Der Baarverein und die Villinger Stadtgeschichte (Heinrich Maulhardt)

Vortrag, gehalten am 19. 01. 2006 im Münsterzentrum Villingen. Für diesen Artikel gekürzt.

Der 200. Geburtstag des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar im Jahre 20051 gibt den Anlass, die Rolle von Villinger Forschern und Mitgliedern des Vereins einmal näher zu untersuchen. Welchen Stellenwert hatten die Vereinsmitglieder aus Villingen im Baarverein in den vergangenen zwei Jahrhunderten? War der Baarverein ein allein auf Donaueschingen bezogener Verein? Seit wann gab es in Villingen Geschichtsvereine und welche Stellung nahmen diese gegenüber dem Baarverein ein. Diese Fragestellungen sollen bei der Untersuchung des Themas behilflich sein. Auch soll auf die Forscherpersönlichkeiten selbst, ihre Herkunft und ihre Arbeitsgebiete, eingegangen werden. Die Untersuchung erstreckt sich bis zum Ende der 1980er Jahre.

Villingen und der Baarverein

Am 19. Januar 1805 konstituierte sich eine Gesellschaft mit Namen „Literatur-Freunde an den Quellen der Donau“, die sich noch im selben Jahr als „Hochfürstlich Fürstenbergische Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte und Naturgeschichte“ unter dem Protektorat des Landgrafen und Fürsten Joachim Egen stellte. Die Gründer waren der als Botaniker tätige, hochangesehene Friedrich Freiherr Roth von Schreckenstein, zugleich l. Präsident der Gesellschaft, ferner der als Germanist und Sammler bekannte Joseph Freiherr von Laßberg und der Hofarzt Dr. Joseph Rehmann. Als Ziel galt es, ,die fürstenbergischen Lande in Hinsicht auf ihre ältere und neuere Geschichte, physikalische Statistik, ihre Naturprodukte nach allen drei Reichen der Natur und derselben Anwendung durch die unmittelbar und mittelbaren Gewerbe genau kennen zu lernen.’2 Die Devise lautete „Das Vaterland kennen lernen und ihm nützen“. Jedes Mitglied wählte sich ein bestimmtes Forschungsgebiet und es wurden wichtige Arbeiten vor allem zur Flora und Geologie des Gebietes geleistet.

Der Verein hatte durch seine statuarisch festgelegten Aufgabenstellungen den Bezug auf „fürstenbergische Lande in Hinsicht auf ihre ältere und neuere Geschichte“ und damit einen direkten Bezug zur Villinger Stadtgeschichte, insbesondere zum mittelalterlichen Villingen. Villingen fiel 1283 als Reichslehen an Heinrich von Fürstenberg und blieb dies bis zum Jahre 1325. Die Gründungen des Heilig-Geist-Spitals um das Jahr 1270 und des Franziskanerklosters, dessen Kirche 1292 geweiht wurde, gehen auf die Fürstenberger zurück.

Auch wenn die Villinger 1326 mit dem Hause Habsburg-Österreich einen neuen Stadtherrn bekamen, so waren sie auch die folgenden Jahrhunderte in enger Tuchfühlung mit Fürstenberg und teilten manches Kriegsschicksal. Durch die von der Französischen Revolution hervorgerufenen Umwälzungen und die Mediatisierung des Fürstentums hatten beide, Villingen und Donaueschingen/Fürstenberg, seit 1806 einen Landesherrn, nämlich den Großherzog von Baden.

Die Mitgliederliste der neuen „Gesellschaft der Freunde der Geschichte und Naturgeschichte an den Quellen der Donau“ setzte sich in erster Linie aus Bediensteten des Fürstenbergischen Hauses zusammen. Es handelte sich um einen Arbeitskreis von Männern, die in erster Linie Naturforscher waren, die meisten nannten sich Botaniker. Nur sehr wenige verstanden sich als Historiker im eigentlichen Sinne. Villinger oder Schwenninger finden wir nicht auf dieser Mitgliederliste.

Die Tätigkeit der im In- und Ausland geachteten Gesellschaft erlosch im Jahre 1819. Sie wurde 1842 als „Verein für Geschichte und Naturgeschichte in

Donaueschingen“ wiedergegründet. Bei dieser und bei den Wiedergründungen 1870 und 1949 wurde das Arbeitsgebiet „Fürstenbergische Geschichte“ und damit der historische Bezug zu Villingen beibehalten.

Mitglieder aus Villingen

Dem ersten Villinger auf der Mitgliederliste des Baarvereins begegnet man im ersten Band der „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte“, der 1870 erschienen ist. Es handelt sich um J. Baer, der im Jahre 1870 Vorstand der höheren Bürgerschule in Villingen war.3 In diesem Jahr wurde der „Verein“, wie die Gruppe seit 1842 heißt, zum dritten Male gegründet. Die im neuerrichteten Karlsbau 1870 stattfindende Gründungsversammlung wählte Dr. Emil Rehmann zum l. Vorstand und Dr. K. A. Barack und Anton Hofgartner zu Schriftführern. Jedes Mitglied erhielt einen „Leitfaden“ für seine Tätigkeit. Der Charakter einer Arbeitsgemeinschaft wie die ursprüngliche „Gesellschaft“ scheint noch durch. 10 Jahre später, im Jahre 1880, werden in den Schriften 5 Mitglieder aus Villingen – „die größte Stadt unseres Vereinsgebietes“ (Sigmund Riezler) – notiert und 57 aus Donaueschingen. Damals, zwischen 1870 und 1880, hatte der Verein rd. 130 Mitglieder.

Die Villinger Mitglieder setzten sich wie folgt zusammen: Amann, Stadtpfarrer, Gewerbeverein, Prof. Roder, Stadtgemeinde. Der später weit bekannte Historiker Prof. Riezler, von 1879–1883 der 1. Vorsitzende des Vereins, hielt einen Vortrag zum Thema „Villingen und die Grafen von Fürstenberg bis zum Übergang der Stadt an Österreich im Jahre 1326“, der im 3. Heft 1880 abgedruckt ist. Von diesem Heft an machte der seit 1876 in Villingen an der höheren Bürgerschule tätige Prof. Christian Roder durch zahlreiche wissenschaftliche Beiträge in den Heften auf sich aufmerksam. Der Anteil Villinger Mitglieder erreichte 1889 mit 29 (Donaueschingen: 55) seinen Höhepunkt vor dem 1. Weltkrieg und fiel dann auf 13 Mitglieder im Jahre 1909 zurück.

Gymnasium am Romäusring Villingen, Abbildung Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

 

Die Mitgliederbewegung korrespondierte mit den Aktivitäten Roders, der im Jahre 1893 Villingen in Richtung Überlingen verließ.

Mit dem Eintritt des Villinger Lehrinstituts St. Ursula im Jahre 1882 dürfte 77 Jahre nach der Gründung das erste weibliche Mitglied dem Verein beigetreten sein. Im Jahresheft 14 (1920) wird berichtet, dass sich zwei Ortsgruppen gebildet haben, in Vöhrenbach und in Villingen, die unter dem Vorsitz des Vöhrenbacher Apothekers Schmalz und des in Villingen tätigen und auch dort geborenen Prof. Eugen Hirth für ihre Mitglieder besondere Vorträge veranstalteten. Hirth war wie zuvor schon Roder Lehrer am Realgymnasium in Villingen, wo auch Paul Revellio (1886–1966) unterrichtete, der ebenfalls eine rege Vortragstätigkeit entfaltete. Hirth schrieb am 21. 10. 1920 an den Vorsitzenden des Vereins Georg Tumbült: „Wir (Hirth und Revellio) wünschen, dass Villingen wegen seiner großen Mitgliederzahl und der Größe und Bedeutung seiner Geschichte ein(en) selbständigen Verein bildet.“4 Revellio war in Villingen von 1919–1966 Leiter des Stadtarchivs und der Museen und insbesondere in den 1920er Jahren sehr engagiert für den Verein tätig. Während es im Jahre 1909 gerade mal 13 Vereinsmitglieder in Villingen gab, schnellte die Zahl im Jahre 1920 auf 103 in die Höhe. Villingen hatte damit die größte Ortsgruppe noch vor Donaueschingen mit 86 Mitgliedern. Bis zum Ende der 1920er Jahre kehrte sich das Verhältnis allerdings wieder um. Im Jahre 1931 gab es in Villingen 53 Mitglieder und in Donaueschingen 127. Nach dem 2. Weltkrieg schwankten die Mitgliederzahlen zwischen 41 und 53 für Villingen. Zum Vergleich: Aus Schwenningen kamen zwischen 7 und 19 Mitglieder.

Geschichtsvereine in Villingen im 19. und 20. Jahrhundert

Die in den Statuten des Baarvereins schon früh beschriebenen Ziele „Erforschung der fürstenbergischen Lande und ihrer nächsten Umgebung in Hinsicht auf Geschichte, physikalische Verhältnisse, Naturprodukte u. a.“ bezog Villingen und seine Geschichte zumindest phasenweise ein. Der Verein verfügte über eine hervorragende Bibliothek und ein vorzügliches Archiv, über gute Finanzen und über Gleichgesinnte, also über Voraussetzungen, wie sie in Villingen nicht annähernd vorhanden waren. Dadurch waren die Chancen für das Aufkommen weiterer lokaler oder regionaler Geschichtsvereine sehr gering.

Im 19. Jahrhundert blühte das Vereinswesen in Villingen im Zuge der Revolution von 1848/1849 richtig auf. Im Jahre 1876 kam es durch einen der Hauptaktivisten von 1848, Ferdinand Förderer (1814–1889), zur Gründung der Altertümersammlung, die sich zum Ziel setzte, insbesondere Gegenstände für das Museum zu sammeln und die Stadtgeschichte zu fördern. Die Altertümersammlung wurde von einer Kommission im Auftrag des Gemeinderates betrieben. Sie war kein Verein, sondern eine städtische Einrichtung. Als Förderer 1889 starb, fiel sie in einen Dornröschenschlaf bis Paul Revellio sie zwei Jahrzehnte später wieder „wach küsste“.

Im Jahr der Gründung der Sammlung 1876 wurde Christian Roder als Gymnasiallehrer nach Villingen berufen. Revellio schreibt: „Man wird den Verdacht nicht los, dass die Versetzung des jungen Historikers nach Villingen einem Wunsch entgegenkam, der von Villingen ausgegangen war.“5 In der Stadt erwachte geschichtliches Bewusstsein, die Bürgerschaft wollte geschichtliche Studien fördern. Die Villinger Altertümersammlung war der Grundstein für das städtische Museum, das heutige Franziskanermuseum. Ein eigenständiger Geschichtsverein mit Publikationsorgan entstand in Villingen weder im 19. und auch nicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beide Stadtarchivare Villingens, Christian Roder und Paul Revellio, verwendeten als Medium ihrer Aktivitäten vor allem den Baarverein. In der NS- Zeit kam es im Mai 1934 unter der Leitung von Bürgermeister Schneider zur Gründung eines „Heimatvereins“6, der jedoch marginal blieb. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg gab es in Villingen Versuche, Geschichts- und Heimatvereine zu gründen, die allesamt nicht richtig auf die Beine kamen, jedenfalls erreichten sie nicht das Niveau des Baarvereins: „Gesellschaft Alt- und Neu-Villingen e.V.“ (1946), „Heinrich Hug Gesellschaft zur Förderung der Geschichtsforschung und des kulturellen Lebens der Stadt Villingen“, „Villinger Vereinigung für Heimatpflege und Heimatkunde“ (1949, 1951). Die „Villinger Vereinigung“ war ein Projekt von Dr. Nepomuk Häßler und wird in den Villinger Adressbüchern der 1950er Jahre als „Heimatverein“ unter seinem Vorsitz geführt. Mit diesem Vereinsprojekt war das Vorhaben verbunden, endlich die Roderschen Regesten des Stadtarchivs und eine Stadtgeschichte zu veröffentlichen. In dem Gründungsplan der „Heinrich Hug Gesellschaft“ steht am Ende der Vermerk: „Ist nicht noch Abstimmung auf die Zwecke des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar erforderlich?“7 Auch noch zu diesem Zeitpunkt (ca. 1946) war der Baarverein also der Orientierungspunkt.

Erst im Jahre 1969 kam es in Villingen zur Gründung des „Geschichts- und Heimatvereins Villingen e.V.“ Einer der treibenden Kräfte war das Vorstandsmitglied des Baarvereins, Dr. Nepomuk Häßler. Im Heft 38 (1970) der Schriften des Baarvereins ist ein Bericht über die Gründung des Villinger Vereins abgedruckt: „Vielversprechend gestalteten sich die Beziehungen zu dem neuen Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. Die enge Zusammenarbeit zeigt sich u. a. darin, dass wir eine gemeinsame Mitgliederliste im vorliegenden Heft abdrucken. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht und bei Vorträgen und Exkursionen wurde eine Koordinierung verabredet. Wir wünschen dem Verein viel Glück.“ Die damals vereinbarte „enge Zusammenarbeit“ beider Vereine ging jedoch in den 1970er Jahren verloren.

Villinger Forscher im Baarverein

Prof. Christian Roder (1845–1921), in Villingen tätig 1876–1893

Als Christian Roder 1876 nach Villingen kam, ging im nahen Donaueschingen das Haus Fürstenberg an ein großes Werk, die Herausgabe der Quellen zur Geschichte des Hauses Fürstenberg und der Fürstenbergischen Lande. „Es hatte zu dieser Aufgabe zwei führende deutsche Historiker: Sigmund Riezler, 1. Vorsitzender des Vereins von 1879–1883 und Ludwig Baumann, von 1883– 1895 Vorsitzender der Historischen Abteilung, an das Fürstenbergarchiv berufen. Nur im fruchtbaren Austausch mit den Erfahrungen dieser beiden Männer konnte das Werk gedeihen, das sich Roder alsbald vornahm, auch die Quellen der Stadt Villingen zu sammeln, zu ordnen und herauszugeben.“

Prof. Christian Roder, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Im Jahre 1883 erschien in einer Neuausgabe die Hug’sche Chronik9 und 1886 lag das Repertorium der Geschichte der Stadt10 vor. Roder, seit 1876 Mitglied des Baarvereins, ist mit zahlreichen wichtigen Beiträgen in diesen Jahren zur Stadtgeschichte Villingens in den „Schriften“vertreten und hielt viele Vorträge. Die Zunahme der Mitgliederzahlen in Villingen ist auf seine Aktivitäten zurückzuführen. Die Erschließung des Stadtarchivs Villingen in Form von Regesten nutzte er wie Riezler in Donaueschingen für seine historischen Auswertungen. Seine in Manuskriptform schon 1892 fast fertiggestellte Stadtgeschichte ist jedoch nicht erschienen. Das Manuskript befindet sich im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.11

Nach seinem Wegzug nach Überlingen setzte er dort seine Archivtätigkeit und seine historischen Studien für den neuen Heimatort fort. Georg Tumbült charakterisiert ihn in seinem Nachruf in den „Schriften“: „Roder war eine kraftvolle auf sich selbst gestellte, urwüchsige Persönlichkeit, ein Mann aus einem Guss, der an dem als richtig Erkannten unbeugsam festhielt und äußeren Einflüssen wenig zugänglich war, genug, ein Alemanne von echtem Schrot und Korn.“12

Prof. Dr. Paul Revellio (1886–1966), in Villingen tätig 1919–1966

Der Erste Weltkrieg bildete einen erheblichen Einschnitt für den Baarverein. Die Mitgliederzahlen gingen zunächst stark zurück, erlebten aber schon kurz nach dem Kriege einen erheblichen Aufschwung. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder auf fast 400 im Jahre 1919. Diesen Aufschwung verdankte der Verein besonders aktiven Mitgliedern, zu denen in dieser Zeit Paul Revellio gehörte. 1886 in Hüfingen geboren, besuchte er das Gymnasium in Donaueschingen, wo er 1909 sein Abitur ablegte. Er studierte Geschichte, Deutsch und Latein und schloss 1911 sein Studium mit der Staats- und 1913 mit der Doktorprüfung ab. Er war zunächst Lehramtspraktikant am Gymnasium in Donaueschingen (1911–1914). Schon 1913 hielt er einen Vortrag über das römische Hüfingen. Im selben Jahr öffnete er zusammen mit Prof. Heinrich, dem damaligen Vorstand der FF-Sammlungen, einen Grabhügel aus der Hallstattzeit bei Bittelbrunn und gab darüber im ersten Heft nach dem Kriege im Jahre 1920 einen Bericht. 1919 wurde Revellio an das Realgymnasium in Villingen versetzt und dort 1920 zum Professor befördert.

Prof. Dr. Paul Revellio, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Hier nahm er bald neue Aufgaben wahr. 1921 bestellte ihn die Stadt Villingen zum Kustos der Städtischen Sammlungen und zum Stadtarchivar. Seit 1893, als Christian Roder Villingen den Rücken kehrte, waren Sammlungen und Stadtarchiv verwaist. Revellio baute die ur- und frühgeschichtliche Abteilung der FF-Sammlungen in Donaueschingen auf und erarbeitete eine archäologische Fundkarte der Baar. Etwa ein Drittel der Funde dieser Abteilung waren seiner Arbeit zu verdanken.

Nach dem l. Weltkrieg baute Revellio zusammen mit Prof. Eugen Hirth innerhalb des Vereins die starke Ortsgruppe Villingen auf. Dieser Aufschwung ist nicht zuletzt seiner regen Vortrags- und Publikationstätigkeit zur Römischen Geschichte in unserem Raum (Hüfinger Römerbad, mehrere römische Villen), zur Stadtgeschichte Villingens, zur Wege- und Straßenforschung, zu prähistorischen Funden und alemannischen Friedhöfen zu verdanken. Höhepunkt seiner archäologischen Tätigkeit war die Untersuchung des Kastells Brigobanne auf dem Galgenberg bei Hüfingen.

Bereits 1919 war Revellio Mitglied des Ausschusses des Baarvereins. Alfred Hall schreibt im Nachruf auf Paul Revellio: „Durch die Erwerbung eines Hauses in der Scheffelstraße (in Villingen), wo ich ihn mehrmals besuchte, wurde Revellio richtig bodenständig. Villingen wurde sozusagen zu seiner zweiten Heimat; doch vergaß er darüber seine erste Heimat nicht. Er blieb dem Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar nach wie vor verbunden und warb ihm als Ausschussmitglied und Vertreter für Villingen neue Mitglieder.“13

Von seiner unermüdlichen Schaffenskraft zeugt auch die Liste seiner Veröffentlichungen, die rund 125 Titel umfasst. Davon sind über 40 zum Teil umfangreiche Arbeiten in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen. Allein 20 Aufsätze und Mitteilungen hat Revellio zwischen 1913 und 1960 für die Schriften des Baarvereins verfasst. Für seine Leistung als Archivar, Museumsleiter und Stadthistoriker erhielt Revellio die Würde eines Ehrenbürgers Villingens zu seinem 75. Geburtstag. Der Baarverein ernannte ihn wie auch zuvor Roder zu seinem Ehrenmitglied.

Dr. Johann Nepomuk Häßler (1898–1981) Nepomuk Häßler trat bereits 1929 dem Baarverein bei und gehörte 1949 bei dessen Wiedergründung dem Ausschuss, 1964–1974 dem Vorstand und später dem Beirat an. Neben seinem Arztberuf „den er mit großer Hingabe in Villingen und Umgebung versah, galt sein persönliches Interesse besonders der Heimatgeschichte.“14 Hier widmete er sich insbesondere der Geschichte Villingens im Spanischen Erbfolgekrieg und der Familienforschung.

Häßler gründete im Jahre 1951 „aus dem Zusammenschluss der Villinger Mitglieder des über hundert Jahre bestehenden, in Donaueschingen beheimateten Vereines für Geschichte und Naturgeschichte der Baar die Villinger Vereinigung für Heimatpflege und Heimatkunde.“15 Anlass der Gründung war eine außerordentliche Tagung des Baarvereins am 30.09.1951 in Villingen, in der neben Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, Prof. Dr. Paul Revellio und Gustav Walzer auch Dr. Häßler einen Vortrag über „eingeleitete Schritte zur Bildung einer Villinger Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde“16 hielt.

Dr. Johann Nepomuk Häßler, Abbildung: Stadtarchiv Villingen- Schwenningen.

 

Die Einladung war im Konzept unterzeichnet mit „Baarverein; Mall, Donaueschingen, Dr. Häßler, Villingen, Stadtgemeinde Villingen und Volksbildungswerk“. Der Verein wird in den Villinger Einwohnerbüchern ab 1954 unter dem Namen „Heimatverein“ geführt. Ein ganz besonderes Anliegen war für ihn der Aufbau des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, der Ende der 1960er Jahre aus der Taufe gehoben wurde.

Josef Honold (1888–1967)

Josef Honold wurde 1888 als Sohn des Kaufmannes Thomas Honold in Villingen geboren. Er führte 1925–1930 das elterliche Kurz-, Weiß- und Miederwarengeschäft in Villlingen, war als Diplomkaufmann für verschiedene Firmen des In- und Auslandes tätig und wandte sich nach dem 2. Weltkrieg dem Immobilienhandel zu. Für den Gewerbeverein Villingen ergriff er die Initiative zur Wiedergründung nach dem 2. Weltkrieg. Sein besonderes Interesse galt der Heimatgeschichte. Er schrieb an einer Chronik der Stadt Villingen, deren erster Teil „Villingen 1868–1882“ er in maschinenschriftlicher Form veröffentlichte.17

Honold war Mitglied des Baarvereins und wurde von Karl Siegfried Bader mit Schreiben vom 26. 11. 1943 nach dem Tode des Vorstandsmitgliedes Dr. Heinrich Feurstein als Vorstandsmitglied vorgeschlagen, da „er sich schon bisher lebhaft um den Verein bemüht hat.“18 Honold nahm den Vorschlag dankend an.

Gustav Walzer (1899–1966)

Im Schreiben Baders vom November 1943 wird ein weiteres Vorstandsmitglied, Studienrat Walzer, vorgeschlagen, „der sich durch Arbeiten zur Geschichte Villingens in der Heimatforschung verdient macht und der durch seinen Neustadter Wohnsitz gleichzeitig für uns einen Rückhalt im südöstlichen Schwarzwaldgebiet darstellen kann.“ Walzer begann seine Laufbahn als Lehrer 1935 in Villingen, „für das er immer eine stille Liebe behalten hat“19.

Josef Honold, rechts, Abbildung: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.

 

Er wertete das Stadtarchiv Villingen systematisch nach Personen (Biographien) aus und begann eine Edition der Villinger Bürgerbücher. Die Herren Häßler, Honold und Walzer waren untereinander befreundet und standen in regem geistigen Austausch, nicht zuletzt durch ihre Mitgliedschaft im Baarverein. Ihre heimatkundlichen Nachlässe     befinden sich heute im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen.20

Weitere Villinger Forscher

Hans Brüstle (1907–1976) wirkte ab 1935 als Lehrer in Villingen und war ab 1964 Leiter der Mittelschule, heute Karl-Brachat-Realschule. Helmut Heinrich schrieb über ihn in seinem Nachruf: „In seiner Liebe zur Heimat – Schwarzwald und Baar – schuf er zahlreiche heimatkundliche Veröffentlichungen; er wurde Mitgründer und Vorstand des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, war im Museumsbeirat“. Brüstle wurde 1957 in den Ausschuss des Baarvereins gewählt und war bis zu seinem Tode 1976 im engeren Vorstand. Es sind noch weitere Villinger Mitglieder im Baarverein zu nennen, die sich durch Vortragstätigkeit und Vorstandsfunktionen hervorgetan haben: Hans Maier verfasste 1928 einen Beitrag zu den Flurnamen der Gemarkung Villingen, den er in erweiterter Fassung später auch als Monographie veröffentlichte21; Benjamin Grüninger, Glockengießereibesitzer in Villingen, war Ehrenmitglied (1927); Dr. Josef Fuchs, Stadtarchivar und Museumsleiter in Villingen und Villingen-Schwenningen, war Mitglied des Ausschusses und hielt im Zeitraum 1970–1980 mehrere Vorträge und veranstaltete Exkursionen.

Villinger Forscher im Vorstand und Ausschuss des Baarvereins

Unter den Villinger Mitglieder im Vorstand und im erweiterten Vorstand des Vereins sind bis zum 2. Weltkrieg fast ausschließlich Lehrer des Villinger Realgymnasiums vertreten: Christian Roder, Eugen Hirth (1921, 1922), Paul Revellio, Emil Winterhalder (1932–1934), Helmut Schellenberg (1935, 1936). Erst gegen Ende des 2. Weltkrieges stoßen der Villinger Handelsmann Josef Honold und Handelsschullehrer Gustav Walzer in den engeren Führungszirkel des Baarvereins. Nach dem 2. Weltkrieg spielt das Gymnasium bei der Rekrutierung des Vorstandes kaum noch eine Rolle: Dr. Nepomuk Häßler, Hans Brüstle, F. K. Wiebelt, Dr. Josef Fuchs, Hildegard Minges, Wolfgang Martin.

Zusammenfassung

1) Der Baarverein hat zur Geschichte Villingens einen direkten Bezug durch die Fürstenbergische Geschichte und die enge Nachbarschaft der Stadt zu Fürstenberg und Donaueschingen.

2) Das erste Villinger Mitglied datiert vom Jahre 1870. Die Mitglieder waren im 19. Jahrhundert fast ausschließlich männlich und kamen aus dem Bildungsbürgertum, wobei der Anteil der Lehrerschaft besonders unter den Aktiven sehr groß war. Die Zahl der Mitglieder aus Villingen folgte in ihrem Auf und Ab den Aktivitäten des Vereins vor Ort. Die Villinger Stadtarchivare Christian Roder und Paul Revellio spielten dabei eine große Rolle. Die Villinger Ortsgruppe war Anfang der 1920er Jahre die stärkste im gesamten Verein, noch vor Donaueschingen. Der Baarverein war demnach kein Donaueschinger Verein. Es kamen nie mehr als 50 % der Mitglieder aus Donaueschingen.

3) Aufgabenstellung, Bibliothek, Archiv, finanzielle Ausstattung und die qualifizierte Leitung des Baarvereins machten es lokalen Gründungen von Geschichtsvereinen auch in Villingen nicht einfach bzw. sie machten diese überflüssig. Die lokalen Forscher der Region betrachteten den Verein zumindest bis in die 1970er Jahre als ihr Medium.

4) Die wirkungsvollsten Villinger Mitglieder des Baarvereins bis zum 2. Weltkrieg waren zweifellos Christian Roder und Paul Revellio. Beide waren Lehrer am Villinger Gymnasium, sie waren die Stadtarchivare, beide betrachteten den Verein und sein Publikationsorgan als wichtigstes Medium ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Sie profitierten vom geistigen Austausch, der durch den Verein ermöglicht wurde und besorgten grundlegende Publikationen zur Stadt- und Regionalgeschichte. Wenn Villinger im Vorstand des Baarvereins waren, dann waren es bis zum 2. Weltkrieg fast ausschließlich Lehrer des Realgymnasiums.

5) Das Villinger Trio Nepomuk Häßler, Josef Honold und Gustav Walzer war in den 1940er und 1950er Jahren für den Verein sehr aktiv. Auch für ihre lokalgeschichtlichen Aktivitäten gilt, dass der Verein ihnen die notwendige Plattform bot.

6) Immer dann, wenn Villinger, Schwenninger oder Villingen-Schwenninger durch Vorträge, Exkursionen u. a. im Baarverein aktiv wurden, stiegen die Mitgliederzahlen am Ort. Viel beachtet wurde die in den Jahren 1998/99 stattgefundene Projektkooperation zwischen Stadtarchiv und Museen Villingen-Schwenningen, Baarverein und anderen Einrichtungen für die Ausstellung „Die Revolution 1848/49 in der Baar“ mit Ausstellungskatalog. Um die Aufmerksamkeit für die Geschichtsvereine zu verstärken und ihre Programme zu verbessern, sind Projektkooperationen, wie sie übrigens bereits anlässlich der Gründung des Geschichts und Heimatvereins Villingen 1969/1970 vorgeschlagen und eine zeitlang praktiziert wurden, ein gutes Mittel.

1 Vgl. Schriften der Baar, Band 49, 2006.

2 TUMBÜLT, Georg (1931): Zur Vorgeschichte und zur Gründung des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte. – In: Schriften der Baar 18, S. 4.

3 Heute: Gymnasium am Romäusring.

4 Archiv des Baarvereins Nr. 65.

5 REVELLIO, Paul (1964): Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Gesammelte Arbeiten. S. 3. Villingen.

6 Der Schwarzwälder Nr. 104 vom 8.5.1934.

7 Nachlass Josef Honold, Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Bestand 1.42.3 Nr. 154.

8 Revellio, Beiträge. S. 3 f.

9 RODER, Christian (Hg.) (1883): Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 bis 1533. Tübingen.

10 SAVS Best. 2.1.

11 RODER, Christian: Geschichte der Stadt Villingen, Manuskript, unveröffentlicht. SAVS Bestand 2.1 Sign. BBB 14.

12 Nachruf Christian Roder, Autor: Georg TUMBÜLT. – In: Schriften der Baar 15, 1924, S. 118–121.

13 Nachruf Paul Revellio, Autor: Alfred HALL. – In: Schriften der Baar 27, 1968, S. V-XII.

14 Nachruf Johann Nepomuk Häßler, Autor: Hermann PREISER. – In: Schriften der Baar 34, 1982, S. 8.

15 SAVS Bestand 1.41.3 Nr. 154.

16 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

17 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

18 SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154.

19 Nachruf im Schwarzwälder Boten vom 17.01.1966.

20 Nachlass Dr. Nepomuk Häßler, SAVS Bestand l .42.51; Nachlass Josef Honold, SAVS Bestand 1.42.3 Nr. 154; Nachlass Gustav Walzer, SAVS Bestand 2.42.4.

21 MAIER, Hans (1962): Die Flurnamen der Stadt Villingen. Eine Gemarkungskunde. Villingen.