, 1966 entstanden, in der er nach seinen eigenen Worten „das Hinfinden lernen zur Entwirrung des Lebens“ konkret und abstrakt aufzeigen will. Bürgermeister G. Müller bedankte sich im Namen der Stadt. (13. 12. 67)

Träger des Villinger Kulturlebens: Volksbildungswerk und Theater Gemeinde, Kulturamtsleiter Willi Hacke. Rund 150 Veranstaltungen in 10 Monaten, d.h. jeden zweiten Tag fand ein Theatergastspiel, eine Filmvorführung, ein Vortrag oder ein Konzert statt. Schulamtsdirektor Helmut Heinrich war eine bekannte und engagierte Person des Kulturlebens.

Ein Werbeträger nicht nur für die Firma sondern auch für die Stadt war das Saba Werksorchester unter Leitung von Joe Bülow. Es gab etliche Konzerte in nah und fern.

Der Gemeinderat stimmte dem Umbau des Theaters am Ring mit Erweiterungsbau zu. Ins Untergeschoss kamen die Räume für das Kulturamt. Ferner vorgesehen waren Verbesserungen im Zuschauerraum und der technischen Anlagen, sowie eine Parkplatzerweiterung.

In manchen Bereichen ändert sich wenig, Gebühren für Kindergärten stiegen, da städtische Zuschüsse nicht ausreichten, von 20 auf 25 DM für das erste Kind.

1968 fehlten 4.769 Gymnasiallehrer allein in Baden-Württemberg. 1969 war der Lehrermangel an Berufsschulen gravierend. Gegen den Lehrermangel sollte eine rechtzeitige Planung helfen, dies ist leider bis heute nicht gelungen. Am 19. 3. 69 feierte die Landwirtschaftsschule 100 Jahre, aber es wurden keine Festreden gehalten, da die Landwirtschaft Hilfe brauchte. 1969 gab es eine Blattlausplage, die nur eine mittlere Ernte bei Kern- und Steinobst einbrachte und eine sehr schlechte Kartoffelernte zuließ.

Der Kreistag stimmte der Erweiterung der Gewerbeschule zu. Die Kosten waren hoch, denn 1,5 Mio. waren allein für die Ausrüstung der Werkstätten veranschlagt. Für die Bauten kamen 2 Mio. vom Staat und über ein Darlehen 4 Mio..

17. 9. 1969 wurde die Bickebergschule ihrer Bestimmung vom Architekten Schneble aus Konstanz übergeben. Sie hatte gleich 640 Schüler. Beim Bau der Bickebergschule hatte man eine fünf-Zentner-Bombe gefunden. Sie war mit Flakgranaten vergraben worden.

Bei den Ausgrabungen für das neue zweite Gymnasium „Hoptbühl“ entdeckten die Bauarbeiter bei den Ausschachtungen einen fast 1000-jährigen Brunnenschacht, der vermutlich aus dem 9. – 11. Jahrhundert stammte. Die Bauzeit betrug zwei Jahre (1969 – 1971), der Spatenstich war am 18. 8. 1969. In dem preisgekrönten Plänen von Architekt Kaufmann gab es Nachbesserungen, denn die Schulzimmer wurden vergrößert und mehr Parkplätze angelegt. Ein Problem war die Verteuerung des Baustahls um 250 Prozent, der damals viele Bauprojekte verteuerte.

Heiß diskutiert wurde die Einrichtung eines Hauses der Jugend. Jede Gruppierung, die sich um Jugendliche kümmerte, hatte Angst um ihren Einfluss.

1968 bestand als einzige Frau die Villingerin Elfriede Hoog in Furtwangen ihr Ingenieurexamen.

Sport

Im sportlichen Bereich hat sich einiges verändert. Der FC 08 spielte im süddeutschen Regionalliga-Fußball. Ein Gegner war der FC Freiburg. Dies ist kein Schreibfehler, denn damals spielte der FC Freiburg um den Aufstieg in die Bundesliga.

Zum Spiel gegen den Karlsruher SC kamen 14.000 Besucher. Darauf war man nicht vorbereitet, denn es fehlten genügend Kassenhäuschen, die Verkehrsregelung war schwierig, denn es fehlten Parkplätze, da die Wiesen morastig waren. Einige sind gleich wieder nach Hause gefahren.

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Der FC 08 wollte eine Entschädigung von der Stadt wegen des verzögerten Stationsausbaus, da es dadurch geringere Einnahmen gab. Das schlechte Wetter verhinderte zudem den Losverkauf zugunsten der Nachwuchsförderung. Der Verein verwies darauf, dass andere Regionalligavereine durch die Kommunen unterstützt würden.

Als der FC Bayern gegen den FC 08 spielte, zog er ins Gustav-Strohm-Station in Schwenningen um, da dort bessere Bedingungen herrschten. Dies führte zum Wunsch, endlich eine Tribüne zu errichten. Der Tribünenbau im Friedengrund war danach monatelang ein Thema, da sich die Inbetriebnahme immer wieder verzögerte und dem Verein so Eintrittsgelder fehlten. Die Stadt meinte, eine Tribüne für 800 Personen müsste reichen, der 1. Vorsitzende Riegger wollte eine für 1.200 und war bereit, die Mehrkosten zu zahlen. Dies akzeptierte die Stadt.

1969 suchte der FC 08 Schneeschipper, damit nicht noch mehr Spiele wegen Schneefalls ausfallen.

Der Schachclub Villingen war sehr erfolgreich, er schlug sogar Tabellenführer Konstanz.

Sportliche Erfolge gab es bei vielen Nachwuchssportlern, z. B. im Freistilringen und bei den Judokas.

1969 fanden noch Seifenkistenrennen am Warenbach statt. Allerdings organisatorisch ein Kraftakt, da nicht genügend Helfer zur Verfügung standen. Zuschauen war einfacher und interessanter.

Es gibt sicher noch viele Geschichten und Ereignisse aus der Zeit, aber diese Auswahl gibt einen kleinen Einblick in die damaligen Probleme und Problemchen.

Anmerkungen:

1    Die angeführten Ereignisse basieren auf Artikeln des „Südkurier“ und aus der Stadtchronik SAVS Best 5.22.

2    Zu den Abläufen bis zur Gründung der gemeinsamen Stadt s. Heinrich Maulhardt: Chronologie des Zusammenschlusses 1967 bis 1975. In: Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen Bd II. Verlag der Stadt Villingen-Schwenningen 2017, S. 604 – 668.

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Vertrauensfragen: Was kann man aus Weimar lernen? (Thomas Schnabel)

„Vertrauen ist die Zuversicht, mit der man sich auf einen Andern verläßt. Der Erzieher soll seinen Zöglingen Vertrauen beweisen, wo sie es irgend verdienen, oft sogar, um sie dessen würdig zu machen.“ 1 So heißt es in einem Universal-Lexikon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für ältere und jüngere christliche Volksschullehrer aus dem Jahr 1842. In den allgemeinen Lexika dieser Zeit findet man im übrigen das Stichwort „Vertrauen“ nicht.

Bezeichnenderweise taucht das Stichwort dann wieder 120 Jahre später in einem längeren Artikel in dem Lexikon „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ auf. Darin heißt es: „V.(ertrauen, T.S.) ist ein Grundphänomen, ohne das die Kommunikation zwischen Menschen ausgeschlossen wäre. Nicht nur dem, den wir kennen und von dem wir wissen, dass er unseres V.(ertrauen, T.S.)s würdig ist, sondern auch Menschen, die uns völlig fremd sind, begegnen wir mit natürlichem V.(ertrauen, T.S.). Erst wenn sich jemand durch sein Verhalten verdächtig macht, oder wenn die äußeren Umstände sich zuspitzen, etwa in Kriegszeiten, sind wir auf der Hut und werden mißtrauisch… V.(ertrauen, T.S.) heißt sich selbst ausliefern. Daher reagieren wir schon bei verhältnismäßig geringfügigen Dingen heftig, wenn unser V.(ertrauen, T.S.) mißbraucht wird.“ 2

Vertrauen ist aber nicht nur im zwischen-menschlichen Bereich von ausschlaggebender Bedeutung – ohne Vertrauen ist ein Zusammenleben nicht möglich, funktioniert letztlich auch keine Gesellschaft. „Insofern der Mensch mit dem V.(ertrauen, T.S.), das er erweist oder begehrt, einen größeren oder kleineren Teil seines Lebens der Macht des anderen preisgibt, ergibt sich aus dem V.(ertrauen, T.S.) die Forderung, das einem so ausgelieferte Leben des anderen zu wahren und zu schützen.“ 3

Wir erinnern uns in diesem Jahr an den Beginn des demokratischen Regierungssystems in Deutschland vor 100 Jahren. Revolutionen sind Folgen von tiefen Vertrauenskrisen. Das blinde Vertrauen der deutschen Bevölkerung von 1914 in seine politische und militärische Führung wurde mit dem Desaster im Herbst 1918 zutiefst mißbraucht. Daher reagierten Teile der Bevölkerung, wie es in dem Lexikonartikel hieß „heftig“. Das monarchische Regierungssystem wurde, von München und Berlin ausgehend zerstört. Selbst persönlich beliebte Monarchen wie der letzte württembergische König Wilhelm II. konnten sich diesem Sog nicht entziehen. Innerhalb weniger Tage waren über 1000 Jahre adelige Herrschaft weggefegt.

Nur dem Militär gelang es, seine katastrophale Niederlage mit der Dolchstoßlegende zu verschleiern. Der militärisch gescheiterte kaiserliche Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg wurde 1925 zum Reichspräsidenten der von ihm verachteten Republik gewählt. Sieben Jahre später im Frühjahr 1932 war die Katastrophe schon vorgezeichnet. Ein Reichspräsident Hitler konnte nur noch dadurch verhindert werden, dass sich selbst die demokratischen Parteien bis zur SPD für die Wiederwahl Hindenburgs einsetzten.

Innerhalb weniger Monate zerstörte er nicht nur das Vertrauen der Mehrzahl seiner Wähler, sondern die Republik komplett. Es begann mit dem Sturz Brünings und der Kanzlerschaft Papens. Daran schloss sich am 20. Juli 1932 der sogenannte Preußenschlag an, der Preußen und vor allem die dortige Polizei unter deutsch-nationale Kontrolle brachte. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, dem Erlass der diversen Notverordnungen in den darauf folgenden Wochen, der Unterschrift unter das Ermächtigungsgesetz sowie des Schweigens zu allen öffentlich sichtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten, wurde er nicht nur zum Totengräber der Republik, sondern zum Verderber des Reichs.

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Allerdings war nur ein relativ kleiner Teil der deutschen und speziell der südwestdeutschen Bevölkerung in den aktiven Umsturz 1918 verwickelt. Noch dramatischer zeigte sich der Vertrauensverlust aber im Schweigen und Tolerieren der Ereignisse durch die bisherigen Trägerschichten der Monarchie im Bürgertum. Die in Sigmaringen erscheinende „Hohenzollerische Volkszeitung“ drückte dies auf ihrer Titelseite am 11. November 1918 sehr deutlich aus, als sie schrieb:; „Im Großen und Ganzen ging die Sache (die Revolution, T.S.) ohne größere Störungen vorüber, ein Beweis von der Disziplin in unserem Volke einerseits und von dem stillen Einverständnis weiterer bürgerlicher Kreise andererseits.“ 4

Knapp drei Monate später erklärte der konservative Zentrumsabgeordnete und spätere Staatspräsident Eugen Bolz in der verfassunggebenden Landesversammlung, dass man sich trotz der überstürzten Umstände auf den Boden dieser neuen Freiheiten stellen würde, „die dem Verfassungsentwurf zugrunde gelegt sind. Wir sehen darin nur eine naturgemäße Entwicklung, die über kurz oder lang doch hätte eintreten müssen. So wie aus dem Absolutismus sich allmählich die konstitutionelle Monarchie entwickelt hat, so mußte auch die konstitutionelle Monarchie schließlich zur Demokratie führen, sobald sich das Volk dazu reif fühlte, selbst die Regierung in die Hand zu nehmen.“ 5

Insofern war zu diesem Zeitpunkt bei der Mehrzahl der Menschen im Südwesten durchaus das Vertrauen in die Republik und die Demokratie vorhanden. Sie wurde nicht als etwas Fremdes, von außen aufgezwungenes empfunden, sondern als der Abschluss einer Entwicklung. Diese hatte 100 Jahre zuvor mit der ersten badischen Verfassung von 1818 und der ersten württembergischen Verfassung von 1819 begonnen, umfasste das Ringen um Reformen und politische Teilhabe in den vormärzlichen Kammern in Karlsruhe und Stuttgart, erreichte mit der Revolution von 1848/9 einen ersten Höhepunkt und ging bis zu den grundlegenden Verfassungsreformen von 1904/6.

Die weitere Entwicklung bis 1924 kennen Sie mindestens so gut wie ich. Die Niederschlagung der linken Aufstände, der trostlose Versailler Vertrag, der Kapp-Lüttiwtz-Putsch von 1920, als Regierung und Nationalversammlung nach Stuttgart flohen, da ihnen nur dort Sicherheit garantiert worden war, der Verlust der parlamentarischen Mehrheit der Weimarer Koalition bei der Reichstagswahl 1920, die Kämpfe in Oberschlesien mit der einseitigen Parteinahme der Entente gegen Deutschland und für Polen, die Morde an Erzberger und Rathenau, deren Beerdigungen zu machtvollen Demonstrationen der Republikbefürworter geworden waren, die zahlreichen Fememorde und politischen Morde, die der Heidelberger Statistiker Emil Julius Gumbel schon zu Beginn der zwanziger Jahre akribisch aufgelistet und dabei auf die völlig unausgewogenen Aufklärungsraten und Urteile bei linken und rechten Verbrechen hingewiesen hatte, die sicherlich auch zu seiner Entlassung in Heidelberg bereits 1932 geführt hatte, der Einmarsch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet, aber auch in Teile Badens, wo die wichtige Rheintalbahnstrecke unterbrochen und die Häfen von Karlsruhe und Mannheim besetzt wurden und zum oberbadischen Aufstand vor allem in Lörrach beitrug, der passive Widerstand und der damit einhergehende Zusammenbruch der deutschen Währung in der Hyperinflation des Herbstes 1923, die zum Verlust der Ersparnisse weiter Teile der Bevölkerung führte, die Stabilisierungskrise von 1924 mit zahlreichen Entlassungen, sogar im Öffentlichen Dienst, der Tod von Reichspräsident Ebert, der zumindest teilweise eine Folge der rechten Hetze gegen ihn war und schließlich 1925 die Wahl von Hindenburg zum Reichspräsidenten.

Dies ist alles bekannt. Allerdings will ich dieses historische Allgemeinwissen mit einer Frage konfrontieren, die mir bei der Griechenlandkrise gekommen ist. Bei dieser Krise wurde und wird immer wieder darauf hingewiesen, dass noch stärkere Einschnitte bei Löhnen, Renten, Arbeitsplätzen die Demokratie im Land grundsätzlich in Frage stellen würde.

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Die Probleme der Weimarer Republik nach 1918 waren ungleich größer. Trotzdem funktionierte die Demokratie nach diesen Katastrophen immer noch. Im Gegenteil. Im Herbst 1923 stellten, wie Martin Sabrow kürzlich schrieb, „die beiden Systemkonkurrenten von links und rechts nach dem Hamburger Aufstand und dem Münchner Hitler-Ludendorff-Putsch die gewaltsame Infragestellung der fragilen demokratischen Ordnung vorläufig“ ein. 6

Selbst die Wahl von Hindenburg 1925 kann man auch von einer anderen Seite betrachten. Der kaiserliche Feldmarschall stellte sich einer demokratischen Wahl, deren Gewinn er übrigens den Gebieten östlich von Oder und Neisse sowie von Bayern zu verdanken hatte. Auf dem Territorium der heutigen Bundesrepublik hätte sein Konkurrent Wilhelm Marx von der Zentrumspartei knapp die Nase vorn gehabt. Am 12. Mai 1925 legte Hindenburg „den Eid auf die Weimarer Verfassung im Reichstag ab“, den ihm der sozialdemokratische Reichstagspräsident Paul Löbe abgenommen hatte. 7 Einen Tag zuvor hatte der sozialdemokratische Oberpräsident von Hannover Gustav Noske Hindenburg am Bahnhof mit den Worten verabschiedet: „Im gläubigen Vertrauen hofften Millionen von Menschen, dass es dem neuen Reichspräsidenten gelingen möge, Besserung der sozialen Verhältnisse und eine Linderung des Druckes von außen für unser Vaterland herbeizuführen.“ 8

In Württemberg regierte zu diesem Zeitpunkt eine Mitte-rechts-Regierung aus Bauernbund, Zentrum und Bürgerpartei unter Führung des reaktionären Staatspräsidenten und Kultusministers Wilhelm Bazille, der noch vier Jahre zuvor mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch zumindest sympathisiert hatte. Auch in Berlin gab es nun deutschnationale Minister, die den Eid auf die Verfassung ablegten, die man noch wenige Jahre zuvor vehement abgelehnt und bekämpft hatte.

Schon im Reichspräsidentenwahlkampf hatte Wilhelm Marx in einer Radioansprache vom 24. April 1925 die Lage verhalten positiv eingeschätzt:

„Sie wissen alle, wie ungeheuer schwer der Weg Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist. Sie wissen aber auch, dass wir fühlbare Erleichterungen und Fortschritte erzielt haben. Die Wohltat einer stabilen Währung, einer neuen Anknüpfung internationaler Wirtschaftsbeziehungen, kurz alles, was immerhin nach dem furchtbaren Ruhrkampf langsam erreicht worden ist, war nur durch eine friedliche Entlastung der europäischen Politik möglich. Das neue Deutschland, das Deutschland der nationalen Demokratie, hat diese Fortschritte erzielt und ein gewisses Vertrauen bei vernünftigen Kreisen des Auslandes gewonnen …“ 9

Dieser Glauben an eine Zukunft der Weimarer Republik, der sich in zahlreichen Jahresrückblicken in den Zeitungen Mitte der zwanziger Jahre finden lässt, spiegelt sich auch in der Gewerkschafts-Zeitung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes vom 2. Januar 1926 wider: „Für die Gewerkschaften war das Jahr 1925 ein Jahr des Aufbaus, der Wiedererstarkung und Wiedererkämpfung der nach der Inflation verlorenen Positionen. Fast alle Verbände befinden sich wieder im Aufstieg. Ihre Mitgliederzahlen heben sich und ihre Kassen haben sich wieder gefüllt… Das Vertrauen zur alten Schlagkraft der Gewerkschaften kehrt wieder zurück, und wenn es auch noch Jahre dauern kann, ehe die alten Mitgliederzahlen erreicht sein werden, so tut das ihrer Festigkeit keinen Abbruch. Die Gewerkschaften haben die Grundlage zu ihrer Größe und Bedeutung vor dem Kriege gelegt, mit geringeren Mitgliederziffern, als sie heute haben, und sie werden auf der alten Grundlage weiter bauen, mit der alten Kraft und Siegeszuversicht.“ 10

Selbst in der Währungspolitik, die Deutschland so erschüttert hatte, kehrte die Zuversicht zurück, wie das 1927 in Freiburg erschienene Staatslexikon mit einem gewissen Stolz feststellte: „Der Neuaufbau des dtsch. G.(eldwesens, T.S.) hat sich, wie die Erfahrung gezeigt hat, durchaus bewährt. Die Reichsbank als Zentralnotenbank hat sich das erforderliche internat. Vertrauen, dass es ihr gelingen wird, die Währung über alle Gefahren hinwegzubringen, in vollem Maß zurückerobert.

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Wir können heute mit aller Bestimmtheit feststellen, dass die Stabilität der dtsch. Währung heute mindestens ebenso gesichert ist wie die Währung irgend eines andern Landes.“ 11

Vergessen wird heute gerne das hohe Niveau intellektueller Auseinandersetzungen auch in Bereichen, die wir, nicht zu Unrecht, als überwiegend demokratie- und republikkritisch bis -feindlich einschätzen, wie beispielsweise bei den Juristen. Michael Stolleis, einer der bedeutendsten Rechtshistoriker der Bundesrepublik schrieb schon vor 15 Jahren: „Nie wieder sind seither der politische Charakter des Staatsrechts, der Ausnahmezustand, der Prozeß staatlicher Integration, die Funktionsvoraussetzungen der Demokratie und der Wissenschaftscharakter der Rechtswissenschaft mit solcher intellektuellen Energie und sachlichen Leidenschaft diskutiert worden.“ Stolleis konstatiert, dass „noch die Staatslehre der Bundesrepublik (…) jahrzehntelang von diesen Texten zehren und eigenen Positionen in Zustimmung oder Widerspruch mit ihnen ausbilden (sollte).“ 12

1928, als die demokratischen Parteien der Mitte sowohl die Reichstagswahl als auch die württembergische Landtagswahl gewonnen hatten, zeichnete der Literaturnobelpreisträger und Vernunftrepublikaner Thomas Mann in einem Beitrag ein hoffnungsvolles Bild für die erste deutsche Demokratie und ihre Belastungen: „… die Herstellung seines inneren Gleichgewichts ist nur eine Frage der Zeit, der Geduld. Lasst weitere 10 Jahre vergehen, lasst die heute 16-Jährigen, die alles schon soviel ruhiger ansehen, Männer geworden sein und kaum noch ein Achselzucken wird es unter uns geben über das, was uns jetzt so trübselig entzweit. Welche Minderwertigkeitsgefühle werden dann noch über zu kompensieren sein und wer etwa noch wird sich das Blut vergiften lassen durch den „Kriegsschuldparagraphen“, jenes Menschenwerkes, das man den Versailler „Friedensvertrag“ nennt? Wer wird auch außerhalb Deutschlands diese Frage noch ernst nehmen?“ 13

Diese zehn Jahre blieben der Weimarer Republik aber nicht. Im Oktober 1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus, die Deutschland als schwächstes Glied der Industrienationen besonders hart traf. Dazu kamen politische Fehler der Parteien, wie z.B. beim Auseinanderbrechen der Großen Koalition im Frühjahr 1930 sowie die vorgezogenen Neuwahlen zum Reichstag im September 1930, die Hitlers kometenhaften Aufstieg einleiteten. Ein Blick auf Baden macht dies deutlich. Dort fanden die letzten Landtagswahlen turnusgemäß im Oktober 1929 statt. Diese brachten den Nationalsozialisten zwar ein überraschend gutes Ergebnis mit 7 % der Stimmen und sechs Sitzen, aber die seit 1919 stabile Landtags- und Regierungsmehrheit aus Zentrum und SPD blieb bis Ende 1932 erhalten, als die Koalition an den Auseinandersetzungen über das badische Konkordat zerbrach.

Dazu kam die Vermischung von Wirtschafts- und Revisionspolitik unter Brüning, die zwar im Sommer 1932 zum faktischen Ende der Reparationen geführt, aber gleichzeitig aufgrund der Millionen von Arbeitslosen das Vertrauen der Menschen in die Regierung, in die Parteien und in die Demokratie nachhaltig erschüttert hatte. Allerdings wollten in der Krise die Parteien auch immer weniger die Verantwortung für zwangsläufig unpopuläre Entscheidungen übernehmen. So erklärte der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz im Herbst 1932 im Stuttgarter Landtag, dass er das Parlament ausgeschaltet und mit Notverordnungen regiere, um die württembergischen Finanzen, „die bisher in Ordnung waren, nicht verludern zu lassen.“ „… in der klaren Erkenntnis, keine Zustimmung beim Volke zu finden und keine Zustimmung beim Landtag zu finden“ 14, habe sich die Regierung zu diesem Schritt entschlossen.

Dabei kam Württemberg unter allen deutschen Ländern noch am besten durch die Krise und das politische System vor allem auf Ortsebene funktionierte mit der Direktwahl des Bürgermeisters und dem komplizierten aber sehr am persönlichen Kandidaten, Kandidatinnen gab es noch nicht viele, orientierte Gemeinderatswahlrecht mit Kumulieren und Pananschieren noch gut.

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Vor 1933 gelang es nur einem Nationalsozialisten in Württemberg als Bürgermeister gewählt zu werden.

Allerdings sollte diese scheinbare Stabilität nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine tiefe Vertrauenskrise gab, die allerdings erst 1933 so richtig zum Vorschein kam, als Hitler bereits Reichskanzler geworden war. Selbst im bis dahin so gefestigt erscheinenden katholischen und sozialdemokratischen Milieu stießen die Nationalsozialisten auf keinen breiten Widerstand. Der damalige Wahlkampforganisator des Zentrums in Oberschwaben und spätere Mitbegründer der CDU und Aalener Landrat Anton Huber hat dies im Rückblick sehr eindrücklich geschildert. „Die Wahlergebnisse bringen noch nicht die Stimmung der Bevölkerung in ihrer vollen Wirklichkeit zum Ausdruck. Man darf nicht meinen, dass die Wähler, die ihrer Zentrumspartei oder ihrer SPD bis zuletzt die Treue gehalten haben, zufriedene Wähler gewesen seien. Auch von ihnen waren viele an der Staatsführung und an ihrer Partei verzweifelt. Aber es gibt die Nibelungentreue; komme was wolle! Man hat Zentrumsversammlungen erlebt, dass man zum Schluß glaubte, dass da kein einziger mehr Zentrum wählt. Die Erschütterung des Vertrauens ging noch viel weiter und noch viel tiefer als in den Wahlergebnissen zum Ausdruck kommt.“ 15

Einen weiteren schweren Rückschlag des Vertrauens bedeutete der Verlust des Gewaltmonopols des Staates. Wie wichtig dies auch heute noch ist, zeigte die berechtigte Aufregung über die Ereignisse beim G 20-Gipfel in Hamburg, als die Polizei für einige Stunden die Kontrolle über mehrere Straßen verloren hatte. Am Ende der Weimarer Republik dominierten uniformierte Parteiarmeen die Straße, von der SA bis zum Roter Frontkämpferbund. Zur Stabilität in Württemberg und teilweise auch in Baden hatte wesentlich beigetragen, dass es hier der Polizei besser gelungen war, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Allerdings stießen die Forderungen der süddeutschen Innenminister nach einem dauerhaften Verbot der Parteiarmeen oder zumindest eines Uniform- und öffentlichen Aufmarschverbotes in Berlin auf taube Ohren. Dort versuchte Reichskanzler Papen die NSDAP dadurch für sich zu gewinnen, dass er die Verbote aufhob. In der Folge kam es reichsweit wieder zu Ausschreitungen mit zahlreichen Toten und Verletzten.

Norbert Elias hat dieses Problem in seinen Studien über die Deutschen treffend zusammengefasst. „Die Wirtschaftskrise der Jahre 1929 betraf ganz gewiß nicht Deutschland allein. Aber sie stand in Deutschland damals in einer Doppelbinder-Beziehung zu einer bürgerkriegsartigen politischen Krise. Die beiden Krisenaspekte verstärkten sich gegenseitig. Die durch die politische Krise vertiefte ökonomische Krise schürte das Feuer der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen, und diese jene. Letzten Endes scheiterte die Weimarer Republik an der strukturellen Schwäche ihres Gewaltmonopols und der zielbewußten Nutzung dieser Schwäche zur Zerstörung des parlamentarisch-republikanischen Regimes durch bürgerliche Organisationen, die sich mangels einer parlamentarischen Tradition durch dieses Regime benachteiligt fühlten.“ 16

Im Unterschied dazu konnte Hitler bei der großen Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1941 so viel Vertrauen erwerben, dass ihm die Gefolgschaft, wenn überhaupt, erst verweigert wurde, als es um das eigene Dorf, die eigene Stadt ging. Erst dann wollten einige mutige Menschen, wie es ein katholischer Pfarrer im Juli 1945 aus der Nähe von Philippsburg schrieb, „nicht einer verlorenen Sache die Heimat opfern.“ 17 Da es nicht alle Deutschen so sahen, kam es bei Kriegsende auch im Südwesten noch zu zahlreichen Morden nicht nur an KZ-Insassen, sondern auch an „normalen“ Deutschen, die ihr Hab‘ und Gut retten wollten.

Bevor ich nun auf die möglichen Erfahrungen aus Weimar komme, von denen wir auch heute noch lernen können, will ich sie noch ein wenig in die ersten 13 Jahre der zweiten Nachkriegszeit mitnehmen, also genau die Zeitdauer, welche die Weimarer Republik umfasste.

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Eigentlich sollte man meinen, dass die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 keinen Spielraum für Interpretationen lassen konnte, zumal die Deutschen gerade im Südwesten die letzten Wehrmachtseinheiten in ihrem desolaten Zustand und die bestens ausgestatteten amerikanischen Truppen mit ihrer schier endlosen Materialüberlegenheit erlebt hatten. Im November 1952 fragte das Institut für Demoskopie in Allensbach: „Glauben Sie, Deutschland hätte den letzten Krieg gewonnen, wenn es keine Widerstandsbewegung gegen Hitler gegeben hätte?“ Immerhin glaubten 21 % der Deutschen „Ja, gewonnen“ und 15 % „Vielleicht gewonnen“. „Nein, nicht gewonnen“ meinten 45 % der Befragten, wobei sich hier große Diskrepanzen zwischen Männern, die zu 55 % einen Einfluss der Widerstandsbewegung verneinten und Frauen, bei denen der Anteil nur bei 35 % lag. „Weiß nicht“ antworteten 9 % der Männer und 29 % der Frauen. 18

Nicht einmal jeder zweite Deutsche war sieben Jahre nach Kriegsende der Überzeugung, dass die Widerstandsbewegung gegen Hitler keinen Einfluss auf den Kriegsausgang gehabt hatte. Über ein Drittel hielt es für möglich, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg ohne Widerstandsbewegung gewonnen hätte und fast ein Fünftel hatte keine Meinung dazu. Nun fehlen uns demoskopische Erhebungen aus der Weimarer Republik. Insofern gibt es keine Erhebung zur Dolchstoßlegende. Ob allerdings die Zahlen bei einer Umfrage 1926, also ebenfalls sieben Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges so viel deutlicher ausgefallen wären, darf bezweifelt werden, wenn man die Wahlergebnisse der einzelnen Parteien als Anhaltspunkt gelten lässt.

Gleichzeitig stellten die Demoskopen vom Bodensee noch eine andere Frage: „Glauben Sie, dass es uns heute in Deutschland besser ginge, wenn es keine Widerstandsbewegung gegen Hitler gegeben hätte?“ Hier unterschieden sich die Antworten von Männern und Frauen erheblich. Je 14 % meinten „Ja, besser“ (18 % der Männer und 11 % der Frauen) und „Vielleicht besser“ (14 % der Männer, 13 % der Frauen. Ein starkes Drittel, nämlich 38 % glaubten „Nein, nicht besser“ (46 % der Männer und 32 % der Frauen). Ein weiteres Drittel (34 %) wusste es nicht (22 % der Männer und 44 % der Frauen). 19

Nach diesen Zahlen überrascht es nicht, dass auch die Wertschätzung der Männer des 20. Juli 1944 in einer Umfrage vom Juni 1951 nicht besonders gut ausfiel. Gerade einmal 40 % der Befragten ergriffen Partei für sie (43 % der Männer und 38 % der Frauen). Gegen sie sprachen sich 30 % aus (38 % der Männer und 24 % der Frauen. Fast jeder Fünfte hatte kein Urteil oder war im Urteil schwankend (14 % der Männer und 26 % der Frauen). 20

Im Oktober 1954, nachdem der in der Bevölkerung hochgeschätzte Bundespräsident Theodor Heuss am 20. Juli seine große Rede zum 10. Jahrestag des Staatsstreich-Versuches gehalten hatte, war eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung und fast zwei Drittel der befragten Männer der Meinung, dass überlebende Widerstandskämpfer ein hohes Regierungsamt haben sollten bzw. es auf den Einzelnen ankomme. Nicht einmal jeder Vierte lehnte dies auf jeden Fall ab. Jeder zehnte Mann und jede dritte Frau waren allerdings unentschieden bzw. hatten kein Urteil. 21

Zur selben Zeit fiel die Einschätzung der Bevölkerung gegenüber den Emigranten sehr viel schlechter aus. „Nun eine Frage über die Emigranten, die wegen Hitler ins Ausland gingen. Manche Leute sagen, wer während des Krieges vom Ausland gegen Hitler gearbeitet hat, soll heute kein hohes Amt in der Regierung haben. Was ist ihre Ansicht dazu?“ Diese Meinung teilten fast 40 % der Bevölkerung (45 % der Männer und 34 % der Frauen), während ihnen gerade einmal 13 % ein hohes Regierungsamt anvertrauen wollten. Auf den Einzelnen wollte es jeder Vierte ankommen lassen. Wie bei den Widerstandskämpfern hatte jeder zehnte Mann und jede dritte Frau keine Meinung oder war unentschieden. 22

Bei dieser Einstellung wundert es einen nicht mehr, dass im November 1951 eine erdrückende Mehrheit (80 %) der Deutschen glaubte, dass es ihnen im 20. Jahrhundert zwischen 1945 und 1948 am schlechtesten gegangen war.

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Selbst die Jahre seit 1949 galten als ähnlich schlecht wie die Zeit des Zweiten Weltkrieges (jeweils 8 %). Etwas besser schnitt die Weimarer Republik ab. Ob das gute Abschneiden der Jahre 1914 – 1919 vor allem daran lag, dass die Mehrzahl der Befragten diese Zeit nicht mehr so bewusst erlebt hatte, muss offen bleiben. 23

Schon ein Jahr zuvor waren die Deutschen nach der Zeit gefragt worden, in denen es ihnen nach ihrer Auffassung am besten gegangen war. Knapp an der Spitze lag das Kaiserreich mit 45 %, dicht gefolgt von den Jahren 1933 – 1938 mit 40 %. Dagegen brachte es die Weimarer Republik gerade einmal auf 7 %, während sich Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit mit jeweils 2 % die letzten Plätze teilten. 24 Schlechter als die zweite Nachkriegszeit in diesen Umfragen hätte eine Umfrage zur ersten Nachkriegszeit Mitte der zwanziger Jahre auch nicht ausfallen können.

In den fünfziger Jahren war das Buch des Schweizer Journalisten Allemann, „Bonn ist nicht Weimar“ ein großer Erfolg. 25 Allerdings sollte man vielleicht doch eher fragen, warum Bonn nicht Weimar wurde? Hierzu möchte ich Ihnen einige Überlegungen vorstellen. Häufig wird bei den Betrachtungen von Weimar auf das zersplitterte Parteiensystem hingewiesen. Demgegenüber hatten die vier Alliierten nach 1945 nur vier Parteien lizenziert, CDU, SPD, eine liberale Partei aus der später die FDP wurde und die KPD.

Wenn man nun die ersten westdeutschen Wahlen von 1949 mit der Wahl zur deutschen Nationalversammlung vergleicht, so ergibt sich ein überraschendes Bild. 1919 schickten neun Parteien Abgeordnete in das Parlament, während 1949, wenn man CDU und CSU als eine Partei zählt, zehn Parteien in den ersten Bundestag einzogen. Dazu kamen noch drei parteilose Abgeordnete. Erst danach begann sich das erwartete Bild zu entwickeln. 1920 sind es 13 Parteien im Reichstag und 1928 dann sogar 15 Parteien. Dagegen reduzierten sich im Bundestag die Parteien zügig. 1953 schafften noch sechs Parteien, dank 5 %-Klausel, den Einzug ins Parlament, acht Jahre später waren es dann nur noch drei. Erst in den achtziger Jahren kamen die Grünen, in den neunziger PDS/Die Linke und seit 2017 die AfD hinzu, sodass jetzt wieder sechs Parteien im Bundestag vertreten sind.

In der zweiten Nachkriegszeit gab es keine Infragestellung des staatlichen Gewaltmonopols, das von den Alliierten beansprucht und durchgesetzt wurde. Ein beeindruckendes Beispiel dafür sind die amerikanischen Reaktionen auf Ausschreitungen im Anschluss an eine große Protestkundgebung der Gewerkschaften am 28. Oktober 1948 in Stuttgart gegen die unsozialen Folgen der Währungsreform. Nach Ende der Veranstaltung kam es in der Königstraße zu Plünderungen und Auseinandersetzungen mit deutscher Polizei und amerikanischer Militärpolizei. Obwohl Deutsche und amerikanische Militärregierung in Stuttgart von unpolitischen Krawallen ausgingen, wollte der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay, vermutlich auch aufgrund der laufenden Berlin-Blockade durch die Sowjets, ein Exempel statuieren.

Der Gewerkschaftsvorsitzende Hans Stetter musste sich vor Clay in Frankfurt rechtfertigen, der ihm erklärte, vorerst von einem Verbot der Gewerkschaften abzusehen. Allerdings verhängte er ein Ausgangs- und Demonstrationsverbot über Stuttgart. Das Ausgangsverbot zwischen 21 und 4 Uhr wurde nach einer Woche wieder aufgehoben, das Demonstrationsverbot allerdings erst nach drei Wochen. Da sich die amerikanische Militärregierung in Stuttgart auch an das Ausgehverbot hielt, ein deutlicher Protest gegen die Entscheidung Clays, erhöhte dies das Ansehen der Amerikaner in der Stadt erheblich. Die rund 120 Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die sich in diesem Zusammenhang vor dem Militärgericht verantworten mussten, erhielten Geldstrafen bis 20 Mark. 26

Die brutalste Durchsetzung des alliierten Gewaltmonopols war die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR durch russische Panzer. Allerdings hatten auch die Westalliierten in der Bundesrepublik bis zum 2+4-Vertrag 1990 potentielle Eingriffsrechte, was aber in dieser Form öffentlich nicht bekannt war.

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So bedurfte es einiger Überredungskunst von deutscher Seite, die Amerikaner während der Auseinandersetzungen um die Nachrüstung in den achtziger Jahren, davon abzuhalten, die von Demonstranten blockierten Ausfahrten ihrer Raketendepots nicht selbst zu räumen.

Als weitere, schwerwiegende Belastung der Weimarer Republik gilt die weitgehende Übernahme der alten kaiserlichen Funktionseliten in Verwaltung, Justiz und Militär. Nun war das Kaiserreich in wesentlichen Teilen bereits ein Rechtsstaat, die Polizei hatte keine uneingeschränkten Rechte usw. Oder anders ausgedrückt: der Unterschied zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik war deutlich geringer als der zwischen der nationalsozialistischen Diktatur und der Bundesrepublik. Nach 1945 gab es, wenn überhaupt, nur eine kurzzeitige Ausschaltung der alten Funktionseliten. Spätestens mit der Gründung der Bundesrepublik und der Regelung über die Rechtsverhältnisse früherer Angehöriger des öffentlichen Dienstes im Jahre 1951 und 1953 kehrte der Großteil der bisher aus politischen Gründen, also einer starken Verstrickung in den NS-Staat, nicht wieder eingestellten Beamten in ihre alte Stellung zurück, sogar viele ehemalige Gestapo-Beamte.

In den fünfziger Jahren begann man sich in der Bundesrepublik und gerade auch im besonders erfolgreichen Südwesten im beginnenden Wirtschaftswunder einzurichten. 1953 waren die Entnazifizierungsakten in Baden-Württemberg mit Zustimmung aller Parteien gesetzlich von jeder Benutzung ausgeschlossen worden. 1955 hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seinem Besuch in Moskau die letzten deutschen Kriegsgefangenen zurückgebracht und die Bundesrepublik war der NATO, dem westlichen Verteidigungsbündnis beigetreten. In diesen Jahren wurden auch die letzten, von den Westalliierten nach 1945 verurteilten deutschen Kriegsverbrecher vorzeitig aus der Haft entlassen. Damit schien die „unselige Vergangenheit“ tatsächlich zu vergehen.

Diese Vergangenheit ließ sich aber nicht verdrängen. Ende 1955 setzten Ermittlungen zu Erschießungen von Tausenden von jüdischen Litauern ein, nachdem der verantwortliche ehemalige Polizeidirektor von Memel auf seine Wiedereinstellung in den Öffentlichen Dienst geklagt hatte. Im Laufe der Ermittlungen erkannten die Staatsanwälte die Dimension des Verfahrens, das 1958 als Ulmer Einsatzgruppenprozeß in die Geschichte einging. 27 Als Folge dieses Verfahrens wurde auf Anregung des Stuttgarter Generalstaatsanwaltes Erich Nellmann die Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen gegründet, die inzwischen weltweit als vorbildlich für die Verfolgung staatlicher Verbrechen gilt. 28

Die DDR hatte immer wieder versucht, die Bundesrepublik mit Aktenveröffentlichungen als sicheren Hafen für NS-Verbrecher darzustellen. Dazu gehörte ein publikumswirksamer Prozeß gegen Hans Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und Staatssekretär in Adenauers Kanzleramt in Ostberlin oder die Vorwürfe gegen den Vertriebenenminister Oberländer, die diesen schließlich zum Rücktritt zwangen. Am 23. Mai 1957 startete die DDR „ihre vielleicht erfolgreichste Propagandaoffensive gegen die Bundesrepublik. Auf einer „internationalen Pressekonferenz“ in Ost-Berlin präsentierte Professor Albert Norden (der Chefpropagandist der SED, T.S.) eine Broschüre mit den Namen von 118 Juristen im bundesdeutschen Justizdienst: „Gestern Hitlers Blutrichter – Heute Bonner Justiz-Elite“. Bis Ende 1959 wurden alle sechs Monate 200 weitere NS-Juristen „enttarnt“ – 200, 400, 600, 800 und schließlich 1000 „Blutrichter im Dienst des Adenauer-Regimes“. 29

Im Unterschied zu manch anderen Kampagnen der DDR waren die Angaben, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, korrekt. Zunächst wollte die Bundesrepublik die Vorwürfe als kommunistische Hetzkampagne darstellen und Stellungnahmen dazu vermeiden. Vor allem in Großbritannien stießen die Angaben der DDR auf großes Interesse und damit wuchs der Druck auf die Bundesrepublik, sich dieser Sache anzunehmen und die Einzelfälle zu überprüfen.

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Da sich der Bundestag nicht auf eine Grundgesetzänderung einigen konnte, die eine Entlassung der nachweislich belasteten Richter und Staatsanwälte ermöglicht hätte, wurde das Richtergesetz am 14. Juni 1961 dahingehend verändert, dass belastete Richter und Staatsanwälte auf eigenen Antrag und bei vollen Bezügen in den vorzeitigen Ruhestand gehen konnten. Zwar wurde allen Betroffenen, die bis 1962 den Antrag nicht gestellt hatten, mit Disziplinarmaßnahmen gedroht. Da sich der Gesetzgeber nicht über die vorgesehenen Disziplinarmaßnahmen verständigen konnte, passierte nichts. Insgesamt erwartete man von 149 Richtern und Staatsanwälten einen entsprechenden Pensionsantrag, den bis Juni 1962 135 tatsächlich gestellt hatten. Damit war die Angelegenheit erledigt und kein NS-Richter wurde von einem bundesdeutschen Gericht für seine Urteile und Strafverfahren in der Zeit des Nationalsozialismus verurteilt. 30

Erst 1995 räumte der Bundesgerichtshof in einem Verfahren gegen einen ehemaligen Richter des Obersten Gerichts der DDR eine eigene Mitschuld daran ein, „dass die Strafverfolgung von NS-Richtern wegen „Rechtsbeugung in Tateinheit mit Kapitalverbrechen“ ausgeblieben war.“ Die „Selbst Amnestierung der bundesdeutschen Justiz“ bezüglich der NS-Verbrechen war geglückt. 31

Allerdings wies der Nazi-Gegner und spätere Stuttgarter Generalstaatsanwalt und Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid 1965 auf zwei weitere Faktoren hin, die aus seiner Sicht den Unterschied zwischen der Justiz in der Weimarer Republik und der Bundesrepublik ausmachten. „Die Justiz in den Ländern der Bundesrepublik hat sich recht gut angelassen, was ich so erklärt habe, dass, anders als 1918, eine deutliche historische Zäsur, ein Ruck nach vorwärts stattgefunden hat, der auch der Beamten- und Richterschaft bewusst gemacht wurde, durch Okkupation, Denazifizierung, Auflösung des Beamtenverhältnisses. Unser Bundesverfassungsgericht hat dazu das Nötige gesagt, wie überhaupt dieses Gericht ein Hauptverdienst an den positiven Tendenzen unserer Rechtsprechung hat, weil es mit der Wertordnung des Grundgesetzes sehr deutlich ernst machte. In der übrigen Rechtsprechung hat sich jene Wertordnung, nämlich der Vorrang des Menschen, des Einzelmenschen, noch nicht so deutlich durchgesetzt.“ 32

Ein weiterer Kritikpunkt an der Weimarer Republik ist das mangelnde Vertrauen in die politische Elite, d.h. in erster Linie in die Abgeordneten. Nun sei dahingestellt, inwieweit das im Einzelnen stimmt. Denn gerade bei den Wahlen bei denen es auf den einzelnen Kandidaten bzw. die einzelne Kandidatin ankam, konnten sich die extremistischen Parteien auch am Ende der Weimarer Republik zumindest in Württemberg nicht so durchsetzen wie bei den listenbestimmten Land- und Reichstagswahlen, nämlich bei den Gemeinderatswahlen, den verschiedenen Kammerwahlen oder den Bürgermeisterwahlen. Vor 1933 gab es, wie bereits erwähnt, nur einen direkt gewählten Bürgermeister, welcher der NSDAP angehörte.

Auch hier ergaben Umfragen des Instituts für Demoskopie in Allensbach zu Beginn der Bundesrepublik ziemlich ernüchternde Ergebnisse, die sich allerdings innerhalb weniger Jahre wesentlich veränderten. Auf die Frage: „Glauben Sie, dass die Abgeordneten in Bonn in erster Linie die Interessen der Bevölkerung vertreten, oder haben sie andere Interessen, die ihnen wichtiger sind?“ antwortete im Mai 1951 nur jeder vierte „Interessen der Bevölkerung“, ein weiteres knappes Viertel hatte darauf keine Antwort. Fast ein Drittel der Befragten unterstellte den Abgeordneten persönliche Interessen und ein weiteres Viertel ging von Parteiinteressen und anderen Interessen aus. Allerdings stieg das Vertrauen der Bevölkerung in seine Abgeordneten innerhalb von drei Jahren bis Mai 1954 deutlich an. Nun bescheinigten fast 40 % der Befragten den Bonner Parlamentariern, für die „Interessen der Bevölkerung“ zu arbeiten. Für 22 % standen Partei- und andere Interessen im Vordergrund der Arbeit und nur noch 17 % glaubten, dass persönliche Interessen die Arbeit bestimmten. 33

Die Kapitulation nach dem Zweiten Weltkrieg war bedingungslos, das Land besetzt und geteilt, die Spitzenvertreter von Partei und Staat verhaftet, soweit sie nicht Selbstmord begangen hatten.

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Insofern war die Situation nach 1945 sehr viel dramatischer als nach 1918. Beim Abschluss des Waffenstillstandes durch Matthias Erzberger stand kein feindlicher Soldat auf deutschem Boden. Vielmehr hatten deutsche Truppen vor allem im Osten noch riesige Flächen besetzt.

Wenn man jedoch ein Jahrzehnt weiter blickt, dann verschlechtert sich die Lage der Weimarer Republik gegenüber der Bundesrepublik dramatisch. Zwar gehörte Deutschland seit 1926 dem Völkerbund an, aber die linksrheinischen Gebiete waren noch besetzt, die Frage von Danzig ebenso ungeklärt wie die Zukunft der Reparationen. Das Deutsche Reich war zwar kein internationaler Paria mehr wie nach 1918 und dem Versailler Vertrag, aber noch lange kein gleichwertiger Partner.

Nach dem gescheiterten Eroberungskrieg und dem Massenmord an den europäischen Juden und den Slawen war Deutschland zwar moralisch am Ende, aber zumindest die Amerikaner machten den Deutschen bereits 1946 wieder Hoffnung, in die Völkergemeinschaft aufgenommen zu werden. In seiner berühmten „Rede der Hoffnung“ führte der amerikanische Außenminister James F. Byrnes am 6. September 1946 im Stuttgarter Opernhaus unter anderem aus: „Die Vereinigten Staaten können Deutschland die Leiden nicht abnehmen, die ihm der von seinen Führern angefangene Krieg zugefügt hat. Aber die Vereinigten Staaten haben nicht den Wunsch, diese Leiden zu vermehren oder dem deutschen Volk die Gelegenheit zu verweigern, sich aus diesen Nöten herauszuarbeiten, solange es menschliche Freiheit achtet und vom Wege des Friedens nicht abweicht… Das amerikanische Volk will dem deutschen Volk helfen, seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt.“ 34

Gleichzeitig verkündete Byrnes, dass die USA, im Unterschied zur ersten Nachkriegszeit in Deutschland und Europa militärisch präsent bleiben würden, solange auch die übrigen Besatzungsmächte Soldaten im Land stationiert hätten. Mit dem 1947/48 ausbrechenden Ost-West-Konflikt wurde die wenig später gegründete Bundesrepublik schnell in das westliche Wirtschafts- und Bündnissystem eingegliedert, 1952 in die sogenannte Montanunion, 1955 in die NATO und 1957 als Gründungsmitglied der EWG.

Obwohl die 1955 gegründete Bundeswehr ihr Offiziers- und Unteroffizierskorps, ebenso wie die ostdeutsche Nationale Volksarmee, fast ausschließlich aus alten Wehrmachtsangehörigen rekrutierte – ähnlich wie die Reichswehr nach 1920 aus der alten kaiserlichen Armee, sind die Unterschiede gravierend. Statt eines Staates im Staate, welcher der Republik innerlich immer ablehnend bis distanziert gegenüberstand und die Revision des Versailler Vertrages anstrebte, gab es nun eine Parlaments- und Wehrpflichtigenarmee mit Bürgern in Uniform, deren Ziel ausschließlich die Landesverteidigung in einem großen Bündnis war.

Der entscheidende Unterschied zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik war allerdings die wirtschaftliche Entwicklung. Während auch nach der Inflation von 1923 die Wirtschaft nicht wirklich stark und für die Bevölkerung spürbar wuchs, sondern schon wenige Jahre später mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ein Millionenheer von Arbeitslosen entstand, denen nur die extremen Parteien NSDAP und KPD eine baldige Lösung vorgaukelten, verlief die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik völlig anders.

Die Währungsreform von 1948 wurde als logische Konsequenz des verlorenen Krieges verstanden – im Unterschied zur Inflation von 1923, die man der jungen Demokratie anlastete. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nahm die westdeutsche und vor allem die südwestdeutsche Wirtschaft spätestens mit dem Koreakrieg richtig Fahrt auf. Bereits Mitte der fünfziger Jahre fehlten trotz Millionen von Heimatvertriebenen und DDR-Flüchtlingen bereits Arbeitskräfte. In den sechziger Jahren kam dieses Wirtschaftswachstum dann auch in den breiten Bevölkerungsschichten an. Das Wirtschaftswunder versöhnte die Westdeutschen mit der zunächst so kritisch betrachteten zweiten Demokratie nachhaltig.

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1969 kam es zum ersten Machtwechsel in der Bundesrepublik und Willy Brandt kündigte in seiner Regierungserklärung 1969 an „Mehr Demokratie wagen“ zu wollen. Die Bundesrepublik war im Kreis der westlichen Demokratien angekommen.

Was kann man nun aus Weimar lernen? Zum ersten: Weimar war nicht so schlecht wie sein Ruf. „Die Revolution von 1918/19 gehört zu den Sternstunden der Freiheits- und Demokratiebewegung in Deutschland. Ihr verdanken wir die erste demokratische Republik. Sie gehört in eine Reihe mit 1848/49 und 1989. Es ist an der Zeit, sich mit Dankbarkeit, Stolz und Hochachtung an sie zu erinnern.“ 35

Die Republik von Weimar hat Krisen gemeistert, die der Bundesrepublik bisher erspart geblieben sind. Ölpreisschock, RAF-Terror, Nachrüstungsdebatte, Weltfinanz- und Eurokrise trafen auf eine gefestigte Republik. Die Weimarer Demokratie war beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise noch nicht so gefestigt, dass sie von den Menschen das notwendige Vertrauen in die eigene Krisenbewältigungskompetenz erhalten hätte. Die Parteien von Mitte rechts bis Mitte links verweigerten sich unter dem Druck von KPD und NSDAP gemeinsamen Lösungsstrategien und entwickelten keine Perspektiven für die Menschen. Die alten, kaiserlichen Eliten sahen nun eine Chance, die nach wie vor ungeliebte Demokratie zu beseitigen. Es bestand weder im März 1930 eine sachliche Notwendigkeit die große Koalition aufzukündigen, noch im Mai 1932 Brüning zu stürzen oder am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler zu machen. Zwar gelang es den alten Eliten, die Demokratie zu beseitigen und den milliardenschweren Osthilfeskandal unaufgeklärt zu lassen, allerdings, Ironie der Geschichte, zerstörte das nationalsozialistische Deutschland die Machtbasis dieser alten Eliten, die vor allem in Ostelbien gelegen hatte, so nachhaltig, dass sie nach 1945 kaum noch eine Rolle spielten.

Ein weiterer wichtiger, ganz aktueller Punkt wird bei einem Vergleich zwischen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik deutlich. Die Politiker der zwanziger und frühen dreißiger Jahre suchten, weitgehend alternativlos, nationale Lösungen für die deutschen Probleme. Die Bundesrepublik entschied sich, ebenfalls weitgehend alternativlos, für internationale oder multilaterale Lösungen. Die Weimarer Republik und die Weltwirtschaft der Zwischenkriegszeit litten unter Zollschranken und Handelshindernissen, die das vor 1914 bereits erreichte Weltwirtschaftssystem weitgehend zerstörten und ganz wesentlich zu den verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise nicht nur in Deutschland beitrugen. Mit der Beseitigung der zoll- und handelspolitischen Hindernisse in Europa, aber auch weltweit begann der bis heute anhaltende Aufstieg der Bundesrepublik. Oder anders ausgedrückt: Nationale Lösungen führten historisch in den Untergang. Multilaterale Lösungen brachten Deutschland einen historisch noch nie dagewesenen Aufstieg.

Geschichte kann keine Handlungsanleitungen für aktuelle Politik liefern, aber sie kann Erfahrungen aufzeigen, die für heutige Entscheidungen von großer Wichtigkeit sein könnten, wenn man sie denn kennen oder wahrnehmen würde. In diesem Sinne können wir nach wie vor und vielleicht leider mehr als noch vor einem Jahrzehnt für möglich gehalten, aus Weimar lernen. Wir sollten es allerdings auch tun.

Anmerkungen zu Aufsatz:

Vertrauensfragen: Was kann man aus Weimar lernen?

  1. Universal-Lexicon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für ältere und jüngere christliche Volksschullehrer von M.C. Münch, Dritter Band, Augsburg 1842, S. 250.
  2. Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, Sechster Band, Tübingen 1962, Sp. 1386/7.
  1. Ebd., Sp. 1388.
  2. Hohenzollerische Volkszeitung Nr. 261 vom 11.11. 1918, S. 1.
  1. Württembergische Verfassunggebende Landesversammlung, 9. Sitzung vom 1. Februar 1919, S. 195.
  1. Martin Sabrow, Verhasst – verehrt – vergessen. Die Novemberrevolution in der deutschen Erinnerungsgeschichte; in: Merkur 829, Juni 2018, S. 29.
  2. Andreas Dorpalen, Hindenburg in der Geschichte der Weimarer Republik, Berlin 1966, S. 89.
  1. Ebd.
  2. Handbuch der Politik, Bd. VI, Berlin 1926, S. 508/9.
  1. Gewerkschafts-Zeitung. Organ des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, 36/1926, Nr. 1 vom 2. Januar 1926, S. 2.
  2. Staatslexikon, fünfte, von Grund aus neu bearbeitete Auflage, Zweiter Band, Freiburg 1927, S. 422.
  1. Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Weimarer Republik und Nationalsozialismus, München 2002, S. 414.
  2. In: Deutschlands Köpfe der Gegenwart über Deutschlands Zukunft, Berlin 1928, S. 386.
  1. Verhandlungen des Württembergischen Landtags, 17. Sitzung vom 11. Oktober 1932, S. 360.
  2. Zit. nach Thomas Schnabel, Württemberg zwischen Weimar und Bonn 1928 – 1945/46, Stuttgart 1986, S. 178/9.
  1. Norbert Elias, Studien über die Deutschen, Frankfurt 2. Auflage 1989, S. 294.

17    Thomas Schnabel, „Die Leute wollten nicht einer verlorenen Sache die Heimat opfern“; in: Formen des Widerstandes im Südwesten 1933 – 1945, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Ulm 1994, S. 165 –179.

18    Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947-1955, hrsg. von Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann, 2. durchgesehene Auflage, Allensbach am Bodensee 1956, S. 138.

19    Ebd.

20    Ebd.

21    Ebd., S. 139.

22    Ebd.

23    Ebd., S. 125.

24    Ebd., S. 126.

25    Fritz René Allemann, Bonn ist nicht Weimar, Köln 1956.

26    Roland Müller, Der „Stuttgarter Tumult“ vom 28. Oktober 1948 – Protest im Spannungsfeld von Währungsreform und Kaltem Krieg; in: Wege in ein neues Leben. Die Nachkriegszeit, hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Verbindung mit der Stadt Stuttgart, Ubstadt-Weiher 2017, S. 133 – 137.

27    Vgl. dazu Die Mörder sind unter uns. Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958, hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 1958.

28    Vgl. dazu Hans H. Pöschko, Hrsg., Die Ermittler von Ludwigsburg. Deutschland und die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Berlin 2008.

29    Klaus Bästlein, „Nazi-Blutrichter als Stützen des Adenauer-Regimes“. Die DDR-Kampagnen gegen NS-Richter und -Staatsanwälte, die Reaktionen der bundesdeutschen Justiz und ihre gescheiterte „Selbstreinigung“ 1957 – 1968; in: Helmut Grabitz / Klaus Bästlein / Johannes Tuchel, Hrsg., Die Normalität des Verbrechens. Bilanz und Perspektiven der Forschung zu den nationalsozialistischen Gewalt-verbrechen, Berlin 1994, S. 408.

30    Deutscher Bundestag, 4. Wahlperiode, Drucksache IV/634 vom 10. September 1962.

31    Vgl. dazu Torben Fischer / Matthias Lorenz, Hrsg., Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, Bielefeld 2007, S. 98 – 100.

32    Richard Schmid, Einwände. Kritik an Gesetzen und Gerichten, Stuttgart 1965, S. 243 f.

33    Jahrbuch (wie Anm. 18), S. 163.

34    Zit. nach 50. Jahrestag Rede der Hoffnung. James F. Byrnes, Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, 6. September 1946, Stuttgart, Stuttgart 1996, S. 19.

35    Wolfgang Niess, Die Revolution von 1918/19, Berlin 2017, S. 443.

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