Zum Beispiel Glocken. Schätze aus den Museen (Michael Hütt)

 

Alphabetglocke, um 1400, Franziskanermuseum Villingen- Schwenningen, Inv.Nr. 12274 (Foto: Fred Hugel).

 

Unter den Schätzen des Franziskanermuseums befinden – besser gesagt: befanden – sich auch vier Glocken. In Villingen als einer Stadt mit reicher Glockengießertradition ist das keine Überraschung. Die Älteste, die so genannte Alphabetglocke von um 1400, ist unbestrittene Attraktion der Dauerausstellung, weil sie dort geläutet werden kann und mit ihrem reinen Klang beeindruckt. Die anderen drei wurden 2006 – teils als Leih-, teils als Rückgaben – an die Münsterpfarrei für die Initiative ‚Glockenspiel für Villingen‘ abgegeben. Die Verhandlungen dazu brachten eine Reihe überraschender Rechercheergebnisse zu Tage, die einige in jüngerer Zeit entstandene Verwirrungen in der einschlägigen Fachliteratur zu korrigieren vermögen. Die älteste zuverlässige Beschreibung der Glocken im Villinger Münster stammt aus dem Jahr 1890. Unter den neun vorhandenen Glocken wird „im südlichen Thurm“ auch eine so genannte Alphabetglocke beschrieben: „4) Das Vesper- oder Vigilglöckchen, 3 Ctr. schwer: Inschrift in Fracturminuskeln an der Haube: abcdefgmnopqrsxvvz“1. Weitere Schriftstücke in der Münsterpfarrei2 erwähnen diese heute einhellig auf um 1400 datierte Glocke im Zuge der Bemühungen um das 1906-1909 entstandene neue Geläut im Münster: Eine Kostenberechnung der Glockengießerei Benjamin Grüninger Söhne für den Umguss vom 14. August 1888 hat den Zusatz: „Von dieser Summe kommen in Abrechnung für die alten Glocken … 7. VesperGlocke ca. 250 Pfund.“ In einem Schreiben des erzbischöflichen Bauamts Freiburg vom 1. August 1898 heißt es: „Nach der Erklärung des Herrn Bürgermeister in der Stiftungsratssitzung v. 30.v.M. ist die Stadtgemeinde V. in dankenswerter Weise bereit: …7) das kleine Vesperglöckchen für die städt. Alterthümersammlung zu übernehmen und hierfür zu erwerben.“3 Zu dieser Ankaufsabsicht passt der Eintrag im Inventarbuch der Alter- tümersammlung, Inv. Nr. 2308: „Alte Glocke vom Jahre 1380 ehem. im Besitze des Münsters“, unter „Erwerb / woher“ wird vermerkt „Grüninger“, weiterhin „Kauf am 23. 6. 1910“.

Die Vorgänge um das neue Geläut des Münsters sind recht gut erforscht. Sieben Glocken wurden neu gegossen, dafür wurden acht der neun alten Glocken eingeschmolzen.4 1908 war „vom katholischen Oberstiftungsrat in Karlsruhe die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sieben Glocken auf dem Fundament einer sogenannten Brummglocke zur Münsterrenovation genehmigt und die Erlaubnis erteilt, die alten Glocken mit Ausnahme der Totenglocke, die wieder in die Friedhofskapelle soll, umzugießen. Letztere hatte einen Sprung.“5

Das 1909 gegossene Geläut für das Villinger Münster, links außen als kleinste die Franziskusglocke.

 

Nach dieser Quelle dürfte es die Alphabetglocke also eigentlich nicht mehr geben. Man hat jedoch offenbar statt der oder zusätzlich zur schwereren Totenglocke die Alphabetglocke vor dem Einschmelzen bewahrt und sie tatsächlich so wie 1898 geplant an die Altertümersammlung verkauft.

Der weitere Weg dürfte wie folgt gelaufen sein:6 Abgabe der Glocke an die Altstadtkirche durch Bürgermeister Edwin Nägele 1947 (Vermerk im Inventarbuch des Museums), Austausch durch die letzte erhaltene Glocke aus dem Geläut von 1909 (s. unten) 1954, Abstellen und „Vergessen“ im Turm der Altstadtkirche, Wiederauffindung und Rückgabe ans Museum. 1966 ist sie tatsächlich neu inventarisiert worden.7 Der Nachfolger von Paul Revellio als Stadtarchivar, Hans-Josef Wollasch, wusste aber um die Identität der Glocke mit dem alten Inventarbucheintrag.8

Angesichts dieses recht lückenlos dokumentierten Weges der Alphabetglocke aus dem Münsterturm ins Museum ist die Angabe im Deutschen Glockenatlas, eine „Vesper- oder Vigilglocke, unbez., um 1400“ hinge noch immer „auf dem unzugänglichen Dachreiter des Südturms“9 überraschend. Erstmals erwähnt wird die Existenz von zwei Alphabetglocken 1979 in einem Brief des ehemaligen Stadtarchivars Josef Fuchs.10 Die 1890 überlieferte Lesart der charakteristisch unvollständigen Alphabetreihe der Glocke im Münster kann aber an der Glocke im Museum durchaus bestätigt werden. Zwar ist nach dem „g“ auch noch „h“ und „i“ erkennbar, das aber so schwach, dass man das gut überlesen kann. Die beiden folgenden fehlenden Buchstaben „k“ und „l“ sind auf der Glocke allenfalls durch Erhöhungen angedeutet, aber ganz sicher nicht als Buchstaben vorhanden. Der etwas abrupte Schluss mit „sxvvz“ ist genauso auf der Glocke im Museum vorhanden, allenfalls kann man aus dem zweiten „v“ auch ein „y“ herauslesen. Somit wären also nicht nur zwei Alphabetglocken vorhanden, sondern sogar zwei mit identischen Schreibfehlern! Merkwürdigerweise steht im Glockenatlas jedoch ausdrücklich: „Die Existenz und Ø der Glocke wurden von Kurt Kramer festgestellt.“ Der Durchmesser wird mit 43 cm (gegenüber 53 cm für die „Museumsglocke“) angegeben. Eine nochmalige Autopsie vor Ort ergab jedoch tatsächlich, dass die Glocke des Museums dort oben eine „Schwester“ hat, die im Verborgenen alle vorangegangenen Um- und Einschmelzaktionen schadlos überstanden hat.10a

1966 wurde eine Glocke aus der berühmten Villinger Glockengießerdynastie Grüninger vom Museum angekauft. Die Glocke hat an der Schulter zwischen zwei Stegen die Inschrift: „IOACHIM GRIENINGER ZVO VILLINGEN GOS MICH 1660“ und ist damit als ein Werk des ersten Villinger Glockengießers mit dem Namen Grüninger gesichert. Joachim Grüninger (1624–1674) übernahm die Gießerei seines Schwiegervaters Christof Reble (1591–1649).

Offenbar hat man im Zuge des Ankaufs nicht recherchiert, woher die Glocke ursprünglich stammte. Als Verkäufer wird im Inventarbuch „J. Metzger“ genannt. Josef Metzger (1907–1974) war Vertreter der Firma W. Schilling, Glockengießerei Heidelberg. Als solcher hat er sich um die Wiederbeschaffung von Glocken für die Villinger Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht.11 Dem Fachmann hätten eigentlich die beiden innen und außen deutlich mit schwarzer Ölfarbe aufgetragenen Zeichen „C 17/27/134“ auffallen müssen. Als die Glocke im Zuge der Planungen für das neue Münsterglockenspiel begutachtet wurde, erkannte Rudolf Perner, Inhaber der Glockengießerei Perner in Passau, sogleich, dass es sich dabei um eine Inventarnummer handelt, die im Zuge der Beschlagnahmung während des 2. Weltkriegs aufgebracht wurde.

Glocke Joachim Grüninger 1660, Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen, Inv. Nr. 13713 (Foto: Fred Hugel).

 

Mit dieser Nummer war es kein Problem, durch eine Anfrage beim Deutschen Glockenarchiv, in dem die Karteikarten zu ca. 16.000 in den Jahren 1940–1943 beschlagnahmten Glocken aufbewahrt werden und das dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg angegliedert ist, die Herkunft der Glocke zu ermitteln. Sie stammt eindeutig aus der Katholischen Filialkirche St. Cyriakus in Fischbach (Schluchsee). Die Inventarkarte des Glockenarchivs vermerkt auch klar und deutlich, die Glocke sei „in Zahlung gegeben an Schilling, Heidelberg“. Wenn es damit auch umso rätselhafter ist, warum der Angestellte der Firma Schilling beim Verkauf ans Museum die Herkunft der Glocke verschwieg, so können nun die falschen Angaben im Deutschen Glockenatlas12 und bei Kurt Kramer13, die Glocke stamme aus dem Villinger Münster, berichtigt werden. Kurioserweise hat der Glockenatlas unsere Glocke zweimal verzeichnet, einmal unter Fischbach14 und einmal unter Villingen.

Die Glocke hat leider einen fast über die gesamte Länge gehenden Riss. Deshalb konnte sie nicht in das Glockenspiel im Münsterturm integriert werden. Zwar hätte man den Sprung schweißen können, doch wären damit irreversible Verluste eingetreten: Die Konturen der Reliefs wären verschwommen, die Patina und die Ölfarbennummern wären verloren gegangen. Vor allem letztere belegen aber einen wichtigen Teil der Objektgeschichte und sollten deshalb erhalten bleiben.

Im Depot des Museums befand sich noch eine weitere Grüninger-Glocke. Sie hat eine Höhe von 79 cm und einen Durchmesser von 73 cm und wiegt 257 kg. Ein Relief mit der Stigmatisation des Heiligen Franziskus ziert ihre Flanke, darunter folgt ein Bibelzitat: „Mihi autem absit gloriari nisi in / cruce Domini nostri Iesu Christi. Gal. 6.“ („Ich jedoch will mich nicht rühmen, es sei denn im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus“, Gal. 6,14.) Am unteren Rand befindet sich zwischen zwei Stegen die Inschrift: „Gegossen von Benjamin Grüninger Söhne in Villingen MCMIX“. Anhand eines historischen Fotos des 1909 fertig gestellten Geläutes für das Villinger Münsters war sie eindeutig als dessen letzter noch vorhandener Überrest identifizierbar. Die Glocke war die kleinste des Geläutes und entging so den Beschlagnahmungs- und Einschmelzaktionen im Zweiten Weltkrieg, galt doch hier die Regel, dass jede Gemeinde die jeweils leichteste Glocke als Läuteglocke behalten dürfte.

Aufgrund fehlender schriftlicher Unterlagen war den heutigen Verantwortlichen ihr Weg ins Museumsdepot zunächst unklar, kann jedoch wie folgt rekonstruiert werden15: 1954 ist sie in die Altstadtkirche gebracht worden.16 Für den Turm der Altstadtkirche war sie zu schwer, deshalb hat man sie Anfang der 1970er Jahre wieder heruntergeholt und gegen eine 1623 datierte Glocke von Christof Reble, die auf dem Dachstuhl des Chores der Franziskanerkirche war, also aus dem Besitz des Heilig-Geist-Spitals stammt, ausgetauscht.17

Seither stand sie im Kreuzgang des ehemaligen Franziskanerklosters, wurde später unter dem „Wehrgang“ im sog. Komödiengarten abgestellt und gelangte dann ins Museumsdepot.18 Auch zu dieser Glocke ist eine falsche Angabe in der Literatur richtig zu stellen: Der Glockensachverständige der Erzdiözese Freiburg, Kurt Kramer, beschrieb die Glocke 1993 als „Franziskusglöckchen aus Unterkirnach von Josef Benjamin Grüninger 1908 gegossen.“19 Als Ergebnis der Recherchen war es eine Selbstverständlichkeit, die Glocke an das Münster zurückzugeben, von wo sie sicher stammt und wo sie bis 1954 gewesen ist. Nur die kleinste Glocke hat bisher noch nicht für Verwirrung gesorgt. Von der Kapelle des Schleifehofs stammt ein 1857 datiertes Schlagglöckchen mit der Aufschrift:

„B: GRÜNINGER GOS MICH IN VILLINGEN“, dem Relief einer Maria und der Bezeichnung „H: MARIA MUTTER GOTTES BITTE FÜR UNS“. Auch sie wird künftig im neuen Glockenspiel des Münsters erklingen.

Anmerkungen

1 Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Baden, Band 2: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen, bearbeitet von Franz Xaver Kraus, Freiburg 1890, S. 127.

2 Vgl. Manuskript im Franziskanermuseum aus der Hand von Hermann Preiser im Ordner 229 „Glockengeschichte / Grüninger“.

3 Weiterhin heißt es zur Provenienz der Glocke: „Von diesen Glocken stammen die ältesten und zwar Nr. 3, 5 u. 7 aus dem Thurm der Altstadtkirche, von wo sie im Jahre 1846 nach der Münsterkirche transferiert wurden.“

4 Preisser, Hermann: „gloggen slahen und sturm lüten…“. Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 9(1984/85), S. 54.

5 Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 53. Auch diese Totenglocke wurde von Kraus 1890 (wie Anm. 1), S. 126, eindeutig beschrieben. Ebd., S. 107, wird in der Altstadtkirche eine weitere alte Glocke erwähnt. Beide Glocken sind heute nicht mehr vorhanden. Nach Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41, war „durch die Ablieferung der meisten Glocken im Zweiten Weltkrieg auch der Turm der Friedhofskapelle leer“.

6 Vgl. Preiser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41.

7 Inv.Nr. 120/66 „Bronzeglocke ca 1400 – 1450 (alphab. Legende) aus der Altstadtkirche, Gartenbauamt“.

8 Das geht aus zwei Briefen zur Ermittlung der Datierung eindeutig hervor (Ordner 229 im Franziskanermuseum).

9 Deutscher Glockenatlas, bearb. von Sigrid Thurm, begr. Von Günther Grundmann., fortgef. von Franz Dambeck. Hrsg. Von Bernhard Bischoff u. Tilmann Breuer, Band: 4 Baden, unter Mitw. von Frank T. Leusch, München 1985, S. 604, Nr. 2019a.

10 Brief an Kurt Köster im Zuge von dessen Recherchen zu seiner Studie über Alphabet-Inschriften auf Glocken, was dann dort auch übernommen wird, vgl. Köster, Kurt: Alphabet-Inschriften auf Glocken. Mit einem Katalog europäischer ABC-Glocken vom 12. – 18. Jahrhundert, in: Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters, hrsg. von Schützeichel, Rudolf in Verbindung mit Ulrich Fellmann, Bonn 1979, S. 371 – 422.

10a Dem Erzbischöflichen Orgelinspektor Kurt Kramer möchte ich für sein Engagement in dieser Sache sehr herzlich danken!

11 Artikel zum Tod im Südkurier vom 4.6.1974.

12 Glockenatlas 4 1985 (wie Anm. 9), S.607, Nr.2035.

13 Kramer, Kurt: Die Glockenlandschaft der Baar. Die Glockengießerdynastie Grüninger, in: Almanach 93. Heimatbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 17 (1993), S.244.

14 Glockenatlas 4 1985 (wie Anm. 9), S. 224f., Nr. [414].

15 Für mündliche Informationen danke ich Dr. Josef Fuchs, Gerhard Wigant und Hans-Jörg Fehrenbach.

16 Preisser 1984/85 (wie Anm. 4), S. 41. Diese Angabe deckt sich mit der in einem Brief von J. Metzger an das Stadtarchiv Villingen vom 25. Juli 1968: „Im Turm der Friedhofskirche befindet sich eine Grüninger-Glocke mit 72 cm Ø welche das Gußjahr MDMIX (fälschlich für MCMIX – M.H.) trägt.“

17 Die Glocke in ihrer jetzigen Aufhängung ist beschrieben in: Kirchner, Thomas; Spira, Eva; Spira, Stefanie; Schenkel, Bernd; Weber, Marc: Die Altstadtkirche. Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals am 10. September 2000, präsentiert von der AG Geschichte des Gymnasiums am Romäusring, vervielfältigtes Manuskript 2000, S. 18f.

18 Quellen dafür: Zeitungsartikel Südkurier 29.6.1974, Nr. 147, S. 12.

19 Kramer 1993 (wie Anm. 13), S. 249, Abbildung r.u.