Waltraud Oloff – Die Malerin des alten Villingen (Hermann Colli)

„Das alte Stadtbild hat mich sofort fasziniert und inspiriert, als ich hier ankam; ich habe mich gleich in Villingen verliebt“, sagt Waltraud Oloff spontan, als sie nach den ersten Eindrücken gefragt wird, als sie aus dem Schwabenland in den Schwarzwald kam. Das war vor knapp 50 Jahren. Genau gesagt: Am 25. August 2001 ist sie ein halbes Jahrhundert hier künstlerisch tätig. Die Spuren ihres Schaffens sind deutlich erkennbar. Waltraud Oloff hat in dieser Zeit nicht nur ein Stück Kunstgeschichte, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte geschrieben, denn sie hat, wie kaum jemand anders, den Wandel des Gesichtes dieser Stadt in ihren Bildern dokumentiert. Sie ist die Malerin des alten Villingen der heutigen Zeit geworden.

Wie viele solcher Dokumente sie inzwischen geschaffen hat, kann sie selbst nicht mehr so genau sagen. Es fällt schon schwer, alle die Häuser aufzuzählen, in denen ein Oloff-Bild an den Wänden hängt. Und dann kommen noch ihre zahlreichen Kunstwerke hinzu, die viele öffentliche Gebäude zieren. Kurzum: Das Werk der in Unterkirnach lebenden Frau ist in der Zähringerstadt zu Hfaufse.

Als ihr Mann, Edwin Oloff, 1951, in der Pionierzeit der Television, bei der Saba im Fernsehlabor seine erste Stelle fand, lag es nahe, den Wohnsitz in Unterkirnach zu suchen, wo die Oloffs aus Berlin schon immer gerne die Familienbande im Schwarzwald pflegten. Waltraud Oloffs Schwiegermutter stammt aus der bekannten Orchestrion-Dynastie Blessing, die in Unterkirnach ihren Stammsitz hatte. Hier wuchsen die drei Kinder Karin, Sven und Gunnar auf und in ihnen fand die Mutter für ihre Vorliebe am Kinderporträt auf natürliche Weise Gelegenheit zum Umgang mit dem Modell.

Oloff: Das Webergässle. Im Sommer 1999 gemalt, im Herbst – nach Abriss der Häuser im Hintergrund – schon ein geschichtliches Dokument.

 

Wie sie sagt, ist beim Porträt, der heikelsten Aufgabe in der Malerei, eine rasche Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen neben dem Talent für figürliche Darstellung wichtig. Waltraud Oloff:

„Diese Arbeitsdisziplin des genauen Hinsehens hat meine Vorgehensweise auch bei anderen Motiven geprägt.“

Vom Zeichnen herkommend übt sie sich in verschiedenen Techniken. Ob mit Kreide, Aquarell, Tempera oder Mischtechnik bis hin zu Öl und zur Lithografie, versuchte sie sich – dem jeweiligen Thema entsprechend – weiterzubilden. Waren es anfangs ihre ersten Aufträge Kinder zu zeichnen – und das Honorar in der Nachkriegszeit manchmal

Oloff: Das Kanonengässle. Der alte Kiosk vom Bahnhof ist in die Bärengasse „umgezogen“ und passt genau ins Bild

 

Mehl und weiße Bohnen – so fand Waltraud Oloff in Villingen und Umgebung zur Stadt- und Landschaftsdarstellung. Sie meint: „Auch hier ist Disziplin, Einfühlungsvermögen und das Abwägen von Detailgenauigkeit und Vereinfachung notwendig.

Wenn das Modell in seiner Persönlichkeit erfasst ist, wenn die Erlebnisstimmung einer Landschaft, einer Stadt, im Bild lebendig wird, dann ist die Aufgabe zu einem guten Teil gelöst. Für Frau Oloff ist ein Stadt- und Landschaftsbild auch ein Porträt. Das Gesicht einer Stadt – und hier spricht sie vor allem ihr geliebtes Villingen an – hat seine charakteristischen und prägenden Züge. Sie hat das Antlitz der Zähringerstadt in dem halben Jahrhundert ihres künstlerischen Wirkens studiert wie eine Mutter das Gesicht ihres Kindes. Sie hat Lachfalten und Grübchen genau so entdeckt, wie Runzeln, Krähenfüße und Falten. Ob ihre Bilder pulsierendes Leben in der Stadt (Marktszenen, Einkaufsbummel, Fasnet) festhalten, markante Gebäude, malerische Plätze oder stille Winkel und schmale Gässle mit alten Fassaden, Erkern und Dachgauben, immer ist es ein Blick in das Gesicht der Stadt.

Oloff: Das Münster im Winter. Die eingerüsteten Türme erinnern an die Renovation von 1978 bis 1982.

 

„Beim Betrachten der Gemälde von Waltraud Oloff fühlt man sich eingeladen zu Muße und ruhigem Atmen; dies ist ein grundlegender Stimmungswert ihrer Kunst“, schreibt Dr. Marc Cluet von der Sorbonne in Paris in dem Buch „Waltraud Oloff – Das malerische Werk“. Dieses Buch, das

1992 auf den Markt kam und im Fachhandel erhältlich ist, gibt einen umfassenden Überblick über das Leben und die vielfältigen Arbeiten der Unterkirnacher Malerin.

Zeit haben, sich Zeit nehmen, Zeit festhalten, das vermitteln ihre Bilder. Doch wer sie kennt, sieht ihr kaum an, dass sie sich diese Zeit nimmt. Sie läuft eiligen Schrittes zielsicher durchs Städtle; hat immer etwas zu erledigen. Meistens hat sie eine Tasche in der Hand, oder eine Mappe, oder beides. „Ich habe noch so viel vor und zu tun.“ Die Ruhe kommt mit dem Malen. Dann ist die Hektik des Alltags vergessen. Dann kommt die Ruhe, die ihre Bilder ausstrahlen, auch bei ihr zum Ausdruck. Wenn sie an der Staffelei in ihrem Atelier in Unterkirnach steht, spürt man die Konzentration und die selbst auferlegte Arbeitsdisziplin. Dabei kann sie keine Zuschauer gebrauchen. Sich beim malen über die Schulter schauen zu lassen, das mag sie nicht. Wohl fühlt sie sich, wenn sie aus einem stillen Eckchen heraus, aus einem Hinterhof-Fenster, einer Dachluke, ihr Motiv in Ruhe betrachten und auf dem Skizzenblock fixieren kann. Manches Kleinod hat sie so aufgestöbert und vor dem Vergessen bewahrt. Auch auf Baugerüste klettert sie bisweilen. „Von dort kann ich meistens in mehrere Richtungen blicken, etwas Neues entdecken und dabei kommt oft noch ein zweites Bild zustande“, freut sie sich über das „Zubrot“ einer Kletterpartie. Baugerüste sind für sie nicht nur Standort bei ihrer Arbeit, sondern auch manchmal Motiv. Sie bringt nämlich nicht nur die „malerische und fertige Stadt“ auf Papier oder Leinwand, sondern auch Stationen und Situationen in denen sich das Stadtbild gerade verändert. So hat sie mit eingerüsteten Münstertürmen und mächtigen Baukränen über Altstadtdächern Dokumente des Wandels geschaffen: in Farben registrierte Stadgeschichte!

Warum sie vor allem Pastellbilder malt? Waltraud Oloff hat diese Art der Malerei zur Perfektion aus der Not entwickelt. „Als ich mit dem Malen anfing, gab es nicht viel anderes als aus Nachlässen der Berufsmaler in der Familie“ ist ihre einfache Erklärung. Das waren die Kriegs- und Nachkriegsjahre, die auch zu einem aprupten Abbruch ihrer Ausbildung führten. Sie hatte 1944 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart gerade das erste Semester ihres Kunststudiums begonnen, da war’s damit auch schon wieder zu Ende. Im

Oloff: Blick auf die Benediktinerkirche. Ein historisches Bild. Die rustikale Häuserzeile musste dem Münsterzentrum weichen.

 

In der Villinger Dachlandschaft findet die Malerin immer liebenswerte Details.

 

Herbst des gleichen Jahres wurden die Hochschulen geschlossen. Was folgte, hatte nichts mit Kunststudium zu tun: Arbeitsdienst, Pflichtjahr, Erntedienst. „Ich hätte liebend gern eine solide Ausbildung gehabt“, klagt sie im Nachhinein und sie sehnt sich noch heute nach einer „richtigen Malerwerkstatt“. Da sie inzwischen alleinerziehende Mutter geworden war und weitgehend von der Malerei leben musste – versuchte sie sich alle Techniken allein beizubringen. Ihre Schule hieß: Schauen, Schauen, Schauen und beste Vorbilder suchen. Die Begabung hat sie aus ihrem Elternhaus mitgebracht. Der Vater, Landarzt in Reutlingen-Lichtenstein, war ein begabter Zeichner und seine Schwester war einst die Lehrerin seiner späteren Frau Luise an der Stuttgarter Kunstschule.

Das Riettor. Der Vorplatz mit dem Rentnerbänkle hat inzwischen ein anderes Gesicht bekommen. Leider kein schöneres.

 

Schulgasse mit Blick zum Franziskaner. Licht und Schatten in den Winkeln der Villinger Altstadt.

 

Dieser Mutter, Luise Koch, verdankt die Tochter wohl besonders den Sinn für landschaftliche und architektonische Motive. Die ganze Familie

– Tochter Waltraud hatte noch vier Schwestern – war und ist musisch begabt und bot so die Basis für eine künstlerische Laufbahn; auch ohne Akademiejahre und Stipendien.

Waltraud Oloff ist heute für viele Menschen eine geschätzte und angesehene Künstlerin, deren Arbeiten nicht nur in ihrer schwarzwälderischen Wahlheimat, sondern in der ganzen Region gefragt sind. Im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht sie nicht gerne und sie hält sich, was Ausstellungen betrifft, auch weitgehend zurück.

Pulsierendes Leben an der Fasnet in Villingen hat die Unterkirnacher Malerin in vielfältigen bunten Motiven eingefangen.

 

Aus dem Villinger Kunstverein, dem sie über 30 Jahre langaktiv angehörte, hat sie sich schon längst verabschiedet. Aber nicht von der Kunst und nicht von den Menschen, die ihre Arbeiten lieben. Sie ist immer unbeirrt ihren eigenen Weg gegangen, der sie durch Höhen und Tiefen führte. Finanzielle Reichtümer hat sie nicht ansammeln können, aber es ist für sie beglückend, dass sie mit ihrer Arbeit vielen Menschen Freude machen kann und das hoffentlich noch lange! Rückblickend sagt die rüstige, liebenswerte und selbsbewusste Fast-Fünfundsiebzigerin, die bei viel Lob und Anerkennung immer bescheiden geblieben ist: „Ich freue mich, dass das Schicksal immer so gnädig mit mir umgegangen ist; ich bin dankbar für jeden Tag“.

Waltraud Oloff

1926 in Stuttgart-Feuerbach geboren als fünfte

Tochter von Dr. Theodor Koch und Luise, geb. Dietrich.

1932 Umzug nach Lichtenstein-Unterhausen, wo der Vater eine Landarztpraxis übernahm.

1943 Tod der Mutter. Nach dem Oberschulbesuch in Reutlingen Absolvierung eines Pflichtjahres.

1944 Erstes Semester a.d. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter Prof. von Grävenitz. Im Herbst Schließung aller Hochschulen.

1945 Arbeitsdienst bis Kriegsende in Zell im Wiesental. Danach Weiterbildung an der freien Kunstschule Stuttgart (Akt- und Kopfzeichnen). Kurz nach seiner Gründung Eintritt in den Verband Bildender Künstler Württembergs und Beteiligung an dessen Ausstellungen und im Reutlinger Spendhaus. Gemeinsame Ausstellung mit den Schwestern A. und G. Koch im Kunsthaus Fischinger, Stuttgart. Daneben erste Auftragstätigkeit, vorwiegend Porträts.

1951 Heirat und Übersiedlung nach Unterkirnach.

1953 / 56 / 58 Geburt der drei Kinder Karin, Sven und Gunnar.

1955 – 1989 Mitglied des Kunstvereins Villingen- Schwenningen und Beteiligung an dessen regelmäßigen Ausstellungen. Eigene Ausstellungen in der Städtischen Galerie Tuttlingen und Bad Dürrheim, in Sigmaringen mit Bildhauer Yelin, Stuttgart.

1955 Stadtmotive und Landschaften nehmen etwa von 1955 an, neben dem Porträt, einen großen Teil der Arbeiten ein, später auch Stilleben. Dem Tierbild gehört immer eine besondere Liebe.

1966 Teilnahme an der Internationalen Sommerakademie Salzburg im Fach Litografie bei Prof. Soucek und Prof. Otte. Einrichtung einer eigenen Lithowerkstätte.

1967 Aquarellkurs an der Sommerakademie Salzburg bei Prof. Moldovan, Wien, und Bildhauerei bei Prof. Kirchner, München.

1988 Beteiligung an der Kunstausstellung „Vor Ort“ in Villingen im Rahmen der Landeskunstwoche Baden-Württemberg in der Benediktinerkirche und im Münsterzentrum.

1992 Buchpräsentation „Waltraud Oloff – Das malerische Werk“ in der Sparkasse VS

aus Anlass des Firmenjubiläums von VSO – Merk + Steitz GmbH, VS-Villingen

1999 Beteiligung an der Kunstausstellung „Villinger Motive“ im Jubiläumsjahr in der Sparkasse.

Die Künstlerin im Garten ihres Hauses.

 

Die Bilder zu diesem Bericht, deren Originale sich zum größten Teil in Privatbesitz befinden, stellte uns Frau Oloff freundlicherweise zur Verfügung.