Die einstige Trockenlegung der Stadt: Ein letzter Blick ins 19. Jahrhundert (Werner Huger)

Liest man die alten Ratsprotokolle, so stellt man fest, dass noch in der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entsumpfung der mittelalterlichen Stadt wohl als das wichtigste kommunalpolitische Problem angesehen werden musste. Das gesamte Regen-, Schnee- und Brauchwasser sowie Abwasser blieb ja zunächst in der Stadt und nach einem Regen verwandelten sich die zum größten Teil noch ungepflasterten Straßen in Dreck und Schlamm. … Hinzu kam die Unzulänglichkeit der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Pflasterungen der vier Hauptstraßen. … Alle Nebenstraßen (Gassen) waren noch ungepflastert bzw. nicht versiegelt. … Unrat aller Art floss noch immer auf die Straßen; so schreibt es Ulrich Rodenwaldt.1

Das alte Kanalsystem des 19. Jahrhunderts in der Innenstadt wird ergraben, beseitigt und durch Röhren ersetzt. Hier: Webergasse, Mai 2006

 

In den Jahren und Jahrzehnten ab 1834 entfaltete die Stadt aufgrund ihrer Ratsbeschlüsse nachhaltig die finanziell aufwendigen Aktivitäten. 1842 kam es im Großen Bürgerausschuss zu einem wichtigen Beschluss, der unter anderem „die Tieferlegung bestehender und Anlegung neuer Kanäle in der hiesigen Stadt und Überwölbung derselben nach dem hierüber vorliegenden Riss und Überschlag der Großherzoglichen Straßenbauinspektion“ beinhaltete. Dazu heißt es für eine erste Initiative „Die Kanäle (Red. Anm.: Sie werden gelegentlich heute noch fälschlicherweise als „Stadtbäche“ bezeichnet, obwohl sie kanalisierte Ableitungen und keine natürlichen Fließwasser waren.) durch die Bicken- und Niedere Straße, die Gerber-, Färber-, Käs- (Anm.: heute der Ostteil der Brunnenstraße) und Beckergasse sollen tiefergelegt und überwölbt werden. Durch die Josefs- und Hafnergasse, die Münster- und Löwen- (Anm.: heute Hans-Kraut-) und Bärengasse sollen gewölbte Feuergräben angelegt werden. Zu den Gewölbemauern sollen die Steine der Stadttore und Ringmauer, soweit tunlich, verwendet werden“.

Ulrich Rodenwaldt, a.a.O., kommentiert: Nun wurde aber ein Anfang gemacht, die alten „Bäch“ wurden tiefer gelegt und sollten zugleich als Entwässerungsgräben dienen. Wegen der dadurch entstehenden Gefahr müssten sie aber gemauert und gewölbt werden, sollten also künftig unterirdisch verlaufen.

Dazu merken wir an: Ob es zu einer wenigstens streckenweisen (Hauptstraßen?) Überwölbung der „Dolen“, im Sinne gedeckter Abzugsgräben, kam, ist nicht (mehr) zu klären. Schließlich hat man unter „Wölbung“ eine gekrümmte Raumdecke zu verstehen, deren einfachste Form das Tonnengewölbe ist. So ist zwar in einem Ratsbeschluss von 1859 für den Bereich Färberstraße von „Überwölbung des dortigen Kanals“ die Rede, andererseits heißt es in einem Beschluss von 1861 „… Von der Löwengasse bis in den inneren Stadtgraben soll die Dole2 mit einer Lichthöhe von zwei Fuß Breite und drei Fuß Höhe (Anm.: 60 auf 90 Zentimeter)3 angelegt und mit starkem Steindeckel versehen werden“.

Ein starker „Steindeckel“ bildet die Decke des im lichten Maß 60x 90 cm betragenen Querschnitts des Kanals.

 

Einen solchen „starken Steindeckel“ der Dole, zweifellos die nahe liegende technische und kostengünstigste Lösung, zeigen unsere in diesem Beitrag abgebildeten Fotografien. Im Übrigen wurden nach Auskunft des Tiefbauamtes der Stadt Villingen-Schwenningen bei den in unseren Tagen ergrabenen Aufschlüssen der verschiedenen alten Kanalstrecken keine Überwölbungen beobachtet. Demgegenüber teilt uns allerdings kurz vor der Drucklegung das GHV-Mitglied, Bauingenieur und Stadtrat Erich Bißwurm, mit, dass noch im Jahr 2006, vor seiner Ausräumung, zumindest der Kanal in der Bicken- und Gerberstraße, vermutlich als Hauptsammler, einen gewölbten Querschnitt mit 1,2 m Scheitelhöhe besitze.

1863: Um das erforderliche Steinmaterial zu gewinnen „sollen die äußeren Stadtmauer-Füllungen abgetragen werden“. Trockenlegung und Entsumpfung der Stadt mit den damit verbundenen Erd-, Steinhauer- und Maurerarbeiten sowie die Herstellung einer „neuen Brunnenleitung mit eisernen Deicheln“ gehen während der nächsten Jahrzehnte für das innere Stadtgebiet Hand in Hand. 1877 lautet die städtische Akte: Bitte der Bewohner des Mistgässle um Trockenlegung desselben. Wiedervorlage. (Red. Anm.: Das Mistgässle wurde 1904 in Webergasse umbenannt.) Unsere Fotos von Mai 2006 zeigen den Bestand der alten Dolenleitung in der Webergasse. Wann diese Kanalisierung tatsächlich errichtet wurde ist unklar, entnehmen wir doch bei Rodenwaldt, a.a.O., den Hinweis „… die Mittel standen für die Nebengassen noch lange nicht zur Verfügung, denn die Anwohner mussten noch zehn Jahre später ihre Wünsche wiederholen“.

Gewölbekanal in der Gerberstraße (Oktober 2006, Foto: Erich Bißwurm).

 

Wir aber nehmen im Jahr 2006 endgültig Abschied von der einst umfassenden Verdolung der Innenstadt mit der bereits erfolgten oder bevorstehenden Beseitigung der Kanalstrecken Webergasse, Kronengasse, Rietgasse, untere Gerberstraße (Krawazi) und Bickenstraße, Reststrecken gibt es nur noch in der oberen Färberstraße, zwischen Webergasse und Brunnenstraße, sowie in der Bärengasse und vermutlich anderswo.

Jetzt folgen nur noch die seelenlosen Meterstücke gegossener Betonröhren.

„Sic transit gloria mundi!“ Also „So vergeht der Ruhm der Welt!“ – und wenn es auch nur das unterirdische labyrinthische Kanalsystem als zivilisatorische Großtat einer kleinen Stadt im 19. Jahrhundert ist.

Die bearbeiteten Buntsandsteine des verdolten Kanals stammen von den abgetragenen „äußeren Stadtmauer-Füllungen“

 

Anmerkungen, Literatur und Quelle, Fußnoten:

Text und Fotos: Werner Huger

1 Dr. Ulrich Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen, Bd. II, Herausgeber: Geschichts- und Heimatverein, Jahresband 1990/91, Seite 147 ff.

2 Eine „Dole“ ist ein kanalisierter gedeckter Abzugsgraben; im Villinger Dialektverständnis aber auch der Sinkschacht der über einen „Doledeckel“ auf Straßenhöhe das Oberflächenwasser abführt.

3 Ein damals geltender Badischer Fuß betrug 30 Zentimeter. Damit entstand für den Kanal ein rechteckiger Querschnitt von 60 x 90 Zentimeter lichtes Maß.