Ganze Stadt wurde zur historischen Bühne (Eberhard Stadler)

„Des Wächters Runde“ begeistert Geschichtsfreunde

Ein Ereignis begeisterte die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins im Herbst 2004 besonders: Das Historienspiel „Des Wächters Runde“, das am 21. Oktober auf dem Programm stand und Auftakt war für eine Reihe neuartiger Stadtführungen, die bei der Villinger Bevölkerung große Resonanz fanden. Wir haben einen Bericht, der im Südkurier erschienen ist, kurz vor Durcklegung noch ins Jahresheft aufgenommen.

Unter hohen Buchenbäumen steht in seinem Garten in der Villinger Josefsgasse der Jude Salomon, mit jüdischer Kopfbedeckung und Schal, die Thora auf einem Pult vor sich liegend, die Hände gefaltet. Die Szenerie ist mit zwei Scheinwerfern ausgeleuchtet, am Boden stehen rote Kerzen. Im inbrünstigen Zwiegespräch mit seinem Herrgott schildert Salomon, wie es damals war, vor 500 Jahren in Villingen. Sie sollen das Blut eines Ermordeten getrunken und andere teuflische Blasphemien begangen haben, die Villinger Juden. Von der Obrigkeit werden die Männer dem „hochnotpeinlichen Verhör“ ausgesetzt und schwer gefoltert. Doch keiner gesteht. Sie werden wieder frei gelassen, im Jahre 1510 endgültig aus der Stadt vertrieben.

Zwei der Hauptakteure im Historienspiel: Nachtwächter Peter Gyger (Lambert Hermle) und der Händler Vatz Wöhrlin (Klaus Richter).

 

Judenverfolgung in Deutschland, in Villingen. Salomon betet zu seinem Gott, daneben steht eine Gruppe Menschen mit roten Kerzen, sie beten murmelnd mit, im Hintergrund ertönt Geigenmusik. Die rund 80 Zuschauer vom Villinger Geschichts- und Heimatverein sind von der Eindringlichkeit dieser nächtlichen Szenerie im Garten des städtischen Ordnungsamtes gebannt. Sie werden es an diesem Abend noch mehrmals sein. Der Villinger Nachtwächter Peter Gyger (Lambert Hermle) und sein Begleiter, der Freiburger Händler Vatz Wöhrlin (Klaus Richter), entführen die Besucher mit „Des Wächters Runde“ in das Villingen vor 500 Jahren. Die nächtliche Szenerie in den mittelalterlichen Gassen und Plätzen der Stadt liefert die kongeniale Atmosphäre für die neue Stadtführungs-Attraktion. Was der Autor des Stücks, der Villinger Lehrer Gunther Schwarz, als Opus magnum entworfen hat, ist alles andere als ein vergnüglicher Nachtwächter- Schwank, wenngleich auch das komödiantische Element herzhaft vertreten ist.

Der Tod holt sich seine Opfer, vor 500 Jahren spielte er im Bewusstsein der Menschen eine noch größere Rolle. Szene auf dem Villinger Münsterplatz.

 

Ein nachdenklicher Held Remigius Mans (Alexander Brüderle), der vor der Schlacht von Novarra aus seinem prallem Leben berichtet.

 

In einer dreistündigen Inszenierung wird der Besucher mit Historie gespickt, intellektuell gefordert, manchmal überfordert und emotional gepackt. Gunther Schwarz und die Akteure des Stücks lassen das 16. Jahrhundert wieder auferstehen. Szenenwechsel Münsterplatz: Kein Ort wäre besser geeignet, dem Publikum die Frömmigkeit und das theologische Fundament der damaligen Zeit näher zu bringen. Dort, in einer Nische am Südturm, wartet der Steinmetz Conrad Röttlin (Heinrich Greif ) auf die Besucher. Steinhauend und monologisierend, eifernd predigend, ruft er die Menschen zur Umkehr auf.

„Gedenke Mensch, dass du aus Staub bist“, schreit er in die Menge, seinen Stein wie ein Rasender bearbeitend. Ein Butzesel, das mittelalterliche Symbol der verwerflichen Fleischeslust, wird über den Platz gejagt und mit der Peitsche weggetrieben. Der Tod im Narrengewand und Totenmaske holt sich seine Opfer und führt sie gebunden ab. Symbolik, die unter die Haut geht.

Nächste Szene Rathausgasse. Auf einem Karren wird Elisabeth Schwarzin herangekarrt, an den Pfahl gebunden, der Henker steht hinter ihr, vier Fackeln lodern bereits bedrohlich am strohbeladenen Wagen. Gestehen soll sie, dass sie eine Hexe ist. Die Lebensbeichte der Schwarzin jagt den Besuchern einen Schauer den Rücken herunter. Sie erzählt ihre Geschichte, die die Geschichte der armen Leute, der armen Frauen von Villingen ist. Die der Lehmarbeiterinnen und der Helferinnen im Spital, die gegen die Pest kämpfen. Die unter Hunger und Kälte leiden und unter der Obrigkeit. Die dennoch ein anständiges Leben führen. Und von denen zwischen 1570 und 1672 mindestens

62, so viele sind dokumentiert, auf dem Scheiterhaufen ihr Leben lassen. Gefoltert und verurteilt im Alten Rathaus, also exakt dort, wo gerade die Zuschauer stehen. In deren Gesichter macht sich in dieser Szenerie Betroffenheit breit, die von Andrea Riehle fulminant gespielte Hexenszene geht tief unter die Haut. Und so geht es weiter beim Parforceritt durch die Stadtgeschichte. Nachtwächter Peter Gyger und der Händler Vatz Wöhrlin treiben die mit Kerzen und Laternen ausgestatteten Zuschauer „hurtigen Fußes“ von Schauplatz zu Schauplatz. Sie sind die Klammer des Spiels, füllen den geschichtlichen Hintergrund mit zahlreichen Informationen im Dialog auf und sorgen für Humor. Auf ihrer nächtlichen Runde stoßen sie auf Jakobspilger und Nachttöpfe, auf aufständische Bauern und zu guter Letzt auf Remigius Mans, den Villinger Lokalhelden (Alex Brüderle). Nach drei Stunden ist es geschafft und der gute „Romäus“ hat sich zum „Action-Höhepunkt“ mit einem Seil aus den schwindelnden Höhen des einstigen „Diebesturmes“ abgeseilt (Stunt: Anselm Säger).

Fazit von des „Wächters Runde“: Die Zuschauer werden immer wieder gepackt von der Intensität des Spiels und seinem hohen atmosphärischen Einfühlungsvermögen. Hinzu kommen Musikeinlagen, tolle a-capella-Gesänge und Gauklerspiel, Spezialeffekte und eine mobile Beleuchtung, viel heimischer Dialekt und Wortwitz.

Gunther Schwarz hat bewiesen, dass er nicht nur ein begnadeter Wortakrobat ist, sondern auch ernsten Stoff brillant in Szene setzen kann. Für alle Freunde des historischen Villingens sind diese drei kurzweiligen Geschichtsstunden ein Muss. Die Mitglieder des Geschichtsvereins unter Leitung von Günter Rath und Adolf Schleicher jedenfalls waren hin und weg.

Nächtliches Spektakel zum Schluss des historischen Stadtrundgangs: Eine Gauklergruppe kreuzt vor dem Romäusturm auf.