Die Villinger Badgass um 1932 (Walter Gentner)

Das gleichnamige Motiv ist eine Kohlezeichnung aus der Erinnerung gesehen. Der Ruhe ausströmende Anblick wirkt wie ein verträumter Dorfwinkel, denn die Gasse ist untypisch im Vergleich zu allen anderen Villinger Gassen.

Es fällt auf, dass hier weder Erker noch vorgesetzte Dachgaupen, das sogenannte „Obertenloch“ zu sehen sind. Die Bebauung zeigt keine, wie sonst im Kernbereich der Stadt übliche, geschlossene Häuserfront. Ein Blick auf den Lageplan der Stadt von 1695, dessen Original sich im G.L.A. Karls- ruhe befindet, zeigt, dass an der rechten Straßenseite noch keine Häuser standen. Statt dessen waren Gärten da trotz der beengten Wohnmöglichkeiten, bedingt durch die Abgrenzung des Mauerringes. Diese kleinen Oasen waren damals ja lebensnotwendig, zumal außerhalb der Stadt oft genug ein Beackern des Bodens wegen der durch- ziehenden oder die Stadt belagernden Truppen unmöglich war.

Im Bild vorne rechts sehen wir also noch einen Rest der Gärten, der aber im Jahre 1952 durch die Wäscherei Grieshaber bebaut wurde. Die Bebauung lehnte sich an das in der Rietgasse befindliche Wohnhaus, gen. „Murer-Freche-Hus“ an. In diesem Garten ist ein Bretterschopf zu erkennen, daneben ein kleines Haus. Darin befand sich damals die Werkstatt von Holzbildhauer Zimmermann. Das erste Gebäude rechts – übrigens mein Geburtshaus – steht einige Meter hinter der

„Stroßekantl“. Das war für ein landwirtschaftliches Anwesen, man denke an den anfallenden Mist oder zur Brennholzlagerung, nützlich. Am Giebel sieht man noch, dass dieses Haus in zwei Etappen erstellt wurde. So ist der hintere Teil zu- erst nur Stallung gewesen. Im Jahre 1794 bauten es Jakob Engel und Brigitta Margareta zum Wohnhaus um. Das Heu und Brennholz hat man im Innern des Hauses auf die „Bühne“ hochgezogen. Mit einer großen Falltüre konnte man den Aufzugsschacht überqueren. Das nächste Haus war das „Gihre Hus“, ein typisches Bauernhaus mit großer integrierter Scheune, oben das „Gräch“ für’s Heu. Danach kommt das Eck Badgasse – Zinsergasse. Hier stand ein großes Bretterlager der Firma Möbel-Riesterer. Der Betrieb befand sich zwischen der Färberstraße und der Rosengasse und Thomasgasse. Nach Auflösung der Firma war das Bretterlager überflüssig und ist abgerissen worden. Die Villinger „Fortuna Brauerei“ hat die- se Lücke geschlossen. Es entstand hier die allseits bekannte Gaststätte „Zum Fäßle“. Ganz hinten sieht man das querstehende, zur Zinsergasse gehörende Anwesen der Küferei Eppler. Davor Krautstanden, Mostfässer oder Brühzuber sind ein vertrautes Bild gewesen. Und eine Gaslaterne an der Hauswand war dort, besonders nachts, nicht zu übersehen. Dieses über dreihundert Jahre alte Haus ist wegen Bauschäden und Stadtsanierungsplänen am 29. 4. 1976 abgebrochen worden. So ging wieder ein Stück Romantik verloren, ebenso“Die“ Informationsquelle schlechthin, denn die Leute uff ‚m Bänkli vorem Hus kannten sich über alles und älli us.

Auf der linken Seite steht das „Moler-Fischer- Hus“ mit angebauter Werkstatt. Wenn dem Mo- ler Fischer das Kindergeschrei auf der Gasse zu bunt wurde, stellte er sich auf die hohe Werkstatteingangstreppe, brummte Unmissverständliches durch seinen Hindenburgbart – und alle suchten dann eiligst das Weite. Hier entstanden zur Vorfasnachtszeit Narro-Häser, so manche Scheme wurde dort gefasst. Um zu wissen, ob’s nicht schon „degege“ goht, bedurfte es nur eines Blickes durch’s Werkstattfenster. Wenn die Häser dann an der Decke hingen, farbentrocknend, war die fünfte Jahreszeit angebrochen. Die Werkstatt steht heute nicht mehr, aber der „Fasnetgoescht“ von damals überlebte.

Nicht mehr auf dem Bild, aber zur Badgasse gehörende Gebäude sind: Linke Seite das Haus Kohler und die ehemalige Badeanstalt. Dort sollen neben der nötigen Körperpflege auch Kneipp‘ sche Wasser-Anwendungen praktiziert worden sein. Das große Eckhaus, heute Fahrrad-Fleig, hatte eine Wirtschaft „Zum Bad“. Danach war eine Uhrenfabrik im Haus. Überquert man die Rietgasse hier, führt die Badgasse noch bis an die Mauer des Franziskanerkloster-Garten. Das mit der Frontseite zur Rietgasse stehende Haus (Schaufenster von Fahrrad-Fleig) gehört ebenfalls noch zur Badgasse. Dieses Stück der Gasse taufte der Villinger Trachtenverein intern um in: „Miliz- Gässli“. Von hier gelangt man geradewegs zum Elisabetenturm, in dem sich dessen Vereinsheim befindet.

 

Auch auf die damaligen Sitten sei hingewiesen. So mussten die Kinder, wenn es abends „Bettziet glitte hät“, von der Gasse rein in ihre Stuben. Interessant war auch zu sehen, wie der Grüßer Franz den jungen Kälbli das Laufen beibrachte, so jeden Tag einmal um’s „Stürzli“. Übermütige Geißen sind bis in die Weiherstraße geschleift worden, wollte man den Artenbestand vermehren.

Im Rietviertel war besonders viel Landwirtschaft, sodass vom Frühjahr bis in den Herbst hinein täglich Kuhgespanne mal da mal dort zu sehen waren. Im Herbst wurde noch in der Zehntscheuer das Getreide gedroschen, und beim Küfer Hog wurde gemostet. Natürlich durfte die Brennholzmacherei für den Wintervorrat in keinem Hause fehlen.

Die einstige Idylle ländlicher Beschaulichkeit inmitten einer turmbewehrten Stadt ist längst Vergangenheit und wird für alle Zukunft traumhafte Erinnerung bleiben.