St. Agatha von Villingen (Werner Huger)

Es ist das heutige Haus der Familie des Elektromeisters Hubert Dörflinger und seiner Frau Luzia in der Brunnenstraße 21. An der Giebelseite zur Zinsergasse befindet sich eine in die Wand eingelassene vergitterte Nische. In ihr steht eine sorgfältig geschnitzte und farblich gefasste Frauenskulptur mit ihrer bis zu den Füßen wallenden Kleidung: die heilige Agathe.

Von dieser Frauenfigur berichtet die Legende: Die heilige Agatha wurde früher in der Stadt als Schützerin vor Feuersbrunst verehrt. Man weiß von einem Brand, der Villingen um die 150 Jahre nach der Stadtgründung heimsuchte. Die Flammen, die durch das Niedere Tor hereingeschlagen haben, sollen bis an dieses Haus vorgedrungen sein. Dort erloschen sie wunderbarerweise. Man sah hierin eine Wirkung der Fürbitte der heiligen Agatha und errichtete aus Dankbarkeit an der Hauswand in der Zinsergasse ein Bildstöckchen der Heiligen. Mit der Zeit bildete sich der Brauch, dass die Hausbewohner an jedem Agathentag (Red. Anm.: 5. Februar) vor dem Heiligenbild für 24 Stunden eine Laterne brennen hatten. Zugleich wurde in dem Hause fleißig gebetet. Die einen beteten auf dem Speicher, die anderen in der Stube, wieder andere im Keller; die Magd betete im Stall.

Die Heiligenfigur in ihrem ungeschützten Wandbehältnis sei um das Jahr 1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, gestohlen worden, berichtet Hubert Dörflinger. Ein inzwischen längst verstorbener ehemaliger Nachbar soll gesehen haben, wie vom Ladedeck eines Autos aus, das in die damals noch verkehrsdurchgängige Zinsergasse eingefahren war, die Diebe die Figur aus der Nische stahlen und davonfuhren. Der Zeuge habe die Personen bzw. den Dieb sogar erkannt, aber, aus welchen Gründen auch immer, stets geschwiegen. „Er hat“, so Hubert Dörflinger, „sein Wissen mit ins Grab genommen“.

Nach dem Erwerb des mittelalterlichen Hauses und dessen Umbau 1979 ließen Hubert und Luzia Dörflinger in den 1990er-Jahren aufwendig eine neue antikgerechte Heiligenfigur schnitzen sowie fassen und stellten die Vollplastik in ihr altes, inzwischen leicht vergittertes, Gehäuse zurück.

„’s Agathle“, wie man in Villingen zu sagen pflegte, hatte heimgefunden.

Wer war nun diese Agathe? Sie erlitt, so die Legende, als Tochter vornehmer Eltern in Catania, einer Stadt in Sizilien am Ostfuß des Vulkans Ätna, unter dem römischen Kaiser Decius (249–251 n. Chr.), der eine erste sich auf das ganze Reich erstreckende Christenverfolgung angeordnet habe, das Martyrium. Zuvor soll sie die Werbung des Statthalters Quintian zurückgewiesen haben, da sie Christin sei. Die modifizierten Details der Legende berichten, man habe sie mit den Händen an einen Balken gehängt, die Brüste mit einer Zange zerrissen, mit einer Fackel gebrannt und schließlich abgeschnitten. Ein Greis – Petrus – sei ihr im Kerker mit heilendem Balsam erschienen, aber sie habe die Erquickung zurückgewiesen. Tags darauf habe man sie auf spitze Scherben und glühende Kohlen gelegt, bis sie starb.

Während Christen sie bestatteten, erschien ein lichtstrahlender Jüngling und legte eine Tafel in den Sarkophag. Am Jahrestag ihres Todes, 252 n. Chr., wurde durch die sich aus dem Grabe erhebende Tafel der die Stadt Catania bedrohende Lavastrom des Ätna abgelenkt. Auf der Tafel aber erschien eine Inschrift „Sie erreicht augenblickliche Heiligung ihres Geistes, Ehre von Gott und des Landes Rettung“.

 

 

Von hier mag die Legende von der Beschützerin bzw. Patronin in Feuersgefahr ihren Anfang genommen haben: Die Fürbitte der Heiligen schützt vor zeitlichem und ewigem Feuer.

 

In der Wiedergabe späterer Darstellungen finden wir sie mit Palmzweig, Fackel oder Kerze, gekrönt und auf einer Platte die abgeschnittenen Brüste tragend. Zumindest das letztere Attribut findet sich erkennbar als Schale auf der Handfläche des angewinkelten linken Armes ruhend in der Skulptur des Dörflingerschen Hauses (s. obenstehendes Foto). Die heilige Agathe wird in Deutschland namentlich im schwäbisch-alemannischen Gebiet über vielfältige Zeichen und Symbole verehrt, wobei ihr Schleier nicht nur vor Feuer und Flammen sondern auch vor Pest und Hungersnot schützen sowie Kranke und Besessene heilen soll.

Anmerkungen:

Text und Fotos: Werner Huger

Die textliche Wiedergabe der Legende „St. Agatha von Villingen“ wurde entnommen bei Hans Brüstle, Herausgeber, Das wilde Heer/Die Sagen Baden-Württembergs, Rombach Verlag Freiburg, 1977, vergriffen.

Literatur und zitierte Quellen:

Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten, Philipp

Reclam jun. Stuttgart, 5. ergänzte Auflage, 1984, Stichwort Agatha, S. 29 f. sowie Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Verlag Walter Gruyter Berlin, 1987, Bd. T, S. 208 ff. Agathe hl.