Wie die Wasserbelagerung der Stadt Villingen im Dreißigjährigen Krieg, 1634, in die deutsche Literaturgeschichte gelangte (Werner Huger)

Was in Wolfenbüttel, südlich von Braunschweig, zum Erfolg geführt hatte, sollte sich in Villingen wiederholen: Die Eroberung einer Stadt mittels einer Belagerung durch aufgestaute Wasser. Es wurde ein Fehlschlag.1

Foto: Hermann Preiser von altem Gemälde vermutlich des Johann Anton Schilling, 1717. Der Verbleib des Originalgemäldes ist unbekannt. Nach Auskunft Franziskanermuseum Villingen, Dr. Michael Hütt, befindet es sich jedenfalls nicht im Depot des Museums.

 

Im bedeutendsten Roman des 17. Jahrhunderts, dem „Abenteuerlichen Simplicius Simplicissimus“ von Christopher von Grimmelshausen, hat der Vorgang der Villinger Wasserbelagerung (18. 06. bis 09. 09. 1634) in verwandelter Form Erwähnung gefunden: Simplicissimus ist ein Junge, der in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges sein Elternhaus verliert und von einem im Wald lebenden Einsiedler aufgenommen wird. Als der Einsiedler nach ungefähr zwei Jahren ans Sterben denkt, beginnt er mit den Worten: „Nun, Simplici, liebes Kind …“ rückblickend auf ihr gemeinsames Leben tröstlich Abschied zu nehmen. Darauf lässt der Schriftsteller v. Grimmelshausen den Simplicissimus berichten und ihn in seinem unerträglichen Schmerz sagen: „Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen …“.

Diese aus literaturgeschichtlicher Sicht interessante Stelle belegt die mittelalter liche Erzähltradition, in der sich Grimmelshausen noch im 17. Jahrhundert bewegte. In ihr war nämlich die psychische Schilderung eines Ereignisses noch nicht entdeckt. Die inneren Empfindungen und Spannungen dieses einfachen Wesens namens Simplicissimus bleiben verschlossen und ungesagt. Sie werden vielmehr durch einen physiologischen Vorgang sichtbar gemacht; d. h., um das Maß der Traurigkeit darzustellen, berichtet er vom Maß der vergossenen Tränen, deren Fülle uns das Bild dieses riesigen Wassers‚ des Sees der Wasserbelagerung, hier bietet.

Anmerkung

1 Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1964, hat auf Seite 311 ff. die Wasserbelagerung umfassend geschildert.