Intermezzo – mehr als ein Zwischenspiel (Anita Auer)

Das Alte Rathaus wieder zu beleben, neue Nutzungsmöglichkeiten auszuprobieren, ist Ziel des Projektes „Intermezzo“. „Intermezzo“ ist eine Kooperation des Gymnasiums am Romäusring mit dem Franziskanermuseum, die finanziell getragen wird vom Europäischen Sozialfonds, der Robert- Bosch-Stiftung und dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Vor Ort wird das Projekt durch den Förderverein Kulturzentrum Franziskaner unterstützt. Bei einem landesweiten Wettbewerb unter dem Titel „LernStadtMuseum“ wurde dieses Tandem mit 9 weiteren ausgezeichnet. Das Projekt läuft über drei Jahre, 2005–2007, und wurde mit

25.000,– € dotiert. Es soll ehrenamtliches Engagement von Schülern (und Erwachsenen) im Museum fördern und die Schüler mit Berufsbildern im Umfeld des Museums vertraut machen. Drei Schülerinnen wurden im Zusammenhang mit diesem Projekt zu Schülermentorinnen ausgebildet:

Stefanie Albrecht, Diana Matt und Anna Rothgängel. Darüber hinaus nehmen folgende Schülerinnen und Schüler am Projekt teil: Kathrin Beck, Marion Buddeberg, Julia Brugger, Claudia Falcone, Freia Jäger, Sarah Hirt, Annalena Klein, Sabina Krämer, Katharina Link, Patricia Löchelt, Isabel Merkel, Hannah Mitsch, Nadine Neu und Kristina Ulm (Klassen 9–12). Um die Koordination des Projektes kümmern sich die Kunsterzieherin Ursula Richter und Dr. Anita Auer vonseiten des Museums. Das Alte Rathaus wurde seit 1876 als Aufbewahrungsort der Städtischen Altertümersammlung genutzt, ist also das erste Museum in Villingen. Es war schon immer ein Ort der Geschichte und Geschichten: wichtige historische Ereignisse sollen hier stattgefunden haben und das Rad der Radwette von 1562 kam zur Erinnerung ebenfalls ins Rathaus.

Tanzen im Ratssaal am 1. 5. 2005: Die Schüler und Schülerinnen des Projektes „Intermezzo“ und die Tänzer und Tänzerinnen von „piedi neg(r)i“.

 

Für viele Generationen von Schülern blieb ein Besuch in diesem Museumunvergesslich. Denn eine 1731 eingebaute Arrestzelle war mit den Folterwerkzeugen der Altertümersammlung museal ausgestattet worden. Zu Demonstrationszwecken wurde schon mal ein Schüler auf der Streckbank festgebunden … Ab 1995, mit Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Franziskanermuseum, wurden die Öffnungszeiten des Museums zunächst stark reduziert, denn es fehlte an Personal. Für die anstehende Sanierung (Haustechnik: Heizung, Elektrik, Brandschutz) und Wiedereinrichtung als Museum wurde es wenige Jahre später ganz geschlossen. Zur Sanierung aber fehlte das Geld, das Alte Rathaus fiel in eine Art Dornröschenschlaf.

Ausgangspunkt des Projektes „Intermezzo“ war, dass viele Ideen am Geld scheitern, – Geld, das man benötigt, um bestimmte Vorschläge erst einmal auszuprobieren, ihre Machbarkeit zu überprüfen und eine genauere Kenntnis von Kosten und Nutzen zu erhalten. Durch die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb „LernStadtMuseum“ war dies plötzlich möglich. Wenn das Alte Rathaus nicht wieder Museum werden konnte oder sollte, so musste man andere Nutzungen dafür finden. Das Projekt „Intermezzo“ wurde in drei Phasen geplant, die jeweils eine frühere Funktion des Alten Rathauses zum Thema haben, ein Berufsfeld des Museums näher beleuchten und eine Nutzungsidee zum Ziel haben. Die erste Phase behandelte das Rathaus als Festort.

Ehepaar Bernauer bei der ersten standesamtlichen Trauung im Ratssaal des Alten Rathauses.

 

Schon in früheren Zeiten war der Ratssaal nicht nur den Sitzungen des Rates vorbehalten, sondern diente als Versammlungsraum und zum Empfang für Delegationen. Dass bei solchen Gelegenheiten getanzt wurde, verstand sich von selbst, war eine Sache der Höflichkeit. Dies lernten die Schülerinnen und Schüler in der Vorbereitung zum 1. Tag der offenen Tür am 1. Mai 2005. Auf dem Programm stand die Vorführung verschiedener Tänze aus der Zeit um 1600, der Zeit der Entstehung und ersten Nutzung des Ratssaales (datiert 1537). Uwe Schlottermüller aus Freiburg übte die Tänze und eine szenische Darstellung aus Moderata Fontes um 1600 erschienenen Werk

„Warum Frauen würdiger und vollkommener sind als Männer“ mit den Schülern ein. Ein Bläser-Trio um Philipp Eschbach gestaltete den musikalischen Rahmen. Die Freiburger Tanzgruppe „piedi ne(g)ri“ unterstütze den Auftritt. Ergebnis nach den Aufführungen: 206 Besucher und 260,– € Spenden. Die Schülerinnen und Schüler hatten eine Lektion Kulturgeschichte (Tanz, gesellschaftliches Verhalten, Kostüm- und Frisurenkunde) und Event-Management gelernt. Das Tanzen war aber auch als möglicher Rahmen für „Hochzeiten im besonderen Ambiente“ vorgesehen. In Dieter Scheu, dem Leiter des Standesamtes, wurde ein kongenialer Partner gefunden. Er war bereit, den Ratssaal als neues Trauzimmer zu beantragen, in dem größere Gesellschaften (bis 70 Personen) Platz finden. Inzwischen fand auch die erste Trauung (allerdings ohne Tanz) mit Blick auf die Münstertürme statt.

Die Projektteilnehmer und Teilnehmerinnen vor der Staatsoper in Stuttgart.

 

Als Belohnung für die Mühen leistete sich die Projektgruppe einen Opernbesuch mit Blick hinter die Kulissen in der Staatsoper Stuttgart. Die Schüler suchten sich passenderweise eine Oper aus der Zeit um 1600 aus, Monteverdis „L‘ Orfeo“. Am Nachmittag vor der Vorstellung konnten die Königsloge, der Aufbau der Bühne, die Künstlergarderoben und sämtliche Werkstätten des Theaters besichtigt werden. Einzelne Mitarbeiter standen Rede und Antwort.

Die zweite Phase des Projektes wurde gerade erfolgreich abgeschlossen. Am Tag der offenen Tür im Alten Rathaus, am 1. Oktober 2005, kamen 250 Besucher und spendeten 144,72 € für die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal. Ein umfangreiches Programm stellte das Alte Rathaus als früheren Ort der Verwaltung in den Mittelpunkt. Für Kinder und Erwachsene wurde gemeinsam mit der Schreibwerkstatt der VHS in Person von Helga Hocker ein Kalligraphiekurs angeboten, denn das handschriftliche Verfertigen von Urkunden und Schriftstücken war in früheren Zeiten eine wichtige Verwaltungsaufgabe. Vier Schülerinnen führten abwechselnd die Besucher durch das Haus und erläuterten dessen Bau- und Nutzungsgeschichte. Szenische Darstellung in der Arrestzelle von 1731 illustrierten mittelalterliche Rechtssprechung auf drastische Weise. Ein Film führte in das Thema ein, und eine Dia-Schau informierte über die bisherigen Aktivitäten des Projekts „Intermezzo“. In dieser Phase lernten die Schüler museumspädagogisches Arbeiten kennen und das Präsentieren in der Öffentlichkeit.

Neben Exkursionen werden den Schülern verschiedene Workshops angeboten. In Zusammenarbeit mit dem Kreismedienzentrum wurden Geräte wie Filmkamera, Digitalkamera, Beamer und Laptop angeschafft. Martin Toth, der Leiter des Kreismedienzentrum, wies die Schüler in die richtige Benutzung der Geräte ein. Zunächst stand das Fotografieren im Vordergrund, da alle Aktivitäten für die Projektträger dokumentiert werden müssen und auch für die Öffentlichkeitsarbeit gute Fotos gebraucht werden. In einem weiteren Schritt sollen audiovisuelle Medien, welche die Bau- und Nutzungsgeschichte des Rathauses interessierten Besuchern erklären, erstellt werden. Möglicherweise wird dies die 3. Phase und der krönende Abschluss des Projektes. Die audiovisuellen Medien bieten einen bleibenden Nutzen.

Die Projektteilnehmer arbeiten über das Beschriebene hinaus auch in anderen Zusammenhängen ehrenamtlich für das Museum. Bereits 2004 halfen einzelne Schüler beim Kinderprogramm des Museumsfestes mit oder in den Sommerferien 2005 zwei Wochen lang bei der Durchführung der Kinderoper „Abenteuer im Mittelalter“ im Theater am Ring. Das ehrenamtliche Engagement der Schüler fördert das ehrenamtliche Engagement Anderer. So sind teilweise auch die Eltern der Schüler für das Projekt aktiv. Verschiedene Musiker erklärten sich bereit, ohne Honorar bei den Events zu spielen, so Philipp Eschbach, Stefan König, Cresentita Reiser, Ilse Pfeiffer.

So ist in der Tat das Alte Rathaus wieder mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt und im wahrsten Sinne wachgeküsst worden. Ein Ereignis zieht das nächste nach sich: die Besucher der Tage der Offenen Tür freuen sich auf das nächste Event. Konkret geplant sind verschiedene Lesungen und Ausstellungen von Schulkunst. Es finden wieder mehr Veranstaltungen statt, die aber so gewählt sind, dass sie mit den denkmalpflegerischen Rücksichten und konservatorischen Bemühungen übereinstimmen. Die Arbeit des Projektes wird von den Besuchern wohlwollend zur Kenntnis genommen und löst Zustimmung aus. Sie anerkennen das Engagement der Schülerinnen und Schüler, die über Klassengrenzen hinweg zu einer aktiven und motivierten Gruppe zusammengewachsen sind, – Jugendliche, die in ihrer knappen Freizeit bereit sind, etwas für die Kultur zu tun. Wichtigstes Etappenziel ist dabei die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal. Unter dem grünen Teppichboden befindet sich wohl, bedeckt von einem Parkett aus den 30er Jahren, der Originalboden. Diesen – passend zum Gesamtraumeindruck – wiederherzustellen, ist Ziel der Spendensammelaktion der Schüler.