Der Werdegangder „Werner’schen Uhrenfabrik” (Lambert Hermle)

 

Ein Hufeisen kennzeichnet die Uhrwerke

 

Die Anfänge der Uhrenfabrik Werner gehen auf das Jahr 1826 zurück. Nach einem Brand übersiedelte der Handelsmann Johann Nepomuk Nock mit seinem Sohn Heinrich Nock von Triberg nach Villingen und ließ sich in dem Haus am Marktplatz, Ecke Riet- und Obere Straße, nieder. Beide betrieben darin eine Eisen- und Colonialwarenhandlung und gründeten nebenbei ein Uhrenversandgeschäft. Sohn Heinrich Nock war die Seele des angegliederten Uhrenbetriebes.

Ursprung von Werner Ansicht nach 1861

 

 

Ansicht heute

 

Er selbst zog noch als Uhrenträger mit der Krätze hinaus, um Absatzmärkte für die von den Uhrmachern gefertigten und aufgekauften Erzeugnisse zu finden. Im Volksmund nannte man diese Tätigkeit auch „backe“, weil wohl das Verpacken der Uhren nach außen hin als besonderes Merkmal dieser Tätigkeit galt.

Heinrich Nock war mit Theresia Siedle verheiratet, einer Schwester des Firmengründers von Siedle und Söhne in Furtwangen. Er starb 1857 im besten Mannesalter und hinterließ Frau und mehrere Töchter.

1861 heiratete die älteste Tochter von Heinrich Nock den aus Dunningen bei Rottweil stammenden Karl Werner. Er war von Beruf Schmied und hatte auf langer Wanderschaft sein Interesse auch den feinen, mechanischen Dingen zugewandt.

Eine in Villingen bedienstete Schwester von Karl Werner bewog ihren Bruder, sich der Uhrmacherei anzunehmen und in das Geschäft des Uhrenfabrikanten Christian Maier, (Schütze-Maier 1), dessen Eltern ebenfalls aus Dunningen stammten, einzutreten. Nach Erwerb der erforderlichen technischen und kaufmännischen Kenntnisse besuchte Karl Werner für seinen Arbeitgeber Uhrenmessen und studierte den Absatzmarkt.

Nach der Einheirat machte sich Karl Werner selbstständig und übernahm den „Nock’schen Uhrenbetrieb“ am Marktplatz. Nun kamen ihm seine speziellen Kenntnisse und Erfahrungen zu Gute. Das Ladengeschäft am Marktplatz wurde weitergeführt, der Ankauf von Uhren um eine eigene Uhrenfertigung ergänzt.

Im 3. Stockwerk dieses hohen Hauses wurden – unter räumlich sehr eingeschränkten Bedingungen – Drehbänke aufgestellt und mit der Fertigung von „Schottenuhren“2 begonnen. Bald schon erwiesen sich jedoch diese Arbeitsräume als zu klein für die Einstellung weiterer, dringend benötigter Arbeitskräfte. 1870 erwirbt Karl Werner vom Glasschildmaler Ferdinand Meyer dessen ehemalige Werkstätte an der Ecke Schul-Kanzleigasse (heutiger Schuhmacher Keller). Meyer selbst errichtet einen Fabrikneubau in der Bertholdstraße, gegenüber der Tonhalle (spätere Gewerbeschule und Lollipopp).

 

Heute: Schulgasse – Kanzleigasse, Blick von Rathausgasse

 

 

Blick von Rathausgasse

 

 

 

 

 

 

Die Uhrenfertigung wird aufgenommen. Die Methoden zur Herstellung der einzelnen Bestand teile und zu deren Zusammensetzung entsprechen neuesten, aus Amerika kommenden Fertigungsverfahren. Zehn Jahre später wird die Notwendigkeit einer erneuten Vergrößerung des Betriebes deutlich. Werner kauft nun ein an die Schulgasse angrenzendes landwirtschaftliches Gebäude, lässt dieses abreißen und baut neue Fertigungsräume (heutiger Bau).

Eine sechspferdige Lokomobile wird zum Antrieb der Drehbänke genutzt. Diese Lokomobile muss aber bereits 1887 durch eine 12- bis 18-pferdige Hochdruckmaschine ersetzt werden.

Im Rahmen der Fertigung der Schwarzwälder Uhren wird vom Gewichtsantrieb auf den Federantrieb umgestellt. Anstelle der hölzernen Bestandteile tritt das so genannte massive Uhrwerk aus Messing. Nahezu sämtliche Einzelteile des Räderwerks sowie deren Wandungen werden über das Ausstanzverfahren gefertigt. Für diesen Umstellungsprozess werden weitere, erfahrene Uhrmacher eingestellt. Die auf diese Weise gefertigten Uhrwerke werden in längliche, mit Renaissanceverzierungen versehene Holzkästen eingebaut und unter dem Namen „Regulateur“ vertrieben. Noch ein weiterer Uhrentyp, der so genannte „Wecker“, der auf dem Nachttisch zuhause seinen Platz fand, wird in Fertigung genommen. Dieser „Wecker“ findet reißenden Absatz.

 

 

 

 

 

Im Export wird in der Zwischenzeit ein starker Zuwachs verzeichnet, der überwiegende Teil der Waren wird ins Ausland geliefert.

 

Firma Werner Ende 19. Jahrhundert

 

 

Drei Freischwinger-Regulateure der Firma C. Werner aus Villingen. Musterbeispiele der heimischen Uhrenbauindustrie um 1900.

 

Mit dem Hufeisenmotiv erhalten die Uhren eine eigene Fabrikmarke, was gemeinhin den Ruf einer guten Ware festigt.

Erst 59 Jahre alt, verstirbt im Jahr 1880 der Firmengründer Karl Werner und hinterlässt ein Unternehmen, das 250 Beschäftigten Arbeit und Lohn bietet. Die schuldenfreie und mit beträchtlichen Betriebsmitteln ausgestattete Fabrik wird von den beiden Söhnen Hermann und Carl Heinrich Werner übernommen und weitergeführt. Hermann Werner, der eine Ausbildung auf der Uhrmacherschule in Furtwangen genossen hat, übernimmt die technische Leitung. Carl Heinrich Werner, der mehrere Jahre in England als Kaufmann tätig war, führt das Werk auf kaufmännischem Weg weiter.

Im Hinblick auf die kontinuierlich steigenden Absätze der Werner-Uhren tragen sich die beiden Brüder bald mit dem Gedanken, auf der Amtsmannwiese3 vor dem Oberen Tor eine neue, große Fabrik zu bauen. Leider erfährt zwischenzeitlich ein Fabrikant aus Schwenningen von der Amtsmannwiese und erwirbt diese. Er bebaut das Areal aber nicht, sondern gibt es an die Stadt Villingen zurück, unter der Bedingung, dass an dieser Stelle niemals eine Uhrenfabrik errichtet werden dürfe. Wenig später werden die Brüder Werner doch noch fündig und zwar in der damaligen westlichen Ringstraße (heutiger Benediktinerring). Durch den Bezirksbaumeister und Architekten Lattner wird ein Fabrikneubau mit gelben Klinkersteinen errichtet und 1895 bezogen. Die doppelte Anzahl der Beschäftigten wird darin aufgenommen. Einige Jahre später wird in den Gebäuden der früheren Tuchfabrik Dold in der Oberen Waldstraße (am Gewerbekanal, heutige Richthofenstraße) eine Schreinerei eigens für die Uhrengehäusefertigung eingerichtet. 1908 erfolgt dann der Flügelbau entlang der Nepomukstraße.

Auftretende Schwierigkeiten mit dem Zoll sorgen für die Aufbau von Niederlassungen sowohl in Innsbruck (Österreich) als auch in Badeville (Frankreich). Aus diesem Grunde werden noch weitere Fabriklager in Warschau, Paris und London eingerichtet.

Um 1900 jedoch kam die aufsteigende Entwicklung ins Stocken. Ein Taxameter, also ein Fahrpreisanzeiger, wurde vom Markt nicht angenommen. Größere Geldsummen, die in diese Entwicklung geflossen waren, konnten nicht mehr erwirtschaftet werden. Die Auslandsgeschäfte brachen ein und immer weniger Abnehmer zeigten Interesse an den Uhren.

Mit Beginn des allgemeinen Preiszerfalls in der Schwarzwälder Uhrenindustrie und in Zusammenhang mit Unstimmigkeiten innerhalb der Werksführung erfolgte 1913 die Kündigung eines hypothekarisch gesicherten Kredits seitens des Bankvereins in Schaffhausen. Weitere Krediteinschränkungen von anderen Bankinstituten waren die Folge. Sämtliche Bemühungen um Kreditersatzbeschaffung schlugen fehl; die Stadtgemeinde Villingen, welche um eine Bürgschaft von 100 000 RM angegangen wurde, lehnte ab. Die Folge war, die Firma in Liquidation zu stellen, unter Verkaufssetzung der gesamten Anlagen, Einrichtungen, Fertig- und Halbfabrikate.

Dem Angebot der Schwenninger Firma Schlenker und Kienzle über 860 000 RM erteilte der Liquidator den Zuschlag. Die Firma wurde weitergeführt als Filialbetrieb des Schwenninger Werks, als Fabrikationsstätte von Bestandteilen. Der einst bedeutende Ruf des bodenständigen Unternehmens Werner war somit erloschen.

Beim Kaufübergang fanden sich Vorräte an Rohmaterial, Halb- und Ganzfabrikaten, deren Wert die Kaufsumme um das Doppelte überstieg. Den beiden Unternehmern blieben nur kümmerliche Vermögensreste und, nach einem Menschenalter an Arbeit, die bittere Sorge um die Zukunft.

Am 21. April 1936 stirbt Carl Heinrich Werner und wird in der Familiengrabstätte an der oberen Mauer des Villinger Friedhofs bestattet.

Werners Tatkraft, Einsatz und Unternehmergeist waren um die Wende ins 20. Jahrhundert vorbildlich und in der Zeit der Industrialisierung für die Stadt Villingen von enormer Bedeutung.

Anmerkungen:

1 Christian Maier erwarb 1835 von Joseph Hagios, Leinenweber, das Anwesen vor dem Riettor. Seit etwa 1700 befand sich dort die Schießstatt der Armbrustschützen und so nannte man ihn kurzer hand „den Schützen-Maier“.

2 Die Beliebtheit der Schwarzwälder Uhren ist im Wesentlichen auf die Schottenuhren zurückzuführen. Es handelt sich hierbei um Wanduhren mit Ankerhemmung und halblangem Schwerkraftpendel, welches hinter dem Uhrwerk angebracht ist. Die ersten Uhren dieser Art wurden von Johann Dilger, gestorben 1780, auf dem Schottenhof bei Neustadt gefertigt. Daher der Name „Schottenuhr“. Diese Schottenuhren haben einen Lackschild und können als Symbol der Blütezeit der vorindustriellen Schwarzwälder Uhr gelten. Uhren dieses Typs wurden häufig als Kuckucksuhren gebaut. Bei Schottenuhren, die um 1800 gebaut wurden, ist das Werk durch Füßchen oder Stollen von der Wand abgesetzt, damit der Pendel zwischen Wand und Gehäuse frei schwingen kann. Bei späteren Formen befindet sich der Pendel innerhalb des Uhrengehäuses. Schottenuhren wurden in verschiedenen Variationen gebaut, so als „Männleuhren“ mit sich bewegenden Figuren auf dem Uhrenschild. Besonders beliebt waren diese Schottenuhren, mit Lackschild versehen, als Hochzeitsgeschenk.

3 Ehem. großes, mit Gebüschen umsäumtes Wiesengrundstück vor dem Oberen Tor. Gehörte zum Amtshaus des Klosters St. Blasien in der Josefsgasse (Amt für Öffentliche Ordnung). 1907 von der Stadt erworben anlässlich der Gewerbe – u. Industrieausstellung. Später Stadtgarten und Binder-Magnete. Heute Kendrion Binder. Aus dem Nachruf anlässlich des Todes von Carl Heinrich Werner / I. Honold Aus „Das alte Feuerspritzenhaus und die Schützen – Maier“ / W.K.F. Haas Aus „Aufstieg und Vergehen eines Unternehmens / GHV Jahresband 1990/91 Aus „Flurnamen der Stadt Villingen“ / Hans Maier

 

 

 

 

 

 

 

 

Die einstige Villa von Hermann Werner, erbaut im Jahre 1898