Der Johanniterorden (Winfried Hecht)

Ehemalige Ordensniederlassungen in Baden-Württemberg Johanniterkommende Villingen

Gründung und Anfänge

Vergleichsweise dicht ist die Überlieferung zur Gründung des Johanniterhauses Villingen. Es lässt sich glaubhaft belegen, dass Graf Heinrich I. von Fürstenberg am 2. September 1253 „das ritterliche Haus zu Villingen“ stiftete. Sicher gingen dem Vorbereitungen voran, die sich über ein gutes Jahrzehnt erstreckt haben können. 1257 befreite die Villinger Bürgerschaft dann im Einverständnis mit Graf Heinrich von Fürstenberg als Stadtherrn das Johanniterhaus von allen Lasten und Dienstbarkeiten sowie von jeglicher Wehr- und Schutzpflicht. Außerdem wollten die Villinger Rechtssachen der Kommende vor ihrem Stadtgericht immer bevorzugt behandeln. Noch im gleichen Jahr gab Graf Heinrich seine Zustimmung, dass jedermann bei den Villinger Johannitern eintreten und ihnen seinen Besitz übereignen könne. Diese Festlegungen lassen auf Auseinandersetzungen zwischen Graf Heinrich und den Villingern über die Errichtung der späteren Kommende Villingen schließen. Offenbar versuchte der Graf, über das Johanniterhaus seine Position in Villingen zu festigen, auf deren Abbau die Bürger der Stadt damals hinarbeiteten. Nur so sind die Vereinbarungen beider Seiten zu verstehen, die teilweise weit unter dem lagen, was dem Johanniterorden reichsrechtlich längst zugestanden war. Offenbar wollte Graf Heinrich ein Johanniterhaus aber auch aus „strukturellen“ Überlegungen gerade in Villingen, der wichtigsten Stadt in seinem Machtbereich, haben.

Dies führte dazu, dass das schon 1212 völlig ausgebaute Johanniterhaus im benachbarten Schwenningen aufgehoben und sein Besitz wohl um 1260 auf die Johanniterhäuser in Rottweil und Villingen aufgeteilt wurde; in Schwenningen gab es später neben einer eigenen Johanniterkapelle nur noch einen besonderen Johanniterhof. Noch vor 1350 wurde auch das Johanniterhaus von Lenzkirch im Hochschwarzwald mit der Kommende Villingen zusammengelegt, das Elisabeth von Bisingen, die Witwe des Konrad von Blumenegg, um 1316 gestiftet hatte.

Die Baulichkeiten

Die Villinger Johanniterkommende lag an der Ringmauer der Zähringerstadt zwischen dem Bicken-Tor und der Gerbergasse. Ihr ehrwürdigster Bestandteil blieb bis heute die im 13. Jahrhundert entstandene Johanniterkirche mit viereckigem Chor und dem südlich angebauten massiven Turm, dessen Helm in der Spätgotik entstanden sein mag. Ein Fenster mit auffallend reichem Maßwerk schmückte die Ostwand des Chores. Beachtlich gestaltet wurde auch das Portal der Kirche. Das Gotteshaus erhielt drei Altäre, welche Johannes dem Täufer, der Gottesmutter und dem Heiligen Kreuz geweiht waren. 1711 erfolgte eine Barockisierung des Kirchenraumes unter weitgehender Schonung der vorhandenen Bausubstanz. Zur Kirche orientiert befanden sich an der Gerbergasse kleinere Häuser für Pfarrer, Kapläne und den Mesner sowie ein Waschhaus. Ans Bicken-Tor schloss sich das Amtshaus der Kommendeverwalter an; das Ritterhaus mit dem Archiv folgte mit einer Längsseite der Stadtmauer. Die exponierte Lage der Kommende führte in Kriegszeiten zu schweren Schäden. 1632 musste Komtur Dietrich Rollmann von Dattenberg mehr als 20000 Gulden zur Wiederherstellung der Villinger Ordensniederlassung stiften. Schon außerhalb des Kommendebezirks lag die alte Schaffnei.

Konvent und Personal

Im Konvent der Villinger Johanniter sind ursprünglich neben Angehörigen der Gründerfamilie Fürstenberg und anderen Angehörigen des Hochadels, die oft neben der Würde des Villinger Komturs auch weitere Ordensämter bekleideten, Vertreter der Ministerialengeschlechter der Umgebung zu finden, zu denen bald Söhne der Villinger Oberschicht treten.

Zu einem verhältnismäßig großen Männerkonvent kamen mindestens bis 1378 aber auch Ordensschwestern, „frouwen ze sant Johan“, was in deutschen Kommenden selten war. An der Spitze der Ordensgeistlichen stand wie überall ein Prior. Bei der Verwaltung des Ordenshauses wurden sie zunächst von Weltgeistlichen und allmählich von bürgerlichen Schaffnern mit Knechten und Mägden abgelöst. Ein paar Namen können dies verdeutlichen:

1451 Fr. Heinrich Grüninger

1475–1483 Fr. Sigmund

1515–1516 Fr. Jakob Jach

1584 Hieronymus Hopp

1597 Daniel Sartorius

1617 Johann Georg Mayenberg

1660 Johann Kaspar Metzger

 

Wappenscheibe des Villinger Komturs Georg Andreas Kechler von Schwandorf (1567). Franziskanermuseum Villingen B.E.

 

 

 

1682–1691     Johann Hieronymus Schöttlin

1697         Joseph Ignaz Rassler

1719–1720     Meinrad Kegel

1747         J. C. Heggemann

1756–1773     Joseph Ignaz Baumgartner

–1805         Johann Baptist Willmann

Eng geknüpft waren die Verbindungen zur Stadt über ältere Villinger Bürger, die als Pfründner ins Johanniterhaus ihrer Stadt aufgenommen waren, und über die Angehörigen der 1464 gestifteten Johanniter-Bruderschaft sowie der Bäcker-, Müller- und Schuhmacher-Bruderschaft. Verschiedene prachtvolle Wappenscheiben     von     Villinger Komturen auf dem Rathaus der Stadt lassen ebenso wie Altar-Stiftungen in Villinger Kirchen auf ein in der Regel herzliches Verhältnis zwischen deren Rat     und     der     Kommende     schließen.     Die Wertschätzung der Villinger Komture in der Stadt ihrer Kommende wird auch in der Leichenpredigt deutlich, die 1601 nach dem Tod von Johann Philipp Lösch von Mülheim gehalten und in Freiburg i. Br. gedruckt wurde.

Die Villinger Komture

Friedrich             1280–1290

Konrad von Egesheim         1297

Konrad von Schelklingen     1302

Heinrich von Horwe         1303

Gottbold von Blumberg     1305–1308

Ulrich Bletz             1310

Rudolf von Laubegg         1315

Egen von Fürstenberg         1317–1326

Gere von Lichtenstein         1334–1336

Walter von Rechberg         1345–1365

Friedrich von Zollern         1371–1395

Hermann von Ow         1399

Johann Sölr von Richtenberg     1417–1419

Hugo von Montfort         1427–1439

Hans Schenk von Staufenberg     1444–1450

Johann Trulleray         1451

Wilhelm Spät             1458–1467

Melchior von Rein         1469–1473

Betz von Lichtenberg         1474–1480

Wilhelm von Remchingen     1485–1513

Gabriel von Breitenlandenberg     1518

Philipp Schilling von Cannstatt     1523

Wolfgang von Masmünster     1523–1536

Rudolf von Rüdigheim         1539–1541

Georg Kechler von Schwandorf     1546–1571

Hans Philipp Lösch von

Mühlheim             1571–1601

Ferdinand Muckenthal

von Hexenacker         1601–1610

Wendelin von Enzberg         1611–1617

Dietrich Rollmann von

Dattenberg             1624–1632

Franz von Sonnenberg         1649–1682

Karl Philipp von Freitag         1682

Johann Dietrich von Schaesberg 1686–1699

Dietrich von Prassberg         1702

Franz Anton von Schönau     1702–1719

Nikolaus Anton von Enzberg     1751

Johann Baptist von

Schauenburg             1753–1769

Johann Joseph Benedikt

von Reinach              1776–1791

Johann Baptist von

Flachslanden             1801–1806

 

Die materiellen Verhältnisse

Unter einer ganzen Reihe von tüchtigen und einflussreichen Komturen, deren Ernennung seit der frühen Neuzeit dem Ordensmeister zustand, und begünstigt vom Wohlwollen des Adels der Umgebung und der Villinger Bürgerschaft entwickelte sich die Kommende Villingen vor allem im 14. Jahrhundert bemerkenswert gut. Die Territorialhoheit konnte immerhin über vier Dörfer erworben werden – über Dürrheim (1300), Weigheim (1315), Obereschach (1390) und Neuhausen (1427). In Dürrheim (1280), Grüningen (1306), Pfohren (1309), Lenzkirch, Neuhausen, Au (1351), Nendingen, Neuenburg, Obereschach, Weigheim und zur Hälfte in Betzingen bei Reutlingen besaßen Villingens Johanniter das Patronatsrecht. Besitzungen unterschiedlichster Natur vom Grundzins bis zu Leibeigenen gehörten ihnen     in     Amoltern,     Betzingen,     Dürrheim, Endingen, Grüningen, Lenzkirch, Neuenburg, Neuhausen, Obereschach, Pfohren, Schelingen und Sommertshausen. Über Weingüter konnte die Kommende in Amoltern, Endingen, Neuenburg und Schelingen verfügen. Dazu kamen in Villingen seit spätestens 1430 eine Badstube und ein Viertel des Kornzehnten in der Stadt sowie drei Mühlen. Trotzdem waren die finanziellen Verhältnisse des Villinger Johanniterhauses oft angespannt. Schon um 1430 war man bei der Stadt Rottweil verschuldet. 1495 schloss die Bilanz der Kommendeverwaltung mit einem Plus von 378 Gulden, um nach dem Verlust von Rhodos und dem Bauernkrieg 1540 auf einen Fehlbetrag von 79 Gulden abzufallen. Es gab damals Überlegungen, die Kommende vom benachbarten Ordenshaus Rottweil aus mitzuverwalten.

Das Asylrecht der Villinger Johanniter

Auch das Asylrecht der Villinger Johanniter gründete sich auf die bekannten päpstlichen und kaiserlichen Privilegien wie jenes von Friedrich Barbarossa aus dem Jahr 1158, wonach keine kirchliche oder weltliche Macht des Reiches gegenüber den Johanniterhäusern und deren Güter irgendwelche Gerechtsame ausüben sollte. Allerdings tendierte die Entwicklung in Villingen dazu, dieses Privileg soweit wie möglich einzuschränken. 1371 legte das Villinger Stadtrecht fest, niemand, der „belúttet oder rehtlos“ sei, dürfe von den Ordensrittern „gehuset noch gehoffet“ werden. Villinger Bürgern selbst drohte das Stadtrecht 1398 mit einer Strafe von 5 Pfund Haller und einem Jahr Stadtverbot für den Fall, dass sie den Asylbereich der Johanniter aufsuchten, was Romäus Mans, den „Riesen“ Romaeas, 1497 nicht aufhalten konnte, bei den Ordensrittern Zuflucht zu suchen. 1531 nahmen die Villinger sogar trotz der vom Kaiser angedrohten Pön von 100 Mark Gold einen Delinquenten in der Kommende fest. Seit 1720 war das Villinger Johanniterasyl aber praktisch außer Kraft, 1787 beseitigte es der Josefinische Strafkodex auch der Form nach in aller Stille.

Das Ende der Villinger Johanniterkommende Ende 1805 wurde die Johanniterkommende Villingen zunächst von französischen Truppen besetzt und dann unter württembergische Souveränität gestellt. Nach dem Übergang Villingens an das Großherzogtum Baden kam jedoch 1806 das Ende für die Ordensniederlasung. Der letzte Kommende-Amtmann Johann Baptist Willmann wurde in die badische Domänen-Verwaltung übernommen. 1811 wurde das Ritterhaus am Platz des 1957 errichteten Landratsamtes abgebrochen. In der Johanniterkirche fand 1807 letztmals katholischer Gottesdienst statt. 1814 wurde die Kirche Militärmagazin, 1822 Gefängnis. Im gleichen Jahr wurde ihr Inventar versteigert, ihr Turm sollte 1841 abgerissen werden, was aber am Widerspruch der Villinger scheiterte. Nachdem der badische Staat das Pfarr- und das Kaplaneihaus seit 1815 verkauft hatte, konnte die evangelische Kirchengemeinde Villingen die Johanniterkirche 1859 mit dem Mesnerhaus von ihm erwerben. Die Kirche wurde 1924 umgebaut und in den Jahren vor 1990 glücklich restauriert.

In der Kirche erhalten und teilweise erst vor einigen Jahren wiedergefunden wurden eine Reihe von Epitaphien von Villinger Komturen. Zu ihnen ist auch das prachtvolle Terrakotta-Relief zu zählen, das der Villinger Künstler Hans Kraut für den Grabstein von Komtur Wolfgang von Masmünster 1574 schuf; es zeigt die Seeschlacht von Rhodos im Jahre 1522 und befindet sich heute im Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen. In die Villinger Benediktinerkirche gelangt ist das Chorgestühl aus der Johanniterkirche. In ihr gefunden wurde auch das Brustkreuz des Komturs Rollmann von Dattenberg.

Quellen und Literatur

Umfangreiches, teilweise schon 1857 ediertes Material (Mone) über die Johannitorkommende Villingen befindet sich im General-landesarchiv Karlsruhe (z.B. Abtl. 67/1403). Im Stadtarchiv Villingen sind Urkunden, Güterbeschriebe oder die Ratsprotokolle heranzuziehen. Zu berücksichtigen sind ferner die aus den Nachbarkommenden von Villingen stammenden Bestände im Karlsruher Generallandesarchiv sowie im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (B 352–B 358). In der Public Library of Malta in Valletta finden sich die Visitationsberichte von 1495 und 1541 (AOM 45 f.60″–64′ bzw. AOM 6340 f.67’–69v); spätere Visitationsberichte liegen Im Doppel auch in Karlsruhe oder im Villinger Stadtarchiv. Prosopographisch bedeutsam für einzelne Angehörige des Villinger Ordenshauses sind weitere in Malta aufbewahrte Archivalien wie die ab 1347 erhaltenen Libri Bullarum oder der Index Bullarum, Dignitatum et Commendarum 1670–1752 (AOM 1180 f. 133–139). Auch im Staatsarchiv Luzern sind Archivalien der Villinger Johanniter zu vermuten, die dorthin mit Beständen aus der Kommende Hohenrain gelangt sein könnten. Die Ordenskalender des 18. Jahrhunderts enthalten wertvolle Angaben vor allem zur Laufbahn der einzelnen Komture.

 

Sakristeischrank der Johanniterkommende Villingen, Franziskanermuseum Villingen, Magazin B.E.

 

 

Mit der Kommende Villingen ausführlich beschäftigt hat sich zuerst P. Revellio Im Aufsatz „Die Kirche der Johanniterkommende“ in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 110– S. 124. Wesentlich darüber hinaus führten W. G. Rodel, Das Großpriorat Deutschland des Johanniterordens im Übergang vom Mittelalter zur Reformation. Diss. phil. Mainz. Köln 1966, S. 119– S. 123, und W. Hecht, Zur Geschichte der Johanniterkommende Villingen in: Villingen und die Westbaar, hrsg. von W. Müller, Bühl 1972, S. 141–S. 147. Über einzelne Komture heranzuziehen sind beispielsweise F. Peter, Franz von Sonnenberg, Ritter, Komtur, Reichsfürst und Großprior von Deutschland im Malteserorden 1608–1682. Diss. phil. Freiburg i. Ü. Freiburg i. Ü. 1981, sowie W. Hecht, Der Villinger Johanniterkomtur Wolfgang von Maasmünster. Rundschreiben der Württbg.-Bad. Genossenschaft des Johanniterordens Nr. 42 (1970), S. 24.