Ein Nobeltreff namens Lästerecke (Sabine Streck)

Erinnerungen an den einstigen Prominentenstammtisch

Fünf „Überlebende“ vom Nobelstammtisch „Lästerecke“. Seine Ursprünge gehen bis ins Jahr 1952 zurück. Er hat sich aber nach gut einem halben Jahrhundert aufgelöst. Das „Abschiedsbild“ entstand im Parkhotel. Von links: Fritz Heby, Gerhard Altmann, Erwin Bißwurm, Helmut Wider und Gerhard Ballof.

 

Ein Stammtisch nach dem landläufigen Muster wollten sie nicht sein, die Herren der einst berühmten „Lästerecke“. Doch das ist lange her, der Villinger Nobeltreff existiert nicht mehr.

Einmal noch trafen sich jetzt fünf Mitglieder der einstmals großen Stammtischbruderschaft und hielten Rückschau und Ausblick zugleich. Fritz Heby, Gerhard Altmann, Erwin Bißwurm, Helmut Wider und Gerhard Ballof genossen die Wiedersehensfreude im Parkhotel, der Station, wo sich die „Lästerecke“ nach Schließung des Hotel Ketterer bis zuletzt Ende der 80er Jahre getroffen hatte.

Die Meisten aus dieser illustren Runde leben schon lange nicht mehr, und Nachfolger hat es keine gegeben. Für die fünf ist klar, dass es heute keinen solchen Stammtisch mehr geben wird. Die Lebensumstände haben sich geändert, heute sind die Enkel wichtig, und welche Ehefrau ist noch einverstanden, wenn sich der Göttergatte jeden Sonntag Vormittag für einige Stunden dem Lästern hingibt.

Dennoch kamen die Alt-Stammtischler schnell ins Gespräch, Erinnerungen über Erinnerungen wurden ausgetauscht und es entstand fast wieder eine kleine Lästerecke nach altem Muster.

Die Ursprünge des „ehrenwerten Stammtisches“, wie Erwin Kaiser, selbst Stammtischbruder und Pächter des „Deutschen Kaisers“, 1976 schreibt, gehen bis ins Jahr 1952 zurück. Im damaligen Hotel Deutscher Kaiser, später Ketterer, „fanden sich jeden Sonntag Morgen nach dem Hochamt einige honorige Herren zum Frühschoppen ein.“ Es dauerte nicht lange, bis der Stammtisch eine feste Einrichtung war. „Es entwickelte sich eine herzliche Gemeinschaft“, schreibt Kaiser weiter. Vorgänger der „Lästerecke“ war der Postkutschenstammtisch. Die Freunde dieses Kreises trafen sich regelmäßig in der ehemaligen „Blume-Post“. Hierzu gehörten der Fabrikant Schleicher, Baptist Riesterer vom gleichnamigen Uhrengeschäft, Malermeister Bär, Gärtner Kopp, Willi Stehle, Walter Morstadt, Antiquar Honold und weitere angesehene Bürger. Wahrzeichen dieses Stammtisches waren die kleine und die große Postkutsche, die je nach Bedeutung des Anlasses aufgestellt wurden.

Vier Stammtischler beim Lachen und Lästern (von links): Gerhard Altmann, Alfred Sommer, Edwin Nägele und Erwin Bißwurm.

 

Die Überlebenden dieser Runde (Willi Stehle, Gärtner Kopp und Walter Morstadt) fassten den Beschluss, zur Wahrung der Tradition, die beiden Postkutschen dem Stammtisch Lästerecke gegen den Preis von 200 Mark zu überlassen. Erwin Kaiser übernahm die Kosten von 100 Mark, der Rest wurde aus der Stammtischkasse bezahlt, so dass die feierliche Übergabe durch Walter Morstadt an Gerhard Ballof 1977 erfolgen konnte.

In privaten Stammtischaufzeichnungen von August Wildi heißt es, dass sich sogar schon vor der Zeit im „Deutschen Kaiser“ die „Lästerecke“-Stammtischler im „Torstüble“ und im Gasthaus Falken getroffen hätten. Als 1956 das Ehepaar Kaiser das Hotel Blume-Post kaufte, siedelten die meisten Stammtischfreunde dorthin um. Der Rest hielt dem „Deutschen Kaiser“ die Treue. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die beiden „Brüderstammtische“ wieder zusammenfanden und zwar in der „Blume-Post“.

Nach 13 Jahren gab es erneut einen Wechsel wieder zurück zum „Deutschen Kaiser“, das mit dem Besitzerwechsel auf Adolf Ketterer fortan seinen Namen trug. Zum Stammtisch zählte Lokalprominenz wie Stadt- und Kreisrat Johann Heuft, Pater Alfons Hirt, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des kulturpolitischen Ausschusses Karl Brachat, Walter Morstadt, Oskar Wickert, Omnibusunternehmer Josef Maier und Edwin Nägele, einstmals Bürgermeister. Außer den sonntäglichen Stammtischrunden, bei denen „auf hohem Niveau“ gelästert und politisiert wurde, fanden im Laufe der Jahrzehnte unzählige Ausflüge, auch ins Ausland, Festessen (sei es Schlachtplatte, Reh- oder Spanferkelessen) statt. Als beliebter Treffpunkt für solche Anlässe kristallisierte sich immer wieder die Polizeikantine heraus, besonders am Buß- und Bettag. Vize-Präsident Erwin Kaiser holte schließlich auch die Ehefrauen in die traute Stammtischrunde; einmal im Monat wurden die Frauen zum Essen eingeladen. Doch dieser Brauch schlief wieder ein. Dafür waren die Damen bei den Ausflügen gerngesehene Gäste.

Die „Lästerecke“ war immer wieder auf großer Fahrt. Hier bei einer Rast im Elsass, (von links): Frau Sommer mit ihrem Mann Alfred, Kurt Kaiser mit Frau, vorne August (Guschtl) Wildi und Frau John.

 

 

Auch Damen waren immer wieder gern gesehene Gäste im Geselligen Kreis. Hier sieht man vorn (von links) Kurt Kaiser und Fritz Keller mit ihren charmanten Begleiterinnen.

 

Der Stammtisch wäre keine Lästerecke gewesen, hätte er nicht jedes noch so kleine Missgeschick aufgegriffen und heftig „diskutiert“. Denn, wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Zuguterletzt gewann aber immer das gemeinsame Lachen die Oberhand. Die Stammtischbrüder leisteten sich auch immer wieder wahre Husarenstücke. Nur ein Beispiel soll genügen, um die Qualität solcher Vorkommnisse zu beurteilen: Nach der Verleihung der Auszeichnung „Kavalier der Straße“ von der Verkehrswacht an Otto Stärk, Leiter der Polizeidirektion, in Bad Dürrheim, fuhr der Geehrte zusammen mit einigen Stammtischbrüdern zu später nächtlicher Stunde im Polizeiauto beim „Panorama“ vor – um ein Bier zu trinken. Die einschlägig bekannte Lokalität wurde deshalb gewählt, weil außer ihr keine Gaststätte mehr geöffnet hatte – und das Gute-Nacht- Bierchen musste eben sein.

Heute ist von dem prominenten Stammtisch außer einem dicken Album mit Texten und Fotos, die die vergangenen schönen Stunden dokumentieren, nichts mehr übrig geblieben. Der einstige Schriftführer des Stammtisches, Gerhard Altmann, bewahrt dieses Dokument dennoch sorgfältig auf – als gute Erinnerung.

Ausflug des Stammtisches Hotel „Blume Post“ am 2. Mai 1964 nach Schönau ins Wiesental, zusammen mit Hotelier Erwin Kaiser und seiner Frau.

 

 

 

Frohe Stunden verbrachten die „Lästerer“ mit Freunden aus Frankreich bei Treffen im Elsass. Hier ist vorn links der unvergessene Polizeichef Otto Stärk zu sehen sowie Kurt Kaiser mit seiner Lebensgefährtin, Irmgard und Fritz Keller und Walter Grothe mit seiner Frau. Gegenüber die französischen Freunde.

 

 

 

 

„Alte Herren“ in gemütlicher Runde in ihrem Stammlokal „Blume Post“ am 5. 6. 1971.

 

Die „Lästermäuler“ des gleichnamigen Stammtisches, der inzwischen Geschichte geworden ist, sind längst verstummt. Aber es gibt wieder einen Stammtisch, an dem Geschichte (und vielleicht auch Geschichten) eine Rolle spielt. Und sicher wird hier auch „wie wohl an jedem Stammtisch“ manchmal gelästert. Diese Runde besteht aus Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins, die sich einmal im Monat zum Gespräch und geselligen Beisammensein trifft. Eingeladen und willkommen ist jeder, der Freude an einem solchen Stammtisch hat. In der Regel findet er jeweils am 1. Dienstag in der Weinstube Riegger statt.