Es Laibli (Lisbeth Neugart)

 

Es Laibli isch kon hohe Berg, geg anderi grad nu en Zwerg;

’s isch au nit grad en kleine Zwuckl,

halt so en schöne, lange Buckl.

De Wäeg dert nuff isch zwar ko Schuur,

doch bliibsch mol schtau, gucksch au retuur.

Und siehsch noch jedem Schritt i d’Höh

älls wiiter no und äbel meh.

Wie schön die Stadt im Grüene liit,

und wies vill neui Viertel giit.

 

Vu Süde duet de Eichberg grüeße,

und Riete liit Der grad zu Füeße.

En Katzesprung bloß wär es au,

wenn dätsch ge Pfaffewiiler gau.

Westwärts ziit sich de Schwarzwald naa,

So wiit es Aug au blicke maa.

Wie kaasch do hobe d‘ Alpe säeh,

wenns duet bald ander Wetter gäeh!

Es Laibli kinnt iis manches sage us graue,

längst vergangne Tage;

vum Lebe, Sterbe, Kumme, Gau,

doch kaa si Sprooch wohl koes verstau.

Mer woeß, es hond do Kelte glebt

und ihren Fürscht scheints schwer verhebt,

So daß si ihn, wies d’Kelte dond,

uf em Laibli schön bestattet hond.

Wenn ihm au koes en Kranz meh flicht,

si einstig Grab jetzt kahl und schlicht,

So manchi Schtei verzettlet sind, –

am Laibli gooht en bsundre Wind.

 

 

 

Den Blick vom Laible auf die Stadt haben schon viele Generationen von Villingern genossen. Hier, gleich unterhalb des Hügels beim Grab des Keltenfürsten, findet sich auch seit Alters her die Jugend der Zähringerstadt im Herbst ein, um – wie diese Pfadfindergruppe – selbstgebastelte Drachen steigen zu lassen.

 

 

 

 

Ganze Stadt wurde zur historischen Bühne (Eberhard Stadler)

„Des Wächters Runde“ begeistert Geschichtsfreunde

Ein Ereignis begeisterte die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins im Herbst 2004 besonders: Das Historienspiel „Des Wächters Runde“, das am 21. Oktober auf dem Programm stand und Auftakt war für eine Reihe neuartiger Stadtführungen, die bei der Villinger Bevölkerung große Resonanz fanden. Wir haben einen Bericht, der im Südkurier erschienen ist, kurz vor Durcklegung noch ins Jahresheft aufgenommen.

Unter hohen Buchenbäumen steht in seinem Garten in der Villinger Josefsgasse der Jude Salomon, mit jüdischer Kopfbedeckung und Schal, die Thora auf einem Pult vor sich liegend, die Hände gefaltet. Die Szenerie ist mit zwei Scheinwerfern ausgeleuchtet, am Boden stehen rote Kerzen. Im inbrünstigen Zwiegespräch mit seinem Herrgott schildert Salomon, wie es damals war, vor 500 Jahren in Villingen. Sie sollen das Blut eines Ermordeten getrunken und andere teuflische Blasphemien begangen haben, die Villinger Juden. Von der Obrigkeit werden die Männer dem „hochnotpeinlichen Verhör“ ausgesetzt und schwer gefoltert. Doch keiner gesteht. Sie werden wieder frei gelassen, im Jahre 1510 endgültig aus der Stadt vertrieben.

Zwei der Hauptakteure im Historienspiel: Nachtwächter Peter Gyger (Lambert Hermle) und der Händler Vatz Wöhrlin (Klaus Richter).

 

Judenverfolgung in Deutschland, in Villingen. Salomon betet zu seinem Gott, daneben steht eine Gruppe Menschen mit roten Kerzen, sie beten murmelnd mit, im Hintergrund ertönt Geigenmusik. Die rund 80 Zuschauer vom Villinger Geschichts- und Heimatverein sind von der Eindringlichkeit dieser nächtlichen Szenerie im Garten des städtischen Ordnungsamtes gebannt. Sie werden es an diesem Abend noch mehrmals sein. Der Villinger Nachtwächter Peter Gyger (Lambert Hermle) und sein Begleiter, der Freiburger Händler Vatz Wöhrlin (Klaus Richter), entführen die Besucher mit „Des Wächters Runde“ in das Villingen vor 500 Jahren. Die nächtliche Szenerie in den mittelalterlichen Gassen und Plätzen der Stadt liefert die kongeniale Atmosphäre für die neue Stadtführungs-Attraktion. Was der Autor des Stücks, der Villinger Lehrer Gunther Schwarz, als Opus magnum entworfen hat, ist alles andere als ein vergnüglicher Nachtwächter- Schwank, wenngleich auch das komödiantische Element herzhaft vertreten ist.

Der Tod holt sich seine Opfer, vor 500 Jahren spielte er im Bewusstsein der Menschen eine noch größere Rolle. Szene auf dem Villinger Münsterplatz.

 

Ein nachdenklicher Held Remigius Mans (Alexander Brüderle), der vor der Schlacht von Novarra aus seinem prallem Leben berichtet.

 

In einer dreistündigen Inszenierung wird der Besucher mit Historie gespickt, intellektuell gefordert, manchmal überfordert und emotional gepackt. Gunther Schwarz und die Akteure des Stücks lassen das 16. Jahrhundert wieder auferstehen. Szenenwechsel Münsterplatz: Kein Ort wäre besser geeignet, dem Publikum die Frömmigkeit und das theologische Fundament der damaligen Zeit näher zu bringen. Dort, in einer Nische am Südturm, wartet der Steinmetz Conrad Röttlin (Heinrich Greif ) auf die Besucher. Steinhauend und monologisierend, eifernd predigend, ruft er die Menschen zur Umkehr auf.

„Gedenke Mensch, dass du aus Staub bist“, schreit er in die Menge, seinen Stein wie ein Rasender bearbeitend. Ein Butzesel, das mittelalterliche Symbol der verwerflichen Fleischeslust, wird über den Platz gejagt und mit der Peitsche weggetrieben. Der Tod im Narrengewand und Totenmaske holt sich seine Opfer und führt sie gebunden ab. Symbolik, die unter die Haut geht.

Nächste Szene Rathausgasse. Auf einem Karren wird Elisabeth Schwarzin herangekarrt, an den Pfahl gebunden, der Henker steht hinter ihr, vier Fackeln lodern bereits bedrohlich am strohbeladenen Wagen. Gestehen soll sie, dass sie eine Hexe ist. Die Lebensbeichte der Schwarzin jagt den Besuchern einen Schauer den Rücken herunter. Sie erzählt ihre Geschichte, die die Geschichte der armen Leute, der armen Frauen von Villingen ist. Die der Lehmarbeiterinnen und der Helferinnen im Spital, die gegen die Pest kämpfen. Die unter Hunger und Kälte leiden und unter der Obrigkeit. Die dennoch ein anständiges Leben führen. Und von denen zwischen 1570 und 1672 mindestens

62, so viele sind dokumentiert, auf dem Scheiterhaufen ihr Leben lassen. Gefoltert und verurteilt im Alten Rathaus, also exakt dort, wo gerade die Zuschauer stehen. In deren Gesichter macht sich in dieser Szenerie Betroffenheit breit, die von Andrea Riehle fulminant gespielte Hexenszene geht tief unter die Haut. Und so geht es weiter beim Parforceritt durch die Stadtgeschichte. Nachtwächter Peter Gyger und der Händler Vatz Wöhrlin treiben die mit Kerzen und Laternen ausgestatteten Zuschauer „hurtigen Fußes“ von Schauplatz zu Schauplatz. Sie sind die Klammer des Spiels, füllen den geschichtlichen Hintergrund mit zahlreichen Informationen im Dialog auf und sorgen für Humor. Auf ihrer nächtlichen Runde stoßen sie auf Jakobspilger und Nachttöpfe, auf aufständische Bauern und zu guter Letzt auf Remigius Mans, den Villinger Lokalhelden (Alex Brüderle). Nach drei Stunden ist es geschafft und der gute „Romäus“ hat sich zum „Action-Höhepunkt“ mit einem Seil aus den schwindelnden Höhen des einstigen „Diebesturmes“ abgeseilt (Stunt: Anselm Säger).

Fazit von des „Wächters Runde“: Die Zuschauer werden immer wieder gepackt von der Intensität des Spiels und seinem hohen atmosphärischen Einfühlungsvermögen. Hinzu kommen Musikeinlagen, tolle a-capella-Gesänge und Gauklerspiel, Spezialeffekte und eine mobile Beleuchtung, viel heimischer Dialekt und Wortwitz.

Gunther Schwarz hat bewiesen, dass er nicht nur ein begnadeter Wortakrobat ist, sondern auch ernsten Stoff brillant in Szene setzen kann. Für alle Freunde des historischen Villingens sind diese drei kurzweiligen Geschichtsstunden ein Muss. Die Mitglieder des Geschichtsvereins unter Leitung von Günter Rath und Adolf Schleicher jedenfalls waren hin und weg.

Nächtliches Spektakel zum Schluss des historischen Stadtrundgangs: Eine Gauklergruppe kreuzt vor dem Romäusturm auf.

 

 

Von alten Protokollbüchern zur lebendigen Chronik (Lore Schneider, Hermann Colli, Gerhard Hirt)

Ein Jahrhundert Stadt- und Bürgerwehrmusikgeschichte auf mehr als 750 Seiten mustergültig aufbereitet

Geschichte der Villinger Vereine ist immer auch ein Stück Geschichte der Stadt. Das trifft in besonderem Maße auf die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen zu, deren Aufgabe es ist – neben der Pflege einer lebendiger Volkskultur auf musikalischem und gesellschaftlichem Gebiet – die Stadt nach Außen hin zu repräsentieren. Der Geschichts- und Heimatverein fühlt sich dieser städtischen Einrichtung seit jeher eng verbunden. Im Jahresheft 2005 soll das in diesem Beitrag zum Ausdruck kommen, der sich mit der Historie der Stadt- und Bürgerwehrmusik beschäftigt. In langer und mühevoller Arbeit hat unser Mitglied Lore Schneider auf mehr als 750 Din-A4-Seiten eine Chronik erstellt, die als lebendiges Zeugnis einer fast 200-jährigen Musiktradition in der Zähringerstadt angesehen werden kann. Drei in Leder gebundene Bücher geben Auskunft über ein reges Vereinsleben mit zahlreichen Höhen und Tiefen und über engagierte Menschen die über Jahrzehnte hinweg bereit waren, dieser Gemeinschaft immer wieder neue Impulse zu geben.

Lore Schneider

 

Angefangen hat alles, so Lore Schneider, mit der Ausstellung „175 Jahre Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen 1810–1985“ die in der Hauptstelle der Sparkasse in Villingen-Schwenningen vom 22. Mai bis zum 25. Juni 1985 aus Anlass unseres Jubiläums stattfand.

Lore Schneider:

Meinem Mann war von Stadtmusikseite die Organisation dieser Ausstellung übertragen. Manfred Fischer, damals Werbeleiter der Sparkasse, stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Unzählige Foto-Repros hat mein Mann besorgt. Hilfe und Unterstützung erhielten wir auch von Lothar Fuchs (bekannt als „de Schelleboom“) und nicht zuletzt von Lothar Wöhrle, damals Kammerverwalter der Narrozunft.

Hier war das alte Protokollbuch, handschriftlich geführt ab 1890, öffentlich zu sehen. Es war in den Anfangsjahren in wunderschöner altdeutscher Schrift abgefasst, die mich sofort fasziniert hat. Sicher hat dieser Schriftführer den heute üblichen Slogan „Streß“ nicht gekannt, denn die einzelnen Wörter sind liebevoll eher gemalt als geschrieben. Nun tauchte aber bei der jüngeren Generation, die nicht in der „Sütterlin-Ära“ zur Schule gegangen war, ein Problem auf. Die für uns jungen Hupfer konnten das gar nicht, oder nur mit großer Mühe lesen. Irgend jemand sollte das „für alle leserlich“ übersetzen, und, ich hatte es fast geahnt, alle Augen waren auf mich gerichtet. Damals dachte ich noch nicht an weitere Folgen.

Ich habe diese Aufgabe gern übernommen. Je mehr ich mich in die Materie vertiefte, desto mehr Freude hat mir die Arbeit gemacht. Eine sehr große Hilfe war mir mein Mann Rudi (auch bei den weiteren Bänden konnte er manches ergänzen), denn er hatte ja später noch viele der aufgeführten Musiker persönlich gekannt. Da ich selbst durch ihn seit 1946 mit der Stadtmusik „verbandelt“ war, traf das teilweise auch für mich zu. So war das alles für uns beide eine „lebendige Geschichte“.

Im Juni 1987 wurde meinem Mann anlässlich seiner 50-jährigen aktiven Tätigkeit bei der Stadt- und Bürgerwehrmusik im Alten Rathaus die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg überreicht. Das nahm ich zum Anlass, dem 1. Vorstand den fertiggestellten 1. Band der besagten Chronik zu übergeben. Damit glaubte ich mich als Chronist entlassen. Aber – weit gefehlt. „Du kinnsch des doch wiiter mache“, meinte Rolf Greitmann. Er wusste wohl, dass er mich damit auf einen empfindlichen Nerv trifft. Ich sagte zu. Sehr mühsam war der Anfang, aber große Probleme haben mich nie geschreckt . Akribisch war vorzugehen, alle Register wurden gezogen, um ein einigermaßen kompaktes Konzept zu gestalten. Protokolle und Berichte waren größtenteils vorhanden. Musikdirektor Rupert Binder übergab mir ein Riesenpaket    von gesammelten Zeitungsausschnitten (eine sehr große Hilfe), die zu ordnen waren. Auch ein Besuch bei dem früheren Dirigenten Eugen Lang konnte eine Lücke füllen. Viele habe ich angesprochen – einzelne nicht immer mit Erfolg, aber ich danke heute noch allen, die mir behilflich waren.

Der zweite Band (1957–1975) war endlich im September 1993 fertiggestellt, und zum Schluss folgte Band drei im Dezember 1994. Damit sind auf über 750 Seiten

100 Jahre Stadt- und Bürgerwehrmusik festgehalten – alles noch in Maschinenschrift, denn das Computer-Zeitalter war noch nicht angebrochen. Leider, man hätte noch mehr daraus machen können.

Es war für mich stets oberstes Gebot, alle vorhandenen und irgendwie erreichbaren Unterlagen präzise und gewissenhaft aufzuarbeiten. Ich habe mich persönlich immer an mehreren Stellen der Wahrheit versichert, wenn mir das aus eigener Erfahrung nicht möglich war; auch Telefongespräche an einem Dreikönigstag – den Kuhreihen betreffend – gehören dazu.

Sicher habe ich mit zusätzlichen NACHFORSCHUNGEN und hartnäckigen Fragen manchen „genervt“; es geschah aus der Verantwortung einer möglichst genauen Wiedergabe des Geschehens.

Außer vielen musikalischen Anlässen sind für mich selbst markante Punkte:

Das erste Jahreskonzert am 8. Dezember 1977, damals noch im Theater am Ring. Ab dem Jahre 1982 fanden diese Konzerte im Franziskaner- Konzerthaus statt.

Die offizielle Einweihung des Probelokals im Zeughaus durch Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebauer am 12. April 1980.

Der Förderverein der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen, der mit Neueintrag ins Vereinsregister beim Amtsgericht Villingen vom 26. Juli 1999 aus der Taufe gehoben wurde.

Durch die kontinuierlichen Streichungen öffentlicher Mittel ist dieser Förderverein zur Finanzierung verschiedener Aufgaben zwingende Notwendigkeit. Seit Bestehen konnten bereits einige dringend nötige Instrumente aus dem Förderverein-Etat angeschafft und der Stadt- und Bürgerwehrmusik übergeben werden.

Soweit die Ausführungen von Lore Schneider.

Blättern in der Chronik

Blättern wir ein wenig in der dreibändigen Chronik und picken wir uns ein paar der Aufzeichnungen heraus, so entsteht vor unserem Auge ein Stück Zeitgeschichte, das durchaus dem Titel unseres Jahresheftes „Villingen im Wandel der Zeit“ entspricht. Da finden wir im Protokollbuch der Stadtmusik Villingen als eine der ersten Eintragungen:

Beschluß

Unter heutigem wurde Clemens Schäfer, z. Zt. hier bei Herrn Gießereibesitzer Ummenhofer, als aktives Mitglied in die hiesige Stadtmusik aufgenommen. 1. April 1890.

Clemens Schäfer wurde jedoch bereits am 1. Januar 1891 auf Antrag des Directors, Herrn Häberle, wegen Betrunkenheit und frechem Betragen gegen denselben laut gemeinderatlichem Beschluß aus der Stadtmusik entlassen.

Albert Fischer, Bismark Meier, Gustav Schönstein und Adolf Schwer sind vom 1. Januar 1891 an als aktive Mitglieder vom Director als Zögling in dieselbe eingereiht.

Der damalige Gemeinderat hat für die Mitglieder der Städtischen Einrichtung eine Vergütungsordnung festgelegt.

Beschluß: Vom 1. April 1891 an wird der fixe Gehalt nicht mehr wie bisher in einer festgestellten Summe an die Musiker verteilt, sondern es erhält jeder aktive Musiker für die Probe 50 Pfg., was er aber bei Nichterscheinen in der Probe unter allen und jeden Umständen verliert. Es gibt also hierfür nie eine Entschuldigung. Der Überschuß, wenn solcher vorhanden, wird nach Anweisung des Directors verteilt, jedoch unter Zuziehung des Verwaltungsrates.

Es wurde vom Verwaltungsrat der Stadtmusik am

10. September 1891 beschlossen, dass „ein Versäumnis bei Aufführungen, die vom Gemeinderat befohlen werden, wie z. B. Geburtstag des Großherzogs, damit bestraft wird, dass dem Betreffenden 3 Mark 50 Pfg. von seinem Gehalt in Abzug gebracht wird. Eine Entschuldigung ist in allen Fällen ausgeschlossen.“

Unter dem 1. Januar 1892 finden wir folgenden

Eintrag:

An die Mitglieder der hiesigen Stadtkapelle schreibt Stadtmusikdirektor Häberle:

Am Anfang des verflossenen Jahres hat der obige einen Verwaltungsrat in die Stadtkapelle nebst einem Kassierer und Diener eingesetzt; den ersteren, um den derzeitigen Direktor in jedwedigen Vorkommnissen zu unterstützen, den zweiten, um die Piesse (-Piéce = Stück-), Requisiten, Arrangements für die Kapelle und dergl. zu besorgen, und den letzteren, um die Pulte, Noten usw. bei Aufführungen zu transportieren, Proben an- und abzusagen, überhaupt sämtliche ihm vom Direktor oder dessen Stellvertreter gegebenen Aufträge aufs pünktlichste auszuführen.

Da nun aber von allen Seiten die ihnen übertragene Verpflichtung nur mißbraucht wurde, so sieht sich der Unterzeichnete genötigt, sämtliche von ihren Posten zu entlassen und alle vorstehenden Beschlüsse (die gestrichen sind) unter heutigem zu annullieren und als null und nichtig zu erklären. Kassier und Diener werden daher aufgefordert ersterer seine Bücher, Gelder und dergl., was überhaupt vorhanden ist und letzterer seine Mütze innerhalb 4 Tagen an den Direktor abzuliefern.

Ferner:

wird der bis jetzt bezogene Gehalt von heute ab nicht mehr in gleiche Raten, sondern vom Direktor nach seinem Gutdünken, bzw. nach den Leistungen eines jeden Musikers verteilt werden.

Ebenso behält sich die Verteilung etwaiger Privateinnahmen der Unterzeichnete in gleicher Weise vor.

Die folgenden Seiten im Protokollbuch enthalten zahlreiche Verträge, Beschlüsse und Bestimmungen: Unter heutigem wurde Herr K. Gromann von dem Unterzeichneten zum Kassier ernannt und erhält derselbe vorerst 10 Mark aus der Musikkasse bis 1. Januar 1892.

7. Februar 1892 Häberle

Anton Bandle wurde heute als Diener der Stadtmusik seiner Stelle enthoben.

1. Januar 1893 H. Häberle

Für das Jahr 1893 bis 1898:

Vertrag: Unter heutigem wurden namentlich aufgeführte 15 Herren als aktive Musiker der Stadtkapelle, hier, durch den Stadtmusikdirektor, Herrn Häberle, aufgenommen und haben sich dieselben auf die Dauer von fünf Jahren verpflichtet.

Joseph Stern, C. Gromann, Pr. Kienzler, Gustav Schönstein, A. Fuchs, J. Kleiser, A. Schurr, Constantin Binder, A. Kuner, J. Käfer, Otto Kopp, Albert Fischer, G. Stern (nachträglicher Vermerk: „G. Stern ist entlassen“

In die Knabenkapelle wurden aufgenommen: E. Rausch, Aug. Rapp., Karl Heitzmann, Ernst Münzer, Stadler, C. Kienzler, K. Bollin, Herrn Hör.

3. Februar 1893

An vorstehenden Vertrag knüpfen sich folgende

Bedingungen:

Die aus der Knabenkapelle zur Stadtkapelle eingereihten Musiker haben 3 Monate Probezeit zu bestehen, ob solche überhaupt in die Stadtkapelle als aktive Musiker aufgenommen werden können.

Mitglieder der Stadtmusik im Jahre 1890

 

Nach bestandener Probezeit erhalten Sie einen halben Gehalt sowie Anteil an Privateinnahmen, jedoch nicht einen ganzen Teil, sondern je nach Verdienst, welchen Betrag der Musikdirektor zu bestimmen hat. Bis sie in den vollen Betrag eingewiesen werden, hängt ganz vom Direkter, bzw. von ihrem Verhalten und ihren Leistungen ab.

Die von der Knabenmusik in die Stadtmusik übergetretenen Musiker haben so lange auf Wunsch des Direktors bei ersterer Aushilfe zu leisten, bis ihre Instrumente wieder durch andere ersetzt sind. Unter heutigem (11. Mai 1893) wurde von dem Unterzeichneten mit allseitigem Einverständnis der Stadtmusiker für die Zukunft bestimmt:

„Jeder Musiker hat bei seinem Eintritt sich eine vorschriftsmäßige Kappe anzuschaffen und bleibt stets sein Eigentum. Die Musikkasse tritt für nichts mehr ein. Es kann daher jedes Mitglied solche direkt in der Fabrik oder von einem ausscheidenden Musiker beziehen.“

Obiger Beschluß wurde dahingehend abgeändert, dass ab jetzt die Kappen aus der Musikkapelle bezahlt werden und somit Eigentum der Stadtkapelle bleiben.

15. Februar 1895:

Herr Gromann wurde heute als Kassier aufgestellt und erhält ein jährliches Honorar von 20 Mark. Nebst der Kasse hat derselbe bei öffentlichen Konzerten und dergleichen unter Beihilfe der vom Direktor zu bestimmenden Musiker das Arrangement zu übernehmen und Sorge zu tragen, dass alles wieder an seinen Platz gebracht wird.

Für die Requisiten der Stadtkapelle, soweit solche Eigentum derselben sind, hat der Kassier ein genaues Verzeichnis zu führen und jeweils für alles zu haften. Von einem Musikdiener wurde vorerst abgesehen.

Beschluß

Es wurde unter heutigem (31. Januar 1897) von den Unterzeichneten folgender Beschluß gefasst: Jedes Mitglied der Stadtmusik Villingen hat bei seinem Eintritt dreißig Mark Kaution zu hinterlegen. Dieses Geld wird in die hiesige Städt. Sparkasse eingelegt, so lange, als ein Mitglied in der Stadtkapelle bleibt. Bei seinem Austritt aber wird ihm das eingelegte Kapital nebst Zinsen wieder retour bezahlt.

Knabenmusik Stadtmusik um 1889/90

 

Ausgenommen ist:

1. Wenn ein Mitglied ohne vorherige 1/2 -jährige Kündigung eigenmächtig, also ohne Einwilligung des Direktors, aus der Kapelle austritt.

2. Wenn ein Mitglied aus der Kapelle ausgewiesen wird. In den beiden Fällen hat der Musiker überhaupt auf Geld keinen Anspruch mehr.

Herr Albert Bode wurde heute (31. Januar 1897) vom Unterzeichneten zum Kassier für die Stadtmusik ernannt. Derselbe bezieht hierfür ein jährliches Honorar von 15 Mark. Herr Bode hat die unter dem 15. Februar 1895 bestimmten Bestimmungen gewissenhaft zu erfüllen evtl. hierfür zu haften.

Ausflüge hatten bei der Stadtmusik immer eine besondere Bedeutung. Nachstehenden Bericht verfasste der städtische Musikdirector höchstpersönlich und äußerst prosaisch.

Ausflug nach Sulz und Betra am 12. September 1897

Die Stadtmusik machte an obengenanntem Tage einen Ausflug. Morgen: 1/2 7 Uhr fuhren wir mit dem Zug Rottweil–Horb hier ab und kamen um 9 Uhr in Sulz an. Zuerst legten wir unsere Instrumente im Gasthaus „zur Linde“, wo wir concertierten, ab und sahen uns Sulz und Umgebung an. Punkt 12 Uhr war Mittagessen in der „Linde“, und zwar Suppe, Ochsenfleisch mit 4 Beilagen, gebackene Spätzle, Schweinebraten und Sauerkraut pro Person 85 Pfennig. Qualität … Quantität = adlibitum!

Um 1 Uhr, nach Tisch, spielten wir auf dem Marktplatz daselbst 3 Stücke, und punkt 3 Uhr begann das Konzert, Schluß 1/2 7 Uhr.

Es wurde nun ein Wagen bestiegen, welcher uns aus Betra abholte, und unter der fröhlichen Stimmung ging es ab nach Betra. Daselbst kamen wir um 1/2 8 Uhr an und zogen mit Lampions unter klingendem Spiel ein.

Als etwas restauriert war, wo einige 7 Ochsenaugen (Spiegeleier) und eine Portion Schwartenmagen verzehrten, begann das Konzert etwa 1/2 9 Uhr.

Ich will nur noch bemerken, dass sowohl in Sulz wie in Betra eine allgemein freudige Stimmung herrschte und wir volle Anerkennung erwarben. Montag früh 9 Uhr verließen wir wieder mit klingendem Spiel den Ort Betra und kamen, nachdem wir in Rottweil noch einen Abstecher machten, abends 1/2 8 Uhr fröhlich und munter unter Abspielen eines schneidigen Marsches hier an. Es ist durch diesen Ausflug allgemeiner Wunsch geworden, jedes Jahr einen solchen Ausflug zu machen.

den 20. September 1897 H. Häberle, Musikdirektor

Aus den zahlreichen Verträgen, die im Protokollbuch aufgeführt sind, nachstehend einige interessante Passagen:

Herr Jul. Oberle übernimmt die Stelle eines Musikdieners bei hiesiger Stadtkapelle unter folgenden Bedingungen auf ein Jahr.

Herr Oberle erhält für das Jahr ein Honorar von Dreißig Mark.

Bei Aufführungen, wo die Stadtkapelle keine freie Zehrung erhält, (d.h. Privatunternehmen) hat der Diener hierfür eine Mark anzusprechen.

Bei auswärtigen Productionen hat der Diener freie Fahrt und Verköstigung, d. h., wenn er sich beteiligen muss.

Der Diener erhält als Kennzeichen seiner Stellung eine Mütze, die Eigentum der Capelle bleibt und bei Austritt sofort an den Director verabfolgt werden muss. Dieselbe ist jeweils vom Diener zu tragen, wenn die Stadtkapelle öffentlich auftritt. Als besondere Bedingung für das Jahr 1899 sei vermerkt, daß bei einer Kündigung zu Neujahr der Austritt wegen dem bevorstehenden Musikfest erst nach demselben gestattet ist, und wird jedes Mitglied, welches diese Bedingungen umgeht, außer den in den Statuten und extra Beschlüssen bezeichneten Verlusten noch mit einer Strafe von 20 Mark belastet.

Mit dem Jahre 1899 beenden wir zunächst einmal das Blättern im alten Protokollbuch, das uns aus der Geschichte einer traditionsreichen Musikkapelle, vom Gemeinderat der Stadt Villingen gegründet, einen unterhaltsamen, aus heutiger Betrachtung humorigen Einblick in das frühere Vereinsleben gegeben hat. Wir setzen im nächsten Heft die Serie fort.

Vor 25 Jahren, im September 1979, befand sich die Stadt- und Bürgerwehrmusik auf einer Konzertreise in den USA. Das Abschlusskonzert gab das Orchester auf dem John-F. Kennedy-Platz in Philadelphia. (Unser Bild: Der damalige Vorsitzende Gerhard Hirt bei seiner Begrüßung; 4. v. l. Stadtmusikdirektor Rupert Binder) Das Fernsehen war mit dabei und strahlte abends einen großen Bericht aus. Die Gäste des Deutsch-Ungarischen Clubs spielten auch vor der Deutschen Botschaft in Washington. Als besonderes Zeichen der Verbundenheit wurden die Villinger damals Ehrenmitglied des Deutsch-Amerikanischen Polizeiverbandes.

 

 

 

Wie die Wasserbelagerung der Stadt Villingen im Dreißigjährigen Krieg, 1634, in die deutsche Literaturgeschichte gelangte (Werner Huger)

Was in Wolfenbüttel, südlich von Braunschweig, zum Erfolg geführt hatte, sollte sich in Villingen wiederholen: Die Eroberung einer Stadt mittels einer Belagerung durch aufgestaute Wasser. Es wurde ein Fehlschlag.1

Foto: Hermann Preiser von altem Gemälde vermutlich des Johann Anton Schilling, 1717. Der Verbleib des Originalgemäldes ist unbekannt. Nach Auskunft Franziskanermuseum Villingen, Dr. Michael Hütt, befindet es sich jedenfalls nicht im Depot des Museums.

 

Im bedeutendsten Roman des 17. Jahrhunderts, dem „Abenteuerlichen Simplicius Simplicissimus“ von Christopher von Grimmelshausen, hat der Vorgang der Villinger Wasserbelagerung (18. 06. bis 09. 09. 1634) in verwandelter Form Erwähnung gefunden: Simplicissimus ist ein Junge, der in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges sein Elternhaus verliert und von einem im Wald lebenden Einsiedler aufgenommen wird. Als der Einsiedler nach ungefähr zwei Jahren ans Sterben denkt, beginnt er mit den Worten: „Nun, Simplici, liebes Kind …“ rückblickend auf ihr gemeinsames Leben tröstlich Abschied zu nehmen. Darauf lässt der Schriftsteller v. Grimmelshausen den Simplicissimus berichten und ihn in seinem unerträglichen Schmerz sagen: „Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen …“.

Diese aus literaturgeschichtlicher Sicht interessante Stelle belegt die mittelalter liche Erzähltradition, in der sich Grimmelshausen noch im 17. Jahrhundert bewegte. In ihr war nämlich die psychische Schilderung eines Ereignisses noch nicht entdeckt. Die inneren Empfindungen und Spannungen dieses einfachen Wesens namens Simplicissimus bleiben verschlossen und ungesagt. Sie werden vielmehr durch einen physiologischen Vorgang sichtbar gemacht; d. h., um das Maß der Traurigkeit darzustellen, berichtet er vom Maß der vergossenen Tränen, deren Fülle uns das Bild dieses riesigen Wassers‚ des Sees der Wasserbelagerung, hier bietet.

Anmerkung

1 Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1964, hat auf Seite 311 ff. die Wasserbelagerung umfassend geschildert.

 

Aus der Arbeit des Stadtarchivs (Teil 2) (Ute Schulze)

Drei Nachlässe zur Villinger Orts- und Personengeschichte im Stadtarchiv vereint 

Josef Honold (1888–1967), Gustav Walzer (1899–1966) und Dr. Johann Nepomuk Häßler (1898–1981) haben in ihrer oft knapp bemessenen Freizeit jeweils große Mengen an Informationen zusammengetragen und die Quellen ausgewertet, jeder auf seine Art und doch teilweise voneinander inspiriert. Die Nachlässe ergänzen sich in hervorragender Weise.

Bereits 1971 erwarb die Stadt den Nachlass Josef Honolds von seiner Tochter. Der Ordnungszustand der Unterlagen war bei Beginn der archivischen Verzeichnung 1993 nicht mehr original. Aber die Absicht hinter allem war ersichtlich: die Erstellung einer Chronik ab 1840. Einen Teil davon hat Honold noch realisiert. Er hat für den Zeitraum 1868–1884 eine in maschinenschriftlicher Form vervielfältigte Broschüre veröffentlicht. Der aus Zeitungsausschnitten, Notizen und Aufzeichnungen sowie Fotos bestehende Nachlass gliedert sich wie folgt: Chronologie 1840–1906 (maschinen- und handschriftlich), Zeitungsartikel, die Josef Honold verfasst hat, Orts- und Personen- und Sachbetreffe (meist handschriftlich). Hinzu kommen 506 Fotos und Postkarten, die nach Themen geordnet sind, sowie 382 Bücher. Die Quellen für all dies waren neben der lokalen Presse auch Amtsbücher. Leider fehlen häufig die Herkunftsangaben.

Der Bestand 1.42.3 macht 6,25 laufende Regalmeter aus.

Gustav Walzer hat in unermüdlicher wissenschaftlicher Tätigkeit Stadt-, Spital- und Pfarrarchiv nach Personen und Fakten durchgearbeitet und in Karteien geordnet. Seine ca. 15.000 Karteikarten sind eine Fundgrube für alle, die Personen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert suchen. Sie geben aber auch Auskunft zu Orten, Literatur und Sachbetreffen. In teilweise großformatigen handschriftlichen Tafeln hat Walzer für eine ganze Reihe Villinger Familien Zusammenhänge zwischen einzelnen Personen und Generationen hergestellt. Er schrieb auch die Villinger Bürgerbücher von 1336 bis 1791 ab, die nach einer Überarbeitung 2001 im Druck erschienen sind. Er hatte ebenso begonnen, Indizes zu den Büchern anzulegen. Die Quellen seiner Aufzeichnungen sind in der Regel vermerkt, so dass man die Richtigkeit im Original überprüfen kann. Auch seine Korrespondenz bezüglich der Orts- und Personengeschichte sind im Nachlass vorhanden, sowie Vorlesungsmitschriften und private Papiere. Dieser Teil des Nachlasses befindet sich schon seit geraumer Zeit im Stadtarchiv und wurde dort verzeichnet. Insgesamt sind es 7 laufende Meter.

Im Jahr 2003 übergaben die Witwe Clara Walzer und Tochter Brigitte auch die umfangreiche Bibliothek an das Stadtarchiv. Fast 9 laufende Meter an Literatur aus vielen Sparten (Kirchen-, Wirtschafts-, Verfassungsund Rechtsgeschichte, Kunstgeschichte, Genealogie) und Quellensammlungen sind dabei hinzugekommen. Im Stadtarchiv ist der Nachlass als Bestand 2.42.4 zu finden.

Im Jahr 2004 erhielt das Stadtarchiv auch den Nachlass von Dr. Johann Nepomuk Häßler. Seine Tochter, Ute Singer, sichtete und übergab die Unterlagen stellvertretend auch für ihre Schwestern als Schenkung. Auch Dr. Häßler bediente sich bei seinen Forschungen der Karteikarten als Ordnungshilfe. In der Vor-Computer-Zeit die praktischste Lösung systematischer und erweiterbarer Strukturierung. So hat er ca. 5.000 Karten angelegt und sortiert. Auch eine große Zahl an Zeitungsberichten ist dabei. Gemeinsam mit dem befreundeten Gustav Walzer unterzog sich Dr. Häßler der Mühe, die Villinger Kirchenbücher abzuschreiben. Sein größtes Interesse galt dem 18. Jahrhundert und hier besonders der Zeit der Tallard’schen Belagerung. Daher verwundert es nicht, dass Dr. Häßler zu diesem Themenbereich auch publizierte. Es entstanden „Die Lorettokapelle zu Villingen“ und „Villingen im spanischen Erbfolgekrieg“.1 In seiner medizinischen Dissertation widmete sich Dr. Häßler „Untersuchungen über Ehe- und Fruchtbarkeitsverhältnisse einer Bauern- und Bürgersippe der Baar“.2

Seine Bibliothek ist sehr gut sortiert, für die Geschichte Badens in seiner Zeit nahezu umfassend. Auch hier finden sich wieder einige Quellensammlungen von großem wissenschaftlichen Wert.

Alle drei Bestände stehen den Interessierten im Stadtarchiv zur Einsichtnahme zur Verfügung. Sie können von montags bis freitags von 8.30 bis 12.00 Uhr und montags bis donnerstags von 14.00 bis 16.00 Uhr in der Lantwattenstraße 4 eingesehen werden.

Anmerkungen:

1 Die Lorettokapelle zu Villingen. Eine Studie zur Tallardschen Belagerung im Jahre 1704, Villingen: Selbstverlag, 1952 (Neuaufl., Villingen-Schwenningen: Müller, 1981). Villingen im Spanischen Erbfolgekrieg. Zur Erinnerung an die Tallardsche Belagerung vor 250 Jahren 1704–1954, Villingen: Selbstverlag, 1954.

2 Erschienen 1941 bei Goldschagg in Freiburg i. Br. Es geht um die Riegger in und um Villingen.

Die Lorettokapelle: Steinernes Zeugnis stolzer Villinger Stadtgeschichte und Zeichen frommen Bürgersinns.

 

 

 

Der älteste Verein in Villingen – Die „Aktien-Kegelbahn-Gesellschaft“ von 1838 (Ute Schulze)

Johann Nepomuk Ummenhofer (Villingen 1808–1883 Villingen), Ansicht Villingen, 1847, Öl auf Leinwand, Franziskanermuseum Inv. Nr. 11601.

Das Stadtarchiv bewahrt neben der amtlichen Überlieferung auch die Vermächtnisse von Privatpersonen, Firmen, Vereinen u. a. Insitutitionen für die Nachwelt. Daher ist es natürlich ein besonderer „Schatz“ Schriften des ältesten Villinger Vereins zu haben. Im Folgenden sollen nun die Kegelbahn- Gesellschaft und der ihr zugehörende Bestand im Stadtarchiv (Best. 4.14) vorgestellt werden.

Im Jahre 1838 fand sich ein „Verein gebildeter Bewohner Villingens“ in der „Aktien-Kegelbahn- Gesellschaft“ zusammen. Wie uns das Statut vom 15. April 1839 berichtet, war der Zweck die „Erheiterung und Erholung durch Kegelspiel und gesellige Unterhaltung in der von der Gesellschaft zu diesem Zwecke erbauten gedeckten Kegelbahn.“ 1 Zur Errichtung des Gebäudes hatte Stadtrat Kienzler ein Darlehen in Höhe von 200 Gulden gewährt. Bei der neu errichteten Sommerwirtschaft von Vinzenz Stättle fand das Kegelbahngebäude seinen Platz. Seit 1841 firmierte die Gastwirtschaft als „Hohenstein“ an der Marbacher Straße.2 Im Jahr 1842 erweiterte man die Kegelbahn und erhöhte deshalb die Feuerversicherung.3

Der Gesellschaft beitreten konnten „nur Personen von Bildung und von unbescholtenem Rufe“ (Statut § 3). Auch die Familienmitglieder durften ab dem 12. Lebensjahr die Kegelbahn nutzen. Die Werbung von Freunden war möglich. Als Aufnahmegebühr mussten ordentliche Mitglieder eine Aktie im Wert von 8 Gulden 6 Kreuzern erwerben. Außerordentliche Mitglieder zahlten jährlich einen Gulden. Im Gründungsjahr zählte man 36 ordentliche Mitglieder.4 1879 gehörten schon 95 Männer zu diesem Kreis u. a. Dominikus Ackermann, Carl Butta, Johann Baptist Dold, Ferdinand Förderer, Johann Glatz, Rudolf Kienzler, Heinrich Osiander, Johann Baptist Schilling, der Maler und der Bildhauer Ummenhofer, Carl Werner. Unter den 10 außerordentlichen war in diesem Jahr u. a. Kaplan Leibinger zu finden.5

Zum Vereinsgeschehen gehörten neben den internen Spielen auch Kegelfeste und Turniere. Konzerte wurden ebenfalls veranstaltet. Dabei traten neben örtlichen Musikern auch auswärtige Künstler auf, wie z. B. am 29. Mai 1862 vier Sänger des Theaters Ulm oder am 16. Juni des gleichen Jahres eine böhmische Musikgesellschaft.6

Am 15. und 16. Juli 1888 feierte man das 50-jährige Jubiläum mit einem Festprogramm. Am Sonntag den 15. fand von 14 bis 18 Uhr ein Preiskegeln statt. Der folgende Montag begann mit einem Stichkegeln „bei allgemeinem Frühschoppen“ von 9 bis 11 Uhr. Um 2 Uhr am Nachmittag formierte sich der Festzug beim Kriegerdenkmal und marschierte mit Musik durch die Stadt zum Gesellschaftslokal „Hohenstein“. Dort waren die Begrüßung der Festteilnehmer durch den Vorstand und die feierliche Preisverteilung vorgesehen. Es folgte ein Unterhaltungsprogramm mit Musik und Gesang. Am Abend sollte es eine „italienische Nacht“ mit großem Feuerwerk geben. Den Abschluss der Feier sollte ein Tanzvergnügen bilden.7 Die Zeitung „Der Schwarzwälder“ berichtete am 17. und 19. Juli jeweils auf der ersten Seite über das gelungene Fest, das wie fast geplant stattfinden konnte. Lediglich die Gartenbeleuchtung fiel dem Wettergott zum Opfer. Das Feuerwerk konnte aber von der großen Zahl der Festgäste bestaunt werden.

Im Jahr 1905 aber wurde die Gesellschaft aufgelöst. Als Begründung gab man wachsende Interesselosigkeit an. Außerdem wären einige Reparaturen am Kegelhaus nötig geworden. Das Kegelbahngebäude ging an den Eigentümer des Grundstücks „Zum Hohenstein“, Brauereibesitzer Johann Baptist Schilling, über. Die Geldmittel übergab man dem Verschönerungsverein zur Anlage eines Fußweges nach dem Laible.8 Man sollte dazu ergänzen, dass mittlerweile auch andere Lokalitäten Kegelbahnen hatten zum Beispiel die Tonhalle.

Die ins gesamten Akten des Bestandes der Aktien- Kegelbahn-Gesellschaft reichen von der Gründung 1838 bis ins Jahr 1898. Wir finden darin v. a. Rechnungsunterlagen. Aber auch eine ganze Reihe von Mitgliederverzeichnissen, Aufnahmeanträge und Schriften über Preiskegeln u. a. Veranstaltungen geben einen Einblick ins Vereinsleben. Man muss jedoch dazu sagen, dass es sich fast ausschließlich um handschriftliche Texte handelt. Diese sind dem Zeitgebrauch folgend in Deutscher Schrift verfasst.

Anmerkungen:

1 Best. 4.14 Nr. 19.

2 Zum „Hohenstein“ s. auch Best. 2.12 (Bauakten Villingen).

3 Best. 4.14 Nr. 24.

4 Best. 4.14 Nr. 21.

5 Best. 4.14 Nr. 29.

6 Best. 4.14 Nr. 22.

7 Best. 4.14 Nr. 26.

8 Best. 1.42.3 (Nachlass Josef Honold) Nr. 154.

Noch einmal Max Roth: Diesmal in Schwarzweiß.

 

 

 

Die kleinen blauen Stadtführer – Jeden Tag rund um die Uhr im Dienst (Gerhard Hirt)

Haustafeln informieren über Villinger Gebäude

Sie haben sich gut bewährt, die kleinen blauen Stadtführer, die über Geschichte und das Leben im alten Villingen informieren. Sie, das sind die quadratischen blauen Tafeln, die an historischen Gebäuden der Stadt hängen und in wenigen Worten und ein paar Strichen etwas über das Haus erzählen an dem sie angebracht sind.

Wir haben schon im letzten Jahresheft die Aktion, die vom Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts- und Heimatvereins initiiert wurde, gewürdigt. Hier sollen weitere Tafeln vorgestellt werden.

Sie sind an sieben Tagen der Woche im Dienst und zwar rund um die Uhr. Sie verhalten sich still und haben doch viel zu sagen. Sie wollen auch den „echten“ Stadtführerinnen und Stadtführern, die Fremden und interessierten „Eingeborenen“ mit viel Engagement die Stadt und ihre Geschichte „verkaufen“, keine Konkurrenz machen.

Im oberen Teil der Gerberstraße die Johanneskirche

 

Adolf Schleicher, einer der Stadtführer und Beiratsmitglied im GHV, sieht die Hinweistafeln als eine echte Bereicherung an. „Wir können nicht alle wichtigen Gebäude zeigen und erklären und da ist ein Hinweis auf die Tafeln ganz nützlich“ sagt er zu den „stummen Kollegen“. Vor allem ist es für die Menschen, die auf eigene Faust die Sehenswürdigkeiten der Stadt entdecken und erkunden wollen, eine geschätzte Hilfe.

Eine ganz neue Art der Präsentation der Stadtgeschichte hatte in Oktober beim GHV Premiere. Der besondere Stadtrundgang startete unter dem Namen: „Des Wächters Runde“. Es war ein Gang durch die mittelalterliche Stadt, bei dem zahlreiche bekannte Villinger Bürgersleute jener Zeit plötzlich den Weg der Bürger heutiger Zeit kreuzten und erzählten, wie es denn damals so im Städtle war, als sie hier lebten oder auch litten.

In diesem Jahr stellen wir die Johanneskirche, das Gotteshaus der einstigen Johanniter-Kommende und jetzige Pfarrkirche der evangelischen Johannesgemeinde und das Gebäude vor, in dem sich früher das Kapuzinerkloster befand. Nah beieinander im Riet liegen der Romäusturm, der früher auch Michaelsturm hieß, und der Elisabethenturm.

 

 

Das „Kapuzinerkloster“ in der Niederen Straße

 

 

 

Diese Tafel finden wir im oberen Teil der Färbestraße

 

 

Leider schon verkratzt – die Tafel am Romäusturm

 

Auch das Haus Huger in der Färberstraße, ein alter Wohnturm, und der mächtige Bau der ehemaligen Bäckerei Ummenhofer an der Ecke Brunnen- Färberstraße, sind fast Nachbarn. Das Gasthaus zum Löwen gehört zu den ältesten Gasthäusern der Stadt und es lohnt sich auch heute noch, hier einzukehren.

 

 

 

 

 

 

An diesem großen Haus Ecke Brunnen- und Färberstraße ist dieses Schild nicht gleich zu entdecken.

 

 

 

 

„Makellos“ und efeuumrahmt zeigt sich hingegen das Nachbarschild im Spitalgarten.

 

 

 

 

Wussten Sie dass es sich in der Oberen Straße um das älteste erhaltene Gasthaus Villingens handelt?

 

 

 

Hinter den Kulissen – das Franziskanermuseum (Barbara Eichholtz)

Als eine Oase der Ruhe neben der quirligen Rietstraße zeigt sich das Franziskaner-Kulturzentrum mit seinem Museum. Doch der äußere Anschein trügt: Museen, und Villingen macht hier keine Ausnahme, waren in den vergangenen Jahren von umgreifenden internen Umwälzungen betroffen, ein Prozess, der immer noch anhält.

Es waren hochgestimmte Zeiten, als der Bau- komplex – zum wiederholten Male seit seiner Auflösung als Kloster vor rund 200 Jahren – einer neuen Nutzung zugeführt wurde, die mit der Eröffnung der Fastnachtsabteilung 2000 ihren Abschluss fand. Die stadtgeschichtlichen Abteilungen waren neugestaltet, die frühgeschichtliche und volkskundliche Sammlung im Osianderhaus überarbeitet worden.

Dies alles geschah unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, die überaus zahlreich den jeweils neu eröffneten Abschnitt des Museums frequentierte. Heute dagegen kann es einem passieren, dass man als einziger Besucher, diskret verfolgt von einer Aufsicht, die Dauerausstellungen besichtigen kann. Doch dies ist kein Villinger Sonderfall. Selbst in den großen Museen Berlins kann einem Ähnliches widerfahren, und nur wenige Museen von Weltrang wie zum Beispiel der Louvre, die Eremitage, der Prado, die Uffizien oder die Vatikanischen Museen ziehen Jahr für Jahr hohe Besucherzahlen an, da es zum touristischen Pflichtprogramm gehört, bei einem Besuch von Paris, St. Petersburg, Madrid, Florenz oder Rom auch die genannten Museen zu besichtigen.

So selbstverständlich wie es uns heute erscheint, ist die Existenz öffentlicher Museen jedoch nicht, es gibt sie, von Ausnahmen abgesehen, in Deutschland seit rund 200 Jahren1. Sie stellen bis heute, neben Bibliotheken, die kulturellen Schatzkammern der Nation dar. Ihre Gralshüter waren und sind die Museumsleiter und -mitarbeiter2, deren Imperium nicht nur die ausgestellte Sammlung, sondern auch das der Öffentlichkeit verborgenene, meist umfangreiche Depot bzw. Magazin umfasst, über deren Beschaffenheit nur sie Bescheid wissen.

Die Einladung zum Besuch des Franziskanermuseum wird auf der Informationstafel im Eingangsbereich des Kulturzentrums auf dem Osianderplatz deutlich sichtbar.

 

Bis vor wenigen Jahrzehnten herrschten Museumsdirektoren meist unangefochten wie kleine Fürsten, man denke nur an den legendären Wilhelm von Bode in Berlin. Das Gros der Museen führte allerdings im Bewusstsein der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein, denn nur eine kleine Anzahl von Bildungsbürgern suchte diese Stätten der Kultur auf, um andächtig die ausgebreiteten Kostbarkeiten zu bestaunen.

Dies hat sich seit den 70er Jahren gründlich geändert. Ursache hierfür ist eine im Bewusstsein der Bevölkerung kaum registrierte Revolution, die alle Bereiche der Kultur umfasste. Die bis dahin nicht ernsthaft in Zweifel gezogene Auffassung der allein wirklich wertvollen sog. Hochkultur mutierte zur „Herrschaftskultur“ einiger weniger, der die „Alltagskultur“ als gleichberechtigt zur Seite zu stellen sei, da sie seit Jahrhunderten die Lebensumwelt der allermeisten Menschen prägte.

Villinger Industriegeschichte hat im Museum ihren gebührenden Platz gefunden. Rundfunk- und Fernsehgeräte von Saba wie auch der Taxameter T4 Argo von 1933 und eine Arbeitsschauuhr aus dem Jahre 1930 erinnern an Pionierzeiten weltbekannter Villinger Unternehmen.

 

Dieser Wandel des Geschichtsbildes manifestiert sich auch in der  Präsentation der „Kulturgeschichte Villingens“, wo die kostbaren Antependien aus St. Ursula, ein Kokosnusspokal oder ein Schachbrett mit kunstvollen Einlegearbeiten nicht höher bewertet werden als Getreidesester, wo Sebastian Brants

 

 

 

 

 

„Narrenschiff“ neben Plastikfastnachtsplaketten der jüngsten Vergangenheit gezeigt werden, wo industrielle Massenfabrikation der ehemaligen Firmen „Saba“ und „Kienzle“ breiten Raum neben einem Würstchenglas zum Thema „Städtefusion von Villingen und Schwenningen“ Platz finden. Ausschlaggebend für die Zurschaustellung ist nicht der materielle Wert, sondern die inhaltliche Aussagefähigkeit. Und so können besagte Getreidesester sowohl im Bereich „Markt“ wie auch im Bereich „Maß, Zahl und Gewicht“ gezeigt werden. Dieser Präsentation kommt entgegen, dass Villingen durch die Säkularisation und Vereinnahmung erst der Württemberger, dann der Badener empfindliche Verluste an kostbarem Kulturgut hinnehmen musste. So stellt schon aus diesem Grund ein großer Teil der gezeigten Objekte eine Art „arte povera“ dar und charakterisiert damit die Geschichte Villingens.

So vielseitig wie versucht wird, die unterschiedlichen Facetten des komplexen Stadtgebildes durch authentische Objekte darzustellen, so lückenhaft muss dies sein. Jedes Exponat steht gewissermaßen als pars pro toto für ein großes Bedeutungsfeld. Man nehme nur den „Auferstehungs- oder Himmelfahrtschristus“, über dessen Funktion man im Katalog „Bildersturm“ 3 Näheres nachlesen kann oder nehme sich das Buch von Johannes Tripps4 vor, und man wird staunen, in welch breites Spektrum sich diese Figur einordnen lässt. Ein ähnlich „weites Feld“, um mit Fontane zu reden, lässt sich fast hinter jedem Exponat erschließen. Abgesehen von der Auswahl der Objekte, die zu sehen sind, ist auch ihre Anordnung und Art der Präsentation vom jeweiligen Zeitgeschmack abhängig, auch die persönlichen Vorlieben derer, die darüber befinden, gehen, großenteils unbewusst, in die Ausstellung mit hinein. Eine objektive Präsentation kann es nicht geben. Der durchschnittliche Besucher wird sich hierzu keine Gedanken machen und die gewählte Anordnung als einzig Mögliche hinsichtlich Logik und Strukturierung des Materials hinnehmen. Und doch wäre auch eine andere Anordnung denkbar: Zum Beispiel könnte die „Herrenstubenzunft“ in die Abteilung der Handwerkerzünfte integriert sein. Dies wäre mit einer Bedeutungsverschiebung verbunden, denn es würde nicht, wie jetzt, betont, dass diese Zunft aus den „Herren“ der Stadt bestand, sondern die Tatsache, dass auch diese Gesellschaft der „ehrsamen Müßiggänger“ ihre wohlüberlegten Gründe hatte, als „Zunft“ zu gelten, obwohl sie sich doch gerade von den durch ihrer Hände Arbeit Lebenden absetzen wollte. Oder man würde die „Habsburgische Wappentafel“ und die „Seeschlacht von Rhodos“, nebeneinander präsentiert, als Produkte des berühmtesten Hafners Villingens, Hans Kraut, zeigen und somit auf die Bedeutung des Hafnerhandwerks für die Stadt eingehen. Es gibt gute Gründe für die eine wie für die andere Anordnung, und vielleicht nimmt der geneigte Leser diese Zeilen zum Anlass, das Museum auch einmal unter solchen, vielleicht ungewohnten, Aspekten zu besuchen.

Er könnte auch einmal, abgesehen von Auswahl und Anordnung der Objekte, deren Präsentation ins Auge fassen. Denn hier ist in den letzten Jahren die Intention immer stärker geworden, die Objekte durch ein ansprechendes Begleitarrangement zu zeigen, d. h. sie zu „inszenieren“, sie „in Szene zu setzen“. Nicht zufällig sind dies Begriffe aus der Theaterwelt bzw. der Werbung.

 

Die Habsburgische Wappentafel von Hans Kraut.

 

 

 

Die Seeschlacht von Rhodos, ein Werk des berühmtesten Villinger Kunsthafners Hans Kraut, ist in einer Vitrine zu finden.

 

 

Die Objekte sollen ihren Auftritt haben, der Besucher soll sie „erleben“ und „Museum“ nicht als ermüdende Reihung ausgestellter Dinge empfinden5. Nun ist die Ausstellungsinszenierung an sich nichts Neues, schon früher wurden besondere Objekte z. B. bei nächtlichem Fackelschein vor rotem Hintergrund präsentiert6, die Dada Ausstellung 1916 in Zürich ist ein weiteres Beispiel und auch Oskar Spiegelhalder „komponierte“ im wahrsten Sinne des Wortes seine Schwarzwaldstuben auf Wirkung hin, wovon man sich im zweiten Obergeschoss des sog. Waisenhauses überzeugen kann. In dem Ausmaß jedoch, wie Inszenierung heute nahezu selbstverständlich für historische und kulturgeschichtliche Ausstellungen geworden ist, gab es dies früher nicht, schon allein aus dem Grunde, weil die technischen Möglichkeiten noch nicht so perfektioniert waren. Die noch vor nicht langer Zeit wiedereröffneten Museen von Konstanz oder Biberach a. d. Riß mögen hier als Beispiele dienen. Einen absoluten Höhepunkt, was diese Art der Präsentation betrifft, stellt das „Haus der Geschichte“ in Stuttgart dar. Hier wird auf bisher ungewohnte Weise mit viel Witz und Kreativität Geschichte sinnlich erfahrbar gemacht. Den Besuchern gefällt’s, dem Kenner weniger, weil das Spektakel den Inhalt zu erdrücken droht.

Von alledem bietet das Franziskanermuseum wenig. Eher nüchtern werden die Objekte dargeboten, überwiegend an der Wand platziert, was nur zum Teil als Tribut gegenüber der denkmalgeschützten Bausubstanz, die es zu schonen gilt, zu sehen ist.

Doch selbst wenn das Museum mit hohem finanziellen Aufwand „modisch“ auf den neuesten Stand gebracht würde – eine wesentliche Steigerung der Besucherzahlen für die Dauerausstellung wäre damit nur kurzfristig zu erreichen. Unbarmherzig stellt sich schon nach relativ kurzer Zeit der Déja- vu-Effekt ein, nicht nur in Villingen.

Was ist dagegen zu tun? Soll das Museum nun wieder fatalistisch in seine „splendid isolation“ zurückkehren, aus der es seinerzeit ausgebrochen ist? Mitnichten. Die Museen unternehmen große Anstrengungen, um einem lähmenden Stillstand oder – schlimmer noch – einer Rückentwicklung vorzubeugen. Denn dass die Museen seit den 70er- Jahren eine Entwicklung hin auf eine immer stärkere Besucherorientierung nahmen, ist nicht als modische Attitüde zu verstehen, sondern als der sich im Laufe der Jahre allgemein durchsetzenden Auffassung, nicht um ihrer selbst willen zu existieren, sondern einen Bildungsauftrag haben. Dem fühlen sich alle in hohem Maße verpflichtet.

Am offensichtlichsten schlägt sich dies in der Museumspädagogik nieder, einer noch jungen Disziplin, die parallel zur Öffnung der Museen entstand. Sie hat inzwischen gewaltige Dimensionen in Theorie und Praxis angenommen und stellt einen beachtlichen Sektor der Museumsarbeit dar. In Villingen wird diese von freien Mitarbeitern durchgeführt, die, da sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, von den hauptamtlichen Kräften eingewiesen und betreut werden. Das Angebot, in Villingen nahezu ausschließlich auf Kinder unterschiedlichen Alters konzentriert, ist eng mit dem schulischen Lehrplan verzahnt und besteht aus einer sog. Themenführung mit anschließender Aktion. Im Mittelpunkt stehen immer authentische Objekte, die, anders als im Schulbuch, real zu betrachten sind und so eine Zeit oder ein Thema intensiv erfahr- und nachvollziehbar werden lassen. So wird auch gerne ein Museumsbesuch als Erlebnis für Kindergeburtstage „gebucht“. Schulklassen und Kindergärten stellen, wie überall, das mit Abstand größte Kontingent an Besuchern der Daueraustellung dar. In veränderter Form ließe sich dieses Angebot sicher noch – mit Gewinn für beide Seiten – auf Erwachsene ausdehnen, eventuell in Kooperation mit anderen Bildungseinrichtungen.

 

 

Die Schwarzwaldstuben aus der Sammlung von Oskar Spiegelhalder befinden sich im zweiten Obergeschoss des sogenannten Waisenhauses.

 

Doch damit ist das Angebot der Museen noch keineswegs erschöpft. Auch Villingen macht da keine Ausnahme. Vom Museumsfest über den Internationalen Museumstag, regelmäßig stattfindenden Führungen, der Beteiligung am Tag des offenen Denkmals oder der Jahresausstellung des Kunstvereins, bei Sonderaktionen wie dem 50-jährigen Landesjubiläum von Baden-Württemberg oder der 300-jährigen Wiederkehr der Belagerung Villingens durch Tallard: Das ganz Jahr über sind die Museen, und Villingen gehört dazu, bemüht, im Bewusstsein der Bevölkerung präsent zu bleiben und Anreize für einen neuerlichen Besuch zu bieten.

Nicht zuletzt dienen diesem Zweck auch die Sonderausstellungen. Nimmt man die klassischen Aufgabenbereiche des Museums, nämlich Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen, so ist eine Sonderausstellung idealiter das Endprodukt einer Forschungsarbeit. Auch in diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren ein großer Wandel vollzogen. Waren es bis vor einiger Zeit wenige großangelegte Überblicksausstellungen wie beispielsweise die Stauferausstellung 1977 in Stuttgart oder die van-Gogh-Ausstellung 1990 in Essen, die die Menschenmassen in ihren Bann zogen, so sind es heute unendlich viele kleinere Ausstellungen, die sich auf spezielle Aspekte eines Themas konzentrieren und in Konkurrenz zueinander um die Gunst der Besucher werben. Allein in Deutschland sind jederzeit mehrere Hundert Sonderausstellungen zu besichtigen, auch das Franziskanermuseum bietet jedes Jahr rund drei bis vier hiervon.

Vor noch nicht langer Zeit „stemmte“ das Museum, teilweise unter Mithilfe von Fachkräften, die hierfür einen Werkvertrag erhielten, diese Sonderausstellungen allein. Die Ansprüche an sich selbst waren hoch, die Ausstellungen interessant, doch die Bevölkerung fühlte sich des öfteren nicht angesprochen, die Resonanz der Besucher war gering7. Die letzte Sonderausstellung, für die ein regulärer Werkvertrag vergeben werden konnte, fand im Rahmen der 1000-Jahr-Feier der Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts statt, für die Gelder aus Sondermitteln zur Verfügung standen. Heute entscheidet, und nicht nur in Villingen, sondern überall, vor allem die Finanzierbarkeit über die Realisierung einer geplanten Ausstellung. Ausstellungen wie die genannten in Stuttgart oder Essen wären heute der hohen Kosten halber gar nicht mehr zu verwirklichen. Ins Kalkül fällt auch die Berechnung einer möglichst hohen Akzeptanz durch die Besucher. Die Staatsgalerie Stuttgart demonstriert es beispielhaft: Konnten bei der Manet-Ausstellung 2002/2003 noch eine Handvoll berühmter Spitzenwerke, teuer entliehen, gezeigt werden, so mußte man schon längst dazu übergehen, „Graphikreihen der Weltkunst“ zu zeigen oder auf Privatsammlungen mit einem Potpourri zugkräftiger Namen zurückzugreifen. Graphik und Zeichnungen ziehen generell nicht das große Publikum an, sind aber preiswerter zu haben, Privatsammlungen steigen durch eine museale Präsentation in ihrem Wert. Der Gewinn liegt somit auch auf Seiten der Sammler und hält die Kosten des Museums für die Ausleihe niedrig. Mit aus der Werbung bekannten Methoden und einem zugkräftigen Titel werden die Werke der Lieblingskünstler dem Publikum schmackhaft gemacht. Der finanzielle Druck lässt häufig keine andere Wahl zu8.

 

Im Franziskaner Museum hing der Himmel vorübergehend voller Geigen.

 

 

Auch in Villingen musste man den Elfenbeinturm verlassen und, nicht ganz freiwillig, Zugeständnisse an Wünsche aus der Bevölkerung machen. Die Narrozunft, die sich bei der Einrichtung der Fastnachtsabteilung sehr kooperativ gezeigt und Leihgaben zur Verfügung gestellt hatte9, konnte nun auch eine Gegenleistung „einfordern“: Die Ausstellung „Häser, Kleidle, Rollen und Gschell“ 2003 wurde ein voller Erfolg, die Stimmung war großartig, das Publikum begeistert, und „sogar ein kleiner Forschungsbeitrag fiel dabei ab“ (O-Ton Museum). Dieser Erfolg lässt sich nicht beliebig wiederholen, denn was würde das Herz eines Villingers und aller Weiß- und sonstiger „Narren im schwäbisch-alemannischen Raum“ höher schla- gen lassen als wenn es um „ihre“ Fastnacht geht? Aber auch eine Ausstellung mit einem wesentlich spezifischeren Thema, dem „Schwarzwälder Geigenbau“ brachte einen unerwartet großen Erfolg. Wiederum kam das Anliegen zu einer Museumspräsentation aus der Bevölkerung, diesmal von einer einzelnen Person. Dementsprechend skeptisch reagierte man anfangs, zudem fühlte man sich als Kunsthistoriker im fremden Gebiet der Musik auf schwankendem Boden. Mit Beharrlichkeit auf beiden Seiten, der Überwindung von Schwierigkeiten, die eine Präsentation zeitweise als nicht realisierbar erscheinen ließen – schließlich konnte man nicht, wie bei der Narrozunft, auf einen Stamm von mehreren tausend potentiellen Helfern, den Mitgliedern, zurückgreifen – kam die Ausstellung doch zustande. Nicht nur aus Villingen, sondern von weither reisten Geigenbauer und Musikinteressierte an. Die bis dahin unbekannte Bedeutung des Geigenbaus für den Schwarzwald konnte als großer Erkenntnisgewinn verbucht werden.

Für das Jahr 2006 ist eine Ausstellung mit dem Titel „Mythos Silbermann“ geplant. Auch hier ging die Initiative hauptsächlich von einem kundigen und begeisterten Mitbürger aus, der sich schon sehr für die Rekonstruktion der Silbermannorgel in der Benediktinerkirche eingesetzt hatte. Man darf gespannt sein, wie das Thema in eine attraktive Ausstellung umgesetzt wird.

Sonderausstellungen, die die Vorlieben und Wünsche des Publikums aufgreifen, scheinen die Lösung der finanziellen Probleme zu sein. Doch so erfreulich dieses positive Echo ist, so sollen hier auch die anderen Seiten angesprochen werden: Das ständige Schielen auf die Publikumsgunst lässt die, aus Sicht der Forschung wünschenswerte Aufarbeitung von noch unbearbeiteten Themen, die nicht in einer populären Ausstellung zu leisten ist, unter den Tisch fallen. Ein anderer Punkt berührt die unterschiedliche Weise, in der Museum bzw. Laien an eine intendierte Ausstellung herangehen. Beim Museum beeinflusst von Anfang an die Möglichkeit, wie man das Thema anschaulich umsetzen kann, die Überlegungen, beim Laien herrscht vielfach die Vorstellung, die Art der Präsentation ergebe sich schon irgendwie von allein, Hauptsache sei, dass die Idee stimme. Zudem ist für das Museum im Vorfeld einer Ausstellungsplanung oft nicht leicht zu entscheiden, ob hier unter Umständen einzelne Personen oder Gruppen ihre Partikularinteressen durchsetzen wollen, oder ob bei dem vorgeschlagenen Thema mit einer Resonanz breiter Bevölkerungskreise zu rechnen ist. So bleiben Enttäuschungen nicht aus, wenn das, wovon die Interessenten selber so begeistert sind, im Museum emotionslos einer nüchternen Überprüfung unterzogen wird: Finanzierbarkeit, Umsetzungsmöglichkeiten in eine Präsentation, Arbeitsaufwand usw. werden kalkuliert. Der Aufwand solcher Überlegungen wird oft unterschätzt. Aber jeder, der einmal bei der Realisierung einer Ausstellung mitgeholfen hat, ist erstaunt, wieviel Mühe das kostet, bis es bei der Eröffnung wie von selbst entstanden aussieht, denn die Spuren des Arbeitsaufwandes sollen den genussvollen Seheindruck nicht stören. Das Publikum ist in der Regel auch nicht daran interessiert, ob der Ausstellung ein „Forschungs-“ oder „Erkenntnisgewinn“ zugrundeliegt, es möchte ein attraktives Schauerlebnis haben, möglichst noch mit interessantem Begleitprogramm, und wie dies alles zustande kommt, danach fragt es nicht. Die Gefahr ist groß, dass Museumskultur sich in Richtung „Schauspektakel“ entwickelt. Die vielerorts stattfindende „lange Nacht der Museen“ zielt in diese Richtung.

In Villingen ist man darum bemüht, ein hohes Niveau, selbst bei einer Massenveranstaltung wie dem Museumsfest, zu halten, auch wenn dies in Zeiten knapper Finanzen immer schwieriger zu realisieren ist. Daher ist man auf die Mithilfe ehrenamtlich arbeitender Helfer angewiesen. In Stuttgart setzt man schon 400 (!) davon ein, in Mannheim sollen es sogar noch mehr sein. Ehrenamtliche Kräfte kosten kein Geld, aber kostenlos sind sie nicht: Sie wollen „gestreichelt werden“, d. h. Lohn in Form von Anerkennung, Mitsprache und Teilhabe am Renommé von Ausstellung und Institution bekommen. Überproportional häufig kommen sie aus einem gehobenen sozialen Milieu, sind – im Gegensatz zu sozialen Einsätzen – überwiegend männlichen Geschlechts, haben in der Regel sehr gute Kenntnisse auf ihrem Fachgebiet und sind oder waren in dementsprechenden Positionen. Für sie ist es ungewohnt, sich einer Institution wie dem Museum ein- und unterzuordnen, zumal sie auf ihrem Gebiet meist spezielles Fachwissen mitbringen, das der „Generalist“ des Museums nicht haben kann, der aber den Gesamtüberblick nicht aus dem Auge verlieren darf. Missverständnisse sind da oft vorprogrammiert und in Stuttgart hat man deshalb eigens einen Mitarbeiter für die Betreuung der Ehrenamtlichen abgestellt. In Villingen wird diese Arbeit von den beiden wissenschaftlichen Kräften geleistet.

Neben der ehrenamtlichen Mithilfe für Ausstellungen ist man auch auf Geldspenden angewiesen, man braucht Sponsoren. Diese müssen in oft mühevoller Arbeit eingeworben werden. Hier nun ist die Gefahr nicht auszuschließen, dass der Sponsor die Thematik und Präsentation einer Ausstellung für seine Interessen zu beeinflussen sucht. Er weiß, wie sehr das Museum auf ihn angewiesen ist. Darauf aber kann sich dieses nicht einlassen, will es seine Unabhängigkeit bewahren. Auch hier ist viel Empathie vonnöten, will man doch auf keinen Fall seine Wohltäter verprellen. Generell ist der Aufbau und Erhalt von „goodwill“, das Pflegen von Kontakten und Netzwerken ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitsalltags im Museum, für eine kleinere Stadt wie Villingen, wo jeder jeden kennt, ganz besonders. Aber auch überörtlich gilt dies, denn mancher Bitte um eine Leihgabe wird leichter entsprochen, wenn man sich persönlich kennt.

Daneben sind Anträge, Anfragen, Praktikantenbetreuung, Versicherungs-, Haftungs- und Finanzfragen, organisatorische und Personalfragen zu klären, Besucher zu betreuen, Auskünfte zu erteilen, der Kontakt zur Presse zu pflegen und das Führungsprogramm zu erstellen. In großen Museen ist jeder Arbeitssektor einem bestimmten Mitarbeiter zugeordnet, im Franziskanermuseum hingegen muß jeder der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter ein ganz unterschiedliches Spektrum von Aufgaben bearbeiten. Das ist einerseits interessanter als die Fokussierung auf nur einen Bereich, ist einer konzentrierten Tätigkeit im Forschungsbereich aber nicht unbedingt förderlich.

Selbstverständlich ist dem Franziskanermuseum auch ein Förderverein angeschlossen, der die eine oder andere Anschaffung, besonders im Bereich der notleidenden Museumspädagogik ermöglicht und bei Veranstaltungen hilft. Interessante Vorträge auswärtiger Referenten wie zum Beispiel 2003 zum Thema Kunstfälschung und Kunstraub, der vom Förderverein finanziert wurde, stoßen häufig leider nicht auf die erhoffte Resonanz und finden daher kaum noch statt. Natürlich gibt es auch ein Café und einen Museumsshop. Dies alles gehört heute zum Standard.

Ruhiger Museumsalltag – das war einmal. Auch wenn es dem Außenstehenden noch heute manchmal so erscheint: Der Druck, der auf den Mitarbeitern ruht, hat in starkem Maße zugenommen, denn in Zeiten knapper Kassen werden auch Kultureinrichtungen verstärkt auf ihre Effizienz hin beäugt. In einer Zeit, wo die sog. Eventkultur immer neue Blüten treibt, jede Stadt ihr Festival, ihren Markt der Möglichkeiten anbietet, sollen auch die Museen trotz gekürzter Etats kreative Ideen umsetzen, sich dem Trend anpassen, ohne allzu populistisch zu sein. Neue Aufgabenfelder, wie sie weiter oben angesprochen wurden, erfordern kommunikative, sozialpädagogische, didaktische und rhetorische Fähigkeiten. Da droht das Sammeln, Bewahren und vor allem Forschen in den Hintergrund zu geraten. Das öffentliche Interesse steht dem beruflichen oftmals entgegen, denn nur das Publizieren wissenschaftlicher Beiträge, Bücher und Kataloge bringt das begehrte Renommé in der Fachwelt. Die einstmals elitären Gralsburgen sollen sich im Sinne ökonomischer Effizienz zu volksnahen Dienstleistungsbetrieben entwickeln, die hohes Niveau und Unterhaltungsbedürfnis ihrer „Kunden“ vereinen, eine Quadratur des Kreises. So war das nicht gedacht gewesen – damals, als die Museen sich die Bildung breiter Bevölkerungskreise auf die Fahnen schrieben. Heute kann das Publikum durch die veränderten Umstände vieles einfordern, was die Museen sich damals – in den 70er Jahren – anschickten, ihm, aber unter ihrer alleinigen Regie, anzubieten. Selbst ein noch von der Aura des „Museumsfürsten“ umgebener Mann, Christian v. Holst, Direktor der Staatsgalerie Stuttgart, stellte sich im vergangenen Oktober dem Publikum in einer Diskussion zu dem Thema: „Was Sie schon immer einen Direktor fragen wollten oder: Ein Museumsmann stellt sich den Besuchern.“ Doch das Renommé der Institution Museum ist ungebrochen, und jeder Mitarbeiter, ob bewusst oder unbewusst, profitiert hiervon, die Aura der Schatzhüter besteht noch. Warum bemühen sich die Museen trotz finanzieller Engpässe und erschwerter Arbeitsbedingungen mehr denn je, ein abwechslungsreiches, anspruchsvolles „Programm“ zu bieten? Es ist nicht nur der ernstgenommene Bildungsauftrag, der Anspruch an sich selber oder der Druck „von oben“. Im Konkurrenzkampf um die Attraktivität der einzelnen Städte stellt Kultur einen hohen Standortfaktor dar, und Christoph Hess, Juniorchef der gleichnamigen Firma, wird nicht müde, dies zu betonen, weshalb er sich auch aufgefordert fühlt, die Kultur seiner Heimatstadt zu fördern. Mögen es ihm viele gleichtun! 10

 

Anmerkungen:

1 Auf den Prozess, der über fürstliche Kunst- und Wunderkammern, die Aufklärung und Säkularisation bis zur Gründung vaterländischer Geschichts- und Altertümersammlungen, wie in Villingen, führte, kann hier nicht näher eingegangen werden.

2 Es wird hier durchgängig auf die gesonderte weibliche Nennung verzichtet, da die männliche Bezeichnung nicht als geschlechtsspezifisch, sondern neutral angesehen wird.

3 Ausstellungskatalog Bern 2000/2001, S. 240 f.

4 Johannes Tripps: Das handelnde Bildwerk in der Gotik. Berlin2000. 2. Aufl.

5 Dieses Phänomen wäre einer eigenen Betrachtung wert.

6 So z.B. Johann Heinrich Danneckers „Ariadne auf dem Panther“ im 19. Jahrhundert. Heute Frankfurt, Liebieghaus.

7 Beispiele: 2000 „Mit den Augen des Sammlers. Fotografien aus dem Nachlaß Oskar Spiegelhalders“ oder 2002 „Nicht ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen, das ist außen. Zwischen Festung und Paradiesgarten“.

8 Die MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin 2004 war ein Politikum und fällt daher aus dem Rahmen.

9 Der Fairneß halber sei ausdrücklich erwähnt, dass auch andere Fastnachtsvereine (Katzenmusik, Glonkis) Leihgaben zur Verfügung stellten.

10 Absichtlich wurde der Artikel in vielen Teilen möglichst allgemein gehalten. Das Gesagte läßt sich leicht auf Villingen übertragen. Da der Umfang ungebührliche Länge angenommen hätte, musste die Situation, die sich in Wirklichkeit als noch wesentlich komplizierter erweist, stark vereinfacht dargestellt werden.

 

 

 

 

Franzikanerkloster mit Konzerthaus und Museum. Eines der markantesten Gebäude der Stadt Villingen. Beim Museumsfest 2004 erstrahlte der ganze Komplex im bunten Licht des Feuerwerks.

 

 

 

Die frühe schriftliche Überlieferung zum Ort Villingen (9.–13. Jahrhundert) (Michael Buhlmann)

Für den Geschichts- und Heimatverein war St. Peter schon des öfteren Ziel einer Exkursion. Zuletzt waren die Villinger 2003 hier zu Gast und erfuhren durch einen sehr sachkundigen Führer viel Wissenswertes aus der Geschichte des Benediktinerklosters und der Zähringergrafen.

 

Wenn wir etwas über den Ort Villingen in der Baar in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz in Erfahrung bringen möchten, so sind wir auf die Archäologie und die Geschichte angewiesen. Naturgemäß sind für das frühe und hohe Mittelalter (6.–13. Jahrhundert) historisch-schriftliche Quellen nur beschränkt vorhanden, während Sachüberreste uns zumindest einen gewissen Eindruck über vergangene Zeiten vermitteln können. Dies gilt auch für die Villinger Siedlung von der Merowingerzeit bis zur Zeit der Zähringerherzöge und staufischen Kaiser. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, sich nur auf die archäologischen Quellen zu konzentrieren, da im Allgemeinen die schriftliche Überlieferung – wenn vorhanden – die Verhältnisse „vor Ort“ eindrücklicher wiedergibt. Dies fängt damit an, dass nur Schriftliches den Namen des Ortes – etwa bei dessen Ersterwähnung– verrät. Nicht zuletzt die Ortsnamenkunde kann dann Bedeutung und Zeitstellung des Toponyms ermitteln.

Wir wollen im Folgenden die frühe schriftliche Überlieferung zum Ort Villingen vorstellen und so diese dem vornehmlich aus der Archäologie gewonnenen Bild des früh- und hochmittelalterlichen Ortes zur Seite stellen. Über vierhundert Jahre verstreut ist das zugegebenermaßen lückenhafte Quellenmaterial, das die frühesten schriftlichen Hinweise zur Existenz des Ortes Villingen liefert. Die erstmalige Nennung des Ortsnamens „Villingen“ geschieht in der Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen (814–840) vom 4. Juni 817. Es folgt über 180 Jahre später das berühmte Diplom Kaiser Ottos III. (984–1002) vom 29. März 999, in der der Herrscher dem Grafen Berthold (991/96–1024) das Markt-, Münz- und Zollrecht in Villingen verlieh. Ins 11. und 12. Jahrhundert zu datierende Belege zu Villingen hängen mit den Überlieferungen der Klöster St. Georgen und St. Peter im Schwarzwald zusammen.1 In den Zeitraum von 1180 bis 1219 gehören sieben Urkunden zum sog. Tennenbacher Güterstreit zwischen den Klöstern St. Georgen und Tennenbach. Sie sind auch die ältesten Originalurkunden im Villinger Stadtarchiv, zugegebenermaßen ein „Import“ von ursprünglich dem Zisterzienserkloster Tennenbach gehörenden Dokumenten nach Villingen, verursacht wohl durch den Verkauf der Tennenbacher Güter in der Baar an die Stadt Villingen im Jahr 1506.2 Neben diesem ältesten Bestand an Originalen im Stadtarchiv findet sich das Diplom Kaiser Ottos III. von 999 zusammen mit der Überlieferung von St. Georgen und St. Peter im Generallandesarchiv Karlsruhe, die Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen von 817 in der Schweiz.

I. Das Kloster St. Gallen in der Baar – Villingen im Frankenreich

Das Jahr 817 war das vierte Regierungsjahr Kaiser Ludwigs des Frommen, der nach dem Tod seines Vaters Karl des Großen (768–814) die alleinige Nachfolge im karolingischen Frankenreich angetreten hatte. Der Anfang von Ludwigs Herrschaft ließ sich gut an, das Aachener Konzil (816) verabschiedete die für die nachfolgenden Jahrhunderte grundlegenden Ordnungen für Mönche, Kanoniker und Sanktimonialen, die sog. „Ordinatio imperii“ (817) schrieb die Reichseinheit im Gesamtreich fest, das immerhin von der Nordsee bis nach Nordspanien und Mittelitalien und vom Atlantik bis zur Elbe und nach Pannonien reichte. Im Rahmen von Kirchenreform und Königsherrschaft kam auch den kirchlichen Einrichtungen im Frankenreich, Bistümern und Abteien, eine gesteigerte Bedeutung zu. So wurde die Abtei St. Gallen, die unter Abt Gozbert (816–837) in ihr „goldenes Zeitalter“ innerhalb der „karolingischen Renaissance“ eintrat, vom Kaiser mehrfach begünstigt und dank des Schutz- und Immunitätsprivilegs vom 3. Juni 818 Reichskloster.

Die St. Galler Mönchsgemeinschaft führte sich auf den irofränkischen Mönch und Priester Gallus (* ca. 550, † vor 650) und auf ihren ersten Abt Otmar (719–759) zurück. Nähe zum vorkarolingisch-alemannischen Herzogtum bei Abgrenzung vom Konstanzer Bistum prägten die klösterliche Existenz, die St. Gallen im 9. und beginnenden 10. Jahrhundert zu einer kulturellen Hochblüte führte. Ein hervorragendes Skriptorium und eine Klosterschule gehören ebenso hierher wie der berühmte, auf der Reichenau gezeichnete St. Galler Klosterplan.3 Zu den umfangreichen St. Galler Besitzungen und Rechten in Breisgau, Baar, Thurgau und Zürichgau zählten auch Gerechtsame in Villingen, in die uns die Kaiserurkunde vom 4. Juni 817 einführt. Danach erhielt das Kloster von insgesamt 47 namentlich aufgeführten Mansen (Bauernhufen) „einen gewissen Zins“, „der gewöhnlich den Grafen zukommt, unbeschadet jedoch der Zahlung, die sie sowohl vom Zins als auch von der Steuer oder auf irgendeine andere Weise als Anteil für unseren Palast geben müssen“. Die Abgabe resultierte vielleicht aus dem königlichen Eigentum an den Hufen, vielleicht auch aus einer persönlichen Abhängigkeit der Hufenbauern vom König. Der ließ den königlichen Zins an seine Amtsträger vor Ort, die Grafen, gehen, entzog aber mit der urkundlichen Verfügung von 817 seinen Stellvertretern diese Zuweisung und übertrug sie an das Kloster St. Gallen. Nur der Anteil am Zins, der für den „königlichen Palast“ (Pfalz) vorgesehen war, sollte unverändert dem Herrscher zufließen.4

Das kaiserliche Diplom, in Latein verfasst, gibt Einblick in die Verhältnisse vor Ort in Villingen, denn zu den 47 zinspflichtigen Mansen gehörten „in Villingen die Mansen des Wito und des Heimo“. Wito und Heimo waren Besitzer oder Pächter der Hufen und können in diesem Sinne als erste namentlich bekannte „Villinger“ gelten, wenn wir einmal von dem Mann absehen, nach dem Villingen benannt wurde. Auch Hufen in den Villingen benachbarten Orten Klengen, Nordstetten, Schwenningen und Weilersbach nennt die Urkunde, wobei die schriftliche Überlieferung hinsichtlich Nordstettens und Klengens gar bis 762 bzw. 765 zurückreicht und das Toponym „Nortstati“ wahrscheinlich in geografischer Zuordnung auf das südlich von Nordstetten gelegene Villingen zu beziehen ist. Villingen und Nordstetten lagen „im Amtsbezirk des Grafen Ruachar“, Schwenningen und Weilersbach in dem „des Grafen Karamann“, Klengen „im Amtsbezirk des Grafen Frumold“. Damit sind wir bei den Grafschaften angelangt, die nach der Eingliederung des alemannischen Herzogtums ins Frankenreich der karolingischen Könige (730/40er-Jahre) im Rahmen der sog. karolingischen Grafschaftsverfassung auch die Baar überziehen sollten. Die Urkunde von 817 zeigt indes noch ein disparates Bild von einander sich im Gebiet des oberen Neckars durchdringenden Amtsbezirken, so dass wir vermuten können, dass Grafschaften im Sinne von linear abgegrenzten, flächendeckenden „Verwaltungsbereichen“ erst (etwas) später auf der Grundlage von Königsgut und Königsrechten geschaffen wurden. Immerhin ist mit einer administrativen Durchdringung der an Neckar und Donau gelegenen Bertholdsbaar, an deren westlichen Rand sich Villingen befand, schon seit den Grafen Warin und Ruthard (3. Viertel des 8. Jahrhunderts) zu rechnen, ebenso mit dem Widerstand alemannischer Großer gegen diese fränkische Einvernahme. Die Übertragung des gräflichen Zinses an das Kloster St. Gallen im Jahr 817 lässt dann auf Reorganisationsmaßnahmen Kaiser Ludwigs des Frommen schließen, vielleicht auch auf eine Ablösung des Amtsträgers Ruachar. Ziemlich bald nach 817 sind jedenfalls zwei Grafschaften im westlichen und östlichen Teil der Bertholdsbaar entstanden, die in der Folgezeit von je unterschiedlichen Personen geleitet werden sollten, und damit feste Grafschaftsbezirke, die eine Grundlage königlicher Herrschaft im karolingerzeitlichen Schwaben des 9. und beginnenden 10. Jahrhunderts bildeten.

Fest steht auf Grund des 817 an das Kloster St. Gallen vergabten Grafenzinses, dass mit den im Diplom genannten Grafen nicht Grafen eigenen adligen Rechts, sondern königliche Amtsträger gemeint sind, die als Stellvertreter des Herrschers auf lokaler Ebene „hoheitlich-staatliche“ Funktionen ausübten. (Wir dürfen in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die weitgehend personal vermittelten Herrschaftsformen des frühen und hohen Mittelalters wenig mit den Staaten der Moderne zu tun haben.) Ob Graf Ruachar dabei nur Sachwalter über Königsgut und Fiskalbesitz war oder ob er darüber hinaus gräfliche Rechte in Anspruch genommen hatte, können wir der Überlieferung nicht entnehmen. Grafen im karolingischen Frankenreich waren als Amtsträger des Königs zuständig für Gerichtsbarkeit, Königsschutz, Friedenswahrung und den Heerbann.5

Im Diplom Ludwigs des Frommen wird der Ort Villingen zum ersten Mal erwähnt, was wir zum Anlass nehmen wollen, uns an dieser Stelle mit dem in der Urkunde auftretenden Toponym „ad Filingas“ („in Villingen“) zu beschäftigen. „Filingas“ gehört zu den sog. -ingen-Namen, d.h.: das Grundwort des Toponyms, der zweite Namensteil, basiert auf dem Dativ Plural -ingen zum germanischen Suffix *-inga/*-unga, einer Bezeichnung für eine Gruppe von Menschen. Hinter dem Bestimmungswort, dem ersten Namensteil, verbirgt sich der germanische Wortstamm Fil-, wie er in den vor- und frühmittelalterlichen Personennamen Filibert, Filibrand, Filomar (männlich) oder Filomuot, Filiburg (weiblich) vorkommt. Dabei hat Filwahrscheinlich die Bedeutung „viel“, steckt hinter „Villingen“ der Kurz- oder Rufname „Vilo“. Das Toponym „Villingen“ bedeutet „bei den Leuten des Vilo“, die Ansiedlung Villingen ist also nach ihren Bewohnern benannt, die wiederum nach ihrem Gruppen-/Sippenoberhaupt oder Ortsgründer Vilo hießen. Das „ad Filingas“ der (lateinischen) Kaiserurkunde ist dann ein lateinischer Akkusativ Plural, der dem alemannischen Ortsnamen nachgebildet ist. Die in den späteren Quellen überlieferten Formen des Toponyms „Villingen“ sind: „Villingun“ (999), „Philingen, Filingen, Fillingen“ (1090, 1094), „Vilingen, Vilingin“ (1108/32, 1152/65), „Vili(n)gen, Vilingin“ (1180, 1187, ca. 1190, 1218, 1219). Wir erkennen noch die althochdeutsche Form auf -ingun/-ingon bei „Villingun“, es kommt mit „Vilingin“ die typisch schwäbische Endung auf -ingin vor, während das ebenso typische -ingan nicht in Erscheinung tritt.6

Ortsnamen unterliegen zeitlich sich verändernden Moden und lassen sich nach Ausweis der Namenkunde in vielen Fällen zumindest ungefähr chronologisch einordnen. So reichen die typischen Namen auf -ingen im schwäbisch-alemannischen Raum in die fränkisch-merowingische Zeit, ins 6. bis 8. Jahrhundert zurück. Nach der Unterwerfung der Alemannen durch König Chlodwig (482–511) an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert umfasste bekanntlich das Reich der Merowingerkönige auch den deutschen Südwesten. Villingen war eine Siedlung im Merowingerreich, den archäologischen Funden in der Villinger Altstadt, den zwei alemannischen Gräberfeldern östlich der Brigach zufolge entstanden im Verlauf des 6. Jahrhunderts.7

II. Kaiser Otto III. und die Zähringer – Villingen als Marktort

Über 180 Jahre sind auch in der (früh)mittelalterlichen Geschichte eine lange Zeit, gerade wenn wir das Mittelalter als eine dynamische Epoche begreifen. Und so erwarten uns, indem wir vom Diplom Kaiser Ludwigs des Frommen zur Urkunde Kaiser Ottos III. schreiten, nach einem Zeitsprung vom Beginn des 9. zum Ende des 10. Jahrhunderts also, stark veränderte politische und soziale Bedingungen. Das fränkische Gesamtreich eines Karl des Großen oder Ludwig des Frommen war zerfallen, das ostfränkisch-deutsche Reich unter der Herrschaft der sächsich-ottonischen Könige – auch unter Einbeziehung Schwabens – etabliert, nicht zuletzt auf Grund von Italienpolitik und Kaisertum Ottos des Großen (936–973). Ottos Enkel, Otto III., seit 996 Kaiser, war es dann, der seine Politik einer „Erneuerung des römischen Reiches“ vorzugsweise in Italien und Rom betrieb und dabei beispielsweise die Unterstützung des gelehrten Kirchenmannes Gerbert von Aurillac, des Papstes Silvester II. (999–1003), fand. Im Fahrwasser der kaiserlichen Italienpolitik ist auch der 991/96 neu ernannte Graf im Thurgau mit Namen Berthold auszumachen, der Stammvater der zähringischen Herzogsfamilie. Berthold war vielleicht beteiligt an der Beseitigung des Gegenpapstes Johannes (XVI.) Philagetos (997–998) im Rom des Jahres 998, vielleicht überbrachte er Anfang 999 der neuen Quedlinburger Äbtissin Adelheid I. (999–1045), der Schwester Ottos, als Zeichen der Amtsnachfolge und der Investitur im Auftrag des Kaisers einen goldenen Stab, vielleicht begleitete er Gerbert von Aurillac, zuvor Erzbischof von Ravenna, nach Rom zu dessen Einsetzung als Papst an Ostern 999.8

In das Umfeld dieser politischen Unternehmungen ist jedenfalls die Kaiserurkunde zu stellen, die Berthold auf Grund seiner „Königsnähe“ und seiner Verdienste für Otto III., aber auch wegen der schwäbischen Interessen des Kaisers am 29. März 999 erhielt. Das Diplom, eine lateinische Pergamenturkunde, versehen mit Chrismonzeichen und Monogramm, angehängt die Bleibulle des Herrschers, erlaubte, „an einem bestimmten Ort, seinem [Bertholds] Flecken Villingen nämlich, einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten“. Mit Markt, Münze und Zoll erlangte der Thurgaugraf auch die weitgehende Verfügungsgewalt über den zukünftigen Handels- und Umschlagplatz „in der Grafschaft auf der Baar“. Das Privileg Kaiser Ottos passt damit in die „Marktlandschaft“ des ottonischen Schwaben, und Graf Berthold und seine Nachkommen sollten die Möglichkeiten des verliehenen Marktrechts sehr wohl nutzen.9

Zunächst sind es Geldstücke des 11. Jahrhunderts, silberne Fernhandelsdenare vor allem aus dem Ostseeraum mit der Aufschrift „PERCTOLT“, die wir sehr wahrscheinlich mit der Villinger Münze in Verbindung bringen können. Sie zeigen den wirtschaftlichen Aufstieg Villingens und den politischen der Zähringer in dieser Zeit an, wobei die mächtige Adelsfamilie Grafschaftsrechte im Thurgau, Breisgau und auf der Baar kumulieren, die (schwäbische) Herzogswürde erlangen (1092) und beim zähringisch-staufischen Ausgleich auch behaupten konnte (1098). Dazu passend findet sich zum Jahr 1153 als Eintrag im Briefbuch des Abtes und königlichen Beraters Wibald von Stablo- Malmedy (1130–1158) die „Tabula Consanguinitatis“, eine kombinierte Staufer- und Zähringergenealogie, in der an prominenter Stelle ein „Bezelinus de Vilingen“ steht. Die historische Forschung identifiziert diesen „Bezelinus“ eben mit dem Thurgaugrafen Berthold, der das Villinger Marktrechtsprivileg erhalten hat. Wenn Wibald „Bezelinus“ aber nach Villingen benennt, so beweist das die überragende Bedeutung des Baarortes, der somit um die Mitte des 12. Jahrhunderts als ein Herrschaftsmittelpunkt der Zähringer, als eine Siedlung mit durchaus frühstädtischem Charakter erscheint.10

III. Das Kloster St. Georgen im Schwarzwald und seine Überlieferung

Mit gregorianischer Kirchenreform und Investiturstreit (1075–1122) betreten wir die Epoche des hohen Mittelalters. Wir befinden uns am Anfang einer Umbruchszeit, die als Zeit der „ersten europäischen Revolution“ geprägt ist von den verschiedenartigsten Entwicklungen. Bevölkerungswachstum, Wandel in den Grundherrschaften, Entstehung von Rittertum und Städten kennzeichnen nur einige der sozialen Veränderungen. Eine verstärkte christliche Religiosität äußerte sich nicht zuletzt in der Kirchen- und Klosterreform, das Gegeneinander von Papsttum und deutschem Königtum stellte die Frage nach der Ordnung in der Welt. All dies bildete den Hintergrund für die Stiftung benediktinischer Reformklöster u. a. im deutschen Südwesten, der nun eine zentrale Landschaft im aus Deutschland, Reichsitalien und Burgund bestehenden Reich der deutschen Könige und Kaiser war. So gründeten die Adligen Hezelo († 1088) und Hesso († 1 13/14) unter Mitwirkung des Hirsauer Abtes und päpstlichen Parteigängers Wilhelm (1069–1091) auf dem „Scheitel Alemanniens“ das Kloster St. Georgen (1084/85), das schon bald – unter seinem dritten Abt Theoger (1088–1119) und versehen mit den Rechten der freien Abts- und Vogtwahl bei Unterstellung unter das Papsttum gemäß der „römischen Freiheit“ („libertas Romana“) – ein Mittelpunkt benediktinischen Reformmönchtums in Elsass, Süddeutschland und Österreich werden sollte. Wirtschaftliche Grundlage des Erfolges waren zweifelsohne die umfangreichen Besitzschenkungen und -zuweisungen, die die Mönchsgemeinschaft an der Brigach von zahlreichen Mitgliedern schwäbischer Adelsfamilien bekam. Starke Vorbehalte gegen das salische Königtum Kaiser Heinrichs IV. (1056–1106) und das Eintreten für die Kirchenreform einte den Adel, der mit dem schwäbischen Herzog und Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden (1057 bzw. 1077–1080), dessen Schwiegersohn Herzog Berthold II. von Zähringen (1078–11 1) und Bischof Gebhard III. von Konstanz (1084–1110), dem Bruder Bertholds, seine wichtigsten Exponenten hatte. Die Schenkungen (Traditionen, „Übergaben“) an das Schwarzwaldkloster bildeten die Grundlage dessen, was wir klösterliche Grundherrschaft nennen. Grundherrschaft bedeutet ein den Grundherrn, hier: das Kloster, versorgendes Wirtschaftssystem, das auf regional und überregional vorhandenem Großgrundbesitz basierte und auf den Abgaben und (Fron) Diensten abhängiger Bauern. Typischerweise hochmittelalterlich ist die sog. zweigeteilte Grundherrschaft, bestehend aus in Eigenbewirtschaftung des Grundherrn betriebenen Fronhöfen und aus dem an bäuerliche Familien in Form von Mansen oder Hufen ausgegebenen Leiheland. Die Grundherrschaft des Klosters St. Georgen lag dann an oberem Neckar und oberer Donau, im Schwarzwald und im Elsass.11

Über die grundherrschaftlichen Verhältnisse des Klosters St. Georgen in den Jahrzehnten nach der Stiftung der Mönchsgemeinschaft unterrichtet uns ein hauptsächlich unter Abt Theoger verfasster Gründungsbericht, der nur in Abschriften des 15. und 17. Jahrhunderts auf uns gekommen ist. Diese „Notitiae fundationis“ sind es, die akribisch Geschenktes, Getauschtes oder Gekauftes aufzählen, auch nicht das Wann und Wo der jeweiligen Tradition vergessen. So finden wir in den „notitiae“ drei Abschnitte, die mit dem Ort Villingen zu tun haben. Ein auf den 31. Oktober 1090 datierter Rechtsakt hat eine Güterschenkung eines Engelschalk des Älteren in Auttagershofen zum Inhalt; die Übergabe des Besitzes durch den Treuhänder Heinrich von Balzheim geschah „im Ort Villingen über den Reliquien des heiligen Georg in Gegenwart des Herzogs Berthold und sehr vieler seiner Vasallen“. Am 23. April 1094, dem Georgstag, schenkte Anno von Villingen ein kleines Gut, das er am Ort besaß, nämlich „ein Stück Land und fünf Morgen“, dem Kloster St. Georgen, das den Besitz an Alker und dessen Frau gegen einen jährlich am Georgstag zu zahlenden Zins verlieh. Vor dem 18. November desselben Jahres vermachte ein uns unbekannt gebliebener „freier Mann“ der Mönchsgemeinschaft an der Brigach ein Viertel einer Manse in Villingen.12

Wir erkennen nicht nur an den mit Bezug auf Villingen tradierten Gütern, dass die Schenker und Gönner des Klosters St. Georgen freie und adlige Leute mit Besitz gerade auch auf der Baar waren. Die den Besitzübergaben zugrunde liegenden Rechtsakte fanden dabei vor Zeugen statt, u.a. die Schenkung Engelschalks des Älteren vor Herzog Berthold II., womit wir wieder bei den für die frühe Villinger Geschichte so bedeutsamen Zähringern angelangt sind. Offensichtlich spielte Villingen als Vorort der Zähringerherrschaft in der Baar eine wichtige Rolle, hatte doch Berthold auch die Baargrafschaft, den „comitatus Aseheim“ (Aasen) inne. Zudem können wir im 11. Jahrhundert von einem Dorf Villingen ausgehen, das nicht nur eine Marktsiedlung war, sondern sehr wohl auch eingebunden in verschiedene Grundherrschaften. Es bleibt noch zu erwähnen, dass spätestens seit 1114 die Zähringerherzöge die Vogtei, also eine Art Schutzherrschaft über die St. Georgener Mönchsgemeinschaft besaßen, die somit zu einem Bestandteil des „Staates der Zähringer“ wurde.13

IV. Das Kloster St. Peter im Schwarzwald und der „Rotulus Sanpetrinus“

Die Mönchsgemeinschaft in St. Peter war das Hauskloster der Zähringer. Die Ursprünge der Kommunität liegen in Weilheim, in einem 1073 oder davor gegründeten Eigenkloster oder -stift, das nach 1078 – erzwungen durch kriegerische Ereignisse, von denen besonders Schwaben in den Jahrzehnten des Investiturstreits betroffen war – an das Kloster Hirsau, frühestens 1085 an Berthold II. von Zähringen gelangte. Dieser ließ dort ein Hauskloster errichten, änderte aber gegen 1090 seine Pläne und ließ bis 1093 die geistliche Kommunität eben nach St. Peter im Schwarzwald verlegen. Hier entwickelte sich – ähnlich wie bei der St. Georgener Mönchsgemeinschaft – in kurzer Zeit ein benediktinisches Reformkloster, das z.B. mit dem Privileg Papst Urbans II. (1088–1099) vom 10. März 1095 der römischen Kirche unterstellt wurde. Dieses Privileg steht am Anfang des „Rotulus Sanpetrinus“, einer 6,30 Meter langen Rolle aus 16 Pergamentblättern, die auf Vorder- und Rückseite mit hauptsächlich dem 12. Jahrhundert angehörenden Aufzeichnungen über Rechte und Besitzungen des Klosters angefüllt sind. Der Rotulus enthält neben ein paar Urkundenabschriften Traditionsnotizen, historiografische Aufzeichnungen und eine Grenzbeschreibung des Klostergebiets, er hatte Recht sichernden Charakter. Wie bei der hochmittelalterlichen St. Georgener Überlieferung hängen Schenkungen und Vergaben von Gütern und Rechten an das Kloster mit der Sorge um das Seelenheil der Schenkenden zusammen und mit dem im Gegenzug von den Mönchen erwarteten Gebetsgedenken („memoria“) für die Schenker, wie bei St. Georgen waren die Stiftungen an das Kloster und seinen heiligen Schutzpatron wirtschaftliche Voraussetzung klösterlicher Existenz. Die Grundherrschaft von St. Peter lag dabei im sich durch Rodungen erschließenden Schwarzwald, auf der Baar, im Breisgau, im Neckarraum und in der Schweiz.14

Der „Rotulus Sanpetrinus“ beinhaltet nun eine Reihe von Notizen, die sich auf den Ort Villingen beziehen. Wegen der häufig fehlenden chronologischen Verweise können wir diese Einträge nur zeitlich ungefähr einordnen. Aus der Zeit des Abtes Eppo von St. Peter (1108–1132) berichten uns die Aufzeichnungen von den Schenkungen eines Freien Eberhard, eines Azzo, eines Birthilo und Hildebert von Villingen, Schenkungen, die zumeist Besitz am Ort betrafen: einen Hof mit einem Haus und anderen, leider nicht näher aufgeschlüsselten Grundbesitz. Ein gewisser Burchard von Villingen war Zeuge bei einer Übertragung von Schwenninger Besitz an das Kloster St. Peter. Werner von Villingen und seine Ehefrau schenkten der von ihnen errichteten Marienkirche „im oberen Weiler“ eine Manse, zudem Besitz in Haslach und Schallstadt zur Beleuchtung des Gotteshauses mit Wachskerzen.

Ein Gütertausch zwischen dem erwähnten Abt Eppo und Herzog Konrad von Zähringen (1122–1152) betraf einen bei Villingen gelegenen Hof, den Konrad dem Kloster St. Peter gegen Land im „Bützental“ überließ. Zeuge bei diesem Tauschgeschäft war u.a. ein Heinrich von Villingen, der im Rotulus nochmals im Zusammenhang mit der Verpfändung einer Wiese für zwei Mark auftaucht. Ebenfalls in die Zeit Herzog Konrads fallen die Schenkung eines Allods, also von Eigengut, bei Villingen durch Lambert von Freiburg, die Übergabe einer Manse in Gundelfingen durch Werner von Villingen und die Tradition von Allod in Osingen, an der als Zeuge Eberhard von Villingen teilnahm, alles Gütertransaktionen zu Gunsten des Klosters St. Peter.

Aus der Anfangszeit des Zähringerherzogs Berthold IV. (1152–1186) bis ungefähr 1165 berichtet der Rotulus von einem Gütertausch zwischen Berthold von Rietheim und der Mönchsgemeinschaft; vier Mansen in Aasen und eine bei Villingen wurden gegen das Allod Bertholds in Hausen (an der Möhlin) eingetauscht. „Der Vertrag in dieser Sache wurde im Ort, der Villingen heißt, geschlossen.“ Schließlich ist noch auf den Erwerb von Allodialbesitz hinzuweisen und auf eine damit verbundene Zahlung des Klosters an den „Priester Eberhard von Villingen“, doch ist die Zeitstellung des Grundstückskaufs ziemlich ungewiss, vielleicht Letzterer in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts zu setzen.15

Die Beteiligung der Zähringer an Besitztransaktionen der Mönchsgemeinschaft St. Peter beweist das Interesse der Herzogsfamilie am Gedeihen ihres Hausklosters, das als Grablege der und dem Gedenken an die Stifterfamilie diente. Es ist zu vermuten, dass zähringische Gefolgsleute das Kloster unterstützt haben und sich solche unter den oben genannten Tradenten befunden haben. Bei den Freien (und Adligen) in und um Villingen sind so Beziehungen und Abhängigkeiten zu den Zähringern wahrscheinlich zu machen, denn wie anders als auf herzogliche Veranlassung oder Druck hin sind die Schenkungen gerade an das zähringische Kloster zu erklären. Zudem können wir mit Heinrich von Villingen „aus dem Haus“ des Herzogs einen Ministerialen ausmachen, der offensichtlich als Dienstmann in enger Verbindung zu Konrad von Zähringen stand. Ministeriale, Freie und Adlige sind damit das Potenzial, aus dem das Kloster St. Peter schöpfen konnte. Es zeigt sich darüber hinaus die ständische Schichtung einer überwiegend ländlichen Gesellschaft auf der Baar, die neben dem Adel der Ritter, Grafen und Fürsten und den (ursprünglich unfreien) Ministerialen eben auch aus Freien (Bauern) bestand.

Die Praxis der Schenkungen an das Kloster St. Peter zeigt die Machtposition der Zähringer im Villinger Raum an. Die Herzöge verfügten über die Baargrafschaft und eine auf Großgrundbesitz basierende Ortsherrschaft in Villingen mit dem Markt- und Münzrecht dort. Die archäologischen Funde weisen dabei auf wesentliche Veränderungen hin, die besonders den Bereich westlich der Brigach, den entstehenden Siedlungskomplex gegenüber der Ursprungssiedlung in der Villinger Altstadt betreffen. Offensichtlich lag im Villinger Münsterviertel das Zentrum zähringischen Besitzes, hierhin, zum Hofgut war der Markt verlegt worden, hier gab es seit Beginn des 12. Jahrhunderts den frühesten Bau der Münsterkirche, einer Filiale der Altstadtkirche, hier kreuzten sich die beiden Hauptstraßen des Ortes, die im Norden und Westen an zwei Motten endeten. Dass die neue Siedlung im Brigachbogen wichtige Vorortfunktionen herrschaftlicher und wirtschaftlicher Art wahrnahm, ergibt sich aus ihrer Größe und der Besiedlungsdichte in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts; in Villingen hielten sich nun neben der bäuerlichen Bevölkerung in großem Ausmaß Handwerker, Händler und Gewerbetreibende auf. Dass dabei auch allgemeine Faktoren wie Bevölkerungswachstum und Zunahme von Handel und Geldwirtschaft eine wichtige Rolle spielten, versteht sich von selbst. Daher waren die Voraussetzungen günstig für die sich gerade unter Herzog Berthold V. (1186–1218), dem „fundator ville Vilingen“ und Stadtherrn, vollziehende Entwicklung Villingens zur („Zähringer“-) Stadt, gerade auch wegen eines zunehmenden territorialen Gegensatzes zwischen Zähringern und Staufen im Raum am oberen Neckar. An den Anfang des 13. Jahrhunderts setzen die Archäologen den Bau der Ringmauer und des Grabens, ungefähr gleichzeitig ist ein Neubau der Münsterkirche entstanden. Eine Reihe von Stein- und Fachwerkhäusern aus der Zeit um 1200 sind ebenfalls nachweisbar.16

Zu der Überlieferung aus St. Peter stellen wir noch ein Privileg Papst Innozenz‘ II. (1130–1143) vom 28. Februar 1139. Der römische Bischof bestätigte darin dem von Abtbischof Pirmin († 753) gegründeten, ab 1007 dem Bistum Bamberg unterstellten Benediktinerkloster Gengenbach dessen Rechte und Besitzungen, u.a. „in Schwaben“ den Besitz in Villingen.17

V. Die Villinger Urkunden

zum Tennenbacher Güterstreit

Einem der bekanntesten zähringischen Ministerialen wenden wir uns jetzt zu: Werner von Roggenbach († 1180/85). Werner hatte seinen Wirkungskreis sowohl westlich als auch östlich des Schwarzwaldes, wir finden ihn in Riegel und Tennenbach, in Villingen und eben in Roggenbach (bei Unterkirnach), wo er seinen Stammsitz hatte. Der Roggenbacher war an der Gründung des Zisterzienserklosters Tennenbach beteiligt (um 1161), einer mit Mönchen aus Frienisberg besiedelten Zisterze am Westabhang des Schwarzwalds. Von daher ist es erklärbar, dass Werner seine herzoglichen Ministerialengüter in Roggenbach, Villingen, Aasen und Dauchingen der Zisterze übertrug. Der Vorgang muss später aber zu einigen Irritationen geführt haben, hatte doch Herzog Berthold IV. diese Güter – mit (vermeintlicher?) Zustimmung Werners, aber ohne Zustimmung von dessen Söhnen – dem Kloster St. Georgen zugesagt (ca. 1170/75?), dessen Klostervogt der Zähringer ja war. Eine Erklärung des Herzogs und seines Sohnes (Berthold V.) vom 4. März 1180 wies die Güter dann wieder Tennenbach zu und führte aus, dass St. Georgen im Tausch dagegen anderes Eigengut (Herzogsgut) in Klengen erhalten habe. Der Herzog verzichtete als St. Georgener Klostervogt für die Zukunft auf jegliche Ansprüche hinsichtlich der getauschten Güter.18

Mit dem Tod Werners kam es trotz der Riegeler Erklärung des Zähringerherzogs zu rechtlichen und auch gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Mönchsgemeinschaften in Tennenbach und St. Georgen. Der sog. Tennenbacher Güterstreit sollte in den 1180er-Jahren Äbte, Bischöfe, Kardinäle und sogar Päpste beschäftigen. Ein 1187 geschlossener Kompromiss, der behauptete, dass keines der beiden Klöster von der Schenkung der Roggenbacher Güter an das jeweils andere gehört hätte, sah dann für St. Georgen den Besitz, für Tennenbach die Nutzung Roggenbachs vor, während die Güter in Villingen und Aasen bei den Zisterziensern verblieben, das getauschte herzogliche Allod in Klengen bei St. Georgen.19

Den Tennenbacher Besitz in Villingen bezeichnen die Urkunden von 1180 und 1187 einfach nur als Gut („predium“), ohne dass wir Genaueres in Erfahrung bringen können. Auch die um das Jahr 1190 zu datierende Urkundenbestätigung des bischöflichen Kompromisses durch den Mainzer Erzbischof Konrad I. von Wittelsbach (1183–1200) spricht vom „Gut Villingen“. Hingegen erfahren wir aus zwei Diplomen des staufischen Königs Friedrich II. (1212/15–1250) mehr. In der ersten Königsurkunde vom 23. November 1218 bestätigt der Herrscher der Tennenbacher Zisterze deren Güter u.a. in Roggenbach und „in unserem Ort Villingen“ („in villa nostra Vilingen“), wobei das genannte „Gut in Villingen“ heute mit einem größeren Hof, „des Trossingers Gut“ genannt, identifiziert wird. Das Diplom erwähnt weiter zwei Mühlen des Klosters, sehr wahrscheinlich nördlich und nordwestlich vor der Stadt gelegen. Die zweite Königsurkunde vom 26. März 1219 bestimmte neben der Schenkung der „Herzogswiese“ bei Roggenbach den Verzicht auf eine Abgabe von „10 Schillingen, die der Herzog Berthold [V.] von Zähringen von einer gewissen, zum Kloster gehörenden Mühle in Villingen verlangt hatte“. Dieser jährliche Zins ist ein weiterer Hinweis auf die überragende Stellung, die die Zähringer als Orts- und Stadtherren in Villingen innegehabt hatten. Weiterer Besitz der Zisterze in und um Villingen, darunter eine dritte Mühle und fünf Häuser in der Stadt, findet sich dann im Tennenbacher Güterbuch, einer Aufzeichnung von Urkunden, Rechten und Besitzungen des Klosters aus der Zeit von 1317/41.20

VI. Zusammenfassung

Wir führen noch drei Urkunden des 1137/38 gegründeten Zisterzienserklosters Salem an, die im „Codex diplomaticus Salemitanus“ enthalten sind, einem im 13. und 14. Jahrhundert angefertigten Kopialbuch von Urkundenabschriften. Danach erwähnt eine (weitere) „Mühle in Villingen“ eine Bestätigungsurkunde des deutschen Königs Philipp von Schwaben (1198–1208), mit der jener am 8. Februar 1208 in Straßburg einen zuvor stattgefundenen Verkauf von Besitz u. a. in Runstal und Villingen an die oberschwäbische Zisterziensergemeinschaft dokumentierte. Das Diplom König Friedrichs II. vom 31. März 1213 bestätigte nochmals diese Güterübertragung, auch mit dem Hinweis auf Villingen. In den folgenden Jahren muss es zwischen dem Kloster Salem und den „Bürgern von Villingen“ zum Streit um die Runstaler Mark südwestlich von Villingen gekommen sein. Jedenfalls beurkundete Konrad Schenk von Winterstetten in Stellvertretung seines Königs am 2. April 1225 einen Schiedsspruch in der Streitsache, wobei der Urkundentext von der „Stadt Villingen“ („civitas Vilingin“) und von deren „Bürgern“ („cives“) spricht, Konrad als Reichsverwalter für Villingen (und die staufische Prokuration in Oberschwaben) bezeichnet und als ältestes Villinger Gerichts- und Ratsorgan den Ausschuss der „Vierundzwanzig“ anführt.21

Offensichtlich schlägt sich der archäologisch schon um 1200 bezeugte städtische Charakter Villingens nun auch in der schriftlichen Überlieferung nieder. Es bildete sich – urkundlich belegt – im Verlauf des 13. Jahrhunderts eine Stadt im Rechtssinne aus, eine Bürgergemeinde mit den sie repräsentierenden Organen ist in reichsstädtischer und fürstenbergischer Zeit (bis 1251/83 bzw. bis 1326) gut erkennbar. Doch gehen wir auf die Entwicklung der Villinger Bürgerschaft nicht weiter ein, desgleichen nicht auf die angebliche „Gründung“ der Stadt Villingen im Jahre 1119, wie sie in den frühneuzeitlichen Abschriften der Chronik des Villingers Heinrich Hug († 1534) vorkommt. Dass darüber hinaus hier nicht allen Überlieferungshinweisen für das frühe Villingen nachgegangen werden konnte, sei ebenfalls vermerkt. Manches liegt eben zu abseits, um in diesem Rahmen noch behandelt zu werden, etwa die Nennung von Villinger Pfennigen im Kopialbuch des Zürcher Großmünsters (um 1180) oder der Hinweis auf Villinger Besitz in einer päpstlichen Privilegienbestätigung für das Kloster Tennenbach vom 6. November 1209.22

Die Zusammenschau der Villingen betreffenden Belege aus der schriftlichen Überlieferung des 9. bis 13. Jahrhunderts zeigt die steigende Bedeutung des Ortes. Allein der Umfang der Überlieferung ist für eine Siedlung, die im früheren Mittelalter keine geistliche Kommunität, kein Kloster oder Stift beherbergte, beachtlich, wobei zu bemerken ist, dass der Großteil des Überlieferten eben von Klöstern stammt. Überwiegend nur kirchliche Institutionen haben im frühen und hohen Mittelalter ihre Eigentumsrechte schriftlich und auf Latein festgehalten, und so erfahren wir hieraus, dass in und um Villingen im Verlauf der Jahrhunderte die Mönchsgemeinschaften St. Gallen, St. Georgen, St. Peter, Gengenbach, Tennenbach und Salem Rechte und Güter innehatten. Lediglich die Marktrechtsurkunde von 999 hebt sich von den klösterlichen Überlieferungssträngen ab. Sie ist es auch, die durch Rechtsetzung die Verhältnisse im Ort auf der Baar neu definiert und so auf zwei eng miteinander verzahnte Faktoren in der Entwicklung Villingens verweist. Zum einen sorgten nämlich Markt und Münze dafür, dass sich Villingen mit seiner wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung allmählich vom agrarischen Umfeld abhob, zum anderen war die Siedlung als Herrschaftsmittelpunkt eng mit der Dynastie der im 11. Und 12. Jahrhundert so erfolgreichen Zähringergrafen und -herzöge verbunden. Wirtschaftliche Potenz und Anteil am Erfolg politisch Mächtiger mündeten am Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts schließlich in einen ungemein dynamischen Stadtwerdungsprozess, an dessen Ende die „Zähringer-„, die Reichs- und fürstenbergische Stadt stand. Eine sich über Jahrhunderte hinziehende Entwicklung vom Ort über das Dorf zur Stadt fand damit ihren (vorläufigen) Abschluss.23

Anmerkungen:

Abkürzungen: CDS = Codex Diplomaticus Salemitanus (wie Anm. 1); EdG = Enzyklopädie deutscher Geschichte; FDA = Freiburger Diözesan-Archiv; FUB = Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 1); GLAKa = Generallandesarchiv Karlsruhe; GMR

= Gestalten des Mittelalters und der Renaissance; HB = HUIL- LARD-BREHOLLES, Historia diplomatica Friderici secundi (wie Anm. 1); HEYCK = HEYCK, Urkunden (wie Anm. 1); MGH = Monumenta Germaniae Historica, DOIII = Die Urkunden Ottos III. (wie Anm. 1), SS = Scriptores in Folio; Mon.Corb = Monumenta Corbeiensia (wie Anm. 10); Ndr = Nachdruck; Notitiae = Notitiae fundationis s. Georgii (wie Anm. 1); RI FII, LF, OIII, PhS = BÖHMER, Regesta Imperii, Bd. V,1 (Friedrich II.), Bd. I (Ludwig der Fromme), Bd. II,3 (Otto III.), Bd. V,1 (Philipp von Schwaben) (wie Anm. 1); RR = WOLLASCH, Rodersches Repertorium (wie Anm. 1); StAVS = Stadtarchiv Villingen-Schwenningen; UB StGallen

= Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen (wie Anm. 1); VA = Vertex Alemanniae. Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte St. Georgen; VKGLBW A, B = Veröffentlichungen der Komission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe A: Quellen, Reihe B: Forschungen; WürttUB = Württembergisches Urkundenbuch (wie Anm. 1); ZGO = Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins.

1 Quellen, Regesten: BÖHMER, J.F., Regesta Imperii, Bd. I,1: Die Regesten des Kaiserreiches unter den Karolingern 751–918, bearb. v. E. MÜHLBACHER, J. LECHNER, C. BRÜHL u. H.H. KAMINSKY, 1908, Ndr Hildesheim 1966, Bd. II,3: Die Regesten des Kaiserreiches unter Otto III. (980 (983)–1002), bearb. v. M. UHLIRZ, Graz-Köln 1956, Bd. V,1: Die Regesten des Kaiserreiches unter Philipp, Otto IV., Friedrich II., Heinrich (VII.), Conrad IV., Heinrich Raspe, Wilhelm und Richard 1198–1272: Kaiser und Könige, hg. v. J. FICKER, 1881/82, Ndr Hildesheim 1971; Codex Diplomaticus Salemitanus, hg. v. F. VON WEECH, Tl.1: Urkunden 1134–1266 (= ZGO 35), Karlsruhe 1883; FLEIG, E., Handschriftliche, wirtschafts- und verfassungsgeschichtliche Studien zur Geschichte des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald, Diss. Freiburg i.Br. 1908; Fürstenbergisches Urkundenbuch, hg. v.d. Fürstlichen Archive in Donaueschingen, Bd.I: Quellen zur Geschichte der Grafen von Achalm, Urach und Fürstenberg bis zum Jahre 1299, bearb. v. S.

RIEZLER, Tübingen 1877, Bd. V: Quellen zur Geschichte der Fürstenbergischen Lande in Schwaben vom Jahre 700–1359, Tübingen 1885; HEYCK, E., Urkunden, Siegel und Wappen der Herzoge von Zähringen, Freiburg i.Br. 1892; HUILLARD-BREHOLLES, J.L. (Hg.), Historia diplomatica Friderici secundi (sive constitutiones, privilegia, mandata, instrumenta quae supersunt istius imperatoris et filiorum ejus), Bd. I,2, Paris 1852; Notitiae fundationis et traditionum monasterii s. Georgii in Nigra Silva, hg. v. O. HOLDER-EGGER, in: MGH SS 15,2, [Supplementa tomorum I-XII, pars III. Supplementum tomi XIII], hg. v. G. WAITZ u.a., 1888, Ndr Stuttgart–New York 1963, S. 1005–1023; PARLOW, U. (Hg.), Die Zähringer. Kommentierte Quellendokumentation zu einem südwestdeutschen Herzogsgeschlecht des hohen Mittelalters (= VKGLBW A 50), Stuttgart 1999; Die Urkunden Ottos III., hg. v. T. SICKEL (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd. 2,2), 1893, Ndr München 1980; Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen, Tl.I: 700–840, bearb. v. H. WARTMANN, St. Gallen 1863; WEECH, F. VON (Hg.), Der Rotulus Sanpetrinus nach dem Original im Großh. General-Landesarchiv zu Karlsruhe, in: FDA 15 (1882), S. 133–184; WOLLASCH, H.-J. (Bearb.), Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Urkunden, Akten und Bücher des 12.–19. Jahrhunderts („Rodersches Repertorium“) (= Schriftenreihe der Stadt Villingen), Bd. I: Urkunden, Bd. II: Akten und Bücher, Villingen 1970; Württembergisches Urkundenbuch, hg. v. königlichen Staatsarchiv in Stuttgart, Bd. I: ca.700–1137, 1849, Ndr Aalen 1972. – Überlieferung: UB StGallen I 226 (817 Juni 4); MGH DOIII 311 (999 März 29); Notitiae, c.54, 82, 89 (1090–1094); WEECH, Rotulus, S. 144, 152, 160, 163f, 166, 168 (1108–1165).

2 Urkunden: StAVS 2.1 M 1 = RR 2, FUB V 108 ([1180] März 4); StAVS 2.1 M 1a = RR 3, FUB V 113 ([vor 1185 Februar 28]); StAVS 2.1 M 2 = RR 4; FUB V 113, Anm. 3 (1185 Februar 28); StAVS 2.1 M 3,4 = RR 5, HEYCK XVIII (1187 [vor September 24]); StAVS 2.1 J 38° = RR 6 (um 1190); StAVS 2.1 M 5 = RR 8 (1218 November 23); StAVS 2.1 M 6 = RR 9 (1219 März 26).

3 Frankenreich: SCHNEIDER, R., Das Frankenreich (= Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 5), München 1982. – Ludwig der Fromme: BOSHOF, E., Ludwig der Fromme (= GMR), Darmstadt 1996. – St. Gallen: DUFT, J., Geschichte des Klosters St. Gallen im Überblick vom 7. bis zum 12. Jahrhundert, in: OCHSENBEIN, P. (Hg.), Das Kloster St. Gallen im Mittelalter. Die kulturelle Blüte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, Darmstadt 1999, S. 11–30.

4 Urkunde: Lateinisches Originaldiplom, Pergament, Siegel abgefallen; Stift St. Gallen EE 5 E 15; UB StGallen I 226, WürttUB I 90, RI LF 648 (817 Juni 4); ZOTZ, T., Die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto III. an Graf Berthold für seinen Ort Villingen, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, hg. v.d. Stadt Villingen-Schwenningen aus Anlaß des Jubiläums 1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht Villingen im Jahre 1999 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Bd. 15), Villingen-Schwenningen 1998, S. 11–25, hier: S. 11.

5 Ortsnamenbelege: UB StGallen I 41 (764 April 28), 48 (765 Juni 12), 226 (817 Juni 4); ZOTZ, Verleihung (wie Anm.4), S. 11. – Nordstetten: JENISCH, B., Die Entstehung der Stadt Villingen. Archäologische Zeugnisse und Quellenüberlieferung (= Forschungen und Berichte der Archäologie in Baden-Württemberg, Bd. 22), Stuttgart 1999, S. 35. – Grafschaften: BORGOLTE , M.,Geschichte der Grafschaften Alemanniens in fränkischer Zeit (= Vorträge und Forschungen, Sonderbd. 31), Sigmaringen 1984, S. 151–162; BORGOLTE, M., Die Grafen Alemanniens in merowingischer und karolingischer Zeit. Eine Prosopographie (= Archäologie und Geschichte, Bd. 2), Sigmaringen 1986, S. 210–215.

6 Ortsnamenkundliches: FÖRSTEMANN, E., Altdeutsches Namenbuch, völlig neu bearb. von H. JELLINGHAUS, Bd. I: Personennamen, Bonn 21901, Sp. 504ff; Bd. II: Orts- und sonstige geographische Namen, Tl. 1, Bonn 31913, Sp. 883; REICHARDT, L., Ortsnamenbuch des Kreises Tübingen (= VKGLBW B 104), Stuttgart 1984, S. 11f; REVELLIO, P., Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Gesammelte Arbeiten (= Schriftenreihe der Stadt Villingen), Villingen 1964, S. 61ff.

7 Frühmittelalterliche Besiedlung: JENISCH, Entstehung (wie Anm. 5), S. 31–35; ZOTZ, Verleihung (wie Anm. 4), S. 11.

8 Ostfränkisch-deutsches Reich: BOSHOF, E., Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert (= EdG 27), München 1993; EHLERS, J., Die Entstehung des deutschen Reiches (= EdG 31), München 1994. – Otto III.: ALTHOFF, G., Otto III. (= GMR), Darmstadt 1997. – Zähringer: HEYCK, E., Geschichte der Herzoge von Zähringen, 1891, Ndr Aalen 1980; PARLOW; Die Zähringer (= Veröffentlichungen zur Zähringer- Austellung I–III), hg. v. Archiv d. Stadt Freiburg i.Br. u.a., Bd. I: Eine Tradition und ihre Erforschung, hg. v. K. SCHMID, Sigmaringen 1986, Bd. II: Anstoß und Wirkung, hg. v. H. SCHADEK u. K. SCHMID, Sigmaringen 21991, Bd. III: Schweizer Vorträge und neue Forschungen, hg. v. K. SCHMID, Sigmaringen 1990. – Graf Berthold „von Villingen“: ALTHOFF, G., Warum erhielt Graf Bertold im Jahre 999 ein Marktprivileg für Villingen, in: Die Zähringer, Bd.III, S. 269–274; ZETTLER, A., Graf Berthold, sein kaiserliches Marktprivileg für Villingen und der Aufstieg der Zähringer in Schwaben, in: BUMILLER, C. (Hg.), Menschen, Mächte, Märkte. Schwaben vor 1000 Jahren und das Villinger Marktrecht (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Bd. 20), Villingen-Schwenningen 1999, S. 117–139.

9 Urkunde: Lateinisches Diplom, Pergament mit anhängendem Bleisiegel; GLAKa A 72, MGH DOIII 311, RI OIII 1305; Abb. und Übersetzung: ZETTLER, Graf Berthold (wie Anm. 8), S. 128f (999 März 29); Abschrift vom Ende des 13. Jahrhunderts: StAVS 2.1 A 1 = RR 1; SPICKER-BECK, M., 999 und 1119. Wege der historischen Überlieferung und Geschichtsschreibung in Villingen, in: BUMILLER, Menschen, Mächte, Märkte (wie Anm. 8), S. 69–89, hier: S. 69–73. – Villinger Marktrecht: ZETTLER, Graf Berthold (wie Anm. 8), S. 133–136; ZOTZ, Verleihung (wie Anm. 4), S. 13–20.

10 Stammtafel: Briefbuch des Abtes Wibald von Stablo-Malmedy, Pergamenthandschrift; Liège, Archives de l’Etat, Fonds de Stavelot 341, fol.141v; Monumenta Corbeiensia, hg. v. P. JAFFÉ (= Bibliotheca rerum Germanicarum, Bd. 1), 1864, Ndr Aalen 1964, Mon.Corb. 408; ZETTLER, Graf Berthold (wie Anm. 8), S. 117f; Die Zähringer (wie Anm. 8), Bd. II, S. 14ff. – Villinger Münzen: KLEIN, U., Die Villinger Münzprägung, in: Villingen und Schwenningen (wie Anm. 4), S. 26–59; KLEIN, U., Der numismatische Aspekt – Das südwestdeutsche Münzwesen in der Zeit um 1000, in: BUMILLER, Menschen, Mächte, Märkte (wie Anm. 8), S. 141–151.

11 Investiturstreit und 12. Jahrhundert: HARTMANN, W., Der Investiturstreit (= EdG 13), München 1993; MOORE, R. I., Die erste europäische Revolution. Gesellschaft und Kultur im Hochmittelalter, München 2001. – St. Georgen: BUHLMANN, M., Gründung und Anfänge des Klosters St. Georgen im Schwarzwald (= Quellen zur mittelalterlichen Geschichte St. Georgens, Teil II = VA 3), St. Georgen 2002; WOLLASCH, H.– J., Die Anfänge des Klosters St. Georgen im Schwarzwald. Zur Ausbildung der geschichtlichen Eigenart eines Klosters innerhalb der Hirsauer Reform (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, Bd. 14), Freiburg i.Br. 1964. – Grundherrschaft: BUHLMANN, M., Besitz, Grundherrschaft und Vogtei des hochmittelalterlichen Klosters St. Georgen (= Quellen zur mittelalterlichen Geschichte St. Georgens, Teil VI = VA 11), St. Georgen 2004; WOLLASCH, Anfänge, S. 39–78.

12 Gründungsbericht: Notitiae, c.54, PARLOW 122 (1090 Oktober 31), c.82 (1094 April 23), c.89 (vor 1094 November 18); Übersetzung: BUHLMANN, Gründung und Anfänge (wie Anm. 11), S. 24, 28ff.

13 Baargrafschaft: PARLOW 122. – „Staat der Zähringer“: MAYER, T., Der Staat der Herzoge von Zähringen, in: Ders., Mittelalterliche Studien. Gesammelte Aufsätze, Lindau–Konstanz 1959, S. 404–424.

14 St. Peter: MÜHLEISEN, H.-O., OTT, H., ZOTZ, T. (Hg.), Das Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald. Studien zu seiner Geschichte von der Gründung im 11. Jahrhundert bis zur frühen Neuzeit (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i.Br., Nr. 68), Waldkirch 2001. – Rotulus und Grundherrschaft: FLEIG, St. Peter (wie Anm.1); KRIMM-BEUMANN, J., Der Rotulus Sanpetrinus und das Selbstverständnis des Klosters St. Peter im 12. Jahrhundert, in: MÜHLEISEN u.a., St. Peter, S. 135–166; RÖSENER, W., Zur Grundherrschaft und Wirtschaftsgeschichte des Klosters St. Peter im Hoch- und Spätmittelalter, in: MÜHLEISEN u.a., St. Peter, S. 167–186; WEECH, Rotulus (wie Anm.1).

15 Rotulus Sanpetrinus: FLEIG, St. Peter (wie Anm. 1), S. 106f, 112–116, 119, 128; WEECH, Rotulus (wie Anm. 1), S. 144, 152, 160, 163f, 166, 168 (1108–1165).

16 Siedlungsentwicklung, Stadt: JENISCH, Entstehung (wie Anm. 5), S. 38ff, 45ff, 189–194; JENISCH, B., Stadtentwicklung und Alltagsgeschichte im Mittelalter auf der Grundlage archäologischer Quellen, in: Villingen und Schwenningen (wie Anm. 4), S. 60–73, hier: S. 61ff; SCHWINEKÖPER, B., Die heutige Stadt Villingen – eine Gründung Herzog Bertolds V. von Zähringen (1186–1218), in: Die Zähringer (wie Anm. 8), Bd. I, S. 75–100.

– Berthold V.: GEUENICH, D., Bertold V., der „letzte Zähringer“, in: Die Zähringer (wie Anm. 8), Bd. I, S. 101–116. – Zähringisch-staufischer Gegensatz: KÄLBLE, M., Villingen, die Zähringer und die Zähringerstädte. Zu den herrschaftsgeschichtlichen Rahmenbedingungen der Stadtentstehung im 12. Jahrhundert, in: MAULHARDT, H., ZOTZ, T. (Hg.), Villingen 999–1218. Aspekte seiner Stadtwerdung und Geschichte bis zum Ende der Zähringerzeit im überregionalen Vergleich (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i.Br., Nr. 70), Waldkirch 2003, S. 143–166.

17 Urkunde: Abschriftlich überliefert in einem Vidimus des Straßburger Bischofs Konrad III. (1273–1299) vom Dezember 1276; FUB V 92, WürttUB II 310 (1139 Februar 28). – Gengenbach: Gengenbach, bearb. v. K.L. HITZFELD, in: Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg, hg. v. F. QUARTHAL (= Germania Benedictina, Bd. 5), Ottobeuren 1976, S. 228–242.

18 Werner von Roggenbach: PARLOW 313f, 343f, 430f, 458, 465f, 472, 476, 488, 511, 527; PREISER, H., Die Herren von Kürneck (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Villingen, Bd. 1), Villingen-Schwenningen 1975, S. 9ff. – Tennenbach: ZINSMAIER, P., Zur Gründungsgeschichte von Tennenbach und Wonnental, in: ZGO 98 (1950), S. 470–479. – Riegeler Erklärung: Lateinische Originalurkunde, Pergament, anhängendes Siegel fehlt; StAVS 2.1 M 1 = RR 2, FUB V 108, HEYCK XII, PARLOW 472f, 488 ([1180] März 4).

19 Kompromissurkunde: Lateinische Urkunde in doppelter Ausfertigung, Originale, Pergament, drei Siegel an der einen Urkunde, zwei davon verloren, eins stark beschädigt, das Siegel des Ausstellers an der anderen; StAVS 2.1 M 3, 4 = RR 5, HEYCK XVIII, PARLOW 527 (1187 [vor September 24). – Tennenbacher Güterstreit: BUHLMANN, M., Der Tennenbacher Güterstreit (= Quellen zur mittelalterlichen Geschichte St. Georgens, Teil VII = VA 12), St. Georgen 2004.

20 Urkunden: Lateinische Originalurkunden, Pergament, teilweise mit Siegel; StAVS 2.1 J 38° = RR 6, PARLOW 527 (um 1190); StAVS 2.1 M5 = RR 8, FUB I 150, HB I,2, S.574, RI FII 962 (1218 November 23); StAVS 2.1 M 6 = RR 9, FUB I 154, RI FII 999 (1219 März 26). – Friedrich II.: STÖRNER, W., Friedrich II., 2 Tle. (= GMR), Darmstadt 1992, 2000. – Tennenbacher Güterbuch: WEBER, M., HASELIER, G. u.a. (Bearb.), Das Tennenbacher Güterbuch (1317–1341) (= VKGLBW A 19), Stuttgart 1969. – Tennenbach und Villingen: JENISCH, Entstehung (wie Anm.5), S. 65f, 78; WEBER, M., Der Tennenbacher Besitz im Villinger Raum, in: MÜLLER, W. (Hg.), Villingen und die Westbaar (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i.Br., Nr. 32), Bühl 1972, S. 175–191, hier: S. 180f, 184ff.

21 Urkunden: CDS I, S.102ff (1208 Februar 8); CDS I, S. 124f, FUB I 117 (1213 März 31); CDS I, S. 176ff, FUB V 132 (1225 April 2). – Salem: RÖSENER, W., Reichsabtei Salem. Verfassungs und Wirtschaftsgeschichte des Zisterzienserklosters von der Gründung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts (= Vorträge und Forschungen, Sonderbd.13), Sigmaringen 1974. – Runstal: JENISCH, Entstehung (wie Anm. 5), S. 40f. – Reichsstädtisches Villingen: BUMILLER, C., Villingen im Spätmittelalter. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, in: Villingen und Schwenningen (wie Anm. 4), S. 119–154, hier: S. 119f; HUTH, V., Kaiser Friedrich II. und Villingen. Beobachtungen zur Rolle der Stadt in reichs- und territorialpolitischen Konflikten der spätstaufischen Zeit, in: MAULHARDT u.a., Villingen (wie Anm. 16), S. 199–234, bes. S. 223f.

22 Hugsche Chronik: RODER, C. (Hg.), Heinrich Hugs Villinger Chronik 1495–1533 (= Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart, Bd. 164), Tübingen 1883. – „Stadtgründung“ von 1119: SPICKER-BECK, 999 und 1119 (wie Anm. 9). – Villinger Pfennige: KLEIN, Villinger Münzprägung (wie Anm. 10), S. 30. – Tennenbacher Privileg: WEBER u.a., Tennenbacher Güterbuch (wie Anm. 20), S. 454ff (1209 November 6).

23 Ortsentwicklung: HUGER, W., Tausend Jahre: Vom Marktort zur Stadt, in: Villingen und Schwenningen (wie Anm. 4), S. 74–89; JENISCH, Entstehung (wie Anm. 5), S. 189–196.

Helden von Bern glänztenauch im Villinger Friedengrund (Hermann Colli)

Weltmeisterelf mit Villingen eng verbunden Sepp Herberger, Fritz Walter & Co warben für die SABA

Schreibt der Fußball Geschichte? Viele Menschen, die mit dieser Sportart nicht so viel am Hut haben, glauben, dass das Spiel, bei dem sich 22 Verrückte um einen Ball streiten, nur eine Nebensache sei. Ist sie auch! Aber eine der schönsten der Welt. Dass so eine Nebensache zu einem geschichtlichen Ereignis ersten Ranges werden kann, hat sich vor 50 Jahren gezeigt als Deutschland in der Schweiz Fußball- Weltmeister geworden ist. Ein Ereignis, das als „Wunder von Bern“ in die Annalen einging. Es hat sich auch wieder gezeigt, als es im Juni 2004 in Portugal um den Titel eines Europameisters ging, bei der Deutschland sang- und klanglos ausgeschieden ist und Griechenland, ein Land, dessen Nationalmannschaft als Fußballzwerg in Europa galt, sich die Meisterkrone aufsetzte. Und die Welt sprach jetzt vom „Wunder von Lissabon“!

Was sich an jenem 4. Juli des Jahres 1954 ereignete, wurde vielen Deutschen wieder voll bewusst, als im vergangenen Jahr der Film „Das Wunder von Bern“ in die Kinos kam. Wochenlang stand der Streifen auf dem Spielplan und selbst verknöcherte Kinomuffel, die Jahre lang kein Lichtspielhaus mehr betreten hatten, starrten gebannt auf die Leinwand und ließen sich von dem Geschehen verzaubern, das ein halbes Jahrhundert zurück liegt. Da lief so manche Träne über die Wangen sonst hart gesottener Männer und so manche Frauen verstanden auf einmal, was für ein Ereignis damals in der Schweiz passiert ist, von dem nicht nur eingeschworene Fußballfans heute immer noch schwärmen.

 

Lebendig wurde das „Wunder von Bern“ wieder im Frühjahr 2004, als der Südkurier in der Neuen Tonhalle ein Forum zu diesem Thema veranstaltete, bei dem auch Horst Eckel (Mitte) und Sportreporter Rudi Michel (2. von links) dabei waren. Beim Eintrag in das Goldene Buch der Stadt waren Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon (links), Herbert Schroff (2. von rechts) und Beatrice Wiebelt aufmerksame Beobachter.

 

Das zeigte sich übrigens ganz deutlich im Frühjahr 

2004, als der Südkurier die WM ’54 zum Thema ihres Forums machte, das über 600 Menschen in die Neue Tonhalle nach Villingen lockte. Horst Eckel, einer der drei noch lebenden Spieler aus der deutschen Weltmeisterelf und der Sportjournalist Rudi Michel, der damals aus Bern berichtet hatte, ließen das „Wunder“ wieder lebendig werden. In einem äußerst spannenden, informativen und humorvollen Dialog auf hohem Niveau erzählten sie persönliche Erlebnisse, beleuchteten Hintergründe und rückten die Männer, die für die Sensation gesorgte hatten, in den Blickpunkt. Das Publikum war begeistert und feierte die Akteure mit stürmischem Beifall.

Ja, es war ein historisches Ereignis. Zumindest ein sporthistorisches. Deutschland, nach dem verlorenen Weltkrieg nur mühsam wieder Fuß fassend und von der Weltöffentlichkeit weitgehend ausgesperrt, stand auf einmal ganz oben. Wenigstens im Fußball. Doch Fußball hat rund um den Globus einen hohen Stellenwert und so fand das Wunder von Bern weltweit Bewunderung und Anerkennung. Die deutsche Nationalmannschaft, als krasser Außenseiter ins Rennen gegangenen, war bei ihrem legendären 3:2-Sieg im Finale gegen Ungarn mit einer beeindruckenden Leistung über sich hinaus gewachsen.

Die meisten fieberten am Radio

Damals! 1954! Da hatte kaum ein normal Sterblicher einen Fernseher. Die meisten hockten gespannt vor den Radios und verfolgten mitfiebernd die Reportage aus Bern. Und trotzdem haben sehr viele Menschen, die heute den sechzigsten Geburtstag hinter sich haben, vor allem aber die Männer, das Spiel gesehen. Entweder bei reichen Verwandten, die schon in den frühen Fünfzigern ein Pantoffelkino ihr Eigen nannten, oder in einer Wirtschaft, wo es oft nicht einmal mehr Stehplätze gab. Dichte Menschentrauben bildeten sich vor den Schaufenstern der Elektrohändler, in denen das Endspiel über die Monitore der ausgestellten Fernsehgeräte übertragen wurde.

Die Villinger waren übrigens viel besser dran als Bundesbürger, die kein Unternehmen in ihren Mauern beherbergten, das Geräte für die Unterhaltungselektronik produzierte. Die SABA war schon daran interessiert, dass ihre Produkte bei dieser einmaligen Gelegenheit ins rechte Licht gerückt wurden. Hier bot sich die beste Möglichkeit, das noch relativ junge Medium Fernsehen auf breiter Front bekannt zu machen und den Wunsch nach einer hauseigenen Flimmerkiste zu wecken. Aber die Villinger konnten längst nicht so viele Geräte bauen, wie der Markt forderte. Von den SABA-Mitarbeitern hatte der eine und andere schon ein eigenes Gerät und wer keins hatte schaute sich das Endspiel in ihrer Kantine an. Stadionatmosphäre herrschte auch im „Waldschlössle“ wo im großen Saal vier Flimmerkisten aufgestellt waren. Und nicht weit davon entfernt, im Katholischen Gemeindehaus an der Waldstraße gab es kaum noch einen Stehplatz vor dem dort aufgestellten TV- Gerät. Ganz Deutschland befand sich im Fernsehfieber. Auf den Straßen spielten sich – wie überall in der Bundesrepublik – unbeschreibliche Szenen ab. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen.

„Es war wie am Fasnetmentigmorge im Städtle,“ beschrieb ein inzwischen gealterter Villinger Fußballfan die Situation nach dem denkwürdigen Finale.

SABA-Chef knüpfte schon früh Kontakte

In Villingen wurde schon ganz früh eine Verbindung zu den Männern, die das Wunder von Bern möglich gemacht hatten, gelegt. Hermann Brunner-Schwer, einer der SABA-Chefs, hatte von Kindesbeinen an viele prominente Menschen kennen gelernt. Er knüpfte leicht und schnell Kontakte zu Leuten, die auf seiner Wellenlänge lagen. Einerseits weil er ein sehr aufgeschlossener und vielseitig interessierter Mann war, und anderseits, weil er den Bekanntheitsgrad der Promis nutzte um für die Produkte seiner Firma zu werben.

Sicher waren es beide Aspekte, die ihn veranlassten, die deutschen Fußballgrößen näher kennen zu lernen. Und er suchte sich gleich die Richtigen aus. Es gelang ihm, zwei Männer als hochkarätige Repräsentanten und Werbeträger an sich zu binden: Den Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft Fritz Walter und dessen „Chef“, Sepp Herberger. Sie wurden echte Freunde des Villinger Unternehmers und fühlten sich in der Saba-Familie und bei deren Freunden praktisch zu Hause. Dazu gehörte auch Herbert Schroff, als „rasender SABA- Reporter“ bekannt, und Tag und Nacht in Diensten seiner Firma auf Achse.

In diesem Kreis wurde im Juni 1960, als das Villinger Unternehmen sein 125-jähriges Firmenjubiläum feierte, eine Idee geboren, die später als „SABA-Prominentenelf“ bundesweit von sich reden machte. Mit der Gründung dieser Fußballmannschaft, die in rund 15 Jahren, in immer wieder verschiedener Besetzung, auf deutschen Fußballfeldern für Furore sorgte, erfüllte sich für Sepp Herberger ein lange gehegter Wunsch. Er sah hier eine Möglichkeit, „seine Buben von Bern“ auf lockere Weise und in freundschaftlicher Verbundenheit zusammen zu halten. Das ist ihm gelungen. Bis auf zwei Spieler der Weltmeisterelf von Bern – das waren Jupp Posipal und Werner Kohlmeyer – streiften sich alle mindestens einmal das SABA-Trikot über und stürmten über den grünen Rasen. Manager, Motor und „Mädchen für alles“ war Herbert Schroff.

 

Herbert Schroff war über 15 Jahre Manager und Motor der sogenannten SABA-Prominentenelf, in der fast alle Spieler der „Helden von Bern“ für eine gute Sache mitwirkten. Heute ist die große Fußball-Zeit für den jetzt Achtzigjährigen nur noch eine unvergessliche Erinnerung.

 

Sportler, Schauspieler und Journalisten 

Es waren nicht nur Fußballer, die die Kickstiefel für SABA schnürten. Auch andere bekannte Sportler, Boxer, Ski-Asse, Tennisspieler, Ringer, Hockeyspieler und Trainer gehörten zum Kader; ebenso Schauspieler und Sportjournalisten. Rund 80 Profis und Hobbykicker gaben sich im SABA-Dress ein Stelldichein.

Für sie alle ging es nicht in erster Linie um sportlichen Lorbeer sondern viel mehr um Spaß und Unterstützung einer guten Sache. Bei den Begegnungen der SABA-Leute mit anderen Traditionsmannschaften oder mit bunt zusammengewürfelten mehr oder weniger bekannten Hobby- Balltretern, aber auch mit aktiven Amateurteams ging es neben dem Spaß an der Freud‘ immer um einen karitativen Zweck. Auf die Konten der Aktion Sorgenkind, Platz an der Sonne, der Lebenshilfe, der Sporthilfe- und Olympiafördervereine, dem Sonderfond der Deutschen Sportpresse und anderen Organisationen und Einrichtungen, die sich gemeinnützigen und sozialen Aufgaben widmeten, konnten beträchtliche Beträge überwiesen werden. Aber auch für ganz aktuelle Hilfsmaßnahmen waren die SABA-Kicker im Einsatz. So für Erdbebenopfer, vietnamesische Kinder, Querschnittsgelähmte, Tornado-Geschädigte und Waisenkinder.

In Bremen zum Beispiel lockten sie im September 1973 rund 12.000 Zuschauer ins Weserstadion und siegten mit 7:5 in einem Benefizspiel gegen eine Auswahl des Norddeutschen Rundfunks. Oder in Karlsruhe: Dort konnte bei einem „Festival der guten Taten“ im Wildparkstadion 15.000 Fußballfans den 2:1-Sieg der Sabanesen gegen eine Traditionsmannschaft des KSC bejubeln.

Zwei der ganz Großen im internationalen Fußball waren gute Freunde. Fritz Walter. Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft (rechts) und Sir Stanley Matthews, der 84 Spiele für England machte und von der Königin geadelt wurde. „Stan“, hier im Adidas-Trikot, spielte auch zusammen mit dem „alten Fritz“ in der SABA-Prominentenelf. Das Schwarzwaldmädel in der Mitte ist übrigens Herbert Schroffs Ehefrau Martha.

 

Wie viele Spiele sie insgesamt gemacht haben, ist in keiner Chronik festgehalten. Aber es werden wohl an die 50 gewesen sein. Die Liste der Austragungsorte ist lang: Berlin, Stuttgart, Mannheim, Ulm, Düsseldorf, Augsburg und Zürich stehen darauf. Aber auch zahlreiche kleine Orte in der Bundesrepublik, in denen Sportfeste mit Wohltätigkeitsspielen stattfanden, sind da verzeichnet.

SABA-Team mit vielen großen Namen

Einige Namen der Akteure gefällig? Wie schon gesagt, fast die ganze 54er-Weltmeisterelf war dabei: Fritz und Ottmar Walter, Toni Turek, Horst Eckel, Werner Liebrich, Charlie Mai, Max Morlock, Hans Schäfer, der unvergessene „Boss“ Helmut Rahn und wie sie alle hießen. Aber auch Fußballgrößen der nachfolgenden Generation: Uwe Seeler, Radi Radenkovic, Wolfgang Overath, Uli Hoeneß, Günter Netzer, Willi Schulz – um nur einige aus dem großen Aufgebot zu nennen. Sogar bedeutende internationale Kickerstars wie der legendäre Kapitän der englischen Fußball- Nationalmannschaft Bobby Moore und dessen gea- delter Landsmann Sir Stanley Matthews standen in den Reihen des SABA-Teams.

Wohlwollende Unterstützung fanden die Villinger Hobbykicker bei bekannten und engagierten deutschen Sportjournalisten. Dieter Kürten, Rudi Michel, Hans Jürgen Rauschenbach, Werner Zimmer, Hans Blickensdörfer und Günter Jendrich waren feste Größen der SABA-Prominentenelf. Eine goldene Nase konnte und wollte sich keiner der Akteure dabei verdienen. Wenn ihnen Fahrtkosten und wenn’s nötig war auch Unterkunft bezahlt wurde, dann waren die Herren zufrieden. Mit bescheidenen Geschenken aus der eigenen Produktion war die SABA nicht zimperlich. So war es nicht verwunderlich, dass in den Wohnungen der Freizeitkicker Radios und Fernseher mit dem Namen der Villinger Gerätebauer standen. Auch das ist schließlich Werbung. An einen Vergleich mit dem, was heute Fußballer für ein Werbespiel so ein- stecken, darf man da gar nicht denken …

Das große Spiel im Friedengrund

Ein Ereignis, das sich am 11. Juli 1966 in der Zähringerstadt abspielte, machte den Villingern deutlich, dass die SABA-Prominentenelf ihren Namen und ihren guten Ruf zu Recht verdiente. Was sich da bei einem Spiel im Friedengrund, das zu einem echten Volksfest wurde, an hochkarätiger Prominenz versammelte, ist kaum zu überbieten. Hermann Brunner-Schwer und der Offenburger Verleger Senator Franz Burda hatten ihre guten Verbindungen spielen lassen und für ein Benefizspiel zwei Mannschaften aufgestellt, in denen es von großen Namen nur so wimmelte. Es ging unter dem Motto: „So was war noch nie da: SABA gegen Burda“ über die Bühne.

Zwei Teams mit großen Namen: Unvergessen bleibt in Villingen das Benefizspiel im Friedengrund, bei dem am 11. Juni 1966 zwei Auswahlmannschaften von SABA und Burda aufeinander trafen. In beiden Teams wirkten neben Amateurfußballern und Hobbykickern aus der Region auch bekannte Sportler und Künstler mit. Fritz Walter, Werner Liebrich, Joachim „Blacky“ Fuchsberger, Toni Turek und Radi Radenkovic, Heinz Fütterer, Mario Adorf, Willi Bogner, Jörg Thoma und Max Greger sind auf dem Bild zu finden. Aber auch SABA-Chef Hermann Brunner-Schwer und „Helden vom FC 08 Villingen“, die in jenem Jahr in die Regionalliga aufstiegen, bestückten die Werksmannschaften.

 

 

Zwei Männer, die zu den Größten im Deutschen Sport zählen, im Villinger Friedengrund: Fritz Walter und Max Schmeling beim Anstoß für ein Benefiz-Fußballspiel mit der SABA- Prominentenelf.

 

Die Akteure kamen nicht nur aus der Welt des Sports, sondern auch aus der Film- und Unterhaltungsbranche. In dem unvergesslichen Match spielten – auf beide Teams schön verteilt – die Weltmeister Fritz Walter, Toni Turek und Werner Liebrich, „Löwen“-Torwart Petar Radenkovic, Skikönig Jörgl Thoma und Slalom-Ass Willi Bogner, Weltklasse-Sprinter Heinz Fütterer, die Schauspieler Mario Adorf und Joachim „Blacky“ Fuchsberger, Showorchesterchef Max Greger, Filmproduzent Georg Richter und, und und ! So viele wirklich Prominente hatte man in Villingen zuvor wohl noch nie zusammen gesehen.

Der Ball fiel vom Himmel

Spektakulär war der Anstoß. Der Ball kam vom Himmel. Zielsicher abgeworfen vom Chef der Burda-Kunstflugstaffel, die kurz zuvor über den Platz gedonnert war und mit den Propellern ihrer Maschinen ein munteres Ballonschießen veranstaltet hatte. Den ersten Tritt an den Ball vollzog kein Geringerer als Deutschlands wohl bekanntester Sportler, Boxheros Max Schmeling. Um ehrlich zu sein: Es gab nicht nur Promis auf dem Platz. Auch Akteure des FC 08 Villingen (der übrigens in diesem Jahr Meister der Schwarzwald-Bodensee-Liga geworden war und in die Regionalliga aufstieg) mischten kräftig mit. Und auch Hermann Brunner-Schwer und etliche fußballbegeisterte Regional- und Lokalgrößen rackerten, rannten, schwitzten, stöhnten, und schossen im schneeweißen Trikot mit den blauen vier Buchstaben auf der Brust was das Zeug hielt.

Ein Moment, den Herbert Schroff (rechts) nie vergisst: Zu seinem 50. Geburtstag gratulierte ihm bei der Feier im „Gambrinus“ auch Sepp Herberger, der „Vater“ der Helden von Bern.

 

Das Ergebnis war zum Schluss eigentlich Nebensache. Aber dass die Sabanesen die Burda- Leute mit 4:2 abgefertigt hatten, freute die rund 4000 Zuschauer doch. Und dass ihr Lokalheld Werner Nocht, bekannt unter dem Namen „Knochen“, Münchens ungekrönten Fußballkönig „Radi“ zwei bildschöne Dinger ins Netz gesetzt hatte, war eine zusätzliche Freude. Auch bei dem Eckstoß, den Werner Liebrich mit einem Kunstschuss direkt ins Burda-Gehäuse beförderte, schaute der singende Keeper ziemlich verdutzt aus seinem knallroten Torwartpulli. Ach ja, der gute Zweck muss auch noch angesprochen werden. Damals ging es um Vorbereitung und Finanzierung der Olympiade 1972 in München und dafür war ein Olympia Fond eingerichtet worden. In diesen Topf floss auch das Geld der Villinger Sportveranstaltung. Insgesamt kamen dabei 7000 Mark zusammen. Das Spiel, um das sich in den Erzählungen der Dabeigewesenen nach fast 40 Jahren viele Geschichten ranken, ist längst Geschichte. Sie verdient es festgehalten zu werden. Und das hat man in Villingen auch getan. Im Franziskanermuseum ist das Ereignis in der Abteilung der heimischen Industrie, wo auch an die große Zeit der SABA erinnert wird, dauerhaft dokumentiert.

Stars bei Herbert Schroffs Fünfzigsten

Einer bemühte sich besonders darum, die Erinnerung an das große Villinger Prominenten match wachzuhalten: Herbert Schroff, der als Organisator und Manager über mehr als 15 Jahre hinweg die Fäden zog und durch persönliches Engagement die SABA-Truppe zusammenhielt. Bis heute hält der jetzt Achtzigjährige die Verbindung zu „seinen“ noch lebenden Kickern aufrecht. Wie sehr er selbst von ihnen geachtet und geschätzt wurde und wird, kam schon bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck. So zum Beispiel bei der Feier seines 50. Geburtstages. Damals gehörten Fritz Walter und seine attraktive Frau Italia ebenso zur großen Schar der Festgäste wie Sepp Herberger und sein unvergessliches „s’Evsche“, wie der Altbundestrainer seine Frau liebevoll nannte. Die charmante Italia nahm übrigens ein besonderes Andenken von Villingen mit nach Kaiserslautern: Einen Gipsfuß! Sie hatte sich hier bei einem Sturz schwer verletzt. Das Missgeschick hinderte sie aber nicht daran, im „Gambrinus“ zünftig Herberts Fünfzigsten zu feiern.

Ein Andenken besonderer Art nahm Fritz Walters charmante Ehefrau Italia von der Feier im „Gambrinus“ mit nach Hause nach Kaiserslautern: Einen Gipsfuß.