Von der Alten Reichspostzur Deutschen Rentenversicherung (Werner Huger)

„… Als 1872 die Großherzoglich Badische Post in die Kaiserliche Reichspost eingegliedert wird, erhält Villingen ein kaiserliches Postamt“, schreibt das Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Walter K.F. Haas.1 Von ihm erfahren wir auch, dass ab 1875 das kaiserliche Postamt in der Niederen Straße 24 (damals Nr. 388) im Hause der Familie Beha (heute Haus Sutermeister) untergebracht war. Vom „Postdirektor“ bis zum „Hilfsbriefträger“ betrug das Personal neun Personen, dazu kamen vier Landbriefträger und drei Bürodiener. In der ganzen Stadt gab es drei Briefkästen. Die amtliche Verkaufsstelle für Postwertzeichen befand sich 1884 bei Kaufmann Karl Butta, Marktplatz 185 (heute Parfümerie Butta-Stetter, Bickenstraße 1).

„Am 1. Juni 1886 bezieht die Post als Mieter“, so Walter K.F. Haas, „das Gebäude Kaiserring 3. Das von Zimmermeister Konstanzer erstellte Gebäude kaufte die Reichspost am 1. Mai 1900“. Dazu merken wir an: Im Jahr 1900 besaß das neue Postamt die Anschrift „Poststraße Nr. 646“. Inzwischen war das Personal auf 25 Beschäftigte angewachsen.

1902 war es noch immer die Poststraße, trug aber jetzt die Hausnummer drei.2 Gemäß Gemeinderatsbeschluss, in der Bekanntmachung vom 31. Oktober 1904, erhielt die östliche Ringstraße „von dem Kriegerdenkmal bis Großh. Amtsgericht, bisher Poststraße, die Bezeichnung: Kaiserring …“.

1903 erfolgte, so Haas, erstmals ein Umbau wegen aufkommenden Fernsprechwesens.

Abb. 1 Erster noch verkürzter Bau des Postamtes um 1904.

 

1927 erneuter Umbau. Trotz des Ankaufs der Häuser Brigachstraße 2 (1910) und Nr. 3 (1942) (Anm.: die einstigen Rückgebäude hinter dem Hauptgebäude) sowie Teilen der Feuergasse (heute: Postgasse) wurde die räumliche Enge in den folgenden Jahren immer prekärer. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Dienststellen wegen Raumnot ausgelagert werden.

Mancher ältere Villinger wird sich noch an die uniformierten Schalterbeamten erinnern, die mit Amtsmiene ihre „hoheitlichen“ Aufgaben erledigten.

Mit dem Bezug des Neubaues in der Bahnhofstraße 6 am 3. November 1967, wo bis zur völligen Zerstörung durch Fliegerbomben am 22. Februar 1945 die Villen Spitznagel und Schleicher gestanden hatten, begann ein neuer Abschnitt der alten Postgeschichte. Ab 1967 gab es im alten Gebäude keinen Schalterbzw. Publikumsverkehr mehr. Das von der Deutschen Bundespost weiterbenutzte Gebäude wurde zur technischen Einrichtung des Fernmelde bezirks Villingen des Fernmeldeamtes Konstanz, u.a. mit dem Fernmeldebau.

Mit der Funktionsänderung wurde der einstige Kundenzugang über das große Bogenportal mit der Treppe am Kaiserring von unten her teilweise zugemauert (s. Foto Ulrich Offermann).

Im März und April 2004 wurden alle Gebäude an der Brigachstraße und am Kaiserring abgebrochen, um einem vollständigen Neubau Platz zu machen. Es ging um das derzeit größte öffentliche Hochbauprojekt: das geplante Regionalzentrum der Landesversicherungsanstalt (LVA) mit vorgesehenen 70 bis 90 Beschäftigten.

Noch vor Weihnachten 2004 solle das Gebäude „dicht sein“, hieß es in der Tageszeitung und dabei werde, so der stellvertretende Leiter der LVA in Villingen, Franz Lutz, entgegen kursierender Spekulationen, die Fassade der abgerissenen „alten Post“ wieder originalgetreu aufgebaut sein. So kam es dann auch.

Abb. 2 Das Postgebäude in seinem letzten Zustand nach 1967 bis zum Abbruch 2004.

 

Abb. 3 Abbruch des Hauptgebäudes, April 2004, von der Brigachstraße her gesehen. (Im Hintergrund die Johanneskirche). Die Gebäude Brigachstraße 2 und 3 sind bereits niedergelegt.

 

Abb. 4 Das im Stil der alten Fassade 2005 neu erstandene Gebäude der Landesversicherung Baden-Württemberg; künftig Deutsche Rentenversicherung Bund.

Der 21. Januar 2005 war in Villingen „großer Bahnhof“: Am künftigen Gebäude des Regionalzentrums der LVA wurde mit neuer „alter“ Fassade Richtfest gefeiert.

Am 7. September 2005 meldete schließlich der SÜDKURIER: Das Gerüst ist gefallen, die Rohbauarbeiten sind abgeschlossen. In freudiger Erwartung blicken die Mitarbeiter der örtlichen Landesversicherungsanstalt Baden-Württemberg auf den Neubau am Kaiserring in Villingen. Das künftige Regionalzentrum soll am 18. Oktober 2005 seinen Dienstbetrieb aufnehmen. Mit der Fertigstellung des Behördenzentrums werden weitreichende Neuerungen für die Rentenversicherungsanstalten ins Haus stehen. Wir lesen: Die LVA wird ihren Namen ändern und zur Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg umbenannt. Zugleich wird die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, BfA, (Red. Anm.: Sitz Berlin) mit dem Dachverband der deutschen Rentenversicherer zusammengeführt und „Deutsche Rentenversicherung Bund“ heißen. Auf diese Weise käme man zu einer einheitlichen Regelung, damit die Rente von Flensburg bis Lörrach nach den gleichen Bedingungen gezahlt wird.

Als Zusammenschluss von 26 deutschen Rentenversicherungsträgern ist diese Regelung am 4. Oktober 2005 in Kraft getreten. Das Regionalzentrum Villingen ist für 172 000 Versicherte in den Landkreisen Schwarzwald-Baar, Tuttlingen und Konstanz ausgelegt.

„Ade“ alte Post – „hereinspaziert“ Deutsche Rentenversicherung Bund.

Quellen:

1 Walter K.F. Haas, Das Postwesen im alten Villingen, in: Villingen im Wandel der Zeit, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrgang XXIV, 2001, S. 103 ff.

2 Adreß-Buch Großhzgl. bad. Kreishauptstadt Villingen, herausgegeben von Polzeiwachtmeister F. J. Riegger, Verlag Otto Frick Villingen, Ausgaben von 1900 und 1902; sowie Presseveröff. Des SÜDKURIER v. 19.10.2004, 22.01. u. 07.09.2005

Abb. 5 Wo sich einst die rückwärtigen Postgebäude Brigachstraße 2 und 3 befanden, steht seit 2005 der mit dem Gebäude am Kaiserring baulich verbundene Neubautrakt der Rentenversicherung.

 

 

 

 

Theoger – Abt des Klosters St. Georgen von 1088 bis 1118 (Willi Meder)

 

Abt Theoger von St. Georgen, Franziskanermuseum Villingen

 

Der wohl bedeutendste und berühmteste Abt des Klosters St. Georgen soll nachfolgend vorgestellt und seine Verdienste aufgezeigt werden.

Als im Jahr 1084 das Kloster St. Georgen gegründet wurde, stellte auf die Bitten der Stifter das Kloster Hirsau unter Leitung seines Abtes Wilhelm einige Mönche zur Verfügung. Auf der abgelegenen Stelle, dem „Scheitel Alemanniens“ wie es im Gründungsbericht heißt, errichteten sie eine hölzerne Kapelle und dann Hütten für sich. Die ersten Vorsteher und Äbte der jungen Gemeinschaft versahen ihr Amt nur kurz. 1088 rief der Abt Wilhelm den unfähigen St. Georgener Abt Heinrich nach Hirsau zurück. Er sandte den Prior Theoger vom Kloster Reichenbach nach St. Georgen, der Cella St. Georgii, damit er dem dortigen Konvent als Abt vorstehen sollte. Doch auf den Schwarzwaldhöhen hatte Theoger keinen guten Anfang.

Bischof Gebhard von Konstanz, welcher die eigenmächtige Abberufung von Abt Heinrich missbilligte, kam zur Abtsweihe in das Brigachkloster und erklärte während des Weihegottesdienstes gegen über Abt Wilhelm von Hirsau: „Ich werde mein Amt gänzlich hochhalten und weder diesen noch irgendeinen von Euren werde ich demnächst weihen, wenn er nicht von den Fesseln eures Gehorsams befreit ist. Abt Wilhelm erwiderte: „Ich werde das machen, was meine Sache ist. Und ich werde nicht nachlassen in der notwendigen Überwachung der Schwäche dem gegenüber, der den Kirchenoberen Gehorsam schuldet, den er von den Untergebenen zu erwarten hat. Der Bischof führte die Messfeier weiter, ohne die Weihehandlung vorzunehmen. Obwohl es Wilhelm schwer fiel, Theoger und die Mönche in St. Georgen aus seinem Kloster und dem Gehorsam gegenüber ihm zu entlassen, gab er schließlich nach. Die Abtsweihe konnte dann am nächsten Tag vorgenommen werden. Die Cella Georgii war nun ein eigenständiges Kloster mit einem unabhängigen Abt.

Unter Abt Theoger entwickelte sich das junge Kloster nach Überwindung vieler, meist wirtschaftlicher Schwierigkeiten zu seiner wohl größten Blüte. Deshalb ist es interessant, sich mit der Person dieses bedeutenden Mannes zu beschäftigen.

Theogers Geburtsjahr und seine Herkunft liegen im Dunkel. Er stammte wahrscheinlich aus einer Ministerialenfamilie und wurde um das Jahr 1050 geboren. Es ist anzunehmen, dass er mit mächtigen Adelsfamilien im Elsaß und in Lothringen verwandt war. Dazu gehörten die Grafen von Metz und die Grafen von Lützel. Im Cyriakusstift zu Worms und bei Manegold von Lautenbach erhielt er seine geistliche Ausbildung. Johannes Trithemus schreibt in den „Annales Hirsaugiensis“, dass Theoger in allen Disziplinen der freien Künste aus gezeichnet und in der Musik überragend gewesen sei.

Zu den freien Künsten (artes liberales) zählte man Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Der römische Philosoph und Staatsmann Boetius fasste die vier letzten als Quadrivium zusammen. Später wurden die drei ersten als Trivium bezeichnet. Die „artes liberales“ waren diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten, die einem freien Mann würdig waren. Sein Leben war auch geprägt durch den Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst. Sein Lehrer Manegold war ein eifriger Anhänger der päpstlichen Partei. Diese Gesinnung übertrug sich auch auf Theoger, welcher bis zu seinem Tode auf Seite der Päpste stand.

Nach der Ausbildung wirkte Theoger als Kanoniker und Lehrer in St. Cyriakus. Nach Kontakten mit dem Kloster Hirsau und seinem Abt Wilhelm trat er in dieses Kloster als Mönch ein. Auf Grund seiner Fähigkeiten wurde ihm zusammen mit seinem Mitbruder Heimo die schwierige Aufgabe übertragen, die im Kloster gefertigten Abschriften des alten und neuen Testamentes zu prüfen und zu korrigieren. In der später im Kloster Prüfening in Bayern entstandenen „Vita Theogeri“ heißt es:

„Weil der ehrwürdige Theoger mit so großem Eifer arbeitete, dass er das, was dunkel und fast unentwirrbar war, in eine klare und deutliche Form brachte, und weil er dadurch den Späteren ein Zeichen seiner Klugheit gab, sind die Verbesserungen bei uns am vorzüglichsten bis heute erhalten“. Soweit zu seinen Tätigkeiten, bevor er Abt im Kloster des hl. Georg wurde.

Es war in der zweiten Hälfte des Jahres 1088 als Theoger geweiht wurde und sein Amt antrat. Sein Anliegen war die Beachtung der Ordensregeln, so wie sie in der Reform von Cluny in Burgund reformiert worden waren. Diese Reform wurde im Süden Deutschlands von Hirsau verbreitet und vorangebracht. Daher war es nicht verwunderlich, dass auch das Georgskloster an der Reform teilnahm und sie weiter verbreitete. Schon bald sprach man von der St. Georgener Reform und heute sogar vom St. Georgener Jahrhundert. In der Beachtung der Gebetszeiten und im Gebet selbst ging Theoger seinen Mönchen als Beispiel voran. Die Ausstrahlung des Abtes und seines Klosters brachte einen großen Andrang zum Schwarzwaldkloster. Das Kloster wurde vergrößert und Theoger ließ eine große steinerne Kirche errichten.

Die häufigen Missernten jener Zeit sowie die starke Zunahme an Mönchen und Laienbrüdern führten bald zu ernsten Nahrungssorgen im Kloster, sodass man öfters den Ort verlassen wollte, weil man manchmal nicht einmal genügend trockenes Brot zu essen hatte. Theoger verstand es, seine Mitbrüder zum Ausharren zu bewegen und ermahnte sie, Gott zu vertrauen. Die schwierigen Zeiten konnten schließlich überwunden werden.

Es wird berichtet: Als 1095 die Aseheimer Bauern bewaffnet zum Kloster kamen um die Mönche zu vertreiben, war es deren Gesang und vor allem die Ansprache Theogers, welche die aufgebrachte Menge zum Einlenken brachte.

Ebenfalls im Jahr 1095 erlangte der Abt von Papst Urban II. ein Privileg, durch welches das Kloster unter den direkten Schutz des hl. Stuhles kam und unabhängig von jeglicher weltlichen Macht wurde. Der Ruf Theogers und des Brigachklosters bewogen viele Klöster, sich von St. Georgen Mönche zur Leitung ihres Klosters zu erbitten. Von Lothringen und dem Elsaß über Bayern bis nach Kärnten waren Konventuale des Georgsklosters leitend tätig. Mit diesen, aus St. Georgen stammenden Äbten und Prioren verbreitete sich auch die „St. Georgener Reform“.

Theoger gründete das Kloster Amtenhausen bei Immendingen, welches 1107 erstmals erwähnt wird. Auch in Lixheim (Luckesheim) im Bistum Metz gründete er auf Bitten des Grafen Volmar von Metz ebenfalls ein Frauenkloster. Beide Frauenklöster waren auch später im Besitz des Georgsklosters und den dortigen Äbten unterstellt. Das in Verfall geratene Frauenkloster St. Markus (St. Marx) bei Rouffach im Elsaß wurde kurz vor seiner Auflösung von Theoger reformiert und zu neuem Leben erweckt. Das Mönchskloster Hugshofen im Bistum Straßburg erhielt von Theoger einen Abt aus St. Georgen. Dieser brachte es zur neuen Blüte.

Das alte Kloster Ottobeuren wurde durch Abt Rupert, ein Schüler Theogers, reformiert und zu neuem nachhaltigem Glanz gebracht. Nach St. Georgener Vorbild gründete Rupert auch ein Frauenkloster. In dieses Kloster traten sowohl arme und niedrige, wie auch reiche und vornehme Frauen ein. Das segensreiche Abbiat Ruperts währte sehr lange, bis er 1145 im Alter von 100 Jahren starb.

Großen Anteil hatte Theoger auch an der Reform des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg. Egino, ein ehemaliger Mönch dieses Klosters war wegen der traurigen Zustände dort in das Brigachkloster gegangen, um in der Nähe Theogers zu leben. Später baten ihn der Bischof und die Einwohner Augsburgs dringend um seine Rückkehr. Auf Theogers Rat ging er in Begleitung einiger Mönche ins Kloster St. Ulrich und Afra zurück und stellte dort die alte Ordnung wieder her. Allerdings währte die Reform nicht allzu lange, da Egino 1118 sein Kloster wieder verließ und zwei Jahre später in Italien starb.

Das vom Erzbischof Gebhard von Salzburg gegründete Kloster Admont in der Steiermark hatte an den Auswirkungen des Investiturstreites schwer zu leiden. Es war vier Jahre ohne Abt und in dieser Zeit hatte sich die Klosterzucht gelockert, sodass eine baldige Reform dringend nötig war. Im Jahre 1115 ließ der damalige Salzburger Erzbischof Conrad Abt Theoger bitten, den St. Georgener Mönch Wolfhold als Abt nach Admont zu senden. Wolfhold war Kanonikus zu Freising und dann Abt in Ussenhoven gewesen. Dort musste er vor der Verfolgung seines Stiftsvogtes fliehen und ging als Mönch nach St. Georgen. Theoger entsprach Bischof Conrads Bitte und sandte Wolfhold nach Admont. Unter Wolfholds Leitung wurde Admont bald ein Musterkloster mit großer Ausstrahlung. Der Admonter Abt konnte verlorene Klostergüter wieder zurückgewinnen. Die Klosterreform trug er in viele Klöster weiter. Nach St. Georgener Muster gründete er auch ein Nonnenkloster. Nach seinem Tod 1137 oder 1138 stellte das Kloster St. Georgen einen geeigneten Mann als Abt in Admont.

Die Reformierung des Klosters Gengenbach im Kinzigtal konnte Theoger nur beginnen, da er durch seine Wahl zum Metzer Bischof St. Georgen verlassen musste. Sein Nachfolger in St. Georgen war Abt Werner, der diese Aufgabe in Gengenbach vollendete.

Auf die Wahl Theogers als Bischof von Metz muss noch näher eingegangen werden. Das Bistum Metz war schon lange Zeit in die kirchlichen Streitigkeiten des Investiturstreites verwickelt. Sowohl die päpstliche wie auch die kaiserliche Partei wählten Bischöfe. So hatte das Bistum dann gleichzeitig zwei Bischöfe, welche sich ihr Amt streitig machten.

1117 sandte Papst Paschalis II. den Kardinalbischof Kuno von Präneste nach Deutschland, um auch die Verhältnisse in Metz zu bereinigen und dort einen Bischof der päpstlichen Seite einzusetzen.

Unter Leitung des Kardinalbischofs wurde Theoger zum Bischof von Metz gewählt. Da man befürchtete, dass er die Wahl nicht annehmen würde, wurde er unter einem Vorwand von St. Marx, wo er sich zur Visitation aufhielt, zum päpstlichen Legaten gerufen. Unterwegs erfuhr Theoger von seiner Wahl und kehrte um und begab sich dann nach St. Georgen. Der Wahlversammlung ließ er ausrichten, dass er auf Grund seiner Herkunft und Vorfahren unwürdig für das Bischofsamt sei. Seine Argumente und der Hinweis auf sein Alter nützten nichts. Als er weiter zögerte sich zum bezeichneten Ort zu begeben, wurde er unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert, baldigst zu erscheinen. Theoger sah, dass sein Widerstand nichts nützte und folgte dem Ruf. Im Kloster Corvey wurde er im Beisein der Erzbischöfe von Salzburg und von Magdeburg zum Bischof geweiht.

Theoger reiste nun nach Metz, um sein Amt anzutreten. Die Anhänger des Kaiser drohten ihn umzubringen, verhinderten seinen Einzug in die Stadt. Mit Papst Calixt II. reiste er noch eine Zeit umher, bis sie ins Kloster Cluny kamen. Als der Papst weiterreiste, blieb Theoger dort. Als einfacher Mönch lebte er ungefähr vier Monate in Cluny als er erkrankte und starb. Theoger wurde im Petruskloster in Cluny begraben. Heute erinnert eine Gedenktafel in den Ruinen des ehemals großen und mächtigen Klosters an den hervorragenden Abt des Klosters St. Georgen und den unglücklichen Bischof von Metz.

 

Der Grabstein von Abt Theoger in Cluny

 

Abschließend soll nochmals auf das musikalische Werk Theogers eingegangen werden. In der „Musica Theogeri“ stellt Theoger stellt zunächst mit Hilfe des Monochords Lage und Tonhöhe der einzelnen Töne fest. Daraufhin werden die aufgefundenen Töne in Viertonreihen (Tetrachorde) eingeteilt und die verschiedenen Gattungen der Konsonanzen – Quarte, Quinte und Oktave – dargestellt. Den weitaus größten Teil der Darstellung Theogers nimmt die darauf folgende Aufstellung der Tonarten ein. Im Gegensatz zu den acht Kirchen-Tonarten, die Theoger beschreibt, kennen wir heute nur zwei Tonarten, nämlich Dur und Moll. Bedenken wir diesen Unterschied, so wird uns die Verarmung unserer Tonvorstellungen klar. Ein eingehenderes Studium der alten Kirchentonarten eröffnet uns somit eine gänzlich neue Tonwelt. Unsere Ohren sind für die geheimnisvolle Klang welt des gregorianischen Gesanges nicht mehr eingestellt und geübt. Wir stehen alle unter dem Gesetz der mathematisch in zwölf gleiche Halbtonstufen aufgeteilten Oktave, sodass wir kaum mehr fähig sind, die Musik des frühen Mittelalters recht zu hören. Dem aufmerksamen Leser geht bei der Lektüre der „Musica Theogeri“ der Reichtum auf, der darin verborgen ist, bemerkt der bekannte Musiker Fritz Peter Bung im Buch des Kirchenmusikdirektors Gerhard Zeggert über Theoger.

Das Monochord ist das Musikinstrument, das natürlicherweise und hinreichend von alters her aus acht Saiten bestand, die nach dem Brauch der Modernen mit den ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnet werden. Innerhalb dieser Saiten bestehen sieben verschiedene Töne. Nach und nach, im zunehmenden Wissen um die Kunst der Musik, als die Sachverständigen wussten, dass es zur Kenntnis dieser Kunst sehr förderlich wäre, wenn die Zahl der Saiten vermehrt würde, fügten sie acht Saiten hinzu; jedoch nahmen sie keine anderen, weil die Natur dies verhinderte, sondern sie wiederholten dieselben noch einmal, — und nur so, wie sich die knabenhafte Stimme zur männlichen verhält, unterschieden sie die Saiten nach Tiefe und Höhe. Deswegen bezeichneten sie die Saiten mit denselben Buchstaben, sodass die tiefen Saiten mit den großen, die neuen, hohen Saiten aber mit den kleinen Buchstaben bezeichnet werden.

Über den ersten Ton.

Der erste Ton, oder die erste Tonart oder Weise, verläuft im regulären Gang zwischen D und d, nämlich in seinen Gattungen, und in Freiheit nimmt er je eine weitere Saite nach oben und unten über d bzw. D hinaus in Anspruch. Eine Darstellung seiner Form findet sich unten. Sein „seculorum amen“ beginnt mit a. Der Gesang kann aber auch von C ausgehen, wie in der Antiphon „Arguebat…“, öfters aber beginnt er mit D, das der Schlußton der ersten Tonart ist, z. B. bei der Antiphon „Ecce nomen Domini“ (auch bei „Euge serve bone“, „Columna est“ und „Domine Dominus noster“). Selten aber fängt er mit E an, wie bei den Responsorien „Veniens a Libano“ und „Ego te tuli“. Auch bei F kann er beginnen, z. B.“Biduo vivens“, „Ave Maria“, „Apertis Thesauris“, „Domine si hic“, bei G, wie in der Antiphon „Secundum magnam“ und im Responsorium „Vidi Ierusalem“. Auch bei a, in der Antiphon „Beati mundo“. Es gibt auch Gesänge, wo die erste Tonart mit dem tiefen A beginnt, z. B. die Antiphon „Domine non est alius“ („Saulus adhuc“). Das geschieht aber sehr selten, sonst wäre die Tonart ja unterschiedslos, indem sie die obere Quarte und die untere dazu hätte.

Quellen zu vorstehendem Aufsatz:

Brennecke, P., Leben und Wirken des heiligen Theoger. Diss. Halle 1873

Büttner, H., St. Georgen und die Zähringer, in 900 Jahre St. Georgen 1984

Buhlmann, M., St. Georgen und Südwestdeutschland bis zum Mittelalter, Vertex Alemanniae H. 2 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2002

Buhlmann, M., Gründung und Anfänge des Klosters St. Georgen im Schwarzwald, Vertex Alemanniae H. 3 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2002

Buhlmann, M., Abt Theoger von St. Georgen, Vertex Alemanniae H. 7 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2004

Gerbert, M., Geschichte des Schwarzwaldes, 1783, Übersetzung: Weh, A., Freiburg 1993

Gramlich, WD., St. Georgener Heimatbuch, 1984

Kalchschmidt, K.T., Geschichte des Klosters, der Stadt und des Kirchspiels St. Georgen auf dem badischen Schwarzwald, 1895, Nachdruck Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 1988

Martini, E.C., Geschichte des Klosters und der Pfarrei St. Georgen auf dem Schwarzwald 1859, Nachdruck Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 1988

Zeggert, G., Theoger, Abt des Klosters St. Georgen/Schwarzwald 1088–1118, Buchdruck H. J. Huß 1954

Innenhof von Kloster Cluny

 

 

 

Kleinbürgerliche Idylle, die die Zeiten übersteht (Redaktion)

Südstadt-Buch von Sabine Streck / Erschienen in der Schriftenreihe der Stadt

Wie Perlen auf einer Kette aufgereiht stehen die Gagfah-Häuser in der Vom-Stein-Straße.

In der Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen hat Schwarzwälder-Bote-Redakteurin Sabine Streck das Buch „Hennenfang, heile Welt und andere Heimatgefühle“ herausgebracht. In dem 84 Seiten starken Werk wird die Entstehungsgeschichte der Villinger Südstadt und ihre Entwicklung bis heute nachgezeichnet.

Die Südstadt ist das erste Neubaugebiet, das in den 30er Jahren in Villingen entstanden ist. Die Erschließung und erste partielle Bebauung erfolgten bereits 1908 durch die Baugenossenschaft. Die Stadt wuchs über ihre Mauern hinaus, das Verlangen nach dem eigenen Häuschen musste gestillt werden. Die Südstadt hat aber auch jenen die eigenen vier Wände verschafft, die nicht begütert waren. Die Siedlungshäuschen in der Weiherstraße und am Walkebuck sind noch heute beredte Zeugen dieser Zeit. Viele von ihnen sind längst erweitert oder gar abgerissen worden, um einem schmucken Eigenheim nach heutigem Standard Platz zu machen.

Auf 84 Seiten zeichnet die Journalistin Sabine Streck die Geschichte der Villinger Südstadt nach.

 

 

Weitaus weniger sensationell als ein Auto war in den 30er und 40er Jahren dieses Gefährt, in dem sich das kleine Mädchen in der Vom-Stein-Straße spazieren fahren ließ.

 

Heute leben in der Villinger Südstadt rund 7300 Menschen. Die Attraktivität des stadtnahen Wohngebiets mit viel Grün und noch ausreichend autoarmem Freiraum für Kinder ist größer denn je, vor allem für junge Familien. In den Anfangsjahren empfanden die Menschen das ganz anders, da schien schon die Laiblestraße unendlich weit von der Stadt entfernt.

In dem Buch wurde der Wandel des einstigen Neubaugebiets zum „alten Wohnviertel“ bis zum begehrten Lebensraum für Jung und Alt nachgezeichnet. Eigene Erinnerungen manch alten Südstädters werden ebenso dokumentiert wie Geschichtliches aus Dokumenten, die zum großen Teil im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen lagern. Schulen, Fabriken, Geschäfte und Gaststätten gehörten und gehören zur Südstadt wie das einfache Leben der Menschen in ihren mühsam ersparten Häusern, die gute Nachbarschaft, wo noch jeder jeden kennt und jedem hilft, wenn es nötig ist. Die Villinger Südstadt – kleinbürgerliches und idyllisches Leben gleichermaßen.

Vor allem die Kindheit in der Südstadt war etwas ganz Besonderes. Das ist immer noch so, auch wenn längst ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Viele von denen, die in den 30ern ihr Eigenheim gebaut haben, sind nicht mehr am Leben, haben Kinder oder Enkelkinder das Häuschen übernommen. Wer von den Erbauern hatte schon ein Badezimmer. Da wusch man sich im Zuber, der in der Waschküche im Keller stand. Fast jeder nutzte seinen Garten wirtschaftlich zum Überleben. Nicht Blumen, sondern Obst und Gemüse bestimmten das Bild. In der Weiherstraße und am Walkebuck waren Tierhaltung Pflicht. Aber auch weiter vorne in der Südstadt gab es Hühnerställe und Hennenfänge in den Gärten oder im Keller.

Die rechtliche Grundlage, nach der ein Großteil der Häuser hier entstand, sind Gesetze, die den Wohnungsbau regeln. Nach dem Ersten Weltkrieg griff der Staat erstmals in die Wohnungsversorgung der Bevölkerung durch das Preußische Wohnungsgesetz von 1918, das Reichssiedlungsgesetz von 1919 und das Reichsheimstättengesetz von 1920 ein. Mit diesen Regelungen wollte der Staat für die zurückkehrenden Soldaten und auch für die Kriegswitwen Eigenheime (Heimstätten) schaffen und damit die Kriegsfolgen mildern.

In der Nazizeit kam es oft genug auf das Parteibuch der Bauwilligen an, weniger auf soziale und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Fabriken wie Kaiser Uhren und die Seidenweberei brachten auch Wohlstand in das neue Wohnviertel. Ende der 80er Jahre verhinderte eine Bürgerinitiative die Ansiedlung des Mikro-Instituts im Warenbachtal.

Idylle in der Südstadt: Buntes Leben im Hennenfang.

 

 

Aus der Arbeit des Stadtarchivs (Teil 3) Ute Schulze

Wie schon in den beiden letzten Ausgaben des Jahreshefts des Geschichts- und Heimatvereins Villingen möchte ich auch diesmal wieder einige Aspekte aus unserem Stadtarchiv vorstellen.

Wir bemühen uns ständig, die Nutzungsituation zu verbessern, indem wir neue oder auch schon länger im Archiv befindliche Bestände durch eine inhaltliche Erschließung für die Forschung zugänglich machen.

Zur Zeit wird unter anderem der Nachlass von Theo Arnold (1914–1997) verzeichnet. Er war lange Jahre Leiter des Hauptamts der Stadt Villingen bzw. Villingen-Schwenningen. Er hat sich sehr um die Städtepartnerschaften, v.a. die mit Pontarlier, bemüht. So findet sich in seinem Nachlass eine große Anzahl von Fotos und Unterlagen zu diesem Thema. Archivmitarbeiter Dieter Baumann ordnet die Unterlagen und erfasst sie mit unserem Verzeichnungsprogramm AUGIAS-Archiv.

Die Nachfrage der städtischen Ämter nach Unterlagen, welche sie bereits (teilweise vor langer Zeit) an das Archiv abgegeben haben, ist ungebrochen. Yvonne Köhler, die gerade im Juli mit Erfolg ihre Ausbildung zur Fachangestellten Medien- und Informationsdienste Fachrichtung Archiv abgeschlossen hat, bearbeitet zur Zeit eine Aktenablieferung des ehemaligen Rechtsamts (heute Stabsstelle Juristischer Dienst).

Dieter Baumann

 

 

Yvonne Köhler

 

Für diese juristisch relevanten Akten lag bisher kein Findmittel vor. Auch Bestände, für die es Aktenpläne oder Ablieferungslisten gibt, bedürfen häufig der tieferen Erschließung. Besonders die Unterlagen, die nicht mehr unter Sperrfristen fallen und somit für alle Bürgerinnen und Bürger einsehbar sind, müssen so geordnet und verzeichnet sein, dass sie die an sie gestellten Fragen beantworten können. Daher ist die Verfasserin gerade mit der Aufarbeitung der Überlieferung der Hauptregistratur der Stadt Schwenningen     beschäftigt.

 

In der Rietstraße 37, im sogenannten Osiander-Haus, ist das Stadtarchiv untergebracht. Hinter den alten Mauern des historischen Gebäudes schlummern wertvolle Dokumente der Stadtgeschichte, die von kompetenten Fachkräften sorgsam gehütet, bewahrt und gepflegt werden.

 

Hierbei müssen auch Unterlagen anderen Registraturbildnern – die Archivare sprechen hier von Provenienzen – zugeordnet werden. Zum Beispiel haben sich auch einige Akten aus Mühlhausen in den Bestand „verirrt“ und werden nun dem Ortsarchiv wieder zugeführt. Gleichzeitig werden die Akten nach archivischen Kriterien umgelagert. Dies bedeutet das Entfernen von Büro- und Heftklammern und die Verpackung in säurefreies Papier und Archivboxen, die vor Staub schützen. Damit soll einer weiteren Schädigung des Papiers vorgebeugt werden. Durch große Umlagerungsaktionen in den letzten beiden Jahren mit Hilfe von Teilzeitkräften (im Rahmen des Bundessozialhilfegesetzes) konnten wir die Magazinsituation stark verbessern.

Neben unserer Sorge um den Erhalt von Informationen aus rechtlichen und historischen Gründen bemühen wir uns auch um neue Benutzer. Schon seit längerer Zeit haben wir immer wieder Studiengruppen und Schulklassen zu Gast. Erstmals besuchten uns in diesem Jahr auch unsere jüngsten Mitbürger. Eine Kindergarten- und eine Hortgruppe der Johanna-Schwer-Tagesstätte informierten sich über die Geschichte ihrer Einrichtung. Besonders die Technik unseres Mikrofilmlesegerätes hat die kleinen Gäste beeindruckt: dass eine so große Zeitung auf so einen kleinen Film passt. Auch die wissenschaftliche Forschung ist im Stadtarchiv zu Hause. Im Moment beschäftigt sich ein Doktorand mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszeit, die Geschichte des Elektrizitätswesens wird untersucht, der Niedergang der Uhrenindustrie wird in den Blick genommen, eine Quellenübersicht zur Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist in Arbeit und die Edition früher Urkunden von Frauen in Villingen wird 2005 erscheinen.

Die wissenschaftliche Spezialbibliothek von Stadtarchiv und Museen umfasst über 20.000 Bände aus den Sachgebieten Geschichte, Kunstgeschichte, Volkskunde, Museumskunde und Germanistik. Die Zugänge der Bibliothek im Zeitraum 1994–2004 liegen nun digital vor und können im Stadtarchiv recherchiert werden.

 

Intermezzo – mehr als ein Zwischenspiel (Anita Auer)

Das Alte Rathaus wieder zu beleben, neue Nutzungsmöglichkeiten auszuprobieren, ist Ziel des Projektes „Intermezzo“. „Intermezzo“ ist eine Kooperation des Gymnasiums am Romäusring mit dem Franziskanermuseum, die finanziell getragen wird vom Europäischen Sozialfonds, der Robert- Bosch-Stiftung und dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Vor Ort wird das Projekt durch den Förderverein Kulturzentrum Franziskaner unterstützt. Bei einem landesweiten Wettbewerb unter dem Titel „LernStadtMuseum“ wurde dieses Tandem mit 9 weiteren ausgezeichnet. Das Projekt läuft über drei Jahre, 2005–2007, und wurde mit

25.000,– € dotiert. Es soll ehrenamtliches Engagement von Schülern (und Erwachsenen) im Museum fördern und die Schüler mit Berufsbildern im Umfeld des Museums vertraut machen. Drei Schülerinnen wurden im Zusammenhang mit diesem Projekt zu Schülermentorinnen ausgebildet:

Stefanie Albrecht, Diana Matt und Anna Rothgängel. Darüber hinaus nehmen folgende Schülerinnen und Schüler am Projekt teil: Kathrin Beck, Marion Buddeberg, Julia Brugger, Claudia Falcone, Freia Jäger, Sarah Hirt, Annalena Klein, Sabina Krämer, Katharina Link, Patricia Löchelt, Isabel Merkel, Hannah Mitsch, Nadine Neu und Kristina Ulm (Klassen 9–12). Um die Koordination des Projektes kümmern sich die Kunsterzieherin Ursula Richter und Dr. Anita Auer vonseiten des Museums. Das Alte Rathaus wurde seit 1876 als Aufbewahrungsort der Städtischen Altertümersammlung genutzt, ist also das erste Museum in Villingen. Es war schon immer ein Ort der Geschichte und Geschichten: wichtige historische Ereignisse sollen hier stattgefunden haben und das Rad der Radwette von 1562 kam zur Erinnerung ebenfalls ins Rathaus.

Tanzen im Ratssaal am 1. 5. 2005: Die Schüler und Schülerinnen des Projektes „Intermezzo“ und die Tänzer und Tänzerinnen von „piedi neg(r)i“.

 

Für viele Generationen von Schülern blieb ein Besuch in diesem Museumunvergesslich. Denn eine 1731 eingebaute Arrestzelle war mit den Folterwerkzeugen der Altertümersammlung museal ausgestattet worden. Zu Demonstrationszwecken wurde schon mal ein Schüler auf der Streckbank festgebunden … Ab 1995, mit Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Franziskanermuseum, wurden die Öffnungszeiten des Museums zunächst stark reduziert, denn es fehlte an Personal. Für die anstehende Sanierung (Haustechnik: Heizung, Elektrik, Brandschutz) und Wiedereinrichtung als Museum wurde es wenige Jahre später ganz geschlossen. Zur Sanierung aber fehlte das Geld, das Alte Rathaus fiel in eine Art Dornröschenschlaf.

Ausgangspunkt des Projektes „Intermezzo“ war, dass viele Ideen am Geld scheitern, – Geld, das man benötigt, um bestimmte Vorschläge erst einmal auszuprobieren, ihre Machbarkeit zu überprüfen und eine genauere Kenntnis von Kosten und Nutzen zu erhalten. Durch die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb „LernStadtMuseum“ war dies plötzlich möglich. Wenn das Alte Rathaus nicht wieder Museum werden konnte oder sollte, so musste man andere Nutzungen dafür finden. Das Projekt „Intermezzo“ wurde in drei Phasen geplant, die jeweils eine frühere Funktion des Alten Rathauses zum Thema haben, ein Berufsfeld des Museums näher beleuchten und eine Nutzungsidee zum Ziel haben. Die erste Phase behandelte das Rathaus als Festort.

Ehepaar Bernauer bei der ersten standesamtlichen Trauung im Ratssaal des Alten Rathauses.

 

Schon in früheren Zeiten war der Ratssaal nicht nur den Sitzungen des Rates vorbehalten, sondern diente als Versammlungsraum und zum Empfang für Delegationen. Dass bei solchen Gelegenheiten getanzt wurde, verstand sich von selbst, war eine Sache der Höflichkeit. Dies lernten die Schülerinnen und Schüler in der Vorbereitung zum 1. Tag der offenen Tür am 1. Mai 2005. Auf dem Programm stand die Vorführung verschiedener Tänze aus der Zeit um 1600, der Zeit der Entstehung und ersten Nutzung des Ratssaales (datiert 1537). Uwe Schlottermüller aus Freiburg übte die Tänze und eine szenische Darstellung aus Moderata Fontes um 1600 erschienenen Werk

„Warum Frauen würdiger und vollkommener sind als Männer“ mit den Schülern ein. Ein Bläser-Trio um Philipp Eschbach gestaltete den musikalischen Rahmen. Die Freiburger Tanzgruppe „piedi ne(g)ri“ unterstütze den Auftritt. Ergebnis nach den Aufführungen: 206 Besucher und 260,– € Spenden. Die Schülerinnen und Schüler hatten eine Lektion Kulturgeschichte (Tanz, gesellschaftliches Verhalten, Kostüm- und Frisurenkunde) und Event-Management gelernt. Das Tanzen war aber auch als möglicher Rahmen für „Hochzeiten im besonderen Ambiente“ vorgesehen. In Dieter Scheu, dem Leiter des Standesamtes, wurde ein kongenialer Partner gefunden. Er war bereit, den Ratssaal als neues Trauzimmer zu beantragen, in dem größere Gesellschaften (bis 70 Personen) Platz finden. Inzwischen fand auch die erste Trauung (allerdings ohne Tanz) mit Blick auf die Münstertürme statt.

Die Projektteilnehmer und Teilnehmerinnen vor der Staatsoper in Stuttgart.

 

Als Belohnung für die Mühen leistete sich die Projektgruppe einen Opernbesuch mit Blick hinter die Kulissen in der Staatsoper Stuttgart. Die Schüler suchten sich passenderweise eine Oper aus der Zeit um 1600 aus, Monteverdis „L‘ Orfeo“. Am Nachmittag vor der Vorstellung konnten die Königsloge, der Aufbau der Bühne, die Künstlergarderoben und sämtliche Werkstätten des Theaters besichtigt werden. Einzelne Mitarbeiter standen Rede und Antwort.

Die zweite Phase des Projektes wurde gerade erfolgreich abgeschlossen. Am Tag der offenen Tür im Alten Rathaus, am 1. Oktober 2005, kamen 250 Besucher und spendeten 144,72 € für die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal. Ein umfangreiches Programm stellte das Alte Rathaus als früheren Ort der Verwaltung in den Mittelpunkt. Für Kinder und Erwachsene wurde gemeinsam mit der Schreibwerkstatt der VHS in Person von Helga Hocker ein Kalligraphiekurs angeboten, denn das handschriftliche Verfertigen von Urkunden und Schriftstücken war in früheren Zeiten eine wichtige Verwaltungsaufgabe. Vier Schülerinnen führten abwechselnd die Besucher durch das Haus und erläuterten dessen Bau- und Nutzungsgeschichte. Szenische Darstellung in der Arrestzelle von 1731 illustrierten mittelalterliche Rechtssprechung auf drastische Weise. Ein Film führte in das Thema ein, und eine Dia-Schau informierte über die bisherigen Aktivitäten des Projekts „Intermezzo“. In dieser Phase lernten die Schüler museumspädagogisches Arbeiten kennen und das Präsentieren in der Öffentlichkeit.

Neben Exkursionen werden den Schülern verschiedene Workshops angeboten. In Zusammenarbeit mit dem Kreismedienzentrum wurden Geräte wie Filmkamera, Digitalkamera, Beamer und Laptop angeschafft. Martin Toth, der Leiter des Kreismedienzentrum, wies die Schüler in die richtige Benutzung der Geräte ein. Zunächst stand das Fotografieren im Vordergrund, da alle Aktivitäten für die Projektträger dokumentiert werden müssen und auch für die Öffentlichkeitsarbeit gute Fotos gebraucht werden. In einem weiteren Schritt sollen audiovisuelle Medien, welche die Bau- und Nutzungsgeschichte des Rathauses interessierten Besuchern erklären, erstellt werden. Möglicherweise wird dies die 3. Phase und der krönende Abschluss des Projektes. Die audiovisuellen Medien bieten einen bleibenden Nutzen.

Die Projektteilnehmer arbeiten über das Beschriebene hinaus auch in anderen Zusammenhängen ehrenamtlich für das Museum. Bereits 2004 halfen einzelne Schüler beim Kinderprogramm des Museumsfestes mit oder in den Sommerferien 2005 zwei Wochen lang bei der Durchführung der Kinderoper „Abenteuer im Mittelalter“ im Theater am Ring. Das ehrenamtliche Engagement der Schüler fördert das ehrenamtliche Engagement Anderer. So sind teilweise auch die Eltern der Schüler für das Projekt aktiv. Verschiedene Musiker erklärten sich bereit, ohne Honorar bei den Events zu spielen, so Philipp Eschbach, Stefan König, Cresentita Reiser, Ilse Pfeiffer.

So ist in der Tat das Alte Rathaus wieder mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt und im wahrsten Sinne wachgeküsst worden. Ein Ereignis zieht das nächste nach sich: die Besucher der Tage der Offenen Tür freuen sich auf das nächste Event. Konkret geplant sind verschiedene Lesungen und Ausstellungen von Schulkunst. Es finden wieder mehr Veranstaltungen statt, die aber so gewählt sind, dass sie mit den denkmalpflegerischen Rücksichten und konservatorischen Bemühungen übereinstimmen. Die Arbeit des Projektes wird von den Besuchern wohlwollend zur Kenntnis genommen und löst Zustimmung aus. Sie anerkennen das Engagement der Schülerinnen und Schüler, die über Klassengrenzen hinweg zu einer aktiven und motivierten Gruppe zusammengewachsen sind, – Jugendliche, die in ihrer knappen Freizeit bereit sind, etwas für die Kultur zu tun. Wichtigstes Etappenziel ist dabei die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal. Unter dem grünen Teppichboden befindet sich wohl, bedeckt von einem Parkett aus den 30er Jahren, der Originalboden. Diesen – passend zum Gesamtraumeindruck – wiederherzustellen, ist Ziel der Spendensammelaktion der Schüler.

Die Stadtmusik wurde entwaffnet

Auch die Villinger Stadtmusik hat böse Erinnerungen an das Kriegsende in ihrer Heimatstadt vor 60 Jahren. Die meisten der aktiven Musiker waren zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause, waren noch Soldat an der zusammenbrechenden Front oder in Kriegsgefangenschaft. Schriftführerin Lore Schneider hat vor zehn Jahren im Vereinsblättle „Der Stadtmusiker“ an ein einschneidendes Ereignis dieser Zeit erinnert. Da wurde die Bevölkerung aufgerufen, unter anderem Waffen aller Art auf dem Rathaus abzuliefern, dazu gehörten auch die Säbel der Bürgerwehr.

Im Stadtmusiker von 1995 heißt es unter anderem:

 

Vor 50 Jahren

Auch bei der Stadtmusik erinnert man sich

an diese Zeit

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Säbel zur Bürgerwehruniform wurden bei dieser Aktion im April 1945 von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und sind natürlich nie mehr aufgetaucht.

Erst l970 konnten neue Säbel angeschafft werden, so dass nach langer Zeit zur Fasnet 1971 die Bürgerwehruniform wieder komplett war.

Zu dieser Uniform selbst: Sie wurde seinerzeit von der Narrozunft angeschafft und zu Fasnet 1925 erstmals von der Stadtmusik eingeweiht; damals noch ohne Bandouliére und Säbel, wie alte Fotos zeigten. Die Uniform wurde erst später ergänzt und war vermutlich zur Fasnet 1930 komplett.

Verwaltet wurde sie jedoch bis einige Jahre nach dem Krieg von der Narrozunft. Die Uniformen mußten zu jedem Anlaß bei der Narrozunft-Kammer nach Gebrauch in einwandfreiem Zustand dort wieder abgegeben werden. Jede Uniform hatte eine Nummer und war registriert.

 

Geschichte der Stadtmusik –in den Protokollbüchern geblättert (Lore Schneider, Hermann Colli, Gerhard Hirt)

Vorgänge eines Traditionsvereins über ein Jahrhundert hinweg notiert

Die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen kann stolz auf ihre fast 200-jährige Vergangenheit sein. Aber auch darauf, dass sie ihre Geschichte fast lükkenlos nachweisen kann. Dafür haben fleißige Schriftführer und Chronisten gesorgt, die alle wichtigen Vorgänge des Vereins akribisch aufgeschrieben und der Nachwelt hinterlassen haben. Zu verdanken ist dieser „Nachrichten-Schatz“ aber auch Lore Schneider, die aus einem Berg von handschriftlichen Protokollen eine übersichtliche Chronik gefertigt hat, die auf mehr als 750 DIN- A4-Seiten das Leben des Traditionsvereins dokumentiert. Der Geschichts- und Heimatverein hat in seinem Jahrbuch 2005 bereits diesem interessanten Thema breiten Raum eingeräumt. Hier soll ein weiteres Kapitel der Stadtmusik-Chronik vorgestellt werden. Dazu machen wir einen Sprung ins 20.Jahrhundert.

1903 Neugründung der Stadtmusik

Originaltext aus dem ersten Protokollbuch:

Am 1. Mai wurde die Stadtmusik wieder neu gegründet und solche unter eine Commission, drei Gemeinderäte, auf ausdrückliches Verlangen des Directors gestellt. Es sind dies die Herren Benjamin Grüninger, Landtagsabgeordneter, Zanger und Frdl. Distel, Gemeinderäte. Der Director verpflichtet sich nur für den musikalischen Teil, und ist die ganze Verwaltungssache in die Hände der Commission gegeben, die einen Musiker zur Überwachung der Instrumente, Reparaturen und dergl. ernennt, Herrn Sebastian Kern. Alles andere sagen die neu erfassten Statuten.

Die Direction der Stadtmusik ist wieder dem Unterzeichneten übertragen und es sind ab dem 1. Mai 22 Musiker verpflichtet worden. H. Häberle Director

Über die vielfältigen Aktivitäten im Jahre des Neubeginns berichtet weiterhin die Chronik: Aufführungen der hiesigen Stadtmusik: Am 11. Juni 1903 hat die Stadtmusik bei der Fronleichnamsprozession das erste Mal die Marschmusik ausgeführt. Die Leistungen waren allgemein befriedigend. Mittags spielten wir ein Concert in der Waldmühle, welches volle Anerkennung fand. Am 14. Juni spielten wir zur größten Zufriedenheit dem hiesigen Kriegerverein ein Concert in der Bärenbrauerei, abends 8 Uhr, und dazu hat der Herr Vorstand seine Zufriedenheit und seinen Dank öffentlich ausgesprochen.

Am 29. Juni spielten wir ein Concert auf dem Hohenstein. Wegen Heuernte und Ausflug des Schwarzwaldvereins war der Besuch schlecht. Vom 1. bis 4. August führten wir beim hiesigen Turner- Jubiläumsfest und Gauturnfest die Festmusik aus. Bankett in der „Lilie“. Der Herr Turnwart Bapt.

Dieses Foto (geschätzt etwa 1926/28) zeigt die Stadtmusik mit der von der Historischen Narrenzunft angeschafften Uniform. Sie wurde zur Fasnet 1925 erstmals von der Stadtmusik „eingeweiht“, damals ohne Bandouliére und Säbel, wie alte Fotos zeigen. Die Uniform wurde erst später ergänzt und war vermutlich zur Fasnet 1930 komplett.

 

Verwaltet wurde die Uniform bis einige Jahre nach dem Krieg von der Narrozunft. Die Uniformen mussten zu jedem Anlass bei der Narrozunft-Kammer abgeholt und nach Gebrauch in einwandfreiem Zustand dort wieder abgegeben werden. Jede Uniform hatte eine Nummer und war registriert.

Riesterer hat seinen Dank ausgesprochen und als Anerkennung unserer guten Leistungen ein Faß Bier bezahlt.

Am 8. August spielte die Kapelle bei einer italienischen Nacht des hiesigen Sängerbundes in der Waldmühle zur allgemeinen Zufriedenheit.

So ist auf den folgenden Seiten weiterhin akribisch aufgezeichnet, was die Stadtmusik kurz nach der Jahrhundertwende an Aktivitäten geboten hat: Konzerte, Feste, Gedenktage, Prozessionen, Versammlungen und Jubiläen und vieles mehr. Greifen wir einige interessante Eintragungen heraus:

Sitzung des engeren Musikausschußes am 16. August: Musiker Keller hat seine Effecten an den Director abgegeben und seinen Austritt wegen Abreise erklärt. Derselbe wurde mit 15 Mark, die er per Abschlag empfangen, abgefunden und hat keinen weiteren Anspruch. Geldverteilung betreffend: Der Rechner hat genaue Liste zu führen, welche Musiker bei den einzelnen Correnten (Tanzveranstaltungen) mitgewirkt haben. Die Geldverteilung geschieht gleichmäßig, jedoch ist der Musikdirektor berechtigt, als Strafe für irgendwelche Vergehen Abzüge zu machen. Diese Strafgelder fallen in eine Privatkasse, deren spätere Verwendung die Ausschußmitglieder unter Vorsitz des Directors bestimmen werden Die Notenpulte sind von Requisitenverwalter Kern mit Nummern zu versehen und jedem Musiker zu geben, welch letzterer dafür verantwortlich ist. Proben beginnen vom 1. September 1903 ab regelmäßig am Dienstag, Donnerstag und Freitag punkt 8 Uhr, und es wird zu spätes oder gar kein Erscheinen nachträglich gestraft, ausgenommen, wenn begründete Abhaltung vorhanden.

Wenn der Großherzog Geburtstag hatte

Geburtstag S.D.H. des Großherzogs am 9. September:

Die Musik hat morgens Tagwache zu spielen und wurde mit dem Lied als Marsch (langsames Tempo) „Freut Euch des Lebens“ eingeleitet. Zum Schluß einen Geschwindmarsch. Nachmittag 1 Uhr wurden an der Post zwei Märsche gespielt und die Concertmusik. Sämtliche Piècen (Konzertstücke) wurden gut durchgeführt und fanden allgemeinen Beifall. Nach dem Concert wurde der Musikkapelle ein Faß Bier und Wurst und Brot von Seiten der Gemeindevertreter, hier, dediciert (-geschenkt-).‘ Welche Bedeutung selbst einem Musikdiener zugemessen wurde, geht aus einem Vertrag vom 1. Juli 1907 hervor, der hier in einigen Passagen wiedergegeben wird:

Herr Engelbert Furtwängler übernimmt die Stelle eines Musikdieners bei der hiesigen Stadtmusik vorerst auf ein Jahr, unter folgenden Bedingungen: Der Diener hat die Verpflichtung, jederzeit auf Verlangen des Directors bei ihm anzutreten und seine Befehle entgegen zunehmen und pünktlich auszuführen.

Bei Krankheit oder geschäftlicher Verhinderung hat der Diener eine Vertretung zu stellen, ausgenommen, wenn ersterer von längerer Dauer ist.

Die Verpflichtungen des Dieners sind zunächst, Proben an- und abzusagen, Verwaltung sämtlicher Requisiten, Musikalien und Instrumente, dies aber nur bei Aufführungen, überhaupt sich den Anordnungen zu fügen und diese auszuführen.

Bei Aufführungen, welche Dienstmusik sind, hat er auf nichts einen Anspruch, tritt aber im Falle Bier oder dergl., was gratis der Capelle gegeben, in die gleichen Rechte eines Musikers. Der Diener ist für sämtliche Requisiten, Instrumente, Musikalien, welche bei einem Konzert gebraucht werden, verantwortlich und hat für jeden Verlust und Schädigung, die durch seine Schuld entstehen, aufzukommen.

Der Diener erhält eine Mütze, die er jeweils bei öffentlichen Auftritten der Kapelle zu tragen hat. Dieselbe bleibt aber Eigentum der Stadtkapelle.

Greifen wir aus den zahlreichen Niederschriften über die Jahreshauptversammlungen einmal eine heraus. Sie fand am 29. Februar 29. 2. 1912 statt.

Tagesordnung der Generalversammlung der Stadtmusik Villingen

1. Bekanntgabe von wichtigen Schriftsachen durch den Dirigenten

2. Bekanntgabe des Kassenberichts durch den Kassier

3. Neuwahl der Kommission, des Kassiers und Chorführers

4. Ausflug im Sommer

5. Wünsche und Anträge

Beschluss: Unter den vorhandenen Schriftsachen befand sich nichts von besonderer Bedeutung. Der Kassenbericht wurde anstandslos genehmigt. Nach ordnungsgemäßer Revision wurde dem Kassier Entlastung erteilt; außerdem wurde dem Kassier von Seiten des Dirigenten für die Mühewaltung gedankt. Die Zahl der Ausschußmitglieder wurde auf Grund mehrerer Anträge von 3 auf 5 festgesetzt. Es wurden per Stimmzettel gewählt: Wilhelm Kaiser, Anton Fuchs, Emil Haier, Wilhelm Binder, Arnold Schöpperle. Als Kassier und Schriftführer wurde per Akklamation wieder gewählt: Richard Knecht.

 

Wilhelm Tempel, Stadtkapellmeister von 1919 bis 1936

 

Franz Kösnitzer, Stadtkapellmeister von 1936 bis 1954

 

Auf die Anträge von Fuchs, Heinel und Ummenhofer wurde der Beschluß gefaßt, dem Kassier jährlich die Gratifikation von 15 Mark auf 30 Mark zu erhöhen, welcher Betrag jeweils mit der Auszahlung des Gehaltes am 1. Mai und 1. Oktober jeden Jahres aus der Musikkasse erhoben werden soll. Als Chorführer wurde per Akklamation gewählt: Baptist Ummenhofer. Zum Schluß ermahnte der Dirigent nochmals die Mitglieder für genaue Beachtung der bestehenden Statuten und dankte für den sachlichen Verlauf der Versammlung.

Der Erste Weltkrieg hinterließ auch in den Protokollbüchern der Stadtmusik seine Spuren. Das geht aus dem Protokoll zur Generalversammlung vom 4. April 1919 hervor. Da ist unter anderem vermerkt:

Nach ordnungsgemäßer Revision wurde dem Kassier Entlastung erteilt, außerdem wurde ihm von Seiten des Dirigenten, Herrn Tempel, sowie Kollege Knecht für die Mühe gedankt. Von den zu wählenden 5 Kommissionsmitgliedern sind Wilh. Kaiser und Wilh. Binder ausgetreten. Durch den Heldentod fürs Vaterland schied auch Kommissionsmitglied Emil Maier aus unseren Reihen, ebenso Hugo Goldner und Alfred Rindstein. Der Kassier bat die Anwesenden (19 von 25 Musikern), zum ehrenden Gedenken der Gefallenen, sich von ihren Sitzen zu erheben.

Auf Antrag von Kollege Fuchs wurde beschlossen, ein Gesuch an die Stadtgemeinde einzureichen, anbetracht der großen Teuerung den Gehalt von 100 Mark auf 150 Mark zu erhöhen, was von sämtlichen Kollegen freudig begrüßt wurde. Auf Antrageiniger Musiker soll, wenn die Gehaltsaufbesserung bewilligt wird, dem Kassier zu seiner Gratifikation von 30 Mark 50 Prozent bewilligt werden.

Zum Schluß ermahnte der Dirigent zum fleißigen Besuch der Proben, dann sei es ihm sowie den Musikern eine Freude, nur dann könne etwas Tüchtiges geleistet werden, und er schloß hiermit den geschäftlichen Teil. Nachher erfreuten uns die Herren Tempel (Violine) und Irslinger mit dem Bandonion (Handharmonika) durch einige schöne Musikstücke. Viel zu schnell ging es der Polizeistunde zu. Der damalige Mitgliederstand umfasste 52 Musiker, die im Protokollbuch namentlich aufgeführt sind. Wir können im Rahmen dieses Heftes nur auszugs weise auf die zahlreichen Aktivitäten der Stadtmusik in den Jahren 1919 und 1920 eingehen. Regelmäßige Promenadenkonzerte im attraktiven Stadtgarten, die in den Sommerwochen stattfanden, „hatten“, wie es in den Protokollen heißt, „meistens eine große Zuhörerschaft“ – wobei nicht unerwähnt blieb, dass das Wetter nicht immer mitspielte.

Besonders erwähnenswert ist der Eintrag im Protokollbuch vom 30. Juli 1919: Die ganze Kapelle spielte abends 1/2 7 Uhr während des Aufenthaltes eines aus Frankreich mit deutschen schwerverwundeten Kriegern kommenden Lazarettzuges.

Die Eintragungen für die zweite Jahreshälfte 1919 übernehmen wir auszugsweise:

Am 4. September, abends 7 Uhr, fand ein Geburtstagsständchen bei Herrn Tempel statt, worauf der Jubilar dankte und uns zu einem gemütlichen Glas Bier ins Gasthaus „zum Schützen“ einlud.

Am 5. Oktober gab die Stadtkapelle das Herbstkonzert in der Festhalle, das aber durch das schöne Wetter leider nur sehr schwach besucht war. Es sind an Billets 209 Mark, an Programmen 10.50 M und für Tanz 522.94 M, also zusammen 742.44 Mark, eingegangen.

Am Sonntag, den 26. Oktober gab die Stadtkapelle ihren drei Mitgliedern, Herrn Knecht, Kiener und Neukum ein Hochzeitsständchen. Am Sonntag, den 2. November, spielte die Stadtkapelle bei der Prozession (Allerseelen) nach dem Friedhof.

Am 17. November erhielt die Kapelle von Herrn Stadtpfarrer Kling den Betrag von 25 Mark als Geschenk für Spielen an der Fronleichnamsprozession.

Am 9. November (Revolutions-Feier) spielte nachmittags die ganze Kapelle Konzert, abends 9 Mann Tanzmusik.

Auf Einladung der Kameraden Knecht, Kiener und Neukum trafen sich die Mitglieder der Stadtkapelle am 22. November, abends, im „Waldschlößle“. Nach einigen Musikstücken gabs ein gutes Nachtessen und Bier genug, welches von obengenannten drei Kameraden als Dank für die ihnen gebrachten Hochzeitsständchen gespendet wurden. Erst zu spät gerückter Stunde trennte man sich mit dem Bewußtsein, einige schöne Stunden verlebt zu haben.

Am 28. November 1920 gab die Stadtmusik auf dem Marktplatz ein Promenadenkonzert anlässlich der Geldsammlung zu Gunsten der Deutschen Kinderhilfe.

Über ein Konzert im Januar 1921 berichtete das „Villinger Volksblatt“ und „Der Schwarzwälder“:Das am vergangenen Sonntag von der hiesigen Stadtmusik gegebene Konzert, verbunden mit humoristischen Einlagen, erfreute sich eines sehr guten Besuches. Aus dem Programm sei besonders erwähnt die ungarische Lustspiel-Ouvertüre Keler- Belas, die recht gut wiedergegeben wurde, wofür die Kapelle unter Leitung des Herrn Kapellmeister Tempel reichen Beifall erntete. Während der erste Teil mehr schwierige und ernste Musikstücke umfasste, ging der 2. Teil mehr in das humoristische über. Das Theaterstück „Der geprellte Wirt“ fand allerseits gute Aufnahme.

Das Konzert hat wiederum gezeigt, dass die hiesige Stadtkapelle auf der Höhe steht, und es wäre nur zu wünschen, dass die Kapelle des öfteren solche Konzerte geben möge. Der Dank des musikliebenden Publikums und ein volles Haus dürfte ihr sicher sein.

Wir können nun nicht umhin, viele Blätter im Protokollbuch zu überspringen und abschließend für diese Ausgabe des Jahresheftes den Bericht über die Tätigkeit der Stadtkapelle Villingen im Jahre 1924 auszugsweise zu übernehmen.

Die Stadtkapelle kann im verflossenen Jahre auf eine Reihe schön verlaufener Veranstaltungen und zu Vereinen engagierten Festlichkeiten zurückblikken. Als ein Zeichen guter Besetzung und ebenso guter Leistungen konnte es die Kapelle u.a. auch wieder wagen, an einem größeren Bezirksmusikfest in St. Georgen i. Schwarzwald teilzunehmen. Die Mühe und Arbeit, der sich besonders unser altbewährter Herr Kapellmeister Tempel mit der Einstudierung der Ouvertüre „Zampa“ von Herold unterzogen hatte, war nicht umsonst, so dass die Kapelle, mit dem 1. Preis gekrönt, von der ganzen hiesigen Bevölkerung mit Begeisterung empfangen, heimkehren konnte.

Es folgen nun Anlässe im Jahr 1924, bei welchen die Stadtkapelle beigezogen war, bzw. die sie veranstaltet hat.

Am 1. Januar stellte sich die ganze Musik zur Weihnachtsfeier der Kriegsbeschädigten und -Hinterbliebenen unentgeltlich zur Verfügung. Am 4. März – Fastnachtsdienstag war die ganze Kapelle zum Festzug durch die Straßen der Stadt angetreten. Am 1. Mai war die Kapelle wie alljährlich von den freien Gewerkschaften in Anspruch genommen. Am 1. Juni beteiligte sich die Kapelle an dem schon eingangs erwähnten Musikfest in St. Georgen. Zu bemerken ist noch, dass die Stadtkapelle Villingen mit 23 Punkten der Stadt- und Kurmusik Triberg um 4 Punkte überlegen war. Am 4. Juni war das erste Promenadenkonzert im Stadtgarten unter nochmaliger Aufführung des Preisstückes bei großer Beteiligung seitens des Publikums. Am 19. Juni war die übliche Fronleichnamsprozession, nachmittags veranstaltete die Kapelle ein Konzert im Garten der Tonhalle, welches aber einen besseren Besuch hätte aufweisen können. Am 21. und 22. Juni großes Sportfest des Athleten-Club Roland, wobei die ganze Musik an beiden Tagen beschäftigt war. 13. Juli Waldfest des Kriegervereins: 12 Mann Blasmusik. 20. Juli Waldfest, veranstaltet vom Athletenclub Germania, Villingen – 12 Mann Blasmusik. 27. Juli Waldfest des Gesangvereins Freundschaft – 12 Mann Blasmusik 3. Aug. Konzert mit freiem Eintritt anläßlich der Eröffnung des neuen Saales im Waldschlößle, bei großem Andrang und Beifall.

7. Aug. Letztes Promenadenkonzert (bei insgesamt 12 Konzerten).

11. Aug. Abends 1/2 8 Uhr war die ganze Musik zur Verfassungsfeier im Stadtgarten angetreten. Anläßlich der Silberhochzeit von Herrn Musikinspizient Grüninger wurde demselben ein Ständchen gebracht.

Am 1. November war die ganze Kapelle zur Totenfeier der gefallenen Krieger auf dem Friedhof angetreten, nachmittags zur allgemeinen Gedächtnisfeier.

Mit dem 24. Dezember – Heilig-Abend – wo der größte Teil der Stadtmusik auf verschiedenen Plätzen der Stadt schöne Weihnachtslieder spielte, beschloss die Stadtmusik Villingen das inhaltsreiche Jahr 1924.

Dieser Auszug aus den Protokollbüchern der Stadtmusik gibt einen Einblick in die facettenreiche Geschichte des Villinger Traditionsvereins, der ein großes Stück heimischer Kulturgeschichte mitgeschrieben hat. Dieser Beitrag im Jahresheft des GHV ist aber auch eine Würdigung der Arbeit von Lore Schneider, die diese Geschichte, bis in unsere Zeit hinein, aufgeschrieben und auf mehr als 750 Seiten der Nachwelt hinterlassen hat.

Die Stadtmusik beim „Athletenfest Villingen 1929“

 

 

 

Ein Nobeltreff namens Lästerecke (Sabine Streck)

Erinnerungen an den einstigen Prominentenstammtisch

Fünf „Überlebende“ vom Nobelstammtisch „Lästerecke“. Seine Ursprünge gehen bis ins Jahr 1952 zurück. Er hat sich aber nach gut einem halben Jahrhundert aufgelöst. Das „Abschiedsbild“ entstand im Parkhotel. Von links: Fritz Heby, Gerhard Altmann, Erwin Bißwurm, Helmut Wider und Gerhard Ballof.

 

Ein Stammtisch nach dem landläufigen Muster wollten sie nicht sein, die Herren der einst berühmten „Lästerecke“. Doch das ist lange her, der Villinger Nobeltreff existiert nicht mehr.

Einmal noch trafen sich jetzt fünf Mitglieder der einstmals großen Stammtischbruderschaft und hielten Rückschau und Ausblick zugleich. Fritz Heby, Gerhard Altmann, Erwin Bißwurm, Helmut Wider und Gerhard Ballof genossen die Wiedersehensfreude im Parkhotel, der Station, wo sich die „Lästerecke“ nach Schließung des Hotel Ketterer bis zuletzt Ende der 80er Jahre getroffen hatte.

Die Meisten aus dieser illustren Runde leben schon lange nicht mehr, und Nachfolger hat es keine gegeben. Für die fünf ist klar, dass es heute keinen solchen Stammtisch mehr geben wird. Die Lebensumstände haben sich geändert, heute sind die Enkel wichtig, und welche Ehefrau ist noch einverstanden, wenn sich der Göttergatte jeden Sonntag Vormittag für einige Stunden dem Lästern hingibt.

Dennoch kamen die Alt-Stammtischler schnell ins Gespräch, Erinnerungen über Erinnerungen wurden ausgetauscht und es entstand fast wieder eine kleine Lästerecke nach altem Muster.

Die Ursprünge des „ehrenwerten Stammtisches“, wie Erwin Kaiser, selbst Stammtischbruder und Pächter des „Deutschen Kaisers“, 1976 schreibt, gehen bis ins Jahr 1952 zurück. Im damaligen Hotel Deutscher Kaiser, später Ketterer, „fanden sich jeden Sonntag Morgen nach dem Hochamt einige honorige Herren zum Frühschoppen ein.“ Es dauerte nicht lange, bis der Stammtisch eine feste Einrichtung war. „Es entwickelte sich eine herzliche Gemeinschaft“, schreibt Kaiser weiter. Vorgänger der „Lästerecke“ war der Postkutschenstammtisch. Die Freunde dieses Kreises trafen sich regelmäßig in der ehemaligen „Blume-Post“. Hierzu gehörten der Fabrikant Schleicher, Baptist Riesterer vom gleichnamigen Uhrengeschäft, Malermeister Bär, Gärtner Kopp, Willi Stehle, Walter Morstadt, Antiquar Honold und weitere angesehene Bürger. Wahrzeichen dieses Stammtisches waren die kleine und die große Postkutsche, die je nach Bedeutung des Anlasses aufgestellt wurden.

Vier Stammtischler beim Lachen und Lästern (von links): Gerhard Altmann, Alfred Sommer, Edwin Nägele und Erwin Bißwurm.

 

Die Überlebenden dieser Runde (Willi Stehle, Gärtner Kopp und Walter Morstadt) fassten den Beschluss, zur Wahrung der Tradition, die beiden Postkutschen dem Stammtisch Lästerecke gegen den Preis von 200 Mark zu überlassen. Erwin Kaiser übernahm die Kosten von 100 Mark, der Rest wurde aus der Stammtischkasse bezahlt, so dass die feierliche Übergabe durch Walter Morstadt an Gerhard Ballof 1977 erfolgen konnte.

In privaten Stammtischaufzeichnungen von August Wildi heißt es, dass sich sogar schon vor der Zeit im „Deutschen Kaiser“ die „Lästerecke“-Stammtischler im „Torstüble“ und im Gasthaus Falken getroffen hätten. Als 1956 das Ehepaar Kaiser das Hotel Blume-Post kaufte, siedelten die meisten Stammtischfreunde dorthin um. Der Rest hielt dem „Deutschen Kaiser“ die Treue. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die beiden „Brüderstammtische“ wieder zusammenfanden und zwar in der „Blume-Post“.

Nach 13 Jahren gab es erneut einen Wechsel wieder zurück zum „Deutschen Kaiser“, das mit dem Besitzerwechsel auf Adolf Ketterer fortan seinen Namen trug. Zum Stammtisch zählte Lokalprominenz wie Stadt- und Kreisrat Johann Heuft, Pater Alfons Hirt, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des kulturpolitischen Ausschusses Karl Brachat, Walter Morstadt, Oskar Wickert, Omnibusunternehmer Josef Maier und Edwin Nägele, einstmals Bürgermeister. Außer den sonntäglichen Stammtischrunden, bei denen „auf hohem Niveau“ gelästert und politisiert wurde, fanden im Laufe der Jahrzehnte unzählige Ausflüge, auch ins Ausland, Festessen (sei es Schlachtplatte, Reh- oder Spanferkelessen) statt. Als beliebter Treffpunkt für solche Anlässe kristallisierte sich immer wieder die Polizeikantine heraus, besonders am Buß- und Bettag. Vize-Präsident Erwin Kaiser holte schließlich auch die Ehefrauen in die traute Stammtischrunde; einmal im Monat wurden die Frauen zum Essen eingeladen. Doch dieser Brauch schlief wieder ein. Dafür waren die Damen bei den Ausflügen gerngesehene Gäste.

Die „Lästerecke“ war immer wieder auf großer Fahrt. Hier bei einer Rast im Elsass, (von links): Frau Sommer mit ihrem Mann Alfred, Kurt Kaiser mit Frau, vorne August (Guschtl) Wildi und Frau John.

 

 

Auch Damen waren immer wieder gern gesehene Gäste im Geselligen Kreis. Hier sieht man vorn (von links) Kurt Kaiser und Fritz Keller mit ihren charmanten Begleiterinnen.

 

Der Stammtisch wäre keine Lästerecke gewesen, hätte er nicht jedes noch so kleine Missgeschick aufgegriffen und heftig „diskutiert“. Denn, wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Zuguterletzt gewann aber immer das gemeinsame Lachen die Oberhand. Die Stammtischbrüder leisteten sich auch immer wieder wahre Husarenstücke. Nur ein Beispiel soll genügen, um die Qualität solcher Vorkommnisse zu beurteilen: Nach der Verleihung der Auszeichnung „Kavalier der Straße“ von der Verkehrswacht an Otto Stärk, Leiter der Polizeidirektion, in Bad Dürrheim, fuhr der Geehrte zusammen mit einigen Stammtischbrüdern zu später nächtlicher Stunde im Polizeiauto beim „Panorama“ vor – um ein Bier zu trinken. Die einschlägig bekannte Lokalität wurde deshalb gewählt, weil außer ihr keine Gaststätte mehr geöffnet hatte – und das Gute-Nacht- Bierchen musste eben sein.

Heute ist von dem prominenten Stammtisch außer einem dicken Album mit Texten und Fotos, die die vergangenen schönen Stunden dokumentieren, nichts mehr übrig geblieben. Der einstige Schriftführer des Stammtisches, Gerhard Altmann, bewahrt dieses Dokument dennoch sorgfältig auf – als gute Erinnerung.

Ausflug des Stammtisches Hotel „Blume Post“ am 2. Mai 1964 nach Schönau ins Wiesental, zusammen mit Hotelier Erwin Kaiser und seiner Frau.

 

 

 

Frohe Stunden verbrachten die „Lästerer“ mit Freunden aus Frankreich bei Treffen im Elsass. Hier ist vorn links der unvergessene Polizeichef Otto Stärk zu sehen sowie Kurt Kaiser mit seiner Lebensgefährtin, Irmgard und Fritz Keller und Walter Grothe mit seiner Frau. Gegenüber die französischen Freunde.

 

 

 

 

„Alte Herren“ in gemütlicher Runde in ihrem Stammlokal „Blume Post“ am 5. 6. 1971.

 

Die „Lästermäuler“ des gleichnamigen Stammtisches, der inzwischen Geschichte geworden ist, sind längst verstummt. Aber es gibt wieder einen Stammtisch, an dem Geschichte (und vielleicht auch Geschichten) eine Rolle spielt. Und sicher wird hier auch „wie wohl an jedem Stammtisch“ manchmal gelästert. Diese Runde besteht aus Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins, die sich einmal im Monat zum Gespräch und geselligen Beisammensein trifft. Eingeladen und willkommen ist jeder, der Freude an einem solchen Stammtisch hat. In der Regel findet er jeweils am 1. Dienstag in der Weinstube Riegger statt.

 

 

 

Villinger Schemenschnitzer hoch geehrt (Redaktion)

Manfred Merz mit Kulturpreis ausgezeichnet Narrozunft bei Ehrung in Düsseldorf

Manfred Merz wurde in Düsseldorf mit dem Kulturpeis der Deutschen Fastnacht ausgezeichnet. Die hochrangige Verleihung findet nur alle drei Jahre statt. Volker Wagner, Präsident des Bundes deutscher Karneval, überreichte dazu eine hochwertig anmutende Skulptur, die eine Surhebelscheme, umschlungen von einer Eulenspiegelfigur zeigt.

 

Dass Manfred Merz zu den ganz Großen der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet zählt, ist nicht nur den Villingern bekannt. Und wenn jemand vom »Schemenpapst« spricht, dann weiß jedes Kind, wer da gemeint ist. Seine Kunst als Holzbildhauer ist oft und oft gewürdigt worden und er hat so ziemlich alles bekommen, was es an Ehrungen und Auszeichnungen auf dem großen Gebiet der Fasnetbrauchtumspflege gibt. Weit über die Stadtmauern hinaus hat sich der Villinger Schemenschnitzer, der auch seit vielen Jahren Mitglied im Geschichts- und Heimatverein (GHV) ist, und sich dort auch schon aktiv an der Programmgestaltung beteiligt hat, eine guten Namen gemacht. Jetzt wurde der 77jährige Villinger aber bei einer ganz besonderen Ehrung bundesweit in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt: Der Bund deutscher Karneval verlieh ihm den Kulturpreis der deutschen Fasnacht. Zu dieser Verleihung, die im Rahmen einer Präsidialtagung dieses Bundesverbandes stattfand, waren nicht nur Mitglieder der Villinger Narrozunft mit ihrem Führungsteam nach Düsseldorf gefahren, sondern auch der Leiter der Villinger Südkurier-Lokalredaktion, Norbert Trippl, der uns freundlicherweise seinen Zeitungsbericht und Bilder von dieser Feier zur Verfügung gestellt hat.

Manfred Merz lächelte. Wer ihn kennt, der wußte, sein Herz hüpfte, als um 10.57 Uhr im Düsseldorfer „Theater an der Kö“ eine echte Bühnen- Premiere stattfand. Zwei Stachis mit dem Morbili am Arm und zwei Narros zogen, angeführt von Manfred Riegger, vor 300 Karnevalisten zum Klang des Narrenmarsches ein. Wenn die Fasnet die Helau-Brüder trifft, dann geht auch das irgendwie gut. Brüder im Geiste, jeder mit eigener Kultur, mit eigenen Riten. Der Villinger, der seit fast 50 Jahren dem Rat der Villinger Narrozunft angehört, saß in einem Armlehnstuhl auf der Düsseldorfer Bühne, als die Laudatoren sein Lebenswerk würdigten. Man darf nicht sagen, dass er das Prozedere über sich ergehen ließ. Er war voller Stolz, als ihm sein Preis, ein beeindruckendes Kunstwerk mit integrierter Surhebel-Scheme, überreicht wurde.

Elf Mann aus der Villinger Zunft waren mit dem gelernten Bildhauermeister nach Düsseldorf gereist. Zunftmeister Joachim Wöhrle, sein Vize Hans-Jörg Voggenreiter und Säckelmeister Wolfgang Faißt vorneweg. Sieben harte Autoreisestunden hatten sie auf sich genommen, um an der Seite ihres längjährigen Zunftarchivars und Kammerverwalters sein zu können. Uschi und Hansjörg Fehrenbach, Constanze und Albert Helmstädter, Armin Räch, Andreas Winderlich, Manfred Riegger und Ingrid Beck waren mit vor Ort. Manfred Merz ist der Villinger Schemenschnitzer der Nachkriegszeit schlechthin. Der Mann, der Domenicus Ackermann, den legendären Ölmüller, als Vorbild nennt, hat mit dieser Auszeichnung erreicht, was noch keinem Narren zwischen Villingen und Bodensee zuteil wurde. Das Wirken von Manfred Merz ist mit dieser Auszeichnung deutschlandweit gewürdigt, manifestiert für immer, auf höchster Ebene.

Der mit dem Kulturpreis vor drei Jahren geehrte Karnevalist Hans Joachim Schumacher entblätterte eine versierte, fundierte und durchaus einfühlsame Laudatio auf der Düsseldorfer Bühne. Merz sei nun eingereiht in Persönlichkeiten der Fastnacht, die mit dieser Auszeichnung, nur alle drei Jahre verliehen, dekoriert sind.

Die Verleihung, die im Rahmen einer Präsidialtagung des Bundes deutscher Karneval in Düsseldorf stattfand, machte durchaus deutlich, dass Alaaf und Narri-Narro in ihren Zielen zusammengehören. Die Tradition des Narros riss aber im Düsseldorfer Kö-Theater selbst distinguiert auftretende Herrschaften von den Sitzen, als die Villinger Hästräger zu Ehren von Manfred Merz mit Narrosprung und Rollenklang auf die Bühne zogen. Dass dennoch mehr Freundschaftsbegegnungen erforderlich sind, wurde klar, als es dem Karnevalisten- Präsidenten Volker Wagner auf offener Bühne an der richtigen Aussprache ermangelte.

Gut, dass auch Rolf Fußhoeller vor Ort dabei war. Der VS-Bürgermeister war als gebürtiger Kölner und Fasnachts-Fan in seinem Element, als er angesichts solcher Säumnisse den Rheinnarren gleich keck ins Gebälk grätschte und erwirkte, dass fortan bei der Ehrungsveranstaltung für das Wort Scheme mit spitzem Mund stets zwei Varianten formuliert wurden.

Manfred Merz bedankte sich für die Auszeichnung mit einer Schenkung. Er übergab in Düsseldorf eine feingliedrige Morbili-Scheme an das Deutsche Fastnachtsmuseum. Mit Manfred Merz zeichnet der Bund deutscher Karneval einen Künstler aus, der mit der Kraft seiner Hände und mit ganz viel Überzeugung nicht nur die Fasnacht geprägt hat. Viele Madonnenfiguren aus seiner Werkstatt schmücken Kirchen unserer Region. Nicht von ungefähr hat die Fastnacht ja auch ihren Platz im Jahreskalender heimatverbundener Christen.

Der Villinger Schemenschnitzer, der in seiner Werkstatt in der Südstadt schon viele Schnitzer- Nachwuchs-Ambitionen betreut hat, genießt bei echten Villingern eine herausragende Sonderstellung seit Jahrzehnten. Schon 1998 schnitzte Merz ein halbes Jahrhundert lang Fasnetmasken. Die Verleihung des Kulturpreises unterstreicht die einzigartige Eleganz und Klarheit seiner Stücke. Manfred Merz hat ein Arbeitsleben geleistet, das von Hingebung zum Metier immer schon geprägt war. Seine Masken strahlen eine geheimnisvolle Schönheit, Tiefe in der Farbigkeit und Geradlinigkeit in ihrem Wesen aus. Ein Träger einer Merz- Scheme würde beim Villinger Umzug hervorstechen. Noch gibt es hier ganz viele Narros, Surhebel und Morbili aus seiner Hand. Klasse als Masse. Dass eine Delegation der Villinger Narrozunft unterm Jahr die Stadtmauern verließ, um als Begleitung die Ehrung eines der Ihren zu umrahmen, dass nun eine Merz-Scheme im Deutschen Fastnachtsmuseum aufgehängt wird, das unterstreicht die ganze Erhabenheit einer Tradition, die das Leben der Villinger auch im Zeitalter des Internets prägt, man darf sogar sagen: beschwingt. Villinger Hästräger in Düsseldorf. Zwei Narros, zwei Stachis und zwei Morbili sowie eine Altvillingerin und Bürgerwehr-Präsident Manfred Riegger begleiteten Manfred Merz zur bedeutsamsten Ehrung seines Künstlerlebens. Auf der Bühne im Theater an der Kö ließen die Villinger die Rollen zum Narromarsch erklingen.

Villinger Hästräger in Düsseldorf. Zwei Narros, zwei Stachis und zwei Morbili sowie eine Altvillingerin und BürgerwehrPräsident Manfred Riegger begleiten Manfred Merz zur bedeutsamsten Ehrung seines Künstlerlebens. Auf der Bühne im Theater an der Kö ließen die Villinger die Rollen zum Narromarsch erklingen.

 

 

 

Einführung in die Geschichteder schwäbisch-alemannischen Fasnet (Karl-Heinz Fischer)

Diese Abhandlung soll nur einen groben Überblick vermitteln. In unzähligen orten sind alte Fasnachtsgruppen vorhanden und viele neu entstanden. Es würde diesen Rahmen sprengen, auf alle einzugehen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Deutung der Fasnet und deren geschichtlichen Hintergrundes total verändert, die Wissenschaftler und Volkskundler haben unsere bisherigen und seit rund 100 Jahren herrschenden Meinungen in den Bereich der Fabel verwiesen. Worum ging es und wie sah die bisherige Deutung aus: Man unterstellte im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum, dass die Fasnacht nicht nur historische Wurzeln hat, sondern auch heidnische. Im wesentlichen war hier von der Beschwörung der Naturgeister und der Naturgewalten die Rede, wobei diese hauptsächlich in der Vertreibung des Winters bestand. Daneben wurden schon vor Jahrhunderten regelmäßig Feste zur Wintersonnenwende begangen, dabei spielte das Feuer die Hauptrolle. So wurde u.a. der Winter in Form einer Strohpuppe dargestellt und im Feuer verbrannt. Dass diese These trotz anderer Deutungen nicht ganz von der Hand zu weisen ist, können Sie an dem sog. Funkensonntag (d. h. am l. Fastensonntag) erkennen, bei dem in den Alpenregionen und auch hier im Schwarzwald große Feuer angezündet und auch Puppen verbrannt werden. Dazu kommt das Funkenschlagen.

Die Suche nach den Wurzeln der Fasnacht soll nicht den Eindruck erwecken, als hätte diese eine kontinuierliche Entwicklung von den Urzeiten heidnisch-germanischen Dämonenglaubens bis zum heutigen Tage gehabt. Es waren im Gegenteil die verschiedensten Einflüsse, welche der Fasnacht ihren Charakter verliehen haben. Kulturgeschichtliche und historische Ereignisse haben sie ebenso bestimmt wie die Persönlichkeit einzelner Maskenschnitzer, Häsmaler aber auch der Hästräger.

Wilhelm Kutter, der Kulturreferent der schwäbisch-alemannischen Vereinigung hat schon 1958 den Mitgliedszünften folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Im Heidentum, das in seinen Göttern und Geistern vorwiegend die Kräfte der Natur personifiziert sieht, ist der Sommer (Frühling und Herbst als Jahreszeiten sind viel jünger) ein in Licht und Grün gehüllter Jüngling und der Winter ein dämonischer, oft strohverhüllter grauer Greis. Im sinkenden Jahr schon, noch vor der Wintersonnenwende, beginnt der Kampf zwischen Sommer und Winter.“ Das alles soll jetzt nicht mehr gelten. Einer der bekanntesten und profiliertesten Brauchtumsforscher, Prof. Dr. Werner Mezger aus Rottweil, ihnen allen bekannt durch die vielen SWR Fernsehübertragungen und auch durch die beiden großen Vorträge bei der Historischen Narrozunft Villingen im Franziskaner, vertritt im Gegensatz zur eingangs erwähnten These, folgende Meinung: (Zitat): „Fasnacht und Karneval“, das habe sich in den letzten Jahren der Forschung gezeigt, „haben“, und das sage auch schon alleine ihr Name, „ihren Ursprung primär im christlichen Jahreslauf, wo sie ganz einfach das Schwellenfest vor dem Anbruch der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern gebildet haben. Genauso wie der Abend vor dem Geburtsfest Christi Weihnacht heißt, ist Fasnacht die Nacht, oder der Vorabend vor der Fastenzeit. Fasnacht ist also gleichzusetzen mit Essen, Trinken und nicht zu vergessen mit der Fleischeslust. Was für einen radikalen Einschnitt im Wirtschaftsjahr die Fastenzeit gebildet hat und wie sich die Speisengewohnheit der Bevölkerung in der Fastenzeit drastisch verändert hat, wird dann deutlich, wenn man sich die einzelnen Abstinenzgebote vor Augen führt. Unter Androhung von empfindlichen Strafen war angeordnet, in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern nicht nur den Konsum von Fleisch, sondern auch den Genuss aller weiteren aus Großvieh und Geflügelhaltung gewonnen Nahrungsmittel strengstens zu unterlassen. Dazu gehörten z. B. Eier, Schmalz, Fett, Milch, Butter und auch Käse.“

Somit blieb nicht mehr viel für die hungrigen Mäuler übrig. Dabei ist festgehalten, dass bereits seit dem 13. Jahrhundert diese Regeln umgesetzt wurden. Deshalb war es mehr als verständlich, dass die Menschen vor dieser Fastenzeit nochmals kräftig und ausgiebig feierten.

Und wo man isst und trinkt, kommt natürlich die Musik und das Tanzen hinzu. Lt. Prof. Dr. Mezger belegen die Forschungen auch, dass gerade vom 13. bis zum 15. Jahrhundert gerne die Fasnacht als Heiratstermin genutzt worden ist. Denn in der Fastenzeit setzte die Kirche voraus, dass die Abstinenz vom Fleisch auch im Sinne von Sexualität stattfindet. Im Laufe dieser beiden Jahrhunderte haben sich dann auch die Bräuche teilweise gewandelt. Viel Lärm mit Instrumenten und Schellen gab es und auch das Brunnenwerfen als Abschlussbrauch. Aus den Protokollen von Basel aus dem Jahr 1436 geht z.B. hervor, dass den „dortigen Handwerksknechten verboten ist, an „Eschermittwochen miteinander zu trengen, ze zehren und in das Wasser tragen oder werffen“.

In den Brunnen geworfen werden noch heute in Wolfach im Kinzigtal all jene, die weiblichen Geschlechts sind und sich als Männer getarnt unter die „Nasenzügler“ (Fasnachtsfigur) gemischt haben, um am Fasnachtsdienstag den reinen Männerbrauch zu unterwandern! Das Brunnenwerfen kennt man darüber hinaus auch aus dem oberschwäbischen Raum und aus Munderkingen. Eine erste Erwähnung findet sich dort in einem Eintrag im Totenbuch von 1742, in welchem der damalige Munderkinger Pfarrer von einem „sehr schlechten, törichten und geschmacklosen Brauch“ schreibt, bei welchem am Aschentag zwei Jünglinge in den Brunnen tauchen. War dieser Brauch noch bis

1810 am Aschermittwoch üblich, so hat er sich danach auf den Fasnetsonntag und -dienstag verlagert.

Warum dieses Brunnenwerfen? Wasser bedeutet Leben und deshalb steht seit Jahrtausenden die sprudelnde Wasserquelle – wie auch der Brunnen – im Interesse von Mensch und Tier. Brunnen, Brunnenstuben und Quellen waren deshalb nach altem Glauben Eingangstore in das unterirdische Reich der Mutter Erde und genossen als „Jungbrunnen“ allergrößte Bedeutung. Wer in einem solchen Jungbrunnen ein Bad nahm, der soll jung und schön wieder herauskommen, ähnlich wie bei der Altweibermühle.

Bezüglich der Maskierung ist besonders interessant, dass sie sich erst relativ spät durchgesetzt hat. Sichere Nachweise glaubt Prof. Dr. Mezger im 15. Jahrhundert gefunden zu haben. Dabei scheinen die Larven eher zufällig gewesen zu sein. Als Haupttyp war natürlich der Teufel verbreitet, die Quelle allen Bösen. Bei Kostümierungen hat man sich dagegen an christliche Vorbilder und Ereignisse angelehnt. Man verkleidete sich als Engel, Heilige, Dämonen und ähnliches. Das sollte aber nicht Vorbild für die heutige Zeit sein, wo vermehrt Gewänder von Nonnen, Patres etc. verkauft und von der Jugend getragen werden. Solche Formen haben mit der eigentlichen Fasnacht nichts zu tun und sind entschieden abzulehnen.

Zu der oben erwähnten Maskierung im 15. Jahrhundert wäre noch anzumerken, dass es leider keine überlieferten Stücke gibt. Man weiß, dass die Masken damals offensichtlich aus Ton waren und solange getragen wurden, bis sie zu Bruch gingen. Bei archäologischen Grabungen in Ulm wurde die Hälfte einer solchen Maske gefunden. Sie ist als Teufelsmaske identifiziert worden und man vermutete den Ursprung in den religiösen Unterweisungsspielen. Jetzt sind solche Bruchstücke im Rosgartenmuseum in Konstanz zu sehen. Erst viel später, nämlich in der Barockzeit, wurden die Masken aus Holz gefertigt. Holz, eines der vielseitigsten Naturmaterialien, hat zu allen Zeiten kreative Menschen herausgefordert, ihre Ideen in dieses Material umzusetzen. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert diente die barocke Kirchenkunst als Vorbild. Manch großer Künstler hat neben seiner kirchlichen Auftragsarbeit auch Masken für die Fasnacht geschnitzt. Gerade die barocke Glattlarve, wie wir sie auch bei uns in Villingen kennen, ist hierfür ein beredtes Beispiel. Solche Glattmasken findet man zusätzlich in Donaueschingen, Hüfingen, Möhringen und Bräunlingen beim Hansel. Im Gegenzug dazu bezeichnen die Historiker alle anderen als „Groteskmasken“, z.B. unseren Surhebel, oder den Rottweiler „Biß“ oder in Oberndorf den „Schandle“ und in Elzach den „Schuddig“.

Im schwäbisch-alemannischen Raum findet man aber auch noch Masken aus Stoff, die wohl durch den venezianischen Karneval im 17. und 18. Jahrhundert hier eingewandert sind. Solche „Stoff- Visier-Larven“ trägt man immer noch in Sigmaringen bei der „Fledermaus“ oder in Meersburg beim „Domino“. Außerdem gibt es Masken aus Stoff und Flicken. Hier möchte ich insbesondere an Bad Dürrheim erinnern, weil dort die Maske des Salzhansels aus Flicken und Fleckle besteht. Dasselbe gilt für die Blätzlebuebe in Konstanz, in Haigerloch bei der Fledermaus, in Pfullendorf und Stockach beim Hänsele usw. usw.

Eine weitere Maskenart ist die aus Drahtgaze. Möglicherweise war der Imker mit seiner Gesichtsvermummung, die ihn vor den Bienen schützen sollte, Vorbild. Man sieht zwar als Träger einer solchen Gaze-Larve gut hinaus, aber die Herstellung ist aufgrund des brüchigen Materials schwierig und verlangt Fingerspitzengefühl. Heute sind sie noch in Radolfzell, Waldshut oder in Siebnen/Schweiz zu sehen.

Im Laufe der Jahrhunderte blühte die Masken produktion und Vielfalt explosionsartig auf, die Kreativität kannte keine Grenzen. Zum einen benutzte man Pappmache, u.a. beim Butzesel in Villingen oder in Pfullendorf bei der Hexe, in Riedlingen beim Gole, einer übergroßen Figur, oder in Wellendingen und Bad Waldsee beim Storch. Auch Flaschner schufen Masken, allerdings aus dem ihnen eigenen Werkstoff Blech. Zuerst waren es wohl Schandmasken, später profitierte die Fasnacht davon. Solche gab es in Kißlegg beim Schnarragagges und in Wolfach. Heute sind sie natürlich aus dem Fasnachtsbild verschwunden, sie bereichern jetzt die Museen.

Nachdem im Jahre 1699 in Deutschland erstmals der Begriff „Carneval“ auftauchte und sich dann einbürgerte, sprach man nicht mehr von Masken, sondern von Masquera oder Maskera. Davon ist der heute noch gebräuchliche Ausdruck „Maschgere“ abgeleitet. Obwohl die Fasnet überall durch den barocken Einfluss feiner, ich möchte sagen vornehmer, geworden ist, entwickelten sich die närrischen Bräuche teilweise zur überaus derben Angelegenheit, wo laut Ratsprotokollen Rüpeleien, Schlägereien, Excesse und Grobheiten an der Tagesordnung waren.

Diese Verstöße der Narren gegen kirchliche Gebote oder sonstiger Anordnungen und die Beleidigungen und Belästigungen Unbeteiligter im Schutze der Dunkelheit, wie es Prof. Dr. Mezger bezeichnet, fanden eben bei der Obrigkeit immer mehr Unverständnis. Sie sprachen sich aus diesen Gründen sowohl im Rheinland als auch bei uns dafür aus, generelle Verbote zu erlassen.

So ereilte dieses Schicksal auch Villingen im Jahre 1809, als die Großherzoglich-badische Regierung des Oberrheins Freiburg ein Fasnachtsverbot erließ. Bei Übertretung drohte u.a. folgende Strafe: „Wer sich by Tage in Narrenkleidern betreten lässt, wird zum Militär abgegeben und wenn er dazu seines Standes oder körperlicher Beschaffenheit halber nicht geeignet wäre, zu zwölftägiger Straßenarbeit verurteilt.“ Erst im Jahre 1812 wurde dieses Fasnachtsverbot aufgrund einer Eingabe verschiedener Bürger wieder aufgehoben. Vermutlich wären die närrischen Feste vor Aschermittwoch, die alle um 1800 herum einen Tiefpunkt hatten, heute nicht mehr existent, wenn nicht gegen Ende des ersten Viertels im 19. Jahrhundert ein Umdenken stattgefunden hätte. Plötzlich und in verschiedenen Gegenden gleichzeitig besann man sich auf die alten Überlieferungen und Bräuche. Die Bürger waren aber im Gegensatz zu früher bestrebt, die Auswüchse nicht mehr zuzulassen und die Fasnet in geordnete Bahnen zu lenken. Dafür gründete man Kommitees, die alles überwachten. So fanden erstmals ab 1840, 1842 große Umzüge statt, für die die örtliche Prominenz verantwortlich zeichnete. Die Umzüge hatten aber nicht den Inhalt wie heute, sondern mehr den politischen und carnevalistischen Anstrich. Das verdeutlichen nicht nur die Umzüge in den umliegenden Fasnachtshochburgen, sondern auch in Villingen:

Thema

1843: Festlicher Einzug von Vater Bacchus

1872: Großer militärischer Durchzug aller am Kriege

1870/71: beteiligten Waffengattungen beider Nationen

1896: Japanisch-chinesischer Krieg.

Diese Aufzählungen ließen sich fortsetzen, sie sind alle in unserem Archiv dokumentiert und belegen auch hier in Villingen den erwähnten Trend. Erst um 1900 gab es dann eine Wende von der carnevalistischen zur herkömmlichen Brauchtums pflege. In vielen Städten regte sich bei den einfacheren Leuten und kleinen Handwerkern der Unmut, von den besseren Kreisen ständig gegängelt und bevormundet zu werden. Sie holten ihre alten Narrenkleider aus den Truhen und feierten wieder ihre Fasnet, wie die Vorfahren. Im Rahmen dieser Entwicklung wurden vom südlichen und mittleren     Schwarzwald     bis zum westlichen Bodensee, ebenso am Neckar zwischen Rottweil und Rottenburg und längs der Donau von der Baar bis Oberschwaben zahlreiche Narrenzünfte gegründet. Das alles geschah ab etwa 1880.

Die Bezeichnung „schwäbisch-alemannische Fasnet“ entstand übrigens kurz nach 1925. Vermutlich ist sie dem Volkskundler und -dichter Hermann Eris Busse zuzuschreiben. Er war Regionalhistoriker und Volksschriftsteller. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch das Jahr 1924, als am 7. November von der Narrozunft Villingen die Schwäbisch-alemannische Vereinigung gegründet wurde. 13 Zünfte traten bei, als 1. Präsident fungierte unser Glockengießereibesitzer Benjamin Grüninger. Die Idee zur Gründung kam von der Narrozunft Villingen, weil nur eine große Organisation sich gegen die vielen Fasnachtsverbote landauf-landab zu wehren wusste und außerdem wollten sich die traditionellen Vereine gegen die vielen neu gegründeten Fasnachtsvereine, ohne historischen Hintergrund, absetzen. Die Narrozunft Villingen ist dann aus bekannten Gründen im Jahre 1955 wieder ausgetreten, nach dem zuvor auch Rottweil, Elzach und Überlingen ihre Mitgliedschaft kündigten. 1959 kam als letzter Oberndorf hinzu.

 

 

 

 

Diese Postkarte mit Maschgere von Villingen entstand schon vor dem 2. Weltkrieg. Im Hintergrund das Haus von Malermeister Richard Fuhrer

 

 

Und nun zu den Narrengestalten im schwäbisch- alemannischen Raum. Wie sind sie zu typisieren und wie sind sie entstanden? Die Volkskundler sprechen von fünf Grundtypen in Form von Hansel, Blätzle, Hexen und Tiergestalten. Darüber hinaus gibt es Misch- und Sonderformen.

Beginnen wir mit dem Hansel:

Die meisten Hansel gehören zur Gruppe der Weißnarren und sind insbesondere in unserer wieteren Raumschaft zu finden. Die Narrozunft Villingen veranstaltete ja 2003 eine große Ausstellung unter dem Titel „Häser, Kleidle, Rollen, Gschell“, wo ausschließlich nur Weißnarren zu sehen waren. Sie sind beheimatet in Bad Dürrheim, Bräunlingen, Donaueschingen, Geisingen, Hüfingen, Möhringen, Oberndorf, Rottenburg, Rottweil, Schömberg, Schramberg, Schwenningen und natürlich auch Villingen. Der Ausdruck Weißnarr ist von Wilhelm Kutter, Kulturreferent der schwäbisch-alemannischen Vereinigung geprägt worden und findet seit ca. 1950 Verwendung. Damit sind die Narren in ihren weißen und mit Ölfarben bemalten Leinengewändern gemeint.

Warum diese Leinengewänder? Leinen war früher das Material der armen Leute, diente vorwiegend als Unterkleider oder bei der bäuerlichen Bevölkerung als Grundlage für Jacke, Hose und Gugel (Kopfbedeckung). Leinen stand damals überall zur Verfügung und die Kleidung hatte einen einfachen Schnitt. Diese Kleidung aus Leinen wurde dann durch die Bemalung aufgewertet und damit sind die kostbaren Stoffe der Reichen imitiert worden. Viele der alten Fasnachtshäser sind mit Ornamenten von Pflanzen oder Tierfiguren bemalt. Der heute überall abgebildete Hansel soll dem Harlekin bzw. Hanswurst entsprechen, wie er am Wiener Theater karikiert wurde. Bei vielen Fasnachtsfiguren weisen die Motive der Bemalung auf Österreich hin, denn ein großer Teil des schwäbisch-alemannischen Raumes war früher vorderösterreichisch. Es liegt nahe, dass viele der Verkleidungsformen durch Handwerker, Kaufleute und Beamte zu uns gebracht worden sind.

 

 

Butzesel aus Villingen mit seinem Blätzlehäs.

 

Bemerkenswert ist, dass es auf der Baar Orte gibt, bei denen die Ornamente und Motive fest vorgeschrieben sind und andere, in denen sich der Häsmaler frei entfalten kann. Zu letzteren gehören wir in Villingen sicherlich nicht, dagegen sind die Häser der Hüfinger Hansel mit unterschiedlichen Blumen- und Früchtemotiven bemalt und der Rottweiler Gschellnarr mit vielen verschiedenen Figuren.

Die andere Gruppe von Narren, die „Blätzle“, bilden nach Anzahl und Vorkommen die größte Narrenfigurengruppe. Das Gewand ist in der Regel aus Leinen, Nessel oder Baumwolle. Darauf werden rechteckige, zungenoder dachplattenförmige Stoffreste verschiedener Art aufgenäht. Mit dem heutigen Blätzlehäs sind die alten Vermummungen abgelöst worden. Das Gefieder der früheren Vogelfiguren, wie z. B. der Triberger Feadaraschnabel, den es übrigens noch gibt, wurde vielerorts durch Stoffstücke ersetzt, insbesondere am Bodensee und im Hegau.

Das Blätzlekleid ist sicherlich deshalb so beliebt und stark verbreitet, weil es billig herzustellen ist. Blätzlekleider sind hauptsächlich am Hoch- und Oberrhein, im Hegau, am Bodensee, im Linzgau und in Oberschwaben zu Hause. Anstelle von Blätzle wird vorwiegend im Schwarzwald auch der Name Spättle benutzt. Er ist im Schwarzwald in einer breiten sprachlichen Übergangszone vom niederalemannischen zum Hochalemannischen das, was im Oberschwäbischen Blätzle sind, also Stoffreste. In Furtwangen hat man Ende der 20er Jahre den Spättlehanseli oder Spättlebua wieder aufgewertet und für die Häsanfertigung angeordnet, dass zweitausend dachziegelförmige Spättle in den Farben blau, rot, orange und grün so aufzunähen sind, dass jeweils diagonal verlaufende Farbreihen entstehen. Nach dem 2. Weltkrieg ersetzte man die von Hand geschnittenen Spättle durch gestanzte grellfarbige Filzstücke und steppte sie mit der Maschine auf. Diese modernere Art der Häsfertigung hat sich auch in anderen Gebieten teilweise durchgesetzt. Nicht jedoch in Villingen beim Butzesel, der auch ein solches Blätzlehäs trägt. Dieses wird nach wie vor von Hand genäht. Die Blätzlenarren tragen überwiegend Stofflarven, während die Spättle aus dem Schwarzwald geschnitzte Holzmasken haben.

Kommen wir zur 3. Gruppe, den Hexen. Die Bezeichnung Hexe ist erst im Mittelalter entstanden und geht lt. Wilhelm Kutter auf die alte Form „hagazussa“ zurück, das wörtlich Zaunreiterin bedeutet. Der Begriff Hexe ist vielschichtig und vorwiegend mit einer liederlichen Weibsperson oder einem Spaßmacher gleichzusetzen. Die Hexe ist in den letzten 40 Jahren in sehr vielen Narrenorten in die Fasnacht integriert worden mit der Begründung, dass im Mittelalter oder auch noch im 17. Jahrhundert in den betreffenden Orten Hexenprozesse und Hexenverbrennungen stattgefunden hätten. Eine solche Begründung ist schlichtweg abzulehnen, denn bei diesen heiklen Angelegenheiten dürfte wohl kaum jemand daran gedacht haben, daraus eine Fasnachtsfigur zu machen. Es ist eher wahrscheinlich, dass die Figur des „Wilden Weibes“ erst sehr spät zur fasnachtlichen Hexe umgewandelt worden ist.

Die wohl nachweislich älteste fasnachtliche Hexenfigur stammt aus Oberschwaben. Aber auch bei uns im Schwarzwald kennt man die Hexenfigur seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Leider sind die Hexenzünfte überall aus dem Boden gestampft worden, sodass wir heute bei Narrentreffen zu viel solcher Figuren zu sehen bekommen. Deshalb hat die schwäbisch-alemannische Vereinigung hier einen Riegel vorgeschoben und seit vielen Jahren keine derartige Zunft mehr aufgenommen.

Es ist immer wieder unter Fasnachtsfreunden die Rede davon, dass die Offenburger Hexen wohl die ältesten seien, was aber nicht stimmt. Sie wurden erstmals 1933 der Öffentlichkeit vorgestellt. Sehr viel älter, aber leider weniger bekannt, ist dort der Offenburger Hansel.

Und zur Hexe gehört natürlich der Besen, warum?

Überall herrscht die Vorstellung, dass die Hexen in der Walpurgisnacht auf Besen reiten. Aber auch andere Interpretationen ranken sich um den Besen. So soll er aufrecht gestellt zur Hexenabwehr gedient haben, und wer sich nicht traute, über einen liegenden Besen zu schreiten, galt als Hexe. Einen Besen öffentlich durch den Ort tragen zu müssen, war früher für Betrüger, Falschmünzer usw. eine fürchterliche Strafe.

Die heutigen Fasnachtshexen karikieren durch das Reiten auf dem Besen diese alten Vorbilder. Bei der früheren Deutung hielt man die Hexe für die Wintergestalt schlechthin, die durch das Fegen der Straßen mithalf, den Winter auszutreiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich verwies zuvor auf einen vierten Fasnachtstyp, denjenigen der „Tiergestalt“. Weit verbreitet ist hier der Bär, dabei soll der Strohbär sogar dämonische und winterliche Symbolik auf sich vereinigen. Vor vielen Jahrhunderten war der Bär ein beliebtes Jagdtier und die Römer richteten sie für ihre circusreifen Vorstellungen ab. Deshalb spielten Bärenführer auch in vielen Fasnachtsbräuchen Europas eine große Rolle. Wie gesagt, gibt es zum einen die Bären, die im Fell auftreten und zum anderen den Strohbär. Das Stroh steht für das Leblose und der Bär für das Unheimliche und Tote. Außer dem Bär kennen wir als Tiergestalt auch das „Rössle.“ Ein solches bereichert die Fasnacht in Rottweil und wird als Benna oder Brieler-Rössle bezeichnet. Mit seinen zwei Treibern sorgt es vor und nach dem Umzug für allerlei Späße. Desweiteren gibt es die Form des „Esels,“ wie z. B. in Villingen der Butzesel, außerdem spielt in der Fasnacht der Bock und der Widder eine große Rolle. Er war früher ein Opfertier und galt aber auch als Fruchtbarkeitssymbol. Unter anderem gibt es in Stetten am kalten Markt die Figur des Schafsbock bzw. Widder. Er geht nach den dortigen Aufzeichnungen auf die „Herren von Hausen und Stetten“ zurück, die dieses Tier im Wappen führten und auf die vielen Schäfereien, die auf dem Heuberg verbreitet waren. Übrigens schuf unser Schemenschnitzer Manfred Merz die ersten naturgetreuen Holzmasken für den Schafsbock, die heute noch als Vorbild dienen.

In vielen Gegenden existiert der „Fuchs“ als Bemalung auf dem Häs. Er steht für Listigkeit und Klugheit. Vergessen wir dabei nicht den „Fuchsschwanz“ als Symbol der Schlauheit und der Narrenfreiheit, d. h. des Rechtes zum Strählen. Diese Aufzählung von Tierfiguren ließe sich noch lange fortsetzen, denn auch Katzen, Fledermaus, Storch oder Gockel sind beliebte Fasnachtsfiguren und im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum zu finden.

Ich hatte noch vor, die sog. „Sonderformen“ von Narren erwähnt. Dazu gehört z. B. der „Wilde Mann“, der meist in Baumflechten gehüllt ist. Er nimmt in Furtwangen als sog. Bodenwälder an der Fasnet teil. Weitere solcher Figuren existieren in Telfs/Tirol und in Oberstdorf im Allgäu als Wildmännle.

Gar sonderbare Masken gibt es in Zell am Harmersbach. Der Schneckehüslinarro ist dort die älteste Figur, dazu kommt der Spielkartennarro und der Welschkornnarro. Alle haben auf Ihren Häsern die entsprechenden Attribute aufgenäht. Dann kennen wir den Schantle, als schändlich aus sehenden Narren. Er ist vorwiegend am oberen Neckar zu Hause, also von Schwenningen bis Horb. Seine Holzlarve zeigt ein Gesicht, das verschmitzt oder auch schadenfroh lacht. Nach den in Schwenningen vorhandenen Aufzeichnungen hält der Schantle die Erinnerung an eine Sagengestalt wach, an das „Grächmändle“. Es hauste im Gräch, also dem obersten Teil der Scheune und soll die Leute verspottet haben.

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf den Ablauf der Fasnacht im schwäbisch-alemannischen Raum eingehen: Im ganzen Land fängt die Fasnacht am „Obersta“ an, also am obersten und letzten Tag der zwölf Rauhnächte. Der Oberste ist immer der 6. Januar. Nach dem christlichen, gregorianischen Kalender fällt auf diesen Tag das Fest der Heiligen Drei Könige. Und wann hört die Fasnacht auf? Natürlich am Aschermittwoch. Dieser Aschermittwoch ist aber kein fester Tag im Kalender, wie der Dreikönigstag. Die vorösterliche Fastenzeit beginnt seit Jahrhunderten am Mittwoch vor dem Sonntag Invocavit, damit also am Aschermittwoch. Und Ostern ist am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Darin liegen die Gründe, warum die Fasnachtszeit immer unterschiedlich lang ist.

Die „eigentliche“ Fasnacht beginnt im überwiegenden Teil des schwäbisch-alemannischen Raums am schmotzige Donnerstag. Im Hochalemannischen Raum heißt er so, weil an diesem Tag die ersten Fasnachtsküechli in Schmotz, d. h. in Fett oder Schmalz gebacken werden oder weil ganz früher an diesem Tag nochmals ein Schwein geschlachtet wurde, um vor der Fastenzeit ausgiebig dem Essen fröhnen zu können. Im Gegensatz dazu bezeichnet man im Schwäbischen diesen Tag als den „Gumpigen Donnerstag“. Die Bezeichnung kommt daher, weil der fasnächtliche Zustand des Narren als unruhig, innerlich umtriebig beschrieben wird. Er ist immer in Bewegung, hüpft umher, er gumpet sozusagen. Gumpen ist auch die Bezeichnung für ständige Auf- und Abwärtsbewegungen.

Dem schmotzigen Donnerstag folgt dann der rußige oder bromige Freitag, d. h. mit Ruß schwärzen und ist hauptsächlich in Oberschwaben und im Linzgau beheimatet. An diesem Freitag versuchen die Buben die Gesichter der Mädchen mit Ruß zu verschmieren. Das Rußeln ist aber auch in wichtiges Ritual beim Bräuteln in Scheer an der Donau. In Tirol gibt es Rußler sogar als eigenständige Fasnachtsgestalten. Heute wird das Rußeln bzw. Schwärzen der Gesichter mehr scherzhaft betrieben. In früheren Jahrhunderten soll es aber die Person vor den bösen Geistern unsichtbar machen. Nicht wie bei uns am schmutzigen Donnerstag sondern am Fasnachtssonntag wird in vielen Orten die Kinderfasnet gefeiert, so in Oberndorf, Pfullendorf oder in Radolfzell. In vielen anderen Städten fängt an diesem Fasnachtssonntag erst die richtige Fasnet an. In Elzach beginnt um die Mittagszeit das „Ausrufen der Fasnet“, dem schließt sich dann der große Umzug an. In unserer näheren Umgebung finden große Umzüge in Schwenningen und Donaueschingen statt.

Am Fasnachtsmontag schlagen dann in allen anderen Gegenden die Fasnachtsherzen höher, dabei möchte ich unsere eigene historische Fasnacht in den Vordergrund stellen. Durch den Umzug am Morgen um 9.00 Uhr und den Maschgerelauf um 14.15 Uhr lebt das Brauchtum in seiner ureigendsten Form wieder auf. In den beiden anderen Narrenhochburgen, wie Rottweil und Schömberg gibt es ebenfalls große Ereignisse. In Rottweil findet mit Glockenschlag 8.00 Uhr der Narrensprung durch das Schwarze Tor statt und in Schömberg tanzen die Narren die Polonaise. Die Schramberger Narren führen am Vormittag vor dem Rathaus eine Katzenmusik auf und am Nachmittag beginnt dann das „Bach na fahre“. Auf Holzzubern werden kunstvolle Aufbauten wie z. B. Hochzeitswagen mit Pferden gebastelt, um dann in diesen Gefährten die schmale Rinne der oberen Schiltach zu befahren. Dabei fallen die Zuber wegen der hohen Aufbauten oft um und der Fahrer findet sich im kalten Wasser wieder.

Aber auch Fasnachtsspiele werden an vielen Orten noch gepflegt. In Sigmaringen gehen die Bräutlingsgesellen durch die Stadt, um die im Vorjahr frisch verheirateten Ehemänner für den nächsten Tag zum Bräuteln zu laden. Sie dürfen dann auf der gepolsterten Stange sitzen und werden von den Bräutlingsgesellen drei Mal um den Brunnen getragen. Zum Dank für diese Mannbarkeitszeremonie werfen die Gebräutelten Süßigkeiten und Eßwaren aus.

Der Fasnachtsdienstag bringt nochmals die Menschenmassen zu den Umzügen auf die Strasse. Überall beherrscht der Narr die Straßen und Plätze, nutzt die Gelegenheit zum Strählen oder Aufsagen oder verteilt Wurst und Brot an die Kinder, wie z.B. in Engen oder in Laufenburg. Andernorts, wie in Riedlingen, treffen sich die Narren beim Froschkuttelessen. Während die Männer im ersten Stock des Zunftlokals eine Art Gulaschsuppe verspeisen, wird die Haustüre zugemauert. Die Narren müssen dann zur Freude der Zuschauer nach dem Essen über eine Rutsche das Lokal verlassen. Am Abend des Fasnachtsdienstag wird vielerorts das nahende Ende der Fasnacht eingeläutet. Es ist erstaunlich, dass in den meisten Orten Hexen oder Narrenpuppen entweder verbrannt, versäuft oder begraben werden. Wieder andere geben ihre Narrengewalt über die Stadt an die Rathauschefs zurück, wie auch in Villingen.

Nicht unerwähnt bleiben soll eine Zeremonie in Bad Waldsee. Ein langer Trauerzug mit entsprechender Musik zieht durch die Stadt vorbei an Gasthäusern, wo Station gemacht wird und natürlich am Narrenbaum, bis zum Pfaffenbach. Von der sog. Schlossbrücke wird nach einem feierlichen Ritual die Strohpuppe unter allgemeinem Heulen in den Bach geworfen. Um Mitternacht wird dann die Fasnet mit der Armesünderglocke vom Kirchturm ausgeläutet!

 

Spätestens um 24.00 Uhr hat die Fasnet für alle ein Ende, aber es ist leicht zu ertragen mit dem Spruch: „S goht wieder degege“.

 

 

 

 

In Villingen wird die Fasnet mit dem Strohverbrennen der Wueschte am Fasnachtsdienstag um 24.00 Uhr auf dem Münsterplatz beendet. Bild: Hubertus Fehres.

 

 

 

 

Surhebelscheme von Eugen Wiedel

 

 

Narroscheme von Manfred Merz

 

Surhebelscheme von Manfred Merz

 

Morbilischeme von Manfred Merz