Kleinbürgerliche Idylle, die die Zeiten übersteht (Redaktion)

Südstadt-Buch von Sabine Streck / Erschienen in der Schriftenreihe der Stadt

Wie Perlen auf einer Kette aufgereiht stehen die Gagfah-Häuser in der Vom-Stein-Straße.

In der Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen hat Schwarzwälder-Bote-Redakteurin Sabine Streck das Buch „Hennenfang, heile Welt und andere Heimatgefühle“ herausgebracht. In dem 84 Seiten starken Werk wird die Entstehungsgeschichte der Villinger Südstadt und ihre Entwicklung bis heute nachgezeichnet.

Die Südstadt ist das erste Neubaugebiet, das in den 30er Jahren in Villingen entstanden ist. Die Erschließung und erste partielle Bebauung erfolgten bereits 1908 durch die Baugenossenschaft. Die Stadt wuchs über ihre Mauern hinaus, das Verlangen nach dem eigenen Häuschen musste gestillt werden. Die Südstadt hat aber auch jenen die eigenen vier Wände verschafft, die nicht begütert waren. Die Siedlungshäuschen in der Weiherstraße und am Walkebuck sind noch heute beredte Zeugen dieser Zeit. Viele von ihnen sind längst erweitert oder gar abgerissen worden, um einem schmucken Eigenheim nach heutigem Standard Platz zu machen.

Auf 84 Seiten zeichnet die Journalistin Sabine Streck die Geschichte der Villinger Südstadt nach.

 

 

Weitaus weniger sensationell als ein Auto war in den 30er und 40er Jahren dieses Gefährt, in dem sich das kleine Mädchen in der Vom-Stein-Straße spazieren fahren ließ.

 

Heute leben in der Villinger Südstadt rund 7300 Menschen. Die Attraktivität des stadtnahen Wohngebiets mit viel Grün und noch ausreichend autoarmem Freiraum für Kinder ist größer denn je, vor allem für junge Familien. In den Anfangsjahren empfanden die Menschen das ganz anders, da schien schon die Laiblestraße unendlich weit von der Stadt entfernt.

In dem Buch wurde der Wandel des einstigen Neubaugebiets zum „alten Wohnviertel“ bis zum begehrten Lebensraum für Jung und Alt nachgezeichnet. Eigene Erinnerungen manch alten Südstädters werden ebenso dokumentiert wie Geschichtliches aus Dokumenten, die zum großen Teil im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen lagern. Schulen, Fabriken, Geschäfte und Gaststätten gehörten und gehören zur Südstadt wie das einfache Leben der Menschen in ihren mühsam ersparten Häusern, die gute Nachbarschaft, wo noch jeder jeden kennt und jedem hilft, wenn es nötig ist. Die Villinger Südstadt – kleinbürgerliches und idyllisches Leben gleichermaßen.

Vor allem die Kindheit in der Südstadt war etwas ganz Besonderes. Das ist immer noch so, auch wenn längst ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Viele von denen, die in den 30ern ihr Eigenheim gebaut haben, sind nicht mehr am Leben, haben Kinder oder Enkelkinder das Häuschen übernommen. Wer von den Erbauern hatte schon ein Badezimmer. Da wusch man sich im Zuber, der in der Waschküche im Keller stand. Fast jeder nutzte seinen Garten wirtschaftlich zum Überleben. Nicht Blumen, sondern Obst und Gemüse bestimmten das Bild. In der Weiherstraße und am Walkebuck waren Tierhaltung Pflicht. Aber auch weiter vorne in der Südstadt gab es Hühnerställe und Hennenfänge in den Gärten oder im Keller.

Die rechtliche Grundlage, nach der ein Großteil der Häuser hier entstand, sind Gesetze, die den Wohnungsbau regeln. Nach dem Ersten Weltkrieg griff der Staat erstmals in die Wohnungsversorgung der Bevölkerung durch das Preußische Wohnungsgesetz von 1918, das Reichssiedlungsgesetz von 1919 und das Reichsheimstättengesetz von 1920 ein. Mit diesen Regelungen wollte der Staat für die zurückkehrenden Soldaten und auch für die Kriegswitwen Eigenheime (Heimstätten) schaffen und damit die Kriegsfolgen mildern.

In der Nazizeit kam es oft genug auf das Parteibuch der Bauwilligen an, weniger auf soziale und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Fabriken wie Kaiser Uhren und die Seidenweberei brachten auch Wohlstand in das neue Wohnviertel. Ende der 80er Jahre verhinderte eine Bürgerinitiative die Ansiedlung des Mikro-Instituts im Warenbachtal.

Idylle in der Südstadt: Buntes Leben im Hennenfang.