Vor 60 Jahren – Kriegsende in Villingen (Martina Zieglwalner)

Einzug der Franzosen beendet Zweiten Weltkrieg Befreiung – aber auch Not und große Sorgen

Dunkelheit herrschte in der Kirche. Von draußen war das Rasseln der Panzer zu hören. Einige ältere Frauen beteten, andere weinten: Noch gut kann sich Manfred Ganter an die letzten Stunden des zweiten Weltkriegs erinnern, als er mit seinen Eltern und Nachbarn ins nah gelegene Münster geflohen war, in dem der Ministrant und Chorknabe schon so manchen Bombenalarm verbracht hatte. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Innenstadt, dass die Franzosen auf dem Vormarsch sind und bald Villingen erreicht haben werden. Die Bevölkerung suchte Schutz in den Häusern, Luftschutzkellern oder der Kirche.

Seit dem frühen Nachmittag verbreitete sich am 20. April 1945 die Nachricht der heranziehenden Franzosen, die von Mönchweiler her vorstoßen würden. In Villingen drohte Gefahr von zwei Seiten: Im Stalag VB Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager) befanden sich am 20. April rund 200 Polen, zwischen 500 und 600 Franzosen, 100 bis 150 Jugoslawen und 1300 bis 1500 Russen. Außerdem hielten sich noch viele deutsche Truppen in der Stadt auf: Das Jäger-Ersatz-Bataillon 56 mit etwa 1000 Mann, zirka 800 Soldaten in den Lazaretten, 150 Mann in den Landesschützen-Kompanien zur Bewachung des Stalags und an die 500 weitere Mitglieder der Wehrmacht in kleineren Einheiten. Hinzu kam der „Volkssturm 287 Villingen“, der sich aus vier Bataillonen zusammensetzte. Die Oberste Heeresleitung hatte noch eine Rundumverteidigung Villingens befohlen, die das Jäger-Ersatz-Bataillon in Lagebesprechungen mit den Volkssturm Führern Anfang April festgelegt hatte. Doch am Mittag und Abend des 20. Aprils war die militärische Lage völlig unübersichtlich.

Teils befanden sich die Einheiten auf dem ausgebildeten und teils unbewaffneten Männer, teils waren sie der Mobilisierung ohnehin nicht gefolgt. Die Kreisleitung der NSDAP verließ die Zentrale im Romäusring und setzte sich am Nachmittag mit all ihren führenden Parteileuten ab. Dies erfuhr die Bevölkerung schnell und war ob des Eindrucks, im Stich gelassen worden zu sein, dementsprechend verbittert. Auch das Stalag löste sich in diesen Stunden auf: Die russischen Kriegsgefangenen brachen am Nachmittag mit Feldwebeln Richtung Schweiz auf. Symbolisch wurde das Lager am Abend einem französischen Vertrauensmann übergeben.

Rückzug. Die meisten Bataillonsführer des Volkssturms verzichteten auf einen Einsatz der schlecht

Verwaltungsdirektor Hermann Riedel

 

Parteifunktionäre ergreifen die Flucht „Mit Ablauf des 20. April war auch für die Bevölkerung der Stadt Villingen das Dritte Reich abgeschlossen“, stellt Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945 – Bericht aus einer schweren Zeit“ kurz und bündig fest. Seit 1940 Erster Beigeordneter der Stadt, reagierte der spätere Verwaltungsdirektor nach der Flucht der Parteifunktionäre sofort: Die Gefahr vor Augen, ordnete er um 17 Uhr an, im Rathaus alle nationalsozialistischen Bilder und Fahnen zu vernichten. Unterdessen nutzten viele Bürger die Gelegenheit und plünderten in der Kaserne die Lebensmittelvorräte der Wehrmacht, die sie der Stadt zur Verteilung an die Bevölkerung überlassen hatte. Mit Hand- und Leiterwagen transportierten sie Säcke mit Zucker und Reis, Marmelade, Dörrgemüse oder Käse ab, trotz der bedrohlichen Situation. Denn seit dem frühen Abend näherten sich die Franzosen von Nordstetten, Obereschach und Schwenningen her der Stadt, es kam hin und wieder zu Zwischenfällen mit dem sich zurückziehenden Jäger-Ersatz- Bataillon und kleineren Kommandos von Wehrmacht und Volkssturm. Es gab Tote auf beiden Seiten, auch einige Zivilisten starben bei den Schusswechseln. Immer wieder hallten Gewehrsalven durch die Nacht, später waren noch Leuchtkugeln und Leuchtspurmunition zu sehen, bis die Schießerei gegen 4 Uhr nachließ.

Da sich alle bisherigen Machthaber abgeseilt hatten und die alte Ordnung nicht mehr bestand, war es an Hermann Riedel, am 21. April die Entscheidungen zu treffen und die Stadt an die Franzosen zu übergeben. Schon in der Nacht von Freitag auf Samstag war er in den Luftschutzkellern unterwegs gewesen und hatte allen erklärt, dass er angesichts der aussichtslosen Lage keinerlei Versuche zur Verteidigung der Stadt in die Wege leiten würde, um sie nicht in letzter Stunde noch der teilweisen oder vollständigen Vernichtung preiszugeben. Nicht leicht war es für ihn dann am Morgen, den richtigen Zeitpunkt zum Hissen der weißen Flagge als Zeichen der gewaltlosen Übergabe abzuwarten: Noch in Kraft war der Geheimerlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler, „härteste Maßnahmen“ gegen das Heraushängen weißer Tücher zu ergreifen und alle männlichen Personen eines Hauses zu erschießen, aus dem eine weiße Fahne zu sehen ist. „Ich wußte nicht, ob noch kleinere Einheiten der deutschen Wehrmacht außerhalb der Stadt Stellung bezogen hatten, um den Vormarsch der Franzosen aufzuhalten“, schildert Riedel seinen Zwiespalt. Er befürchtete, dass Soldaten in die Stadt zurückkommen könnten, um die Tücher herunterzuholen, und damit möglicherweise auch neue Kampfhandlungen heraufbeschwören würden. Um jedoch sofort eine Flagge parat zu haben, hatte Riedel Fahnenstangen und weiße Vorhänge im Rathaus deponiert.

Münsterpfarrer stellt Bettlaken zur Verfügung

Als eine Detonation das Gebäude erschütterte und von einer Bombardierung auszugehen war, hielt er den Zeitpunkt für gekommen, die weiße Flagge auf den Münstertürmen anzubringen. Nachträglich stellte sich zwar heraus, dass abziehende deutsche Truppen im Stadtwald bei Pfaffenweiler ein Lager mit 20 Tonnen Artilleriemunition in die Luft gejagt hatten. Doch ist es seiner frühzeitigen und mutigen Entscheidung zuzuschreiben, dass die Franzosen die Stadt ohne große Kämpfe einnahmen und sie nicht sinnlos zerstörten. Da die Vorhänge zu klein waren, stellte der Münsterpfarrer und spätere Dekan Max Weinmann zwei Bettlaken zur Verfügung und schickte seinen Vikar Franz Völker mit, um sie unter anderem mit dem Maurermeister Hans Murer und weiteren Männern am südlichen Münsterturm zu hissen. Kriegsgefangene nahmen die zweite Fahne für den Benediktinerturm mit. Und auch vom nördlichen Turm wehte bald eine weiße Fahne, die Schlosser Hans Heuft herausgehängt hatte.

Monsignore Franz Völker

 

Stadtrat Hans Heuft

 

In der Zwischenzeit hatte sich Riedel bereits mit dem Obergefreiten Steinfeld, bisher Lagerführer der Kriegsgefangenen-Unterkunft Klosterkaserne, ins Stalag begeben und die Verhandlungen mit den Franzosen aufgenommen. Der als erste Stadtkommandant eingesetzte Capitaine Besnier teilte Riedel die Übergabebedingungen und seinen Entschluss mit, ihn vorerst im Amt zu belassen. Die Bevölkerung hatte Waffen aller Art, Feldstecher, Rundfunkgeräte, Kompasse und Fotoapparate auf dem Rathaus abzugeben, alle Kraftfahrzeuge und Motorräder waren bei der Verwaltung anzugeben, die Wehrmachtsangehörigen und die Männer des Volkssturms mussten sich beim Rathaus melden. Auch ein Ausgehverbot war ab nachmittags beziehungsweise den frühen Abendstunden bis zum Morgen verhängt. Mit der Todesstrafe drohte der französische Stadtkommandant bei Plünderungen und generell der Nichtbeachtung der Befehle.

Im Laufe des Nachmittags zogen Truppen des 27. französischen Infanterie-Regiments, die zur vierten marokkanischen Gebirgsdivision gehörten, in die Stadt ein.

Neugierig, wie die Franzosen überhaupt aussehen, war sicherlich nicht nur der damals elfjährige Manfred Ganter. Denn in der Schule hatten die Kinder natürlich nichts über den „Feind“ gelernt. Immer noch im Münster verschanzt, krabbelte der Junge in ein Seitenschiff, um die Lage zu beobachten. „Komische Gestalten“ habe er da auf dem Rathausplatz gesehen, die sich als Marokkaner mit Gewehren entpuppten. Per Lautsprecher erfuhren die Bürger, dass sie wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten, erzählt Ganter. Er hat noch gut im Gedächtnis, wie bald Soldatenhorden durch die Innenstadt zogen und viele Häuser nach Waffen, aber auch nach verwendbarem Hab und Gut durchsuchten oder einer Art Zerstörungswut freien Lauf ließen.

„Ich habe gedacht, jetzt hört Deutschland auf zu existieren“

Dass er damals feindselige Gedanken gegen die Franzosen gehegt hat, gibt Lienhard Isak unumwunden zu. Beim Kriegsende 15 Jahre alt, war er mit der Propaganda der Nazis aufgewachsen, hatte sich über die anfänglichen Siege der Wehrmacht gefreut, ohne an den damit verbundenen Tod vieler Menschen zu denken, und fürchtete, dass ein verlorener Krieg mit Chaos einhergeht. „Ich habe gedacht, jetzt hört Deutschland auf zu existieren“, beschreibt er seine damaligen Eindrücke. So gehörte er noch zu jenen, die der Aufruf der Organisation „Werwolf“ erreicht hatte: Im Falle des Einmarschs feindlicher Truppen hatte sie die Bevölkerung zur Sabotage am Material des Gegners aufgerufen, das Zerstechen von Reifen, das Fällen von Bäumen für Straßensperren, Brandstiftung oder die Sprengung von Brücken gefordert.

„Manche waren da ganz verrückt, aber zum Glück legten sich diese Gedanken bald wieder“, betont Isak.

So hatten einige für die Werwolf-Arbeit ausgebildete SS-Männer zwei bis drei Wochen vor der Besetzung auch Sprenglöcher in Brücken und Bahnüberführungen gebohrt und Sprengvorbereitungen unter den Gleisen angelegt, doch einige beherzte Bürger beseitigten die Apparaturen, versteckten Sprengstoff oder füllten die Zündlöcher mit Sand. Villingen und die unmittelbare Umgebung blieben von Brücken- und Straßenzerstörungen verschont.

„Um nicht zu provozieren, wurde am 22. April gegen 11.00 Uhr vormittags mit den Geistlichen beider Konfessionen verhandelt. Sie sollten bei Gottesdiensten die Bevölkerung, insbesondere die Jugend, vor unbesonnenen und unverantwortlichen Taten warnen, die für die Stadt und deren Bevölkerung schwere Folgen nach sich ziehen könnten“, beschreibt Riedel die angespannte Lage. Wenige Tage später zog die Verwaltung auch Lehrer, Industrielle und Ärzte für diese Aufgabe heran.

Der am 22. April eingesetzte neue Bürgermeister Walter Bräunlich, der dieses Amt durch seine guten Verbindungen zu den französischen Kriegsgefangenen im Stalag erhielt, erließ einen Aufruf, in dem er an die Vernunft der Bevölkerung appellierte: „Ihr habt es in der Hand, Euere Stadt und Euere Familien vor weiteren Schäden an Gut und Blut zu bewahren, wenn Ihr den Aufforderungen des französischen Stadtkommandanten strikte Folge leistet. Erwachsene sorgen dafür, dass vor allem die Jugend keine Unbesonnenheit begeht, die für die gesamte Bevölkerung schwerste Belastungen mit sich bringen würde.“

Zeitzeugen Manfred Ganter

 

 

und Lienhard Isak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Täglicher Kampf ums Überleben

Überhaupt kam den Aufrufen in diesen Tagen eine wichtige Bedeutung zu. Da nicht abzusehen war, wann wieder eine Zeitung erscheint, hingen an den wichtigsten Straßen und Plätzen Anschlagtafeln für die städtischen Bekanntmachungen. Auch Lautsprecherwagen waren unterwegs. Alles war per Aushang und Mund-zu-Mund-Propaganda zu erfahren, ob Ausgangssperre, die Übertragung der Polizeigewalt an Morand Faust oder die Ankündigung von Beschlagnahmungen. Nicht nur für die militärischen Dienststellen, sondern auch für die Soldaten requirierten die Franzosen Häuser und Wohnungen. Die französische Kommandantur nahm gleich am 22. April ihre Arbeit im Rathaus auf, als erster Militärgouverneur trat Lieutnant- Colonel Rosette an die Spitze der Verwaltung. Seinem Stab standen Bürgermeister Bräunlich in politischen Fragen und der Beigeordnete Riedel für die fachlichen Aspekte zur Seite. Wenige Tage später, am 28. April, zog Capitaine Robert als Militärgouverneur ins Rathaus ein, der dann bis Mitte des nächsten Jahres bleiben sollte. „Die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung betrachtete Robert neben der Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung (…) zunächst als seine vordringlichste Aufgabe“, schätzt Riedel die Arbeit seines Vorgesetzten.

Für viele waren die Tage damit ausgefüllt, Lebensmittel zu besorgen. Oft ist auch Manfred Ganter aufs Land mitgegangen, um Eisenwaren oder Kochtöpfe in Naturalien einzutauschen, später machte er sich allein mit dem Fahrrad auf den Weg. Auch die Kinder waren gefordert, um das alltägliche Leben zu gewährleisten. „Es war die Möglichkeit zum Überleben“, betont er, doch ihm ist nicht nur der harte tägliche Überlebenskampf im Bewusstsein geblieben, sondern auch der menschliche Zusammenhalt. Und ebenso wie Lienhard Isak verlor er bald die Angst vor den Franzosen, freute sich über das eine oder andere Stück Fliegerschokolade, das sie ihm zusteckten.

Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben zwischen den Völkern

Dass das Leben nach dem Krieg weitergeht und die alten Feindbilder nicht zutreffen, merkte Lienhard Isak bald. Er fühlte sich jedoch wie in einem Vakuum, nachdem die alte Ordnung, die ihn mitsamt ihren Jugendorganisationen umgeben hatte, plötzlich weggebrochen war. Er traf sich in diesen Tagen viel mit Gleichaltrigen, verbrachte Nächte mit Kartenspielen und Schachpartien. Dann kam die entscheidende Wende, die ihm wieder Orientierung gab: Die katholische Kirche bot eine Woche für junge Leute in Bad Dürrheim an. „Ich war so fasziniert, das hat die Weichen für das ganze Leben gestellt“, blickt er zurück. Jahre des Engagements in der kirchlichen Jugendarbeit folgten. Gerade die jungen Leute lagen auch dem Gouver– neur Robert am Herzen, der den Schulbetrieb möglichst schnell wieder in Gang setzen wollte und ein Haus der Jugend im Saal des „Waldschlößle“ initiierte. Er förderte das kulturelle Leben und setzte sich bereits 1945 für die Verständigung zwischen dem deutschen und französischen Volk ein. Riedel nennt ihn einen „der ersten aktiven Europäer“: „Erst wenn man die Verhältnisse in anderen Städten und Kreisen in den ersten Wochen und Monaten nach dem Kriege mit denen in Stadt und Kreis Villingen vergleicht, kann man ermessen, welche Verdienste sich der Gouverneur um eine einigermaßen geordnete Entwicklung der Verhältnisse und als Mittler zwischen der deutschen Bevölkerung und der französischen Besatzung erworben hat.“

So hatte Villingen nicht nur das Glück, dass dank des verantwortungsbewussten Handelns einiger Bürger für die Zähringerstadt der Zweite Weltkrieg vor 60 Jahren relativ glimpflich zu Ende ging und sie vor größerer Zerstörung bewahrt blieb, sondern dass auch für den Weg in den Frieden und den Aufbau einer neuen Ordnung weitsichtige Entscheidungsträger zur Stelle waren, die schon damals Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben zwischen den einst verfeindeten Völkern machten.

Quelle:

Hermann Riedel: Villingen 1945 – Bericht aus einer schweren Zeit, Villingen/Schwarzwald, 1968.