Kunstwerke aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis in der Sammlung Dursch im Rottweiler Dominikanermuseum (Winfried Hecht)

Nach den musealen Veränderungen der letzten Jahre in Donaueschingen verfügt in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg wohl das Dominikanermuseum Rottweil mit der Sammlung Dursch über den bedeutendsten Schatz spätmittelalterlicher Kunst. Es handelt sich um mehr als 170 Exponate, welche der katholische Kirchenrat Dr. Georg Martin von Dursch (1800–1881) gesammelt hat und die seit 1851 für 140 Jahre in der Rottweiler Lorenzkapelle ausgestellt waren, bis sie zusammen mit den Funden aus Arae Flaviae, der römischen Vorgängerstadt des heutigen Rottweil, 1991 in einem Museumsneubau am Platz des einstigen Rottweiler Dominikanerklosters eine sachgerechte und würdige Unterbringung gefunden haben1. Dies war nur möglich, weil das Land Baden-Württemberg die Stadt Rottweil bei der Erfüllung dieser Aufgabe tatkräftig unterstützt hat. Umgekehrt war das Land zu seinem Engagement deshalb zu bewegen, weil die Rottweiler Römerfunde und die Holzbildwerke der Sammlung Dursch in ihrer überregionalen Bedeutung als unstrittig anerkannt galten. Allerdings hat der von der Stadt Rottweil zu tragende laufende Museumsbetrieb die Finanzen der Großen Kreisstadt inzwischen so belastet, dass zuletzt die Öffnungszeiten des Dominikanermuseums auf sechs Nachmittage pro Woche beschränkt wurden.

Dekan Dursch plagten vor über 150 Jahren andere Sorgen. Der Kirchenmann hatte seine Schätze mit solchem Erfolg aus fast allen Ecken des Landes zusammengetragen, dass er nach seinem Umzug von Wurmlingen nach Rottweil auch mit dem beachtlich großen Pfarrhaus an seiner neuen Wirkungsstätte erhebliche Unterbringungsschwierigkeiten für seine Kunstwerke bekam. Es wollte ja bedacht sein, dass er auch noch Platz für eine Sammlung spätmittelalterlicher Gemälde finden musste, die heute den Kern des Diözesanmuseum in Rottenburg bildet. So war Dursch zweifellos erleichtert, seine geschnitzten „Heiligen“ an die Stadt Rottweil abzugeben, zumal er die Sammlung weiter als Kustos betreuen konnte und Württembergs König Wilhelm I. den, übrigens recht bescheidenen, Kaufpreis für die Kostbarkeiten aus seiner Privatschatulle stiftete – eine Geste des guten Willens beim schwäbischen Landesherrn, nachdem sich die Rottweiler während der Revolution von 1848/1849 so gar nicht königstreu als stramme Republikaner aufgeführt hatten.

 

Apostelfiguren und eine Thronende Madonna aus St.Georgen

 

Majestät war von Durschs Holzbildwerken aus mehreren Gründen angetan: Sie decken recht gleichmäßig die Zeit zwischen etwa 1300 und 1530 ab, und damit sozusagen durchgehend den „Herbst des Mittelalters“. Weiter war nicht zu übersehen, dass die neue Rottweiler Sammlung im Blick auf die Herkunft der Einzelstücke beachtlich ausgeglichen über den südwestdeutschen Raum gestreut war. Schließlich gab und gibt es ikonographisch kaum ein Thema der spätmittelalterlichen Kunst, das in der Sammlung Dursch nicht beispielhaft vertreten wäre. Und dies bedeutet auch wieder, dass die führenden Meister dieser Zeit aus dem Südwesten in der Sammlung Dursch in Gestalt von wichtigen Arbeiten ziemlich einträchtig versammelt sind. Solche Vorzüge gelten mehr als nur andeutungsweise auch, wenn es um Beispiele geht, die im Schwarzwald-Baar-Kreis beheimatet sind. In der zeitlich frühesten Gruppe der Ausstellungsstücke der Sammlung Dursch sind dabei eine Folge von Apostelfiguren zu nennen, die um 1360 für die Abteikirche der Benediktiner von St. Georgen im Schwarzwald geschnitzt wurden . Sie stehen in enger Beziehung zu einer Deesis-Gruppe, die 1915 aus dem Schwarzwald nach Berlin gelangte und von der nur die Statue Johannes des Täufers den 2. Weltkrieg überstanden hat. Dursch hatte „seine“ sechs Apostel aus St. Georgen in ziemlich schlechtem Zustand vom Dachboden der Lorenzkirche erworben, anscheinend in Wurmlingen, seinem letzten Wirkungsort vor Rottweil, nicht mehr und dafür erst wieder in Rottweil ausgestellt.

Weitere Heiligenfiguren und die Beweinung von St. Georgen

 

Im Figurentypus scheinen die St. Georgener Apostel und die Berliner Deesis nachhaltig beeinflusst von den Steinbildwerken des Rottweiler Kapellenturms. Dies hat insofern Gewicht, als der „Rottweiler Stil“, der am Kapellenturm der Reichsstadt ausgeprägt wurde, sonst bei uns in Holz so gut wie nicht mehr dokumentiert ist. Andererseits war die Gruppe schon zahlenmäßig dezimiert, als Dursch sie in seine Sammlung holte. Mit einiger Sicherheit kann trotzdem davon ausgegangen werden, dass die Figuren ursprünglich farbig gefasst gewesen sind. Gelegentlich wird auch vermutet, sie seien teilweise überarbeitet worden. Noch weiter geht die Annahme, die Figuren stammten von einem Altarwerk, das in der alten Abteikirche von St. Georgen in den Lettner und nicht in den Chor der Kirche eingebunden gewesen wäre. Wo sich indes die Werkstatt befand, in der sie entstanden, ist offen. Gute Gründe sprechen für Rottweil, aber auch Villingen oder Freiburg i. Br. kommen hier in Frage. Mindestens die gleiche kunstgeschichtliche Bedeutung wie die Folge der sechs Apostel aus St. Georgen besitzt in der Sammlung Dursch die Thronende Maria mit Kind eines unbekannten Meisters aus der Zeit um 12903. Die Statue aus Lindenholz ist die früheste Arbeit in der Sammlung Dursch und trägt deshalb die Katalog-Nummer 1 der Sammlung. Kirchenrat Dursch hat sie zusammen mit den sechs Aposteln in St. Georgen erworben, gleichfalls in wenig erfreulichem Zustand. Allerdings fehlt heute nicht nur die Krone auf dem Haupt der Gottesmutter, vielmehr ist auch die farbliche Fassung der Figur bis auf wenige, blau gehaltene Reste verschwunden. Andere Teile des Andachtsbildes sind ergänzt. Den Betrachter spricht aber immer noch das Jesuskind mit seiner lebhaften Gestik an – stärker jedenfalls als die bei aller Freundlichkeit würdevoll thronend gezeigte Mutter Gottes. Er mag vielleicht daran denken, dass die Thronende Madonna von St. Georgen annähernd in die gleiche Entstehungszeit gehört wie die Dauchinger Madonna oder die Villinger Pilgerkrönung mit dem Heiligen Jakobus.

Aus St. Georgen stammen in der Sammlung Dursch weiter zwei Heiligen-Figuren eines unbekannten Meisters aus der Zeit um 14704. Dursch hat sie zusammen mit den anderen Holzbildwerken aus St. Georgen erworben, womit auch die immer wieder gestellte Frage nach zwei zusätzlichen Apostelfiguren des Zyklus aus dem 14. Jahrhundert beantwortet wäre: Die hat es zu Durschs Zeiten offensichtlich bereits nicht mehr gegeben, dafür diese beiden wesentlich jüngeren Stücke. Auch die beiden Figuren des 15.Jahrhunderts sind aus Lindenholz gearbeitet und waren ursprünglich gefasst. Ihr ästhetischer Wert scheint genauso umstritten wie ihre Zuordnung zu einer bestimmten Werkstatt, wobei wiederum Rottweil oder Villingen am ehesten in Frage kommen. Vielleicht zierten die beiden Heiligen ursprünglich einen Nebenaltar oder das Gesprenge eines größeren Altarwerkes in der Abteikirche der Benediktiner von St. Georgen.

Aus den Frauenklöstern Amtenhausen und Mariahof

 

In einen häufig und meist kontrovers diskutierten Zusammenhang gehört aus St. Georgen in der Rottweiler Sammlung Dursch schließlich eine Beweinungsgruppe5. Zusammengefügt aus vier Lindenholzblöcken war das Hochrelief ursprünglich gefasst und zeigt um den Leichnam des Herrn versammelt seinen Lieblingsjünger Johannes, seine fassungslos traurige Mutter, voller Anteilnahme die ein wenig modisch „hergerichtete“ Maria Magdalena und Maria Kleophae, welche ratlos und verlegen eine Zehe am Fuß des Herrn anfasst.

Kein Zweifel: Es handelt sich um eine recht gediegene, ja überdurchschnittliche Arbeit, die sicher eine Zier für die Klosterkirche der Benediktiner von St. Georgen gewesen ist.

Ebenso deutlich wird ihrem kundigen Betrachter jedoch, dass die St. Georgener Beweinung in Beziehung zur Falkensteiner Beweinung in Schramberg steht, die ihr freilich gestalterisch in mehr als einer Hinsicht überlegen scheint.

„Christus am Ölberg“ aus Mariahof

Natürlich stellt sich angesichts solcher Gegebenheiten die Frage, welche von beiden Beweinungen der anderen als Vorbild diente und damit wohl auch die ältere ist.

Heinrich Adrion hat die Falkensteiner Beweinung, die er dem Rottweiler Bildhauer Conrad Rötlin zuschreibt, zuletzt auf etwa 1515 datiert6. Willi Stähle, der frühere Kustos der Rottweiler Lorenzkapelle, vertrat als Entstehungszeit der Beweinung aus St. Georgen sehr entschieden das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts7. Dies würde bedeuten, dass Rötlin, der möglicherweise immerhin für Kaiser Maximilian tätig war, die Falkensteiner Beweinung nach dem Vorbild der St. Georgener gearbeitet – und übertroffen hat. Dies wäre in soweit nicht außergewöhnlich, als in der Spätgotik vielfach Aufträge an Künstler mit sehr genauen, vertraglich fixierten Auflagen ergangen sind, an denen sich auch in unserem Fall ein Bildschnitzer unbedingt zu orientieren hatte.

Demnach wäre die Beweinung von St. Georgen im Auftrag von Abt Georg von Asch (1474–1505) oder seines Nachfolgers Eberhard Bletz von Rotenstein (1505–1517), die beide für ihre engen Beziehungen nach Rottweil bekannt sind8, im Rahmen der Neuausstattung ihres 1474 niedergebrannten Klosters und wahrscheinlich in einer Werkstatt der Reichsstadt entstanden. Wenn die Falkensteiner Beweinung danach um 1515 wohl im Auftrag der Grafen von Sulz für ihre Grabkapelle bei den Rottweiler Dominikanern geschaffen wurde, dann dürfte die Beweinung von St. Georgen ihrem heute in der Falkensteiner Kapelle in Schramberg befindlichen, meisterlichen Gegenstück als Vorbild gedient haben. Wie sehr das Thema der Beweinung Christi übrigens die kirchliche Kunst im Rottweiler Raum um diese Zeit bewegte, mag das Beispiel einer vor allem im Aufbau beeindruckenden, weiteren Gruppe mit diesem Motiv zeigen, die sich heute in Frittlingen befindet und wohl aus der Klosterkirche der Zisterzienserinnenreichsabtei Rottenmünster vor Rottweils Toren stammt9.

Ins spätere 15. Jahrhundert gehören in der Sammlung Dursch des Rottweiler Dominikanermuseums noch drei weitere Kunstwerke aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Zwei davon kommen aus dem Benediktinerinnenkloster Amtenhausen auf der Baar, eines aus Neudingen bei Donaueschingen. Die hervorragende Qualität eines tänzerisch schreitenden heiligen Königs aus Amtenhausen löst beim Betrachter vielfach als erste Reaktion das Bedauern aus, dass von der zugehörigen Gruppe nicht mehr erhalten blieb10. Sie hat ja zweifellos einmal zwei weitere Könige und eine Muttergottes mit ihrem Kind umfasst.

Der glücklicherweise noch vorhandene König erscheint für die Sammlung Dursch erst 1881 verzeichnet. Andererseits wurde Kloster Amtenhausen bereits 1851 abgebrochen. Sonst sind Einzelheiten über den Weg des Kunstwerks nach Rottweil nicht bekannt. Dies gilt auch für die künstlerische Heimat der ursprünglich gefassten Lindenholz- Figur. In ihrer Bewegung lässt sie an Blätter des Meisters E. S. als Vorlage denken, in ihrer Linienführung vielleicht auch an Martin Schongauer. Damit wäre sie auf jeden Fall stärker vom Oberrhein her beeinflusst und nicht unbedingt der Kunstlandschaft Schwaben zuzuordnen.

Dies gilt schon eher für eine über der Mondsichel mit ihrem Kind thronende Madonna aus Amtenhausen11. Sie wird üblicherweise auf 1490 datiert, besteht aus Lindenholz und war ursprünglich gleichfalls gefasst. Das Motiv mit dem auf dem Schoß der Mutter sitzenden, nach der Weltkugel greifenden Jesusknabe ist ähnlich geläufig wie die Mondsichel zu Füßen Marias, mit der auf eine Stelle aus der Apokalypse angespielt wird. Bei der Madonna, aber auch beim „schreitenden König“ kann man daran denken, dass die Klosterfrauen von Amtenhausen in enger Beziehung zu den Benediktinern von St. Georgen standen.

Den Kreis der spätgotischen Holzbildwerke aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis in der Sammlung Dursch im Rottweiler Dominikanermuseum schließt ein vergleichsweise kleines Relief aus Lindenholz mit „Christus am Ölberg“12. Es entstand um 1490 in der Werkstatt eines nicht näher bekannten schwäbischen Bildschnitzers und war ursprünglich gleichfalls für ein längst aufgehobenes Frauenkloster bestimmt, jenes der Dominikanerinnen von Mariahof bei Neudingen.

Kirchenrat Dursch hat das Relief offenbar von privater Hand erworben und in diesem Fall einmal die noch weitgehend vorhandene originale Fassung des Werkes erhalten und einfühlsam ergänzen lassen. So zählt das Relief zu den besseren Stücken seiner Sammlung, auch wenn der bildnerische Kontext nicht klar wird, in welchem es ursprünglich stand: Es könnte als eine von zahlreichen, ähnlich formatierten Tafeln ebenso in den Zusammenhang eines Passions-Altares gehört haben, wie zu einer Rosenkranzmadonna als Vergegenwärtigung von einem der Geheimnisse des Schmerzhaften Rosenkranzes, auch wenn in diesem Fall gewöhnlich mit rund angelegten Medaillons zu rechnen ist. Dessen ungeachtet dokumentiert auch die Ölberg-Tafel aus Mariahof anschaulich, welch hohen Stellenwert die Passionsfrömmigkeit in den Frauenklöstern unserer Heimat am Ende des Spätmittelalters besessen hat; ganz am Rande sei dazu bemerkt, dass die Neudinger Schwestern von Patres des Rotweiler Dominikanerkonvents betreut wurden13.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist demnach mit dreizehn teilweise außergewöhnlich guten Holzbildwerken in der Sammlung Dursch im Rottweiler Dominikanermuseum vertreten. An ihrem Ausstellungsort stehen sie für mehr als nur ein Stück Kunstgeschichte oder einige bemerkenswerte lokale Aspekte von ihr. Sie führen vielmehr beispielhaft hin zu gemeinsamen kulturellen Strukturen und Traditionen einer ganzen Region im Spätmittelalter.

Anmerkungen:

1 W. Stähle, Schwäbische Bildschnitzkunst der Sammlung Dursch Rottweil I und II. Rottweil 1983 bzw.1986 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Rottweil Bd.8 bzw. Bd.10)

2 Stähle I Nr.10-Nr.15 S.32 ff.

3 Stähle I Nr.1 S.2 ff.

4 Stähle I Nr.29 und Nr.30 S.104 bzw. S.105

5 Stähle II Nr.133 S.122 ff.

6 H. Adrion, Der Rottweiler Bildhauer Kaiser Maximilians Conrad Rötlin. Villingen-Schwenningen 2000 S.10 ff. und S.94 ff.

7 Stähle II Nr.133 S.125

8 W. Hecht, Zu den Beziehungen zwischen Kloster St. Georgen und der Stadt Rottweil. FS 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald 1084-1984. Hrsg. von der Stadt St. Georgen. St. Georgen 1984 S.69 ff.

9 E. Rieble, Art. Frittlingen. In: Archäologie, Kunst und Landschaft im Landkreis Tuttlingen. Hrsg. vom Landkreis Tuttlingen. Sigmaringen 1988 S.104 ff.

10 Stähle I Nr.64 S.182

11 Stähle I Nr.75 S.201

12 Stähle I Nr.76 S.204 ff.

13 W. Hecht, Das Dominikanerkloster Rottweil (1266-1802). Rottweil 1991 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Rottweil Bd.13) S.79