„Die Fackel der Hoffnung brannte in ihr“ (Edith Boewe-Koob)

Xaveria Ditz, Superiorin des Lehrinstituts St. Ursula von 1850 bis 1899

 

„Ein trüber Geist hat sich ins Haus geschlichen und hält den Rundgang in dem weiten Raum. Kein Freudenstrahl will mehr die Brust durchdringen, sie seufzt gefangen, wie im schweren Traum. Mein Herr und Gott, o lass‘ mich nicht verzagen, an dir nicht wanken und auf dich vertraun. Als Glaubende in froh und trüben Tagen mit Mut und Hoffnung in die Zukunft schaun“.

 

Superiorin Xaverio Ditz

 

Am Sylvesterabend des Jahres 1852 schrieb die damalige Superiorin Xaveria Ditz diese Zeilen an den Anfang ihrer Tagebuchaufzeichnungen1. Sie deutete darin die Schwierigkeiten an, die sie durch die staatlichen Verordnungen zu bewältigen hatte. Doch wird im zweiten Teil des Gedichts die Hoffnung und Zuversicht auf bessere Zeiten lebendig.

Xaveria Ditz, ihr Mädchenname war Aloysia, wurde vor 200 Jahren im Jahr 1806 in Konstanz geboren. Da sie aus einem armen Elternhaus stammte, stellte das Lehrinstitut Villingen 1825 einen Antrag an das Generalvikariat Konstanz zur Unterstützung der Kandidatin2. Im Jahr 1827 wurde Aloysia Ditz für das Lehramt des weiblichen Lehrinstituts in Villingen geprüft, wie das Großherzogliche Badische Direktorium des Seekreises Konstanz mitteilte3. Ab 1828 unterrichtete sie am Lehrinstitut Villingen und legte 1829 ihre Profess ab. Sie wählte den Namen Xaveria.

Nachdem Xaveria Ditz 22 Jahre als Lehrerin tätig war, wurde sie, im Jahr 1850, zur Vorsteherin des Lehrinstituts St. Ursula gewählt. Zwei Jahre später waren 12 Lehrfrauen und 3 Kandidatinnen mit dem Unterricht an der Mädchenschule beauftragt, vier Laienschwestern besorgten Haus und Garten. Das Pensionat wurde in dieser Zeit von 50 Mädchen besucht. Es war kein leichtes Amt, das Xaveria Ditz als 7. Superiorin von St. Ursula in Villingen übernahm. Politisch waren es schwierige Zeiten, in denen sie versuchte vor allem das Lehrinstitut im Sinne der Gründerin Anne de Xainctonge weiterzuführen. Sie musste viele Entscheidungen treffen und Probleme lösen, da die Auseinandersetzungen der Regierung mit der katholischen Kirche im 19. Jh. auch in den Ordensgemeinschaften spürbar waren. In Baden hatte sich früher als in den anderen Staaten der bürgerliche-kleindeutsche Liberalismus durchgesetzt4. Dadurch wurde mit der liberalen Parlamentsmehrheit die Innenpolitik geändert und das Verhältnis zu den Kirchen neu geregelt5.

Die Lehrfrauen, die dem Orden der Ursulinen angehörten und ihre Aufgabe in der Erziehung der Mädchen sahen, mussten sich nun Institutsfrauen nennen. Ihre Lehrtätigkeit war staatlichen Vorschriften unterworfen. Jede Beziehung zu einem Orden wurde untersagt.

Um ihre Erziehungsaufgabe nicht zu gefährden, baten bereits am 6. Oktober 1806 die damalige Superiorin Theresia Unsöld und ihre Mitschwestern den badischen Großherzog um Weiterführung des Instituts6, doch am 30. Januar 1807 wurden alle Klöster aufgehoben. Nach wiederholter Vorsprache beim Großherzog wurden der Superiorin einige Versprechungen in Bezug auf Weiterführung des Unterrichts gemacht. Aber erst die Einführung des „Regulativs für die katholisch weiblichen Lehr- und Erziehungsinstitute des Großherzogtums Baden“ im Jahr 1811 brachte eine gewisse Entspannung7. Allerdings durften die Klöster nicht mehr als kirchliche Häuser weiter existieren, sondern nur als staatliche Lehrinstitute, in denen die Vorsteherin „aufgeklärt“ sein musste. Der Staat entschied über die Aufnahme der Novizen8, deren Zahl vorgeschrieben war. Nur für die Lehrtätigkeit geeignete Mädchen konnten als zukünftige Institutsfrauen zugelassen werden.

In dieser für die katholische Kirche unsicheren Zeit war die Vorsteherin eines Instituts besonders gefordert. Allein die Tatsache, dass aus einem Lehrorden von Staats wegen ein Institut geworden war, dass die Lehrfrauen ihr Brevier nicht mehr in lateinischer Sprache beten durften, war auch für einen sog. „modernen“ Orden nur schwer zu verkraften9. Der Unterricht in den kath. Schulen wurde durch eine Schulaufsicht kontrolliert. Die Modernisierung sollte vorangetrieben werden und eine Entklerikalisierung und Entkonfessionalisierung, eine Verstaatlichung der Schulen angestrebt werden10.

Um den nachfolgenden Ursulinen ihre Eindrücke zu vermitteln, schrieb Xaveria Ditz neben der Turmknopfurkunde auch ein Tagebuch, das die für das Institut und der Stadt wichtigsten Ereignisse der Jahre 1850–1866 vermittelt.

In der Turmknopfurkunde11 des Jahres 1852 verstand die Superiorin rückwirkend die Ereignisse der Revolutionsjahre 1848/49 anschaulich zu schildern. Sie betrachtete das Geschehen aus der Sicht einer katholischen Institutsleiterin und ihre Aufzeichnungen zeigen ihre persönliche Einstellung zu den Vorkommnissen der Jahre. Sie schrieb über Villinger Erlebnisse, die bisher nicht bekannt waren und setzte sich gleichzeitig mit den politischen Problemen auseinander.

Dichterisch begabt zeigt sich die Superiorin, die am Anfang jeden Jahres in ihrem Tagebuch ein oder mehrere Gedichte und Gebete eintrug. Sie deuten die problematische Situation an, aber auch die Hoffnung, die Xaveria Ditz nie aufgab, wie der Text des Jahresanfangs 1866 zeigt.

„Schon wieder steh‘ ich an der Schwelle vor einer unbekannten Zeit. Wird sie uns wieder Segen bringen? Birgt sie vielleicht ein neues Leid? Ich tret es mit Vertrauen an, was Gott tut, ist ja wohlgetan“.

Handschriftlicher Teil aus der Turmknopfurkunde von 1852. „Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Gott + Vater, Gott + Sohn und Gott + Heiliger Geist. Amen.

 

Im Jahre 1848 hatte die hiesige Stadt das Unglück mehreremal nacheinander mit Brandunglück betroffen zu werden, indem ein Bürgersmädchen von hier, 18–19 Jahre alt, mit Namen Anna Müller, Tochter eines verstorbenen Zimmermanns, 7 mal nacheinander im Verlauf eines Jahres das Verbrechen der Brandstiftung und zwar mit völliger Zurechnungsfähigkeit beging. Sie legte das Feuer jedesmal in der Absicht, entweder sich an ihrer Dienstherrschaft wegen irgendeines sie verletzenden Tadels zu rächen, oder Gelegenheit zu haben in ihre elterliche Wohnung zurückzukehren, die ihre Mutter auf dem Bickentor12 inne hatte.“

„Der Verdacht fiel nie auf die Schuldige, bis beim 7. Brande, als sie eben wieder auf dem Heuboden angezündet hatte, ertappt, und trotz allen Leugnens eingesperrt wurde. Während ihrer Gefangenschaft starb ihre Mutter. Dieser Todesfall, sowie Langweile und die Ermahnungen des die Gefängnisse besuchenden Arztes, veranlasste sie zum Geständnis, worauf sie vor Gericht zu 30jähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Beim 3. Brande, der im Eckhause unter dem Adler13, in der Niederen Straße 3 auf dem Speicher ausbrach und wir wegen zu weiter Entfernung und scheinbarer Windstille an keine Gefahr dachten, wurden wir plötzlich von einem vor dem Bickentor arbeitenden Zimmermann erschreckt, der mit Hast herbei sprang und mit dem Ruf: „Das Türmle brennt“! die Türen sprengen wollte. Augenblicklich war eine große Menschenmenge zur Hilfeleistung vorhanden, von denen wir aber nur die Vertrautesten einließen, die dann mit den Pensionärinnen und Klosterfrauen Geschirre mit Wasser zur Brandstelle trugen“.

„Die große Hitze des Sommers hatte nämlich das mit Schindeln bedeckte Türmchen zur Aufnahme der sich in der Luft bewegenden Feuerfunken empfänglich gemacht, weshalb es sich auch leicht entzündete und brannte. Mit Gottes und der Freunde Hilfe wurde das Feuer bald gelöscht, wir aber von der Feuerschau unaufhörlich ermahnt, das Türmchen mit Blech beschlagen zu lassen, wozu wir uns im Jahre 1852 verstanden … Das Kreuz wurde gleichzeitig vergoldet. Auch ließen wir im gleichen Jahr neue Kirchenstühle und Fenster anfertigen. Dies alles konnte aus den Nachlässen der verstorbenen Superiorin Theresia Unsöld, und der Lehrfrau Aloysia Reiner bezahlt werden.

GLAK H/B-I. V. 4 (1685–1695). Ausschnitt: Bickentor, St. Clara und Vettersammlung.

 

Bickentor und Klosterkirche.

 

Auch eine noch lebende 81jährige Magd, Walburg Heizmann, sparte an sich, um das Gotteshaus verschönern zu können.“

„Daß anfangs des Jahres 1848, den 24. Februar in Frankreich das Königstum gestürzt und eine Republik errichtet wurde, berichtet die Geschichte. Infolge dessen durchwühlte die Revolution Europa… Bürgermeister Stern und Stadtschreiber Schupp wurden hier von den Volksvertretern abgesetzt. Amtmann Blattmann in der Kanzlei verhaftet und von Bürgern mit Schleppsäbeln durch die Stadt ins Gefängnis geführt, wo er streng bewacht, standesrechtlich bedroht, ja einmal von treubrüchigen, hier als Herren sich gebärdenden Soldaten misshandelt wurde14.

Es geschah uns kein Leid, da unser Hausarzt mit Namen Hoffmann, sonst ein guter, aber republikanisch gesinnter Mann, so viel er konnte Exzesse zu verhüten suchte, und sein Wille allhier unumschränkt zu gebieten wusste. Da er als Mitglied der provisorischen Regierung nach Karlsruhe zog, ernannte er einen anderen Bürger namens Willmann, der seine Stelle dahier als Civilkommissär übernahm. Allein der politische Horizont wurde von Tag zu Tag trüber. Der gut bürger- und menschenfreundliche Großherzog Leopold musste fliehen. Fremde und heimische Freischaren zogen im Land umher … Aller Orten mussten die wehrfähigen Männer und Jünglinge unter die Waffen, um den herannahenden Reichstruppen mit den abgefallenen Soldaten zum Kampf entgegen zu treten. Sie wurden geschlagen. Die Sieger zogen vom Unterland herauf allenthalben sich die Städte unterwerfend und die Ordnung wieder herstellend. Auch hier hatte die Aufregung den höchsten Grad erreicht. Das Postbüro wurde von den Demokraten besetzt und ließ keine Nachrichten den Bürgern zukommen. Durch die Versammlungen, die von den Abgeordneten des sich in Donaueschingen aufhaltenden Heeres, die in Villingen stattfanden, waren viele Bürger in Angst und flohen am 5. Juli, obwohl die Nachricht verbreitet wurde, dass die deutschen Reichstruppen schon in Rottweil lagerten. Mit banger Erwartung setzten wir uns zu Tisch, während eine Lehrfrau auf dem Speicher Ausschau hielt und sofort meldete, dass der ganze Bickenberg von Helmen erglänze. Zugleich sprengte ein Parlamentär in die Stadt, um dieselbe zur freiwilligen Übergabe aufzufordern. Die Kanonen wurden gegen die Stadt gerichtet, um sie zu beschießen, falls kein Zeichen der Friedensgesinnung erscheine. Sogleich flatterten weiße Fahnen aus den Fenstern, die aber nicht bemerkt wurden. Eine unserer Frauen hatte den guten Einfall, eine große weiße Fahne auf das Kirchtürmchen zu setzen. Diese Fahne wurde wahrgenommen und daraufhin die Stadt gerettet, die man gerade beschießen wollte. Ein endloses Heer von Truppen aller Waffengattungen Bayern, Preußen, Württembergern, Rhein- und Kurhessen Mecklenburgern etc. zogen mit ihren Geschützen durch das Bickentor am 6. Juli 1849 und besetzten die Stadt. Alle Häuser wurden mit Einquartierungen angefüllt. In unserem Kloster hatten wir zusammen circa 200 Mann.“

„Trotz der vielen Unkosten konnten wir manches im Haus verbessern. Das Speisezimmer der Pensionärinnen, das Backhaus, der gedeckte Gang wurde 1851 renoviert und 1852 neue Straßenmauern in den Garten gebaut, die Schanz erneuert und zugleich der Hof verschönert. Seit 1 ? Jahren wurde Kaffee für die Frauen vom Haus angeschafft15. Jedes Jahr nehmen wir einige arme Mädchen in unser Pensionat auf, das fast 50 Zöglinge zählt. Von den Mitgliederinnen unserer Gemeinschaft unterrichten 5 Frauen und 3 Kandidatinnen in 6 Klassen der Stadtschule den Elementarunterricht bei 300 Mädchen. Im Pensionat sind 4 Lehrfrauen mit der deutschen und französischen Sprache, feinen Handarbeiten und Musikunterricht beschäftigt. Die Laienschwestern besorgen mit einer Frau die Küche, Bäckerei, Pforte, Gärten, Hauswesen, die Ökonomie mit 2 Knechten und 5 Mägden. Wir empfehlen alle der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der glorreichen Himmelskönigin Maria zu Obhut und Schutz mit unserem ganzen Gotteshaus und allen nachkommenden Bewohnerinnen. Amen, Amen.“

In den Tagebucheintragungen der Jahre 1850–1866 befasste sich die Superiorin mit klösterlichen und städtischen Problemen, sowie mit der politischen Lage. „Durch die schlechte Ernte 1853 trat eine Verarmung in der Stadt auf. von der man in früherer Zeit keine Vorstellung hatte. Viele Kinder mussten betteln gehen und um die Not etwas zu mildern, verteilte das Institut jeden Tag an Familien Suppen. Daneben versorgten die Institutsfrauen jeden Tag 180–190 Kinder mit einer warmen Mahlzeit.“

Xaveria Ditz schrieb am letzten Tag des Jahres 1853, dass der Kirchenstreit eine düstere Stimmung verbreite. Ein Jahr später 1854 wurde der Freiburger Erzbischof Hermann von Vicari wegen eines Zerwürfnisses mit der Regierung in Haft genommen.

„Wie säumst Du Herr so lange die Deinen zu befrein, und der gerechten Sache den Segen zu verleihn“.

Konventsuhr in Sankt Ursula.

 

Nachdem das Institut im Jahr 1855 das Gebäude der ehemaligen Vettersammlung für 1970 fl. gekauft hatte, boten es die Lehrfrauen der Stadt zum Bau einer neuen Mädchenschule an, da die bisherigen, im Institutsgelände befindlichen Schulzimmer den gesundheitlichen und sanitären Anforderungen nicht mehr entsprachen. Die Staats- und Sanitätsbehörde war für den Neubau, auch die Stadt erkannte die Notwendigkeit. Doch bestand die Meinung, dass die Institutsfrauen die Verpflichtung hätten, den gesamten Bau zu bezahlen. Obwohl im Jahr 1856 verfügt wurde, dass der Schulbau eine Angelegenheit der Stadt sei. Diese kaufte dann 1858 das Nachbarhaus der Vettersammlung

Durch die Angst vor einem Krieg wurde der Neubau zurückgestellt und konnte erst 1860 begonnen werden. Xaveria Ditz schrieb: „… ich habe viel Sorgen, Mühe und Verdruß durchgemacht und werde noch manche Unannehmlichkeit hinzunehmen haben …“

Das Institut hatte ohne jede Verpflichtung über 2960 fl. zum Vorteil der Stadt am Schulbau bezahlt. Die Lehrfrauen bezahlten am Ende zum Schulbau 3200 fl., ohne die Umlagen, die jährlich zu entrichten waren.

Die Superiorin erhielt auf Anfrage bei der Stadt die Genehmigung, den städtischen Graben hinter dem Kloster (heute Klosterring) als Eigentum des Hauses zu nutzen. Sie ließ den Sumpf austrocknen und es wurde mit viel Aufwand auf Kosten des Klosters ein Garten angelegt.

Als 1858 in Villingen die badische Schwarzwälder Industrieausstellung stattfand, wurde diese von der Großherzoglichen Familie besucht. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Besichtigung des Instituts vorgenommen, wie Xaveria Ditz in ihrem Tagebuch aufzeichnete. Die Familie des Großherzogs nahm immer regen Anteil an den Leistungen der Schülerinnen, vor allem die Großherzogin zeigte sich sehr interessiert. Durch die Aufgeschlossenheit und Klugheit der Vorsteherin konnte der Kontakt zum Großherzoglichen Haus vertieft werden. Zahlreiche Geschenke, wie z.B. ein hölzernes Kruzifix 1859 und später, 1899, im Todesjahr von Xaveria Ditz, ein Kaffeeservice, zeugen von der Wertschätzung des Lehrinstituts Sankt Ursula und seiner Oberin. Die Superiorin ließ für die alte, auf Eisen gemalte Konventuhr ein Schild malen, das vom Hofmaler Dürr nach den Vorlagen von Xaveria Ditz ausgeführt wurde.

Drei Heilige waren für das Institut von großer bedeutung: Die heilige Klara, der heilige Dominikus und die gottselige Anne de Xainctonge16. Diese Uhr ziert noch heute den Konvent der Ursulinen.

Neben vielen politischen Eintragungen berichtete sie auch über den Kauf des „alten Bären“ im Jahr 1859. Das Institut erwarb den an den Schanzgraben anstoßenden „alten Bären“ für 1600 fl., teils zur Benutzung des Kellers und des Holzschopfes und teils um den Garten „weniger geniert“ benutzen zu können.

Das Grabmal Ursula Haiders wurde renoviert und eine Station am Stationenweg errichtet.

Die Tagebuchaufzeichnungen beziehen sich auch auf die Ereignisse der Stadt. So wird vom neuen Hochaltar (1862) im Münster berichtet, der von Metz bei Saulgau ausgeführt wurde. Auch drei Chorfenster mit Glasmalereien wurden im selben Jahr angefertigt. „…im Oktober 1863 wurde die lang geplante Trockenlegung der Stadt mittels Tieferlegung und Überwölbung der offenen Kanäle und die Herstellung einiger Feuerdohlen, sowie der Abbruch der noch vorhandenen Festungswälle in Angriff genommen…“ Doch erst 1866 genehmigte der Bürgerausschuss die Geldmittel zur neuen Brunnenleitung und Trockenlegung der Stadt.

Am 9. 12. 1864 fand eine Volkszählung in Villingen statt: 4447 Personen, davon 4126 katholisch, 319 evangelisch.

„Noch sind die Fragen ungelöst, die auf Entscheidung dringen, noch sind die Sorgen nicht entwirrt, die unser Herz umschlingen“.

Der Hochwächterposten auf dem Münsterturm wurde abgeschafft und deshalb die Nachtwache und Kontrollen verschärft.

„Trotz politischer Probleme ging der Schulunterricht weiter und es fand eine Schulprüfung am 19. 10. 1866 statt, wobei Lesen, Sprachunterricht, Zergliedern eines Lesestücks, die Beugung der Haupt- und Eigenschaftswörter geprüft wurden.

Auf gute Betonung der Lesestücke in Prosa und Poesie wurde bei den Kindern Wert gelegt. Rechenaufgaben wurden schriftlich gestellt und Schönschreiben sehr beachtet. Die Schulbehörde war mit den Leistungen der Prüflinge sehr zufrieden.“

Als im Jahr 1868 in Baden die Simultanschule fakultativ eingeführt und ab 1876 obligatorisch wurde17, verloren viele Institute die Möglichkeit, katholischen Mädchen Unterricht zu erteilen. Durch kluge Überlegung und dann Entscheidungen der Superiorin Xaveria Ditz und ihres Rates konnte das Lehrinstitut der Ursulinen in Villingen weitergeführt werden, im Gegensatz zu dem Freiburger Institut, wo die Ursulinen eine Auflösung ihres Instituts vorzogen. Da in Villingen seit vielen Jahren die wenigen evangelischen Mädchen aus Nordstetten von den Lehrfrauen unterrichtet wurden, war die Einführung der Simultanschule für die Ursulinen kein Problem18, sie wurde in der Mädchenschule Villingens schon vor dem Gesetz praktiziert.

Im September 1874 hatte der Gemeinderat der Stadt die Absicht, den Bickenturm abreißen zu lassen, „… sowohl im Interesse des Verkehrs als der mutmaßlichen Verschönerung hiesiger Stadt …“, wurde die Superiorin wegen des daraus resultierenden Teilabrisses der Klosterkirche von der Stadtverwaltung informiert und um Stellungnahme gebeten19. Sie selbst ließ die Entscheidung eines Umbaus der Klosterkirche, im Fall eines Abbruchs des Bickentorturms, offen (6. 10. 1874). Der Gemeinderat drängte auf schnelle Entscheidung des Instituts, da er den Abbruch des Bickentorturms vorantreiben wollte, und bot dem Institut zum Wiederaufbau der Kirche das Material an, das durch den Abriss des Tors anfallen würde. Erst ca. sechs Monate später wurde der Kontakt zwischen dem Stadtrat und dem Institut wieder aufgenommen. Im April 1875 schrieb Xaveria Ditz an den Gemeinderat: „… daß das Institut nicht abgeneigt ist, den an das Bickenthor anstoßenden Flügel (der Kirche) beseitigen zu lassen …“ Sie wies darauf hin, dass der Neubau der Kirche von der Genehmigung des Großherzoglichen Verwaltungshofes abhinge. Außerdem „… in Berücksichtigung, dass der Gottesdienst in der Institutskirche, insbesondere an Sonn- und Feiertagen, von sehr vielen dahiesigen Einwohnern besucht würde …“, verlangte Xaveria Ditz vom Gemeinderat folgende Zusage:

a) „daß dem Institute der zum Neubau der Kirche nöthige städtische Grund und Boden gegen Abtretung des sich durch den Abbruch des Kirchenflügels ergebende Terrain überlassen werde“,

b) „daß außer den dem Institute bereits vom löblichen Gemeinderath unentgeldlich zugesagten sämtlichen Materialien, welche sich durch den Abbruch des Bickenthorturmes ergeben soweit sie erforderlich“,

c) „auch das zu dem neuen Dachstuhl der Kirche erforderliche Holz Seitens der Stadtgemeinde dem Institute unentgeldlich abgegeben wird“.

Bereits am 1. 5. 1875 äußerte sich der Gemeinderat dahingehend, dass die ersten beiden Punkte genehmigt werden könnten, jedoch Punkt c) nicht in der erwünschten Weise entsprochen werden könne. Erst wenn der Kostenvoranschlag des Dachstuhls vorhanden sei, könne evtl. „… hiernach einen etwaigen Geldbetrag geleistet werden …“ Damit blieb die Zahlung des Dachstuhls hauptsächlich dem Institut überlassen20.

Doch schon im selben Jahr war der Gemeinderat bereit, das Holz für den Dachstuhl „…von dem Holzbestand der Allmend …“ abzugeben21. Auch wurde dem Institut mitgeteilt, dass der Abriss des Bickenturms auf März 1876 angesetzt wurde. Weder aus dem Schriftverkehr noch aus den Ratsprotokollen ist zu entnehmen, aus welchen Gründen der Abriss des Bickenturms unterblieb. Doch in den Jahren 1887 und 189922 kam die Diskussion erneut auf. Die Risse am Turm sollten ausgebessert werden, jedoch „… mit dem Verputz des Turmes sei vorerst Umgang zu nehmen …“, und der Turm müsse gelegentlich kontrolliert werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde noch immer ein Abbruch des Turms in Erwägung gezogen. Aber es ist anzunehmen, dass das Projekt die finanziellen Möglichkeiten der Stadt überforderte und die ehrgeizigen Pläne einer „Stadt ohne Tore“ konnten nicht verwirklicht werden.

Es war eine schwere Zeit, die Xaveria Ditz mit Mut und Überlegung bewältigte. Fast 50 Jahre war sie Vorsteherin des Instituts und es gelang ihr, trotz aller Schwierigkeiten, die Erziehungsideale ihrer Ordensgründerin weiterzugeben. Auch konnte das Lehrinstitut, dank der guten Beziehungen zum Großherzog, die harten Zeiten überstehen. Xaveria Ditz war eine der bedeutendsten Superiorinnen der Villinger Ursulinen. Sie starb hochbetagt 1899, betrauert von ihren Mitschwestern, wie der Eintrag im Nekrologium beweist: „… sie war ein Vorbild in allen Tugenden …“ „Nihil igitur casu fit in mundo“23

Quellen

A.B. = Bickenkloster SAVS = Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Anmerkungen

1 A.B. BB 23d.

2 „Nachdem sich Aloysia Ditz, Candidatin in dem weiblichen Lehrinstitut zu Villingen über ihre Armuth und ihre Würdigkeit einer Unterstützung ausgewiesen hat, so haben wir beschlossen, derselben aus der gräflichen „Wolfeggischen Stiftung“ dahier eine Ausstattung von vier hundert Gulden in zwey Terminen zahlbar zukommen zu lassen… 27.1.1826 Bischöfl. General Vicariat. Der Bistumsverweser Wessenberg“.

3 A.B. SU X I. Unter dieser Signatur befindet sich die Korrespondenz zwischen der Institutsvorsteherin und dem Großherzogl.. Bad. Direktorium des Seekreises Konstanz.

4 Kleindeutsch = die Idee des 19. Jahrhunderts, in der ein deutsches Reich ohne Österreich durch den Zusammenschluss der deutschen Staaten unter der Führung Preußens angestrebt wurde.

5 Lill; Rudolf: Vorstufen des Kulturkampfes Österreich, Bayern, Baden und die Schweiz. In: Die Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Liberalismus. In: Handbuch der Kirchengeschichte, Bd. VI/1, hrsg. Hubert Jedin. Freiburg 1971/1985: Herder, S. 732f.

6 SAVS Best. 2,1 Nr. EE 34.

7 Regulativ (BadRegBl. 25/1811). Die eigentliche Säkularisationsepoche in Baden fand damit ihren Abschluss. Vgl. Schmid Hermann: Die Säkularisation der Klöster in Baden 1802–1811 (Diss.) Überlingen 1980.

8 Die Novizinnen wurden nun Präparandinnen und Kandidatinnen genannt und das Amt der Novizen-Meisterin musste aufgegeben werden.

9 Es war den Lehrerinnen und Kandidatinnen ausdrücklich untersagt von der neuen Ordnung abzuweichen. Vgl. „Regulativ für die katholischen weiblichen Lehr- und Erziehungs-Institute des Großherzogthums“, Karlsruhe 1811.

10 Hug, Wolfgang: Geschichte Badens, Stuttgart 1992, S. 226f. Vgl. Braun, Karl-Heinz: Die Gründung der Erzdiözese Freiburg und die Klosterfrage im 19. Jahrhundert. In: Wo Gott die Mitte ist. Hrsg. Theodor Hogg/Bernd Mathias Kremer. Lindenberg/Beuron 2002: Fink-Verlag und Beuroner Kunstverlag S. 87.

11 A.B. BB 23 d1.

12 Anmerkung: Vermutlich befand sich die Wohnung im Bickentor Erker (Vortor), der 1868 abgerissen wurde. Freundlicher Hinweis von Herrn Werner Huger. Vgl. „Tagebuch des Abt Michael Gaisser der Benediktinerabtei St. Georg zu Villingen“. Machenschriflicher Auszug des Stadtarchivs Villingen, Bd. 1. S. 321. Abt Gaisser: „… der Bau dazwischen, wo sich auch das andere Tor und die Torwächterwohnung befand …“ St. Johannisturm = Bickentor.

13 Das Gasthaus Adler existierte von 1308–1927, Wirtshaus und Herberge. Vgl. Eugen Bode/Bertram Jenisch: Villinger Gasthäuser bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XVI, 1991/92.

14 Damals regierte ein badischer Oberamtmann die Stadt. Seit vielen Jahrhunderten wurden die Bürger von einem Schultheiss, Bürgermeister und Rat verwaltet, so dass die Umstellung auf einen in der Stadt unerfahrenen Mann bei einem großen Teil der Bevölkerung Missfallen erregte. (Vgl. Paul Revellio: Die Revolution der Jahre 1848 und 1849. Villingen-Schwenningen 1999: Revellio, S. 43.

15 Die Inventarliste von 1782 der Dominikanerinnen (Vettersammlung) beinhaltet auch Kaffeekannen, so dass angenommen werden kann, dass die Dominikanerinnen, früher als die Klarissen und Ursulinen, den Kaffee kannten.

16 St. Klara wurde für die Klarissen, St. Dominikus für die Dominikanerinnen (Vettersammlung), Anne de Xainctonge für die Ursulinen auf der Konventuhr dargestellt.

17 Müller, Wolfgang: Baden. In: LThK. Bd. 1, Freiburg 1957: Herder, Sp. 1184f.

18 Heinrich, Helmut: 200 Jahre „St. Ursula“ in Villingen, der Lehrorden und seine Schulgeschichte. In: 200 Jahre Kloster St. Ursula Villingen. Villingen-Schwenningen 1982: Todt-Verlag, S.41 f.

19 SAVS, Best. 2 .16 Nr. 942.47.

20 SAVS, Best. 2.16 Nr. 942. 47.

21 Vgl. Rodewaldt, Ulrich: Das Leben im alten Villingen, Bd. II, darin: Alte Ratsprotokolle. Jahrbuch des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. VS-Villingen: Schnurr-Druck 1990, S. 73.

22 SAVS Best. 2. 16 Nr.942.47.

23 „Nichts geschieht in der Welt durch Zufall“ (Augustinus, De Questionibus 24).

Abkürzungen

GLAK = Generallandesarchiv, Karlsruhe.

LThK = Lexikon für Theologie und Kirche.

Bildnachweis

Alrun Ebding, Generallandesarchiv Karlsruhe (besitzt die Rechte der Veröffentlichungen und Vervielfältigungen), Kloster St. Ursula.

 

„Neue“ Kanonenrohre auf dem Romäusturm (Werner Huger)

Sie sollen an jene Zeiten erinnern als die Stadt mit ihren Mauern und Türmen sich noch selbst verteidigen musste. Dabei sei nur an die feindliche Belagerung vom Juli 1704 gedacht. Mit 30000 Soldaten lag damals der französische Marschall Tallard im Spanischen Erbfolgekrieg vor der Stadt. Ausgerichtet mit Zielrichtung städtischer Befestigung war seine Artillerie auf dem Hubenloch in Stellung gegangen. Seit dem frühen Morgen des 17. Juli 1704 donnerten die ganzen nächsten Tage seine Kanonen. Vier Batterien mit 16 Geschützen (24er und 8-Pfünder) legten mit massivem Beschuss das Vortor bzw. die Mauern beim Riettorturm und dem Franziskanerkloster nieder.

Am 18. Juli war fast das ganze Kloster zerstört. Mit dem Abzug der Feinde am Morgen des 23. Juli war das Verderben durch die Verteidiger abgewendet, das nicht nur hier sondern mehrfach, z. B. während des Dreissigjährigen Krieges, die Menschen bedrohte. Es waren also Abwehrschlachten gewesen, die die Bewohner mit Angst und Mut vollbrachten. Ihnen beigegeben waren die Kanonen, die von den Türmen, wie dem Romäusturm, aber auch von den Wällen, das Abwehrfeuer erfolgreich in die Ferne richteten.

Blick auf den Romäusturm mit den auf das Hubenloch ausgerichteten Kanonen.

 

 

Günter Moser, „Rietbürgermeister“, der die Rohre anfertigte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit dem 07. Oktober 2006 erinnern zwei Kanonenrohre daran. Sie sind von den obersten Artilleriefenstern des Romäusturms auf die Höhe des Hubenlochs ausgerichtet. Sie sind jedoch in Wahrheit eine in handwerklich meisterlicher Arbeit geschaffene Nachahmung. Die Idee dazu hatte Manfred (Meckes) Müller, der eines Tages zu seinem Freund, dem Glasermeister Günter Moser, während der Fastnachtszeit seines Zeichens „Rietbürgermeister“, sagte, lass‘ uns über ein sichtbares Zeichen an vergangene kriegerische Zeiten erinnern. Gesagt getan. Logistisch aufwendig wurden die langen und schweren Holzrohre gefertigt und auf den Geschossboden des Turmes verbracht. Einst Symbol der Wehrhaftigkeit und Verteidigungsbereitschaft sind sie heute Ausdruck des Bürgersinns.

Tobias Fischer (Heinrich Maulhardt)

Eine Buchbesprechung

Tobias Fischer: Der Prozeß vor dem Villinger Stadtgericht im 17. Jahrhundert. Prozessrecht und Gerichtsverfassung im ältesten Gerichtsbuch (1620–1679). Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Band 32. Villingen-Schwenningen: Verlag der Stadt Villingen-Schwenningen 2006. ISBN: 3-939423-00-9 (978-3-939423-00-3). Verkaufspreis: 25.00 €.

Die vorliegende Dissertation des Villingers Tobias Fischer zum „Prozeß vor dem Villinger Stadtgericht im 17. Jahrhundert“ vervollständigt die mit dem Jubiläum „1000 Jahre Marktrecht Villingen“ im Jahre 1999 herausgegebenen historischen Forschungen. Sie wendet sich einem Bereich unserer Stadtgeschichte zu, der in den vergangenen Jahrzehnten weniger zum Zuge gekommen ist, der Rechtsgeschichte. Der Autor hat eine einzigartige Quelle in unserem reichhaltigen Stadtarchiv entdeckt und diese in beeindruckender Weise ausgewertet. Es handelt sich um das älteste Villinger Gerichtsbuch aus dem 17. Jahrhundert. Fischers Untersuchungen geben einen tiefen Einblick in die Praxis des Villinger Stadtgerichts aber auch in das Alltagsleben unserer Stadt und ihrer Bewohner vor über 300 Jahren. Sein Buch stellt einen Meilenstein in der Erforschung der Villinger Stadtgeschichte der frühen Neuzeit dar. Die Untersuchung gibt vor allem wichtige Einblicke in die Entstehung der Strukturen unseres kommunalen Gemeinwesens. Dr. Harald Derschka von der Universität Konstanz, an der die Dissertation angefertigt wurde, stellt fest, dass es sich um die erste moderne Monographie überhaut handelt, „welche die alltägliche Arbeit eines Stadtgerichts im 17. Jahrhundert analysiert. Basis sind die über 2400 im Gerichtsbuch auf annähernd 650 Seiten verzeichneten Prozesse um Geldschulden, Beleidigungen, Schadensersatzansprüche, Ausstattung und Aussteuer, Erbansprüche und anderes mehr. Auf dieser Grundlage ließ sich der übliche Gang eines Verfahrens vor dem Villinger Stadtgericht rekonstruieren: Tobias Fischer kann aufzeigen, wann und wie oft das Gericht tagte, wer im Gericht welche Funktion ausübte, wer vor dem Stadtgericht wegen welcher Angelegenheiten belangt werden konnte, an welche Formalien man sich halten musste, wie das Gericht seine Entscheidungen begründete, welche Möglichkeiten zur Anfechtung bestanden und wie das Urteil vollstreckt wurde.“

Die Publikation weist ein ausführliches Namens- und Ortsregister auf. Sie ist also auch für Nachforschungen zur Familien- oder Personengeschichte von großem Interesse. Auch wenn es sich um eine akademische Arbeit handelt, so ist sie doch für ein breites Publikum lesbar. Das Buch dürfte darüber hinaus durch seinen hochwertigen Einband Gefallen finden.

 

Stadt- und Bürgerwehrmusik pflegt Brauchtum und Tradition (Gerhard Hirt)

Die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen hat nicht nur selbst eine beachtliche und ruhmreiche Historie zu bieten, sie tut auch etwas dafür, dass Vergangenheit und Geschichte der Zähringerstadt lebendig bleibt. Der Geschichts- und Heimatverein Villingen würdigt dieses Bemühen sehr und hat das in den Jahresheften der vergangenen Jahre auch zum Ausdruck gebracht. Der Blick in die von unserem Mitglied Lore Schneider verfassten Chronik über die fast 200-jährige Geschichte der Stadtmusik, den der GHV in „Villingen im Wandel der Zeit“ gewährte, hat das eindeutig zum Ausdruck gebracht. Aber die Stadt- und Bürgerwehrmusik darf nicht nur auf eine stolze Vergangenheit stolz sein, sie darf auch für sich in Anspruch nehmen, wertvolle Kulturgüter ihrer Heimatstadt in unserer Zeit zu pflegen. Ein Beispiel dafür soll dieses Bild sein, das fest zum Jahresablauf in Villingen gehört und sich – jeweils am Heiligen Abend – wiederholt. Der Kuhreihen, dessen Geschichte oft und oft erzählt wurde und die wohl jeder Villinger kennt. Dieses Bild aus dem Jahre 2005 ist typisch für dieses sich jährlich wiederholenden Ereignis. Der junge Felix Faißt bläst hier auf dem Herterhorn die vertraute, einfache Melodie. Er steht inmitten seiner Musikerkollegen und einer großen Zuschauer- und Zuhörerschar in der Stadtmitte auf dem Marktplatz, den gewisse Zeitgenossen leider immer wieder respektlos als „Latschariplatz“ bezeichnen. Mit den Christbäumen im Hintergrund ist es ein lieb gewordenes und vertrautes Bild, das immer wieder ein Stück heimatlichen Brauchtums in den Blickpunkt rückt.

 

„Ein Superspielplatz von Supermen“… (Bernd Saile)

… solche Wertungen erhielten die Rotarier beim Bau des Spielplatzes auf dem Hubenloch öfter. Unter den Kindern ringsum hatte sich das Projekt schnell herumgesprochen und natürlich waren sie von Anfang an mit dabei: wollten wissen, was hier oder da entsteht, wer das macht und für wen und wie und warum und wann es fertig sein würde. Ihre Kommentare und ihre Begeisterung waren wichtige Beiträge, durchzuhalten, den auftretenden Widrigkeiten zu trotzen, weiter zu machen.

Während der Wintermonate erschufen die Rotarier in einer Halle mehrere Spielplatzgeräte: Balancier- und Hüpfstämme, Leitern, Treppen, Hürden, Auf- und Abstiege für den Burgberg.

 

Solch einen Zeit- und Kräfteraubenden Dauerjob hatten sich die beiden Rotary-Clubs in Villingen- Schwenningen wahrlich nicht vorgestellt, als sie im Herbst 2003 unter ihren insgesamt 90 Mitgliedern Ideen suchten, anlässlich des 100. Geburtstages von Rotary-Internrational im Frühjahr 2005, einmal auch am Heimatort etwas zu schaffen, was sowohl sozial und erzieherisch, als auch dringlich und dauerhaft ist. In Brain-stormings wurden 55 Vorschläge erarbeitet, das Projekt Kinderspielplatz mit 2 Punkten Vorsprung ausgewählt.

Zwei Zehnjährige: „Wie heißt Euer Club?“ „Rotary“

„Wollt Ihr auch hier Mal mitspielen?“ „Nein, wirwollen helfen Not zu lindern, Krankheiten zu reduzieren, Frieden zu fordern. Wir engagieren uns für die Allgemeinheit, vorwiegend für Schwächere und Hilfsbedürftige.“ „Macht das Spaß?“ „Mehr als Spaß, es bringt Befriedigung, Selbstachtung, das gute Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.“ „Der Spielplatz von Euch ist echt ein gutes Gefühl, besonders für uns, das kann man sagen.“ Der Andere: „Vielleicht mach ich das später auch. Aber vorerst will ich hier spielen.“

Ein Naseweiß: „Habt Ihr das schon oft gemacht, so Sachen für Kinder?“ „Einen Spielplatz bauen wir zum ersten Mal. Doch dafür haben wir schon Mal eine Schule für Kinder in Indien gebaut.“ „Ich glaub nicht, dass die sich so gefreut haben wie wir.“

 

 

 

 

 

 

 

 

In Gesprächen mit Vertretern der Stadt einigte man sich auf eine verwilderte Grünfläche ca. 125×90 m im Höhenpark „Hubenloch“. Als Kinderspielplatz projektiert seit 1963! Kostenvoranschlag der Stadt ca. 150.000 Euro! Die Rotarier nahmen sich vor, durch Eigenleistungen die Kosten auf 75.000 Euro zu halbieren.

Im nächsten Schritt wurde Know-how gesammelt, Spielplätze besichtigt, Kinder befragt, Gespräche mit Kinderheimen und Kliniken geführt, Sicherheitsbestimmungen studiert, Fachmessen besucht, Vertreter von Spielgeräte-Herstellern eingeladen, Kataloge gewälzt, erste Entwürfe skizziert und mit einem hiesigen Gartenbau-Architekturbüro abgestimmt. Versuche, gebrauchte Spielplatzgeräte zu erstehen, schlugen fehl.

Drei Knirpse zwischen drei und fünf: „Ich find den Spielplatz cool. Meine Mama auch. Die schimpft bloß, wenn ich mich dreckig mach.“ „Meine Mama wirft immer alles von mir in die Waschmaschine und mich in die Badewanne. Aber ich schimpf nie mit ihr!“ Dazu der Dritte: „Mit Müttern schimpft man nicht, die sind nämlich nützlich.“

Vier kleine Madchen, etwas älter: „Baut Ihr die Sachen für uns, damit Ihr bald in den Himmel kommt?“ „Das haben wir noch nicht vor. Wir bauen das für Euch, damit Ihr spielen könnt.“ „Aber Ihr seid doch schon alt! Hast Du vielleicht noch eine Oma?“

„Nein, die ist schon im Himmel.“ „Gell, Omas wollen immer küssen!“ Die Nächste: „Meine Oma ist bald achtzig, aber bis hundert hält sie es bestimmt aus.“

Danach erstellten die Rotarier das Konzept zur Geldbeschaffung: In zehn unterschiedlichen reizvollen, meist sportlichen Clubaktionen mit Familienmitgliedern und Start- bzw. Teilnahme- Gebühren, sowie öffentlichen Rohmärkten, Fasnachtsbeizle, Hocketse in der Stadt, dazu ausgezeichnete Galakonzerte, zusätzlich internen Umlagen und Spendenaufrufe wurde das erforderliche Geld zusammengebracht.

Ab Jahresbeginn 2005 suchte und fand man bei der Holzbaufirma Ettwein die Möglichkeit, während der nasskalten Jahreszeit in geheizten, geschlossenen Räumen wöchentlich zweimal mit der Herstellung selbstentworfener Spielgeräte zu starten: rohe Baumstämme entrinden, schälen, schleifen, imprägnieren, zu Gerätschaften verarbeiten und farbenfroh bemalen.

Musterexemplar von einem Lausbub: „Könnt Ihr nicht noch ein Spiel für Erwachsene aufstellen damit meine Mutter länger bleibt? Sie will immer viel zu schnell nach Hause!“

Ein Hosenmatz + ein Wonneproppen (je ca. 4 Jahre) Hand in Hand abwechselnd: „He Du, – Ihr seid unsere Lieblinge! Unsere liebste Onkel.“ „Wenn wir noch größer sind, helfen wir Buch.“ „Ja, aber zuerst spielen wir jetzt.“ „Und dann singen wir Euch ein Lied.“

„Und wir backen einen Kuchen für Euch.“ „In drei Jahren sind wir schon groß.“ „Habt Ihr so lange Zeit?“ Hin kleiner Frechdachs: „Der Spielplatz ist echt toll, toller als daheim. Immer soll ich meine Spielsachen aufräumen. Ich bin doch als Kind geboren und nicht als Diener!“ Pause, dann: „Wenn ich alt bin, werde ich ein Mann. Vielleicht aber auch ein Onkel wie Du.“

Ab April gings dann endlich an die Geländearbeiten im Freien. Mittwochs und Samstags wurde vermessen, markiert, störende Sträucher entfernt, neue Wege angelegt, Humus abgehoben und gelagert; Erde für einen Burgberg und Hügel anfahren gelassen, 120 Löcher für Fundamente ausgegraben und ebenso für 16 Dämmgruben, diese mit Randsteinen umpflastert, die bestellten und angelieferten 23 Spielgeräte zusammengesetzt, aufgestellt und einbetoniert; einen großen Sandkasten mit Holzstämmen eingefasst, mit Sand gefüllt, und vier Spieltische eingebaut; eine große Rutschbahn am Burgberg angebaut, die Burgruine aus gespendeten alten Steinen auf dem Berg errichtet, der Eingang plus der Innenhof gepflastert sowie verschieden schwierige Aufgänge geschaffen. Die neuen Wege planiert, für 20 Bänke und 4 Müllbehälter die Fundamente ausgehoben, die Bänke zusammengeschraubt und einbetoniert, zuletzt noch den Burgberg bepflanzt und zwei Spiel- Unterschlupf- Häusle aufgebaut.

Der werdende Burgberg wird bereits erstürmt.

 

Ein nachdenklicher Fünfjähriger: „Seid Ihr nur Männer, seid Ihr nicht geheiratet?“ „Doch, aber unsere Frauen arbeiten Zuhause.“ Der Denker: „Heiraten sollte man erst, wenn man alt und Rentner ist, dann muss man nämlich nicht mehr arbeiten und kann halt den ganzen Tag zusammen sein. Außer man baut einen Kinderspielplatz.“

Vier Steppkes: „Habt Ihr die Burg wo anders geklaut?“ „Nein, die bauten wir aus schönen alten Abrisssteinen für Euch so, dass sie wie eine echte frühere Burgruine aussieht.“ „Extra für uns?“ „Ja, die könnt Ihr als Fort gegen Indianer benutzen, oder als Festung, oder als Ritterburg.“ „Gell die Ritter, das waren die Minister und Aufpassräuber vom König!“

Gezählter Stunden-Einsatz letztendlich 4.240 Arbeitsstunden. Erbracht von insgesamt 64 Rotariern aus beiden Clubs, das sind über 2/3 der Mitglieder und somit rund 70 Arbeitsstunden pro Kopf! (Die restlichen Mitglieder konnten aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen nicht aktiv mitarbeiten). Eine erstaunliche Leistung. Dasselbe kann so auch für das Ergebnis, für den Spielplatz gelten: 37 Spielmöglichkeiten bzw. Gerätschaften stehen jetzt auf dem Hubenloch den Kindern zur freien Verfügung. Und werden von Jung und Alt begeistert angenommen. Oft sind mehr als hundert Besucher gleichzeitig an den Geräten, um ihre Courage und Geschicklichkeit zu testen.

Ein schweißtreibender Höhepunkt (im wahrsten Sinn desWortes) wurde das „Kletter-Atomium“.

 

Eine ältere Dame: „Vor 60 Jahren hatte ich auf dem Hubenloch mein erstes Rendezvous. Es wurde unser Lieblingsplatz zum poussieren. Nun wird es wohl der Lieblingsplatz für Kinder, für andere Spiele.“ Ein Nesthäkchen: „Willst Du meinen Kaugummi?“ „Möchtest Du mir einen geben?“ „Ja, weil Ihr so was Schönes für uns macht.“ Ein vierjähriges Mädchen erzählt: „Ihr seid die Heinzelmänner! Meine Mama sagt, jedesmal wenn wir am Sonntag kommen, ist wieder etwas Neues fertig, – ganz genau wie bei den Heinzelmännchen.“

Ebenfalls sehr beeindruckend sind die verarbeiteten Materialmengen: Zum Beispiel 1,300 m2 Mutterboden-Abtrag, 200 m neue Parkwege, 150 Stück Einzelfundamente, 1.100 m3 Schüttung, 400

Tonnen Schottermaterial, 50 Tonnen Wegsand, 70 Tonnen Spielsand gewaschen, 190 m3 Hackschnitzel, 45 m3 Beton, 350 m Pflasterbund …

Ein ca. Vierjähriger: „Habt Ihr keinen Beruf mehr? Mein Opa hat einen richtigen Beruf! Aber ich will nicht, dass er da hingeht. Da war er doch gestern schon. Wenn mein Opa in Ruhe steht, soll er so einen Spielplatz bauen wie Ihr.“

Drei etwas größere Jungs im Sandkasten: „Warum heißt eigentlich der Buckel – Hubenloch –?“ Der zweite: „Das ist wie schwarze Schimmel.“ Der dritte: „Oder wie Opas auf dem Kinderspielplatz!“

Verletzungen gab es außer Wasserblasen, Muskelkater und einer Kopfwunde keine. Ein wenig Enttäuschung allerdings bei der Abnahme durch die Dekra. Da brach der berühmt-berüchtigte deutsche Amtsschimmel aus. Beispielsweise mussten an die Balancier-Aufstiege Handläufe, auf die Burgmauer ein Geländer angebracht werden, an den Schaukeln 3 cm Kette reduziert werden, für die zwei selbsterbauten Spielhäuschen eine Statik errechnet lassen werden … Es wurde alles ordnungsgemäß nachgebessert.

Der guten Stimmung unter den Rotariern hat das nur kurzfristig geschadet. Am Ende blieben von dem eingeplanten Geldbetrag noch 2.000 Euro übrig. Diese wurden für den Schwenninger „Geschichtswanderweg“ gespendet.

Ein Rentnerpaar: „Das ist nicht nur ein Erlebnisplatz für Kinder, das ist genau so einer für uns Großeltern. Es ist so kurzweilig hier und voller Freude. Danke für Ihren Einsatz.“

Ein ca. Fünfjähriger mit Brille, Sturzhelm und Kinderfahrrad bombardiert uns mit Kragen: „Was kommt auf den freien runden Platz?“ „Hin kleines Karussell.“ „Wann macht Ihr das?“ „Sobald wir mit dem Berg und der Burg fertig sind.“ „Weshalb bohrt Ihr da Löcher durch die Steine?“ „Weil sie so fest verbunden werden können und ältere Jungs nicht mehr herunter werfen können.“ „Wieso stellt Ihr da unten die hohen Steine auf?“ „Damit die Erde nicht in die Fallgruben rutschen kann.“

Die Kletterwand (eine Betonröhre) wird gestaltet mit verschiedenen schwierigen Aufstiegsrouten, unterlegt mit bunten Gebirgsmotiven. Kinder gaben emsig Ratschläge: eine Sonne, Bergblumen, Schokokühe…

 

„Warum habt Ihr denn solche Fallgruben gemacht?“ „Damit Ihr Huch beim stürzen nicht weh tut.“ „Wo habt Ihr die vielen Holzspäne dafür her?“ „Von einem Sagewerk gekauft.“ „Sägen die extra Späne?“ „Die fallen beim sägen an. Hast Du noch nie etwas mit Deinem Vater gesägt?“ „Mein Vater ist tot. Vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Der hätte Euch sonst bestimmt geholfen.“

Zwei Gören + zwei Bengel zwischen 10 und 15 Jahre alt, stellen fest: „Da arbeiten fast lauter     alte Männer am Kinderspielplatz. Wie kommts?“ „Na ja, die meisten sind nicht mehr im Beruf, aber geistig und körperlich fit und möchten noch etwas leisten.“ „Was die leisten ist doch prima. Ich finde es cool.“ Fragt der Jüngste unvermittelt: „Lebt Deine Mutti noch?“ „Ja.“ „Die ist bestimmt stolz auf Dich.“ Ein ca. achtjähriger Racker: „Seid Ihr richtige Kinderspielplatzbauer.“ „Nein, wir haben lauter verschiedene Berufe, sind aber in einem Club, der gute Taten bewerkstelligen will.“ „Woher könnt Ihr dann das alles?“ „Wir strengen uns einfach an und lernen dazu.“ „Baut Ihr noch mehr Spielplätze?“ „Nein, das ist sicher einmalig. Ehrlich gesagt, sind wir froh, wenn wir fertig sind.“ „Ich auch!“

(Geburtstags-) Wunsch der Rotary-Clubs ist es erstens, der Spielplatz Hubenloch möge den Kindern eine attraktive Stätte für Begegnung und Bewegung, für Herausforderung und Bestätigung, für Erlebnisse und Entwicklung sein. Und zweitens, der prächtige Platz und die Geräte mögen lange so erhalten bleiben, das heißt, von den Benutzern, Kinder und Eltern oder Großeltern, aber auch von den zuständigen Ordnungshütern und Fachkräften behütet und gepflegt werden. Dann hätten sich alle Mühen gelohnt.

Baumstämme

 

 

Balancier-Aufstieg

 

 

Aufstiege

 

 

 

Hügellandschaft

 

 

Aufstiegsmöglichkeiten

 

Nachtrag

Die Jury der Stiftung Lebendige Stadt in Hamburg prämiert jährlich „Bestpractice Beispiele für europäische Städte und Kommunen“. Der Rotary-Spielplatz auf dem Hubenloch in Villingen-Schwenningen wurde qualifiziert für die Kategorie 2006 „der Besten Spiel- und Freizeitplätze, die sich durch innovative und kostengünstige Gestaltung, Erstellung oder Betriebsform deutlich von anderen abheben und zugleich für Kinder und Jugendliche hochattraktiv und pädagogisch besonders wertvoll sind“.

Die Preisverleihung findet in einer Feier am 5. Dezember 2006 im Rathaus von Bremen statt.

 

Der Baarverein und die Villinger Stadtgeschichte (Heinrich Maulhardt)

Vortrag, gehalten am 19. 01. 2006 im Münsterzentrum Villingen. Für diesen Artikel gekürzt.

Der 200. Geburtstag des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar im Jahre 20051 gibt den Anlass, die Rolle von Villinger Forschern und Mitgliedern des Vereins einmal näher zu untersuchen. Welchen Stellenwert hatten die Vereinsmitglieder aus Villingen im Baarverein in den vergangenen zwei Jahrhunderten? War der Baarverein ein allein auf Donaueschingen bezogener Verein? Seit wann gab es in Villingen Geschichtsvereine und welche Stellung nahmen diese gegenüber dem Baarverein ein. Diese Fragestellungen sollen bei der Untersuchung des Themas behilflich sein. Auch soll auf die Forscherpersönlichkeiten selbst, ihre Herkunft und ihre Arbeitsgebiete, eingegangen werden. Die Untersuchung erstreckt sich bis zum Ende der 1980er Jahre.

Villingen und der Baarverein

Am 19. Januar 1805 konstituierte sich eine Gesellschaft mit Namen „Literatur-Freunde an den Quellen der Donau“, die sich noch im selben Jahr als „Hochfürstlich Fürstenbergische Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte und Naturgeschichte“ unter dem Protektorat des Landgrafen und Fürsten Joachim Egen stellte. Die Gründer waren der als Botaniker tätige, hochangesehene Friedrich Freiherr Roth von Schreckenstein, zugleich l. Präsident der Gesellschaft, ferner der als Germanist und Sammler bekannte Joseph Freiherr von Laßberg und der Hofarzt Dr. Joseph Rehmann. Als Ziel galt es, ,die fürstenbergischen Lande in Hinsicht auf ihre ältere und neuere Geschichte, physikalische Statistik, ihre Naturprodukte nach allen drei Reichen der Natur und derselben Anwendung durch die unmittelbar und mittelbaren Gewerbe genau kennen zu lernen.’2 Die Devise lautete „Das Vaterland kennen lernen und ihm nützen“. Jedes Mitglied wählte sich ein bestimmtes Forschungsgebiet und es wurden wichtige Arbeiten vor allem zur Flora und Geologie des Gebietes geleistet.

Der Verein hatte durch seine statuarisch festgelegten Aufgabenstellungen den Bezug auf „fürstenbergische Lande in Hinsicht auf ihre ältere und neuere Geschichte“ und damit einen direkten Bezug zur Villinger Stadtgeschichte, insbesondere zum mittelalterlichen Villingen. Villingen fiel 1283 als Reichslehen an Heinrich von Fürstenberg und blieb dies bis zum Jahre 1325. Die Gründungen des Heilig-Geist-Spitals um das Jahr 1270 und des Franziskanerklosters, dessen Kirche 1292 geweiht wurde, gehen auf die Fürstenberger zurück.

Auch wenn die Villinger 1326 mit dem Hause Habsburg-Österreich einen neuen Stadtherrn bekamen, so waren sie auch die folgenden Jahrhunderte in enger Tuchfühlung mit Fürstenberg und teilten manches Kriegsschicksal. Durch die von der Französischen Revolution hervorgerufenen Umwälzungen und die Mediatisierung des Fürstentums hatten beide, Villingen und Donaueschingen/Fürstenberg, seit 1806 einen Landesherrn, nämlich den Großherzog von Baden.

Die Mitgliederliste der neuen „Gesellschaft der Freunde der Geschichte und Naturgeschichte an den Quellen der Donau“ setzte sich in erster Linie aus Bediensteten des Fürstenbergischen Hauses zusammen. Es handelte sich um einen Arbeitskreis von Männern, die in erster Linie Naturforscher waren, die meisten nannten sich Botaniker. Nur sehr wenige verstanden sich als Historiker im eigentlichen Sinne. Villinger oder Schwenninger finden wir nicht auf dieser Mitgliederliste.

Die Tätigkeit der im In- und Ausland geachteten Gesellschaft erlosch im Jahre 1819. Sie wurde 1842 als „Verein für Geschichte und Naturgeschichte in

Donaueschingen“ wiedergegründet. Bei dieser und bei den Wiedergründungen 1870 und 1949 wurde das Arbeitsgebiet „Fürstenbergische Geschichte“ und damit der historische Bezug zu Villingen beibehalten.

Mitglieder aus Villingen

Dem ersten Villinger auf der Mitgliederliste des Baarvereins begegnet man im ersten Band der „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte“, der 1870 erschienen ist. Es handelt sich um J. Baer, der im Jahre 1870 Vorstand der höheren Bürgerschule in Villingen war.3 In diesem Jahr wurde der „Verein“, wie die Gruppe seit 1842 heißt, zum dritten Male gegründet. Die im neuerrichteten Karlsbau 1870 stattfindende Gründungsversammlung wählte Dr. Emil Rehmann zum l. Vorstand und Dr. K. A. Barack und Anton Hofgartner zu Schriftführern. Jedes Mitglied erhielt einen „Leitfaden“ für seine Tätigkeit. Der Charakter einer Arbeitsgemeinschaft wie die ursprüngliche „Gesellschaft“ scheint noch durch. 10 Jahre später, im Jahre 1880, werden in den Schriften 5 Mitglieder aus Villingen – „die größte Stadt unseres Vereinsgebietes“ (Sigmund Riezler) – notiert und 57 aus Donaueschingen. Damals, zwischen 1870 und 1880, hatte der Verein rd. 130 Mitglieder.

Die Villinger Mitglieder setzten sich wie folgt zusammen: Amann, Stadtpfarrer, Gewerbeverein, Prof. Roder, Stadtgemeinde. Der später weit bekannte Historiker Prof. Riezler, von 1879–1883 der 1. Vorsitzende des Vereins, hielt einen Vortrag zum Thema „Villingen und die Grafen von Fürstenberg bis zum Übergang der Stadt an Österreich im Jahre 1326“, der im 3. Heft 1880 abgedruckt ist. Von diesem Heft an machte der seit 1876 in Villingen an der höheren Bürgerschule tätige Prof. Christian Roder durch zahlreiche wissenschaftliche Beiträge in den Heften auf sich aufmerksam. Der Anteil Villinger Mitglieder erreichte 1889 mit 29 (Donaueschingen: 55) seinen Höhepunkt vor dem 1. Weltkrieg und fiel dann auf 13 Mitglieder im Jahre 1909 zurück.

Gymnasium am Romäusring Villingen, Abbildung Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

 

Die Mitgliederbewegung korrespondierte mit den Aktivitäten Roders, der im Jahre 1893 Villingen in Richtung Überlingen verließ.

Mit dem Eintritt des Villinger Lehrinstituts St. Ursula im Jahre 1882 dürfte 77 Jahre nach der Gründung das erste weibliche Mitglied dem Verein beigetreten sein. Im Jahresheft 14 (1920) wird berichtet, dass sich zwei Ortsgruppen gebildet haben, in Vöhrenbach und in Villingen, die unter dem Vorsitz des Vöhrenbacher Apothekers Schmalz und des in Villingen tätigen und auch dort geborenen Prof. Eugen Hirth für ihre Mitglieder besondere Vorträge veranstalteten. Hirth war wie zuvor schon Roder Lehrer am Realgymnasium in Villingen, wo auch Paul Revellio (1886–1966) unterrichtete, der ebenfalls eine rege Vortragstätigkeit entfaltete. Hirth schrieb am 21. 10. 1920 an den Vorsitzenden des Vereins Georg Tumbült: „Wir (Hirth und Revellio) wünschen, dass Villingen wegen seiner großen Mitgliederzahl und der Größe und Bedeutung seiner Geschichte ein(en) selbständigen Verein bildet.“4 Revellio war in Villingen von 1919–1966 Leiter des Stadtarchivs und der Museen und insbesondere in den 1920er Jahren sehr engagiert für den Verein tätig. Während es im Jahre 1909 gerade mal 13 Vereinsmitglieder in Villingen gab, schnellte die Zahl im Jahre 1920 auf 103 in die Höhe. Villingen hatte damit die größte Ortsgruppe noch vor Donaueschingen mit 86 Mitgliedern. Bis zum Ende der 1920er Jahre kehrte sich das Verhältnis allerdings wieder um. Im Jahre 1931 gab es in Villingen 53 Mitglieder und in Donaueschingen 127. Nach dem 2. Weltkrieg schwankten die Mitgliederzahlen zwischen 41 und 53 für Villingen. Zum Vergleich: Aus Schwenningen kamen zwischen 7 und 19 Mitglieder.

Geschichtsvereine in Villingen im 19. und 20. Jahrhundert

Die in den Statuten des Baarvereins schon früh beschriebenen Ziele „Erforschung der fürstenbergischen Lande und ihrer nächsten Umgebung in Hinsicht auf Geschichte, physikalische Verhältnisse, Naturprodukte u. a.“ bezog Villingen und seine Geschichte zumindest phasenweise ein. Der Verein verfügte über eine hervorragende Bibliothek und ein vorzügliches Archiv, über gute Finanzen und über Gleichgesinnte, also über Voraussetzungen, wie sie in Villingen nicht annähernd vorhanden waren. Dadurch waren die Chancen für das Aufkommen weiterer lokaler oder regionaler Geschichtsvereine sehr gering.

Im 19. Jahrhundert blühte das Vereinswesen in Villingen im Zuge der Revolution von 1848/1849 richtig auf. Im Jahre 1876 kam es durch einen der Hauptaktivisten von 1848, Ferdinand Förderer (1814–1889), zur Gründung der Altertümersammlung, die sich zum Ziel setzte, insbesondere Gegenstände für das Museum zu sammeln und die Stadtgeschichte zu fördern. Die Altertümersammlung wurde von einer Kommission im Auftrag des Gemeinderates betrieben. Sie war kein Verein, sondern eine städtische Einrichtung. Als Förderer 1889 starb, fiel sie in einen Dornröschenschlaf bis Paul Revellio sie zwei Jahrzehnte später wieder „wach küsste“.

Im Jahr der Gründung der Sammlung 1876 wurde Christian Roder als Gymnasiallehrer nach Villingen berufen. Revellio schreibt: „Man wird den Verdacht nicht los, dass die Versetzung des jungen Historikers nach Villingen einem Wunsch entgegenkam, der von Villingen ausgegangen war.“5 In der Stadt erwachte geschichtliches Bewusstsein, die Bürgerschaft wollte geschichtliche Studien fördern. Die Villinger Altertümersammlung war der Grundstein für das städtische Museum, das heutige Franziskanermuseum. Ein eigenständiger Geschichtsverein mit Publikationsorgan entstand in Villingen weder im 19. und auch nicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beide Stadtarchivare Villingens, Christian Roder und Paul Revellio, verwendeten als Medium ihrer Aktivitäten vor allem den Baarverein. In der NS- Zeit kam es im Mai 1934 unter der Leitung von Bürgermeister Schneider zur Gründung eines „Heimatvereins“6, der jedoch marginal blieb. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg gab es in Villingen Versuche, Geschichts- und Heimatvereine zu gründen, die allesamt nicht richtig auf die Beine kamen, jedenfalls erreichten sie nicht das Niveau des Baarvereins: „Gesellschaft Alt- und Neu-Villingen e.V.“ (1946), „Heinrich Hug Gesellschaft zur Förderung der Geschichtsforschung und des kulturellen Lebens der Stadt Villingen“, „Villinger Vereinigung für Heimatpflege und Heimatkunde“ (1949, 1951). Die „Villinger Vereinigung“ war ein Projekt von Dr. Nepomuk Häßler und wird in den Villinger Adressbüchern der 1950er Jahre als „Heimatverein“ unter seinem Vorsitz geführt. Mit diesem Vereinsprojekt war das Vorhaben verbunden, endlich die Roderschen Regesten des Stadtarchivs und eine Stadtgeschichte zu veröffentlichen. In dem Gründungsplan der „Heinrich Hug Gesellschaft“ steht am Ende der Vermerk: „Ist nicht noch Abstimmung auf die Zwecke des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar erforderlich?“7 Auch noch zu diesem Zeitpunkt (ca. 1946) war der Baarverein also der Orientierungspunkt.

Erst im Jahre 1969 kam es in Villingen zur Gründung des „Geschichts- und Heimatvereins Villingen e.V.“ Einer der treibenden Kräfte war das Vorstandsmitglied des Baarvereins, Dr. Nepomuk Häßler. Im Heft 38 (1970) der Schriften des Baarvereins ist ein Bericht über die Gründung des Villinger Vereins abgedruckt: „Vielversprechend gestalteten sich die Beziehungen zu dem neuen Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. Die enge Zusammenarbeit zeigt sich u. a. darin, dass wir eine gemeinsame Mitgliederliste im vorliegenden Heft abdrucken. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht und bei Vorträgen und Exkursionen wurde eine Koordinierung verabredet. Wir wünschen dem Verein viel Glück.“ Die damals vereinbarte „enge Zusammenarbeit“ beider Vereine ging jedoch in den 1970er Jahren verloren.

Villinger Forscher im Baarverein

Prof. Christian Roder (1845–1921), in Villingen tätig 1876–1893

Als Christian Roder 1876 nach Villingen kam, ging im nahen Donaueschingen das Haus Fürstenberg an ein großes Werk, die Herausgabe der Quellen zur Geschichte des Hauses Fürstenberg und der Fürstenbergischen Lande. „Es hatte zu dieser Aufgabe zwei führende deutsche Historiker: Sigmund Riezler, 1. Vorsitzender des Vereins von 1879–1883 und Ludwig Baumann, von 1883– 1895 Vorsitzender der Historischen Abteilung, an das Fürstenbergarchiv berufen. Nur im fruchtbaren Austausch mit den Erfahrungen dieser beiden Männer konnte das Werk gedeihen, das sich Roder alsbald vornahm, auch die Quellen der Stadt Villingen zu sammeln, zu ordnen und herauszugeben.“

Prof. Christian Roder, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Im Jahre 1883 erschien in einer Neuausgabe die Hug’sche Chronik9 und 1886 lag das Repertorium der Geschichte der Stadt10 vor. Roder, seit 1876 Mitglied des Baarvereins, ist mit zahlreichen wichtigen Beiträgen in diesen Jahren zur Stadtgeschichte Villingens in den „Schriften“vertreten und hielt viele Vorträge. Die Zunahme der Mitgliederzahlen in Villingen ist auf seine Aktivitäten zurückzuführen. Die Erschließung des Stadtarchivs Villingen in Form von Regesten nutzte er wie Riezler in Donaueschingen für seine historischen Auswertungen. Seine in Manuskriptform schon 1892 fast fertiggestellte Stadtgeschichte ist jedoch nicht erschienen. Das Manuskript befindet sich im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.11

Nach seinem Wegzug nach Überlingen setzte er dort seine Archivtätigkeit und seine historischen Studien für den neuen Heimatort fort. Georg Tumbült charakterisiert ihn in seinem Nachruf in den „Schriften“: „Roder war eine kraftvolle auf sich selbst gestellte, urwüchsige Persönlichkeit, ein Mann aus einem Guss, der an dem als richtig Erkannten unbeugsam festhielt und äußeren Einflüssen wenig zugänglich war, genug, ein Alemanne von echtem Schrot und Korn.“12

Prof. Dr. Paul Revellio (1886–1966), in Villingen tätig 1919–1966

Der Erste Weltkrieg bildete einen erheblichen Einschnitt für den Baarverein. Die Mitgliederzahlen gingen zunächst stark zurück, erlebten aber schon kurz nach dem Kriege einen erheblichen Aufschwung. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder auf fast 400 im Jahre 1919. Diesen Aufschwung verdankte der Verein besonders aktiven Mitgliedern, zu denen in dieser Zeit Paul Revellio gehörte. 1886 in Hüfingen geboren, besuchte er das Gymnasium in Donaueschingen, wo er 1909 sein Abitur ablegte. Er studierte Geschichte, Deutsch und Latein und schloss 1911 sein Studium mit der Staats- und 1913 mit der Doktorprüfung ab. Er war zunächst Lehramtspraktikant am Gymnasium in Donaueschingen (1911–1914). Schon 1913 hielt er einen Vortrag über das römische Hüfingen. Im selben Jahr öffnete er zusammen mit Prof. Heinrich, dem damaligen Vorstand der FF-Sammlungen, einen Grabhügel aus der Hallstattzeit bei Bittelbrunn und gab darüber im ersten Heft nach dem Kriege im Jahre 1920 einen Bericht. 1919 wurde Revellio an das Realgymnasium in Villingen versetzt und dort 1920 zum Professor befördert.

Prof. Dr. Paul Revellio, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Hier nahm er bald neue Aufgaben wahr. 1921 bestellte ihn die Stadt Villingen zum Kustos der Städtischen Sammlungen und zum Stadtarchivar. Seit 1893, als Christian Roder Villingen den Rücken kehrte, waren Sammlungen und Stadtarchiv verwaist. Revellio baute die ur- und frühgeschichtliche Abteilung der FF-Sammlungen in Donaueschingen auf und erarbeitete eine archäologische Fundkarte der Baar. Etwa ein Drittel der Funde dieser Abteilung waren seiner Arbeit zu verdanken.

Nach dem l. Weltkrieg baute Revellio zusammen mit Prof. Eugen Hirth innerhalb des Vereins die starke Ortsgruppe Villingen auf. Dieser Aufschwung ist nicht zuletzt seiner regen Vortrags- und Publikationstätigkeit zur Römischen Geschichte in unserem Raum (Hüfinger Römerbad, mehrere römische Villen), zur Stadtgeschichte Villingens, zur Wege- und Straßenforschung, zu prähistorischen Funden und alemannischen Friedhöfen zu verdanken. Höhepunkt seiner archäologischen Tätigkeit war die Untersuchung des Kastells Brigobanne auf dem Galgenberg bei Hüfingen.

Bereits 1919 war Revellio Mitglied des Ausschusses des Baarvereins. Alfred Hall schreibt im Nachruf auf Paul Revellio: „Durch die Erwerbung eines Hauses in der Scheffelstraße (in Villingen), wo ich ihn mehrmals besuchte, wurde Revellio richtig bodenständig. Villingen wurde sozusagen zu seiner zweiten Heimat; doch vergaß er darüber seine erste Heimat nicht. Er blieb dem Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar nach wie vor verbunden und warb ihm als Ausschussmitglied und Vertreter für Villingen neue Mitglieder.“13

Von seiner unermüdlichen Schaffenskraft zeugt auch die Liste seiner Veröffentlichungen, die rund 125 Titel umfasst. Davon sind über 40 zum Teil umfangreiche Arbeiten in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen. Allein 20 Aufsätze und Mitteilungen hat Revellio zwischen 1913 und 1960 für die Schriften des Baarvereins verfasst. Für seine Leistung als Archivar, Museumsleiter und Stadthistoriker erhielt Revellio die Würde eines Ehrenbürgers Villingens zu seinem 75. Geburtstag. Der Baarverein ernannte ihn wie auch zuvor Roder zu seinem Ehrenmitglied.

Dr. Johann Nepomuk Häßler (1898–1981) Nepomuk Häßler trat bereits 1929 dem Baarverein bei und gehörte 1949 bei dessen Wiedergründung dem Ausschuss, 1964–1974 dem Vorstand und später dem Beirat an. Neben seinem Arztberuf „den er mit großer Hingabe in Villingen und Umgebung versah, galt sein persönliches Interesse besonders der Heimatgeschichte.“14 Hier widmete er sich insbesondere der Geschichte Villingens im Spanischen Erbfolgekrieg und der Familienforschung.

Häßler gründete im Jahre 1951 „aus dem Zusammenschluss der Villinger Mitglieder des über hundert Jahre bestehenden, in Donaueschingen beheimateten Vereines für Geschichte und Naturgeschichte der Baar die Villinger Vereinigung für Heimatpflege und Heimatkunde.“15 Anlass der Gründung war eine außerordentliche Tagung des Baarvereins am 30.09.1951 in Villingen, in der neben Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, Prof. Dr. Paul Revellio und Gustav Walzer auch Dr. Häßler einen Vortrag über „eingeleitete Schritte zur Bildung einer Villinger Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde“16 hielt.

Dr. Johann Nepomuk Häßler, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Die Einladung war im Konzept unterzeichnet mit „Baarverein; Mall, Donaueschingen, Dr. Häßler, Villingen, Stadtgemeinde Villingen und Volksbildungswerk“. Der Verein wird in den Villinger Einwohnerbüchern ab 1954 unter dem Namen „Heimatverein“ geführt. Ein ganz besonderes Anliegen war für ihn der Aufbau des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, der Ende der 1960er Jahre aus der Taufe gehoben wurde.

Josef Honold (1888–1967)

Josef Honold wurde 1888 als Sohn des Kaufmannes Thomas Honold in Villingen geboren. Er führte 1925–1930 das elterliche Kurz-, Weiß- und Miederwarengeschäft in Villlingen, war als Diplomkaufmann für verschiedene Firmen des In- und Auslandes tätig und wandte sich nach dem 2. Weltkrieg dem Immobilienhandel zu. Für den Gewerbeverein Villingen ergriff er die Initiative zur Wiedergründung nach dem 2. Weltkrieg. Sein besonderes Interesse galt der Heimatgeschichte. Er schrieb an einer Chronik der Stadt Villingen, deren erster Teil „Villingen 1868–1882“ er in maschinenschriftlicher Form veröffentlichte.17

Honold war Mitglied des Baarvereins und wurde von Karl Siegfried Bader mit Schreiben vom 26. 11. 1943 nach dem Tode des Vorstandsmitgliedes Dr. Heinrich Feurstein als Vorstandsmitglied vorgeschlagen, da „er sich schon bisher lebhaft um den Verein bemüht hat.“18 Honold nahm den Vorschlag dankend an.

Gustav Walzer (1899–1966)

Im Schreiben Baders vom November 1943 wird ein weiteres Vorstandsmitglied, Studienrat Walzer, vorgeschlagen, „der sich durch Arbeiten zur Geschichte Villingens in der Heimatforschung verdient macht und der durch seinen Neustadter Wohnsitz gleichzeitig für uns einen Rückhalt im südöstlichen Schwarzwaldgebiet darstellen kann.“ Walzer begann seine Laufbahn als Lehrer 1935 in Villingen, „für das er immer eine stille Liebe behalten hat“19.

Josef Honold, rechts, Abbildung: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

 

Er wertete das Stadtarchiv Villingen systematisch nach Personen (Biographien) aus und begann eine Edition der Villinger Bürgerbücher. Die Herren Häßler, Honold und Walzer waren untereinander befreundet und standen in regem geistigen Austausch, nicht zuletzt durch ihre Mitgliedschaft im Baarverein. Ihre heimatkundlichen Nachlässe     befinden sich heute im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.20

Weitere Villinger Forscher

Hans Brüstle (1907–1976) wirkte ab 1935 als Lehrer in Villingen und war ab 1964 Leiter der Mittelschule, heute Karl-Brachat-Realschule. Helmut Heinrich schrieb über ihn in seinem Nachruf: „In seiner Liebe zur Heimat – Schwarzwald und Baar – schuf er zahlreiche heimatkundliche Veröffentlichungen; er wurde Mitgründer und Vorstand des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, war im Museumsbeirat“. Brüstle wurde 1957 in den Ausschuss des Baarvereins gewählt und war bis zu seinem Tode 1976 im engeren Vorstand. Es sind noch weitere Villinger Mitglieder im Baarverein zu nennen, die sich durch Vortragstätigkeit und Vorstandsfunktionen hervorgetan haben: Hans Maier verfasste 1928 einen Beitrag zu den Flurnamen der Gemarkung Villingen, den er in erweiterter Fassung später auch als Monographie veröffentlichte21; Benjamin Grüninger, Glockengießereibesitzer in Villingen, war Ehrenmitglied (1927); Dr. Josef Fuchs, Stadtarchivar und Museumsleiter in Villingen und Villingen-Schwenningen, war Mitglied des Ausschusses und hielt im Zeitraum 1970–1980 mehrere Vorträge und veranstaltete Exkursionen.

Villinger Forscher im Vorstand und Ausschuss des Baarvereins

Unter den Villinger Mitglieder im Vorstand und im erweiterten Vorstand des Vereins sind bis zum 2. Weltkrieg fast ausschließlich Lehrer des Villinger Realgymnasiums vertreten: Christian Roder, Eugen Hirth (1921, 1922), Paul Revellio, Emil Winterhalder (1932–1934), Helmut Schellenberg (1935, 1936). Erst gegen Ende des 2. Weltkrieges stoßen der Villinger Handelsmann Josef Honold und Handelsschullehrer Gustav Walzer in den engeren Führungszirkel des Baarvereins. Nach dem 2. Weltkrieg spielt das Gymnasium bei der Rekrutierung des Vorstandes kaum noch eine Rolle: Dr. Nepomuk Häßler, Hans Brüstle, F. K. Wiebelt, Dr. Josef Fuchs, Hildegard Minges, Wolfgang Martin.

Zusammenfassung

1) Der Baarverein hat zur Geschichte Villingens einen direkten Bezug durch die Fürstenbergische Geschichte und die enge Nachbarschaft der Stadt zu Fürstenberg und Donaueschingen.

2) Das erste Villinger Mitglied datiert vom Jahre 1870. Die Mitglieder waren im 19. Jahrhundert fast ausschließlich männlich und kamen aus dem Bildungsbürgertum, wobei der Anteil der Lehrerschaft besonders unter den Aktiven sehr groß war. Die Zahl der Mitglieder aus Villingen folgte in ihrem Auf und Ab den Aktivitäten des Vereins vor Ort. Die Villinger Stadtarchivare Christian Roder und Paul Revellio spielten dabei eine große Rolle. Die Villinger Ortsgruppe war Anfang der 1920er Jahre die stärkste im gesamten Verein, noch vor Donaueschingen. Der Baarverein war demnach kein Donaueschinger Verein. Es kamen nie mehr als 50 % der Mitglieder aus Donaueschingen.

3) Aufgabenstellung, Bibliothek, Archiv, finanzielle Ausstattung und die qualifizierte Leitung des Baarvereins machten es lokalen Gründungen von Geschichtsvereinen auch in Villingen nicht einfach bzw. sie machten diese überflüssig. Die lokalen Forscher der Region betrachteten den Verein zumindest bis in die 1970er Jahre als ihr Medium.

4) Die wirkungsvollsten Villinger Mitglieder des Baarvereins bis zum 2. Weltkrieg waren zweifellos Christian Roder und Paul Revellio. Beide waren Lehrer am Villinger Gymnasium, sie waren die Stadtarchivare, beide betrachteten den Verein und sein Publikationsorgan als wichtigstes Medium ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Sie profitierten vom geistigen Austausch, der durch den Verein ermöglicht wurde und besorgten grundlegende Publikationen zur Stadt- und Regionalgeschichte. Wenn Villinger im Vorstand des Baarvereins waren, dann waren es bis zum 2. Weltkrieg fast ausschließlich Lehrer des Realgymnasiums.

5) Das Villinger Trio Nepomuk Häßler, Josef Honold und Gustav Walzer war in den 1940er und 1950er Jahren für den Verein sehr aktiv. Auch für ihre lokalgeschichtlichen Aktivitäten gilt, dass der Verein ihnen die notwendige Plattform bot.

6) Immer dann, wenn Villinger, Schwenninger oder Villingen-Schwenninger durch Vorträge, Exkursionen u. a. im Baarverein aktiv wurden, stiegen die Mitgliederzahlen am Ort. Viel beachtet wurde die in den Jahren 1998/99 stattgefundene Projektkooperation zwischen Stadtarchiv und Museen Villingen-Schwenningen, Baarverein und anderen Einrichtungen für die Ausstellung „Die Revolution 1848/49 in der Baar“ mit Ausstellungskatalog. Um die Aufmerksamkeit für die Geschichtsvereine zu verstärken und ihre Programme zu verbessern, sind Projektkooperationen, wie sie übrigens bereits anlässlich der Gründung des Geschichts und Heimatvereins Villingen 1969/1970 vorgeschlagen und eine zeitlang praktiziert wurden, ein gutes Mittel.

1 Vgl. Schriften der Baar, Band 49, 2006.

2 TUMBÜLT, Georg (1931): Zur Vorgeschichte und zur Gründung des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte. – In: Schriften der Baar 18, S. 4.

3 Heute: Gymnasium am Romäusring.

4 Archiv des Baarvereins Nr. 65.

5 REVELLIO, Paul (1964): Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Gesammelte Arbeiten. S. 3. Villingen.

6 Der Schwarzwälder Nr. 104 vom 8.5.1934.

7 Nachlass Josef Honold, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 1.42.3 Nr. 154.

8 Revellio, Beiträge. S. 3 f.

9 RODER, Christian (Hg.) (1883): Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 bis 1533. Tübingen.

10 SAVS Best. 2.1.

11 RODER, Christian: Geschichte der Stadt Villingen, Manuskript, unveröffentlicht. SAVS Bestand 2.1 Sign. BBB 14.

12 Nachruf Christian Roder, Autor: Georg TUMBÜLT. – In: Schriften der Baar 15, 1924, S. 118–121.

13 Nachruf Paul Revellio, Autor: Alfred HALL. – In: Schriften der Baar 27, 1968, S. V-XII.

14 Nachruf Johann Nepomuk Häßler, Autor: Hermann PREISER. – In: Schriften der Baar 34, 1982, S. 8.

15 SAVS Bestand 1.41.3 Nr. 154.

16 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

17 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

18 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

19 Nachruf im Schwarzwälder Boten vom 17.01.1966.

20 Nachlass Dr. Nepomuk Häßler, SAVS Bestand l .42.51; Nachlass Josef Honold, SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154; Nachlass Gustav Walzer, SAVS Bestand 2.42.4.

21 MAIER, Hans (1962): Die Flurnamen der Stadt Villingen. Eine Gemarkungskunde. Villingen.

 

Ein Pfennig nur? Villinger Geld des 11. Jahrhunderts (Werner Huger)

Villinger Pfennig in Originalgröße:17

 

Vorderseite        Rückseite

„… tun Wir allen Menschen dieser Welt und auch den künftigen Generationen kund und zu wissen, dass Wir auf Ersuchen des erlauchten Herzogs Hermann Unserem Grafen Berthold das Recht, die allerhöchste Erlaubnis und die Gewalt gegeben, verliehen und bewilligt haben, an einem bestimmten Ort, seinem Flecken Villingen nämlich, einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten. …“1

So lautet der ins Deutsche übertragene Textausschnitt der in kaiserlicher Amtssprache lateinisch verfassten Urkunde Otto III., „Gegeben am 29. März im Jahr 999 nach Christi Geburt …, verhandelt in Rom …“. Mit dieser Rechtsvergabe eines königlichen Regals wurde dem Grafen Berthold neben dem Markt- und Zollrecht sowie der Gerichtsbarkeit die Münzhoheit eingeräumt, verbunden damit die Befugnis zur Münzerzeugung gräflicher Prägung. Gleichzeitig folgert daraus für den Grafen der Münznutzen: Da ist einmal der Gewinn, den der Münzherr (Graf/Herzog) aus der Prägung von Münzen erhielt (Schlagsatz). Dieser ergibt sich aus der Spanne zwischen dem Nominalwert der Münze und der Summe von Metallwert plus aller Herstellungskosten, einschließlich der Kosten der Silbererzgewinnung und der Aufbereitung des im Erz als chemische Verbindung enthaltenen Silbers. Ein solcher Nominalwert (Zahlwert) ist für die Villinger Münze nicht (mehr) zu ermitteln, was uns von vornherein hindert eine Tauschwertrelation Geld/Ware für bestimmte Handelsgüter des Villinger Markts herstellen zu wollen, ganz abgesehen von der Wertänderung eines Wirtschaftsgutes durch das Maß seiner Knappheit (z. B. Ernteüberfluss oder Missernte). Unsere Welt vor tausend Jahren ist eine reine Agrargesellschaft mit den Erzeugnissen einer Urproduktion mit Hilfe der Natur, d.h. Feld, Flur, Wald, Wasser, Tiere sowie den bereits arbeitsteiligen handwerklichen Umformungsprodukten (es gibt das Korn aber auch das Mehl, das Holz aber auch das Rad, das Erz aber auch das Eisen oder das Silber). Villinger Währung verlangt für das Funktionieren eines Marktes nach Villinger Maßeinheiten, die wir zwar mit ihren Arten noch nicht für das 11. Jahrhundert kennen, über schriftliche Zeugnisse aber doch schon für die Fürstenbergische Zeit Ende des 13. Jahrhunderts, z.B. mit dem Scheffel (1274, 1290 „schoeffel“, s. Fußnote 7a). Über das Maßsystem ließ sich eine Preisrelation zur Münze herbeiführen. Der Preis ist der Ausdruck des Tauschwertverhältnisses, erklärt in Pfennig „Villinger Gewichts“.

Eine Rückschau wird schon deshalb verhindert, weil es keine schriftlichen Überlieferungen gibt. Verträge, insbesondere Kaufverträge über Alltagsgeschäfte wurden damals wie heute formlos abgeschlossen und erfüllt. Der Handschlag, die Leistung und Gegenleistung genügten, wie bis in unsere Zeit hinein beim Viehhandel, d.h. es gab darüber keine schriftliche Ausfertigung oder gar die Beurkundung. Wo Rechtsgeschäfte allgemeinen wirtschaftlichen Inhalts einst von Bedeutung waren wirkten bestenfalls Zeugen mit. Auch wir kaufen noch heute unser Gemüse auf dem Markt oder das Fernsehgerät im Laden formlos. Alltagsgeschäfte würden sonst den Wirtschaftsverkehr unverhältnismäßig erschweren. (Ausnahmen bilden z.B. die Formvorschriften beim Grundstückskauf.) Allerdings war bei mittelalterlichen Grundstücksgeschäften (Kauf, Verkauf, Stiftung oder Schenkungen) die Schriftform und die Mitwirkung potenter Zeugen üblich („Brief und Siegel“).

Ein weiterer Münznutzen ergab sich für den Münzherren (Graf ) aus der Bewertung von Zöllen nach Villinger Währung, d.h. den geldlichen Marktanteilen, die wir heutzutage im weitesten Sinne als Umsatzsteuer zu Gunsten des Souveräns bezeichnen würden; denn, dass der Graf und die ihm nachfolgenden Herzöge als Inhaber des Münzprivilegs am Marktgeschehen (Handel) ertragswirksam Anteil nehmen, ist letztlich Sinn des politisch gewollten und deshalb verliehenen Münzregals.

Von dem obigen Grafen Berthold, als Inhaber des Münzprivilegs von 999 n. Chr., sind keine Münzen überliefert.

Nach den Zuweisungen durch Ulrich Klein2 ist die erste Phase Villinger Münztätigkeit „auf die Jahre

1030 – 1050“ zu datieren. Die Münzen gehören demnach in die Zeit Berthold I. „mit dem Barte“, der als Graf im Thurgau, in der Baar, im Breisgau und andernorts Orts- und Territorialherr war. (1061 erlangte er im Zuge der Reichspolitik den Herzogtitel von Kärnten, ohne je dort die Herrschaft ausgeübt zu haben; 1077 wurde er vom Kaiser abgesetzt und starb umnachtet 1078 auf der Limburg oberhalb Weilheim in Schwaben.) Er war der Sohn des Grafen Bezelin (Anm.: Namensynonym für Berthold) von Villingen, von dem in der Wissenschaft nicht klar ist, ob er mit dem Grafen Berthold von 999 identisch ist. Es gibt Hinweise, dass schon auf Berthold I. die Bezeichnung „Zähringer“ Anwendung fand. Jedoch erst als sein Sohn Berthold II. (gest. 1111) sich nach seiner Verlegung des Herrschaftsschwerpunkts von der Limburg nach Westen auf die Burg Zähringen, nördlich Freiburgs, den ergänzenden Familiennamen „von Zähringen“ zulegte, wurden schließlich auch in der königlichen Kanzlei (1130) und später in der Literatur die nachfolgenden Bertholde als „Herzöge von Zähringen“ bezeichnet.3

Die von Ulrich Klein umfassend beschriebenen und in der Serie abgebildeten Villinger Münzen stammen aus aufgefundenen Münzschätzen deren Depotorte weit ab von ihrem „Funktionsbereich“, d.h. für uns dem lokalen und regionalen Marktgeschehen mit dem Bezugsort Villingen, liegen. Ulrich Klein hat darüber eine Fundkarte vorgelegt.4

Von 40 Orten der Funde des 11./12. Jahrhunderts liegen die meisten im Ostseeraum, drei gehören abseits der Ostsee zu Russland. Allerdings konnte U. Klein „durch einen Anfang 1995 bekanntgewordenen Heimatfund aus dem schwäbisch-alemannischen Raum (sogenannter Fund aus der Zeit um 1050)“ mit „1700 Münzen überwiegend aus Basel und Zürich“ auch 14 Münzstücke Villingen zuweisen.5

Der in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Münzgeschichte verführerisch verwendete Ausdruck „Fernhandelspfennig“ als Erklärung für das Vorkommen in den weit abgelegenen Fundorten bedarf aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht einer Einschränkung. Es ist zweifellos richtig, dass insgesamt die deutschen Münzen des 10./11. Jahrhunderts „im Zuge von Handelsbeziehungen“, etwa dem zwischenherrschaftlichen Güterverkehr, in die fernen Länder gelangten, wo sie schließlich zusammen mit „orientalischen und anderen abendländischen Geprägen“ als Schätze gehortet wurden. Es muss allerdings darauf verzichtet werden im Villinger „Fernhandelspfennig“ womöglich einen Beleg für wirtschaftliche Fernverbindungen des Marktortes sehen zu wollen. Dafür war die Funktion der Münze erst gar nicht gedacht. Sie war als allgemeines Tauschmittel für einen flexiblen Markt Lokal- bzw. Regionalgeld, das sich mit seinem Münzbezirk durch den territorialen Umfang der gräflichen Verordnungsgewalt im Marktgeschehen eingrenzte. Der Metallwert des silbernen Gepräges der sich, ohne aufgeprägte Wertangabe, über das reale Gewicht des Edelmetalls bestimmen ließ, war u.a. für die „Wanderschaft“ der Münzen verantwortlich, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass die gehorteten Münzschätze, in denen sich die Villinger Stücke befanden, als Paket Teil des Edelmetallhandels gewesen sein könnten.6

Grundsätzlich galt über viele Jahrhunderte, dass das Münzbild, als künstlerisch gestaltetes bildliches Gepräge des Münzherren, den Metall- oder Stoffwert als Edelmetall legitimierte und gleichzeitig seinen Nennwert bestimmte, ohne dass es, wie bei der Villinger Münze, einer aufgeprägten Wertzahl bedurfte. Während einerseits die Münzbilder die Münzen, solange sie sich allgemeiner Anerkennung erfreuen, in ihrem Wert autorisieren, sind sie andererseits die Hoheitssymbole des Münzherren, der, wie im Falle Villingen, die Münzherrschaft vom Kaiser als Privileg verliehen bekam. Das bedeutete die Privatisierung eines Teils des Münzwesens, auch hinsichtlich anderer mit dem Markt- und Münzrecht beliehener Feudalherren, während der andere Teil beim Monarchen verblieb. Derartige nach Feingehalt, z.B. des Silbers, ausgeprägte und im Wirtschaftsverkehr umlaufende Münzen bezeichnet man, entsprechend ihrem Feingewicht, als Kurantgeld. Den „Wert“ (Tauschwert) des Edelmetalls (Silber oder Gold) als Münzgeld kannten die Menschen schon vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren. Dabei war das Edelmetall der Maßstab seiner Wertschätzung und Begehrtheit. In den wirtschaftlichen Austauschbeziehungen (Handel) wurde es zum raumüberbrückenden stimulierenden Faktor, der dem Naturaltausch Ware gegen Ware oder Dienstleistung nur noch mehr oder weniger lokale Bedeutung zuwies.

Gleichzeitig erklärt sich damit die Beweglichkeit des Münzgeldes über ferne Herrschaftsgrenzen hinweg, ohne dass es organisierter Beziehungen, wie später bei den mittelalterlichen Handelsgesellschaften, etwa der Grossen Ravensburger, oder einheitlicher Staatsgewalt entsprechend dem heutigen europäischen Währungsverbund im Euro bedurfte. Dazu ist allerdings anzumerken, dass heute neben dem funktional viel wichtigeren Buch- aber auch Papiergeld, also stoffwertlosem Geld, die umlaufenden Münzen, vom Euro bis zum Cent, mit ihrem Metall- oder Stoffwert (Zink, Kupfer, Zinn u.a.) unterhalb des auf ihnen aufgeprägten Nennwerts liegen. Man nennt sie Scheidemünzen. Sie enthalten kein Gramm Edelmetall. Scheidemünzen benötigen, wie das Papiergeld, den über das „Münzbild“ erklärten Nennwert, weil auch hier der Stoffwert keine angemessene Tauschwertbedeutung hat; sie sind über eine staatliche Geldverfassung gekürtes oder „geschöpftes“ Geld.

Von den Villinger Stücken des 11. Jahrhunderts kennen wir als Nominal nur den silbernen Pfennig. Kleinere Stückelungen, etwa Scheidemünzen als Nominale, oder auch nur stofflose Rechnungsgrößen, sind im Gegensatz zu spät- und nachmittelalterlichen Prägungen nicht bekannt.

Der Villinger Pfennig wird gelegentlich als „Denar“ bezeichnet.7 Dieser Ausdruck folgt zweifellos der kulturprägenden Tradition der Römer und ihrer Sprache. Alle wichtigen mittelalterlichen Urkunden weltlicher wie kirchlicher Herkunft sind in der Regel lateinisch verfasst, jedoch kommen auch solche in Mittelhochdeutsch vor, was allerdings dann mit Villingen im 11. Jahrhundert nicht zeitkonform wäre.7a Und die Sprache der Gelehrten an den Universitäten war sogar bis ins 18. Jahrhundert das Latein.

Die z.B. im Rheinland an die Römer anschließende merowingische Münzprägung, unter anderem als Nachprägungen oströmischer Goldmünzen (pseudoimperiale Münzen) sowie der Königsmünzen, belegt die Kontinuität des Münzwesens. Sie geht etwa Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. über in die Zeit der fränkischen Landnahme. Schon im 3. Jahrhundert vor Christus kannten die Römer eine Silbermünze die sie Denar nannten. Augustus machte sie 23 v. Chr. zur Hauptmünze des römischen Reiches. Sie hatte einen Durchmesser von 16 – 18 mm und wog 3 – 4 Gramm. Sie verschwand im Zuge einer zunehmenden Münzverschlechterung um die Mitte des 3. Jahrhunderts aus dem Geldkreislauf.8

Merowingische Silberprägungen sind für das 7. und 8. Jahrhundert aus 800 Prägestätten mit 5000

Münzmeistern überliefert. In der nachfolgenden karolingischen Zeit verordnete 793/94 Karl der Große eine Münzreform. Aus ihr gingen die „schweren Denare“ (Novus Denarius) hervor, die, aus Silber geprägt, als Währungseinheit im Reich galten (Kaiserkrönung 800). Diese Pfennige wogen 1,7 Gramm.9

Der „Pfennig“ jedenfalls, den wir alternativ auch als „Denar“ kennen, ist seit der Karolingerzeit die ursprüngliche Bezeichnung „des bis auf wenige Ausnahmen einzigen (silbernen) Münznominals in weiten Teilen Europas“.10 Er wurde zur Normeinheit und erfasste damit auch das Ottonische und Salische Reich bis hinein ins 13. Jahrhundert. Bringen wir es auf den Punkt: Wir haben im „Pfennig“ oder „Denar“ eine Hauptmünze zu sehen, auch wenn sich, wie in Villingen, keine weiteren abgeleiteten Nominale als Stückelung oder nicht ausgeprägte Rechnungsgrößen nachweisen lassen. In Villingen ist demnach der Pfennig die Hauptmünze regionalisierten Münzwesens.

Um wieviel dünner müssen die Villinger Stücke gewesen sein, wenn sie bei etwas mehr als 20 mm Durchmesser und gleichem spezifischen Gewicht des Silbers (10,5) manchmal kaum die Hälfte des karolingischen Pfennigs und, mit einer Ausnahme, weniger als ein Gramm wogen.

Ulrich Klein11 hat für etwa 12 Münzen Gewichte von 0,93, 0,95, 0,96 und 0,98 Gramm ermittelt. Die weitaus größere Zahl bewegt sich allerdings im Stückgewicht zwischen 0,69 und 0,90 Gramm. Man kann wohl nicht sagen, dass es bei der Metallaufbereitung für alle Münzen ein gelungenes normiertes Gewicht gegeben habe, aber das war schon bei antiken Münzen so.

 

Eine heutige runde 10-Cent- Münze als Scheidemünze im Euro, sogar mit niedrigerem spezifischen Gewicht als Silber (10- Cent: Kupfer-Aluminium-Zink-Zinnlegierung = „Nordisches Gold“), besitzt mit 19,75 mm Durchmesser, d.h. etwa dem gleichen Durchmesser wie eine Villinger Münze des 11. Jahrhunderts, ein Gewicht von vier Gramm. Die Stärke der 10-Cent-Münze misst 1,93 Millimeter. Man versuche einen rechnerischen Vergleich anzustellen, wie stark eine Villinger Münze bei einem gerechneten Durchschnittsgewicht von 0,88 Gramm gewesen sein dürfte. Es waren etwa 0,27 Millimeter, die Stärke eines sehr dünnen Plättchens. Beim Vorgang der Prägung mittelalterlicher Münzen mit dem Punzhammer wird man, unbeschadet variierender Techniken, von folgendem Vorgang ausgehen dürfen: Es gab einen Münzstempel, das ist eine Stahlform mit den negativ eingeschnittenen Münzbildern der Vorder- und Rückseite. Bei der Hammerprägung wurde der Unterstempel (Stock) fest in einen Block eingelassen und der Schrötling (= zur Münzplatte aufbereitete Metallscheibe) ihm aufgelegt, der Oberstempel (Eisen) ihm aufgesetzt und durch kräftigen Hammerschlag die Münze geprägt. Eine andere Version lautet: „Die Münzplatte klebte man zwischen zwei Prägestempel. Die eine Seite der Platte legte man auf einen Amboss, während man auf der anderen Seite eine Punze (Anm.: meißelartiger Stempel zum Treiben erhabener Muster) anbrachte, auf die man mit einem Hammer oder Schlegel schlug. Im Verhältnis zu ihrem Durchmesser waren die Platten der antiken Münzen ziemlich dick und daher solide. Die Münzen des Mittelalters hingegen wurden so dünn wie nur möglich gefertigt; sie waren daher verbogen und uneben“.12

Das wird bei den Abbildungen des Villinger Pfennigs bei Ulrich Klein (a.a.O.) augenfällig. Die Austreibungen des Prägeschlags führten zu uneinheitlichen Rändern, die nicht mehr die ideale Form einer ebenen Kreisscheibe besaßen, wo die Randzone punktsymmetrisch den gleichen Abstand zum Mittelpunkt hat. Es gab Verrutschungen, Verluste und Unschärfen des Münzbilds, die sich in ihrer Aussage bzw. Interpretation nur noch dem Fachmann erschließen. Mit den Maßstäben des Münzsammlers müsste man sie im unteren Bereich bewerten.

Folgt man Ulrich Klein13 dann gibt es Villinger Pfennige für die früheste Prägezeit 1030/1040 und zeitlich etwas spätere Prägetypen um 1040/50. Es wären alle demnach Prägungen Berthold I. „mit dem Barte“. Bei der von uns ausgewählten Prägung aus der Zeit um 1030/40 stammen drei Exemplare aus einem Lübecker Fund von 1875, die 1877 von Hermann Dannenberg dem Ort Villingen zugewiesen wurden. (Mit der Einschränkung „bisher“ widerspricht Ulrich Klein nicht.) Sie sind bei Klein als Lübecker Fund auf der Tafel 3 (S. 38) unter den Nummern 8, 11, sowie 14 abgebildet und werden

„aus Sammlung Dannenberg 1892“ mit dem heutigen Verwahrort Berlin aufgeführt. Wie U. Klein anmerkt, gehören sie zum „Typ Dannenberg 1378 und 1378a“. Unter Seite 41 b) stellt Klein fest, es handle sich um „Prägungen mit rückläufiger Umschrift“.

Was immer man sich darunter vorzustellen hat: Das ist das eigentliche Verwirrende an ihnen. (Die von Klein in Tafel 3 mit den Nummern 1 – 7 abgebildeten und auf Seite 41 unter a) erläuterten Münzen seien dagegen „Prägungen mit richtiglaufender Umschrift“.) Nichtsdestoweniger besitzen alle von 1 – 22 abgebildeten und erläuterten Typen die Kennzeichen „Kreuz mit je einem Ringel in den Winkeln (PERCTOLT o.ä.) / Monogramm“. Klein führt das etwas genauer aus „Die Münzen zeigen auf der Vorderseite ein Kreuz mit je einem Ringel in den Winkeln und eine rückläufige, mehr oder weniger verwilderte PERCTOLT-Umschrift.

 

Vorderseite

 

 

 

Rückseite

 

Vergrößerungen des originalen Villinger Pfennigs im Verhältnis 2:1 (Foto: Dr. U. Klein).

Die Rückseite trägt ein unklares Monogramm, das vielleicht Bestandteile von PERCTOLT COMES enthält sowie von einer Trugschrift aus Kreuzen, Ringeln und buchstabenähnlichen Zeichen umgeben ist. Eine eindeutige und überzeugende Erklärung dieser eigenartigen Rückseitendarstellung ist bis heute nicht gelungen“.

Ein bemerkenswertes Wort des Fachmanns. Es erklärt damit die Auslegung Paul Revellios, a.a.O. S. 478, mit dem angeblichen „OTTO DEDCTOLT verschrieben für Berchtolt“ der Vorderseite sowie „OTTO“ und „REX“ für die Rückseite unausgesprochen als Irrtum. Dem ist zuzustimmen, denn OTTO und REX (also der König) war nicht der die Münzen emittierende Münzherr. Vielmehr war es der vom Kaiser (König) mit dem Münzregal (Münzhoheit) ausgestattete Graf Berthold. Eine im Besitz des Verfassers befindliche Münze mit „idealem“ Prägebild (siehe Abbildung unten) ist der Versuch einer Rekonstruktion (Nachprägung), deren vermutliche originale Vorlage sich in einem Petersburger (Leningrader) Museum befindet, wo sie das inzwischen verstorbene Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins, Fabrikant Dr. Wilhelm Binder, im Jahr 1963 ausfindig gemacht hatte. (Siehe Jahresbroschüre XIV, 1989/90, des GHV, S. 128) Binder ließ durch einen Numismatiker einen Wachsabdruck anfertigen und das Exemplar in der staatlichen Münze Karlsruhe rekonstruieren. Damit dürfte der unmittelbare Vergleich mit einer Berliner Münze des Lübecker Fundes ausscheiden. Die Abbildung gibt jedoch zumindest wieder wie die einstigen Originale ausgesehen haben dürften. Weshalb es zur Prägung „mit rückläufiger Umschrift“ kam, vermögen wir als Laie nicht zu sagen. So verwirrend diese Form der Randumschrift auch ist, vermittelt sie doch den Anschein als seien die an sich meisterlich arbeitenden Graveure des Münzbildstempels mit den gelieferten Daten des Münzmeisters schreibunkundig umgegangen. Wie uns Ulrich Klein mündlich wissen ließ ist man mit der Schriftdarstellung schlicht und einfach im Gegenuhrzeigersinn vorgegangen.

 

 

 

 

 

 

Rekonstruktionsversuch des Villinger Pfennigs mit vorder- und Rückseite in Originalgröße.

Rekonstruktionsversuch des Villinger Pfennigs mit vorder- und Rückseite in Originalgröße.Woher kam das Silber, dessen Gepräge auch die Villinger Münze bestimmte? In und um Villingen gab es zwar Mangan- und Eisenerzvorkommen aber kein Silbererz.

Der 1027 zum Kaiser gekrönte König Konrad II. (gest. 1039) überließ 1028 im Zuge seiner Reichspolitik dem Basler Bischof, verbrieft in einer Urkunde, „seine Rechte an gewissen Breisgauer Silbererzvorkommen und Silbergruben in der Grafschaft Bertolds im Breisgau auf alle Zeiten“.14

Diese Urkunde ist das älteste Zeugnis über die Ausbeutung von Erzvorkommen im Schwarzwald an der Schwelle zum Hochmittelalter. In ihr werden mehrere Orte namentlich genannt, „die in einem Revier von rund 50 Kilometer Längenerstreckung am Schwarzwaldrand und in den Tälern zwischen Badenweiler und dem Schauinsland lokalisierbar sind …“. Selbstverständlich gehört dazu eine bischöfliche Münzstätte in Basel. Das Ergebnis einer Dissertation (Bernd Breyvogel) „bezüglich der Erstreckung des Bergregals, wonach es im Unterschied zu den Vogesen im Breisgau bereits im Hochmittelalter ein übergreifendes Bergrecht gegeben habe, das uneingeschränkt in der Hand des Basler Bischofs lag“ wird in der Kritik nicht akzeptiert. „Dieser These liegt eine doch zu oberflächliche Quellenbetrachtung zu Grunde, welche die herrschaftlichen und politischen Verhältnisse zur Zeit der Zähringer und der Freiburger Grafen im Breisgau unberücksichtigt lässt“.15 Schon der Hinweis in der Urkunde von 1028 (s. oben), dass es sich um die Vergabe kaiserlicher Rechte an gewissen Breisgauer Silbererzvorkommen und Silbergruben „in der Grafschaft Bertolds im Breisgau“ handle, lässt aufhorchen. Hier geht es nämlich um die Territorialherrschaft des Zähringergeschlechts. Tatsächlich vermerkt Alfons Zettler16 „Während im Süden das Bergregal vom Basler Bischof an unterschiedliche adlige Herren weiterverliehen wurde, blieb es im Norden offenbar lange Zeit in den Händen der Zähringer Herzöge und bei deren Erben, den Grafen von Freiburg“. Ohne dass eine exakte Zeitstellung möglich wäre, außerdem mit einem gewissen Mangel an Quellenangaben, ist an zähringischen Silbererzabbau um Badenweiler (dem Basler Bischof benachbart), im Münstertal, bis hinauf nach Zähringen, nördlich Freiburgs, zu denken („Die Zähringer II“, a.a.O. S. 45), wobei wir die Zonen Hofsgrund und den benachbarten Schauinsland hinzufügen möchten.

Faszinierend ist es für den heutigen Besucher in das verlassene Labyrinth der ausgeräumten Gänge und Stockwerke im Schauinslandmassiv einzusteigen, wo man schließlich am Ende eines Vortriebs auf die dunkle Wandfläche mineralischer Gemenge mit Einschlüssen des sulfidischen Bleiglanzes (PbS) stößt. Dieses Mineral enthält Silber in der chemischen Verbindung Ag2S (Silberglanz), wenngleich auch nur in der geringen Menge von 0,01 – 0,03, in einzelnen Fällen bis 1 %. Auch mit diesen geringen Mengen war und ist es der Hauptlieferant von Silber in unseren Breitengraden, wobei anscheinend im südlichen Schwarzwald – sehr selten allerdings – auch elementares Silber vorkommt; so wird es auch für den Bereich Hofsgrund und Schauinsland in den oberflächennahen Zonen (Anm.: Tagebau?) vermutet. Wo es sich um silberhaltigen Bleiglanz handelt wird der Anteil mit 0,08 % angenommen, das sind 800 g Silber pro Tonne Bleiglanz. („Die Zähringer II“ a.a.O. S. 47)

(Das heute durch die industrielle Produktion und weltwirtschaftliche Verflechtung in Massen den Silbermarkt verändernde Edelmetall kommt gediegen in Mexiko, Nordamerika, Norwegen u.a. vor.) Die Gewinnung des Silbers erfolgte und erfolgt durch ein mehrstufiges thermo-chemisches Verfahren. Dabei wird der silberhaltige Bleiglanz in Schmelztiegeln auf etwa 450 °C erhitzt und der Schmelze Zink zugesetzt. Das Zink legiert dabei mit Silber und Blei und sammelt sich als sog. Zinkschaum auf der Schmelze an, der leicht abgeschöpft werden kann. Aus der gewonnenen Silber- Zink-Bleilegierung kann man durch Destillation die Legierungselemente Zink und Blei vom Silber trennen. Das für den thermischen Prozess erforderliche Holz lieferte in Fülle der umgebende Schwarzwald. Für unseren Raum dürfte der südwestliche Bereich des Schwarzwaldes im Herrschaftsbereich der auch für Villingen zuständigen Zähringer als Lieferant des Villinger Münzsilbers maßgeblich gewesen sein.

Es ist müßig nach der Münzstätte des Villinger Gepräges im 11. Jahrhundert zu fragen. Es gibt dafür keine ausreichenden Quellen, wenngleich bekannt ist (s. Zotz a.a.O., S. 45), dass es im Zeitalter der Ottonen (bis 1024) in Breisach eine herzogliche Münzstätte gegeben hat. So gibt es bestenfalls Vermutungen.

Nach der Zeitstellung der frühesten bekannten Prägungen Villinger Münzen zwischen 1030 – 1050 könnte es auch in Villingen für die regional beschränkte Verwendungsmöglichkeit der Münze eine Münzstätte gegeben haben. Man möchte dann voraussetzen, dass die eigentliche aufwendige Aufbereitung bzw. Verhüttung der sulfidischen Erze Blei- und Silberglanz im Bereich der Lagerstätten erfolgte und das in Stangen bzw. auch in Plattenform gegossene silberne Münzmetall oder die ausgeschnittenen zur Münzplatte gearbeiteten Schrötlinge von dort nach der Prägestätte verbracht wurden. Die Prägung selbst wäre unter Leitung eines ministerialen Münzmeisters erfolgt, der über den Münzfuß, d.h. die Vorschriften über Schrot (= Rauhgewicht = Bruttogewicht der Münze) und Korn (= Feingehalt = Feingewicht = Edelmetallanteil in einer Münze) zu wachen hatte. Da der technische Aufwand hier nicht umfangreich gewesen ist, hätte, ohne nennenswerten Raumbedarf zur Herstellung ein lediglich gesichertes Refugium genügt. Dieses könnte mit dem zu vermutenden zähringischen Ministerialensitz, der Warenburg, westlich der Brigach, oberhalb des Marktdorfs Villingen (beim heutigen Friedhof ) auf dem Laible angenommen werden; denn noch gibt es ja die „Stadt“ Villingen nicht. Die Villinger Münzen des 11. Jahrhunderts waren – heute eine Plattheit, damals eine Revolution – Geld. Sie bedeuteten am neugeschaffenen Markt den Umstieg von der Naturaltauschwirtschaft (Ware gegen Ware) in die Geldwirtschaft, mit der Münze als allgemeinem Tauschmittel. Eine Tatsache des Marktes: Geld ist geprägte Freiheit der wirtschaftlichen Entscheidungen. Dort wo ein differenziertes Angebot und eine ebensolche Nachfrage zusammentreffen, nämlich am Markt (in seinen vielfältigen Arten), der in Villingen ein lokaler, d.h. punktueller, Güter- bzw. Dienstleistungsmarkt war, kann die Werteinschätzung eines Wirtschaftsgutes über den Preis, ausgedrückt in Geld, zu einem Abschluss kommen. Dafür musste, und muss, das Geld bestimmte Eigenschaften besitzen: Allgemeine Anerkennung, leichter Transport und leichte Aufbewahrung und möglichste Sicherheit gegen Fälschung. Der einstige aus dem fast magischen Edelmetall Silber geprägte Villinger Pfennig ist seit Jahrhunderten aus dem Geldumlauf verschwunden. Er verschwand wie der einstige römische Denar eines „Weltreichs“, wie der Karolinger Pfennig, die „Mark vollgewichtiges Silber Villinger Gewichts“ des 13./14. Jahrhunderts, der Breisgauer Pfennig „Villinger Gewichts“ des 14. Jahrhunderts, der Gulden und der Taler habsburgischer Zeit oder die der Hyperinflation von 1923/24 zum Opfer gefallene einst in Gold eintauschbare papierene Reichsmark der Kaiserzeit, sowie die armselige Mark bei der Währungsreform 1948. Die Ursachen sind vielfältig. Die vermeintliche Ungerechtigkeit einer Geldentwertung („Münzverschlechterung“) folgt den Unzulänglichkeiten menschlicher Natur: Misswirtschaft, rücksichtsloses Verschulden bzw. mangelnde Ausgabendisziplin der Mächtigen, Betrug am Edelmetall (falsche Münze durch Legierung), politische Fehlentscheidungen, Fehden, Kriege, Machtwechsel usw. Die Einschätzung der meisten Ökonomen, dass Geld u.a. auch die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel besitze, gilt, wie die geschichtlichen Fakten lehren, nur auf Zeit. Wäre uns der Villinger Pfennig als silberne Kurantmünze noch begehrenswert, müssten wir aus heutiger Sicht zunächst nach dem Rohstoffwert des Edelmetalls Silber fragen. Wie sich die Zeiten ändern: Auf den Metallmärkten wird derzeit das Silber um 247 Euro pro Kilogramm gehandelt. Nimmt man eine Villinger Münze aus den Jahren um 1030 mit 0,90 Gramm an, dann würde der Metallwert der einstigen Kostbarkeit gerademal noch 22 Cents betragen.

Damit wollen wir es bewenden lassen.

Benutzte und zitierte Literatur:

Revellio Paul, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Schriftenreihe der Stadt Villingen, Herausgeber: Stadt Villingen i. Schwarzwald, Ring Verlag Villingen, 1964 (S. 66 u. 478)

Zotz Thomas, Die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto III. an Graf Berthold für seinen Ort Villingen, in: Villingen und Schwenningen, Geschichte und Kultur, Herausg. Stadt VS, Hermann Kuhn Verlag, 1998; hier Zotz, Seite 11 ff., vgl. ebenso Revellio, a.a.O., (ohne Seitenzahl: Urkunde) sowie Seite 63 ff.

Klein Ulrich, Die Villinger Münzprägung, in: Villingen- Schwenningen, Geschichte und Kultur, Herausg. Stadt VS, Hermann Kuhn Verlag, 1998, Seite 26 ff.

Huger Werner, Die Gründungsidee der Stadt Villingen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XI, 1986/87, Seite 17 u.a.

Sachwörterbuch der Mediävistik, Herausg. P. Dinzelbacher, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1992, Stichwort Münzwesen und Geld Katalog römischer Münzen, Herausg. Ralph Kankelfitz, Battenberg Verlag München, Band 1, 1974

Alte Maße, Münzen und Gewichte, Lexikon, Bibliografisches Institut Mannheim/Wien/Zürich, Meyers Lexikon Verlag, 1986

Die Franken, Wegbereiter Europas, Ausstellung Reiss-Museum Mannheim, 1996, Katalog Seite 509 ff. : Münzprägung an Mosel und Rhein

Burton Hobson, Münzen sammeln als Hobby, Verlag Frech Stuttgart-Botnang, 1965, Seite 72

Bayer / Wende, Wörterbuch zur Geschichte, Alfred Kroner Verlag, 5. Auflage, 1995

Volkert Wilhelm, Kleines Lexikon des Mittelalters, Verlag C.H. Beck, München, 3. Auflage, 2000

Zettler Alfons, Früher Bergbau im südlichen Schwarzwald nach historischen Quellen, in: Früher Bergbau im südlichen Schwarzwald; Archäologische    Informationen    aus    Bd./Wttbg.    41, Landesdenkmalamt Bd./Wttbg., Stuttgart 1999, Seite 43 ff.

Huggle Ursula, Ohler Norbert, Maße, Gewichte und Münzen, Historische Angaben zum Breisgau und zu angrenzenden Gebieten, Konkordia Verlag, Bühl/Baden, 1998 (Stichw. Breisgauer Pfennig) Deutsche Bundesbank, der EURO UNSER Geld – Die Münzen, Stand Februar 2002

Die Zähringer, Anstoß und Wirkung, Hg. Hans Schadek und Karl Schmid, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1986, Katalog zur Zähringerausstellung II, S. 45 u. 47.

Eingescannten Münzen:

a) meine Silbermünze und b) das 10-Cent-Stück, Gerhard Graf, Karlsruhe.

Fußnoten:

1 Zotz Thomas, a.a.O., S. 21, Übersetzung Zettler/Zotz S.11

2 Klein Ulrich, a.a.O., Seite 27

3 Huger Werner, Die Gründungsidee … a.a.O., Seite 79

4 Klein Ulrich, a.a.O., Seite 55

5 ders. S. 29

6 Huger Werner, a.a.0., wirtsch. Gesamtzusammenhänge S. 26 ff. u. S. 17 „Der Geist denkt, das Geld lenkt“.

7 Revellio Paul, a.a.O., S. 66 und S. 478

7a Boewe-Koob Edith und Schulze Ute haben in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs VS, Band 31, unter „Allen die diesen Brief lesen und hören lesen, tue ich kund…“ auf Seite 16 für das Jahr 1274 und Seite 19 für das Jahr 1290 zwei sehr frühe Villinger Beispiele vorgelegt. Vgl. auch die Villinger Zollordnung von 1296, FUB V, Nr. 276 und SAVS, D 4, mit weiteren Maßeinheiten: some = Saum (z.B. Wein), rd 1,5 hl, vuder = Fuder (z.B. salzes, koles, vermutlich Holzkohle), Malter (z.B. trockene Schüttgüter wie Getreide), ca 150 l (?), Imi, rd. 19 l.

8 Katalog römischer Münzen, a.a.0., Seite 19

9 Huger Werner, wie unter 6, Seite 17 und Alte Maße, Münzen Gewichte, a.a.O. S. 394 „Pfennigzeit“ sowie Bayer/Wende, Wörterbuch z.G., a.a.O., S. 432 Stichwort Pfennig

10 wie 9, vgl. auch Volkert Wilhelm, Kleines Lexikon d. MA, a.a.O., Seite 174 f.

11 Klein Ulrich, a.a.O., Seite 41 f.

12 Burton Hobson, Münzen sammeln …, a.a.O., Seite 72

13 Klein Ulrich, a.a.O., S. 27 ff.

14 Zettler Alfons, a.a.0., Seite 43 ff.

15 Butz Eva-Maria, Besprechung der Dissertation von Bernd Breyvogel „Silberbergbau und Silbermünzprägung am südlichen Oberrhein im Mittelalter“, in: Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 49, aus: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 64 (2005), Seite 491

16 Zettler Alfons, wie Fußnote 14, Seite 46; vgl. auch den Plan der Blei-Silber-Erzgänge, S. 45 (Nach Goldenberg in: Steuer/ Zimmermann, 1990)

17 Sämtliche Fotos der Originalmünze des Villinger Pfennigs aus der Zeit 1030/40 wurden von Dr. Ulrich Klein, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart, Münzkabinett, angefertigt und uns zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich namens des GHV herzlich. Sie besitzen einmal Originalgröße und einmal die Vergrößerung 2 : 1, wiedergegeben sind die Vorder- und Rückseite. Das Gewicht der Münze: 0,96 g. Quelle siehe unter „Benutzte und zitierte Literatur“. Vgl. Abb. Klein, a.a.O., Nr. 8

Glorreiche Villinger Fußballzeiten – Als „Wu“ im Nationaltrikot kickte (Hermann Colli)

Hermann Gramlich spielte für Deutschland / Erinnerungen im WM-Jahr 2006

Hermann Gramlich, den die Villinger Fußballfreunde „Wu“ nannten, war wohl der Kicker des FC 08, der zu den höchsten Fußballehren aufstieg. Dreimal trug er das Trikot der National elf. Hier im Gespräch mit dem wohl bekanntesten deutschen Fußballtrainer aller Zeiten, Sepp Herberger.

 

Das Fußballfieber hatte 2006, als die besten Kicker der Welt in Deutschland ihren Meister suchten, die ganze Nation ergriffen. Eine wahre Euphorie schwappte durchs Land. Ein Rausch in schwarz rot-gold! Auch in Villingen gab es kaum ein anderes Thema als die WM.

Bei den älteren Fußballfans, besonders denen des FC 08 Villingen, taucht beim Thema Nationalelf immer ein Name auf: Hermann Gramlich. Aber kaum einer der alten Nullacht-Hasen nennt ihn bei seinem richtigen Namen, alle sprechen nur von „Wu“. Von diesem „Wu“, der dreimal das Trikot der Deutschen Nationalmannschaft trug, schwärmen die Nullachter, die 2008 dem hundertsten Geburtstag ihres Club feiern können, noch heute.

Jubelszenen wie auf diesem Bild spielten sich während der Fußball Weltmeisterschaft 2006, die zu einem Höhepunkt der Fußballgeschichte wurde, überall in Deutschland ab. Die Straßen waren zum Teil in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer getaucht. Hier wird der spontan gestartete Autocorso in der Südstadt, vor dem St. Fidelisheim, von begeisterten Fans gestoppt.

 

Ein eisenharter Verteidiger mit einem mächtigen Schuss sei er gewesen, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass der Villinger Traditionsverein in den 30er-Jahren in die Gauliga, damals die höchste Spielklasse im Badischen Ländle, aufstieg. Er sorgte auch dafür, dass die Kicker aus der Zähringerstadt in den Dreißiger Jahren in Fußballkreisen Südwestdeutschlands einen ausgezeichneten Ruf genossen.

In zahlreichen Auswahl- und Repräsentativspielen kickte „Wu“ für seine badische Heimat. Und so war es nicht verwunderlich, dass der damalige Reichstrainer Otto Nerz und sein Assistent Sepp Herberger auf ihn aufmerksam wurden. Dreimal wurde er 1935 in die Nationalelf berufen. Gegen Luxemburg, Rumänien und Polen – damals in er berühmten „Breslauer-Elf“ – trug er das Trikot mit dem Adler auf der Brust.

In der 08-Jugend spielte er zunächst Linksaußen, kam dabei aber wohl nicht so richtig zum Zuge. Als er auf den linken Verteidigerposten wechselte, begann sein steiler Aufstieg. Als 17-jähriger wurde er erstmalig in die „Erste“ der Nullachter berufen. Gegen den Freiburger FC ging’s und Hermann Gramlich zeigte eine so starke Leistung, dass ihm danach ein Stammplatz sicher war.

Seine Schüsse waren bei den gegnerischen Torhütern gefürchtet. Und wenn er einen Strafstoß trat oder einen Eckball herein gab, dann soll er immer ein befreiendes: „Wu“! ausgestoßen haben, was ihm schließlich den Spitznamen, der zu einem Markenzeichen für ihn wurde, eingebracht hat. Seine Verdienste wurden auch in Büchern von Werner Jörres und Herbert Schroff („Erinnerungen an eine alte Stadt II“) und Klaus Willner („Vom Spiel zum Sport“) gewürdigt. Hier soll an den Sportler Gramlich erinnert werden, der ein gutes Stück heimischer Sportgeschichte mitgeschrieben hat und der, viel zu jung, am 6. Februar 1942 als Soldat in Russland gefallen ist.

Herbert Schroff hat über den „Nullacht-Wu“ eine ganze Menge Geschichten, Bilder und zahlreiche Dokumente gesammelt. „Ich habe ihn noch gekannt und, wie alle alten Nullachter, schwer bewundert und verehrt.“ schwärmt der heute 82- Jährige ehemalige Saba-Reporter und Berichterstatter für die Lokalzeitungen seiner Villinger Heimatstadt.

Fußball lag bei den Gramlichs offenbar im Blut.Elke Fischer, Ehefrau des Narro-Ehrenzunft-meisters und Beiratsmitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen, Karl-Heinz Fischer, hat davon auch wohl einige kräftige Spritzer abbekommen. Ihr 1993 verstorbener Vater, Eugen Gramlich, der fast 20 Jahre Werkmeister bei der FirmaWinkler und ein Bruder von „Wu“ war, würdigte zu Hause oft dessen fußballerische Heldentaten.

Er schrieb ein Stück Villinger Fußballgeschichte: Egon Mauch. Auch wie hier im Trikot der Altherren-Mannschaft schoss er eine Menge Tore für seine Nullachter. In den 30er-Jahren gehörte er zu den gefürchtetsten Stürmern des Villinger Traditionsvereins.

 

Der FC 08 Villingen gehörte immer zu den profiliertesten Teams im Schwarzwald. Und die Nullachter waren immer stolz auf ihren Nationalspieler Hermann Gramlich, der sich auf diesem Fotodokument aus dem Archiv von Herbert Schroff, als linker Verteidiger (vorn rechts kniend) präsentiert. Das Bild wurde 1933 aufgenommen als die Villinger Schwarzwaldkreismeister wurden.

 

Er selbst hatte zwar nie die Kickstiefel angezogen, aber sein Herz schlug für den Fußball. „Mein Vater war Rädelsführer bei Gründung des Winkler-Fußball- Club erzählt Elke und sie erinnert sich noch gut daran, dass sie früher die verdreckten und verschwitzen Trikots der Winkler-Kicker waschen musste. Nach alter Väter Sitte: Von Hand, mit Wurzelbürste und Waschbrett, versteht sich. Wie bei Winkler gab es damals noch einige andere Betriebsmannschaften, die sich untereinander auf dem Fußballplatz oft heiße Schlachten lieferten

In einem Atemzug mit den Geschichten von „Wu“ berichten eingefleischte und in Erinnerun-gen schwelgende Nullacht-Senioren von Egon Mauch. Hielt in den 30er-Jahren Hermann hinten den Kasten dicht, so sorgte vorne Egon für Tore. In der Saison 1932/33 setzte er den Torhütern der Gegner 30 „Eier“ ins Netz! Er spielte bis in hohe Fußball-alter, zuletzt in der Altherren-Mannschaft für seinen FC 08. Zu nationalen Ehren hat es den Egon nicht gereicht. Aber es hält sich da immer noch hartnäckig die Geschichte, dass da einige einfluss- reiche Leute des Vereins daran gedreht haben sollen. Eben diese hätten die Einladungen des Deutschen Fußballbundes an Egon Mauch zu Lehrgängen und Schulungen einfach unterschlagen. Der Grund: Angst vor Abwerbung ihres talentierten Stürmerstars. Das gab’s also damals schon! Und so blieb der Egon immer ein Nullachter, denn auch als er die Kickschuhe längst an den Nagel gehängt hatte, blieb er seinem Club treu, in dem er bis zu seinem Lebensende zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben ausübte.

 

Da bin ich zu Hause (Klaus Merkle)


Eine Wohnung ist nicht nur ein Dach über dem Kopf. Die eigenen vier Wände bedeuten Geborgenheit, Wärme und Schutz, die wiederum das sichere Gefühl vermitteln, zu Hause und ganz privat zu sein. „Hier bin ich Mensch – hier darf ich sein“. Daheim zu sein, ein Heim zu besitzen und sich heimelig fühlen, dafür steht die Wohnungsbaugenossenschaft „Familienheim“ seit 57 Jahren.

 

Erste Mitgliederversammlung 1950 im Kath. Gemeindehaus in der Waldstraße 2. Auf dem Bild (von links): Pfarrer Carl – ev. Paulusgemeinde / Kurat Huck – St. Konrad / Prälat Walter – Ordinariat Freiburg / Landrat Dr. Astfäller / Karl Brachat / Albert Haas / Dr. Look / im Hintergrund links – Walter Graumann, Dirigent der Stadtharmionie.

 

Am Anfang war die Idee 

Ihr folgte die Tat auf den Fuß. Man krempelte die Ärmel hoch, spukte kräftig in die Hände, griff zur Schaufel und Spitzhacke, schuf eine Baugrube; trug dann Stein auf Stein und errichtete die ersten Eigenheime. Der Traum vom eigenen Häuschen wurde Wirklichkeit. Und das in einer Zeit, in der noch vieles in Trümmern lag und Ruinen den Weg zur guten Tat säumten. Der offizielle Startschuss zu diesem beispielhaften Kraftakt heimischen Wiederaufbaus fiel am 19. September 1949. An diesem Tag wurde im geschichtsträchtigen Rathaussaal in Villingen ein Stück neuerer Geschichte geschrieben: Die Baugenossenschaft „Neue Heimat“ wurde aus der Taufe gehoben. Im Verlauf ihres mittlerweile fast 60 Jahre währenden Lebens dehnte sie ihr Verbreitungsgebiet im Schwarzwald, auf der Baar und am Heuberg aus.

So spontan die Geburtsstunde erscheinen mag, so war sie doch das Ergebnis sachlicher und zielgerichteter Vorarbeit. Denn auch dieses Kind der Nachkriegszeit war ja keineswegs auf Rosen gebettet. Dass es überhaupt zur Welt kam, ergab sich aus zwingenden Notwendigkeiten: Die Leute standen buchstäblich auf der Straße. Also musste geholfen werden. Hoffnung und Zuversicht paarten sich mit der Erkenntnis, dass die schweren Aufgaben nur gemeinsam zu bewältigen sein werden.

Es gibt eine gesellschafts- und sozialpolitische Großtat, die noch heute weltweit Anerkennung findet: Wie grandios das damalige geschrumpfte Deutschland das Flüchtlingsproblem aus eigener Kraft gelöst hat. Es war in der Tat ein Solidaritätspakt gemeinsamen Handelns und tief empfundener Hilfsbereitschaft.

 

 

Ewald Merkle überreicht einem der ersten Siedler, der in der Südstadt sein eigenes Haus beziehen konnte, den Hausschlüssel. Bild (von links): Siedler Letze, die Vorstände Albert Haas, Karl Brachat und Ewald Merkle.

 

Ein exzellentes organisatorisches Beispiel dafür ist, dass schon 1947 die Erzdiözese Freiburg zur Bauhilfesammlung aufgerufen hatte. Frauen und Männer gingen von Tür zur Tür und sammelten kleinere Beträge, mit denen im besten Sinne des Wortes Bausteine für die Versorgung der hier eingetroffenen Flüchtlinge geschaffen werden konnten. Und am 01. Januar 1948 eröffnete das Katholische Volksbüro Villingen für die Dekanate Villingen, Donaueschingen, Geisingen und Kinzigtal seine Geschäftsräume – die eigentliche Wiege der Baugenossenschaft Familienheim. Leiter dieses Büros wurde Ewald Merkle, der dann in der langen Zeit seiner Tätigkeit als Familienheim-Geschäftsführer die erfolgreiche Entwicklung entscheidend prägte. Mit der damals beginnenden langjährigen und segensreichen Bautätigkeit sind die Namen Karl Brachat (Rektor und Landtagsabgeordneter), Max Weinmann (Dekan und Münsterpfarrer) und Dr. Josef Astfäller (Landrat und erster Aufsichtsratsvorsitzender) untrennbar verbunden.

Wie großartig die Leistung dieser Männer war belegt auch die Tatsache, dass die Herren Brachat, Weinmann und Merkle die Ehrenbürgerwürde ihrer Heimatstadt Villingen erhielten.

Wo ein Wille ist, ist ein Weg!

Denn „vom Bauen hatten wir alle nur wenig Ahnung“, wie sich einer der Gründerväter noch gut erinnert. Doch viel wichtiger als die Ahnung vom Bauen war die starke Bereitschaft, anderen zu helfen. Dazu gehörte auch, aus jeder Situation das Beste zu machen und notfalls zu improvisieren.

 

Erlenstraße.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sinnvollerweise und aus nahe liegenden Gründen hatte man der heimischen Genossenschaft den Namen „Neue Heimat“ verliehen – ein Name, der Jahrzehnte später leider ein Synonym für Skandale wurde, weil die gewerkschaftseigene Neue Heimat– von riesigen Schlagzeilen begleitet – in Konkurs geriet. Um mit dieser Einrichtung nicht verwechselt zu werden, hieß die heimische Baugenossenschaft ab dem 20. November 1982 „Familienheim“.

Familienheim – ein zuverlässiger Partner beim Bauen und Wohnen

Wer mit Familienheim baut, baut nicht mehr auf Sand. Der sucht sich vielmehr einen festen Stand – was bei Familienheim im doppelten Sinne zu verstehen ist: Materiell und finanziell. Diese grundsätzliche Einstellung bestimmte von Anfang an alle Absichten der heimischen Wohnungsbaugenossenschaft, die sich im Verlauf ihrer langen Geschichte zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen entwickelte. Denn damals wie heute gilt: Sozial, seriös, solide und praktisch. Nach der Gründung im September des Jahres 1949 erfolgte bereits wenige Monate später in der Südstadt der erste Spatenstich für 50 Eigenheime. Nahezu zeitgleich konnte in Bad Dürrheim mit 10 und in Niedereschach mit 5 Eigenheimen begonnen werden. Nach den ersten Kostenvoranschlägen lagen die Baukosten pro Eigenheim bei DM 14.000,00. Jeder Siedler musste DM 1.000,00 als Eigenmittel zur Verfügung stellen und für weitere DM 1.000,00 Eigenleistungen erbringen. Das war der Grundstock für die ersten Eigenheime.

 

 

Baustelle Altenheim St. Lioba, 1955.

 

Das elementare Ziel der Genossenschaft haben die Verantwortlichen nie aus den Augen verloren; zumal sich bis zum heutigen Tag an der grundsätzlichen Ausrichtung nichts geändert hat. Es galt und gilt nach wie vor:

– die Wohnungsnot durch verstärkten Wohnungsbau zu beheben und zudem dem jeweiligen Bedarf zu entsprechen;

– vor allem solche Wohnungen in ausreichendem Maße zu bauen, die dem Wohnbedarf der Familien entgegenkommen;

– darüber hinaus das familiengerechte Eigenheim und die Eigentumswohnung als optimale Wohnform für Familien zu verbreiten;

– schließlich so viele Eigenheime wie möglich und so viele Mietwohnungen wie nötig zu schaffen.

Jahre des Wachstums

Überwog am Anfang der 50er Jahre der Bau von Siedlerhäusern und Eigentumswohnungen, so richtete sich in den 60er Jahren das Augenmerk verstärkt auf die Errichtung von Mietwohnungen. Bereits 10 Jahre nach Gründung der Genossenschaft belief sich das Bauvolumen auf über tausend Wohnungen. Diese beeindruckenden Erfolge setzten sich bis zum heutigen Tag fort. Die Gesamtbauleistung der Familienheim liegt bis zum heutigen Tag bei weit über 4.000 Wohneinheiten. Heute besitzt die Familienheim rd. 2.600 eigene Genossenschaftswohnungen. Über 1.500 Eigenheime und Eigentumswohnungen wurden bis heute gebaut und für etwa 150 Betreuungsmaßnahmen zeichnet die Familienheim Verantwortung.

Baustelle Hochhaus am Berliner Platz aufgenommen 15. 6. 1963.

 

Neue Aufgaben 

Die umfangreiche Tätigkeit von Familienheim gilt natürlich in erster Linie der Schaffung von Wohnraum und dem Bedürfnis die bestehende Wohnungsnot zu lindern und auf ein Minimum zu reduzieren. Dass die Baugenossenschaft gerade daran einen erheblichen Anteil hat, gehört zu den enormen gesellschaftspolitischen Leistungen in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.

 

Heutige Geschäftsstelle in der Pontarlierstraße 9.

 

 

 

Der Bestand an Wohnungen ist treffender Beweis dafür, wie Aufbauarbeit grundsätzlich verstanden und schließlich in die Tat umgesetzt werden kann. Der heimischen Bevölkerung wurde und wird damit ein großer Dienst erwiesen. Wohnen bedeutet jedoch auch immer unterschiedliche Altersgruppen zu berücksichtigen. Es passt ins Bild der Baugenossenschaft Familienheim, dass sie im Verlauf ihres Bestehens das Altenheim St. Lioba in Villingen erstellte, ebenso Wohnanlagen für betreutes Wohnen, aber auch Kindergärten und öffentliche Gebäude erstellte, auch beim Bau von Kirchen, Gemeindezentren und öffentlichen Gebäuden mitwirkte. Man schaffte auch infrastrukturelle Voraussetzungen in den Wohngebieten. Das geschah mit dem Bau von Ladenlokalen, Einrichtungen für Dienstleistungsunternehmen aller Art, mit Garagen und Stellplätzen.

Grundsteinlegung Münsterzentrum 27. 06. 76

 

Von links: Lehmann, Messmer, Fleig, Merkle, Hellweg?, Käfer, Bachert, Hupfer, Eck, Schuhbauer.

 

 

 

Zur Geschichte der Familienheim gehörte freilich ebenso – quasi als Interpunktionszeichen – der Bau des Gemeindezentrums Münster in Villingen, ein vielseitig beanspruchter Versammlungs- und Veranstaltungsort, der mittlerweile zum Inbegriff multifunktionaler Nutzung geworden ist.

 

Zusammenschluss 

Das einzig Beständige ist der Wandel – und dem ist die Baugenossenschaft Familienheim genauso aus gesetzt wie jede andere wirtschaftliche Einrichtung. In der erfolgreichen Firmengeschichte der Familienheim ist der 21. September 1993 ein besonderes Datum, denn an diesem Tag vollzog sich die Fusion mit der Baugenossenschaft St. Georgen. Die Verantwortlichen der bis dahin ehrenamtlich geführten Baugenossenschaft in St. Georgen erkannten, dass die Zukunft nur mit einem größeren Partner gesichert werden kann, was sich dann in der Folge auch bewahrheitet hat.

Verantwortungsvolle Dienstleistung

Die Familienheim als modernes, gesundes und leistungsfähiges Dienstleistungsunternehmen orientiert sich an den regionalen Marktgegebenheiten. Korrektiv und regulativ wirken auch hier Angebot und Nachfrage. Die Familienheim hat zudem einen genossenschaftlichen Auftrag zu erfüllen, der darin besteht, möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern preiswerten und guten Wohnraum zu verschaffen. Veränderungen im Nachfrageverhalten und im Wertesystem der Bevölkerung gilt es ständig sensibel zu begegnen und sich darauf einzustellen.

Die Zahl der klassischen Familien (Vater, Mutter, Kind) ist rückläufig. Dafür nimmt der Anteil der Alleinerziehenden und so genannten Single- Haushalte zu. Die Gruppe der älteren Mieter nimmt von Jahr zu Jahr zu, ebenso der Anteil der Migranten – im Ausland geborene Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Daraus ergeben sich die zeitgemäß dringenden Aufgaben das Wohnumfeld sinnvoll zu gestalten, soziale Hilfestellungen zu leisten und für den Erhalt von wertorientierten Grundprinzipien im Umgang miteinander einzutreten.

Kostengünstig planen und arbeiten

Eine Herausforderung besonderer Art ist das effiziente Gebäude- und Kostenmanagement. Für Mieter und Vermieter spielen die Betriebskosten eine bedeutende Rolle. Wichtig ist deshalb, alle Möglichkeiten einer durchdachten Kostenrechnung zu nutzen, die letztendlich der im Vordergrund stehenden Bestandserhaltung zugute kommen. So dienen energetische Modernisierungs maßnahmen des Althausbestandes der Ökologie und dem Geldbeutel gleichermaßen. Die moderne Dienstleistung des Unternehmens „Familienheim“ äußert sich ebenso in dem frühzeitigen Erkennen von lokalen und regionalen Marktchancen.

 

 

 

 

Doppelhäuser in der Keferstraße.

 

Ursula-Haider-Straße.

 

 

 

Milanstr.

 

Detailansicht Karlsbader Straße 22 und 24.

 

 

Was das Neubaugeschäft angeht, hat die Familienheim insofern eine besondere Stellung, als sie gezielt in Marktlücken vorstößt. Ob gute Mietwohnungen, qualitativ hochwertige Eigentumswohnungen und Eigenheime – Ziel ist es, die Projekte so zu verwirklichen, dass sie letztendlich den Wünschen und Vorstellungen des Mieters oder des Besitzers voll und ganz entsprechen – und zwar finanziell und gestalterisch. Dieses Ziel zu erreichen schließt ein, auch neue Wege zu beschreiten.

Für Familien

Familiengerechtes Bauen heißt, kostengünstig zu bauen, was aber keineswegs bedeutet, die Wohnfläche zu minimieren oder auf Keller, Bauqualität oder gute Architektur zu verzichten. Neue hochwertige, innovative und variabel gestaltete Wohnkonzepte bestätigen dies und finden bei der Hauptzielgruppe, der Familie, große Beachtung.

Ein breites Spektrum

Das wohnungswirtschaftliche Leistungsspektrum der Familienheim schließt heute einen umfangreichen Service aus einer Hand bei Neubau, Modernisierung und Sanierung ein. Die „Familienheim“ kümmert sich um:

– die Planung, Finanzierung und Erstellung von preiswerten und familiengerechten Eigenheimen, Eigentumswohnungen und Mietwohnungen,

– den Bau von Versorgungs-, Infrastruktur- und Gemeinschaftseinrichtungen,

– Familienheim baut Kindergärten, Gemeindehäuser, Altenheime, Ladengeschäfte und Gewerbeflächen,

– die Vermietung bezahlbarer und sicherer Mietwohnungen – sowohl für den Eigenbestand als auch für Eigentümergemeinschaften. „Familienheim“ sorgt für die Instandsetzung und Modernisierung der Immobilie und für deren Anpassung an neue Wohnstandards. Dazu gehört selbstverständlich die Umsetzung von neuen Wohnformen, insbesondere im Bereich des betreuten Wohnens im Alter, wie auch für Behinderte,

– die Entwicklung von Wohnmodellen für Wohnungsnotfälle, u. a. in Kooperation mit Sozialeinrichtungen und karitativen Verbänden,

– die Anwendung kostengünstiger und flächensparender Bauweisen und den Einsatz von innovativen, energiesparenden Techniken im Wohnungsund Städtebau,

– eine Spezialität der Familienheim ist auch der Bau anspruchsvollen Wohnens, das höchsten Standards entspricht. Eindrucksvolle Beispiele finden sich im ganzen Stadtgebiet wieder. Jüngstes Vorzeigeobjekt ist die Eigentumswohnanlage im Riet, wo auf dem Areal des Winkler Ausbildungszentrums Turmgasse ein Haus von ganz besonderer Klasse entstanden ist.

 

 

Fassade in der Turmgasse

 

 

 

und Eingang

 

 

Umweltschutz

Der Umweltschutz steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Moderne Technologien helfen die CO2-Emmission zu reduzieren, indem Primärenergie durch Wärmedämmung aller Art eingespart und rational eingesetzt wird. Schon vor einigen Jahren wurde zu dem mit energiesparenden Maßnahmen experimentiert. Die Familienheim baute die ersten Blockheizkraftwerke für Wohnanlagen in Villingen. Bei der Brauchwassererwärmung über Solaranlagen hat die Baugenossenschaft bereits reichhaltige praktische Erfahrungen gesammelt. Die neueste Herausforderung wird der Bau eines Passivhauses sein, mit dessen Planung bereits begonnen wurde. Das Haus kommt ohne eine herkömmliche Heizung aus und garantiert dennoch Wohlbehagen und hohe Wohnqualität – es wird übrigens eines der ersten Miethäuser in ganz Deutschland sein, das diese hohen Qualitätsstandards erfüllt.

 

Miethaus in der Karlsbader Straße / Haslach.

 

 

Gestalterische Akzente 

Städtebauliche Akzente machen deutlich, über welchen großen zeitlichen und gestalterischen Aktionsradius Familienheim verfügt. Die 57jährige Tätigkeit und die damit verbundene Erfahrung ist die optimale Voraussetzung, die Zukunftsaufgaben beherzt und gekonnt anzupacken, denn ganze Straßenzüge, ja ganze Stadtteile hat Familienheim mitgestaltet. Große Teile der Südstadt, des Goldenen Bühl, des Haslach und des Steppach in Villingen sind unter der Regie dieses Unternehmens entstanden.

 

Neue Fassade mit Vollwärmeschutz.

 

 

 

Energetische Modernisierung hilft Nebenkosten sparen.

 

 

 

 

Saniertes Miethaus.

 

 

 

 

 

 

 

Zukunftsperspektiven

Die in der Verantwortung stehenden Personen – die Vorstände, die Aufsichtsräte und die Mitarbeiterschaft – haben im Verlauf der zurückliegenden Jahr zehnte zum erfolgreichen Wirken der Genossenschaft beigetragen. Alle miteinander können stolz darauf sein, dass die Familienheim Schwarzwald-Baar-Heuberg eG ein angesehenes Unternehmen in Villingen-Schwenningen und in der ganzen Region ist. Spitze des Aufsichtsrats. Mit ihm sind weitere 6 Aufsichtsratsmitglieder in diesem wichtigen Gremium tätig. Das immer gute und vertrauensvolle Verhältnis zwischen Aufsichtsrat und Vorstand hat ganz erheblichen Anteil am Erfolg des Unternehmens Familienheim.

Was Männer, wie Ewald Merkle, Karl Brachat, Albert Haas und Josef Astfäller vor mehr als einem halben Jahrhundert auf den Weg brachten, wird heute von einem leistungsfähigen und hochmotivierten Team im Sinne der Gründerväter fortgesetzt.

Seit 1990 wird die „Familienheim“ von Klaus Merkle geleitet. Ihm steht Martin Renner als weiteres Vorstandsmitglied zur Seite. Unterstützt werden sie von 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der kaufmännischen Verwaltung und 7 Handwerkern im Regiebetrieb.

Siegfried Wolber, ehemals Vorstandsvorsitzender der Volksbank eG Villingen, steht seit 2001 an der Spitze des Aufsichtsrats. Mit ihm sind weitere 6 Aufsichtsratsmitglieder in diesem wichtigen Gremium tätig. Das immer gute und vertrauensvolle Verhältnis zwischen Aufsichtsrat und Vorstand hat ganz erheblichen Anteil am Erfolg des Unternehmens Familienheim.

 

 

 

Stettiner Straße 12 / Haslach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Service – rund ums Wohnen

Es reicht schon langen nicht mehr aus nur eineWohnung zur Verfügung zu stellen. Als Ge-nossenschaft trägt die „Familienheim“ gegenüberden Mietern und Mitgliedern Verantwortung.Dazu kommt, dass der Wandel auf den Woh-nungsmärkten nicht ignoriert werden darf. DieMieter und Wohnungseigentümer erwarten eineWohnung, die in ein umfangreiches ServiceundDienstleistungsangebot eingebettet ist. Deshalb istes nur selbstverständlich mit vielen zusätzlichenAngeboten, die kundenorientiert, flexibel undbezahlbar sind, den Genossenschaftsmitgliederneinen allumfassenden Service zu bieten.Wichtig zu wissen: Die Angebote der Familienheimstehen allen offen. Die Mitgliedschaft ist nur fürdie Dauer eines Mietverhältnisses bindend. Wereine Wohnung kauft oder andere Dienstleistungenin Anspruch nimmt, muss nicht Mitglied sein. Es lohnt sich aber, denn jedes Mitglied ist am Erfolg des Unternehmens beteiligt. Derzeit zahlt die Familienheim 4 % Dividende auf das einbezahlteKapital. Das ist eine sichere und gute Geldanlage.

 

 

 

 

Blick zu den Münstertürmen / Wohnen im Riet.

 

 

 

Wohn- und Lebensqualität in einmalig schönen Eigentumswohnungen im Rietviertel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die einstige Trockenlegung der Stadt: Ein letzter Blick ins 19. Jahrhundert (Werner Huger)

Liest man die alten Ratsprotokolle, so stellt man fest, dass noch in der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entsumpfung der mittelalterlichen Stadt wohl als das wichtigste kommunalpolitische Problem angesehen werden musste. Das gesamte Regen-, Schnee- und Brauchwasser sowie Abwasser blieb ja zunächst in der Stadt und nach einem Regen verwandelten sich die zum größten Teil noch ungepflasterten Straßen in Dreck und Schlamm. … Hinzu kam die Unzulänglichkeit der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Pflasterungen der vier Hauptstraßen. … Alle Nebenstraßen (Gassen) waren noch ungepflastert bzw. nicht versiegelt. … Unrat aller Art floss noch immer auf die Straßen; so schreibt es Ulrich Rodenwaldt.1

Das alte Kanalsystem des 19. Jahrhunderts in der Innenstadt wird ergraben, beseitigt und durch Röhren ersetzt. Hier: Webergasse, Mai 2006

 

In den Jahren und Jahrzehnten ab 1834 entfaltete die Stadt aufgrund ihrer Ratsbeschlüsse nachhaltig die finanziell aufwendigen Aktivitäten. 1842 kam es im Großen Bürgerausschuss zu einem wichtigen Beschluss, der unter anderem „die Tieferlegung bestehender und Anlegung neuer Kanäle in der hiesigen Stadt und Überwölbung derselben nach dem hierüber vorliegenden Riss und Überschlag der Großherzoglichen Straßenbauinspektion“ beinhaltete. Dazu heißt es für eine erste Initiative „Die Kanäle (Red. Anm.: Sie werden gelegentlich heute noch fälschlicherweise als „Stadtbäche“ bezeichnet, obwohl sie kanalisierte Ableitungen und keine natürlichen Fließwasser waren.) durch die Bicken- und Niedere Straße, die Gerber-, Färber-, Käs- (Anm.: heute der Ostteil der Brunnenstraße) und Beckergasse sollen tiefergelegt und überwölbt werden. Durch die Josefs- und Hafnergasse, die Münster- und Löwen- (Anm.: heute Hans-Kraut-) und Bärengasse sollen gewölbte Feuergräben angelegt werden. Zu den Gewölbemauern sollen die Steine der Stadttore und Ringmauer, soweit tunlich, verwendet werden“.

Ulrich Rodenwaldt, a.a.O., kommentiert: Nun wurde aber ein Anfang gemacht, die alten „Bäch“ wurden tiefer gelegt und sollten zugleich als Entwässerungsgräben dienen. Wegen der dadurch entstehenden Gefahr müssten sie aber gemauert und gewölbt werden, sollten also künftig unterirdisch verlaufen.

Dazu merken wir an: Ob es zu einer wenigstens streckenweisen (Hauptstraßen?) Überwölbung der „Dolen“, im Sinne gedeckter Abzugsgräben, kam, ist nicht (mehr) zu klären. Schließlich hat man unter „Wölbung“ eine gekrümmte Raumdecke zu verstehen, deren einfachste Form das Tonnengewölbe ist. So ist zwar in einem Ratsbeschluss von 1859 für den Bereich Färberstraße von „Überwölbung des dortigen Kanals“ die Rede, andererseits heißt es in einem Beschluss von 1861 „… Von der Löwengasse bis in den inneren Stadtgraben soll die Dole2 mit einer Lichthöhe von zwei Fuß Breite und drei Fuß Höhe (Anm.: 60 auf 90 Zentimeter)3 angelegt und mit starkem Steindeckel versehen werden“.

Ein starker „Steindeckel“ bildet die Decke des im lichten Maß 60x 90 cm betragenen Querschnitts des Kanals.

 

Einen solchen „starken Steindeckel“ der Dole, zweifellos die nahe liegende technische und kostengünstigste Lösung, zeigen unsere in diesem Beitrag abgebildeten Fotografien. Im Übrigen wurden nach Auskunft des Tiefbauamtes der Stadt Villingen-Schwenningen bei den in unseren Tagen ergrabenen Aufschlüssen der verschiedenen alten Kanalstrecken keine Überwölbungen beobachtet. Demgegenüber teilt uns allerdings kurz vor der Drucklegung das GHV-Mitglied, Bauingenieur und Stadtrat Erich Bißwurm, mit, dass noch im Jahr 2006, vor seiner Ausräumung, zumindest der Kanal in der Bicken- und Gerberstraße, vermutlich als Hauptsammler, einen gewölbten Querschnitt mit 1,2 m Scheitelhöhe besitze.

1863: Um das erforderliche Steinmaterial zu gewinnen „sollen die äußeren Stadtmauer-Füllungen abgetragen werden“. Trockenlegung und Entsumpfung der Stadt mit den damit verbundenen Erd-, Steinhauer- und Maurerarbeiten sowie die Herstellung einer „neuen Brunnenleitung mit eisernen Deicheln“ gehen während der nächsten Jahrzehnte für das innere Stadtgebiet Hand in Hand. 1877 lautet die städtische Akte: Bitte der Bewohner des Mistgässle um Trockenlegung desselben. Wiedervorlage. (Red. Anm.: Das Mistgässle wurde 1904 in Webergasse umbenannt.) Unsere Fotos von Mai 2006 zeigen den Bestand der alten Dolenleitung in der Webergasse. Wann diese Kanalisierung tatsächlich errichtet wurde ist unklar, entnehmen wir doch bei Rodenwaldt, a.a.O., den Hinweis „… die Mittel standen für die Nebengassen noch lange nicht zur Verfügung, denn die Anwohner mussten noch zehn Jahre später ihre Wünsche wiederholen“.

Gewölbekanal in der Gerberstraße (Oktober 2006, Foto: Erich Bißwurm).

 

Wir aber nehmen im Jahr 2006 endgültig Abschied von der einst umfassenden Verdolung der Innenstadt mit der bereits erfolgten oder bevorstehenden Beseitigung der Kanalstrecken Webergasse, Kronengasse, Rietgasse, untere Gerberstraße (Krawazi) und Bickenstraße, Reststrecken gibt es nur noch in der oberen Färberstraße, zwischen Webergasse und Brunnenstraße, sowie in der Bärengasse und vermutlich anderswo.

Jetzt folgen nur noch die seelenlosen Meterstücke gegossener Betonröhren.

„Sic transit gloria mundi!“ Also „So vergeht der Ruhm der Welt!“ – und wenn es auch nur das unterirdische labyrinthische Kanalsystem als zivilisatorische Großtat einer kleinen Stadt im 19. Jahrhundert ist.

Die bearbeiteten Buntsandsteine des verdolten Kanals stammen von den abgetragenen „äußeren Stadtmauer-Füllungen“

 

Anmerkungen, Literatur und Quelle, Fußnoten:

Text und Fotos: Werner Huger

1 Dr. Ulrich Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen, Bd. II, Herausgeber: Geschichts- und Heimatverein, Jahresband 1990/91, Seite 147 ff.

2 Eine „Dole“ ist ein kanalisierter gedeckter Abzugsgraben; im Villinger Dialektverständnis aber auch der Sinkschacht der über einen „Doledeckel“ auf Straßenhöhe das Oberflächenwasser abführt.

3 Ein damals geltender Badischer Fuß betrug 30 Zentimeter. Damit entstand für den Kanal ein rechteckiger Querschnitt von 60 x 90 Zentimeter lichtes Maß.