Abschied von Josef Oswald Predigt im Festgottesdienst in der Benediktinerkirche am 26. Juli 2006 (Kurt Müller)

Verehrte Festgemeinde.

Es gibt im Messbuch kein Formular „zum Schuljahresende“, obwohl der Gebetsanliegen genug wären: etwa Prüfungsangst oder Zeugnispanik aber auch Vorfreude auf die langen Sommerferien, die durchaus mit der Vorfreude auf Weihnachten konkurrieren kann.

Wir feiern auch keinen Gottesdienst zum Schuljahresende, es geht um das Ende einer Ära in St. Ursula. Der Schulleiter wird pensioniert, Herr Oswald räumt das Rektorat. Der Nachfolger Herr Johannes Kaiser wird in den Ferien ein wenig öffnen und etwas frischen Wind hereinlassen, wenn er dann im September sein anspruchvolles Amt antritt.

Die beiden Herren haben mich ausdrücklich gebeten, sie nicht zum Gegenstand meiner Predigt zu machen, erst recht nicht sie als Adressanten einer Exhorte zu verwenden. Es soll hauptsächlich um die Schule gehen.

Die wenigen historischen Reminiszenzen, die ich in der kurzen Zeit aufzählen kann, werden ihnen offenbaren, dass eine erlebnisreiche, interessante und leidvolle Geschichte zu dem geführt hat, was heute in der Bickenstraße steht und einen bedeutsamen Faktor im Bildungswesen unserer Stadt darstellt.

Im Frankreich des 16ten und 17ten Jahrhunderts lebte Anne de Xainctonge aus Dijon. Sie gründete 1606 in Dole aus Fürsorge für die von allen Bildungschancen ausgeschlossenen Mädchen niederen Standes eine Gemeinschaft, die sich mit neuen, von Vertrauen und Zuneigung geprägten pädagogischen Mitteln diesen Mädchen annahm. Damit war die Gemeinschaft der Ursulinen ins Leben gerufen. Schnell breitete sich die Gemeinschaft in Europa aus. 1696 begannen die ersten Ursulinen in Freiburg mit ihrer Arbeit.

Kloster St. Ursula Villingen. Gemälde der hl. Ursula mit Gefährten, gemalt 1897 vom Villinger Künstler Albert Säger.

 

Wie kamen die Ursulinen nach Villingen? Der Schlüssel für die Antwort auf diese Frage liegt im fernen Kaiserlichen Wien. Der Sohn Maria Theresias Joseph der 2., mit dessen Name der schillernde Begriff „Josphinismus“ für immer verbunden ist, hat im Geist der zeitgenössischen Aufklärung sehr starken Einfluss genommen auf das Bildungswesen und vor allem auf viele Erscheinungsformen des kirchlichen Lebens. Er hat das Wallfahrtswesen stark eingeschränkt und die Schließung oder den Abbruch vieler Wallfahrtskirchen und Kapellen verfügt. Er hat die kontemplativen Männer und Frauenklöster aufheben lassen, weil sie in den Wertvorstellungen der Zeit keinen Nutzwert mehr hatten.

Diese Umwälzungen erreichten auch die vorderösterreichischen Lande und damit Villingen. Der starke Widerstand der Villinger Bürgerschaft konnte den geplanten Abbruch der Bicken und der Lorettokapelle verhindern. Gegen die Aufhebung der beschaulichen Klöster der Klarissen und der Dominikanerinnen regte sich aus zwei Gründen kein Widerstand der Bevölkerung. Zum einen wurde nicht absolut die Auflösung verfügt, sondern eine Alternative angeboten.

Wenn die beiden Konvente sich vereinen und mit der Lebensordnung der Ursulinen sich um die Erziehung der weiblichen Jugend kümmern würden, dann würden sie dem Untergang entgehen. Der Magistrat der Stadt war an so einer Lösung interessiert, weil mit dem damit frei werdenden Gebäude der Dominikanerinnen preisgünstig Schulraum für die Mädchen geschaffen werden konnte.

Die Bürgerschaft war mit dieser Lösung einverstanden weil die bessere Schulbildung der Mädchen damit zu Stande kam. Für die Buben gab es ja wenigstens bis 1806 das Gymnasium der Benediktiner. Der Not gehorchend wurden somit aus Klarissen und Dominikanerinnen 1782 die Villinger Ursulinen. Die anfangs friedliche Entwicklung wurde nach 24 Jahren empfindlich gestört.

1806 kam Villingen bedingt durch die napoleonschen Veränderungen in Europa zum Großherzogtum Baden. Massiver als Österreich griff die badische Administration reglementierend in das schulische und kirchliche leben ein. Im so genannten „Regulativ“ von 1811 wurden alle Schulen mit kirchlichen Wurzeln über einen Leisten gespannt. Alle traditionellen Klösterlichen Elemente wurden verbannt z. B. die Klausur, die Gelübde, die Profeßfeier und andere religiösen Übungen. Im liberalen Geist sollte die Jugend erzogen werden, und so entstand unter strenger staatlicher Aufsicht das Lehrinstitut St. Ursula und hatte über hundert Jahre Bestand bis 1918.

Die Großherzogliche Familie selber war weniger Klosterfeindlich eingestellt als der Karlsruher Beamtenapparat. Davon zeugen aus Sympathie überreichte Gastgeschenke der Großherzogin, die noch heute in St. Ursula aufbewahrt werden.

Trotz der kirchenkritischen Bevormundung konnte sich eine tiefe spirituelle Lebendigkeit in St. Ursula erhalten, so dass nach 1918 mit dem Ende der Monarchie, ein starker Konvent mit pädagogischer und religiöser Strahlkraft in allen angebotenen Schularten und dem Internat neu beginnen konnten. Wie ist diese hundertjährige Kirchentreue zu erklären.

 

Ein Klassenzimmer im Lehr- und Erziehungs-Institut St. Ursula Villingen (Schwarzwald).

 

Ein Schlafsaal im Lehr- und Erziehungs-Institut St. Ursula Villingen (Schwarzwald).

 

Die heilige Klara, nach der die Klarissen benannt sind. Tafelbild in St. Ursula.

 

Ich möchte einen Vergleich anstellen. Bei der Wiedereröffnung dieser Kirche 1999 sagte ich: „die Psalmodie des Stundengebets der Mönche und die Weisen des gregorianischen Chorals wohnen noch in dem Gewölbe.“ Ich habe Recht behalten, wir hören den Schulchor und das Orchester in der wunderbaren Akustik dieses Raumes.

In Parallele dazu möchte ich von St. Ursula sagen: Etwas von der mystischen Frömmigkeit der Klarissen, die in Ursula Haider ihre Wurzel hat und die geistliche Mitverantwortung für das Wohl der Stadt, die den Klarissen immer eigen war, haften noch im Gemäuer des alten Klosters. Davon berichten die Ablasstafeln, die sich in Gängen und Klassenräumen erhalten haben. Dafür bürgt das Grab von Ursula Haider an der Südwand des Chores der Klosterkirche.

Damit erklärt sich bis zum heutigen Tage die eigene und unverwechselbare Atmosphäre in Kloster und Schule. Der erfreuliche Aufschwung nach dem 1.Weltkrieg dauerte nicht lange. Die Machthaber im nationalsozialistischen Deutschland verboten alle Kirchlichen Schulen. Der Konvent konnte bis 1945 seines eigenen Auftrages und seiner Existenz nicht sicher sein. Es gelang aber durch Übernahme kirchlicher Aufgaben in den Villinger Pfarreien und anderen Tätigkeiten den Konvent beieinander zu halten, obwohl mancherlei Einquartierungen zu ertragen waren.

Nach dem 2.Weltkrieg begann der Wiederaufbau der Schulen zügig und die Frauen von St. Ursula waren wieder überall willkommen und wurden gebraucht.

Ich selber habe in der Bubenschule als Klassenlehrerin Frau Augustine erlebt, weil großer Lehrermangel herrschte.

Es ist kein Versagen der Frauen von St. Ursula, es liegt am Geist der Zeit, es liegt an den atmosphärischen Veränderungen in den Lebensumstellungen nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, dass der Beruf einer Lehrfrau im Ordensstand seine Attraktivität einbüßte. Die Reihen im Konvent lichteten sich und in den achtziger Jahren musste das Kloster die Schulen in die Verantwortung der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg übergeben. Der Zugang zu Ordensberufen hat stark nachgelassen. Ungebrochen ist die Wertschätzung der katholischen Schulen. Viele Eltern wünschen, dass ihre Kinder in der oben geschilderten Atmosphäre lernen und erzogen werden. Sie suchen weniger ausgefallene Leistungskurse in der gymnasialen Oberstufe als vielmehr ein breites und gediegenes, tragendes Wertefundament.

Wir stehen feiernd an einer Cäsur der Schulgeschichte: Rektoratswechsel Das Blühen der St. Ursula Schulen in der Zukunft hängt ab von drei Personengruppen. Da sind die Eltern, die hoffentlich nicht nur bis zur Aufnahme ihres Kindes die Wertschätzung des christlichen Glaubens artikulieren, sondern die auch während des Schuljahres die religiösen Lebens – und Erziehungsziele positiv mittragen. Da sind die Schülerinnen und Schüler, die vorurteilsfrei, bildungshungrig und gemeinschaftsfähig die Räume bevölkern werden.

Ganz wichtig natürlich das Kollegium der Lehrerinnen und Lehrer. In der Festschrift zum 200 jährigen Jubiläum von St. Ursula 1982 habe ich einen Wunschkatalog gefunden wie gute Lehrer sein sollten. Der etwas antiquierte Text stammt von Altbürgermeister Wittum, der 1876 als großherzoglicher Kommissar das Kollegium zu beurteilen hatte. Wenn sie statt Lehrfrauen Lehrerinnen als Lehrer hören und statt Vorsteherin Direktor, dann haben die Bemerkungen auch heute einen guten Klang:

„Das hiesige weibliche Lehr und Erziehungsinstitut, in welchem sich zur Zeit 17 Lehrfrauen unter einer sehr gebildeten, humanen und intelligenten und wahrhaft religiösen Vorsteherin befinden, hat sich von jeher durch eine freiere Richtung, sowie durch wissenschaftliches Streben ausgezeichnet.

Die in demselben befindlichen Frauen sind keine lichtscheuen, mürrischen, zelotischen, der Welt und ihren edleren Bestrebungen abgestorbenen Menschen, sondern durchgehend helle, kenntnisreiche Köpfe, die von wahrer Religiosität beseelt heiter in das Leben blicken, an allem, was gebildete Frauen berührt, regen Anteil nehmen und durch Studium und Lektüre sowie durch Umgang mit gebildeten Männern und Frauen ihre Kenntnisse stets zu erweitern suchen. Ihre Lebensweise ist einfach und geregelt und dies setzt sie, ungeachtet ihres sehr bescheidenen Einkommens in den Stand, auch Notleidenden, Armen und Kranken Unterstützung und Hilfe zufließen lassen zu können, welche christliche Pflicht sie auch bei jeder Gelegenheit in richtigem Maße üben.!!

Wenn in Zukunft in St. Ursula solch ein Direktor und ein durch gesteiltes Kollegium walten werden, können Eltern und Schüler unbesorgt sein.

Zum Schluss möchte ich mich aus der oben genannten Festschrift selber zitieren. Hören sie statt Kloster: St. Ursula Schulen, dann ist mein Glückwunsch formuliert: „Wir brauchen das Bickenkloster und das vertraute Kirchlein am Tor.“ Amen.

Schülerinnen von St. Ursula heute.