„Die Fackel der Hoffnung brannte in ihr“ (Edith Boewe-Koob)

Xaveria Ditz, Superiorin des Lehrinstituts St. Ursula von 1850 bis 1899

 

„Ein trüber Geist hat sich ins Haus geschlichen und hält den Rundgang in dem weiten Raum. Kein Freudenstrahl will mehr die Brust durchdringen, sie seufzt gefangen, wie im schweren Traum. Mein Herr und Gott, o lass‘ mich nicht verzagen, an dir nicht wanken und auf dich vertraun. Als Glaubende in froh und trüben Tagen mit Mut und Hoffnung in die Zukunft schaun“.

 

Superiorin Xaverio Ditz

 

Am Sylvesterabend des Jahres 1852 schrieb die damalige Superiorin Xaveria Ditz diese Zeilen an den Anfang ihrer Tagebuchaufzeichnungen1. Sie deutete darin die Schwierigkeiten an, die sie durch die staatlichen Verordnungen zu bewältigen hatte. Doch wird im zweiten Teil des Gedichts die Hoffnung und Zuversicht auf bessere Zeiten lebendig.

Xaveria Ditz, ihr Mädchenname war Aloysia, wurde vor 200 Jahren im Jahr 1806 in Konstanz geboren. Da sie aus einem armen Elternhaus stammte, stellte das Lehrinstitut Villingen 1825 einen Antrag an das Generalvikariat Konstanz zur Unterstützung der Kandidatin2. Im Jahr 1827 wurde Aloysia Ditz für das Lehramt des weiblichen Lehrinstituts in Villingen geprüft, wie das Großherzogliche Badische Direktorium des Seekreises Konstanz mitteilte3. Ab 1828 unterrichtete sie am Lehrinstitut Villingen und legte 1829 ihre Profess ab. Sie wählte den Namen Xaveria.

Nachdem Xaveria Ditz 22 Jahre als Lehrerin tätig war, wurde sie, im Jahr 1850, zur Vorsteherin des Lehrinstituts St. Ursula gewählt. Zwei Jahre später waren 12 Lehrfrauen und 3 Kandidatinnen mit dem Unterricht an der Mädchenschule beauftragt, vier Laienschwestern besorgten Haus und Garten. Das Pensionat wurde in dieser Zeit von 50 Mädchen besucht. Es war kein leichtes Amt, das Xaveria Ditz als 7. Superiorin von St. Ursula in Villingen übernahm. Politisch waren es schwierige Zeiten, in denen sie versuchte vor allem das Lehrinstitut im Sinne der Gründerin Anne de Xainctonge weiterzuführen. Sie musste viele Entscheidungen treffen und Probleme lösen, da die Auseinandersetzungen der Regierung mit der katholischen Kirche im 19. Jh. auch in den Ordensgemeinschaften spürbar waren. In Baden hatte sich früher als in den anderen Staaten der bürgerliche-kleindeutsche Liberalismus durchgesetzt4. Dadurch wurde mit der liberalen Parlamentsmehrheit die Innenpolitik geändert und das Verhältnis zu den Kirchen neu geregelt5.

Die Lehrfrauen, die dem Orden der Ursulinen angehörten und ihre Aufgabe in der Erziehung der Mädchen sahen, mussten sich nun Institutsfrauen nennen. Ihre Lehrtätigkeit war staatlichen Vorschriften unterworfen. Jede Beziehung zu einem Orden wurde untersagt.

Um ihre Erziehungsaufgabe nicht zu gefährden, baten bereits am 6. Oktober 1806 die damalige Superiorin Theresia Unsöld und ihre Mitschwestern den badischen Großherzog um Weiterführung des Instituts6, doch am 30. Januar 1807 wurden alle Klöster aufgehoben. Nach wiederholter Vorsprache beim Großherzog wurden der Superiorin einige Versprechungen in Bezug auf Weiterführung des Unterrichts gemacht. Aber erst die Einführung des „Regulativs für die katholisch weiblichen Lehr- und Erziehungsinstitute des Großherzogtums Baden“ im Jahr 1811 brachte eine gewisse Entspannung7. Allerdings durften die Klöster nicht mehr als kirchliche Häuser weiter existieren, sondern nur als staatliche Lehrinstitute, in denen die Vorsteherin „aufgeklärt“ sein musste. Der Staat entschied über die Aufnahme der Novizen8, deren Zahl vorgeschrieben war. Nur für die Lehrtätigkeit geeignete Mädchen konnten als zukünftige Institutsfrauen zugelassen werden.

In dieser für die katholische Kirche unsicheren Zeit war die Vorsteherin eines Instituts besonders gefordert. Allein die Tatsache, dass aus einem Lehrorden von Staats wegen ein Institut geworden war, dass die Lehrfrauen ihr Brevier nicht mehr in lateinischer Sprache beten durften, war auch für einen sog. „modernen“ Orden nur schwer zu verkraften9. Der Unterricht in den kath. Schulen wurde durch eine Schulaufsicht kontrolliert. Die Modernisierung sollte vorangetrieben werden und eine Entklerikalisierung und Entkonfessionalisierung, eine Verstaatlichung der Schulen angestrebt werden10.

Um den nachfolgenden Ursulinen ihre Eindrücke zu vermitteln, schrieb Xaveria Ditz neben der Turmknopfurkunde auch ein Tagebuch, das die für das Institut und der Stadt wichtigsten Ereignisse der Jahre 1850–1866 vermittelt.

In der Turmknopfurkunde11 des Jahres 1852 verstand die Superiorin rückwirkend die Ereignisse der Revolutionsjahre 1848/49 anschaulich zu schildern. Sie betrachtete das Geschehen aus der Sicht einer katholischen Institutsleiterin und ihre Aufzeichnungen zeigen ihre persönliche Einstellung zu den Vorkommnissen der Jahre. Sie schrieb über Villinger Erlebnisse, die bisher nicht bekannt waren und setzte sich gleichzeitig mit den politischen Problemen auseinander.

Dichterisch begabt zeigt sich die Superiorin, die am Anfang jeden Jahres in ihrem Tagebuch ein oder mehrere Gedichte und Gebete eintrug. Sie deuten die problematische Situation an, aber auch die Hoffnung, die Xaveria Ditz nie aufgab, wie der Text des Jahresanfangs 1866 zeigt.

„Schon wieder steh‘ ich an der Schwelle vor einer unbekannten Zeit. Wird sie uns wieder Segen bringen? Birgt sie vielleicht ein neues Leid? Ich tret es mit Vertrauen an, was Gott tut, ist ja wohlgetan“.

Handschriftlicher Teil aus der Turmknopfurkunde von 1852. „Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Gott + Vater, Gott + Sohn und Gott + Heiliger Geist. Amen.

 

Im Jahre 1848 hatte die hiesige Stadt das Unglück mehreremal nacheinander mit Brandunglück betroffen zu werden, indem ein Bürgersmädchen von hier, 18–19 Jahre alt, mit Namen Anna Müller, Tochter eines verstorbenen Zimmermanns, 7 mal nacheinander im Verlauf eines Jahres das Verbrechen der Brandstiftung und zwar mit völliger Zurechnungsfähigkeit beging. Sie legte das Feuer jedesmal in der Absicht, entweder sich an ihrer Dienstherrschaft wegen irgendeines sie verletzenden Tadels zu rächen, oder Gelegenheit zu haben in ihre elterliche Wohnung zurückzukehren, die ihre Mutter auf dem Bickentor12 inne hatte.“

„Der Verdacht fiel nie auf die Schuldige, bis beim 7. Brande, als sie eben wieder auf dem Heuboden angezündet hatte, ertappt, und trotz allen Leugnens eingesperrt wurde. Während ihrer Gefangenschaft starb ihre Mutter. Dieser Todesfall, sowie Langweile und die Ermahnungen des die Gefängnisse besuchenden Arztes, veranlasste sie zum Geständnis, worauf sie vor Gericht zu 30jähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Beim 3. Brande, der im Eckhause unter dem Adler13, in der Niederen Straße 3 auf dem Speicher ausbrach und wir wegen zu weiter Entfernung und scheinbarer Windstille an keine Gefahr dachten, wurden wir plötzlich von einem vor dem Bickentor arbeitenden Zimmermann erschreckt, der mit Hast herbei sprang und mit dem Ruf: „Das Türmle brennt“! die Türen sprengen wollte. Augenblicklich war eine große Menschenmenge zur Hilfeleistung vorhanden, von denen wir aber nur die Vertrautesten einließen, die dann mit den Pensionärinnen und Klosterfrauen Geschirre mit Wasser zur Brandstelle trugen“.

„Die große Hitze des Sommers hatte nämlich das mit Schindeln bedeckte Türmchen zur Aufnahme der sich in der Luft bewegenden Feuerfunken empfänglich gemacht, weshalb es sich auch leicht entzündete und brannte. Mit Gottes und der Freunde Hilfe wurde das Feuer bald gelöscht, wir aber von der Feuerschau unaufhörlich ermahnt, das Türmchen mit Blech beschlagen zu lassen, wozu wir uns im Jahre 1852 verstanden … Das Kreuz wurde gleichzeitig vergoldet. Auch ließen wir im gleichen Jahr neue Kirchenstühle und Fenster anfertigen. Dies alles konnte aus den Nachlässen der verstorbenen Superiorin Theresia Unsöld, und der Lehrfrau Aloysia Reiner bezahlt werden.

GLAK H/B-I. V. 4 (1685–1695). Ausschnitt: Bickentor, St. Clara und Vettersammlung.

 

Bickentor und Klosterkirche.

 

Auch eine noch lebende 81jährige Magd, Walburg Heizmann, sparte an sich, um das Gotteshaus verschönern zu können.“

„Daß anfangs des Jahres 1848, den 24. Februar in Frankreich das Königstum gestürzt und eine Republik errichtet wurde, berichtet die Geschichte. Infolge dessen durchwühlte die Revolution Europa… Bürgermeister Stern und Stadtschreiber Schupp wurden hier von den Volksvertretern abgesetzt. Amtmann Blattmann in der Kanzlei verhaftet und von Bürgern mit Schleppsäbeln durch die Stadt ins Gefängnis geführt, wo er streng bewacht, standesrechtlich bedroht, ja einmal von treubrüchigen, hier als Herren sich gebärdenden Soldaten misshandelt wurde14.

Es geschah uns kein Leid, da unser Hausarzt mit Namen Hoffmann, sonst ein guter, aber republikanisch gesinnter Mann, so viel er konnte Exzesse zu verhüten suchte, und sein Wille allhier unumschränkt zu gebieten wusste. Da er als Mitglied der provisorischen Regierung nach Karlsruhe zog, ernannte er einen anderen Bürger namens Willmann, der seine Stelle dahier als Civilkommissär übernahm. Allein der politische Horizont wurde von Tag zu Tag trüber. Der gut bürger- und menschenfreundliche Großherzog Leopold musste fliehen. Fremde und heimische Freischaren zogen im Land umher … Aller Orten mussten die wehrfähigen Männer und Jünglinge unter die Waffen, um den herannahenden Reichstruppen mit den abgefallenen Soldaten zum Kampf entgegen zu treten. Sie wurden geschlagen. Die Sieger zogen vom Unterland herauf allenthalben sich die Städte unterwerfend und die Ordnung wieder herstellend. Auch hier hatte die Aufregung den höchsten Grad erreicht. Das Postbüro wurde von den Demokraten besetzt und ließ keine Nachrichten den Bürgern zukommen. Durch die Versammlungen, die von den Abgeordneten des sich in Donaueschingen aufhaltenden Heeres, die in Villingen stattfanden, waren viele Bürger in Angst und flohen am 5. Juli, obwohl die Nachricht verbreitet wurde, dass die deutschen Reichstruppen schon in Rottweil lagerten. Mit banger Erwartung setzten wir uns zu Tisch, während eine Lehrfrau auf dem Speicher Ausschau hielt und sofort meldete, dass der ganze Bickenberg von Helmen erglänze. Zugleich sprengte ein Parlamentär in die Stadt, um dieselbe zur freiwilligen Übergabe aufzufordern. Die Kanonen wurden gegen die Stadt gerichtet, um sie zu beschießen, falls kein Zeichen der Friedensgesinnung erscheine. Sogleich flatterten weiße Fahnen aus den Fenstern, die aber nicht bemerkt wurden. Eine unserer Frauen hatte den guten Einfall, eine große weiße Fahne auf das Kirchtürmchen zu setzen. Diese Fahne wurde wahrgenommen und daraufhin die Stadt gerettet, die man gerade beschießen wollte. Ein endloses Heer von Truppen aller Waffengattungen Bayern, Preußen, Württembergern, Rhein- und Kurhessen Mecklenburgern etc. zogen mit ihren Geschützen durch das Bickentor am 6. Juli 1849 und besetzten die Stadt. Alle Häuser wurden mit Einquartierungen angefüllt. In unserem Kloster hatten wir zusammen circa 200 Mann.“

„Trotz der vielen Unkosten konnten wir manches im Haus verbessern. Das Speisezimmer der Pensionärinnen, das Backhaus, der gedeckte Gang wurde 1851 renoviert und 1852 neue Straßenmauern in den Garten gebaut, die Schanz erneuert und zugleich der Hof verschönert. Seit 1 ? Jahren wurde Kaffee für die Frauen vom Haus angeschafft15. Jedes Jahr nehmen wir einige arme Mädchen in unser Pensionat auf, das fast 50 Zöglinge zählt. Von den Mitgliederinnen unserer Gemeinschaft unterrichten 5 Frauen und 3 Kandidatinnen in 6 Klassen der Stadtschule den Elementarunterricht bei 300 Mädchen. Im Pensionat sind 4 Lehrfrauen mit der deutschen und französischen Sprache, feinen Handarbeiten und Musikunterricht beschäftigt. Die Laienschwestern besorgen mit einer Frau die Küche, Bäckerei, Pforte, Gärten, Hauswesen, die Ökonomie mit 2 Knechten und 5 Mägden. Wir empfehlen alle der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der glorreichen Himmelskönigin Maria zu Obhut und Schutz mit unserem ganzen Gotteshaus und allen nachkommenden Bewohnerinnen. Amen, Amen.“

In den Tagebucheintragungen der Jahre 1850–1866 befasste sich die Superiorin mit klösterlichen und städtischen Problemen, sowie mit der politischen Lage. „Durch die schlechte Ernte 1853 trat eine Verarmung in der Stadt auf. von der man in früherer Zeit keine Vorstellung hatte. Viele Kinder mussten betteln gehen und um die Not etwas zu mildern, verteilte das Institut jeden Tag an Familien Suppen. Daneben versorgten die Institutsfrauen jeden Tag 180–190 Kinder mit einer warmen Mahlzeit.“

Xaveria Ditz schrieb am letzten Tag des Jahres 1853, dass der Kirchenstreit eine düstere Stimmung verbreite. Ein Jahr später 1854 wurde der Freiburger Erzbischof Hermann von Vicari wegen eines Zerwürfnisses mit der Regierung in Haft genommen.

„Wie säumst Du Herr so lange die Deinen zu befrein, und der gerechten Sache den Segen zu verleihn“.

Konventsuhr in Sankt Ursula.

 

Nachdem das Institut im Jahr 1855 das Gebäude der ehemaligen Vettersammlung für 1970 fl. gekauft hatte, boten es die Lehrfrauen der Stadt zum Bau einer neuen Mädchenschule an, da die bisherigen, im Institutsgelände befindlichen Schulzimmer den gesundheitlichen und sanitären Anforderungen nicht mehr entsprachen. Die Staats- und Sanitätsbehörde war für den Neubau, auch die Stadt erkannte die Notwendigkeit. Doch bestand die Meinung, dass die Institutsfrauen die Verpflichtung hätten, den gesamten Bau zu bezahlen. Obwohl im Jahr 1856 verfügt wurde, dass der Schulbau eine Angelegenheit der Stadt sei. Diese kaufte dann 1858 das Nachbarhaus der Vettersammlung

Durch die Angst vor einem Krieg wurde der Neubau zurückgestellt und konnte erst 1860 begonnen werden. Xaveria Ditz schrieb: „… ich habe viel Sorgen, Mühe und Verdruß durchgemacht und werde noch manche Unannehmlichkeit hinzunehmen haben …“

Das Institut hatte ohne jede Verpflichtung über 2960 fl. zum Vorteil der Stadt am Schulbau bezahlt. Die Lehrfrauen bezahlten am Ende zum Schulbau 3200 fl., ohne die Umlagen, die jährlich zu entrichten waren.

Die Superiorin erhielt auf Anfrage bei der Stadt die Genehmigung, den städtischen Graben hinter dem Kloster (heute Klosterring) als Eigentum des Hauses zu nutzen. Sie ließ den Sumpf austrocknen und es wurde mit viel Aufwand auf Kosten des Klosters ein Garten angelegt.

Als 1858 in Villingen die badische Schwarzwälder Industrieausstellung stattfand, wurde diese von der Großherzoglichen Familie besucht. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Besichtigung des Instituts vorgenommen, wie Xaveria Ditz in ihrem Tagebuch aufzeichnete. Die Familie des Großherzogs nahm immer regen Anteil an den Leistungen der Schülerinnen, vor allem die Großherzogin zeigte sich sehr interessiert. Durch die Aufgeschlossenheit und Klugheit der Vorsteherin konnte der Kontakt zum Großherzoglichen Haus vertieft werden. Zahlreiche Geschenke, wie z.B. ein hölzernes Kruzifix 1859 und später, 1899, im Todesjahr von Xaveria Ditz, ein Kaffeeservice, zeugen von der Wertschätzung des Lehrinstituts Sankt Ursula und seiner Oberin. Die Superiorin ließ für die alte, auf Eisen gemalte Konventuhr ein Schild malen, das vom Hofmaler Dürr nach den Vorlagen von Xaveria Ditz ausgeführt wurde.

Drei Heilige waren für das Institut von großer bedeutung: Die heilige Klara, der heilige Dominikus und die gottselige Anne de Xainctonge16. Diese Uhr ziert noch heute den Konvent der Ursulinen.

Neben vielen politischen Eintragungen berichtete sie auch über den Kauf des „alten Bären“ im Jahr 1859. Das Institut erwarb den an den Schanzgraben anstoßenden „alten Bären“ für 1600 fl., teils zur Benutzung des Kellers und des Holzschopfes und teils um den Garten „weniger geniert“ benutzen zu können.

Das Grabmal Ursula Haiders wurde renoviert und eine Station am Stationenweg errichtet.

Die Tagebuchaufzeichnungen beziehen sich auch auf die Ereignisse der Stadt. So wird vom neuen Hochaltar (1862) im Münster berichtet, der von Metz bei Saulgau ausgeführt wurde. Auch drei Chorfenster mit Glasmalereien wurden im selben Jahr angefertigt. „…im Oktober 1863 wurde die lang geplante Trockenlegung der Stadt mittels Tieferlegung und Überwölbung der offenen Kanäle und die Herstellung einiger Feuerdohlen, sowie der Abbruch der noch vorhandenen Festungswälle in Angriff genommen…“ Doch erst 1866 genehmigte der Bürgerausschuss die Geldmittel zur neuen Brunnenleitung und Trockenlegung der Stadt.

Am 9. 12. 1864 fand eine Volkszählung in Villingen statt: 4447 Personen, davon 4126 katholisch, 319 evangelisch.

„Noch sind die Fragen ungelöst, die auf Entscheidung dringen, noch sind die Sorgen nicht entwirrt, die unser Herz umschlingen“.

Der Hochwächterposten auf dem Münsterturm wurde abgeschafft und deshalb die Nachtwache und Kontrollen verschärft.

„Trotz politischer Probleme ging der Schulunterricht weiter und es fand eine Schulprüfung am 19. 10. 1866 statt, wobei Lesen, Sprachunterricht, Zergliedern eines Lesestücks, die Beugung der Haupt- und Eigenschaftswörter geprüft wurden.

Auf gute Betonung der Lesestücke in Prosa und Poesie wurde bei den Kindern Wert gelegt. Rechenaufgaben wurden schriftlich gestellt und Schönschreiben sehr beachtet. Die Schulbehörde war mit den Leistungen der Prüflinge sehr zufrieden.“

Als im Jahr 1868 in Baden die Simultanschule fakultativ eingeführt und ab 1876 obligatorisch wurde17, verloren viele Institute die Möglichkeit, katholischen Mädchen Unterricht zu erteilen. Durch kluge Überlegung und dann Entscheidungen der Superiorin Xaveria Ditz und ihres Rates konnte das Lehrinstitut der Ursulinen in Villingen weitergeführt werden, im Gegensatz zu dem Freiburger Institut, wo die Ursulinen eine Auflösung ihres Instituts vorzogen. Da in Villingen seit vielen Jahren die wenigen evangelischen Mädchen aus Nordstetten von den Lehrfrauen unterrichtet wurden, war die Einführung der Simultanschule für die Ursulinen kein Problem18, sie wurde in der Mädchenschule Villingens schon vor dem Gesetz praktiziert.

Im September 1874 hatte der Gemeinderat der Stadt die Absicht, den Bickenturm abreißen zu lassen, „… sowohl im Interesse des Verkehrs als der mutmaßlichen Verschönerung hiesiger Stadt …“, wurde die Superiorin wegen des daraus resultierenden Teilabrisses der Klosterkirche von der Stadtverwaltung informiert und um Stellungnahme gebeten19. Sie selbst ließ die Entscheidung eines Umbaus der Klosterkirche, im Fall eines Abbruchs des Bickentorturms, offen (6. 10. 1874). Der Gemeinderat drängte auf schnelle Entscheidung des Instituts, da er den Abbruch des Bickentorturms vorantreiben wollte, und bot dem Institut zum Wiederaufbau der Kirche das Material an, das durch den Abriss des Tors anfallen würde. Erst ca. sechs Monate später wurde der Kontakt zwischen dem Stadtrat und dem Institut wieder aufgenommen. Im April 1875 schrieb Xaveria Ditz an den Gemeinderat: „… daß das Institut nicht abgeneigt ist, den an das Bickenthor anstoßenden Flügel (der Kirche) beseitigen zu lassen …“ Sie wies darauf hin, dass der Neubau der Kirche von der Genehmigung des Großherzoglichen Verwaltungshofes abhinge. Außerdem „… in Berücksichtigung, dass der Gottesdienst in der Institutskirche, insbesondere an Sonn- und Feiertagen, von sehr vielen dahiesigen Einwohnern besucht würde …“, verlangte Xaveria Ditz vom Gemeinderat folgende Zusage:

a) „daß dem Institute der zum Neubau der Kirche nöthige städtische Grund und Boden gegen Abtretung des sich durch den Abbruch des Kirchenflügels ergebende Terrain überlassen werde“,

b) „daß außer den dem Institute bereits vom löblichen Gemeinderath unentgeldlich zugesagten sämtlichen Materialien, welche sich durch den Abbruch des Bickenthorturmes ergeben soweit sie erforderlich“,

c) „auch das zu dem neuen Dachstuhl der Kirche erforderliche Holz Seitens der Stadtgemeinde dem Institute unentgeldlich abgegeben wird“.

Bereits am 1. 5. 1875 äußerte sich der Gemeinderat dahingehend, dass die ersten beiden Punkte genehmigt werden könnten, jedoch Punkt c) nicht in der erwünschten Weise entsprochen werden könne. Erst wenn der Kostenvoranschlag des Dachstuhls vorhanden sei, könne evtl. „… hiernach einen etwaigen Geldbetrag geleistet werden …“ Damit blieb die Zahlung des Dachstuhls hauptsächlich dem Institut überlassen20.

Doch schon im selben Jahr war der Gemeinderat bereit, das Holz für den Dachstuhl „…von dem Holzbestand der Allmend …“ abzugeben21. Auch wurde dem Institut mitgeteilt, dass der Abriss des Bickenturms auf März 1876 angesetzt wurde. Weder aus dem Schriftverkehr noch aus den Ratsprotokollen ist zu entnehmen, aus welchen Gründen der Abriss des Bickenturms unterblieb. Doch in den Jahren 1887 und 189922 kam die Diskussion erneut auf. Die Risse am Turm sollten ausgebessert werden, jedoch „… mit dem Verputz des Turmes sei vorerst Umgang zu nehmen …“, und der Turm müsse gelegentlich kontrolliert werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde noch immer ein Abbruch des Turms in Erwägung gezogen. Aber es ist anzunehmen, dass das Projekt die finanziellen Möglichkeiten der Stadt überforderte und die ehrgeizigen Pläne einer „Stadt ohne Tore“ konnten nicht verwirklicht werden.

Es war eine schwere Zeit, die Xaveria Ditz mit Mut und Überlegung bewältigte. Fast 50 Jahre war sie Vorsteherin des Instituts und es gelang ihr, trotz aller Schwierigkeiten, die Erziehungsideale ihrer Ordensgründerin weiterzugeben. Auch konnte das Lehrinstitut, dank der guten Beziehungen zum Großherzog, die harten Zeiten überstehen. Xaveria Ditz war eine der bedeutendsten Superiorinnen der Villinger Ursulinen. Sie starb hochbetagt 1899, betrauert von ihren Mitschwestern, wie der Eintrag im Nekrologium beweist: „… sie war ein Vorbild in allen Tugenden …“ „Nihil igitur casu fit in mundo“23

Quellen

A.B. = Bickenkloster SAVS = Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Anmerkungen

1 A.B. BB 23d.

2 „Nachdem sich Aloysia Ditz, Candidatin in dem weiblichen Lehrinstitut zu Villingen über ihre Armuth und ihre Würdigkeit einer Unterstützung ausgewiesen hat, so haben wir beschlossen, derselben aus der gräflichen „Wolfeggischen Stiftung“ dahier eine Ausstattung von vier hundert Gulden in zwey Terminen zahlbar zukommen zu lassen… 27.1.1826 Bischöfl. General Vicariat. Der Bistumsverweser Wessenberg“.

3 A.B. SU X I. Unter dieser Signatur befindet sich die Korrespondenz zwischen der Institutsvorsteherin und dem Großherzogl.. Bad. Direktorium des Seekreises Konstanz.

4 Kleindeutsch = die Idee des 19. Jahrhunderts, in der ein deutsches Reich ohne Österreich durch den Zusammenschluss der deutschen Staaten unter der Führung Preußens angestrebt wurde.

5 Lill; Rudolf: Vorstufen des Kulturkampfes Österreich, Bayern, Baden und die Schweiz. In: Die Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Liberalismus. In: Handbuch der Kirchengeschichte, Bd. VI/1, hrsg. Hubert Jedin. Freiburg 1971/1985: Herder, S. 732f.

6 SAVS Best. 2,1 Nr. EE 34.

7 Regulativ (BadRegBl. 25/1811). Die eigentliche Säkularisationsepoche in Baden fand damit ihren Abschluss. Vgl. Schmid Hermann: Die Säkularisation der Klöster in Baden 1802–1811 (Diss.) Überlingen 1980.

8 Die Novizinnen wurden nun Präparandinnen und Kandidatinnen genannt und das Amt der Novizen-Meisterin musste aufgegeben werden.

9 Es war den Lehrerinnen und Kandidatinnen ausdrücklich untersagt von der neuen Ordnung abzuweichen. Vgl. „Regulativ für die katholischen weiblichen Lehr- und Erziehungs-Institute des Großherzogthums“, Karlsruhe 1811.

10 Hug, Wolfgang: Geschichte Badens, Stuttgart 1992, S. 226f. Vgl. Braun, Karl-Heinz: Die Gründung der Erzdiözese Freiburg und die Klosterfrage im 19. Jahrhundert. In: Wo Gott die Mitte ist. Hrsg. Theodor Hogg/Bernd Mathias Kremer. Lindenberg/Beuron 2002: Fink-Verlag und Beuroner Kunstverlag S. 87.

11 A.B. BB 23 d1.

12 Anmerkung: Vermutlich befand sich die Wohnung im Bickentor Erker (Vortor), der 1868 abgerissen wurde. Freundlicher Hinweis von Herrn Werner Huger. Vgl. „Tagebuch des Abt Michael Gaisser der Benediktinerabtei St. Georg zu Villingen“. Machenschriflicher Auszug des Stadtarchivs Villingen, Bd. 1. S. 321. Abt Gaisser: „… der Bau dazwischen, wo sich auch das andere Tor und die Torwächterwohnung befand …“ St. Johannisturm = Bickentor.

13 Das Gasthaus Adler existierte von 1308–1927, Wirtshaus und Herberge. Vgl. Eugen Bode/Bertram Jenisch: Villinger Gasthäuser bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XVI, 1991/92.

14 Damals regierte ein badischer Oberamtmann die Stadt. Seit vielen Jahrhunderten wurden die Bürger von einem Schultheiss, Bürgermeister und Rat verwaltet, so dass die Umstellung auf einen in der Stadt unerfahrenen Mann bei einem großen Teil der Bevölkerung Missfallen erregte. (Vgl. Paul Revellio: Die Revolution der Jahre 1848 und 1849. Villingen-Schwenningen 1999: Revellio, S. 43.

15 Die Inventarliste von 1782 der Dominikanerinnen (Vettersammlung) beinhaltet auch Kaffeekannen, so dass angenommen werden kann, dass die Dominikanerinnen, früher als die Klarissen und Ursulinen, den Kaffee kannten.

16 St. Klara wurde für die Klarissen, St. Dominikus für die Dominikanerinnen (Vettersammlung), Anne de Xainctonge für die Ursulinen auf der Konventuhr dargestellt.

17 Müller, Wolfgang: Baden. In: LThK. Bd. 1, Freiburg 1957: Herder, Sp. 1184f.

18 Heinrich, Helmut: 200 Jahre „St. Ursula“ in Villingen, der Lehrorden und seine Schulgeschichte. In: 200 Jahre Kloster St. Ursula Villingen. Villingen-Schwenningen 1982: Todt-Verlag, S.41 f.

19 SAVS, Best. 2 .16 Nr. 942.47.

20 SAVS, Best. 2.16 Nr. 942. 47.

21 Vgl. Rodewaldt, Ulrich: Das Leben im alten Villingen, Bd. II, darin: Alte Ratsprotokolle. Jahrbuch des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. VS-Villingen: Schnurr-Druck 1990, S. 73.

22 SAVS Best. 2. 16 Nr.942.47.

23 „Nichts geschieht in der Welt durch Zufall“ (Augustinus, De Questionibus 24).

Abkürzungen

GLAK = Generallandesarchiv, Karlsruhe.

LThK = Lexikon für Theologie und Kirche.

Bildnachweis

Alrun Ebding, Generallandesarchiv Karlsruhe (besitzt die Rechte der Veröffentlichungen und Vervielfältigungen), Kloster St. Ursula.