Hinter den Kulissen – das Franziskanermuseum (Barbara Eichholtz)

Als eine Oase der Ruhe neben der quirligen Rietstraße zeigt sich das Franziskaner-Kulturzentrum mit seinem Museum. Doch der äußere Anschein trügt: Museen, und Villingen macht hier keine Ausnahme, waren in den vergangenen Jahren von umgreifenden internen Umwälzungen betroffen, ein Prozess, der immer noch anhält.

Es waren hochgestimmte Zeiten, als der Bau- komplex – zum wiederholten Male seit seiner Auflösung als Kloster vor rund 200 Jahren – einer neuen Nutzung zugeführt wurde, die mit der Eröffnung der Fastnachtsabteilung 2000 ihren Abschluss fand. Die stadtgeschichtlichen Abteilungen waren neugestaltet, die frühgeschichtliche und volkskundliche Sammlung im Osianderhaus überarbeitet worden.

Dies alles geschah unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, die überaus zahlreich den jeweils neu eröffneten Abschnitt des Museums frequentierte. Heute dagegen kann es einem passieren, dass man als einziger Besucher, diskret verfolgt von einer Aufsicht, die Dauerausstellungen besichtigen kann. Doch dies ist kein Villinger Sonderfall. Selbst in den großen Museen Berlins kann einem Ähnliches widerfahren, und nur wenige Museen von Weltrang wie zum Beispiel der Louvre, die Eremitage, der Prado, die Uffizien oder die Vatikanischen Museen ziehen Jahr für Jahr hohe Besucherzahlen an, da es zum touristischen Pflichtprogramm gehört, bei einem Besuch von Paris, St. Petersburg, Madrid, Florenz oder Rom auch die genannten Museen zu besichtigen.

So selbstverständlich wie es uns heute erscheint, ist die Existenz öffentlicher Museen jedoch nicht, es gibt sie, von Ausnahmen abgesehen, in Deutschland seit rund 200 Jahren1. Sie stellen bis heute, neben Bibliotheken, die kulturellen Schatzkammern der Nation dar. Ihre Gralshüter waren und sind die Museumsleiter und -mitarbeiter2, deren Imperium nicht nur die ausgestellte Sammlung, sondern auch das der Öffentlichkeit verborgenene, meist umfangreiche Depot bzw. Magazin umfasst, über deren Beschaffenheit nur sie Bescheid wissen.

Die Einladung zum Besuch des Franziskanermuseum wird auf der Informationstafel im Eingangsbereich des Kulturzentrums auf dem Osianderplatz deutlich sichtbar.

 

Bis vor wenigen Jahrzehnten herrschten Museumsdirektoren meist unangefochten wie kleine Fürsten, man denke nur an den legendären Wilhelm von Bode in Berlin. Das Gros der Museen führte allerdings im Bewusstsein der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein, denn nur eine kleine Anzahl von Bildungsbürgern suchte diese Stätten der Kultur auf, um andächtig die ausgebreiteten Kostbarkeiten zu bestaunen.

Dies hat sich seit den 70er Jahren gründlich geändert. Ursache hierfür ist eine im Bewusstsein der Bevölkerung kaum registrierte Revolution, die alle Bereiche der Kultur umfasste. Die bis dahin nicht ernsthaft in Zweifel gezogene Auffassung der allein wirklich wertvollen sog. Hochkultur mutierte zur „Herrschaftskultur“ einiger weniger, der die „Alltagskultur“ als gleichberechtigt zur Seite zu stellen sei, da sie seit Jahrhunderten die Lebensumwelt der allermeisten Menschen prägte.

Villinger Industriegeschichte hat im Museum ihren gebührenden Platz gefunden. Rundfunk- und Fernsehgeräte von Saba wie auch der Taxameter T4 Argo von 1933 und eine Arbeitsschauuhr aus dem Jahre 1930 erinnern an Pionierzeiten weltbekannter Villinger Unternehmen.

 

Dieser Wandel des Geschichtsbildes manifestiert sich auch in der  Präsentation der „Kulturgeschichte Villingens“, wo die kostbaren Antependien aus St. Ursula, ein Kokosnusspokal oder ein Schachbrett mit kunstvollen Einlegearbeiten nicht höher bewertet werden als Getreidesester, wo Sebastian Brants

 

 

 

 

 

„Narrenschiff“ neben Plastikfastnachtsplaketten der jüngsten Vergangenheit gezeigt werden, wo industrielle Massenfabrikation der ehemaligen Firmen „Saba“ und „Kienzle“ breiten Raum neben einem Würstchenglas zum Thema „Städtefusion von Villingen und Schwenningen“ Platz finden. Ausschlaggebend für die Zurschaustellung ist nicht der materielle Wert, sondern die inhaltliche Aussagefähigkeit. Und so können besagte Getreidesester sowohl im Bereich „Markt“ wie auch im Bereich „Maß, Zahl und Gewicht“ gezeigt werden. Dieser Präsentation kommt entgegen, dass Villingen durch die Säkularisation und Vereinnahmung erst der Württemberger, dann der Badener empfindliche Verluste an kostbarem Kulturgut hinnehmen musste. So stellt schon aus diesem Grund ein großer Teil der gezeigten Objekte eine Art „arte povera“ dar und charakterisiert damit die Geschichte Villingens.

So vielseitig wie versucht wird, die unterschiedlichen Facetten des komplexen Stadtgebildes durch authentische Objekte darzustellen, so lückenhaft muss dies sein. Jedes Exponat steht gewissermaßen als pars pro toto für ein großes Bedeutungsfeld. Man nehme nur den „Auferstehungs- oder Himmelfahrtschristus“, über dessen Funktion man im Katalog „Bildersturm“ 3 Näheres nachlesen kann oder nehme sich das Buch von Johannes Tripps4 vor, und man wird staunen, in welch breites Spektrum sich diese Figur einordnen lässt. Ein ähnlich „weites Feld“, um mit Fontane zu reden, lässt sich fast hinter jedem Exponat erschließen. Abgesehen von der Auswahl der Objekte, die zu sehen sind, ist auch ihre Anordnung und Art der Präsentation vom jeweiligen Zeitgeschmack abhängig, auch die persönlichen Vorlieben derer, die darüber befinden, gehen, großenteils unbewusst, in die Ausstellung mit hinein. Eine objektive Präsentation kann es nicht geben. Der durchschnittliche Besucher wird sich hierzu keine Gedanken machen und die gewählte Anordnung als einzig Mögliche hinsichtlich Logik und Strukturierung des Materials hinnehmen. Und doch wäre auch eine andere Anordnung denkbar: Zum Beispiel könnte die „Herrenstubenzunft“ in die Abteilung der Handwerkerzünfte integriert sein. Dies wäre mit einer Bedeutungsverschiebung verbunden, denn es würde nicht, wie jetzt, betont, dass diese Zunft aus den „Herren“ der Stadt bestand, sondern die Tatsache, dass auch diese Gesellschaft der „ehrsamen Müßiggänger“ ihre wohlüberlegten Gründe hatte, als „Zunft“ zu gelten, obwohl sie sich doch gerade von den durch ihrer Hände Arbeit Lebenden absetzen wollte. Oder man würde die „Habsburgische Wappentafel“ und die „Seeschlacht von Rhodos“, nebeneinander präsentiert, als Produkte des berühmtesten Hafners Villingens, Hans Kraut, zeigen und somit auf die Bedeutung des Hafnerhandwerks für die Stadt eingehen. Es gibt gute Gründe für die eine wie für die andere Anordnung, und vielleicht nimmt der geneigte Leser diese Zeilen zum Anlass, das Museum auch einmal unter solchen, vielleicht ungewohnten, Aspekten zu besuchen.

Er könnte auch einmal, abgesehen von Auswahl und Anordnung der Objekte, deren Präsentation ins Auge fassen. Denn hier ist in den letzten Jahren die Intention immer stärker geworden, die Objekte durch ein ansprechendes Begleitarrangement zu zeigen, d. h. sie zu „inszenieren“, sie „in Szene zu setzen“. Nicht zufällig sind dies Begriffe aus der Theaterwelt bzw. der Werbung.

 

Die Habsburgische Wappentafel von Hans Kraut.

 

 

 

Die Seeschlacht von Rhodos, ein Werk des berühmtesten Villinger Kunsthafners Hans Kraut, ist in einer Vitrine zu finden.

 

 

Die Objekte sollen ihren Auftritt haben, der Besucher soll sie „erleben“ und „Museum“ nicht als ermüdende Reihung ausgestellter Dinge empfinden5. Nun ist die Ausstellungsinszenierung an sich nichts Neues, schon früher wurden besondere Objekte z. B. bei nächtlichem Fackelschein vor rotem Hintergrund präsentiert6, die Dada Ausstellung 1916 in Zürich ist ein weiteres Beispiel und auch Oskar Spiegelhalder „komponierte“ im wahrsten Sinne des Wortes seine Schwarzwaldstuben auf Wirkung hin, wovon man sich im zweiten Obergeschoss des sog. Waisenhauses überzeugen kann. In dem Ausmaß jedoch, wie Inszenierung heute nahezu selbstverständlich für historische und kulturgeschichtliche Ausstellungen geworden ist, gab es dies früher nicht, schon allein aus dem Grunde, weil die technischen Möglichkeiten noch nicht so perfektioniert waren. Die noch vor nicht langer Zeit wiedereröffneten Museen von Konstanz oder Biberach a. d. Riß mögen hier als Beispiele dienen. Einen absoluten Höhepunkt, was diese Art der Präsentation betrifft, stellt das „Haus der Geschichte“ in Stuttgart dar. Hier wird auf bisher ungewohnte Weise mit viel Witz und Kreativität Geschichte sinnlich erfahrbar gemacht. Den Besuchern gefällt’s, dem Kenner weniger, weil das Spektakel den Inhalt zu erdrücken droht.

Von alledem bietet das Franziskanermuseum wenig. Eher nüchtern werden die Objekte dargeboten, überwiegend an der Wand platziert, was nur zum Teil als Tribut gegenüber der denkmalgeschützten Bausubstanz, die es zu schonen gilt, zu sehen ist.

Doch selbst wenn das Museum mit hohem finanziellen Aufwand „modisch“ auf den neuesten Stand gebracht würde – eine wesentliche Steigerung der Besucherzahlen für die Dauerausstellung wäre damit nur kurzfristig zu erreichen. Unbarmherzig stellt sich schon nach relativ kurzer Zeit der Déja- vu-Effekt ein, nicht nur in Villingen.

Was ist dagegen zu tun? Soll das Museum nun wieder fatalistisch in seine „splendid isolation“ zurückkehren, aus der es seinerzeit ausgebrochen ist? Mitnichten. Die Museen unternehmen große Anstrengungen, um einem lähmenden Stillstand oder – schlimmer noch – einer Rückentwicklung vorzubeugen. Denn dass die Museen seit den 70er- Jahren eine Entwicklung hin auf eine immer stärkere Besucherorientierung nahmen, ist nicht als modische Attitüde zu verstehen, sondern als der sich im Laufe der Jahre allgemein durchsetzenden Auffassung, nicht um ihrer selbst willen zu existieren, sondern einen Bildungsauftrag haben. Dem fühlen sich alle in hohem Maße verpflichtet.

Am offensichtlichsten schlägt sich dies in der Museumspädagogik nieder, einer noch jungen Disziplin, die parallel zur Öffnung der Museen entstand. Sie hat inzwischen gewaltige Dimensionen in Theorie und Praxis angenommen und stellt einen beachtlichen Sektor der Museumsarbeit dar. In Villingen wird diese von freien Mitarbeitern durchgeführt, die, da sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, von den hauptamtlichen Kräften eingewiesen und betreut werden. Das Angebot, in Villingen nahezu ausschließlich auf Kinder unterschiedlichen Alters konzentriert, ist eng mit dem schulischen Lehrplan verzahnt und besteht aus einer sog. Themenführung mit anschließender Aktion. Im Mittelpunkt stehen immer authentische Objekte, die, anders als im Schulbuch, real zu betrachten sind und so eine Zeit oder ein Thema intensiv erfahr- und nachvollziehbar werden lassen. So wird auch gerne ein Museumsbesuch als Erlebnis für Kindergeburtstage „gebucht“. Schulklassen und Kindergärten stellen, wie überall, das mit Abstand größte Kontingent an Besuchern der Daueraustellung dar. In veränderter Form ließe sich dieses Angebot sicher noch – mit Gewinn für beide Seiten – auf Erwachsene ausdehnen, eventuell in Kooperation mit anderen Bildungseinrichtungen.

 

 

Die Schwarzwaldstuben aus der Sammlung von Oskar Spiegelhalder befinden sich im zweiten Obergeschoss des sogenannten Waisenhauses.

 

Doch damit ist das Angebot der Museen noch keineswegs erschöpft. Auch Villingen macht da keine Ausnahme. Vom Museumsfest über den Internationalen Museumstag, regelmäßig stattfindenden Führungen, der Beteiligung am Tag des offenen Denkmals oder der Jahresausstellung des Kunstvereins, bei Sonderaktionen wie dem 50-jährigen Landesjubiläum von Baden-Württemberg oder der 300-jährigen Wiederkehr der Belagerung Villingens durch Tallard: Das ganz Jahr über sind die Museen, und Villingen gehört dazu, bemüht, im Bewusstsein der Bevölkerung präsent zu bleiben und Anreize für einen neuerlichen Besuch zu bieten.

Nicht zuletzt dienen diesem Zweck auch die Sonderausstellungen. Nimmt man die klassischen Aufgabenbereiche des Museums, nämlich Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen, so ist eine Sonderausstellung idealiter das Endprodukt einer Forschungsarbeit. Auch in diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren ein großer Wandel vollzogen. Waren es bis vor einiger Zeit wenige großangelegte Überblicksausstellungen wie beispielsweise die Stauferausstellung 1977 in Stuttgart oder die van-Gogh-Ausstellung 1990 in Essen, die die Menschenmassen in ihren Bann zogen, so sind es heute unendlich viele kleinere Ausstellungen, die sich auf spezielle Aspekte eines Themas konzentrieren und in Konkurrenz zueinander um die Gunst der Besucher werben. Allein in Deutschland sind jederzeit mehrere Hundert Sonderausstellungen zu besichtigen, auch das Franziskanermuseum bietet jedes Jahr rund drei bis vier hiervon.

Vor noch nicht langer Zeit „stemmte“ das Museum, teilweise unter Mithilfe von Fachkräften, die hierfür einen Werkvertrag erhielten, diese Sonderausstellungen allein. Die Ansprüche an sich selbst waren hoch, die Ausstellungen interessant, doch die Bevölkerung fühlte sich des öfteren nicht angesprochen, die Resonanz der Besucher war gering7. Die letzte Sonderausstellung, für die ein regulärer Werkvertrag vergeben werden konnte, fand im Rahmen der 1000-Jahr-Feier der Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts statt, für die Gelder aus Sondermitteln zur Verfügung standen. Heute entscheidet, und nicht nur in Villingen, sondern überall, vor allem die Finanzierbarkeit über die Realisierung einer geplanten Ausstellung. Ausstellungen wie die genannten in Stuttgart oder Essen wären heute der hohen Kosten halber gar nicht mehr zu verwirklichen. Ins Kalkül fällt auch die Berechnung einer möglichst hohen Akzeptanz durch die Besucher. Die Staatsgalerie Stuttgart demonstriert es beispielhaft: Konnten bei der Manet-Ausstellung 2002/2003 noch eine Handvoll berühmter Spitzenwerke, teuer entliehen, gezeigt werden, so mußte man schon längst dazu übergehen, „Graphikreihen der Weltkunst“ zu zeigen oder auf Privatsammlungen mit einem Potpourri zugkräftiger Namen zurückzugreifen. Graphik und Zeichnungen ziehen generell nicht das große Publikum an, sind aber preiswerter zu haben, Privatsammlungen steigen durch eine museale Präsentation in ihrem Wert. Der Gewinn liegt somit auch auf Seiten der Sammler und hält die Kosten des Museums für die Ausleihe niedrig. Mit aus der Werbung bekannten Methoden und einem zugkräftigen Titel werden die Werke der Lieblingskünstler dem Publikum schmackhaft gemacht. Der finanzielle Druck lässt häufig keine andere Wahl zu8.

 

Im Franziskaner Museum hing der Himmel vorübergehend voller Geigen.

 

 

Auch in Villingen musste man den Elfenbeinturm verlassen und, nicht ganz freiwillig, Zugeständnisse an Wünsche aus der Bevölkerung machen. Die Narrozunft, die sich bei der Einrichtung der Fastnachtsabteilung sehr kooperativ gezeigt und Leihgaben zur Verfügung gestellt hatte9, konnte nun auch eine Gegenleistung „einfordern“: Die Ausstellung „Häser, Kleidle, Rollen und Gschell“ 2003 wurde ein voller Erfolg, die Stimmung war großartig, das Publikum begeistert, und „sogar ein kleiner Forschungsbeitrag fiel dabei ab“ (O-Ton Museum). Dieser Erfolg lässt sich nicht beliebig wiederholen, denn was würde das Herz eines Villingers und aller Weiß- und sonstiger „Narren im schwäbisch-alemannischen Raum“ höher schla- gen lassen als wenn es um „ihre“ Fastnacht geht? Aber auch eine Ausstellung mit einem wesentlich spezifischeren Thema, dem „Schwarzwälder Geigenbau“ brachte einen unerwartet großen Erfolg. Wiederum kam das Anliegen zu einer Museumspräsentation aus der Bevölkerung, diesmal von einer einzelnen Person. Dementsprechend skeptisch reagierte man anfangs, zudem fühlte man sich als Kunsthistoriker im fremden Gebiet der Musik auf schwankendem Boden. Mit Beharrlichkeit auf beiden Seiten, der Überwindung von Schwierigkeiten, die eine Präsentation zeitweise als nicht realisierbar erscheinen ließen – schließlich konnte man nicht, wie bei der Narrozunft, auf einen Stamm von mehreren tausend potentiellen Helfern, den Mitgliedern, zurückgreifen – kam die Ausstellung doch zustande. Nicht nur aus Villingen, sondern von weither reisten Geigenbauer und Musikinteressierte an. Die bis dahin unbekannte Bedeutung des Geigenbaus für den Schwarzwald konnte als großer Erkenntnisgewinn verbucht werden.

Für das Jahr 2006 ist eine Ausstellung mit dem Titel „Mythos Silbermann“ geplant. Auch hier ging die Initiative hauptsächlich von einem kundigen und begeisterten Mitbürger aus, der sich schon sehr für die Rekonstruktion der Silbermannorgel in der Benediktinerkirche eingesetzt hatte. Man darf gespannt sein, wie das Thema in eine attraktive Ausstellung umgesetzt wird.

Sonderausstellungen, die die Vorlieben und Wünsche des Publikums aufgreifen, scheinen die Lösung der finanziellen Probleme zu sein. Doch so erfreulich dieses positive Echo ist, so sollen hier auch die anderen Seiten angesprochen werden: Das ständige Schielen auf die Publikumsgunst lässt die, aus Sicht der Forschung wünschenswerte Aufarbeitung von noch unbearbeiteten Themen, die nicht in einer populären Ausstellung zu leisten ist, unter den Tisch fallen. Ein anderer Punkt berührt die unterschiedliche Weise, in der Museum bzw. Laien an eine intendierte Ausstellung herangehen. Beim Museum beeinflusst von Anfang an die Möglichkeit, wie man das Thema anschaulich umsetzen kann, die Überlegungen, beim Laien herrscht vielfach die Vorstellung, die Art der Präsentation ergebe sich schon irgendwie von allein, Hauptsache sei, dass die Idee stimme. Zudem ist für das Museum im Vorfeld einer Ausstellungsplanung oft nicht leicht zu entscheiden, ob hier unter Umständen einzelne Personen oder Gruppen ihre Partikularinteressen durchsetzen wollen, oder ob bei dem vorgeschlagenen Thema mit einer Resonanz breiter Bevölkerungskreise zu rechnen ist. So bleiben Enttäuschungen nicht aus, wenn das, wovon die Interessenten selber so begeistert sind, im Museum emotionslos einer nüchternen Überprüfung unterzogen wird: Finanzierbarkeit, Umsetzungsmöglichkeiten in eine Präsentation, Arbeitsaufwand usw. werden kalkuliert. Der Aufwand solcher Überlegungen wird oft unterschätzt. Aber jeder, der einmal bei der Realisierung einer Ausstellung mitgeholfen hat, ist erstaunt, wieviel Mühe das kostet, bis es bei der Eröffnung wie von selbst entstanden aussieht, denn die Spuren des Arbeitsaufwandes sollen den genussvollen Seheindruck nicht stören. Das Publikum ist in der Regel auch nicht daran interessiert, ob der Ausstellung ein „Forschungs-“ oder „Erkenntnisgewinn“ zugrundeliegt, es möchte ein attraktives Schauerlebnis haben, möglichst noch mit interessantem Begleitprogramm, und wie dies alles zustande kommt, danach fragt es nicht. Die Gefahr ist groß, dass Museumskultur sich in Richtung „Schauspektakel“ entwickelt. Die vielerorts stattfindende „lange Nacht der Museen“ zielt in diese Richtung.

In Villingen ist man darum bemüht, ein hohes Niveau, selbst bei einer Massenveranstaltung wie dem Museumsfest, zu halten, auch wenn dies in Zeiten knapper Finanzen immer schwieriger zu realisieren ist. Daher ist man auf die Mithilfe ehrenamtlich arbeitender Helfer angewiesen. In Stuttgart setzt man schon 400 (!) davon ein, in Mannheim sollen es sogar noch mehr sein. Ehrenamtliche Kräfte kosten kein Geld, aber kostenlos sind sie nicht: Sie wollen „gestreichelt werden“, d. h. Lohn in Form von Anerkennung, Mitsprache und Teilhabe am Renommé von Ausstellung und Institution bekommen. Überproportional häufig kommen sie aus einem gehobenen sozialen Milieu, sind – im Gegensatz zu sozialen Einsätzen – überwiegend männlichen Geschlechts, haben in der Regel sehr gute Kenntnisse auf ihrem Fachgebiet und sind oder waren in dementsprechenden Positionen. Für sie ist es ungewohnt, sich einer Institution wie dem Museum ein- und unterzuordnen, zumal sie auf ihrem Gebiet meist spezielles Fachwissen mitbringen, das der „Generalist“ des Museums nicht haben kann, der aber den Gesamtüberblick nicht aus dem Auge verlieren darf. Missverständnisse sind da oft vorprogrammiert und in Stuttgart hat man deshalb eigens einen Mitarbeiter für die Betreuung der Ehrenamtlichen abgestellt. In Villingen wird diese Arbeit von den beiden wissenschaftlichen Kräften geleistet.

Neben der ehrenamtlichen Mithilfe für Ausstellungen ist man auch auf Geldspenden angewiesen, man braucht Sponsoren. Diese müssen in oft mühevoller Arbeit eingeworben werden. Hier nun ist die Gefahr nicht auszuschließen, dass der Sponsor die Thematik und Präsentation einer Ausstellung für seine Interessen zu beeinflussen sucht. Er weiß, wie sehr das Museum auf ihn angewiesen ist. Darauf aber kann sich dieses nicht einlassen, will es seine Unabhängigkeit bewahren. Auch hier ist viel Empathie vonnöten, will man doch auf keinen Fall seine Wohltäter verprellen. Generell ist der Aufbau und Erhalt von „goodwill“, das Pflegen von Kontakten und Netzwerken ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitsalltags im Museum, für eine kleinere Stadt wie Villingen, wo jeder jeden kennt, ganz besonders. Aber auch überörtlich gilt dies, denn mancher Bitte um eine Leihgabe wird leichter entsprochen, wenn man sich persönlich kennt.

Daneben sind Anträge, Anfragen, Praktikantenbetreuung, Versicherungs-, Haftungs- und Finanzfragen, organisatorische und Personalfragen zu klären, Besucher zu betreuen, Auskünfte zu erteilen, der Kontakt zur Presse zu pflegen und das Führungsprogramm zu erstellen. In großen Museen ist jeder Arbeitssektor einem bestimmten Mitarbeiter zugeordnet, im Franziskanermuseum hingegen muß jeder der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter ein ganz unterschiedliches Spektrum von Aufgaben bearbeiten. Das ist einerseits interessanter als die Fokussierung auf nur einen Bereich, ist einer konzentrierten Tätigkeit im Forschungsbereich aber nicht unbedingt förderlich.

Selbstverständlich ist dem Franziskanermuseum auch ein Förderverein angeschlossen, der die eine oder andere Anschaffung, besonders im Bereich der notleidenden Museumspädagogik ermöglicht und bei Veranstaltungen hilft. Interessante Vorträge auswärtiger Referenten wie zum Beispiel 2003 zum Thema Kunstfälschung und Kunstraub, der vom Förderverein finanziert wurde, stoßen häufig leider nicht auf die erhoffte Resonanz und finden daher kaum noch statt. Natürlich gibt es auch ein Café und einen Museumsshop. Dies alles gehört heute zum Standard.

Ruhiger Museumsalltag – das war einmal. Auch wenn es dem Außenstehenden noch heute manchmal so erscheint: Der Druck, der auf den Mitarbeitern ruht, hat in starkem Maße zugenommen, denn in Zeiten knapper Kassen werden auch Kultureinrichtungen verstärkt auf ihre Effizienz hin beäugt. In einer Zeit, wo die sog. Eventkultur immer neue Blüten treibt, jede Stadt ihr Festival, ihren Markt der Möglichkeiten anbietet, sollen auch die Museen trotz gekürzter Etats kreative Ideen umsetzen, sich dem Trend anpassen, ohne allzu populistisch zu sein. Neue Aufgabenfelder, wie sie weiter oben angesprochen wurden, erfordern kommunikative, sozialpädagogische, didaktische und rhetorische Fähigkeiten. Da droht das Sammeln, Bewahren und vor allem Forschen in den Hintergrund zu geraten. Das öffentliche Interesse steht dem beruflichen oftmals entgegen, denn nur das Publizieren wissenschaftlicher Beiträge, Bücher und Kataloge bringt das begehrte Renommé in der Fachwelt. Die einstmals elitären Gralsburgen sollen sich im Sinne ökonomischer Effizienz zu volksnahen Dienstleistungsbetrieben entwickeln, die hohes Niveau und Unterhaltungsbedürfnis ihrer „Kunden“ vereinen, eine Quadratur des Kreises. So war das nicht gedacht gewesen – damals, als die Museen sich die Bildung breiter Bevölkerungskreise auf die Fahnen schrieben. Heute kann das Publikum durch die veränderten Umstände vieles einfordern, was die Museen sich damals – in den 70er Jahren – anschickten, ihm, aber unter ihrer alleinigen Regie, anzubieten. Selbst ein noch von der Aura des „Museumsfürsten“ umgebener Mann, Christian v. Holst, Direktor der Staatsgalerie Stuttgart, stellte sich im vergangenen Oktober dem Publikum in einer Diskussion zu dem Thema: „Was Sie schon immer einen Direktor fragen wollten oder: Ein Museumsmann stellt sich den Besuchern.“ Doch das Renommé der Institution Museum ist ungebrochen, und jeder Mitarbeiter, ob bewusst oder unbewusst, profitiert hiervon, die Aura der Schatzhüter besteht noch. Warum bemühen sich die Museen trotz finanzieller Engpässe und erschwerter Arbeitsbedingungen mehr denn je, ein abwechslungsreiches, anspruchsvolles „Programm“ zu bieten? Es ist nicht nur der ernstgenommene Bildungsauftrag, der Anspruch an sich selber oder der Druck „von oben“. Im Konkurrenzkampf um die Attraktivität der einzelnen Städte stellt Kultur einen hohen Standortfaktor dar, und Christoph Hess, Juniorchef der gleichnamigen Firma, wird nicht müde, dies zu betonen, weshalb er sich auch aufgefordert fühlt, die Kultur seiner Heimatstadt zu fördern. Mögen es ihm viele gleichtun! 10

 

Anmerkungen:

1 Auf den Prozess, der über fürstliche Kunst- und Wunderkammern, die Aufklärung und Säkularisation bis zur Gründung vaterländischer Geschichts- und Altertümersammlungen, wie in Villingen, führte, kann hier nicht näher eingegangen werden.

2 Es wird hier durchgängig auf die gesonderte weibliche Nennung verzichtet, da die männliche Bezeichnung nicht als geschlechtsspezifisch, sondern neutral angesehen wird.

3 Ausstellungskatalog Bern 2000/2001, S. 240 f.

4 Johannes Tripps: Das handelnde Bildwerk in der Gotik. Berlin2000. 2. Aufl.

5 Dieses Phänomen wäre einer eigenen Betrachtung wert.

6 So z.B. Johann Heinrich Danneckers „Ariadne auf dem Panther“ im 19. Jahrhundert. Heute Frankfurt, Liebieghaus.

7 Beispiele: 2000 „Mit den Augen des Sammlers. Fotografien aus dem Nachlaß Oskar Spiegelhalders“ oder 2002 „Nicht ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen, das ist außen. Zwischen Festung und Paradiesgarten“.

8 Die MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin 2004 war ein Politikum und fällt daher aus dem Rahmen.

9 Der Fairneß halber sei ausdrücklich erwähnt, dass auch andere Fastnachtsvereine (Katzenmusik, Glonkis) Leihgaben zur Verfügung stellten.

10 Absichtlich wurde der Artikel in vielen Teilen möglichst allgemein gehalten. Das Gesagte läßt sich leicht auf Villingen übertragen. Da der Umfang ungebührliche Länge angenommen hätte, musste die Situation, die sich in Wirklichkeit als noch wesentlich komplizierter erweist, stark vereinfacht dargestellt werden.

 

 

 

 

Franzikanerkloster mit Konzerthaus und Museum. Eines der markantesten Gebäude der Stadt Villingen. Beim Museumsfest 2004 erstrahlte der ganze Komplex im bunten Licht des Feuerwerks.