„Ein Superspielplatz von Supermen“… (Bernd Saile)

… solche Wertungen erhielten die Rotarier beim Bau des Spielplatzes auf dem Hubenloch öfter. Unter den Kindern ringsum hatte sich das Projekt schnell herumgesprochen und natürlich waren sie von Anfang an mit dabei: wollten wissen, was hier oder da entsteht, wer das macht und für wen und wie und warum und wann es fertig sein würde. Ihre Kommentare und ihre Begeisterung waren wichtige Beiträge, durchzuhalten, den auftretenden Widrigkeiten zu trotzen, weiter zu machen.

Während der Wintermonate erschufen die Rotarier in einer Halle mehrere Spielplatzgeräte: Balancier- und Hüpfstämme, Leitern, Treppen, Hürden, Auf- und Abstiege für den Burgberg.

 

Solch einen Zeit- und Kräfteraubenden Dauerjob hatten sich die beiden Rotary-Clubs in Villingen- Schwenningen wahrlich nicht vorgestellt, als sie im Herbst 2003 unter ihren insgesamt 90 Mitgliedern Ideen suchten, anlässlich des 100. Geburtstages von Rotary-Internrational im Frühjahr 2005, einmal auch am Heimatort etwas zu schaffen, was sowohl sozial und erzieherisch, als auch dringlich und dauerhaft ist. In Brain-stormings wurden 55 Vorschläge erarbeitet, das Projekt Kinderspielplatz mit 2 Punkten Vorsprung ausgewählt.

Zwei Zehnjährige: „Wie heißt Euer Club?“ „Rotary“

„Wollt Ihr auch hier Mal mitspielen?“ „Nein, wirwollen helfen Not zu lindern, Krankheiten zu reduzieren, Frieden zu fordern. Wir engagieren uns für die Allgemeinheit, vorwiegend für Schwächere und Hilfsbedürftige.“ „Macht das Spaß?“ „Mehr als Spaß, es bringt Befriedigung, Selbstachtung, das gute Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.“ „Der Spielplatz von Euch ist echt ein gutes Gefühl, besonders für uns, das kann man sagen.“ Der Andere: „Vielleicht mach ich das später auch. Aber vorerst will ich hier spielen.“

Ein Naseweiß: „Habt Ihr das schon oft gemacht, so Sachen für Kinder?“ „Einen Spielplatz bauen wir zum ersten Mal. Doch dafür haben wir schon Mal eine Schule für Kinder in Indien gebaut.“ „Ich glaub nicht, dass die sich so gefreut haben wie wir.“

 

 

 

 

 

 

 

 

In Gesprächen mit Vertretern der Stadt einigte man sich auf eine verwilderte Grünfläche ca. 125×90 m im Höhenpark „Hubenloch“. Als Kinderspielplatz projektiert seit 1963! Kostenvoranschlag der Stadt ca. 150.000 Euro! Die Rotarier nahmen sich vor, durch Eigenleistungen die Kosten auf 75.000 Euro zu halbieren.

Im nächsten Schritt wurde Know-how gesammelt, Spielplätze besichtigt, Kinder befragt, Gespräche mit Kinderheimen und Kliniken geführt, Sicherheitsbestimmungen studiert, Fachmessen besucht, Vertreter von Spielgeräte-Herstellern eingeladen, Kataloge gewälzt, erste Entwürfe skizziert und mit einem hiesigen Gartenbau-Architekturbüro abgestimmt. Versuche, gebrauchte Spielplatzgeräte zu erstehen, schlugen fehl.

Drei Knirpse zwischen drei und fünf: „Ich find den Spielplatz cool. Meine Mama auch. Die schimpft bloß, wenn ich mich dreckig mach.“ „Meine Mama wirft immer alles von mir in die Waschmaschine und mich in die Badewanne. Aber ich schimpf nie mit ihr!“ Dazu der Dritte: „Mit Müttern schimpft man nicht, die sind nämlich nützlich.“

Vier kleine Madchen, etwas älter: „Baut Ihr die Sachen für uns, damit Ihr bald in den Himmel kommt?“ „Das haben wir noch nicht vor. Wir bauen das für Euch, damit Ihr spielen könnt.“ „Aber Ihr seid doch schon alt! Hast Du vielleicht noch eine Oma?“

„Nein, die ist schon im Himmel.“ „Gell, Omas wollen immer küssen!“ Die Nächste: „Meine Oma ist bald achtzig, aber bis hundert hält sie es bestimmt aus.“

Danach erstellten die Rotarier das Konzept zur Geldbeschaffung: In zehn unterschiedlichen reizvollen, meist sportlichen Clubaktionen mit Familienmitgliedern und Start- bzw. Teilnahme- Gebühren, sowie öffentlichen Rohmärkten, Fasnachtsbeizle, Hocketse in der Stadt, dazu ausgezeichnete Galakonzerte, zusätzlich internen Umlagen und Spendenaufrufe wurde das erforderliche Geld zusammengebracht.

Ab Jahresbeginn 2005 suchte und fand man bei der Holzbaufirma Ettwein die Möglichkeit, während der nasskalten Jahreszeit in geheizten, geschlossenen Räumen wöchentlich zweimal mit der Herstellung selbstentworfener Spielgeräte zu starten: rohe Baumstämme entrinden, schälen, schleifen, imprägnieren, zu Gerätschaften verarbeiten und farbenfroh bemalen.

Musterexemplar von einem Lausbub: „Könnt Ihr nicht noch ein Spiel für Erwachsene aufstellen damit meine Mutter länger bleibt? Sie will immer viel zu schnell nach Hause!“

Ein Hosenmatz + ein Wonneproppen (je ca. 4 Jahre) Hand in Hand abwechselnd: „He Du, – Ihr seid unsere Lieblinge! Unsere liebste Onkel.“ „Wenn wir noch größer sind, helfen wir Buch.“ „Ja, aber zuerst spielen wir jetzt.“ „Und dann singen wir Euch ein Lied.“

„Und wir backen einen Kuchen für Euch.“ „In drei Jahren sind wir schon groß.“ „Habt Ihr so lange Zeit?“ Hin kleiner Frechdachs: „Der Spielplatz ist echt toll, toller als daheim. Immer soll ich meine Spielsachen aufräumen. Ich bin doch als Kind geboren und nicht als Diener!“ Pause, dann: „Wenn ich alt bin, werde ich ein Mann. Vielleicht aber auch ein Onkel wie Du.“

Ab April gings dann endlich an die Geländearbeiten im Freien. Mittwochs und Samstags wurde vermessen, markiert, störende Sträucher entfernt, neue Wege angelegt, Humus abgehoben und gelagert; Erde für einen Burgberg und Hügel anfahren gelassen, 120 Löcher für Fundamente ausgegraben und ebenso für 16 Dämmgruben, diese mit Randsteinen umpflastert, die bestellten und angelieferten 23 Spielgeräte zusammengesetzt, aufgestellt und einbetoniert; einen großen Sandkasten mit Holzstämmen eingefasst, mit Sand gefüllt, und vier Spieltische eingebaut; eine große Rutschbahn am Burgberg angebaut, die Burgruine aus gespendeten alten Steinen auf dem Berg errichtet, der Eingang plus der Innenhof gepflastert sowie verschieden schwierige Aufgänge geschaffen. Die neuen Wege planiert, für 20 Bänke und 4 Müllbehälter die Fundamente ausgehoben, die Bänke zusammengeschraubt und einbetoniert, zuletzt noch den Burgberg bepflanzt und zwei Spiel- Unterschlupf- Häusle aufgebaut.

Der werdende Burgberg wird bereits erstürmt.

 

Ein nachdenklicher Fünfjähriger: „Seid Ihr nur Männer, seid Ihr nicht geheiratet?“ „Doch, aber unsere Frauen arbeiten Zuhause.“ Der Denker: „Heiraten sollte man erst, wenn man alt und Rentner ist, dann muss man nämlich nicht mehr arbeiten und kann halt den ganzen Tag zusammen sein. Außer man baut einen Kinderspielplatz.“

Vier Steppkes: „Habt Ihr die Burg wo anders geklaut?“ „Nein, die bauten wir aus schönen alten Abrisssteinen für Euch so, dass sie wie eine echte frühere Burgruine aussieht.“ „Extra für uns?“ „Ja, die könnt Ihr als Fort gegen Indianer benutzen, oder als Festung, oder als Ritterburg.“ „Gell die Ritter, das waren die Minister und Aufpassräuber vom König!“

Gezählter Stunden-Einsatz letztendlich 4.240 Arbeitsstunden. Erbracht von insgesamt 64 Rotariern aus beiden Clubs, das sind über 2/3 der Mitglieder und somit rund 70 Arbeitsstunden pro Kopf! (Die restlichen Mitglieder konnten aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen nicht aktiv mitarbeiten). Eine erstaunliche Leistung. Dasselbe kann so auch für das Ergebnis, für den Spielplatz gelten: 37 Spielmöglichkeiten bzw. Gerätschaften stehen jetzt auf dem Hubenloch den Kindern zur freien Verfügung. Und werden von Jung und Alt begeistert angenommen. Oft sind mehr als hundert Besucher gleichzeitig an den Geräten, um ihre Courage und Geschicklichkeit zu testen.

Ein schweißtreibender Höhepunkt (im wahrsten Sinn desWortes) wurde das „Kletter-Atomium“.

 

Eine ältere Dame: „Vor 60 Jahren hatte ich auf dem Hubenloch mein erstes Rendezvous. Es wurde unser Lieblingsplatz zum poussieren. Nun wird es wohl der Lieblingsplatz für Kinder, für andere Spiele.“ Ein Nesthäkchen: „Willst Du meinen Kaugummi?“ „Möchtest Du mir einen geben?“ „Ja, weil Ihr so was Schönes für uns macht.“ Ein vierjähriges Mädchen erzählt: „Ihr seid die Heinzelmänner! Meine Mama sagt, jedesmal wenn wir am Sonntag kommen, ist wieder etwas Neues fertig, – ganz genau wie bei den Heinzelmännchen.“

Ebenfalls sehr beeindruckend sind die verarbeiteten Materialmengen: Zum Beispiel 1,300 m2 Mutterboden-Abtrag, 200 m neue Parkwege, 150 Stück Einzelfundamente, 1.100 m3 Schüttung, 400

Tonnen Schottermaterial, 50 Tonnen Wegsand, 70 Tonnen Spielsand gewaschen, 190 m3 Hackschnitzel, 45 m3 Beton, 350 m Pflasterbund …

Ein ca. Vierjähriger: „Habt Ihr keinen Beruf mehr? Mein Opa hat einen richtigen Beruf! Aber ich will nicht, dass er da hingeht. Da war er doch gestern schon. Wenn mein Opa in Ruhe steht, soll er so einen Spielplatz bauen wie Ihr.“

Drei etwas größere Jungs im Sandkasten: „Warum heißt eigentlich der Buckel – Hubenloch –?“ Der zweite: „Das ist wie schwarze Schimmel.“ Der dritte: „Oder wie Opas auf dem Kinderspielplatz!“

Verletzungen gab es außer Wasserblasen, Muskelkater und einer Kopfwunde keine. Ein wenig Enttäuschung allerdings bei der Abnahme durch die Dekra. Da brach der berühmt-berüchtigte deutsche Amtsschimmel aus. Beispielsweise mussten an die Balancier-Aufstiege Handläufe, auf die Burgmauer ein Geländer angebracht werden, an den Schaukeln 3 cm Kette reduziert werden, für die zwei selbsterbauten Spielhäuschen eine Statik errechnet lassen werden … Es wurde alles ordnungsgemäß nachgebessert.

Der guten Stimmung unter den Rotariern hat das nur kurzfristig geschadet. Am Ende blieben von dem eingeplanten Geldbetrag noch 2.000 Euro übrig. Diese wurden für den Schwenninger „Geschichtswanderweg“ gespendet.

Ein Rentnerpaar: „Das ist nicht nur ein Erlebnisplatz für Kinder, das ist genau so einer für uns Großeltern. Es ist so kurzweilig hier und voller Freude. Danke für Ihren Einsatz.“

Ein ca. Fünfjähriger mit Brille, Sturzhelm und Kinderfahrrad bombardiert uns mit Kragen: „Was kommt auf den freien runden Platz?“ „Hin kleines Karussell.“ „Wann macht Ihr das?“ „Sobald wir mit dem Berg und der Burg fertig sind.“ „Weshalb bohrt Ihr da Löcher durch die Steine?“ „Weil sie so fest verbunden werden können und ältere Jungs nicht mehr herunter werfen können.“ „Wieso stellt Ihr da unten die hohen Steine auf?“ „Damit die Erde nicht in die Fallgruben rutschen kann.“

Die Kletterwand (eine Betonröhre) wird gestaltet mit verschiedenen schwierigen Aufstiegsrouten, unterlegt mit bunten Gebirgsmotiven. Kinder gaben emsig Ratschläge: eine Sonne, Bergblumen, Schokokühe…

 

„Warum habt Ihr denn solche Fallgruben gemacht?“ „Damit Ihr Huch beim stürzen nicht weh tut.“ „Wo habt Ihr die vielen Holzspäne dafür her?“ „Von einem Sagewerk gekauft.“ „Sägen die extra Späne?“ „Die fallen beim sägen an. Hast Du noch nie etwas mit Deinem Vater gesägt?“ „Mein Vater ist tot. Vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Der hätte Euch sonst bestimmt geholfen.“

Zwei Gören + zwei Bengel zwischen 10 und 15 Jahre alt, stellen fest: „Da arbeiten fast lauter     alte Männer am Kinderspielplatz. Wie kommts?“ „Na ja, die meisten sind nicht mehr im Beruf, aber geistig und körperlich fit und möchten noch etwas leisten.“ „Was die leisten ist doch prima. Ich finde es cool.“ Fragt der Jüngste unvermittelt: „Lebt Deine Mutti noch?“ „Ja.“ „Die ist bestimmt stolz auf Dich.“ Ein ca. achtjähriger Racker: „Seid Ihr richtige Kinderspielplatzbauer.“ „Nein, wir haben lauter verschiedene Berufe, sind aber in einem Club, der gute Taten bewerkstelligen will.“ „Woher könnt Ihr dann das alles?“ „Wir strengen uns einfach an und lernen dazu.“ „Baut Ihr noch mehr Spielplätze?“ „Nein, das ist sicher einmalig. Ehrlich gesagt, sind wir froh, wenn wir fertig sind.“ „Ich auch!“

(Geburtstags-) Wunsch der Rotary-Clubs ist es erstens, der Spielplatz Hubenloch möge den Kindern eine attraktive Stätte für Begegnung und Bewegung, für Herausforderung und Bestätigung, für Erlebnisse und Entwicklung sein. Und zweitens, der prächtige Platz und die Geräte mögen lange so erhalten bleiben, das heißt, von den Benutzern, Kinder und Eltern oder Großeltern, aber auch von den zuständigen Ordnungshütern und Fachkräften behütet und gepflegt werden. Dann hätten sich alle Mühen gelohnt.

Baumstämme

 

 

Balancier-Aufstieg

 

 

Aufstiege

 

 

 

Hügellandschaft

 

 

Aufstiegsmöglichkeiten

 

Nachtrag

Die Jury der Stiftung Lebendige Stadt in Hamburg prämiert jährlich „Bestpractice Beispiele für europäische Städte und Kommunen“. Der Rotary-Spielplatz auf dem Hubenloch in Villingen-Schwenningen wurde qualifiziert für die Kategorie 2006 „der Besten Spiel- und Freizeitplätze, die sich durch innovative und kostengünstige Gestaltung, Erstellung oder Betriebsform deutlich von anderen abheben und zugleich für Kinder und Jugendliche hochattraktiv und pädagogisch besonders wertvoll sind“.

Die Preisverleihung findet in einer Feier am 5. Dezember 2006 im Rathaus von Bremen statt.