Theoger – Abt des Klosters St. Georgen von 1088 bis 1118 (Willi Meder)

 

Abt Theoger von St. Georgen, Franziskanermuseum Villingen

 

Der wohl bedeutendste und berühmteste Abt des Klosters St. Georgen soll nachfolgend vorgestellt und seine Verdienste aufgezeigt werden.

Als im Jahr 1084 das Kloster St. Georgen gegründet wurde, stellte auf die Bitten der Stifter das Kloster Hirsau unter Leitung seines Abtes Wilhelm einige Mönche zur Verfügung. Auf der abgelegenen Stelle, dem „Scheitel Alemanniens“ wie es im Gründungsbericht heißt, errichteten sie eine hölzerne Kapelle und dann Hütten für sich. Die ersten Vorsteher und Äbte der jungen Gemeinschaft versahen ihr Amt nur kurz. 1088 rief der Abt Wilhelm den unfähigen St. Georgener Abt Heinrich nach Hirsau zurück. Er sandte den Prior Theoger vom Kloster Reichenbach nach St. Georgen, der Cella St. Georgii, damit er dem dortigen Konvent als Abt vorstehen sollte. Doch auf den Schwarzwaldhöhen hatte Theoger keinen guten Anfang.

Bischof Gebhard von Konstanz, welcher die eigenmächtige Abberufung von Abt Heinrich missbilligte, kam zur Abtsweihe in das Brigachkloster und erklärte während des Weihegottesdienstes gegen über Abt Wilhelm von Hirsau: „Ich werde mein Amt gänzlich hochhalten und weder diesen noch irgendeinen von Euren werde ich demnächst weihen, wenn er nicht von den Fesseln eures Gehorsams befreit ist. Abt Wilhelm erwiderte: „Ich werde das machen, was meine Sache ist. Und ich werde nicht nachlassen in der notwendigen Überwachung der Schwäche dem gegenüber, der den Kirchenoberen Gehorsam schuldet, den er von den Untergebenen zu erwarten hat. Der Bischof führte die Messfeier weiter, ohne die Weihehandlung vorzunehmen. Obwohl es Wilhelm schwer fiel, Theoger und die Mönche in St. Georgen aus seinem Kloster und dem Gehorsam gegenüber ihm zu entlassen, gab er schließlich nach. Die Abtsweihe konnte dann am nächsten Tag vorgenommen werden. Die Cella Georgii war nun ein eigenständiges Kloster mit einem unabhängigen Abt.

Unter Abt Theoger entwickelte sich das junge Kloster nach Überwindung vieler, meist wirtschaftlicher Schwierigkeiten zu seiner wohl größten Blüte. Deshalb ist es interessant, sich mit der Person dieses bedeutenden Mannes zu beschäftigen.

Theogers Geburtsjahr und seine Herkunft liegen im Dunkel. Er stammte wahrscheinlich aus einer Ministerialenfamilie und wurde um das Jahr 1050 geboren. Es ist anzunehmen, dass er mit mächtigen Adelsfamilien im Elsaß und in Lothringen verwandt war. Dazu gehörten die Grafen von Metz und die Grafen von Lützel. Im Cyriakusstift zu Worms und bei Manegold von Lautenbach erhielt er seine geistliche Ausbildung. Johannes Trithemus schreibt in den „Annales Hirsaugiensis“, dass Theoger in allen Disziplinen der freien Künste aus gezeichnet und in der Musik überragend gewesen sei.

Zu den freien Künsten (artes liberales) zählte man Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Der römische Philosoph und Staatsmann Boetius fasste die vier letzten als Quadrivium zusammen. Später wurden die drei ersten als Trivium bezeichnet. Die „artes liberales“ waren diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten, die einem freien Mann würdig waren. Sein Leben war auch geprägt durch den Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst. Sein Lehrer Manegold war ein eifriger Anhänger der päpstlichen Partei. Diese Gesinnung übertrug sich auch auf Theoger, welcher bis zu seinem Tode auf Seite der Päpste stand.

Nach der Ausbildung wirkte Theoger als Kanoniker und Lehrer in St. Cyriakus. Nach Kontakten mit dem Kloster Hirsau und seinem Abt Wilhelm trat er in dieses Kloster als Mönch ein. Auf Grund seiner Fähigkeiten wurde ihm zusammen mit seinem Mitbruder Heimo die schwierige Aufgabe übertragen, die im Kloster gefertigten Abschriften des alten und neuen Testamentes zu prüfen und zu korrigieren. In der später im Kloster Prüfening in Bayern entstandenen „Vita Theogeri“ heißt es:

„Weil der ehrwürdige Theoger mit so großem Eifer arbeitete, dass er das, was dunkel und fast unentwirrbar war, in eine klare und deutliche Form brachte, und weil er dadurch den Späteren ein Zeichen seiner Klugheit gab, sind die Verbesserungen bei uns am vorzüglichsten bis heute erhalten“. Soweit zu seinen Tätigkeiten, bevor er Abt im Kloster des hl. Georg wurde.

Es war in der zweiten Hälfte des Jahres 1088 als Theoger geweiht wurde und sein Amt antrat. Sein Anliegen war die Beachtung der Ordensregeln, so wie sie in der Reform von Cluny in Burgund reformiert worden waren. Diese Reform wurde im Süden Deutschlands von Hirsau verbreitet und vorangebracht. Daher war es nicht verwunderlich, dass auch das Georgskloster an der Reform teilnahm und sie weiter verbreitete. Schon bald sprach man von der St. Georgener Reform und heute sogar vom St. Georgener Jahrhundert. In der Beachtung der Gebetszeiten und im Gebet selbst ging Theoger seinen Mönchen als Beispiel voran. Die Ausstrahlung des Abtes und seines Klosters brachte einen großen Andrang zum Schwarzwaldkloster. Das Kloster wurde vergrößert und Theoger ließ eine große steinerne Kirche errichten.

Die häufigen Missernten jener Zeit sowie die starke Zunahme an Mönchen und Laienbrüdern führten bald zu ernsten Nahrungssorgen im Kloster, sodass man öfters den Ort verlassen wollte, weil man manchmal nicht einmal genügend trockenes Brot zu essen hatte. Theoger verstand es, seine Mitbrüder zum Ausharren zu bewegen und ermahnte sie, Gott zu vertrauen. Die schwierigen Zeiten konnten schließlich überwunden werden.

Es wird berichtet: Als 1095 die Aseheimer Bauern bewaffnet zum Kloster kamen um die Mönche zu vertreiben, war es deren Gesang und vor allem die Ansprache Theogers, welche die aufgebrachte Menge zum Einlenken brachte.

Ebenfalls im Jahr 1095 erlangte der Abt von Papst Urban II. ein Privileg, durch welches das Kloster unter den direkten Schutz des hl. Stuhles kam und unabhängig von jeglicher weltlichen Macht wurde. Der Ruf Theogers und des Brigachklosters bewogen viele Klöster, sich von St. Georgen Mönche zur Leitung ihres Klosters zu erbitten. Von Lothringen und dem Elsaß über Bayern bis nach Kärnten waren Konventuale des Georgsklosters leitend tätig. Mit diesen, aus St. Georgen stammenden Äbten und Prioren verbreitete sich auch die „St. Georgener Reform“.

Theoger gründete das Kloster Amtenhausen bei Immendingen, welches 1107 erstmals erwähnt wird. Auch in Lixheim (Luckesheim) im Bistum Metz gründete er auf Bitten des Grafen Volmar von Metz ebenfalls ein Frauenkloster. Beide Frauenklöster waren auch später im Besitz des Georgsklosters und den dortigen Äbten unterstellt. Das in Verfall geratene Frauenkloster St. Markus (St. Marx) bei Rouffach im Elsaß wurde kurz vor seiner Auflösung von Theoger reformiert und zu neuem Leben erweckt. Das Mönchskloster Hugshofen im Bistum Straßburg erhielt von Theoger einen Abt aus St. Georgen. Dieser brachte es zur neuen Blüte.

Das alte Kloster Ottobeuren wurde durch Abt Rupert, ein Schüler Theogers, reformiert und zu neuem nachhaltigem Glanz gebracht. Nach St. Georgener Vorbild gründete Rupert auch ein Frauenkloster. In dieses Kloster traten sowohl arme und niedrige, wie auch reiche und vornehme Frauen ein. Das segensreiche Abbiat Ruperts währte sehr lange, bis er 1145 im Alter von 100 Jahren starb.

Großen Anteil hatte Theoger auch an der Reform des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg. Egino, ein ehemaliger Mönch dieses Klosters war wegen der traurigen Zustände dort in das Brigachkloster gegangen, um in der Nähe Theogers zu leben. Später baten ihn der Bischof und die Einwohner Augsburgs dringend um seine Rückkehr. Auf Theogers Rat ging er in Begleitung einiger Mönche ins Kloster St. Ulrich und Afra zurück und stellte dort die alte Ordnung wieder her. Allerdings währte die Reform nicht allzu lange, da Egino 1118 sein Kloster wieder verließ und zwei Jahre später in Italien starb.

Das vom Erzbischof Gebhard von Salzburg gegründete Kloster Admont in der Steiermark hatte an den Auswirkungen des Investiturstreites schwer zu leiden. Es war vier Jahre ohne Abt und in dieser Zeit hatte sich die Klosterzucht gelockert, sodass eine baldige Reform dringend nötig war. Im Jahre 1115 ließ der damalige Salzburger Erzbischof Conrad Abt Theoger bitten, den St. Georgener Mönch Wolfhold als Abt nach Admont zu senden. Wolfhold war Kanonikus zu Freising und dann Abt in Ussenhoven gewesen. Dort musste er vor der Verfolgung seines Stiftsvogtes fliehen und ging als Mönch nach St. Georgen. Theoger entsprach Bischof Conrads Bitte und sandte Wolfhold nach Admont. Unter Wolfholds Leitung wurde Admont bald ein Musterkloster mit großer Ausstrahlung. Der Admonter Abt konnte verlorene Klostergüter wieder zurückgewinnen. Die Klosterreform trug er in viele Klöster weiter. Nach St. Georgener Muster gründete er auch ein Nonnenkloster. Nach seinem Tod 1137 oder 1138 stellte das Kloster St. Georgen einen geeigneten Mann als Abt in Admont.

Die Reformierung des Klosters Gengenbach im Kinzigtal konnte Theoger nur beginnen, da er durch seine Wahl zum Metzer Bischof St. Georgen verlassen musste. Sein Nachfolger in St. Georgen war Abt Werner, der diese Aufgabe in Gengenbach vollendete.

Auf die Wahl Theogers als Bischof von Metz muss noch näher eingegangen werden. Das Bistum Metz war schon lange Zeit in die kirchlichen Streitigkeiten des Investiturstreites verwickelt. Sowohl die päpstliche wie auch die kaiserliche Partei wählten Bischöfe. So hatte das Bistum dann gleichzeitig zwei Bischöfe, welche sich ihr Amt streitig machten.

1117 sandte Papst Paschalis II. den Kardinalbischof Kuno von Präneste nach Deutschland, um auch die Verhältnisse in Metz zu bereinigen und dort einen Bischof der päpstlichen Seite einzusetzen.

Unter Leitung des Kardinalbischofs wurde Theoger zum Bischof von Metz gewählt. Da man befürchtete, dass er die Wahl nicht annehmen würde, wurde er unter einem Vorwand von St. Marx, wo er sich zur Visitation aufhielt, zum päpstlichen Legaten gerufen. Unterwegs erfuhr Theoger von seiner Wahl und kehrte um und begab sich dann nach St. Georgen. Der Wahlversammlung ließ er ausrichten, dass er auf Grund seiner Herkunft und Vorfahren unwürdig für das Bischofsamt sei. Seine Argumente und der Hinweis auf sein Alter nützten nichts. Als er weiter zögerte sich zum bezeichneten Ort zu begeben, wurde er unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert, baldigst zu erscheinen. Theoger sah, dass sein Widerstand nichts nützte und folgte dem Ruf. Im Kloster Corvey wurde er im Beisein der Erzbischöfe von Salzburg und von Magdeburg zum Bischof geweiht.

Theoger reiste nun nach Metz, um sein Amt anzutreten. Die Anhänger des Kaiser drohten ihn umzubringen, verhinderten seinen Einzug in die Stadt. Mit Papst Calixt II. reiste er noch eine Zeit umher, bis sie ins Kloster Cluny kamen. Als der Papst weiterreiste, blieb Theoger dort. Als einfacher Mönch lebte er ungefähr vier Monate in Cluny als er erkrankte und starb. Theoger wurde im Petruskloster in Cluny begraben. Heute erinnert eine Gedenktafel in den Ruinen des ehemals großen und mächtigen Klosters an den hervorragenden Abt des Klosters St. Georgen und den unglücklichen Bischof von Metz.

 

Der Grabstein von Abt Theoger in Cluny

 

Abschließend soll nochmals auf das musikalische Werk Theogers eingegangen werden. In der „Musica Theogeri“ stellt Theoger stellt zunächst mit Hilfe des Monochords Lage und Tonhöhe der einzelnen Töne fest. Daraufhin werden die aufgefundenen Töne in Viertonreihen (Tetrachorde) eingeteilt und die verschiedenen Gattungen der Konsonanzen – Quarte, Quinte und Oktave – dargestellt. Den weitaus größten Teil der Darstellung Theogers nimmt die darauf folgende Aufstellung der Tonarten ein. Im Gegensatz zu den acht Kirchen-Tonarten, die Theoger beschreibt, kennen wir heute nur zwei Tonarten, nämlich Dur und Moll. Bedenken wir diesen Unterschied, so wird uns die Verarmung unserer Tonvorstellungen klar. Ein eingehenderes Studium der alten Kirchentonarten eröffnet uns somit eine gänzlich neue Tonwelt. Unsere Ohren sind für die geheimnisvolle Klang welt des gregorianischen Gesanges nicht mehr eingestellt und geübt. Wir stehen alle unter dem Gesetz der mathematisch in zwölf gleiche Halbtonstufen aufgeteilten Oktave, sodass wir kaum mehr fähig sind, die Musik des frühen Mittelalters recht zu hören. Dem aufmerksamen Leser geht bei der Lektüre der „Musica Theogeri“ der Reichtum auf, der darin verborgen ist, bemerkt der bekannte Musiker Fritz Peter Bung im Buch des Kirchenmusikdirektors Gerhard Zeggert über Theoger.

Das Monochord ist das Musikinstrument, das natürlicherweise und hinreichend von alters her aus acht Saiten bestand, die nach dem Brauch der Modernen mit den ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnet werden. Innerhalb dieser Saiten bestehen sieben verschiedene Töne. Nach und nach, im zunehmenden Wissen um die Kunst der Musik, als die Sachverständigen wussten, dass es zur Kenntnis dieser Kunst sehr förderlich wäre, wenn die Zahl der Saiten vermehrt würde, fügten sie acht Saiten hinzu; jedoch nahmen sie keine anderen, weil die Natur dies verhinderte, sondern sie wiederholten dieselben noch einmal, — und nur so, wie sich die knabenhafte Stimme zur männlichen verhält, unterschieden sie die Saiten nach Tiefe und Höhe. Deswegen bezeichneten sie die Saiten mit denselben Buchstaben, sodass die tiefen Saiten mit den großen, die neuen, hohen Saiten aber mit den kleinen Buchstaben bezeichnet werden.

Über den ersten Ton.

Der erste Ton, oder die erste Tonart oder Weise, verläuft im regulären Gang zwischen D und d, nämlich in seinen Gattungen, und in Freiheit nimmt er je eine weitere Saite nach oben und unten über d bzw. D hinaus in Anspruch. Eine Darstellung seiner Form findet sich unten. Sein „seculorum amen“ beginnt mit a. Der Gesang kann aber auch von C ausgehen, wie in der Antiphon „Arguebat…“, öfters aber beginnt er mit D, das der Schlußton der ersten Tonart ist, z. B. bei der Antiphon „Ecce nomen Domini“ (auch bei „Euge serve bone“, „Columna est“ und „Domine Dominus noster“). Selten aber fängt er mit E an, wie bei den Responsorien „Veniens a Libano“ und „Ego te tuli“. Auch bei F kann er beginnen, z. B.“Biduo vivens“, „Ave Maria“, „Apertis Thesauris“, „Domine si hic“, bei G, wie in der Antiphon „Secundum magnam“ und im Responsorium „Vidi Ierusalem“. Auch bei a, in der Antiphon „Beati mundo“. Es gibt auch Gesänge, wo die erste Tonart mit dem tiefen A beginnt, z. B. die Antiphon „Domine non est alius“ („Saulus adhuc“). Das geschieht aber sehr selten, sonst wäre die Tonart ja unterschiedslos, indem sie die obere Quarte und die untere dazu hätte.

Quellen zu vorstehendem Aufsatz:

Brennecke, P., Leben und Wirken des heiligen Theoger. Diss. Halle 1873

Büttner, H., St. Georgen und die Zähringer, in 900 Jahre St. Georgen 1984

Buhlmann, M., St. Georgen und Südwestdeutschland bis zum Mittelalter, Vertex Alemanniae H. 2 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2002

Buhlmann, M., Gründung und Anfänge des Klosters St. Georgen im Schwarzwald, Vertex Alemanniae H. 3 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2002

Buhlmann, M., Abt Theoger von St. Georgen, Vertex Alemanniae H. 7 Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 2004

Gerbert, M., Geschichte des Schwarzwaldes, 1783, Übersetzung: Weh, A., Freiburg 1993

Gramlich, WD., St. Georgener Heimatbuch, 1984

Kalchschmidt, K.T., Geschichte des Klosters, der Stadt und des Kirchspiels St. Georgen auf dem badischen Schwarzwald, 1895, Nachdruck Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 1988

Martini, E.C., Geschichte des Klosters und der Pfarrei St. Georgen auf dem Schwarzwald 1859, Nachdruck Verein für Heimatgeschichte St. Georgen 1988

Zeggert, G., Theoger, Abt des Klosters St. Georgen/Schwarzwald 1088–1118, Buchdruck H. J. Huß 1954

Innenhof von Kloster Cluny