Stadtgeschichte sichtbar gemacht (Hermann Colli)

Dietmar Kempf baut Kaufhaus von 1573 nach / Unterlagen mühsam zusammen gesucht

Mit großartigen Modellen historischer Villinger Bauwerke hat sich Dietmar Kempf in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht. Der Geschichts- und Heimatverein Villingen hat die Leistung seines Mitglieds in den Jahresheften vergangener Jahre schon mehrfach gewürdigt.

Jetzt hat er wieder ein Stück Villinger Stadtgeschichte aus der Vergangenheit geholt und im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar gemacht: das Kaufhaus von 1573, das auch Gerichtslaube, Kornlaube und Tanzlaube genannt wurde und einst in der Oberen Straße stand.

Aller guten Dinge sind drei, das war dem 69-jährigen Villinger nicht genug, als er im Sommer 2004 zum Jubiläum 300 Jahre Tallard’sche Belagerung seine detailgetreu nachgebaute Lorettokapelle präsentierte. Zuvor hatte er schon mit dem Villinger Rathaus und der Bickenkapelle (die im Jahrbuch“Villingen im Wandel der Zeit“, XXVI. Jahrgang 2003, vorgestellt wurde) sein außergewöhnliches Talent als Modellbauer unter Beweis gestellt. Jetzt folgte sein „vierter Streich“. Die Idee dazu ging Kempf schon seit einigen Jahren durch den Kopf. Aber einerseits war der Rentner mit der Erstellung der schon erwähnten Gebäude „gut ausgelastet“ und zum anderen gab es über das 1827 abgebrochene Gebäude nur wenige beweis kräftige Unterlagen.

Sein Entschluss, sich dennoch ans Werk zu machen, fiel bei einer Führung auf der „Viertele vor-sieben-Route“ durch seine Heimatstadt. Dabei hatte Stadtführer Lambert Hermle in der Oberen Straße bedauert, dass das historische Gebäude, das dort einmal das Stadtbild prägte, nicht mehr existiere. Kempf verstand das als „Wink mit dem Zaunpfahl“ und nahm die versteckte Heraus forderung an.

Es war nicht leicht, Unterlagen für eine Rekon struktion zu finden. Zum Glück hatte Paul Revellio sich in seinen Beiträgen zur Villinger Stadtgeschichte mit dem Kaufhaus beschäftigt und seine Kenntnisse zu Papier gebracht. Auch im Stadtarchiv wurde Kempf mit Zeichnungen und Plänen fündig. Darunter vor allem eine Skizze aus dem Jahr 1892, die mit „S. Walter“ signiert ist. Sie zeigt einige Details, die auf der Zeichnung von Revellio nicht zu finden sind. Auch Ulrich Rodenwaldt trug mit seinem „Leben im alten Villingen“ und einem Beitrag im Almanach des Schwarzwald-Baar- Kreises von 1988 ebenso zum Wiedererstehen der einstigen „Laube“ bei wie Bilder auf alten Postkarten. Hier war es vor allem eine Postkarte aus dem Jahre 1905, die in Manfred Hildebrandts Bildband „Villingen auf alten Ansichtskarten 1893 – 1960“ veröffentlicht wurde. Aber alle Vorlagen entstammten Bildern und Zeichnungen, die lange nach dem Abriss entstanden waren und Detailtreue vermissen ließen. Genaue Lage und Maße errechnete Dietmar Kempf aus einen Stadtplan von Martin Blessing aus dem Jahre 1806, der auch in Revellios Stadtgeschichte zu finden ist.

 

Er hat gut Lachen: Modellbauer Dietmar Kempf hat nach rund 1000 Arbeitsstunden das Alte Kaufhaus von 1573 wieder zu neuem Leben erweckt.

 

 

Ein Ochsengespann mit Getreidesäcken beladen lenkt der Fuhrknecht ins Kaufhaus

 

Aus alle dem entstand dann in einer unwahrscheinlichen Fleißarbeit in rund 15 Monaten im Maßstab 1:25 das Modell, das in Detailtreue und Qualität den anderen viel gelobten Kempf-Modellen nicht nachsteht. Aber es zeigt nicht nur das Äußere des Kaufhauses, sondern ist auch innen in allen Einzelheiten mit Tanz-, Korn- und Gerichtslaube wieder „auferstanden“. Es wurde in Zeitungsartikeln vorgestellt und fand in der Öffentlichkeit große Beachtung und Anerkennung. Aber der sehr kritische Erbauer war mit seinem Werk erst ganz zufrieden, als er auch das Drumherum, so wie es auf historischen Bildern zu sehen ist, hinzugefügt hatte. So kamen ein Ochsengespann, verschiedene Figuren wie Markfrau, Bürger und auch ein wunderfitziger Lausbub hinzu. Sogar das arme Sünderlein, das vom Balkon des Hauses den Urteilsspruch des Richters hinnehmen musste (Paul Revellio erinnert daran), belebt in der Fantasie des Modellbauers die Marktplatzszene.

 

Eine dramatische Szene: Der arme Sünder fällt vor dem Richter in die Knie, bewacht vom Stadtbüttel, getröstet von einem Pater.

 

 

Rund ums Kaufhaus herrscht buntes Marktleben. Natürlich ist das auch Treffpunkt für die Villinger Bürger.

 

 

 

 

 

 

Wenn das Malefizglöckchen läutete …

Dem Historiker Paul Revellio, Professor und verdienter Pädagoge am Villinger Gymnasium, ehrenamtlicher Stadtarchivar, ist es – wie oben erwähnt – zu verdanken, dass über das 1827 abgebrochene ehemalige Kaufhaus in der Oberen Straße wenigstens etwas der Nachwelt überliefert werden konnte. Mit dem Bau des Modells durch Dietmar Kempf rücken seine Aufzeichnungen wieder ganz aktuell in den Blickpunkt.

Der am 7. Juli 1882 geborene und am 1. Juli 1966 gestorbene Heimatforscher, dem die Stadt Vilingen am 18. September 1961 die Ehrenbürger würde verlieh, gibt in seinem Buch „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ Auskunft über dieses markante Gebäude. „Das Kaufhaus, auch Gerichtslaube, Kornlaube und Tanzlaube genannt, wurde 1573 errichtet“, schreibt Revellio unter anderem. Es bestand aus einem Erdgeschoss     aus     festem     Mauerwerk. Darüber ragte ein breiterer Oberbau heraus, mit starkem Gebälk und geriegelten Wänden. Das war die so genannte Laube, die bei festlichen Gelegenheiten als Tanzboden benutzt wurde.

 

Mit dieser Zeichnung, die aber einige proportionale Fehler aufweist, hat Paul Revellio das Kaufhaus von 1573 dargestellt

 

 

Bei Jahrmärkten durften Tuchmacher, Wollweber, Stricker und Gerber dort ihre Verkaufsstände aufbauen. Auch eine Fruchtschütte für sogenannte Kipperer befand sich in dem Gebäude. „Zwei Tore an der Nord- und Südseite und zwei Türen an den gegenüberliegenden Seiten vermittelten den Zugang. Für die Laube war an der Ostseite eine 1,2 Millimeter dick und mit einem Zapfen zum Auflegen auf den 68 Mini-Dachlatten bestückten liegenden Dachstuhl aus dem 16. Jahrhundert versehen. Die Unterlagen dazu fand Kempf nach Studium einschlägiger Fachliteratur über Stilkunde und Baugeschichte im süddeutschen Raum. Besonders Ossenbergs „Das Bürgerhaus in Baden“, das auch alte Häuser in Villingen fachkundig beschreibt, leistete ihm gute Dienste. Über die reine Bauzeit hat der Hobby-Modellbaumeister diesmal genau Buch geführt („die Leute wollen immer wissen wie lange ich daran geschafft habe“): 862 Stunden war der rührige Rentner zwischen Januar 2004 und Pfingsten 2005 in seiner Bastelstube zu Hause in der Weichselstraße 19 mit dem Laube-Projekt beschäftigt. An manchen Tagen bis zu acht Treppe hochgeführt“, heißt es in Revellios Originaltext.

Der Haupteingang befand sich zwischen zwei schweren Pilastern an der Südseite. „Darüber eine Kanzel, von der aus dem Delinquenten das Urteil verkündet wurde, ehe er auf den Richtplatz abgeführt wurde unter dem Läuten des Malefizglöckchens, das in einem eisernen Gestänge den Volutengiebel bekrönte,“ schildert Revellio das Schicksal eines hier verurteilten Todeskandidaten. Der Giebel war durch die Terrakotta-Wappentafel von Hans Kraut aus dem Jahre 1574 geschmückt, die sich heute im Franziskanermuseum befindet. „Das Kaufhaus, außer dem Rathaus der einzige monumentale Profanbau des alten Villingen, wurde 1827 als Verkehrshindernis abgebrochen und die Geschäfte des Kaufhauses in das leerstehende Spitalgebäude verlegt,“ klagt der Chronist in seinem Beitrag und bedauert, dass ein aus Blech gefertigtes Modell des Bauwerkes, das bis 1945 die Erinnerung an die Laube wach hielt, beim Umsturz 1945 auf ungeklärte Weise verschwunden ist.

Zahlen – Maße – Zeiten

Das Modell, das im Maßstab 1:25 erstellt wurde, birgt eine ganze Menge interessanter Zahlen. Es ist 60 Zentimeter lang, 48 Zentimeter breit und 70 Zentimeter hoch. Das Dach ist mit ca. 3880 handgefertigten Ziegeln aus Keramik gedeckt. Jeder einzelne ist 17 Millimeter lang, 7 Millimeter breit und Stunden. Die Frage, ob die beiden Uhren am Modell – die eine zeigt Richtung Niedere Straße, die andere zum Oberen Tor – die richtige Zeit anzeigen, ist für einen Perfektionisten wie Dietmar Kempf fast eine Beleidigung: Es ist eine Selbstverständlichkeit!

Der Vollständigkeit halber muss hier noch angefügt werden, dass Dietmar Kempf für das oben erwähnte „Drumherum“ noch einmal rund 150 Stunden Arbeit hatte. Rund 20 Figuren, Tiere, Wagen und Gerätschaften wurden von Hand geschnitzt, bemalt und zu einer lebendigen Szenerie zusammengefügt.

 

Kleiner geht’s kaum: 3880 Mini-Dachziegel, jeder 17 Millimeter lang, 7 Millimeter breit und 1,2 Millimeter dick hat Dietmar Kempf für sein Modell von Hand gemacht und farblich abgestimmt.

 

Rechnet man die Arbeitszeit vom Haus und der lebendigen Umgebung zusammen, dann kommen mehr als tausend Stunden zusammen. Von der aufgebrachten und notwendigen Geduld ganz zu schweigen. Als das Modell im Herbst 2005 im Schaufenster des Geschäftes „Schilling Wäsche & Mehr“ ausgestellt war, fand das Werk viel Bewunderung und Anerkennung. Den Erbauer hat es gefreut, dass Museumsleiter Michael Hütt bei ihm angefragt hat, ob er dieses Stück lebendiger Stadtgeschichte nicht als Ausstellungsstück für das Franziskanermuseum als Leihgabe bekommen könnte. Dietmar Kempf hat zugestimmt, denn dort befindet es sich an dem Platz, wo die Zeugnisse Villinger Historie in ihrer ganzen Vielfalt zu finden sind.

Blick hinter die Kulissen ins Mini-Kaufhaus

Ein Meisterwerk ist die Tür von der Tanzlaube zur Gerichtsstube. Sie ist ganze 85 Millimeter hoch. Leider bleibt dieser Blick dem Betrachter, der das Modell von außen anschaut, verborgen.

 

Für’s Armen-Sünder-Eckle ist dieser Winkel der Gerichtslaube viel zu schön. Alles sieht aus wie echt. Nur ist’s viel kleiner. Ganze 85 Millimeter hoch ist die Tür.

 

Das Dach verdeckt diesen Blick in Gerichtslaube und Vorraum. Leider gibt es von der Innengestaltung keine Unterlagen. Aber so könnte es wohl ausgesehen haben.