Einführung in die Geschichteder schwäbisch-alemannischen Fasnet (Karl-Heinz Fischer)

Diese Abhandlung soll nur einen groben Überblick vermitteln. In unzähligen orten sind alte Fasnachtsgruppen vorhanden und viele neu entstanden. Es würde diesen Rahmen sprengen, auf alle einzugehen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Deutung der Fasnet und deren geschichtlichen Hintergrundes total verändert, die Wissenschaftler und Volkskundler haben unsere bisherigen und seit rund 100 Jahren herrschenden Meinungen in den Bereich der Fabel verwiesen. Worum ging es und wie sah die bisherige Deutung aus: Man unterstellte im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum, dass die Fasnacht nicht nur historische Wurzeln hat, sondern auch heidnische. Im wesentlichen war hier von der Beschwörung der Naturgeister und der Naturgewalten die Rede, wobei diese hauptsächlich in der Vertreibung des Winters bestand. Daneben wurden schon vor Jahrhunderten regelmäßig Feste zur Wintersonnenwende begangen, dabei spielte das Feuer die Hauptrolle. So wurde u.a. der Winter in Form einer Strohpuppe dargestellt und im Feuer verbrannt. Dass diese These trotz anderer Deutungen nicht ganz von der Hand zu weisen ist, können Sie an dem sog. Funkensonntag (d. h. am l. Fastensonntag) erkennen, bei dem in den Alpenregionen und auch hier im Schwarzwald große Feuer angezündet und auch Puppen verbrannt werden. Dazu kommt das Funkenschlagen.

Die Suche nach den Wurzeln der Fasnacht soll nicht den Eindruck erwecken, als hätte diese eine kontinuierliche Entwicklung von den Urzeiten heidnisch-germanischen Dämonenglaubens bis zum heutigen Tage gehabt. Es waren im Gegenteil die verschiedensten Einflüsse, welche der Fasnacht ihren Charakter verliehen haben. Kulturgeschichtliche und historische Ereignisse haben sie ebenso bestimmt wie die Persönlichkeit einzelner Maskenschnitzer, Häsmaler aber auch der Hästräger.

Wilhelm Kutter, der Kulturreferent der schwäbisch-alemannischen Vereinigung hat schon 1958 den Mitgliedszünften folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Im Heidentum, das in seinen Göttern und Geistern vorwiegend die Kräfte der Natur personifiziert sieht, ist der Sommer (Frühling und Herbst als Jahreszeiten sind viel jünger) ein in Licht und Grün gehüllter Jüngling und der Winter ein dämonischer, oft strohverhüllter grauer Greis. Im sinkenden Jahr schon, noch vor der Wintersonnenwende, beginnt der Kampf zwischen Sommer und Winter.“ Das alles soll jetzt nicht mehr gelten. Einer der bekanntesten und profiliertesten Brauchtumsforscher, Prof. Dr. Werner Mezger aus Rottweil, ihnen allen bekannt durch die vielen SWR Fernsehübertragungen und auch durch die beiden großen Vorträge bei der Historischen Narrozunft Villingen im Franziskaner, vertritt im Gegensatz zur eingangs erwähnten These, folgende Meinung: (Zitat): „Fasnacht und Karneval“, das habe sich in den letzten Jahren der Forschung gezeigt, „haben“, und das sage auch schon alleine ihr Name, „ihren Ursprung primär im christlichen Jahreslauf, wo sie ganz einfach das Schwellenfest vor dem Anbruch der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern gebildet haben. Genauso wie der Abend vor dem Geburtsfest Christi Weihnacht heißt, ist Fasnacht die Nacht, oder der Vorabend vor der Fastenzeit. Fasnacht ist also gleichzusetzen mit Essen, Trinken und nicht zu vergessen mit der Fleischeslust. Was für einen radikalen Einschnitt im Wirtschaftsjahr die Fastenzeit gebildet hat und wie sich die Speisengewohnheit der Bevölkerung in der Fastenzeit drastisch verändert hat, wird dann deutlich, wenn man sich die einzelnen Abstinenzgebote vor Augen führt. Unter Androhung von empfindlichen Strafen war angeordnet, in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern nicht nur den Konsum von Fleisch, sondern auch den Genuss aller weiteren aus Großvieh und Geflügelhaltung gewonnen Nahrungsmittel strengstens zu unterlassen. Dazu gehörten z. B. Eier, Schmalz, Fett, Milch, Butter und auch Käse.“

Somit blieb nicht mehr viel für die hungrigen Mäuler übrig. Dabei ist festgehalten, dass bereits seit dem 13. Jahrhundert diese Regeln umgesetzt wurden. Deshalb war es mehr als verständlich, dass die Menschen vor dieser Fastenzeit nochmals kräftig und ausgiebig feierten.

Und wo man isst und trinkt, kommt natürlich die Musik und das Tanzen hinzu. Lt. Prof. Dr. Mezger belegen die Forschungen auch, dass gerade vom 13. bis zum 15. Jahrhundert gerne die Fasnacht als Heiratstermin genutzt worden ist. Denn in der Fastenzeit setzte die Kirche voraus, dass die Abstinenz vom Fleisch auch im Sinne von Sexualität stattfindet. Im Laufe dieser beiden Jahrhunderte haben sich dann auch die Bräuche teilweise gewandelt. Viel Lärm mit Instrumenten und Schellen gab es und auch das Brunnenwerfen als Abschlussbrauch. Aus den Protokollen von Basel aus dem Jahr 1436 geht z.B. hervor, dass den „dortigen Handwerksknechten verboten ist, an „Eschermittwochen miteinander zu trengen, ze zehren und in das Wasser tragen oder werffen“.

In den Brunnen geworfen werden noch heute in Wolfach im Kinzigtal all jene, die weiblichen Geschlechts sind und sich als Männer getarnt unter die „Nasenzügler“ (Fasnachtsfigur) gemischt haben, um am Fasnachtsdienstag den reinen Männerbrauch zu unterwandern! Das Brunnenwerfen kennt man darüber hinaus auch aus dem oberschwäbischen Raum und aus Munderkingen. Eine erste Erwähnung findet sich dort in einem Eintrag im Totenbuch von 1742, in welchem der damalige Munderkinger Pfarrer von einem „sehr schlechten, törichten und geschmacklosen Brauch“ schreibt, bei welchem am Aschentag zwei Jünglinge in den Brunnen tauchen. War dieser Brauch noch bis

1810 am Aschermittwoch üblich, so hat er sich danach auf den Fasnetsonntag und -dienstag verlagert.

Warum dieses Brunnenwerfen? Wasser bedeutet Leben und deshalb steht seit Jahrtausenden die sprudelnde Wasserquelle – wie auch der Brunnen – im Interesse von Mensch und Tier. Brunnen, Brunnenstuben und Quellen waren deshalb nach altem Glauben Eingangstore in das unterirdische Reich der Mutter Erde und genossen als „Jungbrunnen“ allergrößte Bedeutung. Wer in einem solchen Jungbrunnen ein Bad nahm, der soll jung und schön wieder herauskommen, ähnlich wie bei der Altweibermühle.

Bezüglich der Maskierung ist besonders interessant, dass sie sich erst relativ spät durchgesetzt hat. Sichere Nachweise glaubt Prof. Dr. Mezger im 15. Jahrhundert gefunden zu haben. Dabei scheinen die Larven eher zufällig gewesen zu sein. Als Haupttyp war natürlich der Teufel verbreitet, die Quelle allen Bösen. Bei Kostümierungen hat man sich dagegen an christliche Vorbilder und Ereignisse angelehnt. Man verkleidete sich als Engel, Heilige, Dämonen und ähnliches. Das sollte aber nicht Vorbild für die heutige Zeit sein, wo vermehrt Gewänder von Nonnen, Patres etc. verkauft und von der Jugend getragen werden. Solche Formen haben mit der eigentlichen Fasnacht nichts zu tun und sind entschieden abzulehnen.

Zu der oben erwähnten Maskierung im 15. Jahrhundert wäre noch anzumerken, dass es leider keine überlieferten Stücke gibt. Man weiß, dass die Masken damals offensichtlich aus Ton waren und solange getragen wurden, bis sie zu Bruch gingen. Bei archäologischen Grabungen in Ulm wurde die Hälfte einer solchen Maske gefunden. Sie ist als Teufelsmaske identifiziert worden und man vermutete den Ursprung in den religiösen Unterweisungsspielen. Jetzt sind solche Bruchstücke im Rosgartenmuseum in Konstanz zu sehen. Erst viel später, nämlich in der Barockzeit, wurden die Masken aus Holz gefertigt. Holz, eines der vielseitigsten Naturmaterialien, hat zu allen Zeiten kreative Menschen herausgefordert, ihre Ideen in dieses Material umzusetzen. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert diente die barocke Kirchenkunst als Vorbild. Manch großer Künstler hat neben seiner kirchlichen Auftragsarbeit auch Masken für die Fasnacht geschnitzt. Gerade die barocke Glattlarve, wie wir sie auch bei uns in Villingen kennen, ist hierfür ein beredtes Beispiel. Solche Glattmasken findet man zusätzlich in Donaueschingen, Hüfingen, Möhringen und Bräunlingen beim Hansel. Im Gegenzug dazu bezeichnen die Historiker alle anderen als „Groteskmasken“, z.B. unseren Surhebel, oder den Rottweiler „Biß“ oder in Oberndorf den „Schandle“ und in Elzach den „Schuddig“.

Im schwäbisch-alemannischen Raum findet man aber auch noch Masken aus Stoff, die wohl durch den venezianischen Karneval im 17. und 18. Jahrhundert hier eingewandert sind. Solche „Stoff- Visier-Larven“ trägt man immer noch in Sigmaringen bei der „Fledermaus“ oder in Meersburg beim „Domino“. Außerdem gibt es Masken aus Stoff und Flicken. Hier möchte ich insbesondere an Bad Dürrheim erinnern, weil dort die Maske des Salzhansels aus Flicken und Fleckle besteht. Dasselbe gilt für die Blätzlebuebe in Konstanz, in Haigerloch bei der Fledermaus, in Pfullendorf und Stockach beim Hänsele usw. usw.

Eine weitere Maskenart ist die aus Drahtgaze. Möglicherweise war der Imker mit seiner Gesichtsvermummung, die ihn vor den Bienen schützen sollte, Vorbild. Man sieht zwar als Träger einer solchen Gaze-Larve gut hinaus, aber die Herstellung ist aufgrund des brüchigen Materials schwierig und verlangt Fingerspitzengefühl. Heute sind sie noch in Radolfzell, Waldshut oder in Siebnen/Schweiz zu sehen.

Im Laufe der Jahrhunderte blühte die Masken produktion und Vielfalt explosionsartig auf, die Kreativität kannte keine Grenzen. Zum einen benutzte man Pappmache, u.a. beim Butzesel in Villingen oder in Pfullendorf bei der Hexe, in Riedlingen beim Gole, einer übergroßen Figur, oder in Wellendingen und Bad Waldsee beim Storch. Auch Flaschner schufen Masken, allerdings aus dem ihnen eigenen Werkstoff Blech. Zuerst waren es wohl Schandmasken, später profitierte die Fasnacht davon. Solche gab es in Kißlegg beim Schnarragagges und in Wolfach. Heute sind sie natürlich aus dem Fasnachtsbild verschwunden, sie bereichern jetzt die Museen.

Nachdem im Jahre 1699 in Deutschland erstmals der Begriff „Carneval“ auftauchte und sich dann einbürgerte, sprach man nicht mehr von Masken, sondern von Masquera oder Maskera. Davon ist der heute noch gebräuchliche Ausdruck „Maschgere“ abgeleitet. Obwohl die Fasnet überall durch den barocken Einfluss feiner, ich möchte sagen vornehmer, geworden ist, entwickelten sich die närrischen Bräuche teilweise zur überaus derben Angelegenheit, wo laut Ratsprotokollen Rüpeleien, Schlägereien, Excesse und Grobheiten an der Tagesordnung waren.

Diese Verstöße der Narren gegen kirchliche Gebote oder sonstiger Anordnungen und die Beleidigungen und Belästigungen Unbeteiligter im Schutze der Dunkelheit, wie es Prof. Dr. Mezger bezeichnet, fanden eben bei der Obrigkeit immer mehr Unverständnis. Sie sprachen sich aus diesen Gründen sowohl im Rheinland als auch bei uns dafür aus, generelle Verbote zu erlassen.

So ereilte dieses Schicksal auch Villingen im Jahre 1809, als die Großherzoglich-badische Regierung des Oberrheins Freiburg ein Fasnachtsverbot erließ. Bei Übertretung drohte u.a. folgende Strafe: „Wer sich by Tage in Narrenkleidern betreten lässt, wird zum Militär abgegeben und wenn er dazu seines Standes oder körperlicher Beschaffenheit halber nicht geeignet wäre, zu zwölftägiger Straßenarbeit verurteilt.“ Erst im Jahre 1812 wurde dieses Fasnachtsverbot aufgrund einer Eingabe verschiedener Bürger wieder aufgehoben. Vermutlich wären die närrischen Feste vor Aschermittwoch, die alle um 1800 herum einen Tiefpunkt hatten, heute nicht mehr existent, wenn nicht gegen Ende des ersten Viertels im 19. Jahrhundert ein Umdenken stattgefunden hätte. Plötzlich und in verschiedenen Gegenden gleichzeitig besann man sich auf die alten Überlieferungen und Bräuche. Die Bürger waren aber im Gegensatz zu früher bestrebt, die Auswüchse nicht mehr zuzulassen und die Fasnet in geordnete Bahnen zu lenken. Dafür gründete man Kommitees, die alles überwachten. So fanden erstmals ab 1840, 1842 große Umzüge statt, für die die örtliche Prominenz verantwortlich zeichnete. Die Umzüge hatten aber nicht den Inhalt wie heute, sondern mehr den politischen und carnevalistischen Anstrich. Das verdeutlichen nicht nur die Umzüge in den umliegenden Fasnachtshochburgen, sondern auch in Villingen:

Thema

1843: Festlicher Einzug von Vater Bacchus

1872: Großer militärischer Durchzug aller am Kriege

1870/71: beteiligten Waffengattungen beider Nationen

1896: Japanisch-chinesischer Krieg.

Diese Aufzählungen ließen sich fortsetzen, sie sind alle in unserem Archiv dokumentiert und belegen auch hier in Villingen den erwähnten Trend. Erst um 1900 gab es dann eine Wende von der carnevalistischen zur herkömmlichen Brauchtums pflege. In vielen Städten regte sich bei den einfacheren Leuten und kleinen Handwerkern der Unmut, von den besseren Kreisen ständig gegängelt und bevormundet zu werden. Sie holten ihre alten Narrenkleider aus den Truhen und feierten wieder ihre Fasnet, wie die Vorfahren. Im Rahmen dieser Entwicklung wurden vom südlichen und mittleren     Schwarzwald     bis zum westlichen Bodensee, ebenso am Neckar zwischen Rottweil und Rottenburg und längs der Donau von der Baar bis Oberschwaben zahlreiche Narrenzünfte gegründet. Das alles geschah ab etwa 1880.

Die Bezeichnung „schwäbisch-alemannische Fasnet“ entstand übrigens kurz nach 1925. Vermutlich ist sie dem Volkskundler und -dichter Hermann Eris Busse zuzuschreiben. Er war Regionalhistoriker und Volksschriftsteller. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch das Jahr 1924, als am 7. November von der Narrozunft Villingen die Schwäbisch-alemannische Vereinigung gegründet wurde. 13 Zünfte traten bei, als 1. Präsident fungierte unser Glockengießereibesitzer Benjamin Grüninger. Die Idee zur Gründung kam von der Narrozunft Villingen, weil nur eine große Organisation sich gegen die vielen Fasnachtsverbote landauf-landab zu wehren wusste und außerdem wollten sich die traditionellen Vereine gegen die vielen neu gegründeten Fasnachtsvereine, ohne historischen Hintergrund, absetzen. Die Narrozunft Villingen ist dann aus bekannten Gründen im Jahre 1955 wieder ausgetreten, nach dem zuvor auch Rottweil, Elzach und Überlingen ihre Mitgliedschaft kündigten. 1959 kam als letzter Oberndorf hinzu.

 

 

 

 

Diese Postkarte mit Maschgere von Villingen entstand schon vor dem 2. Weltkrieg. Im Hintergrund das Haus von Malermeister Richard Fuhrer

 

 

Und nun zu den Narrengestalten im schwäbisch- alemannischen Raum. Wie sind sie zu typisieren und wie sind sie entstanden? Die Volkskundler sprechen von fünf Grundtypen in Form von Hansel, Blätzle, Hexen und Tiergestalten. Darüber hinaus gibt es Misch- und Sonderformen.

Beginnen wir mit dem Hansel:

Die meisten Hansel gehören zur Gruppe der Weißnarren und sind insbesondere in unserer wieteren Raumschaft zu finden. Die Narrozunft Villingen veranstaltete ja 2003 eine große Ausstellung unter dem Titel „Häser, Kleidle, Rollen, Gschell“, wo ausschließlich nur Weißnarren zu sehen waren. Sie sind beheimatet in Bad Dürrheim, Bräunlingen, Donaueschingen, Geisingen, Hüfingen, Möhringen, Oberndorf, Rottenburg, Rottweil, Schömberg, Schramberg, Schwenningen und natürlich auch Villingen. Der Ausdruck Weißnarr ist von Wilhelm Kutter, Kulturreferent der schwäbisch-alemannischen Vereinigung geprägt worden und findet seit ca. 1950 Verwendung. Damit sind die Narren in ihren weißen und mit Ölfarben bemalten Leinengewändern gemeint.

Warum diese Leinengewänder? Leinen war früher das Material der armen Leute, diente vorwiegend als Unterkleider oder bei der bäuerlichen Bevölkerung als Grundlage für Jacke, Hose und Gugel (Kopfbedeckung). Leinen stand damals überall zur Verfügung und die Kleidung hatte einen einfachen Schnitt. Diese Kleidung aus Leinen wurde dann durch die Bemalung aufgewertet und damit sind die kostbaren Stoffe der Reichen imitiert worden. Viele der alten Fasnachtshäser sind mit Ornamenten von Pflanzen oder Tierfiguren bemalt. Der heute überall abgebildete Hansel soll dem Harlekin bzw. Hanswurst entsprechen, wie er am Wiener Theater karikiert wurde. Bei vielen Fasnachtsfiguren weisen die Motive der Bemalung auf Österreich hin, denn ein großer Teil des schwäbisch-alemannischen Raumes war früher vorderösterreichisch. Es liegt nahe, dass viele der Verkleidungsformen durch Handwerker, Kaufleute und Beamte zu uns gebracht worden sind.

 

 

Butzesel aus Villingen mit seinem Blätzlehäs.

 

Bemerkenswert ist, dass es auf der Baar Orte gibt, bei denen die Ornamente und Motive fest vorgeschrieben sind und andere, in denen sich der Häsmaler frei entfalten kann. Zu letzteren gehören wir in Villingen sicherlich nicht, dagegen sind die Häser der Hüfinger Hansel mit unterschiedlichen Blumen- und Früchtemotiven bemalt und der Rottweiler Gschellnarr mit vielen verschiedenen Figuren.

Die andere Gruppe von Narren, die „Blätzle“, bilden nach Anzahl und Vorkommen die größte Narrenfigurengruppe. Das Gewand ist in der Regel aus Leinen, Nessel oder Baumwolle. Darauf werden rechteckige, zungenoder dachplattenförmige Stoffreste verschiedener Art aufgenäht. Mit dem heutigen Blätzlehäs sind die alten Vermummungen abgelöst worden. Das Gefieder der früheren Vogelfiguren, wie z. B. der Triberger Feadaraschnabel, den es übrigens noch gibt, wurde vielerorts durch Stoffstücke ersetzt, insbesondere am Bodensee und im Hegau.

Das Blätzlekleid ist sicherlich deshalb so beliebt und stark verbreitet, weil es billig herzustellen ist. Blätzlekleider sind hauptsächlich am Hoch- und Oberrhein, im Hegau, am Bodensee, im Linzgau und in Oberschwaben zu Hause. Anstelle von Blätzle wird vorwiegend im Schwarzwald auch der Name Spättle benutzt. Er ist im Schwarzwald in einer breiten sprachlichen Übergangszone vom niederalemannischen zum Hochalemannischen das, was im Oberschwäbischen Blätzle sind, also Stoffreste. In Furtwangen hat man Ende der 20er Jahre den Spättlehanseli oder Spättlebua wieder aufgewertet und für die Häsanfertigung angeordnet, dass zweitausend dachziegelförmige Spättle in den Farben blau, rot, orange und grün so aufzunähen sind, dass jeweils diagonal verlaufende Farbreihen entstehen. Nach dem 2. Weltkrieg ersetzte man die von Hand geschnittenen Spättle durch gestanzte grellfarbige Filzstücke und steppte sie mit der Maschine auf. Diese modernere Art der Häsfertigung hat sich auch in anderen Gebieten teilweise durchgesetzt. Nicht jedoch in Villingen beim Butzesel, der auch ein solches Blätzlehäs trägt. Dieses wird nach wie vor von Hand genäht. Die Blätzlenarren tragen überwiegend Stofflarven, während die Spättle aus dem Schwarzwald geschnitzte Holzmasken haben.

Kommen wir zur 3. Gruppe, den Hexen. Die Bezeichnung Hexe ist erst im Mittelalter entstanden und geht lt. Wilhelm Kutter auf die alte Form „hagazussa“ zurück, das wörtlich Zaunreiterin bedeutet. Der Begriff Hexe ist vielschichtig und vorwiegend mit einer liederlichen Weibsperson oder einem Spaßmacher gleichzusetzen. Die Hexe ist in den letzten 40 Jahren in sehr vielen Narrenorten in die Fasnacht integriert worden mit der Begründung, dass im Mittelalter oder auch noch im 17. Jahrhundert in den betreffenden Orten Hexenprozesse und Hexenverbrennungen stattgefunden hätten. Eine solche Begründung ist schlichtweg abzulehnen, denn bei diesen heiklen Angelegenheiten dürfte wohl kaum jemand daran gedacht haben, daraus eine Fasnachtsfigur zu machen. Es ist eher wahrscheinlich, dass die Figur des „Wilden Weibes“ erst sehr spät zur fasnachtlichen Hexe umgewandelt worden ist.

Die wohl nachweislich älteste fasnachtliche Hexenfigur stammt aus Oberschwaben. Aber auch bei uns im Schwarzwald kennt man die Hexenfigur seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Leider sind die Hexenzünfte überall aus dem Boden gestampft worden, sodass wir heute bei Narrentreffen zu viel solcher Figuren zu sehen bekommen. Deshalb hat die schwäbisch-alemannische Vereinigung hier einen Riegel vorgeschoben und seit vielen Jahren keine derartige Zunft mehr aufgenommen.

Es ist immer wieder unter Fasnachtsfreunden die Rede davon, dass die Offenburger Hexen wohl die ältesten seien, was aber nicht stimmt. Sie wurden erstmals 1933 der Öffentlichkeit vorgestellt. Sehr viel älter, aber leider weniger bekannt, ist dort der Offenburger Hansel.

Und zur Hexe gehört natürlich der Besen, warum?

Überall herrscht die Vorstellung, dass die Hexen in der Walpurgisnacht auf Besen reiten. Aber auch andere Interpretationen ranken sich um den Besen. So soll er aufrecht gestellt zur Hexenabwehr gedient haben, und wer sich nicht traute, über einen liegenden Besen zu schreiten, galt als Hexe. Einen Besen öffentlich durch den Ort tragen zu müssen, war früher für Betrüger, Falschmünzer usw. eine fürchterliche Strafe.

Die heutigen Fasnachtshexen karikieren durch das Reiten auf dem Besen diese alten Vorbilder. Bei der früheren Deutung hielt man die Hexe für die Wintergestalt schlechthin, die durch das Fegen der Straßen mithalf, den Winter auszutreiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich verwies zuvor auf einen vierten Fasnachtstyp, denjenigen der „Tiergestalt“. Weit verbreitet ist hier der Bär, dabei soll der Strohbär sogar dämonische und winterliche Symbolik auf sich vereinigen. Vor vielen Jahrhunderten war der Bär ein beliebtes Jagdtier und die Römer richteten sie für ihre circusreifen Vorstellungen ab. Deshalb spielten Bärenführer auch in vielen Fasnachtsbräuchen Europas eine große Rolle. Wie gesagt, gibt es zum einen die Bären, die im Fell auftreten und zum anderen den Strohbär. Das Stroh steht für das Leblose und der Bär für das Unheimliche und Tote. Außer dem Bär kennen wir als Tiergestalt auch das „Rössle.“ Ein solches bereichert die Fasnacht in Rottweil und wird als Benna oder Brieler-Rössle bezeichnet. Mit seinen zwei Treibern sorgt es vor und nach dem Umzug für allerlei Späße. Desweiteren gibt es die Form des „Esels,“ wie z. B. in Villingen der Butzesel, außerdem spielt in der Fasnacht der Bock und der Widder eine große Rolle. Er war früher ein Opfertier und galt aber auch als Fruchtbarkeitssymbol. Unter anderem gibt es in Stetten am kalten Markt die Figur des Schafsbock bzw. Widder. Er geht nach den dortigen Aufzeichnungen auf die „Herren von Hausen und Stetten“ zurück, die dieses Tier im Wappen führten und auf die vielen Schäfereien, die auf dem Heuberg verbreitet waren. Übrigens schuf unser Schemenschnitzer Manfred Merz die ersten naturgetreuen Holzmasken für den Schafsbock, die heute noch als Vorbild dienen.

In vielen Gegenden existiert der „Fuchs“ als Bemalung auf dem Häs. Er steht für Listigkeit und Klugheit. Vergessen wir dabei nicht den „Fuchsschwanz“ als Symbol der Schlauheit und der Narrenfreiheit, d. h. des Rechtes zum Strählen. Diese Aufzählung von Tierfiguren ließe sich noch lange fortsetzen, denn auch Katzen, Fledermaus, Storch oder Gockel sind beliebte Fasnachtsfiguren und im gesamten schwäbisch-alemannischen Raum zu finden.

Ich hatte noch vor, die sog. „Sonderformen“ von Narren erwähnt. Dazu gehört z. B. der „Wilde Mann“, der meist in Baumflechten gehüllt ist. Er nimmt in Furtwangen als sog. Bodenwälder an der Fasnet teil. Weitere solcher Figuren existieren in Telfs/Tirol und in Oberstdorf im Allgäu als Wildmännle.

Gar sonderbare Masken gibt es in Zell am Harmersbach. Der Schneckehüslinarro ist dort die älteste Figur, dazu kommt der Spielkartennarro und der Welschkornnarro. Alle haben auf Ihren Häsern die entsprechenden Attribute aufgenäht. Dann kennen wir den Schantle, als schändlich aus sehenden Narren. Er ist vorwiegend am oberen Neckar zu Hause, also von Schwenningen bis Horb. Seine Holzlarve zeigt ein Gesicht, das verschmitzt oder auch schadenfroh lacht. Nach den in Schwenningen vorhandenen Aufzeichnungen hält der Schantle die Erinnerung an eine Sagengestalt wach, an das „Grächmändle“. Es hauste im Gräch, also dem obersten Teil der Scheune und soll die Leute verspottet haben.

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf den Ablauf der Fasnacht im schwäbisch-alemannischen Raum eingehen: Im ganzen Land fängt die Fasnacht am „Obersta“ an, also am obersten und letzten Tag der zwölf Rauhnächte. Der Oberste ist immer der 6. Januar. Nach dem christlichen, gregorianischen Kalender fällt auf diesen Tag das Fest der Heiligen Drei Könige. Und wann hört die Fasnacht auf? Natürlich am Aschermittwoch. Dieser Aschermittwoch ist aber kein fester Tag im Kalender, wie der Dreikönigstag. Die vorösterliche Fastenzeit beginnt seit Jahrhunderten am Mittwoch vor dem Sonntag Invocavit, damit also am Aschermittwoch. Und Ostern ist am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Darin liegen die Gründe, warum die Fasnachtszeit immer unterschiedlich lang ist.

Die „eigentliche“ Fasnacht beginnt im überwiegenden Teil des schwäbisch-alemannischen Raums am schmotzige Donnerstag. Im Hochalemannischen Raum heißt er so, weil an diesem Tag die ersten Fasnachtsküechli in Schmotz, d. h. in Fett oder Schmalz gebacken werden oder weil ganz früher an diesem Tag nochmals ein Schwein geschlachtet wurde, um vor der Fastenzeit ausgiebig dem Essen fröhnen zu können. Im Gegensatz dazu bezeichnet man im Schwäbischen diesen Tag als den „Gumpigen Donnerstag“. Die Bezeichnung kommt daher, weil der fasnächtliche Zustand des Narren als unruhig, innerlich umtriebig beschrieben wird. Er ist immer in Bewegung, hüpft umher, er gumpet sozusagen. Gumpen ist auch die Bezeichnung für ständige Auf- und Abwärtsbewegungen.

Dem schmotzigen Donnerstag folgt dann der rußige oder bromige Freitag, d. h. mit Ruß schwärzen und ist hauptsächlich in Oberschwaben und im Linzgau beheimatet. An diesem Freitag versuchen die Buben die Gesichter der Mädchen mit Ruß zu verschmieren. Das Rußeln ist aber auch in wichtiges Ritual beim Bräuteln in Scheer an der Donau. In Tirol gibt es Rußler sogar als eigenständige Fasnachtsgestalten. Heute wird das Rußeln bzw. Schwärzen der Gesichter mehr scherzhaft betrieben. In früheren Jahrhunderten soll es aber die Person vor den bösen Geistern unsichtbar machen. Nicht wie bei uns am schmutzigen Donnerstag sondern am Fasnachtssonntag wird in vielen Orten die Kinderfasnet gefeiert, so in Oberndorf, Pfullendorf oder in Radolfzell. In vielen anderen Städten fängt an diesem Fasnachtssonntag erst die richtige Fasnet an. In Elzach beginnt um die Mittagszeit das „Ausrufen der Fasnet“, dem schließt sich dann der große Umzug an. In unserer näheren Umgebung finden große Umzüge in Schwenningen und Donaueschingen statt.

Am Fasnachtsmontag schlagen dann in allen anderen Gegenden die Fasnachtsherzen höher, dabei möchte ich unsere eigene historische Fasnacht in den Vordergrund stellen. Durch den Umzug am Morgen um 9.00 Uhr und den Maschgerelauf um 14.15 Uhr lebt das Brauchtum in seiner ureigendsten Form wieder auf. In den beiden anderen Narrenhochburgen, wie Rottweil und Schömberg gibt es ebenfalls große Ereignisse. In Rottweil findet mit Glockenschlag 8.00 Uhr der Narrensprung durch das Schwarze Tor statt und in Schömberg tanzen die Narren die Polonaise. Die Schramberger Narren führen am Vormittag vor dem Rathaus eine Katzenmusik auf und am Nachmittag beginnt dann das „Bach na fahre“. Auf Holzzubern werden kunstvolle Aufbauten wie z. B. Hochzeitswagen mit Pferden gebastelt, um dann in diesen Gefährten die schmale Rinne der oberen Schiltach zu befahren. Dabei fallen die Zuber wegen der hohen Aufbauten oft um und der Fahrer findet sich im kalten Wasser wieder.

Aber auch Fasnachtsspiele werden an vielen Orten noch gepflegt. In Sigmaringen gehen die Bräutlingsgesellen durch die Stadt, um die im Vorjahr frisch verheirateten Ehemänner für den nächsten Tag zum Bräuteln zu laden. Sie dürfen dann auf der gepolsterten Stange sitzen und werden von den Bräutlingsgesellen drei Mal um den Brunnen getragen. Zum Dank für diese Mannbarkeitszeremonie werfen die Gebräutelten Süßigkeiten und Eßwaren aus.

Der Fasnachtsdienstag bringt nochmals die Menschenmassen zu den Umzügen auf die Strasse. Überall beherrscht der Narr die Straßen und Plätze, nutzt die Gelegenheit zum Strählen oder Aufsagen oder verteilt Wurst und Brot an die Kinder, wie z.B. in Engen oder in Laufenburg. Andernorts, wie in Riedlingen, treffen sich die Narren beim Froschkuttelessen. Während die Männer im ersten Stock des Zunftlokals eine Art Gulaschsuppe verspeisen, wird die Haustüre zugemauert. Die Narren müssen dann zur Freude der Zuschauer nach dem Essen über eine Rutsche das Lokal verlassen. Am Abend des Fasnachtsdienstag wird vielerorts das nahende Ende der Fasnacht eingeläutet. Es ist erstaunlich, dass in den meisten Orten Hexen oder Narrenpuppen entweder verbrannt, versäuft oder begraben werden. Wieder andere geben ihre Narrengewalt über die Stadt an die Rathauschefs zurück, wie auch in Villingen.

Nicht unerwähnt bleiben soll eine Zeremonie in Bad Waldsee. Ein langer Trauerzug mit entsprechender Musik zieht durch die Stadt vorbei an Gasthäusern, wo Station gemacht wird und natürlich am Narrenbaum, bis zum Pfaffenbach. Von der sog. Schlossbrücke wird nach einem feierlichen Ritual die Strohpuppe unter allgemeinem Heulen in den Bach geworfen. Um Mitternacht wird dann die Fasnet mit der Armesünderglocke vom Kirchturm ausgeläutet!

 

Spätestens um 24.00 Uhr hat die Fasnet für alle ein Ende, aber es ist leicht zu ertragen mit dem Spruch: „S goht wieder degege“.

 

 

 

 

In Villingen wird die Fasnet mit dem Strohverbrennen der Wueschte am Fasnachtsdienstag um 24.00 Uhr auf dem Münsterplatz beendet. Bild: Hubertus Fehres.

 

 

 

 

Surhebelscheme von Eugen Wiedel

 

 

Narroscheme von Manfred Merz

 

Surhebelscheme von Manfred Merz

 

Morbilischeme von Manfred Merz